Josef Ortscheid SJ

P. Josef Ortscheid SJ
* 1. Juni 1922   † 15. September 2006
Eintritt 1948 - Priesterweihe 1957 - Letzte Gelübde 1976

"Wir werden auf Gott zufliegen, wie Mücken ins Feuer." Diese Antwort gab P. Josef Ortscheid einmal, als er gefragt wurde, was nach dem Tod geschehen werde. Sie ist auf einer Kerze festgehalten, die zwischen unserer Kapelle und Josefs Zimmer während der Gottesdienste brennt. Doch bevor Josef eine solch originelle Aussage machen konnte, bedurfte es jahrzehntelanger, vielfältiger Erfahrungen.

Josef Ortscheid wurde am 1. Juni 1922 in Obkas, Krs. Zempelburg, geboren. Sein Vater Paul, ein gebürtiger Danziger, war dort Lehrer für die Deutschen, die durch den Versailler Vertrag zu Polen gekommen waren. Seine Mutter Stanislawa, geb. Trzos, stammte aus Groß Schliewitz/Westpreußen. Josef, als Ältester, wuchs mit vier Schwestern und einem Bruder auf. 1930 siedelte die Familie in die Freie Stadt Danzig um. In Neukirch, Krs. Großes Werder, besuchte er die Volksschule und später das Städtische Gymnasium in Danzig. 1941 beschloss er die Schulzeit mit dem Abitur.

Im selben Jahr wurde Josef zur Wehrmacht einberufen. Die Ausbildung erfolgte bei einer Flak-Einheit in Berlin-Lankwitz und auf einer Waffenschule in Halle/Saale am Funkmessgerät. Im Mai 1942 wurde er zu einer Flak-Batterie in Kalamaki bei Athen abkommandiert und zwei Jahre später nach Belgrad verlegt. Im Oktober 1944 begann der Rückzug in Richtung Ungarn und Österreich. Zwischen Linz und Passau geriet Josef in amerikanische Gefangenschaft. Die Amerikaner übergaben ihn den Franzosen, und die brachten ihn nach Frankreich. Drei Jahre arbeitete er in Coulombiers (nahe Poitiers) bei einem Bauern. Die Behandlung war gut, wenn auch distanziert. Am 12. September 1948 wurde er entlassen. Josef begab sich nach Neumünster/Holstein, wo sich inzwischen die ganze Familie versammelt hatte – auch der lange vermisste Bruder und die nach Sibirien verschleppten Schwestern.

Josef hatte während der Gefangenschaft P. von Tattenbach und P. Simmel kennengelernt. Letzterer hatte ihm als Lagerpfarrer die Tagebuchaufzeichnungen von P. Delp besorgt. So wuchs in Josef der Wunsch, Jesuit zu werden. Er setzte sich von Neumünster aus mit P. Boegner, dem Provinzial der Ostdeutschen Provinz, in Verbindung. Dieser verwies ihn an P. Pies in Pullach; und so kam es, dass Josef am 30. Oktober 1948 ins Noviziat eintreten konnte. Nach Krieg und Gefangenschaft tat sich ihm eine neue Welt auf. Der rasche Übergang machte ihm anfangs sehr zu schaffen. Der Geduld und Güte von P. Pies verdankte er unendlich viel. Ein anderer hätte ihn wohl weggeschickt, vermutete Josef.

Im Herbst 1950 begann das Philosophiestudium in Pullach. Kurz darauf, am 1. November 1950, durfte Josef die ersten Gelübde ablegen, es war der Tag der Verkündigung des Dogmas von der Aufnahme Mariens in den Himmel. Doch dann folgte ein Ereignis, das er zunächst nur als Katastrophe ansehen konnte: der Unfall am Bahnübergang in der Nähe von Herrsching, der 16 Scholastikern das Leben kostete. Josef gehörte zwar zu den Überlebenden, war aber schwer verletzt. Man kann sich vorstellen, wie ihm zu zumute war, als er langsam zu Bewußtsein kam und allmählich begriff, was geschehen war – vor allem, wenn er nach diesem oder jenem Mitbruder fragte und meistens die Antwort "tot" erhielt.

Er erfuhr aber auch Ermutigung und Hilfen für eine ganz neue Sicht; so etwa durch den Rektor von Pullach, P. Restel, der die Verletzten im Seefelder Krankenhaus täglich besuchte, oder durch seinen Vater, der ihm vor einer der drei Nachoperationen schrieb: "Mit der Zeit wirst Du lernen, dass auch das (der Unfall und die Folgen) Aufmerksamkeiten des lieben Gottes sind." Als Kriegsversehrter von 1914-18 wusste er, was er sagte. Josef hat am 50. Jahrestag des Unfalls in einer Predigt gesagt: "Wie Recht hatte er doch! Jahre später begann ich zu verstehen und bin bis heute damit noch lange nicht am Ende." Jedenfalls gewährten ihm die immer wieder notwendig werdenden Krankenhausaufenthalte Krieg, Gefangenschaft und Unfall einigermaßen zu verarbeiten. Später konnte er sagen: "Alles ist Gnade!".

Nach Abschluss der Philosophie zog Josef im Oktober 1954 nach Frankfurt, um in St. Georgen Theologie zu studieren. Hier erlebte er eine besondere Fügung. Da der vorgesehene Exerzitienmeister ausfiel, sprang der neu ernannte Spiritual, P. Paul Schütt, ein. Es waren die entscheidenden Exerzitien für Josefs weiteren Weg im Orden. P. Schütt half ihm auch weiterhin in den Studienjahren, vor allem in der Vorbereitung auf das Priestertum. Am 31.Juli 1957 empfing er im Dom zu Frankfurt die Priesterweihe durch den Nuntius Aloys Muench.

Vom September 1958 bis Juli 1959 schloss Josef die Ordensausbildung durch das Tertiat in St. Andrä/Kärnten unter P. Heymeyer ab. Einen Tag später, am 16. Juli 1959, war er bereits in Rom, um seine erste Arbeitsstelle anzutreten: Substitut an der Generalskurie. Diese "römische Zeit" bedeutete ihm in vieler Hinsicht eine große Bereicherung. Am 2. Februar 1960 legte er die Letzten Gelübde am Altar des hl. Ignatius in Gesù in die Hände von P.General Janssens ab. Später erlebte er das II. Vat. Konzil "am Rande" ("wir mussten viele Ansprachen des Papstes übersetzen"), den Tod P. Generals Janssens und die Wahl P. Arrupes.

Am 31. August 1966 kehrte Josef in die Provinz zurück und wurde Socius des Provinzials P. Soballa. Über die ersten beiden Aufgaben lässt sich kaum etwas sagen; fast alles fällt unter Dienstgeheimnis und Diskretion. Josef hat aber viele Erfahrungen mit dem gesamten Orden und den deutschen Provinzen sammeln können und er war bis zum Schluss immer interessiert und gut informiert.

Am Ignatiusfest 1974 wurde er zum Superior in Göttingen ernannt und übernahm zugleich die Krankenhausseelsorge. Das war Neuland für ihn, und der Anfang fiel ihm schwer. Doch in zunehmendem Maße fand er Freude daran. Allerdings zehrte die Arbeit an seinen Kräften, und nach zwei Herzinfarkten musste er abgelöst werden.

Die nächste Station hieß Münster. Hier übernahm er das Amt des Rektors. Er selbst sagt darüber: "Ich sehe diese Aufgabe als Dienst an der Berufung: Den Novizen helfen, in den Beruf hineinzuwachsen, die Tätigen in der Freude der Berufung zu erhalten; den Alten helfen, zufrieden im Beruf zu sterben." Offenbar ist ihm das gelungen. Seinen Weggang von Münster im November 1985 empfanden die Mitbrüder in Haus Sentmaring als herben Verlust.

Mit der nächsten Destination kristallisierte es sich heraus, wo für Josef die Zukunft liegen sollte: nämlich in der Spiritualität. Er wurde Spiritual im Canisiushaus in Köln und half auch im Provinzialat mit. Seine geistlichen Impulse wurden gern angenommen. Ferner gab er zunehmend Exerzitienkurse und Einzelexerzitien. In die Kölner Zeit fällt eine Byepass-Operation im Herzzentrum München am 5. November 1985.

Vom 1. September1989 bis September 1992 war Josef Socius des Novizenmeisters in Münster, danach war er bis zum 30. September 1993 in Münster für die Exerzitienarbeit freigestellt. Zugleich fand er immer mehr Menschen, die sich seiner geistlichen Begleitung anvertrauten. Diese Tätigkeit wurde fortgesetzt und ausgebaut, als er am 1. Oktober 1993 Hausgeistlicher bei den Missionsschwestern vom hl. Namen Mariens im Kloster Nette in Osnabrück-Haste wurde. Fast täglich kamen Menschen zu ihm, die er geduldig anhörte und durch ein aufrichtendes Wort oder einen Rat getröstet und ermutigt entließ. Hier eine Stimme stellvertretend für viele: "Ich vermisse ihn sehr; er war als geistlicher Begleiter wie Johannes, der immer zu IHM hinzeigte und führte. Und es stimmt die Aussage, dass er die Menschen aufheitern konnte: nie ging man traurig oder niedergeschlagen nach einem Gespräch mit ihm nach Hause, im Gegenteil war man gestärkt und neu motiviert…"

Am 3. September 2002 fand er seine letzte Station im Caritas-Altenzentrum Köln-Mühlheim. Auch hier bleibt er der geschätzte Mitbruder, Begleiter und Helfer (Messvertretungen). Am 13. September 2006 unterzog er sich in der Universitätsklinik einer Knie-Operation. Am 15. September 2006 holte ihn der Herr gegen 1 Uhr nachts zu sich.

"… Nun darf er leben in der Geborgenheit der ewigen Liebe Gottes und – ich hoffe – weiterhin unser Berater und Freund sein."

P. Ortscheid wurde auf dem Friedhof Melaten in Köln beigesetzt.

R.i.p.

P. Stefan Siegel SJ

 

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