Wilhelm Hunger SJ

P. Wilhelm Hunger SJ
* 12.10.1911    † 18.08.2005
Ordenseintritt 1931 - Priesterweihe 1940 - Letzte Gelübde 1948

Wilhelm Hunger wurde am 12. Oktober 1911 als zweiter Sohn von Julius und Maria Hunger, geb. Holtmann in Hochheim am Main geboren. Doch seine Wurzeln hatte er väterlicherseits in Niedersachsen (Bockenem) und mütterlicherseits in Westfalen (Beckum). Dieser Mischung verdankte er wohl die Zähigkeit, die ihm Zeit seines Lebens geblieben ist Seiner Familie blieb P. Hunger als Bruder, Schwager, Onkel, Großonkel, Urgroßonkel und auch als Seelsorger immer eng verbunden.

1912 zog Wilhelms Familie von Hochheim zunächst nach Reichenbach (Oberlausitz) und 1914 nach Bonn um. 1916 ließ sich die Familie endgültig in Hamborn nieder. Dort besuchte Wilhelm das Reformrealgymnasium, mit zwei Jahren Unterbrechung, die er beim Großvater in Bockenem zubrachte. Dort in der Diaspora - er war der einzige Katholik in der Klasse – erwachte in ihm der Wunsch zum Priesterberuf. Nach dem Abitur 1930 studierte er zunächst auf Wunsch seiner Eltern zwei Semester Philosophie in München und schloss sich dort einer KV-Verbindung an. 1931 trat er in s’Heerenberg (Holland) in das Noviziat ein. Nach dem Studium der Philosophie in Valkenburg war er zwei Jahre Präfekt im Internat des Jesuitenkollegs in Bad Godesberg und begann 1938 das Studium der Theologie, wiederum in Valkenburg.

Dort erlebte er den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Bereits am 8. September 1939 erhielt er wegen der Gefahr der Einberufung zum Militär die Subdiakonatsweihe und hatte daher, wie er selbst schreibt, "während der ganzen Theologie das damals noch lange Breviergebet zu beten". Am 25. Mai 1940 empfing er im Jesuitenkolleg zu Maastricht die Priesterweihe, während draußen die Kolonnen der deutschen Soldaten zur Flandernschlacht durch die Stadt zogen.

Nach dem Abschluss des Theologiestudiums und einem kurzen seelsorglichen Einsatz in Wesel wurde er im Juli 1942 zum Militär einberufen und als Sanitäter an die Ostfront geschickt. Nach sechs Wochen wurde er krank und kam ins Lazarett nach Wjasma. Dort steckte er sich mit Fleckfieber an und erhielt bei einem Bombenangriff auch noch einen Splitter in den Fuß. Pfingsten 1943 wurde er aus dem Lazarett in Königgrätz und als Jesuit "n.z.v." aus dem aktiven Wehrdienst entlassen.
Die Folgen seiner Kriegsleiden spürte P. Hunger sein Leben lang. Nur unter ständiger homöopathischer Behandlung und mit strenger Diät erreichte er sein hohes Alter.

Nach seiner Entlassung schickte ihn P. Provinzial Flosdorf zum Studium der Alten Geschichte an die Universität Tübingen. Dort erlebte er den Einmarsch der Franzosen, wurde wieder monatelang krank, kam dann nach Stolberg und nach Schloss Schwarzenraben, machte 1946/47 das Terziat in Köln und arbeitete anschließend für ein Jahr als Kaplan und Hausminister in Essen.

Unterdessen machte sich P. Josef Albert Otto SJ daran, in dem halb zerstörten Bonner Jesuitenhaus die 1873 begonnene und von den Nazis 1938 verbotene Zeitschrift "Die katholischen Missionen" (KM) wieder zu begründen. Er bestürmte den Provinzial, ihm einen Mitarbeiter für die Redaktion zu schicken. Der Provinzial meinte, wer in Essen einen Pfarrbrief verfassen könne, der könne auch in einer Zeitschriftenredaktion mitarbeiten. Das war die Stunde von P. Hunger. Nach seinen Letzten Gelübden am 15. August 1948 trat er in die KM-Redaktion ein und blieb fast 50 Jahre lang deren Mitarbeiter, bis sie 1998 aufgelöst wurde.

Es war Tradition in der KM-Redaktion, dass die einzelnen Mitarbeiter ein bestimmtes geographisches Gebiet bearbeiteten. Sie hatten dort die missionarisch-kirchliche Entwicklung zu verfolgen, die Gebiete zu bereisen, Kontakte zu halten und Berichte zu schreiben. P. Hunger erhielt Südost- und Ostasien (außer China) und ganz Ozeanien zugeteilt. Sein Gebiet reichte also von Burma über Indonesien, die Philippinen und Japan bis nach Tahiti. Er schrieb ungezählte Berichte, trockene Länderberichte und lebendige Reiseberichte. Zum geflügelten Wort wurde seine Beschreibung der absoluten Morgenstille auf einer Missionsstation in Thailand, "die durch das Gackern der Hühner nur noch unterstrichen wurde".
Insgesamt machte P. Hunger sieben Reisen in "seine" Gebiete. Er war das weitest gereiste KM-Redaktionsmitglied. Im heißen Tropenklima fühlte er sich wohl, so dass er auch bei fast jeder Reise an einem schönen Ort, z.B. auf einer Insel im Südchinesischen Meer, seine Jahresexerzitien machte. Auch die Institutionen, die er besuchte, profitierten von seinen Reisen. Durch seine besonderen Beziehungen zur Kulturabteilung des Auswärtigen Amtes in Bonn konnte er große Bücherspenden an die Sophia-Universität in Tokyo, das Ateneo in Burma sowie nach Taiwan und Korea vermitteln. Für die Lepraarbeit von P. Luis Ruiz in China fand er Wohltäter in Deutschland.

Trotz des großen Arbeitspensums in der Redaktion war P. Hunger auch ein engagierter Seelsorger. Er hatte feste Beichtzeiten in der Kapelle des Bonner Paulushauses, hörte Schülerbeichten im Aloisiuskolleg in Bad Godesberg, wirkte als Seelsorger mit täglicher Frühmesse im Herz-Jesu-Hospital, gab Einzelexerzitien für junge Leute, die nach einem geistlichen Beruf suchten, und hielt Missionssonntage im Auftrag von MISSIO-Aachen. Auf den Katholikentagen warb er am "Missionsstand" für geistliche Berufe. Seinen Urlaub verbrachte er ab 1962 jahrelang als deutscher Touristenseelsorger an der italienischen Adria, später im Pitztal, wo er noch bis zum Jahr 2000 drei bis vier Wochen im Sommer den Pfarrer von St. Leonhard vertrat und drei Pfarreien zu versorgen hatte.

Durch seine Zuständigkeit für Japan in der KM-Redaktion kam P. Hunger in Kontakt mit P. Enomiya-Lassalle. 1968 nahm er an dessen erstem Zazen-Kurs in Maria Laach teil und behielt die Zen-Gebetsmethode bei. Als P. Lassalle zu einem späteren Kurs in Berlin nicht rechtzeitig kommen konnte, weil er krank geworden war, bat er P. Hunger, ihn zu vertreten. Trotz Bedenken nahm P. Hunger an und wurde so "Zenmeister" für 40 Kursteilnehmer, die bereits mit den Übungen begonnen hatten.

Als das Paulushaus und die KM-Redaktion Anfang 1998 aufgelöst wurden, zog P. Hunger am 20. Februar 1998 ins Haus Sentmaring nach Münster und nach dessen Schließung 2002 in das Seniorenzentrum nach Köln-Mülheim um. Es waren noch stille Jahre bei wachsendem Gedächtnisschwund, den er geduldig und immer freundlich und hilfsbereit ertrug. Er hielt noch Kontakt zu seinen Freunden von früher und freute sich über jeden Besuch. Eine Fernsehsendung zeigt ihn, wie er einen Mitbruder im Rollstuhl in die Kapelle schob. Bei einem Kommunitätsausflug nach Bad Honnef am 27. Juli stürzte er und zog sich einen Oberschenkelhalsbruch zu. Eine Operation am 10. August im Krankenhaus Köln-Holweide schwächte ihn derart, dass er am 18. August 2005, kurz vor Vollendung seines 95. Lebensjahres, starb.

Auf dem Friedhof Melaten in Köln gaben ihm Mitbrüder und Verwandte am 25. August 2005 das letzte Geleit. Kurz vor seinem Tod schrieb er noch an seinen Bruder: "Wir sind in Gottes Hand, und das irdische Leben mündet in das überirdische, leidfreie Leben, so hoffen wir." Diese Hoffnung seines langen Lebens hat sich nun erfüllt.

R.i.p.

P. Ludwig Wiedenmann SJ

Jesuiten/Nachrufe 2005, S. 16 f.