P. Johannes Günter Gerhartz SJ
* 7. November 1926  8. April 2016
Eintritt 1948  Priesterweihe 1958  Letzte Gelübde 1965

Wer immer in den frühen 60er Jahren in Sankt Georgen den jungen Pater Gerhartz erlebt hat, der damals gerade als junger Dozent als Professor für Kirchenrecht an der Hochschule anfing, war fasziniert von seiner sehr prononcierten und akzentuierten Vortragsweise, die ihm den Spitznamen "Doctor patheticus" einbrachte. Seine typische Sprechweise ist wohl jedem im Ohr geblieben, der je mit ihm zu tun hatte. Für mich, der ich dort seit September 1964 Theologie studierte, hatte das jedenfalls den Vorteil, dass ich in seinen Vorlesungen mehr lernte und behielt, als durch das Studium von Skripten.

1967 wurde P. Gerhartz unser Scholastikerminister. Er hatte für das Wohlergehen und die Disziplin von über hundert Jesuitenstudenten aus verschiedenen Ländern zu sorgen. Einerseits konnte er sehr bestimmend und autoritär auftreten, andererseits hat er uns immer als erwachsene Partner behandelt. Eine kleine Begebenheit kann das erhellen: Natürlich hatten wir damals keine Hausschlüssel für das Kolleg. Wer abends unterwegs war, musste sich einen Schlüssel vom Bidell oder vom Scholastkerminister holen. Eines Tages sind wir bei P. Gerhartz vorstellig geworden: "Wir werden keine Namen nennen, aber Sie sollen wissen, dass wenigstens 20 nachgemachte Schlüssel unter den Scholastikern kursieren. Es wird Zeit, dass alle legal einen Schlüssel erhalten." "Wer hat solche Schlüssel?" "Wir nennen keine Namen!" - 14 Tage später erhielten alle Scholastiker einen Hausschlüssel.

Im Jahre 1970 wurden die Philosophisch-Theologische Hochschule St. Georgen und die Theologische Fakultät SJ zusammengelegt. Entsprechend der neuen Satzung wurde P. Gerhartz zum ersten Rektor der Hochschule gewählt. Mit seiner großen Kompetenz hat er dem neu geschaffenen Amt von Anfang an Statur verliehen.

1972 wurde P. Gerhartz aus seiner noch so jungen akademischen Karriere herausgeholt. Er wurde zum Provinzial der Niederdeutschen Provinz SJ ernannt. In diesen Jahren wurde immer deutlicher, dass die Ostdeutsche Provinz durch die Teilung Deutschlands selbst geteilt war. Diese "Teilung" schien am besten durch die Vereinigung von Ostdeutscher und Niederdeutscher Provinz überwunden werden zu können, vor allem pastoral und personell. So wurde die Provinzvereinigung das wichtigste Projekt im Provinzialat von P. Gerhartz.

Einer der ersten Schritte im Blick auf die Provinzzusammenlegung war die Gestaltung eines gemeinsamen Noviziates. P. Georg Hoffmann, der seit 1970 in Berlin Novizenmeister der Ostdeutschen Provinz war, wurde der erste gemeinsame Novizenmeister in Münster. Da er jedoch seine Dozententätigkeit in Berlin nicht aufgeben konnte und sollte, kommen "Erdbeeren in Münster" ins Spiel. Im Frühsommer 1976 war P. Gerhartz zur Visite in Münster. Ich erhielt in Hamburg. wo ich Studentenseelsorger war einen Anruf, sofort zu P Provinzial nach Münster zu kommen. Dort erwartete mich P. Gerhartz mit einer großen Schüssel Erdbeeren, die wir zu zweit bei strahlender Sonne auf der Terrasse verspeisten. So wurde ich zum Novizenmeister destiniert. Man sieht: Er konnte auch weltliche Mittel für geistliche Zwecke einsetzen.

1978 wurde schließlich von P. General die Zusammenlegung der Provinzen verfügt. P. Gerhartz wurde zum ersten Provinzial der neugeschaffenen Norddeutschen Provinz ernannt. Diese Zeit war vor allem für die Mitbrüder der kleineren Ostprovinz und mehr noch für die Mitbrüder in der DDR nicht leicht. Die Provinzialate und die Missionsprokuren mussten zusammengeführt bzw. koordiniert werden, es galt die Kommunitäten mehr zu durchmischen. Das ging nicht ohne Wunden ab. P. Gerhartz hat sich dem mit großer Sachkenntnis, Wertschätzung und Freundlichkeit gewidmet, und hat seine Verantwortung nicht nur genossen, sondern auch vielmals erlitten.

Nach Beendigung seiner Amtszeit als Provinzial machte P. Gerhartz 1981 eine Kur in Freiburg und ging dann für zwei Monate nach Palästina und Israel. Seither hat er immer auch Exerzitien begleitet für Priester, Schwestern und Laien. Anschließend ging er nach St. Georgen, um sich neu einzuarbeiten in seine Professur im Kirchenrecht. Das blieb aber nur eine kurze Episode, denn 1982 wurde er an die Generalskurie in Rom berufen. Bis 1987 war er Regionalassistent für die Deutsche Assistenz, zunächst beim Päpstlichen Delegaten für den Orden, P. Paolo Dezza.

1983 wurde P. Gerhartz als Mitglied der 33. Generalkongregation gewählt. Die Kongregation wählte ihn zum Sekretär. Nach seiner Wahl zum General hat P. Peter-Hans Kolvenbach P. Gerhartz zum "Secretarius Societatis Jesu" bestimmt. Bis 1987 blieb er weiterhin Regionalassistent für die Deutsche Assistenz.

Im Frühjahr 1992 lud mich P. Gerhartz zu einem Essen in eine kleine Trattoria in der Nähe des Vatikans ein. Ich war gerade seit zweieinhalb Jahren Rektor des Collegium Germanicum et Hungaricum. P. General hatte den Alumnen "versprochen", dass der Rektor sechs volle Jahre bleiben würde. P. Gerhartz musste hier wieder weltliche Mittel für geistliche Zwecke einsetzen, nämlich um mir den Gehorsam für meine anstehende Destination zum Provinzial der Norddeutschen Provinz "schmackhaft" zu machen. So wurde dann P. Gerhartz im Herbst 1992 zum neuen Rektor des Collegium Germanicum et Hungaricum ernannt.

An der 34. Generalkongregation 1995 hat P. Gerhartz als gewähltes Mitglied teilgenommen. Da ich als Provinzial dabei war, konnte ich ihn "in seinem Element" erleben. Seine lange Erfahrung als Oberer und als leitender Mitarbeiter in der Leitung des Ordens, nicht zuletzt aber seine tiefe Spiritualität und Frömmigkeit, verliehen ihm eine selbstverständliche Autorität und Kommunikationsfähigkeit, zumal er einen Großteil der anwesenden Mitbrüder kannte. Bei dieser Generalkongregation ist mir bewusst geworden, dass der Heilige Ignatius nicht an erster Stelle von seiner militärischen Vergangenheit, sondern vor allem von seiner Ausbildung und Erfahrung in der Verwaltung (zehn Jahre im Dienst des kastilischen Großschatzmeisters und vier Jahre im Dienst des Herzogs von Najera) zu verstehen ist. Dies prägt die Gesellschaft Jesu seit ihrer Gründung bis in die Praxis unserer Tage. In der Vorgehensweise von P. Gerhartz konnte ich das deutlich erleben.

1998 waren die sechs Jahre seines Rektorates am CGU zu Ende und er kam in die Provinz zurück. Herman Josef Spital, der Bischof von Trier hatte gerade entschieden, das interdiözesane Priesterseminar (für Studenten ohne Abitur) St. Lambert in Lantershofen zu renovieren. Als Regens war der vormalige Spiritual von Trier, Felix Genn, bestimmt. Als Provinzial erhielt ich die Anfrage, ob P. Gerhartz nicht als Spiritual nach St. Lambert kommen könne. Ich fragte Felix Genn, ob er sich vorstellen könne, mit einem "machterfahrenen" Spiritual zusammenzuarbeiten. Ich fragte P. Gerhartz, ob er sich vorstellen könne, mit einen lang erfahrenen Spiritual als Regens zusammenzuarbeiten. Beide sagten "ja", und - oh Wunder! - es ging vorzüglich. Lantershofen blühte auf. Die Studenten haben ihren Spiritual sehr verehrt und geachtet. Die drei Regenten (nach Felix Genn: Stephan Ackermann und Michael Bollig) haben die Klugheit, Diskretion und spirituelle Weite von P. Gerhartz geschätzt.

2006 konnte P. Gerhartz seinen 80. Geburtstag in Lantershofen feiern. Im Jahr darauf ist er nach Aachen versetzt worden, wo er in der von Jesuiten betreuten Pfarrei St. Peter pastorale Dienste tun konnte: Feier der Eucharistie, regelmäßigen Beichtdienst und vor allem geistliche Begleitung. Als die Aachener Niederlassung 2013 aufgehoben wurde, zog P. Gerhartz in das Caritas Altenzentrum St. Josef-Elisabeth in die Altenkommunität der Jesuiten.

Im November 2015 hat P. Gerhartz bei seinem letzten Geburtstag den Mitbrüdern über sich und seinen Lebensweg erzählt:
"Ich verstehe mich als einen, der zweimal geboren wurde. Das erste Mal am 7. November 1926 in Hamburg-Eimsbüttel als drittes Kind meiner Eltern Balthasar Gerhartz und Elisabeth, geb. Lanser. Mein Vater, städtischer Verwaltungsangestellter, stammte aus Köln; die Familie meiner Mutter aus Aachen. So waren beide katholisch; eine Ausnahme im damaligen Hamburg."

Als Gymnasiast wurde er mit seiner Klasse als 16-Jähriger als Luftwaffenhelfer abkommandiert und dann im Juli 1944 eingezogen: Einsatz in Ostpreußen und an verschiedenen Orten in Ungarn, zuletzt im Süden das Plattensees. "Hier wurde ich zum zweiten Mal geboren - sowohl meiner physischen Existenz als auch meiner religiös-geistlichen Lebensausrichtung nach. Es war am frühen Vormittag des 20. März 1945. Wir wurden in eine breite "Front-Lücke" geworfen. Da traf mich der "rettende Schuss"... In dem Moment, in dem ich getroffen wurde, schoss es mir durch den Kopf:
Jetzt kommst du nach Hause; jetzt wirst du Priester (woran ich bislang nicht gedacht hatte)! Das erstaunt mich bis heute. Das gab mir damals innere Ruhe und Gelassenheit."

Zu Hause in Hamburg ging er wieder auf die Schulbank. 1947 schaffte er das Abitur und wurde am 13. April 1948 in das Noviziat aufgenommen. Es folgte von 1948 bis 1950 das Noviziat in Burg Eringerfeld, anschließend 1950/1951 das Juniorat mit Latein-, Griechisch- und Geschichtsstudien in Rottmannshöhe am Starnberger See. Die Philosophie absolvierte er von 1951 bis 1954 im Berchmanskolleg in Pullach bei München. Nach dem Lizenziat kam das Interstiz als Präfekt am AloisiusKolleg in Bad Godesberg. Von 1955 bis 1959 studierte er Theologie in Sankt Georgen. Die Priesterweihe fand statt am 31.7.1958. Bereits 1959/1960 ging es ins Tertiat in Rothfarnhaim bei Dublin, Irland. Es folgte das Studium des kanonischen Rechtes an der Universität Gregoriana, das er 1962 mit dem Lizenziat und 1965 mit dem Doktorat abschloss. Am 15.8.1965 legte er die Letzten Gelübde ab.

Am Ende seines Lebensberichtes sagte P. Gerhartz: "Meine Grundhaltung habe ich mir irgendwann einmal bewusst gemacht als Vertrauen in Gottes Barmherzigkeit und erwartungsvolle Zukunfts-Hoffnung, ausgedrückt in dem Gebet: "Deine Barmherzigkeit, o Gott, ist meine Hoffnung". So lebe ich in großer, ja staunender Dankbarkeit gegenüber Gott, der in Jesus Christus "mich geliebt und sich für mich hingegeben hat" (Gal 2,20).

P. Gerhartz liegt begraben auf dem Melaten-Friedhof in Köln.

R.i.p.

Götz Werner SJ

Jesuiten-Nachrufe 2016, S. 12-14