Der Biesdorfer Jesuitenprozess 1958 {1}
Von Clemens Brodkorb

    aus Jahrbuch für mitteldeutsche Kirchen- und Ordensgeschichte, 7. Jahrgang 2011, S. 125-170, Herausgegeben von Clemens Brodkorb und Peter Häger, Verlag F.W. Cordier Heiligenstadt

 

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Zur Quellenlage

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Die Ereignisse von 1958

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Interventionen

148

Der Prozess in Frankfurt/Oder

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Das weitere Schicksal der Verurteilten

160

Wirkungsgeschichte des Prozesses

164

Ein exemplarischer Prozess

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Rehabilitation

Abk

Abkürzungen

Reg

Namensregister

Link zur Variante: Anmerkungen am Ende des Textes

 

 

Nach zweitägiger Verhandlung fand am vergangenen Sonnabend vor dem Ersten Strafsenat des Bezirksgerichtes Frankfurt (Oder) ein Prozess seinen Abschluss, in dem offenkundig wurde, dass die Spionagezentralen des Westberliner Agentensumpfes ihre Wühltätigkeit gegen die Deutsche Demokratische Republik unter Missbrauch kirchlicher Institutionen und mit aktiver Unterstützung durch Ordensmitglieder der katholischen Kirche ausüben - so das Parteiorgan der SED Neues Deutschland am 23. Dezember 1958. ... Der Prozess stellte erneut unter Beweis, dass die westdeutschen Spionage- und Geheimdienste für die psychologische Kriegführung der NATO auch kirchliche Einrichtungen und die religiöse Bindung von Bürgern unseres Staates mit voller Unterstützung von Vertretern des politischen Klerikalismus missbrauchen. {2}

Was hatte es mit diesem Prozess auf sich? Wir erleben gerade eine Zeit, in der nicht nur in so genannten Nostalgieshows zunehmend eine Verklärung der DDR-Vergangenheit einsetzt, in der alte SED-Kader in die bundesdeutschen Landesparlamente und -Regierungen einrücken, erklärte Stasi-Mitarbeiter am Kabinettstisch sitzen, Bundestagsabgeordnete über Wege zum Kommunismus sinnieren und Mauer- und Stacheldraht ebenso wie Stasi-Überwachung und Schießbefehl bestenfalls noch als Kollateralschäden gelten. Angesichts dessen erscheint es um so wichtiger, immer wieder - auch nur punktuell - quellengestützt und historisch-kritisch den wahren Charakter des SED-Regimes zu beleuchten, sich um die Rekonstruktion der Hintergründe und Abgründe, Mittel und Methoden der kommunistischen Machthaber zu bemühen. Der Kirchen- und Ordensgeschichte kommt dabei die Aufgabe zu, dies am Verhältnis von Kirche und DDR-Staat zu exemplifizieren.

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{1} Im Folgenden verwendete Abkürzungen: ADCV = Archiv des Deutschen Caritasverbandes e. V. (Außenstelle Berlin). - AdPr = Aus der [Nieder-/Norddeutschen] Provinz SJ [ordensinternes Mitteilungsblatt, in: ADPSJ, Abt. 73 Bd 4b]. - ADPSJ = Archiv der Deutschen Provinz der Jesuiten. - AEK = Historisches Archiv des Erzbistums Köln. - ARSI = Archivum Romanum Societatis Iesu. - BArch = Bundesarchiv. - BOK = Berliner Ordinarienkonferenz. - BStU = (Archiv der) Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR. - DAB = Diözesanarchiv Berlin. - DDR = Deutsche Demokratische Republik. - FDJ = Freie Deutsche Jugend. - GmbH = Gesellschaft mit beschränkter Haftung. - JN = Jesuiten-Nachrufe [Ordensinternes Blatt mit Nachrufen aus der Deutschen, der Österreichischen und der Schweizer Provinz, in: ADPSJ, Abt. 73 Bd 4cc]. - KNA = Katholische Nachrichten-Agentur. - Krs. = Kreis. - MfS = Ministerium für Staatssicherheit. - Ms. = Manuskript. - NATO = North Atlantic Treaty Organization. - o. J. = ohne Jahr. - o. O. = ohne Ort. - P. = Pater. - Rundbrief GO = Ostdeutsche Provinz SJ. Rundbrief [ordensinternes Mitteilungsblatt, in: ADPSJ, Abt. 74 Gfa]. - SBZ = Sowjetische Besatzungszone. - SED = Sozialistische Einheitspartei Deutschlands. - SJ = Societas Jesu - Gesellschaft Jesu/Jesuiten. - Stasi = Staatssicherheitsdienst (vgl. MfS).

{2} Neues Deutschland, Nr. 307 (23. Dez. 1958), hier nach: AEK CR II, 18.15.2.

 


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Pater Robert Frater SJ (1915-1987)
ADPSJ, Abt. 62, Nr. 1168.


Pater Joseph Menzel SJ (1916-2006)
ADPSJ, Abt. 80, Nr. 2340.

Dies soll im Folgenden anhand der Ereignisse um die Verhaftung und Verurteilung von vier Jesuiten in einem politischen Schauprozess versucht werden. Die fraglichen Ereignisse spielen im Jahr 1958, also in einer Zeit, da sich die staatliche Kirchenpolitik - nach anfänglichen Bemühungen um eine Beteiligung der Kirchen am Aufbau des gesellschaftlichen Lebens in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) - bald radikaler und nicht selten im Widerspruch zu den geltenden Gesetzen gestaltete. Der Kirchenkampf strebte damals einem gewissen Höhepunkt entgegen, ehe die Auseinandersetzungen nach dem Mauerbau 1961 dann eher subtiler geführt wurden, beispielsweise durch gesellschaftliche oder berufliche Zurücksetzung praktizierender Christen. Die Verhaftung und Verurteilung der Jesuitenpatres Robert Frater {3},

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{3} Robert Frater SJ (1915-1987), aus Klauburg (Schlesien), 1935 und 1936 wegen der Unterbrechung durch den Reichsarbeitsdienst zweimal Eintritt ins Noviziat der Ostdeutschen Provinz der Gesellschaft Jesu in Mittelsteine (Niederschlesien), 1938 Philosophiestudium in Pullach, 1939 Einzug zur Wehrmacht, Teilnahme am Frankreich-, dann am Russlandfeldzug mit einer schweren Verwundung (Kopfschuss), 1941 Entlassung aus dem aktiven Wehrdienst, 1945 Priesterweihe durch Adolf Kardinal Bertram auf Schloss Jauernig, Abschluss des Studiums in Pullach und Terziat, 1949 Kaplan in Berlin-Biesdorf, wo er zunächst für Jugend, Krankenhaus, Altenheim und Konvertitenunterricht zuständig war; 1950 Letzte Gelübde; übernahm zunehmend auch Einkehrtage und Aushilfen in der mitteldeutschen Diaspora; vor allem seine Exerzitienarbeit seit 1950 führte dazu, dass er in der gesamten Ostzone viel unterwegs war; 1958 verhaftet und zu vierJahren und vier Monaten Zuchthaus verurteilt, 1961 Haftaussetzung wegen schwerer Erkrankung; der Mauerbau entzog ihn 1961, in einem Westberliner Krankenhaus liegend, dem Zugriff der DDR-Behörden; auf Geheiß von Julius Kardinal Döpfner nach Westdeutschland ausgeflogen, wo er seitdem von Nürnberg aus eine vielfältige Exerzitienarbeit im gesamten deutschen Sprachraum entfaltete; gestorben in Nürnberg und auf dem Ordensfriedhof Pullach (München) beigesetzt. - Vgl. Nachruf in: AdPr 3/1987, S. 63 f.

 


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Joseph Menzel {4}, Wilhelm Rueter {5} und Joseph Müldner {6} waren als drakonische Abschreckung inszeniert und verfehlten ihre einschüchternde Wirkung in der Kirche nicht, wie das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) durch nachfolgende Abhöraktionen für die Auswertung des Jesuitenprozesses herausfinden konnte. Die öffentliche negative Wirkung in Berlin und Westdeutschland nahm die DDR dabei bewusst in Kauf.

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{4} Joseph Menzel SJ (1916-2006), aus Hindenburg (Oberschlesien), 1936 Eintritt in die Ostdeutsche Provinz der Gesellschaft Jesu in Mittelsteine (Niederschlesien), dort Noviziat, unterbrochen durch den Reichsarbeitsdienst, Philosophiestudium in Pullach mit Unterbrechung nach dem ersten Jahr wegen des Einzugs zur Wehrmacht im Sommer 1939 bis zur Entlassung aus dem aktiven Wehrdienst Ende 1941, 1943-1944 Theologiestudium in Wien und 1944-1945 privat bei Mitbrüdern in Neisse, 1945 Priesterweihe auf Schloss Jauernig durch Adolf Kardinal Bertram, nach der Ausweisung aus Schlesien Abschluss des Theologiestudiums am Russicum in Rom, für das er schon 1938 gemeldet worden war; 1948-1949 Terziat in Münster, anschließend in Berlin und auf dem Jakobsberg bei Ockenheim tätig; 1954 Letzte Gelübde; danach in Magdeburg und von dort aus in der ganzen DDR im Rahmen einer ausgedehnten Film- und Dia-Arbeit unterwegs; 1958 in Biesdorf verhaftet, saß er nach Untersuchungshaft und Prozess bis 1960 seine Gefängnisstrafe in Bautzen ab, ehe er durch eine Amnestie anlässlich des Todes von DDR-Präsident Pieck frei kam; danach wieder in Magdeburg; 1979-1984 Pfarrer im Ostseebad Kühlungsborn, seit 1984 von Dreilützow aus in der Seelsorge im Pfarrverband Wittenburg in Mecklenburg tätig; 2001 Umzug ins Altenheim des Ordens nach Berlin-Kladow, dort gestorben und auf dem Domfriedhof St. Hedwig, Berlin-Reinickendorf, beigesetzt. - Vgl. Nachruf in: JN 2006, S. 26-29.

{5} Wilhelm Rueter SJ (1911-1987), aus Berlin-Friedenau, 1930 Eintritt ins Noviziat der Ost-deutschen Provinz der Gesellschaft Jesu in Mittelsteine (Niederschlesien), 1933-1936 Philosophiestudium im Ignatiuskolleg Valkenburg (Niederlande), anschließend einjähriges Interstiz am Jesuitenkolleg im böhmischen Mariaschein, seit 1937 Theologiestudium in Frankfurt/Sankt Georgen, 1940 Priesterweihe durch Bischof Konrad von Preysing in Berlin, Einzug zur Wehrmacht und Teilnahme am Russlandfeldzug, dann Entlassung aus dem aktiven Wehrdienst und 1942-1943 private Fortsetzung seiner theologischen Studien, 1943-1945 in der Seelsorge in Breslau, 1945 in Senftenberg und 1945-1947 als Kaplan in Berlin sowie 1948-1956 als Pfarrvikar in Oebisfelde tätig; dazwischen 1947-1948 Terziat, 1949 Letzte Gelübde; 1956-1958 als Kaplan in Dresden-Strehlen, seit 1958 als Kuratus in Berlin-Biesdorf; 1958 verhaftet, kam er Ende 1959 wegen einer Lungen-Tbc frei und nahm seine Arbeit in Biesdorf wieder auf; 1965 als Minister und für die Exerzitienarbeit im Exerzitienhaus Hoheneichen bei Dresden, seit 1971 als Hausgeistlicher bei den Nazarethschwestern in Goppeln bei Dresden tätig, gestorben im katholischen St.-Josephs-Stift in Dresden und auf dem Neuen katholischen Friedhof Dresden beigesetzt. - Vgl. Nachruf in: AdPr 4/1987, S. 86 f.

{6} Joseph Müldner SJ (1911-1984), aus Breslau, 1931 Eintritt ins Noviziat der Ostdeutschen Provinz der Gesellschaft Jesu in Mittelsteine (Niederschlesien), 1933-1936 Philosophiestudium in Valkenburg (Niederlande), dann Insterstiz in Breslau, 1937-1940 Theologiestudium in Frankfurt/Sankt Georgen, 1940 Priesterweihe durch Bischof Konrad von Preysing in Berlin, anschließend theologische Studien in Wien, 1941 Einberufung zur Wehrmacht, 1945-1946 Terziat, 1946 Pfarrvikar in Dresden-Pillnitz, 1947 Letzte Gelübde, 1956 Studentenpfarrer für Zwickau und Chemnitz; 1958 verhaftet, wurde er als einziger der vier angeklagten Jesuiten zu einer Bewährungsstrafe verurteilt; nach Tätigkeiten als Pfarrvikar in Lengenfeld im Vogtland (seit 1960) und Mülsen bei Zwickau (seit 1963) seit 1964 Pfarrer in Erfurt-Hochheim, 1978 Hausgeistlicher im Altenheim der Vinzentinerinnen in Jena, 1983 Umzug ins Altenheim des Ordens nach Berlin-Kladow, dort verstorben und auf dem Domfriedhof St. Hedwig in Berlin-Reinickendorf beigesetzt. - Vgl. Nachruf in: AdPr 6/ 1985, S. 138-141.

 


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Kirchlicherseits konnten - zumindest intern - die den Patres vorgehaltenen Verstöße kaum geleugnet werden, waren diese doch ebenfalls mehr oder weniger bewusst oder zumindest grob fahrlässig begangen worden angesichts der Tatsache, dass die fraglichen Bestimmungen der DDR als illegitim und repressiv betrachten wurden {7}.


Pater Wilhelm Rueter (1911-1987)
ADPSJ, Abt. 80, Nr. 1869.


Pater Joseph Müldner SJ (1911-1984)
ADPSJ, Abt. 62, Nr. 1029.

Der Biesdorfer Jesuitenprozess, der schließlich weder in Biesdorf noch in Berlin überhaupt, sondern in Frankfurt (Oder) stattgefunden hat, bezieht seine Bezeichnung von jenem Exerzitienhaus der Ostdeutschen Jesuitenprovinz in Berlin-Biesdorf, in dem die Ereignisse mit der Verhaftung der vier genannten Patres ihren Ausgang nahmen. Schon vor dem Ersten Weltkrieg waren unter den in Berlin tätigen Jesuiten Überlegungen angestellt worden, in der Stadt ein Exerzitienhaus zu errichten. Wegen des noch geltenden Jesuitengesetzes aber konnten solche Pläne nicht öffentlich verfolgt werden. Auf Initiative des späteren Kardinals und Bischofs von Münster, Clemens August von Galen (1878-1946), damals Kurat der späteren Jesuitenpfarrei St. Clemens,

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{7} BERND SCHÄFER, Staat und katholische Kirche in der DDR (= Schriften des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung, Bd. 8) (Köln - Weimar - Wien 1998) S. 135.

 


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gründeten dessen Bruder, der Reichstagsabgeordnete Friedrich von Galen, der Reichstagsabgeordnete Matthias Erzberger und der Strafanstaltspfarrer Alfred Saltzgeber 1912 eine GmbH, die in der Folge mit Mitteln der Ordensprovinz zwei benachbarte Grundstücke in Biesdorf erwarb; 1916 und 1920 kamen noch zwei weitere Parzellen hinzu.

Das Exerzitienhaus St. Joseph in Berlin-Biesdorf
ADPSJ, Abt. 80 B, Nr. 198.

1913 begann der Bau des Exzerzitienhauses, wurde aber durch den Krieg verzögert. Die offizielle Grundsteinlegung erfolgte 1915, die Benediktion der Kapelle 1916. Nach Aufhebung des Jesuitengesetzes konnte der Orden auch offiziell die Leitung des in den Nachkriegsjahren vollendeten Hauses mit 40 Zimmern und 60 Betten übernehmen. Im Herbst 1920 fand der erste öffentliche Exerzitienkurs statt. Zum 1. Januar 1939 wurde die Kuratie Biesdorf-Süd errichtet und deren Verwaltung den Jesuiten übertragen. 1940 wurde das Exerzitienhaus durch die Wehrmacht als Reservelazarett beschlagnahmt, dann von der Stadt Berlin bis nach dem Krieg als Infektionskrankenhaus betrieben. 1952 wurde das Haus vom Bistum übernommen. {8} Seitdem wohnten die Jesuiten in einer kleinen

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{8} Geplant war, hier ein Regionalseminar für die Priesterausbildung auf dem Gebiet der DDR einzurichten, das am 6. Mai 1952 eröffnet werden sollte. - Vgl. JOSEF PILVOUSEK, Theologische Ausbildung und gesellschaftliche Umbrüche. 50 Jahre Katholische Theologische Hochschule und Priesterausbildung in Erfurt (= Erfurter Theologische Studien, Bd. 82) (Leipzig 2002) S. 20-33. - Nachdem die staatlichen Behörden die Eröffnung kurzfristig verboten hatten (das Seminar wurde später in Erfurt eröffnet), wurde das Haus vom Bistum als Altenheim und Exerzitienhaus benutzt.

 


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Jesuiten-Karikatur aus dem 19. Jahrhundert, veröffentlicht in ”Geheimnisse der Religion", 1958, (FDJ-)Verlag Neues Leben - PETER REICH, Jesuiten, Arbeiter und Rote Richter. Schlaglichter auf das Ringen um Religionsfreiheit in Mitteldeutschland, hg. v. Arbeitskreis für christlich-soziale Bildung, Bonn (o. O. o. J.) S. 18.

 

in der Nähe in der Heesestraße gemieteten Wohnung und in der sogenannten Pfarrbaracke {9}. 1958 waren in Biesdorf fünf Jesuiten stationiert: Pater Bruno Spors {10}, der das Amt des Hausoberen inne hatte, ferner die Patres Robert

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{9} ALFRED ROTHE, Geschichte der Ostdeutschen Provinz der Gesellschaft Jesu seit ihren Anfängen bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges (Typoskr. Berlin 1967) S. 6 f., 26 f. - DERS., Geschichte der Ostdeutschen Provinz der Gesellschaft Jesu, 2. Tl.: Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges bis zum Beginn der 31. Generalkongregation im Mai 1965 (Typoskr. Berlin 1971) S. 30. - Zur Geschichte des Exerzitienhauses auch: KAROLINE TERLAU-FRIEMANN, Das Erholungsheim und Exerzitienhaus in Biesdorf-Süd, in: Die Denkmale in Berlin, Bezirk Marzahn. Ortsteile Biesdorf, Friedrichsfelde Ost und Marzahn, hg. v. Bezirksamt Marzahn von Berlin / Untere Denkmalschutzbehörde in Zusammenarbeit mit dem Förderverein für das Bezirksmuseum Marzahn e. V. (Berlin 2000) S. 163-171. - Terlau-Friemann bezieht sich über weite Strecken auf: GEORG PRANGE - JOHANNES REIFF, Gemeinde Herz-Jesu Berlin-Biesdorf-Süd. Festschrift zum Jubiläum (Ms. o. O. o. J.).

{10} Bruno Spors SJ (1903-1982), aus Flötenstein (Westpreußen), 1923 Eintritt ins Noviziat der Niederdeutschen Provinz der Gesellschaft Jesu in 's-Heerenberg (Niederlande), nach der Provinzteilung 1931 Mitglied der Ostdeutschen Provinz, 1931 Priesterweihe in Lublin, dann Volksmissionar in Oppeln, 1940 Letzte Gelübde; nach der Vertreibung zum Ende des Zweiten Weltkriegs seit 1946 in Erfurt, seit 1954 im Exerzitienhaus Berlin/Biesdorf tätig; nach der Verhaftung der Mitbrüder dort 1958 an einer Rückkehr aus dem Westteil Berlins gehindert und in Berlin-Charlottenburg tätig, 1962-1970 Kurat der Pfarrgemeinde St. Canisius in Berlin-Charlottenburg, danach von Berlin aus umfangreiche Tätigkeit als Spiritual und Exerzitienmeister, gestorben in Berlin und beigesetzt auf dem Domfriedhof St. Hedwig in Berlin-Reinickendorf. - Vgl. Nachruf in: AdPr 5/1982, S. 81-83.

 


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Frater, Walter Hruza {11} und Paul Franz Saft {12} sowie der Ordensbruder Adalbert Moschall. {13}

In dem oben bereits zitierten Bericht aus dem Neuen Deutschland heißt es weiter zur Verurteilung der vier Patres: Der Agent Frater, der wie alle übrigen Angeklagten Angehöriger des Jesuitenordens ist, trieb katholische Bürger unserer Republik unter Missbrauch seines kirchlichen Amtes der berüchtigten westdeutschen Spionageorganisation "Bundesamt für Verfassungsschutz" (BVSA) in die Arme. Zu diesem Zweck unterhielt er über die Agentin dieses Geheimdienstes Anna Klaeren, die zur Tarnung ihrer Agententätigkeit unter den Decknamen Marianne Klenner bzw. Anna Blasius bei der katholischen Bahnhofsmission des Westberliner S-Bahnhofes Zoo tätig ist, Verbindung mit einem Mitarbeiter der genannten westdeutschen Spionagezentrale.
     Auf diesem Wege lieferte Jesuitenpater Frater Spionageinformationen. Weiter führte er dem westdeutschen Geheimdienst in der Wohnung der als Caritasschwester getarnten Agentin Klaeren alias Klenner alias Blasius, Berlin-Schöneberg, Habsburger Str. 8, unter Ausnutzung seines Amtes als "Beichtvater" Menschen zu, so z. B. das Ehepaar Hoppe aus Berlin-Köpenick, um sie für die Agententätigkeit anwerben zu lassen. Er und zwei weitere Angeklagte organisierten planmäßig die Republikflucht junger Menschen und unterstützten die Abwerbung von Facharbeitern. Außerdem beschäftigten sich die Angeklagten u. a. mit Auto- und Motorradschiebungen und machten sich ungesetzlicher Währungsmanipulationen schuldig.
{14}

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{11} Walter Hruza SJ (1892-1987), aus Berlin, 1914 Eintritt ins Noviziat der Deutschen Provinz der Gesellschaft Jesu in 's-Heerenberg (Niederlande), nach den Provinzteilungen von 1921 und 1931 Mitglied der Niederdeutschen, dann der Ostdeutschen Provinz, 1914-1918 Militärdienst, 1925 Priesterweihe in Innsbruck, 1929 Letzte Gelübde, anschließend Exerzitienarbeit in Berlin-Biesdorf, Zobten am Berger (Schlesien) und Dresden-Hosterwitz (Hoheneichen), 1938 Redeverbot durch die Gestapo, dann Hilfskrankenpfleger in Dresden, dann bis Kriegsende in Allenstein (Ostpreußen), seit 1946 wieder Exerzitienarbeit in Hoheneichen, seit 1951 in Berlin-Biesdorf, dann weiter in Berlin; 1987 Ruhestand im Altenheim des Ordens in Berlin-Kladow, dort gestorben, beigesetzt auf dem Domfriedhof St. Hedwig in Berlin-Reinickendorf. - Vgl. Nachruf in: AdPr 2/88, S. 28-31.

{12} Paul Franz Saft SJ (1908-1985), aus Dresden, 1927 Eintritt ins Noviziat der Oberdeutschen Provinz der Gesellschaft Jesu in Feldkirch (Vorarlberg), 1938 Priesterweihe durch Bischof Konrad von Preysing in Berlin, dann in Dresden-Hosterwitz tätig, seit 1946 in Berlin-Biesdorf, 1947 Letzte Gelübde, seit 1958 Studentenseelsorger in Erfurt und Weimar,1965 in Dresden/St. Petrus, 1980 Ruhestand im Altenheim des Ordens in Berlin-Kladow, dort gestorben und beigesetzt auf dem Domfriedhof St. Hedwig in Berlin-Reinickendorf. - Vgl. Nachruf in: AdPr 1/1986, S. 6-8.

{13} Adalbert Moschall SJ (1890-1977), aus Kiwitten (Krs. Heilsberg/Ermland), Schneider, 1912 Eintritt ins Noviziat der Deutschen Provinz der Gesellschaft Jesu in 's-Heerenberg (Niederlande), nach den Provinzteilungen von 1921 und 1931 Mitglied der Niederdeutschen, dann der Ostdeutschen Provinz, 1917-1918 Sanitätssoldat, anschließend am Ignatiuskolleg in Valkenburg (Niederlande) tätig, 1923 Letzte Gelübde, seit 1925 - außer einer kurzen Unterbrechung im Zweiten Weltkrieg in Beuthen (Oberschlesien) - in Berlin tätig, 1945- 1958 in Berlin-Biesdorf, dann am Canisius-Kolleg, 1976 Ruhestand im Altenheim des Ordens in Berlin-Kladow, dort gestorben und beigesetzt auf dem Domfriedhof St. Hedwig in Berlin-Reinickendorf. - Vgl. Nachruf in: Rundbrief GO 4/1977, S. 37-39.

{14} Neues Deutschland Nr. 307 (23. Dez. 1958), hier nach: AEK CR II, 18.15.2.

 


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Dass dieser Bericht mit den tatsächlichen Ereignissen nur wenig gemein hat, lässt schon die polemische, ideologisch geprägte Diktion erahnen. Im Folgenden soll versucht werden, die Ereignisse aus den überlieferten Quellen zu rekonstruieren.

 

Zur Quellenlage

Die Quellenlage stellt sich in den in Frage kommenden Archiven durchaus unterschiedlich dar: Im Bundesarchiv, einschließlich Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv {15}, konnten nur wenige Unterlagen aufgefunden werden: Im Bestand Ministerium der Justiz fand sich lediglich das Urteil des Strafverfahrens {16}, im Bestand Staatssekretariat für Kirchenfragen ein allgemeiner Bericht der Abteilung Sicherheitsfragen beim ZK der SED über die Tätigkeit katholischer Orden in der DDR {17} sowie im Bestand SED ein Bericht des Oberreferates Katholische Kirche des Staatssekretariats für Kirchenfragen über den Prozessverlauf {18}. Große Bedeutung kommt dagegen dem Archiv des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes zu. Da die Akten der Staatsanwaltschaft und die Gerichtsakten zu Strafverfahren in der DDR relativ kurzen Kassationsfristen unterlagen {19}, sind diese in den eigentlich zuständigen staatlichen Archiven nicht überliefert. Allerdings sind sie - soweit es sich um politisch relevante Verfahren handelte - oft im Archiv des Bundesbeauftragten erhalten. Allein die Tatsache, dass zum Biesdorfer Jesuitenprozess eine nahezu vollständige Aktenserie im MfS entstanden ist, kann zumindest als Indiz dafür herhalten, wer das Heft des Handelns in der Hand hielt bzw. wer der wirkliche Herr des Verfahrens war (so berichtete etwa der Chef des Hauses, der Minister für Staatssicherheit Erich Mielke {20}, persönlich am 21. August 1958 an den für Sicherheitsfragen zuständigen Sekretär des Zentralkomitees der SED Erich Honecker {21} über die Festnahme der vier Jesuitenpatres {22}). Unter den einige Meter umfassenden Akten finden sich die Akten der Staatsanwaltschaft und die Gerichtsakten ebenso wie die zugehörigen Operativen Vorgänge des MfS oder die entsprechenden Informationsberichte

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{15} Frdl. Auskunft durch: Frau Schimmeck, Bundesarchiv, Berlin, 3. 12. 2001, in: ADPSJ, Abt. 174, Nr. 4, Eing. 450/2001.

{16} BArch, DP 1 SE 2796/1.

{17} BArch, DY 30/IV 2/14/241.

{18} BArch, DO 4, 2581.

{19} . z. B. BStU, MfS AU 100/59, Bd. 1: Akte: Der Staatsanwalt des Bezirkes Frankfurt/Oder, Strafsache gegen Frater, Robert u. 3 andere; weggelegt 1963; aufzubewahren bis 1973.

{20} Erich Mielke (1907-2000), 1957-1989 Minister für Staatssicherheit der DDR.

{21} Erich Honecker (1912-1994), 1958-1989 Mitglied des Politbüros des Zentralkomitees der SED, 1971 Erster Sekretär, 1976-1989 Generalsekretär der SED.

{22} BStU, MfS ZAIG Z 103.

 


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desselben Hauses. Insgesamt ergibt sich ein detailliertes Bild des Geschehens, das lange vor der Verhaftung der Patres vom MfS initiiert und in allen Einzelheiten von diesem gesteuert worden ist.

Zeitzeugen sind mehr als 50 Jahre nach dem Prozess kaum noch am Leben. Von den betroffenen Patres konnte der Autor noch mit dem 2006 verstorbenen Pater Menzel sprechen. {23} Die seinerzeit involvierten Mitbrüder haben zum Teil schriftliche Berichte im Archiv der Deutschen Provinz der Jesuiten hinterlassen. Aus dem Umfeld des Prozesses fand sich noch ein Zeitzeuge, der damals als jugendlicher in Kontakt mit P. Frater und der genannten Caritasschwester gestanden hatte und als Zeuge für den Frankfurter Prozess geladen war. Später wurde er nach einem Fluchtversuch mit seiner Verlobten selbst zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt und nach 30 Monaten von der Bundesrepublik freigekauft, seine Verlobte schon ein Jahr zuvor. P. Frater hielt wenig später in Freiburg/Br. die Trauung des Paares. Seine Erinnerungen hat dieser Zeitzeuge schriftlich niedergelegt {24}.

Ertragreich sind verschiedene kirchliche Archive, an erster Stelle natürlich die Ordensarchive der zuständigen Jesuitenprovinzen (Nachlässe der betr. Patres, Korrespondenzen, ordensinterne Mitteilungsblätter), aber auch mit wenigen Stücken das Archiv des römischen Generalats {25}. Im Archiv des Deutschen Caritasverbandes findet sich Schriftgut von Prälat Johannes Zinke {26}, der als Leiter der Hauptvertretung des Deutschen Caritasverbandes in Berlin in Personalunion auch dem Kommissariat der Fuldaer Bischofskonferenz vorstand und für dieses die Kontakte zur DDR-Regierung pflegte und über den im Zusammenhang mit dem Jesuitenprozess alle inoffiziellen und offiziellen Kontakte zu den verschiedenen Behörden, zum Gericht, zur Staatsanwaltschaft oder zu den Anwälten geknüpft wurden oder nach dem Urteil die Bemühungen um Hafterleichterung erfolgten. Besonders ein Bestand Hilfe für Inhaftierte in der DDR/Gnadengesuche ist diesbezüglich von Interesse {27}. Im Diözesanarchiv Berlin finden sich vor allem Vermerke und Korrespondenzen des Berliner Bischofs (seit Ende 1958 Kardinals) Julius Döpfner {28}, der sowohl öffentlich protestierte als auch mehrfach Kontakt zu staatlichen Stellen der DDR

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{23} Josef Menzel, Dreilützow, 2. 12. 2001, in: ADPSJ, Abt. 174, Nr. 4, Eing. 452/2001.

{24} JÜRGEN ANTLITZ, Der Biesdorfer Prozess. Erinnerungen eines Zeitzeugen, in: ADPSJ, Abt. 173, Nr. 170, Eing. 190/2002.

{25} Frdl. Mitteilung von Prof. P. Dr. Klaus Schatz SJ, ohne Datum [März 2005 und Oktober 2005], in: ADPSJ, Abt. 174, Nr. 4, Eing. 188/2005.

{26} Johannes Zinke (1903-1968), seit 1946 Mitarbeiter, seit 1952 Leiter der Hauptvertretung des Deutschen Caritasverbandes in Berlin, seit 1951 als Nachfolger von Bischof Heinrich Wienken (1883-1961) Leiter des Kommissariats der Fuldaer Bischofskonferenz.

{27} Frdl. Mitteilung von Frau Gabriele Witolla, Archiv des Deutschen Caritasverbandes e. V., Freiburg, 26. 11. 2001, in: ADPSJ, Abt. 174, Nr. 4, Eing. 430/2001, und von Frau Rosalia Schuster, Deutscher Caritasverband, Berlin, 18. 1. 2002, in: ebd., Eing. 27/2002.

{28} Julius Döpfner (1913-1976), 1948-1957 Bischof von Würzburg, 1957-1961 Bischof von Berlin und Vorsitzender der Berliner Ordinarienkonferenz, 1958 Kardinal, 1961-1976 Erzbischof von München und Freising, 1965-1976 Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz.

 


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aufnahm {29}. Im Historischen Archiv des Erzbistums Köln schließlich finden sich einige Unterlagen, die belegen, dass der Erzbischof, Kardinal Josef Frings {30}, die Ereignisse um die Biesdorfer Jesuiten, nicht zuletzt in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der Fuldaer Bischofskonferenz, engagiert begleitete {31}.

Hinzuzuziehen sind gelegentlich auch Pressemitteilungen aus Ost und West, die sich in allen genannten Beständen finden. In der Literatur ist der Jesuitenprozess bisher nur sporadisch behandelt worden. Eine eingehendere Untersuchung steht noch aus.

 

Die Ereignisse von 1958

Am Abend des 22. Juli 1958 erschien gegen 22.00 Uhr ein Kommando des Staatssicherheitsdienstes in der Heesestraße und verlangte nach P. Frater {32}. Es folgte eine mehrstündige Durchsuchung seines Zimmers Am Morgen des 23. Juli wurde der Pater abgeführt {33}. Die Festnahme erfolgte wegen des dringenden Verdachts der Spionagetätigkeit für einen westlichen Geheimdienst, Organisierung von Republikfluchten und Zuführung von DDR-Bürgern an diesen westlichen Geheimdienst {34}.

Die Tatsache, dass die Festnahme durch Mitarbeiter der Staatssicherheit {35} erfolgte, deutet den Hintergrund der Ereignisse schon an. Seit geraumer Zeit

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{29} Frdl. Mitteilung von Dr. Gotthard Klein, Diözesanarchiv Berlin, 23. 11. 2001, in: ADPSJ, Abt. 174, Nr. 4, Eing. 433/2001.

{30} Josef Frings (1887-1978), 1942-1969 Erzbischof von Köln, 1945-1965 Vorsitzender der Fuldaer Bischofskonferenz, 1946 Kardinal.

{31} Frdl. Mitteilung von Dr. Ulrich Helbach, Historisches Archiv des Erzbistums Köln, 19. 12. 2001, in: ADPSJ, Abt. 174, Nr. 4, Eing. 6/2002.

{32} Eine Darstellung der Ereignisse aus Sicht des Ordens: JOSEF ULLRICH, Über den Prozeß gegen vier Jesuiten im Jahre 1958 in der ehemaligen DDR, Tl. 1, in: AdPr 4/1993, S. 112-117; Tl. 2, in: AdPr 5/1993, S. 157-161. - Ferner: A. ROTHE, Geschichte II (wie Anm. 9) S. 8-13.

{33} Laut Festnahmebericht der Genossen des MfS erfolgte die Festnahme gegen 23.00 Uhr und die Zuführung in die Haftanstalt gegen 2.00 Uhr in der Nacht. An der Festnahme und Hausdurchsuchung waren ein Oberstleutnant und ein Major sowie zwei Leutnants und ein Unterleutnant beteiligt. - Vgl. Major Ludwig, Staatssekretariat für Staatssicherheit, Hauptabteilung V/4, Festnahmebericht, Berlin, 23. Juli 1958, in: BStU, MfS AU - 100/59, Bd. 1, Bl. 11. - Die Einlieferungsanzeige betr. P. Frater wiederum spricht von einer Einlieferung gegen 1.00 Uhr. - Vgl. Einlieferungsanzeige, Berlin, 23. 7. 1958, in: BStU, MfS AU - 100/59, Bd. 13, Bl. 6.

{34} Ebd.

{35} Die Organe der Staatssicherheit firmieren in den Akten meist als Mitarbeiter des Staatssekretariats für Staatsicherheit im Ministerium des Innern. 1953 war das 1950 gegründete Ministerium für Staatssicherheit zum Staatssekretariat zurückgestuft worden, ehe 1955 die Rückbenennung und erneute Konstituierung eines selbstständigen Ministeriums erfolgte. Struktur und Selbstständigkeit waren aber auch in der Zeit der Rückstufung weitgehend erhalten geblieben, abgesehen von einer wohl zwischenzeitlichen terminologischen Unsicherheit, die auch 1958 noch anhielt. - Vgl. zu Geschichte und Organisation des MfS z. B.: ANDREAS HERBST - WINFRIED RANKE - JÜRGEN WINKLER, So funktionierte die DDR, Bd. 2: Lexikon der Organisationen und Institutionen. Mach-mit!-Bewegung - Zollverwaltung der DDR (Hamburg 1994) S. 682-688, hier: S. 683.

 


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waren die Jesuiten in Biesdorf ins Visier der kommunistischen Staatsmacht geraten, als eine Art Avantgarde des Vatikans zur Verwirklichung der Politik des Papstes, der bei der Verfolgung ihrer Ziele ... jedes Mittel recht sei, wie es in einem Bericht der Staatssicherheit heißt. Die Jesuiten träten als besonders eifrige Verfechter des Katholizismus auf und betrieben eine aktive ideologische Diversion. Ihr Vorgehen zeuge von einem besonders vorbildlichen und raffinierten Vorgehen gegen die sozialistische Gesellschaftsordnung der DDR {36}. Vergeblich habe man bisher nach Beweisen für eine Spionagetätigkeit des Ordens gesucht {37}, nun aber glaubte man, erstmals über Anhaltspunkte für die Verbindung eines Ordensmannes über Mittelspersonen zu einem imperialistischen Geheimdienst zu verfügen {38}. Bereits am 8. Juli war durch die Staatssicherheit ein Operativ-Vorgang über P. Frater angelegt worden {39}. Das Haus der Jesuiten in der Heesestraße war seit längerer Zeit von der Staatssicherheit beobachtet und abgehört worden {40}. Dabei war festgestellt worden, dass P. Frater regelmäßig Kontakt zu einer Ordensschwester unterhielt, die für den Staatssicherheitsdienst kein unbeschriebenes Blatt war.

Sr. Änne Klaeren {41} stammte aus Köln-Nippes, trat 1927 in die Kongregation der Schwestern vom Göttlichen Herzen Jesu ein und verbrachte ihre ersten Ordensjahre bis zur Evakuierung im Breslauer Mutterhaus der Gemeinschaft. Nach dem Krieg war sie in Dresden stationiert, wo sie für die Caritas unter anderem die Transporte von Flüchtlingen und Vertriebenen organisierte oder Ferientransporte begleitete. Auf Grund der einen oder anderen Unvorsichtigkeit wurden die kommunistischen Behörden bald auf sie aufmerksam und sie musste erste langwierige Vernehmungen erleiden. Seitdem wurde sie permanent überwacht. Dennoch ließ sie sich immer wieder auf die Unterstützung von Fluchtwilligen aus der Ostzone ein. Im September 1953 wurde sie im Zug nach Berlin verhaftet, konnte aber durch Hilfe von Mitreisenden entkommen. Da sie nun nicht in die DDR zurückkehren konnte, erhielt sie eine

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{36} Hauptabteilung V/4, Berlin, 8. Juli 1958, Bericht betr. Feindtätigkeit eines Angehörigen des Jesuitenordens, in: BStU, MfS AU 100/59, Bd. 7, Bl. 7-12, hier: Bl. 7.

{37} Vor allem der regelmäßige Kontakt zum Provinzialat der Ostdeutschen Jesuitenprovinz in dem in Westberlin gelegenen Ignatiushaus galt hierfür als Anhaltspunkt. - Vgl. z. B. den Informationsbericht, Berlin, 12. 4. 1958, in: BStU, MfS AU 100/59, Bd. 7, Bl. 6.

{38} Ebd.

{39} Operativ-Vorgang "Engel". - Vgl. Staatssekretariat für Staatssicherheit, MfS, V/4, Berlin, 8. 7. 1958, in: BStU, MfS AOP 601/59, Bd. 1, Bl. 2 f.

{40} Vgl. z. B. die Berichte der Hauptabteilung V/4, in: BStU, MfS AU 100/59, Bl. 26-48.

{41} Anna (Änne) Klaeren (1907-1984); die folgenden Angaben verdanken sich der frdl. Mitteilung von Sr. Regine Wertz CDC, Bad Münstereifel, 2. 2. 2011, 17. 3. 2011 und 24. 3. 2011, in: ADPSJ, Abt. 174/4, Eing. 38/2011, 120/2011 und 129/2011.

 


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Anstellung vom Berliner Caritasverband und arbeitet fortan in der Bahnhofsmission am Bahnhof Zoo {42}. Auch von dort aus setzte sie sich unermüdlich dafür ein, Flüchtlinge auf ihrem Weg in den Westen zu unterstützen. Versehen mit einem neuen Namen {43} und einem bundesdeutschen Pass konnte sie nach Ost-Berlin fahren, wo sie in Biesdorf immer wieder auch mit Pater Frater zusammentraf, der die Schwester schon seit ihrer Zeit beim Caritasverband in Dresden kannte. P. Frater konnte gelegentlich Gemeindemitglieder, die sich mit Fluchtgedanken trugen, an die Schwester vermitteln. Sr. Anne wiederum brachte diese in Westberlin gelegentlich mit einem Mitarbeiter des Bundesverfassungsschutzes {44} zusammen, der diese über die Situation in der DDR befragte und sie mit Empfehlungsschreiben für den Neubeginn im Westen ausstattete {45}. Anfang 1958 hatte P. Frater diesen Geheimdienstmitarbeiter in Westberlin persönlich kennen gelernt {46}, eine ihm angebotene regelmäßige Zusammenarbeit aber abgelehnt {47}.

Die Staatssicherheit war bei der Observation der Biesdorfer Jesuitenniederlassung auf die Verbindung P. Fraters zu der Schwester {48} und dem

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{42} Die Erlaubnis zum Wohnen außerhalb des Ordenshauses musste durch ihre Oberinnen regelmäßig in Rom erbeten werden. - Vgl. ebd.

{43} Sr. Anne Klaeren besaß im Laufe der Zeit verschiedene Pässe mit falschen Namen. So trat sie als Anna Blasius, Anna Klaeren und Marianne Klenner auf. - Vgl. z. B. BStU, MfS AU 100/59, Bd. 3 (Beiakte).

{44} Dieser Mitarbeiter erscheint in den Akten stets unter dem Decknamen Doktor. - Vgl. z. B. Oberste Staatsanwaltschaft der DDR, Berlin, 3. 12. 1958, Vernehmungsprotokoll des Besch. Frater, Robert ..., in: BstU, MfS AU 100/59, Bd. 1, Bl. 35 f. - Die Identität des Doktors konnte (bisher) nicht ermittelt werden, da die Unterlagen des Bundesverfassungsschutzes bis heute noch weitgehend als Verschlusssachen in der Behörde aufbewahrt werden und noch nicht ans Bundesarchiv abgegeben worden sind. Somit sind sie für die Forschung nicht zugänglich. - Frdl. Mitteilung von Dr. Elke-Ursel Hammer, Bundesarchiv Koblenz, 3. 2. u. 9.11. 2011, in: ADPSJ, Abt. 174/4, Eing. 41/2011.

{45} Ziel war letztlich die Anerkennung als politischer Flüchtling. - Vgl. u. a. Bericht zum U-Vorgang ..., Berlin, 23. 7. 1958, in: BStU, MfS AU 100/59, Bd. 7, Bl. 13.

{46} Oberste Staatsanwaltschaft der DDR, Berlin, 3. 12. 1958, Vernehmungsprotokoll des Besch. Frater, Robert ..., in: BStU, MfS AU 100/59, Bd. 1, Bl. 35 f.

{47} Vgl. Bemerkungen zur Verurteilung der 4 in Biesdorf verhafteten Jesuiten-Patres, in: ADCV, 121/30 - 287 P, 02: Hilfe für Inhaftierte in der DDR/Gnadengesuche. - Auch: A. ROTHE, Geschichte II (wie Anm. 9) S. 10.

{48} Sr. Änne Klaeren wurde im Zuge der Ermittlungen im Juli 1958 ebenfalls verhaftet, doch gelang es ihr erneut zu entkommen und sich mit dem Flugzeug in den Westen abzusetzen (dies geschah wohl mit Unterstützung Prälat Zinkes und des Kommissariats der Fuldaer Bischofskonferenz in Berlin; vgl. J. ANTLITZ, Prozeß [wie Anm. 24] S. 3). Im Oktober 1958 traf Sr. Änne im Mutterhaus der Ordensgemeinschaft in Füssenich ein, wo man zunächst dafür sorgte, dass sie ihre fünf falschen Pässe abgab. Seitdem wirkte sie bis zum Eintritt in den Ruhestand in der Außenstelle Hattingen des Caritasverbandes für das Bistum Essen. Im Zusammenhang mit Auseinandersetzungen um die nachkonziliare Neufassung der Konstitutionen ihrer Ordensgemeinschaft trat sie 1970 aus dem Orden aus, dem sie als Mitglied der Sodalität vom Göttlichen Herzen Jesu zeitlebens eng verbunden blieb. Sie starb am 4. 12. 1984 in Hattingen und wurde auf dem Nordfriedhof in Köln-Weidenpesch beigesetzt. - Frdl. Mitteilung von Sr. Regine Wertz CDC, Bad Münstereifel (wie Anm. 41).

 


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Einlieferungsanzeige P. Robert Fraters (Kopie BStU)

 


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Geheimdienstmann gestoßen {49}, die nun der Konstruktion des Tatvorwurfs der Spionage für einen imperialistischen Geheimdienst diente. Konkreter Anlass für die Verhaftung war dann die Festnahme eines fluchtwilligen Ehepaares beim versuchten Grenzübertritt {50}, das P. Frater an die Schwester verwiesen hatte. Ein Maßnahmeplan der Staatssicherheit legte Anfang September dar, mit welchem Ziel die Beweisführung im Untersuchungsvorgang Frater und drei andere geführt werden sollte. Im Ergebnis der Untersuchungen sollte bewiesen werden, dass der Jesuitenorden eine verbrecherische Organisation ist, die in enger Zusammenarbeit mit imperialistischen Geheimdiensten und anderen Organisationen der katholischen Kirche mittels der ideologischen Diversion und der Spionage einen aktiven Kampf gegen die Arbeiter- und Bauernmacht führt. Weiterhin soll bewiesen werden, dass die Beschuldigten während ihrer Zugehörigkeit zu diesem Orden zur Durchführung einer feindlichen Tätigkeit gegen die sozialistischen Staaten geschult wurden, im Gebiet der Deutschen Demokratischen Republik Spionageinformationen sammelten und die sogenannten Exerzitien, Einkehrtage sowie andere religiöse Handlungen zur Hetze und zur Bildung illegaler Gruppen benutzten {51}.

Das Schicksal P. Fraters mussten drei seiner Mitbrüder teilen: Als P. Menzel, der in Magdeburg stationiert war, zu dieser Zeit aber in Biesdorf seine Jahresexerzitien machte, am Morgen nach der Verhaftung P. Fraters aus der Pfarrbaracke, in der er wohnte, in die Heesestraße kam, wurde er ebenso wie der später eintreffende P. Rueter von unterdessen zurückgekehrten Volkspolizisten verhaftet. Als letzten traf es P. Müldner aus Zwickau, der in Berlin zur Erholung weilte und sich nach der Verhaftung P. Fraters bereit erklärt hatte, dessen Exerzitienkurs für Ordensschwestern zu übernehmen. Er wusste noch nicht, dass neben P. Frater unterdessen auch die Patres Menzel und Rueter verhaftet worden waren. So ereilte ihn, als er in der Heesestraße eintraf, das gleiche Los {52}. Zwei weitere zur Kommunität gehörige Patres - Bruno

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{49} Möglicherweise hat die Staatssicherheit im Frühjahr 1958 einen Brief P. Fraters an die Schwester abgefangen, den er einem Bekannten mitgegeben hatte mit der Bitte, ihn in Westberlin einzuwerfen. Die Schwester aber erhielt den Brief einige Tage später mit einem DDR-Poststempel und deutlichen Anzeichen dafür, dass er kontrolliert worden war. Bei dieser Gelegenheit könnte die Staatssicherheit auch die Anschrift von Schwester Änne Klaeren erfahren haben. - Vgl. Bemerkungen zur Verurteilung der 4 in Biesdorf verhafteten Jesuiten-Patres, in: ADCV, 121/30 - 287 P, 02: Hilfe für Inhaftierte in der DDR/Gnadengesuche. - Auch: A. ROTHE, Geschichte II (wie Anm. 9) S. 10.

{50} Vgl. BStU MfS AU 100/59, Bd. 8: Gerichtsakte H., H.

{51} Hauptabteilung IX/2, Berlin, 2. 9. 1958, Maßnahmeplan, in: BStU, MfS AU 100/59, Bd. 7, Bl. 130-136, hier: Bl. 130.

{52} Schon der Titel der Untersuchungsakten (z. B. BStU, AU MfS 100/59, Bd. 5a: Untersuchungsvorgang Frater, Robert, u. andere) offenbart, dass die drei mit P. Frater verhafteten Jesuiten nur deshalb in die Mühlen der DDR-Justiz gerieten, weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort waren bzw. in einer Art "Sippenhaft" als Jesuiten Opfer der Staatssicherheit wurden. - P. Rueter schrieb 1961 in einem Konsultorenbrief an den Ordensgeneral in der Rückschau: P. Frater wurde persönlich gesucht und festgenommen, weil er einer Familie geholfen hat, nach dem Westen zu gehen. Am folgenden Tage wurde jeder festgenommen, der in unser Haus in die Heesestraße kam, denn wir alle sind nach ihrer Überzeugung Verbrecher ... Man wollte beweisen, dass unser Orden eine verbrecherische Organisation sei. - Vgl. Wilhelm Rueter, Litterae Consultoris in Domo Berlin-Biesdorf, Berlin-Biesdorf, 11. 1. 1961, in: ADPSJ, Abt. 252 C 488, Nr. 124,1; auch in: ARSI, Germ.Or. 1007, Consultores (frdl. Hinweis von Prof. P. Dr. Klaus Schatz SJ, Frankfurt/St. Georgen). - Zu den Untersuchungen im Einzelnen vgl. vor allem: BStU, MfS AU 100/59, Bd. 1-2 (Untersuchungsvorgang Frater); BStU, MfS AU 100/59, Bd. 13 (Gerichtsakte Frater); BStU, MfS AU 100/59, Bd. 4 (Untersuchungsvorgang Rueter); BStU, MfS AU 100/59, Bd. 12 (Gerichtsakte Rueter); BStU, MfS AU 100/59, Bd. 5a-b (Untersuchungsvorgang Menzel); BStU, MfS AU 100/59, Bd. 9 (Gerichtsakte Menzel); BStU, MfS AU 100/59, Bd. 6 (Untersuchungsvorgang Mülder); BStU, MfS AU 100/59, Bd. 11 (Gerichtsakte Müldner).

 


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Spors {53} und Walter Hruza {54} - waren in dieser Zeit nicht zu Hause und entgingen so ihrer Festnahme {55}. Die vier verhafteten Jesuiten dagegen waren in der Haft nun permanenten Verhören ausgesetzt, die den schon angesprochenen Maßnahmeplan der Staatssicherheit umzusetzen suchten. Pater Menzel beispielsweise wurde vom Tag seiner Festnahme, dem 23. Juli, bis zum 5. Dezember 1958 an (mindestens) 48 Tagen, teilweise mehrmals täglich, verhört {56}.

P. Menzel hat 35 Jahre später seine Erinnerungen an die Haftzeit niedergeschrieben {57} und in der Rückschau trotz mancher Ausfälle der Vernehmer, trotz Schikanen, verschiedener Methoden des Psychoterrors, trotz strapaziöser Stunden in der Zelle, im Keller, und auch Versuchen, ihn als Inoffiziellen Mitarbeiter (IM) der Staatssicherheit anzuwerben, ein versöhnliches Resümee gezogen und die Vernehmungszeit bis Mitte Dezember eher als fair und kameradschaftlich bezeichnet. Von Anfang seiner Verhörzeit an sei es sein Vorsatz und Bestreben gewesen, dass nicht er selbst, sondern der Vernehmer zuerst mit den Nerven am Ende sei. Und es scheine ihm gelungen zu sein: Gegen Schluss habe ihn sein Vernehmer nur noch als die Nervensäge bezeichnet. P. Menzel verstand dies damals als Kompliment. Dies und nichts anderes habe er gewollt {58}. Nach der politischen Wende von 1989 habe ihn seine erste Reise über die bisherige innerdeutsche Grenze nach Lübeck geführt, wo er eine Gedenkfeier für die vier Lübecker Märtyrer {59} erlebte. Dieses Zeugnis der vier

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{53} Bruno Spors (1903-1982), 1923 Eintritt in die SJ, 1931 Priesterweihe, 1940 Letzte Gelübde, 1954-1958 u. a. als Exerzitienmeister in Biesdorf.

{54} Walter Hruza (1892-1987), 1914 Eintritt in die SJ, 1925 Priesterweihe, 1929 Letzte Gelübde, seit 1951 in Biesdorf bes. als Mitarbeiter des Päpstlichen Werkes für die Priesterberufe.

{55} A. ROTHE, Geschichte II (wie Anm. 9) S. 8.

{56} Vgl. Nachweis über den Verbleib angefertigter Vernehmungsprotokolle im Untersuchungsvorgang Menzel, Josef, in: BStU, MfS AU 100/59, Bd. 5a, Bl. 6 f.

{57} JOSEF MENZEL, Haft vom 23. 7. 1958 bis 19. 11. 1960 (Eine Psychologie) (Typoskript), in: ADPSJ, Abt. 47, Nr. 996,5, und Abt. 252 C 728, Nr. 399.

{58} Ebd. S. 5.

{59} Die Lübecker Märtyrer, die am 25. Juli 2011 in Lübeck seliggesprochenen katholischen Priester und Kapläne Hermann Lange, Eduard Müller und Johannes Prassek sowie der evangelische Pastor Karl Friedrich Stellbrink, die öffentlich gegen das NS-Regime Stellung bezogen hatten, waren am 10. November 1943 in Hamburg hingerichtet worden. - Vgl. zuletzt: PETER VOSWINCKEL, Geführte Wege. Die Lübecker Märtyrer in Wort und Bild (Kevelaer 2010) - DERS. (Hg.), Dokumente zum Thema Lübecker Märtyrer 1941-1945 (Selbst-Verl. Lübeck 2011).

 


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Deckblatt der Akte Untersuchungsvorgang über Frater, Robert, u. andere (Kopie BStU)

 


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Untersuchungsplan zum Untersuchungsvorgang
Frater, Menzel, Müldner und Rueter (Kopie BStU)

 


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Geistlichen unter dem NS-Regime sei ein "Schauspiel vor Gott und den Menschen" gewesen, im Vergleich dazu Verhaftung, Prozess und Haftvollzug der vier Jesuiten unter dem SED-Regime eine lahme Komödie ... {60}.

P. Rueter hob in einem Brief, den er nach Verbüßung von zwei Dritteln seiner Haftstrafe aus dem Gefängnis schrieb, den geistlichen Gewinn der Haftzeit hervor, auch wenn ihm diese oft sehr schwer geworden sei. Und doch habe ihn die Zeit so bereichert, dass er sie nicht missen möchte. Ich meine, so P. Rueter, sie hat mir mehr gegeben und mich weiter gebracht als die 25 Jahre zuvor. - Meine Zelle kann Ähnlichkeit mit einer Klosterzelle in einem Bußorden haben. Nichts lenkt ab: keine Arbeit, keine Unterhaltung. Die vielen Stunden des Tages ist man mit seinen Gedanken allein. So bildete diese Einsamkeit aber auch wie keine Geistl. Übungen, wie kein Tertiat {61}. Leider fehlen nun schon ein Jahr die hl. Messe, die Sakramente! Doch weiß Gott auch so, Kraft und Freude und Stärke zu geben. So bin ich nicht überfordert worden; so musste ich rückblickend immer sagen: Zu schwer war es nicht. - Den 31. 7. {62} bin ich nun zum zweiten Mal fern. Doch weiß ich mich auch hier ganz dazugehörig. Ich kann nicht reden und predigen, doch Priester bin ich auch hier in Gebet und Opfer. Und vielleicht nützte ich denen, die mir nahestehen, Kirche, Orden und Volk, jetzt mehr als zuvor {63}.

Weniger gelassen blickte der Hauptbeschuldigte, P. Frater, auf seine Haftzeit zurück. Schon in den ersten Stunden nach seiner nächtlichen Einlieferung in das Untersuchungsgefängnis der Staatssicherheit habe man mit Schreien und Drohungen versucht, ihn zu Geständnissen zu zwingen. Nach drei Tagen sei er dann in die berüchtigten Kellerzellen von Berlin-Hohenschönhausen verlegt worden und dort über fünf Monate hinweg fast täglich vom frühen Morgen bis zum späten Abend, oft ohne Mittagessen, vernommen worden. Man habe ihn psychisch und physisch aufreiben wollen. Gerade wenn er unter seiner Hirnverletzung (die auf einen erlittenen Kopfschuss als Soldat

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{60} J. MENZEL, Haft (wie Anm. 57) S. 7.

{61} Drittes Probejahr, das für die Jesuiten nach Ende der Ausbildung und vor dem vollen Eintritt in das Apostolat vor allem der aszetischen Weiterbildung dient.

{62} Fest des hl. Ignatius, des Gründers des Jesuitenordens.

{63} Wilhelm Rueter, 4. 7. 1959 - Anlage zu: Karl Wehner, Praep. Prov. Germ. Or. 59/11, Berlin, 16. 9. 1959, in: ADPSJ, Abt. 45 A, Nr. D 20 [Anlage fehlt hier]; auch in: ARSI, Praep. Prov. 1959 (frdl. Hinweis von Prof. P. Dr. Klaus Schatz SJ, Frankfurt/St. Georgen). - In einem selbst verfassten Lebenslauf formulierte P. Rueter 1981: ... 3 Monate ging die Untersuchungshaft um die S.J. - und bewirkte in mir eine ganz starke Erneuerung der Liebe zur S.J. Zu 1 Jahr und 5 Monaten wurde ich verurteilt und, wie man mir angedroht hatte, in Einzelhaft, ohne Arbeit, bis zum letzten Tag. Ich nahm die Zeit zum Gebet - es wurde eine Zeit der Gnade wie keine in meinem Leben. Jahrelang habe ich davon gelebt - eine Erfahrung, die ich aufs neue gemacht habe: Gott schickt uns das Kreuz, uns zu segnen wie sonst kaum. - Vgl. Lebenslauf Pater Wilhelm Rueter, 20. 7. 1981, in: ADPSJ, Abt. 47, Nr. 460.

 


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im Zweiten Weltkrieg zurückging) litt {64}, seien die Vernehmungen besonders hart und grausam gewesen. Bis zu sechs Vernehmer hätten bisweilen auf ihn eingeschrieen. Hinzu kamen Versuche, ihn zum Kirchenaustritt und zum Übertritt zum Kommunismus zu bewegen. Die Untersuchungen hätten sich keineswegs nur auf die angeblich verübten Straftaten erstreckt, sondern eher einem Auswalzen seines ganzen Lebens entsprochen. Begleitet wurden die Verhöre von Aufenthalten in Dunkelzellen, die jeder Hygiene Hohn sprachen. In dieser Zeit sei ihm auch jede ärztliche Hilfe verweigert worden. Die Haftbedingungen hätten sich kaum unterschieden, als er für den Prozess nach Frankfurt/Oder und später in das Zuchthaus Bautzen verlegt wurde: Einzelzelle, im Winter kaum Heizung, teils brutale Behandlung durch die Volkspolizisten. Besuch habe er während der ganzen Haftzeit nur drei Mal erhalten können {65}.

 

Interventionen

Über das Schicksal der vier Patres war in den Wochen und Monaten nach ihrer Verhaftung nur wenig zu erfahren. Der Provinzial der Ostdeutschen Jesuitenprovinz, der die vier Jesuiten angehörten, teilte dem Ordensgeneral in Rom zwar kurz nach den Verhaftungen die Tatsache an sich mit, konnte jedoch zunächst nur bemerken, dass der eigentliche Grund der Verhaftungen ... noch nicht klar ersichtlich sei. Jedoch habe sich die kirchliche Behörde ... in vorbildlicher Weise sehr prompt eingeschaltet {66}. Einige Wochen später berichtete er, dass in der Angelegenheit der vier verhafteten Patres ... noch keine befriedigende und klärende Wendung eingetreten sei. ... Die Untersuchung geht mit Gewalt auf den Nachweis einer Spionagezentrale mit Mittelpunkt in Biesdorf aus. Die Enttäuschung über das kümmerliche Ergebnis muss ziemlich groß sein, denn man sucht bereits auf Nebengeleise abzulenken, ähnlich wie in der Nazizeit: sittliche Vergehen, Prasserei, subversive Tätigkeit in den Exerzitien {67}.

Die Bemühungen des Ordens und des Berliner Ordinariats um die gefangenen Mitbrüder erfolgten über das Kommissariat der Fuldaer Bischofskonferenz. Unmittelbar nach der Verhaftung wurden von dort aus bei der

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{64} Über das Kommissariat der Fuldaer Bischofskonferenz wurde - wohl weitgehend vergeblich versucht, mittels eines ärztlichen Gutachtens Hafterleichterung (oder -aussetzung) zu erlangen. - Vgl. Chefarzt Dr. A. Wand, St. Josef-Krankenhaus Berlin-Weißensee, 21. 8. 1958, Fachärztliche Bescheinigung, in: ADCV, 121/30 - 287 P, 02: Hilfe für Inhaftierte in der DDR/Gnadengesuche, sowie in: ADPSJ, Abt. 252 C 480, Nr. 123,1.

{65} Robert Frater, Beilage über meine Hafterlebnisse und Gründe zum Verlassen der Ostzone, in: ADCV, 121/30 - 287 P, 02: Hilfe für Inhaftierte in der DDR/Gnadengesuche.

{66} Karl Wehner, Prov. Germ. Or. 58/10, Berlin, 25. 7. 1958, in: ARSI, Praep. Prov. 1958 (frdl. Hinweis von Prof. P. Dr. Klaus Schatz SJ, Frankfurt/St. Georgen).

{67} Karl Wehner, Prov. Germ. Or. 58/11, Berlin, 19. 8. 1958, in: ADPSJ, Abt. 45 A, Nr. D 20. - Ferner in: ARSI, Praep. Prov. 1958 (frdl. Hinweis von Prof. P. Dr. Klaus Schatz SJ, Frankfurt/St. Georgen).

 


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Vorgabe für den Untersuchungsprozess gegen die vier Jesuiten (Kopie BStU)

 


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Vorgabe für den Untersuchungsprozess gegen die vier Jesuiten (Fortsetzung, Kopie BStU)

 

Volkspolizei-Inspektion Berlin-Lichtenberg nähere Informationen erbeten. Diese aber - so die Auskunft - habe in der Sache nichts veranlasst und es sei im Übrigen auch nichts bekannt. Auch der Generalstaatsanwalt von Groß-Berlin und weitere konsultierte Stellen äußerten auf entsprechende Anfragen, keine Kenntnis von den Vorgängen zu haben. Schließlich ergab eine Rückfrage beim Obersten Gericht der DDR, dass die Angelegenheit der vier Jesuitenpatres vom Generalstaatsanwalt überwacht werde ... und ... gegen alle vier Geistliche Haftbefehl erlassen sei. Über Grund und Ursachen könne im Augenblick noch nichts gesagt werden {68}. Als Anfang August noch immer keine Informationen über den Grund der Verhaftung zu erhalten und auch die Bemühungen um Freigabe der Kapelle in der Biesdorfer Jesuitenresidenz (oder zumindest die Entnahme des Allerheiligsten) erfolglos geblieben waren {69}, wandte sich Bischof Döpfner am 9. August mit einem Schreiben an den Generalstaatsanwalt. Da zwei der verhafteten Jesuiten zum Klerus seiner Diözese gehörten, habe er sofort nach der Verhaftung Prälat Zinke beauftragt, bei den zuständigen Stellen um Auskunft über die Gründe der Verhaftung zu bitten. Dieser Bitte sei

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{68} Aktenvermerk, Berlin, 26. 7. 1958, in: ADCV, 121/30 - 287 P, 02: Hilfe für Inhaftierte in der DDR/Gnadengesuche, sowie in: DAB, I/4-103-1: Prozesse 1949-1959 [ASig 033/160].

{69} Aktenvermerk, Berlin, 4. 8. 1958, in: ADCV, ADCV, 121/30 - 287 P, 02: Hilfe für Inhaftierte in der DDR/Gnadengesuche.

 


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noch immer nicht nachgekommen worden. Nicht zuletzt auf dem bevorstehenden 78. Deutschen Katholikentag {70} - so sei zu vermuten - werden Fragen gestellt werden, wie es um die Jesuiten bestellt sei {71}.

Anfang September wurde durch das Ordinariat ein Berliner Rechtsanwalt mit der Vertretung und Verteidigung der Patres beauftragt {72}, später noch ein Rechtsanwalt aus dem thüringischen Eisenach {73}. Ende September teilte der Staatsanwalt mit, dass seitens der Ermittlungsbehörde beim Generalstaatsanwalt für alle vier Patres eine Verlängerung der Ermittlungsfrist um vier Wochen beantragt und bewilligt worden sei {74}. Anfang November gab Bischof Döpfner seine bisher im Interesse der verhafteten Patres geübte öffentliche Zurückhaltung auf. Bei der Firmung in Biesdorf-Süd erklärte er öffentlich: Wenn der Bischof in eine Gemeinde kommt, - zumal, wenn dies zum ersten Mal geschieht, ist es ihm selbstverständlich, den priesterlichen Mitbrüdern zu danken, die dort ihre Seelsorgsaufgaben im Auftrage des Bischofs erfüllen. Bei Euch in Biesdorf-Süd ist dieses Gedenken und dieser Dank des Bischofs besonders innig und schmerzlich. Euer Seelsorger, P. Rüter, ist ... verhaftet zusammen mit drei anderen Mitbrüdern der "Gesellschaft Jesu" ... Das Wirken dieser vier Priester des Jesuitenordens vollzog sich vor unser aller Augen zum Besten des katholischen Volkes. Sie haben Tausenden von Gläubigen Stärkung und Freude zur Erfüllung ihrer täglichen Pflichten vermittelt. So spreche ich ihnen in dieser Zeit schwerer Prüfung den Dank der Kirche aus ... Wir gedenken

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{70} 78. Deutscher Katholikentag vorn 13. bis 17. August 1958 in Berlin.

{71} Julius Döpfner, Berlin, 9. 8. 1958, an Generalstaatsanwalt der DDR, Dr. Melsheimer, in: ADCV, 121/30 - 287 P, 02: Hilfe für Inhaftierte in der DDR/Gnadengesu che, sowie in: DAB, I/4-103-1: Prozesse 1949-1959 [ASig 033/160].

{72} Generalvikar Prange, Berlin, 3. September 1958, an Rechtsanwalt Puwalla, in: ADCV, 121/30 - 287 P, 02: Hilfe für Inhaftierte in der DDR/Gnadengesuche. - Auch der vor allem durch seine Vermittlungen beim Austausch von Agenten im Kalten Krieg bekannt gewordene Berliner Rechtsanwalt Wolfgang Vogel (1925-2008), später offizieller Beauftragter des DDR-Staatschefs Erich Honecker für humanitäre Fragen und entscheidend mit Häftlingsfreikauf und Familienzusammenführungen betraut, war wohl in das Verfahren eingebunden. Prälat Zinke hatte ihn bereits 1956 um anwaltliche Hilfe für Menschen gebeten, die sich dem Caritasverband anvertraut hatten. - Vgl. WOLFGANG VOGEL, Erinnerungen an meine anwaltlichen Kontakte zum Deutschen Caritasverband, in: CHRISTOPH KÖSTERS (Hg.), Caritas in der SBZ/DDR 1945-1989. Erinnerungen, Berichte, Forschungen (Paderborn u. a. 2001) S. 137-141, hier: S. 137.

{73} Rechtsanwalt Dr. jur. W. Braun, Eisenach, 3. 12. 1958, an Prälat Zinke, in: ADCV, 121/30 - 287 P, 02: Hilfe für Inhaftierte in der DDR/Gnadengesuche.

{74} Aktenvermerk, 26. 9. 1958, Abschluss des Ermittlungsverfahrens, in: ADCV, 121/30 - 287 P, 02: Hilfe für Inhaftierte in der DDR/Gnadengesuche. - Dies teilte am 26. 9. auch Rechtsanwalt Puwalla mit, der nicht mit einer Ansetzung des Verhandlungstermins vor Ende November rechnete und außerdem schon zu diesem Zeitpunkt richtig vermutete, dass die Verhandlung nicht in Berlin, sondern in der DDR an einem Bezirksgericht stattfinden würde; vgl. ebd. - Nach § 107 Strafprozessordnung hätten die Ermittlungsverfahren innerhalb von drei Monaten abgeschlossen werden müssen; vgl. Aktenvermerk Treutler, 2. 8. 1958, in: ebd.

 


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auch der Schwester Anita Weber {75}, die im Zusammenhang mit den vier Jesuitenpatres kurz danach - Ende Juli dieses Jahres - verhaftet wurde, und schließen bei dieser Gelegenheit in unser brüderliches Gedenken auch die elf katholischen Männer von Rathenow ein, die im Juli dieses Jahres verhaftet wurden.

Am 9. 8. schrieb ich an den Herrn Generalstaatsanwalt der DDR mit der Bitte, dienstlichen Aufschluss über die für uns so unerwartete Verhaftung der vier Jesuitenpatres zu geben und den Fall zu einem klärenden Abschluss zu führen. Ich erhielt keine Antwort. Ich habe auf dem Katholiken-Tag am 17. 8. ds. Jahres die Hoffnung ausgesprochen, dass unseren Glaubensbrüdern, Priestern, Ordensleuten und Laien, die festgehalten werden, die gerechte Behandlung zuteil werde und ihnen ehestens die Freiheit zurückgegeben werde. Unsere Hoffnung hat sich nicht erfüllt. So muss ich heute wiederum vor Euch und in aller Namen die Sorge und tiefe Beunruhigung des katholischen Volkes aussprechen über diese für uns unverständlichen Verhaftungen und über die bald vier Monate währende Freiheitsberaubung, ohne dass dafür eine Begründung in Recht und Gerechtigkeit vorliegt. Rechtssicherheit für den einzelnen Menschen ist die Grundlage eines wohlgeordneten menschlichen Gemeinwesens. Wir müssen die besorgte Frage stellen, ob hier das Recht gewahrt ist und müssen die Forderung erheben, dass bald überzeugende Klarheit geschaffen wird. Bei dieser heiligen Opferfeier aber schließen wir in herzlicher Verbundenheit unserer Brüder und Schwestern, die der Freiheit beraubt sind, in unser Gebet ein, dass ihnen bald die Freiheit geschenkt werde und Gott der Herr ihnen in der Zeit der Prüfung seinen Trost und seine Gnade schenke {76}.

Da auch in den westlichen Medien über diese Ansprache des Bischofs berichtet wurde {77}, entfaltete sie eine entsprechende Wirksamkeit {78}. Nun wurde der Gerichtstermin in Frankfurt/Oder kurzfristig angesetzt.

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{75} Anita (eigentlich Anna) Weber, geb. 1912 in Würzen/Krs. Trebnitz, 1932 Eintritt in die Kongregation der Schwestern vom Göttlichen Herzen Jesu, 1938 Ewige Gelübde, 1952 Austritt aus der Kongregation. - Frdl. Mitteilung von Sr. Regine Wertz CDC, Bad Münstereifel, 16. 8. 2011, in: ADPSJ, Abt. 174/4, Eing. 360/2011. - Sr. Anita kam in der Zeit der Verhaftung der vier Jesuiten (zufällig) nach Biesdorf, wurde Ende Juli verhaftet und schließlich nach dem Prozess gegen die Jesuiten freigelassen. - Vgl. J. ANTLITZ, Prozeß (wie Anm. 24) S. 3 f.

{76} Erklärung des Bischofs von Berlin bei der Firmung in Biesdorf-Süd, 2. 11. 1958, in: DAB, I/4-103-1: Prozesse 1949-1959 [ASig 033/160]. - Z. T. auch in: A. ROTHE, Geschichte II (wie Anm. 9) S. 9. - Historia Generalis Provinciae Germaniae Orientalis anni 1958, in: ADPSJ, Abt. 45 A, Nr. C 6.

{77} Vermerk über Sendung von RIAS-Berlin, am Sonntag, 2. 11. 1958, in: ADCV, 121/30 - 287 P, 02: Hilfe für Inhaftierte in der DDR/Gnadengesuche. - Aktenvermerk, 15. 12. 1958, in: ebd., sowie in: DAB, I/4-103-1: Prozesse 1949-1959 [ASig 033/160].

{78} Auch in der Folge spielte die Berichterstattung in westlichen und östlichen Medien für die Vorbereitung und Durchführung des Prozesses und auch für die anschließende "Aufarbeitung" eine gewisse Rolle. - Vgl. z. B. die Sammlung von Pressemeldungen in: ADCV, 121/30 - 287 P, 02: Hilfe für Inhaftierte in der DDR/Gnadengesuche; darin u. a.: 15. 12. 1958, Bericht in der Neuen Züricher Zeitung: Prozesse gegen Katholiken in der deutschen Sowjetzone. Versuch zur Zermürbung der Katholischen Kirche. - 23. 12. 1958, Bericht im Neuen Deutschland: Jesuitenpater als Agent. Spionage und Abwerbung unter klerikalem Deckmantel. - 23. 12. 1958, Bericht in der Berliner Zeitung: Missbrauch des kirchlichen Amtes. Angeklagte Jesuiten wegen Spionage und Abwerbung verurteilt. - 22. 12. 1958, KNA-Meldung 298: Zuchthaus im Jesuitenprozess. - 24. 12. 1958, KNA-Meldung 300: Aufruf zu Gebet und Buße. - 23. 12. 1958, KNA-Meldung 299: Empörung über Terrorjustiz. Protesttelegramme an das Bezirksgericht Frankfurt/Oder - Einzelheiten vom Prozess gegen die vier Jesuiten. - Vgl. auch die Sammlung von Presse-Meldungen, in: HAEK, CR II, 25.20b,35; darin u. a.: KNA-Nr. 292, 15. 12. 1958/B. - KNA-Nr. 295, 18. 12. 1958. - KNA-Nr. 1, 3. 1. 1959. - Kölnische Rundschau, Nr. 3, 5. 1. 1959. - Echo der Zeit, Nr. 2, 11. 1. 1959. - Westfälische Nachrichten, Münster/W., 12. 1. 1959. - Neue Tagespost, Osnabrück, 12. 1. 1959. - Stuttgarter Zeitung, 12. 1. 1959. - Nordwest-Zeitung. Oldenburger Nachrichten, 12. 1. 1959. - Süddeutsche Zeitung, 14. 1. 1959. - Münchener Katholische Kirchenzeitung, 25. 1. 1959. - KNA-Pressedienst, Nr. 37, 13. 2. 1959. - Petrusblatt, Berlin, Nr. 8, 22. 2. 1959.

 


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Der Prozess in Frankfurt/Oder

Nach mehr als viermonatiger Untersuchungshaft fand der Prozess schließlich am 17. und 18. Dezember 1958 statt. Das Verfahren war an das Bezirksgericht Frankfurt/Oder abgegeben worden. Durch die Verlegung in den äußersten Osten der DDR erhoffte man sich wohl vor allem, dass die westliche Öffentlichkeit weniger Notiz von dem Prozess nehmen würde. Den Gepflogenheiten der politischen DDR-Justiz entsprechend, standen die Verurteilung und im Wesentlichen auch das Strafmaß bereits vor dem Prozess fest {79}. Die Festsetzung des Prozesstermins erfolgte überraschend am 11. Dezember, so dass die Verteidiger nur kurzfristig in die Unterlagen Einsicht nehmen konnten {80}. Am ersten Verhandlungstag wurden die Angeklagten vernommen und die Anklage vorgetragen, am zweiten Tag die Zeugen vernommen und die Plädoyers der Staatsanwälte und der Verteidiger sowie die Schlussworte der Angeklagten

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{79} Vgl. Staatsanwalt Kluth, 12. 12. 1958, an die Oberste Staatsanwaltschaft der DDR, Berlin, betr. Strafsache gegen Robert Frater und 3 andere, in: BStU, MfS AU 100/59, Bd. 1, Bl. 127 f. - Dort heißt es: Nach Lage der Akten ist für Frater und andere folgendes Strafmaß vorgesehen: 1. Robert Frater ... Gesamtstrafe - 4 Jahre, 6 Mon. Zuchth.; 2. Wilhelm Rueter Gesamtstrafe - 1 Jahr, 10 (hsr korr.: 6) Mon. Ges.: 3. Josef Müldner ... Gesamtstrafe - 1 Jahr, 8 Mon. (hsr. korr.: 1,3); 4. Josef Menzel ... Gesamtstrafe - 3 Jahre, 8 Mon. Gefgs. - Vgl. zur Anklage im Einzelnen: Der Staatsanwalt des Bezirkes Frankfurt (Oder), 11. 12. 1958, an den I. Strafsenat des Bezirksgerichtes Frankfurt (Oder), in: ebd. Bd. 10, Bl. 103-139.

{80} Vgl., auch zum Folgenden: Betr.: Verhandlung gegen die vier Jesuitenpatres, Frankfurt/O. am 17. und 18. 12. 1958, in: ADCV, 121/30 - 287 P, 02: Hilfe für Inhaftierte in der DDR/Gnadengesuche. - Betr.: Prozess gegen die am 22. und 23. Juli 1958 in Berlin- Biesdorf verhafteten Jesuiten-Patres, in: ebd. - Betr.: Strafverfahren gegen katholische Laien und Geistliche in der DDR im Dezember 1958, in: ebd. - Der Frankfurter Prozess, in: ebd. - Betr. Gerichtsverfahren, 29. 12. 1958, in: ebd. - Strafverfahren gegen vier Jesuiten-Patres [30. 1. 1959], in: ebd. - Bemerkungen zur Verurteilung der 4 in Biesdorf verhafteten Jesuiten-Patres, in: ebd. - Erfahrungsbericht, in: ebd. - Folgerungen aus den Prozessen gegen Geistliche, in: ebd. - Robert Frater, Beilage über meine Hafterlebnisse und Gründe zum Verlassen der Ostzone, in: ebd. - Ein (weitgehend hsr.) Protokoll der Verhandlung am 17. und 18. 12. von staatlicher Seite, vgl. in: BStU, MfS AU 100/59, Bd. 10, Bl. 180-236. - Ferner: Sitzungsbericht, Frankfurt (Oder), 30. 12. 1958, in: BStU, MfS AU 100/59, Bd. 1, Bl. 156-207. - Vgl. auch: A. ROTHE, Geschichte II (wie Anm. 9) S. 10-12. - J. ULLRICH, Prozeß (wie Anm. 32) I, S. 115-117, u. II, S. 157 f.

 


149

gehalten. Der Prozess fand nominell in öffentlicher Sitzung statt, doch setzten sich die etwa 40 Teilnehmer ausschließlich aus politisch zuverlässigen Delegierten sozialistischer Betriebe und Behördenvertretern zusammen. Die Eintrittskarten waren durch das Ministerium für Staatssicherheit ausgegeben worden, bei dem auch sonst die äußere Durchführung des Verfahrens lag. Von kirchlicher Seite konnte nur ein Vertreter des Jesuitenordens {81} teilnehmen. Vertreter des Ordinariats oder Verwandte der Angeklagten waren nicht zugelassen.

Bereits am Abend des ersten Verhandlungstages habe auch dem bescheidensten Gemüt klar sein müssen, dass es nur durch künstlichste Konstruktionen möglich gewesen sei, die vier Jesuiten gemeinsam auf die Anklagebank zu setzen, hieß es in einem Bericht über den Frankfurter Prozess für das Kommissariat der Fuldaer Bischofskonferenz {82}. Von konspirativer Tätigkeit sei dann im Prozess auch nicht mehr die Rede gewesen. Jede Bestätigung des Gesichtes, das die Propaganda dem Jesuitenorden als hinterhältiger, raffinierter, in der Wahl seiner Mittel skrupelloser Vorkämpfer einer der jeweils ärgsten Reaktion verpflichteten Kirche {83} ungeschminkt hatte, sei ausgeblieben.

Die Patres waren verschiedener "Straftaten" angeklagt, an denen das Gericht unterschiedliches Interesse zeigte. Eher im Hintergrund blieben - im Unterschied zu den Vorwürfen der staatsgefährdenden Hetze und der Abwerbung - die Verstöße gegen die Bestimmungen über die Einfuhr von Zahlungsmitteln. Hier war auch das Strafmaß verhältnismäßig niedrig. Dies galt ebenso für die angeblich illegale Einfuhr von Mopeds, bei deren Behandlung sich schon die ganze Unsachlichkeit des Verfahrens zeigte, für das man aus allen Ecken hatte Anklagepunkte zusammenkratzen {84} müssen, um überhaupt einen Prozess durchführen zu können. Zum Zeitpunkt, als P. Menzel nämlich jene Mopeds ganz offen in die DDR einführte, war eine solche Einfuhr noch gar nicht verboten. Der Pater wurde hier nach einem erst später in Kraft getretenen

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{81 Es handelte sich um P. Herbert Gorski SJ (*1911, aus dem Orden ausgetreten 1971). Nachdem der Regionalobere für die Jesuiten in der DDR, P. Georg Sunder (1906-1994), nach den Verhaftungen im Sommer 1958 nicht nach Ostberlin und in die DDR zurückkehren konnte, waren seine Aufgaben als Regionaloberer P. Gorski übertragen worden, der seit 1957 als Superior der Leipziger Jesuitenniederlassung fungierte. - Vgl. z. B. Karl Wehner, Prov. Germ. Or. 58/11, Berlin, 19. 8. 1958, in: ADPSJ, Abt. 45 A, Nr. D 20. - Ferner in: ARSI, Praep. Prov. 1958 (frdl. Hinweis von Prof. P. Dr. Klaus Schatz SJ, Frankfurt/St. Georgen). - Karl Wehner, Praep. Prov. Germ. Or. 59/1, Berlin, 10. 1. 1959, in: ADPSJ, Abt. 45 A, Nr. D 20; auch in: ARSI, Praep. Prov. 1959 (frdl. Hinweis von Prof. P. Dr. Klaus Schatz SJ, Frankfurt/St. Georgen). - Vgl. auch den Bericht von Jürgen Antlitz, der als Zeuge zum Prozess geladen und zuvor mit P. Gorski zusammengetroffen war: J. ANTLITZ, Prozeß (wie Anm. 24) S. 4 f.

{82} Der Frankfurter Prozess (wie Anm. 80).

{83} So im Buch des SED-Ideologen GEORG KLAUS, Jesuiten - Gott - Materie. Des Jesuitenpaters Wetter Revolte wider Vernunft und Wissenschaft (Berlin ²1958); hier nach: ebd. S. 1.

{84} Ebd.

 


150

 

(Staatliches) Protokoll über den Prozessverlauf (Kopie BStU)

 


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Der Urteilsspruch gegen die vier Jesuiten im Protokoll über den Prozessverlauf (Kopie BStU)

 


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Gesetz bestraft, abgesehen von der Tatsache, dass durch die Einfuhr niemand zu Schaden gekommen war, vielmehr die Mopeds als Hilfsmittel für die Diasporaseelsorger dienten {85}.

Dem Hauptangeklagten, P. Frater, wurde Spionage in Tateinheit mit Abwerbung (Zusammenarbeit mit dem Bundesverfassungsschutz), staatsgefährdende Hetze (auf seinem Zimmer wurden westliche Zeitschriften gefunden), Beihilfe zur Republikflucht (von Verwandten und des erwähnten Ehepaares) und der unerlaubte Besitz von DM 47,- zur Last gelegt. Obwohl P. Frater den Vorwurf der Spionage in Tateinheit mit Abwerbung bis zuletzt vehement bestritt und sich die Anklage lediglich auf das fragwürdige (vermutlich erpresste) {86} Zeugnis des verhafteten Ehepaares stützte, wurde er allein in diesem Punkt zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt. Bezeichnend für die Vorgehensweise des Gerichts ist die Tatsache, dass wie schon in der Untersuchungshaft auch im Prozessverlauf die schwere Kriegsverletzung P. Fraters keine Rücksicht fand. Eine medizinische Untersuchung P. Fraters hatte das Gericht abgelehnt. Als besonders perfide muss der Umgang mit dem Beichtgeheimnis angesehen werden. Die zustimmende Antwort des Ehepaares auf die Suggestivfrage, ob sie in der DDR geblieben wären, wenn P. Frater ihnen das in der Beichte geraten hätte, wurde als Belastung des Paters gewertet, während dieser bei Wahrung des Beichtgeheimnisses keine Auskunft darüber geben konnte, ob solche Erwägungen überhaupt jemals Gegenstand der Beichtgespräche gewesen sind. P. Fraters Verhältnis zu den Eheleuten, deren Beichtvater er seit langer Zeit war, wurde im Verfahren so dargestellt, dass diese alles getan hätten, was der Pater ihnen geraten hätte, dass er also sein Amt missbraucht und unter dem Deckmantel des Priesteramtes Spionage und Abwerbung betrieben habe. Der Besitz westlicher (theologischer oder Ordens-)Zeitschriften wurde als staatsgefährdende Hetze und Propaganda mit einem Jahr Gefängnis und der Devisenbesitz mit drei Monaten belegt. Die Einzelstrafen wurden zu einer Gesamtstrafe von vier Jahren und vier Monaten zusammengezogen.

P. Menzel erhielt wegen Verleitung Jugendlicher zum Verlassen der DDR (es ging um ein Gespräch mit einem Kandidaten, mit dem er das Für und Wider eines Ordenseintritts und des damit verbundenen Studiums im Westen abgewogen hatte) {87} ein Jahr und sechs Monate, wegen staatsgefährdender Hetze und Propaganda (bei P. Menzel war sein Tagebuch gefunden worden, in dem er

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{85} Ebd., hier: S. 2.

{86} Die Eheleute waren zum Zeitpunkt ihrer Aussagen im Prozess gegen P. Frater selbst noch nicht verurteilt. Es liegt nahe, dass die Höhe der gegen sie verhängten Strafe davon abhängig gemacht wurde, ob sie die geforderten Belastungen gegen P. Frater vorbringen würden. Der Ehemann machte im Prozess einen völlig gebrochenen Eindruck, brach mehrfach in Tränen aus etc., was auf seine Behandlung in der Untersuchungshaft schließen lässt. - Vgl. ebd. S. 3.

{87} Vgl. Bericht Kardinal Döpfners auf der Sitzung der BOK am 26/27. 1. 1959, in: DAB, ASig 31/51, Bl. 349-365, gedr. in: MARTIN HÖLLEN, Loyale Distanz? Katholizismus und Kirchenpolitik in SBZ und DDR - Ein historischer Überblick in Dokumenten, Bd. 2 (1956 bis 1965) (Berlin 1997) S. 152-154, hier: S. 153 f.

 


153

gelegentlich seinem Herzen Luft machte; dass er dies auch vor Dritten getan hat, konnte ihm nicht nachgewiesen werden, wurde aber vorausgesetzt; hinzu kam der Besitz westlicher Zeitschriften - einzelne Nummern der Jesuitenzeitschrift Katholische Missionen und der Westberliner Kirchenzeitung Petrusblatt) ein Jahr, wegen der erwähnten, angeblich illegalen Einfuhr von sechs (für die Seelsorge benötigten) Mopeds sieben Monate sowie für die unerlaubte Einfuhr von Zahlungsmitteln ein Jahr, zusammen als Gesamtstrafe drei Jahre und vier Monate.

P. Rueter bekam wegen Beihilfe zur Republikflucht (Abwerbung) (er hatte unter anderem einem Mann aus seiner früheren Gemeinde, der in den Westen gegangen war, im Jahr 1950 [!] bescheinigt, dass er ein eifriges Gemeindemitglied sei und ihn deshalb der Unterstützung empfohlen) {88} zehn Monate Gefängnis und wegen staatsgefährdender Hetze (man hatte bei ihm fünf Nummern des Petrusblattes gefunden) acht Monate, als Gesamtstrafe ein Jahr und fünf Monate.

P. Müldner schließlich war wegen der nicht genehmigten Einfuhr von Geld, wegen des Besitzes westlicher Zeitschriften und wegen des Abhörens westlicher Sender angeklagt worden. Er erhielt ein Jahr Gefängnis wegen staatsgefährdender Hetze und Propaganda sowie zehn Monate wegen Devisenvergehen, als Gesamtstrafe ein Jahr und drei Monate Gefängnis, die zur Bewährung ausgesetzt wurden, so dass er nach dem Urteil aus der Haft entlassen wurde.

Von einem rechtsstaatlichen Verfahren konnte natürlich weder bei den Ermittlungen noch beim Prozess die Rede sein. Die Verhaftungen waren durch die Staatssicherheit veranlasst worden, in deren Händen auch die weiteren Untersuchungen lagen und in deren Gewahrsam die vier Verhafteten bis zum Hauptverhandlungstermin waren. Als Verteidiger waren nur Anwälte erlaubt, die von der DDR zugelassen waren. Obwohl man - nicht zuletzt auf bischöfliche Vermittlung - gute, der Kirche wohl gesonnene Anwälte hatte finden können, waren diese in ihren Möglichkeiten hinsichtlich einer effektiven Verteidigung sehr eingeschränkt. Abgesehen von der Tatsache, dass sie schon deshalb äußerst vorsichtig vorgehen mussten, um ihre eigene Zulassung nicht zu gefährden, waren ihre Möglichkeiten auch sonst massiv beschnitten, wenn sie etwa - wie erwähnt - erst drei Tage vor Prozessbeginn erstmals Einblick in die (400 Seiten umfassende) Anklageschrift erhielten oder überhaupt erst kurz vor Prozessbeginn Kontakt mit den Verhafteten aufnehmen konnten {89}.

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{88} Vgl. ebd. S. 154.

{89} Vgl. Strafverfahren gegen katholische Laien und Geistliche (wie Anm. 80) S. 5: Die einzige Fühlungnahme der Verteidiger mit den Angeklagten bestand darin, dass den Angeklagten die Prozessvollmacht für die Verteidiger zur Unterschrift vorgelegt worden war. Jede andere Verbindung mit den Angeklagten war abgeschnitten.

 


154

Pressebericht vom 23. Dezember 1958 in der (Ost-)Berliner Zeitung über die Verurteilung der vier Jesuitenpatres - Berliner Zeitung, 14/299 (Dienstag, 23. 12. 1958) S. 2.

 

P. Menzel hat später im Zusammenhang mit seinem Rehabilitierungsverfahren nach der politischen Wende von 1989/90 von der Absurdität des Prozesses berichtet: {90}

Er habe in Rom (am Russicum) studiert: Nach SED-Deutung hieß das: Menzel wurde eigens in Rom, dem Zentrum des Widerstandes gegen Weltfrieden und Sozialismus, ausgebildet und geschult.

Nach Beendigung des Studiums in Rom kam er 1948 zurück nach Pullach, wo er im Kolleg des Ordens bis zum Beginn des Terziats im Herbst Ferien machte: Für die SED war klar, er wurde durch den in Pullach stationierten Geheimdienst für seine zukünftige Aufgabe in der sowjetisch besetzten Zone weiter geschult.

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{90} J. MENZEL, Haft (wie Anm. 57).

 


55

Menzel wurde nach Magdeburg versetzt, von wo aus er überpfarrlich bald über das Erzbischöfliche Kommissariat hinaus tätig war. Er brauchte ein Auto. Die sichergestellten Tankrechnungen bewiesen die zahlreichen, weiten Fahrten: Für die Untersuchungsbehörden war klar - Menzel hatte seine Agententätigkeit voll aufgenommen.

Das Urteil wurde am 20. Dezember 1958 verkündet. Es lautete: Im Namen des Volkes! Es werden verurteilt: 1) der Angeklagte Frater wegen Spionage, wegen staatsgefährdender Propaganda und Hetze und wegen illegaler Einfuhr von Zahlungsmitteln zu einer Gesamtstrafe von 4 - vier -Jahren u. 4 - vier - Monaten Zuchthaus; 2) der Angeklagte Menzel wegen Verleitung zur Republikflucht, wegen staatsgefährdender Propaganda und Hetze, wegen illegaler Einfuhr von Waren und wegen illegaler Einfuhr von Zahlungsmitteln zu einer Gesamtstrafe von 3 - drei -Jahren u. 4 - vier - Monaten Gefängnis; 3) der Angeklagte Müldner wegen staatsgefährdender Propaganda und Hetze und wegen illegaler Einfuhr von Zahlungsmitteln zu einer Gesamtstrafe von 1 - einem -Jahr u. 3 - drei - Monaten Gefängnis; 4) der Angeklagte Rueter wegen Verleitung zur Republikflucht und wegen staatsgefährdender Propaganda und Hetze zu einer Gesamtstrafe von 1 - einem -Jahr u. 5 - fünf - Monaten Gefängnis. Die Untersuchungshaft wurde angerechnet; die Angeklagten hatten die Kosten des Verfahrens zu tragen. {91}

 

Das weitere Schicksal der Verurteilten

Die nach dem Urteil eingereichten Berufungen {92} - nur P. Müldner war nach dem Urteil entlassen worden - wurden am 9. Januar 1959 als unbegründet zurückgewiesen {93}. Im Falle von P. Frater hatten auch Hinweise auf seine schwere Kriegsverletzung und entsprechend beigebrachte ärztliche Atteste keine Wirkung erzielen können {94}. Das Fehlen jeglicher rechtsstaatlicher Verhältnisse

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{91} Protokoll der Verhandlung am 17. und 18. 12. von staatlicher Seite, in: BStU, MfS AU 100/59, Bd. 10, Bl. 236. - Ferner Sitzungsbericht, Frankfurt (Oder), 30. 12. 1958, in: BStU, MfS AU 100/59, Bd. 1, Bl. 206 f.

{92} Auch in der Berufung wurden die Patres durch die Rechtsanwälte Puwalla und Braun vertreten. - Vgl. Heinz W. Puwalla, Rechtsanwalt, 23. 12. 1958 [Abschrift], in : ADCV, 121/30 - 287 P, 02: Hilfe für Inhaftierte in der DDR/Gnadengesuche, sowie in: DAB, I/4-103-1: Prozesse 1949-1959 [ASig 033/160]. - Dr. jur. W. Braun, Rechtsanwalt, Eisenach, 24. 12. 1958 [Abschrift], in: ADCV, ebd., sowie in: DAB, ebd.

{93} ... Die dagegen eingelegten Berufungen stellen sich im Ergebnis der Überprüfung des angefochtenen Urteils als offensichtlich unbegründet dar. - Vgl. Oberstes Gericht der DDR, Beschluss vom 9. Jan. 1959 , in: ADCV, 121/30 - 287 P, 02: Hilfe für Inhaftierte in der DDR/Gnadengesuche, sowie in: DAB, I/4-103-1: Prozesse 1949-1959 [ASig 033/160]. - Ferner eine Abschrift des Beschlusses im Nachlass P. Rueters: ADPSJ, Abt. 47, Nr. 460.

{94} Ziel der Bemühungen war, zumindest zu erreichen, dass P. Frater in ein Haft-Krankenhaus überstellt würde. - Vgl. Betr. Strafverbüßung der 3 Jesuitenpatres Frater, Menzel und Rueter, in: ADCV, 121/30 - 287 P, 02: Hilfe für Inhaftierte in der DDR/Gnadengesuche, sowie in: DAB, I/4-103-1: Prozesse 1949-1959 [ASig 033/160]. - Bemühungen um Strafaussetzung vgl. in: ADPSJ, Abt. 47, Nr. 460. - Gnadengesuche, Anträge auf Strafaussetzung etc. wurden mehrfach auch durch die Anwälte und durch die nächsten Verwandten gestellt. - Vgl. ebd.; ferner in: ADPSJ, Abt. 252 C 505, Nr. 126,7 u. ö.

 


156

Schreiben der Strafvollzugsanstalt Bautzen an P. Rueters Mutter
betr. Verweigerung des Breviers - ADPSJ, Abt. 47, Nr. 460.

 

prägte auch die Haftzeit: P. Frater und P. Rueter wurden die gesamte Zeit, P. Menzel einen großen Teil der Zeit in Einzelhaft gehalten. Die Patres durften weder selbst die hl. Messe feiern noch an einer Gemeinschaftsmesse teilnehmen oder durch den Anstaltsseelsorger die Kommunion empfangen. Selbst ein Brevier wurde ihnen verwehrt {95}. Besuch von Verwandten durften sie vierteljährlich empfangen - soweit diese in Ost-Berlin oder in der DDR wohnten

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{95} Vgl. zu den Bemühungen u. a.: Prälat Zinke, 5. 8. 1959, an Regierung der DDR, Ministerium des Innern, Verwaltung Strafvollzug, Berlin, in: ADCV, 121/30 - 287 P, 02: Hilfe für Inhaftierte in der DDR/Gnadengesuche. - B. Spittank, Bautzen, 27. 6. 1959, an Bischof Spülbeck, Bautzen (Durchschrift), in: ebd. - Spittank, Pfarrvikar, Bautzen, 31. 3. 1960, an Ordinariat Bautzen [Abschrift], in: ebd. - Vgl. hier auch die langwierigen Bemühungen im Frühjahr 1960, den Gefangenen durch den zuständigen Geistlichen die Osterkommunion bringen zu dürfen. - Dazu auch die Bemühungen des Kommissariats der Fuldaer Bischofskonferenz unter Prälat Zinke, in: ADPSJ, Abt. 45 A, Nr. D 43. - Erst Anfang Juli 1960 konnte dem Generaloberen in Rom berichtet werden, dass die beiden noch inhaftierten Jesuiten erstmals eine seelsorgliche Betreuung durch den zuständigen Gefängnisgeistlichen in Bautzen erfahren hatten. - Vgl. Herbert Gorski, 1. 7. 1960, Litterae Consultoris, in: ARSI, Consultores 1960 (frdl. Hinweis von Prof. P. Dr. Klaus Schatz SJ, Frankfurt/St. Georgen).

 


157

Der erste Brief Pater Rueters aus der Haft vom 12. März 1959
ADPSJ, Abt. 47, Nr. 460.

 

(sonst nur halbjährlich) {96}. Einmal monatlich war ihnen ein Brief an die nächsten Angehörigen gestattet. Nur von diesen allein durften sie Postsendungen

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{96} Die seltenen Besuche der nächsten Angehörigen erfolgten stets unter Polizeiaufsicht, so dass auch hierbei nur schwierig Mitteilungen - etwa des Provinzials - an die Gefangenen weitergegeben werden konnten. Gelegentlich berichteten die Angehörigen über ihre Besuche in der Haft. - Vgl. hierzu u. a. die Korrespondenz des ostdeutschen Provinzialats mit den Schwestern P. Fraters und P. Rueters, in: ADPSJ, Abt. 252 C 505, Nr. 126,7, Abt. 252 C 480, Nr. 123,1, und Abt. 45 A, Nr. D 42. - Offensichtlich wollten die Behörden bei den Gefangenen gezielt den Eindruck entstehen lassen, man überlasse sie seitens des Ordens ohne jede Hilfe ihrem Schicksal. - Vgl. Paul Mianecki, Praep. Prov. Germ. Or. 60/35, Berlin, 11. 6. 1960, in: ADPSJ, Abt. 45 A, Nr. D 20; auch in: ARSI, Praep. Prov. 1960 (frdl. Hinweis von Prof. P. Dr. Klaus Schatz SJ, Frankfurt/St. Georgen). - Kardinal Döpfner berichtete über Informationen, dass die DDR-Justiz bestimmte Gefangene nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich zu isolieren suche. Zu diesen gehörten auch die inhaftierten Jesuiten, wie in einem Schreiben an den Ordensgeneral vermutet wird. Sie würden nicht nur in Einzelhaft gehalten und auch der Kontakt zu anderen Gefangenen sei unterbunden, sondern es werde alles verhindert bzw. nicht weitergegeben, was sie aufrichten oder trösten könnte. So müsse bei ihnen der Eindruck entstehen, sie seien aufgegeben und niemand denke mehr an sie. Auch P. Rueter, der durch seine Schwester der unter den Jesuiten am besten Versorgte war, habe berichtet, das Allermeiste, was für ihn getan worden sei, erst nach seiner Entlassung erfahren zu haben. - Vgl. Alfred Rothe, Berlin, 1. 7. 1960, Litterae Consultoris Proviniciae Germaniae Orientalis, in: ARSI, Consultores 1960 (frdl. Hinweis von Prof. P. Dr. Klaus Schatz SJ, Frankfurt/St. Georgen).

 


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empfangen {97}. Noch im Februar 1959 war trotz intensiven Bemühens der Rechtsanwälte nicht einmal bekannt, in welcher Strafanstalt die Patres ihre Haft verbüßten {98}. Nach Abweisung der Berufungen blieben auch die Anträge auf Kassation des Urteils {99} sowie verschiedene Gnadengesuche {100} ohne Erfolg. Durch die umfangreichen Ermittlungen, so ein Schreiben der Ostberliner Präsidialkanzlei im Juni 1959, sei erwiesen, dass die Verurteilten äußerst verwerfliche Handlungen begangen hätten. Für sie sei ein längerer Umerziehungsprozess im Strafvollzug notwendig, damit sie in Zukunft die Gesetze der Arbeiter-und-Bauern-Macht achten würden {101}.

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{97} A. ROTHE, Geschichte II (wie Anm. 9) S. 12 f., mit Verweis auf: Historia Generalis Provinciae Germaniae Orientalis anni 1958, in: ADPSJ, Abt. 45 A, Nr. C 6, sowie: Rundbrief der Ostdeutschen Provinz SJ, Nr. 4/1959 und Nr. 6/1959, in: ADPSJ, Abt. 74, Nr. Gfa. - J. ULLRICH, Prozeß (wie Anm. 32) II, S. 160. - P. Rueters Briefe aus der Haft haben sich in seinem Nachlass erhalten. Den ersten Brief durfte er sieben Monate nach der Verhaftung, am 12. März 1959, schreiben. - Vgl. in: ADPSJ, Abt. 47, Nr. 460 und Abt. 252 C 505, Nr. 126,7. - P. Fraters erster Brief aus der Haft (an seine Mutter) stammt vom 28. 2. 1959. - Vgl. Auszüge aus den Briefen von P. Frater an seine Mutter, in: ADPSJ, Abt. 252 C 480, Nr. 123,1.

{98} Dr. jur. W. Braun, Eisenach, 21. 2. 1959, an Staatsanwalt des Bezirks Frankfurt/O., in: ADCV, 121/30 - 287 P, 02: Hilfe für Inhaftierte in der DDR/Gnadengesuche. - P. Rueters Schwester erhielt am 21. 2. 1959 Nachricht, dass ihr Bruder in Bautzen inhaftiert sei. - Vgl. Maria Rueter, Berlin-Karlshorst, 21. 2. 1959, an den Leiter der Strafvollzugsanstalt Bautzen, in: ADPSJ, Abt. 47, Nr. 460.

{99} Nach Verwerfung der Berufung räumte die DDR-Strafprozessordnung formal noch die Möglichkeit eines Kassationsantrages ein, der durch den Bischof beim Ministerpräsidenten der DDR bzw. durch das Ordinariat beim Justizminister und beim Generalstaatsanwalt gestellt werden sollte. - Vgl. Aktenvermerk, 23. 1. 1959, betr. weitere Schritte in der Angelegenheit der Jesuitenpatres, in: ADCV, 121/30 - 287 P, 02: Hilfe für Inhaftierte in der DDR/Gnadengesuche.

{100} Verschiedene Gnadengesuche und deren Ablehnungen in: ADCV, 121/30 - 287 P, 02: Hilfe für Inhaftierte in der DDR/Gnadengesuche.

{101} Der Präsident der DDR, Präsidialkanzlei, Berlin-Niederschönhausen, 17. 6. 1959, an Philipp Arand, Erfurt, in: ADCV, 121/30 - 287 P, 02: Hilfe für Inhaftierte in der DDR/Gnadengesuche. - Weiter heißt es in dem Schreiben: Erst nachdem die Verurteilten eine angemessene Zeit im Strafvollzug verbracht haben, wird der Staatsanwalt prüfen, ob der Strafzweck als erreicht angesehen werden kann und gegebenenfalls beim Gericht einen Antrag auf bedingte Strafaussetzung stellen.

 


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Bei den Katholiken im Westen kam es zum Teil zu beindruckenden Solidarisierungen, doch blieben zur Unterstützung der Verurteilten "nur" geistliche Mittel. Der Kölner Kardinal Frings rief die Katholiken seines Erzbistums am 15. Januar 1959 mit einem Schreiben zu fürbittendem Gebet und Gottesdienst auf. Darin heißt es: Den Weihnachtsmonat 1958 werden unsere getrennten Brüder in der Ostzone nicht mehr vergessen können. Der Kampf gegen den Glauben ist in ein neues Stadium getreten. Jene staatliche Einrichtung, die der Gerechtigkeit dienen soll, das staatliche Gericht, hat sich zum Handlanger der Ungerechtigkeit erniedrigt. 4 Jesuitenpatres, deren einzige Schuld darin besteht, dass sie das Wort Gottes mit Kraft zu verkündigen verstanden, 11 ehrenwerte Männer, deren einzige Schuld darin besteht, dass sie an religiösen Einkehrtagen in Westberlin in vollkommen legaler Weise teilgenommen haben, sind mit Gefängnis und Zuchthaus bestraft worden. ... Was wundert es, wenn bei diesen Zuständen in der Ostzone die Flucht zum Westen selbst zu Weihnachten nicht abbricht. ... Wir wären herzlos, wenn wir an den Schicksalen unserer Brüder nicht Anteil nähmen. Wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit (1 Kor 12,26a). Ich rufe daher die Gläubigen des Erzbistums Köln auf an den kommenden Märtyrerfesten, Dienstag, den 20. Januar, dem Tage des Märtyrerpapstes Fabianus und des Märtyrers Sebastianus, ... und Mittwoch, den 21. Januar, am Fest der hl. Märtyrerin Agnes, der verfolgten Kirche zu gedenken. Angeordnet wurden Gedenken der Priester bei der Hl. Messe, Sühne- und Fürbitt-Gottesdienste, öffentliche Kundgebungen, Information der Kinder und Jugendlichen im Religionsunterricht und in den Glaubensstunden {102}.

Kardinal Döpfner dankte Kardinal Frings im Namen seines Bistums und der Katholiken in der DDR zwei Tage später ... In dieser Stunde der Prüfung und Bedrängnis hören die Gläubigen und ihre Priester vom Aufruf des Kardinals von Köln an seine Erzdiözesanen zu Bitt- und Sühnegottesdiensten. Diese Mahnung zum mitsorgenden Gebet schenkt ihnen die tröstliche Gewissheit, dass die Gemeinschaft der Kirche in wacher und verantwortungsvoller Liebe an die Brüder in der Not denkt. Für die verurteilten Priester und Laien und im Namen aller Gläubigen möchte ich als ihr Bischof für dieses anteilnehmende Gebet von Herzen danken. Möge der Herr diese brüderliche Liebe der ganzen Erzdiözese Köln und ihrem von uns allen hochverehrten Oberhirten vergelten und uns allen die Gnade der Bewährung schenken. ... {103}.

Nach Abbüßung seiner Strafe wurde am 21. Dezember 1959 als erster P. Rueter aus der Haft entlassen {104}, bei dem eine alte Lungentuberkulose wieder aufgebrochen war {105}, P. Menzel nach Abbüßung von zwei Dritteln seiner

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{102} Kardinal Josef Frings, Köln, 6. 1. 1959, an die Erzdiözesanen, in: HAEK, CR II, 25.20b,35.

{103} Kardinal Julius Döpfner, Berlin-Zehlendorf, 17. 1. 1959, an Kardinal Josef Frings, in: ebd.

{104} Die Schwester P. Rueters erhielt Anfang des Monats die Nachricht von der bevorstehenden Entlassung. - Vgl. Strafvollzugsanstalt Bautzen, 5. 12. 1959, an Maria Rueter, Berlin-Karlshorst, in: ADPSJ, Abt. 47, Nr. 460.

{105} Vgl. z. B. Karl Wehner, Praep. Prov. Germ. Or. 59/11, Berlin, 16. 9. 1959, in: ADPSJ, Abt. 45 A, Nr. D 20; auch in: ARSI, Praep. Prov. 1959 (frdl. Hinweis von Prof. P. Dr. Klaus Schatz SJ, Frankfurt/St. Georgen). - Auf Nachfrage berichtete die Strafvollzugsanstalt Bautzen an P. Rueters Schwester über seinen Gesundheitszustand. - Vgl. Strafvollzugsanstalt Bautzen, 29. 9. 1959, an Maria Rueter, Berlin-Karlshorst, in: ADPSJ, Abt. 47, Nr. 460, ferner in: ADPSJ, Abt. 252 C 505, Nr. 126,7.

 


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Strafe am 19. November 1960 sowie am 3. Februar 1961 schließlich P. Frater {106}, dem bedingte Strafaussetzung für die Dauer von zwei Jahren gewährt wurde, da er im Strafvollzug ein diszipliniertes Verhalten gezeigt und sich stets bemüht habe, den Anforderungen im Arbeitseinsatz gerecht zu werden. Außerdem habe er die Presse der Sowjetunion und das Neue Deutschland abonniert und ... diese Zeitungen regelmäßig gelesen. Da auch sein sonstiges Verhalten keinen Anlass zu Beanstandungen gegeben habe, könne angenommen werden, dass der Strafzweck erreicht wurde und Frater in Zukunft die Gesetze der Arbeiter- und Bauern Macht achtet {107}.

 

Wirkungsgeschichte des Prozesses

Anfang Januar 1959 schrieb der ostdeutsche Provinzial Karl Wehner {108} an den Generaloberen nach Rom, es scheine nun festzustehen, dass die Grundintention des Prozesses gegen das Wirken der Patres in der Zone überhaupt gerichtet gewesen sei, doch hätte man auf Grund der Verhöre und anderer von außen her wirkender Momente dann davon ablassen müssen {109}. Zumindest für den Prozess gegen P. Frater ist es offenkundig, dass dieser von langer Hand vorbereitet worden ist. Der Festnahme gingen längere Ermittlungen voraus, seine Wohnung wurde abgehört und beobachtet, ebenso seine Kontaktpersonen. Daneben hatte man offenkundig weitere Jesuiten im Visier,

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{106} A. ROTHE, Geschichte II (wie Anm. 9) S. 13, mit Verweis auf: Rundbrief der Ostdeutschen Provinz SJ, Nr. 6/1959, Nr. 6/1960 und 3/1962, in: ADPSJ, Abt. 74, Nr. Gfa. - Zu P. Frater vgl. Aktenvermerk, 6. 2. 1961, in: ADCV, 121/30 - 287 P, 02: Hilfe für Inhaftierte in der DDR/Gnadengesuche.

{107} Beschluss in der Strafsache gegen den Ordensgeistlichen Robert Frater, Frankfurt/Oder, 27. 1. 1961, in: BStU, MfS AU 100/59, Bd. 1.

{108} Karl Wehner (1893-1979), 1936-1942 und 1954-1960 Provinzial der Ostdeutschen Jesuitenprovinz.

{109} Karl Wehner, Praep. Prov. Germ. Or. 59/1, Berlin, 10. 1. 1959, in: ADPSJ, Abt. 45 A, Nr. D 20; auch in: ARSI, Praep. Prov. 1959 (frdl. Hinweis von Prof. P. Dr. Klaus Schatz SJ, Frankfurt/St. Georgen). - Vgl. z. B. auch: Karheinz Riedel, Litterae Consultoris in Domo Magdeburgensi [ohne Datum], in: ARSI, Consultores 1959 (frdl. Hinweis von Prof. P. Dr. Klaus Schatz SJ, Frankfurt/St. Georgen); dort heißt es: Der Prozess gegen unsere Mitbrüder P. Frater usw. war ursprünglich geplant als ein vernichtender Schlag gegen die Gesellschaft. Zur großen Enttäuschung des Justizministeriums ... stellte sich die Verhaftung als gegenstandslos heraus und man war in großer Verlegenheit. ... Dann hat man krampfhaft eine Anklage zustande gebracht. Die Verurteilung erfolgte auf Grund von Tatsachen, deren sich weiteste Kreise der DDR schuldig machten: Mitwissen usw. um Republikflucht ... Nicht nur im Westen, sondern auch in der DDR verstehen die Menschen den Sinn des Urteils richtig zu deuten. Wir dürfen stolz darauf sein, dass wir wieder in der ersten Front stehen! Der Gegner aber überschätzt uns auf weite Sicht. Überall spürt man eine mythische Angst bei ihm vor den Jesuiten.

 


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doch hielten diese sich gerade in Westberlin auf und kehrten nach den Biesdorfer Ereignissen nicht in den Osten zurück (so die Patres Sunder {110}, Spors und Saft, gegen die auch Haftbefehle ergingen, welche nach dem Prozess aber wieder aufgehoben wurden {111}). Die Verhaftung der drei Mitbrüder P. Fraters in Biesdorf muss wohl als eher zufällig angesehen werden. In den Vernehmungsakten lässt sich trefflich erkennen, wie bemüht man dann war, nachträglich auch für diese drei eine Anklage zu konstruieren.

Immer wieder erinnert das Vorgehen der DDR-Organe auch an die Schauprozesse der NS-Zeit (Devisenprozesse, Sittlichkeitsprozesse). Fest steht, dass man gegen die vier Jesuiten zunächst Ähnliches im Sinn hatte. Während verschiedene Sachverhalte selbst bei größter Skrupellosigkeit nicht zu halten waren, mussten andere (ursprünglich vorgesehene) Anklagepunkte wohl auch aus übergeordneten kirchenpolitischen Erwägungen fallengelassen werden.

Die einschüchternde Wirkung, die mit der Inszenierung des Prozesses beabsichtigt war, ist durchaus eingetreten {112}. In seinem genannten Schreiben an den römischen General formulierte Provinzial Wehner im Januar 1959 auch einige Folgerungen aus dem Prozess: Es soll weiter alles vermieden werden, was berechtigten Anstoß erregen und provozieren könnte (auch wenn darunter die Klarheit der Verkündigung und das Eintreten für die Rechte der Kirche nicht leiden solle). Daneben bat er um eine Ausweitung der Befugnisse des Regionaloberen, da die Abhängigkeit der in der DDR wirkenden Mitbrüder von einer Westberliner Einrichtung (das Provinzialat der Ostprovinz befand sich in Charlottenburg) bei den DDR-Behörden als von vornherein suspekt gelte und die Arbeit der Patres erschwere {113}. Man sah sich letztlich als Orden, als Kirche allgemein, einer Staatsmacht gegenüber, von der Recht und Gerechtigkeit nicht zu erwarten waren. Angesichts der Tatsache, dass eine Änderung der gesellschaftlichen Verhältnisse zu dieser Zeit als völlig utopisch angesehen wurde, bemühte man sich künftig augenscheinlich, keine Ansatzpunkte für neuerliche Verfolgungen zu liefern und so die Weitergabe des Glaubens, das Leben in und mit der Kirche - wenn auch in einer nahezu ghettohaften

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{110} Eine Untersuchung der möglicherweise im Archiv der BStU überlieferten Quellen zur Person P. Sunders könnte Aufschluss darüber geben, ob die Staatssicherheit - wie gelegentlich vermutet - ursprünglich vor allem seine Verhaftung anstrebte.

{111} Vgl. Karl Wehner, Praep. Prov. Germ. Or. 59/1, Berlin, 10. 1. 1959, in: ADPSJ, Abt. 45 A, Nr. D 20; auch in: ARSI, Praep. Prov. 1959 (frdl. Hinweis von Prof. P. Dr. Klaus Schatz SJ, Frankfurt/St. Georgen).

{112} Vgl. z. B.: Alfred Rothe, Berlin, 2. 1. 1959, Litterae Consultoris Proviniciae Germaniae Orientalis, in: ARSI, Consultores 1959 (frdl. Hinweis von Prof. P. Dr. Klaus Schatz SJ, Frankfurt/St. Georgen); dort heißt es: Wir stehen hier noch sehr unter dem Eindruck des Frankfurter Urteils. ... Dass der Kirchenkampf weitergeht, darüber besteht kein Zweifel. Vorerst aber scheint es, dass die Partei etwas leiser tritt, aber eines Tages wird es sicher wieder Verhaftungen geben. ...

{113} Vgl. Karl Wehner, Praep. Prov. Germ. Or. 59/1, Berlin, 10. 1. 1959, in: ADPSJ, Abt. 45 A, Nr. D 20, auch in: ARSI, Praep. Prov. 1959 (frdl. Hinweis von Prof. P. Dr. Klaus Schatz SJ, Frankfurt/St. Georgen).

 


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Existenz - nicht zu gefährden. Auch die Erfahrungen aus der NS-Zeit dürften dabei eine Rolle gespielt haben. Dafür spricht, dass erst eine jüngere Generation, welche die NS-Zeit nicht mehr erlebt hatte, später in der Kirche und auch im Orden begann, wieder mutiger aufzutreten und nach neuen Wegen zu suchen {114}.

Im Kommissariat der Fuldaer Bischofskonferenz wurden die Erfahrungen aus den Vorgängen um die Verhaftung und Verurteilung der vier Jesuiten analysiert und die Ergebnisse gleichsam als Richtlinien für künftiges Verhalten zusammengefasst: {115} Der Prozess habe danach insofern eine Erfahrungsbedeutung, als erstmals in der DDR vier katholische Geistliche durch eine lange Untersuchungshaft in nahen Kontakt mit den Organen des Staatssicherheitsdienstes gekommen seien. Da sich ein Offizier dabei über 135 Tage hinweg mit zwei Jesuiten beschäftigt habe, sei klar, dass sich beide Parteien gegenseitig kennen gelernt und gewisse Erfahrungen gesammelt hätten.

Zu diesen Erfahrungen gehöre zunächst, dass es der Staatssicherheitsdienst vor allem mit Christen zu tun habe {116}. Den staatlichen Organen sei klar, dass ein unüberbrückbarer Gegensatz zwischen der christlichen Weltanschauung und dem atheistischen Materialismus bestehe. Die Fronten seien klar. Die Kirche werde als großer Störenfried beim Aufbau des Sozialismus gesehen. Für die kirchliche Seite sei aber die Einsicht und eine daraus folgende Grundhaltung unerlässlich, dass die Staatssicherheit als Gegner ernst genommen werden müsse. Diese durchschaue zwar viele innerkirchliche Zusammenhänge nicht, dürfe deshalb aber nicht für unwissend und dumm gehalten werden.

Wichtig sei für das (künftige) Verhalten des Klerus, die Einheit zu bewahren, da der Staatssicherheitsdienst nicht nur bestrebt sei, Meinungsverschiedenheiten in wichtigen Fragen herauszufinden, sondern auch Widerspruch, Verärgerung und Ungehorsam gegen kirchliche Obere zu entdecken. Die große Stärke der Kirche habe bisher in der Einheit der Aussagen zu bestimmten Fragen gelegen. Diese Einheit müsse auch künftig gewahrt werden. Dabei sollten die Hirtenworte der Bischöfe die Formulierungen vorgeben. Auch im Urteil über Mitbrüder müsste ein einheitliches Urteil herrschen. Vor allem dürfe gegenüber den staatlichen Organen nie negativ über Mitbrüder geurteilt werden.

Aus den Erfahrungen des Jesuitenprozesses lasse sich feststellen, dass sich die DDR-Behörden natürlich kaum der Illusion hingeben würden, einen Keil in den katholischen Klerus treiben oder etwa die Geistlichen zu vollwertigen,

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{114} J. ULLRICH, Prozeß (wie Anm. 32) II, S. 159.

{115} Vgl. dazu im Folgenden: Erfahrungsbericht (wie Anm. 80). - Folgerungen aus den Prozessen gegen Geistliche (wie Anm. 80).

{116} Genannt wird hier eine Statistik, nach der 86 Prozent aller Inhaftierten Christen gewesen seien. - Vgl. Erfahrungsbericht (wie Anm. 80) S. 1.

 


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sozialistischen Bürgern der DDR machen zu können. Man erwarte von ihnen aber sehr wohl ein - im DDR-Verständnis - legales Verhalten.

Für Nervosität, Angst oder gar Panik gebe es keinen Grund. Oberstes Prinzip für die Priester sei die Seelsorge, in deren Zusammenhang der religiös-weltanschaulichen Auseinandersetzung nicht ausgewichen werden könne (z. B. in Fragen der Jugendweihe, des Religionsunterrichts, der Jugenderziehung). Es ließen sich deshalb auch nicht alle Schwierigkeiten, die damit einhergingen, vermeiden. Aus religiösen Gründen angeklagt zu werden, werde für den Priester stets ehrenvoll sein. Gleichwohl werden die Behörden vermeiden, einen Priester aus solchen Gründen vor Gericht zu stellen, vielmehr werde man stets vermeintliche Straftaten gegen die DDR-Gesetzgebung zum Anlass nehmen, Geistliche in ihrer Tätigkeit zu behindern, gleichzeitig aber den Anschein zu wahren, in der DDR gebe es keinen Kirchenkampf. Für das konkrete Verhalten der Geistlichen ergäben sich deshalb verschiedene Erkenntnisse bzw. Ansatzpunkte: Die Post wird weitgehend überwacht und geprüft, besonders jene, die aus dem Ausland, aus dem Westen und aus Westberlin kommt. - Auch Telefongespräche werden überwacht, abgehört, aufgezeichnet. - Zeitschriften aus dem Westen gelten im Allgemeinen als unzulässig oder gar als Hetzschriften. Der Prozess gegen die vier Jesuiten habe zum Ausdruck gebracht, dass von DDR-Seite der Besitz von Zeitschriften und damit die Möglichkeit, sein Wissen mit Hetzmaterial zu bereichern und an andere weiterzugeben, als strafbar angesehen werde. Besonders scharf sei als Hetze die Weitergabe von westlichen Zeitschriften an Dritte und das vermeintlich organisierte, gemeinsame Abhören von westlichen Nachrichtensendungen in Jugend- oder Studentengruppen verurteilt worden. - Bei Hausdurchsuchungen würden meist zu viele Briefe, Papiere, Anschriften, Fotos und andere Papiere gefunden. Hier sei mehr Vorsicht geboten. - Besondere Vorsicht gelte es, im Schriftverkehr mit dem Bonifatiusverein walten zu lassen, dessen Unterstützung mit Geld und Material den Behörden bekannt sei. - Große Klugheit sei im Umgang mit Menschen notwendig, welche die DDR zu verlassen planten oder sie schon verlassen hätten. Selbstverständlich wüssten die Staatssicherheitsorgane in ausreichendem Maße darüber Bescheid, dass Pfarrer mit Republikflüchtigen zu tun hätten. Jede Mithilfe aber sei strafbar, auch scheinbar harmlose Bemerkungen oder die Tatsache, dass man jemanden, der um Rat fragt, nicht auffordert, da zu bleiben. Besonders gefährlich sei die Ausstellung von Bescheinigungen für die politische Anerkennung, oft auch schon das Vermitteln von Adressen im Westen. - Als schwerstes Verbrechen werde Spionage verfolgt bzw. was im DDR-Verständnis als solche gelte, und zwar jeder noch so harmlose Kontakt mit dem Westen, im DDR-Verständnis also mit dem Staats- oder Klassenfeind. Die staatlichen Organe suchten vor allem zu ermitteln, ob von Seiten des Klerus gelegentlich oder grundsätzlich - persönlich bei Besuchen in Westberlin oder auch durch Mittelspersonen - politische,

 


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wirtschaftliche oder militärische Nachrichten über die DDR an den Westen weitergegeben würden. - Bei Verhaftungen oder Untersuchungen zeige sich bisweilen, dass zu viele Einzelheiten preisgegeben werden und sich die Betroffenen damit nicht nur selbst, sondern auch andere unnötig belasten. Man solle also nie mehr erzählen, als unbedingt nötig ist oder einem ohnehin nachgewiesen werden kann. - Inhaftierte sollten stets nur den Rechtsanwalt wählen, der vom Bischof vermittelt wird, da sonst das Gericht einen Verteidiger bestimmt. - Wenn jemand vom Staatssicherheitsdienst zur (inoffiziellen) Mitarbeit gedrängt wird, solle er von Anfang an entschieden ablehnen und den Bischof informieren: So könne die Sache sofort und für die Zukunft endgültig beendet werden.

 

Ein exemplarischer Prozess

Der Prozess gegen die vier Jesuiten und das parallel dazu gegen elf katholische Laien in Rathenow veranstaltete Verfahren waren in gewisser Weise symptomatisch für das damalige Vorgehen der Behörden gegen die Kirche, wie in einer Stellungnahme für das Kommissariat der Fuldaer Bischofskonferenz noch im Dezember 1958 vertraulich festgestellt wurde. Anders als in der NS-Zeit würden Geistliche und kirchlich engagierte Laien nur auf Grund konkreter (vermeintlicher) Straftaten verhaftet. So glaubte man, den Schein wahren zu können, dass es in der DDR keinen Kirchenkampf gebe. Wenn es aber gelänge, solche konkreten Anlässe (besonders etwa Spionage, Abwerbung etc.) zu konstruieren, dann würden die nachfolgenden Verfahren für die Auseinandersetzung zwischen Staat und Kirche instrumentalisiert, in dem Bestreben nachzuweisen, dass sich die Kirche nicht loyal zum Staat verhalte {117}. Das Strafverfahren selbst baue in erster Linie und im eigentlichen Sinne auf den Geständnissen der Angeklagten auf. Deshalb sei es für Sinn und Zweck des Prozesses entscheidend, die erforderlichen Geständnisse zu erreichen. Somit spiele die Dauer der Untersuchungshaft keine Rolle, wenn durch ihre Verlängerung das politische Ziel des Strafverfahrens gesichert werden könne {118}.

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{117} Vgl. auch: Bericht Kardinal Döpfners auf der Sitzung der BOK am 26./27. 1. 1959, in: DAB, ASig 31/51, Bl. 349-365, gedr. in: M. HÖLLEN, Loyale Distanz II (wie Anm. 87) S. 153, wo es heißt: Der gegen die 4 Jesuitenpatres in Frankfurt/Oder durchgeführte Prozess sollte beweisen, dass der Jesuitenorden im Besonderen wie die Katholische Kirche im Allgemeinen die fortschrittlichen Regierungen bekämpfen, wo sich nur eine Möglichkeit dafür bietet. Es sollte sichtbar werden, dass die Kirche und ihre Priester in erster Linie politisch denken und handeln. Beide Prozesse sind occasione data entstanden, sind dann aber zu einem Instrument der Auseinandersetzung zwischen Katholischer Kirche und Kommunistischem Staat gemacht worden. - Döpfner griff hier auf einen zusammenfassenden Vermerk Prälat Zinkes zurück; vgl. Strafverfahren gegen katholische Laien und Geistliche (wie Anm. 80), hier: S. 8.

{118} Strafverfahren gegen katholische Laien und Geistliche (wie Anm. 80) S. 1.

 


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Der Biesdorfer Jesuitenprozess von 1958 war - zumindest im engeren Sinn - der einzige politische Prozess gegen katholische Priester in der DDR. Dennoch war er exemplarisch für die Prozesse gegen mindestens 150.000 bis 200.000 Menschen, die in der DDR aus politischen Gründen verurteilt und eingesperrt wurden. In 72 Fällen wurde die Todesstrafe verhängt und in 52 Fällen auch vollstreckt {119}. Was sich beim Blick auf solche Prozesse - wie eben auch in dem gegen die vier Jesuiten - schon gefühlsmäßig aufdrängt, dass es nämlich nicht um Recht und Gerechtigkeit ging, sondern um die Durchsetzung von Interessen einer bestimmten Klasse, hat durchaus methodische Hintergründe: Die Justiz in der DDR war qualitativ etwas ganz anderes als das Justizwesen neuzeitlicher zivilisierter Staaten. Vielmehr war sie nach Absicht, Selbstverständnis und tatsächlicher Funktion das Instrument der herrschenden Partei - der SED - für die Verwirklichung ihrer politischen Ziele. Recht war, was dem Staate nützte {120}. Konsequenter Weise waren die Richter dann eben Parteifunktionäre. Entsprechend heißt es in einem Lehrbuch für marxistisch-leninistische Staats- und Rechtstheorie: Die sozialistische Gesetzlichkeit ist eine wichtige Methode der Diktatur des Proletariats ..., die dazu beiträgt, ... die ... Verhältnisse der sozialistischen Ordnung zu entwickeln ... und damit die Funktionen des sozialistischen Staates erfolgreich auszuüben. In diesem Prozess wächst ständig ihre Bedeutung als grundlegende Methode der Machtausübung und damit zur einheitlichen Verwirklichung der in den Beschlüssen der Partei wissenschaftlich begründeten objektiven Erfordernisse. Einhaltung der Gesetze (die natürlich die Partei erlässt) und ihre parteiliche Anwendung im Interesse der sozialistischen Gesellschaft bilden eine Einheit. Parteilichkeit und Gesetzlichkeit stehen nicht in einem alternativen oder einander ergänzenden Verhältnis zueinander. Die sozialistische Gesetzlichkeit ist Ausdruck der Parteilichkeit {121}.

Die Justiz der DDR war also nicht an Wahrheit und Gerechtigkeit orientiert, sondern durchweg von der SED gesteuert und instrumentalisiert. Als legale Form der Machtabsicherung verstanden {122}, wurde ihr mit dem undurchsichtigen

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{119} Vgl., auch zum Folgenden: CHRISTOPH SCHAEFGEN, Aufarbeitung des Staatsunrechts in der DDR - Die Rolle des Strafrechts im Prozess der Wiedervereinigung, in: ILONA RIEDEL-SPANGENBERGER (Hg.), Die Aufhebung diktatorischer Unrechtsurteile (= Quaestiones disputatae, Bd. 193) (Freiburg - Basel - Wien 2001) S. 145-180, hier: S. 153-155.

{120} Vgl. zur normativen Begründung rechtlicher Grundlagen in der marxistisch-leninistischen Staats- und Rechtsphilosophie jüngst (mit ausführlichen Quellen- und Literaturangaben): ANDRE GURSKY, Rechtspositivismus und konspirative Justiz als politische Strafjustiz in der DDR (= Treffpunkt Philosophie, Bd. 11) (Frankfurt/Main u. a. 2011) S. 99-278; darin u. a.: § 6: Das politische Strafrecht der DDR als Diktaturprinzip (S. 121-141); § 7: "Doppelstaat DDR?" Von der Rechtsillusion zur Rechtswirklichkeit (S. 156-164); § 8: ... Aspekte zum Einfluss des MfS auf die realsozialistische Rechtspolitik und Rechtsphilosophie (S. 165-184); § 9: Rechtsbeugung und Legalitätsprinzip. Zur Rechtsphilosophie des MfS als "Schild und Schwert der Partei" (S. 184-258).

{121} Zit. nach CH. SCHAEFGEN, Aufarbeitung (wie Anm. 119) S. 153 f.

{122} SIEGFRIED SUCKUT (Hg.), Das Wörterbuch der Staatssicherheit. Definitionen zur "politisch-operativen" Arbeit (= Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der Ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik. Analysen und Dokumente, Bd. 5) (Berlin 1996) S. 215, hier nach: A. GURSKY, Rechtspositivismus (wie Anm. 120) S. 186.

 


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Rehabilitierung P. Menzels durch das Bezirksgericht Frankfurt/Oder
ADPSJ, Abt. 47, Nr. 996,5.

 


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Rehabilitierung P. Menzels durch das Bezirksgericht Frankfurt/Oder (Fortsetzung)
ADPSJ, Abt. 47, Nr. 996,5.

 


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Begriff von der sozialistischen Gerechtigkeit ein fadenscheiniges juristisches Mäntelchen umgehängt {123}. Jener Teil der Bevölkerung, dessen Interessen ... dem Fortschrittspostulat der Führungspartei entgegenstanden, spürte die Schwertfunktion des MJS in aller Härte. Das "Schild und Schwert" der Partei (M/S) wuchs im Verlaufe seiner 40-jährigen Entwicklung zu einem Zentrum im Führungszentrum heran, das selbst das Damoklesschwert justitieller Entscheidungen anstelle der den Staat tragenden Rechtsorgane in politischen Strafprozessen über der werktätigen Bevölkerung schweben ließ. ... Politische Strafprozesse dienten der Durchsetzung der ... sozialistischen Gerechtigkeit {124}. Aktiv tätig und führend einbezogen in die Umsetzung der Strafrechtsgesetze der DDR in Form einer inoffiziellen Ermittlungstätigkeit und später sogar Ausarbeitung derselben war das MfS als ausführendes Organ der SED {125}. Bis zum Ende des Staatssozialismus in der DDR standen kaum "Rechte für den Bürger" im Mittelpunkt der DDR-Rechtspolitik, sondern das Bestreben der SED-Nomenklatur, "Recht zur Beherrschung des Bürgers" in gesellschaftspolitischer Perspektive der Einheitspartei zu setzen {126}. Der Geheimdienst verfügte in der DDR mit Befehlen und Dienstanweisungen mit internen Richtlinien und mit einem Strafgesetzbuch für den Dienstgebrauch im MfS über eine grundlegende Handhabe, "juristische" Sanktionen am gesellschaftlichen Nutzeffekt auszurichten und deren soziale Wirksamkeit umfassend zu kontrollieren. Als Untersuchungsorgan oblag es dem MfS, über sogenannte Abschlussvarianten in einem Untersuchungsvorgang zu befinden. Die Abschlussvariante wurde vom MJS pragmatisch bestimmt. Sie galt zugleich als gerecht, wenn sie für die Staatspolitik nützlich war {127}.

Neben markanten Stationen dieser 40-jährigen "Unrechtsgeschichte" - zu erinnern ist etwa an die Waldheimer Prozesse 1950 oder später an die Prozesse gegen Flüchtlinge, Fluchthelfer und Ausreiseantragsteller - steht der Biesdorfer Jesuitenprozess durchaus exemplarisch für die Praxis einer Unrechtsjustiz, die eben nicht nur als "Kollateralschaden" gelten kann, sondern systemimmanent gewesen ist. Die Geschichte des sozialistischen Rechtsstaats DDR, den die MfS-Rechtsstelle noch im November 1989 unter der Regierung

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{123} CH. SCHAEFGEN, Aufarbeitung (wie Anm. 119) S. 154.

{124} A. GURSKY, Rechtspositivismus (wie Anm. 120) S. 135.

{125} Ebd. S. 184. - Die Ermittlungen des MfS in "politischen Strafsachen" orientierten sich an einem Legalitätsanspruch, den das MfS aus seiner Wirkungsfunktion für die Einheitspartei SED bezog. Er interpretierte Recht als Klassenrecht, im real existierenden Sozialismus schließlich als "emanzipatorisches Menschenrecht."- HERMANN KLENNER, Marxismus und Menschenrechte. Studien zur Rechtsphilosophie (= Schriften zur Philosophie und ihrer Geschichte, Bd. 31) (Berlin 1982) S. 126 f., hier nach: A. GURSKY, Rechtspositivismus (wie Anm. 120) S. 184.

{126} A. GURSKY, Rechtspositivismus (wie Anm. 120) S. 139.

{127} Ebd. S. 293. - Hier heißt es weiter: Der Anspruch nicht zuletzt auch des geheimdienstlichen Untersuchungsorgans, der Gerechtigkeit zum Durchbruch zu verhelfen, basierte auf der tendenziösen Einheit von Sein und Sollen. Dem hatten Richter und Staatsanwälte, allerdings auch die Verteidiger in politischen Strafsachen, zu entsprechen.

 


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Modrow {128} gleichsam retrospektiv postulierte {129}, ist die ideologische Umschreibung und Bezeichnung dessen, was den kommunistischen Machtstaat DDR auf den Ebenen konkreter Machtentfaltung legalisierte. Initiator und Nutznießer der Macht waren sowohl die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) als auch deren systemimmanentes Macht-, Sicherheits- und Schutzorgan, das Ministerium für Staatssicherheit (MfS), das über die "konspirative Justiz" Unrecht als System überhaupt erst ermöglichte {130}. Wo letztlich Unrecht als System galt, war Unrechtsbewusstsein systematisierbar {131}. Einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz, einen besseren Sozialismus, von dem heute noch immer oder schon wieder schwadroniert wird, kann es aus systematischen Gründen {132} nicht geben.

 

Rehabilitation

Von den vier 1958 verurteilten Jesuiten erlebte allein P. Menzel die politisch-staatliche Wende von 1989/90 und das Ende der DDR. Am 26. Juli 1991 stellte er von Dreilützow aus, wo er seit 1984 in der Seelsorge tätig war, einen Antrag auf Rehabilitierung an das Justizministerium des Landes Mecklenburg-Vorpommern in Schwerin {133}. Mit Wirkung vom 7. Juli 1993 wurde das Urteil vom 20. Dezember 1958 durch das Bezirksgericht Frankfurt/Oder für rechtsstaatswidrig erklärt und aufgehoben {134}.

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{128} Hans Modrow (* 1928), 13. 11. 1989 - 12. 4. 1990 Vorsitzender des Ministerrates der DDR.

{129} A. GURSKY, Rechtspositivismus (wie Anm. 120) S. 278. - Die Aktivitäten der MfS-Rechtsstelle erscheinen als Legitimationsversuch, den im Umbruch begriffenen Machtstaat der SED nachträglich "rechtsstaatlich" zu definieren. - Ebd. S. 279.

{130} Vgl. Der "sozialistische Rechtsstaat DDR" - eine Legende?, in: ebd. S. 279-308, hier. S. 308.

{131} Ebd. S. 300.

{132} A. Gursky (ebd. S. 308) spricht von "systembedingtem kriminellen Unrecht" im staatlichen Auftrag.

{133} Josef Menzel, Dreilützow, 26. 7. 1991, an das Justizministerium des Landes Mecklenburg-Vorpommern, Schwerin, in: ADPSJ, Abt. 47, Nr. 996,6.

{134} Bezirksgericht Frankfurt (Oder), 4. 8. 1993 [Ausfertigung], Beschluss im Rehabilitierungsverfahren des Herr Josef Menzel, ..., in: ADPSJ, Abt. 47, Nr. 996,5, und Abt. 252 C 728, Nr. 399.

 

 

Bildnachweis

S. 126 links: ADPSJ, Abt. 62, Nr. 1168.

S. 126 rechts: ADPSJ, Abt. 80, Nr. 2340.

S. 128 links: ADPSJ, Abt. 80, Nr. 1869.

S. 128 rechts: ADPSJ, Abt. 62, Nr. 1029.

S. 129: ADPSJ, Abt. 80 B, Nr. 198.

S. 130: PETER REICH, Jesuiten, Arbeiter und Rote Richter. Schlaglichter auf das Ringen um Religionsfreiheit in Mitteldeutschland, hg. v. Arbeitskreis für christlich-soziale Bildung, Bonn (o. O. o. J.) S. 18.

S. 154: Berliner Zeitung, 14/299 (Dienstag, 23. 12. 1958) S. 2.

S. 156 f.: ADPSJ, Abt. 47, Nr. 460.

S. 166 f.: ADPSJ, Abt. 47, Nr. 996,5.