Judenhilfe in Wien - 1. Dezember 1940

Am 12. März 1938 erfolgte der Einmarsch der deutschen Wehrmacht nach Österreich. Im Gefolge kam die Gestapo. Sie sollte das Infrafttreten der "Nürnberger Rassengesetze" betreiben und den Juden Freiheit, Haimat, Recht und Leben nehmen.

Betroffen waren 191.481 Juden, von denen die meisten, nämlich 176.000, in Wien lebten. Für sie alle kamen die Bedrängnisse durch die Gestapo unerwartet und völlig unvorbereitet.

Erzbischof von Wien war seit 1932 Theodor Innitzer, der 1875 in Weipert (Böhmen) geboren wurde. 1933 wurde er zum Kardinal erhoben. Sehr früh erkannte er die tödlichen Gefährdungen durch die Gestapo. Zunächst beauftragte er P. Bichlmair SJ mit caritativen Hilfen für die Juden. Nachdem P. Bichmair verhaftet und verbannt war, gründete Innitzer am 1. Dezember 1940 die zentrale "Erzbischöfliche Hilfsstelle für nicht arische Katholiken". Sie unterstand unmittelbar dem Kardinal. Mit der Leitung beauftragte er P. Ludger Born SJ, der 1897 geboren und 1915 in den Jesuitenorden eingetreten war.

Es ist geradezu unglaublich, wie viele Leistungen diese Hilfsstelle bis Kriegsende erbracht hat: Lebensmittel, Kleidung, Wohnung, Verstecke, Reisekosten, ärztliche Dienste, Besorgung von Papieren im In- und Ausland, Betreuung von Kindern, Alten und Kranken. Besonderes Lob verdient der Raphaelsverein in Hamburg.

Die Hilfsstelle hat aber auch viele und mutige HelferInnen gehabt: Laien, Pfarrer, Klöster und eine gute Zusammenarbeit mit vielen Organisationen, z.B. mit Dienststellen der Evangelischen Kirche in Deutschland, mit den Hilfskomitees in Rom, Lissabon, New York und Buenos Aires.

Die Wiener Hilfsstelle zeigt, dass die "Amtskirche" nicht nur Nächstenliebe gepredigt hat, sondern auch unter schwierigsten Verhältnissen sich der Bedrohung und Not der Verfolgten, Geächteten und Todgeweihten der jüdischen Mitbürger angenommen hat. Sie hat mit ihrer Liebestätigkeit in gefahrvoller Zeit opferbereit und todesmutig eine historisch denkwürdige Arbeit geleistet.

P. Ludger Born, der Tag und Nacht mit seiner Verhaftung rechnen musste, hat zwar überlebt, aber diese Jahre sind nicht spurlos an ihm vorübergegangen. So erlitt er später zwei Herzinfarkte und längere Spitalaufenthalte. Er starb in Münster am 26. November 1980 im hohen Alter von über 80 Jahren.

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Wien:
In Erinnerung an die "Hilfsstelle für nichtarische Katholiken"
Gedenktafel enthüllt

Am 6. November 2008 wurde von Kardinal Christoph Schönborn im Hof des Erzbischöflichen Palais eine Gedenktafel für die 1940 von Kardinal Theodor Innitzer gegründete und vom Jesuitenpater Ludger Born SJ geleitete "Erzbischöfliche Hilfsstelle für nichtarische Katholiken" enthüllt. Dieser feierliche Akt fand statt im Anschluss an die Präsentation der nun wieder neu als Buch erschienenen Tagebuchaufzeichnungen "Dass ihr uns nicht vergessen habt" von Gertrud Steinitz-Metzler, einer Mitarbeiterin in der Hilfsstelle. Die "Hilfsstelle für nichtarische Katholiken" verhalf hunderten katholischen "Nichtariern" zur Flucht in ein sicheres Ausland. Als das nicht mehr möglich war, hielten die Mitarbeiter und Kardinal Innitzer mit den deportierten Menschen den Kontakt aufrecht und gaben ihnen neben praktischen Hilfeleistungen vor allem das Gefühl, nicht vergessen zu sein. Neben und mit P. Ludger Born SJ (1897 - 1980) wirkte ein Team, dem Sr. Verena von der Caritas Socialis, Frau Ungar-Perner, Frau Dr. Elisabeth Charlotte Fuchs, Frau Gertrud Steinitz-Metzler und andere Helfer/innen angehörten.

Österreichische Provinz S.J.- Kurznachrichten 2008/16

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Gertrud Steinitz-Metzler
Dass ihr uns nicht vergessen habt ...
Tagebuch-Aufzeichnungen aus dem „Stall"

Geleitwort von P. Lothar Groppe SJ
Wenn die Tagebuchaufzeichnungen von Gertrud SteinitzMetzler nach 49 Jahren erneut erscheinen, so deshalb, um das Geschehen jener Jahre nicht in das Dunkel der Vergessenheit gleiten zu lassen. "Hildegard", die Autorin des authentischen Tagebuchs, verzichtete ursprünglich auf Ortsangaben und ersetzte die Namen der handelnden und leidenden Personen durch Pseudonyme. Um der größeren Authentizität willen erschien es jedoch angebracht, in einem Geleitwort das Geheimnis der Identität zu lüften. In der 2. Auflage von 1979 war das leicht möglich, weil viele der Handelnden und Leidenden noch lebten. Jeder Interessierte soll sich überzeugen können, dass es sich nicht um erfundene Gestalten handelt, sondern um Menschen aus Fleisch und Blut, die immer wieder die eigene Angst überwanden, um den Verfolgten beizustehen. Die Jugend, die stets auf der Suche nach Vorbildern ist, soll wissen, dass es in den dunkelsten Jahren der gemeinsamen deutsch-österreichischen Geschichte nicht nur Schuld und Versagen gab, sondern dass da, "wo die Sünde größer wurde, die Gnade sich noch überschwänglicher erwies" (Röm 5, 2o). Der Westdeutsche Rundfunk würdigte in der Schulfunksendung zur "Rettung von Juden" den Einsatz der Wiener Hilfsstelle mit dem Hörspiel "Das Büro im Hinterhaus", das erstmals am 21. Januar 1961 gesendet wurde. Der ORF brachte am Pfingstdienstag, dem 27. Mai 198o, das TV-Dokumentarspiel "Der Stall", das auf dem Buch von Gertrud Steinitz-Metzler und der unter meiner Mitarbeit entstandenen Dokumentation "Die Erz-

 


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bischöfliche Hilfsstelle für nichtarische Katholiken in Wien" beruht.

Es ist ein eigentümliches Phänomen, dass vielen Zeitgenossen die Schattenseiten menschlicher Existenz interessanter erscheinen als die Lichtseiten. Wie diese Aufzeichnungen jedoch deutlich machen, besitzt das Gute eine eigene Faszination, der sich schwerlich jemand entziehen kann. Wenngleich sich häufig gerade diejenigen, die sich vorbehaltlos für die einst Geächteten einsetzten, den Vorwurf machen, sie hätten zu wenig getan oder gar versagt, so offenbart sich dem unparteiischen Beobachter in der jahrelangen Arbeit der Hilfsstelle ein Heroismus der Nächstenliebe, dem jegliches Pathos fremd ist und der sich zugleich der eigenen Schwäche und Unzulänglichkeit bewusst bleibt.

Die Ereignisse, von denen das Tagebuch berichtet, trugen sich im Wien der Naziära zu. Kardinal Innitzer, der damalige Erzbischof von Wien, hatte in seinem Palais die "Erzbischöfliche Hilfsstelle für nichtarische Katholiken" geschaffen. Hier sollten nach dem Willen des Wiener Oberhirten die Verfolgten und Geächteten Unterstützung und Hilfe finden.

Es war eine verschworene Gemeinschaft, die sich hier zusammengefunden hatte, um schier ausweglose Not zu lindern, um - soweit möglich - Menschenleben zu retten.

Da ist zunächst "der Pater", Ludger Born aus dem Jesuitenorden, der von der Gemeinschaft und Anteilnahme der Mitbrüder getragen, die Hilfsstelle bis über das Kriegsende hinaus mit Klugheit, Umsicht und kühner Entschlossenheit leitete. Er starb am 26. November 1980 im Altersheim des Ordens in Münster/W. Zu seinem 6o. Ordensjubiläum schrieb ihm Simon Wiesenthal: "Ich weiß zu schätzen, was Sie in der Zeit ohne Gnade für meine Glaubensbrüder getan haben, und seien Sie versichert, wir werden Ihnen das niemals vergessen!" Als er erfuhr, dass P. Born gestorben sei, reagierte Wiesenthal spontan: "Das war ein wunderbarer Mensch!"

 


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Schwester "Monika" wurde schon zu Lebzeiten zu einer fast legendären Gestalt. In der Caritas Socialis, der sie seit Jahrzehnten angehörte, war sie allerdings unter ihrem Ordensnamen Schwester Verena bekannt. Bis zu ihrem Tod im 83. Lebensjahr 1982 lebte sie im Mutterhaus ihres Ordens und diente Menschen. Alle Würdigungen ihres Einsatzes wehrte sie mit den Worten ab: "Alles, was ich getan habe, war mir so selbstverständlich, dass ich darüber kein Wort verlieren muss." Dennoch ließ es sich die Stadt Wien nicht nehmen, sie zu ehren. So wurde 1997 eine Nebenstraße der Pramergasse nach ihrem bürgerlichen Namen "Verena-Buben-Weg" benannt.

"Viktoria", die Jugendfreundin "Hildegards", bat ausdrücklich darum, ihre Anonymität zu wahren, und so müssen wir ihren Wunsch respektieren.

Gertrud Steinitz-Metzler, die feinsinnige Autorin dieses überzeitlichen Dokuments der Menschlichkeit, hat um ihre Erlebnisse und deren Niederschrift schwer gerungen. Wenige Monate nach Erscheinen ihres Tagebuchs ging sie in die Ewigkeit. Kurz vor ihrem Tod schrieb sie an P. Born: "Es bewegt mich sehr, dass ich denen, die ich liebte - nein, liebe, denn lieben ist doch ein Wort, das man nicht in der Vergangenheit gebrauchen kann -, dass ich ihnen ein Denkmal setzen konnte. Sie haben kein Grab und keinen Stein, aber sie haben nun doch ihr Denkmal, und manch einer wird vielleicht weiterwirken durch sein Beispiel. Wissen Sie, was ich tue, wenn ich das erste Honorar für das Buch bekomme? Ich kaufe für jeden von ihnen einen Baum in Israel. Es ist mir ein so lieber Gedanke, dass im Heiligen Land Bäume im Winde rauschen werden, von denen jeder den Namen eines mir lieben Toten trägt."

Wenn Gertrud Steinitz-Metzler mit ihren Aufzeichnungen denen, die sie liebte, ein Denkmal setzen wollte, so hat sie dies unbeabsichtigterweise auch für all jene getan, die seinerzeit, als Mitleid und Erbarmen gegenüber "rassisch Minderwertigen" als Verbrechen galten, den Verfolgten zur

 


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Seite gestanden haben. Das waren zunächst einmal die im Lauf der Jahre insgesamt 23 Mitarbeiterinnen der Hilfsstelle. Unter ihnen ragte Liselotte Fuchs oder Lotte - wie sie zu Hause genannt wurde - heraus. Sie war die Tochter eines Generaloberstabsarztes, den "der Dank des Vaterlandes" mitsamt seiner Familie in das Konzentrationslager brachte. Lotte, die "Anneliese" des Tagebuchs, konnte nach ihrer Deportation noch zwei Jahre in Theresienstadt, ihrem Geburtsort, segensreich unter den Gefangenen wirken, bis auch sie eines Tages den Weg in die Gaskammer antreten musste. Von ihr schrieb ein ehemaliger "Schützling", dass sie "zum Symbol des Christen schlechthin" wurde.

Das Tagebuch wurde auch zum Zeugnis der Nächstenliebe all der Klöster und Ordenshäuser, die dem Appell Kardinal Innitzers folgten und zugunsten der verfolgten Juden, für diese Ärmsten der Armen hungerten, um ihnen durch ihre Lebensmittel- und Geldspenden das schwere Los ein wenig zu erleichtern. Obwohl von den damaligen Machthabern nicht wenige Klöster aufgehoben wurden, darunter das Mutterhaus der Caritas Socialis, ergab eine Überprüfung, dass 51 namentlich erfasste Klöster die Arbeit der Hilfsstelle tatkräftig unterstützten. Dabei waren die Klöster selbst verschärfter Überwachung unterworfen. So hießen die Karmelitinnen in der Töllergasse allgemein "die Judenschwestern".

Es liegt in der Natur privater Tagebuchaufzeichnungen, dass für gewöhnlich mehr die rein persönlichen Erfahrungen festgehalten werden. Es scheint aber hilfreich, einen gewissen Gesamtüberblick zu geben, um einen einigermaßen zutreffenden Eindruck zu verschaffen, was in diesem einzigartigen Werk christlicher Caritas an Hilfe geleistet wurde.

Tagaus, tagein wurden Kranke besucht, Verzweifelte aufgerichtet - und das alles im Schatten der allgegenwärtigen Gestapo. Es ging um Beratung in Rechtsfragen, um Vermittlung von Arbeit und Wohnung. Es wurden ärztliche und zahnärztliche Behandlungen ermöglicht, denn "arische"

 


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Ärzte durften keine Juden behandeln. Es wurden Medikamente und Brillen verschafft - Dinge, die einem Juden nicht zustanden. Es galt, die Aufnahme in ein Kinder- oder Altersheim zu vermitteln und bei einem Todesfall das Problem der Bestattung zu lösen, da Juden nicht in "arischen" Friedhöfen beigesetzt werden durften.

Insgesamt wendete die Hilfsstelle 375 417,44 Reichsmark auf. Diese Summe mag heute relativ bescheiden erscheinen, aber Vergleiche aus der damaligen Zeit ergeben ein einigermaßen zutreffendes Bild. Im Juli 1940 erhielt in Wien ein Kaplan im 3. Dienstjahr ein Nettogehalt von 1o6,56 Reichsmark. Ein lediger Mittelschulprofessor/Regierungsrat erhielt in der Anfangsstufe 408 Reichsmark. Der Journalist und Schriftsteller Frederic W. Nielsen zitiert in seinem Buch "Emigrant für Deutschland" einen Brief des PEN-Clubs, dessen Mitglied er war. Dieser sah sich außerstande, "die versprochene Unterstützung von zehn Mark zukommen zu lassen". Stattdessen gewährte das Britische Flüchtlingskomitee einen "wöchentlichen Zuschuss von 2,5o Mark".

Woher kam das Geld? Neben den Spenden von Klöstern und Pfarreien brachten unbekannte Helfer immer wieder kleinere oder größere Beträge in die Hilfsstelle. Teils brachten sie diese direkt in die Hilfsstelle, teils überbrachten sie das Geld ihren Seelsorgern, gaben es im Beichtstuhl oder Sprechzimmer ab. Gelegentlich kamen größere Beträge von einzelnen Bischöfen oder von Papst Pius XII. Der größte Geldgeber aber war Kardinal Innitzer. Jeden Monat stellte er einen festen Betrag zur Verfügung und half darüber hinaus - wie etwa im Fall des 16-jährigen "Herbert" - mit einer größeren Summe aus. Natürlich musste auch der Wiener Erzbischof das Geld irgendwoher haben. Er selbst lebte spartanisch, doch diese Ersparnisse hätten bei Weitem nicht gereicht. Kardinal Innitzer bekam unter anderem auch Unterstützung von einem Wiener Chirurgen, der ihm nach jeder Operation eine hohe Geldsumme für die Armen und Verfolgten übergab. Es wurde allerdings auch in diesem Fall um

 


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die Wahrung der Anonymität dieses großherzigen Wohltäters gebeten.

Von Ende 1940 bis Ende 1942 wurden in 48 Transporten je tausend Juden in das Generalgouvernement nach Litzmannstadt (Lodz) und nach Theresienstadt verschleppt. 1943 folgten kleinere Transporte. Insgesamt waren davon etwa zweitausend Katholiken betroffen. Die Aushebungen erfolgten bei Tag und Nacht, meist ohne vorherige Verständigung. Den Betroffenen verblieben zwei bis drei Stunden zum Packen der wenigen Habseligkeiten, die sie mitnehmen durften. Alle Versuche des Kardinals, über kirchliche wie außerkirchliche Stellen die Transporte zu verhindern, blieben erfolglos. In einzelnen Fällen gelang es der Hilfsstelle, Schützlinge von den Transportlisten streichen zu lassen oder einen Aufschub zu erwirken, etwa, um Verwandte in den gleichen Transport zu bekommen. Viele wurden vor der Abreise mit einem größeren Geldbetrag, mit Wäsche, Kleidung und Decken versorgt. Mit den nach Polen Deportierten stand die Hilfsstelle bis Mitte 1942 in Briefwechsel. Dann ging dieser zurück und brach schließlich ganz ab. Die Hilfsstelle sandte auch Pakete von Wien, aus der Provinz und dem Protektorat nach Polen. Das war keine leichte Aufgabe: Von der aufgrund der Rationierung grundsätzlich schon erschwerten Beschaffung der Lebensmittel und der Kleidung einmal abgesehen weigerten sich auch viele Postämter, "Judenpakete" anzunehmen. Aus Theresienstadt kam zunächst sehr spärliche Nachricht. Bis Ende 1942 waren der Hilfsstelle etwa zo Anschriften bekannt, bis Ende 1943 etwa 15o. Die Korrespondenz mit den Schützlingen bedeutete diesen sehr viel, auch wenn sie auf eine Postkarte beschränkt blieb. Ab Weihnachten 1942 begannen die Sendungen nach Theresienstadt. Anfangs waren es zo bis 30 monatlich, ab Juli 1943 stieg die Zahl auf 200 und mehr im Monat. Im Jahr 1944 waren es genau 7277 Päckchen, meist ä kg. Einzelne Pakete gingen auch in die Konzentrationslager Ravensbrück, Buchenwald, Birkenau und Auschwitz.

 


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Trotz aller materiellen Hilfe, die vielen das Überleben überhaupt erst ermöglichte, war die seelische Stütze wohl noch bedeutsamer: "Dass ihr uns nicht allein gelassen habt in unserer Angst ... Dass ihr immer wieder zu uns gekommen seid, obgleich unsere Wohnungen als Judenwohnungen gekennzeichnet waren ... Dass wir zu euch kommen durften, wenn wir nicht mehr weiter wussten ... Dass ihr einfach für uns da wart, hat uns aufrechtgehalten, hat uns als Hoffnung und Trost begleitet ins Lager, in die Deportation und ins grausame Ende ..."

Nach Überwindung zahlreicher Schwierigkeiten konnte ich Ende 1978 eine Dokumentation über die "Erzbischöfliche Hilfsstelle für nichtarische Katholiken" in Wien vorlegen. Sie dient nicht der Sensationshascherei, sondern versucht Hintergründe und Zusammenhänge aus der Zeit des Niedergangs der Menschenrechte und Menschenwürde aufzuzeigen und einen Beitrag zur historischen Wahrheitsfindung zu leisten. Der Vorstand des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstandes bedankte sich am 14. Dezember 1978 "für die ausgezeichnete und wichtige Arbeit". Diese erschien in der Wiener Katholischen Akademie, ist aber inzwischen vergriffen.

Die Beurteilung der Amtsführung Kardinal Innitzers war lange Gegenstand heftiger Auseinandersetzungen. Erinnern wir uns aber der Worte des damaligen österreichischen Außenministers Alois Mock bei der Gedenkveranstaltung zum 5o. Jahrestag des "Anschlusses": "Nur wer weiß, wie es sich in Diktaturen lebt, hat ein Recht, heute selbstgerecht Schuld zuzuweisen, wo etwas mehr Demut am Platz wäre." Und auch der unnachsichtigste Kritiker wird einräumen müssen, dass der damalige Wiener Erzbischof unermüdlich seinem Wahlspruch "In Liebe dienen" nachgeeifert hat. Seine Hilfsstelle wird für immer ein Ruhmesblatt der Kirche Wiens und seines Erzbischofs, Theodor Kardinal Innitzer, bleiben.

 

Aus: Gertrud Steinitz-Metzler: Dass ihr uns nicht vergessen habt –
Tagebuch-Aufzeichnungen aus dem "Stall".

Wiener Dom-Verlag
224 S.; 13 x 21
ISBN: 978-3-85351-203-6
Preis: € 16,90 / sFr. 30,60

(siehe auch http://www.domverlag.at/dom-verlag/0/articles/2008/10/30/a3443/)

 

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