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21. August 1991 - von Nell-Breuning Oswald
in Frankfurt/M.

Er entstammte einer hochangesehenen, tief gläubigen Familie in Trier. Dort wurde er am 8. März 1890 geboren. Seine Eltern Arthur von Nell und seine Frau Bernharda, geb. von Breuning waren um eine gute Erziehung und Bildung besorgt.

Nach Abschluss seiner Gymnasialjahre sowie einiger Universitätssemester trat er am 1. Oktober 1911 in den Jesuitenorden ein. Nach seinen philosophischen und theologischen Studien - unterbrochen durch ein 4-jähriges Interstiz im Kolleg zu Feldkirch (Vorarlberg) - in Valkenburg und Innsbruck empfing er dort am 27. Februar 1921 die Priesterweihe. Nach seiner Promotion zum Doktor der Theologie an der Universität Münster wurde er 1928 Professor für Moraltheologie, Kirchenrecht und Gesellschaftswissenschaften an der Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main, wo er mit einigen Unterbrechungen während des 2. Weltkrieges bis zu seinem Tod lebte und wirkte.

Die soziale Notlage in Deutschland infolge der großen Wirtschaftskrise veranlasste ihn, sich auf die Probleme der Arbeit und die Forderungen nach ausgleichender Gerechtigkeit zu konzentrieren. Der Vatikan berief ihn in das Team, das den Text der Enzyklika 'Quadragesimo anno' Pius' XI. auszuarbeiten hatte.

Den Höhepunkt seiner Tätigkeit erreichte er in den Jahren nach dem 2. Weltkrieg. Durch die sachliche Tiefe seines Denkens und Argumentierens errang er weltweite Achtung und Beachtung bei Soziologen, Politikern aller Parteien, Wirtschaftlern und Gewerkschaften.
Die deutschen Bischöfe waren zeitweise über die ihrer Meinung nach mehr linksgerichteten Tendenzen beunruhigt. Als die katholische Akademie Bayerns ihm zu seinem 80. Geburtstag den Romano-Guardini-Preis verlieh, blieben die Bischöfe dem Festakt fern. Sie suchten das dann mit der Goldenen-Bonifatius-Medaille zu seinem 90. Geburtstag wieder gut zu machen.

Zentrales Thema seines Lebenswerkes war die wirtschaftsethische Grundlegung einer katholischen Gesellschaftspolitik und Wirtschaftsreform. Seine Überlegungen zur Mitbestimmung, zu Fragen der Gewerkschaften, zur Vermögensbildung und zum Verhältnis von Kirche und Staat waren auch außerhalb des katholischen Raumes sehr gefragt.

Großen Einfluss übte er durch seine unermüdliche Tätigkeit als Redner und als Schriftsteller. Es liegen weit über 1000 Publikationen vor - ohne die zahlreichen Rezensionen.

Seit 1956 war er Honorar-Professor an der Goethe-Universität Frankfurt, Dozent an der Akademie der Arbeit und siebzehn Jahre lang Mitglied des wissenschaftlichen Beirates beim Bundesministerium für Wirtschaft. Die Städte Trier und Frankfurt verliehen ihm die Ehrenbürgerschaft.

Der Beschluss der deutschen Synode von 1975 mit der herben sozialen Gewissenserforschung war weitgehend sein persönliches Werk. Er gilt als Verfechter der menschlichen Würde der Arbeit im Rahmen ausgleichender Gerechtigkeit. Sein Herz schlug für die Ausgegrenzten. Er ist Vorreiter des heutigen Einsatzes der Kirche für die Verteidigug der Menschenrechte.

Die Stadt Frankfurt hat ihre höchste Auszeichnung, das Ehrenbürgerrecht, dem 93-jährigen verliehen. Diese Verleihung erfolgte am 10. Oktober 1983 im Kaisersaal des Frankfurter Römer durch Oberbürgermeister Dr. Walter Wallmann.

An seinem 100. Geburtstag verlieh ihm der Bundespräsident Dr. Richard von Weizsäcker das Großkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.

P. von Nell-Breuning war auch für die Niederdeutsche Ordenprovinz tätig, zu der er gehörte. Er war der Provinzökonom. Von 1931-46 trug er die Verantwortung für die Finanzen der Provinz.

Seit 1941 waren die meisten Häuser der Provinz beschlagnahmt und die Gelder eingezogen. 1943 wurde ihm ein Prozess angehängt wegen angeblicher Devisenvergehen. Seine Unschuld wurde zwar erwiesen, aber dennoch wurde er wegen 'Misstrauens gegen den Nazistaat' verurteilt.

Bei seinem 100. Geburtstag konnte er auf ein ungewöhnlich schöpferisches Leben zurückblicken. Sein praktisches soziales Engagement kam zum Tragen nicht zuletzt durch seine beratende Tätigkeit für die verschiedensten Personen und Institutionen des öffentlichen Lebens.

P. von Nell-Breuning war nie im Gemeindedienst tätig. Er war ein Mann der Wissenschaft mit einer überragenden Kompetenz als Sozialwissenschaftler, die in zahlreichen Büchern und Aufsätzen zum Ausdruck kam. Umso erstaunlicher ist seine jahrzehntelange Verbundenheit mit den Ordensschwestern und Kindern des Offenbacher Theresienheimes. Seit kurzer Zeit ist ein Weg dorthin mit seinem Namen benannt.

P. von Nell-Breuning starb aufgrund einer altersbedingten Schwäche in den frühen Abendstunden des 21. August 1991. Er wurde bei seinen verstorbenen Mitbrüdern auf dem Südfriedhof in Frankfurt bestattet.

Canisius, Weihnachten 1983, S. 25

 

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