Geistliche Vorträge

Über die christl. Opferbereitschaft Über die Lieblosigkeit Der Kreuzweg
Pastoraler Dienst und priesterl. Ehelosigkeit Sentire in Ecclesia - Fühlen in der Kirche Sobria ebrietas - nüchterne Trunkenheit
Zur Lage der Kirche "Esset das Lamm schnell!" Sitte und Brauchtum als Träger christlicher Tradition

 

 

Über die christliche Opferbereitschaft

I.

Am Gründonnerstag haben wir als Thema der Meditation über die "Freude" nachgedacht. An einige Sätze möchte ich nochmals erinnern - als Überleitung zum Thema der Meditation heute am Karfreitag. Ohne Freude kann man das Schwere nicht durchtragen. Egoismus und wahre Freude schließen einander aus. Gerade das Opfer ist nur möglich als Frucht der echten Freude. Der arme Tagelöhner im Evangelium verkauft alles, was er besitzt - "voll Freude über das, was er gefunden hat".

Über die Freude haben wir gesprochen. Nun soll Thema sein die Bereitschaft zum Schweren, zum Opfer, zum Verzicht - zu dem also, was in der Sprache der Askese bezeichnet wird mit der Bereitschaft zum Kreuz, zur Kreuzesnachfolge. Ich meine, dieses Thema sei umso wichtiger, als heute eine andere Lebenseinstellung die Oberhand gewinnt. Selbst die Ordensgemeinschaften, die doch unter dem Motto der Kreuzesnachfolge angetreten sind, sind keine Inseln der Seligen mehr, die vom Denken der Zeit verschont bleiben - obwohl uns das Wort des Paulus nicht unbekannt ist: "Macht euch nicht gleichförmig dieser Welt!" (Röm. 12, 2)

Wir Älteren kennen noch die Antwort auf die erste Katechismus-Frage: "Wozu sind wir auf Erden? Wir sind auf Erden, um den Willen Gottes zu tun und dadurch in den Himmel zu kommen." Die Antwort auf diese Frage lautet heute offensichtlich anders: "Wir sind auf Erden, um das zu tun, wozu wir Lust haben." Als erstrebenswerte, ja als unabdingbare Güter gelten heute das private Wohlleben, uneingeschränkte Freiheit, Selbstbestimmung, Befriedigung der Bedürfnisse, Glück. Und all das hat zum Ziel - wir hören es immer wieder - die "Selbstverwirklichung", wie eines der modernen Zauberwörter heißt. "Du bist, was du hast." In dieser Einstellung, sich selbst zu verwirklichen, des unbedingten Haben- und Genießenwollens findet der Mensch sein Glück in der Unabhängigkeit, ja in der Überlegenheit gegenüber dem Mitmenschen. Das unbedingte Habenwollen führt zum Kampf. "Habgier und Frieden schließen einander aus." (Erich Fromm) Dass es ein erfülltes Lebens geben kann trotz vieler unerfüllter Wünsche, das wird nicht mehr wahrgehabt. Wie viele haben Angst, es könne ihnen etwas entgehen, was sie nicht erlebt haben, bevor sie gehen müssen. Verzicht ist heute das nicht Sinnvolle, das in keiner Weise Erwünschte. In der Verkündigung dieser Lebensmaxime wird der Grundbetrug deutlich, dessen Opfer gerade der junge Mensch ist. Wohin eine derartige Lebenseinstellung führt, das sehen wir am konsumabhängigen Menschen, am Konsum-Idioten, der von seinen Glückssehnsüchten geknechtet wird, der zum "ewigen Säugling" (Erich Fromm) degenerieren muss.

Was bedeutet nun - angesichts einer solchen Lebenseinstellung - unser Reden, unser Bemühen um die Bereitschaft zum Opfer, zum Verzicht, zur Askese, zu dem, was wir mit "Kreuz" meinen? Das ist nicht nur ein lohnendes Thema; es dürfte klar sein, dass es auch ein notwendiges, not-wendendes Thema ist.

 

II.

Zunächst sind zwei Feststellungen angebracht, die unsere Grundhaltung, unsere "Tugend" der Bereitschaft zum "Opfer", zum damit verbundenen "Verzicht" zum Negativen hin abgrenzen.

"Opfer", "Verzicht", "Askese" überhaupt sind unchristlich, wenn sie herkommen aus einer Abwertung, aus einer Verachtung der Welt, des Diesseits, der irdischen Werte, der menschlichen Wirklichkeit. Eine solche Motivation reicht nicht aus. Die Welt ist in sich - auch nach dem Sündenfall - nichts abgrundtief Schlechtes. Die irdische Wirklichkeit in ihrem ganzen Umfang - das ist die Überzeugung des Christen - ist gut, weil sie vom guten Gott herkommt. Die Welt und der Mensch sind daher "lohnende Objekte" unserer Sorge, unseres Einsatzes. Keiner nimmt die Welt und den Menschen so ernst wie der Christ. Es geht darum auch nicht um das Aufgeben der Beziehung zur Welt, zur "bösen" Welt; es geht um die rechte Ordnung dieses Verhältnisses zur Welt.

"Opfer", "Verzicht", "Askese" überhaupt sind ebenfalls nicht christlich, wenn sie geschehen, um die Erdenschwere zu verlieren; um den Geist aus der Umklammerung durch das Leibliche zu befreien. Eine solche Motivation reicht nicht aus. Unser Einsatz für die Welt und den Menschen ist darum auch nicht eine Beschäftigungstherapie, damit wir nicht dem Müßiggang verfallen, damit wir nicht auf dumme Gedanken kommen. Wir flechten nicht tagsüber Körbe, die wir nachts wieder auftrennen, wie es von frühchristlichen Mönchen berichtet wird.

"Opfer", "Verzicht", "Askese" überhaupt bedeuten also nicht ein Aufgeben, ein Totschlagen des Menschlichen, des Individuellen, des Originellen. Im Gegenteil: Wo gibt es denn mehr Nivellierung, Uniformität als im Konsum, in der Mode?

 

III.

Nach dieser notwendigen Abgrenzung zum Negativen hin nun einige Hinweise auf die positive Bedeutung und Sinngebung der christlichen Haltung der Opferbereitschaft, der Bereitschaft zum Verzicht und zum Kreuz. Dabei geht es selbstverständlich nicht um eine erschöpfende Behandlung des Themas, sondern um einige Gesichtspunkte, die mir wichtige erscheinen. Es geht auch nicht um eine Belegung, um eine Erhebung dieser christlichen Grundhaltung aus der Heiligen Schrift; eine derartige Begründung ist selbstverständlich möglich und notwendig; denken wir nur an die vielen Aufrufe Jesu zur Kreuzesnachfolge in den Evangelien oder an die Tugendkataloge in den paulinischen Briefen. Ich möchte hier einen anderen Weg der Begründung gehen; ich möchte vom christlichen Menschenbild her den gemeinten Sachverhalt zu erhellen versuchen. Ich gehe aus von dem Begriffspaar "Leiblichkeit" und "Verleiblichung". Was mit diesen beiden Begriffen gemeint ist, das kann uns zunächst ein Abschnitt aus einem Roman verdeutlichen. Im Roman "Die Abtei" von Roman Brandstätter heißt es über den Brauch des Wallfahrens:

"Zu Fuß kommt sowieso niemand mehr; das Zufußgehen, das eigentliche Wallfahre, ist ganz aus dem Gebrauch gekommen. Seit der großen Völkerwanderung geht in unserem Land niemand mehr zu Fuß. Früher haben die Wallfahrer in dieser Hinsicht große Opfer gebracht. Mancher Pilger, lesen wir in den alten Schriften, hat mit letzter Mühe das Hospiz in Freimünster erreicht, und um es sich unterwegs ja nicht zu leicht zu machen, hat er sich steinharte Erbsen in die Schuhe getan oder einen Rucksack mit Granitsteinen mitgetragen. Hinter unsere Todesangst-Kapelle liegen sie ja noch, diese schweren Steine, und zeugen von der großen Glaubenskraft unserer Vorfahren. Einige von diesen Steinen kann unsereins kaum hochheben. Und heute stehen die Besucher Freimünsters mitleidig lächelnd vor diesem Steinhaufen und kommen sich angesichts des seltsamen, abgekommenen Wallfahrerbrauches ungemein modern und aufgeklärt vor. Warum nur haben diese Menschen das getan, fragen sie verständnislos. Und machen sich keine Vorstellungen, was unser Vorfahren hinter der Todesangst-Kapelle nicht nur an physischen Gewichten, sondern auch an seelischen Lasten und Bürden und Bedrückungen und Beschwernissen abgeladen haben und losgeworden sind. Unseren Vorfahren fielen in Freimünster Seine vom Herzen, und sie gingen erleichtert und zuversichtlich nach Hause zurück. Uns ist die Volksfrömmigkeit unserer Vorfahren heute zu direkt und handfest, selbst die Theologen, ja die Theologen vor allem, predigen doch ständig die Vergeistigung, alles darf nur noch spirituell und pneumatisch und nicht mehr unmittelbar und direkt und naiv aufgefasst werden. Mit Fasten und Kasteien und vielleicht mit Steineschleppen, sagen, ist gar nichts gewonnen, wir müssen uns auf das Wesentliche, das Innere und Eigentliche besinnen, nicht auf das Äußere. Aber weil dieses Wesentliche, Innere und Eigentliche so schwer auszumachen ist, so misslingt auch meistens die Besinnung darauf, und letztendlich gibt es statt der Erfolgserlebnisse die Frustrationen."

Was also ist mit "Leiblichkeit" und "Verleiblichung" gemeint? Der konkrete Mensch existiert immer "leibhaftig" - ein Sachverhalt, der zutiefst biblisch ist; nehmen wir nur die alttestamentlichen Begriffe "Fleisch", "Seele", "Geist" und "Herz", die den einen und ganzen Menschen bezeichnen. Wir können uns durch keine noch so hochgeistige Reflexion von unserer Leiblichkeit distanzieren. Der Mensch "ist" Leib, er "hat" nicht nur einen Leib. Alles Wirkliche des Menschen hat darum den Charakter der Leiblichkeit. Die "Seele", das Innerste des Menschen, drückt sich in ihrem Selbstsvollzug notwendig im Medium des Leiblichen aus. Der Leib ist darum nicht nur "Attrappe" oder gar "Versteck" für ein dahinter liegendes eigentliches Sein des Menschen. Er ist vielmehr das "Ausdrucksfeld" des Menschen, in dem und auf dem er sein eigenes Inneres und Selbst "ausdrückt" und "mitteilt", und zwar notwendigerweise! In diesem Sinn kann man von einer "Inkarnation" sprechen: der "Geist" wird "Fleisch"; er nimmt eine leibhafte Gestalt an. Der eigentliche Mensch ist also kein reiner Geist. Und in der Auferstehung von den Toten soll der Mensch in seiner Ganzheit, nicht nur in einem seiner "Teile", verherrlicht werden - eine Botschaft, die zu allen Zeiten auf Unverständnis und Befremden gestoßen ist; nehmen Sie nur das Erlebnis des Paulus auf dem Areopag in Athen.

Daraus ergibt sich aber eine wichtige Einsicht. Alle unsere inneren Überzeugungen, jede innere Gesinnung wird sich - und zwar notwendig - ihre leibhaften Ausdrucksformen schaffen, wird sich - notwendigerweise! - "verleiblichen". Um diesen Sachverhalt an Beispielen zu verdeutlichen, was also mit "Verleiblichung" gemeint isst: Weinen und Lachen z. B. drücken die innere Stimmung eines Menschen aus: Trauer und Freude. Man nennt Weinen und Lachen deshalb "Ausdruckshandlungen". Das Spiel ist ebenfalls eine solche "Ausdruckshandlung". Ein Kind z. B. spielt sich selbst; es bringt sich zur Darstellung; beim Spiel erkenne ich sein Wesen. Die Liebe zweier Menschen "äußert" sich, d. h. sie "verleiblicht" sich in äußere, erkennbare Zeichen der Liebe, in einen "Ausdruck" der Zuneigung. Die Liebe ist keine reine Angelegenheit des Kopfes.

Dieses "Gesetz der Verleiblichung" gilt nun auch für die christlichen Grundhaltungen. Der Glaube, die Hoffnung, die Liebe (als die Grundvollzüge des Christseins) verleiblichen sich in die Sichtbarkeit und Greifbarkeit hinein. Der christliche Glaube verleiblicht sich in das "Bekenntnis" vor der Gemeinde der Glaubenden; die Taufe symbolisiert in äußeren Zeichen, in einer "Zeichen-Handlung", die Bekehrung, ja das "Absterben" des "alten Menschen" und das Werden zu einer "neuen Schöpfung", versinnbildet im dreimaligen Untertauchen und im dreimaligen Auftauchen. Die Taufe macht sichtbar die kopernikanische Wende des Lebens weg vom Nur-Eigenen, weg vom Nur-Menschlichen hin zum lebendigen Gott - was sich nachher noch weiter entfaltet, entwickelt hinein in das Tun; in unserem Fall: in einen bestimmten neuen Entwurf des Lebens, in einen neuen Lebensweg.

Mit anderen Worten: das äußere Tun des Menschen ist "Ausdrucksgestalt" der inneren Gesinnung. Das von außen feststellbare Tun ist "Probe aufs Exempel": ob es überhaupt eine innere Gesinnung, eine innere Überzeugung gibt. Wo sich keine Verleiblichungen feststellen lassen, da fehlt - das mag hart klingen - die innere Gesinnung. Wo es keine leibhaften Vollzüge von Glaube, Hoffnung und Liebe gibt, da fehlen diese christlichen Grundhaltungen. Wo es keine äußerlich wahrnehmbaren Opfer und Verzichte gibt, da fehlt auch die innere Bereitschaft zum Opfer und zum Verzicht.

Noch eine Konsequenz ergibt sich aus der "Leibhaftigkeit" des Menschen. Alle inneren Einstellungen, Überzeugungen leben von der je neuen Übung und Betätigung, von der "Regelmäßigkeit". Die Liebe, die Freundschaft wollen gepflegt sein; sonst sterben sie ab. Wo der Glaube nicht je neu geübt, vollzogen wird (als je neue "Bekehrung"), da geht er verloren, da stirbt er ab. Das ist doch genau der lautlose Abfall vom Glauben, den wir heute allenthalben beobachten. Abfall vom Glauben geschieht heute in der Regel nicht in einer spektakulären Tat, sondern lautlos; er geht verloren, wie der Sand durch die Finger gleitet.

Dieses Gesetz der Wiederholung, das ständige Training (griechisch "Askese"!) gehört zu unserem Dasein als Menschen hinzu. Übrigens lebt jede vernünftige Erziehung von diesem Gesetz her: der Gewöhnung. Das hat mit Dressur, mit Geistlosigkeit absolut nichts zu tun. Die sich dagegen auflehnen, haben nicht begriffen, was Menschsein bedeutet. Alles Können wird durch ständige Übung erworben. Es gibt heute - auch in der Kirche - einen falsch verstandenen "Personalismus", der meint, alles menschliche Tun müsse voll personal eingeholt sein. Das ist eine totale Überforderung des konkreten Menschen. Vieles tun wir - Gott sei Dank - aus Gewöhnung. Und es gibt ja nicht nur schlechte Gewohnheiten. Die guten Gewohnheiten heißen übrigens "Tugenden". Solche Gewohnheiten wollen uns nicht das Denken abnehmen; sie entlasten uns, sie machen und frei für wichtige andere Entscheidungen.

 

IV.

Wir haben uns anscheinend meilenweit von unserem Thema entfernt. Aber dem ist nicht so. Wir haben uns nämlich einige allgemeine Merkmale natürlich-menschlicher Art erarbeitet, die wir auf unser Thema anwenden können.

Die Bereitschaft des Christen zum "Opfer", zu "Verzicht", zu "Askese", zum "Kreuz" ist eine innere Einstellung. Wenn sie vorhanden ist, wenn das Reden davon "wahr" ist, dann wird diese innere Einstellung sich notwendig ihre Ausdrucksformen schaffen, sich "verleiblichen" in die Sichtbarkeit und Greifbarkeit hinein. Welches derartige "Formen" im einzelnen sind, das ist weitgehend "beliebig", also nicht genormt, festgelegt, oft auch individuell sehr verschieden. So ist z. B. das Beten des Christen individuelle sehr verschieden. Auch der Einsatz für den Mitmenschen ist nie schablonenhaft; es gibt keine allgemeine Regel, sondern Maßstab meines Handelns, meines Einsatzes ist der Mensch, der meine Hilfe braucht. Dieser liebende Einsatz lebt vom Gesetz der Wiederholung, auch der Gewöhnung; er fragt nicht danach, was ich davon habe. In diesem Einsatz geht es auch nicht um ein Zurückzahlen meiner "Schulden" an eine Gemeinschaft, an die Mitmenschen: dass ein Ausgleich geschaffen wird zwischen Soll und Haben. Der Einzelne muss immer - auch rein menschlich - bereit sein, mehr zu "investieren", als er heraus bekommt. Denn es wird immer viele geben, die nichts oder nicht genug einbringen, geben können. Ohne die Bereitschaft der Glieder einer Gemeinschaft, mehr zu investieren, als sie zurück bekommen, geht jede Gemeinschaft über kurz oder lang bankrott - ein Sachverhalt, der heute kaum beachtet wird.

 

V.

Einen weiteren Gesichtspunkt unseres Themas möchte ich aufzeigen, und zwar im Anschluss an die Frage: Was kann die Bereitschaft zum Opfer, zu Verzicht, zum Kreuz überhaupt "leisten"? Was bringt diese Einstellung? Oder besser: Was wird im lebendigen Vollzug gleichsam "dazu gegeben"?

Diese Bereitschaft (zum Einsatz, zum Geben ohne zu zählen, zum Verzichten) hilft uns, unsere innere Freiheit zu wahren. Nur das, worauf wir verzichten, worauf wir verzichten können, nur das zwingt uns nicht. Nur dem gegenüber, worauf wir verzichten und verzichten können, sind wir frei. Wer alles haben, wer alles behalten muss, der hat keine Freiheit mehr; er vergötzt diese Gegebenheiten; er stellt sie in der Werte-Skala obenan. Er vollzieht damit aber auch eine Umorientierung seines Lebens - weg von Gott, hin zu irdischen Werten. Genau das meinen die Theologen mit "Sünde": die Abwendung von Gott als meinem Heil und die Hinwendung zu anderen Göttern, zu Götzen. Freilich gilt hier das Psalmwort: "Viele Schmerzen leidet, wer fremden Göttern folgt." Die innere Freiheit ist also der höhere Wert.

Diese Gesetzmäßigkeit, dass wer alles haben muss, unfrei wird, ist besonders in der Erziehung zu beachten. Schrankenloser Konsum, Erfüllung und Absättigung aller Wünsche und Sehnsüchte macht den jungen Menschen vor allem manipulierbar und domestizierbar. Von früh an müsste Erziehung daher dahin führen: zu zeigen, dass die innere Freiheit erkauft wird durch Opfer, Verzicht, Askese. Die dunkle Kehrseite der Medaille Freiheit ist nun einmal Opfer, Verzicht, Askese. "Niemand erfährt das Geheimnis der Freiheit, es sei denn durch Zucht!" (Dietrich Bonhoeffer), durch Verzicht. Niemand ist frei für Gott, wenn er sich zum Sklaven, zum Knecht irdischer Werte macht. Nur in der Bindung an Gott werden wir im letzten frei von den Dingen, von den Mächten dieser Welt; frei von uns selbst. Askese ist Anti-Egoismus.

 

VI.

Ich habe Ihnen einige Aspekte der christlichen Grundhaltung der Bereitschaft zum Opfer, zum Verzicht erläutert. Wir Christen haben sie inmitten einer anders denkende, einer anders handelnden Umwelt zu leben. Immer kommt es darauf an, Erkanntes in die Tat umzusetzen, Geistiges Fleisch werden zu lassen. Dieser Prozess der Verleiblichung kann uns durch kein Theoretisieren abgenommen werden. Aber vielleicht stärkt uns die Theorie, die Reflexion auf einem Weg, den wir fraglos und selbstverständlich gehen, gehen müssen. Oft werden wir gar nicht gefragt, ob wir uns einsetzen wollen; ob wir ein Kreuz tragen wollen; ob wir verzichten wollen. Wir sind einfach eingespannt. Kreuze haben es so an sich, dass sie uns auferlegt werden. Die Kreuze, die Opfer, die Verzichte, die wir uns selber aussuchen, passen sowieso nicht. In dieser Situation aber, dass unser Leben als Menschen und Christen vom Opfer, vom Verzicht, vom Kreuz gezeichnet ist, bedarf es allerdings der Ermutigung von außen. Es bedarf es Wissens, dass man nicht allein steht in seinem Einsatz, in unserem Tragen der Last des Lebens. Dass wir in unserem Mühen, dass wir mit unserer Last nicht allein stehen, das sagt uns gerade der heutige Tag, der Karfreitag, da wir der Todeshingabe, des Lebensopfers unseres Herrn gedenken. Er hat unsere Last getragen; ja, er hat uns sich aufgeladen. Sein Kreuz ist uns vor Augen gestellt als die einzige Hoffnung, als der Baum, an dem das Heil der Welt gehangen. Mit dem Blick auf ihn können wir dann auch die Last des Lebens tragen.

 

 

Über die Lieblosigkeit

Über die Nächstenliebe oder die "Mitmenschlichkeit" zu sprechen oder zu schreiben, fällt nicht schwer. Da kommt es auch auf die Sprachgewandtheit an. Über die Lieblosigkeit zu sprechen, fällt nicht so leicht. Ich meine, es sei wichtig, darüber miteinander zu sprechen - gerade in den Exerzitien! Ich habe einige Aussprüche, Texte, Gedichte zusammengestellt, die gleichsam ein Spiegel sein können, in dem wir uns selbst und unser Fehlverhalten besser erkennen können. Wie sich das für einen Vortrag gehört, will ich ganz piano beginnen, um dann durch ein stetiges Crescendo einige Dinge auf den Punkt zu bringen. Sicher müssen wir nicht alles auf uns selbst beziehen. Aber vieles könnte auch uns betreffen, könnte auch auf uns zutreffen.

 

Ich beginne mit einer Begebenheit, die Sören Kierkegaard erzählt. Als er in Kopenhagen Student war, suchte er eines Tages eine Wäscherei, um seine schmutzige Wäsche waschen zu lassen. In einem Schaufenster entdeckte er ein Schild: "Hier wird Wäsche gewaschen und gebügelt." Hocherfreut betritt er den Laden und stellt seinen Korb mit der schmutzigen Wäsche auf den Ladentisch. Die Bedienung kommt und fragt: "Was wünscht der Herr?" Kierkegaard weist auf seinen Korb mit der schmutzigen Wäsche und sagt: "Können Sie das bis Donnerstag gewaschen und gebügelt haben?" - "Mein Herr, Sie irren sich. Sie sind hier nicht in einer Wäscherei!" - "Aber in Ihrem Schaufenster steht doch das Schild: Hier wird Wäsche gewaschen und gebügelt." - "Das ist richtig. Wir stellen solche Schilder her: Hier wird Wäsche gewaschen und gebügelt!"

Ist es mit unserem Einsatz, mit unserem Engagement, mit unserer Liebe zum Nächsten auch so? Stellen wir nur noch Schilder her mit der Aufschrift "Nächstenliebe"? Reden wir nur noch von der Liebe, ohne sie zu üben? Wir reden ja oft nur von den Dingen, von den Haltungen, wenn sie nicht mehr selbstverständlich, wenn sie uns abhanden gekommen sind. Es kommt nicht auf das kluge Gerede an, sondern auf das Tun, auf das selbstverständliche, auf das stille Tun. Ich mißtraue allem lauten Gerede und Trompetenschall.

 

In seinen "Sudelbüchern" hat Georg Christoph Lichtenberg folgenden Aphorismus aufgeschrieben: "Belehrung findet man öfter in der Welt als Trost." Was die "Belehrung" betrifft, da gilt zunächst das russische Sprichwort: "Ein Dummer will belehren, ein Kluger will lernen." Belehrung allein schafft Distanz - und zwar nicht horizantal, sondern vertikal: von oben nach unten. Von oben nach unten kann man nicht wirklich helfen und trösten. Trösten kann man nur, wenn man das Podest, auf dem man steht, verlässt; wenn man heruntersteigt vom hohen Roß. Aber da gilt der Satz: "Nichts lässt sich so schwer mit Würde tun, wie das Herabsteigen von einem hohen Roß!" Ich denke, das sei besonders im Bereich der Erziehung wichtig. Helfen und trösten und stützen kann man nur von der Seite oder von unten. "Belehrung findet man in der Welt öfter als Trost!" - Wie steht es damit in einer Ordensgemeinschaft? Wie steht es mit der wirklichen Solidarität, mit der Stützung der im Herrn geliebten Brüder und Schwestern? Wie steht es mit dem Darunterstehen, mit dem von unten her Ertragen? Im NT wird dieses "von-unten-her-Bleiben" übrigens "Demut" genannt.

"Eine Gemeinschaft ist nicht die Summe von Interessen." Eine Ordensgemeinschaft ist keine Zweckgemeinschaft, ist keine Organisation zum Durchsetzen bestimmter Ziele, bestimmter Erfordernisse. Sie ist eine Lebensgemeinschaft von glaubenden Menschen, die aus der Verbundenheit mit Gott ihren Dienst tun - füreinander und für die Menschen, die unseres Dienstes, unserer Hilfe, unseres Einsatzes bedürfen - sei es in der Verkündigung und Seelsorge, sei es in der Caritas. Jede Gemeinschaft stirbt, wenn sie nur Interessen im Auge hat, ihnen dient. Deshalb fügt St. Exupéry einen Nachsatz hinzu: "Eine Gemeinschaft ist nicht die Summe von Interessen, sondern die Summe an Hingabe."

Auf einer Spruchkarte habe ich folgenden Satz gefunden: "Manchen Leuten ist kein Opfer zu groß - wenn andere dieses Opfer bringen." Haben wir schon einmal bedacht, was wir anderen durch unser Verhalten zumuten, aufbürden? Und zwar nicht nur an physischen Lasten, sondern vor allem an psychischen Lasten und Härten? Es tut weh, wenn einem immer wieder das stumme Ertragen von Unrecht abverlangt wird - auch in einer Ordensgemeinschaft. Es tut weh, wenn einem immer wieder die Dreckarbeit zugemutet wird. Wie heißt es so schön: "Wir sitzen alle in einem Boot: die einen rudern, die anderen angeln." Pech ist es, wenn man immer rudern darf, rudern muß. Aber das steht ja schon im Evangelium: "Mit wem soll ich dieses Geschlecht vergleichen? Kindern gleicht es, die auf den Marktplätzen sitzen und den anderen zurufen: Wir haben euch aufgespielt, und ihr habt nicht getanzt! Wir haben Klagelieder gesungen, und ihr habt nicht an die Brust geschlagen!" Den schweren Part überlassen wir großmütig anderen, den Dummen.

Eine weitere Facette der Lieblosigkeit will ich an einem Text von Christa Reinig deutlich machen. Dieser Text trägt die Überschrift: "Als Gott mich suchte":

Als Gott mich suchte,
traf er mich nicht auf dem Acker.
Als Gott mich suchte,
traf er mich beim Zeitunglesen.
Er kam ganz schwarz, es war ein Kohlenpacker.
Er sprach: Was ist mit Abel gestern losgewesen?
Ich sagte: Ich hab' nichts gelesen.
Er sprach: der Mensch lebt nicht von Zeitung und von Essen.
Ich sagte: sondern vom Vergessen.
Er sprach: was glaubst du, hast du ein ewiges Gesicht?
Ich sagte: manchmal glaube ich, manchmal nicht.
Er sprach: und weißt von nichts und hörtest keinen Schrei.
Ich sagte: ich hörte wohl, ich ging vorbei.

Die Abgestumpftheit, die Gleichgültigkeit gegenüber dem Notleidenden hat uns alle erfasst - vielleicht auch eine Wirkung der Medien, die uns an die Not und an das Sterben gewöhnen - bei den Fernsten! Die Gefahr ist, dass wir auch abstumpfen gegenüber der vielfältigen Not und vielgestaltigen Not um uns herum.

 

In einer der chassidischen Geschichten, die Martin Buber gesammelt hat, heißt es, dass der Rabbi Levi Jizchak von Berditschew mit den Vorstehern seiner Gemeinde eines Tages vereinbarte, dass sie ihn zu ihren Versammlungen nur noch laden sollten, wenn sie einen neuen Brauch oder eine neue Ordnung einzuführen gedächten. Die Geschichte fährt dann fort: "Einmal wurde er zu einer Versammlung geladen. Sogleich nach der Begrüßung fragte er: Welches ist der neue Brauch, den ihr einsetzen wollt? Sie antworteten: Wir wollen, dass die Armen fortan nicht mehr an der Schwelle des Hauses betteln; sondern eine Büchse werde aufgestellt, und alle Wohlhabenden tun Geld hinein, jeder nach seinem Vermögen, und daraus sollen die Bedürftigen bedacht werden. Als der Rabbi dies hörte, sprach er: Meine Brüder, habe ich denn nicht von euch erbeten, um eines alten Brauches und einer alten Ordnung willen solltet ihr mich nicht der Lehre entziehen und zu eurer Versammlung laden? Erstaunt wandten die Vorsteher ein: Unser Meister, das ist doch eine neue Einrichtung, die wir heute beraten! Ihr irrt, rief er, eine uralte ist es, ein uralter Brauch von Sodom und Gomorrha her. Entsinnt euch, was erzählt wird von dem Mädchen, das in Sodom einem Bettler ein Stück Brot reichte: wie sie das Mädchen ergriffen und den Bienen zum Fraß aussetzten ob des großen Frevels willen, den sie verübt hatte. Wer weiß, vielleicht hatten auch sie eine Gemeindebüchse, darein die Wohlhabenden ihre Almosen taten, um ihren armen Brüdern und Schwestern nicht ins Auge zu sehen."

Eine Gabe allein, eine Hilfe, ein sogenanntes "Trostwort" kann den, der die Gabe, der das Trostwort erhält, "demütigen". Es kann auch bedeuten: Verschwinde! Wir haben viel mehr zu geben! Wir haben unser Herz, wir haben uns selbst der Not des Mitmenschen (des konkreten, nicht des vorgestellten!) zu öffnen. wir haben uns selbst in eine Gabe, in ein Wort des Trostes hineinzulegen. Seien wir immer bereit, unseren armen Brüdern und Schwestern in die Augen zu sehen - im demütien und zugleich dankbaren Wissen darum, dass Gott uns in Jesus Christus in Gnaden angeschaut und angenommen hat.

 

Von Mark Twain stammt der Satz: "Ehe man anfängt, seine Feinde zu lieben, sollte man seine Freunde besser behandeln." Ähnlich lautet ein Satz von Christine Busta: "Um seine Feinde zu lieben, muß man erst seine Freunde besser verstehen lernen."

Die beiden Sätze erinnern mich an eine Geschichte aus meinem Heimatdorf. Der "Kreuschen-Möller" war ein überall beliebter und geschätzter Mann. Als seine Frau einmal darauf angesprochen wurde, was für einen freundlichen und netten Mann sie habe, bemerkte die Frau: "Ja, ja! Ein Straßenengel und ein Hauskreuz!" - Benehmen wir uns nicht auch so? Nach außen sind wir auf die Fassade bedacht, um von den Leuten gelobt und geehrt zu werden. Im Haus sind wir unausstehlich, beißen und kratzen und treten. Der Friede auf Erden beginnt nur da, wo ich in dem Kreis, in dem ich lebe, die Liebe und die Freundlichkeit und die Hilfsbereitschaft übe. Zwei verschiedene "Gesichter" zu haben (nach innen und nach außen) führt zur Verlogenheit, wirkt unglaubwürdig.

Zwei Sprichwörter, die viel Lebensweisheit enthalten: "Zu einem Hund, der Geld hat, sagen die Leute 'Herr Hund'!" (aus Tunesien) Das andere stammt aus Japan: "Selbst in der Hölle richtet sich alles nach dem Geld." - Auf wessen Seite stehen wir? Stehen wir nur auf der Seite der Einflußreichen, der Besitzenden, der Vornehmen? Haben wir noch einen Blick für die Kleinen, für die Einflußlosen, für die Armen, die nicht mitkommen? Auf wessen Seite steht die Kirche? Auf wessen Seite steht eine Ordensgemeinschaft? Auf wessen Seite stehen wir in einer Ordensgemeinschaft? Ich meine, hier gäbe es viele Gelegenheiten zum Nachdenken, zu einer Gewissenserforschung. Es geht nicht darum, Einfluß und Reichtum und Macht zu verteufeln. Aber es gibt Dinge und Werte und vor allem Menschen, die wichtiger sind.

"Jeder, der einen anderen aufgibt, hat ein Stück von sich selbst verloren." (Christine Busta) Wir kennen alle diese Ausdrücke: Den oder die kannst du vergessen! Der oder die ist für mich Luft! Der oder die ist für mich eine Null! Der oder die ist für mich gestorben! Unsere Sprache verrät uns; sie verrät unsere innere Lieblosigkeit; verrät in der Tat, dass wir andere "verraten" haben, ignoriert haben. Wir sollten jedoch bedenken: einen anderen aufgeben, einen anderen fallenlassen - das bedeutet auch: ein Stück unserer selbst abschneiden. Denn nur im Bezogensein auf die anderen, auf jeden anderen kommen wir zu uns selbst, gewinnen wir unsere eigene Identität. Das heißt nicht, dass wir anderen auch mal aus dem Weg gehen, ja gehen sollen. Aber ich darf, ich kann den anderen, die andere nicht ignorieren, nicht verdrängen, weil sie ein Stück des eigenen Lebens sind.

Eine chinesische Parabel erzählt von einer Hochzeit: "Die Brautleute hatten nicht viel Geld, aber dennoch waren sie der Meinung, dass viele Menschen mitfeiern sollten. Geteilte Freude ist doppelte Freude, dachten sie. Es sollte ein großes Fest werden, beschlossen sie; mit vielen Gästen. Denn warum sollte unsere Freude nicht ansteckend sein? fragten sie sich. Also baten sie die Eingeladenen, je eine Flasche Wein mitzubringen. Am Eingang würde ein großes Gefäß stehen, in das sie ihren Wein gießen könnten; und so sollte jeder die Gabe des anderen trinken und jeder mit jedem froh und ausgelassen sein. Als nun das Fest eröffnet wurde, liefen die Kellner zu dem großen Gefäß und schöpften daraus. Doch groß war das Erschrecken aller, als sie merkten, dass es Wasser war. Versteinert saßen und standen sie da, als ihnen bewusst wurde, dass jeder gedacht hatte: die eine Flasche Wasser, die ich in das Gefäß hineingieße, wird niemand merken und schmecken. Nun aber wussten sie, dass jeder so gedacht hatte: Heute will ich einmal auf Kosten der anderen feiern."

Bei einem Fest soll die Freude den vielen Eingeladenen zugute kommen. Einer soll den Wein des anderen trinken. Wer heimlich Wasser in das gemeinsame Gefäß gießt, der will auf Kosten der anderen leben. So gibt es kein Fest und keine Freude und kein Leben. Das gilt auch für jede Gemeinschaft. Das gilt für die Familie, für die Kirche, für den Staat. Wer nur danach fragt, was er von der Gemeinschaft, der er angehört, hat, der zerstört diese. Die Frage ist nicht: Was habe ich davon? Sondern: Was bringe ich in eine Gemeinschaft ein? Ohne diese Bereitschaft, mehr einzubringen, als was man bekommt, geht jede Gemeinschaft über kurz oder lang bankrott; sie macht pleite. Denn es gibt immer in jeder Gemeinschaft solche, die wenig oder nichts einbringen, einbringen können. Denken Sie nur an die Kranken und Alten in einer Gemeinschaft.

Von Hermann Hesse stammt der Satz: "Das Feststellen von fremder Schuld macht niemals etwas besser." und Getrud von le Fort schreibt einmal: "Es gehört zu den verhängnisvollsten Irrtümern der Welt, zu den tiefsten Gründen ihrer Friedlosigkeit, dass sie alles Unrecht immer aufdecken und verurteilen zu müssen glaubt."

Die Wahrheit, das Zutreffen dieser Sätze haben wir alle schon am eigenen Leib gespürt: bloßgestellt zu werden vor anderen; wegen eines Fehlverhaltens vorgeführt zu werden. Gerade gegenüber dem fehlenden Mitmenschen, wenn wir ihm wirklich helfen wollen, da ist große Zurückhaltung geboten; das erfordert viel Fingerspitzengefühl. Aber manche haben do, wo normalerweise Fingerspitzen sind, Knollen. Sie merken nicht, wie weh sie tun. Auch der fehlende und schuldige Nächste hat ein Recht auf Fairness; er hat ein Recht, nicht bloßgestellt zu werden. Und viel Unrecht kann nur durch den Mantel der Barmherzigkeit überwunden werden, nicht durch das Hervorzerren ans Licht der Öffentlichkeit.

 

Aus einem ostafrikanischen Land stammt das Sprichwort: "Das Böse ist ein Hügel; jeder steht auf seinem und zeigt auf einen anderen." - Es ist ein beglückendes Gefühl der Erleichterung, feststellen zu können, dass das moralische Niveau des Menschen tiefer ist als das meine. Das enthebt mich der Pflicht, mich mit meinen eigenen Fehlern zu befassen. Das ist eine menschlich unreife Form der Schuld-Entlastung; ja, es ist Ausdruck des Hochmuts und des Stolzes. Das Versagen, die Schuld des anderen rechtfertigt das eigene Fehlverhalten, legitimiert das eigene schuldhafte Tun. Diesem "Hochmut" müssen wir abschwören. Aber wie sagt das arabische Sprichwort: "Man sieht besser in einer schwarzen Nacht auf einem schwarzen Stein einen schwarzen Käfer als den Hochmut im eigenen Herzen."

Von Martin Buber stammt der Satz: "Wo Menschen nicht mehr miteinander reden, beginnt bereits der Krieg." Unsere Sprache ist Ausdruck und Mittel der Kommunikation, des Austauschs untereinander; ist Ausdruck auch, aufeinander angewiesen zu sein. Wer nicht mehr mit dem Nächsten, mit seinem Bruder und seiner Schwester spricht, der amputiert sich selbst. Und wen ich ausschließe vom Miteinander-Sprechen, den verstümmele ich; dem füge ich ein schweres Unrecht zu; einen Schaden, den ich wiedergutmachen muß.

Getrud von le Fort schreibt einmal: "Das Tier mag nicht auf den Menschen treten; auf den Menschen tritt immer nur der Mensch." Und von Bert Brecht stammt das Wort: "Und wenn einer tritt, dann bin ich's; und wenn einer getreten wird, dann bist du's. C' est la vie - so ist das Leben."

Wir haben erlebt und wir erleben es immer wieder, wie der Mensch und wie seine Würde mit Füßen getreten werden. Doch müssen wir uns selbst immer befragen, ob wir uns daran beteiligen, anderen weh zu tun. Manche treffen mit untrüglicher Sicherheit den Punkt, an dem es weh tut, den "wunden Punkt". Wer das tut, der versündigt sich an seinem Bruder, an seiner Schwester. Jeder hat ein Recht darauf, geschützt zu werden an seiner verwundbarsten Stelle. Wer dieses Recht mißachtet, der ist ein Sadist.

 

Zum Schluß eine Erzählung aus Afrika - vielleicht kennen Sie diese. Sie läßt - so meine ich - an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig.

Da war ein Mann, fromm und gottesfürchtig. Jeden Tag ging er zum Tempel hinauf, um zu beten. Eines Tages erschien ihm der Herr und sagte: Gangeram, du bist ein guter und frommer Mann. Komm morgen wieder, und ich will mit dir reden. Voll Freude ging Gangeram nach Hause und fand die ganze Nacht keine Ruhe. Was ist es wohl, was der Herr mir sagen will? Dieser Gedanke ließ ihn nicht mehr los. Am nächsten Tag ging er früher als gewöhnlich zum Tempel hinauf, und wieder erschien ihm der Herr. Wieder sprach der Herr zu ihm: Gangeram, du bist ein guter, aber armer Mann. Ich will dir helfen. Wünsche dir, was du willst, und ich werde es dir geben. Unter einer Bedingung: Komm morgen wieder und ich werde sie dir sagen.

Groß war die Freude, und bis tief in die Nacht hinein redete er mit seiner Frau darüber, was er sich wünschen solle: ein Haus, ein Feld, einen Ziehbrunnen usw. Am nächsten Tag hörte er wieder die Stimme des Herrn: Gangeram, du bist ein guter Mann. Ich will dir geben, was du willst - unter einer Bedingung: dass ich deinem Nachbarn das Doppelte von dem gebe, was ich dir gebe.

Schweigend und sinnend ging Gangeram nach Hause. Ich kann mir wünschen, was ich will; aber mein Nachbar wird immer das Doppelte davon erhalten! Seine Frau merkte sofort, dass wiederum etwas passiert war. Zitternd fragte sie: Gangeram, sage mir, was ist denn los? Du bist nicht mehr derselbe. Und er erzählte ihr von dem Wunsch mit der Bedingung. Von da an fand Gangeram keine Ruhe mehr: Was soll ich mir wünschen? Immer bekommt der das Doppelte. Und seine Frau: Wenn wir drei Ziegen wünschen, bekommt er vier! Unmöglich, unmöglich! Gangeram hielt es daheim nicht mehr aus. Den ganzen Tag irrte er herum durch Flur und Wald mit starrem Blick. Plötzlich stand er still, richtete sich hoch auf und schrie: Ich hab's, ich hab's! Ich werde dem Herrn sagen: Reiß mir eine Auge aus!

Dieser Geschichte ist nichts hinzuzufügen. Der Nachbar, der andere, wer auch immer - er darf mir auf keinen Fall überlegen sein. Er ist nur gelitten; er ist nur "gut", wenn er unten ist; wenn er bedürftig bleibt; wenn er auf mich angewiesen ist.

Ich habe einige "Lieblosigkeiten" zusammengestellt, aneinandergereiht - als ein Spiegel für uns, in dem wir uns selbst sehen können, sehen sollen.

Als kontrastierenden Meditationstext aus der heiligen Schrift nehmen sie aus dem 1. Johannesbrief den Abschnitt 3, 14-23.

 

 

Der Kreuzweg unseres Herrn Jesus Christus

Immer wieder haben die Menschen versucht, sich das Leiden des Herrn zu vergegenwärtigen, es nachzuvollziehen; den Weg, den Jesus gegangen ist, nachzugehen. Sie haben versucht, sich zu Gesinnungen zu eigen zu machen, die ihn in der Passion bewegten. Eine der Formen, in den Geist der Passion einzudringen, ist der Kreuzweg. Es geht hier - wie bei jedem Gebet, bei jeder Betrachtung - nicht nur um eine Objektivierung des Passionsgeschehens; dass ich gleichsam dieses Geschehen rekonstruiere. Es geht um viel mehr. Es geht um das Sehen dessen, was das alles für mein konkretes Leben, für meine konkrete und einmalige Situation besagt. Ich bin gemeint. Es geht also, wie Ignatius von Loyola in seinem Exerzitien-Büchlein sagt, um die "intima cognitio Jesu", um die tiefinnerliche Erkenntnis Jesu.

Wir wollen das jetzt für den Kreuzweg tun. Wir werden dabei sehen, wie sich die einzelnen Kreuzweg-Stationen zueinander verhalten wie Frage und Antwort. Und zwar war das nicht nur für Jesus der Fall; dass sich ihm auf seinem Weg nach Golgotha, zum Kreuz Fragen stellten und Antworten ergaben. Dieses Verhältnis von Frage und Antwort findet sich auch in unserem Leben wieder. Wir dürfen daher nicht nur den "Sitz im Leben" Jesu vor Augen haben, sondern wir wollen versuchen, den Sitz in unserem eigenen leben zu erfassen; zu fragen, ob es nicht in unserem Leben ähnliche Situation gibt. Wir können ja davon ausgehen, dass viele Fragen unseres Lebens sich im Blick auf Jesus beantworten lassen. Ja, wir Christen sind davon überzeugt, dass nur bei ihm die Antworten zu finden sind auf die Fragen, die das Leben uns stellt.

Wie man fertig werden muss im unverständlichen Leid

1. Station: Jesus steht vor dem Richterstuhl des Pilatus. In diesem Prozess sammelt sich das Unrecht der ganzen Welt: die Undankbarkeit der Menschen, unter denen er Wohltaten spendend umherzog. Die Improperien des Karfreitags fassen dies zusammen: "Mein Volk, was tat ich dir? Womit habe ich dich betrübt? Antworte mir! Aus der Knechtschaft Ägyptens habe ich dich herausgeführt. Du aber hast mich vor den Richterstuhl des Pilatus geführt. ... Du bereitest das Kreuz deinem Erlöser!" Es sammelt sich aber auch die Undankbarkeit seiner eigenen Freunde und Vertrauten. Es sammelt sich in diesem Prozess die Verdemütigung vor seinen Anhängern, vor seiner Mutter, vor den Jüngern. Wenn wir in einer ähnlichen Situation stehen, dann ist unsere normale Reaktion Auflehnung, Protest, Verbitterung und Zurückziehen ins eigene Schneckenhaus.

Die 2. Station gibt eine Antwort. Jesus nimmt das Kreuz auf sich. Er nimmt das Kreuz, die Verleiblichung der Schuld der Menschheit. Er nimmt das Kreuz, das Symbol dessen, was dem Menschen an Leid und Not und Schmerz begegnet. Dem Herrn wird es auferlegt von außen; und er nimmt es an - ohne Pose; um das Kreuz ist keine Gloriole. Jesus hat nicht die geringste Chance, dass diese Tat der Annahme beachtet wird; dass der, der es auf sich nimmt, sozusagen "wächst"; im Gegenteil: das Kreuz wird dem Herrn einfach aufgepackt. Aber er sagt dazu Ja; er nimmt es an.

Auch wir müssen die Kreuze unseres Lebens, die uns auferlegt werden, annehmen, auf uns nehmen. Wir dürfen die Kreuze nicht vorschnell "verklären". Wir dürfen uns nicht dagegen wehren; ja, wir können es oft gar nicht. Kreuze haben es so an sich, dass sie uns einfach aufgepackt werden. Und wir brauchen uns die Kreuze auch nicht selbst auszusuchen. Die Kreuze, die wir uns aussuchen, passen sowieso nicht. Freilich müssen wir das Auferlegtwerden verwandeln: in die freie Annahme vor Gott; in die freie Hingabe an Gott. Aber wie schwer kommt uns Jesu Wort über die Lippen: "Vater, nicht wie ich will, sondern wie du willst."

 

Durchhalten aus der Verantwortung für andere

Die 3. Station zeigt uns, wie Jesus unter der Last des Kreuzes zu Boden fällt. Die normale Reaktion, wenn wir fallen, ist doch die, dass wir fragen: Soll ich nicht Schluss machen? Hat das Weitergehen, hat das Aufstehen überhaupt einen Sinn? Hat das Durchhalten, das Festhalten an einer eingegangenen Verpflichtung noch einen Sinn? Was habe ich davon? Vielleicht sind Jesus selber solche Gedanken gekommen, als er unter der Last des Kreuzes hingestreckt daliegt. Denn auch er war ja der Versuchung ausgesetzt, seiner Berufung untreu zu werden. In Lk. 4 heißt es, dass der Teufel nur eine Zeitlang von ihm abließ

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Die Begegnung mit seiner Mutter ist Jesu Antwort. Er ringt seinen Blick vom Boden los, und sein Blick fällt in das Auge seiner Mutter. In den Augen der Mutter liest er die Bereitschaft, das Leid mit ihm zu tragen. Aber er liest in ihren Augen zugleich auch Sorge und Angst. Maria ist stark; aber sie ist angewiesen auf die Stärke ihres Sohnes. Und das lässt den Herrn die Antwort geben: er stärkt seine Mutter. Durch die Verantwortung für sie wird er zur Stärke aufgerufen.

Und das hat uns einiges zu sagen. Wir dürfen die Antwort auf Fragen, die Leid und Kreuz, Misserfolg und Versagen an uns stellen, nicht immer nur von uns her, im Blick auf uns allein suchen. Jeder steht in einem Einfluss-Kreis, innerhalb einer Lebensgemeinschaft. Wenn ich schwach werde, wenn ich versage, dann werden auch die anderen schwach. Ein Zusammenbruch hat Folgen und Auswirkungen auf die anderen, macht die anderen schwach. Und es gilt doch, die anderen zu stärken und zu stützen. Es ist notwendig, diese Verantwortung für andere in unsere konkreten Entscheidungen mit einzubeziehen. Wir können nicht nur von uns selber her Entscheidungen fällen. Wir haben dabei den Blick immer auch auf die anderen zu richten, für die wir eine Verantwortung tragen; die mit uns gehen; die auf uns schauen; die auf uns angewiesen sind.

 

Die drohende Verbitterung überwinden durch einen
bewussten Blick auf das Gute, das andere uns bereiten

Die Hilfe des Simon aus Cyrene ist offensichtlich eine äußerliche Hilfe, die zudem noch erzwungen wird. Das ist ja oft keine Hilfe, wenn man spürt, dass diese Hilfe befohlen wird. Man merkt auch, dass der andere diesen Dienst gar nicht mit innerer Hingabe erfüllt. Das eigene Leid wird dadurch nur noch größer. Man spürt, wie ausgestoßen man ist: die Menschen gehen einem aus dem Weg. Die natürliche Reaktion ist Verbitterung und Bitterkeit. Und die daraus erwachsene Gefahr ist, dass man überhaupt die Bereitschaft verliert, Unrecht zu vergessen und das Gute zu sehen.

Die 6. Station ist die Antwort: Veronika reicht Jesus das Schweißtuch. Es ist zwar nur eine kleine, eine unscheinbare Hilfe. Aber sie wird geleistet aus einem guten Herzen. Deswegen ist sie auch mehr als etwas rein Äußerliches. Wir sind immer in der Gefahr, in der Verbitterung das Gute nicht wahrzunehmen, nicht zu beachten, was uns an Gutem getan wird. Vielleicht zertreten wir es sogar. Der Herr aber sieht das Gute, das so unscheinbar Gute. Er nimmt es in Demut an und erfährt es als Hilfe. Er selbst ist getröstet. Aber er bringt auch mit seiner Offenheit das Gute in dieser helfenden Tat zur Entfaltung; er lässt es wachsen.

Unsere Aufgabe ist es, sich nicht verbittert vor der ehrlich gemeinten Hilfe der Mitmenschen zu verschließen. Wir sind aufgerufen, das unscheinbar Gute zum Wachsen, zur Erfüllung zu bringen; das Gute im anderen zu entbinden, zu fördern. Wir sind ja immer in der Gefahr, in der Bitterkeit es zu zertreten. Hinzu kommt: zum Schenken, zum Gutestun gehören immer zwei. Der demütig Annehmende ist so wichtig wie der demütig Schenkende.

 

Die eigene Not überwinden im Blick auf die Not der anderen

Jesus fällt zum zweiten Mal unter dem Kreuz. Eine bestimmte Erfahrung und Frage unseres Lebens spiegelt sich in diesem Geschehen. Es ist die Erfahrung, dass unser Leben keine Sicherheit hat, keine letzte Sicherung. Es ist aber auch die Erfahrung, dass die Überwindung von Schwierigkeiten nie mit einem Mal erledigt ist. Unser Leben ist nun einmal eine lang andauernde Mühsal, ein lange andauerndes Mühen um die Realisierung von Vorstellungen, um die Realisierung eines Lebensentwurfes. Wir wissen, dass zu unserem Leben das Versagen gehört. Wir können uns nie über die anderen stellen. Wer steht, der sehe zu, dass er nicht falle! Diese Ungesichertheit unseres Lebens und auch unseres Stehens vor Gott ist jedoch für uns oft eine quälende Frage.

Die 8. Station gibt die Antwort: Jesus tröstet die weinenden Frauen von Jerusalem. Diese Frauen waren von einer ehrlichen Trauer um Jesus erfüllt. Er reagiert anscheinend sonderbar. Es ist anscheinend kein dankendes Annehmen dieses Mitleides und dieser Trauer; vielmehr bagatellisiert er seine eigene Not und wendet den Blick auf die Not, auf die künftige Not dieser Frauen: Weint über euch und über eure Kinder!

Hier liegt, so scheint mir, die Antwort auch auf die Frage, wie wir die eigene Not überwinden können; nämlich dadurch, dass wir in einer echten Sorge und Liebe und Bemühung um die anderen, den Blick, unseren Blick von unserer eigenen Not wegwenden auf die Nöte der anderen. Wir sollten nicht unsere eigene Not kultivieren und um Mitleid hausieren gehen. Das eigene Kreuz brauchen wir nicht zu verehren oder gar von den anderen verehren zu lassen. Es genügt, Christi Kreuz zu sehen und zu verehren. Und nur im Blick auf das Kreuz unseres Herrn und von ihm her ist auch unser Kreuz gesegnet.

 

Durch Selbstlosigkeit mit der eigenen Not fertig werden

Jesus fällt zum dritten Mal unter dem Kreuz. Auch hier spiegelt sich eines der drängendsten Probleme, mit dem sich jeder von uns herumschlagen muss: das ewig Gleiche! Die Wiederholung des Gleichen ist nur sehr schwer zu ertragen. Die immer gleichen Fehler, Schwächen, ja Sünden rauben uns den Nerv, den Mut; nehmen uns allen Schwung. Wie werden wir mit dieser Situation fertig? Lassen wir uns in unserer Aktivität lähmen und uns das Gesetz des Handelns von außen aufzwingen? Oder sehen wir in dieser Situation eine Chance des Reifens und Wachsens, und zwar inmitten der Ungesichertheit unseres Daseins?

In der 10. Station gibt uns Jesus eine Antwort: er wird seiner Kleider beraubt. Jesus gibt das Letzte her, was er noch hat. Er tut es ohne Berechnung; er tut es auch nicht in einer großen imponierenden Geste. Seine Kleider werden ihm einfach weggerissen. Aber gerade darin überwindet er das, was ihn belastet. Als Beraubter ist er der Schenkende. Als Ausgenützter trägt er zum Nutzen der Vielen bei. Freilich kann das nur der liebende Blick des Glaubens entdecken. Wir schielen dagegen in einer ähnlichen Situation sozusagen nach dem Fotografen, der alles im Bild festhalten soll. Noch in Unglück und Unrecht suchen wir noch die Gloriole; erwarten wir, ja fordern wir den Beifall der Menschen. Jesus erging es jedenfalls anders.

 

Verwandlungswunder durch eine glaubende Hingabe

Jesus wird ans Kreuz genagelt. Er kann sich nicht mehr wehren; er muss alles in Passivität über sich ergehen lassen. Und das Kreuz wird aufgerichtet zur Schau. Die Hinrichtung auf Golgotha war eine Schau. Das Opfer am Galgen ist all seiner menschlichen Würde beraubt; es ist entpersönlicht, als ein wertloses Ding betrachtet. Es ist die Frage unserer Zeit, die heute mit großer Sorge und Angst gestellt wird: die Verdinglichung, die Entpersönlichung des Menschen. Der Mensch ist manipulierbar, auswechselbar geworden; er scheint nur noch eine anonyme Nummer zu sein in einem gnadenlosen System. Es kommt auf den Einzelnen nicht mehr an. Das ist die bedrückende Erfahrung, die jeder von uns in irgendeiner Weise schon gemacht hat. Wer ausgedient hat, der wird abgeschoben; der muss gehen.

In der 12. Station gibt uns Jesus die Antwort in seinem Sterben: "Vater, in deine Hände gebe ich meinen Geist!" Die Antwort auf die Bedrohung des Menschen durch die heutige Kultur und Zivilisation, durch die Mächte unserer Zeit ist die Besinnung auf das Personale; die Besinnung letztlich auf unser persönliches Angesprochensein durch Gott selber. Wir sind von ihm bei unserem Namen gerufen. Wir stehen verzeichnet in seinen Händen. Nur wenn er unser Halt ist, brauchen wir nicht zu verzweifeln.

Wie antworten wir auf diese Fragen an den Menschen unserer Zeit? Sind wir uns bewusst, immer unter seinem Anruf zu stehen? Weiß ich mich im Letzten und Tiefsten in ihm geborgen, von ihm gehalten? Auch dann, wenn ich mich nicht mehr an ein Amt, an eine Aufgabe, an einen Posten klammern kann? Seiten wir davon überzeugt: Er lässt uns nie fallen. Wir stehen verzeichnet in seinen Händen.

 

Zusammenfassung aller Fragen und Antworten

Maria hält ihren toten Sohn in ihrem Schoß. Die Schmerzensmutter ist die fleischgeworfene Frage: Warum? Warum überhaupt das Leid in der Welt? Aber es ist kein revolutionäres Warum. Es ist kein wütendes Sichaufbäumen, sondern ein Warten. Es ist ein Warten mit der Ahnung einer Antwort, die das bange Fragen zufrieden stellen kann und wird. Maria ist ein Hinweis, woher all unser Leid letztlich einen Sinn bekommt. Das Kreuz und der tote Sohn in ihrem Schoß ist die eigentliche und die letzte Antwort. Wenn man in der modernen Literatur die Frage nach dem Leid, die sehr oft und sehr intensiv gestellt wird, verfolgt, dann bemerkt man, dass sie in der Regel nicht im Angesicht des Kreuzes gestellt wird. Sie müsste in diesem Kontext gesehen werden, auf der Folie des Kreuzes.

Die Grablegung Jesu gibt eine Antwort; oder genauer: Wir begegnen der Grabesstelle einer Antwortlosigkeit. Eine Antwort auf den Sinn des Leids ist nicht im Bereich der vordergründigen Erfahrung möglich, sondern nur im Bereich des Glaubens; eines Glaubens, der die Gewissheit hat, dass das Grab, dass der Tod, dass der Karfreitag nicht das Letzte ist, sondern ein Übergang. Deswegen ist von uns eine Offenheit und Bereitschaft des Glaubens gefordert. So sollen wir durch das Leben gehen. Es gibt eine Antwort, die wir in diesem irdischen Leben oft nicht sehen; es gibt eine Antwort auf die Frage nach dem Sinn von Leid und Kreuz. Jetzt sind unsere Augen noch gehalten. In dem Maße aber, wie es uns gelingt, Glaubende, Liebende zu werden, überzeugt zu sein, dass in diesem am Galgen Aufgehängten das Heil der Welt anwesend ist, werden wir uns nicht mehr stoßen, sondern den tieferen Sinn entdecken. Das ist freilich eine Lebensaufgabe; es bedarf des Wachsens und Reifens.

Wir werden dann auch den Anruf erkennen, der an uns ergeht, Jesu Grundgesetz auch zu unserem eigenen Lebensgesetz werden zu lassen: dass er für uns da war; dass sein Leid, sein Kreuz fruchtbar geworden ist für uns. Wenn er uns so geliebt hat, dann fordert das unsere Gegenliebe. Dann gilt es, diese seine Hingabe und Liebe in der Welt sichtbar und erfahrbar zu machen.

 

 

Pastoraler Dienst und priesterliche Ehelosigkeit

Bei der letzten Rekollektion haben wir uns mit der Diskussions-Vorlage zur "Personal- und Pastoralplanung" befaßt. In meinem einleitenden Statement habe ich einige Anmerkungen gemacht zu zwei Unterpunkten: zu "Fragen zu Leben und Dienst des Priesters" bzw. "der Diakone und der Laien im pastoralen Dienst". Ich möchte diese Anmerkungen wiederholen:

1. Ich stelle fest eine Engführung auf die "Funktionen" (des Priesters, des Diakons, der Laien im pastoralen Dienst). Wer den priesterlichen und pastoralen Dienst auf die "Funktion" reduziert, der beraubt diesen Dienst seiner "Seele". Das Auseinanderklaffen von "Sein" und "Funktion" ist katastrophal. Beziehen wir unsere Identität als Christ, Priester, im pastoralen Dienst Tätige von unserer "Funtion" oder von woher?

2. Ich stelle fest eine fast totale Absenz dessen, was man früher mit "Aszese" bezeichnet hat. Ich halte die aszetische Bildung und Formung der im pastoralen Dienst Tätigen für eine Grundvoraussetzung jeder pastoralen Tätigkeit und Erneuerung. Wir brauchen erzogene, menschlich reife Leute im pastoralen Dienst, die nicht verkommen sind zu Egozentrikern, Egoisten und Neurotikern.

3. Ich stelle fest eine weitgehende Absenz dessen, was man mit "Spiritualität" bezeichnet. Das geistliche Leben (in Gebet, Meditation, gemeinsamem geistlichen Tun und Studieren) ist das Fundament priesterlicher und pastoraler Existenz. Das Kardinalproblem der pastoralen Erneuerung ist ein spirituelles Problem. Das "Sprachspiel des Glaubens" (um einen Begriff von Ludwig Wittgenstein aufzugreifen) bedarf, um verstanden zu werden, einer existentiell geübten Lebensform.

Ich möchte heute zu den damals angeschnittenen Diskussionspunkten etwas sagen, also zum Priestertum, speziell unter der Rücksicht der Ehelosigkeit. Ich bin mir bewußt, dass meine Ausführungen zu diesem Thema kaum Beifall finden werden. Aber zuweilen soll man ja auch ein "Bekenntnis" ablegen. Doch zunächst zwei Vorbemerkungen.

Zwei Vorbemerkungen

Symptomatisch für die pastorale Krise bei uns in Deutschland, aber auch für die Krisen-Lösung scheinen mir zwei Bereiche zu sein:

Sie wissen alle um den Niedergang der Beichte bzw. des Bußsakramentes im Leben der Gläubigen - nicht nur bei uns in Deutschland! Sie erinnern sich aber auch noch genau an die Zeiten, wo es anscheinend nichts Wichtigeres gab als die Beichte, als den Empfang des Buß-Sakraments. Die "Hölle heiß machen", das war oft das Ziel der ordentlichen und außerordentlichen Seelsorge, etwa bei Voks-Missionen. Das Buß-Sakrament wurde hochstilisiert zur einzigen, zur einzig sicheren Form der Sündenvergebung. Andere Formen, legitime Formen der Sündenvergebung wurden verdächtigt, verschwiegen und verdrängt. Das Ergebnis ist uns allen bekannt. Die Beichte ist in der Tat tot, und wir weinen dieser Entwicklung keine Träne nach. "Was fällt, das soll man noch stoßen!" (F. Nietsche) Was das Bedenkliche, ja das Schlimme ist: weitgehend ist mit dem Verschwinden der Beichte auch das Bewußtsein von Sünde und Schuld, das Bewußtsein der Erlösungsbedürftigkeit und für Vergebung von Schuld und Sünde geschwunden, fast verschwunden, zumal wir "Sünde" weitgehend auf den mitmenschlichen Bereich reduziert haben - eine verhängnisvolle theologische Verkürzung!

Die Parallel-Entwicklung in Bezug auf die Eucharistie ist m.E. schon offenkundig. In den vergangenen Jahrzehnten ist die Eucharistiefeier faktisch zu der Gottesdienstform der Katholiken geworden, zum Gottesdienst schlechthin hochstilisiert worden. Jede kleine Gruppe wünscht, ja verlangt für ihre Bedürfnisse eine hl. Messe; und wir befriedigen diese Bedürfnisse. Andere Gottesdienstformen, andere Formen der Kommunikation mit Gott, mit Jesus Christus, andere Formen, den Glauben zu üben und zu vollziehen, sind nach und nach eines sanften Todes gestorben. Die zahlenmäßige Ausweitung der hl. Messe führt bei den immer spürbarer werdenden Priestermangel mit Notwendigkeit zu einem Kollaps. Die ausreichende "Versorgung" der Gemeinden ist nicht mehr gewährleistet. Da die Gläubigen aber ein "Recht" auf die Eucharistie haben (so wird argumentiert), müssen die Verantwortlichen (die Bischöfe) dafür sorgen, dass die Versorgung der Gemeinden sichergestellt ist. Da der vorhandene Priesternachwuchs den Bedarf nicht mehr deckt, ist darüber nachzudenken, wie dem Mangel begegnet wird. Die Forderung nach der Weihe von Verheirateten zu Priestern liegt auf dem Tisch und damit die Lockerung bzw. die Aufhebung des Zölibat-Gebotes; aber auch der Ruf nach der Frauen-Ordination ist schon unüberhörbar geworden

Ein "Recht auf Eucharistie"?

Zunächst ist zu fragen, ob es so etwas gibt wie ein "Recht" auf die Eucharistie seitens der Gläubigen. Ein solches "Recht" gäbe es nur, wenn die Eucharistiefeier "de necessitate salutis" wäre, also heilsnotwendig. Das ist jedoch nicht der Fall. Der Glaube allein ist heilsnotwendig. Und nur insofern die Eucharistiefeier eine Aus- und Einübung des Glaubens ist (mit dem Essen des eucharistischen Brotes als dem dichtesten Ausdruck des Glaubens), kann man von der "Wichtigkeit", nicht jedoch von der "Notwendigkeit" der Eucharistie sprechen. Meines Erachtens steht hinter der Auffassung, es gebe ein "Recht auf Eucharistie", ein schiefes, ja ein fast magisches Verständnis von Eucharistie und Kommunion. Und wenn heute die Eucharistiefeier von den vielen Formen, den Glauben zu üben, faktisch allein übriggeblieben ist, dann signalisiert das eine beklagenswerte Verarmung des geistlichen Lebens.

Als Folgerung ergibt sich, das Eucharistie-Gebot für die Sonn- und Feiertage einer Revision zu unterziehen. Vor allem jedoch ist unabdingbar, neue Formen von Gottesdiensten auszubilden bzw. alte Formen neu zu beleben - und zwar als konkrete Einübungen des Glaubens; als "Weisen", mit Christus, mit Gott zu "kommunizieren". Hier liegen entscheidende Defizite in der Pastoral bzw. die wahren Bedürfnisse unserer Gläubigen. Und die Befriedigung dieses Gottesbedürfnisses, den Glauben an Gott und an Jesus Christus zu vollziehen, ist nicht an das Priesteramt gebunden. Sie ist ebenso die Aufgabe des gläubigen Christenmenschen, also der Laien. Das wäre auch die beste Sicherung gegen ein rein funktionales Denken und ein rein funktionales Verständnis des kirchlichen Amtes und des Priestertums, wie es bei und gang und gäbe ist. Die spirituelle Krise ist auf diesem Weg des Funtionsdenkens nicht zu lösen, auch wenn jedes Grüppchen seinen Priester bekommt, einen zölibatären, einen verheirateten oder einen weiblichen Geschlechts. Auf diesem Weg ist das spirituelle Defizit bzw. Vakuum nicht zu beseitigen. Ohne die Erneuerung bzw. Vertiefung des Spiritualität aller im pastoralen Dienst Stehenden ist alles Bemühen zum Scheitern verurteilt, wird die Misere nicht behoben, sondern nur verstärkt.

"Säkulare" Dogmen

Ich möchte jetzt auf das Problem der Ehelosigkeit der Priester eingehen, das ja immer wieder im Zusammenhang mit der pastoralen Krise genannt wird, und in der man oft die Ursache für die Misere sieht. Dabei sollte man jedoch zunächst bedenken, dass es heute einige "säkulare Dogmen" gibt, die offensichtlich auch in unseren Reihen fraglos übernommen worden sind.

Die "Selbstverwirklichung" durch innerweltliche Güter oder Werte (im Beruf, im finanziellen Bereich, Gesundheit etc.) wird heute allenthalben als unabdingbare Voraussetzung für ein erfülltes menschliches Leben angesehen. Verzichten gilt heute weithin als unsinnig, ja wird oft als widernatürlich diffamiert. Man braucht kein Buddhist, kein Stoiker und kein Platoniker zu sein, um die menschliche Erfahrung als richtig zu erkennen: Ohne Verzicht gibt es keine wahre Freiheit. "Niemand erfährt das Geheimnis der Freiheit, es sei denn durch Zucht" (D. Bonhoeffer), durch Verzichten.

Ein zweites "säkulares" Dogma, das oft unbesehen übernommen wird, ist dieses: Als eine unabdingbare Voraussetzung menschlicherer Glückserfüllung wird angesehen die Befriedigung des Geschlechtstriebes. Aber auch hier hapert es mit dem konsequenten "Zu-Ende-Denken". Wer diese "Norm" bzw. dieses "Dogma" akzeptiert, der kommt mit Folgerichtigkeit zur Ablehnung der monogamen und unauflöslichen Ehe. Der Verzicht, der ja auch in der Ehe um des Partners willen immer wieder gefordert ist (z.B. bei Krankheit), wird als nicht sinnvoll angesehen. Kein Wunder, wenn das Verständnis für den Zölibat und die Ehelosigkeit der Ordensleute weitgehend auch im christlichen Volk geschwunden ist. Übrigens waren Zeiten des Unverständnisses für den Zölibat und für die Ehelosigkeit der Ordensleute immer auch Zeiten des Unverständnisses und des Niedergangs der monogamen und unauflöslichen Ehe.

Ein anderes "säkulares" Dogma: Die menschlichen Verhaltensweisen, insbesondere was die menschliche Sexualität angeht, sind in das subjektive Belieben des einzelnen gestellt; sie sind "relativ", nicht absolut gültig. Nun sind unter einer ganz bestimmten Rücksicht alle moralischen Normen "relativ", d.h. "bezogen auf" ein bestimmtes, allgemein angenommenes Wertgefüge oder Normensystem bzw. bezogen auf ein bestimmtes Bild vom Menschen. Das bedeutet: sie sind gleichsam daran "angebunden" und "angekoppelt". Mit anderen Worten: der subjektiven Beliebigkeit (die oft mit dem persönlichen Gewissen verwechselt wird) sind Grenzen gesetzt. Auch die heute vertretene Bindungslosigkeit verrät ein dahinterstehendes Wertgefüge, an das man sich ankoppelt; ein bestimmtes Menschenbild. Wer sich vom christlichen Wertgefüge abkoppelt, der hat nur die Wahl, dieses gegen ein anderes einzutauschen. Das Wertgefüge heute, das Menschenbild heute ist weitgehend bestimmt durch die Auffassung, dass der Mensch als Triebwesen zu seiner Glückserfüllung die Befriedigung seiner Grundtriebe erreichen muß.

Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen

In Matth. 19, 11-12 heißt es: "Er antwortete ihnen: Nicht alle fassen dies, wohl aber die, denen es gegeben ist. Es gibt Ehelose ("eunouchoi"), die vom Mutterleib an so geboren sind; es gibt Ehelose, die von den Menschen dazu gemacht wurden; und es gibt Ehelose, die um des Himmelreiches willen sich selbst zur Ehelosigkeit entschlossen haben. Wer es fassen kann, der fasse es."

Dieses Logion ist Sondergut des Matthäus. er hat den "Eunuchen"-Spruch mit dem Ehescheidungsgespräch verknüpft; doch muß man beim Versuch, den ursprünglichen Sinn der vermutlichen "ipsissima vox Jesu" zu ermitteln, von diesem Zusammenhang absehen.

Die Exegeten sind sich darüber einig, dass dieses Logion gewissen Menschen die Ehelosigkeit empfiehlt. Der Spruch ist dreigliedrig. Die beiden ersten Gruppen entsprechen einer jüdisch-rabbinischen Einteilung. Diese beiden Arten von Menschen standen bei den Juden unter negativem Vorzeichen: Zeugungsunfähigkeit von Geburt an galt als Strafe Gottes. Anderseits war den "Eunuchen" (die außerhalb Israels oft geachtete Stellungen innehatten) der Eintritt in die jüdische Gemeinde versagt (vgl. Dt. 23, 2). Jede Entmannung (Kastration) sah man im Widerspruch zum Schöpferwillen Gottes. Jesus hat nun diese rabbinische Zusammenstellung durch einen dritten Fall erweitert: um die Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen.

Der Text spricht von "eunuchoi", also nicht von "agamoi - Unverheirateten"; also von solchen, die nicht heiraten können, die für die Ehe ungeeignet und für die Fortpflanzung unfähig sind - was für jüdische Ohren ein Greuel war (obwohl ehelose Rabbiner bezeugt sind). Es wird also von einer "Eheuntauglichkeit" gesprochen. Wenn Jesus neben die beiden von den Rabbinern unterschiedenen Arten der Eheuntauglichkeit eine dritte stellt, dann will er damit offensichtlich hervorheben, dass es sich hierbei um etwas Neues und Bedeutungsvolles handelt; und Jesus wertet dieses Unfähigkeit und Untauglichkeit zur Ehe "um des Himmelreiches willen" nicht als etwas Negatives, sondern als etwas Positives.

Dass gerade dieses anstößige Wort verwendet wird, verrät mit hoher Wahrscheinlichkeit den ursprünglichen "Sitz im Leben Jesu", den dieses Logion hatte. Die Gegner kritisierten Jesus und seine Jünger in allem, worin sie sich von den anderen Juden unterscheiden: Nichtbefolgung des Sabbatgebotes, das Essen mit Sündern, das Nichtfasten u.a. Wenn sie Jesus als "Fresser und Säufer" bezeichnen (Mt. 11, 19), so ist ohne weiteres denkbar, dass sie die Jünger Jesu, die von zu Hause wegliefen und alles im Stich ließen, mit dem bösen Wort "Eunuchen" abstempelten. Jesus reagiert auf diesen Vorwurf: Ihr nennt meine Jünger "Eunuchen". Ja, das sind sie. Sie können unmöglich ein Eheleben führen, weil sie im Bann des Gottesreiches sind, das mit mir angebrochen ist. Nicht alle können das "fassen", sondern nur die, denen Gott die besondere Gnade schenkt, den verborgenen Wert und Reichtum des Gottesreiches zu entdecken (vgl. die Gleichnisse vom Schatz im Acker und von der kostbaren Perle: Mt. 13,44-46). Wenn Gott sie erwählt hat, dann muß alle Kritik verstummen. Alles soll darangegeben werden, um das eine Wichtige zu gewinnen. Die einmalige Gelegenheit darf nicht verpasst werden. Im Vordergrund steht dabei aber nicht der Verzicht, sondern die Freude über das Gefundene, die so groß ist, dass alles andere verblaßt. Wer von der Freude über das Evangelium überwältigt wird, der taugt nicht zur Ehe, weil das Himmelreich sie vollständig absorbiert. Es geht also um ein "existentielles Nicht-anders-Können" (E. Schillebeeckx). Dies wiederum ist Zeichen der christlichen Existenz im Horizont der Endzeit. Es kann also kein Zweifel daran bestehen, dass hier ein freiwilliger Verzicht gemeint ist, der sich wegen Gottes Herrschaft und im Dienst Gottes als notwendig erweist. Über Jesu Jüngern steht jedenfalls immer "die Möglichkeit und Notwendigkeit des Verzichts und Verzichtens" (J. Schnieweind).

Die Lebensform der Ehelosigkeit als "Sprache des Glaubens"

Ludwig Wittgenstein setzt in seinen Spätschriften (die sich mit der Philosophie der natürlichen Sprache beschäftigen) an die Stelle einer logischen Idealsprache eine Vielheit von verschiedenen "Sprachspielen", die nebeneinander bestehen. Die Welt ist uns nie an sich gegeben, sondern immer nur in sprachlicher Interpretation. So gibt es in unserer Sprache das Sprachspiel des Beschreibens neben dem des Betens, das Sprachspiel der Wissenschaft neben dem des Glaubens. Jedes Sprachspiel aber ist ein eigenes Regelsystem. Was begründet aber ein Sprachspiel? Das konstitutive Element ist eine dazugehörige "Lebensform". Das Sprechen einer Sprache ist Teil einer Tätigkeit oder einer Lebensform. Jedes Sprachspiel wurzelt also in einer bestimmten Lebensform und ist Teil dieser Lebensform; es kann nicht beliebig von ihr abgetrennt werden. Die dazugehörige Lebensform erst gibt einem Sprachspiel Leben und läßt Sprechakte gelingen.

Wir können die Rede von Gott als ein geordnetes Sprachspiel bezeichnen, das ganz bestimmten Regeln folgt. Diese Rede wird nur verständlich innerhalb einer Lebensform des Glaubens. Die Rede von Gott ist aber ungleich stärker als andere Sprechakte auf die dazugehörige Lebensform angewiesen, als z.B. die Rede von Tatsachen. Von Gott kann gar nicht durch Sprache allein gesprochen werden, sondern primär wird von der (geheimnisvollen) Wirklichkeit Gottes durch eine (genormte) Lebensform des Glaubens gesprochen. Diese Lebensform ist Antwort auf eine "Erschließungssituation" des Glaubens. Rede von Gott ist eingebunden in eine Lebensform des Glaubens und hat sie zur Folge. (In Klammern: Wenn heute eine neue Sprache zur Verkündigung gesucht wird, dann hat das seine Grenzen im oben genannten Sachverhalt: Bleibt die neue Sprache Ausdruck der Lebensform des Glaubens? Oder wird vielleicht eine andere, glaubensfremde Lebensform zugleich mit der neuen Sprache übernommen?)

Die "Rede von Gott" bedient sich teils sprachlicher, teils außersprachlicher Zeichen. Die außersprachlichen Zeichen sind mit einer Lebensform gegeben. Sie hängen zum guten Teil ab von Lebens- und Glaubenssituationen in einer konkreten Lebenswelt. Nun scheint unsere Sprachsituation derart zu sein, dass es sehr schwierig ist, durch die Sprache allein von Gott verstehbar zu reden oder gar den Glauben zu verkünden. Diesen Umstand hat Wittgenstein für eine zunehmend durch Wissenschaft geprägte Lebenswelt deutlich gesehen.Ja, dieser Trend zur Verwissenschaftlichung dürfte sich in Zukunft noch verstärken. In einer solchen Lebenswelt, in der die empirischen Tatsachen und Gesetze von primärem Interesse sind, wird es zunehmend schwieriger, auf Meta-Empirisches (was jenseits der empirischen Gegebenheiten liegt) aufmerksam zu machen.

Nun wird in unserer Kirche eine Lebensform gelebt, die ein äußerst starkes Zeichen für die transzendentale Welt Gottes ist bzw. sein kann: die freiwillig übernommene "Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen". Diese Lebensform ist ein außersprachliches oder sprachverstärkendes Zeichen für Gott; der Mensch setzt sein ganzes Leben auf Gott; er verzichtet auf eine fundamentale menschliche Erfüllung und sucht Erfüllung bei Gott bzw. bei der "Sache Gottes", der Heilszuwendung Gottes zur Welt und zum Menschen. Er richtet seine ganzen Kräfte zuerst einmal auf Gott hin und von dorther auf die anderen Menschen. Gott wird zum Lebenspartner des Menschen; er weist durch eine spezifische Lebensform hin auf die transzendente Welt Gottes. Hier lebt einer als Träger einer Sinnwelt; seine Worte kommen aus einer Lebensform, sind von ihr getragen. Hier lebt einer an einem zentralen Punkt des menschlichen Lebens den Verzicht, um anzudeuten, dass es einen höheren und bleibenden Wert gibt, der außerhalb unseres Lebens und unserer Welt liegt. Diese Lebensform wird zu einem starken Zeichen für Gott; und dieses Zeichen bekommt seine Dringlichkeit heute angesichts einer Situation, in der es zunehmend schwieriger wird, durch Sprache von Gott zu reden.

Glaubenssprache ist nämlich ihrer logischen Struktur nach vorwiegend eine "evokative" Sprache, d.h. sie kommt aus Situationen des Glaubenden, und sie will beim Hörer neue Glaubenssituationen hervorrufen. Sie ist also primär nicht beschreibend, sondern sie führt ganz andere Sprechakte aus, z.B. des Staunens und Preisens. (In Klammer: Bei wievielen Predigten trifft zu, dass sie den Sprechakt des Glaubens ausführen und zum Glauben aufrufen?) Das Gelingen oder Mißlingen dieser Sprechakte aber hängt von konkreten Verhaltensweisen und Handlungsweisen (Lebensform) ab. Diese unterstützen entweder den Sprechakt oder sie verhindern sein Gelingen. Gerade die Sprache des Glaubens ist ständig in die Lebensformen des Glaubens hinein verzahnt. Von diesen Lebensformen des Glaubens haben nicht alle die gleiche Glauben weckende Kraft. Zweifellos aber eignet sie der Lebensform der Ehelosigkeit. Sie hat einen unersetzlichen Ort in der Sprache des Glaubens. Das Aufgeben dieser Lebensform wäre ein unersetzlicher Verlust. Ja, es ist offensichtlich so, dass unsere Lebenswelt die Lebensform der Ehelosigkeit für die primären Glaubensverkündiger sogar dringlich macht; denn wenn wir dem Glauben dienen wollen, dann können wir uns unsere Glaubenssituation nicht beliebig wählen.

Ehelosigkeit - Zeichen für die transzendente Welt Gottes

Ich möchte noch einen Punkt anfügen, der mir in diesem Zusammenhang wichtig scheint - angesichts vieler Diskussionen. Einer der stärksten Einwände gegen den Zölibat basiert auf dem Theoriekonzept (das auf Siegmund Freud zurückgeht) über die Bedeutung der Sexualität für das seelische und personale Leben des Menschen. Dieses Konzept hat unsere Bewußtseinslage sehr stark geprägt, hat aber einige entscheidende Modifikationen erfahren, auch von Freud selbst. Die Freud'sche Psychoanalyse hatte den Menschen primär, in ihren Verzerrungen fast ausschließlich bestimmt durch seinen Willen und seine Fähigkeit zur Lust. Seelenleben entfaltet sich durch Libido hindurch, und Lustverdrängung führt zu seelischen und infolgedessen auch zu gesellschaftlichen Konflikten.

Mehr und mehr zeigt sich aber heute für die Psychologie, dass die sexuelle Libido und ihre Erfüllung eine tragfähige Sinnwelt des Lebens nicht ersetzen kann. Der Psychologe sieht sich zunehmend mit existentieller Frustration, mit "noogenen" Frustrationen konfrontiert. Und er fragt sich, ob Selbsterfüllung und Selbstverwirklichung (durch sexuelle Lust) tatsächlich die primären Zielwerte des Seelenlebens sein können. Hier setzt etwa die "Logotherapie" von V. E. Frankl an. Für sie ist seelisches Leben mehr noch als durch den Willen zur Lust durch den Willen zum Sinn geprägt. Ein Leben braucht eine tragfähige Sinnwelt, damit es gelingen kann. Der gewiß fundamentale Wille zur Lust ordnet sich dieser Sinnwelt unter. Der Wille zum Sinn aber hat immer Selbsttranszendenz des Menschen zur Folge, führt ihn also über sich hinaus. Der Mensch übersteigt sich selbst aber entweder zu einem anderen Menschen oder zur Welt Gottes hin.

Seelenleben ist darauf angewiesen, vor allem dem Leiden und dem Tod einen Sinn zu geben. Hier nämlich scheidet Lust als Sinnmöglichkeit aus und erweist sich nur als Teilaspekt des Lebens. Wenn die Psychoanalyse den Menschen primär genuß- und leistungsfähig macht, so versucht die Logotherapie ergänzend dazu, den Menschen leidens- und sterbensfähig zu machen. Freilich hat in unserer Lebenswelt das erste Theoriekonzept den Siegeszug angetreten. In Zukunft dürfte jedoch eine erweiterte und korrigierte Psychoanalyse unsere Lebenswelt prägen.

In Bezug auf den Zölibat und die "Ehelosigkeit um des Himmelsreiches willen" bedeutet dieser Sachverhalt: das Theoriemodell der Psychoanalyse brachte eine schwere Belastung dieser Lebensform; die Einseitigkeit des Modells trug dazu bei, die Krise zu verschärfen - allerdings ist die Krise auch mitbedingt durch theologische Argumentationen! Freilich hat die Psychoanalyse auch positive Folgen gezeitigt. Sie hat vor allem darauf aufmerksam gemacht, die Sexualität als einen persönlichkeitsbestimmenden Fakto zu sehen - was im christlichen Bereich nicht immer der Fall war. Jedoch ist es notwendig, das gewandelte Verhältnis zur Sexualität in einen tragfähigen Sinnrahmen einzuordnen.

In diesem Zusammenhang eines gewandelten und korrigierten Verhältnisses zur Sexualität soll nun die Lebensform der freiwilligen Ehelosigkeit als Zeichen für einen transzendenten Sinn, für die tanszendente Welt Gottes gelebt werden. Auf diesem Hintergrund erhält es aber auch eine ganz neue Bedeutung und Aussagekraft. Es verzichtet einer auf das, was er als einen der höchsten Werte des natürlichen Lebens ansieht; und er weist damit hin auf einen außerzeitlichen und außerweltlichen Wert, auf die geheimnisvolle Welt Gottes. Dafür ist der Verzicht ein Zeichen. Voraussetzung ist allerdings eine starke Einbindung des Verzichtenden in die Welt Gottes, ein gelebter, ja leidenschaftlicher Glaube. Wo Gott die alles überwältigende Wirklichkeit eines Lebens ist, dort kann der Verzicht zur Erfüllung dieses Lebens werden.

 

 

Sentire in Ecclesia - Fühlen in der Kirche

I. Vorbemerkungen

1. Zunächst muß ich Ihnen gestehen, dass ich dieses Thema und den Vortrag heute Abend in St. Elisabeth nicht ausgewählt habe. Mein Vorgänger, Pater Bill, hat mir drei Veranstaltungen bzw. Vorträge großmütig hinterlassen bzw. mir dieses Kuckucksei ins Nest gelegt. Heute ist der letzte der drei Vorträge fällig, so dass ich meine "Pflicht" erfüllt habe. In Klammern: die Vortrags-Themen, die ich dem "Erwachsenen-Bildungswerk" für dieses und das kommende Jahr angeboten habe, sind - Gott sei Dank - anscheinend nicht gefragt. Das Thema "Mission" ist offensichtlich zu exotisch, um Interesse zu finden - m. E. ein genauer Gradmesser für die Misere der Kirche hierzulande.

2. Zunächst eine kleine, aber wichtige Korrektur des Themas. Ignatius von Loyola spricht im Exerzitienbuch nicht vom "Sentire cum Ecclesia", also vom "Fühlen mit der Kirche", sondern vom "Sentire in Ecclesia", also vom "Fühlen in der Kirche". Ich denke, das ist ein Unterschied. Wir stehen der Kirche nicht als Zuschauer und auch nicht als gleichwertige Partner gegenüber, die sich herablassen, sich mit diesem "Verein" einzulassen, mit ihm zu kooperieren. Wir gehören zur Kirche. Und nur wenn wir innerlich dazugehören, merken wir überhaupt, worauf es ankommt, und was vermieden werden muß. Nicht anders ist es in einer Familie.

II. Die Aussagen des Ignatius

1. Was ist das Charakteristikum der "Geistlichen Übungen" des Ignatius? Ich zitiere Hugo Rahner, der vor vielen Jahren in einer nach wie vor gültigen Weise den Kernpunkt der ignatianischen Spiritualität so beschrieben hat:

"Die Grundkraft, die in dieser Lebensgestaltung unerbittlich und süß zugleich drängt, ist die Liebe, die von Ignatius in das für sein ganzes Wesen kennzeichnende Wort geprägt wird: ind das Wort 'magis' - die Liebe, die immer 'mehr' will, die grundsätzlich grenzenlos ist, immer offen nach oben zu einer Dienstbereitschaft in Gott und zu einem Angleichungswillen an Christus, die ihr Maß nur findet an der Unermeßlichkeit der in Christus sichtbar gewordenen Liebe des Ewigen Vaters... Dazu tritt aber eine letzte Formung, und sie ist für die Erfassung des tiefsten Wesens im Denken des Ignatius von entscheidender Bedeutung. Die grundsätzliche Grenzenlosigkeit der im 'magis' drängenden Liebe wird eingegrenzt von dem Dienstideal in der sichtbaren ... Kirche. Die maßlose Liebe hat sich in ihrer katholischen Echtheit auszuweisen am Maß, sozusagen am Fleisch und Blut des mystischen Leibes Christi... Jede Gnade ist zu messen an dem Buchstaben der Kirche, jede Liebe am Gehorchenkönnen, jeder Geist am Leib des Herrn. Aus der Vereinigung der alles sprengenden Liebe mit dem Eingepreßtsein in den Leib der Kirche ent-bindet sich jene ungeheure Kraft, die wir in seinem Werk geschichtlich feststellen können." (Ignatius von Loyola und das geschichtliche Werden seiner Frömmigkeit; Graz 1949, S. 11-12)

Eine entscheidende Voraussetzung für den Angleichungswillen an Jesus Christus und für den Dienst in der konkreten Kirche ist für Ignatius die "Familiaritas cum Deo", die Vertrautheit mit Gott, die allerdings nur im Gebet wächst. Billiger geht es nicht. Diese Vertrautheit mir Gott ist das Sensorium, das Wahrnehmungs-Organ, um die "Geister zu unterscheiden", d.h. um gewahr zu werden, ob wir mit Gott oder mit dem Denken der Welt "konform" sind - eingedenk der Mahnung des hl. Paulus: "Macht euch nicht gleichförmig mit der Welt!"

Die Gefährdungen sieht Ignatius vor allem im menschlichen Habenwollen und Großseinwollen. Gegen diese zerstörerischen Tendenzen muß das menschliche Bemühen angehen. "Denn jeder bedenke, dass er in allen geistlichen Dingen nur soviel Nutzen haben wird, als er aus seiner Eigenliebe, seinem Eigenwillen und Eigeninteresse herausgeht." (nr. 189) In der "Bannerbetrachtung" wird die Verführungsstrategie Satans dahingehend beschrieben, dass er die Menschen "zuerst mit der Begierde nach Reichtümern in Versuchung" führt, "wie dies in den meisten Fällen zu geschehen pflegt, damit man leichter zu eitler Ehre der Welt gelange und danach zu gesteigertem Hochmut. So besteht also die erste Stufe in Reichtümern, die zweite in Ehre, die dritte in Hochmut. Und von diesen drei Stufen aus führt er zu allen anderen Lastern hin." (nr. 142)

Welch bestürzende Aktualität das damals hatte, ist uns heute kaum bewußt. Hier ist das Bild der verweltlichten Kirche von damals gezeichnet, für die das Denken eines Macciavelli näher lag als das der Bibel. Die zahllosen Negativerfahrungen konnten Ignatius aber nicht von seiner Liebe und seinem Einsatz für die Kirche abbringen. Und das könnte so manchem Kirchen-Frustriertem unserer Tage ein Hinweis sein, in welcher Richtung er sich bemühen müßte.

2. Ich möchte nun einige "Regeln des Ignatius für das Fühlen in der Kirche" aufzählen und kommentieren:

Die Erste Regel: "In Absehung jeglichen (privaten) Urteils müssen wir den Geist gerüstet und bereit halten, dazu hin, in allem zu gehorchen der wahren Braut Christi, unseres Herrn, die da ist Unsere Heilige Mutter, die Hierarchische Kirche." Zwischen dem Gehorsam gegenüber der Autorität der Kirche und der Autonomie des persönlichen Gewissens gibt es im letzten keinen Gegensatz. Sowohl die Autorität der Kirche wie das eigene persönliche Gewissen rufen uns ja in die Entscheidung vor Gott. Sich der Autorität der Kirche anzuvertrauen, ist aufs Ganze gesehen der sichere Weg, den Willen Gottes zu erfüllen, als dem Urteil des eigenen Gewissens zu folgen. Dabei bleibt wahr, dass ich dann nicht jeden Irrtum vermeiden kann. Das persönliche Gewissen ist erst recht keine unfehlbare Instanz, ein unfehlbares Orakel. Das Gewissen bedarf der Formung, und zwar nach klaren Vorgaben. Der Subjektivismus ist heute mit Händen zu greifen. Ein Zitat von Albert Görres: "Viele katholische Christen und Theologen stehen nur noch mit einem Fuß im Glauben der Kirche, fast ohne es zu merken; mit dem anderen in einem privaten, selbstgemachten Glauben, in dem sie schließlich Haupt und einziges Mitglied ihrer eigenen Sekte sind."

Es folgen bei Ignatius eine Reihe von Regeln, die mit dem Wort "Loben" beginnen: "Loben" z.B. die Beichte, den Empfang der Sakramente, den Besuch der hl. Messe, die Gebete, das Ordensleben, die Heiligenverehrung, das Fasten, die Ausschmückung der Kirchen; die Vorschriften, die die Kirche gibt. Wenn nicht das Positive an all diesen Dingen, an den religiösen Verrichtungen uns vor Augen geführt wird, dann verlieren wir den Geschmack und die Freude daran. Über kurz oder lang empfinden wir Ekel und Überdruß und werden uns dieser Dinge entledigen - wie unsere Zeit belegt.

In der 10. Regel heißt es: "Wir müssen jeweils mehr bereit sein, gutzuheißen und zu loben sowohl die Anordnungen und Anempfehlungen wie die Sitten unserer Oberen. Denn gesetzt auch, einige von ihnen sind oder waren nicht entsprechend, so würde doch ein Reden dagegen, sei es in öffentlicher Predigt oder im Gespräch mit dem einfachen Volk, mehr Murren und Anstoß erregen als Nutzen, würde doch das Volk nur über seine Vorgesetzten, weltliche oder geistliche, sich entrüsten. wie es also Schaden bringt, in Abwesenheit der Vorgesetzten vor dem einfachen Mann übel von ihnen zu reden, so kann es von Nutzen sein, über die schlechten Sitten mit solchen Personen zu sprechen, die ihnen abhelfen können." So berechtigt die Kritik an manchen negativen Dingen auch ist (und kaum jemand hat das deutlicher gesehen als Ignatius), wir müssen dabei einiges vermeiden; wir müssen das vermeiden, was Jesus das "scandalum pusillorum" nennt, die Skandalizierung der Kleinen und Schwachen - im Gegensatz zum unvermeidlichen "scandalum pharisaicum", der Skandalizierung der Pharisäer, die immer das "vorgeschriebene Ärgernis" nehmen und nur darauf warten, das Negative ans Licht zu zerren und zu kommentieren. Das "scandalum pusillorum" ist zersetzend und demoralisierend; es zerstört jegliche Freude und das Bewußtsein, auf dem richtigen Dampfer zu sein. Ich habe den Eindruck, dass wir innerhalb der Kirche in Deutschland eine selbstzerstörerische Kritik erleben, die die Leute aus der Kirche treibt.

Von den "Regeln" des Ignatius vom "Fühlen in der Kirche" ist die dreizehnte wohl die bekannteste und umstrittenste: "Wir müssen, um in allem das Rechte zu treffen, immer festhalten: ich glaube, dass das Weiße, das ich sehe, schwarz ist, wenn die Hierarchische Kirche es so definiert. Denn wir glauben, dass zwischen Christus, unserem Herrn, dem Bräutigam, und der Braut, der Kirche, der gleiche Geist waltet, der uns zum Heil unserer Seelen leitet und lenkt, weil durch denselben Geist, unseren Herrn, der die Zehn Gebote erließ, auch unsere Heilige Mutter, die Kirche, gelenkt und regiert wird." Als Kommentierung verweise ich hier auf das, was ich zum Verhältnis von persönlichem Gewissen und der Autorität der Kirche gesagt habe.

III. Jesus Christus und die Kirche

Man kann Ignatius und seine "Regeln" zum "Fühlen in der Kirche" nur richtig verstehen, wenn man sich mit dem auseinandersetzt, was "Kirche" eigentlich ist. Ich will dabei ausgehen von der heute so beliebten Kritik an der Kirche, vom Ausspielen der Kirche gegen Jesus Christus.

Ende des vorigen Jahrhunderts wird Friedrich Nietzsche schreiben: "Es gab nur einen Christen, und der starb am Kreuz." Für ihn besteht ein Gegensatz zwischen Jesus und der Kirche. In der Kirche sieht er ein "Narrenhaus", die verlogenste "Art von Staat"; mit ihr werde gerade das heiliggesprochen, "was der 'frohe Botschafter' als unter sich, als hinter sich empfand."

Heute kommt die Kritik nicht nur von außerhalb der Kirche, sondern aus den eigenen Reihen. Vor 25 Jahren kursierte das Schlagwort: "Jesus - Ja! Kirche - Nein!" Später kam die lieblose Unterscheidung in Schwang: "Kirche von unten und Kirche von oben!" Viele sehen die Kirche nur als Institution an, die Verbote aufstellt, die Forderungen erhebt; die den Leuten gleichsam die Freude am Leben vermiest. Jedenfalls scheint der berühmte Satz von Romano Guardine ("Die Kirche erwacht in den Seelen!") in das Gegenteil verkehrt zu sein. Die Kirche scheint - jedenfalls hierzulande - zu verkommen, zu degenerieren in ein Dienstleistungsunternehmen; in eine Sozial-Agentur zur Absättigung von bestimmten emotionalen Bedürfnissen der Leute. Es ist klar, dass dann viele ihre religiösen "Bedürfnisse" nicht mehr in der Kirche befriedigen, sondern anderswo, auf dem religiösen Angebotsmarkt, der reichlich gedeckt ist von Angeboten aus aller Welt. Von daher wird der Slogan verstädnlich: "Religion - Ja! Der Gott Jesu Christi, den die Kirche verkündet - Nein!" (J. B. Metz)

Ich halte den Rückzug auf die Gestalt Jesu für eine Scheinlösung. Auf den ersten Blick scheint man dann unangreifbar geworden zu sein. Man hat ja das Neue Testament und seine Weisungen, nach denen man lebt. Jesu Geist - so sagt man sich - ist im Institutionellen untergegangen. Man vergißt dabei freilich, dass Jesus, dass der Jesus des Neuen Testaments nur durch die Kirche "vermittelt" ist, durch die Gemeinschaft derer, die an Jesus als ihr Heil glauben. Denn das Buch, das von Jesus spricht, das Neue Testament, ist Buch eben dieser Kirche, also der Gemeinschaft der Glaubenden. Die Kirche hat sich dieses Buch gegeben; die Kirche ist die Institution, die dieses Buch zur "Norm" erhoben, die dieses Buch zur eigenen "Norm" gemacht hat. Wie könnte das Neue Testament auch für mich normativ, maßgebend sein, wenn die dahinterstehende Institution selbst nicht normativ, maßgebend wäre?

Ich halte auch die immer wieder geforderte "Demokratisierung" der Kirche und der kirchlichen Strukturen für eine Fehl-Lösung. Hinter dieser Forderung kann sich der durchaus berechtigte Wunsch nach einem neuen, brüderlichen Stil des Miteinanders im Raum Kirche äußern - wobei ich meine, dass diese neue Brüderlichkeit weit mehr sei als eine bloße Demokratisierung. Die Demokratisierung ist mir zu wenig; obwohl es schon ein großer Fortschritt wäre, demokratische Verfahrensformen zu üben; allerdings nicht nur dann, wenn es einem in den Kram paßt. Hinter der Forderung nach einer Demokratisierung steht m.E. viel öfter die Auffassung, dass die institutionalisierte Kirche nur eine menschliche, nur eine von Menschen gegründete Institution sei, die also grundsätzlich änderbare, abschaffbare und beliebig neu einzuführende Strukturen habe. Der Gedanke der immer neuen und notwendigen Reform, des immer neuen Maßnehmens an Jesus Christus, ist degeneriert zur Auffassung: "Was können wir aus dem Verein noch machen?" Das allerdings würde die totale "Machtergreifung" des Menschen bedeuten. Eine "Machtergreifung" durch Menschen hat übrigens in der Geschichte immer zu Katastrophen geführt, nicht nur in der bösen Welt. Was mit der Anpassung an den jeweiligen Zeit-Geist erreicht wurde, davon kann die Kirche ein Lied singen. Ich weise hin auf die Zeit der unheiligen Allianz zwischen Krone und Altar.

Man kann Jesus Christus und die Kirche nicht auseinanderdividieren.

Zunächst: die Kirche ist ganz und gar das Werk Jesu Christi. Sie kommt nicht erst durch die Initiative von Menschen zustande und zusammen. Sie ist nicht ein demokratischer Zusammenschluß von unten zur Pflege des Gedächtnisses an jenen wunderbaren Menschen Jesus von Nazareth, wie heute einige Theologen behaupten. Jesus Christus, also Gott selber (und nicht die Menschen), hat die Kirche gegründet, gestiftet. Wenn es nicht so wäre, wenn die Kirche nur eine menschliche Gründung wäre, worin unterschiede sie sich dann von irgendeiner religiösen Sekte, von den vielen Bhaghwan-Gemeinschaften? Dieser Jesus, der Gottes Sohn ist, ist aber in die Welt gekommen, um den Menschen einen Halt zu geben, um ihn zu retten, um ihn aus seiner Gottferne und Gottesfeindschaft herauszuholen, um ihn zu "erlösen". Wir wären rettungslos verloren gewesen, wenn er nicht Mensch geworden wäre. Diese Rettung, diese "Erlösung" aber ist "Gnade", d.h. sein Geschenk, unverdient und unverdienbar durch unser eigenes Tun. Er geht auf uns zu. Die Initiative liegt bei ihm. Wir ziehen uns nicht an den eigenen Haaren aus dem Sumpf dieser Welt heraus.

Diese seine Heilstat an uns Menschen aber hat unser Herr sichtbar gemacht in dieser Welt, indem er eine Gemeinschaft, seine Kirche gründete; die Gemeinschaft derer, die an ihn als ihr Heil glauben; indem er seine Kirche auf das Felsenfundament der Apostel gründete. Die Kirche ist das sichtbare Zeichen dafür, dass Gott in Jesus Christus uns Menschen seine Liebe, sein Heil zugewendet hat. Diese Kirche als die sichtbare Gemeinschaft der Glaubenden ist das Zeichen des Heiles für alle. Die Kirche ist also nicht selber das Heil; sie ist nur Zeichen des Heils, Hinweis auf das Heil, Hinweis auf Jesus Christus, Hinweis auf den gnädigen Gott. Diese Tatsache ist oft vergessen worden; die Geschichte der Kirche liefert unendlich viele Beispiele dafür. Der äußere Apparat wurde überbetont und hat den Zugang zum verborgenen Inhalt, zum Bezeichneten versperrt, zum Heil allein in Jesus Christus. Das liegt nicht nur an denen, die sich als die Herren der Kirche aufgespielt haben und immer noch aufspielen (und das sind nicht nur "die da oben"!). Die Versuchung der Macht kommt bei allen Menschen vor, ob hoch oder niedrig. Das liegt auch an unserer Bequemlichkeit. Zu sehr betrachten wir doch die Kirche als eine Organisation, die uns nützlich sein könnte, die uns beschwerliche Lasten abnimmt und das Risiko der eigenen Initiative; wir haben doch die Kirche weitgehend degradiert zur "Versorgungskirche".

Die Kirche ist also nicht das Heil selber, sondern nur das Zeichen des Heils. Sie ist von Gott und Jesus Christus eingesetztes Zeichen des Heils, der Gnade für alle: für die Menschen in ihr; aber auch für die, die außerhalb der Kirche leben. Gott gibt denen, die außerhalb der Kirche leben sein Heil aber nur im Hinblick auf die Kirche. Denn sie ist der "Ort", an dem uns Christi erlösende Gnade immer angeboten ist. Sie ist der "Ort", an dem Jesus Christus gleichsam seine Erlösungstätigkeit "fortsetzt", und zwar nicht nur für die, die zu ihr sichtbar dazugehören.

Dieses von Gott geschenkte Heil und dieses von ihm gesetzte Zeichen des Heils bedürfen jedoch der menschlichen Annahme. Von Seiten Gottes gibt es zwar kein "Verfehlen"; er hat sein Heil ja jedem zugedacht, der in diese Welt kommt. Das Heil, das uns angeboten ist, muß von uns ergriffen werden: im Glauben! Dieser Glaube besteht letztlich im Ja zu Jesus Christus.

Genau hier liegen m.E. die tieferen, die eigentlichen Ursachen für das Unverständnis heute gegenüber der Kirche. Die "Kirchen-Krise" ist eine "Glaubens-Krise". Diese "Glaubens-Krise" wird erkennbar in der Frage: Woher kommt das Heil, das wir alle ersehnen? Wenn Jesus nur ein Mensch war, dann verschwindet jegliche Verbindlichkeit aus dem Neuen Testament. Dann werden die Forderungen Jesu "beliebig", "gleich-gültig", egal; sie werden "subjektiv". Dann ist auch Kirche nicht eine göttliche Gründung. Nur wenn Jesus geglaubt wird als Gottes Sohn, als "Gott gleich", als das sichtbar gewordenen Heil, das Gott uns Menschen zugedacht hat, nur dann bleibt auch Kirche sinnvoll, ja notwendig. Wer die bleibende Gegenwart Gottes in dieser Welt, unter den Menschen will, der kann sie nicht gegen die Kirche oder neben ihr, sondern nur in ihr finden.

Das eigentliche Wesen der Kirche besteht in dem, dass das an ihr zählt, was sie nicht selber ist; dass sie ein Licht hat, das auf einen anderen verweist. Die Kirche ist nicht die Gemeinschaft der Sündelosen, der Vollkommmenen, der "Reinen" (= Katharoi - Ketzer), sondern der Mühseligen und Beladenen, denen unverdient und unverdienbar Gottes Heil zuteil geworden ist. Eine Kirche, die mir nicht mehr mein Angewiesensein auf Gott und sein Heil und seine Gnade zum Bewußtsein bringt, ist ein überflüssiges Sandkastenspiel; eine solche Kirche, die mir das Heil Gottes nicht vermittelt, eine solch dürftige Kirche kann mir gestohlen bleiben.

IV. Schlußbemerkungen:

Ein letzter Gedanke: Jeder Mensch sieht immer nur soviel, wie er liebt. Wer sich nicht wenigstens ein Stück weit in das Experiment des Glaubens, in das Experiment mit der Gemeinschaft der Glaubenden (also: mit der Kirche) einläßt, und zwar bejahend und liebend, der ärgert sich nur. Wer jedoch dieses Wagnis eingeht, der braucht sich nichts von den Dunkelheiten der Kirche verbergen, sie verdrängen. Sie sind für ihn aber nicht das Letzte. Hinter dieser oft unerfreulichen Oberfläche kommt das andere zum Vorschein: dass Gottes Gnade dem wirklichen Menschen zuteil wird, den Sündern, den Mühseligen und Beladenen. Gerade an der Unvollkommenheit der Menschen in der Heilsgemeinschaft der Kirche geht uns auf das Angewiesensein, unser Angewiesensein auf Gott allein, auf die "Erlösung" in Jesus Christus. Deshalb ist die Kirche, die Gemeinschaft derer, die an dieses Heil Gottes glauben, nicht überflüssig. Ich kann und darf sie darum auch nicht degradieren zu einem Mittel der Selbstverwirklichung (wie das heute so oft der Fall ist): Die Kirche ist der Ort, wo uns Gottes Heil angeboten wird - das Heil aufgrund der Gnade, nicht aufgrund der eigenen Würdigkeit, der eigenen Verdienste.

Ich möchte meinen Vortrag schließen mit einem Text des Münchener Psychoanalytikers Albert Görres, der von Realitätssinn und von einer großen Liebe zur Kirche zeugt: "Die Kirche ist - wie die Sonne - für alle da. Für Gerechte und Ungerechte, Sympathen und Unsymphaten, Dumme und Gescheite; für Sentimentale ebenso wie Unterkühlte, für Neurotiker, Psychopathen, Sonderlinge, für Heuchler und solche wie Nathanael, 'an denen kein Falsch ist'; für Feiglinge und Helden, Großherzige und Kleinliche. Für zwanghafte Legalisten, hysterisch Verwahrloste, Infantile, Süchtige und Perverse. Auch für kopf- und herzlose Bürokraten, für Fanatiker und auch für eine Minderheit von gesunden, ausgeglichenen, reifen, seelisch und geistig begabten, liebesfähigen Naturen. Die lange Liste ist nötig, um klarzumachen, was man eigentlich von einer Kirche, die aus allen Menschensorten ohne Ansehen der Person, von den Gassen und Zäunen wie wahllos zusammengerufen ist und deren Führungspersonal aus diesem bunten Vorrat stammt, erwarten kann - wenn nicht ständig Wunder der Verzauberung stattfinden, die uns niemand versprochen hat. Heilige, Erleuchtete und Leuchtende sind uns versprochen. Wer sie sucht, kann sie finden. Wer sie nicht sucht, wird sie nicht einmal entdecken, wenn sie jahrelang neben ihm gehen, weil er sie vielleicht nicht wahrhaben will oder kann... Mancher meint, er könne eine andere Kirche fordern, der die Heiligkeit, Weisheit und Liebe aus den Augen leuchtet. Das kann er nicht. Der immer und überall in ihr anwesende Geist ist ein verborgener Gott, Latens Deitas, sagt Thomas von Aquin, Deus absconditus, sagt Luther. Ein Gott, der sich zeigt, wann und wem er will. Er preist die selig, die nicht sehen und doch glauben. Sie brauchen keine strahlende Kirche, weil sie den Glanz des Heiligen auch durch rußgeschwärzte Scheiben wahrnehmen."

 

 

Sobria ebrietas - nüchterne Trunkenheit

Ignatius von Loyola und der Jesuitenorden

Ich habe meinen Vortrag über den hl. Ignatius und den Jesuitenorden die Überschrift gegeben: "Sobria ebrietas". Dieses Wortspiel im Lateinischen bedeutet "nüchterne Trunkenheit". Es benennt in einer scheinbaren Paradoxie, aber in treffender Weise, was die Spiritualität des Ignatius und des Jesuitenordens ausmacht. Dabei dürfte klar sein, dass die Balance zwischen diesen beiden scheinbar gegensätzlichen Polen sehr schwierig und damals wie heute bitter notwendig ist. Damals wie heute ist zwar das "Rauschhafte", die Begeisterung von Herz und Gemüt, auch die kühle Rationalität sehr gefragt, kaum jedoch die Balance. Und mancher wird vielleicht fragen: Was soll schon aus der Verbindung dieser scheinbar unvereinbaren Ingredienzien an Gutem herauskommen? Verhalten sie sich zueinander nicht wie Feuer und Wasser?

I.

Vielleicht hängt es damit zusammen, dass Ignatius und sein Orden immer umstritten waren. Überschwengliches Lob und totales Unverständnis, ja von Angst diktierter Hass halten sich fast die Waage. Ein charakteristisches "Urteil" aus vielen möglichen: "Die alte Kunst, durch Dienen zum Herrschen zu gelangen, verstehen die Jesuiten noch besser als die Frauen." (Eberhard Gothein) Als 1917 im Deutschen Reich das Jesuitenverbot aufgehoben wurde, schrieb der damalige deutsche Provinzial Ludwig Köster: "Wir können nicht das halten, was unsere Freunde von uns erwarten und unsere Feinde befürchten." Das Umstrittensein beginnt bei Ignatius, der immer wieder Bekanntschaft mit der Inquisition macht, auch mit ihren Gefängnissen. Es setzt sich fort bei Lorenzo Ricci, dem Ordensgeneral, der 1773 nach der Aufhebung des Ordens durch Papst Klemens XIV. in der Engelsburg gefangengehalten wird und zwei Jahre später dort stirbt. Und es ist sicher, dass die Ablehnung und der Hass nicht mit der Ermordung von sechs Mitbrüdern in El Salvador vor eineinhalb Jahren zu Ende ist.

Was bei der Ordensgründung des Ignatius sofort auffällt: das altvertraute Bild eines kirchlichen Ordens fehlt; es trifft nicht zu; der Orden ist in kein bekanntes Schema einzuordnen. Das Monastische fehlt, aber auch die charakteristische Eigenart der Bettelorden. Das Irritierende, ja Beunruhigende am Orden und seiner Tätigkeit ist die Universalität der Wirkungsbereiche und der Methoden. Vielleicht wird auf diesem Hintergrund die Kapitelüberschrift von Fülop-Miller in seinem Buch "Macht und Geheimnis der Jesuiten" verständlich: "Hinter tausend Masken".

Ich sprach von der Universalität der Wirkungsbereiche und der Methoden. Einige Illustrationen aus der Geschichte: Mit seinen Schulen und Universitäten erobert der Orden im 16. und 17. Jahrhundert weite Teile Deutschlands für die katholische Kirche zurück. Mit ihren neuen Missionsmethoden werden die neuentdeckten Länder und Völker für die Kirche gewonnen. Die Stichworte sind "Akkomodation" und "Inkulturation". Um Akkomodation geht es vor allem in den asiatischen Ländern mit ihren Hochkulturen, aber auch in den Indianerreduktionen in Südamerika, im legendären "Jesuitenstaat". Die Devise des Ordens heute ist sicher mit den beiden Begriffen "Glaube und Gerechtigkeit" umschrieben, wie es die 32. Generalkongregation 1975 getan hat. Damals wie heute ist die soziale Komponente in der Tätigkeit des Ordens charakteristisch. Ein Ausdruck für diese Form des "Dienstes" heute ist das personelle Engagement der Jesuiten in der Weltflüchtlingshilfe. In diesem Zusammenhang sind einige bahnbrechende Denker zu nennen, Vorkämpfer für neue Ideen nicht nur in der Kirche. Für den Bereich der Missionen nenne ich Alessandro Valignano, Matteo Ricci und Roberto de Nobili. Sie lebten und begründeten die Inkulturation des Christentums in Asien. Für andere Bereiche sind zu nennen etwa Franz Suarez, der die Grundlagen des Völkerrechts legte; Friedrich Spee, der Bekämpfer des Hexenwahns; Teilhard de Chardin, der den Evolutionsgedanken und den christlichen Schöpfungsglauben zu versöhnen suchte; Augustin Bea, Henri de Lubac und Karl Rahner, die ohne Zweifel zu den bahnbrechenden Theologen unserer Zeit zu rechnen sind.

II.

Wenn man diese Vielfalt sieht, mit der der Orden in der Geschichte und sicher auch heute noch in Erscheinung tritt, dann fragt man nach einem Erklärungsgrund, nach der Wurzel. Eines sollte man dabei von vornherein beachten. Der Grund liegt nicht in einem persönlichen oder kollektiven Herrschenwollen - das ist das Erklärungsschema der Welt! Der Grund liegt also nicht im Anstreben einer "jesuitischen Weltmacht". Das ist nicht nur eine maßlose Übertreibung, sondern eine totale Verkennung des Ordens und seiner Möglichkeiten. Vielmehr ist der eigentliche Grund eine religiöse Motivation. Diese religiöse Motivatioin hängt aufs engste mit der Gestalt des Gründers zusammen, mit Ignatius Loyola.

II.1

Die Vita des Ignatius setze ich als bekannt voraus. Ich greife nur einige Stationen heraus, die mir wichtig zu sein scheinen. Das Schicksalsjahr für Ignatius ist 1521. In Worms steht Luther vor Reichstag und Kaiser. In Pamplona macht eine Kanonenkugel der höfischen (nicht: der militärischen) Karriere des Ignatius ein Ende. Es beginnt für ihn ein Bekehrungsprozeß mit vielen Höhen und Tiefen: das Krankenlager auf Schloß Loyola, die Wallfahrt zum Montserrat, vor allem aber Manresa, das Einsiedlerleben am Cardoner. Hier entstehen aus seinen geistlichen Erfahrungen und Einsichten die "Exerzitien", seine Methode des geistlichen Lebens. Die Verfügbarkeit für den rufenden Christus und die daraus sich ergebende Konsequenz, "den Seelen zu helfen", werden zum Grundimpuls seines Lebens. Aber auch dieser Impuls bedarf der langsamen Läuterung. Der Traum des Ignatius ist, im Heiligen Land zu leben, den Spuren Jesu nachzugehen und die Ungläubigen zu bekehren. Doch die Söhne des hl. Franz in Jerusalem schicken ihn - zu Recht! - nach Hause. 1524 steht er in Barcelona vor der Frage: Wie soll es weitergehen? Das Endziel ist klar: apostolisch tätig sein und den Seelen helfen! Aber wie ist dieses Ziel zu erreichen? Die Antwort ist typisch für ihn und für seinen Orden: Du mußt am scheinbaren Nullpunkt anfangen! Setze dich erst in den Stand, dem großen Ziel in optimaler Weise zu dienen! Hab' keine Angst, mit deinem Dienst zu spät zu kommen!

Die Umsetzung bedeutet für ihn konkret: mit 33 Jahren anfangen, Latein zu lernen, in Alcala und Salamanca die "artes" zu studieren, d.h. sich die Bildung der damaligen Zeit anzueignen. Die Dauerbekanntschaft mit der Inquisition und ihren Gefängnissen (er läßt junge Leute die "geistlichen Übungen" machen - er ist Laie und theologisch nicht ausgebildet!) verleidet ihm den Aufenthalt in Spanien. Er geht nach Paris, um an der Sorbanne weiterzustudiern. Hier entsteht ein Freundeskreis, der 1534 in der Kapelle auf dem Montmartre drei Gelübde ablegt: der Armut, der Jungfräulichkeit; und das Gelübde der Wallfahrt nach dem hl. Land bzw. falls das binnen Jahresfrist nach dem Abschluß der Studien nicht möglich sei, nach Rom zu gehen und sich dem Papst zur Verfügung zu stellen.

Erst in Rom reift dann im Freundeskreis ( sie nannten ihn "compania di Jesus" - "Gefährtenschaft Jesu" wäre eine zutreffende Übersetzung) der Entschuß, einen neuen Orden zu gründen, um angesichts der "Sendungen" durch den Papst in die verschiedenen Länder ein einigendes Band zu haben. Die Bestätigung des Ordens erfolgte am 27. September 1540 durch Papst Paul III. - gegen große Widerstände! Als der Hauptgegner Kardinal Caraffa 15 Jahre später Papst wird, werden Ignatius - so bekennt er - alle Knochen im Leibe zittern. Doch nach einer Viertelstunde Gebets in der Kapelle habe er seine innere Ruhe wiedergefunden.

Die Bedenken gegen den Plan, einen neuen Orden zu gründen, rührten vor allem daher, dass alle herkömmlichen äußeren Merkmale der alten Orden aufgegeben sind. Das Ziel einer möglichst universalen und wirkungsvollen apostolischen Tätigkeit führte zur Abschaffung von klösterlicher Observanz, von gemeinsamem Chorgebet und der Ordenskleidung; statt dessen das Ideal der "gewöhnlichen Lebensweise", die Zentralisierung der Leitung des Ordens, eine lange Probe- und Ausbildungszeit der Mitglieder. Ein Jahr später wird Ignatius zum General gewählt ("General" heißt "allgemeiner Oberer", "Oberer für alle"!). In den verbleibenden 15 Jahren verfaßt er die Ordenssatzungen, die "Konstitutionen"; er schreibt 7000 z. T. sehr ausführliche Briefe in alle Welt. Der Orden wächst bis zu seinem Tod auf 1000 Mitglieder. In der Nacht vom 30. auf den 31. Juli stirbt er allein, ohne um sein Sterbebett versammelte Patres; "ohne uns zu segnen", wie sein Sekretär Polanco schreibt, "ohne einen Nachfolger zu bezeichnen, ohne irgendeine jener feierlichen Gesten, mit denen sonst die Diener Gottes heimgehen; in einen Tod, wie ihn alle Welt stirbt."

II.2

Ich sagte schon: die innere Motivation des Ignatius wird erkennbar in seinen geistlichen Erfahrungen und Einsichten von Manresa, die ihren Niederschlag im Exerzitienbüchlein gefunden haben. Es handelt sich dabei nicht um eine ausgebaute Lehre der christlichen Vollkommenheit. Vielmehr ist es nur ein Leitfaden, ein "Prinzip und Fundament" für die verwandelnde Begegnung des Menschen mit Gott. Was ist das Charakteristische an den Exerzitien? Hugo Rahner, einer der besten Ignatiuskenner, drückt es so aus: "Die Grundkraft, die in dieser Lebensgestaltung unerbittlich und süß zugleich drängt, ist die Liebe, die von Ignatius in das für sein ganzes Wesen kennzeichnende Wort geprägt wird: in das Wort "magis" - die Liebe, die immer 'mehr' will, die grundsätzlich grenzenlos ist, immer offen nach oben zu einer Dienstbereitschaft in Gott und zu einem Angleichungswillen an Christus, die ihr Maß nur findet an der Unermeßlichkeit der in Christus sichtbar gewordenen Liebe des Ewigen Vaters ... Dazu tritt aber eine letzte Formung, und sie ist für die Erfassung des tiefsten Wesens im Denken des Ignatius von entscheidender Bedeutung. Die grundsätzliche Grenzenlosigkeit der im 'magis' drängenden Liebe wird eingegrenzt von dem Dienstideal in der sichtbaren ... Kirche. Die maßlose Liebe hat sich in ihrer katholischen Echtheit auszuweisen am Maß, sozusagen am Fleisch und Blut des mystischen Leibes Christi... Jede Gnade ist zu messen an dem Buchstaben der Kirche, jede Liebe am Gehorchenkönnen, jeder Geist am Leib des Herrn. Aus der Vereinigung der alles sprengenden Liebe mit dem Eingepreßtsein in den Leib der Kirche ent-bindet sich jene ungeheure Kraft, die wir in seinem Werk geschichtlich feststellen können." (Ignatius von Loyola und das geschichtliche Werden seiner Frömmigkeit; Graz 1949, S. 11-12)

Sie erkennen in der Charakterisierung des Ignatius und des Exerzitienbüchleins durch Hugo Rahner unschwer wieder, was ich als Überschrift meines Vortrags genannt habe: die "sobria ebrietas", die nüchterne Trunkenheit. Ignatius ist in der Tat der Mann der verhaltenen, der kontrollierten Glut. Diese Haltung ist heute nicht nur aktuell, sondern bitter notwendig: sowohl gegen bestimmte Defizite, aber auch gegen jede Übertreibung. Es ist gut, das Gesagte durch einige Stellen aus dem Exerzitienbüchlein zu verdeutlichen. Im oben genannten "Prinzip und Fundament" heißt es trocken, lapidar: "Der Mensch ist geschaffen, um Gott, unserem Herrn, zu loben, ihm Erfurcht zu erweisen und zu dienen und mittels dessen seine Seele zu retten; und die übrigen Dinge auf dem Angesicht der Erde sind für den Menschen geschaffen und damit sie ihm bei der Verfolgung des Ziels helfen, zum dem er geschaffen ist. Daraus folgt, dass der Mensch sie soweit gebrauchen soll, als sie ihm für sein Ziel helfen, und sich soweit von ihnen zu lösen, als sie ihn daran hindern. Deshalb ist es nötig, dass wir uns gegenüber allen geschaffenen Dingen in allem, was der Freiheit unserer Entscheidungsmacht gestattet und ihr nicht verboten ist, indifferent machen. Wir sollen also nicht unsererseits mehr wollen: Gesundheit als Krankheit, Reichtum als Armut, Ehre als Ehrlosigkeit, langes Leben als kurzes; und genauso folglich in allem sonst, indem wir allein wünschen und wählen, was uns mehr zu dem Ziel hinführt, zu dem wir geschaffen sind." (nr. 23) Nüchterner, trockener kann man eine Wahrheit nicht ausdrücken.

Auf einige Punkte in diesem Text sei hier hingewiesen. Da ist einmal bedeutsam, dass das Wort "Gott" erklärt wird durch die Anerkennung unserer Geschöpflichkeit. Gott ist der, ohne den nichts ist. Gott ehren heißt: nichts in der Welt mit ihm verwechseln; alles nur als auf ihn verweisend zu verstehen. Dann: das rechte, gottgemäße Handeln besteht darin, die Güter der Welt auf die Dauer und im Ganzen und ohne Ansehen der Person für das Wohl der Menschen einzusetzen. Ignatius ist mit dieser Sicht ("tantum quantum") weit davon entfernt, den Eigenwert des Geschaffenen zu bestreiten und es etwa als bloßes Mittel zur Erreichung eines übernatürlichen Zieles mißzuverstehen. Es geht vielmehr um die Indifferenz den Dingen, den Ereignissen, den Menschen gegenüber. Erst in der Haltung der Indifferenz, der Nicht-Voreingenommenheit, behalten die Dinge ihr Eigensein und ihren Eigenwert.

In der "Königsbetrachtung", in der die Haltung der Indifferenz vorausgesetzt wird, wird die nächste Stufe deutlich. Ignatius läßt den Übenden um die Gnade bitten, "damit ich nicht taub sei für seinen Ruf, sondern rasch und eifrig dafür, seinen heiligsten Willen zu erfüllen" (nr. 91); vor allem aber läßt er immer wieder beten um die "innere Erkenntnis des Herrn" (z.B. nr. 104), um ihm "mehr nachzufolgen und ihn nachzuahmen" (nr. 109). Wer "unvoreingenommen" Christus begegnet, wer "Urteil und Vernunft" besitzt (nr. 95), der wird danach fragen, was er "mehr" tun kann als bisher; der wird "Anerbieten von größerem Wert und größerer Bedeutung machen" (nr. 97) und sprechen: "Ewiger Herr aller Dinge, ich mache mit eurer Gunst und Hilfe ... mein Anerbieten, dass ich will und wünsche und es mein überlegter Entschluß ist, wofern dies nur eurer größerer Dienst und Lobpreis ist, euch darin nachzuahmen, alle Beleidigungen, alle Schmach und alle sowohl aktuale wie geistliche Armut zu erdulden, wenn eure heiligste Majestät mich zu einem solchen Leben und Stand erwählen und annehmen will." (nr. 98) Vor uns steht der rufende Christus, der um den Menschen wirbt. Er geht voraus; wir sollen ihm folgen.

Noch ist aber gleichsam nicht entschieden, wohin die "Großherzigkeit" den einzelnen führt; was meine je eingene "Berufung", was "mein Dienst" ist, der mir aufgetragen ist. Diese "Erkenntnis" vollzieht sich in den Wahlbetrachtungen, besonders in der "Besinnung über Zwei Banner" (nr. 136 ff). Es geht um die "Erkenntnis der Täuschungen des bösen Feindes" und um "Erkenntnis des wahren Lebens, das der oberste und wahre Anführer zeigt" (nr. 139) Die "Unterscheidung der Geister" im eigenen persönlichen Leben setzt voraus (neben der Begeisterung für den rufenden Christus) eine große Nüchternheit gegenüber sich selbst. Diese "discretio spirituum" ist heute in unserer pluralistischen Gesellschaft auch innerhalb der Kirche bitter notwendig. Sie gründet freilich in der "familiaritas cum Deo", in der Vertrautheit mit Gott,, die allerdings nur im Gebet wächst. Dieses Sensorium, die "Geister zu unterscheiden", soll in den Geistlichen Übungen ausgebildet werden.

Die Gefährdungen sieht Ignatius vor allem im menschlichen Habenwollen und Großseinwollen. Gegen diese zerstörerischen Tendenzen muß das menschliche Bemühen angehen. "Denn jeder bedenke, dass er in allen geistlichen Dingen nur soviel Nutzen haben wird, als er aus seiner Eigenliebe, seinem Eigenwillen und Eigeninteressen herausgeht." (nr. 189) In der "Bannerbetrachtung" wird die Verführungsstrategie Satans dahingehend beschrieben, dass er die Menschen "zuerst mit der Begierde nach Reichtümern in Versuchung" führt, "wie dies in den meisten Fällen zu geschehen pflegt, damit man leichter zu eitler Ehre der Welt gelange und danach zu gesteigertem Hochmut. So besteht also die erste Stufe in Reichtümern, die zweite in Ehre, die dritte in Hochmut. Und von diesen drei Stufen aus führt er zu allen anderen Lastern hin." (nr. 142)

Welch bestürzende Aktualität das damals hatte, ist uns heute kaum bewußt. Hier ist das Bild der verweltlichten Kirche von damals gezeichnet, für die das Denken eine Macciavelli näher lag als das der Bibel. Die zahllosen Negativerfahrungen konnten Ignatius aber nicht von seiner Liebe und seinem Einsatz für die Kirche abbringen. Und das könnte so manchem Kirchen-Frustrierten unserer Tage ein Hinweis sein, in welcher Richtung er sich bemühen müßte.

Schließlich sei noch auf die "Betrachtung, um Liebe zu erlangen" (nr. 230 ff) hingewiesen. Das Suchen, das Entdecken und Finden Gottes in allen Dingen führt hin zum Dank für das empfangene Gute, zur Liebe und zum Dienst. Mit den Worten des Ignatius: "Die empfangenen Wohltaten von Schöpfung, Erlösung und die besonderen Gaben ins Gedächtnis bringen, indem ich mit vielem Verlangen wäge, wieviel Gott, unser Herr, für ich getan hat und wieviel er mir von dem gegeben hat, was er hat, und wie weiterhin derselbe Herr sich mir ... zu geben wünscht, sosehr er kann. Und hierbei auf mich selbst zurückbesinnen, indem ich mit viel Recht und Gerechtigkeit erwäge, was ich von meiner Seite seiner göttlichen Majestät anbieten und geben muß, nämlich alle meine Dinge und mich selbst mit ihnen, wie einer der mit vielem Verlangen anbietet: Nehmt, Herr, und empfangt meine ganze Freiheit, mein Gedächtnis, meinen Verstand und meinen ganzen Willen, all mein Haben und mein Besitzen. Ihr habt es mir gegeben, Euch, Herr, gebe ich es zurück. Alles ist Euer, verfügt nach Eurem ganzen Willen. gibt mir Eure Liebe und Gnade, denn diese genügt mir." (nr. 234)

Die hier sich zeigende Spiritualität und Frömmigkeit ist bei allem inneren Egagement nüchtern und herb. Diese Nüchternheit bei innerstem Engagement wünschte man sich heute oft in der Kirche. Die Frömmigkeit darf den Christen nicht in ein Wolkenkuckucksheim entführen, sondern sie ist im alltäglichen, im gewöhnlichen Leben zu realisieren. Sie muß im Alltag realisierbar sein, und nicht nur unter einer Glasglocke.

Ausdruck dafür ist wiederum ein scheinbar paradoxes Wort: "contemplativus in actione": mitten in der Tätigkeit kontemplativ sein; mitten in der Welt leben aus der tiefen Verbundenheit und Vertrautheit mit dem rufenden Christus. Es konkretisiert sich im Einsatz aller verfügbaren Mittel, in der persönlichen Verfügbarkeit für die große Sache, in der Berücksichtigung aller natürlichen Fähigkeiten der einzelnen Mitglieder, um den Seelen zu helfen. Es konkretisiert sich in der Bereitschaft, dem Herrn in dieser Kirche zu dienen, diesem konkreten Papst gegenüber; nie zufrieden mit dem Erreichten, immer unterwegs nach dem "Deus semper maior", immer unterwegs zu Gott, der immer größer ist, als wir ihn uns vorstellen; der die grenzenlose Liebe ist, dem wir in Gegenliebe und Dankbarkeit dienen sollen. Zu Beginn der Konstitutionen spricht Ignatius von der "interna lex caritatis", vom "inneren Gesetz der Liebe, das der Heilige Geist in die Herzen zu schreiben und einzuprägen pflegt"; dieses "Gesetz der Liebe" soll die einzelnen Mitglieder gleichsam zum Dienst antreiben.

III.

Die Verwirklichung eines solchen Ideals in der Geschichte des Ordens habe ich schon teilweise geschildert. Die ersten hundert Jahre sind von einem enormen Elan gekennzeichnet. Die Erfolge in Wissenschaft und Kunst, vor allem aber auf dem Bildungssektor sind frappierend. Ich weise hier hin auf die Barock-Architektur und - Malerei, auf das Barock-Theater und die Barock-Lyrik; auf die geistliche Jugendbewegung der Marianischen Kongregationen. Jedenfalls ist der Orden ein geschichtsbestimmender Faktor. Das wird sich in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts ändern. Der Orden wird vor allem innerkirchlich in die Defensive gedrängt. Zwei Stichworte seinen genannt: der Vorwurf des Semi-Pelagianismus im sogenannten "Gnadenstreit" und der Vorwurf der Laxheit der jesuitischen Moral seitens der Jansenisten (Blaise Pascal). Diese innerkirchliche Front bindet außerordentlich viele geistige Kräfte.

Ein anderes Feld der innerkirchlichen Auseinandersetzung ist der sogenannte "Ritenstreit" bzw. die Frage der "Akkomodation" in den asiatischen Missionsgebieten (z.B. in der Frage einer chinesischen Liturgie). 1742 geht der Ritenstreit endgültig durch eine päpstliche Entscheidung für den Orden negativ aus. Im Grunde bedeutet dies die totale Infragestellung des Ordens, seiner Ziele und seiner Methoden. Der Lebensnerv ist offensichtlich getroffen. Es ist die vorweggenommene Auflösung des Ordens, die 30 Jahre später erfolgt, obwohl dieses Verbot durch den Papst 1773 in der Haptsache das Werk der aufgeklärten Bourbonen-Herrscher war. Die Aufklärung sah im Jesuitenorden das Haupthindernis für Fortschritt und Geistesfreiheit.

Der Orden überlebte jedoch im russischen Polen. Die Zarin Katharina die Große läßt das päpstliche Dekret nicht promulgieren. Mit der Duldung und dem Wohlwollen der neuen Päpste arbeitet man weiter; der Orden wächst langsam wieder und wird 1814 durch Papst Pius VII. wiederhergestellt. Fatal war allerdings, dass man von den Jesuiten vor allem Dankbarkeit erwartet, die Identifikation mit den restaurativen Tendenzen der päpstlichen Politik und die Unterstützung der Politik der Einheit von Thron und Altar - nach den Schrecken der Französischen Revolution und der napoleonischen Kriege. Hier liegt m. E. der Hauptgrund dafür, dass die innere Freiheit und Selbstständigkeit, wie sie der "alten Gesellschaft" eigen war, der "neuen" vielfach fehlte, wenigstens bis zum 2. Vatikanischen Konzil. Kein Wunder auch, dass der Orden den liberalen Kräften in Politik und Kirche ein Dorn im Auge war. Fast nirgends in Europa kann der Orden eine dauerhafte Arbeit beginnen. Die Jesuiten werden vertrieben aus Rußland, Spanien, Neapel, Frankreich, Portugal, der Schweiz - z. T. mehrere Male. Im Revolutionsjahr 1848 sind fast alle europäischen Jesuiten auf der Flucht. Der Hauptgrund liegt im angeblichen Eintreten der Jesuiten für die konservative Sache. In Deutschland wird der Orden 1872 verboten. Man sieht in ihm den Vorkämpfer des Papsttums, einer außendeutschen Macht.

IV.

Mit dem 2. Vatikanischen Konzil war nicht nur ein Aufbruch in der gesamten Katholischen Kirche verbunden. Ich bin der Meinung, dies sei auch für den Jesuitenorden der Fall. Für den Orden läßt sich auch ein Zugewinn an innerer Freiheit feststellen gegenüber der päpstlichen Kurie - sicher ein Verdienst von P. Arrupe, nicht minder jedoch des jetzigen Generals P. Kolvenbach. Das hat sich gerade in den letzten zehn Jahren immer wieder gezeigt. Nicht zuletzt trug zu dieser inneren Freiheit bei der empfindliche zahlenmäßige Rückgang des Ordens vor allem in Europa und Nordamerika. Das fördert zum einen die Demut, von der Ignatius immer wieder in seinen Exerzitien spricht. Zum anderen wird deutlich: der Jesuitenorden ist nicht unentbehrlich; er ist nicht das Heil der Welt. Es ist ganz gut, von diesem hohen Roß, sich für die Kirche fast unentbehrlich zu halten, heruntergeholt zu werden.

Eindeutig verlagert hat sich das zahlenmäßige Schwergewicht des Ordens nach Lateinamerika, Afrika und Asien. Schon 40% der Ordensmitglieder leben in diesen Regionen - mit steigender Tendenz. Damit gewinnen neue Kräfte und Problem an Bedeutung. Stichworte für die Zukunft sind einmal die "Inkulturation", also das Hineinwachsen des Christentums in den Mutterboden der jeweiligen Kultur, und dann die Maxime der letzten Generalkongregation "Glaube und Gerechtigkeit" mit seiner Dynamik gerade in den Ländern der Dritten Welt. In beidem sehe ich den genuinen ignatianischen Ansatz, dem Herrn und seiner Kirche hier und heute zu dienen und den Seelen zu helfen, ohne dabei auf die eigenen Gloire bedacht zu sein, sondern auf die größere Ehre Gottes.

Und diese Einstellung (sie entspringt dem "magis" des hl. Ignatius) bewahrt auch vor dem ängstlichen Bewahren des Besitzstandes, des Erreichten - wie dies m. E. heute gerade in der Kirche Deutschlands deutlich wird. Diese Einstellung gibt auch den Mut zum Wagnis. Was wäre der Jesuitenorden, was wäre die Kirche ohne die großen Wagenden, ohne Franz Xaver, Petrus Kibe, Friedrich Spee und wie sei alle heißen mögen! Diese großen Wagenden tragen allerdings als Ausweis ihrer Richtigkeit ihres Wagnisses nicht nur die spätere Bestätigung (etwa ein Matteo Ricci oder Friedrich Spee), sondern auch als Echtheitszeichen das Kreuz in ihrer eigenen Existenz. Diese Teilhabe am Kreuz Christi, ist ungezählt vielen großen Männern abverlangt worden.

Diese "Teilhabe am Kreuz Chrisi" ist auch die Überleitung zu einem Zitat von Karl Rahner, mit dem ich schließen möchte: "Unter viel Asche brennt auch heute noch in meinem Orden die Liebe zu der Unbegreiflichkeit Jesu und seines Schicksals. Von daher dient er der Kirche und kann ihr gegenüber und gegen sich selbst sehr kritisch sein, sich auf das Experiment einer nicht vorauskalkulierbaren Geschichte einlassen und Leben, Erfolg und Mißerfolg, Prestige und Unbedeutsamkeit getrost als Teilnahme am Geschick dessen entgegennehmen, dessen Name mein Orden (gewiß ein wenig unbescheiden, aber auch voll rührender Hoffnung) trägt." (in : Jesuiten. Wohin steuert der Orden? Freiburg 1975, S. 145)

 

 

Zur Lage der Kirche

Bei diesem Thema, das so kontrovers diskutiert wird, und bei dem so viele Emotionen im Spiel sind, sehen nicht nur "die da oben" in der Kirche ziemlich "betröppelt" aus, sondern auch "die da unten". Und nur derjenige kann an dieser Situation Freude empfinden, der Gefallen daran hat, wenn andere in Verlegenheit geraten, wenn "Schuldige" vorgeführt werden. Doch hat eine solche Einstellung mehr mit dem zu tun, was die Psychologen "Sadismus" nennen.

Als Rekollektionen-Pater bin ich in dieser Situation und bei dieser Diskussion sicherlich relativ gut dran; denn ich bin kaum direkt davon betroffen, was seit geraumer Zeit die Gemüter hierzulande aufwühlt. Doch kann ich die Augen nicht davor verschließen. Allerdings bin ich auch nicht in der Lage, die offensichtlich vorhandenen Probleme zu lösen. Wenn selbst kompetentere Leute sich daran die Zähne ausbeißen, dann - so denke ich - sind die Erwartungen nicht zu hoch, die an mich gestellt werden. Ich habe aber keine Scheu, mir bei diesem Thema eventuell die Finger zu verbrennen bzw. den Finger auf schmerzende Wunden zu legen, was vielleicht Proteste und Wehgeschrei zur Folge hat.

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Zunächst fällt mir auf, wie die meisten Teilnehmer an der Diskussion offensichtlich fixiert sind auf die ausgeübten "Funktionen": des Priesters, aber auch der Laien im pastoralen Dienst. Wer den priesterlichen, wer den pastoralen Dienst auf die ausgeübten "Funktionen" reduziert (damit aber auch auf Effektivität und Nutzwert), der beraubt m. E. diese "Dienste" ihrer "Seele". Bei einer solchen Trennung von "Seele" und "Leib" tritt bekanntlich der Tod ein. Das Berufsbild des Priesters, das Berufsbild derer, die im pastoralen Dienst stehen, muss doch ein anderes Fundament haben. Das Auseinanderfallen von "Funktion" und "Sein" ist katastrophal, erst recht die Überbewertung der Funktionen gegenüber dem "Sein", in dem die Funktionen gründen müssen. Ich erinnere hier an das bekannte Axiom, dass jegliches Handeln in einem Sein gründe ("agere sequitur esse").

Vor einigen Wochen haben wir in unserer Kommunität mit unserem Novizenmeister über den Ordensnachwuchs gesprochen: wie wir junge Leute für den Orden gewinnen können. Ich habe im Gespräch gesagt: Wir reden zuviel von den Arbeiten, die wir als Jesuiten verrichten können; wir reden zu wenig von unserem Sein als Ordensleute. Wir beziehen doch nicht von den Arbeiten, die wir verrichten, unsere "Identität"; wir beziehen sie auch nicht von den Funktionen, die wir ausüben; schon gar nicht von der Effektivität oder dem vorweisbaren Erfolg unserer Arbeiten. Unsere Arbeiten und unsere Funktionen gründen doch in einer Lebensform, in einer religiös bestimmten Lebensform. Das gilt, so meine ich, ohne Abstriche auch für den Priester, das gilt auch für jeden, der im pastoralen Dienst steht. Die "Diastase" zwischen religiös bestimmter Lebensform und der ausgeübten Funktion ist auf Dauer tödlich. Die "Allmacht" der Funktion, die "Allmacht" des Funktions-Denkens zerstört die religiöse Lebensform. Ob wir nicht jetzt ernten, was wir zu lange gesät haben? Haben wir nicht der Effektivität und dem vorweisbaren Erfolg den Vorrang eingeräumt?

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Mit dieser Fixierung auf die Funktionen im pastoralen Dienst steht ein anderer Punkt in enger Verbindung. Man hat den Eindruck, als ginge es letztlich um die "Macht" in der Kirche: den einen, die sich an ihre überkommenen Machtpositionen klammern - den anderen, die das Sagen haben wollen, die den entscheidenden Einfluss bekommen möchten. Alles natürlich im Namen Jesu und für eine bessere Kirche! Es kann aber doch nicht darum gehen, wer befiehlt und wer kommandiert, und wer wem zu parieren hat. Es geht doch darum - so meint es jedenfalls der hl. Paulus - dass Christus verkündet wird als das Heil der Welt und als das Heil unseres eigenen Lebens - und zwar von jedem Christen gemäß seinen Fähigkeiten und Aufgaben im Ganzen der Glaubensgemeinschaft. Eine fatale Folge dieses Machtdenkens (um nicht zu sagen: der "Macht-Ergreifung") ist auch die Fixierung auf unsere Binnen-Probleme (in Deutschland), von denen wir meinen, die anderen Menschen in der Welt hätten gefälligst diese Probleme auch zu haben. Dass Kirche eine weltweite Sendung und Verantwortung hat (und zwar nicht nur und in erster Linie im Sinne eines sozial-karitativen Engagements), das wird doch kaum noch realisiert. Der eigentliche Missions-Gedanke ist doch gestorben - m. E. ein genaues Indiz unserer ganzen Misere. Wenn ich selber die Prioritäten nicht mehr kenne ("Dass Christus verkündet wird!"), dann brauche ich auch keine Mission mehr.

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Ein weiterer Eindruck, den ich habe, ist der: Ich stelle fest eine weitgehende Absenz dessen, was man mit "Spiritualität" bezeichnet. In Klammern: Dafür hält man sich sinnigerweise einen Spiritual im Priester-Seminar und auch einen Rekollektionen-Pater; die sind für die Sparte "Spiritualität" zuständig und verantwortlich. Das persönliche geistliche Leben (mit Gebet, Meditation, gemeinsamem geistlichen und geistigen Tun) ist das Fundament jeder priesterlichen und pastoralen Existenz. Diese Aufgabe ist nicht auf andere abwälzbar. Das "Sprachspiel" des Glaubens, das "Sprachspiel" der Verkündigung der Heilsbotschaft (um einen Begriff von Ludwig Wittgenstein zu verwenden) bedarf, um verstanden zu werden, einer existentiell geübten Lebensform. In den Tagebüchern von Ludwig Wittgenstein findet sich folgende Eintragung: "Eine religiöse Frage ist entweder eine Lebensfrage oder sie ist (leeres) Geschwätz. Dieses Sprachspiel - könnte man sagen - wird nur mit Lebensfragen gespielt. ... Wenn eine ewige Seligkeit nicht für mein Leben, für meine Lebensweise etwas bedeutet, dann habe ich mir über sie nicht den Kopf zu zerbrechen. Kann ich mit Recht darüber denken, so muss, was ich denke, in genauer Beziehung zu meinem Leben stehen; sonst ist, was ich denke, Quatsch, oder mein Leben ist in Gefahr." Soweit Ludwig Wittgenstein. Ohne gelebte Spiritualität ist pastoraler Dienst tot. Das sieht man unserem Gesicht an: Wie hältst du es mit deinem persönlichen geistlichen Leben? Das persönliche geistliche Leben ist kein Luxus, der fehlen könnte. Er ist die "eiserne Ration" für den, der im pastoralen Dienst stehen möchte.

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Ein weiterer Eindruck, den ich in der Vergangenheit (nicht nur in Hannover) erhalten habe, ist der der Bitterkeit, der Resignation und des Vertrauensverlustes in der Kirche und gegenüber der Kirche. Das hat zur Folge eine Vereinzelung, ja eine Entsolidarisierung gerade auch derer, die im pastoralen Dienst stehen. Albert Görres hat das einmal pointiert so formuliert: "Viele katholische Christen und Theologen stehen nur noch mit einem Fuß im Glauben der Kirche, fast ohne es zu merken; mit dem anderen in einem privaten, selbstgemachten Glauben, in dem sie schließlich Haupt und einziges Mitglied ihrer eigenen Sekte sind." Es ist m. E. zunächst wichtig, ja unabdingbar, diese Bitterkeit, diese Unzufriedenheit und das gegenseitige Misstrauen zur Kenntnis zu nehmen, und zwar im eigenen Leben. Bei der Überwindung ist für den Priester, ist für jeden im pastoralen Dienst Stehenden eine Frage und die entsprechende Antwort entscheidend - so meint jedenfalls Albert Görres. Er formuliert diese Frage im Anschluss an Ignatius von Loyola: "an vivat contentus in ecclesia - Leben Sie zufrieden in und mit der Kirche?" Es ist die Frage nach dem eigenen religiösen Leben; die Frage nach der persönlichen Askese - Askese verstanden als die Summe der Bemühungen, die darin bestehen, sich in allen wichtigen Dingen an den Willen Gottes zu halten, also nach "Vollkommenheit" zu streben (wie es etwas "altmodisch" heißt). Das bedeutet immer auch, mit Großmut alle Unbilden zu ertragen, die mit diesem Bemühen, den Willen Gottes zu tun, verbunden sind. Konkret heißt das in der Regel, sich von der Diktatur des "Lustprinzips" zu befreien. Das ist die Aufgabe der Erziehung, der Selbsterziehung; das ist der Sinn aller Askese. Hier ist eine Anmerkung notwendig. Die Befreiung von der "Diktatur des Lustprinzips" besagt nach Albert Görres: Der Mensch ist weitgehend reizgesteuert. Im Unterschied zum Tier kann der Mensch jedoch lernen, zwischen Reiz und Reaktion, auch zwischen Reiz und erlernter Reaktion, einen "Zwischenraum" einzulegen. Die Erziehung bzw. die Selbst-Erziehung und die Askese sind die Kultivierung dieses Zwischenraumes; sie sind die Befreiung von der Zwangsläufigkeit der angeborenen oder erworbenen Reflexe.

Albert Görres fasst seine Ausführungen über die Askese in drei Thesen zusammen. Der Zugang zur Askese ist erstens schwer, er ist nicht selten unmöglich für Menschen, die erbittert, zornig und verbittert sind. Viele Menschen in der Kirche sind unversöhnt - nicht immer aus eigener Schuld. Erbitterung zerfrisst zweitens jedes Vertrauen; Misstrauen zerstört jegliches Verstehen; Unverständnis zerstört das "Fühlen mit der Kirche"; der Verlust des "Fühlens mit der Kirche" zerstört auf Dauer den Glauben, beeinträchtigt in jedem Fall seine Fülle. Der erste Schritt einer hier und jetzt notwendigen Askese in der Kirche und jedes einzelnen in ihr muss drittens die Entgiftung und die Ent-Bitterung sein. Darum ist die grundlegende asketische Übung die Rückkehr in einen unverbitterten und vollständigen Glauben. Das Moment der Entbehrung und des Verzichtes in dieser Übung ist allerdings der schwerste Verzicht, den es überhaupt gibt, nämlich der (begrenzte) Verzicht auf das eigene souveräne Urteil in Glaubensdingen. Nur wo diese "Glaubens-Askese" in einem Versuch, wirklich zu verstehen, was die Kirche meint und glaubt, eingeübt wird, hat auch die Einzelaskese ihren Sinn und ihren Ort. Soweit Albert Görres. Sie merken hoffentlich: die Absenz dieses so wichtigen Gesichtspunktes in der heutigen Diskussion in der Kirche und angesichts des Unbehagens in der Kirche ist eklatant.

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Ein Desiderat für die Zukunft der Kirche (nicht nur in Deutschland) ist das Herausbilden einer "vita communis" aller im pastoralen Dienst Tätigen - und zwar angesichts einer wachsenden Vereinzelung, Atomisierung und Entsolidarisierung. Gefordert ist die Wiederentdeckung verlorener und die Findung neuer Formen des geistigen und geistlichen Miteinanders. Das bedeutet allerdings die Aufgabe der individuellen Beliebigkeit und Formlosigkeit in punkto Askese und Spiritualität. Eine geistige und geistliche "Lebensgemeinschaft" ist in Zukunft also unabdingbar. Das braucht in keiner Weise die "Beheimatung" in einer konkreten Gemeinde zu hindern. Die Frage ist: Sind wir noch fähig und bereit zu einer solchen "vita communis" und zur Entwicklung neuer Formen des geistigen und geistlichen Miteinanders; des innerlichen Austauschs und nicht nur eines unverbindlichen Geredes, das das Eigentliche ausklammert?

Notwendig ist die Entlastung der im pastoralen Dienst Tätigen von Verwaltungsaufgaben - auch im Sinne eines Abgebens von "Verantwortung" und "Zuständigkeiten". Ich bin mir aber bewusst: Wer gibt gerne diese "Macht" aus den Händen? Aber ohne einen Machtverzicht geht es in Zukunft nicht mehr. Und wenn wir es nicht selbst und von selbst tun, dann wird der liebe Gott schon auf seine Weise dafür sorgen; er wird uns manches aus den Händen nehmen. Ich meine, er hätte damit schon begonnen.

Die Eucharistiefeier wird ihren hohen Stellenwert selbstverständlich behalten. Wir müssen aber auch ernst machen damit, dass die Feier der Eucharistie nicht "de necessitate salutis", also nicht "heilsnotwendig" ist. Der Glaube ist heilsnotwendig. Dann dürfen und müssen jedoch neue gottesdienstliche Formen gefunden werden, gemeinschaftliche und private, denen nicht nur die Hauptamtlichen vorstehen können. Und bei diesen Gottesdiensten kann auch nicht die Kommunion im Mittelpunkt stehen; sonst würde der Empfang der Kommunion ja zu einem magischen Tun degradiert werden. Die Übung des Glaubens hat im Zentrum zu stehen.

Eine letzte Bemerkung: Wir brauchen den langen Atem. Der Prozess der Anpassung an die neue Situation (hervorgerufen durch den Priestermangel, durch die fehlenden finanziellen Mittel und durch die Erosion der Pfarr-Gemeinden durch Austritte etc.) braucht seine Zeit. Was bei diesem Anpassungsprozess herauskommt, das werden wir vielleicht selbst nicht mehr erleben. Was wir heute tun können und müssen: Wir dürfen diesen Prozess nicht erschweren oder gar verhindern, weil wir vielleicht fürchten, unsere Privilegien zu verlieren; unseren Kopf anstrengen zu müssen; neue Wege zu suchen. Wenn wahr ist, dass die "Stimme der Zeit die Stimme Gottes" ist, dann brauchen wir jedenfalls keine Angst vor der Zukunft der Kirche zu haben. Wir sind nämlich nicht die Herren der Kirche; Herr der Kirche ist immer noch Jesus Christus

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"Esset das Lamm schnell!"

Anmerkungen zum christlichen Gottesdienst

Es besteht sicherlich Einigkeit unter uns darin, dass die Mehrzahl der Christen den Sonntagsgottesdienst langweilig findet. Selbst viele "praktizierende" Christen ertappen sich bei dem Gedanken, wie schön es wäre, die Gottesdienst-Pflicht schon hinter sich zu haben. Die Jugendlichen gar stimmen gleich mit den Füßen ab; sie bleiben weg. Vielerorts hilft man sich mit soviel Abwechslung wie möglich: musikalisch, mit aktuellen Bezügen z. B. in den Fürbitten, mit der Aufrüttelung des sozialen Gewissens. Und dies alles unter dem Motto: Wie lässt sich Schwung in das sonntägliche Einerlei bringen? Und mit der Frage: Wie schaffen es eigentlich die Sekten, die jungen Leute anzuziehen, die Langeweile zu überwinden?

Es gibt in der Tat eine Art von "Langeweile", die für die Liturgie, für den christlichen Gottesdienst konstitutiv ist. Der christliche Gottesdienst ist in einem bestimmten Sinn gegen alle "Emphase"; er ist in einem bestimmten Sinn "anti-ekstatisch"; es will es aber nicht nur, er muss es sogar sein. Was hier mit "Anti-Ekstase" gemeint ist, das wird deutlich, wenn man sich einen bestimmten Typus heidnischer Gottesdienste der antiken Welt vor Augen hält. Diese Gottesdienste zielten auf Eindruck und Überwältigung. Die "Gläubigen", die Mitglieder der Kult-Gemeinde erfahren die "Epiphanie des Göttlichen" durch die Erweiterung der Sinne, durch die rauschhafte Veränderung des Bewusstseins. Sie wird oft eingeleitet durch Fasten, auch durch geschlechtliches Fasten, durch Nachtwachen, durch stundenlangen Tanz bis zur Trance, durch Gifte und Reizmittel, durch körperliche Verletzungen und Schmerz, überhaupt durch Lust-Empfindungen - wie etwa bei den Vorgängen der Tempel-Prostitution. Alle diese "Vorgänge" werden sorgfältig religiös "verwaltet", um diese "Ekstase", um eine "Epiphanie des Göttlichen" herbeizuführen. "Ekstase" ist hier wörtlich gemeint: als Hinaustreten aus dem Profanen und als Hineingleiten in das umfassend Numinose, Göttliche. Es handelt sich um geübte motorische und toxische Ekstasen. Der Verlust der Außenrealität, der Verlust der eigenen Körperempfindung, der Verlust der Selbststeuerung sind die allgemeinen Kennzeichen eines solchen Außersichseins, das in der Regel nur im hütenden Rahmen einer Kult-Gruppe stattfindet, etwa im Dionysos-Kult des antiken Griechenlands. In Klammern: Als den Gegenpol zum Christentum als der leib- und lustverachtenden Religion sah Friedrich Nietzsche den Gott Dionysos an.

Das Volk Israel weist im Unterschied zu den umgebenden Religionen (besonders in Mesopotamien und Ägypten) deutliche Unterschiede in der Ausgestaltung des Kultes auf. An erster Stelle ist hier zu nennen jener "Ur-Kult" Israels, der gar nicht im Tempel, sondern in der Familie stattfand: die Feier, die die letzte Nacht in Ägypten in Erinnerung ruft; die Nacht, in der das Volk Israel in Hast und aufbruchbereit das Lamm gegessen hat und auf den Vorübergang des Todesengels lauschte. Dieser "Vorübergang - Passah" ist Kern eines ganz anderen Typus von Gottesdienst, wie er in den Kulten im Umkreis Israels üblich war. Es ist ein Gottesdienst nicht der Ekstase, sondern der Wachsamkeit; nicht des Rausches, sondern der schnellen Anspannung aller Kräfte zur Flucht. Und was die "Epiphanie Gottes" angeht, so wird sie in dieser Nacht nicht in einer Gruppen-Trance erzwungen. Israels Gott ist da, wie er da ist - so sein Name "Jahwe": wie eine Feuersäule in der Nacht, eine Wolke am Tag; später im Tempel von Jerusalem: ungreifbare, bildfreie Gegenwart im Innersten des Tempels. Wenn der Prophet Elia ihn auf dem Berg in Blitz, Donner und Erdbeben erwartet und eben nicht erlebt und findet, so ist der "leise Hauch", der die Gegenwart Jahwes ankündet, offenkundig eine "Anti-Epiphanie": in den "leisen Hauch" kleidet sich die Herrlichkeit Jahwes, in das Unscheinbare und Ungreifbare - wie es sich später in der Knechtsgestalt Jesu wiederholen wird.

Zu dieser trance-freien Weise der Begegnung entwickeln sich auch die Gottesdienst in den Synagogen: sie dienen allein dem Wort, dem Durchdenken, dem Gegenwärtighalten der Überlieferung und des Gesetzes, der "Thora". Selbst wenn die Sabbath-Feier zuhause ein Mahl von Brot und Wein einschließt, so zielt auch sie nicht auf die kultische Berauschung und auf das Abdriften in die Orgiastik; im Gegenteil: sie dient der Erinnerung, dem Festhalten. Immer geht es in Israels Feiern, in seinen Erinnerungen, in seinen Versöhnungsfeiern um eine "nüchterne Trunkenheit". Vorübergang wird gefeiert, und nicht eine rauschhafte Entrückung und Verzückung. Israel kultiviert nicht die Flucht ins Unbewusste, ins Es-Hafte. Israel behält die "Un-Ekstase" ausdrücklich bei, das Maßvolle des Menschlichen in Abgrenzung auch und gerade zum Tierischen. Das goldene Kalb, das Stiersymbol Ägyptens, das Symbol der Fruchtbarkeit, wird als götzenhaft erkannt und verworfen. Die Begebenheit am Horeb ist überdeutlich: Mose hält die Tafeln des Gesetzes, die Tafeln der strengen Abgrenzung gegen die Orgiastik. Nicht der anonym machende Rausch wird gesucht; gesucht wird das Antlitz des Herrn, wie der Psalm 26 sagt. Und vor diesem Antlitz des Herrn bildet sich das eigene Antlitz des Menschen zur vollen Klarheit.

"Lasset uns geziemend und in Ehrfurcht stehen, lasset uns aufmerksam sein, das heilige Opfer in Frieden darzubringen!" - so singt die göttliche Liturgie der Ostkirche zur Gabenbereitung. Stehen - aufmerken - Frieden: mit diesen drei Haltungen ist der Grundton der christlichen Liturgie gekennzeichnet. In ähnlicher Weise drückt es Ambrosius von Mailand aus: "Laeti bibamus sobriam ebrietatem spiritus - froh lasst uns kosten die nüchterne Trunkenheit des Geistes!" Sowohl die Liturgie der Ostkirche wie auch der hl. Ambrosius sind nicht der Meinung, dass die Liturgie keine Dramatik kennt. Diese "Dramatik" der Liturgie errichtet jedoch zunächst den Raum für das Wort der Schrift. Das bedeutet: es geht in der Liturgie bzw. im Gottesdienst (wie im Alten Bund) um das klare und deutliche Festhalten eines geschichtlichen Inhaltes: in Jesus offenbart und krönt Gott seine Wege mit uns Menschen.

In einem zweiten Teil der Liturgie, der sich am Altar vollzieht, werden Leiden und Tod Jesu vergegenwärtigt, und zwar als Abendmahl, als Passah-Mahl, das in den sakramentalen Zeichen, in der sakramentalen Symbolik das Zerbrochenwerden Jesu vorwegnimmt. Damit ist aber gegeben, was Israel Jahr für Jahr gefeiert hat: die Nacht in Ägypten, die Schlachtung des Osterlammes, der Vorübergang des Herrn, der Aufbruch in die Freiheit. Und wie im Gottesdienst Israels, so ist auch in der christlichen Liturgie, in der Liturgie der Kirche kein Platz für die Orgiastik, kein Platz für den Todes- und Auferstehungsrausch (wie er etwa im Raum des Dionysos-Kultes vorhanden war). Der Wein, der das Blut Jesu ist, wird nicht des kultischen Taumels wegen getrunken. Nicht der Rausch, sondern das Mitgehen und das klare Dabeisein sind gefordert. Nur so geschieht "Wandlung": Wandlung des Todes in das Leben; Wandlung des Getöteten in den Auferstandenen. Nicht menschliche Wirrnis wird erreicht, sondern göttliche Klarheit. Und dies in der Form sparsamer Zeichen und Gesten.

Das bedeutet: das alte wie das neue Israel erfährt Gott nicht im Rausch; nicht im Aufgehen im Göttlichen; nicht im anonymen Eintauchen in eine All-Einheit. Für das alte wie für das neue Israel ist die Überwindung alles dessen charakteristisch, und zwar in der Klarheit des Ich, das vor Gott gestellt ist. "Hier, jetzt, Ich!" - auf dieses Formel bringt Meister Ekkehard den Sachverhalt. Und das ist auch die Grundformel allen Betens. Nikolaus von Cues stellt einmal die Frage, wie die Seele Gott fassen könne. Er gibt die nur im Raum des Christentums mögliche Antwort: "Sis ergo tuus, et ego ero tuus = Sei ganz dein, und ich werde dein sein!" Auf den christlichen Kult, auf die Liturgie bezogen bedeutet das: der christliche Kult fordert nicht den Menschen, der sich selbst vernichten muss, um in die Macht des Übermächtigen, um in die Macht des Göttlichen einzutauchen; um das Ich verlöschen zu lassen. Der Tod Jesu, der in der Liturgie gefeiert wird, formt einen Menschen, der fähig ist zu antworten, sich zu entscheiden; der sich einzusetzen vermag.

Der Tod Jesu fordert Hingabe, nicht Preisgabe seiner selbst. Ebenso ist die Auferstehung Jesu, die wir nach der Wandlung "preisen", ein Festhalten und Bewahren der Identität - Jesus ist in seiner Menschheit verherrlicht, trotz allen irdischen Gebrochenseins. Dass Jesus alle Wunden der Folterung an seinem verklärten Leib behielt, das diente der Ostkirche immer zu besonderem Nachdenken. Sogar der sterbliche Leib behielt die Identität, die auch im Tod nicht aufgelöst, sondern "in allen Wunden" bestätigt wird. Gott ist also nicht der Vernichter, sondern der Vollender der Personalität. Und darum wahrt die Liturgie nicht nur das eigene Gesicht der Feiernden; die Liturgie verspricht, dass dieses persönliche Gesicht aus allen Beschädigungen einst in aller Klarheit hervorgehen wird, ohne Verfinsterung durch Dämonisches.

So verzichtet unsere Liturgie bis heute auf eines der höchsten Stimulantien der Gruppen-Ekstase, auf den Tanz, während er andere Elemente wie Weihrauch und Musik nur in ihrer strengen Form und in Maßen zulässt. Alle Kultbewegungen bleiben gemessen. Das heißt: Gottesdienst im christlichen Verständnis meint kein aufputschendes Ereignis; meint kein rauschhaftes Erlebnis; meint nicht ein psychisches Hochgefühl. "Vor ihm zu stehen und ihm zu dienen", das ist sein Sinn; darin liegt die gewünschte und die Gott gegenüber notwendige Wachheit. Natürlich ist es schön, sich in einem Gottesdienst, in der Eucharistiefeier, zu übersteigen; noch schöner ist es, wenn es der ganzen Gemeinde gelingt. Welche "Methoden" hier anzuwenden sind, bedarf sicherlich eines Nachdenkens. Aber dieses "Übersteigen" bleibt doch nur richtig, wenn das, was ich bin, nicht einfach untergeht. Es geht nicht darum, vom Göttlichen verschlungen zu werden; es geht vielmehr darum, zu Gott erhöht zu werden, als Mensch vollendet zu werden.

Wenn wir davon träumen sollten, das Ich, unser Personsein hinter uns zu lassen, zu verlassen, es kosmisch zu weiten, unser Ich allumfassend zu steigern oder rauschhaft abzuwerfen (worauf manche Jugendsekten und die Drogen-Ideologie, aber auch manche fernöstliche Meditationsformen zielen), so ist also etwas durchaus schon einmal Dagewesenes, etwas Altes wieder erwacht. Nicht nur der christliche "Instinkt", sondern auch die Theorie des Christentums muss sich - angesichts dieser wahrnehmbaren Trends - gegenwärtig, vor Augen halten, worum es da geht. Es geht darum, dass die Last der Existenz erlöschen soll, erlöschen will in der Lust der Nicht-Existenz. Das kann für den Christen nicht in Frage kommen. Der christliche Gottesdienst muss daher "hell" bleiben; er muss der Helle des Bewusstseins zugewandt sein, zugewandt bleiben. Der entscheidende, der tiefste Grund für dieses Zugewandtsein-Müssen zum Hellen und Klaren liegt in dem Gott, zu dem wir uns bekennen, dem wir dienen: Gott ist Licht, und keine Finsternis ist in ihm. Das Finstere, das Bewusstseinsfremde und Bewusstseinsfeindliche ist der Wirkort des Dämonischen.

Ich wollte einen Aspekt (unter vielen anderen) herausstellen, der m. E. für den christlichen Gottesdienst, für die Eucharistiefeier, für die Liturgie überhaupt wesentlich ist. Ich bin sicher, dass dieser (eine) Aspekt nicht nur interessant ist. Ich halte ihn für bedenkenswert - gerade angesichts mancher Entwicklungen und Vorstellungen, die sich heute auch im christlichen Bereich zu Wort melden.

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Sitte und Brauchtum als Träger christlicher Tradition

Vorbemerkungen

Als erste Vorbemerkung möchte ich Ihnen einen Text von Lothar Zenetti vortragen. Dieser Text ist zwar nicht ganz frei von Ironie; aber er ist m. E. ein guter Einstieg in unser Thema.

    Wechselhaft

    Vierzig Jahre war er
    nicht mehr in der Kirche gewesen.

    Was er jetzt schmerzlich dort
    vermisst vor allem
    sind Weihrauch und Wettersegen.

    Aber die Wechsler im Tempel
    haben neue Waren anzubieten.

    Statt Latein beispielsweise
    deutsches Dauergerede.
    An Stelle von Engeln Engagement,
    verbal, der solidarische Jesus.
    Mitmenschlichkeit, das kommt an!

    Gerade wechseln sie freilich
    die Theologie der Revolution
    wieder aus, hurtig,
    gegen die Theologie des Festes:
    Halleluja. Der heitere Jesus!

    Die Heiligen kommen wieder,
    heißt es. Na also!
    Manche sind fein raus:
    Die haben noch Weihrauch von früher.

Eine zweite Vorbemerkung: Es könnte jemand meinen, unser Thema entspringe dem krampfhaften Bemühen, einen neuen Trend nicht zu verpassen, der gekennzeichnet ist von einem Zug ins Nostalgische, von der Sehnsucht nach dem heilen Leben auf dem Land, von der Sympathie für Folklore und dergleichen. Wenn in unserem Thema von "Brauchtum" und "Sitte" die Rede ist, könnte man so denken. Zur Illustration: Vor einigen Sonntagen war ich in meiner Heimat zum Erntedankfest. Zur Gabenbereitung der Eucharistiefeier brachte die Weinkönigin des Ortes Brot und Wein zum Altar. Man ist versucht zu fragen: Ist das Folklore? Ist das Werbung für den Fremdenverkehr am ungeeigneten Ort? Ist ein derartiges "Brauchtum" überhaupt noch verstehbar vom Menschen heute?

Es ist, wie ich meine, schon lohnend, sich diesen Fragen zu stellen. Ich will es in drei Punkten tun. Erstens will ich einfach aus meiner Kindheit und Jugend erzählen, welches christliche Brauchtum bei uns (im Dorf, in meinem Elternhaus) selbstverständlich war. Zweitens will ich grundsätzlich einiges sagen zur christlichen Sitte und zu solchem Brauchtum: dass Sitte und Brauchtum Verleiblichungen des christlichen Glaubens darstellen, m. E. sogar notwendige Verleiblichungen sind. Drittens will ich auf die Gefährdetheit eines derartigen Brauchtums zu sprechen kommen bzw. darauf, was unsere Aufgabe heute sein könnte.

 

Christliches Brauchtum bei uns daheim

Das Familiengebet war bei uns eine Selbstverständlichkeit, auch vor und nach den Mahlzeiten. Als Kinder hatten wir dafür zu sorgen, dass immer Blumen vor dem Kreuz in der Stube standen, im Maimonat natürlich auch vor dem Bild Mariens. Zum Krautwischtag am 15. August hatten wir Kinder den Strauß mit Kräutern, Früchten und Ähren zusammenzusuchen und zur Segnung während der heiligen Messe mitzunehmen. Dieser Krautwisch hatte das Jahr über einen besonderen Platz im Hause. Das galt auch für die Buchsbaum-Zweige, die am Palmsonntag zum Gottesdienst mitgenommen wurden; am Nachmittag ging mein Vater, oft in unserer Begleitung von Feld zu Feld, von Weinberg zu Weinberg und steckte einen gesegneten Zweig in die Erde. Natürlich grüßte mein Vater die Wegkreuze, an denen wir vorbeikamen, indem er den Hut zog; und natürlich hielt er beim Pflügen an, wenn die Kirchenglocke um halb Zwölf den Angelus läutete. Dann gab es die vielen jährlichen Prozessionen: am Markustag, an den drei Bittagen vor Christi Himmelfahrt, am Fronleichnamsfest: alles Flur-Prozessionen, Zeichen der Überzeugung, dass an Gottes Segen alles gelegen ist. Und schließlich pilgerten wir jedes Jahr nach Klausen, einem Marienwallfahrtsort, vier Stunden hin und vier Stunden zurück.

Vielleicht werden Sie fragen: Was soll ein derartiger nostalgischer Rückblick in die Kindheit und Jugend? Diese Zeiten sind nun einmal endgültig vorbei! Und: sollen wir überhaupt traurig sein ob des Verlorenen? Kommt es für den Christen überhaupt auf dieses äußerliche Tun an? Ist Christsein nicht viel mehr eine Frage der Innerlichkeit, des Privaten, des Persönlichen? Wir sollen doch, wie Jesus sagt, im stillen Kämmerlein und nicht auf dem Marktplatz beten. Ich befürchte nur: wer nicht mit und vor anderen betet, der tut es auch nicht im Kämmerlein.

 

Christliches Brauchtum als Verleiblichung des Glaubens

Vor einem Jahr habe ich in diesem Kreis etwas gesagt über "Christliche Opferbereitschaft in unserer Konsumgesellschaft". Ich werde die grundsätzlichen Ausführungen von damals (die auf der philosophischen Anthropologie basieren) hier nochmals wiederholen, und zwar aus dem Grund, weil sie für unser Thema nicht nur irgendwie passen, sondern (wie mir schein) einfach den Schlüssel zur Lösung geben.

Der konkrete Mensch existiert "leibhaftig" - ein Sachverhalt, der zutiefst biblisch ist. Der Mensch kann sich durch keine noch so hochgeistige Reflexion von seiner Leiblichkeit distanzieren. Der Mensch "ist" Leib. Er "hat" nicht nur einen Leib. Alles Wirkliche des Menschen hat den Charakter der Leiblichkeit. Die "Seele", das Innerste des Menschen also, drückt sich in ihrem Selbstvollzug notwendig im Medium des Leiblichen aus. Der Leib ist daher nicht nur eine "Attrappe" oder gar ein "Versteck" für ein dahinter liegendes eigentliches Sein des Menschen. Der Leib ist vielmehr "Ausdrucksfeld" des Menschen, in dem und auf dem er sein eigenes Inneres und Selbst "ausdrückt" und "mitteilt". In diesem Sinn kann man von einer eigentlichen "Inkarnation" sprechen: der Geist (das Innerste des Menschen) wird Fleisch, nimmt eine leibhafte Gestalt an.

Daraus ergibt sich aber eine wichtige Einsicht. Alle unsere inneren Überzeugungen, jede innere Gesinnung wird sich - und zwar notwendig - ihre leibhaften Ausdrucksformen schaffen; wird sich - notwendig - "verleiblichen". Umgekehrt kann ich von den leibhaften Ausdrucksformen auf die innere Gesinnung schließen. Um diesen Sachverhalt an Beispielen zu verdeutlichen, was also mit "Verleiblichung" gemeint ist: Weinen und Lachen z. B. drücken die innere Stimmung eines Menschen aus: Trauer und Freude. Man nennt ein solches Tun eine "Ausdruckshandlung". Auch das Spiel ist eine derartige "Ausdruckshandlung". Ein Kind z. B. "spielt sich selbst"; es bringt sich selbst zur Darstellung (übrigens gilt das auch für die Erwachsenen!); beim Spiel erkenne ich sein Wesen. Die Liebe zweier Menschen "äußert sich", d. h. sie verleiblicht sich in äußere, erkennbare Zeichen der Liebe, in einen "Ausdruck" der Zuneigung. Sie ist keine reine Angelegenheit des "Oberstübchens".

Dies gilt nun auch für die christlichen Grundhaltungen. Der Glaube, die Hoffnung, die Liebe (als die Grundvollzüge des Christseins) verleiblichen sich - und zwar notwendig - in die Sichtbarkeit und Greifbarkeit hinein. Der christliche Glaube z. B. (das zeigen uns die paulinischen Briefe) verleiblicht sich in das "Bekenntnis" vor der Gemeinschaft der Glaubenden; die Taufe symbolisiert in äußeren Zeichen, in einer "Zeichenhandlung", die Bekehrung, die kopernikanische Wende des Lebens weg vom Nur-Eigenen, weg vom Nur-Menschlichen hin zum lebendigen Gott - was sich nachher noch weiter entfaltet, entwickelt hinein in das Tun; in unserem Fall: in einen bestimmten Entwurf des Lebens, in einen neuen Lebensweg. Das äußere Tun ist also "Ausdrucksgestalt" der inneren Gesinnung; sie ist "Probe aufs Exempel": ob es überhaupt eine innere Gesinnung gibt. Wo sich keine Verleiblichungen feststellen lassen von behaupteten inneren Haltungen, da fehlt - das klingt hart und anmaßend - die innere Gesinnung. Wo es keine leibhaften Vollzüge von Glaube, Hoffnung und Liebe gibt, da fehlen diese christlichen Grundeinstellungen.

Bevor ich von hier die Verbindungslinie ziehe zum christlichen Brauchtum, will ich noch auf eine wichtige Konsequenz hinweisen, die sich aus der "Leibhaftigkeit" des Menschen ergibt. Alle inneren Einstellungen und Überzeugungen leben von der je neuen Übung und Betätigung, also von einer Regelmäßigkeit. Die Liebe, die Freundschaft will gepflegt werden; sonst sterben sie ab. Wo der Glaube nicht je neu geübt, vollzogen wird (als ständig neue "Bekehrung"), da geht er peu à peu flöten. Dieses Gesetz der Wiederholung, das ständig Einüben gehört zu unserem Dasein als Menschen hinzu. Übrigens lebt jede vernünftige Erziehung von diesem Gesetz her: vom Gesetz der Einübung, der Gewöhnung. Es gibt einen falsch verstandenen "Personalismus", der meint, all unser Tun müsste voll personal eingeholt sein. Das wäre eine totale Überforderung des konkreten Menschen. Das hat also mit Dressur oder mit Geistlosigkeit absolut nichts zu tun. Die sich dagegen auflehnen, haben nicht begriffen, was Menschsein bedeutet: Alles Können wird durch ständige Einübung erworben.

Von diesen Einsichten in das leibhafte Wesen des Menschen können wir nun Sitte und Brauchtum im christlichen Bereich tiefer verstehen und ihre innere Sinnhaftigkeit, ja Notwendigkeit erkennen, wenigstens ahnen. Der christliche Glaube wird, falls er überhaupt vorhanden ist, die ganze Existenz des Menschen zu durchdringen suchen. Mein alltägliches Leben ist nicht getrennt von meinem Christsein. In das alltägliche Leben hinein wird sich das Christsein verleiblichen. Christliches Brauchtum hat also nicht nur die Funktion, uns zu entlasten (was übrigens nicht gering einzuschätzen ist), sondern in ihm zeigt sich, soll sich zeigen das innere Fühlen und Denken des Glaubenden.

Nun gibt es vielerlei leibhafte Formen und Übungen des Christseins, die sehr individuell verschieden, auf den einzelnen oder auf Gemeinschaft bezogen sein können, z. B. das Beten. Viele Formen und Übungen sind auch von einer großen Beliebigkeit, also nicht festgelegt und ins eigene Ermessen gestellt (z. B. Lieblingsgebete oder -lieder). Es gibt jedoch andere leibhafte Formen des Christseins, denen eine gewisse "Unbeliebigkeit" eigen ist, die also nicht dem persönlichen Gutdünken und Geschmack überlassen sind. Zu diesen nicht beliebigen, vorgegebenen Formen gehören - jedenfalls nach Auffassung der großen christlichen Konfessionen - die Sakramente, aber auch z. B. aus dem ethischen Bereich die Zehn Gebote. Von den Sakramenten sagen wir, sie seien deshalb in ihrem Kern nicht änderbar, weil sie von Christus selbst eingesetzte Zeichen sind. Die äußeren Riten sind dabei weitgehend wandelbar, z. B. was die Taufe betrifft (ob eine Taufkerze vorhanden ist, ein Taufkleid u. ä. ist nicht wesentlich). Nach katholischer Auffassung ist z. B. der Ablauf der Eucharistiefeier änderbar, nicht jedoch grundsätzlich die Feier der Danksagung für Erlösung; sie ist vielmehr in ihrem Kern der von Christus selbst gewollte zentrale und tiefste Vollzug des christlichen Glaubens, mit dem kein anderer Glaubensvollzug vergleichbar ist. Wo man diese unbeliebigen, vorgegebenen Formen und Verhaltensweisen der Beliebigkeit preisgeben würde, wo man die Gültigkeit von biblisch grundgelegten ethischen Normen bestreiten würde, wo man die beliebigen Formen z. B. des christlichen Brauchtums auf ein Minimum reduzieren würde, da hätte das Konsequenzen für den Glauben selbst und für den Glaubenden. Es träte nicht nur nach außen eine Verarmung ein; der Glaube selbst stände auf dem Spiel. Damit stehen wir beim dritten Punkt.

 

Die Gefährdetheit des christlichen Brauchtums
und die Aufgabe des Christen heute

Ein Blick in unsere Umwelt und in die christlichen Kirchen genügt um zu wissen, wie gefährdet christliche Sitte und christliches Brauchtum sind. Vom christlichen Brauchtum stehen bei uns allenfalls oft nur noch die "Außenmauern"; und was die christlichen Verhaltensweisen betrifft, so beziehen doch auch die Christen heute die Muster ihres Verhaltens weitgehend aus dem nicht-kirchlichen, ja aus dem nicht-christlichen Bereich. Was die Verhaltensweisen angeht, so haben wir - so scheint es - weitgehend die Allgemeinverbindlichkeit von Normen aufgegeben und die Leute an ihr eigenes Gewissen oder auch an das durchschnittliche Verhalten der Zeitgenossen verwiesen. Nun ist das Gewissen jedoch kein persönliches Orakel, das unabhängig von objektiven Gegebenheiten urteilt; und die statistische bzw. demokratische Festlegung von Normen ist eine höchst bedenkliche Angelegenheit. Wir müssen wieder den Mut haben zu klaren Werturteilen: Das ist sittlich gerechtfertigt - Jenes ist für den Christen unannehmbar! Solche Werturteile bedeuten in keiner Weise, dass über andere der Stab gebrochen wird. Aber vom Evangelium her können wir nicht umhin, an bestimmten Wertvorstellungen festzuhalten - nehmen Sie nur die christlichen Wertungen bezüglich des menschlichen Lebens. Ich finde es unerträglich, ja würdelos, dass wir uns oft dem bequemen allgemeinen Trend anschließen - vielleicht sogar aus dem Bemühen, nur ja nicht den Anschluss an die heutige Zeit zu verlieren. Das bedeutet in keiner Weise, dass man kritiklos alles schluckt. Wenn ich mich an eine kirchliche, an eine christliche Wertung halte, dann kann ich das auch nicht unreflektiert tun, sondern habe mein Tun auch vor meinem Verstand und vor meinem eigenen Gewissen zu verantworten.

Was das christliche Brauchtum betrifft, so ist doch in den vergangenen Jahren ein Kahlschlag vorgenommen worden, der barbarisch und banausenhaft zugleich ist. Gewiss hat es oft nur noch Fassaden gegeben. Das ist jedoch noch längst kein Grund, "den Bagger zu bestellen", wenn manches Brauchtum "frag-würdig" geworden ist. Wir können natürlich viele Formen nicht mehr beibehalten; wir müssen sie vielleicht ändern. Aber wir können nicht einfach die Anliegen unserer Vorfahren, die vielen christlichen Bräuchen zugrunde liegen, ignorieren. Die Frage ist vielmehr: Wie können wir diese Anliegen in einer veränderten Welt, unter veränderten Bedingungen, in anderer Form weiterführen. Sind wir jedoch als Christen noch in der Lage und bereit, haben wir noch die Kraft dazu? Können wir noch neue Formen unseres Glaubens entwickeln? Ist die Kraft dazu etwa geschwunden?

Ich möchte meine Ausführungen schließen mit einem Text von Lothar Zenetti:

    Wie kriegen wir
    so helft uns doch
    die lieben Leutchen
    sonntagmorgens
    aus den Betten
    aus dem Häuschen
    und gemeinsam
    in die Kirche?

    Selbst Tischtennis
    mit doppeltem
    Salto des Pfarrers
    von der Kanzel und
    anschließendem
    Frühschoppen mit Freibier
    kommt nicht mehr an.

    In der progressiven
    Gemeinde nebenan
    versuchen sie's jetzt
    mal mit Weihrauch
    und einem gewissen
    Jesus oder so ähnlich
    aus dem nahen Osten.

Wir sollten den Mut haben, fraglos und ohne Minderwertigkeitsgefühle unser Christsein zu leben. Das geht sicher auch ohne Weihrauch, aber nie ohne Jesus. Unser Glaube an ihn als unser Heil, als den Christus, als den Sohn Gottes wird sich freilich zeigen müssen; wird sich seine vielleicht neuen Ausdrucksformen suchen und schaffen. Wenn derartige Formen unseres Glaubens fehlen, da ist dieser Glaube tot, gestorben.

***