Geistliche Vorträge

Die Mitte wiederfinden Die Ämter in der Kirche Über das Unbehagen in der Kirche
Was macht den Christen aus? Kirchliche Jugendarbeit Unsere Liebe zu Jesus Christus

 

 

Die Mitte wiederfinden
(September 1997)

Ich kann mich nicht erinnern, mich jemals so hilflos gefühlt zu haben wie vor der großen Verkehrstafel auf einem Vorstadtbahnhof von Tokyo, von dem aus ich zur Sophia-Universität fahren wollte. Man hatte mir zwar acht Tage zuvor genau erklärt, welche Bahnen ich vom Flughafen aus benützen müsse. Aber vor dieser Tafel war alles vergessen. Mich schauten nur nicht entzifferbare Schriftzeichen und Farblinien an. Erst ein freundlicher Japaner half mir, die richtige Bahnlinie zu entdecken und den entsprechenden Bahnsteig zu finden. Jedenfalls: vor dieser Verkehrstafel kam ich mir vor wie ein Analphabet. Eine Bestätigung für die Richtigkeit dieses Gefühls, ein Analphabet zu sein, fand ich im Brockhaus-Lexikon: Leute, die z. B. Straßenschilder, Fahrpläne oder Autokarten nicht lesen bzw. nicht verstehen können, werden als "funktionale Analphabeten" bezeichnet; denn sie können ja wichtig Zeichen und Erklärungen für das tägliche Leben nicht lesen und deuten.

Können wir noch die "Zeichen" und "Signale" und "Botschaften", die Gott uns gibt, von denen wir in der heiligen Schrift, in den Evangelien, in der Liturgie hören, noch "wahrnehmen", sie gar verstehen und deuten - nicht nur für uns selbst, sondern auch für die uns anvertrauen Menschen? Sind wir im oben genannten Sinn nicht auch "funktionale Analphabeten" geworden, weil wir nur noch auf Ausschnitte der Wirklichkeit fixiert sind; weil uns vor allem die Welt Gottes und seine Gedanken, weil uns die Mitte der christlichen Botschaft fremd geworden ist; weil wir nur noch "Funktionäre" sind, aber nicht mehr "Zeichen-Deuter" - wie Abraham, wie Mose, wie die Propheten, wie die Hirten von Bethlehem und die Weisen aus dem Morgenland, wie die Jünger, die nicht nur die Wetter-Zeichen zu deuten wussten, sondern auch die Zeichen des Kommens und Wirkens Gottes, die Zeichen seiner Gegenwart, die so leicht zu übersehen, die so leicht umzudeuten sind?

Wenn z. B. wahr ist, dass "die Stimme der Zeit die Stimme Gottes" ist (so lautete der Wahlspruch eines großen deutschen Bischofs), dann ist es die immer neue Aufgabe des Christen, erst recht des Theologen und Priesters, diese "Stimme der Zeit" zur Kenntnis zu nehmen und Gottes Anruf in ihr zu entdecken, zu entschlüsseln, zu deuten - für die Menschen, die heute leben und zu uns kommen und fragen.

Ein Trend der Zeit, der wahrgenommen und gedeutet werden muss, der gerade viele Ältere irritiert, ist der Verfall der traditionellen Werte, die scheinbare Auflösung aller überkommenen Werte, Überzeugungen und Institutionen. Was die glaubenden Menschen vor allem betrübt, ist der Auszug vieler, aber gerade der jungen Generation aus der Kirche - alle Erhebungen belegen das! Und jeder von uns kann ein Lied davon singen. Soziologen bezeichnen diese neue Generation als "Kinder der Freiheit", die allen Institutionen gegenüber skeptisch sind; die ihnen den Rücken kehren - ob das die politischen Parteien und Gewerkschaften sind oder die Volkskirchen; die allen Festlegungen aus dem Wege zu gehen scheinen. Als Idealbild scheint der "Vomosi" angesehen zu werden - der "vollmobile Single". Doch sollten wir auch bedenken, dass diese junge Generation mit völlig neuartigen, mit andersartigen Problemen konfrontiert ist. In Klammern: Was das nicht auch der Fall, als wir jung waren? Als die Nazis herrschten? Als das Wirtschaftswunder den praktizierten Materialismus groß machte?

Ein Merkmal der "Kinder der Freiheit" (abgesehen von den schon genannten) ist - so die Soziologen - das Bemühen, die Sehnsucht nach Selbstbestimmung und nach Selbsterfüllung, also die Sehnsucht nach dem persönlichen Glück in Einklang zu bringen mit der genauso wichtigen Sehnsucht nach Gemeinsamkeit und Gemeinschaft. Ulrich Beck schreibt in seiner Einleitung: "Die Kinder der Freiheit praktizieren eine suchende, eine versuchende Moral, die verbindet, was sich auszuschließen scheint: Selbstverwirklichung und Dasein für andere, Selbstverwirklichung als Dasein für andere... Führt man (die vorherrschenden Grundannahmen der öffentlichen Debatte) zusammen - die Gleichsetzung von Mitgliedschaft in Parteien, Gewerkschaften, Vereinen (und Kirchen) mit Engagement, die Prinzipien der Selbstlosigkeit und... das Bild des heldischen Nur-Helfers - , dann hat man (sicher unzulässig vergröbert) das Abschreckungsbild, das die Kinder der Freiheit zur Flucht aus den Organisationen nötigt."

Die Konsequenz, die Ulrich Beck zieht, ist die: "Im Kern haben wir es nicht mit einem Werte-Verfall, sondern mit einem Werte-Konflikt zu tun... Das, was als Werteverfall verteufelt wird, erzeugt Orientierungen und Voraussetzungen, welche diese Gesellschaft - wenn überhaupt - in die Lage versetzen könnten, die Zukunft zu meistern." Ich denke, hier läge auch für die Kirchen eine Chance, diese neuen Ansätze wahrzunehmen und aufzugreifen - und zwar von der Mitte unseres christlichen Glaubens. Ist aber nicht gerade diese Mitte verdunkelt, in unserer Seelsorge zu kurz gekommen?

Um die Zukunft zu meistern, um den Anruf Gottes aus den Zeichen der Zeit zu vernehmen, müssen einige "Schieflagen" erkannt und korrigiert werden. Ich nenne (im Anschluss an Eugen Biser) als erste Schieflage, dass viel zu lange versucht wurde, das Glücks- und Heilsverlangen der Menschen durch Angstmotive zu stimulieren. Aber: "Furcht ist nicht in der Liebe!" Der Gott Jesu Christi erwartet nicht den sich ihm voller Sündenangst in die Arme werfenden Menschen, sondern den durch die Erinnerung an seine Liebe zur Heimkehr bewogenen - wie es im Gleichnis vom verlorenen Sohn zum Ausdruck kommt. Eine zweite noch bedenklichere Schieflage äußert sich in einer merkwürdigen Wiederaufnahme der sogenannten Satisfaktionstheorie. Gestützt auf ein pessimistisches Menschenbild, sieht sie in Jesus den mit der Menschenschuld beladenen und sühnenden Versöhner. Verstärkt wird diese Sicht noch dadurch, dass der Opfergedanke als die eigentliche Mitte der christlichen Religion hingestellt wird. Das dahinterstehende Menschenbild ist das Bild des Menschen, der zur Sünde in ihrer aggressiv-zerstörerischen Form hinneigt - zur Sünde, die nach einer entsprechenden Sühne ruft und diese im geopferten Menschensohn findet. Diese Vorstellung entspricht jedoch in keiner Weise dem Gott, den Jesus verkündet hat als die bedingungslose Liebe: Gott hat uns geliebt, als wir noch Sünder waren. Der Gott Jesu Christi ist nicht der unnachsichtige Ahnder selbst von geringen Abweichungen von der Glaubens- und Sittennorm; der Gott Jesu Christi ist keine rachsüchtige Bestie; er ist nicht der große Polizist, der irgendwann einmal jeden noch so kleinen Übeltäter kriegt.

Zu den verhängnisvollen Konsequenzen dieser schiefen Auffassungen nenne ich zwei: Einmal diese: das Christentum ist keine asketische Religion; im Vordergrund stehen nicht die asketischen Spitzenleistungen des Menschen. Die Wurzeln dieser Auffassung liegen nicht im christlichen Mutterboden. Eugen Biser formuliert es so: Jesus liegen "Askese und Ekstase gleichermaßen fern". Ein Zweites: Das Christentum ist nicht eine moralische Religion - vor allem auf Kant ist diese Charakterisierung des Christentums zurückzuführen. Als warnendes Indiz dafür, dass diese Charakterisierung passé ist, sollte für uns der unübersehbare Schwund des Sünden- und Schuldbewusstseins heute sein. "In mir ist nichts, was erlöst werden müsste." (Friedrich Nietzsche)

Um diese Schieflagen und die daraus sich ergebenden unheilvollen Konsequenzen zu vermeiden, wäre es m. E. notwendig, dass die Mitte wiedergefunden wird. In einer Gesellschaft, deren Sünden- und Schuldbewusstsein geschwunden ist, deren Antenne für Transzendenz kaum noch vorhanden ist, ist das in der Tat sehr schwer. Auf keinen Fall darf man jedoch in der Verkündigung auf die Peripherie ausweichen, auf die Dinge am Rande, auf das Moralisieren. Liegt nicht hier der eigentliche Grund dafür, warum die unausrottbare Sehnsucht gerade auch der jungen Generation nach Glück und Geborgenheit, nach einem Sinn des Lebens aus der Kirche "auswandert"? Und die Mitte unseres Glaubens und darum auch der Verkündigung ist nun einmal Jesus Christus und seine Botschaft vom liebenden Vater im Himmel. Blaise Pascal hat es so formuliert: "Nicht nur Gott kennen wir allein durch Jesus Christus; auch uns selbst kennen wir nur durch Jesus Christus; Leben und Tod kennen wir allein durch Jesus Christus. Ohne Jesus Christus wissen wir weder, was unser Leben, noch was unser Tod, noch was Gott ist, noch was wir selber sind."

Wenn wir - als Priester, als im pastoralen Dienst Tätige - den Menschen Jesus Christus und seine Botschaft vorenthalten, dann versagen wir im entscheidenden Punkt. Und die zentrale Botschaft Jesu und damit des Christen ist die, dass Gott der gute, der liebende Vater ist. Der tiefste Ausdruck dieser Liebe zu uns ist das Kreuz, besser: der gekreuzigte Jesus. Er ist das unübersehbare, das unüberbietbare Zeichen der Liebe Gottes zu uns bis zum letzten; und dieser Gott, der unser Vater ist, liebt jeden Menschen; er liebt jeden von uns; und dieser Gott liebt uns nicht, weil wir gut sind, sondern weil er gut ist; und er liebt nicht auf Zeit; er liebt auf die Weise der Ewigkeit. Und genau danach sehnen wir uns: geborgen zu sein in einer unvergänglichen, in einer ewigen Liebe. Danach sehnen wir uns; danach sehnen sich auch die "Kinder der Freiheit". Der Gott Jesu Christi ist "Licht", und die "Finsternis" des Angst- und Schreckenerregenden ist nicht in ihm: "Furcht ist nicht in der Liebe." Der Gott Jesu Christi ist - wie Paulus an die Korinther schreibt - "der Vater des Erbarmens und der Gott allen Trostes" (2. Kor. 1, 2); und Paulus begrüßt die Heilszeit mit dem Wort: "Jetzt ist sie da, die Zeit des Heils; jetzt ist er da, der Tag der Gnade." (2. Kor. 6, 2) Buchstabieren wir, lesen, deuten und erklären wir den Menschen heute diese Botschaft? Oder ist sie gar für uns selbst unentzifferbar geworden? Sind wir dieser Botschaft gegenüber gar zu "funktionalen Analphabeten" geworden?

Zur Aufschließung, zur Entschlüsselung dieser zentralen christlichen Botschaft gehört aber noch ein wichtiger Punkt, ohne den diese Botschaft unverständlich, tot bliebe. Es ist die Übersetzung in die Sprache des Lebens, des täglichen Lebens. Nicht die funktionierenden kirchlichen Strukturen garantieren das, sondern im letzten nur das persönliche Bemühen und das persönliche Zeugnis der Christen; insbesondere das lebendige Zeugnis derer, die im pastoralen Dienst tätig sind. Ludwig Wittgenstein spricht einmal davon, dass jedes Sprachspiel in einer bestimmten Lebensform gründe; die Lebensform sei ein sprachverstärkendes Zeichen. Das gilt ohne Abstriche auch von unserer priesterlichen und christlichen Existenz. "Lebensform" aber kann doch für uns nur bedeuten: den Herrn kennen; aus dem "Sein-mit-ihm" leben, im "Sein-bei-ihm" den Ort des eigenen Lebens zu finden. Mit anderen Worten: Ein persönliches geistliches Leben ist für uns unabdingbar, wollen wir nicht in einer "spirituellen Armut" verkümmern, verkommen. Einer der entscheidenden Bestandteile dieses geistlichen Lebens, der Kommunikation mit Gott, mit Jesus Christus, ist das Gebet. Die verstehbare Antwort auf die liebende Zuwendung Gottes ist der Dank des Lebens, ist die Danksagung, ist die Feier der Danksagung für Gottes Güte und Liebe. Wenn in der Eucharistiefeier etwas anderes in den Mittelpunkt gerückt würde, dann wäre dies ein Missbrauch. Und wenn wir uns nicht selbst von Gottes Liebe und Güte durchdringen lassen, dann wird auch unser Reden davon nicht mehr verstanden.

 

 

Die Ämter in der Kirche
(Februar 1998)

Bei einem solchen Thema, das so kontrovers diskutiert wird, und bei dem so viele Emotionen im Spiel sind, sehen nicht nur "die da oben" in der Kirche ziemlich "betröppelt" aus, sondern auch "die da unten". Und nur derjenige kann an dieser Situation Freude empfinden, der Gefallen daran hat, wenn andere in Verlegenheit geraten, wenn "Schuldige" vorgeführt werden. Doch hat eine solche Einstellung mehr mit dem zu tun, was die Psychologen "Sadismus" nennen. Als Rekollektionen-Pater bin ich in dieser Situation und bei dieser Diskussion auch kaum direkt betroffen. Doch kann ich nicht die Augen verschließen. Allerdings bin ich auch nicht in der Lage, die offensichtlich vorhandenen Probleme zu lösen.

Zunächst fällt mir auf, wie die Diskussions-Teilnehmer offensichtlich fixiert sind auf die ausgeübten "Funktionen": des Priesters, der Laien im pastoralen Dienst. Wer den priesterlichen, wer den pastoralen Dienst auf die ausgeübten "Funktionen" reduziert (damit aber auf Effektivität und Nutzwert!), der beraubt m. E. diese "Dienste" ihrer "Seele". Bei einer solchen "Trennung" (von "Seele" und "Leib") tritt bekanntlich der Tod ein. Das Berufsbild des Priesters, das Berufsbild derer, die im pastoralen Dienst stehen, muss doch ein anderes Fundament haben. Das Auseinanderfallen von "Funktion" und "Sein" ist katastrophal, erst recht die Überbewertung der Funktionen gegenüber dem "Sein", in dem die Funktionen gründen müssen. Ich erinnere hier an das bekannte Axiom, dass jegliches Handeln in einem Sein gründe ("agere sequitur esse"). Vor einigen Wochen haben wir in unserer Kommunität mit unserem Novizenmeister über den Ordensnachwuchs gesprochen: wie wir junge Leute für den Orden gewinnen können. Ich habe im Gespräch gesagt: Wir reden zuviel von den Arbeiten, die wir als Jesuiten verrichten können; wir reden zu wenig von unserem Sein als Ordensleute. Wir beziehen doch nicht von den Arbeiten, die wir verrichten, unsere "Identität"; wir beziehen sie auch nicht von den Funktionen, die wir ausüben; schon gar nicht von der Effektivität oder dem vorweisbaren Erfolg unserer Arbeiten. Unsere Arbeiten und unsere Funktionen gründen doch in einer Lebensform, in einer religiös bestimmten Lebensform. Das gilt - so meine ich - ohne Abstriche auch für den Priester, das gilt auch für alle, die im pastoralen Dienst stehen. Die "Diastase" zwischen religiös bestimmter Lebensform und der ausgeübten Funktion ist auf Dauer tödlich. Die "Allmacht" der Funktion, die "Allmacht" des Funktions-Denkens, zerstört die religiöse Lebensform. Ob wir nicht jetzt ernten, was wir zu lange gesät haben? Haben wir nicht der Effektivität und dem vorweisbaren Erfolg den Vorrang eingeräumt?

Mit dieser Fixierung auf die Funktionen im pastoralen Dienst steht ein anderer Punkt in enger Verbindung. Man hat den Eindruck, es ginge letztlich um die "Macht" in der Kirche: den einen, die sich an ihre überkommenen Machtpositionen klammern, den anderen, die das Sagen haben wollen, die den entscheidenden Einfluss bekommen möchten. Alles natürlich im Namen Jesu und für eine bessere Kirche! Es kann doch aber nicht darum gehen, wer befiehlt und wer kommandiert, und wer wem zu parieren hat. Es geht doch darum (so meint es jedenfalls der hl. Paulus), dass Christus verkündet wird als das Heil der Welt und als das Heil unseres eigenen Lebens - und zwar von jedem Christen gemäss seinen Fähigkeiten und Aufgaben im Ganzen der Glaubensgemeinschaft. Eine fatale Folge dieses Machtdenkens (um nicht zu sagen: der "Machtergreifung") ist auch die Fixierung auf unsere Binnen-Probleme (in Deutschland), von denen wir meinen, die anderen Menschen in der Welt und in der Kirche hätten gefälligst diese Probleme auch zu haben. Dass Kirche eine weltweite Sendung und Verantwortung hat (und zwar nicht nur und in erster Linie im Sinne eines sozial-karitativen Engagements), das wird doch kaum noch realisiert. Der eigentliche Missions-Gedanke ist doch gestorben - m. E. ein genaues Indiz unserer ganzen Misere. Wenn ich selber die Prioritäten nicht mehr kenne ("Dass Christus verkündet wird!"), dann brauche ich auch keine Mission mehr.

Ein anderer Eindruck, den ich habe, ist der: Ich stelle fest eine weitgehende Absenz dessen, was man mit "Spiritualität" bezeichnet. In Klammern: Dafür hält man sich sinnigerweise einen Spiritual am Priesterseminar und auch einen Rekollektionen-Pater - die sind für die Sparte "Spiritualität" zuständig und verantwortlich! Das persönliche geistliche Leben (mit Gebet, Meditation, gemeinsamem geistlichen und geistigen Tun) ist das Fundament jeder priesterlichen und pastoralen Existenz. Diese Aufgabe ist nicht auf andere abwälzbar. Das "Sprachspiel" des Glaubens, das "Sprachspiel" der Verkündigung der Heilsbotschaft (um einen Begriff von Ludwig Wittgenstein zu verwenden) bedarf, um verstanden zu werden, einer existentiell geübten Lebensform. In den Tagebüchern von Wittgenstein findet sich folgende Eintragung: "Eine religiöse Frage ist entweder eine Lebensfrage oder sie ist (leeres) Geschwätz. Dieses Sprachspiel - könnte man sagen - wird nur mit Lebensfragen gespielt... Wenn eine ewige Seligkeit nicht für mein Leben, für meine Lebensweise etwas bedeutet, dann habe ich mir über sie nicht den Kopf zu zerbrechen. Kann ich mit Recht darüber denken, so muss, was ich denke, in genauer Beziehung zu meinem Leben stehen; sonst ist, was ich denke, Quatsch oder mein Leben ist in Gefahr." Ohne gelebte Spiritualität ist pastoraler Dienst tot. Das sieht man unserem Gesicht an: Wie hältst du es mit deinem persönlichen geistlichen Leben? So jedenfalls könnte man die berühmte "Gretchen-Frage" variieren. Das persönliche geistliche Leben ist kein Luxus, der fehlen kann. Er ist die "eiserne Ration" für den, der im pastoralen Dienst stehen möchte.

Ein weiterer Eindruck, den ich in der Vergangenheit (nicht nur in Hannover) erhalten habe, ist der der Bitterkeit, der Resignation und des Vertrauensverlustes in der Kirche und gegenüber der Kirche. Das hat zur Folge eine Vereinzelung, ja eine Entsolidarisierung gerade auch derer, die im pastoralen Dienst stehen. Albert Görres hat das einmal pointiert so formuliert: "Viele katholische Christen und Theologen stehen nur noch mit einem Fuß im Glauben der Kirche, fast ohne es zu merken; mit dem anderen in einem privaten, selbstgemachten Glauben, in dem sie schließlich Haupt und einziges Mitglied ihrer eigenen Sekte sind." Es ist m. E. zunächst wichtig, ja unabdingbar, diese Bitterkeit, diese Unzufriedenheit und das gegenseitige Misstrauen zur Kenntnis zu nehmen, und zwar im eigenen Leben. Bei der Überwindung ist für den Priester, ist für alle im pastoralen Dienst Stehenden eine Frage und die entsprechende Antwort entscheidend - so meint jedenfalls Albert Görres. Er formuliert diese Frage im Anschluss an Ignatius von Loyola: "an vivat contentus in ecclesia = Leben Sie zufrieden mit und in der Kirche?" Es ist die Frage nach dem eigenen religiösen Leben; die Frage nach der persönlichen Askese - Askese verstanden als die Summe der Bemühungen, die darin bestehen, sich in allen wichtigen Dingen an den Willen Gottes zu halten, also nach "Vollkommenheit" zu streben (wie es etwas altmodisch heißt). Das bedeutet immer auch, mit Großmut alle Unbilden zu ertragen, die mit diesem Bemühen, den Willen Gottes zu tun, verbunden sind. Konkret heißt das in der Regel, sich von der Diktatur des "Lustprinzips" zu befreien. Das ist die Aufgabe der Erziehung, der Selbsterziehung; das ist der Sinn aller Askese.

Hier ist eine Anmerkung notwendig. Die Befreiung von der "Diktatur des Lustprinzips" besagt: der Mensch ist weitgehend reizgesteuert. Im Unterschied zum Tier kann der Mensch jedoch lernen, zwischen Reiz und Reaktion, auch zwischen Reiz und erlernter Reaktion einen "Zwischenraum" einzulegen. Die Erziehung bzw. die Selbsterziehung und die Askese sind die Kultivierung dieses "Zwischenraumes"; sie sind die Befreiung von der Zwangsläufigkeit der angeborenen und erworbenen Reflexe.

Albert Görres fasst seine Ausführungen über die Askese in drei Thesen zusammen: 1) Der Zugang zur Askese ist schwer, er ist nicht selten unmöglich für Menschen, die erbittert, zornig und verbittert sind. Viele Menschen in der Kirche sind unversöhnt - nicht immer aus eigener Schuld. 2) Erbitterung zerfrisst jedes Vertrauen; Misstrauen zerstört jegliches Verstehen; Unverständnis zerstört das "Fühlen mit der Kirche"; der Verlust dieses "Fühlens mit der Kirche" zerstört auf Dauer den Glauben, beeinträchtigt in jedem Fall seine Fülle. 3) Der erste Schritt einer hier und jetzt notwendigen Askese in der Kirche und jedes einzelnen in ihr muss die Entgiftung und die Ent-Bitterung sein. Darum ist die grundlegende asketische Übung die Rückkehr in einen unverbitterten und vollständigen Glauben. Das Moment der Entbehrung und des Verzichtes in dieser Übung ist allerdings der schwerste Verzicht, den es überhaupt gibt, nämlich der (begrenzte) Verzicht auf das eigene souveräne Urteil in Glaubensdingen. Nur wo diese "Glaubens-Askese" in einem Versuch, wirklich zu verstehen, was die Kirche meint und glaubt, eingeübt wird, hat auch die Einzelaskese ihren Sinn und ihren Ort. Soweit Albert Görres! Sie merken hoffentlich: die Absenz dieses so wichtigen Gesichtspunktes in der heutigen Diskussion in der Kirche und angesichts des Unbehagens in der Kirche ist eklatant.

Ein Desiderat für die Zukunft der Kirche (nicht nur in Deutschland) ist das Herausbilden einer "vita communis" aller im pastoralen Dienst Tätigen - und zwar angesichts einer wachsenden Vereinzelung, Atomisierung und Entsolidarisierung. Gefordert ist die Wiederentdeckung verlorener und die Findung neuer Formen des geistigen und geistlichen Miteinanders. Das bedeutet allerdings die Aufgabe der individuellen Beliebigkeit und Formlosigkeit in punkto Askese und Spiritualität. Eine geistige und geistliche "Lebensgemeinschaft" ist in Zukunft also unabdingbar. Das braucht in keiner Weise die Beheimatung in einer konkreten Gemeinde zu hindern. Die Frage ist: Sind wir noch fähig und bereit zu einer solchen "vita communis" und zur Entwicklung neuer Formen des geistigen und geistlichen Miteinanders; des innerlichen Austauschs und nicht nur eines unverbindlichen Geredes, das das Eigentliche ausklammert?

Notwendig ist die Entlastung der im pastoralen Dienst Tätigen von Verwaltungsaufgaben - auch im Sinne eines Abgebens von Verantwortung und Zuständigkeiten. Ich bin mir aber bewusst: Wer gibt gerne diese "Macht" aus den Händen? Aber ohne einen Machtverzicht geht es in Zukunft nicht mehr. Und wenn wir es nicht selbst und von selbst tun, dann wird der liebe Gott schon auf seine Weise dafür sorgen; er wird uns manches aus den Händen nehmen. Ich meine, er hätte damit schon begonnen.

Die Eucharistiefeier wird ihren hohen Stellenwert selbstverständlich behalten. Wir müssen aber auch ernst machen damit, dass die Eucharistiefeier nicht "de necessitate salutis", also nicht "heilsnotwendig" ist. Der Glaube ist heilsnotwendig. Dann dürfen und müssen jedoch neue gottesdienstliche Formen gefunden werden, gemeinschaftliche und private, denen nicht nur die Hauptamtlichen vorstehen können. Und bei diesen Gottesdiensten kann auch nicht die Kommunion im Mittelpunkt stehen; sonst würde der Empfang der Kommunion ja zu einem magischen Tun degradiert werden. Die Übung des Glaubens hat im Zentrum zu stehen.

Eine letzte Bemerkung: Wir brauchen den langen Atem. Der Prozess der Anpassung an die neue Situation (hervorgerufen durch den Priestermangel, durch die fehlenden finanziellen Mittel und die Erosion der Pfarrgemeinden durch Austritte etc.) braucht seine Zeit. Was bei dem Anpassungsprozess herauskommt, das werden wir vielleicht selbst nicht mehr erleben. Was wir heute tun können und müssen: Wir dürfen diesen Prozess nicht erschweren oder gar verhindern, weil wir vielleicht fürchten, unsere Privilegien zu verlieren; unseren Kopf anstrengen zu müssen; neue Wege zu suchen. Wenn wahr ist, dass die "Stimme der Zeit die Stimme Gottes" ist, dann brauchen wir jedenfalls keine Angst vor der Zukunft der Kirche zu haben. Wir sind nämlich nicht die Herren der Kirche; Herr der Kirche ist immer noch Jesus Christus.

 

 

Über das Unbehagen in der Kirche
(Oktober 1998)

Warum finden wir - Priester und Laien - heute so wenig Freude und so wenig innere Freiheit in unserem Glauben? Wir lamentieren. Wir klagen und klagen an. Wir nennen Gründe, warum wir unseres Glaubens nicht mehr froh werden; warum wir nicht so leben können, wie wir eigentlich möchten. Die Wohlstandsgesellschaft, das Konsumdenken sollen daran schuld sein; die Anonymität unseres technisierten und bürokratisierten Lebens; die Anonymität der "verwalteten Welt"; die Reizüberflutung durch die Massenmedien; der Leistungsdruck. Nicht zuletzt klagen wir die Kirche an, die auch zu einer "verwalteten Kirche" geworden sei; die selber den Glauben und die Frömmigkeit in Frage stelle, ja zerstöre. Aber vergessen wir nicht zu schnell, dass gerade in dieser Situation Gott uns nahe sein will, uns nahe ist? Im Hier und Heute (davon sind wir Christen doch überzeugt) spricht Gott zu uns: "Vox temporis, vox Dei!" Außerdem: es gab nie eine heile Welt und auch nicht eine heile Kirche. Das war immer so. Und immer ergeht der Ruf Gottes zur Bekehrung an den je einzelnen, an mich.

Hinter den vielen Gründen und Anschuldigungen, die vorgebracht werden, scheint sich etwas Gemeinsames zu verbergen: eine innere Unsicherheit, ein religiöses Unbehagen, das sich ganz verschieden äußern kann: resigniert, betriebsam oder auch aggressiv. Es fällt uns immer schwer, die eigentlichen Ursachen und Antriebe unseres Verhaltens zu erkennen. Denn wir schauen gewöhnlich nach außen und suchen draußen die Gründe für das, was mit uns und auch durch uns geschieht.

Es ist also ganz normal, dass wir stets vom Zeitgeist, von der Gesellschaft, von den Vorgängen innerhalb der Kirche sprechen, wenn wir unser eigenes und persönliches religiöses Unbehagen erklären möchten. Dabei übersehen wir nur zu leicht, dass in uns selbst etwas von dem Übel stecken könnte; dass wir selber vielleicht mitverantwortlich sind für die Zustände, für die Vorgänge, an denen wir leiden. Vielleicht hilft uns hierbei, beim Erkennen dieser Zusammenhänge, ein "Spiegelbild", ein Vergleich mit menschlichen Verhaltensweisen, die sich in anderen Zeiten und unter anderen Umständen abgespielt haben.

Ich will das religiöse Unbehagen, das heute allenthalben verbreitet ist und von uns wahrgenommen wird, vergleichen mit einer alten Mönchskrankheit, und zwar der "acedia". Das Wort bedeutet soviel wie Überdruss, Trägheit, Gleichgültigkeit, Wurschtigkeit. Was ist aber für diese Krankheit "typisch"? Man leidet unter sich selbst, unter der Welt - und zwar ohne ersichtliche äußere Ursache. Man kann (wie man sagt) "das Hemd am Hintern nicht mehr leiden". Die Zeit- und Umweltbedingungen können dieser Krankheit zwar jeweils ein besonderes Aussehen geben. Im Grunde geht es jedoch immer um den Verlust des Einklangs mit sich selbst; es geht um die Gefährdung, um die Infragestellung der Personmitte. Und es geht um den Punkt, wo eine Entscheidung gefordert ist.

Von den mittelalterlichen Mönchen wird die "acedia" als eine innere Leere geschildert, als ein Überdruss, der zur Lähmung aller Kräfte, ja bis zum Verlangen nach dem Tod führen kann. Der Mönch hält es nicht aus, im Gebet mit Gott allein zu sein. Er hat einen Widerwillen gegen die geregelte Arbeit und Lebensweise. Seine Zelle und die Einsamkeit werden ihm zur Qual. Alles langweilt ihn; alles erscheint ihm sinnlos und geschmacklos. Er wird von beängstigenden Versuchungen gepackt; er möchte allem entfliehen.

Und da gibt es verschiedene Wege der Flucht für den Mönch. Er kann sich 1. um eine privilegierte Stellung im Klosterleben bemühen, um einen Posten, der ihm Zerstreuung gewährt; der ihm gleichsam eine neue "Identität" verleiht. Er kann sich 2. ein Hobby suchen, das als Lebensinhalt dient; er kann sich mit Klatsch und Intrigen befassen. Es kann aber auch 3. sein, dass er die Nichtigkeit von alledem erfasst. Dann hadert er mit allem und jedem; er vergräbt sich in Spekulationen; er erwartet das Ende der Welt und der Kirche; er ergeht sich in "Kassandra-Rufen". Die "acedia" kann sich aber auch 4. gefährlicher äußern. Der Mönch verlässt das Kloster, vielleicht unter dem Vorwand, die Menschen zur Buße zu rufen; für den Glauben, für die Rechte der Kirche zu kämpfen. Seine innere Unzufriedenheit schlägt um in Menschenhass; seine Verachtung der Welt wird aggressiv. Mit erbarmungsloser Härte und Strenge verfolgt er seine Gegner, denen er alle Schuld an den Zeitverhältnissen und an den eigenen Leiden gibt. Diese äußeren Gegner gefährden den Glauben; sie haben die wahre Frömmigkeit unterminiert; sie sind schuld am Niedergang, ja am Untergang.

Wir können uns heute vorstellen, welchen Anteil die "acedia" an Ketzer- und Hexenverfolgungen haben mochte. Das eigene Übel wird in die anderen hineinprojiziert: in die Andersdenkenden, in die Fremden, in die Oberen, in die Frauen usw. Man bestraft in den anderen das Böse, das man in sich selbst nicht sehen und bekämpfen will. Die Grausamkeit, die ausgeklügelten Methoden des Unterdrückens, des Quälens und Tötens sind ein Ausdruck der eigenen inneren Not und Misere. Man spürt vielleicht, dass der eigene Glaube unsicher wird; deshalb bringt man irgendwelche Feinde des Glaubens zur Strecke. Man fürchtet sich vor einer sinnlosen Welt; deshalb unterdrückt man jeden freien Gedanken bei anderen. Man erstickt an der Unordnung des eigenen Inneren; deshalb erzwingt man eine strenge Ordnung in der Kirche. Und mit alledem beweist man seine eigene Existenzberechtigung, erzeugt man ein Gefühl der eigenen Bedeutsamkeit und Unentbehrlichkeit.

Es fällt - trotz der "Verfremdung" - nicht schwer, in den Äußerungen der "acedia" der mittelalterlichen Mönche die Auswirkungen des religiösen Unbehagens, der Unzufriedenheit heute wiederzuerkennen. Wir sehen auch, wie die verschiedenen, oft scheinbar widersprüchlichen Symptome bei uns zum gleichen Krankheitsbild gehören. Da ist die Betriebsamkeit im religiösen und kirchlichen Bereich. Da ist die Jagd nach publicity; die Sorge um die Karriere, um Macht und Einfluss - auch in der Kirche. Da ist die Flucht in die Bautätigkeit, in das Organisieren, in das Ausbilden neuer Methoden. Da ist das nervöse Interesse für das Allerneueste in Theologie und Kirche; die Freude an Streitigkeiten, an Fehlschlägen und Blamagen. Da ist das verantwortungslose Gerede, das nur Fehler hervorhebt, das Misserfolge projiziert, Initiativen erstickt. Und dann gibt es auch bei uns die Resignation, den Rückzug ins eigene Schneckenhaus, die Apathie, die innere Trägheit: Wir können nichts machen! Auf der einen Seite kapselt man sich ab in einer scheinbar "heilen Welt", in seinem Schneckenhaus; man negiert, man verurteilt, bekämpft alles, was diese "heile Welt" in Frage stellen könnte. Auf der anderen Seite entstehen immer neue Programme und Aktionen, um alles zu verändern. Und schließlich gibt es bei uns auch die Jagd nach den Schuldigen, den Sündenböcken, denen man das anlastet, was man in sich selbst nicht sehen und korrigieren will. Es gibt die Projektion der eigenen Unsicherheit und Angst, die Grausamkeit gegen den vermeintlichen Feind, dem man keine Chance gibt, den man abwürgt. Es gibt das Taktieren um Vorteile und brutale Unaufrichtigkeit, Unwahrhaftigkeit; es gibt die Lüge. Es gibt das Leiden an sich selbst, das anderen Leid zufügt, um sich abzureagieren. Und es gibt das krampfhafte Betonen der eigenen Bedeutung - aus Angst vor dem Nichts, vor der eigenen Nichtigkeit, Unbedeutendheit.

Das alles soll keine entmutigende Diagnose sein, vor allem keine Warnung vor dem religiösen und kirchlichen Leben unserer Zeit. Es ist vielmehr der Versuch, unsere Situation auf ihre Ursachen hin zu befragen. Das Übel soll bewusst gemacht werden, um es bekämpfen zu können.

Die grundlegende Einsicht, die wir uns aneignen müssen, ist wohl diese: Es gibt eine Verkehrtheit, eine Unordnung im Menschen, die wir nicht bewältigen können, wenn wir uns nur nach "außen" wenden, an die anderen. Wir müssen das Übel in uns selbst erkennen, in uns selbst und nicht in anderen bekämpfen. Jedes Ausweichen vor uns selber, jede Reaktion und Aktion nach außen breitet das Übel nur noch weiter aus. Und wir müssen wissen, uns eingestehen, dass das Übel, das uns befallen hat, größer ist als unsere Kraft. Und wir müssen unbeirrbar nach Gottes Hilfe ausschauen und bereit sein zu dem, was er von uns verlangt. Wir müssen bereit sein, Gottes "Heilmittel" anzuwenden.

Die alten Ratgeber des geistlichen Lebens geben den Mönchen, die an der "acedia" leiden, sehr drastische Anweisungen: in der "acedia" musst du in deiner Zelle bleiben, auch wenn sie dir unerträglich wird. Suche keinen Vorwand, dich mit irgendetwas zu zerstreuen! Jedes, auch das frömmste Vorhaben wird nur Unheil bringen. Halte dich an das Gebet! Halte durch im Gebet! Suche Hilfe und Trost allein bei Gott, auch wenn er fern zu sein scheint! Und sprich mit einem erfahrenen Bruder über deinen Zustand, damit er dem Teufel auf die Schliche kommt! Und gehorche ihm!

Vielleicht hilft uns eine Übersetzung dieser Vorschläge weiter als die Ratschläge von Zeitgenossen, die ja in der gleichen Situation befangen sind wie wir. Eine Übersetzung könnte lauten: Wir dürfen nicht vor unserer inneren Not und Misere in Aktivität und Gerede, nicht in ein Dauergerede hineinflüchten. Wir sollen uns selbst annehmen und aushalten, ohne uns über die eigenen Grenzen und Schwächen hinwegzutäuschen. Wir sollen uns nicht hinter einer Rolle oder einem Image verstecken, das besser erscheint als wir sind. Weichen wir nicht vor uns selber aus! Klammern wir uns nicht an Annehmlichkeiten und Ablenkungen! Gehen wir nie den Weg des geringsten Widerstandes, und zwar auf Kosten anderer! Und suchen wir das offene Gespräch! Seien wir offen für die Kritik der anderen, auch wenn sie weh tut! Versuchen wir nicht immer, uns selbst zu rechtfertigen!

Vor allem jedoch: Prüfen wir den Stellenwert des Gebetes in unserem Leben! Können wir überhaupt noch längere Zeit allein sein mit Gott? Suchen wir Vorwände, um diesem Alleinsein zu entgehen? Erscheint uns das Gebet nur wie die fromme Umrahmung eines Lebens, das sich im Grunde selbst genügt? Könnten wir die Stimme hören, die zur radikalen Nachfolge ruft? Sind wir bereit, den Weg zu gehen, den er uns zeigt, auch wenn niemand mit uns geht? Würde uns Gott wirklich fehlen, wenn es ihn nicht gäbe? Oder würde alles so weiterlaufen, weil eben nur eine Randfigur verschwunden wäre?

Wenn wir in der "acedia" unserer Zeit kein Unheil anrichten wollen, dann brauchen wir eine starke Selbstkontrolle. Dann dürfen wir unsere Unzufriedenheit nicht an anderen Menschen auslassen, anderen das Leben schwer machen, sie unterdrücken und ihnen schaden. Dann müssen wir das Leid, das Unrecht, das andere uns zufügen, bei uns selbst enden lassen. Dann erst stehen wir in der Nachfolge des Herrn, der den Hass in Liebe verwandelt hat. Aber dann dürfen wir nicht erwarten, dass wir dabei viel Unterstützung oder gar Lob und Anerkennung finden. Misserfolge, Leid, Verkennung, ja Verfolgung sind nun einmal das Kennzeichen der Jüngerschaft, der Freundschaft mit Jesus: "Der Jünger steht nicht über seinem Meister."

Wir dürfen uns nicht abkapseln, ins eigene Schneckenhaus zurückziehen. Deshalb sollten wir mit einem einsichtigen Menschen über all das sprechen; freilich nicht, um auf ihn die Verantwortung abzuwälzen oder ihn dazu zu degradieren, Trost und Geborgenheit zu geben. Und wenn uns jemand richtig zuhört und helfen will, dann sollten wir uns um Ehrlichkeit, um Wahrhaftigkeit und Offenheit bemühen. Es kommt nicht darauf an, ob er besser oder schlechter von uns denkt. Er soll uns helfen, unser Leben klarer zu sehen und es auf Gott hin zu orientieren. Suchen wir den Dialog! Und lernen wir selber das Zuhören; die Meinung der anderen zu respektieren, auch wenn wir sie nicht teilen. Und erfüllen wir die sachlichen Erfordernisse hier und heute, statt um das eigene Image und um die eigene Rolle besorgt zu sein.

Die alten geistlichen Ratgeber weisen immer wieder auf die Vertrautheit mit dem Du Gottes hin, auf die "familiaritas cum Deo". In seiner Nähe, in seiner Liebe fanden sie sich selber, konnten sie sich ertragen: auch das eigene Ungenügen, die eigene Nichtigkeit, das Versagen, die Schuld. Weil Gott sie liebte (und zwar mit ihrem Versagen, nicht mit und wegen ihrer Perfektion), konnten sie sich selbst lieben. Aber das göttliche Du war ihnen wichtiger als das eigene Ich. Deshalb konnten sie nun auch in innerer Freiheit mit allem umgehen, was ihnen sonst Flucht vor der eigenen inneren Leere, Mittel der Selbstbestätigung und ein Abreagieren des eigenen Unbehagens gewesen wäre.

Zu diesem Einklang mit dem göttlichen Du werden wir finden, wenn wir unser Unbehagen, unsere Leere, unsere Probleme, unser Ungenügen und unsere Verworrenheit ehrlich ins Auge fassen und durchstehen - wenn wir uns an den lebendigen Gott ausliefern, der immer anders ist, als wir ihn haben wollen; der immer größer ist als unser Herz. Diesen "geistlichen Kampf" haben wir mit dem Einsatz unseres Herzens zu führen - nicht als ob uns aus eigenen Kräften "Erlösung" möglich wäre; als ob wir uns am eigenen Schopf aus dem Sumpf des Egoismus, aus dem Sumpf des eigenen Ungenügens und der Sünde herausziehen könnten; sondern in dem dankbaren Wissen um seine Liebe, die unsere Gegenliebe einfach fordert. Gott hat uns nicht erlöst, weil wir perfekt sind; sondern: weil er uns erlöst hat, bemühen wir uns um ein der Erlösung entsprechendes Leben.

 

 

Was macht den Christen aus?

Auf einer Dekanatskonferenz befasste sich der Geistliche Impuls mit dem Abschnitt aus dem Lukas-Evangelium, die die erste Leidensweissagung Jesu enthält: "Der Menschensohn muss vieles erleiden... Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach!" (vgl. Lk. 9, 18-24) Das anschließende Gespräch bezog sich vor allem auf den Begriff "Selbstverleugnung". Mein Gesprächsbeitrag bestand in folgender Bemerkung: Die "Selbstverleugnung" ist für sich genommen kein christliches Ideal. Sich selbst aufgeben, sich selbst nicht zu kennen, ist für sich genommen weder schön noch gut. Das "Neinsagen" zu sich (so heißt das griechische Wort "arneomai") ist nur sinnvoll, ist nur zu rechtfertigen um Jesu willen; wenn ich also zu mir "Nein" und zu Jesus "Ja" sage, und zwar in diesem Sinn: Wir sind nicht das Maß der Dinge; wir sind nicht maßgebend, sondern er. Nur in diesem Sinn darf ich mich selbst "verleugnen", nicht kennen. In diesem Zusammenhang wurde dann die Bitte an mich gerichtet, einen geistlichen Impuls zum Thema zu halten: "Was macht den Christen aus?" Ich denke, meine Überlegungen zu diesem Thema seien auch für diesen Kreis geeignet.

Beginnen möchte ich mit einem Ausspruch von Blaise Pascal: "Wer das Geheimnis entdeckt hätte, sich am Guten zu freuen, ohne sich am gegenteiligen Übel zu ärgern, hätte den richtigen Punkt erreicht; er hätte das ‚perpetuum mobile' erfunden." Das "perpetuum mobile" ist ein Gerät, eine Maschine, die - einmal in Gang gesetzt - immer läuft. Die Fixierung auf das Negative, das Hervorzerren des Unguten an das Licht: das lässt keine Freude aufkommen; das tötet die Freude. Ohne Freude aber kann man nicht leben; ohne Freude kann man das Schwere nicht durchtragen. Freudlosigkeit ist immer ein Zeichen der Unsicherheit, des Angeschlagenseins, der Frustration. Nur die Freude vermag zu überzeugen, vermag zu begeistern. Ob nicht deswegen heute im christlichen, im kirchlichen Bereich so viel Freudlosigkeit, so viel Resignation vorhanden ist, weil wir nur auf das Negative in der Kirche fixiert sind? Es ans Licht zerren? Dabei wissen wir, weil wir es alle schon am eigenen Leib erfahren haben: die Freude beschwingt; sie hält uns lebendig; sie bewirkt, dass wir ein "perpetuum mobile" sein können.

"Die echte Freude ist nicht laut und penetrant, schrill; sie stellt sich nicht im Unterhaltungsbetrieb ein. Echte Freude ist Nahrung der Seele, nicht das Amüsement." Wir wissen es alle: wahre Freude ist nicht arrangierbar, produzierbar. Sie wächst nicht auf dem Boden des Anspruchsdenkens, des Konsumdenkens. Sie wächst letztlich aus dem Wissen, bejaht und geliebt zu sein: "Wie gut, dass es dich gibt!" Dieser Grundakt der Liebe liegt aller Freude zugrunde. Die Freude fehlt, sie stirbt, wo nur das eigene Ich, wo nur die eigene Lust gesehen wird.

"Seinem innersten Wesen nach ist der Mensch ein Geschöpf, das nicht nur arbeitet und denkt, sondern das auch singt, tanzt, betet und feiert. Der Mensch ist ‚homo festivus'." (Harvey Cox) So sehr wir unseren Dienst, unsere alltägliche Arbeit tun sollen, wir dürfen darüber einiges andere nicht vergessen und vernachlässigen. Ohne Freude ist letztlich der Einsatz, die Hingabe, das Opfer nicht möglich. Ohne Freude, ohne Fest verkommt der Mensch; ohne Freude degeneriert er zum Tier. Festfreude ist aber letztlich an Gott geknüpft. Das war schon die Überzeugung der Antike: Nur wenn der Mensch Tischgenosse der Götter ist, kann er sich freuen. Welch todernste Angelegenheiten die Feiertage der Menschen oft sind, das sehen wir an den Aufmärschen und Demos heutzutage. Einer der großen Prediger der alten Kirche, Johannes Chrysostomus, spricht es aus: "Wo die Liebe sich freut, da ist Fest." Mit dem Nein zu irgendetwas, zu irgendjemand im Herzen ist das Fest, ist die Freude unmöglich, vergiftet.

"Sich freuen heißt: auszuschauen nach Möglichkeiten, für die man danken kann." Vieles in unserem Alltag ist nicht selbstverständlich: ein gutes Wort, ein aufmunternder Blick, eine gute Tat, ein alltäglicher Dienst. All das sollte unsere Aufmerksamkeit, unsere Dankbarkeit finden. Gerade dadurch kommt ja die gute Tat, das gute Wort erst zu dem, was sie sein will und sein soll. Erst das "Dankeschön!", das ich sage, bringt die gute Tat des anderen zur Vollendung. Eine Brücke braucht zwei Aufleger am Ufer.

"Heute spricht unser konstruktives Christentum alle Sprachen der Politik, der Statistik, des Fortschritts, der Wissenschaft und der Geschichte. Aber unser Christsein singt nicht und dichtet nicht mehr - vielleicht ein schlechtes Zeichen." (André Frossard) Ein Leistungs- und Erfolgsdenken im christlichen Bereich tötet die Freude; es macht das Sinnvoll-Zwecklose nicht nur überflüssig, sondern unmöglich. Die Machtergreifung des Menschen, die Degradierung der Kirche des Herrn zur Kirche der Menschen, zu "unserer" Kirche, war immer verhängnisvoll. Das Wissen um die eigentliche Herkunft, um das Beschenktsein der Kreatur, um das "Kindsein" im guten Sinn ist allein der Boden, auf dem die Freude des Christen wachsen kann.

Ich möchte nochmals die Merkmale der menschlich-natürlichen Freude nennen: Sich am Guten freuen, ohne sich am gegenteiligen Übel zu ärgern - zum Menschsein gehört das Fest, die Festfreude, das Kindsein - sich freuen heißt: ausschauen nach Möglichkeiten, für die man danken kann. Wie viel wäre uns geholfen in unserer lauten und todernsten Zeit, wenn wir uns daran hielten! Wie sehr vermisst man diese Einstellungen auch in unserem Christsein, in der Kirche.

Wir haben nun eine Verständnis-Basis geschaffen, um die Freude als eine fundamentale christliche Gegebenheit bzw. Kategorie zu erkennen. Wenn wir das Wort "Freude" in der Bibel suchen, dann stoßen wir zunächst auf das griechische Wort "chara". Mit dem Wort "chara = Freude" bezeichnet der antike Mensch den Höhepunkt seines ganzen Daseins. Das Wort besagt eine "Aktion". Es geht also nicht nur um ein innerliches Empfinden, sondern betont wird ein Tätigsein: sich freuen, fröhlich sein; und dieses Fröhlichsein "äußert" sich leibhaftig, bis hin zu Tränen der Freude. Die Freude tendiert über sich hinaus; sie stiftet Gemeinschaft unter den Feiernden. Vor allem aber bedeutet das Wort die religiöse Festfreude; "chara" ist ein Grundwort der Mysterienkulte.

Auch im Alten Testament ist "Freude" ein Grundwort. Sie ist ebenfalls nicht auf das Innerliche beschränkt. Sie "äußert" sich; d. h. sie ist das Sichtbarwerden des innerlichen Empfindens. Sie ist auf Teilnahme aus, vor allem als Festfreude. Die Freude ist eine Verfassung des ganzen Menschen. Das ist gemeint, wenn als Organ, als Sitz der Freude, das "Herz" genannt wird. Anlass und Gegenstand der Freude ist für den alttestamentlichen Menschen zumeist Gott und sein Heilshandeln am Menschen: Gott hilft, und das schenkt Freude. Gegenstand der Freude ist aber auch Gottes Gesetz und Gottes Wort. Als Erstattung des Dankes an Gott ist die Freude geboten. Wenn der Mensch vor Gott steht, dann denkt er nicht in erster Linie an Gottes Macht, sondern daran, dass er der Heilbringer, der Helfer ist. Gott ist Spender der Freude. "So bereitete Gott Israel eine Freude, als er sie aus Ägypten erlöste. Gott sagte: Wer meine Kinder liebt, der komme und freue sich mit meinen Kindern." Und ein anderes Rabbinen-Wort: "Gepriesen sei der, der seinem Volk Israel Festtage zur Freude und zum Gedächtnis gegeben hat!" All das trifft in besonderer Weise auf das Pascha-Fest zu. Selbstverständlich kennt das Alte Testament auch die natürlich-menschliche Freude, z. B. über die Hochzeit. Es spricht vom Wein, der des Menschen Herz erfreut. Wieder ein Rabbinen-Wort: "Es ist Pflicht, seine Kinder und Familienangehörigen am Fest zu erfreuen. Womit erfreut man sie? Mit Wein!" Zum Fest gehört also das Mahl. Es gibt keine Festfreude ohne Essen und Trinken.

Im Neuen Testament ist von der Freude in den Evangelien besonders bei Lukas die Rede. "Freude" herrscht über das Finden des Verlorenen, über Jesu Taten. Freude ist letztlich der Zustand, der durch das Offenbarwerden dessen ausgelöst wird, wer und was Jesus ist: Gott ist Heil; Gott schenkt Heil - das bedeutet ja der Name "Jesus"! Deswegen dann aber auch die Verknüpfung der Freude mit dem Leiden: "Selig seid ihr, wenn man euch schmäht und verfolgt... Freut euch und frohlockt; denn euer Lohn ist groß im Himmel!" (Mt. 5,12) Bei Paulus erscheint die Freude niemals als eine bloß profane Stimmung. Sie ist "Glaubensfreude"; sie ist eine Frucht des Gottesgeistes; sie ist mit seiner Arbeit als Apostel verknüpft. Bei Johannes steht hinter aller Freude das Wissen: die alte Zeit ist abgelaufen; mit Jesus ist die Zeit der Freude angebrochen. Die Freude aber wird letztlich dem Glaubenden von Gott geschenkt und zuteil inmitten der Bedrängnis und Not der Welt. Nur Gott vermag die tiefste Freude zu geben. Nur in der Verbindung mit ihm können die übrigen Dinge, die Menschen Freude bereiten.

Eng verwandt mit dem Wort "chara = Freude" ist ein anderes Wort des Neuen Testaments, ein anderes christliches Grundwort; freilich wird diese enge Verknüpfung nur im Griechischen deutlich: "charis = Gnade". "Charis" ist im Griechischen eigentlich das Erfreuende: der Zustand, der Freude weckt, und die Tat, die Freude bereitet; es meint die Gunst, die erwiesene sowohl wie die empfangene. Vom Gebenden aus gesehen ist "charis" das Gewinnende, das Verehrungheischende; vom Empfangenden aus gesehen ist sie die Bewunderung, die Verehrung, der Dank. Der Tat, die Freude bereitet, entspricht nämlich das Sichöffnen für die frohmachende Tat. In der "charis" liegt die freie, geistige Bindung, die Menschen durch den Austausch von Geben und Nehmen eingehen. Die Gegenseitigkeit gehört zum Wesen des "Erfreuenden": die "charis", die Huld von wertvollen Menschen wirkt wie ein Geschenk; das Geschenk erfreut wie kostbare Dinge; und der Sinn einer solchen Wirkung ist, Menschen miteinander zu verbinden.

Im Alten Testament versteht man "charis = Gnade" in erster Linie in dem Sinn, dass Jahwe sich allezeit gerade den Schwachen und Verlorenen zuwendet. Dieses Gnädigsein bleibt aber allezeit Jahwes freie Gabe: "Ich bin gnädig dem, dem ich gnädig bin; und ich erbarme mich dessen, wessen ich mich erbarme." (Ex. 33, 19) Im Neuen Testament spielt der Begriff "charis" vor allem bei Paulus eine entscheidende Rolle. Es ist der Begriff, der am deutlichsten das paulinische Verständnis des Heilsgeschehens ausdrückt. Sprachlicher Ausgangspunkt ist die Bedeutung "Erfreuen durch Schenken", der "geschenkte", der nicht verdiente "Gunsterweis", Hulderweis. Gott ist in Jesus Christus der Schenkende. Aber das, was Gott mitteilt, ist nicht nur etwas aus seiner Welt, gleichsam nur ein "Teil" von ihm; sondern "charis" meint letztlich Gott selber; meint die "Selbstmitteilung Gottes" an den des Heils bedürftigen Menschen. Gott teilt sich mit; er verschenkt sich. Im Geschenk, das diesen Namen verdient, wird die Total-Hingabe, das Engagement des Schenkenden sichtbar. Deshalb kommt es bei einem Geschenk nicht auf die Kostbarkeit an; sondern ob es "Träger" ist meiner Zuwendung, meiner Übereignung. Ein Geschenk, das diesen Namen verdient, trägt als zusätzliche, ja als eigentliche Gabe mich selbst. Sonst ist das Geschenk verlogen.

Ich habe einige Grundelemente der natürlich-menschlichen Freude benannt, von den christlichen Grundworten "Freude" und "Gnade" gesprochen. Damit stehen wir bei der "eucharistia", bei der Feier der Danksagung für Erlösung, der Feier der Danksagung für das "Geschenk" Gottes an uns. Zu dieser Feier der Danksagung gehört - das ergibt sich als Folgerung - die "Freude"; die Freude über die Nähe des Herrn, über die Anwesenheit des Herrn und seine Huld. Kein Übel, von dem die Welt ja voll ist, kann uns letztlich diese Freude über Gottes Heil rauben: "Niemand wird euch die Freude nehmen." Zu dieser Feier gehört der Dank, der aus dem Herzen kommt. Hier ist uns die Möglichkeit eröffnet: zu danken für alles, zu danken für ihn, für ihn selbst. Und jedes Mal, sooft wir den Tod und die Verherrlichung des Herrn verkünden, wird ein "Fest" gefeiert. Dieses Fest wird gefeiert mit einem Mahl. Und dieses Mahl verbindet nicht nur die Glaubenden untereinander und miteinander. Der Herr selbst ist der Gastgeber, der uns an seinen Tisch ruft. Die Speise, die uns gereicht wird, ist Ausdruck und Unterpfand seiner Huld; und diese Speise ist tiefster Grund unserer Freude. Der "Wein", der in Christi Blut verwandelt wird, bewirkt die Freude der Kinder, der Hausgenossen Gottes. Der Becher der Segnung ist aber nicht nur der Grund der Freude über Gottes Nähe, über sein Heil. Dieser Becher gibt uns das Heil; er gibt uns den Herrn selbst. Und all dies nicht, weil wir des Herrn und seiner Huld würdig gewesen wären; es ist vielmehr seine Huld und sein "Geschenk", seine "Gnade". Er geht auf uns zu; es ist nicht umgekehrt.

Uns allen ist das kleine Gleichnis vom Schatz im Acker bekannt. Ein armer Tagelöhner findet beim Pflügen plötzlich ein Tongefäß mit Silbermünzen und Edelsteinen. Für diesen Schatz, der ihm rechtmäßig nur gehört, wenn er den Acker erwirbt, gibt er alles her, was er besitzt. Kein Preis erscheint ihm zu hoch für das, was er gefunden hat. Es heißt: "voll Freude" verkauft er alles, was er besaß. Wenn die große, wenn die alles Maß übersteigende Freude einen Menschen packt, dann reißt sie ihn fort; dann überwältigt sie sein Herz. Alles verblasst vor dem Glanz des Gefundenen. Die bedenkenlose Hingabe des Kostbarsten wird zur Selbstverständlichkeit. So ist es mit der Königsherrschaft Gottes; so ist es mit der Botschaft von der Huld, von der Rettung des Menschen durch das Heilshandeln Gottes. Das Wissen darum überwältigt; es schenkt die große Freude; dieses Wissen bewirkt eine leidenschaftliche Hingabe.

Wir Christen sind - das sollte uns immer mehr bewusst werden - Menschen, die um dieses Heilshandeln Gottes an uns wissen; die davon überzeugt sind, dass wir in der Huld, in der "Gnade" Gottes stehen. Aus der Freude darüber sollten wir leben; über das, was wir in Jesus Christus gefunden haben: das Heil der Welt. Die Freude darüber müsste man uns anmerken. Wir haben aber nicht nur die Kunde von Jesus Christus als dem Heil der Welt vernommen. Wir haben nicht nur sein Wort. Wir haben ihn buchstäblich "gefunden". Die Eucharistie ist die Weise, ist die dichteste Form, wie er bei uns ist und bei uns bleibt. Er will von uns empfangen werden als das Brot des Lebens, als das Brot für das Leben der Welt. Um zur Anfangsfrage zurückzukommen: "Was macht den Christen aus?" Der Christ lebt aus der Freude über das Heil, über die Huld Gottes, die ihm zuteil geworden ist. Er lebt aus der tiefen Dankbarkeit für das Geschenk Gottes an ihn: dass Gott sich ihm in Jesus Christus schenkt. Von dieser "Gnade" legt er in seinem Leben Zeugnis ab.

 

 

Kirchliche Jugendarbeit

I. Vorbemerkungen

Wenn ich etwas sagen soll zum Thema "Kirchliche Jugendarbeit", dann kann ich das nur tun auf dem Hintergrund eigener Erfahrungen. Diese Erfahrungen haben allerdings ein vorläufiges Ende gehabt im Sommer 1986. Ich habe genau 20 Jahre unter Jugendlichen gearbeitet: als Erzieher in einem Internat,, als Religionslehrer in zwei Gymnasien, als Kurat einer Pfadfindergruppe, 15 Jahre im außerschulischen Religionsunterricht in Bremen für die Klassen 10 bis 13 der stadtbremischen Gymnasien. An den öffentlichen Schulen des Bundeslandes Bremen gibt es ja keinen konfessionellen Religionsunterricht ("Bremer Klausel" des Grundgesetzes). Einem Mitbruder und mir war dieser Unterricht im Osnabrücker Teil Bremens aufgetragen. In der 2. Hälfte der 70er Jahre besuchten etwa 260 Jungen und Mädchen während eines Schuljahres diesen Unterricht - etwa 50% der in Frage kommenden Jugendlichen. Bis zum Abitur verringerte sich diese Zahl der Teilnehmer auf etwa die Hälfte.

Ich bin in diesem Unterricht (der am Nachmittag oder Abend stattfand, in unserem Haus bzw. in einigen Pfarreien der Stadt) gezwungen gewesen, mich gründlich auf die Unterrichtsstunden vorzubereiten. Ergänzt wurde das Unterrichtsangebot durch Wochenend-Seminare, durch ein Seminar in den Herbstferien (meist über ein philosophisches Thema), durch Besinnungstage während der Karwoche in einem Benediktinnenkloster, auch durch ein Ferien-Angebot. Soweit der Hinweis auf meine "Erfahrungen" in der kirchlichen Jugendarbeit. Es ist klar, dass meine "Anmerkungen" auf dem Hintergrund dieser Erfahrungen gewonnen wurden.

 

II. Zur Situation der kirchlichen Jugendarbeit.

Ein erster Eindruck damals und heute (soweit Jugendliche überhaupt noch in den Pfarrgemeinden aktiv vertreten sind nach der Schulpflicht) ist der, dass die jugendpflegerischen Aspekte bzw. Maßnahmen den Vorrang haben. Die Pfarrgemeinde ist oft nur noch erwünscht bzw. gefragt als Institution, die ihre Ressurcen bzw. ihre Logistik zur Verfügung stellt (für Feten etc.). Das eigentlich religiöse Angebot rückt an den Rand oder es beschränkt sich zum guten Teil (auch in Gottesdiensten) auf politische und sozial-karitative Themen, die heute im Vordergrund des Interesses stehen. Die Kernaussagen des christlichen Glaubens treten in den Hintergrund: Gott, Jesus Christus, Erlösung etc.

Ein zweiter Eindruck hängt damit zusammen: Die gemeindliche Jugendarbeit klammert weitgehend die "Glaubensunterweisung" bzw. die "Glaubensvermittlung" aus. Diese ist - vom Erstkommunion- und Firm-Unterricht abgesehen - an den schulischen Religionsunterricht abgetreten worden. Ich halte das für katastrophal. Ich halte die Schule (auch die real existierenden christlichen Schulen) nicht für den geeigneten Ort der Weitergabe des christlichen Glaubens, zumal auf der Oberstufe ein eigentlich konfessioneller Religionsunterricht nicht mehr möglich ist. Man könnte boshaft von einer "Ökumene der Ignoranten" spreche, zumindest was die religiösen Vollzüge betrifft.

Ein weiterer Eindruck: Für die in der kirchlichen Jugendarbeit engagierten jungen Leute wird zu wenig getan für ihr Vorankommen in geistiger und geistlicher Hinsicht, also für ihr persönliches Vorankommen als Menschen und Christen. Manche Jugendliche sind in der Gefahr, zu "Mini-Funktionären" zu werden. Wichtiger ware es m.E., sie für ihr späteres Engagement in der Kirche als erwachsene Christen vorzubereiten. Die pseudo-religiöse Begründung ihres Engagements wird an der Erfahrung zerbrechen, ausgenützt worden zu sein, als Menschen und Christen nicht gefördert worden zu sein.

Ich habe den Eindruck, dass in den Pfarrgemeinden bzw. in der kirchlichen Jugendarbeit die "Nicht-Gymnasiasten" nicht mehr existent sind. Die Gründe dafür liegen sicher auch darin, dass diese Jugendlichen sich in den Pfarrgemeinden nicht wohlfühlen, weil sie nicht mehr "mitkommen", weil sie unser Reden nicht mehr verstehen; wir reden eine "Fremdsprache" - von religiösen Erfahrungen ganz zu schweigen.

Kennzeichnend für die Situation der Jugendlichen heute in der Kirche ist (neben den schon genannten Eindrücken) die allgemeine religiöse Situation in Deutschland. Diese scheint mir durch zwei gegensätzliche Tendenzen gekennzeichnet zu sein: einerseits eine starke Emotionalisierung in Fragen des Glaubens und des moralischen Verhaltens. Als Stichworte nenne ich: Umweltfragen, Friedensproblematik, Entwicklungs- und Nothilfe - Themen also, die heute im Mittelpunkt des Interesses stehen. Oder kirchenkritische Themen. Ich halte ein Thema für Firmlinge "Lust und Frust in der Kirche" für abartig! Wenn man mit rationaler Argumentation Glaubens- und Verhaltensfragen angeht, trifft man oft auf ein totales Unverständnis gerade bei engagierten Jugendlichen. Andererseits begegnen wir im Raum Kirche einer wortgewandten, geistreichen Infragestellung, ja einer Auflösung im Bereich der Glaubenswahrheiten und der Verhaltensweisen, wenn nicht sogar einer totalen Unkenntnis selbst der einfachen Glaubensinhalte. (In Klammer: Es gibt die Anekdote vom Zigeuner, der - nach der Kenntnis der 10 Gebote befragt - elegant ausweicht: "Habe wollen lernen, habe munkeln gehört, dass abgeschafft werden, habe bleiben lassen!") Es ist daher nicht verwunderlich, wenn aufgrund dieser Unwissenheit nur noch geringer Widerstand gegenüber Einwänden möglich ist. Das führt zu Inferioritätsgefühlen und zur Freudlosigkeit im kirchlichen Engagement. Was die ethisch-moralischen Verhaltensweisen anbetrifft, so werden die Leitbilder des Handelns weitgehend aus dem nicht-kirchlichen und nicht-christlichen Bereich bezogen.

 

III. Was ist zu tun?

Ich bin der Meinung, dass in der kirchlichen Jugendarbeit die Akzente bzw. Prioritäten anders gesetzt werden müssen. Ich weise auf einige Punkte hin, die mir wichtig erscheinen:

Die Kirche vor Ort (die Pfarrgemeinde) darf die Weitergabe des Glaubens, d.h. die "Glaubensunterweisung" bzw. die "Glaubensvermittlung" nicht mehr nur der Schule (auch nicht mehr der Schule in kirchlicher Trägerschaft) überlassen - zumal die schulische Zielsetzung des Religionsunterrichts eine andere ist als die der christlichen Gemeinde. In Klammern: Wären die über 10 Millionen DM allein an Zuschüssen für die Schulen in kirchlicher Trägerschaft, die die Diözese Hildesheim bereitstellt, nicht effektiver einzusetzen in der gemeindlichen Katechese?

Ich plädiere für eine gemeindliche Katechese als vordringliche Aufgabe der Seelsorge, und zwar für die verschiedenen Altersstufen. Angesichts der grassierenden Unwissenheit in Glaubensdingen ist das notwendig, damit vor allem die weitverbreitete Überzeugung "Es ist doch alles egal!" überwunden wird. Das Angebot eines Glaubenskurses für Jugendliche müsste in einer Pfarrei eine Selbstverständlichkeit sein. In den Rahmen dieses Angebotes gehört m.E. - angesichts einer weitgehenden Orientierungslosigkeit im Bereich der menschlichen Verhaltensweisen - die Reflexion der christlichen Lebensvollzüge. Christsein hat sich nun einmal im Tun, im äußeren Verhalten zu zeigen - sonst existiert es nicht. Am äußerene Verhalten muß und kann man ablesen, was im Innern los ist. Die Leitbilder des Handelns für den Christen wurzeln im christlichen Menschenbild; und das unterscheides sich erheblich von dem in unserer Gesellschaft geltenden Menschenbild.

Damit ist ein wichtiger Punkt angesprochen, der in der kirchlichen Unterweisung bedeutsam ist. Es ist die Auseinandersetzung mit heutigen Weltanschauungen, mit den heutigen Sinn-Entwürfen des menschlichen Lebens, mit heutigen Denkmoden. Der Verzicht auf diese kritische Auseinandersetzung bedeutet den Selbstausschluß aus dem geistigen Ringen unserer Zeit. Ein solcher Verzicht geht auf Kosten des Glaubens. Insofern ist die geistige Auseinandersetzung mit anderen Weltanschauungen kein überflüssiger intellektueller Luxus. Es gilt, auf dem Markt der Meinungen zu bestehen. Der Rückzug in den kirchlichen Raum ist tödlich. Sind wir noch willens und fähig, auf dem Markt der Meinungen präsent zu sein? Mithalten zu können?

Nicht zu unterschätzen ist in der kirchlichen Jugendarbeit, in der religiösen Erziehung überhaupt, das Leitbild, das Vorbild, mit dem sich der Jugendliche identifizieren kann: dass also jemand sein Christsein lebt; dass jemand Maß nimmt in seinem Leben an Jesus Christus; dass jemand den Jugendlichen Mut macht, sich an Jesus Christus zu orientieren. Da sind nicht nur die Eltern gefragt; da sind auch die Priester gefragt und alle, die im pastoralen Dienst stehen. Es geht darum, die Jugendlichen am eigenen christlich-gläubigen Leben teilnehmen zu lassen. Es kommt also mit anderen Worten auf das "personale", auf das "persönliche" Angebot an. Die Jugendlichen teilnehmen zu lassen am eigenen christlich-gläubigen Leben bedeutet auch, sich zu bemühen, die Jugendlichen zur Identifikation mit der Heilsgemeinschaft der Kirche hinzuführen - d.h. nicht mit der "empirischen" Kirche in all ihren Konkretisierungen ( denn die "Heilswirklichkeit Kirche" ist immer mehr, als was sie "empirisch" ist), sondern mit dem Einheitspunkt der Kirche, mit Jesus Christus. Und Kirche als Heilsgemeinschaft ist umso reiner gegeben, je reiner und überzeugender die Identifikation ihrer Mitglieder mit Jesus Christus gelingt. Erst in seinen Identifikationen kommt der Mensch ja zu sich selber. Was und wer er ist, das hängt davon ab, zu welchen Identifikationen er gelangt; die Identifikation entscheidet über die Identität des Menschen. Mit wem können sich die Jugendlichen im Raum der Kirche noch identifizieren?

 

IV. Schlußbemerkungen

Vor über dreißig Jahren habe ich an einer Jugendseelsorgerkonferenz teilgenommen, bei der Therese Hause, eine ehemalige Bundesführerin des BDKJ ein Referat gehalten hat. Ein Satz aus diesem Referat klingt mir noch heute in den Ohren; und er war für mich immer auch eine Mahnung, meinen Einsatz und meinen Dienst als Priester kritisch zu prüfen. Ich denke, dieser Satz sei auch heute noch hoch aktuell und gelte nicht nur für den Priester, sondern für jeden, der im pastoralen Dienst steht: "Als Mutter wünschte ich, dass meine Kinder manchem Priester nicht begegnet wären." Wenn wir selber nicht als Christen überzeugend sind, dann können wir den "Sarg-Deckel" zumachen.

Schließlich noch ein kleiner Text aus dem Prophetenbuch des Sacharja, der uns bei der immer notwendigen Selbstprüfung helfen könnte: "In jenen Tagen werden zehn Männer aus Völkern aller Sprachen einen Mann aus Juda an seinem Gewand fassen, ihn festhalten und sagen: Wir wollen mit euch gehen; denn wir haben gehört: Gott ist mit euch." "Am Rock festhalten" heißt auf Latein: attrahere. Davon abgeleitet ist "attraktiv". Lohnt es sich noch, uns am Rock festzuhalten? Oder kann man uns wie arme Irre laufen lassen? Zumal dann, wenn die Leute den Eindruck haben, haben müssen, dass wir selber mit Gott nichts mehr am Hut haben?

 

 

Unsere Liebe zu Jesus Christus
(Februar 2000)

Sie kennen sicher diese chassidische Geschichte, die Martin Buber aufgezeichnet hat. In Ropschitz, Rabbi Naftalis Stadt, pflegten die Reichen, deren Häuser einsam oder am Rande des Ortes lagen, Leute zu dingen, die nachts über ihren Besitz wachen sollten. Als Rabbi Naftali sich eines Abends spät am Rande des Waldes erging, der die Stadt säumte, begegnete er solch einem auf und nieder wandelnden Wächter. "Für wen gehst du?" fragte er ihn. Der gab Bescheid, fügte aber die Gegenfrage daran: "Und für wen geht ihr, Rabbi?" Das Wort traf den Zaddik wie ein Pfeil. "Noch gehe ich für niemand", brachte er mühsam hervor; dann schritt er lange schweigend neben dem Mann auf und nieder. "Willst du mein Diener werden?" fragte er endlich. "Das will ich gern", antwortete jener, "aber was habe ich zu tun?" "Mich zu erinnern!" sagte der Rabbi.

Vor einigen Jahren habe ich in einer (österlichen) Meditation eine "Anwendung" dieser Geschichte gelesen, die mich seither nicht mehr losgelassen hat; die mich ratlos machte; die - wie ich meine - allenfalls nur teilweise der Geschichte von Rabbi Naftali gerecht wird: "Wenn sich die Jünger (nach Ostern) auf den Weg machen, um vom anbrechenden Reich Gottes zu reden, dann deshalb, weil sie vom Sinn ihres Tuns überzeugt sind. Die Worte Jesu werden wieder unendlich kostbar, sein Leben zu einem Zeichen für ein Leben, das sich nicht einmal vom Tod zerbrechen lässt. Durch die Gegenwart des Auferstandenen und die Gabe des Heiligen Geistes gestärkt, machen die Jünger die Türen wieder auf, öffnen sie sich der Welt. Sie wissen jetzt, für wen sie gehen sollen: für die Zerbrochenen und Schwachen, für die, die das Wort der Vergebung ersehnen, für die, die Angst vor dem Leben und vor dem Sterben haben... Und sie wissen nun auch, dass sie bei ihrem Tun nicht allein sind." (C. Heidrich)

So sympathisch diese Sätze klingen, sie haben m. E. etwas nicht beachtet. Der Mann in unserer Geschichte und Rabbi Naftali gehen nicht nur zu bestimmten Menschen. Der Mann geht an Stelle eines Reichen. Und Rabbi Naftali ist betroffen darüber, dass er immer noch nicht weiß, an wessen Stelle er geht, und er bittet um den Dienst der Erinnerung. Darum trifft die "Anwendung" auf die Jünger, eine Botschaft zu haben für die Menschen, nur bedingt zu. Sie gehen nicht nur zu den Menschen; sie gehen an Stelle von jemand; sie gehen mit einer Botschaft an Stelle ihres Herrn und Meisters Jesus Christus. Und darum gehen auch die Christen, die Priester und alle, die im pastoralen Dienst stehen, an Stelle ihres Herrn und Meisters: "Wer euch sieht, der sieht mich. Und wer euch hört, der hört mich!" Ich denke, es sei gut, es sei sogar notwendig, an diese Wahrheit immer wieder erinnert zu werden. Ich denke, darin besteht auch meine Aufgabe, daran zu erinnern, dass wir nicht nur im Dienste unseres Herrn Jesus Christus stehen, sondern an seiner Stelle; dass wir stellvertretend die Botschaft von Gottes Liebe und Erbarmen den Menschen verkünden, durch unser Leben verstehbar machen.

Woran wir uns "erinnern" lassen sollen, das ist dies: "Verkünder" und "Verkünderinnen" zu sein, "die von einem Gott sprechen, den sie kennen, und der ihnen so vertraut ist, als sähen sie den Unsichtbaren." (Paul VI.) Ist es unangebracht zu sagen, wir seien in der Pastoral "Deisten"; wir praktizierten einen "pastoralen Deismus"? Wir leugnen Gott nicht. Aber er ist unendlich fern; unsere Gottesvorstellungen sind anscheinend weitgehend noch die der Aufklärung. Wie schwer tun wir uns, von Gottes Vorsehung, von Gottes Willen, von Gottes Gegenwart heute zu sprechen. "Der Gott der üblichen Verkündigung ist farblos, er ist weder zum Fürchten noch zum Verlieben." (G. Bitter) Und mit welcher Selbstverständlichkeit sprechen wir von pastoraler Planung, ohne mit dem Wirken des "Christus praesens", des "Spiritus Creator" ernsthaft zu rechnen! Wir kommen in unserem Tun und Planen anscheinend ohne das "Dabeisein Gottes" aus. In den synkretistischen und panreligiösen Bewegungen unserer Tage ist Gott der All-Eine, die kosmische Energie, die den Menschen durchströmende Kraft oder sonst eine unpersönlich-neutrale Größe geworden. Der biblische Gott jedoch ist ein Jemand, ist eine Person. Er hat einen Namen. Jesus nennt ihn "Vater", "Abba". Und dieser biblische Gott ist interessiert an einer persönlichen Beziehung, an einer persönlichen Liebes-Beziehung zu jedem Menschen.

Die Frage nach dem Gottesbild muss darum erweitert werden um die Frage: Was bedeutet uns Jesus Christus? Man hat oft den Eindruck: "Die Jesus-Gestalt und das Jesus-Wirken und die Christus-Bedeutung sind zu katechetischen Randthemen geworden." (G. Bitter) Es ist symptomatisch, dass z. B. von der Theologie Karl Rahners sein Thema der Christus-Beziehung fast unbeachtet bleibt. Und diese Christus-Beziehung ist jedoch für Rahner unabdingbar. Für ihn ist einfach zentral, "dass ein persönliches Verhältnis zu Jesus Christus in intimer Liebe personaler Art zum christlichen Dasein wesentlich dazugehört." Diese persönliche, liebende Beziehung zu Jesus Christus ist nicht ein beliebiges, fehlen könnendes Anhängsel an den Gottesglauben, sondern sie ist der Weg zu Gott. Sie ist nach christlicher Auffassung der einzige Weg. Eines der letzten Bücher Rahners trägt den bezeichnenden Titel: "Was heißt Jesus lieben?" Ich habe den Eindruck, dass dieses Thema (die Liebe zu Jesus) nicht gerade das Aktuellste und Dringlichste für das Christsein heute, für unser Christsein sei, schon gar nicht in unserer Verkündigung. Eugen Biser sieht deshalb die Lösung der Glaubenskrise heute darin, dass eine "Neugestaltung unseres Verhältnisses zu Jesus als einzigem Mittel zum Vater" gelingt. Er zitiert Blaise Pascal: "Nicht nur Gott kennen wir allein durch Jesus Christus; auch uns selber kennen wir nur durch ihn. Ohne Jesus Christus wissen wir weder, was unser Leben, noch was unser Tod, noch was Gott, noch was wir selber sind."

Die Beziehung zu Jesus Christus ist also nicht etwas dem Gottesglauben Nachgeordnetes. Wenn Christus der einzige Mittler zum Vater ist, wenn er der ist, der allein Gott auszusagen und zu ihm zu führen vermag, dann müssen die, die im pastoralen Dienst stehen, sich zu allererst darum mühen, dass sie eine Beziehung zu Jesus Christus finden; dann müssen sie sich in ihrer Verkündigung darum bemühen, dass die Menschen eine Beziehung zu Jesus Christus finden. Das setzt also voraus, dass wir uns selbst um diese persönliche, um diese liebende Beziehung bemühen. Nicht der Glaube führt uns zu Jesus Christus; sondern: Jesus Christus führt zum Glauben. Die christliche Glaubenserfahrung ist eine Christus-Erfahrung. In dem Dokument "Unsere Hoffnung" der Würzburger Synode heißt es: "Die Krise des kirchlichen Lebens beruht letztlich nicht auf Anpassungsschwierigkeiten gegenüber unserem modernen Leben und Lebensgefühl, sondern auf Anpassungsschwierigkeiten gegenüber dem, in dem unsere Hoffnung wurzelt und aus dessen Sein sie ihre Höhe und Tiefe, ihren Weg und ihre Zukunft empfängt: Jesus Christus mit seiner Botschaft vom Reich Gottes."

Ich möchte diese unabdingbare Beziehung des Christen, erst recht derer, die im pastoralen Dienst stehen, noch weiter präzisieren, konkretisieren. Eine erste Konkretisierung: Unser aller tiefste Sehnsucht ist es, akzeptiert und bejaht, geliebt zu werden: "Wie gut, dass es dich gibt!" Im Leben und Denken und Tun Jesu Christi wird uns diese Gewissheit, bejaht zu sein, zuteil. Jesus Christus bietet uns seine Freundschaft an: "Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich? Bist du mein Freund? Willst du mein Freund sein?" Jesu Zuwendung und Freundschaft können wir uns allerdings nicht verdienen; seine Freundschaft ist unverdienbar. Seine Zuwendung und seine Liebe haben sich gezeigt, sie haben sich verleiblicht in seiner Hingabe: sein Liebestod am Kreuz hat uns gezeigt, dass er uns liebt und wie sehr er uns liebt. "Niemand hat eine größere Liebe, als wer sein Leben hingibt für seine Freunde. Ihr seid meine Freunde!" Darum lebt der Christ aus der großen Dankbarkeit heraus. Er weiß sich gerufen, Gottes Liebe und Güte, offenbar geworden in Jesus Christus, stellvertretend zu verkünden, im Zeugnis des Lebens weiterzutragen. Er weiß sich an Christi Statt, wie Paulus einmal sagt. Stellvertretung ist sein Auftrag.

Eine zweite Konkretisierung für die von uns geforderte liebende Beziehung: Jesus hat uns Gott geoffenbart als unseren Vater. Wir dürfen zu Gott sagen: "Abba, Vater!" Jesus sagt uns: Unabhängig davon, was du an Leistungen und Erfolgen vorzuweisen hast, bist du vom guten Vater im Himmel akzeptiert. Du bist von ihm bei deinem Namen gerufen. Du stehst verzeichnet in seinen Händen. Vor ihm, unserem Vater, brauchen wir keine Angst zu haben. Es genügt, dass wir vor Menschen zittern müssen.

Eine letzte Konkretisierung dessen, was mit Jesus Christus gekommen ist, an "Neuem" gekommen ist: Über den absoluten Gott nachdenken kann ich allein; da brauche ich keinen anderen. Mich an ethischen Pflichten und Gesetzen zu orientieren - auch das kann ich allein. Als Christ glauben kann ich jedoch nicht allein. Als Christ glauben kann ich nur als Mitglaubender. Mein Glaube an Jesus Christus, den Heilbringer, den Sohn Gottes, ist darum das Eingangstor in eine neue Gemeinschaft: in die Gemeinschaft der Glaubenden, in die Kirche Jesu Christi. Diese Gemeinschaft ist nicht eingeengt auf Blut und Boden, auf Rasse und Kultur, auf Besitz und Bildung. Der Glaube an den Herrn schenkt den Glaubenden die Geborgenheit in einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten. Wir sind nicht verurteilt, allein unseren Weg zu finden und zu gehen. Der christliche Glaube führt heraus aus der Isolation, aus der Egozentrik, aus dem Eingeschlossensein in das eigene kleine Ich.

Sie kennen das Bildwort Jesu vom neuen Tuch und vom neuen Wein. Ich bin überzeugt davon, dass das "Neue", das Jesus uns gebracht hat, nur bei ihm zu haben ist; Gegebenheiten, die wir alle zutiefst ersehnen, erwünschen: In Jesus Christus, in seinem Liebestod am Kreuz ahnen wir, ja sind wir gewiss, dass unsere Sehnsucht nach Annahme, nach Geborgenheit und Heilsein eine endgültige Erfüllung findet. Jesus offenbart uns Gott als liebenden Vater. Der Glaube an Jesus Christus, an den Sohn Gottes, schenkt uns eine neue Gemeinschaft: die Gemeinschaft derer, die an den guten Gott glauben, die auf ihn ihr Leben gründen. Die "Welt" kann uns diese "Artikel" nicht bieten. Sie kann sie nicht einmal wahrnehmen. Sie kann sie nicht anerkennen. Das geht über ihren Horizont. Die "Welt" sieht nicht nur sehr "alt" aus; sie ist "alt". Sie war es immer. Sie ist unfähig, ihr Denken zu ändern. Mit Jesus Christus ist das "Neue" gekommen. Und er nimmt uns in seinen Dienst. Wir dürfen für ihn zu den Menschen gehen, an seiner Stelle: "Für wen gehst du?" Ich bemühe mich, für ihn und an seiner Stelle zu gehen.

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