Alois Koch SJ

Eindrücke eines Priesterseelsorgers

Vorbemerkung

Der Anlass, meine "Eindrücke" als Priesterseelsorger aufzuschreiben, ist eine "Recollectio" in einem Dekanat. Ein Kaplan redete seine priesterlichen Mitbrüder als "Kollegen" an. Dass ich mich nicht verhört hatte (das passiert einem ja mit den Jahren), bewies die Wiederholung der besagten Anrede. Selbst wenn man - wohlwollend - die Bezeichnung "Kollege" als "Amts-" bzw. als "Standesgenossen" versteht oder als Mitglied einer "Bruderschaft" (so übersetzen lateinische Lexika den Ausdruck "collega"), so weist der heutige Sprachgebrauch eher auf den Begriff "Arbeits-Kollege" als auf "Mitbruder" hin. Gewiss gehört die "Arbeit" auch zum Leben des Priesters (Jesus sucht ja "Arbeiter für seine Ernte"); aber im heutigen Sprachgebrauch hat "Arbeit" doch eher etwas mit "Produktivität" oder mit dem "Vertrieb einer Ware" zu tun. Und da beginnt m. E. die Sache interessant, ja problematisch zu werden.

 

Die Funktionalisierung der Seelsorge

Offensichtlich wird auch die Seelsorgstätigkeit heute mehr und mehr unter den in der Wirtschaft geltenden Gesichtspunkten bzw. "Gesetzen" gesehen. Es geht anscheinend - auch angesichts der personellen (und anderer) Engpässe - in erster Linie um "Effektivität" bzw. um die "Verwaltung des Mangels". Das, was Kirche eigentlich zu "bieten" hat, ist jedoch keine "Ware", die an den Mann bzw. an die Frau gebracht werden soll; der christliche Glaube lässt sich mit dieser "Denk-Kategorie" nicht fassen. Wir verkaufen den Leuten keine "Glaubenssätze" und auch nicht "Gnade" in abgepackten Portionen. Dann käme es in erster Linie auf die Optimierung der Verkaufsmethoden an. Allerdings würde auf diesem Weg nur das Sterben der "Firma Kirche" hinausgezögert.

Es gibt in der Kirche hierzulande eine Weise von Aktivitäten und der Beschäftigung, die zwar das eigene Leistungsbewusstsein steigert, die aber nicht aus der Misere herausführt. Gibt es nicht in den Gemeinden ein leeres Treiben, ein aufgeregtes Hin- und Herlaufen wie in einem Hühnerstall? "Operative Hektik verdeckt die geistige Windstille!" So das Urteil eines Soziologen.

Die Aufrechterhaltung des täglichen "Seelsorgs-Betriebs" - diesen Eindruck kann man bekommen - steht offensichtlich im Vordergrund aller Überlegungen; man will für die Zukunft tragfähige Strukturen schaffen. Die Gefahr besteht darin, dass überholte Strukturen beibehalten bzw. fortgeschrieben werden. Jedenfalls liegt m.E. die Zukunft nicht mehr im bisherigen Modell einer Pfarrgemeinde. Das ist ein "Auslauf-Modell". Damit hängt zusammen, dass anscheinend die Priester und die pastoralen Mitarbeiter ihre "Identität" von ihrer "Arbeit" beziehen. Die Zeit der "Apparatschiks" ist endgültig vorbei. In Klammern: Sind die alten Mitbrüder im Ruhestand nicht oft, da nicht mehr "verwendbar", "ortlos" geworden, buchstäblich "ausrangiert" und "eliminiert", "freigestellt" wie Arbeitslose?

Zu wenig wird bedacht, dass wir doch nicht das "Heil der Welt" sind. Und ob wir die tatsächlichen "Erfolge" uns zuschreiben können, ist doch auch fraglich: "Ein anderer ist es, der sät, und ein anderer, der erntet." Wir haben als Seelsorger die Aufgabe zu säen - im Vertrauen darauf, dass die Saat des Glaubens in den Herzen der Menschen wächst und reift. Auch rechtfertigt die immer geringer werdende Zahl derer, die wir erreichen, in keiner Weise unseren Einsatz. Wir werden in Zukunft nicht mehr alle erreichen im Sinne einer Volkskirche. Wir sollten keine Angst haben um das Heil der Menschen, die nicht mehr zu uns kommen.

 

Priesterliche Lebensform

Die Allmacht des Funktionsdenkens zerstört vor allem die religiöse Lebensform bzw. macht sie bedeutungslos, ja unmöglich. Wer den priesterlichen, wer den pastoralen Dienst auf die ausgeübten "Funktionen" reduziert, damit auf Effektivität und Nutzwert, der beraubt diese "Dienste" ihrer "Seele". Bei einer solchen Trennung von "Seele" und "Leib" tritt bekanntlich der Tod ein. Zu dieser religiös geprägten Lebensform gehört also das, was man mit Spiritualität und Askese bezeichnet. Das persönliche geistliche Leben (mit Gebet, Meditation, mit gemeinsamem geistlichen und geistigen Tun) ist das Fundament jeder christlichen und priesterlichen Existenz. Aus diesem Fundament wird alles seelsorgliche Handeln gespeist - gemäß dem scholastischen Axiom "Agere sequitur esse - Das Tun folgt aus dem Sein".

Diese "religiöse Lebensform" besteht in erster Linie nicht in einer "Lehre" bzw. "Ideologie". Sie meint die persönliche Gottes- und Christusbeziehung, d.h. das "Sein-mit-ihm", das "Sein-bei-ihm". Das "Sprachspiel des Glaubens" bedarf, um verstanden zu werden, einer existentiell geübten Lebensform, also dieser lebendigen Gottes- und Christusbeziehung des Priesters bzw. des Seelsorgers. Jesus Christus ist das große Geschenk Gottes an uns; es gilt, ihn als das Geschenk Gottes zu erkennen, ohne das wir etwas Entscheidendes nicht hätten; ohne das uns die "Mitte" fehlen würde: "All meine Quellen entspringen in dir." (Ps 87) "Wo dein Herz ist, da ist auch dein Schatz." (Lk 12,34) Ist er es, oder ist es irgendetwas anderes? Das bedeutet auch, dass all unsere Arbeiten und Bemühungen nur die Antwort sind, sein können auf das, was Gott für uns in Schöpfung und Erlösung getan hat. Der Grundakt des Christen ist deshalb der Dank für das Tun Gottes an uns und für uns. Darum gipfelt der Dank in der "Feier der Danksagung", der Eucharistie. Darum ist es die Aufgabe jedes Christen, Zeuge dieser Güte und Liebe zu sein und im Zeugnis des Lebens Gottes Liebe zum Leuchten zu bringen und verstehbar zu machen.

Der Christ, erst recht der Priester bzw. der im pastoralen Dienst Stehende hat also einen Einigungspunkt in der Gestalt Jesu Christi; hat ihn als Bezugspunkt bzw. als "Bezugs-Person", mit der er in Kommunikation tritt. Die persönliche und liebende Beziehung zum ihm ist nicht ein fehlen könnendes Anhängsel unseres Glaubens an Gott, sondern ist der "Weg" zu Gott, und zwar der einzige Weg: "Es ist uns kein anderer Name gegeben, in dem wir selig werden können."

Diese "Kommunikation" mit Jesus Christus (also das Sprechen mit ihm, d.h. das Gebet) führt hin zur tiefinnerlichen Erkenntnis, zur Vertrautheit, ja zur Freundschaft mit dem Herrn - gemäß der Frage Jesu an Simon Petrus: "Hast du mich lieb? Bist du mein Freund?" Im Exerzitienbuch des Ignatius von Loyola heißt es: "Das Gespräch wird mit richtigen Worten gehalten, so wie ein Freund mit seinem Freunde spricht."

Wenn Jesus Christus der einzige Mittler zum Vater ist, dann müssen vor allem diejenigen, die im pastoralen Dienst stehen, sich um diese persönliche und liebende Beziehung zu Jesus Christus bemühen. Die Würzburger Synode formuliert den Sachverhalt in ihrem Dokument "Unsere Hoffnung" so: "Die Krise des kirchlichen Lebens beruht letztlich nicht auf Anpassungsschwierigkeiten gegenüber unserem modernen Leben und Lebensgefühl, sondern auf Anpassungs-Schwierigkeiten gegenüber dem, in dem unsere Hoffnung wurzelt, und aus dessen Sein sie ihre Höhe und Tiefe, ihren Weg und ihre Zukunft empfängt: Jesus Christus."

Aus dem Gesagten ergibt sich, dass z.B. der "Geistliche Impuls" im Rahmen einer "Recollectio" bzw. eines "Dies" zum geistlichen Tun hinführen muss, d.h. zu einer Begegnung mit dem Herrn, also zum Beten. Es gehört also dazu eine Zeit der Stille, der Besinnung, des persönlichen Betens. Es darf also nicht nur bei einem "Gespräch" über den lieben Gott bleiben; wir dürfen nicht nur über ihn reden, sondern mit ihm. Es geht also beim "Geistlichen Impuls" nicht um die Gewinnung eines Urteils über einen (religiösen) Sachverhalt, sondern um die Realisierung des persönlichen Bezugs zu Gott und Jesus Christus.

Persönlich bin ich davon überzeugt, dass die "Sprachlosigkeit" der Seelsorger gegenüber Gott ein Grund, wenn nicht sogar der Hauptgrund ist für die "Sprachlosigkeit", für die mangelnde Kommunikation untereinander. Eine Ursache liegt natürlich in der Funktionalisierung des pastoralen Dienstes und in der Singularisierung, die zu einer Verarmung des spirituellen Lebens führen.

 

"Vita communis" der "Weg-Weiser"

Nicht zu übersehen ist bei vielen Seelsorgern die Bitterkeit und die Resignation, ja der Vertrauensverlust gegenüber der Kirche. Das hat zur unheilvollen Konsequenz eine Vereinzelung, ja eine Entsolidarisierung und den Rückzug ins eigene Schneckenhaus. Angesichts dieser wachsenden Vereinzelung und Entsolidarisierung, die ja für die ganze moderne Gesellschaft kennzeichnend ist, ist in Zukunft unabdingbar die "Entgiftung" und "Entbitterung", und zwar durch die Rückkehr in einen unverbitterten kirchlichen Glauben, durch die Aufgabe der allenthalben zu beobachtenden Beliebigkeit und Formlosigkeit. Sind die im pastoralen Dienst Tätigen noch fähig und bereit zu einer "vita communis" und zur Entwicklung neuer Formen des geistigen und geistlichen Miteinanders? Es ist m.E. deshalb unabdingbar, Formen einer solchen "vita communis" aller im pastoralen Dienst Tätigen zu finden bzw. auszubilden, und zwar nicht nur im Sinne eines geistlichen, sondern auch eines geistigen Miteinanders. Es geht also um die Herausbildung von geistigen und geistlichen "Lebensgemeinschaften", in denen ein solcher Austausch stattfindet. Die Seelsorge der Zukunft wird von diesen neuen geistlichen Zentren getragen werden. Davon hängt das "Überleben" des Weltklerus ab. Diese "Lebensgemeinschaft" meint in keiner Weise, dass ein gemeinsames Leben erforderlich ist (wie es für Ordensgemeinschaften typisch ist). Für unabdingbar halte ich jedoch das gemeinschaftliche Tun in geistiger und geistlicher Hinsicht, nicht zuletzt auch in gemeinschaftlichen Feiern.

Nur aus diesem "Lebensgrund" heraus ist das möglich, was ich mit dem Begriff "Weg-Weiser" bezeichne. Was wir heute im kirchlichen Bereich bitter nötig haben, das sind freilich nicht die starren Schilder aus Holz oder Metall, die am Straßenrand, an den Kreuzungen, an den Pfaden stehen und uns die Mitteilung machen, wo es 'lang geht'. Der Schilder-Wald auch in der Kirche ist in der Tat tief und dunkel. Was wir brauchen, das sind lebendige "Weg-Weiser", die "mit-gehen", die uns "mit-nehmen", die uns führen und das Geleit geben. Das ist der Dienst, der uns allen bitter nötig ist; den wir aber, gerade als Priester, gerade als Menschen, die im pastoralen Dienst stehen, anderen schuldig sind: "Weg-Weiser" zu sein; bereit zu sein, Lasten mitzutragen. Diesen "Dienst" können wir nur tun, weil und wenn wir selber einen "Weg-Weiser" gefunden haben in Jesus Christus. Er ist es ja, der uns auf den Weg zu seinem Vater im Himmel mitnimmt; der uns sich aufgeladen hat. Ja, er ist selbst der "Weg" zum Vater. Hinter ihm können wir getrost und voll Vertrauen gehen. Und von ihm ermutigt und gehalten, dürfen wir auch andere an die Hand nehmen; dürfen wir anderen, suchenden Menschen "Weg-Weiser" sein; können wir die Lasten anderer mittragen. Die Gefahr, in der wir uns heute in der Kirche befinden (doch das hat zu anderen Zeiten auch gegolten!), ist die, dass wir nur noch hölzerne oder metallene Schilder produzieren.

Schlussbemerkung

Sie kennen vielleicht die Erzählung von S. Kierkegaard, mit der ich meine "Eindrücke" schießen möchte. Kierkegaard war Student in Kopenhagen und mit einem Korb Wäsche unter dem Arm unterwegs auf der Suche nach einer Wäscherei. In einer Seitengasse fand er ein Geschäft, in dessen Schaufenster ein Schild stand: "Hier wird Wäsche gewaschen und gebügelt." Kierkegaard öffnete die Tür, setzte den Korb auf die Theke; ein Mädchen kommt, ihn zu bedienen. Doch als er auf den Korb deutete, lachte das Mädchen und sagte: "Mein Herr, Sie irren sich." "Aber wieso", stammelte Kierkegaard: "hier steht doch: 'Hier wird Wäsche gewaschen und gebügelt'!" "Da haben Sie recht", sagte das Mädchen; "Auf dem Schild steht: 'Hier wird Wäsche gewaschen und gebügelt.' Aber Sie sind nicht in einer Wäscherei. Sie sind in einer Fabrik für Schilder. Hier werden Schilder hergestellt, auf denen steht: 'Hier wird Wäsche gewaschen und gebügelt.'"
Stellen wir im kirchlichen Dienst nur noch Schilder her? Ich denke, diese Frage sollten wir bei all unseren Aktivitäten als Seelsorger, im pastoralen Dienst nicht unterlassen.