Link zur Hompage von P. Alois Koch SJ

Alois Koch SJ
Statements zum Thema "Sport"

 

 

In mehreren kleinen Beiträgen zu Entwicklungen im modernen Sport habe ich in vielen Jahren Stellung genommen. Zu Beginn meines Doktoratsstudiums an der Theologischen Fakultät der Universität Innsbruck befasste ich mich in einem Aufsatz für die Österreichische Hochschulzeitung mit dem Thema "Die christliche Theologie zum Sport". Ich habe in meinem Beitrag die geplante Dissertation in Grundzügen dargestellt. - 1988 wurde ich gebeten, den Leitartikel für eine Nummer der Medizinzeitschrift "Therapiewoche" zu schreiben. Der Artikel fand ein für mich erstaunliches Echo, merkwürdigerweise in erster Linie bei Ärzten in der damaligen DDR; 15 baten um eine Kopie. - Im selben Jahr schrieb ich einen Brief an den Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker. Der Inhalt war dieser: Er möge bei der Verleihung des "Silbernen Lorbeerblattes" an die Medaillengewinner der deutschen Olympiamannschaft darauf hinweisen, dass er möglicherweise manipulierte Leistungen honorieren müsse. - 1991 folgte ein Aufsatz in der DJK-Zeitschrift anlässlich des Berichts der sogenannten "Reiter-Kommission" zum Thema "Doping". In diesem Beitrag äußerte ich meine Zweifel an der Wirksamkeit der in dem "Reiter-Bericht" angekündigten Konsequenzen. - 1994 wurde ich um ein Statement gebeten für einen Arbeitskreis beim "Trainersymposion" der Kölner Trainerakademie, und zwar unter dem Thema "Ethische Leitlinien im Sport". Der "Vortrag", der wegen fehlender Interessen ausfiel, wurde in der Veröffentlichung als "gehalten" abgedruckt. - Für eine Podiumsdiskussion in Trier im Mai 1995 mit dem Thema "Ist der Leistungssport am Ende?" sollte ich meine Auffassungen in einem kurzen Statement vorstellen. Statt meines Vortrags überfiel man mich mit unqualifizierten Unterstellungen. Meine Auffassung war offensichtlich zu anstößig und traf deshalb auf taube Ohren.

Da mir auch nach vielen Jahren meine Gedanken als diskussionswürdig erscheinen, habe ich diese sechs Beiträge zusammengestellt, um sie in meiner "Homepage" zugänglich zu machen, zumal auch die veröffentlichten Texte heute kaum noch greifbar sind.

 

1. Die christliche Theologie zum Sport

Angesichts der Hilflosigkeit und Unfähigkeit des Sports heute, seine Probleme von den eigenen Denkvoraussetzungen her zu lösen, ist das Bemühen verständlich, Bundesgenossen zu finden. Zu diesen potentiellen Bundesgenossen gehören auch die Kirchen und die christliche Theologie. Aber allein die Tatsache, jetzt auf einmal als Helfer akzeptiert zu werden (nach einer langen Zeit der gegenseitigen Ablehnung und Verunglimpfung), sollte die Kirchen und die Theologen vor einer euphorischen Stimmung bewahren. Trotz dieses notwendigen Vorbehaltes ist es angebracht, dass sich die christliche Theologie mit dem modernen Sport und seinen Problemen mehr als in der Vergangenheit befasst und bei der Lösung von Problemen mithilft. Die Gefährdung des modernen Sports und eine mögliche Hilfeleistung zeigen sich an einigen Punkten.

Unverkennbar ist der Trend zur Ideologisierung des Sports. Die Stichworte "Olympische Idee" und "marxistische Körperkultur" belegen das, aber auch ein heute noch allenthalben verbreiteter krasser "Biologismus", für den der Sport treibende Mensch nur eine biologische Größe ist. In diesem Zusammenhang ist außerdem auf den Ruf nach einer materiellen Unterstützung durch den Staat hinzuweisen, den man gerade in den westlichen Ländern vernimmt.

Eine große Gefahr liegt heute im Trend zur Pädagogisierung des Sports. Dies macht sich vor allem auf dem schulischen Gebiet bemerkbar. Das Stichwort "Curriculum" weist darauf hin, wie der Bereich des Spontanen und Spielerischen weitgehend eingeengt und apriorischen Lernzielen untergeordnet wird.

Am deutlichsten zeigt sich die Gefährdung des modernen Sports im Trend zur Perfektionierung (der Trainingsmethoden, der Trainingsintensität, der Betreuung der Sportler durch Medizin und Psychologie etc.) mit dem Ziel der Höchstleistung. Als Sonderprobleme sind in diesem Zusammenhang zu nennen die Frühinvalidität bei Höchstleistungssportlern, die problematischen Höchstleistungen im Kindes- und Jugendalter, nicht zuletzt das schwierige Problem des Doping, für das es bislang keine gerechte Lösung gibt. Wieso darf z. B. der Sportler keine Arznei-Mittel nehmen, die dem normalen Mitbürger selbstverständlich zugänglich und gestattet sind?

Weniger groß als oft behauptet ist die Gefahr, die sich im Trend zur Kommerzialisierung und Professionalisierung zeigt. Das gilt nicht nur für den Bereich des eigentlichen Berufssportes, sondern gerade auch im sogenannten Amateurbereich. Was sich hier unter der glänzenden Oberfläche abspielt, übertrifft oft die Praktiken im Profisport.

Angesichts dieser unbestreitbar gefährlichen Tendenzen im heutigen Sport ist die christliche Theologie angesprochen, die im Sport liegenden "menschlichen Werte" gegenüber Fehlentwicklungen mit zu verteidigen. Dies ist umso notwendiger, als die Organe des Sportes (Vereine und Verbände) zwar sportliche Werte vertreten, sie aber wegen ihrer weltanschaulichen Neutralität nicht begründen können. Gerade deswegen sind sie weitgehend hilflos gegenüber den Fehlentwicklungen. Aus diesem Grund muss also dem Sport als weltanschaulich neutraler gesellschaftlicher Gruppierung daran gelegen sein, tragfähige Begründungen für die von ihm vertretenen "Werte" zu erhalten.

Zur Begründung der sportlichen "Werte" und zur Abwehr von bedenklichen Tendenzen vermag die christliche Theologie einen wertvollen, m. E. sogar entscheidenden Beitrag zu leisten, und zwar von ihrer Sicht des Menschen her. Von diesem theologischen Menschenbild her lassen sich Kriterien ableiten, mit deren Hilfe dann die Tendenzen auf dem Gebiet des modernen Sports beurteilt und gegebenenfalls als bedenklich erkannt werden können. Für das Menschenbild der christlichen Theologie ist maßgebend, dass der Mensch sich nicht von sich selber her, vom Dinglichen und Materiellen her verstehen und entwerfen kann, sondern von einem Bezugspunkt absoluter Art, der ihm nicht verfügbar ist. Jede Anthropologie - gerade auch die des Marxismus und des Biologismus - hat einen derartigen Bezugspunkt absoluter Art, von dem her alles gesehen und relativiert wird. Von dem transzendenten Bezugspunkt des Menschen aber, den die christliche Theologie annimmt, wird deutlich, dass kein Mensch dazu degradiert werden darf, einer innerweltlichen Zielsetzung untergeordnet zu werden. Er kann weder zur Begründung und Verifizierung einer innerweltlichen Heilslehre gebraucht, noch einem Erziehungssystem untergeordnet, noch dem Diktat des Geldes oder einer Wissenschaft unterworfen werden. Aus dem "homo ludens" darf kein "homo faber" werden.

Das ist das entscheidende Kriterium, das sich auf der Basis des christlichen Verständnisses vom Menschen gewinnen lässt: Inwieweit gelingt es dem sporttreibenden Menschen bei der spielerischen und sportlichen Betätigung, sein eigenes Wesen in Selbstverantwortlichkeit und Spontaneität darzustellen? Inwieweit machen äußere, der spielerischen und sportlichen Betätigung selbst fremde Ziel- und Zwecksetzungen diese spontane Selbstdarstellung des Menschen unmöglich oder beeinträchtigen sie? Inwieweit wird der Bereich der spielerischen Muße zur "Nur-Arbeit" im Sinne der totalen Planung?

Es ist keine Frage, dass sich im Bereich des Sports inhumane Tendenzen geltend machen. Die Etablierung von quasi-religiösen Systemen und Riten, die totale Verplanung des Spontanen und die staatliche "Verordnung" der Leibesübungen, die Degradierung des Sportlers zum Roboter und seine Opferung auf dem Altar des Moloch "Leistung", nicht zuletzt das Diktat des Geldes sind Symptome dieser Inhumanität. Vom christlichen Menschenbild her lässt sich diese Inhumanität erkennen und Wege zur Überwindung aufzeigen. Ja, die christliche Theologie muss - von ihrem eigenen Selbstverständnis her - auf den Plan treten, ob gelegen oder ungelegen, wenn der Mensch in Gefahr ist, irgendwelchen Zielsetzungen, irgendwelchen Ideologien oder Götzen geopfert zu werden.

(Österreichische Hochschulzeitung, Jg. 27 (1975), Nr. 10, Beilage, S. VII und IX)

 

2. "Citius, altius, mortuus"

Es scheint das Los des Ethikers zu sein, immer den Wettlauf mit der Technik, mit der Macht, mit dem Markt zu verlieren; immer zu spät zu kommen. Und er ist auch kein Zaubermeister, der die Geister, die von den vielen Zauberlehrlingen längst herbeigerufen worden sind, wieder bannen kann.

Vor einiger Zeit habe ich an einer Tagung teilgenommen, die das Thema hatte: "Sportliche Höchstleistung - wie wird sie hergestellt und um welchen Preis?" Journalisten, Vereins- und Verbandsfunktionäre, Mediziner, Hochleistungssportler und Studenten sprachen drei Tage miteinander. Es war erschütternd zu erleben, wie das Thema weitgehend nur in einem Sinn verstanden und deswegen missverstanden wurde. Die fast einhellige Meinung war diese: Was muss bei der Produktion von sportlichen Höchstleistungen an Geld investiert werden von Vereinen, Verbänden, von Bund und Ländern? Wie wird die Höchstleistung honoriert? Was wird dabei verdient? Von einem anderen "Preis", den wir für einen "Wert" hinlegen, war kaum die Rede: Was die sportliche Höchstleistung menschlich kostet; was wir, was die Gesellschaft, was der Höchstleistungssportler für sie "bezahlt" - nicht in DM und Dollar, sondern in einer anderen "Währung". Aber dafür gilt anscheinend das bitterböse Wort von Heinrich Böll: "Der Deutsche fragt nicht nach dem Preis!"

Zum systematisierten Training und der damit verbundenen enormen körperlichen Belastung für die "Produktion" der sportlichen Höchstleistung sagte der Sportmediziner Krahl vor nunmehr schon 10 Jahren: "In den meisten sportlichen Disziplinen sind Höchstleistungen nur noch nach Trainingsschwerstarbeit über Monate und Jahre zu erbringen; in bestimmten Fällen fühlt man sich unwillkürlich an Materialverschleißprüfungen der Industrie erinnert." Das Endprodukt ist hier Schrott, wäre hinzuzufügen.

So wies der österreichische Sportmediziner Prokop in einem Interview darauf hin, "dass bei etwa 80 % der untersuchten österreichischen Hochleistungssportler irreversible Dauerschädigungen festgestellt wurden, ohne dass bereits Beschwerden oder schmerzhafte Wahrnehmungen bestanden".

Nur folgerichtig, aber auch bezeichnend ist es daher, wenn die Aufgabe für den Arzt nur noch darin gesehen wird, "den betreffenden Leistungssportler trotz seines Sportes gesund zu erhalten". Ohne "Substitution" - in diesen Bereich sollen nach Ansicht führender Sportmediziner z. B. auch die Gaben anaboler Steroide fallen - läuft nichts mehr im Hochleistungssport, ist der Spitzensportler bald "ausgebrannt". Spezialprobleme stellen z. B. dar die Beeinträchtigung des Immunsystems, die Manipulation der Erwachsenengröße mittels Hormongaben, die Eigenblut-Retransfusion, der Einsatz von Diuretika und der weite Bereich der Ernährung. Die diesbezügliche Literatur ist uferlos.

Mit dem unbedingten Ja zum internationalen Leistungsvergleich im Sport ist - davon bin ich überzeugt - das Ja zur umfassenden Betreuung notwendig geworden. Aber: Mit diesem unbedingten und grundsätzlichen Ja zum Hochleistungssport scheint der Boden des sittlich Erlaubten und Vertretbaren bereits verlassen zu sein.

Es wird eine Wertordnung sichtbar, die innerweltliche Gegebenheiten zu absoluten Werten macht, denen alles mit Folgerichtigkeit nachgeordnet und untergeordnet wird, auch die Moral und die Fairness, die Gesundheit, letztlich der Mensch selbst.

Die Charakterisierung des Hochleistungssports als "Kultus der Industriereligion", wie Henning Eichberg dies einmal getan hat, zeigt, wie sich letztlich zwei konkurrierende Wertesysteme gegenüber stehen, zwei verschiedene "Religionen" - "Religion" verstanden als Entscheidung des Menschen in Bezug auf die Frage nach dem Sinn des Lebens.

Welche "Götter" werden im Sport als "absolut" verehrt? Vor welchen Götzen sprechen die modernen Gladiatoren, müssen sie sprechen: "Ave Caesar, morituri te salutant - Wir sind bereit, für dich uns zu ruinieren, zu sterben, geopfert, verheizt zu werden!" Ist dieser Götze das Geld? Ist es die Ideologie einer Klasse oder eines Staates? Ist es die Olympische Idee? Ist es das eigene Ich? Nur sollte man bedenken: Diese Gegebenheiten, diese Götzen können nicht das übernehmen, was sie eigentlich übernehmen müssten, nämlich Erlösungsfunktion angesichts der Heillosigkeit und Fragwürdigkeit der Welt und der eigenen Existenz. Die nachchristlichen Götzen haben alle den Nimbus des Göttlichen nun einmal verloren.

Sind unsere Sportorganisationen, ist unsere Gesellschaft bereit, diese Götzen zu stürzen? Ist unsere Gesellschaft bereit, auf den bedingungslosen sportlichen Leistungsvergleich mit anderen Gesellschaftssystemen zu verzichten? Die vielfältigen Formen der pharmakologischen Leistungsmanipulation und der unabdingbaren medizinischen Betreuung des Hochleistungssportlers abzulehnen und den internationalen Leistungsvergleich zu fordern, das sind unvereinbare Dinge; das ist der törichte, der hoffnungslose Versuch einer Quadratur des Kreises.

Hier wird deutlich: der eigentliche Ansatzpunkt für die Lösung des Problems der pharmakologisch-medikamentösen Manipulation, aber auch der anderen fragwürdigen Tendenzen im heutigen Hochleistungssport kann nicht in einer Symptombehandlung, kann nicht in einer Optimierung der Methoden bestehen. Er kann m. E. nur darin bestehen, dass der Hochleistungssport den hohen Stellenwert, der ihm im gesellschaftlichen Bewusstsein zuerkannt wird, verliert. Die gesellschaftlich bedingten Wertvorstellungen des sportlichen Erfolgs, aber auch das sie tragende Menschenbild bedürfen dringend einer Korrektur.

Ohne diese Korrektur, ohne diese "reformatio in capite" ist die "reformatio in membris" eine Illusion; ohne diese Korrektur bleibt das Verbot der verschiedenen Formen der Chemo-Manipulation unwirksam und verloren. Ich bin allerdings überzeugt, dass dies eine ethische Forderung ist, die Utopie bleiben, der also keine Realität beschieden sein wird. Die Entwicklung geht hin auf eine größere Inhumanität.

Ich will schließen mit einem Zitat: "Es ist doch eine merkwürdige Welt, in der wir leben. Wenn wir mehr Verständnis dafür hätten, was zum wahren Menschsein gehört, dann würden die hohen Aufwendungen für einige wenige Spitzenathleten der Förderung der Gesundheit und dem Wohl aller Bürger zugute kommen und nicht zum gesundheitlichen Ruin einiger weniger führen." Das Zitat ist eine freie, aber sinngemäße Übersetzung eines Satzes aus einem Brief, den vor fast 1500 Jahren der Ostgotenkönig Theoderich durch seinen Minister Cassiodor schreiben ließ (Variae V. 42, 12). Angespielt wird auf die sogenannten "venatores", die "Jäger" bei den spätantiken Tierhetzen, die sich beim Volk höchster Beliebtheit erfreuten. Derselbe Theoderich lässt in einem anderen Brief, der von anderen "Spektakeln" handelt, durch Cassiodor schreiben: "Wir wollen in Gottes Namen das benötigte Geld geben. Es ist zwar völlig verrückt. Aber nur wenn man etwas Verrücktes tut, kann man das Volk bei Laune halten." (Variae III. 51, 13) Wie sagte schon Kohelet, der Prediger des Alten Bundes: "Es gibt nichts Neues unter der Sonne!" (Pred. 1, 9)

(Therapiewoche 38 (1988), Nr. 38, S. 2713 f)

 

3. "Sehr geehrter Herr Bundespräsident!"

    Brief vom 11. Oktober 1988 an Richard von Weizsäcker, den Bundespräsidenten, vor der Verleihung des "Silbernen Lorbeerblattes" an die Medaillengewinner der Olympischen Spiele von Seoul.

Sehr geehrter Herr Bundespräsident,
seit Jahren befasse ich mich mit den ethischen Fragen des modernen Hochleistungssports. Ich halte es deshalb für angebracht, ja für meine Pflicht, Ihnen aus Anlass der bevorstehenden Verleihung des Silbernen Lorbeerblattes an die Medaillengewinner der deutschen Olympiamannschaft zu schreiben.

Der Deutsche Sport mit seinen Repräsentanten stellt Ihnen junge Menschen vor, denen Sie das Silberne Lorbeerblatt überreichen sollen. Sie bekunden mit diesem Akt der Verleihung vor aller Öffentlichkeit, dass die erfolgreichen Sportlerinnen und Sportler als Vorbilder für die Bürger unseres Landes gelten können. Sie setzen dabei aber fraglos voraus, dass diese jungen Menschen ihre Erfolge ohne unfaire Manipulationen errungen haben.

Ich bitte Sie zu prüfen, ob Sie diese Voraussetzung guten Gewissens überhaupt machen können und dürfen; ob Sie nicht vielleicht missbraucht werden, um etwas abzusegnen oder anzuerkennen, was sich längst in Richtung einer tiefen Inhumanität entwickelt hat. Nicht erst die Olympischen Spiele in Seoul haben doch gezeigt, in welchem Umfang die pharmakologisch-medikamentöse Manipulation im Hochleistungssport verbreitet ist. Ich erinnere Sie an den beklagenswerten Fall der verstorbenen Birgit Dressel, die - so das gerichtsmedizinische Gutachten - Opfer dieser verbreiteten Manipulationen geworden ist. Sie nahm das gleiche Hormon-Präparat wie der in Seoul disqualifizierte Sprinter Ben Johnson aus Kanada. In aller Öffentlichkeit haben bekannte deutsche Sportärzte derartige Manipulationen in Abhandlungen und Vorträgen verteidigt und empfohlen; ja, sie werden von ihnen selbst vorgenommen. Der Anabolika-Gebrauch, der von den internationalen Sportorganisationen als Doping bezeichnet wird und verboten ist, wird fraglos in der Betreuung vieler unserer Hochleistungssportler verwendet, oft freilich verschleiert mit dem Etikett "Substitution".

Ich bin nicht gegen die Verleihung des Silbernen Lorbeerblattes an unsere erfolgreichen Sportlerinnen und Sportler. Sie sollten aber wohl auf das Dilemma hinweisen, in dem Sie als Repräsentant unseres Landes sich befinden. Und in dieser Ihrer Eigenschaft sind wir alle, die wir Bürger dieses Landes sind, mitbetroffen. Können Sie die Hand dafür ins Feuer legen, dass alle Medaillengewinner, denen Sie das Silberne Lorbeerblatt überreichen, das Gebot der Fairness und Ehrlichkeit beachtet haben, gerade auch was die medikamentöse Manipulation durch Hormongaben betrifft? Ich bin der Meinung, dass Sie irregeführt werden. Deshalb sollten Sie wenigstens Ihre Zweifel äußern und auf die Problematik hinweisen, dass Sie und Ihr Amt möglicherweise missbraucht worden sind bzw. missbraucht werden könnten, sicher ohne Ihre Schuld.

Sie sollten auch noch auf einen anderen Aspekt aufmerksam machen. Die Umkehr aus der verhängnisvollen Entwicklung im Hochleistungssport (ich möchte nur auf die Kommerzialisierung und die unübersehbaren gesundheitlichen Schädigungen hinweisen) ist m. E. nur möglich, wenn der Spitzensport den hohen Stellenwert verliert, der ihm im gesellschaftlichen Bewusstsein zuerkannt wird. Der Hochleistungssport hat sich doch zu einem "Unrechtssystem" entwickelt, das dem Leben unter einem totalitären Regime vergleichbar ist (in dem es bekanntlich immer Nutznießer, vor allem aber Opfer gibt).

Sehr geehrter Herr Bundespräsident, ich bitte Sie, meinen freimütigen Brief zu prüfen und zu bedenken. Haben Sie den Mut, einiges davon in Ihre Ansprache einfließen zu lassen. Viele Bürger wären Ihnen dankbar. Ich habe diesen Brief aus der Sorge geschrieben, dass Sie und Ihr Amt missbraucht werden zur Rechtfertigung von inhumanen Praktiken und Strukturen.

 

4. Der Glaube an den Weihnachtsmann - Doping und kein Ende

Über drei Monate (!) sind inzwischen vergangen, seit Professor Heinrich Reiter seinen Doping-Bericht dem Bundesinnenminister Schäuble und Spitzenvertretern des deutschen Sports vorgelegt hat. Von einem "reinigenden Gewitter", das Reiter sich erhoffte, war bislang noch nichts zu merken, und von "Rücktritten in dreistelliger Zahl" unter Funktionären, Trainern und Sportmedizinern ist auch noch nichts bekannt geworden. "Spätestens seit 1976 mussten die Verantwortlichen im deutschen Sport Vermutungen und auch Kenntnisse vom Anabolika-Missbrauch im deutschen Leistungssport haben" - bis hin zu Willi Daume also! Es wurden hehre "Grundsatzerklärungen" abgegeben mit eindeutiger Verurteilung des Dopings. Konsequenzen wurden indes nicht gezogen. Der Steuerzahler bezahlte weiter treu und brav Millionen für den Spitzensport. Eine Birgit Dressel musste 1987 sterben. Aber die Verantwortlichen wurden nicht belangt. Wird die Folgenlosigkeit auch das Schicksal des "Reiter-Reports" sein? Hat Harm Beyer, der ehemalige Präsident des DSV, wirklich recht: "Spitzensport hat nichts mit Moral zu tun", und der für eine generelle Freigabe der anabolen Steroide plädiert? Sind die Sportfunktionäre fähig und willens, den eigenen Augias-Stall auszumisten? Ist die "Nomenclatura" des deutschen Sports bereit, ihre Privilegien, die sie sich gegenseitig zugeschanzt haben, aufzugeben? Alle behaupten, "für" den Sport zu leben. Das wäre noch zu beweisen. Unbestreitbar ist in jedem Fall, dass sie "vom" Sport leben. Wie sagt das deutsche Sprichwort: "Wes' Brot ich ess, des' Lob ich sing'!" Es geht offensichtlich gar nicht um die "heiligen Güter" des Sports. Es geht um ganz massive persönliche Interessen, zumeist auch materieller Art; oft auch um die Pflege persönlicher Eitelkeiten. Wer verzichtet Schon freiwillig auf seine Privilegien? Diese unheilvolle Verquickung der durchaus ehrenwerten Anliegen des Sports mit persönlichen Ambitionen und Interessen, erst recht die Verschleierung dieser persönlichen Interessen durch die durchaus positiven Seiten und Möglichkeiten demaskiert das "Sport-System" als eine Ideologie, ja als Totalitarismus , die Funktionäre etc. als "Nomenclatura", die nur auf die Wahrung der eigenen Privilegien bedacht ist. Die Athleten sind dabei oft nur die nützlichen Idioten, die mit entsprechenden Gratifikationen bei Laune gehalten werden. Es ist an der Zeit, dies zu erkennen (auch die Duplizität zum politischen Zeitgeschehen), dem "Unrechts-System" ein Ende zu machen und die "Nomenclatura" zu entmachten.

Ob der "Reiter-Bericht" der erste Schritt in diese Richtung ist, den "Doping-Sumpf" trockenzulegen? Ich bin nicht davon überzeugt. Unter den "Gesetzen des Marktes", denen sich der Sport verschrieben hat, rückt die Lösung des Dopingproblems, des Anabolika-Missbrauchs, ja jeglicher medikamentöser Leistungsmanipulation in immer weitere Fernen. Das einzig wirksame Mittel ist das Zudrehen des Geldhahns durch die öffentlichen Geldgeber. Doch: Ich glaube schon lange nicht mehr an den Weihnachtsmann.

Als ich diese Glosse konzipierte, kam mir ein Text von Lothar Zenetti in den Sinn: Das ist immer dasselbe in den großen Zeiten: Die einen glauben daran. Die anderen müssen dran glauben. Die Übriggebliebenen haben es natürlich kommen sehen und haben dennoch von allem nichts gewusst.

 

5. Ethische Leitlinien im Sport

Was die Tagungsleitung bewogen hat, einen Ethiker in diesem Arbeitskreis "auftreten" zu lassen, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich hoffe jedenfalls, dass ich hier nicht die Rolle eines "nützlichen Idioten" oder eines "Lückenbüßers" spielen soll, der eine "Reparatur-Ethik" anbietet, die notwendig ist, weil einige Dinge aus dem Ruder zu laufen scheinen. Ich nehme auch an, dass mit meinem viertelstündigen Statement nicht die "ethische Unterweisung" der künftigen Trainer abgegolten ist.

Dass der Sport nicht mehr eine "Insel der Seligen" ist, das zeigen einige bedenkliche Trends. Die Stichworte "Frühinvalidität", "Doping-Missbrauch", "Kommerzialisierung" und "Ideologisierung" belegen diese bedenklichen Trends. Der Sport ist unter "Rechtfertigungsdruck", ja in gewisser Weise in "Beweis-Not" geraten. Der Satz "Sport ist eine gute Sache" wird nicht mehr als selbstverständlich gültig hingenommen.

Dass angesichts der unübersehbaren Fehlentwicklungen der Ruf nach dem Ethiker und nach ethischen Grenzziehungen laut wird, ist verständlich. Wie lassen sich die Gefahren für die Gesundheit und für eine gesamtmenschliche Entfaltung vermeiden, ohne die so wichtige Bedeutung des Sports für die Gesunderhaltung der Menschen in der modernen Industriegesellschaft zu vernachlässigen? Jedenfalls wird die Notwendigkeit von Grenzziehungen kaum bezweifelt; ja, sie wird immer wieder beschworen - sei es von Seiten der Sportverbände, der Sportmedizin, der Politik etc. Sucht man jedoch nach konkreten ethischen Leitlinien und einer Begründung für diese Leitlinien, die allgemein akzeptiert werden, dann ist das Ergebnis trostlos - abgesehen davon, wie gegebenenfalls solche ethischen Forderungen durchgesetzt werden können. Denken Sie nur an die Dopingproblematik und die Dopingkontrollen.

Wie Sie der Einführung entnehmen konnten, möchte ich in der kurzen mir zur Verfügung stehenden Zeit auf einen Gesichtspunkt hinweisen, der mir wichtig erscheint. Ich habe als Quintessenz meiner Ausführungen angegeben: "Die Abhängigkeit ethischer Leitlinien im Sport vom jeweiligen Sinnentwurf menschlicher Existenz (bzw. vom jeweiligen Menschenbild) und die Frage an den Sport nach seinem Menschenbild." Welchen Stellenwert hat das sportliche Engagement im Gesamt der menschlichen Existenz? Ethische Normensind untrennbar verbunden mit dem jeweiligen Entwurf menschlicher Existenz. Je nachdem wie diese Antwort ausfällt, werden unterschiedliche ethische Konsequenzen für das praktische Sporttreiben gezogen. Jede Ethik hat nämlich (entsprechend auch jede Pädagogik), ob ausdrücklich oder nur implizit, einen wesentlichen Bezugspunkt in der Vorstellung, die man sich in ihr vom Menschen macht. "Das Bild vom Menschen, das wir für wahr halten, wird selber ein Faktor unseres Lebens. Es entscheidet über die Weisen unseres Umgangs mit uns selbst und mit den Mitmenschen, über unsere Lebensbestimmung und Wahl der Aufgaben." Diese Feststellung von Karl Jaspers trifft auch für den Sport zu. Insofern sind alle ethischen Normen "relativ", d. h. bezogen auf eine bzw. hergeleitet von einer bestimmten Grundauffassung vom Menschen.

Jeder Mensch hat eine Gegebenheit, auf die er sich bezieht, die für ihn unumstößlich ist; von der her er sich selbst versteht und begreift; von der her alles gesehen und relativiert wird. Diese Gegebenheit, dieser Bezugspunkt steht nicht mehr zur Disposition. Er wird in einem eigentlichen Sinn absolut gesetzt, als unbedingt gesehen, für wahr gehalten (wie Jaspers formuliert); er wird also "geglaubt". Dem gegenüber jedoch, was in diesem Sinn nicht mehr zur Disposition steht, woran in diesem Sinn "geglaubt" wird, geht die innere Freiheit verloren; denn es steht ja nicht mehr in Frage, zur Disposition. Ist es ein weltimmanenter Wert, dann ist der Freiheitsverlust bedenklich, weil der Mensch sich dieser Gegebenheit, dieses Wertes gleichsam nicht mehr erwehren kann. In der Tat erleben wir diesen Freiheitsverlust allenthalben, man spricht z. B. vom "Konsum-Idioten", der von seinen Glückssehnsüchten geknechtet wird, der verkommen ist zum "ewigen Säugling". Aber auch andere "Absoluta" als den Lebensgenuss wählt sich der Mensch aus.

Von welchem Sinnentwurf menschlicher Existenz, von welchem Werte-Horizont werden in unserer Gesellschaft, werden im gesellschaftlichen "Subsystem Sport" die hohen, nicht nur gesundheitlichen Risiken und Gefahren im Bereich vor allem des Spitzensports gerechtfertigt? Hat ein Hochleistungssportler, ob volljährig oder noch ein Kind, ein Recht auf Selbstverwirklichung um einen derart hohen Preis, z. B. einer Gesundheitsbeeinträchtigung auf Lebenszeit? Ist der sportliche Erfolg, ist der dadurch ermöglichte gesellschaftliche Aufstieg oder die materielle Existenzsicherung ein solcher Rechtfertigungsgrund? Darf man gegebenenfalls um der medizinischen Forschung willen eine derartige Entwicklung billigen oder gar fördern, mit öffentlichen Geldmitteln ermöglichen? Darf man - selbst wenn alle Schädigungsmöglichkeiten ausgeschlossen wären, wenn also die Betreuung in pädagogischer, psychologischer und medizinischer Hinsicht optimal wäre - einen Menschen zum Hochleistungssport hinführen und auf ihn, wenigstens zeitweise, festleben?

An unsere Gesellschaft und an unseren Sport, an seine Verantwortlichen ist die Frage nach dem von ihnen vertretenen Werthorizont, nach ihrem Menschenbild zu stellen. Unbedingt ist Ommo Grupe, dem Vordenker bzw. dem Chefideologen des DSB sogar zuzustimmen, wenn er die Auffassung vertritt, dass "die Frage nach dem Menschenbild nicht auf die christlichen Kirchen beschränkt bleiben" dürfe, weil "es so etwas gibt wie eine eigene, aus dem Sport gewinnbare Sicht auf den Menschen" (Bewegung, Spiel und Leistung im Sport. Schorndorf 1982, S. 11 f). Freilich aus meiner Kenntnis der Literatur vermag ich einen derartigen Entwurf nicht zu erkennen - außer jenem unheilvollen biologistischen bzw. darwinistischen Menschenbild, für das der einzelne nur eine beliebig auswechselbare Größe ist, weil der einzelne hinter die Gattung Mensch zu stehen kommt, (wir kennen diese Auffassung aus dem NS-Regime, aber auch aus dem real existierenden Sozialismus) - und außer jenem individualistischen, egozentrischen Materialismus und Hedonismus, der jegliche Verbindlichkeit von Werten und Normen ablehnt und die Mitverantwortung für die Allgemeinheit nicht kennt.

In diesem Zusammenhang: Ist es Ihnen schon aufgefallen, dass man bei Diskussionen über sportspezifische Probleme nur "Sympathisanten" antrifft, also Leute, die nach eigenem Bekunden "für" den Sport leben? Aber es sind nicht nur Leute, die "für" den Sport leben, sondern in der Regel auch solche, die "vom" Sport leben, die also selber ein elementares, meist ein materielles Interesse am Sport (oder gar auch an den Sportlern und Sportlerinnen) haben - ob es sich nun um Athleten, um Funktionäre, um Sportmediziner oder Journalisten handelt. Ich denke, man dürfe auch den ehrbaren Stand der Trainer und Trainerinnen nicht ausnehmen. Nach Karl Marx verändert bekanntlich die materielle Basis das Bewusstsein des Menschen. Ist mein Eindruck falsch, dass es oft nicht um die "heiligen Güter" des Sports geht, sondern schlicht und ergreifend um ganz massive persönliche Interessen, zumeist materieller Art, oft auch um die Pflege persönlicher Eitelkeiten nicht nur bei Sportführern, sondern sogar bei Politikern bis hinauf zu "Präsidenten"?

Ich möchte mein Statement mit zwei Bemerkungen schließen. Die erste: Vor zehn Tagen nahm ich an einer Tagung teil, bei der einer der Teilnehmer vom Kongress des IOC in Paris berichtete, der anlässlich des 100-jährigen Bestehens des IOC abgehalten wurde. Er habe - so der Bericht - zu seinem großen Erstaunen festgestellt, wie nach den langen Jahren des pekuniären bzw. des finanziellen Interesses, zu dem sich das IOC auf dem Kongress von Baden-Baden 1980 bekehrt hatte und von Herrn Samaranch zu nie geahnten Höhen geführt wurde, die sportethischen Fragen sich unüberhörbar zurückgemeldet hätten. Mir rutschte die Bemerkung heraus: "Und sie erkannten, dass sie nackt waren." Sie erkennen unschwer das Zitat aus der Bibel, als Adam und Eva den bekannten Apfel gegessen hatten. Falls Sie Märchen mehr mögen, denken Sie bitte an das Märchen von des "Kaisers neuen Kleidern".

Die zweite abschließende Bemerkung besteht in einem Text von Wilhelm Wilms: "Als Hitler für das Deutsche Volk oben war, da konnte auch nur der Geist dieses Mannes auf das Deutsche Volk herabkommen. Wenn der Mammon oberstes Prinzip ist, dann kann auch nur der Geist des Mammons auf uns herab kommen. Sehen wir also zu, was über uns ist; was für uns oben ist; wer für uns oben ist. Denn was oben ist, kommt auch als Geist auf uns herab."

(J. Kozel (Hrsg.): 20 Jahre Trainerakademie Köln.
Internationales Trainersymposion, 6. - 8. Oktober 1994. Köln 1995, S. 386 - 388)

 

6. Ist der Leistungssport am Ende?

    Für eine Podiumsdiskussion Ende Mai 1995 in Trier, die vom Diözesanverband der DJK und der Katholischen Akademie Trier veranstaltet wurde, hatte ich als Moraltheologe ein Statement vorzubereiten.

Zunächst zwei Vorbemerkungen:
Es ist schick geworden, bei derartigen Veranstaltungen einen Ethiker auftreten zu lassen: "Alle Aspekte sollen zur Sprache kommen. Ich bin der Meinung, da sei Vorsicht angebracht. Der Ethiker soll sich auf keinen Fall als ein "Zaubermeister" aufführen, der meint, die Geister bannen zu können, die von den vielen "Zauberlehrlingen" herbeigerufen worden sind. Als Ethiker fühlt man sich eher an Lenin's "nützliche Idioten" erinnert, die die Rolle eines "Lückenbüßers" übernehmen dürfen, und die eine "Reparatur-Ethik" verkaufen sollen. Dass der Sport keine "Insel der Seligen" mehr ist, das zeigen einige bedenkliche Trends. Der Sport scheint unter "Rechtfertigungsdruck", ja in gewisser Weise in "Beweis-Not" geraten zu sein. Jedenfalls wird der Satz "Sport ist eine gute Sache!" nicht mehr als selbstverständlich gültig hingenommen.

Eine 1. These:
Der Leistungssport ist noch lange nicht am Ende. Die Entwicklungsmöglichkeiten sind noch längst nicht ausgeschöpft: unter biologisch-medizinischer Rücksicht - unter psychologischen Gesichtspunkten - unter technischen und ökonomischen Gesichtspunkten. Bis hin zu einem Sport als totalem Show-Business bzw. einem Cyberspace-Spektakel gibt es noch reichlich Spielraum.

Eine 2. These:
Der Leistungssport hat den Rubikon in Richtung "Inhumanität" schon überschritten. Das zeigt sich an verschiedenen Symptomen, die ich mit einigen Zitaten belegen will: Der Athlet hat "einen Anspruch darauf, dass man ihm das technologische Instrumentarium, das heute im Leistungssport bereitgesellt werden kann, und die neuesten Erkenntnisse über den Hochleistungssport in allen Disziplinen der Sportwissenschaft in seinem Streben nach Höchstleistung nicht vorenthält" (R. Andresen) - Training und Wettkampf werden "zur Handlungsmaxime erster Ordnung" (E. Hahn). - Manfred Steinbach ist der Meinung, dass der Hochleistungssportler ein "weitgehend vom Sport okkupierter Mann" ist; beachten Sie bitte den gleichlautenden Begriff des "Rituale Romanum" für "teufliche Besessenheit". - "Erwartet wird vom Trainer, dass er Menschen, Material und Finanzen so in Einklang bringt, dass das Ergebnis (die Höchstleistung) erreicht wird und alle Beteiligten mit der Art, wie das erreicht wird, zufrieden und einverstanden sind" (H. Haase). - "In den meisten sportlichen Disziplinen sind Höchstleistungen nur noch nach Trainingsschwerstarbeit über Monate und Jahre zu erbringen; in bestimmten Fällen fühlt man sich unwillkürlich an Materialverschleißprüfungen in der Industrie erinnert" (H. Krahl). Das Endprodukt ist bekanntlich "Schrott". - Und der Orthopäde Pförringer befürchtet, dass der Bereich der Sporttraumatologie sich "in den modernen Ableger der Kriegs-Chirurgie" verwandelt.

Eine 3. These:
Der Leistungssport ist in der Gefahr, zu einer Ideologie zu werden, ja, einen quasi-religiösen Charakter anzunehmen und "Heil" zu versprechen. Ein Symptom dafür ist die weitgehend übliche "Gleichung" von Sport und Gesundheit. "Sportmediziner, Sportlehrer und Sportfunktionäre propagieren im Mantel wissenschaftlicher Erkenntnis im wesentlichen weltanschaulich begründete Gesundheitsprogramme" (H. - V. Ulmer). Der Sport hat den Charakter einer "Konfession" angenommen; er trägt "fundamentalistische", ja fast "totalitäre" Züge. Die Funktionäre bilden ein "Nomenclatura", die auf die Wahrung der eigenen Privilegien bedacht ist. Die Athleten sind dabei die nützlichen Idioten, die mit den entsprechenden Gratifikationen bei Lauen gehalten werden.

Eine 4. These:
Abhilfe wird keine Sport-Ethik bringen. Ich halte das für eine "Utopie". Es würde bedeuten, dass die gesellschaftlich bedingten Wertvorstellungen in punkto "Sport" sich ändern müssten. Ein Umdenken wird m. E. allenfalls bewirkt durch das Zudrehen des öffentlichen Geld-Hahns. Ein System, das mit dem gesundheitlichen Ruin spielt bzw. den gesundheitlichen Ruin fast mit Notwendigkeit zur Folge hat, das inhumane Praktiken zulässt bzw. fördert, hat keinerlei Anspruch oder Recht auf eine Förderung aus öffentlichen Mitteln.

 

Link to 'Public Con-Spiration for the Poor'

Zur Hompage von P. Alois Koch SJ

top