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Alois Koch

Die antike Athletik und Agonistik im Blickpunkt der Kritik des Tertullian von Karthago (um 160 - um 225) und anderer Schriftsteller des frühen Christentums.

(veröffentlicht in: W. Schwank & A. Koch (Hrsg.): Begegnung. Schriftenreihe zur Geschichte der Beziehung zwischen Christentum und Sport, Band 5. Aachen 2005, S. 11-32.

Wenn von der Stellungnahme des frühen Christentums zur antiken Körperkultur im allgemeinen, zur Athletik und Agonistik im besonderen die Rede ist, dann fehlt in sporthistorischen Abhandlungen selten der Hinweis auf den Kirchenschriftsteller Tertullian und seine Schrift "Über die Schauspiele". "Tertullians ‚De spectaculis’ ist ... das vollständigste und bekannteste Werk, das gegen eine der ältesten und volkstümlichsten Veranstaltungen des römischen Heidentums zu Felde zieht"; er habe "in den Aktivitäten des Stadions reine Eitelkeiten" gesehen (Thuillier, 1999, S. 56 und 57). Ähnlich äußert sich Jüthner: "Der Verurteilung der Athletik" (durch die kynisch-stoischen Philosophen) "schließen sich auch lateinische Kirchenschriftsteller wie Tertullian an" (Jüthner, 1965, S. 36). An einer anderen Stelle heißt es bei ihm: "Unter den Kirchenvätern, die die Spiele bekämpften, steht im Vordergrund TertullianUS von Karthago ..., dessen erhaltenes Werk ‚De spectaculis’ die Angriffe enthält" (Jüthner, 1965, S. 153).

Als entscheidenden Gesichtspunkt für die Ablehnung des antiken Sports bezeichnet Müller die zunehmende Leibfeindlichkeit des Christentums; doch habe "die christliche Sportkritik" keinen Erfolg gehabt: "Den deutlichsten Beweis für die Erfolglosigkeit christlicher Sportkritik liefert ... gerade der Autor, von dem die heftigsten Angriffe auf den Sport stammen, Tertullian." (Müller, 1995, S. 338) Saurbier ist sogar der Meinung, Tertullian habe – ebenso wie andere frühchristliche Schriftsteller - "den Leib als etwas Sündhaftes, als Träger des Bösen" angesehen und aus diesem Grund die Pflege des Leibes abgelehnt (Saurbier 1978, S. 44, Anmerkung). Auch andere Autoren nennen Tertullian als Kronzeugen für die weitgehende Ablehnung der antiken Körperkultur und Athletik durch die


 

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frühen Christen. So bezeichnet Mähl unseren Autor als "leidenschaftlichen Gegner der Agonistik und Athletik" (Mähl, 1974, S. 51).
    In der vorliegenden Abhandlung sollen zunächst biographische Hinweise zur Person Tertullians gegeben werden. Dann werden die Texte aus der Schauspielschrift, die sich auf die antike Athletik und Agonistik beziehen, zitiert und anschließend bewertet. Schließlich wird das "Umfeld" und das "Weiterleben" der kritischen Äußerungen Tertullians bei den frühchristlichen Schriftstellern Tatian, Novatian und Laktanz, aus frühmittelalterlicher Zeit bei Isidor von Sevilla zur Sprache kommen.

 

Zur Biographie Tertullians.

Tertullian (ca.160–220 n. Chr.) ist nicht nur der erste, sondern bis zu Augustinus auch der bedeutendste lateinisch schreibende christliche Schriftsteller. Die Begriffswelt der lateinischen Theologie wurde von ihm bleibend geprägt. Er stammte aus einer gutsituierten Familie in Karthago. Dort und wohl auch in Rom eignete er sich "eine fundierte zweisprachige literarische, rhetorische und philosophische Bildung an" (Fürst, 2000, S. 1344).
Vor dem Jahr 197 n. Chr. wurde er Christ. Von diesem Zeitpunkt an stellte er sich als Lehrer und Schriftsteller in den Dienst der Christengemeinde von Karthago, in der er wahrscheinlich mit der Unterweisung der Katechumenen, also der Taufbewerber betraut war. Seine "schroffe, zum Extremen und Rigorismus neigende Natur" (Kötting, 1964, S. 1370) führte ihn schließlich zum Zerwürfnis mit der Kirche und zur Hinwendung zum Montanismus und dessen prophetisch-asketischen Überzeugungen.
    Tertullian verfasste ein umfangreiches, inhaltlich sehr vielseitiges Werk von apologetischen, dogmatischen und praktisch-asketischen Schriften, und zwar nicht nur in lateinischer, sondern auch in griechischer Sprache. So hat er z. B. in griechischer Sprache eine (nicht erhaltene) Schrift "Über die Schauspiele" verfasst (vgl. Schöllgen, 1982 a). In seinen 31 erhaltenen Schriften geht es ihm in der Regel vor allem um die Verteidigung des christlichen Glaubens gegenüber dem Heidentum und gnostisch-christlichen Sekten. In diesen Schriften erweist sich Ter-


 

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tullian aber auch als jemand, der gerade die gebildete heidnische Leserschaft mit vernunftgemäßen Argumenten für das Christentum zu gewinnen suchte (vgl. Schulze-Flügel, 1998 und 2002).

Philosophisch steht Tertullian unter dem Einfluss der stoischen Philosophie. Von hierher erklärt sich auch zum Teil seine vernichtende Kritik an den verschiedenen Schauspielen und an der Athletik seiner Zeit. Er ist dabei offensichtlich von Cicero und Seneca beeinflusst. Das stoische Denken wird vor allem in der Bewertung der Leiblichkeit des Menschen deutlich. Doch ist Tertullian weit entfernt von der stoischen Leibentwertung, ja von einer Leibfeindschaft. "Tertullian ist bei allem sittlichen Rigorismus nie zum Verächter des Leibes geworden, hat vielmehr seinen Grundsatz ‚natura honoranda est’ (die Natur ist zu ehren) ... in der Theorie stets hochgehalten" (Keseling, 1950, S. 772).

In der Abwehr und in der Auseinandersetzung mit der leibfeindlichen Gnosis trifft er den entscheidenden Punkt. Sein Wort "Das Fleisch ist der Angelpunkt des Heils" (= caro cardo salutis) charakterisiert diese positive Wertung der Leiblichkeit (vgl. De resurrectione carnis, 8, 2) und widerlegt – wenigstens für unseren Autor – den Vorwurf der Leibfeindlichkeit bzw. den der Vernachlässigung der Leibpflege. Seele und Körper sind Geschwister und beide der Auferstehung würdig: "Was, Seele, neidest du dem Fleisch? Keiner ist dir so sehr der Nächste, den du nach Gott lieben sollst; keiner ist so sehr dein Bruder wie das Fleisch, das mit dir zusammen in Gott geboren wird" (De resurrectione carnis, 63, 4–5).
    Die apodiktische Feststellung bzw. der Vorwurf, Tertullian habe das Fleisch nicht nur als schwach, sondern auch als "verloren, sündhaft und verdammt" bezeichnet (vgl. Kösling, 1988, S. 101), ist auch aus dem Grund zurückzuweisen, weil sie nicht den Textzusammenhang berücksichtigt. In der schon zitierten Schrift heißt es, Gott lasse nicht zu, das Werk seiner Hände dem ewigen Untergang preiszugeben:

"Er liebt das Fleisch, das ihm auf vielfältige Weise nahe steht (= proxima), auch wenn es schwach (= infirma), ... hinfällig (= imbecilla),... heillos (= perdita),… sündig (= peccatrix) ... und verurteilt (= damnata) ist... Wieso machst du dem Fleisch die Eigenschaften zum Vorwurf, die sich nach Gott sehnen und auf Gott hoffen?" (De resurrectione carnis, 9, 2 – 5)


 

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Ausdruck für die positive Einstellung Tertullians zur Leiblichkeit ist auch die Tatsache, dass er regelmäßig, offensichtlich sogar täglich die Bäder besucht – außer zur Zeit der Saturnalien, d. h. zur Zeit von heidnischen Praktiken in den Bädern (vgl. Apologeticum, 42).

 

Tertullians Kritik an der Athletik und Agonistik

Tertullian richtet seine Schauspiel-Schrift nicht nur an die Taufbewerber, die "Katechumenen", sondern "ausdrücklich auch an die getauften Gemeindeglieder" (Schöllgen, 1982 b, S. 21). Für seine ablehnende Einstellung gegenüber den verschiedenen Formen der Schauspiele nennt er eine Reihe von Gründen.

Zwar werde an keiner Stelle der Heiligen Schrift der Besuch der verschiedenen Schauspiele verurteilt; doch lasse sich für dieses Verbot durchaus der Vers aus dem 1. Psalm anführen:

"Glücklich der Mann, der nicht in die Versammlung der Gottlosen geht und auf dem Wege der Sünder nicht steht und auf dem Stuhl der Pestilenz nicht sitzt" (De spect., 3, 2).

Tertullians entscheidendes Argument ist der Hinweis auf die Nähe der verschiedenen Schauspiele zum, ja deren Verquickung mit dem heidnischen Kult. Die Schauspiele sind für ihn eindeutig Teil des für den Christen nicht akzeptablen Götzendienstes. Der Christ hat in seinen Taufgelübden grundsätzlich die Abkehr von den Götzen und deren Verehrung vollzogen; er hat damit wenigstens einschlussweise damit auch den Schauspielen abgeschworen:

"Wenn es mithin feststeht, dass alles, was zu den Schauspielen gehört, vom Götzendienst herrührt, dann dürfte damit ein unumstößliches Urteil gegeben sein, dass unsere Beteuerung des Widersagens bei der Taufe sich auch mit auf die Spiele bezieht; denn diese sind dem Teufel, seiner Pracht und seinen Engeln zum Eigentum verfallen, und zwar durch den Götzendienst" (De spect., 4, 3).


 

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Die enge Verquickung der Schauspiele mit dem heidnischen Götzenkult wird von Tertullian an vielen Beispielen verdeutlicht. Zwar sei es dem Christen aus einem entsprechenden Grund erlaubt, die Örtlichkeiten zu betreten, in denen die Schauspiele stattfinden, etwa den Zirkus. Sogar die heidnischen Tempel dürfe man besuchen. Schließlich seien ja auch die Straßen, der Markt und die Bäder, selbst die Häuser mit Götterbildern versehen:

"Ja, die ganze Welt ist vom Satan und seinen Engeln erfüllt. Wir fallen durch den bloßen Umstand, dass wir in der Welt sind, noch nicht von Gott ab, sondern nur dann, wenn wir uns an irgendeinem Verbrechen der Welt beteiligen. Wenn ich also das Kapitol, wenn ich das Serapeum betrete als einer, der dort opfert und anbetet, dann falle ich von Gott ab, ebenso wenn ich den Zirkus und dass Theater in der Eigenschaft als Zuschauer betrete.

Die Örtlichkeiten an sich sind nicht imstande, uns zu beflecken, wohl aber das, was dort geschieht, und wodurch ... die Örtlichkeiten befleckt werden. Durch Beflecktes werden wir befleckt" (De Spect., 8, 9–10).

In diesem Zusammenhang nennt er nun auch besonders die Olympischen, die Nemeischen und Isthmischen Spiele, bei denen das gesamte Umfeld durch den Götzenkult, also die Idololatrie "besudelt" werde. Ja, selbst die einzelnen gymnastischen Disziplinen sind nach Tertullians Auffassung aus dem heidnischen Denken entstanden. Sie seien entweder heidnischen Göttern gewidmet, so in Olympia dem Jupiter, in Nemea dem Herkules, am Isthmus von Korinth dem Neptun; oder sie würden als "Leichenspiele" (= mortuorum agones) gefeiert:

"Was ist es also Auffallendes, wenn sogar der äußere Apparat der Wettkämpfe (= agon) durch die Idololatrie befleckt wird, durch unheilige Kränze (= corona), durch den Vorsitzenden (= praeses) aus der Priesterschaft, die dienenden Genossenschaften und endlich durch das Opferblut eines Ochsen? ... Sie ahmen durch den Wettstreit (= duellum) und das Trompetenblasen (= tuba) im Stadion den Zirkus nach. Das Stadion ist natürlich auch ein Tempel, und zwar des Idols, dessen Feierlichkeit man begeht" (De spect., 11, 1–3).


 

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Selbst die einzelnen gymnastischen Übungen (= gymnicae artes) sind nach Tertullians Meinung aus dem heidnischen Kult entstanden, also "Teufelswerk" und Formen des "Götzendienstes". Besonders das Ringen, aber auch die verschiedenen Lauf-, Wurf- und Sprungübungen sind deshalb für den Christen nicht akzeptabel, insbesondere jedoch die auch von den Zeitgenossen kritisierte "Zwangsdiät":

"Du wirst keinen Beifall spenden den törichten Lauf- (= cursus), Wurf- (= iaculatus) und Sprungübungen (= saltus); niemals werden schimpfliche und eitle Kraftübungen (= vires) dein Gefallen finden, so wenig wie die Sorge um angequälte Körperfülle, weil sie das Gebilde Gottes überbieten will; und du wirst die um des griechischen Müßiggangs willen gemästeten Menschen (= altilis) verabscheuen. Auch die Kunst des Ringens (= palaestrica) ist etwas Teuflisches. Der, welcher die Menschen zuerst zu Boden drückte, war der Teufel. Selbst in den Bewegungen ist eine Ähnlichkeit mit der Kampfart der Schlange; zäh sind sie im Festhalten, voll Windungen im Umschlingen und glatt zum Entschlüpfen" (De spect., 18, 2–3).

In einer anderen Schrift beklagt Tertullian die Tatsache, dass die afrikanischen Städte und die Stadt Karthago die "griechischen Wettkämpfe" (= certamina Graecorum) an den heidnischen Festtagen und die damit verbundenen "Ausschweifungen" (= voluptates) fördern: "Noch immer lassen die einzelnen Städte mit ihren Glückwünschen Karthago keine Ruhe, da der Stadt ein pythischer Wettkampf (= Pythicus agon) anvertraut worden ist" (Scorpiace, 6, 2).

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass Tertullians Argumentation, die verschiedenen Schauspiele und auch die athletischen Übungen seien mit dem Götzendienst verquickt gewesen, in der schon zitierten Literatur nur wenig Beachtung findet – etwa bei Jüthner, bei Mähl und Thuillier. Lediglich Weiler (1981) und Müller (1995, S. 337) weisen darauf hin, dass das Hauptargument Tertullians gegen die Athletik die Idololatrie gewesen ist; sie gehen aber nicht ausführlich darauf ein.

Unter den genannten "Kraftübungen" (= vires) sind wohl in erster Linie das Boxen und das Pankration gemeint, die sich bei den Zuschauern der


 

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größten Beliebtheit erfreuten, und zwar wegen der Grausamkeit und der Menschenverachtung, die sich in diesen Übungen zeigten. Denn "nur sie vermochten ein an grausame Gladiatorenspiele und wilde Wagenrennen gewöhntes Publikum noch zu fesseln" (Weismann, 1972, S. 63).

"Du wirst nicht leugnen können, dass das, was auf dem Kampfplatz (= stadium) geschieht, deines Anblicks nicht würdig ist: die Faustschläge (= pugnus), die Fußtritte (= calces), die Schläge ins Gesicht (= colaphus), welche fallen, das freche Gebaren der Hände und all die Verunstaltungen des menschlichen Antlitzes, dieses Ebenbildes Gottes" (De spect., 18, 1).

Und an einer anderen Stelle heißt es:

"Der Meister (= artifex) im Faustkampf (= pugnus), ... wird auch er ungestraft ausgehen? Er hat seine Schlagriemennarben (= cicatrices caestuum), seine Beulen von den Faustschlägen (= pugnus), seine Knoten hinter den Ohren wohl schon von Gott bei seiner Erschaffung empfangen? Hat ihm Gott die gesunden Augen verliehen, damit er sie bei der Prügelei verliere?" (De spect., 23, 7)

Boxen und Pankration stehen also für Tertullian auf der gleichen Stufe mit den Kämpfen der Gladiatoren und den Tierhetzen (vgl. dazu besonders die Kapitel 19, 20 und 25). Doch lehnt er ebenso entschieden die bei den Athleten beliebten und geübten Ernährungspraktiken ab. In diesem Punkt weiß er sich mit der Kritik besonders der stoischen Philosophen einig, die die "Mästung" der Athleten in einer "Zwangsdiät" (= anankophagia) als menschenunwürdig bezeichneten. So macht sich Philostratos in seiner "Gymnastik-Schrift" über die Athleten lustig, indem er sie als "voll gepfropft wie libysche und ägyptische Mehlsäcke" karikiert (Gymnastik, 44; vgl. dazu auch Jüthner, 1965, S.195 f); und Seneca nennt in einem Brief an seinen Freund Lucilius die Athleten "armselige Kotzbrüder, deren körperliche Funktion in der Mästung ihres Leibes besteht, deren Geist aber an dauernder Abmagerung und Schlafsucht leidet" (Briefe an Lucilius, 88, 19). Diesen kritischen Äußerungen gegenüber klingen die Urteile Tertullians geradezu gemäßigt.


 

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Was die Schilderung und die Verurteilung der Ringkämpfe (= palaestrica) betrifft, so können die Ausführungen des Lukian von Samosata die kritischen Äußerungen Tertullians veranschaulichen (vgl. Steindl, 1963, S. 12–14 und 43–45). Überhaupt muten die Einwände des Skythen Anacharsis bei Lukian gegenüber den Geflogenheiten bei den athletischen Wettkämpfen wie der Hintergrund für die vernichtende Kritik Tertullians und anderer frühchristlicher Autoren.

Vielleicht das gewichtigste Argument Tertullians gegen die Schauspiele – neben dem Argument der Idololatrie – hängt mit seiner Prägung durch die stoische Philosophie zusammen. Diese "Wurzel" seiner Auffassung wird allerdings von den Kritikern nicht berücksichtigt. Für die Stoa war charakteristisch, das Leben so zu führen, dass die geistige Natur des Menschen das Denken und Tun ganz bestimmt. Es geht um die innere Harmonie, die durch die Dominanz der Affekte und der Vergnügungen verloren zu gehen droht. Diese "irrationalen" Kräfte machen den Geist aktionsunfähig. Das Ziel des sittlichen Bemühens muss darum sein die Ordnung, ja die Freiheit von den Affekten und den sinnlichen Vergnügungen, also die "Gelassenheit" (= apatheia), die "Unerschütterlichkeit" (= ataraxia) gegenüber diesen negativen Einflüssen zu erlangen.

Tertullian, der in dieser stoischen Gedankenwelt groß geworden und auch als Christ ihr noch verbunden ist, ist in Karthago mit der Tatsache konfrontiert worden, dass viele Christen ihr Bedürfnis nach Vergnügungen mit Vorliebe bei den heidnischen Festen und Schauspielen befriedigten. Gegen diese "heidnische Vergnügungskultur" schrieb er deshalb seine Schrift "Über die Schauspiele", in der er diese Vergnügungen, die "voluptates spectaculorum einer leidenschaftlichen und radikalen Kritik unterzog" (Kessler, 1994, S. 313 f). In der Tat gehört der Begriff "voluptas = Vergnügen, Genusssucht" zu den zentralen Begriffen der Schauspiel-Schrift Tertullians und ist ein Schlüssel zum Verständnis seiner Kritik.

Mit dem Gedanken der (zunächst durchaus positiv gesehenen) Wertneutralität des Vergnügens und mit der damit verbundenen Möglichkeit eines positiven Vergnügens folgt Tertullian der stoischen Philosophie.


 

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Die wahre Sehnsucht des Christen verwirklicht sich für ihn in dem Wunsch, diese Welt zu verlassen und bei Gott zu sein (vgl. 2. Kor., 5, 8). Die Wünsche und Sehnsüchte des Christen haben demnach mit denen der Heiden nichts gemein. Dieser Unvereinbarkeit aber steht gegenüber die Tatsache einer nicht unbedeutenden Zahl von Schauspiel-begeisterten Christen. Es geht Tertullian also darum, diesen Leuten klar zu machen, wie sie im Sog von Aberglauben und Vergnügungen in den Machtkreis der Dämonen geraten. Dieser Sog zeigt sich für ihn im Vergnügen an der immer mehr gesteigerten Grausamkeit, ja der Brutalität z. B. der Gladiatorenkämpfe, der Tierhetzen, nicht zuletzt auch einiger athletischer Zweikämpfe wie Boxen und Pankration.
    Die Ablehnung der Vergnügungssucht durch Tertullian bedient sich also der stoischen Argumentation. Gerade in dieser "Begierde nach Vergnügungen" (= voluptates) beim Besuch der Schauspiele (De spect., 14, 3) sieht er die Gefahr für den Christen:

"Kein Schauspiel geht vor sich ohne starke geistige Erregung. Denn wo es sich um Vergnügungen handelt, da ist auch Interesse dafür da, wodurch natürlich das Vergnügen erst seine Anziehungskraft bekommt; und wo Interesse ist, da ist auch Neid und Eifersucht, wodurch das Interesse erst seine Anziehungskraft bekommt. Wo aber Neid und Eifersucht ist, da ist auch Wut, Ärger, Verdruss und so weiter infolge der Dinge, welche samt diesen Affekten mit der sittlichen Zucht unvereinbar sind" (De spect., 15, 3–4). "Wenn du in der Welt Vergnügen begehrst, mein Christ, so bist du ein Diener der Sinnlichkeit, oder besser: du bist ein Tor, wenn du so etwas für Vergnügen hältst" (De spect., 28, 3).

Diese Abhängigkeit von den Vergnügungen ist umso gefährlicher, je eingängiger diese sind – nicht nur für die sorglosen Heiden, sondern gerade für die arroganten Christen, die meinen, die Teilnahme an den Schauspielen sei rein äußerlich, sittlich unbedenklich und besage keine Ehrfurchtslosigkeit gegenüber Gott: "Nur in einer rein christlichen Welt wäre eine solche ‚Seelenhygiene’" möglich (Kessler, 1994, S. 321).

Jedes Schauspiel und damit jegliches Vergnügen bedingt für Tertullian eine Erschütterung und Verwirrung von Geist und Gemüt. Als Ideal gilt deshalb der Mensch, der sich jegliche Gemütsregung versagt. "Wenn


 

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der Affekt aufhört, ist auch kein Vergnügen mehr vorhanden" (De spect., 15, 6). Tertullians "Idealchrist ... entpuppt sich als stoischer Weiser" (Kessler, 1994, S. 324). Das Ideal der "Apatheia" wird Tertullian wenig später in seiner Schrift "Über die Geduld" feiern. In ihr hat er gleichsam der Gegenentwurf zum Teufelskreis der Leidenschaften vorgelegt, den er im 15. Kapitel seiner Schauspiel-Schrift beschreibt.

Tertullian bietet in den drei letzten Kapiteln seinen Mitchristen von Gott gutgeheißene "Vergnügungen" an, welche die von den Heiden geschmähten Christen in ihren Bann ziehen sollen. Zunächst ist es diese Freude:

"Welche Lust (= voluptas) kann größer sein als der Ekel an der Lust selbst, als die Verachtung der ganzen Welt, die wahre Freiheit, ein unbeflecktes Gewissen, ein zufriedenes Leben und Freiheit vor jeder Todesfurcht?" (De spect., 29, 2)

Dann soll sich der Christ der Freude bewusst sein, die durch das Endgericht über Könige, Christenverfolger, Philosophen, Dichter, Wagenlenker und Athleten ausgelöst wird. Er hat ein fast sadistisches Vergnügen an diesem Bild des Endgerichts: "Kein Grieche, aber auch kein mittelalterlicher Christ hat etwas derartig bis zum Sadismus Wildes, Grausig-Grandioses je wieder zu Papier gebracht." (v. Campenhausen 1986, S. 30) Mit dem Hinweis: "Erwarte die Wendepunkte (= meta) der Vollendung!" versucht Tertullian ein christliches Pendant zur Begeisterung zu geben, wie sie sich beim Wenden der Pferdegespanne im Zirkus äußerte. Einer als pervers empfundenen heidnischen Welt stellt er die christliche Glaubens- und Heilsgewissheit gegenüber:

"Deine Zirkusspiele (= ludi circenses) seien: Betrachte den Lauf der Welt; zähle die flüchtig dahineilenden Stunden und Zeiten; erwarte den Wendepunkt (= meta) der Vollendung; verteidige die kirchlichen Genossenschaften; erwache beim Signal Gottes; erhebe dich bei der Posaune (= tuba) des Engels; setze deinen Ruhm in die Palme des Martyriums ... Verlangst du Faustkämpfe (= pugilatus) und Ringkämpfe (= luctatus)? Sie sind vorhanden, und zwar viele und bedeutende. Schau hin, wie die Unzucht von der Keuschheit niedergeworfen, wie der Unglaube vom


 

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Glauben überwunden, wie die Rohheit vom Mitleid aus dem Feld geschlagen, wie die Unverschämtheit von der Anspruchslosigkeit auf die Seite gedrängt wird! Das sind innere Wettkämpfe (= agones), in welchen wir selber gekrönt (= coronari) werden" (De spect., 29, 3 und 5).

Der gemäße Ausdruck für dieses Denken ist für Tertullian die Sehnsucht nach dem Martyrium, dem eigentlichen christlichen "Agon". Die Christen sollen sich mit den Siegeszweigen des Martyriums rühmen, anstatt den Siegern im Zirkus oder im Stadion zuzujubeln. Bereits im Kerker komme der zum Tod verurteilte Christ in den Genuss dieser Befreiung vom Leben der Heiden. In seiner Schrift "An die Märtyrer" heißt es:

"Du hat nicht mehr den Anblick der fremden Göter; ... du nimmst nicht an den Festtagen der Heiden teil durch deine Anwesenheit; du wirst ... nicht beleidigt durch das Gebrüll bei den Schauspielen, durch die Rohheit, die Wut und die Schamlosigkeit der Teilnehmer" (An die Märtyrer, 4).

Es ist schon erstaunlich, wie dieser Aspekt, d. h. die auf der stoischen Affektenlehre beruhende Sicht und die entscheidend darauf basierende Ablehnung der heidnischen "Vergnügungen" in den Abhandlungen über die Kritik an der Agonistik und Athletik durch die frühe Christenheit bzw. durch Tertullian keinerlei Erwähnung findet. Es verwundert auch, dass aus der Verurteilung der Schauspiele im allgemeinen und der athletischen Übungen - besonders durch Tertullian - darauf geschlossen wird, er sei grundsätzlich ein Gegner von Körperpflege und Leibesübungen gewesen. Das ist aus seiner Schauspielschrift in keiner Weise zu belegen.

Die Formen der entarteten und auch sonst abgelehnten Athletik, wie sie uns besonders im Boxen und im Pankration begegnen, abzulehnen, das ist ja noch nicht gleichbedeutend mit der Ablehnung und Verurteilung einer vernünftigen Leibesübung und Leibpflege, wie sie nicht nur in der zeitgenössischen Literatur, sondern auch im frühchristlichen Schrifttum belegt ist, etwa bei Klemens von Alexandrien, einem Zeitgenossen Tertullians (vgl. dazu Koch, 1965 a, S. 81–85).

Es wurde schon darauf hingewiesen, dass Tertullian die persönliche Leibpflege nicht vernachlässigte, indem er regelmäßig die Bäder besuchte –


 

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mit Ausnahme zur Zeit der Saturnalien (vgl. Apologeticum, 42). Sportliche Spiele und Körperpflege gehörten ja zu den Selbstverständlichkeiten des Lebens, die weder einer Erwähnung noch einer Rechtfertigung bedürfen. Wo dies geschieht, weist es auf einen problematischen Zwiespalt hin.

 

"Umfeld" und "Weiterleben" der Kritik Tertullians bei frühchristlichen Schriftstellern

Tertullian ist nicht der erste christliche Schriftsteller, der die zeitgenössische Athletik und Agonistik einer vernichtenden Kritik unterzogen hat. Das gilt nicht nur für die vorkonstantinische Zeit. "Die Haltung der Großkirche ... war klar: sie hat den Besuch der ‚spectacula’ immer abgelehnt und diese Position auch in nachkonstantinischer Zeit beibehalten." (Schöllgen, 1982 b, S. 21). Das lässt sich an der Einstellung einiger frühchristlicher Schriftsteller aufzeigen.

  1. Der Syrer Tatian (geb. ca. 120 n. Chr.), Gründer einer gnostisch-enkratitischen Sekte, verfasste eine "Rede an die Hellenen", eine Streitschrift, in der die gesamte griechische Kultur abgelehnt und herabgesetzt wird. Auch die Körperkultur bleibt von seiner Kritik und von seinem Spott nicht verschont. Neben der Kritik an den verschiedenen Schauspielen (Theater, Gladiatorenkämpfe etc.) greift Tatian auch die Athletik an. Auffallend ist dabei, dass deren Ablehnung bei ihm nicht aufgrund der Verbindung zum heidnischen Kult geschieht:

    "Ich sah für die Kampfspiele (= somaskia) gemästete Menschen die Last ihres Fleisches herumschleppten, denen Siegespreise (= epathla) und Kränze (= stephanos) verheißen wurden, indem die Kampfrichter (= agonothetes) sie nicht zu edlen Tagen, sondern zum Wettstreit (= philonikia) in frevelhaftem Kampf aufriefen und den ärgeren Raufer (= plektes) mit dem Kranz auszeichneten (= stephanoun)" (Rede an die Hellenen, 23, 1).


     

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    Es handelt sich offensichtlich um eine Verurteilung der Berufsathletik, besonders von Ringen, Boxen und Pankration, wo schwergewichtige Athleten besonders erfolgreich waren. Mit dieser Kritik ist Tatian sich einig mit stoischen Philosophen; ob er damit Tertullian beeinflusst hat, lässt sich jedoch nicht belegen.

  2. Selbst Klemens von Alexandrien (ca. 145–215 n. Chr.), der sonst gegenüber der griechischen Kultur und Bildung aufgeschlossen war und die Körperpflege und Leibesübungen empfahl (vgl. Decker, 1936 und Koch, 1965a, S. 81–85), äußert sich kritisch über die Darbietungen in den Stadien und Theatern: "Nicht ohne Berechtigung könnte man die Stadien (= stadia) und das Theater ‚einen Sitz des Verderbens’ nennen." (Paidagogos, III. 76, 3) Und mit deutlicher Anspielung auf die tödlichen Gladiatorenspiele heißt es: "Keine Spielereien mehr sind die protzigen Auftritte, die so erbarmungslos sind, dass sie den Tod bringen" (Paidagogos, III. 77,4).

    Von seiner Kritik bleibt die sogenannte "Zwangsdiät" der Athleten nicht ausgenommen: im Gegensatz zu einer gesunden Ernährung und der daraus resultierenden "Stärke" stellt er fest: "die Zwangsdiät der Athleten" führt zu einer "trügerischen und erbärmlichen Stärke" (Paidagogos, II. 2, 1). Nicht zuletzt befasst er sich in seiner "Mahnrede an die Heiden" mit den panhellenischen Wettkämpfen, deren baldiges Ende er wegen ihrer Verquickung mit dem Götzenkult wünscht (vgl. Protreptikos, II. 34, 1).


  3. Mit großer Wahrscheinlichkeit hat Tertullians Schauspiel-Schrift den ebenfalls aus Nordafrika stammenden Kirchenschriftsteller Minucius Felix beeinflusst. In dessen Schrift "Octavius", deren Entstehungszeit wohl um 240 n. Chr. anzusetzen ist, wird die heidnische Religion mit ihren vielen Göttern lächerlich gemacht. Dass die Schauspiele insgesamt abgelehnt und verurteilt werden, ist deshalb nicht verwunderlich, wenn auch nicht mit ausdrücklicher Nennung der Athletik.


     

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    An die Adresse eines heidnischen Freundes gerichtet, der den Christen den Vorwurf macht, die Schauspiele und die Wettkämpfe zu Ehren der Götter (= sacra certamina) zu meiden (Octavius, 12, 5), heißt es:

    "Wir bleiben natürlich euren schlimmen Vergnügungen, Aufzügen und Schauspielen fern, deren religiösen Ursprung wir kennen und deren gefährliche Reize wir verwerfen. Wer sollte bei den Spielen im Zirkus sich nicht entsetzen über den Wahnsinn, mit dem das Volk sich streitet; bei den Gladiatorenkämpfen über die handwerksmäßige Menschenschlächterei? Auch in den Schauspielen ist keine geringere Raserei und die Schändlichkeit noch zügelloser" (Octavius, 27, 11–12).

  4. Mit Sicherheit hat Tertullian den Kirchenschriftsteller Novatian (ca. 258 n. Chr. als Märtyrer gestorben) beeinflusst. In seiner Schrift "Über die Schauspiele" werden die gleichen Argumente wie in der Schauspiel-Schrift Tertullians verwendet. Auch gibt es viele Anklänge an die stoischen Lehren des Seneca. Zunächst führt Novatian die von den Christen vorgebrachten Entschuldigungsgründe an. Der Apostel Paulus habe doch auch Vergleiche aus der Welt der athletischen Wettkämpfe im Stadion für die geistlichen Kämpfe der Christen verwendet – so im 1. Korintherbrief. "Warum darf der Christ sich nicht das anschauen, worüber in den heiligen Briefen geschrieben werden darf?" (Über die Schauspiele, 2, 2) Auch der Hinweis auf den Propheten Elija, "den Wagenlenker Israels" (= auriga) und den "Chorführer David" sei kein Grund, "im Theater zu sitzen" und "unerlaubte Dinge anzuschauen" (3, 2). Dann schreibt Novatian:

    "Alle Arten von Schauspielen hat (die Heilige Schrift) verurteilt, als sie den Götzendienst (= idolatria) beseitigt hat, die Mutter aller Spiele (= ludus), von der der ungeheuerliche Wahnsinn und Leichtsinn abstammen. Denn welches Schauspiel hat keinen Götzen? Welcher Wettkampf (= certamen) ist nicht einem Toten geweiht. Was hat mit all dem der gläubige Christ zu tun? ... Wenn der Christ zu einem Schauspiel des Teufels geht, dann hat er Christus abgeschworen" (Über die Schauspiele, 3, 2).


     

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    Neben dem Hinweis auf den götzendienerischen Inhalt der Schauspiele und Wettkämpfe ist für Novatian vor allem die Grausamkeit und Sinnlosigkeit der Wettkämpfe Gegenstand seiner Kritik.

    Gemeint sind wohl in erster Linie die Gladiatorenkämpfe, die besonders bei den Zuschauern zu bedenklichen Reaktionen führen, aber auch einzelne athletische Übungen:

    "Wie sinnlos sind die Wettkämpfe (= certamina), der Streit zwischen den ‚Farben’ (der Zirkusparteien), die Auseinandersetzungen bei den Läufen bzw. Wagenrennen (= cursus); ... sich zu freuen, dass ein Pferd schneller ist; traurig zu sein darüber, wenn es zu langsam ist; die Jahre des Tieres zu berechnen" (Über die Schauspiele, 5). "Wie abscheulich sind diese Ringkämpfe (= luctamen), wo ein Mann über einem anderen liegt ... In einem solchen Kampf (= certamen) mag einer Zuschauer oder Sieger sein, in jedem Fall bleibt die Scham auf der Strecke. Da vollführt einer nackt Sprünge (= salire), ein anderer wirft mit allen Kräften den ehernen Diskus (= orbis aeneus). Das gereicht jedoch in keiner Weise zum Ruhm. Das ist Wahnsinn ... Gemieden werden müssen von den Christen diese Schauspiele, die so unsinnig, so verderblich sind" (Über die Schauspiele, K. 8).

    Interessant an diesem Text ist besonders die Nennung des Diskuswurfs in einer christlichen Schrift. Selbstverständlich fehlt bei Novatian nicht der Hinweis – ähnlich wie bei Tertullian – auf die "besseren Schauspiele" der Christen: auf das Schauspiel der Natur als der Schöpfung Gottes und auf die Erzählungen der Heiligen Schrift. Das ist die dem Christen angemessene Unterhaltung:

    "Er wird darin schauen den Glauben im Kampf (= luctare) mit dem Feuer; wilde Tiere werden vom Gottesglauben überwunden; ... schließlich den Teufel, der über die ganze Erde triumphiert hatte, unter Christi Füßen liegend ... Dieses Schauspiel kann uns kein Prätor oder Konsul bieten, sondern nur ... der Vater unseres Herrn Jesus Christus (Über die Schauspiele, K. 10).


  5.  

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  6. An dieser Stelle ist der Hinweis auf Bestimmungen von frühchristlichen Kirchenordnungen, Konzilien und Synoden angebracht. So beschäftigt sich schon die "Apostolische Überlieferung", die wohl um 215 n. Chr. in Rom entstanden ist und Hippolyt (ca. 170–235 n. Chr.) zugeschrieben wird, mit der Frage, wie man bei der Aufnahme neuer Mitglieder verfahren solle, die Berufe ausübten, die für die sittenlose heidnische Welt typisch waren. Darin heißt es:

    "Ein Wagenlenker (= auriga) und ebenso ein Wettkämpfer (= certare) oder wer sonst an einem Agon teilnimmt, soll damit aufhören oder abgelehnt werden. Wer Gladiator ist oder diejenigen im Kampf unterrichtet, die zu den Gladiatoren gehören, oder ein Tierkämpfer (= venator), der an einer Tierhetze teilnimmt, oder ein Beamter, der die Gladiatorenspiele veranstaltet, soll damit aufhören oder abgelehnt werden" (Apostolische Überlieferung, 16).

    Auf dieser frühchristlichen Schrift basieren die sogenannten "Canones Hippolyti", eine Sammlung von Bestimmungen, die um die Mitte des 4. Jahrhunderts in Ägypten entstanden ist. Die Abhängigkeit zeigt sich z. B. im Kanon 12:

    "Jeder Schauspieler oder Gladiator, ... jeder, der an den olympischen Spielen teilnimmt (als Wagenlenker, Kämpfer, Läufer, Spielgeber ...): alle diese sollen zu den heiligen Versammlungen nicht zugelassen werden, bevor sie sich nicht von den unreinen Werken gereinigt haben."

    Fast alle derartigen Bestimmungen sind in einer Sammlung enthalten, die dem Isidor von Sevilla (ca. 560–636 n. Chr.) zugeschrieben wird. Das betrifft auch einen (in der isidorianischen Sammlung zitierten) Kanon der 3. Synode von Karthago aus dem Jahre 387 n. Chr:

    "Die Söhne von Priestern und Klerikern sollen keine weltlichen Schauspiele veranstalten; ja, sie sollen nicht einmal dabei Zuschauer sein, zumal auch allen Laien das Zuschauen untersagt ist. Immer nämlich ist es allen Christen untersagt, sich dorthin zu begeben, wo Gott gelästert wird" (J. P. Migne, Patres Latini, Band 84, S. 191).


  7.  

    -27-

  8. Offensichtlich sind diese Bestimmungen und Auffassungen dem Isidor von Sevilla bekannt gewesen ; das geht vor allem aus seinem Hauptwerk "Etymologiae" hervor, einem "Kompendium" des antiken Wissens, aber auch aus einem kleinen Traktat, einem wohl von ihm verfassten "Erziehungsprogramm" (vgl. Koch, 1965b). In deutlicher Anlehnung an die Schauspiel-Schrift Tertullians kommt Isidor auf die Schauspiele zu sprechen. Eine Reihe von Sätzen stimmen fast wörtlich überein; das ist nur aus der Kenntnis der Schrift Tertullians zu erklären. So heißt es: "Als Schauspiele werden nach meiner Ansicht im allgemeinen Vergnügungen (= voluptates) bezeichnet, die nicht durch sich selbst beflecken, sondern durch das, was dort ausgeübt wird." (Etymologiae, 18, 16). Dieser Satz stimmt wörtlich überein mit Sätzen aus den Kapiteln 8 und 15 der Schauspielschrift Tertullians.

    Auch andere Texte Isidors "atmen" den Geist Tertullians. Nachdem er dessen Einteilung der "Spiele" übernommen hat ("Es gibt verschiedene Spiele: die gymnastischen, die zirzensischen Spiele, die Gladiatorenkämpfe, die Theaterdarstellungen") heißt es:

    "Der Ursprung der Spiele liegt im Götzendienst. Deswegen werden die Spiele auch ‚Liberalia’ genannt, und zwar wegen der Verehrung des Vaters Liber (= Jupiter). Aus diesem Grund ist auf den Schandfleck des Beginns zu achten, damit du nicht etwas für gut hältst, was seinen Anfang von etwas Schlechtem herleitet ... Diese grausamen Schauspiele und das Betrachten der Eitelkeiten ist nicht nur durch die Laster der Menschen, sondern auch auf Befehl der Dämonen eingesetzt worden. Deshalb darf der Christ nichts gemein haben mit dem Wahnsinn des Zirkus, mit der Schamlosigkeit des Theaters, mit der Grausamkeit des Amphitheaters, mit der Wildheit der Arena, mit der Unzüchtigkeit der Spiele. Wer derartiges vorsätzlich tut, der verleugnet Gott.

    Wer das von neuem erstrebt, der handelt gegen seinen christlichen Glauben; denn dem hat er schon im Bad der Taufe widersagt, d. h. dem Teufel, seinem Gepränge und seinen Werken" (Etymologiae, 18, 16 und 59).


     

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    Ähnlich heißt es in Isidors "Erziehungsprogramm": "Die Ergötzlichkeiten der unsittlichen Spiele soll er meiden, die Gehaltlosigkeit (= vanitas) der Darbietungen im Zirkus und alle Schandtaten der zügellosen Begierden" (Institutiones disciplinae, Z. 55–57).

    Ob überhaupt und inwieweit diese Schauspiele im Spanien des beginnenden 7. Jahrhunderts verbreitet waren, lässt sich nicht mit Sicherheit belegen. Es hat sie vielleicht noch unter der hispano-romanischen Bevölkerung gegeben, zumal das Christentum zu dieser Zeit noch nicht so verbreitet war, dass diese "heidnischen Gebräuche" aufgegeben wurden. Isidor schließt sich jedenfalls in seiner Argumentation den Argumenten Tertullians an, vielleicht auch an die verschiedenen Bestimmungen frühchristlicher Konzilien und Synoden. Bemerkenswert ist außerdem, dass Isidor im 18. Buch seiner "Etymologiae" ausführlich über das "Gymnasium", über die verschiedenen "Agone" und die "gymnischen Spiele" (= ludi gymnici) informiert und die entsprechenden Bezeichnungen erklärt: so das Springen (= saltus), das Laufen (= cursus), das Werfen (= iactus), das Pankration (= virtus) und den Ringkampf (= luctatio). Doch sollte man aus diesen Erklärungen nicht auf die Existenz dieser Übungen zur Zeit Isidors schließen, zumal er für seine Zeit von vielen anderen "Übungen" besonders der westgotischen Jugend berichtet (vgl. Koch, 1965b).

 

SCHLUSSBEMERKUNG

Dass Tertullian die antike Athletik und Agonistik aus verschiedenen Gründen abgelehnt hat, ist eine unbestreitbare Tatsache. Dass diese Ablehnung eine Verurteilung der Leibesübungen, der Leibpflege und –sorge, ja sogar eine Leibfeindschaft bedeute, diese Schlussfolgerung ist aus der Schauspiel-Schrift (und aus anderen Schriften Tertullians) nicht zu belegen und zu beweisen. Eine Höherbewertung bedeutet ja in keiner Weise eine Verachtung des "niederen" Wertes oder gar Feindschaft und Hass gegen diesen "niederen" Wert. Wer deshalb die vor allem mit Berufung auf die Nähe auch der athletischen Schauspiele zum Götzen-


 

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kult geübte Kritik nicht gelten lässt, der erklärt die Leibpflege und die Leibesübungen als den im Vergleich zur (christlichen) Glaubensüberzeugung "höheren Wert" für den Menschen. Bei dieser "Erklärung" handelt es sich ebenfalls um eine Überzeugung, die nur "geglaubt" werden kann und muss. Wer die Argumentation Tertullians und anderer frühchristlicher Schriftsteller gegen die Schauspiele und auch die athletischen Kämpfe ablehnt, der muss darüberhinaus die dort geübte Brutalität und Grausamkeit moralisch verteidigen bzw. rechtfertigen. Sogar die auf der stoischen Affektenlehre beruhenden Argumente gegen die Vergnügungssucht, so zeitbedingt sie auch sein mögen, müssten entkräftet werden. Schließlich sollte man die positiven Hinweise der Vertreter des frühen Christentums auf die Leibpflege und die Leibesübungen nicht unterschlagen. Gerade dieses Faktum des Ignorierens bzw. Nicht-Kennens ist bedauerlich und nicht akzeptabel. Das weist wiederum hin auf die ideologische Fixierung auf eine bestimmte Wertepräferenz.


 

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Literatur

a. Quellen-Schriften

Die Schriften Tertullians sind ediert in:

CSEL (= Corpus Scriptorum Ecclesiasticorum Latinorum) in den Bänden 20, 47, 69, 70 und 76. Wien 1890–1957. Die hier hauptsächlich genannte Schrift "Über die Schauspiele" findet sich in Band 20, S. 1–29.

Weeber, K. W. (1988). Quintus Septimius Tertullianus: De spectaculis. Lateinisch/Deutsch. Stuttgart.

Deutsche Übersetzungen der meisten Schriften Tertullians sind erschienen in der "Bibliothek der Kirchenväter", 2. Auflage, Band 7 und 24. München-Kempten 1912 und 1915.

Bezüglich der zitierten Schriften der anderen genannten frühchristlichen Schriftsteller sei verwiesen auf die entsprechenden Artikel bei:

S. Döpp & Geerlings, W. (Hrsg.) (1998): Lexikon der antiken christlichen Literatur. Freiburg.

W. Kasper (Hrsg.). (1993-2001). Lexikon für Theologie und Kirche (3. Auflage). Freiburg.

Bezüglich der von Tertullian und den anderen frühchristlichen Autoren genannten "Agone" sei verwiesen auf die entsprechenden Artikel bei:

Pauly-Wissowa: Real-Encyclopädie der classischen Altertumstumswissenschaft. Stuttgart 1893 ff.


 

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b. Literatur zu Tertullian

Backhaus, W. (1978). Öffentliche Spiele, Sport und Gesellschaft in der Römischen Antike. In H. Ueberhorst (Hrsg.). Geschichte der Leibesübungen, Band 2., (S. 200-249). Berlin.

Bardenhewer, O. (1913). Geschichte der altkirchlichen Literatur (2. Auflage). Freiburg.

Baus, K. (1940). Der Kranz in Antike und Christentum. Bonn.

Brown, P. (1994). Die Keuschheit der Engel. München.

Campenhausen, H. F. von (1986). Lateinische Kirchenväter. Stuttgart.

Decker, A. (1936). Kenntnis und Pflege des Körpers bei Clemens von Alexandrien. Innsbruck.

Fürst, A. (2000). Artikel "Tertullian". In Lexikon für Theologie und Kirche. (3. Auflage). Band 9. (S. 1344-1348). Freiburg.

Jüthner, J. (1965). Die athletischen Leibesübungen der Griechen. Band 1, Geschichte der Leibesübungen. Wien.

Keseling, P. (1950). Artikel "Askese II, E – J". In T. Klauser (Hrsg.), Reallexikon für Antike und Christentum, Band I. (S. 763-795). Stuttgart.

Kessler, A. (1994). Tertullian und das Vergnügen. "De spectaculis". Freiburger Zeitschrift für Philosophie und Theologie, 41, 313–353.

Koch, A. (1965a). Die Leibesübungen im Urteil der antiken und frühchristlichen Anthropologie. Schorndorf.


 

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Koch, A. (1965b). Ein "Erziehungsprogramm" aus dem westgotischen Spanien. Leibeserziehung 14, 117 ff.

Kösling, B. (1988). "Sport" und "Spiele" im Urteil der lateinischen Kirchenväter. Diplomarbeit. Mainz.

Kötting, B. (1964). Artikel "Tertullian". In Lexikon für Theologie und Kirche (2. Auflage). Band 9, (S. 1370–1374) Freiburg.

Mähl, E. (1974). Gymnastik und Athletik im Denken der Römer. Amsterdam 1974.

Müller, S. (1995). Das Volk der Athleten. Untersuchungen zur Ideologie und Kritik des Sports in der griechisch-römischen Antike. Trier.

Saurbier, B. (1978). Geschichte der Leibesübungen. (10. Auflage). Frankfurt.

Schöllgen, G. (1982a). Der Adressatenkreis der griechischen Schauspiel-Schrift Tertullians. Jahrbuch für Antike und Christentum, 25, 22–27.

Schöllgen, G. (1982b). Die Teilnahme der Christen am städtischen Leben in vorkonstantinischer Zeit. Tertullians Zeugnis für Karthago. In Römische Quartalschrift für christliche Altertumskunde und für Kirchengeschichte, 77, 1–29).

Schulz-Flügel, E. (1998). Artikel "Tertullian". In S. Döpp & W. Geerlings (Hrsg.), Lexikon der antiken christlichen Literatur. (S. 582-587). Freiburg.

Schulz-Flügel, E. (2002). Tertullian: Theologie als Recht. In W. Geerlings (Hrsg.), Theologen der christlichen Antike. (S. 13-32). Darmstadt.

Steindl, E. (1963). Lukian: Leibesübungen im alten Athen. Zürich.

Thuillier, J. P. (1999). Sport im antiken Rom. Darmstadt.

Weiler, I. (1981). Der Sport bei den Völkern der alten Welt. Darmstadt.

Weismann, W. (1972). Kirche und Schauspiele. Würzburg.