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Alois Koch SJ
Gegen die Entfesselung des Sieges-Codes
Ethische Anmerkungen zum Sport

(veröffentlicht in: Diakonia, Heft 4, Juli 2005, S. 242-46)
Überschriften in ›› Klammern ‹‹ vom Verlag
Hervorhebung durch Einrücken und Schrägschrift vom Verfasser

 

Sport ist nicht wert-neutral. Welchen Werten folgt Sport? Welchen Werten soll er folgen? Spiel, Muße und Entfaltung sind Elemente des Sports, aus denen sich system-immanent Leitlinien einer Sportethik gewinnen lassen. Vom Christentum her verbietet es sich, Sport als innerweltliche Zielsetzung absolut zu setzen.

Es gehört zur allgemeinen Überzeugung, dass Sport ein wichtiger Faktor für die Gesundheit ist. Mit dieser Überzeugung werden die vielerlei Bemühungen legitimiert, nicht nur privat, sondern auch in Schule und Gesellschaft „Gesundheits-Programme“ zu realisieren. In der Tat kann die sportliche Betätigung einen wichtigen Beitrag für die Gesunderhaltung der Menschen in der modernen Industriegesellschaft leisten. Gleichzeitig werden im Sport fragwürdige Tendenzen sichtbar, wenn z. B. in den sogenannten „Erlebnis-Sportarten“ Risiken für Leib und Leben in Kauf genommen werden. Erst recht ist angesichts der Probleme, die sich im Bereich des Hochleistungssports immer deutlicher zeigen, die Frage nach den ethischen Maßstäben zu stellen.

„Das Bild vom Menschen, das wir für wahr halten, wird selber ein Faktor unseres Lebens. Er entscheidet über die Weisen unseres Umgangs mit uns selbst und mit den Mitmenschen, über unsere Lebensbestimmung und Wahl der Aufgaben.“ {1} Diese Feststellung von Karl Jaspers trifft auch für den Sport zu. Jede pädagogische Theorie und Praxis, aber auch jegliche Ethik wurzelt immer in einer entsprechenden Sicht des Menschen und seines Lebenssinnes, erst recht alle konkreten ethischen Normen. Diese sind in einem eigentlichen Sinn „relativ“, d. h. bezogen auf eine bestimmte Sicht des Menschen.

Die Frage nach dem Menschenbild ist für jede ethische Bewertung grundlegend, ja unabdingbar. Deswegen sollen hier zunächst einige Charakteristika der christlichen Auffassung vom Menschen und die aus ihnen resultierenden ethischen Leitlinien aufgezeigt werden. Diese Leitlinien ermöglichen „system-immanent“ die Erkenntnis, welche positive Bedeutung Spiel und Sport in der heutigen Zeit zukommt; sie lassen aber auch deutlich werden, dass in der modernen Sportbewegung zweifellos inhumane Tendenzen vorhanden sind, die kaum zu rechtfertigen sind. „System-übergreifend“ wollen diese Leitlinien dazu führen, dass von der heutigen Sportbewegung selbst die Frage nach ihrem Leitbild, nach ihrem Werte-Horizont gestellt wird. Diese Frage kann und darf nicht suspendiert wer-

 


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den, wie dies zuweilen mit Berufung auf die weltanschauliche Neutralität des Sports geschieht. Der Sport ist auf keinen Fall „wert-neutral“. Deshalb hat er seine „Konstanten“ je neu zu bedenken.

 

Spiel, Muße und Entfaltung

Fraglos gehört zur sportlichen Betätigung das Element des „Spiels“. Wie Lachen und Weinen ist das Spiel eine „Ausdruckshandlung“; es lässt die inneren Empfindungen nach außen sichtbar und erkennbar werden. Im Spiel stellt sich der Mensch selber dar; im Spiel offenbart er sein eigenes Wesen. Das Spiel ist ein „Tätigsein aus innerstem Bedürfnis, aus dem Impetus des Lebendigseins“ {2}. Daraus ergibt sich, dass auch die sportlichen Leibesübungen, wenn sie „Spiel“ sein wollen, nicht nur Übungen des Körpers sind. Als ethisches Bewertungskriterium lässt sich folglich formulieren:

    Wenn und soweit es dem Menschen bei der spielerischen und sportlichen Betätigung gelingt, sein eigenes Wesen in Spontaneität und Selbstverantwortung darzustellen, ist das sportliche Handeln empfehlenswert.

    ›› Spiel - Tätigsein aus dem Impetus des Lebendigseins ‹‹

    Wenn und soweit jedoch äußere, der spielerischen und sportlichen Betätigung selbst fremde Ziel- und Zwecksetzungen die spontane und selbstverantwortliche Selbstdarstellung des Menschen beeinträchtigen oder gar unmöglich machen, ist das sportliche Handeln ethisch fragwürdig.

Eine zweite ethische Leitlinie geht aus vom Element der „Arbeit“ im Gegenüber zum Element der „Muße“. Diese beiden Elemente menschlicher Tätigkeit bedeuten im menschlichen Daseinsvollzug nicht zwei voneinander abgegrenzte Zeiten. Jede Tätigkeit des Menschen, wo und insofern sie den ganzen Menschen ins Spiel bringt und ihn betrifft, ist „arbeitend“ und „musisch“ zugleich. Die Tätigkeitsfelder des Menschen sind heute jedoch „un-musischer“ geworden, weil nicht mehr die spontanen und kreativen Fähigkeiten im Vordergrund stehen; sie sind oft zur „Nur-Arbeit“ geworden im Sinne der Realisierung von Vorgaben und im Sinne einer Funktionalisierung. Das sportliche Spiel stellt eine eigenartige Mischung von „Arbeit“ und „Muße“ dar. Deshalb wäre eine mögliche Verschiebung innerhalb des Sports zur „Nur-Arbeit“ im Sinne einer totalen Außensteuerung, Planung, Instrumentalisierung und Funktionalisierung als entscheidendes Negativum anzusehen. Daraus ergibt sich ein weiterer Bewertungsmaßstab für das Sporttreiben:

    Wenn und soweit es dem Menschen gelingt, bei der spielerischen und sportlichen Betätigung einen Ausgleich von „Muße“ und „Arbeit“ zu verwirklichen, ist das sportliche Handeln empfehlenswert.

    ›› eigenartige Mischung von Arbeit und Muße ‹‹

    Wenn und soweit jedoch äußere Ziel- und Zwecksetzungen Spiel und Sport „un-musisch“, d. h. zur „Nur-Arbeit“ werden lassen, und zwar im Sinne einer weitgehenden, ja totalen Außensteuerung, Instrumentalisierung und Funktionalisierung, ist das sportliche Handeln fragwürdig.

Die Überzeugung, dass mit dem Sport normalerweise verbundene Wirkungen die Förderung der Gesundheit, die Erschließung der Vital- und Erlebnissphäre und die Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit sind, liegt der selbstverständlichen pädagogischen Auffassung zugrunde, dem Sport einen wichtigen Platz in der Erziehung des jungen Menschen zuzuerkennen. Wenn jedoch fest-

 


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steht, dass diese Wirkungen nicht erst aufgrund einer willkürlichen Zielsetzung zustande kommen, sondern den Leibesübungen und dem Sport „immanent“ sind, dann lässt sich aus dieser Gegebenheit die Folgerung ziehen, dass der Sport keinesfalls in einer Weise betrieben werden darf, die zur Aufhebung dieser unbestritten positiven Wirkungen führt. Damit eine Verhaltensweise sittlich gerechtfertigt ist, kommt es also darauf an, dass sie nicht auf die Dauer und aufs Ganze gesehen den von ihr selbst angestrebten Wert - in unserem Fall: die leibliche Gesundheit und die Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit - untergräbt und ihm so widerspricht. Von hier lässt sich eine weitere Leitlinie für das Sporttreiben formulieren:

    Wenn Sport der Gesundheit und der schöpferischen Selbstverwirklichung des Menschen dient, ist er empfehlenswert.

    ›› Gesundheit und Persönlichkeitsentfaltung ‹‹

    Wenn der Sport jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit, ja mit einer gewissen Zwangsläufigkeit zu einer Schädigung der Gesundheit und zu einer Beeinträchtigung der Persönlichkeitsentfaltung führt, damit also zur Aufhebung der von ihm selbst angestrebten „immanenten“ Werte, ist er ethisch fragwürdig.

Die bislang skizzierten Bewertungs-Kriterien sind „immanenter“ Art; sie ergeben sich aus dem Wesen von Spiel und Sport. Die vierte „Leitlinie“ ist nicht „system-immanent“ und geht von folgendem Faktum aus: Jede Weltanschauung hat einen Bezugspunkt absoluter Art, von dem her alles gesehen und relativiert wird. Dieser Bezugspunkt steht nicht mehr zur Disposition; er wird in einem eigentlichen Sinn „geglaubt“. Für das christliche Verständnis des Menschen ist die Überzeugung fundamental, dass er auf ein transzendentes Absolutum verwiesen ist. Der Sinn des Lebens bzw. die eigene Identität hängt von diesem Bezugspunkt ab. Aus der Verwiesenheit des Menschen auf ein transzendentes Absolutum leitet sich die folgende ethische Leitlinie ab:

    Wenn im modernen Sport ein Sinnentwurf menschlicher Existenz sich geltend macht, der die übrigen Werte des menschlichen Lebens der sportlichen Leistung bzw. dem sportlichen Erfolg unterordnet oder sie unmöglich macht, ja die sportliche Leistung in die Nähe eines absoluten Wertes rückt, wird er ethisch fragwürdig.

 

Problemfeld Hochleistungssport

So selbstverständlich und begründet die (ethische) Forderung nach einer ausreichenden Leib- und Gesundheitsfürsorge durch Sport heute ist, genauso bedenklich sind einige Entwicklungen, deren Auswirkungen immer deutlicher zu Tage treten. Diese zeigen sich nicht nur im Hochleistungssport. Die Problemfelder der Kommerzialisierung und Ideologisierung des Sports und nicht zuletzt die Umwelt-Problematiken, die gerade von den sogenannten „Freizeit- und Erlebnis-Sportarten“ verursacht werden, zeigen sich auch im Breitensport.

Die Gefahr der Fremdbestimmung ist im Hochleistungssport unübersehbar; der Athlet/die Athletin ist auf die Hilfe eines ganzen Teams von TrainerInnen, ÄrztInnen, PsychologInnen, MasseurInnen etc. angewiesen.

›› Gefahr der Fremdbestimmung im Hochleistungssport ‹‹

Das bedeutet in vielen Fällen die Unterordnung des eigenen Willens unter die Vorschriften eines Spezialisten oder einer Spezialistin. Die Dosierung des Trainings, die sportärztliche Betreuung und die psychologische Vorbereitung sind vom Sportler bzw.

 


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der Sportlerin selber oft nicht mehr durchschaubar. Diese Abhängigkeit ist zwar in der Regel selbstgewollt und frei gewählt. Die Frage ist jedoch, ob man auch eine derartige freigewollte Abhängigkeit ethisch verantworten kann. Sind die Konsequenzen für Leben und Gesundheit von oft noch nicht mündigen Athleten bedacht? Wer kann für sie diese weittragenden Entscheidungen fällen? Die „personale Zuschreibbarkeit“ der sportlichen Leistung und die selbstverantwortete Mitgestaltung des Trainings durch den mündigen Athleten, von der immer wieder die Rede ist, treffen nur bedingt zu. „Im Hochleistungssport sind die Chancen für die Entwicklung einer selbstbestimmten Identität sehr gering.“ {3}

Schwerwiegender sind indessen die gesundheitlichen Risiken des Hochleistungssports. Er bewegt sich im biologischen, ja im „pathogenen Grenzbereich“ {4}; er „überschreitet – fahrlässig oder bewusst – die Grenze des gesundheitlich Nutzbaren bzw. Vertretbaren“ {5}. Der leistungsmotivierte Athlet befindet sich „in ständiger Gefahr, seinen Körper lokal oder komplett zu überfordern“ {6}.

›› gesundheitliche Risiken des Hochleistungssports ‹‹

Nicht zuletzt zeigt sich die Problematik in der pharmakologisch-medikamentösen Manipulation. Stichworte für diese Gefährdung sind: der Anabolika-Missbrauch, das Blut-Doping, die verschiedenen Formen der Substitution, die Manipulation der Erwachsenengröße und für die Zukunft vor allem die genetische Manipulation. Diese allenthalben sich zeigende „Doping-Devianz“ ist offensichtlich „das Ergebnis einer Entfesselung des Sieges-Codes durch wissenschaftliche, politische, wirtschaftliche und massenmediale Einflüsse“ {7}. Aber gerade diese strukturellen Zwänge und damit der soziale Kontext werden meist ausgeblendet. Die Doping-Vergehen werden personalisiert. Der einzelne Athlet wird als Sündenbock abgestempelt; das „System“ ist seiner Verantwortung enthoben.{8}.

 

Eine Frage des gesellschaftlichen Bewusstseins

Für die verhängnisvolle Entwicklung sind allerdings nicht nur die im Sport unmittelbar Engagierten verantwortlich. Es ist das geistige Klima in unserer Gesellschaft, das den Nährboden bereitet. Deshalb wird die Zukunft des Sports von einer Änderung des gesellschaftlichen Bewusstseins abhängen. Andernfalls wird sich der Trend hin zu einem rein kommerzialisierten Show-Sport verstärken, dem die Gesundheit und die personale Selbstverwirklichung der AthletInnen untergeordnet werden. Dieser kommerzialisierte, die Gesundheit missachtende Show-Sport wird dann zum neuen „Opium des Volkes“, das die Sinnleere des Daseins betäuben und das klare Bewusstsein davon trüben soll.

›› Die kommerzialisierte Sportshow wird zum neuen Opium des Volkes ‹‹

Die im heutigen Sport sich zeigenden Probleme werden verschärft durch eine zunehmende Kommerzialisierung, aber auch durch den Einfluss der Medien. Gerade die negativen Folgen für die Gesundheit der AthletInnen werden zu schnell angesichts horrender Geldsummen in Kauf genommen. So wird die Doping-Problematik unter den Gesetzen des Marktes immer schwerer lösbar, und die Liaison zwischen Sport und elektronischen Medien fördert Leistungs-Fetischismus und den Starkult. Die traditionellen Ideale des Sports jedenfalls sind längst tot und dem totalen Medien-Spektakel gewichen. Auch die

 


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viel beschworene Vorbild-Funktion des Spitzensports ist in Frage zu stellen.

Vielleicht wären diese Probleme zu lösen, wenn bei den Entscheidungsträgern in Sport und Gesellschaft die Bereitschaft vorhanden wäre, diese Probleme zur Kenntnis zu nehmen und sie nicht aus Eigen-Interessen zu verharmlosen. Da diese Eigen-Interessen zumeist mit Privilegien und materiellen Gratifikationen identisch sind, ist die dringend notwendige Bewusstseinsänderung kaum zu erhoffen. Gerade die Diskussionen um die verschiedenen Formen des Hormon-Dopings bestätigen diese Einschätzung. Wer die sportmedizinische und trainingswissenschaftliche Literatur in den vergangenen 30 Jahren verfolgt hat, ist erschüttert über die weitgehende Folgenlosigkeit der wissenschaftlichen Erkenntnisse bezüglich der Bewertung gerade des Hochleistungssports.

Die Hilfe, welche die christliche Ethik dem Sport anbieten kann, ist vor allem die Einsicht, dass der Mensch sich niemals von sich selbst und von irgendwelchen innerweltlichen Gegebenheiten her entwerfen kann, sondern nur von einem Bezugspunkt transzendenter Art her. Nur von einem solchen Bezugspunkt her wird deutlich, dass kein Mensch dazu degradiert werden darf, einer innerweltlichen Zielsetzung untergeordnet und als Mittel zum Zweck angesehen zu werden. Er kann weder zur Begründung einer innerweltlichen Heilslehre bzw. Ideologie „gebraucht“, noch einem Erziehungssystem untergeordnet, noch dem Diktat des Geldes, der Leistung oder einer Wissenschaft unterworfen werden.

Es steht außer Frage, dass sich im Bereich des modernen Sports inhumane Tendenzen geltend machen. Die Etablierung von quasi-religiösen Systemen und Riten, die totale Verplanung des Spontanen und Kreativen und die staatliche Verordnung der Leibesübungen, die Degradierung des Sportlers zum Roboter und seine Opferung auf dem Altar des Moloch Leistung, nicht zuletzt das Diktat des Geldes sind Symptome dieser Inhumanität.

›› totale Verplanung des Spontanen und Kreativen ‹‹

Vom christlichen Menschenbild her lässt sich diese Inhumanität erkennen und Wege zu ihrer Überwindung lassen sich aufzeigen. Ja, die christliche Ethik muss auf den Plan treten, ob gelegen oder ungelegen, wenn der Mensch in der Gefahr ist, irgendwelchen Zielsetzungen, irgendwelchen Ideologien oder Götzen geopfert zu werden.

 

Anmerkungen

{1} K. Jaspers, Der philosophische Glaube, München 1974, 50.

{2} C. Bamberg, Von Wert und Würde menschlicher Muße, in: Geist und Leben 57. Jg./Nr 5 (1984) 17.

{3} Karl–Heinrich Bette/Uwe Schimank, Doping im Hochleistungssport, Frankfurt 1994, 129.

{4} Liese Prokop, Gesundheit – Lebensqualität – Sport, in: Otmar Weiss (Hg.), Sport – Gesundheit – Gesundheitskultur, Wien 1994, 108.

{5} Thomas Wessinghage, Kinder und Hochleistsungssport aus orthophädischer Sicht, in: Reinhard Daugs (Hg.), Kinder und Jugendliche im Hochleistungssport, Schorndorf 1998, 250.

{6} B. A. Kasprzak, Möglichkeiten und Grenzen im Hochleistungssport, in: Leistungssport 17. Jg./Nr. 4 (1987), 5.

{7} Bette/Schimank, Doping, 379.

{8} Karl–Heinrich Bette, Kollektive Personalisierung: strukturelle Probleme im Dopingdiskurs, in: Helmut Digel (Hg.), Spitzensport. Chancen und Probleme, Schorndorf 2001, 34.