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Alois Koch SJ

Jugend, Kirche und Sport

 

1

Seit Freitagabend suchen wir nach Gründen, nach den Gründen, warum die Jugendlichen den Kirchen und dem Sport den Rücken kehren. Vielerlei Gründe sind genannt worden, warum sie fernbleiben. Sie sind mir durchaus einleuchtend. So scheint es schwierig, ja fast unmöglich, heute am Sonntagmorgen, im "Wort zum Tage", etwas Neues, etwas Treffendes zu sagen. Trotzdem scheint es mir nützlich, ja notwendig, einen Aspekt herauszustellen, der mir in diesen Tagen etwas zu kurz gekommen zu sein scheint. Wir haben m. E. viel zu viel die Gründe in und bei den Jugendlichen selber gesucht und nicht auch bei uns, den Managern und Beamten, den Funktionären in Kirche und Sport. Dabei rechne ich mich und viele von Ihnen zu diesen Managern und Beamten, den Funtionären. Einige Gründe für das Fernbleiben der Jugendlichen scheinen mir hier zu liegen. Und diesen Gesichtspunkt will ich in den Mittelpunkt meiner Ausführungen, bzw. einer kleinen "Meditation" stellen. Damit ist auch deutlich, zu welcher "literarischen Form" meine Ausführungen gehören. Sie sind nicht als eine wissenschaftliche Analyse zu werten, sondern als "Paränese", als Ermahnung, Ermunterung, als Ermutigung zum Handeln; und zwar aus Einsichten, die vielleicht tiefer reichen, als es Psychologie und Soziologie je vermögen.

 

2

Ich gehe aus von einem Text des Lukasevangeliums:

    "Auf dem Weg nach Jerusalem zog Jesus durch das Grenzgebiet von Samaria und Galiläa. Als er in ein Dorf hineingehen wollte, kamen ihm zehn Aussätzige entgegen. Sie blieben in der Ferne stehen und riefen: Jesus, Meister, hab Erbarmen mit uns! Er blickte sie an, und dann sagte er zu ihnen: Geht, zeigt euch den Priestern! und während sie zu den Priestern gingen, wurden sie rein. Einer von ihnen aber kehrte um, als er sah, dass er geheilt war; und er lobte Gott mit lauter Stimme. Er warf sich vor den Füßen Jesu zu Boden und dankte ihm."

 

2.1.

Vor über zwanzig Jahren erschien in Italien ein Roman von Curzio Malaparte mit dem Titel "Die Haut". Der Roman schildert - fast widerlich bis zur Unerträglichkeit - die Zustände in Neapel bei Kriegsende. In breiten Bildern des Ekels zeigt Malaparte, wie der Mensch besiegt, erniedrigt, überrollt und ausgebeutet wird, bis nur noch ein Aspekt von ihm übrigbleibt: seine Haut. Die Haut, die jeder zu retten sucht; die Haut, die man zu Markte trägt; die Haut, die man jemand über den Kopf zieht; die man so teuer wie möglich zu verkaufen sucht; der Mensch als gute, als treue Haut; der Mensch als nackte, als verwundete Haut.

Die Parallelität zum Text des Evangeliums ist - so meine ich - nicht zu übersehen. Ist die Krankheit des Aussatzes (die zunächst ja nur die Haut, d.h. die Oberfläche des Menschen zu beeinträchtigen scheint) nicht ein genaues Bild dafür, dass der Mensch, damals wie heute, ein sehr empfindsames, ein sehr verwundbares, ein sehr gedemütigtes Wesen ist, das immer wieder der Annahme, der Aufrichtung, der Heilung bedarf - und zwar nicht nur äußerlich, leiblich, an der Oberfläche der Haut, sondern mehr noch seelisch? Braucht nicht jeder in einer ganz elementaren Weise die segnenden, die tröstenden, die heilenden Hände guter Menschen? Brauchen wir nicht die Behutsamkeit, die Zärtlichkeit liebender Menschen, wenn wir heil, zufrieden, glücklich leben wollen?

Da begegnen Jesus zehn Männer, die wegen ihres Aussatzes als unrein galten und darum ausgeschlossen waren aus der menschlichen Gemeinschaft, aus ihrer eigenen Familie; darum auch ausgeschlossen von jeder Zuwendung und von der Gewissheit: akzeptiert, bejaht, geliebt zu sein. Sie müssen anderen ausweichen, aus dem Wege gehen. Ist das nicht genau die Situation vieler Menschen heute? Sind nicht viele von uns "aussätzig", "außen vor"? Fühlen wir uns wohl "in unserer Haut"? Fühlen wir uns nicht auch oft erniedrigt, ausgebeutet, missbraucht? Spüren wir nicht oft, dass an uns nur das Äußerliche zählt, was nützlich ist, was brauchbar und verwertbar ist, während das, was wir innerlich sind, sein möchten, nicht gefragt, uninteressant ist? Erscheint uns nicht deshalb die Distanzierung, das Fernbleiben oft als die einzige Möglichkeit, ungeschoren davonzukommen, die eigenen Haut zu retten?

 

2.2

Was interessiert eigentlich an den jungen Menschen die mit uns, mit Kirche und Sport in Berührung kommen? Welches Interesse haben wir Beamte und Funktionäre in beiden Bereichen? "Es gibt heute" - so las ich vor kurzem - "zwei Arten von Hirten: die einen interessieren sich für die Wolle, die anderen interessieren sich für das Fleisch. Für die Schafe interessiert sich niemand." "Hirten" gibt es heute die Menge, auch in Kirche und Sport; freilich solche, die den Namen nicht verdienen, Mietlinge, verantwortungslose und "bezahlte Knechte", die auf die eigenen Kosten kommen wollen; die sich selbst kultivieren; die sich selbst darstellen. Sie sind nur damit beschäftigt, das eigene Schäfchen ins Trockene zu bringen. Sie überlegen, wie man den anderen "ausnehmen" kann; schließlich verdienen sie noch an der Haut, am Fell. Sie profilieren sich auf Kosten der anderen. Sie degradieren sie zum Mittel der eigenen Selbstverwirklichung. Gilt das nicht auch für manchen ehrenwerten Trainer und Funtionär? Gilt dies nicht auch von manchem ehrenwerten Pfarrer? Wo diese Einstellung aber geahnt, gespürt wird - ob in Kirche oder Sport -, da zerbricht im Menschen etwas, gerade im jungen Menschen; da fühlt man sich nicht mehr wohl in seiner Haut; da kann man nur noch um seiner selbst willen einen Trennungsstrich ziehen; da ist man - fast möchte man sagen: Gott sei Dank! - wieder auf der Suche, unterwegs, um jemand zu finden, um eine Gemeinschaft zu finden, wo man einfach dasein kann; wo man sich akzeptiert weiß; wo man geliebt ist; wo man sich wohlfühlt. Ich kann nicht leben von Programmen, von Trainingsplänen, auch nicht von geistlichen Trainingsplänen. Ich kann nur leben, wo man zu mir sagt: "Wie gut, dass es dich gibt!"

Jeder von uns (auch die Jugendlichen, deren Fernbleiben wir beklagen) hat derartige Erfahrungen gemacht. Niemand kann sich davon freisprechen, "aus Interesse" zu handeln; andere zu degradieren zum Mittel der eigenen Erfüllung. Jeder von uns sehnt sich aber auch danach, akzeptiert zu sein, einfach dasein zu dürfen, ohne in einer Ergebnis-Leistung seine Daseinsberechtigung nachweisen zu müssen.

Wie sieht der Weg dahin aus, der rettende "Ausweg"? Vielleicht hilft uns der Blick auf unseren Text aus dem Lukas-Evangelium mehr als vieles, was wir auf dieser Tagung an klugen Worten und Analysen gehört haben. Da kommen zehn Kranke zu Jesus; sie bitten um Heilung, lang hingestreckt auf die Erde, als seien sie eine Einheit mit dem Staub, mit der Unreinheit und Unansehnlichkeit der Erde. Jesus wendet sich ihnen zu; er blickt sie an, voll Liebe. Und er trägt ihnen auf, zurückzukehren zu den Menschen. Und während sie hingehen, werden sie rein. Dass Menschen im Vertrauen auf diesen Jesus, der sie anblickt, dem sie zum ersten Mal begegnen, wieder beginnen, sich wohl in ihrer Haut zu fühlen und den Mut zurückgewinnen, sich vor anderen sehen zu lassen - darin besteht das Wunder der Heilung; das bewirkt sein Blick der Liebe. In seiner Nähe schmerzte es nicht mehr, mit Menschen in Berührung zu kommen. Die Unberührbaren, die Ausgesetzten finden zurück in die menschliche Gemeinschaft. Sie brauchen sich nicht zu unterwerfen; weder ihm noch einem Reglement.

 

2.3

Unsere Geschichte weist aber noch einen anderen Aspekt auf. Gewiss, sie zeigt, wie lebensnotwendig das liebende Sehen, die Zuwendung ist. Wir sind aber nur dann vollends "geheilt" und "erlöst", wenn wir zugleich dafür danken. "Einer von den zehn Geheilten kehrte um und lobte Gott mit lauter Stimme; er warf sich Jesus zu Füßen und dankte ihm." Diesem Mann war am eigenen Leibe aufgegangen, dass seine Heilung etwas nicht Einklagbares, etwas Unverdientes, ja Unverdienbares war. Er erkannte an, dass das Leben in erster Linie nicht eigene Leistung ist, sondern Geschenk, Gabe, "Gnade". Erst in diesem Augenblick war er im eigentlichen Sinn "geheilt"; von seiner seelischen Krankheit, von seinem Eingeschlossensein in sich selbst; vom eigentlichen "Aussatz". Dafür dankt er Jesus: "Wie gut, dass es dich gibt! Du hast mir mein Leben wiedergegeben. Was ich bin, bin ich durch dich!"

Haben wir für dieses Denken, für diese Seite des Menschseins überhaupt noch ein Sensorium, ein Wahrnehmungsorgan? Wollen und können wir noch anerkennen, dass wir angewiesen sind auf andere, auf gute Menschen, auf Freunde, die für uns einstehen und uns gern haben - ohne dass wir uns "revanchieren" können, ohne dass wir uns "revanchieren" müssen? Nehmen wir den Einsatz, die Freundschaft, gar die Liebe anderer als selbstverständlich hin, als ein einklagbares Recht? Erst in der Dankbarkeit werden wir von uns selbst erlöst und befreit, werden wir wahrhaft Menschen, für die die anderen nicht Konkurrenten sind, derer ich mich erwehren muss, um meine Haut zu retten, sondern Helfer zu mir selbst. Nur dann, nur in dieser Dankbarkeit werden wir uns freuen können; nur der Dankbare kann jubeln.

Wie steht es damit heute in Kirche und Sport? Wer gilt da am meisten? Etwa die "Renommierexemplare" der Menschheit oder die "Helden der Arbeit", die "Helden des Sports"? Kultivieren wir in beiden Bereichen nur die Profis, während die "misera plebs" vor die Hunde gehen kann oder muss? Das Christentum ist jedenfalls unter einem anderen Gesetz angetreten. Es ist auf keinen Fall angetreten unter dem Gesetz des "Fressens und Gefressenwerdens", eines Erfolgdenkens, dem nur der etwas gilt, der auf eine vorweisbare Leistung hinweisen kann. Das zentrale Wort des Christseins ist und bleibt "Gnade" - so sehr dieses Wort und die damit gemeinte Wirklichkeit durch das Tun der Christen verdunkelt wird.

Ich bin mir sicher, dass die Welt des heutigen Sports kaum mit dem Wort "Gnade" charakterisiert, beschrieben werden kann. Insofern kommt m. E. das Selbstverständnis des modernen Sports, schon gar nicht das des Hochleistungssports mit dem des Christentums in keiner Weise überein. Wenn aber das Gesetz der vorweisbaren Leistung in erster Linie gilt, wenn der Erfolg ausschlaggebend ist, dann ist notwendigerweise damit verbunden, dass viele, ja die meisten Menschen intuitiv, instinktiv (ohne den Sachverhalt auf den entsprechenden Begriff bringen zu können) dem Sport den Rücken kehren. Dem widerspricht nicht die Tatsache, dass viele, die einmal dem Sport den Rücken gekehrt haben, in späteren Jahren um der Gesundheit willen den Weg zur sportlichen Betätigung zurückfinden. Die Unterschiede in der Motivation liegen m.E. auf der Hand.

 

3

Welchen Rat, welche "Mahnung" kann ich zum Schluss geben (ich erinnere daran, dass die "literarische Form" meiner Ausführungen die "Paränese" sein will, also die ermutigende, ermahnende Rede, die um der Deutlichkeit willen übertreibt, ja übertreiben muss), und zwar uns Managern, Beamten und Funktionären in Kirche und Sport, angesichts der Tatsache, dass viele junge Menschen anderswo ihr Glück, ihren Lebenssinn, ihr Heil suchen? Aus dieser Gegebenheit, oder (um mit einem Unterthema unserer Tagung zu sprechen) von den Jugendlichen sollten wir zunächst etwas lernen; wir sollten uns von ihnen fragen lassen, ob die Welt, die Umwelt, die wir ihnen in Sport und Kirche anzubieten haben, ob unser Lebensstil, den wir ihnen präsentieren, das Moment der Personalen, der Zuwendung, des Vertrauens, der Liebe, der "Gnade" obenan stellt; ob wir in Kirche und Sport des Prinzip "Erfolg" relativieren, d.h. ihm den hohen Stellenwert nehmen, der ihm in unserer Gesellschaft zukommt. "Erfolg ist keiner der Namen Gottes" - diesen Satz von Martin Buber sollten wir stets vor Augen haben. Schon gar nicht dürfen wir den jungen Menschen mit diesem Prinzip Erfolg begegnen, ihn gar daran messen. Wir würden ihn mit Folgerichtigkeit schließlich degradieren zu einem Mittel unserer eigenen Selbstverwirklichung. In unserer Nähe sollte sich jeder wohl in seiner Haut fühlen dürfen; er dürfte in unserer Nähe nicht das Gefühl haben, "aussätzig", "außen vor" zu sein, sondern angenommen, geliebt: "Wie gut, dass es dich gibt!" (J. Pieper) Nur mit dieser Gewissheit können wir als Menschen leben und glücklich sein.

Bad Segeberg, 15. Januar 1984

P. Alois Koch SJ