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Alois Koch SJ
Mit allen Mitteln zum Erfolg?
Ethische Reflexionen zum Hochleistungssport

 

(veröffentlicht in: Forum Kirche und Sport. Düsseldorf 1994, S. 75 - 91)

 

Inhalt

I. Einführung in das Thema

II. Das Problemfeld: die Produktion der Höchstleistung

III. Das Menschenbild unserer Gesellschaft

IV. Das christliche Menschenbild und die darauf basierende Bewertung des Hochleistungssports

V. Schlußfolgerungen

VI. Anmerkungen

 

I. Einführung in das Thema

Vor einiger Zeit {1} habe ich an einer Akademietagung teilgenommen, die das Thema hatte: "Sportliche Höchstleistung - wie wird sie hergestellt und um welchen Preis?" Es war für mich erschütternd zu erleben, wie das Thema weitgehend nur in einem Sinn verstanden und deswegen missverstanden wurde. Der Tenor der Beiträge war der: Was muss bei der Produktion der sportlichen Höchstleistung an Geld investiert werden von Vereinen und Verbänden, von Bund und Ländern? Wie wird die sportliche Höchstleistung honoriert? Was wird dabei verdient - von Aktiven, Medizinern, Psychologen, Betreuern, Funktionären? Von einem anderen "Preis", den wir für einen "Wert" hinlegen, war kaum die Rede: Was die sportliche Höchstleistung menschlich kostet; was wir, was unsere Gesellschaft, was der Hochleistungssportler für sie "bezahlt" - nicht in DM und Dollar, sondern in einer anderen "Währung". Gilt dafür das böse Wort von Heinrich Böll: "Der Deutsche fragt nicht nach dem Preis!"

Damit stehen wir bei unserem Thema. Ich werde eine ethische Bewertung, eine "Preis-Ermittlung" vornehmen. Ich werde Stellung nehmen zu der Frage, ob wir den "Preis", den "humanen" Preis, den wir, d.h.

 


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unsere Gesellschaft, für die sportlichen Höchstleistungen tatsächlich bezahlen, überhaupt bezahlen dürfen. Ob es richtig ist, ob es vor unserem Menschsein vertretbar ist, ihn zu bezahlen; ob wir nicht damit etwas unterstützen, was aufgrund vieler bedenklicher Folgen diesen Aufwand und diesen Einsatz nicht verdient; ob wir nicht (wenn wir die sportliche Höchstleistung wollen) notwendigerweise diese Höchstleistung mit einem Verlust an Humanität bezahlen. Heiligt der gute Zweck "Sportlicher Erfolg" (vorausgesetzt er sei wirklich "gut"!) alle Mittel auf dem Weg zu diesem Ziel?

Ich werde also die faktischen Gegebenheiten und Verhaltensweisen im Bereich des Hochleistungssports (sein "Ethos") hinterfragen, auf ihre Berechtigung, auf ihre Richtigkeit hin untersuchen; ich werde also "Ethik" betreiben. Eine Kluft zwischen "Ethos" und "Ethik" wird es zwar immer und überall geben. Sie scheint mir allerdings im heutigen Hochleistungssport sehr tief zu sein.

Die "Frage nach dem Preis" der sportlichen Höchstleistung scheint in der Tat eine "Preis-Frage" zu sein. Denn überall ist die Rede davon, dass die ethische Problematik äusserst wichtig sei; dass man jedoch, da man kein Ethiker sei, sondern "nur" Mediziner, Psychologe, Lehrer, Trainer, diese Frage bedauerlicherweise nicht beantworten könne. Das bedeutet doch: Bevor man die Frage geklärt hat, ob man etwas tun darf, hat man in der Regel bereits den Schritt zur Tat vollzogen. Nachdem man die Atombombe gebaut und angewendet hatte, fragte man erst, ob es richtig war, sie zu bauen und anzuwenden. Nachdem der Weg der

 


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Gen-Technologie schon beschritten war, fragte man erst, worauf man sich da einlasse. Unsere Zeit ist - das wird immer deutlicher - gekennzeichnet "durch technische Macht und ethische Ohnmacht" {2}. Es scheint das Los des Ethikers zu sein, immer den Wettlauf mit der Technik, mit der Macht, mit dem Markt zu verlieren; immer zu spät zu kommen. Er ist kein Zaubermeister, der die Geister, die von den vielen Zauberlehrlingen längst herbeigerufen worden sind, wieder bannen kann. Er darf sich auch nicht in die Rolle des Lückenbüßers drängen lassen und eine "Reparatur-Ethik" anbieten, also eine Ethik, die nicht das Tun und Handeln der Menschen fraglos bestimmt, sondern die man sich kommen lässt, wenn sie sich als unumgänglich erweist. Trotzdem will ich mich an die Beantwortung der "Preis-Frage" wagen. Da ich selber kein Gehalt bzw. keine Aufwandsentschädigung aus dem Bereich des Sports beziehe, kann ich es ohne Verrenkungen und Rücksichten tun.

 

II. Das Problemfeld: die Produktion der Höchstleistung

Zunächst möchte ich einige Anmerkungen zum Problemfeld machen, zur "Produktion" der sportlichen Höchstleistung. Zum systematisierten Training, zum Wettkampf und zu der damit verbundenen körperlichen Belastung sollen zwei Mediziner zu Wort kommen; zunächst der Orthopäde Groher: "Hoch- und Höchstleistungssport, aber auch Breitensport sind ... Entwicklungen unterworfen, die allem Anschein nach frühzeitige Veränderungen des Haltungs- und Bewe

 


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gungsapparates hervorrufen, die allgemeiner Degeneration entsprechen." {3} Dann sei das Urteil des Sportmediziners Krahl zitiert: "In den meisten sportlichen Disziplinen sind Höchstleistungen nur noch nach Trainingsschwerstarbeit über Monate und Jahre zu erbringen; in bestimmten Fällen fühlt man sich unwillkürlich an Materialverschleißprüfungen in der Industrie erinnert." {4} Das Endprodukt ist bekanntlich Schrott.

Was die pharmakologisch-medikamentöse Manipulation betrifft, so kann ich mich auf einige Stichworte beschränken. Es geht heute in der Hauptsache um die Verwendung der anabolen Steroide und ähnlicher Wirkstoffe. Die Anwendung sowohl des synthetisierten wie auch des körpereigenen Testosterons in einer deutlich erhöhten Dosierung hat gravierende Nebenwirkungen negativer Art. Genannt werden immer wieder mögliche Leberschäden bis hin zu Leber-Tumoren, vermehrt auftretende Sehnen-Rupturen, vor allem Schädigungen der Herz-Muskulatur, die "vom pathologischen Erscheinungsbild der Zellen an Mikro-Infarkte" erinnert {5}.

Bei Männern warnt man vor einer "pharmakologischen Kastration"; bei Frauen treten irreversible Virilisierungserscheinungen auf; bei Jugendlichen besteht die Gefahr eines Wachstumsstillstands. Hinweisen möchte ich in diesem Zusammenhang auf andere Formen der Manipulation: die Manipulation der Erwachsenengröße mittels Hormongaben; Eigenblut-Retransfusion und die Anwendung von Erythropoetin, das die Bildung der roten Blutkörperchen stimuliert; das sogenannte "Schwangerschafts-Doping"; der Einsatz

 


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von Diuretika und der uferlose Bereich der sportlergerechten Ernährung. Welche Technologien und neue Formen der Manipulation in der Zukunft möglich sein werden, ist noch nicht abzusehen, auch wenn sie mit dem verharmlosenden Etikett "Substitution" versehen und legitimiert werden.

 

III: Das Menschenbild unserer Gesellschaft

Ich habe Ihnen einige von den Mitteln und Methoden genannt, die heute bei der "Produktion" der sportlichen Höchstleistung eine Rolle spielen. Wir alle haben dabei ein ungutes Gefühl: Ist das alles sinnvoll oder gar notwendig? Würden wir selber, wenn wir Hochleistungssportler wären, derartige Manipulationen und Substitutionen akzeptieren oder gar an uns geschehen lassen? Allerdings sind wir uns alle wohl darin einig: das ungute Gefühl allein genügt nicht zur Ablehnung, auch nicht der Hinweis auf das "Wohl" und die "Würde" des Athleten oder auf die "Menschlichkeit". Es bedarf nicht nur formaler, sondern auch materialer, d.h. inhaltlicher Kriterien bei einer ethischen Bewertung der genannten Praktiken.

Das eigentliche ethische Problem besteht nicht darin, dass durch derartige Manipulationen bzw. Technologien die sportliche Höchstleistung nicht mehr "Ergebnis der Eigenleistung des sportlich Engagierten" ist, daß der Sportler also zum "Objekt der Manipulation herabgewürdigt" werde {6} - was sicherlich häufig genug der Fall ist. Um all das, was praktiziert wird, durchschauen zu können, müssten der Athlet und sein

 


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Trainer voll ausgebildete Mediziner sein! Jedenfalls genügt das Kriterium des "Eigenbewußtseins" und der "Selbstverantwortung" nicht; denn sonst wäre die bewußte und selbstverantwortete Eigen-Manipulation ethisch gerechtfertigt, auch die bewußte Inkaufnahme von gesundheitlichen Schäden.

Das ethische Hauptproblem liegt auch nicht darin, dass derjenige, der solche fragwürdigen Methoden anwendet, gegen die Chancengleichheit und Ehrlichkeit im Wettkampf verstößt, sich also gegenüber dem, der derartige Mittel nicht anwendet, einen Vorteil verschafft. Das ist sicher auch der Fall. Aber kaum ein Spitzensportler ist nicht in irgendeiner Weise auf die medizinische Betreuung angewiesen; in irgendeiner Weise braucht er immer die "Substitution" irgendwelcher Körpersubstanzen. Und schließlich ließe sich die Chancengleichheit auch durch eine generelle Freigabe der fraglichen Mittel und Methoden verwirklichen. Warum eigentlich nicht? Vom sportlichen Erfolgsdenken her ist das doch nur konsequent. Außerdem: wenn einer sich selber ruinieren will (so könnte man argumentieren), dann soll er es halt tun! Wer zu sportlichen Ehren kommen will, der muss wissen, worauf er sich da einlässt; welchen gesundheitlichen Preis er gegebenenfalls dafür zahlen muss! Ja, ist dies nicht sogar erwünscht, von der Gesellschaft erwartet und deshalb legitimiert?

Die ethische Kernfrage ist m.E. diese: Von welchem Werte-Horizont, von welchem Sinnentwurf menschlicher Existenz her gehen wir in unserem Leben und auch im Sporttreiben aus? Jede pädagogische

 


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Praxis und Theorie, jegliche Ethik gründet in einer bestimmten Sicht des Menschen und seines Lebenssinnes. Auch alle konkreten Normen, die es in einer Gesellschaft gibt, gründen in einem solchen Werte-System. Alle Normen sind im eigentlichen Sinn "relativ", d.h. bezogen auf und abgeleitet von einer bestimmten Grundsicht.

Der Philosoph Karl Jaspers formulierte diesen Sachverhalt einmal so: "Das Bild vom Menschen, das wir für wahr halten, wird selbst ein Faktor unseres Lebens. Es entscheidet über die Weisen unseres Umgangs mit uns selbst und mit den Mitmensche, über Lebensbestimmung und Wahl der Aufgaben." {7}

Von welchem Sinnentwurf menschlicher Existenz, von welchem Werte-Horizont werden in unserer Gesellschaft die hohen, nicht nur gesundheitlichen Gefahren und Risiken im Bereich vor allem des Spitzensports gerechtfertigt? Hat ein Hochleistungssportler, ob volljährig oder noch ein Kind, ein Recht auf Selbstverwirklichung um einen derart hohen Preis, z.B. einer Gesundheitsbeeinträchtigung auf Lebenszeit? Ist der sportliche Erfolg, ist der dadurch ermöglichte gesellschaftliche Aufstieg oder die materielle Existenzsicherung ein derartiger Rechtfertigungsgrund? Darf man gegebenenfalls um der medizinischen Forschung willen eine derartige Entwicklung billigen oder sogar fördern, vielleicht mit öffentlichen Geldmitteln? Ist die "techische Machbarkeit" der sportlichen Höchstleistung mit Hilfe des Mediziners schon ein ausreichender Rechtfertigungsgrund? Darf man - selbst wenn alle Schädigungsmöglichkeiten ausgeschlossen wären, wenn also

 


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die Betreuung in pädagogischer, in psychologischer und medizinischer Hinsicht optimal wäre - einen Menschen zum Hochleistungssport hinführen und auf ihn, wenigstens zeitweise, festlegen?

An unseren Sport und an unsere Gesellschaft ist die Frage nach dem Menschenbild, nach dem von ihnen vertretenen Werte-Horizont zu stellen. Unbedingt ist Ommo Grupe, dem Vordenker bzw. Chef-Ideologen des Deutschen Sportbundes, sogar zuzustimmen, wenn er die Auffassung vertritt, dass "die Frage nach dem Menschenbild ... nicht auf die christlichen Kirchen beschränkt bleiben" dürfe, weil "es so etwas gibt wie eine eigene, aus dem Sport gewinnbare Sicht auf den Menschen" {8}. Freilich, aus meiner Kenntnis der Literatur vermag ich einen derartigen Entwurf nicht zu erkennen - außer jenem unheilvollen biologistischen bzw. darwinistischen Menschenbild, für das der einzelne nur eine beliebig auswechselbare Größe ist, weil der einzelne hinter die Gattung Mensch zu stehen kommt. Und dieses Denken erinnert mich in fataler Weise an vergangene "große Zeiten".

Auf einen Punkt möchte ich in diesem Zusammenhang aufmerksam machen. Es ist doch auffallend, dass in den Diskussionen über sportspezifische Probleme die "Sympathisanten" (wenn man boshaft wäre, würde man die als "Fundamentalisten" bezeichnen) oft nur unter sich sind. Systemfremde Diskussionsteilnehmer, die das System des Hochleistungssports als solches in Frage stellen, sind anscheinend unerwünscht; sie bleiben "außen vor". Man hat es also zumeist mit Leuten zu tun, die nach eigenem Bekunden "für" den Sport leben.

 


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Aber es handelt sich bei ihnen nicht nur um Leute, die "für" den Sport leben, sondern in der Regel auch um solche, die "vom" Sport leben; die also selbst ein elementares, oft oder meist ein materielles Interesse am Sport haben - ob es sich nun um Athleten, um Funktionäre, um Sportärzte oder Sportjournalisten handelt.

Nach Karl Marx verändert bekanntlich die materielle Basis das Bewusstsein des Mensche. Von "Lobbyisten" kann man nur eine Befürwortung erwarten, allenfalls eine partielle Kritik. Auf keinen Fall wird das "Gesamt-System" in Frage gestellt. Ist mein Eindruck falsch, dass es meistens gar nicht um die "heiligen Güter" des Sports geht, sondern um ganz massive persönliche "Interessen", zumeist materieller Art; oft auch um die Pflege persönlicher Eitelkeiten - nicht nur bei Sportführern, sondern sogar bei Politikern bis hinauf zu "Präsidenten"?

Gerade diese Verquickung von durchaus berechtigten Anliegen des Sports mit persönlichen Ambitionen und Interessen, erst recht die Verschleierung dieser persönlichen Interessen durch die unbestreitbar positiven Seiten und Möglichkeiten demaskiert m.E. das Sport-System als eine Ideologie, ja als eine Art "Totalitärismus"; demaskiert vor allem die Funktinäre als "Nomenclatura", als Machtclique, die auf die Wahrung ihrer Privilegien bedacht ist. Die Athleten sind dabei die nützlichen Idioten, die mit den entsprechenden Gratifikationen bei Laune gehalten werden. Ich meine, es sei an der Zeit, dies zu erkennen (auch die Duplizität zum politischen Zeitgeschehen), zumindest in dieser Hinsicht wachsam zu sein.

 


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IV. Das christliche Menschenbild und die darauf basierende Bewertung des Hochleistungssports

Damit komme ich zum nächsten Punkt meiner Ausführungen. Ich will versuchen, vom christlichen Sinnentwurf menschlicher Existenz her eine ethische Bewertung des Hochleistungssports und insbesondere der vielfältigen Formen der Leistungs-Manipulation vorzunehmen.

Die christliche Ethik geht von einer für sie fundamentalen Einsicht aus: Den Menschen in seiner Begrenztheit und Fragwürdigkeit, mit seinen realen Ängsten und Nöten kann man nur richtig verstehen in seiner Bezogenheit auf ein Absolutum, auf ein Unbedingtes. Jeder Mensch hat ein solches Absolutum, auf das hin er sich bezieht, wenigstens faktisch. Dieses Absolutum kann nach christlicher Auffassung nicht weltimmanenter Art sein, weil alles Welt-Immanente an der eigenen Fragwürdigkeit und Begrenztheit partizipiert. Dieses Absolutum muss transzendenter Art sein, nicht identisch mit irgendeiner innerweltlichen Gegebenheit. Die Bibel spricht daher vom Menschen als dem Wesen, das nach dem "Bild Gottes" geschaffen ist. Der Mensch trägt also die Verwiesenheit auf den unendlichen Gott in sich. Damit ist aber auch gesagt, dass der Mensch sich nicht nur von sich her, von weltimmanenten Gegebenheiten her verstehen und entwerfen kann, sondern von einem Bezugspunkt, von einem unbedingten Wert her, der ihn und diese Welt "transzendiert", der ihm daher auch nicht verfügbar, der seiner Manipulation entzogen ist.

 


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Jede Weltanschauung, jede Anthropologie hat einen derartigen Bezugspunkt absoluter Art, von dem her alles gesehen und auch relativiert wird. Dieser Bezugspunkt steht nicht mehr zur Disposition; er wird angenommen; er wird "geglaubt". Das ist bei jedem Menschen der Fall. Die Frage ist nicht, ob ich glaube oder ob ich nicht glaube. Die Frage ist nur, woran ich glaube, und zwar in diesem Sinn: Was wird von mir als "absolut" angenommen? Dem gegenüber jedoch, woran ich in diesem Sinn "glaube", verliere ich meine Freiheit; es steht ja nicht mehr zur Disposition; es steht nicht in Frage. Ist es ein weltimmanenter Wert, gar etwas Materielles, dann bin ich ihm gegenüber nicht mehr frei. Wir erleben diesen Freiheits-Verlust heute allenthalben; man spricht z.B. vom "Konsumidioten", der von seinen Glückssehnsüchten geknechtet wird. Aber auch andere "Absoluta" als den Lebensgenuss wählt sich der Mensch aus und betet sie an. Vor einem Altar betet jeder. Die Frage ist nur, wen oder was er auf diesem Altar anbetet.

Das gilt auch für den Sport. Welche "Götter" werden im modernen Sport als "absolut" verehrt? Vor welchen Götzen sprechen die modernen Gladiatoren, mussen sie sprechen: "Ave Ceasar, morituri te salutant - Wir sind bereit, uns für dich zu ruinieren, zu sterben, geopfert, verheizt zu werden"? Ist dieser Götze das Geld? Ist es die Ideologie einer Klasse oder eines Staates? Ist es die Olympische Idee? Ist es nur das eigenen Ich? Nur sollte man bedenken: Diese Gegebenheiten, diese

 


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Götzen können nicht das übernehmen, was sie eigentlich übernehmen müssten, nämlich Erlösungsfunktion angesichts der Heillosigkeit und Fragwürdigkeit der Welt und der eigenen Existenz.

Mit diesem Hinweis ist ein zweiter fundamentaler "Grundsatz" des Christlichen verknüpft. "Erlösung" und "Heil" werden dem Menschen nicht zuteil aufgrund seines eigenen Tuns, seiner Leistung. Wir sind angesichts der Heillosigkeit in Welt und Gesellschaft nicht verurteilt zur Selbsterlösung, Sinn stiften zu müssen, wir sind nicht verurteilt zu einer Sisyphos-Existenz. Keiner zieht sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf dieser fragwürdigen Welt heraus.

Das Grundword des Christentums heißt daher "Erbarmen", "Liebe", "Gnade". Hier liegt der fundamentale Unterschied zwischen der christlichen Botschaft und dem (faktischen) Selbstverständnis unserer Gesellschaft und damit auch unseres Sports. Deren Grundwort ist "Leistung" und "Erfolg". Die Charakterisierung des Hochleistungssports als "Kultus der Industriereligion", wie Henning Eichberg dies einmal treffend getan hat {9}, zeigt, wie sich letztlich zwei konkurrierende Werte-Systeme gegenüberstehen, zwei verschiedene "Religionen" - "Religion" verstanden als die Entscheidung des Menschen in Bezug auf die Frage nach dem Sinn des Lebens. Der Sport in unserer Gesellschaft gibt eine solche Sinn-Antwort, wenigstens faktisch. Diese Sinn-Antwort ist fragwürdig; sie ist m.E. falsch. Der Wert eines Menschen kann niemals am Erfolg, am Resultat, an der vorweisbaren Leistung abgelesen werden. Der Wert, die Würde und die Unantastbarkeit des Menschen

 


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sind letztlich nur in seinem Transzendenz-Bezug aufgehoben und bewahrt. Ein System, das mit dem gesundheitlichen Ruin spielt, ja das den gesundheitlichen Ruin fast mit Notwendigkeit zur Folge hat, das inhumane Praktiken zulässt bzw. fördert, ist selbst ethisch fragwürdig; es hat kein Recht auf einen Schonraum, schon gar nicht ein Recht auf Förderung aus öffentlichen Mitteln. Das Sport-System hat seine Werthaftigkeit noch zu beweisen

 

V. Schlußfolgerungen

Ich komme zu einer abschließenden Bewertung und zu den Konsequenzen. Der Trend zur Perfektionierung der sportlichen Leistung und zur körperlichen Belastung ist unübersehbar. Symptome dafür sind die Trainingsmethoden, die unglaubliche Trainingsintensität, nicht zuletzt die Notwendigkeit einer umfassenden sportmedizinischen und psychologischen Betreuung des Hochleistungssportlers bis hin zu den vielfältigen Formen und Methoden einer pharmakologisch-medikamentösen Manipulation. Mit dem unbedingten Ja zum internationalen Leistungsvergleich ist - davon bin ich überzeugt - das Ja zur umfassenden Betreuung notwendig verbunden. Hier wird indessen eine Werte-Ordnung sichtbar, die innerweltliche Gegebenheiten zu absoluten Werten macht, denen mit Folgerichtigkeit alles andere nachgeordnet und untergeordnet wird, auch die Moral und die Fairness, die Gesundheit, letztlich der Mensch selber. Damit ist der Boden des ethisch Vertretbaren verlassen. Sind unsere Sportorganisationen, ist vor allem unsere Gesellschaft bereit, diese

 


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Götzen zu stürzen? Die vielfältigen Formen und Methoden der pharmakologisch-medikamentösen Leistungsmanipulation und der unabdingbaren medizinischen Betreuung des Hochleistungsportlers abzulehnen und den internationalen Leistungsvergleich zu fordern, das ist der törichte, der hoffnungslose Versuch einer Quadratur des Kreises.

Hier wird jedoch deutlich: der eigentliche Ansatzpunkt für die Lösung des Problems der pharmakologisch-medikamentösen Manipulation, aber auch der anderen fragwürdigen Tendenzen im heutigen Hochleistungssport kann nicht in einer Symptom-Behandlung, kann nicht in einer Optimierung der Methoden bestehen.Er kann m.E. nur darin bestehen, daß der Hochleistungssport den hohen Stellenwert, der ihm im gesellschaftlichen Bewußtsein zuerkannt wird, verliert. Die gesellschaftlich bedingten Wertvorstellungen des sportlichen Erfolgs, aber auch das sie tragende Menschenbild bedürfen dringend einer Korrektur. Ohne diese Korrektur bleibt das Verbot z.B. der verschiedenen Formen der Chemo-Manipulation unwirksam und verlogen. Ich bin allerdings auch davon überzeugt, dass dies eine ethische Forderung ist, die "Utopie" bleiben, der also keine Realität beschieden sein wird. Die Entwicklung geht hin auf eine noch größere Inhumanität. Unter den Gesetzen des Marktes, denen sich der Sport ja verschrieben hat, ist die Frage der Manipulationen und des Dopings nicht lösbar.

Ich will schliessen mit einem Zitat: "Es ist doch eine merkwürdige Welt, in der wir leben. Wenn wir mehr Verständnis dafür hätten, was zum wahren Menschsein

 


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gehört, dann würden die hohen Aufwendungen für einige wenige Spitzenathleten der Förderung der Gesundheit und dem Wohl aller Bürger zugute kommen und nicht zum gesundheitlichen Ruin einiger weniger führen." Das Zitat ist eine freie, aber sinngemäße Übersetzung eines Satzes aus einem Brief, den vor fast 1500 Jahren der Ostgotenkönig Theoderich durch seinen Minister Cassiodor schreiben ließ {10}. Angespielt wird auf die sogenannten "venatores", die "Jäger" bei den spätantiken Tierhetzen, die sich beim Volk höchster Beliebtheit erfreuten. Derselbe Theoderich lässt in einem anderen Brief, der von ähnlichen "Spektakeln" handelt, durch Cassiodor schreiben: "Wir wollen in Gottes Namen das benötigte Geld geben. Es ist zwar völlig verrückt. Aber nur wenn man etwas Verrücktes tut, kann man das Volk bei Laune halten." {11} Wie sagte schon Kohelet, der Prediger des Alten Bundes: "Es gibt nichts Neues unter der Sonne." {12}

 


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VI. Anmerkungen

{1} Grundsätzlich: Die Vortrags-Form wird bewußt beibehalten. Für den Leser sind die notwendigen Anmerkungen hinzugefügt.

{2} B. Crum, Kinder-Leistungssport zwischen
Selbstverwirklichung und Ausbeutung; in: H. Howald und E. Hahn (Hrsg.), Kinder im Leistungssport; Basel 1982, S. 202.

{3} W. Groher und W. Noack (Hrsg.), Sportliche Belastungsfähigkeit des Haltungs- und Bewegungsapparates; Stuttgart 1982, Vorwort.

{4} H.J.Appell, Anabolika und muskuläre Systeme; Schorndorf 1983, S. 90.

{5} H. Krahl, Orthopädie und Sportmedizin; in: A. Claus (Hrsg.), Sportärztliche und sportpädagogische Betreuung; Erlangen 1978, S. 209.

{6} vgl. die "Stellungsnahme der Wissenschaftlichen Kommission des Arbeitskreises Kirche und Sport in der Katholischen Kirche Deutschlands zu der Frage der medizinischen und pharmakologischen Leistungssteigerung im Sport"; in: P. Jakobi und H. E. Rösch (Hrsg.), Sport - Dienst an der Gesellschaft; Mainz 1977, S. 111.

{7} K. Jaspers, Der philosophische Glaube; München 1974, S. 50.

 


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{8} O. Grupe, Bewegung, Spiel und Leistung im Sport; Schorndorf 1982, S. 11f.

{9} Bei einem Vortrag in der Evangelischen Akademie Bad Segeberg im Jahr 1987.

{10} Cassiodor, Variae V. 42, 12.

{11} Cassiodor, Variae III. 51,13.

{12} Pred. 1,9.