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Alois Koch SJ
Ethische Anmerkungen zum Thema "Doping"

 

Vortrag am 7.12.2007 in der Universität Koblenz-Landau,
Campus Koblenz, Institut für Sportwissenschaft

 

Vorbemerkungen

Kein anderes Buch hat Frankreich in den letzten Jahren mehr erschüttert als Jonathan Littels Roman "Les bienveillantes" ("Die Wohlgesinnten"). Die fiktive Autobiographie des SS-Offiziers Max Aube zeigt einen hochgebildeten, einen kultivierten Nazi-Henker, der während des Russland-Feldzugs zahlreiche Juden: Alte und Junge, Frauen und Kinder getötet hat. Der Autor bekennt in einem Interview über den Roman seine Absicht: Es ist "mein Versuch, die Henker zu verstehen. Ich zeige, dass es Zeiten gab, in denen eine Allianz mit den Nazis eine ethische Option war."

Sie sind sicher irritiert, vielleicht gar empört über die Anspielung auf ein verbrecherisches Regime im Zusammenhang mit einer Problematik im modernen Sport, die mit dem schönen Namen "Doping" bezeichnet wird. Mir jedenfalls drängt sich die Bezeichnung "Die Wohlgesinnten" auch für diesen Bereich auf; zumindest gilt das für die vergangenen dreißig Jahre. Haben wir als Zeitgenossen nicht lange, zu lange die beschönigenden, die verharmlosenden, mitunter warnenden Bemerkungen von Medizinern und Trainern und Politikern, der Keuls und Klümpers, der Daumes, der Scharpings und Schäubles als unfehlbare Offenbarungen hingenommen und deren Kritiker als kleinkarierte Nörgler, als inkompetente Ignoranten hingestellt, denen die Trauben angeblich zu sauer waren? Könnte Doping nicht doch eine "ethische Option" sein? Ja: Ist Doping nicht inzwischen - wenigstens faktisch - eine "ethische Option" geworden, also erwünscht? Ist das gar wie eine schicksalhafte Notwendigkeit einfach hinzunehmen? Ich jedenfalls werde mich nicht, ja niemals damit abfinden.

Eine zweite Vorbemerkung bezieht sich auf einen Festakt, der vor einigen Jahren anlässlich des 20jährigen Bestehens der Trainerakademie Köln in der dortigen Sporthochschule stattfand, und zwar als Abschluss eines Trainerlehrgangs. Ich war eingeladen, in einem der Arbeitskreise ein Kurzreferat zum Thema "Ethische Leitlinien im Sport" zu halten - zusammen mit einem evangelischen Theologen. Neben dem Leiter des Arbeitskreises, einem Protokollanten und Norbert Wolf, dem Vertreter des Deutschen Sportbundes, war gekommen - eine Person; kein angehender Trainer, wie man hätte erwarten sollen, sondern ein am Thema interessierter Journalist. Unter denen, für die der Arbeitskreis eigentlich gedacht war, fand sich offensichtlich kein Interessent. Die vorgesehenen Referate wurden nicht gehalten, nur zu Protokoll gegeben. Im Tagungsbericht, als Buch veröffentlicht, wurden sie als gehalten aufgeführt. Der schöne Schein musste ja gewahrt werden.

Sie können sich vorstellen, dass dieses Erlebnis bei mir einen tiefen Eindruck hinterlassen hat. Unsere Zeit ist offensichtlich gekennzeichnet durch "technische Macht und ethische Ohnmacht" (B. Crum 1982, S. 202). Es scheint das Los des Ethikers zu sein, immer den Wettlauf mit der Technik, mit der Macht, mit dem Markt zu verlieren; immer zu spät zu kommen. Er ist kein Zaubermeister, der die Geister, die von den vielen Zauberlehrlingen längst herbeigerufen sind, wieder bannen kann. Er darf sich aber auch nicht in die Rolle des Lückenbüßers drängen lassen und eine "Reparatur-Ethik" anbieten, also eine Ethik, die nicht das Tun und Handeln der Menschen fraglos bestimmt, sondern die man sich kommen lässt, wenn sie sich als unumgänglich erweist.

Trotzdem, trotz meiner großen Skepsis will ich versuchen, einige grundsätzliche Dinge zu unserem Thema zu sagen. Ich werde in drei Schritten vorangehen. Zunächst werde ich kurz einen Überblick geben über die pharmakologisch-medikamentöse Manipulation im Bereich vor allem des Hochleistungssports. Dann werde ich mich befassen mit den Wertvorstellungen bzw. mit dem Sinnentwurf menschlicher Existenz, der hinter den Doping-Praktiken sichtbar wird. Dann werde ich vom christlichen Menschenbild her eine ethische Bewertung vornehmen, die sich allerdings nicht nur auf die Doping-Problematik beschränkt.

 

Die pharmakologisch-medikamentöse Leistungsmanipulation im Sport

Die heute gültige, pragmatische "Doping-Regel" der Medizinischen Kommission des IOC lautet:

Doping ist die Verwendung von Substanzen aus den verbotenen Wirkstoff-Gruppen und die Anwendung verbotener Methoden.

  • Verbotene Wirkstoffgruppen: Stimulantien, Narkotika (opioide Analgetica), Diuretika, Peptidhormone und Analoge.
  • Verbotene Methoden: Blutdoping, pharmakologische, chemische und physikalische Manipulation.
  • Wirkstoffgruppen zugelassen nur mit gewissen Einschränkungen:
    Alkohol, Marihuana, Lokalanästhetika, Kortikosteroide, Betablocker (vgl. Müller 2004, S. 22).

Bemerkenswert ist, dass in dieser "Definition" Wirkstoffgruppen genannt werden. Als Regel gilt, dass alle Wirkstoffe innerhalb einer pharmakologischen Wirkstoffgruppe und deren nahe chemische oder pharmakologische "Verwandtschaft" als Dopingmittel gelten. Zur Präzisierung werden darüber hinaus ergänzende Doping-Definitionen und Listen von verbotenen Substanzen und Mitteln erstellt. Die "Anti-Doping-Weltagentur" (WADA) hat ebenfalls "Richtlinien" veröffentlicht, die für die internationalen Fachverbände verbindlich sind (vgl. dazu besonders das "Anti-Doping-Handbuch" von Nickel / Rous 2007).

Was die pharmakologisch-medikamentöse Manipulation betrifft, so geht es heute in der Hauptsache um die Verwendung der anabolen Steroide und ähnlicher hormonaler Wirkstoffe. Die Anwendung sowohl des synthetisierten wie auch des körpereigenen Testosteron in einer deutlich erhöhten Dosierung hat gravierende Nebenwirkungen negativer Art. Genannt werden immer wieder mögliche Leberschäden, vermehrt auftretende Sehnen-Rupturen, vor allem Schädigungen der Herz-Muskulatur. Bei Männern warnt man vor einer "pharmakologischen Kastration", bei Frauen tritt eine irreversible Virilisierung ein. Bei Jugendlichen besteht die Gefahr eines Wachstums-Stillstandes.

In diesem Zusammenhang wird auf andere Formen der medikamentösen Manipulation hingewiesen: die Manipulation der Erwachsenengröße mittels Wachstumshormonen; die Eigenblut-Retransfusion und die Anwendung des Erythropoietins, das die Bildung der roten Blutkörperchen stimuliert; der Einsatz der Diuretika und der schier uferlose Bereich der sportler-gerechten Ernährung. Nicht zu vergessen ist die Anwendung der sogenannten "sozialen Drogen" Cannabis und Cocain, die in den Ballsportarten beliebt sind, schließlich die Verwendung der verschiedenen Narkotika bis hin zu opioiden Analgetika. Genannt sei in diesem Zusammenhang auch das "Schmerzdämpfungsdoping" durch Voltaren oder Aspirin - jüngst in die Schlagzeilen gekommen durch Ivan Klasnic von Werder Bremen. Welche Technologien und neue Formen der pharmakologischen Manipulation in der Zukunft noch möglich sein werden, ist noch nicht abzusehen, auch wenn sie sich mit dem Etikett "Substitution" versehen und legitimieren. Nicht zuletzt sei hingewiesen auf die Gefahr des Gen-Dopings. Dabei geht es nicht um die Anwendung von gentechnisch hergestellten Medikamenten; auch nicht nur um die Bestimmung des "genetischen Potentials", d. h. um die Inventarisierung von leistungsfördernden Genen. Offensichtlich sind z. B. Experimente bezüglich der Entwicklung eines "Epo-Gens" schon gemacht.

Wie reagiert der Sport auf diese Situation? In der Hauptsache kämpft man gegen die "Doping-Seuche" an mit einem immer dichter werdenden Netz von Kontrollen. Doch an diesem Punkt ist zu bedenken: "Blut und Urin sagen nichts über die dopingstimulierenden Qualifikationsnormen der Verbände. Und auch die Verhaltenserwartungen, die Politik, Wirtschaft, Massenmedien und Publikum an die einzelnen Sportler adressieren, können durch Massenspektrometer nicht sichtbar gemacht werden. Die gegenwärtige Doping-Analytik erfasst ... nur biomechanische Paramter" (Bette 2001, S. 30).

Hier zeigt sich in aller Deutlichkeit: Es geht offensichtlich nicht nur um eine "Doping-Neigung" im Spitzensport, der mit verstärkten Kontrollen oder gar mit erzieherischen Maßnahmen begegnet werden könnte. Es geht vielmehr um eine mit der Übernahme des Code's "Sieg - Niederlage" notwendig einhergehende "Dopinglogik" des Spitzensports (Bette / Schimank 1995, S. 139 ff). Es gibt also so etwas wie eine "Doping-Nötigung" seitens der Sportverbände, wenn sie z. B. für internationale Wettkämpfe Leistungsnormen festsetzen, die ohne Doping kaum erreichbar sind. "Dopingdevianz" ist also "das Ergebnis einer Entfesselung des Siegescodes durch wissenschaftliche, politische, wirtschaftliche und massenmediale Einflüsse" (Bette / Schimank 1996, S. 379). "Unser Gesellschaftssystem, aber auch die Organisation des Hochleistungssports ist derart strukturiert, dass insbesondere die Sportlerinnen und Sportler und ihr Umfeld oft unter einem solchen Druck stehen, dass die Einnahme von auch erlaubten Mitteln offensichtlich für viele nur noch die einzige Möglichkeit darstellt, überhaupt eine Chance zu haben, bestimmte Leistungen aufgrund des Entwicklungs-, Erholungs- und aktuellen Leistungszustands zu erbringen" (Hotz 2003, S. 22).

Was diese "strukturellen Zwänge" betrifft, so ist bemerkenswert, dass dieser "soziale Kontext" der Doping-Vergehen meist unterschlagen wird: "Dem Festmachen der Abweichung an einzelnen Personen fällt in diesem Zusammenhang offensichtlich die Funktion zu, das strukturelle Fundament der Sportorganisationen vor lästiger Kritik zu schützen" (Bette 2001, S. 29). Nicht zuletzt gilt dieser Vorwurf den Medien: "Ohne eine Personalisierung und Singularisierung des Dopings gäbe es keinen Interessenkonsens zwischen den Medien und dem Spitzensport" (Bette, 2001, S. 34). Man zeigt mit dem Finger auf den einzelnen Athleten; man übersieht geflissentlich die dahinterstehende Struktur, das System.

Angesichts der Doping-Fakten und der strukturellen Zwänge, die gerade in der Doping-Problematik zu Tage treten, wundert man sich nicht über die Resignation bezüglich einer zufriedenstellenden Lösung. Court zweifelt sogar an der Möglichkeit einer "abschließenden, allumfassenden Beurteilung des Dopingproblems", zumal "die Materie viel zu weitgespannt und gerade in der medizinischen Diskussion für den Laien fast undurchschaubar" geworden sei; und er stellt die Frage, "wie gegen Doping argumentiert werden muss, wenn es nichtschädliche Mittel zur Leistungssteigerung geben sollte" (Court 1994, S. 326). Deutlicher kann man die ethische Aporie - oder sollte man es Hilflosigkeit nennen? - nicht zum Ausdruck bringen.

 

Die Wertvorstellungen in Gesellschaft und Sport

Angesichts der mannigfachen Methoden der Leistungsmanipulation ist die Frage der ethischen Bewertung zu stellen. Als Antwort genügt in keiner Weise der Hinweis auf das Wohl und die Würde des Athleten oder auf die Menschlichkeit. Das sind "Gummi-Begriffe".

Das eigentliche ethische Problem besteht auch nicht darin, dass durch die genannten Manipulationen und Technologien die sportliche Leistung nicht mehr Ergebnis der Eigenleistung des sportliche Engagierten ist; dass der Sportler also zum "Objekt der Manipulation herabgewürdigt" werde - was sicherlich häufig genug der Fall ist. Um all das, was praktiziert wird, durchschauen zu können, müssten der Athlet und sein Trainer voll ausgebildete Mediziner sein! Jedenfalls genügt das Kriterium des "Eigenbewusstseins" und der "Selbstverantwortung" nicht; denn sonst wäre die bewusste und selbstverantwortete Eigen-Manipulation ethisch gerechtfertigt, damit auch die bewusste Inkaufnahme von gesundheitlichen Schäden.

Das ethische Hauptproblem liegt auch nicht darin, dass derjenige, der solche fragwürdigen Mittel und Methoden anwendet, gegen die Chancengleichheit und Ehrlichkeit im Wettkampf verstößt, sich also gegenüber dem, der derartige Mittel nicht anwendet, einen Vorteil verschafft. Das ist sicher auch der Fall. Aber kaum ein Spitzensportler ist nicht in irgendeiner Weise auf die medizinische Betreuung angewiesen; in irgendeiner Weise braucht er immer die "Substitution" irgendwelcher Körpersubstanzen. Und schließlich ließe sich die Chancengleichheit auch durch eine generelle Freigabe der fraglichen Mittel und Methoden verwirklichen. Warum eigentlich nicht? Vom sportlichen Erfolgsdenken her ist das doch nur konsequent. Außerdem: wenn einer sich selbst ruinieren will (so könnte man argumentieren), dann soll er es halt tun! Wer zu sportlichen Ehren kommen will, der muss wissen, worauf er sich da einlässt; welchen gesundheitlichen Preis er gegebenenfalls dafür zahlen muss. Ja, ist dies nicht sogar erwünscht, von der Gesellschaft erwartet und deshalb legitimiert?

Die ethische Kernfrage ist m. E. diese: Von welchem Werte-Horizont, von welchem Sinnentwurf menschlicher Existenz her gehen wir in unserem Leben und auch im Sporttreiben aus? Jede pädagogische Praxis und Theorie, jegliche Ethik gründet in einer bestimmten Sicht des Menschen und seines Lebenssinnes. Auch alle konkreten Normen, die es in einer Gesellschaft gibt, gründen in einem solchen Werte-System. Alle Normen sind im eigentlichen Sinn "relativ", "relativ im ganz wörtlichen Sinn: bezogen auf und abgeleitet von einer bestimmten Grundsicht. Der Philosoph Karl Jaspers formulierte diesen Sachverhalt einmal so: "Das Bild vom Menschen, das wir für wahr halten, wird selbst ein Faktor unseres Lebens. Es entscheidet über die Weisen unseres Umfangs mit uns selbst und mit den Mitmenschen, über Lebensbestimmung und Wahl der Aufgaben" (Jaspers 1974, S. 50).

Von welchem Sinnentwurf menschlicher Existenz, von welchem Werte-Horizont werden in unserer Gesellschaft die hohen, nicht nur gesundheitlichen Gefahren und Risiken im Bereich vor allem des Spitzensports gerechtfertigt? Hat ein Hochleistungssportler, ob volljährig oder noch ein Kind, ein Recht auf Selbstverwirklichung um einen derart hohen Preis, z. B. einer Gesundheitsbeeinträchtigung auf Lebenszeit? Ist der sportliche Erfolg, ist der dadurch ermöglichte gesellschaftliche Aufstieg oder die materielle Existenzsicherung ein derartiger Rechtfertigungsgrund? Darf man gegebenenfalls um der medizinischen Forschung willen eine derartige Entwicklung billigen oder sogar fördern, vielleicht mit öffentlichen Geldmitteln? Ist die "technische Machbarkeit" der sportlichen Höchstleistung mit Hilfe des Mediziners schon ein ausreichender Rechtfertigungsgrund? Darf man - selbst wenn alle Schädigungsmöglichkeiten ausgeschlossen wären, wenn also die Betreuung in pädagogischer, in psychologischer und medizinischer Hinsicht optimal wäre - einen Menschen zum Hochleistungssport hinführen und auf ihn, wenigstens zeitweise, festlegen?

An unseren Sport und an unsere Gesellschaft ist also die Frage nach dem Menschenbild, nach dem von ihnen vertretenen Werte-Horizont zu stellen. Dabei sollte eine Einsicht unbestritten sein. Jede Weltanschauung, jede Anthropologie hat einen derartigen Bezugspunkt absoluter Art, von dem her alles gesehen und auch relativiert wird. Dieser Bezugspunkt steht nicht mehr zur Disposition; er wird angenommen; er wird in einem eigentlichen Sinn "geglaubt". Das ist bei jedem Menschen der Fall. Die Frage ist nicht, ob ich glaube oder ob ich nicht glaube. Die Frage ist nur, woran ich glaube, und zwar in diesem Sinn: Was wird von mir als "absolut" angenommen? Dem gegenüber jedoch, woran ich in diesem Sinn "glaube", verliere ich meine Freiheit; es steht ja nicht mehr zur Disposition; es steht nicht in Frage. Ist es ein weltimmanenter Wert, gar etwas Materielles, dann bin ich ihm gegenüber nicht mehr frei. Wir erleben diesen Freiheits-Verlust heute allenthalben; man spricht z. B. vom "Konsum-Idioten", der von seinen Glückssehnsüchten geknechtet wird. Aber auch andere "Absoluta" als den Lebensgenuss wählt sich der Mensch aus und betet sie an. Vor einem Altar betet jeder. Die Frage ist nur, wen oder was er auf diesem Altar anbetet.

Das gilt auch für den Sport. Welche "Götter" werden im heutigen Sport als "absolut" verehrt? Vor welchen Götzen sprechen die modernen Gladiatoren, müssen sie sprechen: "Ave Caesar, morituri te salutant - Wir sind bereit, uns für dich zu ruinieren, zu sterben, geopfert, verheizt zu werden?" Ist dieser Götze das Geld? Ist es die Ideologie einer Klasse oder des Staates? Ist es die Olympische Idee? Oder ist es nur das eigene kleine Ich? Nur sollte man bedenken: Diese Gegebenheiten, diese Götzen können nicht das übernehmen, was sie eigentlich übernehmen müssten, nämlich Erlösungsfunktion angesichts der Heillosigkeit und Fragwürdigkeit der Welt und der eigenen Existenz.

In diesem Zusammenhang sei noch auf ein Phänomen hingewiesen, das m. E. mit der geschilderten Mentalität zusammenhängt. Es ist auffallend, dass in der Diskussion über die Probleme im heutigen Sport, insbesondere in der Frage des Dopings, die "Sympathisanten", die eingangs erwähnten "Wohlgesinnten" (wenn man boshaft wäre, würde man sie als "Fundamentalisten" bezeichnen) oft nur unter sich sind. Diskussionsteilnehmer, die das System des Hochleistungssports als solches in Frage stellen, sind unerwünscht; sie bleiben "außen vor". Man hat es also zumeist mit Leuten zu tun, die nach eigenem Bekunden "für" den Sport leben. Aber es handelt sich bei ihnen nicht nur um Leute, die "für" den Sport leben, sondern in der Regel auch um solche, die "vom" Sport leben; die also ein elementares, oft oder meist ein materielles Interesse am Sport habe - ob es sich um Funktionäre, um Sportärzte oder Sportjournalisten handelt; die Athleten kommen eh an letzter Stelle.

Nach Karl Marx verändert bekanntlich die materielle Basis das Bewusstsein des Menschen. Von "Lobbyisten" kann man nur eine Befürwortung erwarten, allenfalls eine partielle Kritik. Auf keinen Fall wird das "Gesamt-System" in Frage gestellt. Ist mein Eindruck falsch, dass es meist gar nicht um die "heiligen Güter" des Sports geht, sondern um ganz massive persönliche Interessen, meist materieller Art; oft auch um die Pflege persönlicher Eitelkeiten - nicht nur bei Sportführern, sondern auch bei Politikern bis hinauf zu Bundespräsidenten?

Gerade diese Verquickung von durchaus berechtigten Anliegen des Sports mit persönlichen Ambitionen und Interessen, erst recht die Verschleierung dieser persönlichen Interessen durch die unbestreitbar positiven Möglichkeiten demaskiert m. E. das bestehende Sport-System als eine Ideologie, ja als eine Art "Totalitarismus"; demaskiert vor allem die Funktionäre als "Nomenclatura", als Machtclique, die auf die Wahrung ihrer Privilegien bedacht ist. Die Athleten sind dabei die nützlichen Idioten, die mit den entsprechenden Gratifikationen bei Laune gehalten werden. Ich meine, es sei an der Zeit, das zu erkennen, zumindest in dieser Hinsicht wachsam zu sein.

 

Das christliche Menschenbild und die darauf basierende Bewertung des Doping

Damit komme ich zum Kernpunkt meiner Ausführungen, und zwar zur Darlegung dessen, was für die christliche Auffassung vom Menschen charakteristisch ist, und zu den daraus resultierenden ethischen Leitlinien. Man könnte diese "Leitlinien" auch "Maßstäbe" nennen, also "Instrumente" bzw. "Hilfsmittel", um z. B. menschliche Verhaltensweisen einzuordnen, zu bewerten, als für den Menschen nützlich und förderlich oder als schädlich und negativ zu erkennen. Diese Leitlinien ermöglichen "systemimmanent", also vom Selbstverständnis des Sports her, die Erkenntnis, wo in der modernen Sportbewegung inhumane Tendenzen vorhanden sind. "Systemübergreifend" wollen diese Leitlinien dazu führen, dass von der Sportbewegung selbst die Frage nach ihren verbindlichen Leitlinien, nach ihrem Leitbild, nach ihrem Werte-Horizont gestellt wird. Diese Frage, die gerade in der Frage des Dopings von entscheidender Bedeutung ist, kann und darf nicht suspendiert werden, wie dies zuweilen mit Berufung auf die weltanschauliche Neutralität des Sports geschieht. Der Sport ist nämlich auf keinen Fall "wertneutral". Deshalb hat er seine "Vorgaben", seine "Konstanten" je neu zu bedenken und zu benennen.

Fraglos gehört zur sportlichen Betätigung - als eine erste "Konstante" - wesentlich das Element des "Spiels". Wie Lachen und Weinen ist das Spiel eine charakteristische "Ausdruckshandlung" des Menschen; es lässt die inneren Einstellungen, Empfindungen nach außen sichtbar und erkennbar werden. Im Spiel stellt sich der Mensch selbst dar; im Spiel offenbart er sein eigenes Wesen. In irgendeiner Weise spielt der Mensch immer sich selbst, meistens ohne dass er sich dessen bewusst ist. Das Spiel ist ein "Tätigsein aus innerstem Bedürfnis, aus dem Impetus des Lebendigseins" (Bamberg 1984, S. 17). Daraus ergibt sich, dass auch die sportlichen Leibesübungen, wenn sie noch "Spiel" sein wollen, nicht nur Übungen des Körpers sind. In ihnen drückt sich vielmehr in einer spezifischen Weise die Einheit von Leiblichem und Seelischem im einen Wesen Mensch aus. Von daher lässt sich folgendes Bewertungskriterium ableiten und formulieren:

Wenn und soweit es dem Menschen bei der sportlichen Betätigung gelingt, sein eigenes Wesen in Spontaneität und Selbstverantwortung darzustellen, ist das sportliche Handeln empfehlenswert. Wenn und soweit jedoch äußere, der sportlichen Betätigung selbst fremde Ziel- und Zwecksetzungen die spontane und selbstverantwortliche Selbstdarstellung des Menschen beeinträchtigen oder gar unmöglich machen, ist das sportliche Handeln ethisch fragwürdig.

Eine zweite ethische Leitlinie geht aus vom Element der "Arbeit" im Gegenüber zum Element der "Muße". Diese beiden Elemente menschlicher Tätigkeit bedeuten im menschlichen Daseinsvollzug nicht zwei voneinander abgegrenzte Zeiten. Jede Tätigkeit des Menschen, wo und insofern sie den ganzen Menschen ins Spiel bringt und ihn betrifft, ist "arbeitend" und "musisch" zugleich. Die Tätigkeitsfelder des Menschen sind heute jedoch "unmusischer" geworden, weil nicht mehr die spontanen und kreativen Fähigkeiten im Vordergrund stehen; sie sind oft zur "Nur-Arbeit" geworden im Sinne der Realisierung von Vorgaben und im Sinne einer Funktionalisierung.

"Arbeit" und "Muse" sind einander zugeordnet und können sich in je verschiedener Weise in derselben menschlichen Tätigkeit mischen. So kann die reine Wissenschaft "musisch" sein oder "Arbeit" darstellen, je nachdem, ob die empfangende Eingebung oder das Bemühen um die Realisierung einer schöpferischen Idee die Führung haben. Im Tanz oder im menschlichen Spiel wird das "Musische" auf der Ebene des Leibhaften vorherrschen. Auch das sportliche Spiel stellt eine eigenartige Mischung von "Arbeit" und "Muse" dar. Deshalb wäre eine mögliche Verschiebung innerhalb des Sports zur "Nur-Arbeit" im Sinne einer totalen Außensteuerung, Planung, Instrumentalisierung und Funktionalisierung als entscheidendes Negativum anzusehen. Daraus ergibt sich ein weiterer Bewertungsmaßstab für das Sporttreiben:

Wenn und soweit es dem Menschen gelingt, bei der sportlichen Betätigung einen Ausgleich von "Muße" und "Arbeit" zu verwirkliche, ist das sportliche Handeln empfehlenswert. Wenn und soweit jedoch äußere Ziel- und Zwecksetzungen Spiel und Sport "unmusisch", d. h. zur "Nur-Arbeit" werden lassen, und zwar im Sinne einer weitgehenden, ja totalen Außensteuerung, Instrumentalisierung und Funktionalisierung, ist das sportliche Handeln ethisch fragwürdig.

Ich komme zur dritten "Leitlinie". Die Überzeugung, dass mit dem Sport normalerweise verbundene Wirkungen die Förderung der Gesundheit, die Erschließung der Vital- und Erlebnissphäre und die Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit sind, liegt der pädagogischen Auffassung zugrunde, dem Sport einen wichtigen Platz in der Erziehung junger Menschen zuzuerkennen. Wenn jedoch feststeht, dass diese Wirkungen nicht erst aufgrund einer willkürlichen Zielsetzung zustande kommen, sondern den Leibesübungen und dem Sport "immanent" sind, dann lässt sich aus dieser Gegebenheit die Folgerung ziehen, dass der Sport keinesfalls in der Weise betrieben werden darf, die zur Aufhebung dieser unbestritten positiven Wirkungen führt. Von hier lässt sich diese Leitlinie für das Sporttreiben formulieren:

Wenn Sport der Gesundheit und der schöpferischen Selbstverwirklichung des Menschen dient, ist er empfehlenswert. Wenn der Sport jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit, ja mit einer gewissen Zwangsläufigkeit zu einer Schädigung der Gesundheit und zu einer Beeinträchtigung der Persönlichkeitsentfaltung führt, damit also zur Aufhebung der von ihm selbst angestrebten "immanenten" Werte, ist er ethisch fragwürdig.

Die bislang genannten Bewertungskriterien bzw. Leitlinien sind "immanenter" Art; sie ergeben sich aus dem Wesen von Spiel und Sport. Die vierte Leitlinie ist nicht "systemimmanent"; sie geht von einem für die christliche Ethik fundamentalen Ansatz aus: Den Menschen in seiner Begrenztheit und Fragwürdigkeit, mit seinen realen Ängsten und Nöten kann man nur richtig verstehen in seiner Bezogenheit auf ein transzendentes Absolutum. Die Bibel spricht vom Menschen als dem Wesen, das nach dem "Bild Gottes" geschaffen ist. Der Mensch trägt also nach christlicher Auffassung die "Verwiesenheit auf Gott" in sich. Diese "Verwiesenheit" ist für den Menschen konstitutiv. Es geht also um die Frage nach dem Sinn des Sports, anders gesagt: es geht um die Frage nach dem "letztlich Gesuchten" (v. Tongeren 1998, S. 452), d. h. nach dem, was der Mensch als Sinn seines Lebens ansieht. Alle Versuche, dieses "letztlich Gesuchte" in der endlichen Welt zu finden, sind - das ist übrigens nicht nur für die christliche Ethik selbstverständlich - Verkürzungen der Sinnsuche des Menschen.

Jeder Mensch hat notwendigerweise ein derartiges "letztlich Gesuchte" bzw. ein "Absolutum", auf das er sich bezieht, und von dem her er sich selbst versteht und begreift. Dieses Absolutum kann nicht weltimmanenter Art sein, weil alles Welt-Immanente an der dem Menschen eigenen Begrenztheit und Fragwürdigkeit partizipiert, aber - was die Sinnstiftung betrifft - überfordert ist. Dieses Absolutum muss deshalb transzendenter Art sein, nicht identisch mit einer innerweltlichen Gegebenheit. Damit ist aber auch gesagt, dass der Mensch sich nicht nur von sich selbst her, von welt-immanenten Gegebenheiten und Größen verstehen und Sinn geben kann, sondern von einem Bezugspunkt her, der ihn und diese Welt "transzendiert", der von ihm selbst nicht gemacht und ihm daher auch nicht verfügbar ist.

Damit hängt eine zweite fundamentale Voraussetzung der christlichen Ethik zusammen: Im "Seinwollen wie Gott", im Anspruch des Menschen, ein transzendentes Absolutum nicht zu brauchen, sein Genügen an einem weltimmanenten Absolutum zu haben, darin liegt nach christlicher Auffassung die Ursache für die offenkundige "Heillosigkeit" in der Welt, die ja von allen Religionen und Weltanschauungen gesehen und gedeutet wird. Gemeinsam ist ihnen auch die Sehnsucht nach dem "Heilsein", also die Frage nach einer "Erlösung" des Menschen aus dieser Heillosigkeit.

Die christliche Theologie beantwortet diese Frage nach dem "Heilsein" mit der Feststellung: "Erlösung" und "Heil" werden dem Menschen nicht zuteil aufgrund seines eigenen Tuns und Leistens. Wir sind angesichts der Heillosigkeit in Welt und Gesellschaft nicht verurteilt zur Selbsterlösung, Sinn stiften zu müssen. Wir sind nicht verurteilt zu einer "Sisyphos-Existenz". Die Grundworte des Christentums heißen deshalb "Erbarmen", "Liebe", "Gnade" und nicht "Leistung" und "vorweisbarer Erfolg". Hier liegt der fundamentale Unterschied zwischen der christlichen Botschaft und an aus ihr sich ableitenden ethischen Leitlinien einerseits und dem Selbstverständnis unserer säkularen Gesellschaft und damit auch unseres Sports anderseits. Die Charakterisierung des Leistungssports etwa als "Kultus der Industriereligion" zeigt, wie sich offensichtlich zwei miteinander konkurrierende Werte-Systeme gegenüberstehen. Der Wert eines Menschen kann aber niemals am Erfolg, am Resultat als einer vorweisbaren Leistung abgelesen werden. Der Wert, die Würde und die Unantastbarkeit des Menschen sind letztlich nur in seinem Transzendenzbezug aufgehoben und bewahrt. Aus dieser Verwiesenheit des Menschen auf ein transzendentes Absolutum lässt sich folgende ethische Leitlinie ableiten:

Wenn und soweit im modernen Sport ein Sinnentwurf menschlicher Existenz sich geltend macht, der die übrigen Werte des menschlichen Lebens der sportlichen Leistung bzw. dem sportlichen Erfolg unterordnet oder sie unmöglich macht, ja die sportliche Leistung in die Nähe eines absoluten Wertes rückt, wird er ethisch fragwürdig und ist er abzulehnen.

 

Schlussfolgerungen

Ich habe Ihnen vier ethische "Leitlinien" bzw. "Bewertungs-Maßstäbe" genannt, die sich einerseits aus sport-immanenten Charakteristika, anderseits aus dem christlichen Verständnis des Menschseins ergeben. Es dürfte auch klar geworden sein, dass sich aus ihnen kaum konkrete Imperative für ein individuelles Handeln ableiten lassen. Insofern sind diese Leitlinien weniger griffig als rein numerische Kriterien, mit deren Hilfe eine Grenzziehung zwischen "erlaubt" und "nicht erlaubt", zwischen "clean" und "nicht-clean" einfacher und eindeutiger ist. Das Ausweichen auf derartige positivistische Setzungen (wie z. B. in den gültigen Doping-Definitionen) könnte ja dazu führen, wie Bette / Schimank meinen, "den vielleicht doch noch vorhandenen letzten Rest moralischer Haltungen im Leistungssport endgültig" zu liquidieren (Bette / Schimank 1995, S. 161). Wohl führen die genannten ethischen Leitlinien zur Erkenntnis von Grundtendenzen und Trends im heutigen Sport, die in keiner Weise unbedenklich sind. Sie ermöglichen ein Urteil darüber, ob sich ein konkreter Vollzug des Sports in die Richtung bedenklicher, ja inhumaner Folgen bewegt und deshalb als ethisch fragwürdig zu bezeichnen und abzulehnen ist.

Zunächst möchte ich darauf hinweisen: Die pharmakologisch-medikamentöse Manipulation bzw. die Doping-Problematik darf nicht isoliert und auf den Bereich des Sports eingeengt gesehen werden. Sie muss auf dem Hintergrund des allenthalben üblichen Medikamenten-Gebrauchs bzw. Medikamenten-Missbrauchs in unserer Gesellschaft betrachtet werden. Ich nenne das Schlagwort von der "gedopten Gesellschaft".

Eine zweite Schlussfolgerung ist diese: Die genannten ethischen Leitlinien bzw. Bewertungskriterien haben nicht nur Gültigkeit für unser Thema "Doping". Sie haben Gültigkeit auch für andere Problembereiche im heutigen Sport. Das Problemfeld "Doping" darf also nicht isoliert für sich gesehen werden. Ich weise auf einen Bereich hin, mit denen Sie sicher konfrontiert werden: den Bereich des Schulsports.

Ohne Zweifel machen sich im Bereich des organisierten, aber auch des privat geübten Sports immer mehr Tendenzen bemerkbar, die den angestrebten Werten "Gesundheit" und "personale Selbstverwirklichung" eindeutig zuwiderlaufen. Sicher fallen die mannigfachen gesundheitlichen Risiken in besonderer Weise ins Gewicht, gerade im Hochleistungssport, ob sie nun durch die Überbelastung des Haltungs- und Bewegungsapparates verursacht sind oder durch die pharmakologisch-medikamentöse Manipulation heraufbeschworen werden. "Die Beschwörung des Grundsatzes, dass ein Hochleistungstraining nur ohne pharmakologische und technische Manipulationen ethisch und gesundheitlich vertretbar ist, mag früher halbwegs zutreffend gewesen sein, hilft aber heute nicht mehr, die gesundheitliche Unbedenklichkeit jeder Art von Training zu attestieren" (Mader 1992, S. 164 f). Doch ist auch die Gefahr einer Fremdbestimmung und Instrumentalisierung der sporttreibenden Menschen nicht zu übersehen. Die vage Hoffnung auf materielle Gratifikationen lässt leider viele die Gefahr nicht erkennen, zu austauschbaren "Opfern" von Funktionären, Trainern, Medizinern und Geschäftemachern, nicht zuletzt der Medien zu werden.

Hinter diesem "Geflecht" der verschiedenen Interessen wird indessen ein Denken sichtbar, das immer noch eine "ungebrochene Fortschrittsgläubigkeit und -sehnsucht" widerspiegelt; der Spitzensport ist "ein Refugium typisch moderner Machbarkeitsphantasien" (Bette / Schimank 1996, S. 363). Auf diesem Boden wächst dann z. B. die "Doping-Neigung" seitens der Athleten, wächst die "Doping-Nötigung" durch Verbände; es wächst die stillschweigende "Duldung" durch die Sportorganisationen, nicht zuletzt durch die Medien (vgl. dazu Bette 2005).

Es fällt auf, wie der Sport in steigendem Maße für viele Menschen heute zum Sinnträger ihres Lebens geworden ist. "Je weniger Zeit für andere Dinge bleibt, desto wichtiger wird das Sporttreiben als sinnstiftendes Zentrum der eigenen Identität" (Bette / Schimank 1995, S. 133 f). Man könnte gar das im Sport sich manifestierende Gesundheitsstreben als Versuch einer "Verweltlichung des Paradieses" bezeichnen. Damit wird dem Sport jedoch eine Aufgabe zuteil bzw. aufgebürdet, die ihn hoffnungslos überfordert. "Den Sinn des Lebens finden wir nicht allein im Sport. Wer es dennoch glaubt, wird in ihm letztlich Leere finden" (Kurz 1990, S. 214). Der Sport eignet sich nun einmal nicht zum Religions-Ersatz, und er sollte sich auch nicht ideologisch missbrauchen lassen bzw. selber zu einer Ideologie werden; er ist "kein Modell der Moderne, das Sinnstiftungsfunktion übernehmen" kann (Alkemeyer 1996, S. 79). Die "quasi-religiösen Gewänder", mit denen man sich schmückt, können nicht über die dahinter erkennbar werdende Sinnleere hinwegtäuschen (vgl. zum Thema "Sport als säkulare Religion" Koch 2002).

Für die verhängnisvolle Entwicklung sind allerdings nicht nur die im Sport unmittelbar "Engagierten" verantwortlich zu machen. Es ist das geistige Klima in unserer Gesellschaft, das den "Nährboden" bereitet. Deshalb wird die Zukunft des Sports von einer Änderung des gesellschaftlichen Bewusstseins abhängen. Diese gesellschaftlich bedingten Wertvorstellungen des sportlichen Erfolgs bedürfen dringend einer Korrektur. Ohne diese Korrektur bleibt das Verbot z. B. der verschiedenen Formen der Chemo-Manipulation unwirksam und verlogen. Andernfalls wird sich der Trend hin zu einem rein "kommerzialisierten Show-Sport verstärken, dem die Gesundheit und die personale Selbstverwirklichung der Athleten untergeordnet werden. Die letzte Konsequenz dürfte dann, wie Helmut Digel einmal gesagt hat, die "Selbstzerstörung" sein (Digel 1997, S. 87). Dieser kommerzialisierte, die Gesundheit missachtende Show-Sport wird dann zum neuen "Opium des Volkes", das die Sinnleere des Daseins betäuben und das klare Bewusstsein davon trüben soll. Die vielfältigen Formen der Leistungsmanipulation und der unabdingbaren medizinischen Betreuung des Hochleistungssportlers abzulehnen und den internationalen Leistungsvergleich zu fordern, das ist der hoffnungslose Versuch einer Quadratur des Kreises.

Die im heutigen Sport sich zeigenden Probleme werden ohne Zweifel noch verstärkt und verschärft durch eine zunehmende Kommerzialisierung, aber auch durch den überaus großen Einfluss der Medien. Zwischen Medien und Kommerz ist eine "unheilige Allianz" entstanden. Gerade die negativen Folgen für die Gesundheit der Athleten werden zu schnell angesichts der horrenden Geldsummen in Kauf genommen. So wird die Doping-Problematik unter den "Gesetzen des Marktes" immer unlösbarer, und die Liaison zwischen Sport und elektronischen Medien fördert den Leistungs-fetischismus und den Starkult in unheilvoller Weise. Die traditionellen Ideale des Sports jedenfalls sind längst tot und dem totalen Medienspektakel gewichen. Auch die vielbeschworene "Vorbildfunktion" des Spitzensports ist entschieden in Frage zu stellen.

Vielleicht wären diese Probleme des heutigen Sports zu lösen, wenn bei den Entscheidungsträgern in Sport und Gesellschaft die Bereitschaft und die Fähigkeit vorhanden wären, diese Probleme zur Kenntnis zu nehmen und sie nicht aus Eigen-Interesse zu verharmlosen bzw. zu verschleiern. Da diese Eigen-Interessen zumeist mit Privilegien und materiellen Gratifikationen identisch sind, ist eine dringend notwendige Bewusstseinsänderung kaum zu erhoffen. Gerade die Diskussionen in der Vergangenheit und Gegenwart über die Dopingproblematik und den Anabolika-Missbrauch bestätigen diese Einschätzung. Wer die sportmedizinische und trainingswissenschaftliche Literatur in den vergangenen 30 Jahren verfolgt hat, der ist erschüttert über die weitgehende Folgenlosigkeit der wissenschaftlichen Erkenntnisse bezüglich der Bewertung des Hochleistungssports im allgemeinen und der Doping-Problematik im besonderen. Offensichtlich gibt es bei vielen Sportfunktionären und Sportorganisationen in der Wahrnehmung "blinde Flecken" und "Reflexions- und Beobachtungsdefizite"; ja, es fehlt anscheinend die "Selbstbeobachtungs- und Reflexionsfähigkeit" (vgl. Bette 1995, S. 77 und 85); deshalb verhallt auch der Ruf nach einer "Selbstbegrenzung" ungehört. Offensichtlich ist der Sport nicht in der Lage, seine vielfältigen Probleme selbst zufriedenstellend zu lösen, weil die vielerlei Interessen und Vorgaben im eigenen Bereich nicht in Einklang miteinander zu bringen sind.

Es ist deshalb schon erstaunlich, wenn der Sportwissenschaftler Helmut Digel, lange Jahre der Präsident des Leichtathletikverbandes, angesichts der vielfältigen Probleme die "Rückbesinnung auf das Religiöse" als "angemessen" bezeichnet: "Rekordsucht, Gewaltausschreitungen und Dopingbetrug sind Merkmale einer unreflektierten Säkularisierung. Die Rückbesinnung auf ein kategorisches Sollen als Einsicht in die Notwendigkeit einer moralisch-ethisch fundierten Verantwortung ist für die Bewahrung des Kulturguts Sport unabdingbar" (Digel 2002 b, S. 14). So verwundert es auch nicht, dass gegenüber der "Sportethik" ein großes Misstrauen besteht: "Der angebliche Problemlöser gehört zum Problem" (König 1996, S. 240), weil es der Sportethik offensichtlich nur um die "Rechtfertigung" bzw. um die "Optimierung" des Sportsystems geht.

Die vielgepriesene Sportethik stellt sich aber nicht nur in den Dienst eines fragwürdigen Systems. Sie hat offensichtlich überhaupt nicht erkannt, "dass das absolute Leistungsprinzip mit dem ethischen Prinzip kollidiert" (Hotz 2003, S. 22), und dass sie einem ethik- und moralfreien Phänomen gegenübersteht. "Der technologische Sport" ist "weder moralisch noch unmoralisch, er funktioniert nach dem amoralischen Code von Sieg oder Niederlage. ... Der Sinn seines Seins ist sein Funktionieren. Für die ethische Frage nach gut oder böse, nach moralisch oder unmoralisch ist in diesem nihilistischen System kein Platz mehr"; ja, das "Grundgesetz" des technologischen Sports "heißt progressive Fremd- und Selbstüberbietung", und die Sportler sind nur noch "körperliche Virtuosen, die immer mehr zu moralischen Analphabeten degenerieren" (König 2001, S. 75 und 78). Der Spitzensport ist, wie Eugen König in einem anderen Artikel sagt, "in seiner innersten Struktur zum amoralischen, nihilistischen Sport" geworden, zu "einem Sport, der sich völlig immun und resistent erweist gegenüber allen ... an ihn herangetragenen ethischen Anwandlungen" (König 2004, S. 203). Wenn diese Einschätzung zutrifft, dann darf man allerdings die Frage stellen, ob der "Patient Sport" überhaupt noch therapierbar ist; und man sollte die Illusion aufgeben, den Patienten heilen zu wollen.

Was die christliche Ethik vor allem anbieten kann, das ist die Einsicht, dass der Mensch sich niemals von sich selbst her, aber auch nicht von irgendwelchen innerweltlichen Gegebenheiten, schon gar nicht vom Dinglichen und Materiellen her verstehen und entwerfen kann, sondern von einem Bezugspunkt transzendenter Art. Nur von einem solchen Bezugspunkt her wird im letzten deutlich und begründbar, dass kein Mensch dazu degradiert werden darf, einer innerweltlichen Zielsetzung untergeordnet und als "Mittel zum Zweck" angesehen zu werden. Er kann weder zur Begründung und Verifizierung einer innerweltlichen Heilslehre bzw. Ideologie "gebraucht", noch einem Erziehungssystem untergeordnet, noch dem Diktat des Geldes, der Leistung oder einer Wissenschaft unterworfen werden.

Es ist keine Frage, dass sich im Bereich des modernen Sports inhumane Tendenzen geltend machen. Die Etablierung von quasireligiösen Systemen und Riten, die totale Verplanung des Spontanen und die staatliche "Verordnung" der Leibesübungen, die Degradierung des Sportlers zum Roboter und seine Opferung auf dem Altar des Moloch "Leistung", nicht zuletzt das Diktat des Geldes sind Symptome dieser Inhumanität. Vom christlichen Menschenbild her lässt sich diese Inhumanität erkennen und Wege zu ihrer Überwindung aufzeigen. Ja, die christliche Ethik muss - von ihrem Selbstverständnis her - auf den Plan treten, ob gelegen oder ungelegen, wenn der Mensch in Gefahr ist, irgendwelchen Zielsetzungen, irgendwelchen Ideologien oder Götzen geopfert zu werden. Da die fundamentale Gefahr für den Sport heute zweifellos in der bedenkenlosen Übernahme der "Anthropotechniken" besteht, muss gerade die christliche Ethik diesem "Dogmatismus unserer technologischen Wissenschaften im Sport" widerstehen (König 2001, S. 78), auch wenn dieser "Widerstand" keinen Beifall findet, sondern nur Spott und Hohn erntet; auch auf die Gefahr hin, dass dem Christentum wieder der Vorwurf der Sportfeindlichkeit, ja der Leibfeindschaft gemacht wird. Dieses "Etikett" könnte sich noch mal als "Ehrentitel" erweisen.

Meine Schlussbemerkung greift noch mal die Ausführungen zu Beginn auf, den Hinweis auf den Roman von Jonathan Littel "Les bienveillantes" - die "Wohlgesinnten". Ich zitiere einen Text von Lothar Zenetti:

      Das ist immer dasselbe in den großen Zeiten:
      Die einen glauben daran.
      Die anderen müssen dran glauben.
      Die Übriggebliebenen haben es natürlich kommen sehen,
      und haben dennoch von allem nichts gewusst.

 

Literaturverzeichnis

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Link to 'Public Con-Spiration for the Poor'

Link zur Hompage von P. Alois Koch SJ

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