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Alois Koch SJ
Unbekannte Details der antiken Agonistik?

Aus: NIKEPHOROS 20, 2007, 209-211

Wie viele Athleten nahmen im Rahmen einer Disziplin bei den großen panhellenischen Agonen wie Olympia teil, etwa im Ringkampf? War die Teilnahme an eine „Qualifikation" gebunden? Welche Praktiken wurden von Athleten angewendet, um eine „Schwächung" durch sexuelle Unenthaltsamkeit zu verhindern? Bei Johannes Cassian gibt es Hinweise auf Details, die anscheinend in der sportwissenschaftlichen Literatur unbekannt sind.

Bei der Durchsicht der Schrift „Über die Klostergründungen und die Mittel zur Heilung der acht Hauptlaster" des Johannes Cassianus (ca. 360-435 n. Chr.) {1} bin ich auf zwei Details aus der antiken Agonistik gestoßen, die ich weder bei J. Jüthner noch bei I. Weiler gefunden habe.

Die erste Einzelheit bezieht sich auf eine anscheinend übliche „Qualifikation" für große Agone, bei denen offensichtlich die Zahl der Athleten, die teilnehmen konnten, begrenzt war, bzw. dass Auswahl- Kriterien die Teilnahme entschieden. Unter den genannten Kriterien geht es vor allem um das vierte, dass bei bestimmten Agonen nur oftmaligen Siegern die Teilnahme möglich war. Der ganze Text lautet:

    Um festzustellen, ob die jungen Leute, welche sich zum Kampf (= certamen) gemeldet haben, auch dessen würdig sind und zugelassen werden dürfen, darüber wird sowohl das Urteil des Vorsitzenden (= praesidere) als auch das des ganzen Volkes eingeholt. Findet man nach sorgfältiger Prüfung, dass erstens seinem Ruf kein Makel anhängt; zweitens dass das Joch der Sklaverei ihn nicht verunehrt, welches ihn dieses Wettkampfes und jeden Kampfes mit ehrlichen Gegnern unwürdig machen würde; dass er drittens würdige Proben seiner Kunst und Tapferkeit aufzuweisen und im Kampf (= decertare) mit jungen Altersgenossen Erfahrung und jugendliche Kraft gezeigt hat; dass er viertens fortschreitend vom Ringen mit Jugendlichen (= epheborum luctamen) auf die Erlaubnis des Vorsitzenden hin schon mit volljährigen und durch reife Erfahrung erprobten Männern gerungen hat und im ganzen Verlauf des Ringkampfes (= colluctatio) sich ihrer Tüchtigkeit nicht nur gewachsen ge-

 


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    zeigt, sondern auch häufig unter ihnen den Siegeskranz (= victoriae palma) errungen hat. Dann erst wird er für würdig gehalten, zu den ruhmreichen Wettkämpfen (= praeclara agonis certamina) zu gehen, bei denen nur Siegern (= victores), und zwar mit vielen Siegeskränzen geschmückten, die Erlaubnis zum Kämpfen erteilt wird {2}.

Der zweite Text bezieht sich auf eine Praxis der „sexuellen Enthaltsamkeit" seitens der Athleten, die ich auch in dem bekannten Artikel von Fiedler in der Zeitschrift „Stadion" von 1985 nicht gefunden habe {3}. In der schon erwähnten Schrift bezieht sich Iohannes Cassianus auf den bekannten Ausspruch des Paulus: „Jeder, der sich im Wettkampf befindet (= in agone contendere), enthält sich von allem" (1. Kor. 9,25). Dazu heißt es:

    Jene, die in einem weltlichen Wettkampf (= agon) den Regeln gemäß kämpfen (= decertare) wollen, dürfen nicht alle Speisen genießen, auf die sie gerade Lust haben, sondern nur solche, welche die entsprechende Kampfregel (= certaminum disciplina) vorschreibt. Nicht nur der verbotenen Speisen und der Trinkgelage müssen sie sich enthalten, sondern auch aller Untätigkeit, der Trägheit und des Müßiggangs, so dass durch die täglichen Übungen (= exercitia) und beständiges Überdenken ihre Kraft wachsen kann. Auch von aller Sorge, Betrübnis und weltlichen Geschäften und ebenso von jedem Tun, das die Ehe betrifft, halten sie sich fern, damit sie außer der Einübung für die Wettkämpfe (= praeparare ad agonum certamina) keine weltlichen Sorgen ablenken. Denn nur vom Kampfvorsteher (= certamini praesidere) erhoffen sie ihren täglichen Unterhalt (= victus substantia), den Siegeskranz und die dem Sieg angemessenen Belohnungen (= praemia victoriae). Ja, so sehr bewahren sie sich vor jeder Befleckung des Beischlafes, dass sie bei den Vorbereitungen zum Wettkampf — aus Furcht, sie möchten vielleicht, durch trügerische Traumbilder getäuscht, die in langer Zeit erworbenen Kräfte schwächen — mit Bleiplatten (= laminae plumbeae) die Nierenstellen bedecken, weil sie durch die Härte des Metalls den Samen einhalten können. Denn sie sehen ein, dass sie ohne Zweifel besiegt werden müssen und nicht den bevorstehenden Wettkampf gewinnen können, wenn ihre Kräfte dadurch geschwunden sind, und dass das trügerische Bild der schädlichen

 


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    Wollust die durch die Bewahrung der Keuschheit erworbene Festigkeit untergräbt {4}.

Die „Lehre", die Johannes Cassianus aus dieser „Praxis" der Athleten zieht, lautet:

    Wenn wir nun die beim weltlichen Wettkampf (= agon mundialis) eingehaltene Ordnung (= disciplina) zur Kenntnis genommen haben, ... was wird uns zu tun zukommen; mit welcher Reinheit werden wir die Keuschheit unseres Leibes und unserer Seele hüten müssen! {5}
    [Und weiter heißt es:]
    Was jene Kämpfer im irdischen Wettkampf durch die Reinheit des Leibes zu erreichen streben, das müssen wir auch im Inneren unseres Gewissens besitzen, in dem der Herr als Schiedsrichter (= arbiter) und Kampfvorsteher (= agonotheta) thront und stets auf unseren Wettlauf (= pugna cursus) und Wettkampf (= pugna certaminis) schaut {6}.

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Die Frage ist, wie diese Aussagen zu bewerten sind. Die „Kenntnisse" der antiken Agonistik, die sich auch sonst in vielen Bildern und Vergleichen des Johannes Cassianus finden, weisen nicht auf seine letzten Lebensjahre hin, die er von 415 bis etwa 435 n. Chr. in dem von ihm gegründeten Kloster in Marseille verbrachte, sondern auf seinen langjährigen Aufenthalt im Osten des römischen Reiches: Palästina mit Bethlehem, Ägypten und wohl auch Antiochien, schließlich Konstantinopel, wo er ein Vertrauter des Bischofs Johannes Chrysostomus wurde {7}. Während es für den Westen des römischen Reiches aus dem Anfang des 5. Jahrhunderts kaum Hinweise auf ein Weiterleben der (griechischen) Agonistik gibt, ist diese gerade für den Osten durchaus noch präsent, wie etwa die Weiterexistenz olympischer Spiele in Daphne/Antiochien bis 520 n. Chr. belegt {8}.

Anmerkungen

{1} Zur Person des Johannes Cassian vgl. K.S. FRANK, Johannes Cassianus, in: RAC 18, 1998, 414-426.

{2} Iohannes Cassianus, Institutiones V. 12; PL 49, S. 227 B-228 A—B.

{3} W. FIEDLER, Sexuelle Enthaltsamkeit griechischer Athleten und ihre medizinische Begründung, in: Stadion 11,1985,135-75.

{4} Johannes Cassianus, Institutiones VI. 7; PL 49, S. 275 B-277 A.

{5} Johannes Cassianus, Institutiones VI. 8; PL 49, S. 277 A—B.

{6} Johannes Cassianus, Institutiones VI. 9; PL 49, S. 278 A.

{7} D.G. DOWNEY, The Olympic Garnes of Antioch in the Fourth Century, in: TAPA 70, 1939, 428-438.

{8} A.A. VASILIEV, Justin the First. An Introduction to the Epoch of Justinian the Great, Cambridge 1950, 119; D.G. DOWNEY, A History of Antioch in Syria from Seleucus to the Arab Conquest, Princeton 1961, 518; I. WEILER, Theodosius I. und die Olympischen Spiele, in: Nikephoros 17, 2004, 53-75.

 

NIKEPHOROS
Zeitschrift für Sport und Kultur im Altertum
herausgegeben von
Wolfgang Decker • James G. Howie • Peter Mauritsch
Werner Petermandl • Robert Rollinger
Christoph Ulf • Ingomar Weiler
WEIDMANN