Link zur Hompage von P. Alois Koch SJ

Alois Koch

Leibwertung und Leibpflege
im Werk des Kirchenvaters
Johannes Chrysostomus
(349-407)

(veröffentlicht in: W. Schwank (u.a. Hrsg.): Begegnung. Schriftenreihe zur Geschichte der Beziehung zwischen Christentum und Sport, Band 4. Aachen 2003, S. 36 - 64.

Die Wertung der Leiblichkeit und der Leibpflege von Seiten der Vertreter des spätantiken Christentums ist ambivalent. Die Urteile reichen von einer "Verdächtigung" und von strikter Ablehnung bis zur unbefangenen positiven Einstellung. Als Zeuge einer unbefangenen Einstellung zur Leiblichkeit überhaupt und zu einer Leibpflege (und damit auch zu "Leibesübungen") ist vor allem Johannes Chrysostomus zu nennen, der große Prediger der alten Kirche. In seinen Abhandlungen, Predigten und Briefen zeichnet er ein buntes Bild des damaligen Lebens in den antiken Großstädten Antiochien und Konstantinopel.

Nicht zuletzt ersteht in seinen zahllosen Vergleichen aus dem Bereich der Gymnastik und Agonistik der ausgehenden griechisch-römischen Antike ein erstaunlich lebendiges Bild der damaligen Zeit und der damals (auch von christlicher Seite) praktizierten Leibpflege. Allerdings tritt auch eine deutliche Kritik an den Gebräuchen und Volksbelustigungen zu Tage (Tanz, Theater und Spiele), die vor allem wegen ihrer Nähe zum Heidentum bzw. zur heidnischen Unmoral abgelehnt wurden.

 

I. Biographie des Johannes

Über keinen Lebensgang aus dem griechisch-christlichen Altertum sind wir so gut unterrichtet wie über den von Johannes Chrysostomus. Er wurde wahrscheinlich im Jahre 349 n. Chr. im syrischen Antiochien geboren. Er genoß eine rein "griechische" Erziehung und erlangte so "eine umfassende geistige Ausbildung" (KACZYNSKI, S. 337). Ob er sich als Schüler von Libanius, dem bekannten Rhetoriklehrer der damaligen Zeit, in der Redekunst ausbilden ließ, ist nicht sicher. 367 beendete er

 


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das Rhetorik-Studium und wandte sich dem Kreis um Bischof Meletius zu, der ihn im darauffolgenden Jahr taufte.

In den folgenden Jahren stand Johannes in engem Kontakt zu Meletius und zum Mönch Diodor, durch den er die historisch-grammatische Exegese der sogenannten antiochenischen Schule kennen lernte; sie diente ihm als "grundlegendes Rüstzeug für die Verkündigung" (Stockmeier, S. 127). "Bezeichnend für die Exegese der Antiochener, im besonderen gerade auch für Johannes ist ihre stark ethische Ausrichtung." (Brändle 1997, S. 466).
     Wohl im Jahre 372 zog sich Johannes in die Berge bei seiner Heimatstadt zurück und führte sechs Jahre lang ein entbehrungsreiches asketisches Leben. Dabei zog er sich eine schwere Schädigung seiner Gesundheit zu.

Im Jahre 386 wurde Johannes von Bischof Flavian zum Presbyter geweiht. Seine Hauptaufgabe war von diesem Zeitpunkt an das Predigen, was ihm schon zu Lebzeiten den Ruhm des größten christlichen Predigers ("Chrysostomus = Goldmund") eintrug. Ja, er gilt als "der letzte großstädtische Rhetor der antiken Welt" (Brown, S. 468).

Berühmte Reden aus dieser Zeit in Antiochien sind die sogenannten "Säulenreden" anläßlich eines Aufstandes der antiochenischen Bevölkerung wegen Steuererhöhungen und der drohenden Bestrafung durch Kaiser Theodosius. Vielleicht stammt auch die programmatische Schrift "Über das Priestertum" aus diesen Jahren.

Im Jahre 397 wurde Johannes – wohl als Gegengewicht gegen den Patriarchen Theophilus von Alexandrien - von Kaiser Arkadius zum Bischof von Konstantinopel berufen, wo "der Moralist in der Großstadt" (LEPPIN, S. 47) sich bis 404 pastoral und kirchenpolitisch tatkräftig engagierte; kein Wunder, dass er dabei bald mit klerikalen Kreisen, vor allem aber mit der Kaiserin Eudoxia in Konflikt geriet. Auf der sogenannten "Eichen-Synode" wurde er schließlich für abgesetzt erklärt und 404 endgültig nach Armenien ins Exil geschickt, wo er 407 starb (vgl. BRÄNDLE, 1999, S. 61-64). Er war am "Intrigenspiel einer Hauptstadt" (LEPPIN, S. 51) gescheitert.

 


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Keiner der griechischen Kirchenväter hat ein so umfangreiches Gesamt-Werk hinterlassen wie Johannes. Neben 17 Abhandlungen (die in der Mehrzahl wohl vor seiner Predigttätigkeit liegen) sind mehr als 700 authentische Predigten, 11 Katechesen, vier Kommentare zu Büchern der Heiligen Schrift und 241 Briefe überliefert.
     Von den Abhandlungen ist für unser Thema bedeutsam die Schrift über "Geltungssucht und Kindererziehung": "Sie gilt als die einzige zusammenhängende Darstellung frühchristlicher Privaterziehung und als älteste in sich geschlossene christliche Erziehungslehre." (KACZYNSKI, S. 339; vgl. außerdem PAUL, S. 63-68). Man könnte diese Schrift als ein "regelrechtes Lehrbuch" der Erziehung bezeichnen (Stockmeier, S. 133).

Johannes ist sicher kein origineller Theologe, zumal sein Lebenswerk vorwiegend im Dienst der christlichen Lebensführung steht. Dennoch sind seine Abhandlungen, Predigten und Katechesen ein eindrucksvolles Zeugnis für eine kritische, zu allererst den Literal-Sinn ernstnehmende Auslegung biblischer Texte. Das Charakteristikum vor allem seiner Homilien ist, daß sie nicht nur eine Schrifterklärung bieten, sondern fast immer mit der Stellungnahme zu irgendeiner Frage des christlichen Lebens schließen.
     Obwohl Johannes also kein origineller Theologe ist, darf er doch "in allen Fragen der Theologie als besonders zuverlässiger Zeuge für den damals erreichten Stand der Dogmenentwicklung" angesehen werden (KACZYNSKI, S. 341). Nicht zuletzt sind die Schriften des Johannes einzigartige kulturgeschichtliche Zeugnisse.

 

II. Wertung der Leiblichkeit

Im frühen Christentum kommt es zur Begegnung der biblischen Auffassung von Schöpfung und Mensch mit den Auffassungen der griechischen Philosophie. Diese Begegnung führte aber dazu, daß im frühen Christentum unter dem Einfluß der hellenistischen Umwelt die ur-

 


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sprüngliche unbefangene Sicht der Leiblichkeit, die der Bibel eigen ist, durch eine Verdächtigung, ja gar Verachtung des Leiblichen abgelöst wird. Man spürt allenthalben diesen Einfluß, besonders in der stoischen und neuplatonischen Form.

Fast alle Vertreter des frühen Christentums sind diesem "epochalen Zwang" des Denkens erlegen und setzen darum ohne Bedenken die ähnlich lautenden Begriffe der griechischen Philosophie den biblischen Redewendungen gleich. Ja, viele meinen, in den biblischen Schriften selber die Bestätigung ihrer Absage an das Leibliche zu finden, so vor allem Origenes von Alexandrien (vgl. KOCH, 1965, S. 86-89). Zwar werden diese negativen Auffassungen aufgrund des christlichen Schöpfungsdogmas gemildert. Trotzdem stehen Leib und Leiblichkeit weitgehend unter einem abwertenden Vorzeichen.

Auch Johannes Chrysostomus ist in seiner Sicht der Leiblichkeit und des Leibes von der zeitgenössischen, unter dem Einfluß des Platonismus stehenden griechischen Philosophie bestimmt. Diese "Prägung" zeigt sich z. B. in folgenden Bemerkungen: "Die Seele ist wie der Tonkünstler, die leibliche Natur wie die Zither; diese klingt auch so, wie der Künstler es will. Nicht ihr dürfen wir eine mißtönige Weise zur Last legen, sondern ihm." (Hom. z. Römerbrief 13, 3).
     In der 14. Homilie heißt es: "Wir gestehen zwar zu, daß das Fleisch weniger vornehm ist als die Seele, und daß es ihr nachsteht; wir behaupten aber nicht, daß es im Gegensatz dazu steht, daß es ihr Feind, daß es an sich schlecht ist, sondern daß es der Seele untergeordnet ist wie die Zither dem Zitherspieler, das Schiff dem Steuermann." (Hom. z. Römerbrief 14, 2).
     Bezeichnend für den Einfluß des "griechischen" Denkens ist auch die folgende Bemerkung: "Die Seele ist vom Leibe wie mit einer Maske umhüllt." (Hom. z. Matth.-Evang. 34, 5)

Johannes überträgt jedoch diese von der griechischen Philosophie beeinflußten Vorstellungen vom Menschen nicht auf die biblische Auffassung. Das wird besonders in seinen Homilien zum Römer- und Galaterbrief deutlich. Er sieht jeweils sehr genau zu, was Paulus meint. Einige wenige Auszüge aus den Homilien mögen dies belegen.

 


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So schreibt Johannes bei der Auslegung des Pauluswortes aus dem Römerbrief: "Das wissen wir, daß unser alter Mensch mitgekreuzigt worden ist, damit der Leib der Sünde vernichtet werde" (Röm. 6, 6). Paulus meint damit (mit dem Leib der Sünde) nicht diesen unseren Leib, sondern die Sünde in ihrem ganzen Umfang. Wie er nämlich an einer anderen Stelle (Kol. 3, 9) das Böse überhaupt 'den alten Menschen' nennt, so bezeichnet er im gleichen Sinn das aus verschiedenen Teilerscheinungen bestehende Böse als 'den Leib' dieses (alten) Menschen.

Daß diese Auslegung nicht eine bloße Mutmaßung ist, das magst du aus dem entnehmen, was Paulus weiter sagt. Nach den Worten 'damit der Leib der Sünde vernichtet werde' fährt er fort: 'und wir nicht mehr der Sünde dienen', das heißt: Ich verlange ein Totsein nicht in dem Sinn von Nicht-mehr-sein oder Sterben, sondern im Sinne von Nicht-mehr-sündigen." (Hom. z. Römerbrief 12, 1)

In der 14. Homilie heißt es zum Vers 8 des 8. Kapitels des Römerbriefs: "Die im Fleische sind, können Gott nicht gefallen": "Was heißt das? Sollen wir etwa das Fleisch in Stücke hauen, damit wir Gott gefallen, sollen wir aus dem Fleisch ausziehen? Befiehlst du uns, Menschenmörder zu werden, indem du uns Anleitung zur Tugend gibst? Siehst du, welcher Widersinn herauskommt, wenn wir die Worte buchstäblich nehmen. ‚Fleisch‘ nennt der Apostel hier nicht den Körper, auch nicht das Wesen des Körpers, sondern das fleischliche und weltliche Leben, das lauter Schwelgerei und Unmäßigkeit ist und den Menschen ganz in der Pflege des Fleisches aufgehen läßt. Gerade nämlich wie jene, welche sich von den Flügeln des Geistes tragen lassen, auch ihren Leib vergeistigen, so machen diejenigen, welche sich dem Einfluß des Geistigen entziehen und nur dem Bauche und dem Wohlleben frönen, auch ihre Seele zu Fleisch; sie ändern freilich nicht die Natur der Seele um, aber sie vernichten ihren Adel."

In demselben Abschnitt heißt es weiter: "Man darf die Worte nicht nach ihrer buchstäblichen Bedeutung nehmen, sondern muß immer auf die Absicht des Sprechenden achten und die Worte wohl zu unterscheiden verstehen. Es gibt Worte, die etwas Gutes, andere, die etwas Schlechtes, und solche, die etwas in der Mitte Stehendes bezeichnen. Zu den

 


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letzteren gehören die Worte ‚Seele‘ und ‚Fleisch‘; sie können das eine oder andere bezeichnen. Dagegen kann ‚Geist‘ immer nur etwas Gutes sein, niemals etwas anderes. ‚Sinnen des Fleisches‘ wieder, das heißt sündiges Tun, kann immer nur etwas Schlechtes sein; denn es unterwirft sich nicht dem Gesetze Gottes. Wenn du nun deine Seele und deinen Leib in den Dienst des Guten stellst, dann wirst du auch des Guten teilhaftig; wenn aber in den Dienst des Schlechten, dann nimmst du auch Teil an dem Verderben, welches daraus hervorgeht, und zwar nicht, weil es so in der Natur der Seele und des Fleisches liegt, sondern wegen deines freien Willens, in dessen Gewalt es liegt, das eine oder das andere zu wählen." (Hom. z. Römerbrief 14, 7)

In ähnlicher Weise äußert sich Johannes in der 15. Homilie: "Wir sind dem Fleisch gar manches schuldig, nämlich daß wir es nähren, warmhalten, ausruhen lassen, es pflegen, wenn es krank ist, es kleiden und ihm tausenderlei ähnliche Dienste leisten. Damit man nun nicht meine, der Apostel wolle auch diesen Dienst aufgehoben wissen, erklärt er den Satz: ‚Wir sind nicht dem Fleische schuldig‘, indem er sagt: ‚daß wir nach dem Fleische leben‘. Jene Sorge um das Fleisch will ich beseitigt sehen (heißt das), die zur Sünde führt, wie ich anderseits will, daß das geschehe, was zu des Leibes Pflege gehört."

Wenig später heißt es zu dem Satz des PAULUS: "Wenn ihr im Geiste die Werke des Fleisches ertötet, werdet ihr leben": "Siehst du, wie der Apostel nicht von der Natur des Leibes spricht, sondern von fleischlichen Werken? Er sagt ja nicht: Wenn ihr im Geiste die Natur des Leibes ertötet, sondern ‚die Werke‘, und zwar nicht alle, sondern nur die sündhaften... Denn auch das Sehen, das Hören, das Sprechen, das Gehen sind Werke des Körpers. Wenn wir diese ‚ertöten‘ wollten, wären wir so weit entfernt davon ‚zu leben‘, daß wir eher als Menschenmörder bestraft würden." (Hom. z. Römerbrief 15, 1)

Für Chrysostomus ist also die Leiblichkeit bzw. das "Fleisch" nichts Minderwertiges, schon gar nicht etwas Schlechtes, zumal Christus in seiner Menschwerdung die Leiblichkeit geheiligt hat: "Nicht die Natur des Fleisches ist schlecht. Denn Christus nahm kein anderes Fleisch an als das ursprüngliche und änderte nichts an seinem Wesen...

 


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Er ließ es in seinem natürlichen Zustand bestehen und verschaffte ihm den Lorbeer des Sieges über die Sünde. Und nach dem Sieg ließ er es auferstehen und machte es unsterblich." (Hom. z. Römerbrief 14, 5)

Erwähnenswert für die Hochschätzung des Leibes und der Leiblichkeit ist seine Auffassung von der Ehe. Gerade in seiner Abhandlung über den "jungfräulichen Stand" findet er erstaunliche Worte: "Wer die Ehe verdammt, der nimmt auch dem jungfräulichen Stand seinen Ruhm; wer sie lobt, der macht diesen um so bewunderungswürdiger und herrlicher... Die Ehe ist etwas Gutes... Stürzt man die Ehe von ihrer Höhe herab, so gibt man den Ruhm der Jungfräulichkeit preis." (Vom jungfr. Stand 10) "Denn wenn die Ehe unrein ist, dann sind auch alle aus ihr entstandenen Wesen unrein, also ihr selber unrein; um nicht zu sagen: die Menschennatur." (Vom jungfr. Stand 8)

Auf einen interessanten Aspekt macht BROWN aufmerksam. In der kritischen Auseinandersetzung mit den unsittlichen Darstellungen im Theater, wo junge Frauen nackt auf der Bühne in Wasserbassins badeten, ist Johannes der Meinung, an diesen zu sexuellen Darbietungen gezwungenen Frauen die gemeinsame menschliche Körperlichkeit zu zeigen: "Sage mir nicht, das nackte Weib ist ja eine Hure; nein, die Hure und die Freie haben die gleiche Natur, denselben Leib." (Hom. z. Matth.-Evang. 6, 8) Deshalb legt Johannes in seinen Ermahnungen ein ganz ungewöhnliches Gewicht auf den menschlichen Leib. Denn der Leib legt ja am beredsten Zeugnis ab von der gemeinsamen Abstammung aller menschlichen Wesen von Adam: "Johannes predigte eine Bruderschaft von Leibern, die in Gefahr waren." (BROWN, 1994, S. 325 f)

Aus all diesen Äußerungen in den Homilien geht hervor, daß für Johannes Chrysostomus die Leiblichkeit des Menschen als solche nicht etwas Verachtungswürdiges ist. Der Leib bedarf der Sorge des Menschen. Daher seine Schlussfolgerung: "Also ist der Leib nichts Böses." (Hom. z. Römerbrief 12, 3) Mit dieser Auffassung steht Johannes allerdings im Gegensatz zu manchem seiner christlichen Zeitgenossen, besonders zur leibfeindlichen Askese, wie sie unter dem Einfluß des Origenes gerade im frühchristlichen Mönchtum geübt wurde.

 


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III. Auseinandersetzung des Johannes
mit den heidnischen Gebräuchen

Die Stadt Antiochien galt als die Krone des Orients. Sie war "die Metropole Syriens, Handelsstation an der alten Seidenstraße, Scharnierstelle für den Kulturtransfer zwischen Ost und West und wichtiger Militärposten des Römischen Imperiums" (BRÄNDLE, 1999 a, S. 16). Die Stadt erstreckte sich über eine Fläche von zwanzig Quadrat-Kilometern, die von einer Mauer umgeben war. Große Tore gewährten Einlaß in die Stadt – so das Daphne-Tor, das im Süden den Weg zur Villen-Vorstadt Daphne öffnete.

Daphne ist übrigens bekannt durch die dort abgehaltenen "olympischen Spiele". In der 90. Olympiade erkauften die Bewohner Antiochiens von den Eleern die Erlaubnis, olympische Spiele abhalten zu dürfen. Sie wurden erst von Kaiser Justinus im Jahre 520 n. Chr. aufgehoben (vgl. dazu ERSCH / GRUBER, 1832, S. 325; vgl. außerdem DIEM, 1964, S. 103f und LENNARTZ, 1974, S. 15 ff).
     Bei diesen Spielen, "die an Ruhm die von Olympia in Griechenland längst überholt hatten" (BRÄNDLE, 1999 a, S. 13), maß sich die Jugend Syriens in Wettläufen, Ringkämpfen, Bogenschießen und Pferderennen. Auch Frauen beteiligten sich an den Wettkämpfen. Den Siegern und Siegerinnen winkte eine lebenslange Steuerfreiheit. In Antiochien selbst gab es ein großes Hippodrom, das 80.000 Plätze aufwies. Große Bäderanlagen schmückten die Stadt, aber auch Gymnasien und unzählige Theater, ganz zu schweigen von den vielen heidnischen Tempeln, die nach wie vor dem Götterkult dienten. Dazu kamen – wie auf Jahrmärkten – zahllose Flötenspieler, Tänzer, Schauspieler und ähnliche Leute. So soll Kaiser Julian (359 – 361) behauptet haben, "in Antiochien gäbe es mehr Tänzer, mehr Flötenspieler und Schauspieler als Bürger" (BRÄNDLE, 199a, S. 16). Ähnliche Gegebenheiten fand Johannes später in seiner Bischofsstadt Konstantinopel vor.

In seinen Abhandlungen und Homilien setzt sich Johannes mit diesen vielfältigen Erscheinungen des Lebens einer spätantiken Großstadt auseinander, die selbstverständlich immer noch vom Heidentum, also vom

 


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griechisch-römischen Götterglauben bestimmt war. Viele Bräuche und Lebensgewohnheiten wurden auch von den Neu-Christen beibehalten bzw. weiterhin geübt. Von daher ist verständlich, daß sich der Prediger Johannes damit auseinandersetzte. Die Stoßrichtung seiner Kritik zielte dabei vor allem auf die Unsittlichkeit der Schauspiele in den zahllosen Theatern, gegen die Tänze, gegen die verschiedenen "Spiele" im Amphitheater und im Hippodrom, aber auch gegen die unsittlichen Gepflogenheiten im Badebetrieb.

 

1. Kritik an den "Spielen"

Zu den kritisierten "Spielen" gehören für Johannes die Schauspiele in den Theatern, die Gladiatorenspiele und Tierhetzen, nicht zuletzt die Olympischen Spiele mit ihren athletischen Übungen.

Die Verurteilung der Darstellungen in den Theatern ist wegen ihrer Verquickung mit dem Heidentum allen Vertretern der alten Kirche gemeinsam (vgl. WEISMANN, 1972). Immer wieder wird auch Johannes in seinen Homilien die Unsittlichkeit der Theateraufführungen anprangern. Dabei ist anzumerken, daß mit den kritisierten Theatervorführungen nicht die klassischen Tragödien und Komödien gemeint sind, sondern "lockere Shows, die sich in der Spätantike großer Beliebtheit erfreuten" (BRÄNDLE, 1999 a, S. 70).

Zu bemerken ist außerdem, daß Johannes neben Augustinus aus der Reihe der christlichen Schriftsteller der einzige ist, der von der eigenen Begeisterung für das Theater in jungen Jahren spricht (vgl. Über das Priestertum I, 4).

Das Verdikt ist allerdings eindeutig: Diejenigen, die immer nur zu den Theatern laufen, die soviel Zeit opfern "für die schwimmenden Weiber" (Hom. z. Matth.-Evang. 1, 6), machen sich "Tag für Tag zu Ehebrechern" (Hom. z. Matth.-Evang. 17, 3). Ähnlich äußert sich Johannes in einer anderen Homilie: "Solche Dinge lehren auch die wollüstigen Schauspiele, diese unausrottbare Pest, dieser Gifttrank, diese böse Schlinge der

 


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Üppigkeit, und jene liederlichen Menschen, die noch in ihrem Untergang ausgelassen sind." (Hom. z. Matth.-Evang. 73, 3)

In Anbetracht dieser Auffassung verwundert es nicht, wenn er nach dem antiochenischen Aufruhr des Jahres 387 sogar die Schließung des Theaters durch Kaiser Theodosius begrüßt: "Sage mir, was ist denn Unangenehmes geschehen? Etwa dass er das Theater geschlossen, den Eintritt in die Rennbahn (Hippodrom) verboten hat? Dass er diese Quellen der Bosheit verstopft und zugedeckt hat? O möchten diese nie wieder aufgetan werden! Daraus entsprossen die Keime der Bosheit für unsere Stadt." (Hom. über die Bildsäulen 17, 2)

Die eigentlich Schuldigen jedoch sieht Johannes weniger in den Schauspielern, als vielmehr in den Zuschauern, deshalb auch unter den Christen: "Wer also alles in Verwirrung bringt, ist derjenige, der ins Theater geht." Es gehe deshalb nicht darum, die Theater zu schließen oder gar zu zerstören: "Sollen wir also das Theater zerstören, fragst du? Ja, wenn es nur möglich wäre, es zu zerstören! Oder besser gesagt: wenn ihr nur wollt, so ist es, wenigstens so weit ihr in Betracht kommt, bereits beseitigt und zerstört. Doch will ich nichts derartiges von euch verlangen. Macht nur, daß das Theater, das dasteht, ohne Besucher bleibe... Denn gäbe es keine Zuschauer, so gäbe es auch keine Schauspieler; weil es aber nun Zuschauer gibt, so werden auch sie die Höllenstrafen für diese Spiele teilen müssen." (Hom. z. Matth.-Evang. 37, 7)

Ähnlich heißt es an einer anderen Stelle: "Wenn niemand sich fände, der solche Dinge sehen möchte, dann gäbe es auch keine solchen Schauspieler... Ja, der Schauspieler, der solche Vorstellungen gibt, ist nicht einmal so schuldbar wie du, der du solche Dinge befiehlst; ja, nicht bloß befiehlst, sondern auch noch dazu antreibst, lachst, die Darstellung lobst und auf jede Weise deinen Beifall kundgibst über diese Werkstätten der Hölle." (Hom. z. Matth.-Evang 6, 7)

Hauptsächlicher Kritikpunkt ist für Johannes offensichtlich die öffentliche "Nacktheit". So prangert er einmal die Unsitte an, "Jungfrauen unbekleidet in der Palästra" einherzuführen "zum Schauspiel der Leute, welche... alles umkehren und verwirren und die der Natur gezogenen

 


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Grenzen umstürzen. Denn daß all diese genannten Dinge Erfindungen des Teufels sind und etwas Unnatürliches, das kann uns wohl die Natur selbst bezeugen, die sich gegen solche Verirrungen sträubt." (Hom. z. Matth.-Evang. 1, 4)

Ob hier "sportliche Darbietungen" gemeint bzw. kritisiert werden, geht aus dem Text allerdings nicht hervor.

Kritik übt Johannes auch an den Veranstaltungen im Hippodrom, also in der Pferderennbahn. In einer Homilie beklagt er, dass seine Zuhörer die Namen der Rennpferde besser kannten als die der Propheten (Hom. z. Joh. – Evang. 58, 4). Besonders in einer Homilie ("Gegen die, die nach Verlassen des Gottesdienstes ins Hippodrom und in die Theater laufen": PG 56, S. 263 bis 270) kommt die Kritik des Bischofs zum Ausdruck.

Diese Homilie wurde wahrscheinlich am Karsamstag des Jahres 399 gehalten. Nach sintflutartigen Regenfällen, die die künftige Ernte zu vernichten drohten, hielt der Bischof eine Bitt-Prozession ab. Kaum hatte sich – wie durch ein Wunder – das Wetter gebessert, da strömten dieselben Leute, die um gedeihliche Witterung gebetet hatten, ins Hippodrom – offensichtlich am Gründonnerstag, dem Tag des Abendmahls Christi; und am darauffolgenden Tag strömten die Massen in die Theater. Johannes muss von seinem Haus aus die Anfeuerungs- und Beifallsrufe der Zuschauer anhören. Er ist darüber empört und macht aus seinem Ärger keinen Hehl.

Mehr noch als das Laufen zu den Wagenrennen im Hippodrom ärgert den Bischof das Laufen in die Theater: "vom Rauch zum offenen Feuer"! "Wer sich mit solchem Eifer dem (den Darbietungen im Theater) hingibt, wie kann der von Schuld und Makel rein bleiben? Ist dein Leib etwa ein Stein oder ein Stück kaltes Eisen? Du bist ein Mensch aus Fleisch, das schneller als Heu von der Begierde entflammt wird."

Gegenstand der Kritik des Johannes sind auch die Gladiatorenkämpfe und die Tierhetzen im Amphitheater: "Darin liegt vollendeter Wahnsinn; denn diese öffentlichen Spiele erziehen das Volk zur Unbarmherzigkeit, Grausamkeit und Unmenschlichkeit. Man gewöhnt sich

 


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zuzusehen, wie Menschen zerfleischt werden, wie Blut in Strömen fliegt, wie tierische Wildheit alles zerstört. Die alten Gesetzgeber der Heiden haben alles das eingeführt, und nun spenden ihnen die Städte immer noch Beifall und bewundern sie." Und zum "Beruf" der "Gladiatoren" (= monomachos, eigentlich "Einzelkämpfer") heißt es: "Man sehe diesen verruchten Beruf der Gladiatoren. Den Leuten, die ihm nachgehen, scheint er begehrenswert. Aber darum gelten sie uns nicht als Glückliche, sondern wir bedauern sie gerade deswegen umso mehr, weil sie nicht eine Ahnung davon haben, welchem Elend sie entgegengehen." (Hom. z. Römerbrief 13, 7)

Auch die Olympischen Spiele (gemeint sind mit Sicherheit die, die in der antiochenischen Villen-Vorstadt Daphne schon seit langem alle vier Jahre stattfanden; sie endeten erst gegen 520 n. Chr.) werden nicht von der Kritik ausgenommen: "Den Sieg davonzutragen dadurch, daß man die Beleidigungen erwidert" – offensichtlich ist an das Boxen oder das Pankration gedacht – "das ist ein Gebot des Teufels. Alle, die sich auf einen Kampf einlassen, erringen einen Sieg, wie der in den olympischen Spielen (= olympiakoi agones), die ja dem Teufel geweiht waren. Aber in der Rennbahn (= stadion) Christi werden die Kränze nicht nach solchen Gesetzen verteilt, sondern da gilt die entgegengesetzte Maxime: der Geschlagene, nicht der Schläger wird bekränzt. Auf dieser Rennbahn bestehen überhaupt ganz andere Normen. Nicht der Sieg, sondern die Art des Sieges ist das Merkwürdige. Denn was anderwärts eine Niederlage bereitet, das verschafft hier den Sieg. Hier wirkt Gottes Kraft; das ist eine himmlische Rennbahn; das ist eine Zuschauerbühne für die Engel." (Hom. z. Römerbrief 23, 4)

 

2. Kritik an Tänzen

Auch in der Ablehnung der verschiedenen und bei manchen Gelegenheiten üblichen Tänzen ist Johannes mit vielen seiner christlichen Zeitgenossen einig (vgl. ANDRESEN, 1961). Immer geht es um die Grundposition, das moralische Ethos beweise die Überlegenheit des Christentums über die dekadenten heidnischen Gebräuche. Tanzen wird als Götzen-

 


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dienst hingestellt und verurteilt: "Wo getanzt wird, dort ist der Teufel." (Hom. z. Matth.-Evang.48, 3)

Aus den Predigten des Johannes, in denen die Invektiven gegen den Tanz einen auffallend breiten Raum einnehmen, geht hervor, daß in den Großstädten Antiochien und Konstantinopel die christliche Hausordnung durch den Einbruch der alten heidnischen Tanzsitten besonders gefährdet ist. In den Häusern der Christen lebte offensichtlich der Tanz als Fortsetzung heidnischen Brauchtums weiter.

Tänze gehörten zudem in der spätantiken Zeit zu den Volksunterhaltungen, die von Staats wegen veranstaltet wurden. "So bereitwillig der Staat der nachkonstantinischen Kirche seine Hilfe zur Verfügung stellte, um durch gesetzliche Erlasse das Heidentum aus der Öffentlichkeit zu verbannen, so wenig beteiligte er sich an einer kirchlichen Verfemung des Tanzes." (ANDRESEN, 1961, S. 229)

Wie wenig z. B. Johannes auf die staatliche Unterstützung rechnen konnte, sollte er bald erfahren, als er in Konstantinopel seine Polemik gegen den Tanz fortsetzte. In der Nähe der Hauptkirche war vor dem Rathaus ein Standbild der Kaiserin Eudoxia aufgestellt worden. Wie üblich, fanden dort Ballett-Tänze statt; vor dem Kaiser und seiner Familie traten Tänzer und Tänzerinnen auf. Johannes bezeichnete in einer Predigt diese staatlichen Volksbelustigungen auf dem Marktplatz als eine Brüskierung der christlichen Religion.
     Zugleich zielte er mit seinem Protest auf die Kaiserin, die er wegen ihrer Putzsucht und des weltlichen Hoftreibens für tadelnswert fand. Die Predigt fängt mit den Worten an: "Wieder einmal rast Herodias, wiederum tanzt Salome, wiederum bemüht sie sich, das Haupt des Johannes auf der Schüssel davonzutragen." (zit. bei ANDRESEN, 1961, S. 230)

Mit Herodias war eindeutig die Kaiserin EUDOXIA gemeint; der Tanz der Salome bezog sich auf die Ballett-Aufführungen; mit dem Täufer aber dachte der Bischof an sich selber, der den gleichen Namen wie der von Herodias gehasste Täufer trug. Die Metapher sollte bald Realität werden. Tatsächlich fiel Johannes dem Widerstand am kaiserlichen Hof gegen seine asketische Auffassung des Christentums zum Opfer.

 


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Die Kritik des Johannes richtete sich aber auch gegen die Tänze bei Begräbnissen bzw. beim Totengedenken, vor allem aber bei Hochzeiten. Offensichtlich sind derartige heidnische Gebräuche von den Christen beibehalten worden. Anstoßerregend sind dem Bischof besonders die Hochzeitstänze. Dabei wurden Lieder gesungen, die natürlich die Göttin der Liebe, d. h. Aphrodite, in allen Variationen priesen. Das Ohr der Christen mußte in solchen Liedern eine "Epiklese des Teufels" vernehmen (ANDRESEN, 1961, S. 252).

In reichen Familien engagierte man außerdem Berufstänzer. Die Thematik eines solchen Hochzeits-Balletts war ebenfalls durch die heidnische Mythologie bestimmt, d. h. durch das unerschöpfliche Thema der Aphrodite. So verwundert es nicht, wenn auf Bischofssynoden immer wieder die Hochzeitstänze als für den Christen nicht statthaft bezeichnet werden.

Die dieser Überzeugung entsprechenden kritischen, oft auch ironischen Bemerkungen des Johannes finden sich allenthalben in seinen Homilien. Seine Absicht ist es, die Christen davon abzuhalten, sich "an satanischen Hochzeitsfeiern, Tänzen und Reigen" zu beteiligen. "Es ist unanständig und schändlich, Wüstlinge und Tänzer und den ganzen satanischen Aufzug in dein Haus einzuführen... Die Eheschließung ist doch nicht etwa eine Theatervorstellung?" (Hom. z. Kolosserbrief 12, 4)

Was diese Verdikte betrifft, so ist zu beachten, daß der spätantike Kunsttanz nicht ein ästhetischer Bewegungstanz war. Auch mit ihm verband sich die Gefahr einer Paganisierung des Christentums. Das Repertoire des pantomimischen Balletts nährte sich von der Mythologie des Heidentums und trug so zum Erhalt des antiken Mythos bei.
     Deshalb verwundert es, daß sogar der Heide Libanius – der Rhetoriklehrer des Johannes – sich gegen den pantomimischen Tanz aussprach; er sei demoralisierend und wirke bildungszerstörend. Dem entspricht, daß die Zunft der Tänzer schon immer in einem üblen Ruf stand. Selbst der entschiedene Gegner des Christentums, Kaiser Julian, verfügte, daß die heidnischen Priester keinen Privatverkehr mit Berufstänzern, Schauspielern und Mimen pflegen sollten (vgl. ANDRESEN, 1961, S. 257).

 


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3. Kritik an Bade-Gebräuchen

Wenn von der Kritik des Johannes an den zeitgenössischen Bade-Gebräuchen die Rede ist, dann darf daraus nicht geschlossen werden, der Bischof habe aus asketischen Gründen ein Verdikt über das Baden überhaupt ausgesprochen, wie dies von manchen Mönchs-Asketen berichtet wird (vgl. ZELLINGER, 1928, S. 47 ff). In Übereinstimmung mit anderen Vertretern der Kirche hat er "den für das Wohlbefinden der Gläubigen unentbehrlichen Gebrauch der Bäder zugelassen und höchstens die Auswüchse bekämpft" (Mendner, 1978, S. 877).

Seine Kritik richtet sich nicht gegen die Reinlichkeit, sondern – wenn überhaupt – zunächst gegen das gemeinsame Baden von Männern und Frauen; in erster Linie jedoch gegen die Auffassungen, daß durch das Baden Sünden "abgewaschen" würden; nicht zuletzt gegen die Prunk- und Putzsucht der Leute anläßlich des Badens.

Die Ablehnung des gemeinsamen Bades von Männern und Frauen ("balnea mixta") findet sich schon in der frühen Kaiserzeit. "Gemeinsames Baden von Männern und Frauen galt als unanständig." (JÜTHNER, 1950, S. 1138) Die Kaiser haben es wiederholt verboten, so Hadrian und Marc Aurel (vgl. ZELLINGER, 1928, S. 36 f). Nach der Gesetzessammlung des Justinian (6. Jahrhundert) war es sogar ein Scheidungsgrund (vgl. ZELLINGER, 1928, S. 37 f).

Trotz der fast einstimmigen Ablehnung der "balnea mixta" durch die frühchristlichen Schriftsteller finden sich bei Johannes nur wenige Hinweise auf eine derartige Auffassung, die sich zudem nicht eindeutig gegen die "balnea mixta" wenden. So warnt er in seinem Büchlein über Kindererziehung davor, Knaben ins Frauenbad mitzunehmen. "Der Knabe soll sich nicht zusammen mit Frauen baden." (Über Geltungssucht und Kindererziehung 60) Ähnliches gilt für die Bemerkung, daß christliche Frauen goldenes Geschmeide im Bad nicht zur Schau tragen sollten.

Auch die folgende Bemerkung des Bischofs richtet sich nicht gegen das Baden überhaupt, sondern gegen die unsittlichen Darstellungen im

 


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Theater: "Du gehst zur Quelle des Teufels, um eine badende Hetäre zu sehen und dabei an deiner Seele Schiffbruch zu erleiden. Jenes Wasser (im Theater) ist ein Meer der Unzucht, das nicht dem Leibe, sondern der Seele den Untergang bringt. Sie schwimmt mit entblößtem Leibe, und du, der du zuschaust, versinkst in den Abgrund des Lasters... (Deshalb) fliehe das Schwimmbad im Theater! ... Die Sintflut hat zur Zeit Noe’s das Menschengeschlecht nicht so schmachvoll zugrunde gerichtet, wie diese schwimmenden Weiber alle ihre Zuschauer ersticken." (Hom. z. Matth.-Evang. 7, 7)

Die Bemerkungen des Johannes gegen abergläubische Badegebräuche anläßlich von moralischen Verfehlungen dürfen nicht als Verurteilung des Badens überhaupt verstanden werden. "Bei der Unzuchts-Sünde wird der ganze Körper besudelt. Er wird schmutzig, wie wenn er in ein ekliges Bassin fiele oder in eine Pfütze tauchte. So herrscht denn auch bei uns diese Sitte: Hat einer der Habsucht gefrönt oder Raub verübt, so fällt es ihm nicht ein, in ein Bad zu gehen; er kehrt unbedenklich heim. Kommt aber einer vom Hause einer Hure, so läuft er, als wäre er über und über beschmutzt, zum Bade. Damit bekundet das Gewissen, wie schändlich diese Sünde ist." (Hom. z. 1. Kor.-Brief 18, 1)

In einer Homilie zum 2. Timotheusbrief heißt es: "Hat (der Prophet Jesaja) etwa beigefügt: Eilt zu den Quellen, eilt zu den Bädern und Seen und Flüssen? Nichts von dem, sondern: Schaffet weg eure Bosheiten aus euren Seelen, d. h. werdet rein! Das behebt die Befleckung, das ist die wahre Reinheit. Jene Säuberung frommt wenig, diese gibt Zuversicht vor Gott. Mögen jene Bäder Ehebrechern und Dieben und Mördern, entnervten und zügellosen Männern, Hurern und Buhlknaben – ja diesen besonders – überlassen bleiben! Sie sind es, die nur auf des Leibes Sauberkeit sinnen, immer nach Salben duftend – ihr Grab scheuernd. Denn ein Grab ist ihr Körper und drinnen ruht die tote Seele. Mag ihnen die äußere Reinigung gelingen. Ins Innere dringen sie nicht. Was soll es bedeuten, den Körper zu waschen? ... Leute gibt es, die tagsüber mit Schuld und Sünde sich beladen, des Abends aber ein Bad nehmen und dann voll Zuversicht zur Kirche kommen und die Hände zum Gebet erheben, als hätten sie in ihrem Wasserbassin jeden Tadel weggewaschen. Wäre dem so, welcher Gewinn läge da in dem täglichen Bad! Wäre dem

 


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so und schüfe es Reinigung und Sündenvergebung, keine Gewalt brächte mich da mehr aus den Bädern heraus. Aber wie lächerlich und albern ist dieser Glaube." (Hom. z. 2. Timotheusbrief 6, 4)

 

IV. Wertung der Leibpflege

Die Kritik des Johannes am Treiben der Leute in Antiochien und Konstantinopel richtete sich vor allem gegen die unsittlichen Theater-Vorstellungen, gegen die heidnischen Hochzeitstänze, nicht zuletzt gegen abergläubische Bäder. Seine Einstellung zu den athletischen Wettkämpfen (etwa bei den Olympischen Spielen in Daphne, der Vorstadt von Antiochien) scheint weitgehend positiv gewesen zu sein. So erwähnt er, daß er selbst als Student an Wettrennen teilgenommen habe.

Es finden sich aber keine weiteren direkten Hinweise auf eine Billigung der körperlichen Übungen. Hinzuweisen ist hier allerdings auf die grundsätzlich positive Einstellung des Johannes zum menschlichen Leib und zur Leiblichkeit, wie wir oben gesehen haben.
     Bezeichnend dafür ist auch folgender Text aus einer Homilie: "Wenn der Bischof einfach für seine leiblichen Bedürfnisse sorgt, damit er dir Dienste leisten kann, wenn er bloß dir nützlich sein will, dafür soll er Vorwürfe verdienen? Weißt du nicht, daß körperliche Schwäche nicht weniger als Seelenschwäche uns und der Kirche Schaden bringt? ... Wenn die Seele allein das Organ der Tugend wäre, dann brauchten wir uns freilich nicht um den Leib zu kümmern. Aber warum sind wir überhaupt so geschaffen? Wenn also der Leib ebenfalls vieles beiträgt zur Tugend, wäre es dann nicht die größte Torheit, ihn zu vernachlässigen?" (Hom. z. Titusbrief 1, 4)
     Die grundsätzlich positive Einstellung des Johannes geht auch aus folgendem Satz hervor: "Jene Sorge um das Fleisch will ich beseitigt sehen, die zur Sünde führt – wie ich anderseits will, daß das geschehe, was zu des Leibes Pflege gehört." (Hom. z. Römerbrief 15, 1) Ähnlich heißt es in einer anderen Homilie: "So will (der Apostel Paulus... zwar Fürsorge geübt wissen, aber zur Gesundheit." Paulus befürworte ent-

 


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schieden die Sorge für den Leib. Diese Sorge müsse die Gesundheit fördern, nicht die Lüsternheit: "Werft einen Blick auf die Säufer und Fresser, auf die Modegecken, auf die Schwelger, auf die Menschen, die ein wüstes Schlaraffenleben führen, und ihr werdet die Stelle verstehen. Die Leute treiben es so, nicht um sich bei Gesundheit zu erhalten, sondern um den Lüsten zu frönen, um die sinnliche Begier anzufachen. Du aber, der du Christus angezogen, entferne alle diese Auswüchse und strebe nur danach, daß du einen gesunden Körper besitzest, und insoweit sorge für ihn, nicht weiter!" (Hom. z. Römerbrief 25, 2) Ähnlich heisst es in einer anderen Homilie: "Bediene dich der Bäder, pflege deinen Leib!... Nur verbanne allenthalben das Zuviel!" (Hom. z. Eph.-Brief 13, 3)

Hinzuweisen ist auf eine Reihe von positiven Äußerungen über das Baden in Abhandlungen und Homilien. Als Kaiser Theodosius als erste Strafmaßnahme für den Aufruhr des Jahres 387 die Bäder der Stadt Antiochien schließen ließ und geboten hatte, daß niemand sich bade, da bringt Johannes die Angelegenheit auf den Ambo der Kirche. Er findet das Gesetz des Kaisers übertrieben und ist erstaunt, mit welcher Gelassenheit die Leute sich fügen. Insbesondere gilt sein Mitleid den Kranken und Alten, den Kindern und Wöchnerinnen, die dieses "Heilmittel" nötig haben. Wie alltäglich und selbstverständlich das Bad war, ersieht man daraus, daß der Prediger von "tyrannischer Macht der Gewohnheit" und von "alter und eingewurzelter Gewohnheit" spricht; und er bekennt, wie hart es sei, auf das Bad zu verzichten (Hom. über die Bildsäulen 14, 6).

Allerdings tadelt er junge Leute, die das kaiserliche Verbot durch Baden im Orontes umgehen: "Ja, heißt es, wir halten es nicht aus ohne Bad. O der unverschämten Rede! O der gemeinen und sinnlosen Ausflucht! Sage mir, wie viele Monate, wie viele Jahre sind es denn schon, daß du nicht gebadet hast? Noch sind nicht zwanzig Tage vorüber, daß man die Bäder geschlossen hat, und du bist traurig und mürrisch, als wärest du ein volles Jahr ohne Bad gewesen." (Hom. über die Bildsäulen 18, 4)

Johannes ist fassungslos, daß man angesichts einer harten kaiserlichen Strafe mit Todesandrohung sich bedenkenlos nach Bädern sehnt: "Die Seele ist in Gefahr, und du denkst an Bäder und willst ein weichliches Leben."

 


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Unter den Anklagepunkten, die gegen den Bischof auf der sogenannten "Eichen-Synode" im Jahre 403 vorgebracht wurden, findet sich auch der, Johannes habe für sich allein ein Bad heizen lassen und den Diakon Serapion bestellt, damit niemand das Bad betrete. Ob asketische Kreise die Tatsache des Badnehmens dem Bischof verübelten, ist nicht zu ermitteln (ZELLINGER, 1928, S. 17 f). Bitter empfunden hat er, daß bei der Deportation nie an einem Ort Station gemacht wurde, wo sich dem Erschöpften "der Trost des Bades" geboten hätte, wie sein Biograph Palladius schreibt (vgl. ZELLINGER, 1928, S. 18).

Aufschlußreich im Sinne einer positiven Wertung des Badens ist die Empfehlung, Knaben zur Selbständigkeit zu erziehen: "Wenn seine Füße gewaschen werden müssen, soll dies kein Sklave tun, sondern er selbst, ... noch soll er im Bad auf die Hilfe eines anderen warten, sondern er soll alles selbst machen." (Über Geltungssucht und Kindererziehung 70).

 

V. Die Agonistik als Bild und Metapher

In welchem Umfang die Gymnastik und Agonistik zur Zeit des Johannes noch gepflegt wurden, ist schwer festzustellen. Immerhin wurden in Daphne bis 520 n. Chr. "Olympische Spiele" alle vier Jahre abgehalten. Aus den Schriften der byzantinischen Autoren sind kaum Hinweise zu entnehmen, die auf eine solche Betriebsamkeit hinweisen oder auf Gymnasien und Palästren. Allerdings erfreuten sich in byzantinischer Zeit Waffenübungen, Reiten, Jagen, Schwimmen und Ballspiele großer Beliebtheit. Das Verschwinden der antiken Gymnastik und Athletik ist sicher auch mitverursacht durch das Christentum, das diesen Formen von Leibesübungen vor allem wegen ihrer Verquickung mit dem heidnischen Kult ablehnend gegenüberstand.

Umso überraschender ist es festzustellen, daß etwas von der antiken Agonistik in der christlichen Zeit "überlebte". Es ist die Begriffswelt des Stadions und der Palästra, die fast unverändert in den Sprachschatz der Märtyrer- und Mönchsliteratur der frühchristlichen Schriftsteller

 


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übergegangen ist. Die zeitgenössische Stilform der "Diatribe", die die Vergleiche aus der Agonistik liebte und die z. B. von EPIKTET und SENECA gepflegt wurde, wurde bereitwillig übernommen. Allerdings darf man nicht ohne weiteres von der Verwendung dieser Bildsprache aus dem Bereich der Agonistik auf eine genaue Kenntnis oder gar auf eine Befürwortung der Agonistik schließen (vgl. KOCH, 1999).

Einer der frühchristlichen Schriftsteller, die die Bildsprache der Welt des Stadions und der Palästra kannten und verwendeten, ist Johannes Chrysostomus. Besonders in seiner Schrift über "Geltungssucht und Kindererziehung" (vgl. PAUL,1993, S. 63 – 68) wird als Ziel immer wieder genannt: "Erziehe einen Kämpfer (= athletes) für Christus!" (Über Geltungssucht und Kindererziehung 19; 63)!
     Aber auch sonst ist immer wieder vom "Kampf der Tugend" (= agon) und von der "Ringschule der Tugend" (= palaistra) (so z. B. Über die Jungfräulichkeit 45 und Hom. z. Matth.-Evang.11, 8), oder von der "Laufbahn Christi" (= stadion) bzw. der "Laufbahn des Himmels" die Rede (z. B. Hom. z. Röm.-Brief 22, 4).

Wegen der Konkretheit dieser von ihm verwendeten Bilder ist es sicher nicht unbegründet, Johannes habe diese "Welt" aus eigener Anschauung gekannt. Die folgenden Vergleiche bestätigen das in eindrucksvoller Weise.

In der Abhandlung "Vom jungfräulichen Stand" ist die Rede davon, sich nicht vor einem Wettkampf zu drücken. Dabei ist die "Kulisse" des Kampfes anschaulich dargestellt: "Niemand sagt dem Wettkämpfer, sobald er einmal das Gewand abgelegt, sich gesalbt und in die Rennbahn eingetreten, sich mit Staub bestreut hat: Geh fort, flieh vor dem Gegner! Sondern weil jetzt eines von beiden notwendig ist: entweder dass er gekrönt oder niedergeworfen und beschimpft abzieht... Wer wird es wagen, nachdem einmal das Schauspiel eröffnet, Christus der Kampfrichter ist, die Engel von oben zuschauen; nachdem der Teufel wütet und knirscht, in den Kampf verwickelt und in der Mitte erfasst ist, hervorzutreten und zu sagen: Flieh den Gegner, lass ab von den Mühen, unterlass den Angriff, wirf und strecke den Feind nicht zu Boden, sondern überlass ihm den Sieg" (Vom jungfräulichen Stand 38)?

 


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Beliebt sind die Vergleiche mit dem Wettlauf: "Je näher der Siegespreis rückt, desto mehr strengen sich die Kämpfer an. Auch die im Wettlauf tun dasselbe. Wenn sie sich dem Ende des Wettlaufes nähern und dem Empfang des Siegeskranzes, dann greifen sie um so mehr aus." (Hom. z. Römerbrief 25, 1) Ähnlich heißt es an einer anderen Stelle: "Wir müssen unsere bisherigen Leistungen vergessen und hinter uns lassen. Denn auch der Wettläufer zählt nicht, wie oft er die Bahn (= diaulos) bereits durchmessen hat, sondern wie oft er sie noch durchmessen muß... Wir müssen uns anstrengen nach dem Ausdruck des Apostels. Schon ehe wir am Ziel angekommen sind, müssen wir es immer zu erlangen trachten. Denn wer sich anstrengt (ausstreckt), der strebt sozusagen mit dem ganzen Körper danach, den Füßen, so schnell sie auch laufen, voranzueilen: er beugt sich vorwärts und streckt die Hände aus, um den Lauf möglichst zu beschleunigen. Dazu treibt ihn der Ernst seines Strebens, die Hitze seines Eifers. So muß der Läufer laufen, mit solcher Unverdrossenheit, mit solcher Freudigkeit, ohne die Lust zu verlieren" (Hom. z. Philipperbrief 13, 1).

"Ihr wißt ja, mit welcher Ausdauer derjenige, der nach dem Ziel strebt, dies tut: er schaut niemanden an, stößt alle, die ihm im Wege stehen, mit großer Heftigkeit auf die Seite, nimmt Aufmerksamkeit, Auge, Kraft, Leib und Seele zusammen, indem er auf nichts anderes sieht, als einzig auf den Kampfpreis" (Hom. z. Philipperbrief 12, 3).

"Siehst du, wie die Wettläufer in ihrer Lebensweise sich nach bestimmten Vorschriften richten? Wie sie sich nichts erlauben, wodurch ihre Kraft erschlaffen könnte? Wie sie tagtäglich in der Turnschule (= palaistra) unter Aufsicht des Lehrers (= paidotribes) und unter Einhaltung der Regeln sich üben? Diese ahme auch du nach! ... Denn dir steht ein unvergleichlich höherer Siegespreis in Aussicht. Groß ist die Zahl derer, die dich im Laufe aufzuhalten trachten... Gar vieles gibt es, was deine Kraft zu schwächen droht. Suche die Füße stark und ausdauernd zu machen.... Verschaffen wir uns dazu Leichtigkeit in der Bewegung, damit nicht die Schwerfälligkeit des Körpers die Flinkheit der Füße beeinträchtige. Gewöhne die Füße an sicheres Auftreten. Denn es sind viele schlüpfrige Stellen vorhanden, und wenn du hinfällst, so verlierst du dadurch bedeutend. Selbst wenn du indes fallen solltest, so stehe rasch

 


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wieder auf! Du kannst auch so noch den Sieg erringen. Wage dich nie auf schlüpfrigen Boden, dann wirst du nicht hinfallen. Laufe stets auf fester Bahn! So rufen auch die Turnlehrer den Läufern zu. So wird die Kraft im Gleichgewicht gehalten. Beugst du aber den Kopf nach unten, so fällst du hin und ermattest. Richte den Blick aufwärts, wo der Siegespreis ist. Schon der bloße Anblick des Kampfpreises steigert den Eifer. Die bange Erwartung läßt die Strapazen nicht fühlbar werden, läßt die weite Strecke kurz erscheinen" (Hom. z. Philipperbrief 13, 2).

Ziel aller Mühe ist dabei, Gott zu gefallen, sich als tugendhaft zu erweisen: "Wir wollen nicht träge sein im Wettlauf um die Tugend, vielmehr mit allem Eifer uns rüsten zu diesen herrlichen Kämpfen und kurze Zeit uns abmühen, um dafür die ewige unverwelkliche Krone zu erlangen" (Hom. z. Matth.-Evang. 39, 4). "Nicht nur einmal wollen wir Gott gefallen, sondern beständig. Wenn der Läufer elfmal die Rennbahn durchmißt, aber den letzten Umlauf unterläßt, ist alles verloren" (Hom. z. Philipperbrief 1, 3).

Die Ausdauer im sittlichen Bemühen ist für Chrysostomus entscheidend: "Trete vom heutigen Tage an auf diesem herrlichen Kampfplatz (= palaistra), mit dem Öle des Heiligen Geistes zum Wettkampf gesalbt. Und wenn du bei dieser Übung einmal, zweimal, ja oftmals strauchelst, lass den Mut nicht sinken, steh wieder auf und kämpfe (= palaison) weiter, und lass nicht früher ab, bevor du nicht einen glänzenden Siege über den Teufel errungen hast" (Hom. z. Matth. Evang. 11, 8).

Auch die Vergleiche aus dem Faustkampf sind sehr realistisch und weisen auf eine Vertrautheit mit dieser "Sportart" hin: "Der Faustkämpfer wird erst dann Sieger, nicht wenn er sich zu Boden beugt und die Schläge empfängt, sondern wenn er sich erhebt und seinen Gegner den Schlag in die Luft tun läßt. Auf diese Weise empfängt er selbst den Schlag nicht und macht den ganzen Stoß des Gegners unwirksam." (Hom. z. Römerbrief 23, 3)

Beim antiken Boxen (vgl. JÜTHNER / MEHL)fehlte ein begrenzter Ring; es gab auch keine "Runden". Man kämpfte, bis einer der Kontrahenten erschöpft war oder seine Niederlage anerkannte.

 


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Man führte vor allem Schläge zum Kopf des Gegners. Daher versuchten die Boxer, nicht vom Gegner getroffen zu werden.

In dem Kampf, den der Christ zu bestehen hat, geht es um den Siegespreis, der unvergänglich ist und in der Seligkeit des Himmels besteht: "Wenn ... heftige Stöße den Faustkämpfern ganz leicht und erträglich vorkommen, weil sie auf einen Lohn hoffen, der doch vergänglich ist und verschwindet, so wird um so mehr da niemand der gegenwärtigen Leiden achten, wo der Himmel als Preis gesetzt ist, mit der unaussprechlichen Seligkeit und dem unvergänglichen Siegeskranz (= athanata epathla)" (Hom. z. Matth.-Evang. 23, 5).

In diesem Kampf geht es nicht um einen "Schönheitspreis": "Nehmt den großen Kampf auf, wo man Kraft braucht, nicht Schönheit; eine starke Faust, nicht eine weiche Hand. Siehst du nicht die Faustkämpfer und Athleten? Kümmern diese sich um ihren Gang, um ihren Anzug? Durchaus nicht! Das ist ihnen vielmehr ganz gleichgültig. Sie nehmen einen Mantel um, der von Öl trieft. Sie kümmern sich nur um eines, daß sie einen Schlag versetzen und nicht einen erhalten" (Hom. z. 1. Timotheusbrief 8, 3).

Voraussetzung dafür, daß man im Kampf bestehen kann, ist die vorausgehende Mühe des ständigen Trainings: "Ein Ringkämpfer, der im Kampfe steht und nach dem Siegeskranz strebt, wird nicht an Erholung und Müßiggang denken." (Hom. z. Matth.-Evang. 74, 5) "Welcher Athlet, der nichts von der Gymnastik versteht (eigentlich: "der keinen Pädotriben = Trainer kennt") , wird am Tage der olympischen Spiele sich dem Gegner gegenüber als wackerer Kämpfer erweisen? Muß man sich da nicht jeden Tag im Ringen und im Faustkampf üben und im Laufen? Oder wißt ihr nicht, wie es die sogenannten Fünfkämpfer machen, wenn sie keinen haben, mit dem sie sich messen können?
     Da hängen sie einen schweren Sack voll Sand auf und üben an ihm ihre ganze Kraft. Die Jüngeren hingegen üben sich mit ihren Altersgenossen auf den Kampf mit ihren Gegnern ein. Diese Athleten sollst auch du nachahmen." (Hom. z. Matth.-Evang. 33, 6) "So machen es die Athleten: um ihren Schülern zu zeigen, wie man gewinnen und siegen kön-

 


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ne, lassen sie sich gerne in der Palästra mit anderen in einen Ringkampf ein, damit jene am Leibe ihrer Gegner sehen und lernen, wie man den Sieg erlangt" (Hom. z. Matth.-Evang. 13, 2).

In seiner Abhandlung "Über das Priestertum" schreibt Johannes vom Einsatz und der Sorge der Priester für die Kirche, den Leib Christi: "Denn wenn schon die, welche auf die Erzielung einer athletischen Leibeskonstitution hinarbeiten, Ärzte und Turnlehrer, eine genau geregelte Lebensweise, beständige Übung nebst unzähligen anderen Beobachtungen nötig haben, zumal das geringste zufällige Versehen alles umwerfen und zerstören kann, wie können da diejenigen, denen die Sorge für einen Leib zugefallen ist, der nicht gegen irdische Leiber, sondern wider unsichtbare Mächte den Kampf zu bestehen hat, diesen rein und gesund erhalten, wenn sie nicht über die gewöhnliche menschliche Tüchtigkeit bei weitem hervorragen" (Über das Priestertum 4, 2)?

Immer wieder weist Johannes in seinen Homilien auf den Siegespreis hin, der dem Christen verheißen ist: "Welches ist der Siegespreis? Nicht ein Palmzweig, sondern was? Das Himmelreich, ewige Ruhe, Herrlichkeit bei Christus, Erbschaft, Bruderschaft, unzählige Güter, die über jede Schilderung erhaben sind. Es ist unmöglich, die Schönheit dieses Siegespreises zu beschreiben; nur der allein weiß es, der ihn bereits gewonnen hat, und jener, der im Begriff steht, ihn zu empfangen. Er besteht nicht aus Gold, nicht aus Edelgestein; er ist viel kostbarer als diese... Wenn du mit diesem geschmückt in den Himmel kommst, so wirst du mit großen Ehren dort einziehen können, und die Engel werden vor dir Ehrfurcht haben, wenn du diesen Siegeskranz trägst... (Jesus Christus) wollte, daß du hienieden kämpfst; dort oben krönt er dich. Nicht wie bei irdischen Wettkämpfen, bei denen dort der Siegeskranz verliehen wird, wo der Wettkampf stattfindet, sondern am Ort der Herrlichkeit winkt die Siegeskrone. Seht ihr nicht, daß man sogar hier auf Erden jene Athleten und Wagenkämpfer, die besonders ausgezeichnet werden sollen, nicht in der Rennbahn unten bekränzt, sondern daß der Kaiser dieselben zu sich heraufkommen läßt und ihnen dort den Siegeskranz aufsetzt? So auch in unserem Falle: im Himmel empfängst du den Siegespreis" (Hom. z. Philipperbrief 12, 3).

 


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Und in einer anderen Homilie heißt es vom Leben des Christen: "Den Kampfpreis eines solchen Lebens bilden nicht Lorbeerkränze oder Ölbaumzweige, kein öffentliches Ehrengastmahl und nicht eherne Standbilder, die da so kalt und nutzlos sind, sondern das ewige Leben, die Kindschaft Gottes, der Verkehr mit den Engeln und die Erlaubnis, vor dem königlichen Thron zu stehen und immerdar mit Christus zu sein" (Hom. z. Matth.-Evang. 1, 5). Dieses Ziel ist von Kindheit an zu verwirklichen: "Erziehe einen Kämpfer (Athleten) für Christus und lehre ihn, auch wenn er in der Welt lebt, von frühester Jugend an, gottesfürchtig zu sein." (Über Geltungssucht und Kindererziehung 19)

 

VI. Zusammenfassung der Ergebnisse

Johannes Chrysostomus, der große Prediger der alten Kirche, ist eine faszinierende Gestalt. Unterrichtet in seiner Heimatstadt Antiochien in der Bildung seiner Zeit und unterwiesen in der christlichen Theologie der antiochenischen Schule, vereint er in sich zwei "Welten", die sich auszuschließen scheinen. Gerade in der Wertung der Leiblichkeit des Menschen und – in Abhängigkeit davon – der Leibpflege und der Leibesübungen zeigt sich die Größe des Johannes. Obwohl dem griechisch-platonischen Menschenbild mit seinen leibentwertenden, wenn nicht gar leibfeindlichen Auffassungen verhaftet, findet er aufgrund des christlichen Grunddogmas vom Gutsein alles von Gott Geschaffenen zu einer positiven Wertung der Leiblichkeit.

Die Kritik des Johannes gegenüber manchen Zeiterscheinungen: gegenüber dem Theater, den Darbietungen in den Arenen, den Tänzen und den unsittlichen und abergläubischen Bade-Gebräuchen darf in keiner Weise als Ablehnung von Leibesübungen und Körperpflege interpretiert werden. Diese spätantiken Erscheinungen waren nach wie vor dem Heidentum verhaftet und stellten eine große Gefahr für die christliche Gemeinschaft dar, und zwar im Sinne einer "Re-Paganisierung", d. h. der Übernahme heidnischen Gedankengutes und heidnischer Praktiken durch die Christen. Ohne Zweifel jedoch war für Johannes eine ver-

 


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nunftgemäße Körperpflege eine Selbstverständlichkeit – im Gegensatz zur Praxis vor allem in mönchischen Kreisen, die das Baden oft grundsätzlich ablehnten.

Johannes hat offensichtlich die spätantike Agonistik aus eigener Anschauung gekannt. Diesen Schluß legen die von ihm verwendeten zahllosen Bilder und Vergleiche aus der Welt des Gymnasions und der Palästra nahe, zumal diese Vergleiche und Bilder sehr konkret und wirklichkeitsgetreu sind. Doch wäre der Schluß, Johannes habe diese Formen der Agonistik für gut und unbedenklich gehalten, aus den Vergleichen allein nicht gerechtfertigt.

Schließlich sei noch auf einen wichtigen Punkt verwiesen. Die Auffassungen des Johannes sind selbstverständlich eingefügt in eine umfassende Sicht von Erziehung und Bildung. Sein "Erziehungsideal" ist ein religiös-moralisch-ethisches. Die geistige Ausbildung, die Aneignung von intellektuellen und manuellen Fähigkeiten, nicht zuletzt die Leibsorge und die körperliche Ertüchtigung sind nicht das eigentliche Anliegen des Johannes. Er hält diese Bereiche für bare Selbstverständlichkeiten. Sie sind und dürfen nicht das Entscheidende im Menschenleben sein. Gerade mit seiner Einordnung in ein bestimmtes "Erziehungsideal" und mit der Überzeugung vom "Primat der Ethik" zeigt sich, daß Johannes sich im Einklang befindet mit dem "klassischen Erziehungsideal der antiken Oberschicht" (GÄRTNER, 1985, S. 446).

 


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Literatur

Werke des Johannes Chrysostomus

Gesamtausgabe: J. P. Migne: Patres Graeci. Bände 47-64. Paris 1857 ff.
Deutsche Übersetzungen (in Auswahl) "Bibliothek der Kirchenväter"
BKV 1: 10 Bände. Kempten 1869 ff.
BKV 2: 8 Bände. Kempten-München 1911 ff.
N.B. Die Zitate aus den Schriften entsprechen in der Regel den Übersetzungen der BKV.

 

Sekundär-Literatur

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