Osternacht-Predigt im Benediktinerinnenkloster Varensell 2005
Mt 28, 1-10

Die Feier der Osternacht war in der frühen Kirche nicht nur die Feier der Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus. Sie war zugleich die Feier der Taufe, also die Feier der Aufnahme in die Gemeinschaft des auferstandenen Herrn, in die Gemeinschaft der Glaubenden, in die Kirche. Zu diesem Thema der Osternachtfeier möchte ich etwas sagen, zumal wir ja alle in dieser Stunde unsere Taufversprechen erneuern.

1. Ich gehe aus von einem Satz aus einem Gedicht von Rose Ausländer: "Du mußt wissen: Wir leben in Babylon." Babylon ist ein Bild; es ist der Inbegriff einer gottlosen Stadt; einer Stadt, die vom Größenwahn der Menschen gekennzeichnet ist; aber auch durch Verwirrung und Zerrissenheit untereinander. Dieses Wort von Rose Ausländer "Wir leben in Babylon" - trifft es nicht auch auf unsere Zeit und Umwelt zu? Ohne Gott leben, das eigene Ich kultivieren, Geld und Macht, Spaß und Erfolg obenan stellen, Fortschritt um jeden Preis: das alles hat Folgen; wir kennen sie alle zur Genüge. Nicht nur die Konsequenz, daß Gott aus dem Leben ausgeblendet wird; daß wir selber oft von diesen Gegebenheiten geblendet werden, die sich uns mit Mcht aufdrängen; die unser Leben mehr und mehr bestimmen. Die Mächte des Diesseits drohen, uns zu blenden, zu versklaven; sie drohen, uns zu Götzendienern zu machen.

2. In der Taufliturgie ist von den Mächten des Diesseits, ist von den dämonischen Mächten die Rede, vom Blendwerk, von den Verlockungen des Bösen. Der Ausdruck dafür ist der kaum noch verstandene Begriff "pompa": Gepränge, festlicher Aufzug. Gemeint waren mit diesem Wort die Festprozessionen an den Götterfesten, also an den Festen der Diesseitsmächte. Im Taufversprechen wurde diesen Feierlichkeiten an den Götterfesten, wurde den Götzen des Diesseits eine Absage erteilt: "Widersagt ihr dem Satan - all seiner Bosheit - all seinem Gepränge, d.h. der 'pompa diaboli', dem dämonischen satanischen Treiben?" Der Christ stellte sich mit dieser Absage, er stellte sich mit der Taufe außerhalb des heidnischen Treibens, außerhalb der heidnischen Gesellschaft. Und er vollzog den Eintritt in eine neue Gemeinschaft, in eine Gemeinschaft, in deren Mittelpunkt der verherrlichte Herr, in deren Mittelpunkt Gott allein steht. Zu diesem Glauben bekannte er sich: "Ich glaube an Gott, den Vater - an Jesus Christus - an den Gottesgeist." Dieses Bekenntnis bedeutete weit mehr als das Aufsagen von Sätzen und Formeln. Es bedeutete eine Wende des Seins, eine Bekehrung, eine Abkehr von der Anbetung des Nur-Eigenen, des Greifbaren und Sichtbaren, des Machbaren - hin zum Vertrauen auf den ungreifbaren, auf den allein Leben gewährenden Gott. In der dreifachen Absage an die dämonischen Mächte des Diesseits und in der dreifachen Zusage wird christlicher Glaube so erkennbar, deutlich als das, was er eigentlich ist: die Kehre der Existenz, die Wende des Seins, die Orientierung hin auf Gott, der sich uns kundgetan, sich uns offenbart hat in Jesus Christus. Diese Wende des Seins fand in der alten Kirche ihren sichtbaren Ausdruck im Todessymbol des Ertrinkens, dem dreimaligen Untertauchen - und im Lebenssymbol des Auferstehens zum neuen Leben, zur neuen Lebensgemeinschaft der Glaubenden.

3. "Wir leben in Babylon" - Was bedeutet das für unser Christsein heute? Wie können wir heute erkennen, wo die Mächte des Diesseits, wo die dämonischen Mächte uns blenden, bedrohen? Wie können wir "die Geister unterscheiden" - gemäß dem Wort des 1. Johannesbriefes: "Geliebte, traut nicht jedem Geist, sondern prüfet die Geister, ob sie aus Gott sind." (1 Joh 4,1) Diese Prüfung, diese Unterscheidung der Geister ist für unser Christsein eine Überlebensfrage. Wo sind wir in den Fängen von Dämonen, ohne es vielleicht zu merken - gemäß dem Wort, das Goethe in seinem "Faust" den Mephisto sprechen läßt: "Den Teufel merkt das Völkchen nicht, und wenn er sie am Kragen hätte."

a) Welche Dinge, welche Mächte, welche Menschen rücken für uns ins Zentrum unseres Denkens und Handelns? Welche Dinge, welche Mächte und welche Menschen drängen Gott und sein Denken an den Rand des Lebens? Sind wir ängstlich darum besorgt, was wir essen, womit wir uns kleiden sollen? Es bedarf einer großen Anstrengung, uns nicht der Diktatur der Mode, uns nicht der Diktatur der großen und kleinen Meinungsmacher heute zu beugen. "Niemand erfährt das Geheimnis der Freiheit, es sei denn durch Zucht" (D. Bonhoeffer), d.h. durch Verzichten, durch Askese, durch Distanzierung. Freiheit ist nicht billiger zu haben als durch Verzichten und Distanzieren. Nur so können die vielen Verführer entlarvt werden.

b) Wir sind uns sicherlich einig, daß wir gefährdet sind; daß wir uns nicht vom Zeitgeist, vom "Ungeist" leiten lassen dürfen. Sind wir aber auch gefeit gegen den Einbruch des Zeitgeistes, des "Ungeistes" in die Welt des Glaubens, der Kirche? Sind nicht manche Positionen unseres christlichen Glaubens ins Zwielicht, ins Wanken geraten? Wie steht es z.B. mit der österlichen Wahrheit von der wirklichen Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus? Gilt da nicht für viele, auch für Theologen das Wort: "Die Botschaft hör' ich wohl, allein mir fehlt der Glaube." Und gilt das nicht erst recht für die auf der österlichen Wahrheit beruhende Erwartung der eigenen zukünftigen Auferstehung? Erscheint das Reden darüber nicht oft als eine Leerformel, gar als eine Zumutung? Halten wir daran fest: Wir glauben als Christen nicht an bestimmte Ereignisse; Ereignisse kann ich nur zur Kenntnis nehmen, und zwar aufgrund eigener Erfahrung oder aufgrund des Zeugnisses von Menschen, die diese Erfahrungen gemacht haben. Christlicher Glaube - ich sagte es schon - beruht darauf: Sich gründen und sich verlassen, seine Hoffnung und sein Vertrauen setzen auf diesen Gott und auf keinen anderen sonst; daß er uns in der Auferweckung seines Sohnes von den Toten die alles begründende Wahrheit geschenkt hat: den Seinen damals und durch sie auch uns heute. Diese österliche Wahrheit hat sich niedergeschlagen im Bekenntnis: "Der Herr ist wirklich auferstanden von den Toten."

4. Zu dieser Wahrheit bekennen wir uns als Christen, auch heute. Wir stehen damit in der Kette der Zeugen vor der Welt. Und diese Wahrheit haben wir, ob gelegen oder ungelegen, weiterzutragen; sie den Menschen heute zuzumuten. Ingeborg Bachmann hat einmal das Wort geprägt: "Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar. Was wahr ist, streut nicht Sand in die Augen. Was wahr ist, rückt den Stein von deinem Grab." Nur für die Wahrheit kann ich leben und sterben; aber nicht für ein "Vielleicht", für den Zweifel. Die österliche Wahrheit hat den Stein weggewälzt - auch von unserem Grab. Und wir dürfen den Stein nicht wieder vor das Grab wälzen; wir dürfen die Menschen, die zu uns kommen, nicht mit dem "Vielleicht", nicht mit dem Zweifel abspeisen, sie ohne das Brot der Wahrheit nach Hause gehen lassen: "Gebt ihr ihnen zu essen!" So sagt Jesus am See Genesareth zu seinen Jüngern angesichts der vielen, die zu ihm gekommen waren. Seine Aufforderung gilt auch heute noch.

5. "Wir leben in Babylon." - Dieses Wort von Rose Ausländer war der Ausgangspunkt unserer Betrachtung. Einer Welt, die Gott - so scheint es - ausgeblendet hat, die sich von den satanischen Mächten des Diesseits, von den Verlockungen des Bösen bestimmen läßt, haben wir als Glaubende eine Absage erteilt. In der Tauferneuerung bekunden wir wiederum: Wir setzen unsere Hoffnung und unser Vertrauen auf diesen Gott, auf keinen anderen. In seinem auferstandenen Sohn haben wir das Licht erhalten, uns im Dunkel dieser Zeit zurecht zu finden; die Wahrheit Gottes zu erkennen. Im auferstandenen Herrn habe wir das Unterpfand, die Verheißung, daß auch von unserem Grab der Stein weggewälzt ist; daß wir dem Herrn einmal begegnen dürfen - für immer.