Besondere Anlässe

 

 

Tauffeier: "Von Gott gekannt und geliebt"

Einführung

Ihr habt mich gebeten, Eure Tochter Daria Maria zu taufen. Ich habe mich sehr gefreut über diese Eure Bitte; ich komme ihr gerne nach. Wir alle, die wir heute dabei sind, vollziehen gemeinsam mit Euch, was ihr sicherlich persönlich schon getan habt: dem Vater im Himmel Dank zu sagen, indem Ihr Daria taufen lasst. Auch wir, die wir heute die Taufe miterleben und mitfeiern, wollen mit Euch dem Vater im Himmel Dank sagen, in dessen Vaterhand wir alle geborgen sind. Das ist ja die Grundüberzeugung, die wir als Christen haben. Zu diesem Glauben bekennen wir uns in dieser Stunde. Es ist auch das, was wir der kleinen Daria auf ihren Lebensweg mitgeben möchten: dass sie in der Liebe und unter dem Segen Gottes stehen möge.

Predigt

Vor einiger Zeit habe ich von einer Begebenheit gehört, über die ich seither viel nachgedacht habe. Ein Pfarrer erzählte über sein Gespräch mit einer jungen Mutter, die ihr erstes Kind zur Taufe anmeldete. Sie besprachen miteinander die Tauffeier. Dabei fragte er die junge Frau, ob es einen Satz oder einen Gedanken gäbe, der ihr und ihrem Mann viel bedeute - gerade mit dem Blick auf ihr Kind, das getauft werden solle. Da antwortete die junge Frau: So einen Satz gebe es schon seit langem. Und seit das Kind da sei, habe dieser Satz eine ganz neue, ja eine aufregende Bedeutung erfahren. Der Satz stamme zwar nicht aus der Heiligen Schrift. Er enthalte aber viel von der Weisheit der Bibel. Sören Kierkegaard, der große dänische Religionsphilosoph des 19. Jahrhunderts, habe diesen Satz geprägt: "Jeder Mensch kommt auf diese Welt mit einem verschlossenen Umschlag."

Die meisten Umschläge, die auf meinem Schreibtisch herumliegen, sind nicht verschlossen; sie sind offen. Es gibt zwei Gründe, warum ich einen Umschlag verschließe. Entweder will ich etwas darin aufbewahren, was mir wichtig ist; oder ich will jemand eine Botschaft zukommen lassen, von der ich nicht will, dass jeder die Nase da hineinsteckt. Darum verschließe ich den Briefumschlag. Nur der Empfänger soll die Botschaft lesen - und der, dem er sie zeigen will. So ein verschlossener Umschlag vermittelt also eine Botschaft zwischen einem Absender und einem Empfänger. Das erste, was einem verschlossen Umschlag gebührt, ist Respekt. Für Respekt können wir auch ein anderes Wort sagen: "Ehrfurcht". In meiner Zitaten-Sammlung habe ich den Spruch gefunden: "Das Größte auf Erden ist die Ehrfurcht; denn sie ist der Kern der Liebe." Wer einen verschlossenen Umschlag öffnet, ohne dazu berechtigt zu sein, der vergeht sich an der Ehrfurcht und am Vertrauen. Der Mensch aber, für den der Umschlag bestimmt ist, soll ihn nicht in die Schublade legen und ungeöffnet liegen lassen. Er soll ihn öffnen, öffnen und lesen, lesen und beantworten.

Was meint Kierkegaard, wenn er den verschlossenen Umschlag zum Gleichnis macht für den Menschen? Ich denke, dass dies wohl klar sein müsste. Jeder ist mit einem verschlossenen Umschlag auf die Welt gekommen; jeder von uns bringt eine Botschaft mit. Eine Botschaft - von wem? Gott gibt jedem - davon sind wir als Christen überzeugt - eine solche Botschaft mit auf seinen Lebensweg. An wen ist diese Botschaft gerichtet? Zuerst sicher an die Eltern. Kein Mensch ist so sehr angesprochen, zuständig zu sein, wie die Eltern. Eltern sind die Empfänger dieser Botschaft. Sie sind also nicht ihre Verfasser. Die Botschaft ist ihnen gegeben, vorgegeben. An den Eltern liegt es, diese Botschaft zu entziffern, zu deuten. Damit kommen sie nie an ein Ende. Denn das Geheimnis des Menschen ist groß.

Wie leicht ist man da in der Versuchung, nur weil man die Kinder von klein auf kennt, selber zu bestimmen, wie die mitgebrachte Botschaft lautet. Doch: die Botschaft ist vorgegeben. Sie muss entziffert werden. Aber wo sollen denn die Väter und Mütter das lernen? Nun - meine Mutter hat nie gewusst, dass Kierkegaard überhaupt gelebt hat. Und doch war der Inhalt seines Satzes ihr geläufig. Es handelt sich ja bei der mitgebrachten Botschaft nicht um eine Botschaft des Verstandes, sondern um eine solche des Herzens. Die väterliche und mütterliche Liebe vermag die Botschaft des Kindes zu deuten.

Die Botschaft, die jeder mitbringt, richtet sich aber nicht nur an die Eltern, an die Geschwister, also an diejenigen, mit denen wir von klein an zusammen leben. Jeder bringt eine Botschaft mit an alle, die ihm im Leben begegnen. Und wir selber haben noch Botschaften bei uns an Menschen, die noch gar nicht in unser Blickfeld getreten sind; für die einmal unsere Botschaft wichtig sein wird. Und da kann man schon erschrecken, wie wir mit den Botschaften umgehen, mit den eigenen und mit den Botschaften der anderen. Wie schnell stecken wir einen anderen Menschen in eine bestimmte Schublade unseres Denkens, indem wir es beim ersten, beim äußerlichen Eindruck belassen. Der? Der ist doch so! Die ist doch so! Und damit basta! Auf wie viele verschlossene Umschläge haben wir schon Etiketten geklebt, ohne uns die Mühe zu machen, sie zu öffnen! Wie viele verschlossene Umschläge bleiben unbeachtet liegen - aus Gleichgültigkeit, aus Lieblosigkeit! Wie heißt meine Botschaft, die mir mitgegeben wurde? Wie heißt die Botschaft, die ich selber bin? Auch da kommen wir mit dem Entziffern und Verstehen an kein Ende.

Wir taufen in dieser Feier die kleine Daria. Wir bekennen uns damit zum Geheimnis eines neuen Menschen. Wir bekennen uns zu seiner Botschaft an uns. Von wem? Von Gott! Wir bekennen uns dazu, dass Gott diesen Menschen kennt - so wie er auch uns kennt. Wir alle stehen ja verzeichnet in seinen Händen; er hat uns bei unserem Namen gerufen. Er liebt uns. Er lässt uns nie fallen. Lasst uns für diese Gewissheit, von Gott gekannt und geliebt zu sein, immer dankbar sein - so sehr wir uns auch abmühen und abmühen sollen, andere und uns zu verstehen, mit Ehrfurcht zu behandeln. Haben wir Ehrfurcht voreinander! So wie Gott vor uns Ehrfurcht hat. Thomas von Aquin sagt einmal, Gott behandle den Menschen "cum magna reverentia - mit einer großen Ehrfurcht". Und bitten wir den Herrn, den Geber alles Guten, um seinen Segen: für unsere kleine Daria und für uns alle.

 

Taufpredigt 2

Bevor wir mit der eigentlichen Taufhandlung beginnen, wollen wir einen Augenblick innehalten, um uns wieder bewusst zu machen,, worum es geht, wenn wir ein Kind, wenn wir nun die kleine Laura taufen. Übrigens habe ich gesucht und gefunden: Es gibt eine Heilige mit diesem Namen; eine Spanierin, die am 19. Oktober 864 als Märtyrin in Cordoba gestorben ist. Wenn Ihr mir noch etwas Zeit lasst, dann werde ich auch noch mehr über die heilige Laura erfahren.

Wenn wir einem Kind begegnen, zumal dem eigenen Kind, dann fühlen wir uns zutiefst angesprochen, angerührt; angeregt zum Nachdenken. So verstehe ich auch den Taufspruch, den ihr ausgewählt habt: "Die Freude und das Lächeln der Kinder sind der Sommer des Lebens." Ein Kind ist nicht nur ein Zeichen dafür, dass man physisch in der Lage ist, ein solches Wesen in die Welt zu setzen. Ein Kind schenkt Erfüllung; es weckt Verantwortung; es ruft zur Wachheit und Wachsamkeit. Ich denke, dass dieses Moment, dass diese "Erfahrung" (in einem wirklichen Sinn "erwachsen" zu werden) zur menschlichen Reifung dazu gehört - und zwar vielleicht noch vor dem anderen, durchaus wichtigen Aspekt, dass ein Kind auf die Sorge und die Liebe der Eltern angewiesen ist. Natürlich geht es auch darum, dass man dem Kind das Beste auf seinen Lebensweg mitgeben möchte, was wir haben; dass wir wünschen, es möge sein Leben in der rechten Weise bestehen; es möge zur Wachheit durchdringen; es möge Menschen finden, die ihm Treue und Liebe durch das ganze Leben schenken. Aber all das muss eigentlich zurücktreten hinter dem, dass Eltern, dass Erwachsene wirklich "Erwachsene" sind, reife Menschen. Das schulden wir den Kindern.

Wir sind hier aber nicht nur zusammen gekommen, um uns unserer Verpflichtung gegenüber der kleinen Laura bewusst zu werden. Wir sind hier, weil wir noch um eine andere Dimension menschlicher Existenz wissen. Als Christen wissen wir darum, dass jeder Mensch, dass also auch unsere kleine Laura, dass wir alle von Anfang an unter einem Anspruch stehen, unter dem Anruf Gottes. Es geht darum, diese andere Dimension zu erkennen und anzuerkennen. Und genauso wenig, wie wir ein Kind, was sein natürliches Leben angeht, nicht sich selbst überlassen, ebenso wenig überlassen wir den jungen Menschen sich selbst, was diese andere Dimension betrifft. Der junge Mensch soll vorbereitet und fähig gemacht werden, Stellung dazu zu nehmen, sich zu entscheiden: ob wir darüber hinaus mit dieser anderen Dimension unseres Lebens überhaupt rechnen; ob wir uns zu einem Lebenssinn bekennen, der nicht von uns selbst gemacht wurde; der nicht von uns selbst gemacht werden kann.

Ich meine, gerade wenn wir ein Kind taufen, kommt dieses Andere zum Ausdruck. Das Annehmen dieses Anderen bedeutet also das Ja zu etwas, es bedeutet das Empfangen von etwas, das nicht meinem Wollen, schon gar nicht meinem Leisten entspringt. Wenn wir die Kinder taufen, wenn wir dieses Kind taufen, dann bekennen wir uns zur Güte und Liebe Gottes, zur Gnade Gottes, die allem Leisten und Machen voraus liegt. Wir bekennen uns zur menschlichen Erlösungsbedürftigkeit; zu einem Halt, den wir nicht an uns selbst haben. Wir bekennen uns zu einem Sinn des Lebens, den nicht wir selbst uns zurecht gedacht haben. Wir bekennen uns aber auch dazu, dass unser Glaube an Gottes Güte und Liebe noch unterwegs ist, angefochten; angewiesen auf die Mitglaubenden, die uns ermutigen; die mit uns gehen und uns zur Seite stehen.

Hier merken wir, dass es bei einer Taufe nicht nur um das Kind geht, das getauft wird; sondern dass wir alle mitgemeint sind. Wir sind den Kindern gegenüber, wir sind diesem Kind gegenüber in der Pflicht: als Menschen, die sich bemühen, ihm das Beste mitzugeben, was das Leben in dieser Welt erfordert; vor allem aber als Glaubende, die um diese andere Dimension menschlicher Existenz wissen; die um den letzten Halt in Gott wissen; die um einen Sinn des Lebens wissen, der in den Stürmen der Zeit bestehen kann; der nicht abhängig ist von der Mode und vom Diktat der Mächtigen oder der Meinungsmacher heute. An uns sollen die Kinder, an uns soll dieses Kind ablesen können, was Christsein bedeutet. Dass dies nicht nur ein frommer Wunsch bleibt, dass dies gelingt, das möchten wir alle von Herzen. Das erbitten wir nicht nur heute, sondern immer: vom Geber alles Guten, von unserem Vater im Himmel: für unsere kleine Laura, aber auch für uns alle, die wir an dieser Feier teilnehmen.

 

Trauung: "In Liebe verbunden"

Einführung

In dieser Eucharistiefeier versprechen zwei junge Menschen einander Liebe und Treue fürs Leben. Mit ihrem Ja-Wort hier vor dem Altar findet eine lange Zeit des Sichkennenlernens ein Ende, und ein neuer Anfang wird gemacht. Ist einem solchen Schritt, ist seinem solchen Wagnis, den Lebensweg gemeinsam zu gehen, überhaupt Erfüllung möglich? Ist dieser Entschluss nicht der Ausdruck einer Illusion, einer Selbsttäuschung, die die Menschen einem unerreichbaren Ziel, einem Phantom nachjagen lässt? Wäre nicht die Flucht in den Rausch und in den Lebensgenuss ehrlicher und realistischer in einer Zeit, die die Ausbeutung und Ausnützung des Menschen auf ihre Fahne geschrieben hat? Als Christen wissen wir, dass Liebe und Treue, die Menschen einander versprechen, aufgehoben sein müssen in einer unwandelbaren Liebe und Treue, in der unwandelbaren Liebe und Treue Gottes zu uns Menschen. Nur im Blick auf den treuen Gott vermögen wir Menschen das Ja zu einem geliebten Menschen zu verwirklichen und durchzutragen. In diesem Wissen wollen wir zu Beginn der Eucharistiefeier unseren Herrn anrufen um seinen Beistand, damit unser Wollen und Tun gesegnet sei.

    Herr Jesus Christus, du hast uns die Liebe zu Gott und den Menschen geboten:
    - Herr, erbarme dich!
    Du hast die Liebe und Treue der Menschen füreinander gesegnet:
    - Christus, erbarme dich!
    Du wirst die Liebe und Treue der Glaubenden vollenden in deiner Herrlichkeit:
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Herr Jesus Christus, in dir begegnen wir dem guten und treuen Gott. Wir bitten dich für die beiden jungen Menschen, die einander Liebe und Treue versprochen haben.

  • Für NN, die einander Liebe und Treue versprochen haben: dass ihrem Versprechen Erfüllung zuteil werde!
  • Für die Eltern, Angehörigen und Freunde von NN: dass sie bereit sind zum Helfen und Begleiten!
  • Für alle jungen Menschen, die sich auf die Ehe vorbereiten: dass sie lernen, was eheliche Liebe und Treue bedeuten!
  • Für alle, deren Ehe in eine Krise geraten ist: dass sie wieder neu beginnen und zurückfinden zu wahrer Liebe und Treue!

Vater im Himmel, in deiner Hand stehen wir alle verzeichnet. Wir bitten dich: Sei den beiden jungen Menschen, die sich das Ja-Wort gegeben haben, immer nahe! Und gib uns allen die Kraft, einander beizustehen! Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn. Amen.

Predigt

Dass zwei junge Menschen sich entschließen, ihren Lebensweg gemeinsam zu gehen, das ist nichts Außergewöhnliches. Dass sie es aber bewusst hier vor dem Altar tun, also vor Gott einander Liebe und Treue geloben, das ist nicht selbstverständlich in einer Zeit, der das Christliche im allgemeinen, die christliche Auffassung von Liebe und Ehe im besonderen fremd, wenn nicht sogar anstößig ist. Dabei lässt sich, wie ich meine, einsichtig machen, dass gerade die christliche Sicht von Liebe und Ehe eine Antwort ist auf eine Not unserer Zeit.

Wenn wir ein Gespür für gesellschaftliche Entwicklungen, Strömungen und Stimmungen haben, dann nehmen wir heute doch allenthalben ein Unbehagen wahr, ein tiefes Misstrauen. Diesem Unbehagen, diesem Misstrauen liegt das Gefühl, ja die Erfahrung zugrunde, mehr und mehr zum "Rollenträger" degradiert zu werden - nicht der Rolle, die man sich selber auswählt, sondern der Rolle, die einem zugeteilt wird. Der Wert eines Menschen besteht anscheinend nur noch in der Funktion, die er ausübt. Das macht die Angst erklärlich, ausgenützt und beherrscht zu werden; eingespannt zu sein in ein unmenschliches System, in dem man beliebig auswechselbar ist. Das macht die Angst erklärlich, auch im Bereich von Liebe und Ehe einem derartigen Denken zu begegnen und deswegen der Bindung der Ehe aus dem Weg zu gehen, weil man auch diesen so persönlichen Bereich in den allgemeinen Sog des Funktions-Denkens einbezogen sieht, dem sich kaum jemand entziehen kann. Daher das Bemühen, seinen Eigenstand, seine Unabhängigkeit zu betonen, sich selbst zu behaupten. Aber dieses ängstliche Festhalten an sich, ja dieses Verschlossensein in sich selbst (aus Angst, sich zu verlieren, ausgenützt und beherrscht zu werden) führt zum Egoismus, weil es das eigene Ich absolut setzt und sich selbst zum Maß für alles macht.

Wirkliche Liebe aber, die den anderen sieht und ihn als anderen gelten lässt, durchbricht den Teufelskreis des Egoismus, indem sie auf Selbstbehauptung, auf Machtausübung verzichtet; indem sie nicht die eigene Erfüllung obenan stellt, sondern das Gegenüber sieht und innerlich bejaht: "Wie gut, dass es dich gibt!" Wirkliche Liebe kann den anderen nicht degradieren zu einem austauschbaren Mittel der eigenen Befriedigung und Erfüllung. Der geliebte Mensch ist mehr. Er ist nicht Mittel zum Zweck. Er ist Helfer, zu sich selbst zu finden. Denn nur im anderen und durch den anderen, zu dem ich Ja sage, komme ich zu mir selbst, ist mein Eigensein bewahrt und aufgehoben - aufgehoben über die Ebene des Machbaren, der Funktion, auf die Ebene des Personalen. Darum, weil der geliebte Mensch mich erst meine eigene Identität finden lässt, ist Liebe, die diesen Namen verdient, ausschließlich, gleichbedeutend auch mit unwandelbarer Treue. Diese Liebe und Treue von Menschen aber ist letztlich garantiert und umfangen von der Liebe und Treue Gottes: Gott hebt diese Liebe hinein in die Sphäre seiner Liebe oder - wie wir mit einem verbrauchten und missverstandenen Wort sagen - in die Sphäre der Gnade. Gnade meint ja, dass Gott zu dieser Liebe und Treue von Menschen sein Ja spricht; dass er diese Liebe aufgreift und heiligt; dass die Liebenden in der göttlichen Liebe angeblickt, angenommen sind. Wenn wir die Ehe als Sakrament bezeichnen, dann meinen wir genau dieses: dass die Liebe von Menschen hineingehoben ist in die Sphäre der göttlichen Liebe; dass sie darum auch Bild der unwandelbaren Liebe und Treue Gottes zum Menschen ist.

Diesen Wesenszug der Ehe, dass sie eine Bindung in Liebe und gegenseitiger Treue meint, möchte ich an einer Geschichte noch mehr verdeutlichen. Vom Mönchsvater Benedikt wird berichtet, er habe einmal einige Einsiedlermönche in den Bergen besucht. Einen fand er in seiner Höhle angekettet. Benedikt war empört und schalt ihn deshalb: Äußerer Zwang, eine äußerliche Bindung, ja Ketten seien eines Mönches völlig unwürdig. Wenn du nicht aus innerer Überzeugung Mönch bist, dann bist du am falschen Platz. Da gab ihm der alte Einsiedler zur Antwort: Natürlich hast du Recht, dass es auf die innere Überzeugung ankommt. Aber manchmal wird das Licht der inneren Überzeugung, zum Leben des Mönches berufen zu sein, verdunkelt; und in diesem Augenblick, da Weglaufen Freiheit zu bedeuten scheint, da ist es gut, angekettet zu sein; nicht weglaufen zu können; durch die Kette erinnert zu werden an die eingegangene Verpflichtung. Und wenn dann das Licht der inneren Überzeugung wieder leuchtet, dann, Vater Benedikt, dann bin ich froh, dass mich wenigstens die Kette gehalten hat.

Die große Parole unsere Zeit ist Freiheit, Freisein von Bindungen; und wenn schon eine Bindung, dann nur so lange, wie ich es vor mir selbst verantworten kann. Und trotz dieser Einstellung stellen wir allenthalben Unfreiheit fest, Sklavengeist. Warum? Freiheit lebt, so paradox es klingen mag, von der Bindung. Wollte ein Mensch alle Bindungen, in denen er lebt, durchschneiden, um unabhängig zu sein, dann würde er in die unduldsamste Tyrannei geraten, die es gibt: in das Verfallensein an sich selbst. Die Sklaverei des Egoismus zerstört den Menschen und seine Freiheit am grausamsten. Wirkliche Freiheit kommt von einem Du, das aus dem Verschlossensein herausruft in die freie Bindung des Vertrauens, der Verantwortung, des Gewissens, des Dienstes. Wahre Liebe macht frei, weil sie den Menschen am vollkommensten öffnet und bindet zugleich. Freiheit und Bindung, Selbstverantwortung und Hörenkönnen sind in der wahren Liebe eine Einheit. Wo diese Freiheit der bindenden Liebe nicht ist, da verfällt der Mensch unpersönlichen Mächten: der Gesetzlichkeit, den verschiedenen Heilslehren und Parolen der Zeit und der Masse.

Wirkliche Freiheit - ich sagte es schon - kommt von einem Du, das aus dem Verschlossensein in sich selbst herausruft in die Bindung des Vertrauens und der Liebe. Wir wissen aber (das ist eine schmerzliche Erfahrung), dass kein menschliches Du und keine menschliche Liebe uns so öffnen können, dass wir ganz frei sind. Es gibt - davon sind wir als Christen überzeugt - nur eine Stelle, die ganz offen ist zur Freiheit hin. Es ist das Kreuz unseres Herrn Jesus Christus, in dem allein wir uns, wie Paulus sagt, der Freiheit rühmen können, weil im Kreuz Heil, Leben und Auferstehung sind, und weil wir in ihm gerettet und befreit sind; weil im Kreuz und am Kreuz die letzte, die endgültige Offenbarung dessen geschehen ist, was Liebe ist und wozu Liebe fähig ist: Dasein für die anderen bis zum Tod. Diese göttliche Liebe ist nun das Maß, die Norm für alle menschliche Liebe, auch für die eheliche Liebe geworden. Mögen wir noch so weit dahinter zurückbleiben, und mag uns dieses Maß oft wie eine harte Kette erscheinen, so wissen wir als Glaubende doch, dass diese Bindung erst unsere Freiheit als Menschen und Liebende ermöglicht und vertieft.

Einen weiteren Wesenszug der christlichen Ehe möchte ich an einem Abschnitt aus dem Tagebuch von Max Frisch erläutern. Es heißt dort: "Darin besteht die Liebe, das Wunderbare an der Liebe, dass sie uns in der Schwebe des Lebendigen hält, in der Bereitschaft, einem Menschen zu folgen in all seinen möglichen Entfaltungen. Wir wissen, dass jeder Mensch, wenn man ihn liebt, sich wie verwandelt fühlt, wie entfaltet, und dass auch dem Liebenden sich alles entfaltet, das Nächste, das längst Bekannte. Vieles sieht er wie zum ersten Mal. Die Liebe befreit es aus jeglichem Bildnis. Das ist das Erregende, das Abenteuerliche, das eigentlich Spannende, dass wir mit den Menschen, die wir lieben, nicht fertig werden: weil wir sie lieben, solange wir sie lieben."

Liebe besteht in der Bereitschaft, einem Menschen zu folgen in allen seinen möglichen Entfaltungen, sich kein Bildnis von ihm zu machen, nie mit ihm fertig zu werden. Diese Bereitschaft schließt ein die Fähigkeit, die Last des anderen zu tragen. Dieses Tragen besteht nicht nur darin, Nachsicht und Geduld mit der Schwäche des anderen zu haben, sondern darin, dass man seine Last der Versuchlichkeit und der Schuld als die eigene auf sich nimmt, d. h. dass man mit ihm gegen die Sünde kämpft, mit ihm und für ihn bei Gott bittend eintritt. Jeder von uns wird zum Tragen gerufen; aber jeder von uns gibt auch den anderen zu tragen und bedarf des Tragens der anderen. Hierin erweist sich die Ehe, die Familie als Kirche im kleinen. Die Kirche, die Gemeinschaft der Glaubenden, ist ja eine Gemeinschaft des gegenseitigen Tragens und Ertragens; ohne das wäre sie nicht die Kirche Jesu Christi, der sich mit der Last aller beladen hat. Wir sind von ihm getragen und ausgehalten. Er geht uns nach - auch auf den Wegen, die scheinbar von ihm wegführen. Gerade im Verstehen und Verzeihen zeigt sich, dass wir seinen Namen zu Recht tragen. Jede christliche Ehe lebt von diesem Verstehen, lebt vom Verzeihen, von der Bereitschaft, einander zu tragen und zu ertragen, nie mit dem anderen fertig zu sein.

Euer Ja vor dem Altar, vor Gott und vor uns allen, die wir euch gern haben, ist - so meine ich - das Bekenntnis nicht nur zu eurer gegenseitigen Liebe. Es ist auch und gerade das Bekenntnis zur Liebe und Güte, zum Erbarmen Gottes. Weil diese Liebe Gottes uns begegnet in Jesus Christus, deshalb ist euer Ja das Bekenntnis dazu, das Maß seiner Liebe zur bindenden Norm eures Lebens zu machen. Dass dies seine Erfüllung finde in einem Leben der Liebe und Treue, des gegenseitigen Tragens und Ertragens, das wünschen wir euch alle von Herzen. Darum wollen wir in dieser Feier mit euch und für euch zu unserem Vater im Himmel beten, dem Geber alles Guten.

 

Trauungsansprache 2

Ihr erinnert euch sicher noch an die Dolomitenfahrt im Sommer 1983 und an unsere gemeinsame Tour zum Kreuzkofel. Ich meine, diese Bergtour könnte ein Bild sein für das, was heute geschieht; dass euer bisheriger Weg an einem Zielpunkt angekommen ist; dass ihr aber zu einem weiteren Weg und zu einem neuen Ziel aufbrecht. Der Weg zur Talstation des Berglifts von der Villa Planvart aus ist ein Kinderspiel; es geht ja bergab. Es ist phantastisches Wetter - fast so wie heute! Ihr sitzt im Sessellift nebeneinander. Die Zeit der Verliebtheit hat immer etwas Leichtes und Schwebendes. Nur ab und zu schwankt der Lift. Ab und zu mahnt ein Blick zum Boden, dass man ja über einem Abgrund hängt und darüber hinweggleitet. Ab und zu merkt ihr am Druck in den Ohren, dass es rapide bergan geht. Dann ist auch schon die Bergstation erreicht. Jetzt wird es ernst; denn es geht zu Fuß weiter. Wer trägt den Rucksack? Sollen wir über den steilen Schotterweg oder über die weiche Wiese laufen? Und dann fängt der Schweiß schon an zu laufen - die Sonne brennt herab. Gott sei Dank wirft der Kreuzkofel bald seinen Schatten; es wird angenehm kühl. Dann kommt das Kirchlein von Heiligkreuz in Sicht. Hier halten wir eine Rast.

Ja, einen Weg miteinander zu gehen hinauf bis zum Fuß des Berges, ist schon mühsam. Da ist der "Gleichschritt" nicht angebracht. Dazu sind wir alle nun einmal zu verschieden. Wohl geht es darum, Schritt zu halten; seinen Schritt zu halten. Es geht nicht darum, den anderen abzuhängen; als erster anzukommen; seine gute Kondition zu demonstrieren. Bei einer gemeinsamen Bergtour soll und muss jeder sein Tempo und seinen Schritt finden - freilich im Blick auf den anderen. Jeder darf vorgehen; jeder darf zurückbleiben; jeder kann und soll auf den anderen warten. Das Miteinandergehen, das Zueinanderpassen soll eingeübt werden; das Miteinandergehen muss bedacht und überdacht werden. Und dafür muss man eine Rast einlegen: Stimmt das Tempo? Komme ich außer Atem? Sind die Schuhe okay? Sind die Lasten richtig verteilt? Vor allem aber ist jetzt eines notwendig: man muss sich entscheiden, ob man sitzen bleibt; ob man nur das herrliche Panorama genießen will - oder ob man weitergehen soll. Denn das entscheidende Stück Weges liegt ja noch vor euch: der Aufstieg zum Gipfel, der vor euch aufragt mit seinen Pfeilern und Steilwänden. Dieser Aufstieg ist mühsam und wird noch viel Schweiß kosten.

Ich meine, an diesem Punkt seid ihr heute miteinander angelangt. Und ihr habt euch entschieden, den Weg miteinander weiter zu gehen, den Aufstieg zum Gipfel zu wagen. Wir freuen uns alle über eure Entscheidung. Und wir sind bereit, euch ein Stück Weges zu begleiten, euch beim Aufstieg durch die Wand Hilfestellung zu geben. In dieser Eucharistiefeier sprecht ihr euer Ja zueinander; ihr versprecht euch die gegenseitige Treue - vor uns, euren Angehörigen und Freunden; aber auch vor dem, der unser aller Vater ist, vor unserem Vater im Himmel. Wir versprechen euch unser Geleit, unsere Hand, unsere Hilfe. Das Kirchlein von Heiligkreuz sei euch immer ein Bild des heutigen Tages. Bleibt nicht sitzen! Brecht auf zum gemeinsamen Aufstieg! Und wir lassen euch nicht allein. Vor allem aber: Gott, unser Vater, lässt euch nicht allein.

Ich bin sicher: eure Entscheidung, miteinander den Aufstieg zu wagen, lässt euch jetzt viele Mühen und Anstrengungen vergessen. Der Pfad führt ja zunächst noch durch Latschen und Geröll; er ist eben - keine Schwierigkeit! Doch dann wird es ernst. Der Pfad wird eng und steil. Der Klettersteig beginnt. Gott sei Dank gibt es gute Griffe, und die Drahtseile geben einen festen Halt. Und dann ist immer noch die Hand des anderen, die sichert, die man ergreifen kann. Freilich, in die Luft darf man beim Klettern nicht gucken, sondern wohin man tritt, wohin die Hand greifen soll. Dort drüben, an diesem Eckpfeiler, wo die Sonne schon scheint, da werden wir Rast machen und die Aussicht genießen. In der Tat, der Blick von der Aussichtskanzel ist überwältigend: zum Greifen nah die Berge ringsum: die Marmolata, der Piz Boe, die Geislerspitzen, der Peitlerkofel. Und da drunten liegt das Kirchlein von Heiligkreuz, jetzt im gleißenden Sonnenlicht. Dort sind wir aufgebrochen, und bis hierhin haben wir es schon geschafft! Wie schön ist eine solche Rast, auch wenn wir genau wissen: bis hinauf zum Plateau ist noch eine Scharte mit elendem Geröll und Gestein zu überwinden.

Sicher werden auch auf eurem gemeinsamen Lebensweg schwierige Passagen kommen, wo der Blick in die Tiefe einen erschrecken möchte; wo es keinen Griff zu geben scheint und Weiterkommen unmöglich. Jetzt ist es wichtig: am Berg muss man miteinander sprechen! Macht euch auf die Gefahren aufmerksam: "Da ist ein Halt! Pass auf diesen Stein auf, der locker ist! Hilf mir!" Dass ihr immer wieder die Hand zum Helfen einander entgegenstreckt! Legt immer wieder Pausen ein: zum Atemholen, zur Orientierung, zum Schauen, zum Genießen! Wir brauchen solche schöpferischen Pausen. Dann macht euch auch eine elende Scharte nichts aus, die es noch zu überwinden gilt. Und seid versichert: Wir alle, die wir euch kennen, die wir euch gern haben, wir gehen mit euch; wir geben euch Mut: Ihr schafft es schon! Ihr werdet euer Ziel erreichen!

Ich wünsche euch für euren gemeinsamen weiteren Weg, für euren gemeinsamen Aufstieg viel Mut. Ich wünsche euch Selbstvertrauen und Vertrauen zueinander. Ich wünsche euch Weggefährten bei der Tour eures Lebens, Gefährten, die zu euch halten. Nicht zuletzt wünsche ich euch das Mitgehen dessen, in dessen Händen wir alle verzeichnet sind, in dessen Händen wir alle gehalten und geborgen sind, der uns nie fallen lässt: unser Vater im Himmel! Die Kreuze auf den Gipfeln der Berge und in unserem Leben weisen hin auf den, der selbst die Liebe ist, und der die Liebe der Menschen segnet und umfängt; der auch euch und eure Liebe zueinander mit seiner Liebe umfängt. Er schenke eurem Wagnis das Gelingen! Er gibt euch seinen Segen.

 

Trauungsansprache 3

Es gibt heute alle möglichen Versicherungen gegen alle nur denkbaren Schäden - durch Feuer, durch Unfälle. Und für den Fall, dass man selber Schäden verursacht, gibt es sogenannte Haftpflichtversicherungen: für das Autofahren (dann möglichst mit Vollkasko!); für die Schäden, die die Kinder verursachen usw. Bei allen Versicherungen empfiehlt es sich jedoch, das Kleingedruckte genau zu lesen, zu studieren, d. h. wann die Versicherungen zahlen und nicht zahlen. Auf der Vorderseite der Texte der Brautmesse sehen Sie eine Steintreppe. Ich bin sicher: für jede Versicherung wäre eine solche steinerne Stiege, die nicht einmal ein Geländer aufweist, ein Grund, für einen Unfall, für einen möglichen Schaden nicht aufzukommen. Dafür gibt es keinen Versicherungsschutz.

Trotzdem bin ich der Meinung: dieses Bild der steinernen Treppe macht in einer treffenden Weise deutlich, was wir in dieser Stunde erleben, mit vollziehen. Ein Ehe-Versprechen ist ja (Gott sei Dank!) nicht ein Versicherungsabschluss, ist keine Blanko-Vollmacht, die zwei Menschen einander ausstellen; es ist keine Garantie für das Gelingen einer Beziehung. Das Versprechen, in Liebe und Treue zusammen zu stehen, darf nicht so etwas sein! Im Bild gesprochen: Es ist ein Wagnis, ein Risiko; es ist der Entschluss, einen Weg, eine steinerne Treppe hinauf zu gehen, bei der es kein sicherndes Geländer gibt. Für das Hinaufsteigen auf dieser Treppe möchte ich euch, liebe Brautleute, einige Hinweise geben; einzelne Stufen gleichsam beschreiben, damit Euch auch ohne Versicherung das Hinaufsteigen gelingt. Ich will diese Stufenbeschreibung vornehmen mit Hilfe von einigen Zitaten, Erzählungen, die sich bei mir in vielen Jahren angesammelt haben.

"Eine Gemeinschaft ist nicht die Summe von Interessen, sondern die Summe an Hingabe." (A. de St. Exupéry) Ich meine : Das gilt in besonderer Weise für die eheliche Gemeinschaft. Sie ist keine Zweckverbindung; schon gar nicht ist sie eine Zweckgemeinschaft zur Bevölkerung der Erde. Sie ist Lebensgemeinschaft; sie ist Gemeinschaft des Herzens, der Liebe. Grundlegend dafür ist das Wissen, die Überzeugung eines jeden: "Wie gut, dass es dich gibt!" Das bedeutet präzise nicht: Wie gut, dass du schöne blaue Augen hast; dass du diesen Beruf hast; dass du soviel Geld verdienst! Sondern: dieser Satz meint: Die Voraussetzung der eigenen Erfüllung, der Selbstverwirklichung ist die Bejahung des anderen; ist das Sehen des anderen, das Verstehen des anderen. Nicht nur als Kinder, sondern auch als Erwachsene blühen wir nur auf, "gedeihen" wir nur, wenn uns eine aus dem Innersten kommende und meine Herzmitte meinende Zuwendung und Zustimmung begegnet. Wir brauchen - um das biblische Bild zu verwenden - nicht nur "Milch", d. h. wir brauchen nicht nur alles, was zur Stillung des leiblichen Hungers, was wir zum Leben nötig haben. Uns darf der "Honig" nicht vorenthalten werden - "Honig" als Symbol für die Süße des Lebens; für das Glück, einfach da zu sein; da sein zu dürfen; wir selber sein zu dürfen; angenommen zu sein; bejaht zu sein: "Wie gut, dass es dich gibt!"

In einer der chassidischen Geschichten, die Martin Buber aufgezeichnet hat, heißt es: "Was wirkliche Liebe ist, das ist mir am Gespräch zweier Landleute aufgegangen. ‚Freund Iwan, liebst du mich? - Natürlich, du weißt doch, dass ich dich liebe! - Weißt du auch, was mir weh tut? - Wie kann ich wissen, was dir weh tut? - Freund Iwan, wenn du nicht weißt, was mir weh tut, wie kannst du sagen, dass du mich liebst?' Liebe also heißt (so schließt die chassidische Geschichte): Wissen, was dem anderen weh tut."

"Wissen, was dem anderen weh tut." Ich meine, dies sei gerade für das Miteinander in der ehelichen Gemeinschaft eine Grundvoraussetzung für das Gelingen. Es kostet sehr viel Mühe (wie das Hinaufsteigen auf einer steinernen Treppe mit den viel zu hohen Stufen), zu erspüren, was den anderen bedrückt; was ihm Sorgen bereitet; womit er nicht fertig wird; wonach er sich im Innersten sehnt. Diese Aufmerksamkeit und Behutsamkeit im Umgang miteinander gehören unabdingbar zur Liebe dazu. Ein fast verbrauchtes Wort unserer Sprache spricht von der "Ehrfurcht". "Ehrfurcht" meint genau dies: den Respekt vor dem anderen. Thomas von Aquin, der große Theologe des Mittelalters, gibt als Begründung für diese Ehrfurcht und diesen gegenseitigen Respekt an: Gott begegne ja dem Menschen "cum magna reverentia", mit großer Ehrfurcht. Diese Ehrfurcht will gelernt, will eingeübt sein. Wirkliche Liebe, die diesen Namen verdient, übt diese Ehrfurcht. Denn nur die Liebe hat ein Auge dafür; nur die Liebe ist sehend - wiederum ein Wort des Thomas von Aquin: "ubi amor, ibi oculus - nur die Liebe ist sehend". Wirkliche Liebe macht nicht blind. Die Liebe ist Schwester der Ehrfurcht.

"Liebe entsteht, wo einer dem anderen den Zutritt zur eigenen Welt öffnet." Ist das aber nicht gefährlich? Missbraucht der andere nicht vielleicht mein Vertrauen, meine "Schwäche", die ich ihm zeige? Heinrich Böll sagt in einem seiner Romane einmal: "Bei jedem Menschen frage ich mich, ob ich ihm gerne ausgeliefert sein möchte; und es gibt nicht viele, bei denen ich sagen würde: Ja!" Dieses Risiko, unser Herz zu öffnen, müssen wir alle, nicht nur in der Gemeinschaft der Ehe, eingehen: dem anderen einen Blick ins eigene Herz zu gestatten. Freilich liegt darin die Gefahr der Verwundung, verkannt und ausgenützt zu werden. Der Liebende ist immer der "Schwächere". Zu diesem Risiko jedoch müssen wir im Zusammenleben immer und überall bereit sein. Sonst wären wir verurteilt zum Alleinsein, zum Umverstandensein; würde Gemeinschaft unter Menschen unmöglich; wären wir tot mitten im Leben. Dann hätte Sartre recht: "Die Hölle - das sind die anderen." Außerdem: dieses Wagnis der Liebe, das eigene Herz zu öffnen, ist nicht nur die Voraussetzung jeder menschlichen Gemeinschaft. Dieses Wagnis lässt uns auch erst begreifen, ahnen, was Christsein eigentlich bedeutet; lässt uns ahnen, was Gott eigentlich für uns getan hat in Jesus Christus. In ihm hat er uns einen Blick tun lassen in sein innerstes Wesen. Wenn es einen "Grund-Satz" für den Christen gibt, dann diesen: "Gott ist die Liebe." Gott lässt niemand aus seiner Liebe fallen. Gott liebt nicht auf Zeit.

Noch eine Stufe aus der Treppe Eures Lebens möchte ich nennen: "Ein liebendes Herz ist ein frohes Herz." Der Satz stammt von Mutter Teresa aus Kalkutta. Dieser Satz lässt sich auch umkehren: ein frohes Herz ist immer ein liebendes Herz. Im letzten gibt es keine Freude, wenn sie nicht aus der Liebe entspringt. Mit Hass im Herzen kann man sich nicht freuen; kann man kein Fest feiern. Einer der großen Prediger der alten Kirche, Johannes Chrysostomus, formuliert es einmal so: "Wo die Liebe sich freut, da ist Fest!" Freuen kann sich nur, wer zu allem Ja sagen, wer alles gut heißen kann. Wer ein Nein zu irgend etwas, zu irgend jemand im Herzen trägt (also das Gegenteil von Liebe), der kann sich nicht freuen. Für den Verneinenden, für den Hassenden gibt es kein Fest. Ja aber zu allem zu sagen, alles gut heißen können: im letzten ist dies nur möglich als Lob Gottes, als Preisung des Schöpfers dieser Welt; dass wir hinter allem das Antlitz des heilend-erlösenden Herrn entdecken und erkennen, auch wenn diese Erkenntnis uns nur unter Tränen möglich ist. Darum heißt ein Fest feiern: sich in der Gegenwart Gottes wissen; sich in die Gegenwart Gottes begeben. Gerade die Eucharistiefeier hat dies zum Inhalt: sich immer in der Gegenwart Gottes wissen und in diese Gegenwart hinein begeben - ein unbegrenzt liebendes Ja sagen zu allem, was ist - Dank zu sagen dafür, dass die Welt und das Dasein im Ganzen in Gott heilgeworden ist.

Kehren wir zu unserer Treppe zurück mit den steinernen Stufen, die nach oben führen. Euer Versprechen vor dem Altar ist der Ausdruck dafür, dass ihr bereit, dass ihr entschlossen seid, einen Weg hinaufzugehen; das Wagnis des gemeinsamen Weges auf Euch zu nehmen - ohne Geländer, ohne Garantien und Versicherungen. Dieses Wagnis ist nur eingehbar, weil und wenn wir uns gehalten wissen durch die Hand eines guten Vaters im Himmel, in dessen Händen wir verzeichnet sind; der uns nie fallen lässt. Wir alle, die wir hier versammelt sind und an Eurer Hochzeitsfeier teilnehmen, die wir Euch schätzen und gern haben, wir wünschen Euch für Euren Aufstieg von Herzen Mut, Vertrauen zueinander, nicht zuletzt das Vertrauen auf den, der mit Euch geht: auf Gott, unseren Vater im Himmel.

 

Silberhochzeit: "Treue und Dankbarkeit"

Einführung

Liebe Frau Valentin, lieber Herr Valentin, verehrte Anwesende!

Vor fünfundzwanzig Jahren haben Sie sich in der Pfarrkirche von Abtei Liebe und Treue für Leben versprochen. Sie sind diesen weiten Weg gemeinsam gegangen. Wer sich geliebt weiß, der weiß sich beschenkt. Liebe ist immer unverdient und unverdienbar. Darum ist er immer voll Dankbarkeit. Liebe und Dankbarkeit gehören zusammen. Diese Erfahrung ist die Voraussetzung, um zu verstehen, was wir in dieser Stunde, in der Feier der Eucharistie vollziehen: Wir sagen Gott Dank; denn wir wissen uns letztlich von der ihm beschenkt. Der Christ, der Glaubende lebt aus der großen Dankbarkeit gegenüber dem Geber alles Guten: "All meine Quellen entspringen in dir!" So sagt es der Sänger des Alten Bundes. Wir sagen jetzt gemeinsam mit Ihnen Dank, weil wir die menschliche Liebe umfangen, hineingenommen wissen in die Güte und Liebe Gottes.

    Herr Jesus Christus, du hast uns die Liebe zu Gott und den Menschen geboten:
    - Herr, erbarme dich!
    Du hast die Liebe und Treue der Menschen füreinander gesegnet:
    - Christus, erbarme dich!
    Du wirst die Liebe und Treue der Glaubenden vollenden in deiner Herrlichkeit:
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Herr Jesus Christus, in dir begegnen wir dem guten und treuen Gott. Voll Vertrauen bitten wir dich für die Eheleute Maria und Bruno Valentin, die sich vor fünfundzwanzig Jahren das Jawort gegeben haben.

  • Für Maria und Bruno Valentin, die voll Dankbarkeit auf fünfundzwanzig Jahre schauen, in denen sie in Liebe einander verbunden sind: dass sie noch viele Jahre füreinander ein Segen sind!
  • Für ihre Kinder und Enkelkinder und alle Angehörigen: dass sie nach dem Vorbild dieser Eheleute zueinander stehen und einander helfen!
  • Für alle jungen Menschen, die sich auf die Ehe vorbereiten: dass sie lernen, was eheliche Liebe und Treue bedeuten!
  • Für alle verstorbenen Angehörigen, an die wir an einem solchen Tag besonders denken: dass sie im Frieden Gottes leben!

Vater im Himmel, in deiner Hand stehen wir alle verzeichnet. Wir bitten dich: Sei den Eheleuten Maria und Bruno Valentin, die heute ihre Silber-Hochzeit feiern, weiterhin nahe! Und gib uns allen die Kraft, einander beizustehen! Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn. Amen.

Predigt

Zu Ihrer Silberhochzeit brauche ich Ihnen nicht viele Worte zu sagen, zumal fünfundzwanzig miteinander gelebte Jahre genügend Erfahrungen mit sich gebracht haben, was Ehe und Familie bedeuten. Es gibt noch einen anderen Grund, nicht viele Worte zu machen. Der Grund ist der, dass die eigentlichen Worte, auf die es ankommt, von der Liturgie gesprochen werden: die Worte des Dankes, die Worte der Bitte und des Segens. Deshalb möchte ich nur auf drei Dinge hinweisen.

Mittelpunkt dieses Tages ist die Feier der Eucharistie, die Feier der Danksagung. Wir alle danken zusammen mit Ihnen Gott für seinen Segen und für seine Gnade auf Ihrem gemeinsamen Lebensweg. Das bedeutet auch: Sie haben den Glauben an Gott, unseren guten Vater im Himmel, zum Fundament Ihres Lebens und Ihrer Familie gemacht. Wir wissen alle: das ist heute - auch in diesem Tal - nicht mehr selbstverständlich. Die Fragen: Was trägt ein Leben im letzten? Was ist der Sinn des Lebens, unserer Arbeit, unseres Schaffens und Mühens? Von welcher Mitte her lässt sich ein gemeinsames Leben nur verwirklichen? Diese Fragen sind nicht zweitrangig; sie sind nicht nebensächlich. Diese Fragen sind fundamental, grundlegend für jedes Leben überhaupt. "Wie hältst du es mit der Religion?" - Diese berühmte Frage Gretchens an den Doktor Faust in Goethe's Drama ist leider heute unwichtig geworden. Ich bin der Überzeugung: Im tiefsten Denken, im Innersten vor Gott soll Einheit, soll Einigkeit da sein. Das hält vor. Das trägt - ein Leben lang! Ich bin sicher: Dieses Fundament Ihres Lebens, Ihrer Ehe und Ihrer Familie ist da, und es hat Bestand auch über diesen heutigen Tag hinaus.

Ein Zweites möchte ich erwähnen. Ihr Leben, jedes eheliche Zusammenleben steht auf einigen Grundhaltungen, die der hl. Paulus in seinem Brief an die Kolosser nennt - wir haben es soeben gehört: Liebe, Rücksicht, Respekt - und zwar nicht nur zum geliebten Partner (als ob man nur auf ihn Rücksicht zu nehmen hätte), sondern auch zu den Menschen ringsum. Ich darf wohl sagen, dass ich immer dieses Wohlwollen und diesen Respekt in den langen Jahren, die ich in Ihrem Hause sein darf, erleben durfte - nicht nur ich, sondern auch die vielen, die ich mitgebracht habe. Es ist nun einmal ein Erkennungszeichen, ob jemand die Liebe, den Respekt, die Rücksicht kennt. Den tiefsten Grund dafür nennt der hl. Thomas von Aquin: Gott selbst behandle den Menschen "cum magna reverentia - mit einer ganz großen Ehrfurcht". Eheliche Partnerschaft gelingt nur dann, wenn diese "Ehrfurcht", wenn dieser gegenseitige Respekt vorhanden ist und gepflegt wird.

Auf ein Drittes und Letztes möchte ich hinweisen. Zum Gelingen menschlichen Lebens, des Miteinanderlebens gehört die Freude, gehört das Fest, die Feier, die den Alltag übersteigt (nicht: ihn überflüssig macht!). Die jüdischen Schriftgelehrten legten es dem Hausvater, dem Familienvater auf, die Seinen immer wieder zu erfreuen. Und einer der großen Prediger der alten Kirche, der hl. Johannes Chrysostomus, sagt einmal: "Wo die Liebe sich freut, da ist Fest." Ein Fest aber kann man nur feiern, wenn man ein liebender Mensch ist; wenn man zu allem Ja sagen kann: "Wie gut, dass es dich gibt!" Wir können dies aber nur tun - davon sind wir Christen überzeugt - weil ein anderer, weil Gott zu uns gesprochen hat: "Wie gut, dass es dich gibt!" Von dieser Gewissheit leben wir, von dieser Gewissheit können wir leben. Und ich darf an dieser Stelle hinzufügen: Auch wir alle, die diesen Festtag heute mit Ihnen feiern, können und dürfen sagen: "Wie gut, dass es Sie gibt!" Dieser Tag ist für uns alle ein Tag der Freude, ein Tag der Mitfreude.

Wir feiern miteinander Eucharistie. Wir gedenken der Liebe Gottes zu uns; wir danken für diese Liebe Gottes zu uns; dass er zu uns sein Ja gesagt hat. Wir sind umfangen und gehalten von der Liebe Gottes, die uns sichtbar, erkennbar geworden ist im Leben und Sterben unseres Herrn Jesus Christus. Ihn wollen wir in dieser Feier bitten, er möge seinen Segen und seine Huld auf Ihrem weiteren Lebensweg zuteil werden lassen; und dass es Ihnen gelingt, Gottes Liebe und Treue zu uns Menschen weiterhin zeichenhaft zu leben - uns alle, die wir diesen Festtag mit Ihnen begehen, zur Stärkung und Ermutigung.

 

Ordensjubiläum: "Die Glut der Christus-Liebe"

Einführung

Jubiläen sind immer ein Anlass, sich zu freuen, sich mit zu freuen: mit dem, der "jubiliert". Und Jubiläen sind ein Anlass, in besonderer Weise zu danken - vorab dem Geber aller guten Gaben, unserem guten Vater im Himmel. Wir tun dies heute zusammen mit Ihnen, liebe Schwester Margareta. Wir nehmen Ihre Freude und Ihre Dankbarkeit mit hinein in die große Danksagung der Kirche, in die Feier der Eucharistie. Und wir alle, die wir an dieser Feier heute teilnehmen, besinnen uns auf Gottes Huld und Güte in unser aller Leben. Wir bitten um Vergebung dafür, dass diese Dankesgesinnung oft so wenig in unserem Denken und Handeln zu spüren ist.

    Herr Jesus Christus, du hast deine Jünger gerufen, dir nachzufolgen:
    - Herr, erbarme dich!
    Du willst, dass deine Jünger um deinetwillen alles verlassen:
    - Christus, erbarme dich!
    - Du verheißt denen, die deinem Ruf folgen, großen Lohn im Himmel:
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Herr Jesus Christus, du hast, als du auf Erden lebtest, Menschen gerufen, alles zu verlassen und dir nachzufolgen. Heute am Tag des Ordens-Jubiläums von Schwester Margareta kommen wir darum voll Vertrauen mit unseren Bitten zu dir:

  • Stärke mit deinem Geist alle, die du in deinen besonderen Dienst in einer Ordensgemeinschaft gerufen hast!
  • Hilf allen, die in einer Ordensgemeinschaft leben, deine Wahrheit und Liebe zu bezeugen!
  • Begleite Schwester Margareta auch in ihren künftigen Lebenstagen mit deiner Liebe und deinem Segen!
  • Ermutige junge Menschen, deinen Ruf in die Nachfolge großherzig zu hören und ihm zu entsprechen!

Herr, unser Gott, steh uns allen bei, damit wir mit unserem Leben bezeugen, was wir mit dem Mund bekennen! Das gewähre uns durch Jesus Christus, unseren Herrn! Amen.

Predigt

In einem Roman von Sigrid Undset steht der Satz: "Alle Feuer brennen nach und nach aus." Trifft dies auch für unseren Glauben zu? Trifft dies auch für unsere Gottesliebe zu? Verkommt tatsächlich mit der Zeit, mit den verrinnenden Jahren unser Herz zu einem "religiösen Gewohnheitsherzen" (Martin Buber), auch wenn wir in einer religiösen Gemeinschaft leben? Ich meine, ein Ordensjubiläum sei immer ein Anlass, uns dieser Frage zu stellen: Wie steht es mit unserem Glauben an Gott? Wie steht es mit unserer Liebe zu Gott?

Eines der Worte Jesu, das der hl. Lukas uns in seinem Evangelium überliefert hat, und das für mich immer eine Herausforderung, ja ein Imperativ war, steht im 12. Kapitel: "Ich bin gekommen, Feuer auf die Erde zu werfen. Wie froh wäre ich, es würde schon brennen!" (12, 49) Wie froh wäre Jesus, wenn wir uns für ihn begeistern würden; wenn wir für ihn brennen würden; wenn wir so für ihn brennen würden wie vielleicht für einen geliebten Menschen! Wie froh wäre er, wenn wir ihn liebten und von dieser Liebe entflammt seinen Weg gingen, seine Zeugen in der Welt wären! Jesus meint, nur aus dieser Liebe zu ihm, nur aus dieser glühenden Begeisterung für ihn sei Christsein in dieser Welt überhaupt möglich. Denn nur diese Begeisterung, diese brennende Liebe vermag das Befremden, das Unverständnis, ja die Feindschaft zu ertragen, zu überwinden, die dem begegnet, der Ernst macht mit der Nachfolge Christi; der es ernst meint mit dem Gehen hinter Jesus; der sein Leben an Jesus orientiert und an ihm Maß nimmt.

Wenn die Nachfolge unseres Herrn, das Maßnehmen an ihm unser Christsein ausmacht, wenn diese Nachfolge aus der liebenden, aus der glühenden Begeisterung für Jesus Christus kommt, ja nur kommen kann, dann ergeben sich einige Folgerungen. Zunächst gehört dazu: Wir haben uns darum zu bemühen, den näher kennen zu lernen, der uns auf seinen Weg gerufen hat und immer noch ruft. Bei diesem "Kennenlernen" geht es aber um mehr als um das Entdecken eines großen, eines interessanten Menschen, der uns fasziniert. Es geht darum, dass dieses Interesse hinführt, hinführen soll zur "intima cognitio", zur tiefinnerlichen, dem Grund unseres Wesens zugeordneten Erkenntnis des Herrn, wie der hl. Ignatius uns immer wieder in den Exerzitien beten lässt. Dieses "Interesse" soll hinführen zum "Einswerden in der Liebe": Wie gut, dass es dich gibt! Ohne dich ist mein Leben sinnlos! All meine Quellen entspringen in dir!

Sind wir im Ernst, auch als Ordensleute, davon überzeugt, dass der Sinn, der Halt unseres Lebens nur in ihm zu finden ist? Ist unser Leben durchdrungen, durchtränkt von dieser Überzeugung: "Herr, zu wem sonst sollen wir denn gehen? Du allein hast Worte ewigen Lebens"? Können wir uns das Wort des Psalmisten zu eigen machen: "All meine Quellen entspringen in dir"? Lieben wir ihn so, dass wir nichts ihm vorziehen? Könnten wir auf die Frage Jesu an Petrus: "Simon, Sohn des Johannes, hast du mich gern, bist du mein Freund?" - könnten wir ehrlichen Herzens sagen: "Ja, Herr, du weißt alles; du weißt auch: Ich habe dich wirklich gern; du bist mein Freund"? "Wo dein Herz ist, da ist auch dein Schatz." Ist er es oder ist es irgendetwas anderes?

Dieses liebende Vertrauen zu Jesus Christus müsste uns prägen. Das müsste man uns ansehen. Davon haben wir Zeugnis abzulegen - gerade als Ordensleute. Und dies ist umso notwendiger und dringlicher, je mehr Menschen (in unserer Umgebung, in unseren Familien, in unserem Freundes- und Bekanntenkreis) mit ihrem Christsein nichts mehr anzufangen wissen. Vernehmen diese Menschen glaubhaft durch unser Leben, durch unser "Brennen" die Botschaft Jesu von der Güte Gottes, von seiner verzeihenden und erbarmenden Liebe? Begegnet ihnen diese Botschaft lebendig in unserer Existenz - nicht durch unser Reden, schon gar nicht durch unser Vielreden? Haben wir Priester und Ordensleute dies getan gegenüber denen, die uns ihr Vertrauen geschenkt, die uns ihr Vertrauen geschenkt haben, die unserer Hirtensorge anvertraut sind? Sind wir Hirten mit der Gesinnung des guten, des liebenden Hirten - oder sind wir nur Mietlinge, bezahlte Knechte, die - auch als Priester und als Ordensleute - nur ihr eigenes Schäfchen ins Trockene bringen; die nur ihre eigene Erfüllung, ihre eigene Kultivierung im Auge haben? Auch im Orden kann man zum Egoisten verkommen. Wir tragen jedenfalls Verantwortung für unsere Mitchristen. Wir tragen aber auch vor Gott Verantwortung denen gegenüber, die nicht glauben; die meinen, nicht glauben zu können. Denken wir daran, dass wir zu ihnen halten müssen, weil doch auch wir gehalten sind von der Liebe und dem Erbarmen Christi? Wird durch unser Leben seine vergebende Liebe sichtbar gerade dem irrenden, dem sündigen Menschen gegenüber?

"Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. Wie froh wäre ich, es würde schon brennen!" Lassen wir uns von diesem Wort unseres Herrn wieder hinweisen auf einen wichtigen, auf einen entscheidenden Punkt unseres Christseins auch im Orden. Wenn wir den Herrn, der uns in seine Nähe, in seine Nachfolge gerufen hat, nicht lieben mit einer brennenden Liebe, wenn wir diese Liebe nicht selber erfahren lassen, dann werden wir in unserem Christsein immer nur etwas Einengendes sehen; dann werden wir uns hinter irgendeinem Busch oder Stein bald der vermeintlichen Last entledigen. Dann ist Ordensleben, ja Christsein überhaupt nur auf Zeit möglich - solange wir uns selbst kultivieren können. Das aber hält nicht vor. Das lässt uns nicht die Mühsal und die Widrigkeiten des Alltags durchtragen. Das entfremdet uns im Letzten dem Kreuz Christi und seiner Liebe. Die Selbstkultivierung ist zu wenig; diese Motivation reicht nicht aus; dieses Feuer brennt nach und nach aus. Hier spüren und erleben wir, dass unser Christsein, dass unser Ordensleben aus einer anderen, aus einer tieferen Quelle gespeist sein muss; dass es einer anderen Wärme, eines anderen Feuers bedarf: es ist die Liebe, mit der er uns geliebt und sich für uns dahingegeben hat. Er hat uns geliebt. Er geht auf uns zu. Und all das, was wir tun, tun sollen, ist immer nur die stammelnde Antwort auf seine Liebe zu uns. Wenn wir glühen und brennen, dann letztlich nur, weil er uns in Brand gesetzt hat.

Liebe Schwester Margareta, ich kenne Sie erst seit wenigen Jahren, und das in der Hauptsache durch die Begegnungen in der Sakristei. Aber ich hatte immer den Eindruck, dass in Ihrem Herzen immer noch das Feuer der ersten Liebe und Begeisterung für den brennt, der uns alle geliebt und der uns in seine Nachfolge gerufen hat. Ich bin sicher, dass alle, die mit Ihnen zusammengelebt haben im Kloster, die Ihnen irgendwo begegnet durften, ebenfalls diese Glut des Herzens gespürt haben. Ich bin sicher, dass dieses Feuer auch weiter vorhält. Ich wünsche uns allen diese Begeisterung, damit auch wir - wie Sie - brennende Zeugen der Liebe Gottes werden.

 

Requiem: "In Gottes Liebe geborgen für immer"

Einführung

In dieser Eucharistiefeier gedenken wir unseres lieben Verstorbenen. Wir empfehlen ihn der Güte und Liebe Gottes. Viele von Ihnen haben Herrn N. kennen und schätzen gelernt. Viele waren ihm freundschaftlich verbunden. Über den Tod hinaus wissen wir uns ihm zu Dank verpflichtet. Aber in dieser Stunde sagen wir auch unserem Vater im Himmel Dank, dass wir unserem lieben Verstorbenen begegnen durften; wir danken für alles Geleit auf den Wegen unseres Lebens und für alle Hilfe, die wir erfahren durften. Deshalb danken wir nicht zuletzt dem Geber alles Guten, der uns das "Geschenk" unseres Freundes gemacht hat. Darum wollen wir nun in dieser Feier der Danksagung uns die Güte Gottes ins Gedächtnis rufen; wir bitten um sein Erbarmen.

    Herr Jesus Christus, du bist für uns in den Tod gegangen:
    - Herr, erbarme dich!
    Du bist vom Tod in die Herrlichkeit des Himmels auferstanden:
    - Christus, erbarme dich!
    Du hast uns beim Vater im Himmel eine Wohnung bereitet:
    Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Lasst uns in dieser Stunde der Trauer und des Schmerzes, aber auch der gläubigen Hoffnung zu unserem Herrn Jesus Christus beten:

  • Für unseren lieben Verstorbenen: dass sein Leben von Gott angenommen werde, und er den Lohn empfängt für all das Gute, das er getan hat!
  • Für uns alle, die um ihn trauern: dass wir ihm alle Liebe danken, die er uns geschenkt hat!
  • Für die vielen Freunde und Bekannten, die ihn geschätzt haben: dass sie ihm die Freundschaft und Dankbarkeit über den Tod hinaus bewahren!
  • Für alle Verstorbenen, mit denen wir uns über den Tod hinaus verbunden wissen: dass sie alle Gottes Güte erfahren und in seinem ewigen Frieden leben!

Herr und Gott, höre unser Rufen! Schenke unserem lieben Verstorbenen jetzt und für immer dein ewiges Leben, und bewahre uns im Geist der Liebe, im Geist Jesu Christi, deines Sohnes, der mit dir lebt und herrscht in Ewigkeit. Amen.

Predigt

Wir sind in dieser Stunde zusammen gekommen, um Abschied zu nehmen von Herrn N. Wir nehmen Abschied von einem geliebten und geschätzten Menschen. Ich bin sicher, viele von Ihnen haben Herrn N. besser gekannt als ich. Ich bin ihm das erste Mal im Dezember 1998 begegnet. Er kam zu mir und bat um die Aufnahme in die Katholische Kirche. Seit Oktober wusste ich um seine schwere Krankheit. In den letzten Wochen seines Lebens habe ich ihn oft besucht. Ich habe ihm die Kommunion gebracht, die wir die "Wegzehrung" nennen. Einmal habe ich an seinem Krankenbett Eucharistie gefeiert. In den vielen Gesprächen habe ich Herrn N. tiefer zu verstehen, ich habe ihn zu schätzen gelernt. Zwei Eigenschaften, Grundhaltungen haben mich in besonderer Weise beeindruckt. Sie könnten uns, die wir heute von ihm Abschied nehmen, einiges sagen.

Herr N. ist Zeit seines Lebens ein Suchender gewesen; einer, der sich nicht mit Vordergründigem abspeisen ließ - in seinem Studium, auf seinem beruflichen Weg. Er war ein Mensch, der den Dingen auf den Grund ging; der nach Koordinaten fragte und suchte; nach Koordinaten, mit denen er die Position bestimmen konnte - für sich selbst, aber auch bei anderen. Wer zur See gefahren ist, wer das Segeln liebt und etwas davon versteht, der weiß, wie wichtig, wie unabdingbar die Bestimmung der Position ist. Für Herrn N. erwies sich immer deutlicher als Richtmaß das christliche Menschenbild. Die eine Koordinate dieses Richtbildes ist diese: Wir sind auf etwas viel Grundlegenderes als wir selbst bezogen. Dieser Grund legende Bezugspunkt ist unser guter Vater im Himmel, den uns Jesus Christus verkündet, nahe gebracht hat. Andernfalls werden wir Knechte, Sklaven, Götzendiener von innerweltlichen Gegebenheiten. Die andere Koordinate war für Herrn N. diese: Die Heillosigkeit in der Welt, der großen wie der kleinen, kann von uns selbst nicht überwunden werden. Es bedarf der Hand, es bedarf der liebenden Hand, die Gott uns entgegen streckt - in Jesus Christus! Unser lieber Verstorbener hat diese Koordinaten in seinem Suchen, in seinem Leben gefunden; er konnte die Position bestimmen; er hat seine Position bestimmt. Deshalb hat er den Weg gefunden; den Weg heim ins Vaterhaus.

Eine zweite Eigenschaft, eine zweite Grundhaltung seines Lebens ist mir in den Begegnungen mit Herrn N. deutlich geworden. Diese Grundhaltung war Resultat, besser: war die "Frucht" dessen, was ich vorhin als die Koordinaten seines Lebens bezeichnet habe. Ich nenne diese Grundhaltung sein Verantwortungsbewusstsein. Dieses Verantwortungsbewusstsein ist eine Ausfaltung, ist eine Verleiblichung dessen, was wir mit "Liebe" bezeichnen. Gewiss, es ist nicht die einzige, aber eine wichtige Ausfaltung der Liebe. Ich habe dies miterleben dürfen in den letzten Wochen seines Lebens: in seiner Sorge für seine geliebte Frau, für seine Kinder, für seine Mutter. Und all dies ohne großes Getue und viele Worte! Dieses Verantwortungsbewusstsein für ihm anvertraute Menschen haben auch viele von Ihnen erfahren dürfen in den Aufgabenbereichen, die Herrn N. anvertraut waren. Nicht immer erhält man dafür Anerkennung und Lob. Auch dann seine Pflicht zu erfüllen, das hat etwas zu tun mit der Würde des Menschen; das hat etwas zu tun mit Selbstachtung.

Ich bin gewiss: So wird Herr N., Ihr guter Mann, Ihr Vater und Ihr Sohn, mit seiner Sorge und Liebe, mit seinem Pflichtbewusstsein bei Ihnen und bei vielen anderen, die ihn gekannt haben, in guter Erinnerung bleiben. So wird er weiter leben in den Herzen derer, die ihn geliebt und geschätzt haben.

Aber diese Art des Weiterlebens im Gedächtnis von Menschen ist nicht alles. Wir Christen wissen um ein Weiterleben, das nicht gebunden ist an große Leistungen; das nicht gebunden ist an uns Menschen. Dieses Nichtvergessenwerden, dieses Weiterleben gründet, das sagt uns der christliche Glaube, in Gottes Liebe. An diesen guten Gott, der die Liebe ist, hat Herr N. geglaubt. Wer, wie unsereiner immer wieder mit der Frage konfrontiert wird, ob es über den Tod hinaus für uns Menschen ein Weiterleben gibt, der muss Farbe bekennen. Gefordert ist dann ein persönliches Bekenntnis - gerade über den persönlichen Glauben! Und diese meine Hoffnung und mein Glaube sagen mir dieses: Wenn es einen Gott gibt, wenn es einen großen Gott gibt, der mein Vater ist, dann muss er in der Weise der Ewigkeit existieren; dann ist er nicht der Vergänglichkeit unterworfen. Dann nehmen seine "Gedanken", seine Haltungen den Charakter der Ewigkeit an. Dann ist seine Liebe zu seinen Geschöpfen, seine Liebe zu uns, zu jedem von uns ewig, unvergänglich. Was Gott je geliebt hat, das bleibt für immer in seiner Liebe. Gott liebt nicht auf Zeit. Diese Gegebenheit jedoch, dass Gott uns liebt, das ist die Frohbotschaft, die Jesus verkündet hat. Wenn schon alle Liebe auf Erden Ewigkeit will, aber diese Ewigkeit letztlich nicht bewirken kann - Gottes Liebe zu uns will diese Ewigkeit nicht nur; Gottes Liebe bewirkt diese Ewigkeit. Was sollte auch Gottes Liebe und Sorge um den Menschen, wenn wir am Ende doch dem Tod preisgegeben blieben! Das wäre absurd. Wie dieses Leben bei ihm sein wird, das können wir uns nicht mehr vorstellen. Wir dürfen aber gewiss sein: Das, was in diesem Leben gereift ist an Liebe und Güte und Gerechtigkeit, an Miteinander und Füreinander, das besteht weiter. Es besteht fort, weil es in Gottes Liebe "aufgehoben" ist: nicht vernichtet, sondern verwandelt und bewahrt. Es gibt ein Wiedersehen mit denen, die wir geliebt und geschätzt haben. Es gibt einmal ein nie endendes Miteinander in Gottes Liebe.

Verehrte Frau N., verehrte Kinder von Herrn N., verehrte Trauergemeinde! Wir nehmen Abschied von Herrn N., den wir geliebt, den wir gekannt und geschätzt haben. Dieser Verstorbene, alle unsere Toten sind nicht nur die Gestorbenen, die Vergangenen, die allenfalls in unserer Erinnerung weiter leben. Als Christen wissen wir sie im Frieden, in der Liebe Gottes geborgen für immer.

 

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