Heiligenfeste - Weltmission

 

Mariä Himmelfahrt: "Der Glaube der demütigen Magd"

Einführung

Mit der Kirche begehen wir heute das Fest der Aufnahme Mariens in den Himmel. Wir bekunden damit, dass Maria in außerordentlicher Weise begnadet war und in Gottes Huld gestanden hat. Das Evangelium preist Maria selig, weil sie offen war für Gottes Wort, und weil sie sich ganz in den Dienst Gottes gestellt hat: "Siehe, ich bin die Magd des Herrn!" Im "Magnificat" feiert Maria deshalb die Größe Gottes, seine Barmherzigkeit und Treue, seine Liebe, die Ewigkeit schenkt. Sie preist die Liebe Gottes, die nicht aufhört; die unseren Tod überdauert; die Ewigkeit schenkt bei ihm, dem guten Gott. Besinnen wir uns darum auf den Herrn, der seine Mutter heimgeholt hat in seine Nähe; der auch uns Ewigkeit schenken will.

    Herr Jesus Christus, weil Maria geglaubt hat, wurde sie deine Mutter:
    - Herr, erbarme dich!
    Ihr Glaube stand fest auch in schweren Zeiten:
    - Christus, erbarme dich!
    Du enttäuschst niemand, der auf dich hofft:
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Lasset uns voll Vertrauen beten zu Gott, unserem guten Vater im Himmel, der Maria zur Mutter seines Sohnes erwählt hat:

  • Du hast Maria zur Mutter deines Sohnes erwählt: Lass uns nicht vergessen, dass auch unsere Namen eingeschrieben sind in deinen Händen!
  • Du hast Maria die Fülle deiner Gnade geschenkt: Lass auch uns deine Liebe und Güte erfahren!
  • Du hast Maria befähigt, offen zu sein für dein Wort: Mache uns zu Hörern und Vollbringern deines Wortes!
  • Du hast Maria aufgenommen in deine Herrlichkeit: Schenke unseren Verstorbenen und einst uns allen deinen ewigen Frieden!

Vater im Himmel, wir beten dich und deinen Sohn Jesus Christus im Heiligen Geist an - jetzt und in Ewigkeit. Amen.

Predigt

Heute am Fest der Aufnahme Mariens in den Himmel steht die Gottesmutter vor unseren Augen, die reine Magd des Herrn. Wir bekennen von ihr, dass sie in der Herrlichkeit des Himmels ist - ganz, d. h. als Person, als Persönlichkeit: Das, was sie im innersten Wesen war, hat für immer Platz bei Gott. Der Grund ihrer Verherrlichung wird im heutigen Evangelium genannt; Elisabeth spricht es aus: "Selig ist die, die geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ!" In ihrem Leben und in ihrem Ja zum Willen Gottes zeigt sie uns, was es bedeutet, als Glaubende, als Christ zu leben: nämlich sich ganz und vorbehaltlos in den Dienst des Herrn zu stellen. Von Maria können wir lernen, von ihr können wir uns ermutigen lassen, dem Herrn zu dienen und ihm die Wege zu bereiten zu den Herzen der Menschen.

Was meint eigentlich "Christ sein"? Was ist der Kernpunkt des christlichen Glaubens? Zunächst: Christlicher Glaube, Christ sein ist nicht etwas, was wir Menschen uns ausgedacht, was wir erfunden haben. Der christliche Glaube ist nicht die "Ausgeburt" des menschlichen Geistes. Was dabei herauskommt, davor kann uns oft nur grauen. Christsein ist auch nicht das Gehen des Menschen zu Gott aus eigener Kraft: "Wir schaffen das schon!" Christlicher Glaube ist auch nicht in erster Linie die Erfüllung von Geboten, die Gott gegeben hat, damit wir sie von uns aus tun. Christlicher Glaube, Christsein ist vielmehr, ja vor allem das Tun des lebendigen Gottes an uns; es ist das, was er, der lebendige Gott, in Vergebung und Erlösung, in der Mitteilung seiner eigenen Herrlichkeit uns gibt, uns schenkt, und zwar "gratis = umsonst", ohne unser Zutun, ohne unser Verdient. Da aber das, was Gott uns gibt, im letzten er selber ist, ist der Inhalt des christlichen Glaubens schließlich einfach der ewige Gott selbst, der zum Menschen kommt; der selber am Menschen in seiner Güte so handelt, damit dieser sein Herz aufmacht; damit in dieses arme Herz der kleinen Kreatur Gott selbst einzieht. Christlicher Glaube ist also kein Denksystem; er ist keine Ideologie, der wir uns verschrieben haben. Sein Inhalt ist vielmehr Gott; sein Inhalt ist der liebende, der sich schenkende Gott.

Was bedeutet vollkommenes, vollendetes Christsein? Das ist von dem Gesagten her leichter zu begreifen. Vollkommenes, vollendetes Christsein müsste darin bestehen, dass wir diese Gabe des ewigen Gottes, die Gott selber ist, in Freiheit annehmen - mit Leib und Seele, mit allen Kräften unseres Wesens; mit allem, was wir sind und haben. Vollkommenes, vollendetes Christsein bedeutet daher, dass Amt und persönliches Leben, d. h. dass das, was in der Öffentlichkeit dieser Welt erscheint, und das, was in der Tiefe des eigenen Gewissens geschieht, sich vollkommen decken; dass nach außen sichtbar wird; dass nach außen in Erscheinung tritt, was in der Tiefe des Lebens geschieht; was in der Tiefe des Herzens vor Gott geschieht. Christsein in vollkommener Weise muss überdies bedeuten, dass derjenige, der das Christsein lebt, dem Heil der anderen restlos dient. Der wirkliche Christ dient also nicht sich selbst; er bedient sich auch nicht selbst; er dient den anderen. Es geht also nicht um Selbstfindung, schon gar nicht um eine Selbstkultivierung. Es geht um einen Dienst: für Gott und für die anderen. Ich denke, das muss man heute betonen angesichts einer Entsolidarisierung unserer Gesellschaft, ja auch der Kirche. Wenn alle nur sich selbst kultivieren wollen; wenn alle nur an sich selbst denken, dann geht über kurz oder lang jede Gemeinschaft bankrott.

Wenn darin also vollkommenes, vollendetes Christsein besteht, dann dürfen und können wir sagen, ja dann müssen wir sagen: Maria, die Mutter des Herrn, ist die konkrete Verwirklichung des vollkommenen Christen. Wenn Christsein in vollendeter Form bedeutet die reine Entgegennahme des Heils Gottes, dann ist Maria der vollkommene Christ, der christliche Mensch schlechthin, weil sie im Glauben des Herzens und in ihrem gesegneten Schoß, weil sie mit Leib und Seele und mit allen Kräften ihres Wesens das ewige Wort Gottes angenommen, aufgenommen und empfangen hat. Wenn vollkommenes Christsein die Entsprechung zwischen äußerer Sendung und persönlichem Leben ist, dann ist dieses Christsein in Maria vollkommen gegeben. Denn sie ist diejenige, die greifbar das fleischgewordene Wort des ewigen Vaters empfangen hat. Und sie ist zugleich diejenige, die diese ihre einmalige Aufgabe in einem restlosen und bedingungslosen Ja des Glaubens innerlich übernommen und verwirklicht hat. Wenn Christsein das Ausstrahlen der eigenen Gnade im selbstlosen Dienst zum Heil der anderen ist, dann ist Maria die vollkommene Repräsentantin dessen, was ein Christ ist. Denn derjenige, den sie im Ja ihres Glaubens und in der Leibhaftigkeit ihrer Mutterschaft empfangen hat, ist das Heil aller, Jesus Christus: die demütige Magd des Herrn hat uns das Heil der Welt geboren. Und all das hat sie nicht im Rampenlicht der Öffentlichkeit getan; und es ging ihr dabei nicht um das Erreichen einer Machtposition; sie wollte nur die Magd des Herrn sein.

Wir feiern miteinander Eucharistie. Wie steht es mit dieser Haltung wahren Christseins, die Maria uns vorgelebt hat? Sind wir - wie Maria - wirklich bereit, Jesus Christus im Glauben anzunehmen und aufzunehmen, ihn anzuerkennen als unser Heil? Sind wir bereit, diese innere Annahme zu übersetzen in die sichtbare Greifbarkeit unseres alltäglichen Lebens, des stillen Dienens? Sind wir bereit zu dieser "Fleischwerdung" des Glaubens im eigenen Leben? Und sind wir bereit zum Zeugnis des Glaubens, zum Zeugnis des christlichen Lebens - und zwar überall da, wo wir stehen; an dem Platz, wo wir arbeiten und wirken und leben; nicht nur in Worten, sondern im gelebten Tun? Und all das nicht, um im Rampenlicht zu stehen und bewundert zu werden; und auch nicht aus dem Grund, um eine Machtposition zu erreichen; um uns selbst zu kultivieren oder gar uns selbst zu bedienen! Ich bin überzeugt, dass Maria, die demütige Magd des Herrn, uns Vorbild, ja das Richtmaß sein kann, an das wir uns halten, an dem wir uns orientieren können. Gerade das heutige Fest stellt uns Maria vor Augen als diese demütige Magd, als die große Glaubende, die in der Herrlichkeit des Himmels ihre Vollendung gefunden hat - eine Vollendung, die der Herr auch uns zugesagt hat.

Einen Heiligen, der diese Vollendung gefunden hat, dessen Leben sich verzehrt hat im Dienst des Herrn, der in seinem Todeskampf immer wieder Maria angerufen hat, möchte ich heute nennen - aus dem Grund, weil er heute vor genau 450 Jahren als erster Missionar den Boden Japans betreten hat in Kagoshima; weil er die Saat des Glaubens in Japan ausgestreut hat; weil er die Verehrung der Gottesmutter den Christen ins Herz gepflanzt hat: Es ist der hl. Franz Xaver, der Apostel Indiens und Japans. In der endlos langen Verfolgungszeit haben die japanischen Christen die "Maria Kannon" angerufen, die "Mutter der Barmherzigkeit". Und vor ihrem Bild in der "Wiederauffindungskirche" von Nagasaki gaben sie sich den Missionaren zu erkennen, die wieder nach Japan kommen durften. "Ist das die Santa Maria?" So lautete einer ihrer "Testfragen". Beten wir heute am Fest der Aufnahme Mariens in den Himmel um einen tiefen Glauben; um die Bereitschaft zum Dienst Gottes; um unsere ewige Vollendung! Und beten wir auch für unsere Mitchristen in Japan!

 

Fest des heiligen Stephanus: "Der erste Blut-Zeuge"

Einführung

Am ersten Tag nach dem Weihnachtsfest ehrt die Kirche den ersten Märtyrer, den ersten Blut-Zeugen. Der Bericht über sein Sterben zeigt uns, wie sehr die Begegnung mit Jesus Christus für Stephanus zur alles verwandelnden Kraft wurde. Stephanus war Diakon, ein Mann also des Dienens. Er war aber auch ein Mann des belehrenden Wortes, der Jesus als den Messias und Sohn Gottes bezeugte, auch wenn dieses Zeugnis seinen Tod zur Folge hatte. Er war ein Mann, der Schuld und Unrecht vergeben konnte. Besinnen wir uns zu Beginn der Eucharistiefeier darauf, ob wir bereit sind zum Dienen, zum Zeugnis des Lebens, zur Vergebung.

    Herr Jesus Christus, du bist Mensch geworden, um mit uns Angst und Tod zu teilen:
    - Herr, erbarme dich!
    Du hast unter uns Menschen gelebt, um den Himmel neu in Erinnerung zu rufen:
    - Christus, erbarme dich!
    Du stehst zur Rechten Gottes, um den Himmel für uns offen zu halten:
    - Herr, erbarme dich!

Es erbarme sich unser der allmächtige Gott! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Am Fest des heiligen Stephanus, den der Herr zum Diakon, das heißt: zum Dienen berufen, und den er als ersten Märtyrer, als ersten "Blut-Zeugen" in seine Herrlichkeit aufgenommen hat, rufen wir voll Vertrauen zu unserem guten Vater im Himmel:

  • Schenke der Kirche heute Männer und Frauen, die bereit sind zum Dienen!
  • Gib den Regierenden deinen Geist, damit Recht und Gerechtigkeit unter allen Völkern herrsche!
  • Gib uns Mut, Zeugnis abzulegen für Jesus Christus, unseren Herrn!
  • Nimm unsere Verstorbenen auf in deine Herrlichkeit!

Darum bitten wir dich, Herr unser Gott, am Fest des heiligen Stephanus, der das Böse durch das Gute überwunden hat. Dir sei Lob und Dank in alle Ewigkeit! Amen.

Predigt

Vom Frieden, den die Engel den Hirten auf Bethlehems Fluren verkündet haben, ist heute, am Fest des hl. Stephanus, wenig zu merken. "Seht, ich sende euch Propheten und Weise und Schriftgelehrte. Die einen von ihnen werdet ihr töten und kreuzigen, die anderen in den Synagogen geißeln und von Stadt zu Stadt verfolgen." (Mt. 23, 34 f) Der Gegensatz zwischen dem weihnachtlichen Geschehen und diesem Wort Jesu scheint offensichtlich zu sein. Und wir sind geneigt, das eine für unser Denken und Handeln zu bejahen, das andere aber aus unserem Leben auszuklammern, zu verdrängen. Und doch - das sollten wir bedenken - besteht kein Gegensatz. Vielmehr zeigt das heutige Fest, dass derselbe Sachverhalt gemeint ist, und zwar: der Anruf zum Glauben an Jesus Christus, der Einsatz für ihn; der Dienst für ihn und für den Nächsten; und dieser Dienst geht an das "Lebendige".

Weihnachten ist der Anruf an uns Menschen, an uns alle, das Ja des Glaubens zu diesem Geschehen zu sprechen; ein Ja zum Mensch gewordenen Gott, zu Jesus Christus, zu seiner Person. Weihnachten fragt uns: Seid ihr bereit zu diesem Ja gegenüber einem Geschehen, das wir nie restlos begreifen können? Wir sollten uns einmal in der Tat fragen: Was meinen wir eigentlich, wenn wir im Glaubensbekenntnis beten: "Ich glaube an Jesus Christus, der Mensch geworden ist"? In unserem Glauben als Christen geht es in erster Linie nicht um ein Fest-für-wahr-halten von bestimmten Glaubensinhalten, von Glaubens-Sätzen; es geht vielmehr um die Beziehung zu einer Person. Der persönliche Gott, Jesus Christus ruft nach unserer Antwort; er ruft nach unserem liebenden Verstehen. Dass zwei Menschen, dass zwei Freunde einander gut verstehen, das beruht ja darauf, dass jeder zur Person des anderen ein liebendes Ja gesprochen hat; dass er ihn menschlich angenommen hat: "Wie gut, dass es dich gibt!" Diese Grundeinstellung gilt ohne Abstriche auch für das, was wir mit "Glauben" meinen. Nur auf der Basis der Liebe und des Vertrauens ist Glaube möglich - nicht nur unter Menschen; auch zwischen Gott und Mensch. Und gerade dieses persönliche Verhältnis, dieses Vertrauen, diese Liebe kann und muss wachsen. Sie wächst, je mehr ich mich in den anderen hineindenke, je mehr ich ihn kennen lerne; je mehr ich ihn zu verstehen suche. Da werde ich nie an ein Ende kommen. Und im selben Maße wächst auch der Glaube. Jede Liebe ist ein Wagnis, weil sie ein Aufgeben des Nur-Eigenen fordert und notwendig mit sich bringt, wenn sie echt ist. Auch jeder Glaube ist ein Wagnis. Er bedeutet ein Sich-ein-lassen auf jenen rätselhaften Menschen Jesus von Nazareth, an dem keiner vorbei gehen kann, an dem sich aber auch die Geister scheiden.

Einer dieser Menschen, die das Wagnis des Glaubens an Jesus, den Christus, den Sohn Gottes, auf sich genommen haben, ist Stephanus, der Heilige des heutigen Tages. Er hat den Anruf des Herrn gehört und befolgt; und er ist so für uns zu einem Vorbild des Glaubens geworden; des Glaubens an den menschgewordenen Gott, durch den wir gerettet wurden. Hören auf den Herrn, "Nachfolge" des Herrn bedeutete für Stephanus zunächst: Dienst am Nächsten, an den Armen; und Stephanus ließ sich in Dienst nehmen - vom Herrn selbst, nicht zuletzt von denen, die der Hilfe bedürfen.

Aber die Gestalt des heiligen Stephanus sagt uns noch mehr. Der erste Märtyrer der jungen Kirche weist uns hin auf den unbedingten Einsatz für Christus durch das Bekenntnis und durch das Zeugnis des Glaubens; durch sein klares, durch sein vorbehaltloses Bekenntnis zu Christus vor seinem Volk, vor dem Hohen Rat. Sein Einsatz für Christus zeigte sich in seinem Tod für den Herrn. Dieses Zeugnis wird von uns gewiss nicht gefordert werden. Aber eines ist auch von uns gefordert: das klare, das offene, ja das öffentliche Bekenntnis zu Jesus Christus. Und dieses Bekenntnis zu Jesus, dem Christus, dem Sohn Gottes, das Stehen zu ihm kann für uns hart und schwer werden. Und die Frage ist, ob wir dann, wenn es darauf ankommt, ob wir uns dann unseres Glaubens schämen. Die Frage ist, ob wir dann den Mut aufbringen, Zeugnis zu geben von unserem Glauben an den Herrn, von unserer Hoffnung auf ihn, von der Liebe zu ihm. Die Frage ist aber auch, ob wir uns beschämt eingestehen müssen: Wir kennen ja überhaupt nicht unseren Glauben an den, an den wir glauben sollen. Wir haben überhaupt keine feste Überzeugung; wir leben in den Tag hinein, ohne je über unseren Glauben, über den Herrn selbst nachgedacht zu haben. Dann könnte uns das heutige Fest des heiligen Stephanus auf dieses eine Notwendige wieder hinweisen: auf die Liebe zum Herrn, auf das Ja das Glaubens und auf das Bekenntnis dieses Glaubens; auf die Notwendigkeit, Jesus Christus besser kennen zu lernen. Denn er ist ja im letzten der "Inhalt" unseres Glauben, nicht die Sätze über ihn.

Wenn wir jetzt miteinander Eucharistie feiern, wenn wir also der Zuwendung, wenn wir der Liebe und des Erbarmens Gottes mit uns Menschen gedenken, dann wissen wir uns vom Herrn selber gerufen zum Dienst; dann wissen wir uns aufgerufen zur Treue, auch wenn das uns oft nur Spott und Ärger und Hohn einbringt. Darum wollen wir den Herrn, der nun unter uns wieder gegenwärtig werden will, der zu uns kommen will, voll Vertrauen bitten, dass er uns in der Treuen und im Glauben stärkt; dass er uns in seinem Dienst, in seiner Nachfolge stärkt. Ohne seine Hilfe und ohne seine ausgestreckte Hand vermögen wir nicht in der Treue zu ihm zu stehen, den Glauben an ihn zu bewahren - gerade in den Wirren unserer Tage.

 

Fest des hl. Franz Xaver "Hier bin ich!"

Einführung

In einem Brief an Ignatius von Loyola und die Mitbrüder in Europa schreibt Franz Xaver aus Japan: "Wir alle, die wir hier sind, haben geglaubt, wir seien es, die Gott einige Dienste erweisen, weil wir in diese Länder kommen, um den heiligen Glauben zu verkünden. Doch in seiner Güte lässt uns der Herr erkennen und zuinnerst fühlen, dass er es ist, der uns seine Gnade erweist: die unermessliche Gunst, uns nach Japan zu rufen und uns frei zu machen von dem zählen Sichanklammern an die Geschöpfe, die uns hindern würden, immer tiefer an Gott zu glauben, auf ihn zu hoffen und ihm zu vertrauen." Franz Xaver lehrt uns: Mission hat zu tun mit Glauben; mit unserem Glauben an Gottes Güte zu allen Menschen. Verkündigung der Frohbotschaft meint genau dies: Mitteilung des uns zuteil gewordenen Glücks - aber auch die "Wahr-Nehmung" des Samens, den Gott immer schon in die Herzen aller Menschen gesät hat.

    Herr Jesus Christus, du rufst immer wieder Menschen in den Dienst der Frohbotschaft:
    - Herr, erbarme dich!
    Du hast den hl. Franz Xaver zu einem Boten des Evangeliums gemacht:
    - Christus, erbarme dich!
    Du rufst auch uns in deine Nachfolge und in deinen Dienst:
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Gott ist der Vater aller Menschen. Heute, am Fest des hl. Franz Xaver, des Apostels Indiens und Japans, wollen wir voll Vertrauen unsere Bitten zu ihm bringen:

  • Dein Wort soll bis an die Enden der Erde dringen: Lass es brennen in uns wie ein nie erlöschendes Feuer!
  • Du liebst alle Menschen und willst, dass keiner verloren geht: Mach uns fähig und bereit zu jedem Dienst, zu dem du uns sendest!
  • Du hast durch das Wirken des hl. Franz Xaver viele Menschen zum Glauben an deinen Sohn Jesus Christus geführt: Hilf uns, treue Diener deines Sohnes zu sein!
  • Du hast durch deine Glaubensboten viele Völker zur Einheit geführt: Hilf ihnen, durch Gerechtigkeit wahren Frieden zu erlangen!
  • Du lehrst uns, die Güter der Erde so zu gebrauchen, dass wir das Heil erlangen: Rette die Menschen, die der Welt verfallen sind!

Herr Jesus Christus, du Heil aller Menschen, du hast durch das Wirken des hl. Franz Xaver vielen Völkern den Weg zu dir gewiesen. Wecke in uns den Sinn für die missionarische Arbeit und schenke uns Eifer für die Ausbreitung des christlichen Glaubens! Darum bitten wir dich, der du lebst und herrschst in alle Ewigkeit. Amen.

Predigt

Im Sport sind die Leute auf der Ersatzbank nicht zu beneiden; sind sie doch in der Regel "zweite Wahl". In diesem Sinn des Sports war Franz Xaver jedenfalls kein "Ersatzmann", war er doch der beste Hochspringer der Universität von Paris. Doch ist er in einem anderen Sinn "Ersatzmann" gewesen. Wenn es nach menschlichen Überlegungen gegangen wäre, dann hätte er nie einen einzigen Heiden bekehrt; dann hätte er in Europa als Prediger und Beichtvater, vielleicht als Professor gewirkt. Aber Gottes Pläne stimmen nicht immer mit den Vorstellungen der Menschen überein. So kam es, dass dieser Mann an Stelle eines erkrankten Mitbruders nach Indien geschickt wurde.

Es ist am 14. März 1540. Von diesem Tag ist uns eine Unterredung zwischen Ignatius und Franz Xaver überliefert: "Sie wissen, dass auf Wunsch des Papstes zwei von uns nach Indien gehen sollen, und dass wir als einen von diesen Bobadilla bestimmt haben. Er kann wegen seiner Krankheit nicht gehen. Nun liegt es an ihnen." Das war das Angebot, sachlich, ohne jedes Getue; aber erkauft mit dem Herzblut zweier Freunde, die am anderen Tag für immer Abschied nehmen mussten. Und es heißt weiter in dem alten Bericht: "Der Pater erwiderte sofort mit großer Freude: Hier bin ich!" Und dann machte er sich daran, seine alte Hose und eine unbeschreibliche Soutane zu flicken. "Hier bin ich!" In dieser selbstverständlichen Bereitschaft machte er sich am nächsten Tag auf den Weg nach Lissabon; bestieg er ein Jahr später das Schiff, das ihn nach Indien bringen sollte - allein, ohne seinen Mitbruder Simon, der glaubte, seine Berufung in der Betreuung von vornehmen Portugiesen gefunden zu haben. Dreizehn Monate dauerte die Fahrt nach Goa, die zu dieser Zeit nur die Hälfte der Passagiere überlebte. In dieser Bereitschaft fuhr er auf gebrechlichem Boot nach Indonesien, auf einer chinesischen Dschunke nach Japan; schließlich nach der Insel vor Chinas Toren, wo er zwei Monate lang auf den Fährmann wartete, der ihn zum Festland bringen sollte. Aber da nahte sich ihm der andere Fährmann, der Tod. "Hier bin ich!" In dieser Bereitschaft nahm er den einsamen Tod auf sich - einsam und verlassen von allen, mit Ausnahme seines treuen Dieners Antonio. In seinem einsamen Tod war er seinem Freund, dem Vater seiner Seele Ignatius, ähnlich.

Das ist das eine Kennzeichen dieses Mannes, seine Bereitschaft, auf den Ruf Gottes zu hören. Und dieser Bereitschaft zum Hören entsprach dann auch die entschlossene Tat. Glauben wir aber nicht, dass dieser Mann keine "Angst" gehabt hätte. Damals war eine Fahrt mit einem Schiff noch äußerst gefährlich. Hören wir ihn selber, was er einmal seinen Mitbrüdern in Europa aus Indonesien, von den Inseln, wo der begehrte Pfeffer wuchs, geschrieben hat:

"Aller Todesgefahr preisgegeben, gründe ich mein ganzes Hoffen und Vertrauen auf Gott, unseren Herrn. Und ich habe nur das sehnliche Verlangen, nach all meinen geringen und schwachen Kräften eins zu werden mit dem Wort Christi, der da sagt: ‚Wer sein Leben retten will, der wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, der wird es finden.' ... Wenn aber die Gefahren wirklich nahen, in denen man gemäß dem Entschluss das Leben wahrscheinlich verlieren wird, da wird auf einmal alles so dunkel. Und das Latein, in sich so klar, verdunkelt sich mit. Da versteht niemand, und mag er noch so gelehrt sein, den wahren Sinn der Worte; nur jener begreift sie, dem Gott in seiner unendlichen Barmherzigkeit sie für seinen besonderen Fall klar macht. In solchen Stunden erkennt man seine Schwäche und Ohnmacht."

Diese Fahrt von Indien nach Indonesien muss das Schrecklichste gewesen sein, was der Heilige je erlebt hatte; nicht deshalb, weil sie die Tränen der portugiesischen Seebären zum Fließen brachte; sondern weil sie ihn, der sonst kaum ein Wort über die Strapazen verliert, zum Reden brachte. Die Zeilen in seinem Brief ermöglichen uns einen Blick in sein Herz. Denn er weiß sich in aller Todesgefahr in Gottes Schutz geborgen, und ihm gilt sein Dank: "Sind die Leiden vorüber und die Gefahren überstanden, so vermag der Mensch nicht zu sagen noch zu beschreiben, was sich in seiner Seele zur Zeit der Gefahr vollzog; von allem Vergangenen haftet in seinem Erinnern nur die Gewissheit, nicht müde zu werden, einem so guten Herrn zu dienen."

Rastlos hat Franz Xaver gearbeitet. Was er in den zehn Jahren nach seiner Ankunft in Indien geleistet hat, ist unvorstellbar. Aber dann waren seine Kräfte aufgezehrt. Auf der Insel Sancian vor den Toren Chinas wurde er von einem Fieber dahin gerafft. In dem Bericht seines Dieners Antonio heißt es: "Täglich und stündlich schaute der Pater mit großer Sehnsucht und voll Sorge nach dem chinesischen Kaufmann aus, der ihn nach dem Festland, nach Kanton bringen sollte, wie es ausgemacht war. Aber Gott fügte es anders; er wollte ihm jetzt den Lohn für so viele und große Mühen schenken, die Franz aus Liebe zu ihm und in seinem Dienst auf sich genommen hatte... Mit dem Namen Jesus auf den Lippen gab er seine Seele in großer Ruhe und in Frieden seinem Schöpfer und Herrn zurück."

Ich möchte meine Betrachtung schließen mit dem Hinweis auf einen Japaner, der in der Begegnung mit Franz Xaver Christ wurde und von ihm die Taufe empfing. Dieser Japaner hat wohl wie kein anderer den Fremden verstanden, obwohl dieser sich kaum auf Japanisch verständlich machen konnte. Es war Bruder Lorenzo Ryosai, der als erster Japaner in seiner Heimat Jesuit geworden ist, ein fahrender Sänger, "der blinde von Gott erleuchtete Troubadour", wie es in einem Bericht heißt. Lorenzo wurde der beste Katechet der japanischen Kirche. Seine hinreißenden Predigten, selbst vor Nobunaga, dem Herrscher von Mitteljapan, führten zur Bekehrung vieler Samurais; unter ihnen war Takayama Hido no Kami, dessen Sohn Justus Takayama Ukon der große Laienapostel der japanischen Kirche wurde. Ein anderer Samurai, der durch Bruder Lorenzo Christ wurde, ist der Vater des hl. Paul Miki, den wir mit 25 anderen als Märtyrer verehren. Ein gutes Jahr vor seinem Tod traf Bruder Lorenzo in Nagasaki P. Alessandro Valignano, einen der großen und genialen Missionare mit bahnbrechenden Missions-Grundsätzen. Bruder Lorenzo also fragte Valignao mit unschuldiger Miene: "Vater, warum gab es in der ersten Zeit der Evangelisierung Japans, als es noch wenige Patres gab und diese noch kaum Japanisch konnten, so viele und so wichtige Bekehrungen, und jetzt, wo es so viele sind und sie gut Japanisch können, gibt es so wenig Frucht?" Valignano, von der Frage überrascht, schwieg; und Lorenzo nützte sein Schweigen, um das anzudeuten, was er ihm eigentlich sagen wollte: "Vielleicht deshalb, weil die ersten Patres direkt und mit großer Kraft von Gott sprachen und von Jesus, und jetzt machen sie es ... auf verschiedenen Umwegen." Die Lage-Beurteilung des blinden Lorenzo - könnte sie nicht auch unsere Situation hierzulande treffen? Zuweilen sehen "Blinde" mehr als die "Nicht-Blinden".

 

Fest des hl. Petrus Canisius - "In Gott gegründet"

Einführung

In der Lesung vom Fest des hl. Petrus Canisius hören wir heute: "Es wird eine Zeit kommen, in der man die gesunde Lehre nicht erträgt, sondern sich nach eigenen Wünschen immer neue Lehrer sucht, die den Ohren schmeicheln; und man wird der Wahrheit nicht mehr Gehör schenken, sondern sich Fabeleien zuwenden." Für das Wort "Fabelei" steht im griechischen Text das Wort "Mythos". Johannes Baptist Metz sprach vor einiger Zeit davon, wir lebten in einer "mythenfreudigen Gottlosigkeit"; denn die Verehrung der Menschen gelte nicht mehr dem Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus. Woher beziehen wir - als Glaubende, die wir zur Kirche gehören wollen - unsere "Identität", worauf bauen wir unser Leben? Bauen wir auf die "Mythen" unserer Zeit und Umgebung oder auf den allein Leben gewährenden Gott? Besinnen wir uns darum wieder zu Beginn der Eucharistiefeier und bitten wir den Herrn, dass unsere Augen und Ohren offen seien für ihn; dass in unserem Leben - wie im Leben des hl. Petrus Canisius - sichtbar werde, dass Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Grund unseres Lebens ist.

    Herr Jesus Christus, in dir ist uns der Halt des Lebens gegeben:
    - Herr, erbarme dich!
    Du allein bist darum die Erfüllung unseres Menschseins:
    - Christus, erbarme dich!
    Du allein bewahrst uns vor der Gefahr der privaten Beliebigkeit:
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Lasst uns voll Vertrauen beten zu Gott, unserem Vater, der den hl. Petrus Canisius berufen hat, die Kirche Deutschlands zu erneuern:

  • Führe die Kirche zur Einheit und hilf uns, Spaltung und Streit zu überwinden!
  • Schenke unserem Land Männer und Frauen, die das öffentliche Leben aus dem Geist des Evangeliums gestalten!
  • Hilf den Katecheten, den Predigern und Theologen, das Wort der Frohen Botschaft so zu verkünden, dass es verstanden wird und Frucht bringt!
  • Wecke in den Kindern und Jugendlichen den Glauben an dich, useren Vater, und an Jesus Christus, unseren Herrn und Bruder!
  • Lass uns den Weg zu den Herzen der Menschen finden, die du uns anvertraust, und ihnen Zeugnis geben von deiner Liebe!

Gütiger Gott, auf die Fürsprache des hl. Petrus Canisius nimm unsere Bitten an und erhöre sie durch Christus, unseren Herrn. Amen.

Predigt

Der bekannte Rechtsgelehrte Carl Schmitt hat als Kennzeichen unserer Zeit die "Auflösung aller geistigen Hierarchien" konstatiert und das "Aufschwingen des Intim-Privaten zum Maß aller Dinge" beklagt. Dem privaten Individuum bleibe es überlassen, sein eigener Priester zu sein, der eigene "Dombaumeister an der Kathedrale seiner Persönlichkeit". Angesichts einer derartigen säkularisierten und individuellen Beliebigkeit, verbunden mit Entscheidungsunfähigkeit, mussten "Ordnung und Disziplin, dogmatische Klarheit und präzise Moral" abdanken - so Carl Schmitt. Auch wenn man sich nicht diesem Urteil anschließt - die genannten Symptome sind uns vertraut und nur zu oft begegnet; und das nicht nur in der zivilen Gesellschaft, sondern auch in der Kirche. Das Bezogensein und Eingeengtsein auf unser kleines privates Ich springt einfach in die Augen. Und die vielbeschworene und zu Recht ersehnte personale "Identität" erweist sich oft als kümmerliche Egozentrik, und was wir bei unserer "Identitäts-Suche" erreichen, das ist oft nur Stückwerk und führt zu Frustrationen und Neurosen.

In unserem Haus in Köln befindet sich ein Gemälde des hl. Petrus Canisius. Ich weiß nicht, ob es alt ist; ich weiß auch nicht, ob es wertvoll ist. Darauf kommt es auch gar nicht an. Der Heilige sitzt an seinem Schreibtisch, ein aufgeschlagenes Buch vor sich; neben dem Schreibtisch zwei dicke Bücher; die Feder zum Schreiben in der Hand. Vor ihm steht ein Kruzifix, auf das sich der Blick richtet; neben dem Kreuz sieht man einen Totenkopf. Ich meine: der Kontrast zu unserer Zeit, wie Carl Schmitt sie zeichnet, ist unübersehbar. Offensichtlich hat der hl. Petrus Canisius um eine Weise der "Identitäts-Findung" gewusst, die den Bereich des Nur-Privaten weit hinter sich lässt. In der Tat verheißt der christliche Glaube eine "Identität", die auf einem anderen Fundament gründet; auf einem Fundament, das einen wirklichen Halt zu geben vermag. Dieser "Grund" ist der lebengewährende Gott. Und uns ist ein Zeichen gegeben, das uns eindringlich auf den Zusammenhang zwischen der ersehnten Selbstfindung und der Anbindung und Übereignung an Gott hinweist: das Kreuz unseres Herrn Jesus Christus ist das Zeichen und das Unterpfand dafür, dass wir nur in der Verbindung mit Gott das wahre Leben finden, zu unserer eigenen "Identität" gelangen können.

Als Christ glauben und leben heißt also: davon überzeugt sein, dass nicht unser kleines privates Ich das Maß aller Dinge ist; dass wir unsere "Identität" nicht in der Fixierung auf uns selbst finden, sondern in einem anderen. Es geht um dieses "In-Gott-gegründetsein". Das leibhaft-sichtbare Zeichen für dieses "In-Gott-gegründetsein" aber (ich sagte es schon) ist das Kreuz, an dem Gottes Liebe zu uns sich gezeigt hat. Im Ja des Glaubens zu diesem Zeichen übersteigen wir das Nur-Private und Subjektive; geben wir den Anspruch auf, selber das Maß aller Dinge zu sein; im Ja des Glaubens an die Liebe Gottes beschreiten wir den Weg zu einer erfüllten "Identität", die letztlich also nur er uns zu geben vermag.

Aber selbst das durch das österliche Licht verklärte Kreuz bleibt, solange wir fern vom Herrn weilen, schwer und drückend. Es erschließt seinen Sinn unserem inneren Verstehen nur mühsam - im Gegensatz zu vielem, was auch zur christlichen Botschaft gehört. Dass wir den Nächsten lieben sollen; dass die Armen und die Friedenstifter selig gepriesen werden; dass wir die "goldene Regel" beachten; dass wir uns nicht ängstlich sorgen sollen - all das ist letztlich nicht das spezifisch Christliche. Das Spezifikum des christlichen Glaubens, unserer Existenz als Christen bleibt nun einmal das Kreuz, das verklärte Kreuz unseres Herrn. Hans Urs von Balthasar hat einmal davon gesprochen, dass die Menschheit dem Christentum alles abnimmt, was sie von ihm nehmen kann, weil es ihr unmittelbar dient und soweit es ihr einsichtig ist. Übrig bleibt der unverdauliche Rest: das Kreuz unseres Herrn Jesus Christus.

Auch wir, die wir Glaubende sein möchten, stehen eigentlich immer "fassungslos" vor diesem Kreuz, unter dem Kreuz. Das Kreuz bietet keinen "Handgriff" zum Erfassen, keinen Stiel zum Anfassen. Das Kreuz bedrängt uns immer mit der Frage, welche Bedeutung und welchen Platz wir ihm in unserem Leben zugestehen, einräumen wollen. Das Kreuz fragt uns, ob wir unsere "Identität" von ihm herleiten, der am Kreuz von Golgotha sein Leben für uns hingegeben hat, und den Gott aus dem Tod auferweckte. Das Kreuz konfrontiert uns also mit der Frage nach dem Sinn unseres Lebens, mit der Frage, worauf wir unsere "Identität" gründen.

Und nur wenn der Leben gewährende Gott für uns Grund und nicht verrückbarer Halt ist, von dem her wir uns selbst verstehen, nur dann wird auch all unser Tun dem subjektiven Gutdünken und der privaten Beliebigkeit entzogen. Wenn wir uns binden an den Grund gebenden Gott, dann sind wir auch an seine Worte, an seine "Vorgaben" gebunden, die wir dann nicht mehr nach eigenem Belieben ändern und beiseite schieben können. Seine Worte bewahren uns vor dem "Aufschwingen des Intim-Privaten zum Maß aller Dinge" und damit vor dem Abgleiten in die Inhumanität - zu allen Zeiten war dies der Fall, wenn ein individueller oder kollektiver Subjektivismus die Macht ergriffen hat - wir alle waren und sind Zeugen dieser Wahrheit.

Vielleicht fragen wir uns heute, da wir uns zum Gedenken an den hl. Petrus Canisius zusammengefunden haben, woher wir als Glaubende, als Priester unsere "Identität" beziehen. Es kann nicht die Kultivierung unserer selbst sein - dies auch angesichts der unausbleiblichen Lebenskatastrophen und Zusammenbrüche des Nur-Privaten. Es geht um dieses "In-Gott-gegründetsein". Das Kreuz, das verklärte Kreuz unseres Herrn Jesus Christus weist uns eindringlich und eindrücklich darauf hin. Und es lohnt sich nicht nur, es ist bitter notwendig, dass wir auf den schauen, der am Kreuz uns die Liebe Gottes vor Augen geführt hat. Der hl. Petrus Canisius könnte uns dabei helfen.

 

Fest der hl. Theresia Benedikta vom Kreuz - "Kreuzesnachfolge"

Einführung

Die Kirche begeht heute das Fest der hl. Theresia Benedikta vom Kreuz - oder mit ihrem bürgerlichen Namen: der hl. Edith Stein. In ihr verehrt die Kirche nicht nur eine Frau, die als Märtyrin ihr Leben für Christus hingegeben hat; wir verehren in ihr eine Frau, die zeit ihres Lebens unterwegs war - auf der Suche nach der Wahrheit, auf der Suche nach Gott. Ihren letzten Weg geht sie mit vielen Leidensgefährten aus ihrem jüdischen Volk; sie geht in die Gaskammer und erleidet mit ihnen den Tod - im Glauben an Gott, der seinen Sohn Jesus Christus als Heil der Welt gesandt hat. Der Name, den sie als Karmelitin angenommen hat, wurde für sie Realität: Benedicta a Cruce - vom Kreuz des Herrn her empfing sie Segen und Heil. Sind wir noch Suchende? Wissen wir uns noch unterwegs zum Herrn, der uns gerufen hat? Können wir noch in Kreuz und Leid das Antlitz eines liebenden Vaters erkennen? Wir wollen darum zu Beginn der heiligen Messe um Vergebung bitten für alles Versagen, und um die Kraft, den Weg des Herrn zu gehen.

    Herr Jesus Christus, du bist für uns den Weg des Kreuzes gegangen:
    - Herr, erbarme dich!
    Du hast die hl. Theresia Benedikta vom Kreuz auf ihrem Leidensweg begleitet:
    - Christus, erbarme dich!
    Du gibst auch uns die Kraft, dir auf deinem Weg zu folgen:
    Herrn, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Heute am Festtag der hl. Theresia Benedikta vom Kreuz kommen wir voll Vertrauen mit unseren Bitten zu dir, unserem Herrn und Heiland Jesus Christus.

  • Stärke uns auf die Fürbitte der hl. Märtyrin im Glauben! Ermutige uns, dass wir im Suchen nach der Wahrheit nicht müde werden!
  • Schenke dem jüdischen Volk Frieden und die Erkenntnis, dass du der Messias, der Heilbringer bist!
  • Segne die Schwestern, die in den karmelitischen Gemeinschaften leben und dir nachfolgen!
  • Schenke den Verstorbenen Frieden und Freude im Reich deines Vaters!

Mit diesen Bitten kommen wir zu dir, unserem Herrn und Heiland. Dir sei die Ehre jetzt und in Ewigkeit! Amen.

Predigt

Der Weg der Frau, deren Festtag wir heute begehen, erinnert in vielen Einzelheiten an den Weg, den unser Herr Jesus Christus hinauf nach Golgotha gehen musste. Ich bin sicher, dass unsere Schwester Theresia Benedikta vom Kreuz auf ihrem Weg in den Tod an Jesu Gang nach Golgotha und ans Kreuz gedacht hat. Wir dürfen sicher sein, dass sie versucht hat, diesen Weg zu verstehen; diesen bitteren Weg im Blick auf den Herrn zu Ende zu gehen. Vielleicht können uns zwei Stationen-Paare der Kreuzwegandacht helfen, diesen Weg unseres Herrn, den Leidensweg unserer heiligen Mitschwester, aber auch unseren eigenen Weg an der Seite des Herrn besser zu verstehen, besser nachzuvollziehen.

Die 3. Station erzählt vom ersten Fall Jesu unter der Last des Kreuzes. Die erste normale Reaktion, wenn wir stürzen, wenn wir von Unglück und Leid getroffen werden, ist doch diese: Soll ich nicht Schluss machen? Hat das Aufstehen, hat das Weitergehen überhaupt noch einen Sinn? Hat das Durchhalten, hat das Festhalten an einer eingegangenen Verpflichtung überhaupt noch Sinn? Sind vielleicht Jesus selbst, als er unter dem Kreuz am Boden hingestreckt daliegt, solche Gedanken gekommen? Sind unserer Mitschwester vielleicht auf ihrem Gang in die Gaskammer von Auschwitz solche Gedanken gekommen?

Die 4. Station ist - so meine ich - eine Antwort: Jesus begegnet seiner Mutter Maria. Er ringt seinen Blick vom Boden los, und sein Blick fällt in die Augen seiner Mutter. Und er liest dort die Bereitschaft, das Leid mit ihm zu tragen. Aber er liest in ihren Augen auch Sorge und Angst. Maria ist stark. Aber sie ist angewiesen auf die Stärke ihres Sohnes. Und das lässt Jesus auch für sich die Antwort geben. Er stärkt seine Mutter. Durch die Verantwortung für seine Mutter wird er selbst zur Stärke und zum Durchhalten aufgerufen.

Das hat uns einiges zu sagen. Wir dürfen die Antwort auf Fragen, die Leid und Kreuz uns immer wieder stellen, nicht immer nur von uns her, im Blick auf uns allein suchen. Jeder von uns steht in einem Einflussbereich, innerhalb einer Lebensgemeinschaft. Wenn ich schwach werde, wenn ich aufgebe, wenn ich versage, dann hat das Folgen auch für andere; dann werden andere vielleicht auch wankend, schwach. Es ist notwendig, diese unsere Verantwortung für andere in unsere konkreten Entscheidungen mit einzubeziehen. Wir können nie nur von uns selbst her Entscheidungen fällen. Wir tragen Verantwortung.

Außerdem: unser eigenes Leid und die eigene Not überwinden wir nur, wenn wir in einer echten Sorge und Liebe und Bemühung um die anderen den Blick von uns selbst wegwenden. Die eigene Not sollten wir nicht kultivieren; und wir sollten nicht um Mitleid hausieren gehen. Das eigene Kreuz brauchen wir nicht zu verehren; schon gar nicht sollten wir das eigene Kreuz den anderen zur Verehrung hinhalten. Es genügt, Christi Kreuz zu sehen und zu verehren. Und nur von seinem Kreuz her ist auch unser eigenes Kreuz gesegnet, kann es getragen werden. Ich bin sicher: Unsere heilige Mitschwester hat dies begriffen; sie hat es in ihrem eigenen Leben verwirklicht.

Ein zweites Stationen-Paar kann uns noch weiter führen. Die 11. Station zeigt uns, wie Jesus ans Kreuz genagelt wird; er kann sich nicht mehr wehren. Und das Kreuz wird aufgerichtet, aufgestellt zur Schau. Das Opfer am Galgen ist aller menschlichen Würde beraubt; es ist entpersönlicht; es ist nur noch ein Ding, ein zudem wertloses Ding. Das ist die bittere Frage unserer Zeit, die heute in Angst und Sorge gestellt wird: die Verdinglichung, die Entpersönlichung des Menschen. Der Mensch ist austauschbar geworden, eine anonyme Nummer in einem gnadenlosen System. Auf den einzelnen kommt es nicht mehr an. Wer ausgedient hat, der wird abgeschoben.

Die 12. Station gibt eine Antwort: Jesus stirbt am Kreuz: "Vater, in deine Hände gebe ich meinen Geist." Die Antwort auf die Bedrohung des Menschen heute durch Zivilisation, Technik und Wissenschaft, durch die Mächte unserer Zeit ist die Besinnung auf das Personale; die Besinnung letztlich auf unser persönliches Angesprochensein durch Gott selbst. Wir sind von ihm bei unserem Namen gerufen. Wir stehen verzeichnet in seinen Händen. Wir sind in ihm geborgen, von ihm gehalten. Deshalb brauchen wir nie zu verzweifeln. Ich bin sicher: unsere heilige Mitschwestern hat dies begriffen. Sie hat es in ihrem Leben nachvollzogen.

An dem, was mit Jesus auf Golgotha geschehen ist, was unsere Heilige Mitschwester erleiden musste, können wir erkennen, wie wir selber heute unser eigenes Leben meistern können, das ja auch oft, ja eigentlich immer gekennzeichnet ist durch Leid und Kreuz, durch Not und Verzweiflung. Auch wir werden beim Gedanken an Kreuz und Leid nicht aufjauchzen. Das hat auch Jesus nicht getan. Kreuze haben es so an sich, dass sie uns auferlegt werden. Wir können sie uns nicht aussuchen. Wir können aber und sollen das Auferlegtwerden verwandeln in die freie Annahme vor Gott, in die Hingabe an Gott. Diese Hingabe an den Willen Gottes können wir von Jesus lernen; das können wir von der Schwester Theresia Benedikta vom Kreuz lernen; dazu können wir uns von ihr ermutigen lassen. Wir wissen alle, wie schwer uns dies fällt. Deshalb wollen wir in dieser heiligen Messe, da wir der Hingabe unseres Herrn gedenken, ihn um die Kraft bitten, wie unsere heilige Mitschwester das Kreuz unseres Lebens zu tragen, tragen zu können.

 

Weltmissionssonntag: "Wir können unmöglich schweigen!"

Einführung

Es gibt wohl keinen Satz der Heiligen Schrift, der besser das ausdrückt, was der heutige Tag, der Weltmissions-Sonntag, sagen will: "Wir können unmöglich schweigen von dem, was wir gesehen und gehört haben!" - So heißt es von Petrus und Johannes in der Apostelgeschichte, als sie vor dem Hohen Rat standen wegen ihrer Predigt über Jesus Christus. In der Tat: Mission ist das Zeugnis der Glaubenden, die nicht schweigen können; die in Jesus Christus das tragende Fundament gefunden haben, den kostbaren Schatz, für den sie alles andere gering achten; die aus der Freude über das Gefundene zu Verkündern und Zeugen werden der Güte und des Erbarmens Gottes, seiner Liebe zu allen Menschen. Wir wollen uns darum zu Beginn dieser Eucharistiefeier wieder besinnen auf den kostbaren Schatz, den wir im Glauben gefunden haben. Und wir wollen uns wieder unserer Aufgabe bewusst werden, Zeugen seiner Liebe und seines Erbarmens zu sein in dieser Welt, zu allen Menschen.

    Herr Jesus Christus, du bist vom Vater gesandt, zu heilen, was verwundet ist:
    - Herr, erbarme dich!
    Du bist gekommen, die Sünder zu berufen:
    - Christus, erbarme dich!
    Du bist zum Vater heimgekehrt, um für uns einzutreten:
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Voll Vertrauen beten wir zu unserem Herrn Jesus Christus, unserem Erlöser und Heiland, der will, dass alle Menschen zum Heil gelangen:

  • Für die Glaubensboten in aller Welt: um glaubwürdige, Hoffnung weckende Verkündigung des Evangeliums!
  • Für die Regierenden: um besseres Verständnis für die Sendung der Kirche!
  • Für alle Menschen, die nach der Wahrheit suchen: um Erleuchtung ihrer Herzen!
  • Für uns alle: um größeren Einsatz für die Ausbreitung des Glaubens an die Frohbotschaft!

Herr, unser Gott, du liebst alle Menschen und willst ihr Heil. Führe sie zur Erkenntnis der Wahrheit durch Christus, unseren Herrn! Amen.

Predigt

Ausgehen möchte ich in meiner Predigt von der Erzählung eines japanischen Christen und Priesters, die mich sehr beeindruckt hat. In dieser Geschichte kommt - so meine ich - sehr klar zum Ausdruck, was "Mission" bedeutet; was "Mission" uns zu sagen hat, für die der Missions-Gedanke weitgehend gleichbedeutend geworden ist mit "Not- und Entwicklungshilfe". Dabei bin ich mir bewusst, dass ich nur einige wenige Gesichtspunkte nennen kann. Aber es ist gut, diese wieder in Erinnerung zu rufen.

Masayuki Shirieda stammte aus einer alten buddhistischen Familie. Am Ende des 2. Weltkriegs hatte er alles verloren, was er hatte. Sein Vater war im Krieg gefallen. Das Haus der Familie war durch Bomben zerstört. Ein guter Freund kam in Hiroshima durch die Atombombe ums Leben. Da brachte ein kleines Ereignis die Wende in seinem Leben. Der 16-jährige wollte für die Reparatur des elterlichen Hauses Nägel "organisieren". Er fand die Gelegenheit dazu auf der Baustelle einer katholischen Kirche. Kaum hatte er sich aber spät abends heimlich bedient, als der Geistliche den Dieb erwischte und am Kragen packte. Aber statt ihm die verdiente Tracht Prügel zu verabreichen, stopfte der Pater ihm die Taschen mit Nägeln voll und ließ ihn laufen. Am nächsten Tag kam Masayuki wieder, und er erklärte dem Pater, er verzichte auf seinen Lebensplan, Offizier zu werden; er wünsche nur zu werden wie der fremde Priester, der so gut zu ihm gewesen war. Einige Jahre später erlebte der junge Mann, wie dieser Priester seinen Freund aus einem brennenden Haus zu retten versuchte, aber nicht mehr lebend herauskam. Nur eine Handvoll Asche blieb von ihm übrig. "Hatte er mir nicht immer gesagt: ‚Masayuki, ich habe nur den einen Wunsch, Erde von der Erde Japans zu werden'? Er war es geworden. Als ich seine Überreste in Händen hielt, da entschied ich mich, Priester zu werden und an die Stelle dieses Missionars zu treten.

Diese Geschichte kann uns auf einiges aufmerksam machen, was "Mission" eigentlich bedeutet. "Mission" hat nichts zu tun mit einem Abteurertum, mit Selbstkultivierung. Ein solches Feuer ist bald nieder gebrannt; das hält nicht vor. Ich habe in Japan gesehen, was es heißt: als fremder Priester in einem Landbezirk von 100.000 Einwohnern fünfzig Christen zu betreuen, zu besuchen, zu stärken; mühsam zu versuchen, mit den Nicht-Christen Kontakte zu knüpfen; sich mit den Tücken der fremden Sprache herum zu schlagen. Noch nach fünfzig Jahren tun sich die Missionare schwer; sie leiden darunter; sie sind frustriert. Einer unserer großen Gelehrten drüben, der beste europäische Kenner des Zen-Buddhismus, Pater Dumoulin, suchte einen japanischen Übersetzer für sein Buch, das Weltrang hat! Noch nach 55 Jahren in Japan traute er sich die Übersetzung nicht zu. Wie mühsam ist das Erlernen der Sprache! Noch mühsamer ist es, das Fühlen und Denken der Japaner zu begreifen, die Geschichte und die Kultur dieses Landes. Der eben genannte Pater Dumoulin sagte mir vor Jahren: "Was die Kenntnis und die Kultur der Seele angeht, so hat Asien und Japan einen Vorsprung vor uns von 2.000 Jahren." Da wird man ganz klein und demütig. Übrigens steht uns ein solcher Dünkel keiner noch so primitiven Kultur gegenüber an.

Dem Wunsch und dem Bemühen unserer Missionare, "Erde von der Erde Japans" zu werden, stehen viele Hindernisse im Weg. Eines dieser Hindernisse ist unübersehbar; es springt in die Augen. Das Christentum begegnet in Japan einer Gesellschaft, die weitgehend diesseits-orientiert ist. Die traditionelle japanische Religion, der Shintoismus, ist eine ausgesprochene "Diesseits-Religion". Das geistige Klima Japans wird geprägt durch einen gelebten Materialismus, durch ein Erfolgsdenken, das selbst uns barbarisch erscheint, das aber von Kindheit an in Japan die Menschen umgibt und formt. In eine solche Umwelt hinein wird nun die christliche Botschaft verkündet, eine Botschaft, deren Grundworte nicht "Leistung" und "Erfolg" heißen, sondern "Gnade" und "Erbarmen". Wie kann die Kirche, wie können unsere Missionare in einem solchen geistigen Klima, wo nur der Erfolg zählt, zu zählen scheint, das Wort von der Gnade, vom Erbarmen und von der Güte Gottes zu Gehör bringen, wo doch schon im natürlichen Bereich kaum Anknüpfungspunkte vorhanden sind zum Verstehen? Es dürfte klar sein: letztlich ist das nur möglich durch das persönliche Zeugnis. Gerade der Priester, der Missionar, jeder Christ muss dieses Zeugnis des Lebens geben - übrigens nicht nur in Japan!

Deshalb ist eine entscheidende Voraussetzung für die Verkündigung der christlichen Botschaft die Heranbildung eines guten Priesternachwuchses. Gemessen an der Zahl der japanischen Katholiken überhaupt (etwa 450.000 unter über 120 Millionen Einwohnern) gibt es immer noch erstaunlich viele Berufe zum Priestertum und zum Ordensleben. Wer als Erwachsener Christ wird, der trifft eine Entscheidung, die sein Leben grundlegend verändert; die ihn in vielen Fällen außerhalb seiner Familie stellt; die ihn oft zu einem "Fremden" macht. Und gerade in der Entscheidung für den Priesterberuf kommt in Japan das "Andere" des Christentums zum Ausdruck: dass es im Leben nicht in erster Linie um den Erfolg geht, um vorweisbare Leistungen, um das persönliche Vorankommen. Denn Priestersein ist kein Brot-Beruf. Ohne eine tiefe religiöse Motivation ist der Priester in Japan (und anderswo) bald mit seinem eigenen Latein am Ende. Allein von den Taufzahlen her "lohnte" sich der große persönliche Einsatz in keiner Weise. Gerade dadurch wird jedoch deutlich, dass der Priester vor allem "Zeuge" ist: Zeuge der Gnade, der Liebe und Güte Gottes zu uns Menschen. Das muss er zeichenhaft leben - wie in der Geschichte, die ich Ihnen erzählte: "Lehrer" und "Meister" zu sein; in der Nachfolge Jesu andere zu ermutigen; sie mit auf den Weg zu nehmen, "Weg-Weiser" zu sein. Das ist übrigens etwas, das in Japan verstanden wird: ein Meister nimmt seine Schüler mit auf einen "Weg": "Komm mit mir, ich zeige dir den Weg!" Ob das in der Tee-Zeremonie ist, in der Zen-Meditation, im Bogenschießen - immer heißt es: "Komm mit mir! Ich zeige dir den Weg. Ich gehe mit dir!" Der Priester, jeder Christ soll das, was das Evangelium, was Jesus wünscht und fordert, in seinem Leben zeichenhaft verwirklichen, verstehbar machen: "Eine größere Liebe hat niemand, als wer sein Leben hingibt für seine Freunde." Diese "Sprache" versteht jeder. Diese "Sprache" hat auch der 16-jährige verstanden - wir haben es in der Geschichte eben gehört: der Mann ist echt; der ist gut.

Kein Wunder, dass z. B. der erste Missionar in Japan, der hl. Franz Xaveer, sich zwar sprachlich kaum verständlich machen konnte, dass er aber als Mensch und als Christ überzeugend war; dass der Funke des Feuers, das in ihm brannte, übersprang; dass in der Christenverfolgung zu Beginn des 17. Jahrhunderts ungezählt viele japanische Christen, Priester und Laien, zusammen mit den europäischen Missionaren das Bekenntnis zu Christus mit ihrem Blut besiegelt haben - die japanische Christenverfolgung damals war wohl die grausamste, die es jemals in der Geschichte der Kirche gegeben hat! Dieses Feuer, das Franz Xaver entzündet hatte, brannte auch dann noch, die Glut war noch unter der Asche verborgen da, als nach über 200 Jahren die Nachkommen der alten Christen sich den Missionaren, die wieder nach Japan kommen durften, zu erkennen gaben. Sie hatten ohne Priester, ohne heilige Bücher, unter härtesten Schikanen und Drangsalen ihren Glauben an Jesus Christus bewahrt. Sie hatten die Taufe bewahrt; sie beteten noch das Vaterunser, das Avemaria, das Credo. Man kann die "Wiederauffindungs-Kirche" in Nagasaki, in der sie sich zu erkennen gaben, nur mit tiefer Erschütterung betreten, ebenso die Gedenkstätten der vielen Märtyrer. Diese "verborgenen Christen" bekannten am 17. März 1865 dem französischen Priester Petitjean: "Wir alle in Urakami haben das gleiche Herz wie du!" In Nagasaki ging mir unter die Haut, was Treue, was Glaubenstreue heißt.

An diesem Punkt merken wir hoffentlich, dass "Mission" nicht nur etwas ist für Leute in Afrika und Asien; nicht nur etwas zu tun hat mit Entwicklungshilfe; nicht nur etwas ist für einige wenige Elite-Christen, für Priester, für Missionare und ähnliche Leute. Sondern dass dieser Missionsgeist uns allen hierzulande bitter nötig wäre. Schon vor fünfzig Jahren sprach Ivo Zeiger von Deutschland als Missionsland. Ist es seitdem bei uns besser geworden mit dem Glauben, mit dem Leben als Christen? Brennt in uns noch das Feuer des Christseins, oder sind die Feuer des Glaubens bei uns nieder gebrannt? Können wir dieses Feuer noch an die junge Generation weiter geben, die unterzugehen droht in einem Meer der Sinnleere, der Orientierungslosigkeit, des Materialismus? Gerade die Christen Japans fragen uns (aber auch die Christen der ganzen Welt), ob wir noch Konsequenzen aus unserem Getauftsein ziehen, und zwar für unser Leben. Kann man an unserem Leben ablesen, an unserem Verhalten erkennen, dass Jesus Christus und sein Geist in uns lebendig sind? Bedürfen wir nicht vielleicht viel mehr der Bekehrung zum Evangelium als viele sogenannte Heiden? Haben wir noch das gleiche Herz wie jene unterdrückten und verfolgten Christen von Nagasaki? Würden sie heute dieses "gleiche Herz" in uns noch wahrnehmen können?

Hier merken wir, dass wir bei uns in der Begegnung mit den Christen Asiens und Afrikas die Beschämten sind, sein müssten; ja, dass wir im eigentlichen Sinn die Beschenkten sind; dass wir durch diesen lebendigen Glauben ermutigt, gestärkt werden können in unserem eigenen Christsein. Und wenn wir diesen Christen in Afrika und Asien materiell helfen (ja, das sollen wir!), dann tun wir das nicht aus dem Grund, um uns an der Hinwendung, an unserer eigenen Bekehrung hin zu Jesus Christus vorbei zu drücken, gar davon loszukaufen. Denn das ist auch für uns, für jeden Christen entscheidend, unabdingbar: unsere Hinwendung, unsere Bekehrung zu ihm, von dessen Güte und Erbarmen, aus dessen Gnade wir alle leben.

 

Weltmission - Predigt 2

Meine Predigten heute und an den beiden folgenden Tagen haben zum Inhalt: "Was wir von den Christen Japans lernen könnten." Mission ist ja keine "Einbahnstraße" von "Besitzenden" hin zu "Nicht-Besitzenden", sondern meint auch immer die Begegnung mit anderen Kulturen; meint einen Austausch, ein Voneinander-Lernen. Meine Predigten stehen im Zusammenhang mit meiner Tätigkeit als Missionsprokurator. Das Land, für das ich vor allem zu "sorgen" habe, ist Japan. Dieses Land gehört sicher nicht zu den Armenhäusern der Welt. Doch sollte man auch zur Kenntnis nehmen, dass Japan bis vor gut dreißig Jahren die Menschen im Land nicht ernähren konnte; in der ganzen Geschichte haben sie gehungert. Die wenigen Christen Japans (etwa 1 % der über 120 Millionen Einwohner, unter ihnen etwa 450.000 Katholiken) leben in einem Land mit einem krassen Diesseitsdenken. Und das ist der Punkt, der uns hierzulande betrifft. Auch wir leben ja in einem Land, dessen Denken und Handeln weitgehend diesseitsorientiert ist, ja materialistisch; das mehr und mehr entchristlicht wird. Können wir vielleicht etwas von den wenigen Christen Japans lernen, um zu überleben, um im Diesseitsdenken nicht unterzugehen, zu verkommen? Ich meine: Ja, wir könnten eine Menge lernen. Deshalb lautet das Thema meiner Predigt heute: "Christsein in materialistischer Gesellschaft".

Von welcher Art ist das japanische Diesseitsdenken, der dort praktizierte Materialismus? Es ist ein Materialismus im Plural, in der Mehrzahl, im Kollektiv. Die anderen Mitglieder der Gesellschaft werden durchaus gesehen, respektiert, gelten gelassen. Denn nur im Zusammenwirken, im Einklang mit ihnen kann ich selbst das Optimum an Lebensqualität und an Lebensgenuss erreichen, auf keinen Fall im Gegensatz oder gar in Neid und Feindschaft. Deshalb soll man auch nicht auf Kosten der anderen leben, z. B. auf Kosten des Staates; denn das würde letztlich nur mir selber schaden. Wer also egozentrisch, egoistisch handelt, wer die gesellschaftlichen Spielregeln verletzt, wer dem anderen etwas wegnimmt, ihm Unrecht tut, der stellt sich mit seinem Tun außerhalb der Gesellschaft, der ächtet sich selbst, der schadet sich selbst. Kein Wunder, dass ein solches Denken sich niederschlägt in der Kriminalstatistik; von der niedrigen Kriminalitätsrate können wir bei uns nur träumen! Das nichtchristliche Japan hat jedenfalls eine weit höhere öffentliche Moral als das christliche Europa.

Die Japaner haben in der Vergangenheit nicht viele technische Erfindungen aufzuweisen. Sie waren aber immer Meister in der Verbesserung, in der Optimierung neuer Erfindungen. Ich meine, sie seien auch in punkto Materialismus Meister der Optimierung. Wenn man schon Materialist sein will, dann sollte man von den Japanern lernen. Zwei Konsequenzen dieses Denkens möchte ich hier benennen. Zum einen: Japan ist heute der größte Geber von Entwicklungshilfe in der ganzen Welt, und das nicht aus reiner Nächstenliebe! Das zweite Beispiel: die finanziellen Opfer der japanischen Familien für die Bildung und Ausbildung ihrer Kinder sind für uns kaum vorstellbar. Bildung (als Voraussetzung jeder Optimierung) gibt es nun einmal in Japan nicht zum Nulltarif wie bei uns. Die Konsequenzen werden wir bei uns in einigen Jahrzehnten erleben.

Der bei uns praktizierte Materialismus und Konsumismus ist von einer anderen Art. Unser Materialismus ist individualistisch, egozentrisch, egoistisch. Deswegen treffen wir bei uns so oft die Mentalität an, man dürfe auf Kosten der anderen leben. Diese Mentalität, dieses Anspruchsdenken macht auch vor dem Bereich der Kirche nicht halt: "Was habe ich vom Staat, von der Kirche, von meinem Verein, von daheim?" Kein Wunder, dass so viele in ständiger Angst leben, irgend jemand gönne ihnen ihr privates Wohlergehen nicht; irgendwelche bösen Menschen oder Mächte nähmen ihnen alles weg oder zerstörten böswillig die Voraussetzungen ihres individuellen Glücks, z. B. die Umwelt oder gar die Welt überhaupt. Ob nicht hinter den Untergangsängsten hierzulande dieser sehr individualistische, egozentrische, ja egoistische Materialismus steht, für den die eigene persönliche Erfüllung und Entfaltung der oberste Grundsatz ist? Ist der Glaube an Gott nicht in einer erschreckenden Weise durch den Glauben an diesseitige Götzen abgelöst worden? Vor einem Altärchen betet ja jeder. Die Frage ist allerdings, wer oder was auf diesem Altärchen angebetet wird.

Dieses totale Diesseitsdenken der Menschen in Japan, verbunden mit einem ausgeprägten Gemeinschaftsbewusstsein, hat Auswirkungen, die uns hier in Europa zu denken geben könnten. Die Individualität, vielleicht besser: das Persönlichkeits-Sein des einzelnen ist in Japan nicht besonders ausgeprägt. Übrigens hat jede Art von Materialismus das zur Folge, auch bei uns. "Ein Nagel, der heraussteht, wird eingeschlagen" - so heißt ein japanisches Sprichwort. Man tut das, was auch die anderen tun. Man hat dieses Denken die japanische "Scham-Moral" genannt - im Gegensatz zur christlichen "Schuld-" bzw. "Gewissens-Moral". Das entscheidende Motiv ist, wie die anderen denken und urteilen, und die Scham vor ihnen, wenn man etwas "Un-Moralisches" getan, wenn man deswegen "sein Gesicht verloren" hat. Ein wenig von dieser "Scham-Moral" möchte man sich bisweilen auch bei uns wünschen - von der christlichen Gewissens-Moral ganz zu schweigen. Aber dafür sorgen ja schon die Medien.

Die japanische Sprache kennt kein entsprechendes Wort für das, was wir Christen mit "Schuld" bzw. mit "Sünde" bezeichnen. Solange das eigene Verhalten im Einklang steht mit gesellschaftlichen Standards, ist doch alles in Ordnung, ist der Mensch gut. Dann bedarf es auch in keiner Weise von Vorstellungen, die wir Christen mit dem Wort "Erlösung" bezeichnen. Wovon sollte der Mensch auch erlöst werden, wenn er in Einklang und in Harmonie mit der Gesellschaft und mit seiner Umwelt lebt? "In mir ist nichts, was erlöst werden müsste" - dieses Wort von Friedrich Nietzsche trifft m. E. genau die Situation, vor der sich die christliche Verkündigung in Japan befindet - nicht nur in Japan! Sie wissen alle selbst, wie wenig heute bei uns das Bewusstsein einer "Erlösungsbedürftigkeit" anzutreffen ist. Und ich möchte in diesem Zusammenhang die Frage stellen, ob die christlichen Kirchen nicht auch bei uns darüber nachdenken müssten, wie man heute über "Erlösung" sprechen soll, wenn ein Sündenbewusstsein und Unrechtsgefühl fehlen. Gibt es nicht vielleicht ein fundamentales Angewiesensein auf ein Absolutes, auf Gott, auf Jesus Christus, das einem Japaner und vielleicht vielen Zeitgenossen hierzulande eher verständlich ist? Muss ich zuerst jemand beibringen, was für ein abgrundtief schlechter Mensch er ist, um ihm dann das Erbarmen Gottes zuzusprechen? Auch ohne eine benennbare Schuld stehen wir alle in der Abhängigkeit des absoluten Gottes, sind wir angewiesen auf den liebenden, auf den guten Vater im Himmel.

Wie antwortet die Kirche auf diese Herausforderungen? Ich meine, es gibt in der Praxis (weniger in der Theorie) einige Antworten, die die Richtung angeben, wie man auch in Japan (und vielleicht auch bei uns) eine "Betroffenheit" wecken kann.

Da ist zunächst der große Einsatz der Christen im sozialen Bereich, besonders für die "Letzten" in der japanischen Erfolgsgesellschaft, z. B. für die Tagelöhner und Obdachlosen in den Slums von Tokyo und Osaka, für die Arbeiter, die Fremden, die Ausländer. Unsere christliche Botschaft von der erlösenden Liebe Gottes zu allen Menschen kann nur begriffen und verstanden werden auf dem Hintergrund des gelebten Beispiels, durch das Üben der Liebe, der Solidarität, der Gerechtigkeit.

Auf dem Feld der Erziehung und der Bildung wird von den christlichen Kirchen eine Arbeit geleistet, die leider hierzulande kaum oder gar nicht gewürdigt wird. Die jungen Menschen werden (zusammen mit ihren Eltern) konfrontiert mit der Frage nach dem Sinn des Lebens, mit dem, was wir persönliches Gewissen und persönliche Verantwortung nennen. Nicht von ungefähr geschehen Konversionen in Japan weitgehend im Umfeld der Erziehungseinrichtungen, der Kindergärten, der Schulen und der Universitäten. Selbst wenn viele nicht den letzten Schritt tun und sich taufen lassen, so sind sie doch vom Geist des Christentums mitgeprägt. Ich weise hier hin auf die Kaiserin Michiko, die in Schule und Universität eine christliche Erziehung genossen hat und christliche Grundsätze lebt. Vielleicht wird auf diesem Weg der Erziehung und Bildung auf lange Sicht der Dritten Welt mehr geholfen als mit den Brosamen, die wir von unserer reich gedeckten Tafel weitergeben. Stellen Sie doch nur einmal in Relation die 160 Milliarden DM, die in einem Jahr in die neuen Bundesländer fließen, und die eine Milliarde DM, die für die kirchlichen Hilfswerke Misereor, Missio, Adveniat und für die missionierenden Orden aufgebracht werden. Wenn die geistig führende Schicht Japans mit christlichem Denken bekannt gemacht wird, wenn sie lernt, was soziale Gerechtigkeit und weltweite Verantwortung aus dem persönlichen Gewissen heraus ist, dann kann man sich angesichts der Wirtschaftsmacht Japan ausrechnen, was das für die Zukunft der Welt bedeutet. Ich möchte in keiner Weise das große Engagement der deutschen Katholiken abwerten. Aber die entscheidenden Weichenstellungen für die Zukunft auch der Dritten Welt werden nicht von unseren "Brosamen" bewirkt, sondern beruhen auf einem neuen Denken, auf einem Denken, das von christlichen Grundsätzen geprägt und bestimmt wird. Das muss man endlich bei uns zur Kenntnis nehmen. Wir haben doch in fataler Weise den Verkündigungsauftrag Jesu reduziert, ja verkehrt in Not- und Entwicklungshilfe. Christliche Mission ist aber mehr als diese Not- und Entwicklungshilfe. Die Prioritäten müssen von uns neu bedacht werden. Alle Hilfe lebt letztlich von unserem Glauben. Sie ist nicht begründbar mit einem Denken, das auf Besitz, auf Konsum und auf Lebensgenuss fixiert ist.

Ich habe zu Anfang meiner Predigt die Frage gestellt, was wir hierzulande von den wenigen japanischen Christen lernen könnten. Ich meine, es sei einmal das Zeugnis der Nächstenliebe im Dienst an den "Letzten" im eigenen Land; dann die geistige Auseinandersetzung mit dem gelebten Materialismus und Konsumismus, die Konfrontation der Menschen mit der Sinnfrage, mit dem eigenen persönlichen Gewissen, mit der persönlichen Verantwortung. Genau das müssen auch bei uns in der Verkündigung die Stichworte sein - gerade angesichts eines grassierenden Konsumdenkens und Hedonismus, einer grenzenlosen Egozentrik, ja puren Egoismus. Nur dann bleiben wir "attraktiv"; nur dann lohnt es sich, uns "am Rock fest zu halten", wie es in einem Text des Propheten Sacharja heißt. Andernfalls kann man uns wie arme Irre laufen lassen, weil wir uns selbst aus dem geistigen Ringen der Zeit verabschiedet hätten. Wir dürfen uns nicht in den Kirchenraum zurückziehen und die geistige Auseinandersetzung scheuen. Da hat sich in der Tat einiges zu ändern im Leben der Christen, in unserem eigenen Leben. Gebe Gott, dass wir die Zeichen der Zeit verstehen; dass wir diese Änderung vollziehen, nicht nur als einzelne, sondern auch in der Gemeinschaft der Glaubenden, in der Kirche.

 

Weltmission - Predigt 3

Vor einigen Jahren wurde im Stadtteil Shinjuku von Tokyo ein neues Hochhaus vollendet. Es ist das Verwaltungsgebäude der Stadt und hat eine Höhe von 260 Metern. Als ich zum ersten Mal die Silhouette dieses Hochhauses sah, da rieb ich mir verwundert die Augen: Das kommt dir doch irgendwie bekannt vor! Die Silhouette erinnert an die Kathedrale Notre Dame von Paris mit Fassade und Doppeltürmen. Sie erinnert aber nicht nur zufällig daran; das Gebäude ist bewusst vom japanischen Star-Architekten Kenzo Tange in Anlehnung an Notre Dame gestaltet worden. Es ist in der Tat eine "Kathedrale", aber eine "säkulare", eine "weltliche Kathedrale", ein "Symbol des Diesseits", das Symbol einer völlig säkularisierten, einer diesseitsorientierten Gesellschaft. Wenn wir nach den Gründen für dieses totale Diesseitsdenken in Japan suchen, dann stoßen wir auf Wurzeln, auf Tendenzen, die bedenkenswert sind, weil sie uns helfen können, die "Zeichen der Zeit" auch hierzulande wahrzunehmen und zu deuten - nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch in der Kirche.

Als der hl. Franz Xaver 1549 nach Japan kam, begegnete er nicht nur der traditionellen japanischen Religion, dem Shintoismus, und dem aus China gekommenen Buddhismus. Er machte zum ersten Mal die Bekanntschaft mit der Lehre des Konfuzius. Der Konfuzianismus war die "Religion" der führenden Schicht Japans und stellt ein rein ethisches System dar, in dem es nur um ein vollendetes, um ein vollkommenes Menschentum in dieser Welt geht. Gott, schon gar ein Gott im christlichen Sinn, ist in diesem System überflüssig. "Bushido", die Haltung des Samurai, des Adeligen, und Zen-Meditation sind Ausfaltungen dieses Denkens. Der Konfuzianismus war im 6. nachchristlichen Jahrhundert zusammen mit dem Buddhismus aus China nach Japan gekommen. In der Begegnung nun mit dem Konfuzianismus ging Franz Xaver auf, dass diese ethisch hochstehende Lehre eine Herausforderung für den christlichen Glauben darstellte, der man nicht aus dem Weg gehen dürfe. Jedenfalls kam er zur Überzeugung, dass der Schlüssel zur Bekehrung Japans in China gesucht und gefunden werden müsse. Aber als er wochenlang auf der Insel Sancian wartete und nach dem chinesischen Fährmann Ausschau hielt, da nahe sich ihm der andere Fährmann, der Tod. Franz starb einsam und verlassen in der Nacht zum 3. Dezember 1552, ohne das ersehnte Ziel erreicht zu haben.

Erst fünfzig Jahre später sollte es Matteo Ricci gelingen, sich in Peking niederzulassen. Er war es auch, der eine wichtige Weichenstellung für die Missionierung Chinas vollzogen hat. Diese grundlegende "Option" lautet: "Für Konfuzius und gegen die Volksreligion!" Ricci, aber auch viele Missionare mit ihm und nach ihm (genannt sei der Kölner Jesuit Adam Schall von Bell) waren der Überzeugung, in den klassischen Schriften Chinas, vor allem in den Schriften des Konfuzius, sei der Glaube an einen persönlichen Gott ausgesprochen. Deshalb sei die christliche Religion mit dem chinesischen Denken harmonisch versöhnbar; ja, der christliche Glaube sei die Erfüllung und Vollendung des Konfuzianismus. Diese Auffassung und Einschätzung erwies sich jedoch als nicht begründet bzw. nicht zutreffend. Der "Himmel" des Konfuzius hat nämlich nichts zu tun mit einem persönlichen Gott, ebenso wie die "Ehrfurcht vor dem Himmel" nichts zu tun hat mit der Anbetung und dem Dienst eines persönlichen Gottes. Die Grundidee des Konfuzianismus ist christlich nicht integrierbar. Denn nicht die Personalität (wie im Christentum), sondern kosmische Einswerdung und Einfügung in ein umfassendes Ganzes ist hier das Zentralprinzip. Und nicht die persönliche Beziehung zu einem persönlichen, welt-transzendenten Gott ist die Mitte, sondern die Einfügung in das große Ganze des Kosmos. Es geht also nicht um die Welt-Transzendenz eines persönlichen Gottes, sondern nur um Welt-Immanenz, wenn von einem "Himmel" gesprochen wird. Für das konfuzianische Denken in China und Japan gibt es also keinen welt-unabhängigen, gibt es keinen welt-jenseitigen Gott im christlichen Verständnis. Hier liegt der fundamentale Unterschied zum christlichen Denken. Der Versuch der Missionare, das Christentum mit der chinesischen Kultur und Ethik zu vereinen, scheiterte deshalb aus inneren Gründen. Die theologischen Auseinandersetzungen mit diesen Fragen sind bekannt unter dem Stichwort "Ritenstreit".

Ich bin überzeugt: aus der Geschichte können wir einiges lernen für die Deutung der "Zeichen der Zeit" hier und heute: warum viele Menschen bei uns dem Glauben (und nicht nur der Kirche) den Rücken kehren; aber auch dafür, worauf wir in der Verkündigung die Akzente legen sollten. Wir stellen doch heute auch bei uns allenthalben ein Schwinden des Bewusstseins für Transzendenz fest, ein Verdunsten des christlichen Glaubens - alle Umfragen bestätigen das: sowohl was einen persönlichen Gott betrifft wie auch das Weiterleben nach dem Tod. Als Stichwort nenne ich die "Reinkarnation". Aber auch innerhalb der Kirche haben wir uns anscheinend in dieser weltlichen Welt fest etabliert und mit ihrem Denken, ihren Diesseitsdenken arrangiert. Die Symptome dafür sind m. E. unübersehbar. Symptom dafür ist nicht nur der überall zu beobachtende krasse Materialismus und Individualismus, das Konsum- und Anspruchs-Denken, die Flucht in den Rausch. Symptom dafür ist z. B. auch die Reduzierung des Missionsgedankens auf Not- und Entwicklungshilfe ebenso wie die Reduktion des christlichen Glaubens und der christlichen Glaubensinhalte auf die psychische Ebene. Man spricht von einem Gottes-Syndrom, das krankhaft ist und überwunden werden müsse. Schließlich sprach schon vor über dreißig Jahren Romano Guardini die Befürchtung aus, der heutige Mensch sei in der großen Gefahr, liturgie-unfähig zu werden, also die entscheidenden Dimensionen des christlichen Gottesdienstes nicht mehr zu verstehen. Als ein weiteres Symptom nenne ich die begierige Rezeption von fernöstlichen Meditationsformen, denen das christliche Transzendenz-Denken nicht nur fremd, sondern diametral entgegengesetzt ist. Alle diese Tendenzen und Entwicklungen könnte man als Formen der Abwendung vom transzendenten Gott, als Formen eines leisen Glaubensabfalls und der Flucht in die Welt-Immanenz deuten bzw. bezeichnen. Eine Kirche jedoch, die nur noch die Immanenz, die nur noch das Welthafte kennt, ist völlig überflüssig. Denn sie hätte sich selbst aufgegeben. Sie hätte ihren Herrn und Meister verleugnet.

Wenn wir nicht bei einer bloßen Symptombehandlung stehen bleiben wollen, etwa um das angekratzte Image der Kirche aufzupolieren (z. B. mit Hilfe von Werbe-Agenturen), dann ist es m. E. unabdingbar, dass die grundlegenden Inhalte unseres christlichen Glaubens in den Mittelpunkt der Verkündigung gerückt werden. Ein entscheidender Punkt ist dabei die Frage, wer Gott ist und was er für uns Menschen, was er für jeden von uns bedeutet. Nach christlichem Verständnis unterscheidet sich Gott in seinem innersten Wesen von aller anderen Wirklichkeit, die unserer menschlichen Erfahrung und Erkenntnis zugänglich ist. Gott kommt in dieser erfahrbaren Welt nicht vor, obwohl er der bleibende, der alles tragende Grund dieser Welt ist. Gott ist in keiner Weise identisch mit innerweltlichen Gegebenheiten und Erfahrungen. Er bleibt für unser Erkennen und Denken unbegreifbar; er bleibt ein unauflösbares Geheimnis. Dieser unbegreifliche Gott jedoch hat sich in Jesus von Nazareth offenbart als ein lebendiges, als ein persönliches Gegenüber, als "Vater", der uns in Liebe anschaut und begegnet; der uns nahe ist; der jeden von uns liebt.

Diese uns tragende Wirklichkeit, die in Jesus Christus offenbar geworden ist, bedarf jedoch unserer Anerkennung und unserer Annahme. Wir tun dies, indem wir uns auf einen Dialog mit dieser Wirklichkeit einlassen, auf den Dialog mit unserem Vater im Himmel; indem wir beten. Die Erhaltung und Entfaltung unseres Wissens um den unbegreiflichen Gott, die Erhaltung des Transzendenz-Bewusstseins, des christlichen Glaubens überhaupt, ist letztlich nur möglich im Gebet. Glauben im christlichen Sinn kann man nur betenderweise. Es ist sicher nicht übertrieben oder gar eine Verleumdung, wenn man behauptet, dass die Pflege des Gebetes, dass die Pflege der Kommunikation mit Gott auch unter den kirchentreuen Christen zurückgegangen ist. Ohne die Pflege des Gebetes, ohne die Pflege des persönlichen Sprechens mit Gott jedoch verdunstet der christliche Glaube, verdunstet das Wissen um den transzendenten Gott, bleibt nur noch die Immanenz übrig, verkommen wir im Diesseits. Die Erneuerung des Betens ist darum heute das Gebot der Stunde; diese Erneuerung entscheidet über Sein oder Nichtsein, ob die Kirche im Missionsland Deutschland überlebt.

Der Ausgangspunkt meiner Predigt war die "säkulare Kathedrale" von Tokyo, dem Symbol des Diesseits. Das Diesseits kann für uns Christen nicht maßgebend sein. Wir Christen leben zwar in dieser Welt. Diese Welt ist jedoch für uns nicht die letzte Wirklichkeit. In keiner Weise dürfen wir uns dem Absolutheitsanspruch des Diesseits beugen; wir würden uns nicht nur als Christen, sondern auch als Menschen aufgeben. Das Bewusstsein für Transzendenz, besser: der transzendente Gott selbst ist die einzige Gewähr dafür, dass wir den innerweltlichen Gegebenheiten und Werten gegenüber unsere innere Freiheit bewahren können; in ihnen nicht untergehen. Die Gefahren sind heute mehr denn je gegeben - auch in der Kirche. Die Begegnung mit einer anderen Kultur, mit Christen, die in einer anderen Kultur leben, kann unseren Blick für diese Gefährdungen, in denen wir uns befinden, schärfen. Das Gebot der Stunde ist die Pflege, ist die Wiederbelebung des persönlichen Gebetes, unseres Sprechens mit Gott, unserem Vater.

 

Weltmissionssonntag - Predigt 4

"Was wir von den Christen Japans lernen könnten" - das ist das Thema meiner Predigten an diesen drei Tagen. Ich habe gesprochen über "Christsein in materialistischer Gesellschaft" und über das "Leben in einer transzendenzlosen Gesellschaft", für die der Gedanke an Gott, schon gar an einen Gott im christlichen Sinn, völlig fremd ist; in der der christliche Glaube weitgehend verdunstet ist. Ich möchte heute einen weiteren Punkt ansprechen: wie wir als Glaubende überleben können, wenn viele institutionelle Stützen wegfallen; wenn wir kaum noch Rückhalt finden bei Gleichgesinnten; wenn Kirche bei uns sich oft kaum noch von einer sozialen Einrichtung unterscheidet. Was hält dann vor? Wovon können wir dann als Glaubende leben? Ich möchte ausgehen von der Geschichte der japanischen Kirche.

Am 17. März 1865 betrat eine Gruppe von etwa fünfzehn Leuten, meist Frauen, die kleine Kirche, die im Fremdenviertel von Nagasaki für die französische Gemeinde errichtet worden war. Ihren Kleidern und ihrem Verhalten nach zu urteilen, waren es einfache Leute. Der französische Priester Petitjean, der wusste, dass es den Japanern nach wie vor streng verboten war, eine christliche Kirche zu besuchen, erst recht Christen zu werden, führte die Leute durch die Kirche; er zeigte ihnen den Hochaltar; dann führte er sie in das kleine Seitenschiff, wo sich die Fünfzehn nach japanischer Sitte auf den Boden hockten - vor dem Bild Mariens. Nach einer Weile fragte der Wortführer der Gruppe, ob er drei Fragen stellen dürfe. Die drei Fragen und die entsprechenden Antworten lauteten so: "Hat dich der große Vater in Rom zu uns nach Japan geschickt? - Ja, ich bin hier in seinem Auftrag." - "Bist du verheiratet? - Nein, wir Priester sind nicht verheiratet, weil wir frei sein sollen für den Dienst Gottes." - "Ist dieses Bild das Bild der Santa Maria? - Ja, es ist ihr Bild. Sie trägt auf ihren Armen Jesus Christus." Da sagte der Wortführer zu Pater Petitjean: "Wir alle in Urakami haben das gleiche Herz wie du." Er wollte damit sagen: Wir alle in Urakami, dem kleinen Dorf bei Nagasaki, sind Christen. Wir sind die Nachkommen der Christen in Japan, die vor 250 Jahren in einer blutigen Verfolgung unterdrückt worden sind. Wir sind Christen geblieben trotz der endlos langen Verfolgungszeit. Wir haben versucht, den Glauben an Gott, den Glauben an Jesus Christus zu bewahren, so gut wir konnten. Wir haben unsägliches Leid erleiden müssen. Nun - so hoffen wir - wird unsere Leidenszeit zu Ende sein. Wir sind nicht vergessen worden. Unsere Hoffnung hat nicht getrogen.

Seit Jahren steht das Bild Mariens in der Franzosenkirche von Nagasaki (oder - wie sie genannt wird - in der "Wiederauffindungskirche") vor meinen Augen. Und seit Jahren versuche ich mir vorzustellen, wie wir heute die drei Fragen der einfachen Frauen und Männer von Urakami, dem kleinen Dorf bei Nagasaki, beantworten würden; ob wir noch dem ungeheuren Ernst dieser Männer und Frauen und ihrer Fragen, ob wir dem namenlosen Leid dieser Menschen, die über 250 Jahre lang unterdrückt, gedemütigt, ausgerottet wurden, gerecht werden können; ob sie noch in uns das gleiche Herz pochen hören, das gleiche Herz entdecken könnten. Ich frage mich, ob die Antworten, die bei uns auf dem Markt der Meinungen feilgeboten werden, für diese leidgeprüften Menschen nicht eine Verhöhnung darstellen - ob sie sich auf das Papsttum beziehen, auf die Ehelosigkeit der Priester oder auf die Stellung Mariens im Heilsgeschehen. Niemand kann seine eigenen Probleme lösen ohne Rücksicht auf andere, auf die Gemeinschaft, der er angehört, auf sein Bezugsfeld. Dieses Bezugsfeld für den Christen ist auf alle Fälle größer als Deutschland, größer als Europa.

Ich möchte jetzt nicht direkt auf eine der drei Fragen und Antworten eingehen, sondern über einen Bereich sprechen, der bei uns immer dringender wird, und wo wir vielleicht in der Gefahr sind, die falschen Lösungswege zu gehen. Der letzte Priester in der japanischen Kirchenverfolgung starb zwischen 1650 und 1660 als Märtyrer - der genaue Zeitpunkt ist nicht bekannt. In einer beispiellosen Härte und Grausamkeit wurde alles Christliche vernichtet, ausgerottet. Es gab keine heiligen Bücher mehr, keine heiligen Bilder. Die Feier der Eucharistie war unmöglich geworden, ebenso der Empfang der Sakramente - mit Ausnahme der Taufe. Wie blieben die Christen trotzdem über 200 Jahre lang ihrem Glauben treu? Es waren vor allem die Pflege und die mündliche Weitergabe der Gebete und der täglichen Andachtsübungen, nicht zuletzt die Laien-Struktur der japanischen Kirche (mit Laien z. B. als Gemeinde-Leitern und Täufern), und dies schon lange vor der Verfolgungszeit. Hier liegt m. E. der Punkt, wo wir vielleicht etwas lernen könnten.

Sie wissen alle um den Niedergang des Bußsakramentes, der Beichte im Leben der Gläubigen bei uns. Was das Bedenkliche, ja das Schlimme ist: mit dem Niedergang der Beichte ist auch geschwunden das Bewusstsein von Sünde und Schuld, das Bewusstsein für Erlösungsbedürftigkeit und Vergebung - weil andere, legitime Formen der Sündenvergebung viel zu lange verdrängt, verschwiegen, den Gläubigen vorenthalten worden sind. Eine Parallelentwicklung in Bezug auf die Eucharistiefeier ist m. E. schon offenkundig. Die Zahl der Teilnehmer nimmt rapide ab - und das, obwohl gerade durch das 2. Vatikanische Konzil die Eucharistiefeier in das Zentrum des Gemeindelebens gerückt worden ist und eine Aufwertung wie nie zuvor erfahren hat. Die Kehrseite dieser Aufwertung indessen war (das ist jedoch nicht die Schuld des Konzils), dass die Eucharistiefeier faktisch die einzige Gottesdienstform geworden ist. Andere Gottesdienstformen, andere gemeinschaftliche Formen, den Glauben zu üben und zu vollziehen, sind eines sanften oder gewaltsamen Todes gestorben. Übrig geblieben ist von den vielfältigen Formen des Gottesdienstes, von den Formen, den Glauben zu vollziehen, faktisch nur die Eucharistiefeier. Das ist verhängnisvoll - auch für die Eucharistiefeier selbst, weil sie eingebettet sein muss in ein umfassendes geistliches Leben der Gläubigen.

Hinzu kommt noch etwas anderes. Die zahlenmäßige Ausweitung der heiligen Messen ist unübersehbar. Jedes Grüppchen verlangt aus allen möglichen Gründen für die eigenen Bedürfnisse eine heilige Messe. Das alles wird bei dem immer spürbarer werdenden Priestermangel mit Notwendigkeit in absehbarer Zeit zu einem Kollaps führen. Die ausreichende "Versorgung" der Gemeinden ist dann - wie gesagt wird - nicht mehr gewährleistet. Da die Gläubigen aber ein "Recht auf die Eucharistie" haben (so wird argumentiert), müssen die Verantwortlichen dafür sorgen, dass die "Versorgung" der Gemeinden sicher gestellt ist. Da aber die zur Verfügung stehenden Priester den Bedarf nicht mehr decken, ist darüber nachzudenken, wie dem Mangel begegnet wird. Es wird über die Lockerung bzw. die Aufhebung des Zölibats gesprochen, aber auch über die Frauen-Ordination. Ich vermute, Sie alle sind schon in irgendeiner Weise diesen Überlegungen und Argumentationen in den vergangenen Jahren begegnet. Wir alle spüren aber auch, dass dies nicht mehr eine nebensächliche Frage ist.

Zunächst ist zu überlegen und zu fragen, ob es überhaupt so etwas gibt wie ein "Recht auf Eucharistie" seitens der Gemeinden. Ein solches Recht auf Eucharistie gäbe es m. E. nur, wenn die Eucharistiefeier "heilsnotwendig" wäre. Das ist eindeutig nicht der Fall. Der Glaube allein ist heilsnotwendig. Und nur insofern die Eucharistiefeier eine Aus- und Einübung des gemeinsamen Glaubens ist (mit dem Essen des eucharistischen Brotes als dem dichtesten "Ausdruck" des Glaubens), kann man von der Wichtigkeit, nicht jedoch von der Notwendigkeit der Eucharistiefeier sprechen - denken Sie in diesem Zusammenhang nur an die japanischen Christen, die über 200 Jahre ohne die Eucharistie leben mussten und doch den Glauben bewahrt haben! Meines Erachtens steht hinter der Auffassung, es gebe ein "Recht auf Eucharistie", ein falsches, ein fast magisches Verständnis von Eucharistie und Kommunion. Und wenn heute die Eucharistiefeier von den vielen Formen, den Glauben zu üben, faktisch allein übrig geblieben ist, dann signalisiert das eine beklagenswerte Verarmung des christlichen Lebens, auf keinen Fall eine Bereicherung.

Welche Folgerungen ergeben sich daraus? Ich halte es vor allem für notwendig und unabdingbar, neue Formen von Gottesdiensten auszubilden bzw. alte Formen neu zu beleben - und zwar als konkrete Einübungen des Glaubens; als "Weisen", mit Jesus Christus, mit Gott, unserem Vater im Himmel, zu kommunizieren. Das ist kein kümmerlicher Ersatz für die Eucharistiefeier, nicht von minderer Qualität, eine Notform. Sie sind vielmehr der schützende Raum, ohne den die Eucharistiefeier über kurz oder lang zu einem magischen Tun verkommt, weil es nicht mehr um die persönliche Kommunikation mit dem persönlichen Gott geht, sondern nur noch um die Selbstdarstellung der zusammen kommenden Gemeinde. Ich bin überzeugt: hier liegen die wahren Bedürfnisse der glaubenden Menschen bzw. die eigentlichen Defizite in der Seelsorge. Und die Befriedigung dieses Grundbedürfnisses, den Glauben an Gott, unseren Vater, an Jesus Christus, unseren Erlöser, zu vollziehen, ist nicht an das Priesteramt, ist auch nicht notwendig an die Eucharistiefeier gebunden. Sie ist ebenso die Aufgabe des gläubigen Christenmenschen, also der Laien. Das wäre auch die beste Sicherung gegen ein rein funktionales Denken und ein rein funktionales Verständnis des kirchlichen Amtes und des Priestertums, wie es bei uns gang und gäbe ist. Die Krise des Glaubens und des geistlichen Lebens aller Gläubigen ist auf diesem Weg nicht zu überwinden, auch wenn jedes Grüppchen und jeder Verein seinen geweihten Priester bekommt, einen zölibatären, einen verheirateten oder einen weiblichen Geschlechts. Auf diesem Weg ist das spirituelle Defizit, ja Vakuum nicht zu überwinden. Ohne die Erneuerung bzw. die Vertiefung der Spiritualität aller im pastoralen Dienst Stehenden, aber auch der einfachen Gläubigen, ohne eine neue Belebung und Pflege des Gebetes ist alles Bemühen zum Scheitern verurteilt, wird die Misere nicht behoben, sondern nur noch verstärkt.

Kehren wir zurück zu den Christen von Nagasaki, die ihren Glauben über 200 Jahre lang bewahrt haben. Würden sie sich heute noch zu erkennen geben? Würden sie heute noch das "gleiche Herz" in uns entdecken können? Haben wir noch das "gleiche Herz" wie jene unterdrückten und verfolgten Christen von Nagasaki? Zur Ergänzung sei noch gesagt: Zwei Jahre nach der "Wiederauffindung" der Geheim-Christen von Nagasaki und der umliegenden Inseln wurden etwa 4.000 von ihnen deportiert; sie mussten z. T. fünf Jahre in KZ's verbringen, wo viele von ihnen als Märtyrer für ihren Glauben starben. Und am 9. August 1945 verglühte "die heiligste Gemeinde des Inselreiches" (wie Thomas Immoos in einem eindrucksvollen Text schreibt) im Blitz der Atombombe. Die Kathedrale von Urakami war das erklärte Ziel des Bombenabwurfs und Zentrum der Explosion. Über 10.000 "Alt-Christen" starben. Vor diesem Ernst müssten unsere Antworten bestehen. Daran würde sich auch erweisen, ob in uns noch das "gleiche Herz" schlägt.

 

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