Feste im Kirchenjahr

Kreuzerhöhung

Allerheiligen

Herz-Jesu-Fest

 

Fest der Verklärung Christi

Erntedankfest

Jahresende

 

Fronleichnamsfest: "Danksagung für Erlösung"

Einführung

In dieser Eucharistiefeier steht vor unseren Augen das Geheimnis der Gegenwart Gottes unter uns Menschen. Damit ist angesprochen unser Verhältnis zum Herrn. Sind wir uns dessen bewusst, dass das eucharistische Brot, das uns gereicht wird, nach dem Willen Jesu das Zeichen, ja das Unterpfand seiner Nähe zu uns, der wirklichen Begegnung mit ihm ist? Dass das eucharistische Brot aber auch der Ausdruck der Gemeinschaft derer ist, die an Jesus Christus als den Heilbringer glauben? Besinnen wir uns darum heute am Fronleichnamsfest auf den Herrn, um dessen Altar wir versammelt sind; der unter uns gegenwärtig werden will, und bitten wir um Glauben! Bitten wir aber auch um die Kraft, ihm Dank zu sagen für seine Huld und Güte, für seine Liebe zu uns Menschenkindern!

    Herr Jesus Christus, du hast den hungernden Menschen, die zu dir kamen, Brot gegeben
    - Herr, erbarme dich!
    Du hast denen, die an dich glauben, aufgetragen, deine Leben gewährende Botschaft in die Welt zu tragen
    - Christus, erbarme dich!
    Du willst von uns empfangen werden als das Brot des Lebens
    Herr, erbarme dich!

Es erbarme sich unser der allmächtige Gott! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Voll Vertrauen beten wir zu unserem Herrn Jesus Christus, der uns immer wieder zu seinem Gastmahl einlädt:

  • Für die Kirche: Leite sie an, gläubig und würdig die heiligen Geheimnisse zu feiern!
  • Für die getrennten Christen: Führe sie zur Einheit im Glauben und zur Gemeinschaft an deinem Tisch!
  • Für die Bedrängten und Mutlosen: Stärke sie durch die Kraft der heiligen Speise!
  • Für unsere Verstorbenen: Geleite sie zum himmlischen Gastmahl!

Gott, allmächtiger Vater, das Sakrament der Einheit festige unsere Liebe und mehre unseren Glauben! Das gewähre uns durch Christus, unseren Herrn! Amen.

Predigt

Das Thema des heutigen Festes ist das Geheimnis der Gegenwart Gottes unter uns Menschen. Zugleich ist damit unser Verhältnis zum Herrn angesprochen, und es wird gefragt nach der Möglichkeit, ja der Notwendigkeit der Begegnung mit ihm in der heiligen Kommunion. Gerade der Abschnitt aus dem Johannes-Evangelium, den wir eben gehört haben, stellt uns vor diese Fragen: Was bedeutet uns Eucharistie? Was bedeutet uns eigentlich "Kommunion"?

Zunächst sollten wir uns vor Augen halten: In den Begriffen "Eucharistie" und "Kommunion" wird eine Beziehung ausgesprochen; wird eine Bezugsperson genannt: Jesus von Nazareth, in dem wir den Christus, den Sohn Gottes, Gott selber sehen und glaubend anerkennen. Das bedeutet aber: Wir sagen Ja zu ihm, der uns "erlöst" hat. "Erlösung" heißt für uns Christen: In diesem Jesus haben wir das Fundament unseres Lebens gefunden - in diesem Sinn: Nicht wir sind es, die in Beziehung zu Jesus Christus treten. In ihm tritt Gott zu uns in Beziehung. Er stellt von sich aus das gestörte Verhältnis wieder her. Nicht wir also versöhnen Gott mit uns (wie man es eigentlich erwarten müsste, weil wir ja gefehlt haben), sondern "Gott hat in Christus die Welt mit sich versöhnt" (2. Kor. 5, 19). Gott wartet nicht, bis die Schuldigen kommen und sich mit ihm versöhnen (dann könnte er wohl noch lange warten!), sondern er geht uns entgegen und versöhnt uns mit sich. Das Kreuz unseres Herrn steht deshalb auch nicht da als eine Versöhnungsleistung, die die Menschheit aus ihrem Eigenen Gott anbietet; sondern das Kreuz ist der Ausdruck jener Liebe Gottes, die sich in die Erniedrigung weggibt, um so den Menschen, um uns zu retten. Sind wir im Ernst davon überzeugt, gerettet zu sein durch die erbarmende Tat des gnädigen Gottes? Trifft das Kreuz und der Tod dessen, der am Kreuz gestorben ist, uns wirklich bis ins Herz?

In Jesus Christus hat Gott also uns gerettet, "erlöst". Der Mensch rettet, er "erlöst" sich nicht selbst. Er zieht sich nicht am eigenen Schopf aus dem Sumpf der Gottferne und der Gottfeindschaft heraus. Mit dieser Gegebenheit des Menschen, zu der wir Christen uns bekennen, erhält nun aber die Verehrung Gottes, das religiöse Tun, ja die ganze Existenz des Menschen eine neue Richtung. Anbetung und Verehrung Gottes sind in erster Linie das dankbare Empfangen der göttlichen Heilstat. Die zentrale, die wesentliche Form des christlichen Kultes heißt daher mit Recht "Eucharistia = Danksagung". Hier werden keine menschlichen Leistungen vor Gott gebracht. Vielmehr lässt der Mensch sich von Gott beschenken. Wir verherrlichen Gott, indem wir uns seine Gabe schenken lassen und uns ihr öffnen; indem wir ganz und gar Empfangende werden. Das bedeutet, dass wir unsere eigenen Rechtfertigungsversuche getrost beiseite tun; sie sind im Grunde doch nur Ausreden.

Unsere entscheidende Tat Gott gegenüber ist also das dankbare Ja zu der Tatsache, dass wir in Jesus Christus gerettet, "erlöst" sind. Dieser Dank aber ist nicht anders auszusprechen als mit der ganzen Existenz. Wir können Gott in unserem Dank mit keiner anderen Liebe zufrieden stellen, als mit einer Liebe, die unser ganzes Leben durchdringt; die also ihr Maß nur in der Liebe Gottes selber findet.

Aber wir gedenken nicht nur der erlösenden Liebe Gottes in Jesus Christus. Diese erlösende Liebe Gottes wird vielmehr sichtbar und gegenwärtig. Sie wird sichtbar und gegenwärtig in der Feier, die Jesus denen, die an ihn glauben, aufgetragen hat; die wir auch jetzt miteinander feiern. Seine Worte ("Dies ist mein Leib - Dies ist mein Blut"), die bei der Wandlung gesprochen werden, bedeuten nichts anderes als den Hinweis auf seine Liebe bis in den Tod. Und "Leib" und "Blut", die er für uns hingibt, weisen darauf hin, dass er nicht irgendetwas, nur einen "Teil" seiner selbst, sondern sich ganz, sein Leben für uns hingibt. Er setzt sich ganz für uns ein; er nimmt nichts aus. Und wenn wir - nach seinem Willen - das eucharistische Brot essen, d. h. den "Leib" des Herrn empfangen, dann sagen wir mit diesem "Essen" Ja zur Hingabe Jesu für uns. Dann gewinnen wir Anteil an ihm. Das ist der eigentliche Sinn und Inhalt von Kommunion: Nicht dass wir uns irgendetwas aus der Welt des Göttlichen mitteilen lassen; sondern dass er sich selbst uns schenkt; dass wir ihm begegnen dürfen, dem wir unser Heil verdanken. Gewiss geschieht diese Begegnung in der Verborgenheit des Zeichens. Aber auch so können und sollen wir uns von seiner Gesinnung durchdringen lassen, können wir seine Liebe und Hingabe in unserem Leben verwirklichen.

Wenn aber unsere wesentliche Tat Gott gegenüber die Danksagung ist; wenn die Feier der Danksagung, die Eucharistie, der eigentliche "Ort" unserer Christusbegegnung ist; und wenn das eucharistische Brot, das wir nach Jesu Wort essen sollen, das sichtbare und greifbare Zeichen seiner Nähe und Gegenwart, seiner Liebe bis in den Tod darstellt, dann ergeben sich einige Fragen, denen wir nicht ausweichen dürfen. Was bedeutet uns eigentlich die Feier der Eucharistie? Ist sie uns nur eine lästige Pflichtübung am Sonntag, der wir uns nicht entziehen können, zu der wir uns noch treiben und drängen lassen? Oder ist sie für uns die Gelegenheit des Betens, der Kontaktnahme mit Gott und mit Jesus Christus; die Gelegenheit, die Grundhaltungen einzuüben, die Jesus uns vorgelebt hat, und die auch in unserem Leben eine entscheidende Bedeutung haben? Was bedeutet uns Kommunion, der Empfang des eucharistischen Brotes, des Leibes Christi? Sind wir uns dessen bewusst, dass das eucharistische Brot nach dem Willen Jesu das Zeichen, aber auch die Garantie der wirklichen Begegnung mit ihm ist, zugleich aber auch der Ausdruck der Gemeinschaft derer, die an Jesus Christus als ihr Heil glauben? Sind wir davon überzeugt, dass der Empfang des eucharistischen Brotes nach dem Willen Jesu die dichteste Form des konkretisierten und praktizierten Glaubens ist, die mit keiner anderen Form des Glaubensvollzugs vergleichbar ist?

Unsere Besinnung heute am Fronleichnamsfest kann, so meine ich, nicht anders ausklingen als mit der Bitte an ihn, um dessen Altar wir versammelt sind, dass er uns und unseren Glauben, dass er unser Bemühen um den Glauben segnen möge.

 

Herz-Jesu-Fest: "Zeichen der göttlichen Liebe"

Einführung

Die Propheten des Alten Bundes haben als das tiefste Geheimnis Gottes seine Liebe erkannt, und zwar die Liebe zu seinem Volk, das dieser Liebe immer wieder davon lief. In Jesus Christus ist diese Liebe Gottes sichtbar und greifbar geworden. Das Kreuz von Golgotha ist das Zeichen dieser Liebe bis in den Tod. Das geöffnete Herz unseres Herrn ist das Symbol dieser liebenden Hingabe. Heute am Herz-Jesu-Fest wollen wir uns zu Beginn der Eucharistiefeier besinnen: Wir gedenken der göttlichen Liebe in großer Dankbarkeit. Wir bitten um Vergebung für allen Undank, für die mangelnde Liebe und Hingabe - ihm, unserem Herrn, gegenüber; aber auch gegenüber unseren Brüdern und Schwestern.

    Herr Jesus Christus, um uns zu retten, hast du die Schmach des Kreuzes auf dich genommen:
    - Herr, erbarme dich!
    Du hast als Zeichen deiner Liebe zu uns dein Herz durchbohren lassen:
    - Christus, erbarme dich!
    Du willst, dass wir deine Liebe weitertragen zu den Mühseligen und Beladenen:
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Voll Vertrauen rufen wir zu Gott, dem Vater unseres Herrn Jesus Christus, dessen Herz für uns durchbohrt worden ist, und das für alle offen steht, die an ihn glauben:

  • Für die Christen in aller Welt: dass sie ihr Vertrauen ganz auf die Liebe Jesu setzen!
  • Für die Völker der Erde, die so oft vom Hass bedroht sind: dass sie die Botschaft von der göttlichen Liebe hören und begreifen!
  • Für die Menschen, die in Not sind: dass die Glaubenden ihnen Liebe erweisen und Verständnis schenken!
  • Für uns alle: dass wir uns der Liebe unseres Erlösers öffnen!
  • Für unsere Verstorbenen: dass sie in deiner Liebe Zugang zur Herrlichkeit des Himmels finden!

Gütiger Gott, entzünde in uns die Liebe, von der das Herz deines Sohnes erfüllt war! Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn. Amen.

Predigt

Haben die Menschen, haben wir noch einen Zugang zum Herz-Jes-Fest, das wir heute begehen, überhaupt zur Herz-Jesu-Verehrung? Halten wir es nicht mit der Herz-Jesu-Verehrung wie mit einer Statue, die zu bestimmten Zeiten aufgestellt wird, um sie dann wieder schamhaft verschwinden zu lassen? Etwa weil der Anblick der Herz-Jesu-Statuen unser künstlerisches Empfinden beleidigt? Was jedenfalls deutlich wird, ist dies: Wir haben keinen rechten Zugang mehr zum Verstehen und zur Verehrung des Herzens Jesu. Ja, das Schwinden der Herz-Jesu-Verehrung deckt offensichtlich ein Defizit auf, das im Leben der Gläubigen mit Händen zu greifen ist. Stehen wir vielleicht im tiefen Herzen der Liebe Gottes, die in Jesus Christus sichtbar geworden ist, und für die das am Kreuz durchbohrte Herz unseres Herrn ein Zeichen ist, verständnislos gegenüber? Empfinden wir seine Liebe nicht aufdringlich, ja peinlich?

Als das Christentum in die Öffentlichkeit der Welt trat, da war sein Zeichen, das Kreuz, "den Juden ein Ärgernis und den Heiden eine Torheit" (1. Kor. 1, 23). Jahrhunderte lang haben selbst die Christen es nicht gewagt, ein Bild der Kreuzigung herzustellen und zu verehren. Die Schmach war zu groß. Wir haben uns an den Anblick des Gekreuzigten so sehr gewöhnt, dass wir leicht vergessen, was da zu sehen ist: der Leichnam eines Hingerichteten, von dem unser Glaube bekennen soll: "Dieser war wirklich Gottes Sohn!" (Mt. 27, 54) Die Theologie und die Frömmigkeit haben das Ärgernis des Kreuzes weitgehend überwunden, und die Kunst ist ihnen gefolgt. War es immer die Überwindung durch einen Glauben, der im Zeichen des am Kreuz Hingerichteten die göttliche Liebe erkannte? Ist nicht oft das Geschehen auf Golgotha, ist nicht die "Torheit" der göttlichen Liebe durch den Glanz der künstlerischen Darstellung verdunkelt, ja zugedeckt worden? Sogar vor der erschreckend realistischen Darstellung des Isenheimer Altars gerät doch heute jeder Snob in ästhetische Verzückung.

In der Tat, einem solchen Betrachter muss die Herz-Jesu-Darstellung, wie sie uns Älteren noch vertraut ist, als kitschig, als deplaziert, ja als peinlich erscheinen. Selbst in unseren Kirchen schämen wir uns, einen solchen Heiland zu haben, der sich in einer solchen Weise darstellen und verehrten lässt. Aber Jesus schämt sich nicht, sagt der Hebräerbrief (2, 11), uns "seine Brüder zu nennen", obwohl er weiß, dass mit seiner "Verwandtschaft", also mit uns kein Staat zu machen ist; obwohl er weiß, wie sehr wir durch unsere plumpe Vertraulichkeit und durch unsere frommen Sprüche den Unterschied zwischen ihm und uns verdunkeln, ihn in Misskredit bringen. Offenbart unsere Kritik an der Darstellung des Herrn und seines geöffneten Herzens nicht vielleicht ein Unverständnis für den Herrn selbst und seine Liebe zu uns Menschen? Wo steht denn geschrieben, dass seine Erscheinung unserem Geschmack entsprechen müsse? Es heißt vielmehr: "Nicht Gestalt ist an ihm, nicht Schönheit, dass wir ihn anschauen möchten, und kein Ansehen, dass wir Gefallen hätten an ihm; wie einer, vor dem man sein Antlitz verhüllt, so war er verachtet; wir schätzten ihn nicht." (Jes. 53, 2-3)

Wenn es also nur Äußerlichkeiten wären, die uns an Jesus Christus stören und nicht gefallen, das ginge noch dahin. Aber dass er so bewusst sein Herz öffentlich zur Schau stellt; dass er sein Innerstes, sein Denken und Fühlen und Empfinden uns Menschen freigibt, das geht uns nicht so recht in den Sinn. Das empfinden wir als eine Zumutung. Gott jedenfalls denkt anders als wir. Er hat - wie Paulus einmal sagt - seinen Sohn "als Sühnemittel öffentlich zur Schau gestellt" (Röm. 3, 25); und "alle Völker der Erde sollen auf ihn schauen, den sie durchbohrt haben" (Off. 1, 7). Der heilige Augustinus spricht einmal von der "heiligen Schamlosigkeit" Gottes und der göttlichen Liebe zu uns Menschen. Diese göttliche Liebe ist aufdringlich und eifersüchtig; sie lässt sich anspeien und durch die Gosse ziehen; noch am Kreuz betet sie für ihre Widersacher. Sollten wir als Glaubende nicht dankbar sein für dieses geöffnete Herz, für dieses Symbol der göttlichen Liebe, über das die "Vernunft-Leute" freilich nur den Kopf schütteln, die "Weisen und Klugen", wie es im Evangelium heißt?

"Selig, wer sich an mir nicht ärgert!" Dieses Wort Jesu gilt sicher auch von der Verehrung seines Herzens, diesem Zeichen und Unterpfand der göttlichen Liebe. Hat Jesus mit diesem Wort sagen wollen, dass er "kein Zeichen des Widerspruchs" (Röm. 9, 32) sei? Gewiss nicht! Die Seligkeit ist nur dem verheißen, der das Ärgerliche und Peinliche, der das Anstößige im Glauben überwindet. Die Torheit der göttlichen Liebe können wir nicht umlügen in weltliche Weisheit. Der Herrn hat für uns sein Herz durchbohren lassen, weil er uns liebt. Und kennen wir nicht sein Wort: "Kommt zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele. Denn mein Joch drückt nicht und mein Last ist leicht." (Mt. 11, 29-30) Scheuen wir uns nicht, schämen wir uns nicht, seinem Ruf zu folgen und von ihm zu lernen! Freilich, da ist nichts, was süß und verlockend wäre nach dem Geschmack der Welt; was "Vergnügen" und "Spaß" bereitet. Wer jedoch ihm glaubt, wer an Jesus Christus glaubt und seiner Liebe vertraut, der wird "kosten und sehen, wie gut der Herr ist" (Ps. 33, 9).

 

Fest der Verklärung Christi: "Durch das Kreuz zur Herrlichkeit"

Einführung

Die Kirche begeht heute das Fest der Verklärung des Herrn auf dem Berge. Nicht nur die Evangelien berichten davon. Auch die Lesung aus dem 2. Petrusbrief ist ein Reflex dieses Ereignisses. Von der Verklärung des Herrn auf dem Berg fällt ein Licht auch in unser Leben. Denn aller Verzicht, jegliches Opfer, zu dem wir als Christen bereit sein sollen, gründet letztlich in einer frohmachenden Gewissheit. Nicht das Negative, das Verneinende ist das Erste und Letzte unseres Christseins, sondern die Hinwendung zu etwas Schönem und Gutem, zu dem Guten schlechthin; zu Gott, der sich uns offenbart hat in Jesus Christus als der, der uns geliebt und sich für uns hingegeben hat. Wir wollen uns darum wieder darauf besinnen, dass wir einem Herrn dienen, der uns begeistern kann. Und wir wollen ihn, der uns in seine Nähe, in seine Nachfolge gerufen hat, bitten, Nachsicht und Erbarmen zu haben mit unseren Schwächen, Fehlern und Sünden.

    Herr Jesus Christus, du hast den Jüngern auf dem Berg deine göttliche Herrlichkeit offenbart:
    - Herr, erbarme dich!
    Du hast dich ihnen offenbart als das Licht und das Heil der Welt:
    - Christus, erbarme dich!
    Du hast auch uns berufen zur Herrlichkeit des neuen Lebens mit dir:
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Lasst uns voll Vertrauen beten zu unserem Herrn Jesus Christus, der seine Herrlichkeit den Jüngern offenbart und sie in seiner Nachfolge bestärkt hat!

  • Du nahmst deine Jünger mit auf den Berg um zu beten: Schenke uns im Gebet die Kraft, für dein Reich zu wirken!
  • Du wurdest vor den Augen deiner Jünger verklärt: Lass uns nie vergessen, dass du auch uns zur Seligkeit bei dir berufen hast!
  • Mose und Elia sprachen mit dir über dein Leiden und Sterben: Schenke uns Mut auf unserem Lebensweg, auch wenn Kreuz und Leid uns treffen!
  • Eine Stimme vom Himmel offenbarte dich als Gottes auserwählten Sohn: Festige unseren Glauben an dich, unseren Herrn und Eröser!
  • Du willst, dass alle einmal dich in deiner Herrlichkeit schauen: Schenke unseren Verstorbenen Leben und Freude in Fülle!

Herr Jesus Christus, du hast uns einen Blick tun lassen in deine göttliche Herrlichkeit. In dir ist Licht, Erlösung und Heil. Auf dich schauen wir. Dich preisen wir jetzt und alle Tage unseres Lebens. Amen.

Predigt

Die Erzählung von der Verklärung des Herrn auf dem Berge folgt der Ankündigung Jesu, dass der Messias leiden müsse. Die Jünger waren verwirrt, geschockt, erschreckt. Sie brauchten viel Zeit, um das zu verarbeiten. Deshalb sucht Jesus sie in den anschließenden Unterweisungen in dieses Grundgesetz menschlichen und christlichen Lebens einzuführen. Es gibt für die Kinder Adams nur einen Weg zum Heil: den Weg des Verzichtes, des Opfers, der Hingabe an den Willen Gottes. "Nimm mich mir und gibt mich ganz zu eigen dir!" - So betete der schlichte Bauer Klaus von Flüe, den die Kirche zu ihren Heiligen zählt. In der Tat, dieser schlichte Mann hat Jesus verstanden - ihn, der es richtig fand, "dass der Urheber des Heils... sich durch Leiden vollendete" (Hebr. 2, 10).

Natürlich hat auch Jesus das Leiden nicht gewünscht; er hat es auch nicht gesucht. Es wurde ihm auferlegt zum Heile seiner Brüder. Und wir alle müssen seinen Weg gehen; wir alle müssen, wenn wir ihm nachfolgen wollen, uns selbst hintansetzen und sein Joch auf uns nehmen. Durch "Sterben" gewinnt man das Leben - das ist übrigens auch der Sinn der Symbolhandlung der Taufe. Wer seinen eigenen Weg zu gehen versuchte; wer um seiner menschlichen Wünsche willen das Joch des Herrn abschütteln möchte, der kann das Leben doch nicht festhalten; der verliert dazu noch die "Seele", das eigentliche Leben.

Auch Jesus hat als wahrer Mensch die geheimnisvolle Führung Gottes lernen müssen, wie der Hebräerbrief sagt. Er musste seine grundsätzliche Zugehörigkeit zum Vater im Himmel im irdischen Leben erst realisieren und lernen, was es für Menschen heißt, Gott über alles zu lieben, von ganzem Herzen, aus ganzer Seele, aus allen Kräften. Und wenn das ihm schon Tränen kostete, wie das Evangelium berichtet, wie kann es uns verwundern, wenn wir uns schwer tun, um dies zu lernen?

Bei der Verklärung auf dem Berge gibt der himmlische Vater Jesus, aber auch seinen nächsten Freunden ein Zeichen, um sie angesichts des Leidens zu trösten und aufzurichten. Sie waren gemeinsam auf den Berg gestiegen. Und während die Apostel schliefen, betet Jesus. Und dann erleben die Jünger beim Erwachen die Herrlichkeit des Himmels um ihren Meister. Mose und Elija, die großen Fürsprecher des Volkes, stehen neben der leuchtenden Gestalt des Herrn und reden mit ihm; ohne Zweifel von all dem, was sie alle in diesen Tagen so tief bewegte. So wie am Ölberg der Engel des Herrn nahe sein wird und ihn tröstet, so bedeutet hier die Gegenwart der großen Fürbitter und Helfer des auserwählten Volkes: Du bist nicht allein; die Boten Gottes sind da; der himmlische Vater selbst ist bei dir. "Du bist mein geliebter Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe."

In diesem Moment ist den Jüngern aufgegangen: Alle Trübsale dieser Zeit sind nur "augenblicklich und leicht"; denn sie wandeln sich in eine "überschwänglich reiche, gewaltige Fülle ewiger Herrlichkeit", wie Paulus im 2. Brief an die Christen in Korinth schreiben wird. Dies zu begreifen, wenn auch nur anfanghaft, und vor lauter Seligkeit aufzujubeln, das ist die Reaktion des Petrus: "Lasst uns drei Hütten bauen und hier bleiben!" Hütten baute man am Laubhüttenfest; an diesem Festtag erinnerten sich die Juden an die Zeit der Wüstenwanderung des Volkes Israel. Zugleich kam darin zum Ausdruck die Hoffnung auf die endgültige "Ruhe", die Gott selber einmal seinem Volk bereiten werde. Petrus zeigt mit seiner Äußerung, dass er im Irrtum ist. Er meint ja, die endzeitliche "Ruhe" sei schon angebrochen, wo Gott und seine himmlische Welt auf Erden "zelten". Gewiss hat Gott in Jesus Christus sein "Zelt" schon unter uns Menschen aufgeschlagen, wie es im Johannes-Evangelium heißt. Aber dies ist in seiner ganzen Tragweite noch nicht offenbar geworden. Das wird erst geschehen "am letzten Tag".

Worum geht es in unserer Erzählung von der Verklärung Jesu? Sie ist Teil der Selbstoffenbarung des Herrn und der allmählichen Erkenntnis der Jünger, dass Jesus wirklich der erwartete Messias ist, auf dem in besonderer Weise Gottes Wohlgefallen ruht. Nach Gottes Plan ist mit ihm die Heilszeit angebrochen. In diesem Jesus, und zwar in dem, der unmittelbar vorher sein Leiden und Sterben angekündigt hat, erfüllen sich die Weissagungen der Propheten - Mose und Elija sprechen ja mit ihm - so steht es beim heiligen Lukas - über seinen Tod in Jerusalem. Der leidende Gottesknecht rettet so und nur so nach Gottes Plan die Menschen, die sich von Gott abgewandt hatten. Jesu Weg zur Verherrlichung bei Gott, wie sie in der Verklärung auf dem Berg vorweg genommen wird, führt durch das Tor von Leid und Kreuz.

Wenn hier aber der eigentliche Kern unserer Begebenheit liegt, dann ist verständlich, warum die drei Jünger von ihrem Erlebnis niemand erzählen sollten, ja erzählen konnten. Wer hätte ihnen diese unglaubliche Geschichte abgenommen? Diese Botschaft vom leidenden Messias, vom leidenden Gottesknecht mussten sie erst noch verarbeiten. Erst im Miterleben des Leidens und Sterbens Jesu, vor allem aber im Miterleben seiner Auferstehung wird ihnen der Zusammenhang klar werden, das, was der Auferstandene den Jüngern von Emmaus sagen wird: "Musste nicht der Messias dies alles leiden, um so in seine Herrlichkeit einzugehen?" Jesus ist der Messias nicht deshalb, obwohl er leidet und stirbt; er ist der Messias gerade aus dem Grund, weil dies geschieht. Leid und Kreuz sind also nicht ein dummes Missgeschick, das Jesus trifft. Sie sind vielmehr nach Gottes Willen der vorgezeichnete Weg Jesu in die Herrlichkeit des Vaters.

Und hier mündet die Geschichte von der Verklärung Jesu auf dem Berge in unser eigenes Leben. Nicht nur die Jünger damals waren gefragt. Auch wir sind die Gefragten: Wie stellen wir uns zur Botschaft vom Leiden und Sterben Jesu, zur Botschaft vom Messias, der durch Kreuz und Leid zur Herrlichkeit gelangt? Ist Kreuz und Leid für uns nur das unter allen Umständen zu Vermeidende, oder sehen wir darin auch die Gelegenheit, den Anruf, dem ähnlich zu werden, dessen Namen wir tragen? Wenn Kreuz und Leid uns treffen, dann werden wir gewiss nicht jubeln. Dann sollten wir jedoch wissen: das spricht nicht gegen unseren Glauben; damit ist nicht gesagt, dass wir falsch liegen. Das Kreuz unseres Herrn zeigt uns, dass Gott uns liebt, und wie sehr er uns liebt. Er war ganz für uns da bis in den Tod. Diese sichtbar gewordene Liebe ruft nach unserer Antwort. Sie ruft nach dem Dank des erlösten Menschen. Wir haben unser dankbares Ja zu sagen zu der Tatsache, dass wir diesem Jesus alles verdanken. Und das bedeutet, dass auch in unserem Leben das Grundgesetz seines Lebens sichtbar werden wird: das Dasein für die anderen; die Liebe zu unseren Brüdern und Schwestern, und dies ohne Vorbehalt. Nur so gelangen wir zur Herrlichkeit bei ihm.

 

Fest Kreuzerhöhung: "Im Kreuz ist Heil"

Einleitung

Die Kirche begeht heute das Fest "Kreuzerhöhung". Nach der christlichen Überlieferung soll Helena, die Mutter von Kaiser Konstantin, auf dem Hügel von Golgotha das Kreuzesholz gefunden haben, an dem Jesus gekreuzigt wurde und gestorben ist. Diese Reliquie wurde in der Grabes-Basilika aufbewahrt und gezeigt, die Konstantin über dem Golgotha-Hügel und über dem Grab Christi erbauen ließ. Wir begehen heute diesen Festtag aber nicht nur als ein geschichtliches Ereignis. Wir gedenken an diesem Tag des Liebestodes Jesu für uns. Im Eingangsvers der Heiligen Messe heißt es: "Wir rühmen uns des Kreuzes unseres Herrn Jesus Christus. In ihm ist uns Heil geworden und Auferstehung und Leben. Durch ihn sind wir erlöst und befreit." Wir wollen uns darum wieder auf diese Grundbotschaft unseres Glaubens besinnen und uns zu dieser Botschaft bekennen.

    Herr Jesus Christus, du hast dich entäußert und wurdest wie ein Sklave:
    - Herr, erbarme dich!
    Du wurdest gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz:
    - Christus, erbarme dich!
    Durch dein Kreuz hast du uns das Tor des Himmels geöffnet:
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Lasset uns voll Vertrauen zu unserem Herrn Jesus Christus beten, der durch sein heiliges Kreuz die Welt erlöst hat:

  • Du hast dich entäußert, du wurdest wie ein Sklave und den Menschen gleich: Gib, dass die Welt deine Liebe erkennt!
  • Du wurdest gehorsam ist zum Tod am Kreuz: Hilf den Leidenden, ihr Geschick anzunehmen!
  • Gott hat dir den Namen verliehen, der alle Namen übertrifft: Steh allen bei, die sich zu diesem Namen bekennen!
  • Durch dein Kreuz hast du das Tor des Himmels geöffnet: Nimm unsere verstorbenen Brüder und Schwestern auf in deine Herrlichkeit!

Herr Jesus Christus, wir beten dich an und preisen dich. Denn du hast die Welt erlöst durch dein Leiden und Sterben. Dir sei Lob und Dank in alle Ewigkeit! Amen.

Predigt

Das heutige Fest "Kreuzerhöhung" hat seinen Ursprung in Jerusalem. Dort wurde am 13. September des Jahres 335 die Konstantinische Basilika über dem Hügel von Golgotha und dem Grab Christi feierlich eingeweiht. Am darauf folgenden Tag, dem 14. September, wurde in der neuen Kirche dem gläubigen Volk zum ersten Mal das Kreuzesholz gezeigt (in der Sprache der Zeit: "erhöht") und verehrt, an dem Christus gestorben ist. Eine weitere geschichtliche Begebenheit ist mit dem Fest "Kreuzerhöhung" verbunden. Fast zweihundert Jahre nach der Erbauung der Grabes-Basilika hat der oströmische Kaiser Heraklius das heilige Kreuz, das bei der Plünderung Jerusalems von den Persern geraubt worden war, wieder nach Jerusalem zurückgebracht. An diese geschichtliche Begebenheit knüpft eine Legende an. Sie erzählt, dass Kaiser Heraklius selber das Kreuz Christi auf seinen Schultern nach Golgotha hinaufgetragen habe. Am Stadttor aber sei er nicht mehr weiter gekommen. Da habe ihm Bischof Zacharias von Jerusalem gesagt: "Merke, Kaiser, dass du mit diesem triumphalen Ornat bei der Kreuztragung allzu wenig die Armut und die Niedrigkeit Jesu Christi nachahmst." Und der Kaiser habe daraufhin seine Prunkgewänder abgelegt; und in einfachen und ärmlichen Kleidern vermochte er den Weg des Kreuzes zu Ende zu gehen.

Diese Legende kann uns - so meine ich - in einem ersten Schritt einiges über unser Christsein sagen. Die innere Wahrheit der Legende ist folgende. Wer sich Jesus Christus anschließt, wer ihm "nachfolgen" will, der muss bereit sein, auf die eine oder andere Weise Ballast abzuwerfen, was ihn daran hindert, weiter zu gehen. Eine Zeitlang kann unser Christsein in schöner Harmonie mit der Welt anscheinend ohne Probleme gelebt werden. Aber jede Generation und jeder einzelne von uns kommt irgendwann einmal an den Punkt, an das Tor, an dem es so wie bisher nicht mehr weiter geht. Jeder kommt an die Stelle, an der er sich entscheiden muss: Ob er bereit ist, einen Bruch auf sich zu nehmen und "komisch" zu erscheinen - oder sich des Kreuzes zu entledigen, es abzuwerfen. Entweder schließen wir einen Kompromiss nach dem anderen und verlieren unsere Redlichkeit und Glaubwürdigkeit - oder wir leben konsequent unser Christsein und geraten dann in die Isolation, in die Emigration. Dabei sollten wir uns immer bewusst bleiben, dass mit dem Glauben, dass mit dem Christsein in der Tat immer eine "Emigration", ein Hinausziehen vor die Tore der Stadt (vgl. Hebr. 13, 13) verbunden ist. Diese "Emigration" begann schon mit Abraham, dem Vater des Glaubens, der aus seiner Heimatstadt auszog, und der im gelobten Land selbst nur ein Mitbewohner, nur ein "Nebenbewohner" war, ein "Paröke", wie es im griechischen Text heißt. Merkwürdigerweise ist dieses griechische Wort zu unserem deutschen Wort "Pfarrei" geworden. Das Wort "Pfarrei" macht also noch diesen Zug unseres Glaubens, unseres Christseins deutlich: dass wir Christen in dieser Welt eigentlich nur "Nebenbewohner" sind - die um die eigentliche Heimat, die um die Stadt wissen, die Gott selbst zum Bauherrn hat. Vielleicht ist es gut, an diesem biblisch begründeten Wort "Pfarrei" festzuhalten, uns auf seine ursprüngliche Bedeutung zu besinnen. Jedenfalls hat das Wort einen tieferen Sinn als das Wort "Gemeinde".

Ein zweiter Schritt in unserer Betrachtung geht aus vom Kernsatz des heutigen Evangeliums und der Lesung aus dem Philipperbrief: "Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, ... das ewige Leben hat." "Er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz." Das Kreuz unseres Herrn ist nicht nur der Inbegriff alles dessen, was Menschen einander antun und antun können. Das Kreuz Jesu ist auch nicht nur das Zeichen des sinnlosen Sterbens eines Schuldlosen. Das Kreuz unseres Herrn ist vielmehr das Zeichen, ja das Offenbarwerden der Zuwendung, der Liebe, der Gnade und des Erbarmens Gottes mit uns Menschen. Freilich erschließt sich uns diese Dimension des Kreuzes erst im österlichen Licht, in der österlichen Gewissheit: "Gott hat Jesus auferweckt von den Toten." Der verherrlichte Gekreuzigte schenkt uns die Gewissheit: am Kreuz geschieht Heil; am Kreuz geschieht unser Heil; am Kreuz geschieht Rettung und Erlösung aus Schuld und Sünde.

Aber selbst das durch das österliche Licht verklärte Kreuz bleibt, solange wir fern vom Herrn weilen, für uns schwer und drückend; es erschließt seinen Sinn unserem inneren Verstehen nur mühsam - im Gegensatz zu vielem, was auch zur christlichen Botschaft gehört. Dass wir den Nächsten lieben sollen; dass die Armen und die Friedenstifter selig gepriesen werden; dass wir die "goldene Regel" beachten; dass wir uns nicht ängstlich sorgen sollen - all das ist letztlich nicht das spezifisch Christliche. Das Spezifikum des christlichen Glaubens, unserer Existenz als Christen bleibt nun einmal das Kreuz, das verklärte Kreuz unseres Herrn Jesus Christus. Hans Urs von Balthasar hat einmal davon gesprochen, dass die Menschheit dem Christentum alles abnimmt, was sie ihm abnehmen kann, weil es ihr unmittelbar dient und soweit es einsichtig ist. Übrig bleibt der unverdauliche Rest: das Kreuz Christi. Auch wir, die wir Glaubende sein wollen, stehen eigentlich immer "fassungslos" vor diesem Kreuz, unter dem Kreuz. Das Kreuz bietet keinen "Handgriff" zum Anfassen, zum Erfassen. Und das Kreuz bedrängt uns immer mit der Frage, welche Bedeutung und welchen Platz wir ihm in unserem Leben zugestehen, ihm einräumen wollen. Das Kreuz fragt uns, ob wir unsere Identität von ihm herleiten, der am Kreuz von Golgotha sein Leben für uns hingegeben hat, und den Gott aus dem Tod auferweckte. Das Kreuz konfrontiert uns also mit der Frage nach dem Sinn unseres eigenen Lebens; worauf wir unsere Identität gründen.

Wenn wir nun heute am Fest Kreuzerhöhung miteinander Eucharistie feiern, dann wollen wir uns wieder bewusst werden, dass wir nun dem Herrn selbst begegnen; dass wir dem in die Herrlichkeit des Himmels erhöhten Herrn begegnen dürfen. Als dieser erhöhte Herr, der sich aus Liebe für uns in den Tod gegeben hat, wird er unter uns gegenwärtig, lebendig. Unter den Zeichen von Brot und Wein will er angenommen, will er empfangen werden; beim Brotbrechen dürfen wir ihn erkennen. Wenn wir bereit sind, uns auf ihn einzulassen, dann erweist sich der Herr, der seine Liebe zu uns in seiner Todeshingabe gezeigt hat, als die alles tragende Wirklichkeit, die uns auch die Lasten und die Kreuze unseres Lebens tragen lässt, tragen hilft.

 

Erntedankfest: "Dank dem Geber alles Guten"

Einführung

Wenn gläubige Menschen zu Tisch sitzen und miteinander das Brot teilen, dann tun sie es im Wissen: Gott ist bei ihnen, der Geber alles Guten, der Schöpfer der Erde, der allem Wachstum und Gedeihen schenkt. Dafür danken sie dem Herrn. Dafür dürfen auch wir dem Herrn an diesem Sonntag danken, am Erntedanktag. Wir nehmen diesen Dank an den Geber alles Guten mit hinein in die Feier der Eucharistie, also in das große Dankgebet, das wir zusammen mit unserem Herrn Jesus Christus sprechen über Brot und Wein. Wir sagen Dank letztlich dafür, dass wir vom Herrn geliebt, dass wir erlöst sind.

    Herr Jesus Christus, du hast uns deinen Vater offenbart als den Geber alles Guten:
    - Herr, erbarme dich!
    Du lehrst uns, deinen Vater im Himmel um das tägliche Brot zu bitten:
    - Christus, erbarme dich!
    Du forderst uns auf, das Brot mit den Notleidenden zu teilen:
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Vater im Himmel, von dir kommt jede gute Gabe. Du gibst allen Geschöpfen Nahrung, und du schenkst auch uns, was wir zum Leben brauchen. Vor dich bringen wir heute am Erntedanktag unsere Bitten:

  • Nimm unseren Dank an für deine guten Gaben: für die Früchte der Erde und der Arbeit der Menschen! Begleite mit deinem Segen alle, die sich für unser tägliches Brot abmühen!
  • Gib allen Menschen ihren Anteil an den Gütern der Erde!
  • Gib denen Erfolg, die sich für die Bewahrung der bedrohten Schöpfung einsetzen!
  • Führe die Menschen, die dich nicht kennen, durch die Schönheit der Natur zur Erkenntnis deiner liebenden Sorge!

Gott unser Vater, du schenkst uns in deiner Güte mehr, als wir erbitten und verdienen. Von dir kommt alles Leben und Heil. Dir sei Lob und Ehr jetzt und in Ewigkeit! Amen.

Predigt

Heute wird der Erntedanktag begangen. In vielen Kirchen werden die Früchte des Feldes gesegnet. Mancher wird sich vielleicht fragen: Lässt sich da die Kirche nicht vor einen fragwürdigen Karren spannen, vor den Karren der Folklore oder gar der Werbung für landwirtschaftliche Produkte? Und vor allem: Was soll so etwas in einer Zeit, für die Gott als der Geber aller guten Gaben doch weitgehend aus dem Bewusstsein geschwunden ist, auch aus dem Bewusstsein der bäuerlichen Bevölkerung? Unsere Väter gingen noch betend über die Felder, durch die Weinberge. Sie stellten Wegkreuze auf; sie steckten gesegnete Zweige in die Saaten. Aber heutzutage? Wer ist denn noch zutiefst davon überzeugt, dass Gott mit dem Wachsen und Gedeihen der Früchte der Erde etwas zu tun hat? Können wir deshalb ihm noch unseren Dank dafür abstatten, anstatt unsere eigenen Hände zu loben; und dies noch in einer kirchlichen Feier? Ich meine, es sei sinnvoll, uns Gedanken darüber zu machen. Wir wollen es tun im Anschluss an zwei Fragen: Was bedeutet für uns Christen der Dank für die Ernte? Was bedeutet es für uns, dass wir diesen Dank festlich gestalten, diesen Dank gar in einem Fest begehen?

Unser Ernte-Dank bedeutet nicht nur, dass wir uns den Menschen zu Dank verpflichtet wissen, die mit ihrer Hände Arbeit die Früchte der Erde ermöglichen, und zwar nicht nur hier bei uns in Deutschland, sondern in der ganzen Welt - genießen wir nicht die Früchte vieler Länder? Wir alle wissen hoffentlich, wie hart und mühsam diese Arbeit oft ist und sein kann. Das sollten wir bei einem guten Essen, bei einem guten Glas Wein nie vergessen! Aber am Erntedanktag meinen wir doch mehr als nur diesen Dank. Worin besteht dieses "Mehr"? Dieses "Mehr" besteht darin: Wir sagen Gott Dank, dem Geber aller guten Gaben! Gewiss nicht in dem Sinn, als ob Gott im wörtlichen Sinn überall seine Hände im Spiel habe; als ob Gott sozusagen an jedem Grashalm ziehe und ihn so wachsen lasse. Wir danken vielmehr Gott in diesem Sinn: Wir sind als gläubige Christen davon überzeugt, dass Gott in die Natur, in seine Geschöpfe die Gesetze des Wachsens und Reifens gelegt hat. Dafür danken wir ihm; und dafür, dass er dem Menschen die Fähigkeit gegeben hat, dieses Gesetze zu erkennen und sich dienstbar zu machen. Wir danken Gott dafür, dass wir so in seinem Auftrag stehen; dass er uns zu seinen Mitarbeitern bestellt hat; dass unser Schaffen und Wirken von ihm, von Gott her, einen Sinn bekommt, Segen erhält. Von hierher ergibt sich aber auch die selbstverständliche Pflicht und Verantwortung des Menschen, für die Natur zu sorgen, für unsere Umwelt, für unsere Mitgeschöpfe.

Hier rühren wir an etwas noch Tieferes. In unserem Dank an Gott bekennen wir uns zu unserem Angewiesensein auf ihn. Wir sind nicht nur in einer vielfältigen Weise auf unsere Mitmenschen angewiesen und von ihnen abhängig und darum zu Dank verpflichtet. Als Christen sind wir davon überzeugt, dass wir nur von Gott her in unserem Menschsein gehalten und gesichert sind. Ohne Gott geraten wir in die Abhängigkeit der Mächte dieser Erde. Ohne Gott machen wir uns zu Sklaven von Menschen, von Besitztümern, von Essen und Trinken, vom Lebensgenuss in jeder Form. Ohne Gott werden wir von den vielerlei Glückssehnsüchten geknechtet. Nicht umsonst spricht man heute vom Konsum-Terror und von Konsum-Idioten, von Menschen also, die im Tiefsten zu Un-Menschen geworden sind. Nur die Bindung an den lebendigen und Leben spendenden Herrn schenkt uns die Freiheit gegenüber dem Götzen Konsum und dem Götzen Lebensgenuss. Wir leben vom Herrn her.

Wir danken darum Gott nicht nur für seine Gaben, von denen wir in unserem biologischen Leben abhängen. Wir danken dem Herrn vor allem dafür, dass wir im Innersten unseres Wesens von ihm herkommen, von ihm getragen und gehalten sind. Der Mensch ohne Gott nimmt nicht wahr, dass er nur in der Bindung an den lebendigen Gott nicht den innerweltlichen Götzen verfällt. Wir sollten darum heute wieder dieses beherzigen: Dieser Tag des Ernte-Danks lebt entweder vom Glauben an den Leben spendenden Herrn, oder er degeneriert zur Vergötzung von Blut und Boden, zur Verherrlichung der Helden der Arbeit. Für uns Christen ist das nicht nur zu wenig, sondern im Letzten etwas Menschen-Unwürdiges, etwas Un-Menschliches.

Damit kommen wir zu einem zweiten Punkt. Damit der Erntedanktag nicht absinkt zum Tag der Vergötzung von Blut und Boden (wie dies den Älteren von uns nur zu gut bekannt ist); damit er nicht absinkt zum Tag der Verherrlichung der Helden der Arbeit (wie es heute so oft der Fall ist), darf Gott nicht ausgeklammert werden. Ohne Gott gibt es letztlich kein Fest. Aus diesem Grund, damit der Erntedanktag zu einem Festtag wird und werden kann, begehen wir Christen diesen Tag mit einem Gottesdienst; nehmen wir ihn in die Feier der Eucharistie, in die Feier der Danksagung an Gott mit hinein. Ein Fest ist ja nicht nur ein Tag der Nicht-Arbeit; und Freizeit ist noch lange kein Fest. Und sich einen guten Tag zu machen, hat auch noch nichts zu tun mit dem, was wir "Fest" nennen. Vielmehr: "Wo die Liebe sich freut, da ist Fest!" - wie es einer der großen Prediger der alten Kirche formuliert hat. Freuen kann sich aber nur, wer zu allem Ja sagen, wer alles gut heißen kann. Wer ein Nein zu irgendetwas, zu irgendjemand im Herzen trägt, also das Gegenteil von Liebe, der kann sich nicht wirklich freuen. Für den Verneinenden gibt es kein Fest. Ja zu allem jedoch zu sagen, alles gut heißen zu können: im Letzten ist dies nur möglich als Lob Gottes, als Preisung des Schöpfers dieser Welt; dass wir hinter allem das Antlitz des schaffenden und heilend-erlösenden Herrn erkennen. Darum heißt ein Fest feiern: sich in der Gegenwart Gottes wissen; sich in die Gegenwart Gottes begeben. Gerade die Eucharistiefeier hat dies zum Inhalt: sich immer in der Gegenwart Gottes wissen und in diese Gegenwart sich hinein begeben; ein unbegrenztes liebendes Ja sagen zu allem, was ist; Dank zu sagen dafür, dass die Welt und das Dasein im Ganzen in Gott, in Jesus Christus heil geworden ist.

Wir haben uns anscheinend weit vom Thema das Erntedanktages entfernt. Aber nur von hierher lässt sich, wie mir scheint, zeigen, und vielleicht verstehen wir von hierher besser, warum Erntedank in der Heiligen Messe nicht nur sinnvoll ist, sondern notwendig in diese Feier hinein gehört. In die Feier der Danksagung können und sollen wir alles Geschaffene mit hineinnehmen, auch die Früchte der Erde und der menschlichen Arbeit. Wir sagen Ja zu allem, was Gott zum Schöpfer hat. Ja, noch mehr: Die Früchte dieser Erde haben in der Heiligen Messe einen Platz erhalten: Brot und Wein, die Früchte der Erde und der menschlichen Arbeit, werden in Gott hineingenommen. Was wir Menschen Gott darbringen, das wird in einem heiligen Tausch uns wiedergegeben. Jesus Christus, Gott selber also schenkt sich uns; er legt sich buchstäblich in diese Gaben hinein; er gibt uns so Anteil an seinem Leben. Dafür danken wir ihm - auch an diesem Tag, dem Erntedanktag. Ja, unser ganzes Leben soll diesen Dank aussprechen: für die Gaben dieser Erde, für seine Güte, für ihn selbst.

 

Allerheiligen: "Nonkonformismus des Christen"

Einführung

Dass man Gott dienen kann auch in dieser Welt, und dass man dieser Welt dienen kann auch im Gottsuchen, das ist das bleibend Wundervolle am Beispiel der Heiligen. Es ist also nicht wahr, dass in unserer Welt, in unseren Städten, auf unseren Straßen, in unserem Berufsleben, in unseren Freuden und Leiden Gott nicht zu finden ist; dass man ihn zurückstellen und vergessen muss in einem solchen Leben, wie wir es führen. Die Heiligen haben die Erde gesehen und doch den Himmel nicht aus den Augen verloren; sie haben die Welt geliebt und doch Gott gedient; sie haben in ihrer Zeit gelebt und doch die Ewigkeit gewonnen; sie haben Menschen umarmt, ohne Gott zu beleidigen; sie haben sich zu Gott geflüchtet und doch ihre Mitmenschen nicht vernachlässigt. Dafür sind die Heiligen das Beispiel, das uns zugleich tröstet und ermutigt: Konnten es jene, warum nicht auch wir?

    Herr Jesus Christus, du hast die Armen im Geist selig gepriesen:
    - Herrn, erbarme dich!
    Du ermutigst uns zur Reinheit des Herzens:
    - Christus, erbarme dich!
    Du schenkst Erfüllung denen, die dich suchen:
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Gott, unser Vater, wenn wir die Heiligen feiern, dann preisen wir dich und deine Güte. Heute am Fest Allerheiligen rufen wir darum voll Vertrauen zu dir:

  • Die Heiligen waren Suchende: Lass uns in unserem Bemühen um die Wahrheit und um den rechten Weg nicht müde werden!
  • Die Heiligen waren Menschen wie wir, aber ganz geöffnet für dich und deine Gnade: Schenke uns ein Herz, das sich deinem Wort öffnet!
  • Die Heiligen haben vielen den Weg zum Heil gewiesen: Gib deiner Kirche auch heute die Kraft, Wegweiser des Heils für die Menschen zu sein!
  • Die Heiligen wurden von dir aufgenommen in deine Herrlichkeit: Nimm unsere Verstorbenen auf in deine Seligkeit!

Gott, unser Vater, kein Auge hat es gesehen, kein Ohr hat es gehört, und in keines Menschen Herz ist es gedrungen, was du denen bereitet hast, die dich lieben. Schenke auch uns dereinst das ewige Heil! Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn. Amen.

Predigt

Leute, die stets bemüht sind um die Anpassung an die allgemeine Meinung, an die bestehenden gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse, nennen wir "Konformisten". Den Gegensatz dazu bilden die "Non-Konformisten". Sie gehen nicht mit der herrschenden Meinung einig; sie haben ihren eigenen Lebensstil; sie sind in vielen Dingen Einzelgänger. Wir brauchen derartige Leute; Menschen, die nicht mit den Wölfen heulen, und die den Mut haben, gegen den Strom der allgemeinen Meinung zu schwimmen. Es gibt jedoch verschiedene Arten von Nonkonformisten. Die einen wissen gar nicht, dass sie zu diesen Leuten gehören, oder sie legen zumindest keinen Wert darauf, es zu sein; sie sind nicht am Etikett interessiert. Und da sind die anderen, die es alle Welt wissen lassen; für die das Etikett das Wichtigste ist, das Transparent. Die letzte Gruppe: ihr ureigenstes Feld ist die "Kritik". Selbstverständlich ist "Kritik" wichtig, ja notwendig; "Kritik" im Sinne einer Prüfung, einer "Scheidung" - das ist die ursprüngliche Bedeutung. Dann ist klar, dass echte "Kritik" sich nicht in der bloßen Verneinung des Bestehenden erschöpfen darf. Wenn alle Maßstäbe zerbrochen, wenn alle Wertungen auf den Kopf gestellt werden, dann stimmt etwas nicht. Aber nach einem Wort von Reinhold Schneider hat heute Geist eben nur der, der Defekte aufspürt.

Die anderen Nonkonformisten, die es nicht wissen oder die keinen Wert darauf legen, es zu sein, sind uns heute so nötig wie das tägliche Brot. Zu ihnen gehören die Leute, die auch dem jeweils neuen Zeitgeist, den jeweils neuen Denkmoden gegenüber zurückhaltend, kritisch sind; die sich nicht vereinnahmen lassen für irgendwelche Ideologien, für irgendwelche Alternativ-Bewegungen mit oder ohne Uniform und Parteiabzeichen; die sich nicht treiben lassen von der Mode, von Lust und Launen; die sich den Blick für das Wesentliche bewahren; und die selber aus der Mitte ihres eigenen Wesens leben. Es ist jedoch nicht leicht, dauernd als einzelner und dem allgemeinen Trend zuwider die Forderungen des eigenen Herzens zu verwirklichen, gerade auch für den Christen. Wir können und sollen uns aber in dieser Situation, die uns ganz fordert, an den Herrn halten. Mit dem Blick auf ihn können wir uns immer wieder zum Nonkonformismus des Herzens stärken: "Macht euch nicht gleichförmig mit der Welt!" Und der Blick auf die Heiligen kann uns stärken; kann uns Mut machen, der allgemeinen "Gleichmacherei" zu widerstehen.

Worin bestände aber für uns Christen dieser Nonkonformismus des Herzens? Er bestände darin, dass wir - wie die Heiligen - den Mut haben, die Botschaft Jesu Christi zu leben; sie in unserem Leben zu verwirklichen. Wir brauchten ja nur die Seligpreisungen der Bergpredigt ernst zu nehmen, diese überraschenden Wertungen, in denen die Armen und Zurückgesetzten als die eigentlich christlichen Gestalten selig gepriesen werden und nicht die "Renommierexemplare" der Menschheit oder die "Helden der Arbeit" oder die "Wissenden". Haben wir keine Angst, wenn wir uns an die Bergpredigt halten, wir müssten uns in eine Massenbewegung einordnen. "Der Christ ist sein seltener Vogel" - so Martin Luther.

Greifen wir einmal einige dieser Seligpreisungen heraus! Jesus preist die "Armen im Geiste" selig und verheißt ihnen das Himmelreich. Erscheint uns das nicht reichlich unverständlich? Wer will schon arm sein? Und wenn er es ist: Wer hält das für Seligkeit? Von Natur aus haben wir keine Neigung zur Armut. Aber was ist denn eigentlich von Jesus gemeint, wenn er die Armen selig preist? In dieser "Armut im Geiste", die er von uns erwartet, verdeckt kein Haben und Begehren, kein Besitz und kein Ausgreifen nach Besitz in Neid und Empörung, da verdeckt nichts das Ungenügen, die Leere, die der Mensch ist, und die Gott und nur er ausfüllen kann und muss. Nur in dieser Haltung des "Armseins" erwarten wir von Gott alles: die Sicherung unserer Existenz, unsere "Identität" - und nicht von irdischen Werten, von Besitztümern, von Hab und Gut. Nur so sind wir in der Lage, uns beschenken zu lassen, uns begnaden zu lassen von Gott, dem Geber alles Guten.

Jesus preist diejenigen selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit. Auch hier geht es um diese Offenheit für Gott. In diesem Hunger und Durst nach der Gerechtigkeit sind wir offen für Gott; sind wir davor bewahrt, selbstgerecht zu sein. Denn immer ist die Gerechtigkeit, die wir erstreben, größer als die, die wir erreichen; es ist die von Gott gemeinte und geforderte Gerechtigkeit - aber unter den Menschen hier und heute zu verwirklichen. Es ist also keine "ideale" Gerechtigkeit, sondern eine "reale" Gerechtigkeit, die nicht den Fernsten, sondern dem Nächsten gegenüber zu verwirklichen ist. Und dieser Hunger und Durst, der um das eigene Ungenügen weiß, wird einmal erfüllt werden, indem Gott uns seine Gerechtigkeit zuteil werden lässt.

Vor allem einem Wort und einer Forderung der Bergpredigt sollten wir in uns Raum geben: "Selig, die reinen Herzens sind!" Das "reine Herz" ist das Herz des reinen Blicks auf Gott, von dem es alles erwartet, und worüber es sich selbst vergisst. Das "reine Herz" ist das alles bei Gott suchende und alles von ihm erhoffende Herz, in dem dann die Armut, der Hunger und Durst nach der Gerechtigkeit, die Friedfertigkeit und das Verfolgtwerden um der Gerechtigkeit willen zu dem werden, was sie sind und was sie selig sein lässt: zu der großen Gelegenheit und Verlockung Gottes, einzutreten und uns nahe zu sein. Das "reine Herz" macht den Christen aus; denn es macht uns offen und bereit für Gott und sein Kommen. Das "reine Herz" macht den Heiligen aus.

Wenn wir die Wertungen der Bergpredigt ernst nehmen und sie in unserem Leben zu verwirklichen suchen, dann werden wir nicht gleichförmig mit der Welt werden. Und wir können und dürfen dann diese Wertungen, diese Wertmaßstäbe noch erweitern und sagen: Wer heute Verantwortung trägt und dazu bereit ist, der ist ein Nonkonformist; und nicht derjenige, der sich nicht um die Folgen des eigenen Tuns kümmert. Dann wäre der Ehrfürchtige ein Nonkonformist, und nicht der Ehrfurchtslose, der keine Schranken kennt; dem nichts heilig ist; der meint, alles stehe in seiner Verfügungsmacht, auch das menschliche Leben. Dann wäre der Barmherzige und der Hilfsbereite ein Nonkonformist, und zwar in einer Zeit, die den eigenen Vorteil und den Lebensgenuss propagiert, die die Selbstverwirklichung als den höchsten erstrebenswerten Wert und als den Sinn des menschlichen Lebens hinstellt. Dann wäre derjenige, der sich hinopfert, der ohne große Pose seinen Dienst tut, ein Nonkonformist, und nicht derjenige, der Dienen klein schreibt. Und immer ist derjenige, der die Liebe übt, ein Nonkonformist, und nicht derjenige, der Angst hat, den Schritt zum Mitmenschen zu tun, und der sich nicht verlieren will; der die anderen - wie auch immer - zum Mittel der eigenen Erfüllung degradiert.

Als Christen sollen wir uns um diese Haltungen, die in der Bergpredigt selig gepriesen werden, und die uns heute so bitter nötig sind, bemühen, aber auch um die Haltungen, die aus der Bergpredigt erfließen. Das bedeutet aber auch, dass wir gegen den Strom schwimmen müssen. Und wir werden mit diesen Einstellungen sehr allein sein. Darum wollen wir den bitten, der diese Haltungen von uns will, dass wir den Mut aufbringen, uns auf seinen Weg zu begeben, und dass wir die Hoffnung haben, dass unserem Bemühen von ihm her Erfüllung geschenkt werde. Und die Heiligen, alle Heiligen sollten für uns Wegzeichen, ja Wegweiser sein, die mit uns gehen, die uns voran gehen, an deren Hand wir die beschwerlichen Pfade des Lebens, die gefährlichen Anstiege meistern können. Wir brauchen diese Weg weisenden Helfer, um selber Wege weisen zu können, die Wege zum Herrn, um dessen Altar wir versammelt sind. Hier haben die Heiligen die Kraft für ihr Leben erhalten. Hier liegt auch für uns die Quelle der Kraft.

 

Allerseelen: "In Gottes Liebe geborgen"

Einführung

Am Allerseelentag gedenkt die Kirche, die Gemeinschaft der Glaubenden, der Verstorbenen. Wir alle beten für unsere verstorbenen Angehörigen und Bekannten, die wir geliebt und geschätzt haben: dass sie im Frieden Gottes ruhen mögen. Wir tun dies in der Eucharistiefeier, da wir der Liebe Gottes gedenken, die er uns in seinem Sohn Jesus Christus erwiesen hat. Wir leben von seiner Güte und seinem Erbarmen. Und wir sind als Glaubende davon überzeugt, dass diese göttliche Liebe auch unsere Toten umfängt: Sie sind nicht ausgelöscht; sie leben weiter bei ihm. Wir wollen uns zu Beginn dieser Eucharistiefeier auf diese Liebe Gottes besinnen. Wir bitten und rufen um diese erbarmende Liebe für unsere Toten und für uns.

    Herr Jesus Christus, in deinem Leiden und Sterben hast du uns Gottes Liebe offenbart:
    - Herr, erbarme dich!
    Du umfängst unsere Toten mit deiner erbarmenden Liebe:
    - Christus, erbarme dich!
    Du wirst auch uns einmal in deine liebenden Arme aufnehmen:
    Herr, erbarme dich!

Es erbarme sich unser der allmächtige Gott! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Jesus Christus hat durch sein Leiden und Sterben die Macht des Todes gebrochen und uns das Tor zum ewigen Leben geöffnet. Voll Vertrauen kommen wir mit unseren Bitten zu ihm:

  • Für alle Verstorbenen, mit denen wir uns über den Tod hinaus verbunden wissen: dass sie alle Gottes Güte erfahren und in seinem ewigen Frieden leben!
  • Für alle Verstorbenen: dass sie den Lohn empfangen für all das Gute, das sie getan haben!
  • Für uns alle, die um die Toten trauern: dass wir ihnen alle Liebe danken, die sie uns geschenkt haben!
  • Für uns alle, die um die Toten trauern: dass wir Trost finden in dem Gedanken, dass sie in Gott Heimat und Seligkeit erlangen!

Herr, unser Gott, schenke unseren Verstorbenen jetzt und für immer dein ewiges Leben, und bewahre uns im Geist der Liebe, im Geist Jesu Christi, deines Sohnes, der mit dir lebt und herrscht in Ewigkeit. Amen.

Predigt

Wir haben soeben in der Lesung gehört, wie der Apostel Paulus in der wohl ältesten Schrift des Neuen Testaments an die Christen in Thessalonich bekennt: "Wenn Jesus, wie wir glauben, gestorben und auferstanden ist, dann wird Gott auch die in Jesus Entschlafenen mit ihm vereinen... Wir werden immerdar beim Herrn sein." Und im Evangelium spricht Jesus: "Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt; und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben." Ich meine, der heutige Tag, an dem wir unserer lieben Verstorbenen gedenken, sei ein Anlass, über unseren christlichen Glauben an das ewige Leben nachzudenken. Was meinen wir Christen eigentlich, wenn wir von einem "ewigen Leben" bei Gott sprechen?

Der Glaube an ein ewiges Leben, das Wissen von der Unsterblichkeit, vom Nicht-vergehen-können des Menschen ist allen Kulturen und Religionen bekannt. Dieses Wissen ist im Alten Testament enthalten, aber erst im Neuen Testament voll entfaltet. Dieser Glaube meint ein Nichtvergehen der Person, ein Nichtvergehen des Menschen. Für die griechischen Weisen war der Mensch nur ein Zerfallsprodukt; nur die Seele bleibt nach dieser Auffassung beim Tod am Leben; die Seele erlebt im Tod die Befreiung vom Leib; denn der Leib als der minderwertige Teil des Menschen wird vernichtet; er vergeht; er soll vergehen. Nach der Auffassung der Bibel aber ist es gerade dieses ganze Wesen Mensch, der leibhafte Mensch, der als solcher, wenn auch verwandelt, fort bestehen wird.

Von welcher Art aber ist dieses Fortbestehen? Dieses neue Leben wird anders sein, als wir es uns vorstellen. Es steht jenseits der menschlichen Vorstellungen und der menschlichen Möglichkeiten. Es wird auf keinen Fall eine einfache oder übersteigerte Fortsetzung des irdischen Lebens sein, wie wir es alle kennen. Darüber vermögen wir nicht mehr zu erfahren, als was Paulus im 1. Korintherbrief seinen Mitchristen schreibt: "Gesät wird in Vergänglichkeit, auferweckt in Unvergänglichkeit... Gesät wird in Schwachheit, auferweckt in Macht. Gesät wird ein irdischer Leib, auferweckt ein Geist-Leib." (1. Kor. 15, 42-44) Das "Wie" kennen wir also nicht. Aber - und das ist für Paulus entscheidend - Gottes Macht vermag den Toten ihr Leben in einer neuen, in einer für uns nicht mehr vorstellbaren Form wiederzugeben. Unsterblichkeit, Fortleben nach dem Tod ergibt sich also nicht einfach aus dem Nicht-sterben-können der Seele, wie die griechischen Philosophen meinten; sie ergibt sich allein aus der rettenden Tat des sich erbarmenden und liebenden Gottes, der dazu die Macht hat.

Der Mensch kann also deshalb nicht mehr total untergehen und vergehen, weil er von Gott gekannt und geliebt ist. Wenn schon alle Liebe auf Erden Ewigkeit will, aber diese Ewigkeit letztlich nicht bewirken kann - Gottes Liebe zu uns Menschen will diese Ewigkeit nicht nur; Gottes Liebe bewirkt diese Ewigkeit. Was sollte auch Gottes Liebe und Sorge um den Menschen, wenn dieser am Ende doch dem Tode preisgegeben bliebe! Das wäre absurd. Wenn es einen absoluten Gott gibt, dann muss er in der Weise der Ewigkeit existieren. Dann nehmen auch seine Entscheidungen, seine "Gedanken" den Charakter der Ewigkeit an. Dann ist seine Liebe zu seinen Geschöpfen, seine Liebe zu uns ewig, unvergänglich. Was Gott je geliebt hat, das bleibt für immer in seiner Liebe. Gott liebt nicht auf Zeit. Diese Gegebenheit jedoch, dass Gott uns liebt; ja, dass Gott die Liebe schlechthin ist, das ist die Grundbotschaft des Neuen Testaments; das ist die Frohe Botschaft, die Jesus verkündet hat.

In der Tat, in diesem Jesus von Nazareth ist der liebende Gott selbst eingetreten in diese Welt, in unser aller Dasein. Und er ist in Wahrheit "die Auferstehung und das Leben", wie es in der Lazarus-Erzählung heißt. Darum bedeutet unser Glaube an Jesus Christus, unser liebendes Ja zu ihm, dass wir eintreten in jenes Gekanntsein und Geliebtsein von Gott her: "Wer an den Sohn glaubt, der hat ewiges Leben... Wir haben die Liebe erkannt und an die Liebe geglaubt, die Gott zu uns hat. Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm." So steht es im 1. Johannesbrief (3, 15-16 und 4, 16). Wer an Jesus Christus als an den Sohn Gottes glaubt, der steht in diesem lebendig erhaltenden Gespräch mit Gott, das Leben bedeutet und den Tod überdauert.

Das ist, so meine ich, das Frohmachende an unserem christlichen Glauben: der Mensch, wir alle können deshalb nicht mehr total untergehen, weil Gottes Liebe und Sorge um uns nicht vergehen, vergehen können. Das ist ein Kernpunkt der christlichen Botschaft: dass wir weiterleben werden bei ihm; nicht aus eigener Machtfülle, sondern weil wir in einer Weise von Gott geliebt und gekannt sind, dass wir nicht mehr untergehen können. Wie das sein wird, das können wir uns natürlich nicht mehr vorstellen. Wir dürfen jedoch gewiss sein: das Wesentliche am Menschen, dass er Person ist, wird bleiben; das, was in diesem Leben gereift ist, das besteht auf eine andere Weise weiter. Es besteht fort, weil es in Gottes Liebe "aufgehoben" ist: nicht vernichtet, sondern verwandelt und bewahrt. Gottes Liebe und Sorge um sein Geschöpf, um den Menschen werden nie vergehen; sie überdauern unseren irdischen Tod. Gottes Liebe lässt uns nie fallen, auch nicht im Tod.

Diese Botschaft kann sein, ja sie ist Anlass, sie ist Grund zu einer tiefen, zu einer großen Freude, gerade auch heute, da wir unserer verstorbenen Angehörigen, ja aller Toten gedenken. Die Toten sind für uns Christen nicht nur die Gestorbenen, die Vergangenen. Wir wissen sie im Frieden, in der Liebe Gottes geborgen. Lasst uns für diese Botschaft, für diese Gewissheit aus dem Glauben immer dankbar sein! Und lasst uns aus der Dankbarkeit dafür leben!

 

Jahresende: "Die Freude am Herrn"

Einführung

Zur Eucharistiefeier heute am Silvesterabend möchte ich Sie herzlich begrüßen. Wir halten am Ende eines Jahres inne. Wir schauen zurück auf einen Abschnitt unseres Lebens: Wie ist es mit uns gegangen? Sind wir als Menschen und als Christen "gewachsen"? Was hat uns bedrückt und geht als Last mit uns weiter? Wir halten aber auch inne mit der Frage: Was wird das neue Jahr uns bringen? Besser: Wie können wir das neue Jahr bestehen? Was wird für uns wichtig, was wird notwendig sein? Wie kann, wie muss ich menschlich "wachsen", besser werden? Wir stellen diese Fragen im Angesicht unseres Herrn Jesus Christus, in dem Gottes Liebe und Güte uns begegnet sind.

    Herr Jesus Christus, du hast uns durch dieses zu Ende gehende Jahr geleitet:
    - Herr, erbarme dich!
    Du hast uns ermutigt und gestärkt im Tragen der Last und Mühe des Alltags:
    - Christus, erbarme dich!
    Du schenkst uns in deiner Liebe die Gnade, neu zu beginnen:
    Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Am Abend des zu Ende gehenden Jahres wollen wir voll Vertrauen zu unserem Herrn Jesus Christus beten, der uns in dieser Eucharistiefeier zusammen geführt hat:

  • + In deiner Geburt ist uns die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes offenbar geworden: Gib, dass wir nicht aufhören, für alles Gute zu danken!
  • Du hast Maria, deine Mutter, mit Gnade erfüllt: Lass auch uns teilhaben am Reichtum deiner Gnade!
  • Du kamst in diese Welt, die Frohe Botschaft zu verkünden: Schenke der ganzen Welt dein Erbarmen und deinen Frieden!
  • In deiner Menschwerdung bist du unser aller Bruder geworden: Hilf uns, als Brüder und Schwestern miteinander zu leben!
  • Du hast dich als das Heil der Welt erwiesen: Schenke unseren Verstorbenen ewiges Leben!

Herr Jesus Christus, du schenkst uns deine Liebe und dein Erbarmen. Lass uns dir dafür immer danken, und schenke und auch im kommenden Jahr deinen Schutz, der du lebst und herrschst in Ewigkeit. Amen.

Predigt

Der Silvesterabend lädt uns zu einer Besinnung ein, zu einem Rückblick auf das vergangene Jahr, zu einem Blick in die Zukunft. Er lädt uns vor allem ein zu einer Befragung des eigenen Herzens. Wir tun dies als Christen. Wir tun dies also als Menschen, für die der Glaube an Gott, der Glaube an Jesus Christus wichtig, ja das Fundament ihres Lebens ist, sein sollte. Gerade die weihnachtlichen Tage fordern uns dazu auf, uns zu fragen, ob wir im letzten aus der Sorge für den Herrn und deswegen auch für die Mitmenschen, für den Nächsten leben; ob wir überhaupt in diesem Sinn an der "Sache Jesu" Interesse haben, sie zur eigenen "Sache" machen, wo immer wir stehen: im öffentlichen Leben, in der eigenen Familie, in der Gemeinschaft der Glaubenden, in der Kirche. Wir wollen diese Befragung des eigenen Herzens heute Abend vornehmen unter einer Rücksicht; wir wollen sie auf einen (unter vielen möglichen) Punkten beschränken, der - wie mir scheint - allerdings in die Augen springt.

Wir begegnen heute allenthalben in der großen und kleinen Öffentlichkeit einer Gewohnheit, einer Sucht, ja fast einem Zwang, das Fehlverhalten, die Unvollkommenheiten der Mitmenschen zu enthüllen, anzuprangern, zu verurteilen: "Geist hat, wer Defekte aufspürt!" (Reinhold Schneider) Die "Wirkung" kennen wir alle: Verdruss, Ärger, das Gefühl: Es gibt doch nur Ungutes, Marodes, Negatives: in der großen Öffentlichkeit; nicht minder auch im kleinen, in den Gemeinden, in den Familien. Dieses Unbehagen macht auch vor der Kirche nicht Halt, vor der Gemeinschaft der Glaubenden.

In welcher Weise, mit welcher inneren Einstellung begegnen wir, die wir uns Christen nennen, die wir Glaubende sind, einem solchen Denken auch in der Kirche? Bei dieser "Befragung des eigenen Herzens" kann uns vielleicht eine Weihnachtslegende helfen. Diese Legende ist entstanden in Japan; genauer: in der Verfolgungszeit der japanischen Christen vor etwa 300 Jahren. Diese Legende erzählt:

"Es war in Bethlehem. Die Heilige Familie wohnte immer noch in dem armen Stall, der wenige Tage zuvor die Geburt des Heilands der Welt hatte schauen dürfen. Doch die Sorge um das tägliche Brot machte sich immer spürbarer. So beschlossen denn eines Tages Maria und Josef, gemeinsam in die Stadt zu gehen, um sich das Allernotwendigste für den Lebensunterhalt zu verschaffen. Aber wem sollten sie während ihrer Abwesenheit die Sorge für das Kind anvertrauen? Sie hatten ja niemand als die beiden stummen Geschöpfe, deren Dach ihnen eine Zuflucht geboten hatte, als die Menschen sie alle abwiesen, den Ochsen und den Esel. Ihrer Obhut vertrauten sie also das Kind an und machten sich beruhigt auf den Weg nach Bethlehem. Anfangs wachten die beiden sorgsam über das Jesuskind. Nach einer Weile aber wurde der Ochs ungeduldig. Die Zeit schien ihm kein Ende nehmen zu wollen. Er wurde ungehalten über diese Eltern, die so lange wegblieben, und ärgerlich über seine Aufgabe, den schlafenden Säugling zu behüten, der so klein, so hilflos, so unbedeutend war. Schließlich steigerte sich seine Ungeduld zu einem inneren Groll, zur Wut. Er senkte sein mächtiges Haupt; seine Hörner näherten sich schon drohend dem schlafenden Kind, als plötzlich der Esel, der seinen Gefährten beobachtet hatte, ihm mit seinem Vorderhuf einen kräftigen Tritt vor die Stirn versetzte. Das Kind war gerettet."

Soweit die japanische Weihnachtslegende! Wie könnte sie für uns heute eine Hilfe sein, unser eigenes Herz zu befragen, die "Sache Jesu", besser: Jesus selbst mit unserem Engagement zu begleiten - angesichts einer Mentalität, die an der Kirche oft kein gutes Haar lässt?

In unserem Leben als Christen, in der Gemeinschaft der Glaubenden, bei unserem Engagement geht es um einen Dienst; es geht nicht um Selbstbedienung. Es geht um einen Dienst letztlich dem Herrn gegenüber. Es geht also nicht darum, Menschen zu gefallen; schon gar nicht darum, Menschen zu kommandieren. Es geht nicht um unsere persönliche Macht, um unseren Einfluss. Es geht um Jesus. Wir wissen uns als seine Diener. Der hl. Ignatius spricht es einmal so aus: "Ich mache mich, als ob ich dabei gegenwärtig wäre, zu einem armseligen Dienerlein, das sie anstaunt und betrachtet und in ihren Nöten bedient." Ignatius meint Jesus, Maria und Josef. Es gehört viel Glauben zu einem solchen Dienst: an einem armseligen Kind, in einem armseligen Stall, unter so vielen unscheinbaren, so bedeutungslosen Menschen. Die Mächtigen und Großen dieser Welt, alle, die nach der Macht gieren, sind nicht im Stall von Bethlehem. Das hat sich grundsätzlich nicht geändert nach 2.000 Jahren Christenheit. Auch heute trifft für die Kirche zu, dass sie eine Gemeinschaft der Mühseligen und Beladenen ist, nicht eine Gemeinschaft der Großen und Starken, der Mächtigen. Diese Gemeinschaft der Mühseligen und Beladenen weiß, dass sie allein bei Jesus Christus, ihrem Heiland, Ruhe und Erquickung findet. Und auch wir gehören zu diesen Mühseligen und Beladenen. Nur dann, wenn uns dies bewusst bleibt, sind wir auch vor der Gefahr bewahrt, in die der Ochse in unserer Geschichte geraten ist.

Denn steigt nicht auch in uns manchmal, wenn wir unseren "Dienst" tun, so ganz langsam von unten her eine Ungeduld auf, ein innerer Groll, eine verhaltene Wut, wenn wir uns das Verhalten der Leute in der Welt und auch in der Kirche vor Augen halten? Warum kümmern sich diese herzlosen Typen anscheinend so sehr um die Darstellung ihrer selbst und so wenig um das zarte Jesulein, um die so arg gebeutelte Kirche, um die so empfindliche, der Pflege bedürftige Pflanze des Glaubens in den Herzen der Menschen? Möchten wir nicht auch manchmal unserem Herzen Luft machen und diese selbstgefälligen Typen auf die Hörner nehmen? Und tun wir das nicht oft, vielleicht sogar mit einem gewissen Recht?

Doch an diesem Punkt ist Vorsicht geboten. Passiert es uns nicht allzu leicht, dass wir den inneren Groll, unsere Wut übertragen auf den Herrn selbst und auf die Gemeinschaft der Glaubenden, auf die Kleinen, auf die Mühseligen und Beladenen? Lassen wir unseren Ärger nicht an den falschen Leuten aus? Treffen unsere spitzen Hörner nicht diejenigen, die unschuldig sind, die sich nicht wehren können? Steigert sich unsere Rage nicht oft bis zur zerstörerischen Kritik, und zwar nicht nur an den vielen Mietlingen, den bezahlten Knechten, den Machtgierigen (auch in der Kirche), sondern vor allem an den Kleinen, an den Mühseligen und den Beladenen? Ja, steigert sich unsere Wut nicht oft bis zur Tötung Gottes im eigenen Herzen, aber auch in den Herzen anderer, in den Herzen der Kleinen und Schwachen? Als Jugendseelsorger habe ich oft zu Eltern gesagt: "Wenn Sie wollen, dass Ihre Kinder mit Kirche und Glauben nichts mehr am Hut haben, dann müssen Sie nur kräftig die Kirche kritisieren. Sie finden immer etwas. Aber die Wirkung bleibt garantiert nicht aus." Niemand kann leben mit der Ungeduld, mit einem inneren Groll, mit der Wut, mit der ätzenden Kritik im Herzen. Dann geht über kurz oder lang jede Gemeinschaft kaputt. Das gilt für Ehe und Familie; das gilt auch für die Kirche. Dann sind wir bald am Ende. Ohne Freude kann kein Mensch leben und sich in einer Gemeinschaft wohl fühlen, sei es in der Familie, im Staat oder in der Kirche. Nur in der Freude über den Herrn, den wir in dieser Kirche und sonst nirgends finden, werden wir auf Dauer in der Gemeinschaft der Glaubenden bleiben. Wo diese Freude zerstört wird, da ist Gemeinschaft nicht mehr möglich; da entzieht sich der Herr: in der kleinen Gemeinschaft der Familie, in der Kirche.

Hoffentlich bringt uns dann wenigstens, wenn wir dem inneren Groll und der Wut in uns Raum geben wollen, der Tritt eines Esels mit gesundem Menschenverstand zur Besinnung, wieder auf den richtigen Weg: dass wir mit mehr Gelassenheit und mit mehr Vertrauen auf den Herrn der Welt und der Kirche unseren Dienst tun, unseren armseligen Dienst an seiner Sache; besser: für ihn - da, wo wir stehen: in der Öffentlichkeit oder im verborgenen, in der Familie oder in der Gemeinschaft der Glaubenden, an den vielen Mühseligen und Beladenen. Wenn wir diesen unscheinbaren Dienst des treuen Ausharrens, des unauffälligen täglichen Mühens auf uns nehmen, dann wird uns vielleicht zuteil (wie dem Esel von Bethlehem), den Herrn zu begleiten, ihn zu tragen in die Fremde Ägyptens, vielleicht hinauf nach Jerusalem bis zum Kreuz auf Golgotha. Der Herr wird unseren Dienst annehmen, auch wenn wir nicht von den Großen und Mächtigen in Welt und Kirche beachtet werden. Es kommt doch nicht auf diese Typen an, sondern auf den, der uns geliebt hat, der immer gut zu uns ist - im zu Ende gehenden Jahr und auch im kommenden Jahr. Es kommt auf Jesus Christus an.

 

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