Lesejahr C
Weihnachtszeit

 

Weihnachten: "Krippe und Kreuz"

Einführung

Viele leben heute in Angst und Sorge vor der Zukunft. Auch wir Christen leben in dieser Welt, die sich vom Untergang bedroht fühlt. Aber in aller Drohung und Gefährdung setzen wir unsere Hoffnung auf den Herrn. Wir wissen uns nicht einem blinden Geschick ausgeliefert, sondern in Gottes Hand. Wir glauben daran, dass Gott uns liebt; dass er für uns Sorge trägt; dass er uns nie fallen lässt. Das Kind in der Krippe ist das Zeichen und das Unterpfand dieser Liebe, dieser Sorge und der Treue Gottes zu uns. Darum wollen wir nun zu Beginn dieser heiligen Feier heute am Weihnachtsabend voll Vertrauen zum menschgewordenen Herrn rufen - aus unserer so dunklen Welt!

    Herr Jesus Christus, du bist Mensch geworden aus Maria, der Jungfrau
    - Herr, erbarme dich!
    Du wurdest den Hirten offenbart als der Heiland der Menschen
    - Christus, erbarme dich!
    Du rufst auch uns an deine Krippe und in deine Nähe
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Lasst uns voll Vertrauen beten zu Gott, unserem guten Vater, der uns seinen Sohn als Erlöser und Heiland geschenkt hat:

  • Öffne unsere Herzen für die frohe Botschaft der Weihnacht!
  • Gib uns und allen Menschen deine Gnade und deinen Frieden!
  • Gib uns füreinander den Blick der Liebe, das rechte Wort und die helfende Tat!
  • Schenke allen Einsamen und Verlassenen die weihnachtliche Freude!
  • Nimm unsere Verstorbenen auf in deine himmlische Herrlichkeit!

Gütiger Gott und Vater, du hast uns deinen Sohn als Heiland und Erlöser geschenkt. Erhöre darum unsere Bitten durch ihn, Jesus Christus, unseren Herrn! Amen.

Predigt

Auf einer Steinzeichnung von Wilhelm Geyer ist vom Stall von Bethlehem nur noch ein Stück Gebälk übriggeblieben. Und dieses Stück Gebälk steht nun über dem Kind und seiner Mutter wie ein drohend aufgerichteter Galgen. Je länger man das Bild betrachtet, desto mehr rücken das Kind und seine Mutter in den Hintergrund. Gewiss bilden die beiden Personen die Mitte des Bildes. Aber immer stärker tritt das galgenhafte Gebälk hervor und bestimmt die Aussage der Darstellung von der Geburt Christi, die der Künstler machen will. Doch nicht erst die modernen Künstler heben den Zusammenhang zwischen Krippe und Kreuz hervor. Vor meinen Augen steht das Bild einer Verkündigung in einem Kreuzgang in Südtirol: Gott Vater sendet seinen Sohn zur Erde nieder, um in Maria Mensch zu werden; Jesus aber, der als kleines Menschlein dargestellt ist, trägt schon das Kreuz.

Die Künstler machen uns in der Tat aufmerksam auf etwas anderes, auf etwas ganz Ungewohntes in der Weihnachtsgeschichte. Sie machen uns aufmerksam auf die letzte Konsequenz, die mit der Menschwerdung Jesu Christi verbunden ist: auf seinen Tod, auf sein Sterben am Kreuz von Golgotha. Aber nicht nur die Künstler haben diesen Zusammenhang gesehen. Auch die Heiligen haben diesen Zusammenhang erfasst. So heißt es im Exerzitienbüchlein des heiligen Ignatius einmal: Wir sollen in und an der Weihnachtsgeschichte "schauen und erwägen, was Maria und Josef tun: wie sie eine Reise machen, wie sie sich abmühen, damit der Herr in der größten Armut geboren werden kann, um am Ende von so viel Mühen, von Hunger und Durst, von Hitze und Kälte, von Schmähungen und Anwürfen am Kreuz zu sterben - und alles das für mich." Aber schon die Evangelien weisen darauf hin, dass der Galgen über der Krippe alles andere als bloßer Zierat ist. Herodes trachtet dem neugeborenen Jesuskind nach dem Leben. Er weiß nur noch nicht, wo er es finden kann. Der Galgen steht in der Tat da als drohende Möglichkeit. Wir sind allerdings gewohnt, um den neugeborenen Jesus nur Glanz und Herrlichkeit zu sehen. Die Künstler, die Heiligen, aber auch und erst recht die Evangelien wissen es besser: Geburt und Tod Jesu Christi, Krippe und Kreuz gehören unlösbar zusammen. Dieses Kind wird mit uns das elende Schicksal des Todes teilen, teilen müssen.

Wenn wir die Evangelien also richtig lesen, dann finden wir diese Sichtweise, dass Krippe und Kreuz nicht weit auseinander liegen. Die Evangelien stellen ja keine Biographie in unserem Sinn dar - von der Kindheit an bis zum Tod. Die Evangelien erzählen die Geschichte unseres Herrn von seinem Ende her: von seiner Auferstehung her. Alles an Jesus, an seinem Leben und Sterben wird gesehen, wird gemessen am Ereignis seiner Auferstehung. Und von diesen ihren Erfahrungen mit dem Auferstandenen her wird für die Jünger alles verständlich; wird sein äußerlich so absurder Tod am Kreuz verständlich: In diesem Jesus hat Gott selbst seine Liebe zu uns gezeigt, seine Herrlichkeit offenbart. Und von diesen ihren österlichen Erfahrungen her wird für die Jünger auch all das, was Jesu Tod vorausgeht, verständlich: Gott hat sich bereits mit dem Lebenden identifiziert; Gott hat sich in seinem öffentlichen Leben, in seinen Predigten, in seinen Wundertaten mit Jesus identifiziert. Da blitzte gleichsam für einen Moment die Herrlichkeit des himmlischen Vaters auf, die Göttlichkeit Jesu. Ja, auch die Geschehnisse der Geburt Jesu werden von Ostern her gesehen; sie werden von Ostern her verständlich. Denn auch in den Geschehnissen um seine Geburt blitzt der Lichtglanz Gottes auf. Auch seine Geburt steht also im Licht des österlichen Glaubens - obwohl nach außen kaum etwas von diesem Lichtglanz zu merken war. Der Grotte von Bethlehem, der Einfachheit von Maria und Josef, den verachteten Hirten konnte man wirklich nicht ansehen, was es "eigentlich" mit diesem Kind auf sich hatte. Der Glaube erkennt erst hinter diesen Äußerlichkeiten das Geheimnis dieses Kindes, auf dessen Schultern die Weltherrschaft ruht; das die Hoffnung Israels und der ganzen Menschheit trägt und einmal in Erfüllung gehen lässt. Der Glaube erkennt - trotz allem gegenteiligen Anschein - über der Krippe bereits das Licht Gottes. Die Herrlichkeitsaussagen der Kindheitsgeschichten bekennen darum, was damals "eigentlich" in Bethlehem geschehen ist. Und sie sagen mit Recht, dass der Himmel aufbricht; dass die Engel den Anfang des neuen Zeitalters verkünden und Gott lobpreisen; dass die Menschen sich wundern über die Ereignisse und Worte; dass sie aber auch niederfallen und Gott in diesem Kind anbeten.

Seither ist es so: Was einer von außen her an Jesus von Nazareth sehen kann, das ist oft unansehnlich und unscheinbar. Das ist schließlich die Vernichtung des Menschen; das ist seine Ohnmacht und seine Verlassenheit; das ist schließlich der Todesschrei Jesu. Wer aber wie die Jünger von Ostern her kommt, wer ihren Erfahrungen mit dem Auferstandenen vertraut, der sieht den Sieg am Kreuz; der sieht das Leben, das aus dem Tod kommt; der sieht die österliche Herrlichkeit des Herrn. Was einer von außen her an der Geburt Jesu zu Bethlehem sieht, wahrnehmen kann, das ist dem allen nicht unähnlich: kein Platz in der Herberge, die Futterkrippe, die Hilflosigkeit des Neugeborenen, die Flucht vor Herodes nach Ägypten. Derselbe Glaube aber schaut über und hinter diesem armseligen Geschehen die Herrlichkeit des Herrn. Maria und Josef, die Hirten erkennen in diesem Kind den Messias, den Hirten des Volkes Israel. Dass das Neue Testament, dass die Jünger, dass die Christgläubigen zu allen Zeiten, dass auch wir Weihnachten "verklären", das hat also seinen guten Sinn. Da wird nichts verfälscht. Da wird ernst genommen, was mit der Menschwerdung Gottes eigentlich gemeint ist. Und wollten wir all das reduzieren oder gar aufheben, wollten wir die "Wunderwelt" der Kindheitsgeschichte Jesu aufgeben, dann hätten wir unseren Glauben an Jesus, den Christus, den Sohn Gottes, mit aufgegeben. Und ohne diesen Glauben könnten wir, ohne diesen Glauben sollten wir auf Weihnachten verzichten. Ob nicht hinter der immer wieder erhobenen Forderung, den äußeren Glanz des Weihnachtsfestes aufzugeben, ein nicht eingestandener Unglaube steht?

Krippe und Kreuz bilden - so meine ich - eine Einheit. Der Glaube an Jesus, den Christus, den Sohn Gottes, lässt beide Gegebenheiten erst verständlich werden. Dieser Glaube, der hinter unscheinbaren, der hinter absurden Geschehnissen einen Sinn erkennt, zu erkennen vermag, der dahinter den Lichtglanz der göttlichen Herrlichkeit entdeckt, dieser Glaube wird uns abverlangt, wird uns zugemutet. Und es ist Gnade für uns, wenn uns dieser Glaube gelingt - inmitten der Dunkelheiten unserer Welt und unseres Lebens.

 

Hl. Familie: "Den Herrn suchen und finden"

Einführung

Im Eröffnungsvers der heiligen Messe heißt es: "Die Hirten eilten hin und fanden Maria und Josef und das Kind, das in einer Krippe lag." Das bedeutet: Sie fanden den ihnen verkündeten Retter, den Sohn Gottes "als Mensch unter Menschen" (Kommunion-Vers), geboren in einer Familie. Diese Familie hat in einzigartiger Weise in Gott ihren Bezugspunkt, weil der menschgewordene Gott selbst zu ihr gehört. Die durch die Gegenwart dieses Kindes in besonderer Weises verwirklichte Gemeinschaft mit Gott macht ihre Heiligkeit aus. Auch wir sind gerufen, Gemeinschaft mit Gott zu verwirklichen, den Herrn zur Mitte, zum Fundament unseres Lebens zu machen. Darauf wollen wir uns zu Beginn dieser heiligen Messe besinnen; und wir wollen den menschgewordenen Herrn bitten um seine Hilfe, um sein Erbarmen, um seine Treue.

    Herr Jesus Christus, du wolltest als Kind von deinen Eltern im Tempel dem Vater geweiht werden
    - Herr, erbarme dich!
    Du schenktest deinen Eltern im Tempel durch den Heiligen Geist Erleuchtung und Kraft
    - Christus, erbarme dich!
    Du kehrtest mit deinen Eltern nach Nazareth zurück und warst ihnen untertan
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Herr Jesus Christus, du wurdest Mensch wie wir und bist als Kind in einer Familie groß geworden. Du kennst unsere Sorgen und Nöte. Höre darum heute, am Fest der heiligen Familie, unsere Bitten:

  • Für die Kirche: dass sich unsere Familien, Eltern und Kinder, in der Gemeinschaft der Glaubenden geborgen fühlen!
  • Für die Verantwortlichen in Staat und Gesellschaft: dass sie sich für die Familie, die Keimzelle des Lebens, einsetzen!
  • Für unsere Familien: dass wir uns immer wieder neu um Wege des guten Miteinander und Füreinander bemühen!
  • Für uns alle: dass wir uns auf die Suche nach dir begeben, und dass wir dich finden im Hause unseres Vaters!
  • Für unsere verstorbenen Eltern: dass sie bei den Lohn finden für alles Gute, das sie an uns getan haben!

Herr und Gott, wo dein Geist ist, da kann ein Miteinander wachsen, Vergebung geschenkt und Leben gewagt werden. Um diesen Geist bitten wir für unsere Familien heute und alle Tage. Amen.

Predigt

Die Erzählung vom 12-jährigen Jesus, die wir eben gehört haben, ist uns allen vertraut. Fragt man jedoch nach dem tieferen Sinn, was denn der heilige Lukas mit dieser Geschichte meint bzw. beabsichtigt, dann tun wir uns alle schwer. Es ist uns wohl klar, dass diese Geschichte nicht wie eine Zeitungsmeldung zu verstehen ist, wie eine Vermisstenanzeige, die ein gutes Ende nimmt. Die meisten biblischen Erzählungen haben gleichsam mehrere "Schichten"; sie bedürfen darum der Auslegung, um zum Sinngehalt vorzudringen. Gerade unsere Erzählung von der ersten Wallfahrt des 12-jährigen Jesus zum Tempel in Jerusalem ist ein gutes Beispiel dafür, dass die Erzählungen der Evangelien gleichsam mehrere "Böden" haben.

Die Erzählung des heiligen Lukas will uns wohl kaum nur ein aufregendes Erlebnis aus den Kindertagen Jesu berichten. Schon das uns vertraute "Bild" vom Jesusknaben, der mitten unter den Lehrern im Tempel sitzt, weist auf etwas anderes hin: "Alle, die ihn hörten, waren erstaunt über sein Verständnis und über seine Antworten." Dieser Satz verweist auf die Bemerkung, die unmittelbar vor dem Abschnitt steht, den wir eben gehört haben. Am Ende der Erzählung von der Darstellung im Tempel nach seiner Geburt heißt es: "Das Kind wuchs heran und wurde kräftig; Gott erfüllte es mit Weisheit, und seine Gnade ruhte auf ihm." Unsere Erzählung ist sozusagen die Illustration dieser Bemerkung. Schon vor seinem öffentlichen Auftreten, schon als Knabe von zwölf Jahren ist Jesus den Lehrern Israels überlegen. Der Evangelist möchte, dass der Leser, dass wir am Staunen derer teilnehmen, die in diesem Jesus immer mehr den "Sohn des Höchsten" erkennen und anerkennen (Lk. 1, 32).

Ich denke, hier liegt eine Anfrage an uns. Rufen Jesu Worte bei uns überhaupt noch Verwunderung und Erstaunen hervor? Dringen seine Worte noch in unser Herz? Nicht ohne Grund wird uns daher auch die Mutter Jesu, wird Maria uns vor Augen gestellt. Schon beim Besuch der Hirten an der Krippe heißt es von ihr: "Maria bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen und dachte darüber nach." (Lk. 2, 19) Unsere Erzählung schließt mit der Bemerkung: "Seine Mutter bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen." Das, was von Maria hier gesagt wird, ist auch für uns von entscheidender Bedeutung, soll es in unserem Leben überhaupt zu dem kommen, was wir als gläubige Bewunderung, gläubige Anerkennung, Nachfolge Jesu, Anschluss an Jesus nennen.

Ein weiterer Höhepunkt der Erzählung des Lukas liegt sicher darin, dass Jesus ganz für Gott, für seinen Vater im Himmel lebt. Seine Eltern müssen das unter Schmerzen und mit Erschrecken erfahren: "Kind, wie konntest du uns das antun? Dein Vater und ich haben dich voll Angst gesucht." Und Jesus antwortet ihnen: "Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört?" Wie hart der Gegensatz ist, unterstreicht der Evangelist, indem er hinzufügt: "Doch sie verstanden nicht, was er damit sagen wollte." Zwar zieht Jesus mit seinen Eltern anschließend nach Nazareth hinab; aber das ist kein Widerspruch zu seinem vorhergehenden Verhalten, sondern schützt es vor Missverständnissen.

"Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört?" Es ist das erste uns von Jesus überlieferte Wort in den Evangelien; es ist sein "Lebens-Programm". Er muss und will ausschließlich für Gott da sein. Dieses "Müssen" trennt ihn sogar von seinen Eltern. Diese "Scheidung" wird auch sonst in den Evangelien bestätigt: "Wer sind meine Mutter und meine Brüder?" So fragt Jesus, als seine Mutter und seine Verwandten ihn suchen. Auf der Hochzeit zu Kana fällt sogar das Wort: "Frau, was habe ich mit dir zu tun?" Und an die Adresse seiner Jünger gerichtet heißt es einmal: "Wenn jemand zu mir kommt und nicht Vater und Mutter, Frau und Kinder, Brüder und Schwestern, ja sogar sein Leben gering achtet, dann kann er nicht mein Jünger sein." (Lk. 14, 26) Ist Jesus mit seinem "Lebens-Programm" auch für uns "maß-gebend"? Ich meine, bei dieser Frage spüren wir hoffentlich, dass Nachfolge Jesu kein Spaziergang ist, sondern hart sein kann; dass wir seine Forderungen oft nicht verstehen - so wie Maria und Josef; dass wir uns aber auf den Weg begeben sollen, diese Forderungen des Herrn von innen her zu begreifen, sie zu befolgen. Irgendwann werden auch wir einmal so gefragt.

Unser Erzählung enthält noch eine andere "Schicht", einen anderen Sinngehalt, den wir nicht ignorieren dürfen. Unsere Erzählung gibt uns Auskunft über die Art und Weise, wie wir Christus suchen sollen, und wie er gefunden werden kann. Es fällt auf, dass Jesus erst nach drei Tagen wiedergefunden wird. Wir finden also Jesus nicht gleich, wenn wir ihn suchen. Es braucht schon viel Geduld; und diese Geduld wird oft auf die Probe gestellt. Vor allem kommt es darauf an, dass Christus am richtigen Ort gesucht wird. Der "Heiland", der "Retter", der "Weg, die Wahrheit und das Leben" kann nicht unter den "Verwandten" gefunden werden; nicht Rasse und Herkunft, nicht Blut und Boden führen zu ihm. Aber man findet Jesus auch nicht ohne weiteres unter den "Bekannten", weil der Herr das den Menschen Bekannte übersteigt. Ja, die Gesellschaft der Vielen, die "Reisegesellschaft", kann ein Hindernis sein, Christus zu finden. Maria und Josef fanden ihn nach drei Tagen im Tempel. Das bedeutet für uns: wir müssen den Herrn suchen im Tempel Gottes; das aber heißt: Wir müssen ihn suchen in der Kirche, in der man Christi Worte und Weisheit, mehr noch: ihn selber finden kann: "Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört?" Was bedeutet uns also die "Kirche"? Suchen wir ihn in der Kirche?

Die Kirchenväter weisen uns noch auf einen letzten Sinngehalt unserer Erzählung hin, indem sie die drei Tage des Suchens bei der Wallfahrt des 12-jährigen Jesus mit den drei Tagen zwischen Tod und Auferstehung Jesu in Verbindung bringen. Die jeweils genannten "drei Tage" sind nicht nur ein Kalender-Datum. Das Neue Testament kann vielmehr das gleiche Grundproblem von uns Menschen (dass es unsere Aufgabe ist, Jesus zu suchen und zu finden) in verschiedenen Szenen oder Begebenheiten des Lebens Jesu ausdrücken. Ja, die Erzählung vom wiedergefundenen Jesus-Knaben ist ein zusammenfassendes Bild für die ganze Geschichte der Menschheit, die lange vergeblich ihren Heiland und Retter gesucht hat, und die ihn schließlich doch bei Gott, im Hause des Vaters, in der Kirche findet. Darum kann unsere Erzählung auch für uns ein Bild sein, mehr noch: ein Ansporn sein, unseren Heiland und Erlöser zu suchen; ihn zu finden im Hause unseres Vaters, in der Kirche, in der Gemeinschaft der Glaubenden. Dass uns dieses Finden Jesu zuteil werde, darum wollen wir heute, am Fest der heiligen Familie, unseren Vater im Himmel bitten.

 

Neujahr: "Vom Frieden auf Erden"

Einführung

Zu Beginn des Neuen Jahres schauen die Menschen in die Zukunft aus: voller Hoffnungen, voller Zweifel, voller Angst auch vor dem, was das kommende Jahr wohl bringen wird. Wie froh wären viele, wenn sie einen Blick in die Zukunft werfen könnten; wenn sie Gewissheit hätten. In einem Gedicht aus China heißt es: "Ich sagte zu dem Engel, der an der Pforte des neuen Jahres stand: Gib mir ein Licht, damit ich sicheren Fußes der Ungewissheit entgehen kann. Aber er antwortete: Geh nur hin in die Dunkelheit, und leg deine Hand in die Hand Gottes! Das ist besser als ein Licht und sicherer als ein bekannter Weg." Das, so meine ich, sollten wir uns zu Beginn des neuen Jahres sagen: Wir wissen uns in Gottes Hand; wir sind nicht einem blinden, einem bösen Geschick ausgeliefert; wir wissen uns in Gottes Liebe und Treue geborgen: er lässt uns nie fallen. Wir wollen darum den menschgewordenen Herrn, das Kind in der Krippe um die Kraft zu diesem Glauben bitten, um seine Hilfe in unserer Schwachheit.

    Herr Jesus Christus, du bist von deinem himmlischen Vater ausgegangen vor aller Zeit
    - Herr, erbarme dich!
    Du bist für uns Mensch geworden und hast unter uns gewohnt
    - Christus, erbarme dich!
    Du bist das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Voll Vertrauen beten wir zu unserem Herrn Jesus Christus, der gekommen ist, den Frieden zu bringen, und der diejenigen selig preist, die Frieden stiften:

  • In unserer Zeit gibt es immer wieder Kriege und Gewalttaten: Bewahre die Mächtigen der Erde vor dem Glauben, mit Krieg und Gewalt Frieden schaffen zu können!
  • Viele Menschen haben Angst vor Krieg und Gewalt: Bewahre uns vor den Schrecken eines künftigen Krieges!
  • In unserer Zeit gibt es so viel Unrecht: Bewahre uns davor, unsere Mitmenschen auszunützen und zu unterdrücken!
  • Frieden erwächst allein aus der Gerechtigkeit: Gib uns die Kraft, unseren Mitmenschen das ihnen Zukommende zu gewähren!
  • In der Bergpredigt werden selig gepriesen, die Frieden stiften: Gib uns die Kraft, immer wieder den ersten Schritt zur Versöhnung zu tun!

Gott der Liebe und des Friedens, dein Sohn hat sein Leben hingegeben für uns. Wecke bei uns die Einsicht, dass der Einsatz für die Gerechtigkeit in der Welt und der Dienst am Leben uns und der Welt zum Heil dient. Das gewähre uns durch Christus, unseren Herrn! Amen.

Predigt

Einer der Namen Gottes, die in der Weihnachtszeit immer wieder in der Liturgie genannt werden, lautet: "Friedensfürst". Heute am Neujahrsfest, dem Oktavtag von Weihnachten, heißt es im Eröffnungsvers der Heiligen Messe: "Ein Licht strahlt heute über uns auf; denn geboren ist uns der Herr. Und man nennt ihn: Starker Gott, Friedensfürst, Vater der kommenden Welt." Ich finde es gut, etwas zum Thema "Friede" zu sagen, zumal die Katholische Kirche heute den "Weltfriedenstag" begeht.

Zu allen Zeiten war das Wort vom "Frieden" eines der am meisten gebrauchten, deshalb wohl auch eines der am meisten verbrauchten und missbrauchten Wörter. Die Wirklichkeit der Kriege, die wir erlebt haben und immer noch erleben, die Wirklichkeit der Gewalttaten (auch im Namen der Gerechtigkeit!), die Wirklichkeit der geballten Fäuste, die uns immer wieder erschrecken, könnte uns dazu verleiten, "Frieden" als eines der vielen leeren, hohlen Wörter zu verstehen, die allenfalls dazu dienen, gutgläubige und naive Menschen zu täuschen. Wann gab es jemals einen wirklichen Frieden, der allen gerecht wurde? Wann gab es jemals eine Zeit der Gewaltlosigkeit? Wann gab es jemals einen Frieden, der nicht in sich schon den Keim folgender, noch blutigerer, noch grausamerer Kriege und Gewalttaten in sich trug? Ja, müssen nicht wir Christen - aus dem Wissen um Sünde und Schuld und Bosheit des Menschen - von vornherein allen Friedensbemühungen, allen Friedensparolen gegenüber skeptisch sein? Oder sind vielleicht wir Christen diejenigen, die den eigentlichen Zugang zum "Frieden" haben, zu einem Frieden freilich, den die Welt nicht geben kann, wie Jesus einmal ausdrücklich sagt. Was meinen wir Christen eigentlich, wenn wir vom Frieden sprechen und vom Bemühen um den Frieden?

Die Bibel versteht unter "Frieden" zunächst das Heilsein des Geschöpfes vor Gott. Wahrer Friede, wahres Heilsein kommt allein von Jahwe, das ist die Überzeugung des Alten Testaments. "Friede" meint das Zusammenwirken der Geschöpfe in einer Lebensordnung, die auf dem göttlichen Gesetz gründet. Wahrer Friede, wahres Heilsein, das auf der göttlichen Lebensordnung beruht, ist also der Inhalt des Bundes Gottes mit dem Menschen. Deshalb spricht das Alte Testament an vielen Stellen vom "Bund des Friedens". Vom Menschen aus gesehen begründen diesen Frieden demnach nur die Liebe zu Gottes Gebot und eine tätige Nächstenliebe. Wenn das alles aber stimmt: Können dann wir als Christen realistischerweise heute überhaupt erwarten, dass es so etwas wie Frieden gibt, wenn die Anerkenntnis Gottes und seines Gebotes die Voraussetzung dafür ist?

Im Neuen Testament wird diese Auffassung vom Frieden weitergeführt und vertieft. Der Garant und Bürge des neuen Friedensbundes zwischen Mensch und Gott ist Jesus Christus. Der Glaube an ihn schafft darum erst den Raum für den wahren Frieden, für das Heilsein des Menschen vor Gott. Deshalb gipfelt die neutestamentliche Friedensbotschaft in dem Satz des Epheserbriefes: "Er ist unser Friede." (Eph. 2, 14) Jesus Christus ist der Vermittler des göttlichen Heils an die Menschen. Und darum ist die Frohbotschaft von Jesus Christus das "Evangelium des Friedens" (Eph. 6, 15), und der Gott dieser Frohbotschaft wird angerufen als der "Gott des Friedens" (1. Thess. 5, 23). Um den Einklang mit diesem Gott des Friedens, der allein das Heilsein des Menschen ermöglicht, geht es für den Menschen. Auch hier darf man die Frage stellen: Wenn das alles stimmt, müssen da nicht wir Christen uns eine gesunde Skepsis bewahren gegenüber allen Worten vom Frieden, die nicht auf der Basis Gott gesprochen werden; die Gott nicht anerkennen?

Diese heile Beziehung des Menschen zu seinem Gott muss sich allerdings auswirken auf das Verhältnis der Menschen untereinander - im kleinen und im großen! Da gilt: wer diesen Frieden Gottes, wer dieses Heilsein, wer diese Gewaltlosigkeit verwirklicht, wer sich darum bemüht, Streit zu schlichten, Entzweite zu versöhnen, der ist auf der Suche nach Gott selbst. Und selig sind diejenigen, denen es gelingt, Frieden zu stiften; sie werden Söhne Gottes genannt werden, wie es in der Bergpredigt heißt.

Ergibt sich aus dem Gesagten, aus der biblischen Auffassung dessen, was "Friede" meint, eine Verpflichtung und eine Verantwortung des Christen für den Frieden in dieser Welt, auch für den Frieden der Waffen? Davon sind wir alle mit Recht zutiefst überzeugt. Wenn wir das aber bejahen, dann ergeben sich sofort einige Fragen. Es ergeben sich - wie mir scheint - einige nicht eindeutig beantwortbare Fragen, vor die jeder praktische Friedenswille von uns Christen gestellt ist. Kann der Friede (und das ist die erste Frage) ohne Verrat an seinem Wesen notfalls mit Gewalt verteidigt oder erreicht werden? Diese Frage richtet sich nicht nur an die Aggressoren und an die, die das Gleichgewicht des Schreckens erhalten wollen; sie gilt auch denen, die mit Gewalt, mit der Faust, mit dem Pflasterstein die heile Welt schaffen wollen.

Auf der anderen Seite: Zieht das heute von so vielen laut verkündete Prinzip von der Gewaltlosigkeit nicht am Ende den Verlust des Friedens und der Freiheit mit sich? Denn wissen wir Christen nicht in besonderer Weise (abgesehen von den bitteren praktischen Erfahrungen der Geschichte) um das Geheimnis der Bosheit, des Satanischen in dieser Welt, das vor niemand und vor nichts Halt macht? Und muss nicht derjenige, der die Gewaltlosigkeit vertritt, das Verbrechen, die Gewalttat in Kauf nehmen? Und ist dies zu verantworten gegenüber den Opfern der Gewalt? Ich meine, es gibt ein legitimes Recht auf Abwehr von Ungerechtigkeit.

An diesem Punkt geht uns hoffentlich auf, wie dieser ersehnte und erstrebte Frieden in der Welt letztlich nicht das Werk des Menschen allein sein kann, die ja doch nur im Denk-Schema "Macht" befangen sind. Wir haben eine Änderung, eine Bekehrung unserer Herzen zu leisten. Es geht uns auf, wie der Friede für den Christen jedenfalls eine Gabe ist, die die Welt nicht geben kann: "Meinen Frieden gebe ich euch; nicht wie die Welt ihn gibt, gebe ich ihn euch." Meist wird übrigens dieser Nachsatz Jesu von vielen Friedensaposteln heute verschwiegen - teils aus Unwissenheit, teils aber auch - so befürchte ich - bewusst. Der Christ wird sich im Wissen um den Geschenkcharakter des Friedens, im Wissen um die Gabe Gottes, aber auch im klaren Wissen um die Bosheit, um das Satanische in dieser Welt um den Frieden bemühen, um die Liebe unter den Menschen und Völkern; um den Frieden auch der Waffen; vor allem aber um den Frieden der Herzen: dass keiner dem anderen nach dem Leben trachtet; dass keiner dem anderen das Leben nicht gönnt; dass keiner den anderen hasst; dass jeder den anderen bejaht: "Wie gut, dass es dich gibt!" Das sind die Voraussetzungen, die Vorbedingungen für einen wahren Frieden in der Welt, für das Heilsein des Menschen vor seinem Herrn und Schöpfer.

 

2. Weihnachtssonntag: "Das Wort ist Fleisch geworden"

Einführung

In Jesus Christus hat uns Gott seine Liebe erwiesen; in ihm hat er uns erwählt und als seine Kinder angenommen - so hören wir heute in der Lesung aus dem Epheserbrief. Verstehen wir uns als Menschen und Christen aber von dieser Grundgegebenheit her? Ist diese Gegebenheit die Basis unseres Lebens? Bestimmt sie unser Denken und Verhalten - nicht nur bei bestimmten Anlässen, sondern auch in unserem Alltag? Wir wollen uns darum zu Beginn dieser Eucharistiefeier wieder auf diese Gegebenheit besinnen: auf unseren guten Vater im Himmel, auf seinen Sohn Jesus Christus, aus dessen Güte und Erbarmen wir alle leben.

    Herr Jesus Christus, du bist von deinem himmlischen Vater ausgegangen vor aller Zeit
    - Herr, erbarme dich!
    Du bist für uns Mensch geworden und hast unter uns gewohnt
    - Christus, erbarme dich!
    Du bist das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Lasset und voll Vertrauen beten zu unserem Herrn Jesus Christus, der in seiner Menschwerdung unser aller Bruder geworden ist, und der uns in seine Nähe ruft:

  • Du kamst als Gottes Wort in diese Welt: Mache die Diener deiner Botschaft zum Licht auf dem Weg zu dir!
  • Die Welt hat dich nicht erkannt: Zeige dich allen Menschen als das Heil, nach dem sie sich sehnen!
  • In dir kam das Licht in die Welt: Erleuchte die Nichtglaubenden und die Gleichgültigen und überwinde ihre Vorurteile!
  • Du nimmst die, die an dich glauben, als deine Kinder an: Gib uns die Kraft, Not und Elend dieser Welt zu lindern!
  • Du hast unter uns gewohnt: Ermögliche mit unserem Einsatz allen Menschen ein menschenwürdiges Dasein!

Guter Gott, du hast uns in deinem Sohn Jesus Christus dein Heil kund getan. Du selbst willst uns mit deinen Gaben erfüllen. Dafür danken wir dir jetzt und alle Tage. Amen.

Predigt

Der Text des heutigen Evangeliums ist wohl einer der eindrucksstärksten Texte des Neuen Testaments. Er ist sicher aber auch einer der Texte, die für unser Verstehen sehr schwierig sind. Der sogenannte "Prolog" des Johannes-Evangeliums ist die Eröffnung, er ist das "Vorwort", besser noch: die Inhaltsangabe des Evangeliums: die Botschaft von Jesus Christus und seiner Sendung durch den himmlischen Vater. Wahrscheinlich stellt unser Text einen frühchristlichen Hymnus dar, also ein Gottesdienst-Lied. Es ist in der Tat ein Lied zum Lobpreis unseres Herrn Jesus Christus. Obwohl sein Name erst später genannt wird, ist klar, dass er es ist, von dem als dem "Wort" die Rede ist.

Die Geschichte Jesu beginnt im Johannes-Evangelium nicht - wie beim Evangelisten Markus - mit dem Auftreten Johannes des Täufers. Sie beginnt auch nicht mit der Geburt Jesu - wie im Matthäus- und Lukas-Evangelium. Jesu Anfang liegt also nicht in der Zeit; er liegt in der Ewigkeit Gottes. Jesu Anfang ist identisch mit dem Anfang Gottes. Damit ist klar: Keiner der Evangelisten hat Jesus als Gottes Sohn so nah und so wesenhaft mit Gott eins gesehen wie Johannes. Dieser Evangelist stellt darum in Jesu Worten nicht nur die Worte eines Menschen heraus, sondern Gottes Worte; in Jesu Handeln nicht nur das Handeln eines Menschen, sondern Gottes Handeln; in Jesu Geschichte nicht nur den irdischen Lebensweg eines Menschen dar, sondern den Weg der Sendung Jesu durch Gott. Der Glaube des Evangelisten aber, dass Jesus der Sohn Gottes ist, hat seinen Grund in der Überzeugung, dass Jesus eins ist mit Gott, seinem Vater. Dieses Einssein beginnt nicht erst in der Zeit; es besteht von Ewigkeit her. Darum beginnt das Johannes-Evangelium dort, wo die Heilige Schrift ihr Zeugnis von dem einzig-einen Gott beginnt: "Im Anfang", d. h. vor aller Schöpfung. Diese Überzeugung prägt und durchtränkt das ganze Evangelium und jede einzelne Begebenheit.

Der Anfang Jesu reicht also vor den Anfang der Welt in der Schöpfung zurück. Denn vor der Schöpfung, vor dem ersten Schöpfungstag war nur der Schöpfer. Vor der Wirkung des Schöpfungswortes war das schöpferische "Wort" Gottes. Und wie der Anfangssatz der alttesamentlichen Schöpfungsgeschichte ganz im Zeichen des Schöpfers steht ("Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde"), so wird der Beginn des Johannes-Evangeliums bestimmt durch die Person des göttlichen "Wortes", die von Anfang an bei Gott war: "Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort." Johannes spricht also von Jesus als dem schöpferischen Wort Gottes. Jesus ist der, "der das, was nicht ist, ins Sein ruft" (Röm. 4, 17). Wir müssen aber beachten: Jesus tritt nicht an die Stelle Gottes; er verletzt nicht die Einzigkeit Gottes. Der Evangelist bezeugt vielmehr das Einssein Jesu mit Gott. Jesus als das "Wort" Gottes ist von Ewigkeit her bei Gott; ja, Jesus als das schöpferische Wort Gottes ist selbst Gott - in Beziehung und in Einheit mit dem himmlischen Vater.

Dass Jesus von Ewigkeit her bei Gott war, darin ist begründet, dass alle Dinge durch ihn ins Dasein gerufen sind; dass kein Mensch "Leben" haben kann, ohne am ewigen Leben Gottes Anteil zu haben. Dieses ewige Leben gibt Jesus denen, die an ihn glauben; die an ihn als den vom Vater gesandten Sohn glauben. Alles Geschaffene hat Teil am Leben Gottes. Alles Geschaffene hat Teil auch am Licht, das Gottes Schöpfungswort im Menschen aufstrahlen lässt. Die Finsternis vermag dieses Licht nicht mehr auszulöschen. Dieses Licht Gottes, das Licht des "Wortes", wie Johannes sagt, erleuchtet jeden Menschen. Keiner kann sagen, er wisse nichts von diesem Licht. Die Menschen können sich zwar dem Licht entziehen. Aber sie können nicht an der Tatsache vorbeileben, dass sie, indem sie leben, auf Gott bezogen sind und für immer auf Gott bezogen bleiben.

Doch vom Anfang der Menschheitsgeschichte an wird der tiefe Riss, wird der erschreckende Widerspruch deutlich: das Licht des Schöpfungswortes "war" in der Welt, und die Welt verdankt diesem "Wort" ihre Entstehung; die Welt wurde so zum "Kosmos", zum Geordneten - dem allen zum Trotz hat die Welt jedoch dieses Wort Gottes nicht erkannt. "Erkennen" in biblischer Sprache ist nicht eingeschränkt auf intellektuelles Erfassen. Es bedeutet das Eingehen eines entsprechenden Liebesverhältnisses zum Erkannten. Darum bedeutet "Gott zu erkennen": an ihn glauben; auf ihn sein Leben zu bauen; und deshalb an seinem Leben teilzuhaben. Ihn nicht zu erkennen, bedeutet: sich ihm zu verweigern; sich der Quelle des Lebens zu verschließen. Das ist "Sünde" im eigentlichen Sinn: nicht zu glauben, sich zu verweigern! Darin bestand schon die Sünde des Volkes Israel: es verweigerte sich seinem Schöpfer und Retter: "Als ich rief, habt ihr euch verweigert; jeden Rat, den ich gab, habt ihr ausgeschlagen; meine Mahnung gefiel euch nicht." (Spr. 1, 24 f) Diese Möglichkeit, ja die Tatsache der "Sünde" im Sinne des Unglaubens, der Verweigerung ist auch heute gegeben; es ist auch unsere erschreckende Möglichkeit.

Es hat aber immer Gerechte gegeben, die das Wort Gottes, die Jesus angenommen haben. Sie sind "Kinder Gottes". Wie unwahrscheinlich das ist angesichts der allgemeinen Verweigerung, ja wie wunderbar, das wird in einer dreifachen Negation ausgedrückt: "Kinder Gottes" sind diese Wenigen geworden nicht durch Geburt - Christ wird man nicht durch Geburt! "Kinder Gottes" entstehen nicht durch den Willen des Fleisches, d. h. aufgrund der menschlichen Natur allein; erst recht nicht durch den Zeugungswillen eines Mannes. "Kinder Gottes" zu sein, als "Kinder Gottes" zu Gott zu gehören, Heimatrecht bei ihm zu haben: das ist ein Wunder; das ist eine Geburt ganz anderer Art als die von Fleisch und Blut. Ohne Zweifel ist mit dieser "Geburt" gemeint die Taufe, die ja wenig später vom Evangelisten als "Geburt von oben" bezeichnet wird. Entscheidend dafür ist freilich, das Wort Gottes im Glauben anzunehmen, d. h. an Jesus als den Gottgesandten zu glauben. Das Wunder der Geburt aus Gott findet also seine eigentliche Erfüllung in der Verbindung der Glaubenden mit Jesus. Dass ein Mensch zu "ewigem Leben" findet, dass das göttliche Licht vom Beginn der Schöpfung an in der Finsternis aufleuchtet und jedem Menschen an diesem Licht Anteil geben möchte - das erfüllt sich im Glauben an Jesus, im Glauben an das fleischgewordene Wort Gottes.

Das ist in der Tat die zentrale Aussage des heutigen Evangeliums: "Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt." Der gottgleiche Sohn Gottes, das "Wort" Gottes, das von Ewigkeit her zu Gott gehört und bei ihm ist, tritt ein in den Bereich der Schwachheit und Hinfälligkeit der Menschen. Diese Grund-Wahrheit ist zutiefst eine Provokation des menschlichen Denkens; sie ist der Affront für das menschliche Denken zu allen Zeiten: Der Mensch Jesus ist Gottes Sohn; er ist der Gesandte Gottes. Er ist ausgestattet mit der ganzen Vollmacht des Vaters. Er ist als das Licht in die Welt gekommen, um die Welt zu retten. Er hat unter uns "sein Zelt aufgeschlagen". Auch in seiner Menschwerdung bleibt Jesus der, der er vom Ur-Anfang war: der, der Gott und die Herrlichkeit Gottes, die Klarheit und die Fülle des göttlichen Lichtes kundtut, offenbart. Jesus lässt die, die an ihn glauben, seine Herrlichkeit schauen. Er vermittelt den Glaubenden Anteil an Gottes ureigenem Wesen.

Das heutige Evangelium weist uns also hin auf die grundlegende Wahrheit unseres Christseins. In Jesus von Nazareth, in diesem Kind von Bethlehem begegnen wir nicht nur einem großartigen Menschen. In ihm begegnen wir Gott selber. Der Anfang Jesu liegt nicht in der Zeit. Der Anfang Jesu liegt in Gottes Ewigkeit. In Jesus begegnen wir dem schöpferischen Wort Gottes, der das, was nicht ist, ins Sein ruft. An uns liegt es, an ihn zu glauben, um an seinem Leben teilzuhaben. An uns liegt es, uns nicht der Quelle des Lebens zu verweigern, zu verschließen. An uns liegt es, sein Wort anzunehmen. Wenn wir uns darauf einlassen, dann werden wir, dann sind wir Kinder Gottes. Dann haben wir Heimat bei ihm - für immer.

 

Erscheinung des Herrn: "Unter der Führung des Herrn"

Einführung

"Wir haben seinen Stern gesehen!" So lautet die Auskunft der Männer, die sich auf den Weg nach Jerusalem gemacht haben, um dem neugeborenen König der Juden zu huldigen. Sie erleben die "Sternstunde" ihres Lebens, als sie in Bethlehem das Kind finden. Sie fallen nieder und beten an. Wer waren diese Männer, und was zeichnete sie aus? Es waren Suchende; es waren Menschen, die bereit waren, Vertrautes hinter sich zu lassen, um den zu finden, der allein die Sehnsucht des Herzens zu stillen vermag. Sind wir Suchende? Sind wir noch Suchende? Wissen wir uns unterwegs zum Herrn, der unserem Suchen Erfüllung schenken kann? Besinnen wir uns und erbitten wir uns vom Herrn den Mut zum Suchen und das Glück des Findens!

    Herr Jesus Christus, du hast den Weisen deinen Stern geschickt
    - Herr, erbarme dich!
    Du hast die Weisen gerufen, dich zu suchen
    - Christus, erbarme dich!
    Du hast den Weisen das Glück geschenkt, dich zu finden
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Lasst uns voll Vertrauen zu unserem Herrn Jesus Christus beten, der seine Liebe und Güte, aber auch seine Macht und Herrlichkeit vor den Menschen kundgetan hat:

  • Du kamst als König Israels: Richte auf dein Reich und mache es durch deine Gläubigen kund bis an die Grenzen der Erde!
  • Herodes erschrak über die Botschaft deiner Ankunft: Zeige deine Liebe und Güte zu denen, die vor dir erschrecken!
  • In Bethlehem, der Stadt Davids, wurdest du geboren: Erleuchte in deiner Güte das Volk, das noch immer auf dich wartet!
  • Die Weisen brachten Geschenke und huldigten dir: Lass alle Menschen das Heil erkennen, das du ihnen bereitet hast!
  • Die deine Botschaft erkannten, waren von Freude erfüllt: Erfülle mit Freude die Trauernden, mit Vertrauen die Zweifelnden und mit Zuversicht die Mutlosen!

Herr Jesus Christus, du Heiland der Welt, dir sei Lob und Herrlichkeit unter den Völkern der Erde! Sende dein Licht, damit alle zu dir hinfinden, der du lebst und herrschst in Ewigkeit. Amen.

Predigt

Was das Kommen der Weisen aus dem Morgenland betrifft, so können wir viele Fragen stellen, auf die es keine eindeutige Antwort gibt - so z. B. diese Fragen: Woher sind diese Männer gekommen? Was war das für ein Stern, dessen Aufgehen sie beobachtet haben? Wie haben sie diesen Stern als den Stern des Messias erkannt? Wir sollten nicht so sehr danach fragen, was unsere Erzählung von den Weisen nicht sagt; wir sollten vielmehr auf das achten, was dort gesagt ist.

Nachdem der Evangelist Matthäus auf die Verwurzelung Jesu in der Geschichte des Volkes Israel hingewiesen hat, und nachdem der Evangelist auf die wahre Herkunft des Messias-Kindes gewiesen hat, wird jetzt der Blick darauf gerichtet, welche Aufnahme Jesus bei denen gefunden hat, für die er in diese Welt gekommen ist. Von dem Kind, von Maria und Josef wird in unserer Erzählung kein Tun berichtet. Die Handelnden sind Gott und verschiedene Gruppen von Leuten, deren Tun auf das Kind ausgerichtet ist. Die erste Gruppe stellen natürlich die Weisen dar. Sie suchen unbeirrt nach dem neugeborenen König der Juden; sie wollen ihm huldigen. Dann sind es die Schriftgelehrten, die um seinen Geburtsort wissen, aber sich nicht weiter darum kümmern. Schließlich ist da Herodes, der seine Macht durch das neugeborene Kind gefährdet sieht und es beseitigen will. Von Menschen dieser Art ist dann später auch das öffentliche Wirken Jesu begleitet, nicht zuletzt die nachösterliche Verkündigung vom gekreuzigten und auferstandenen Herrn: Freudige Anerkennung, uninteressierte Gleichgültigkeit und konsequente Verfolgung begleiten alle Phasen seines Lebens, seines Kommens.

Die Weisen waren sternkundige Männer. Besonders in Mesopotamien hatte die Sternkunde und die Sterndeutung eine alte Tradition und einen hohen Stand. Das Geschehen am Sternenhimmel und das Geschehen in der Menschenwelt wurden in einem engen Zusammenhang gesehen. Man war davon überzeugt: Wer sich auf die Vorgänge am Sternenhimmel verstand, der kannte sich auch in der menschlichen Geschichte aus; der konnte für sie Rat und Orientierung geben. Diese Männer wussten auch von der jüdischen Messiaserwartung. Seit dem babylonischen Exil gab es viele Juden im mesopotamischen Raum; durch sie wurde ihre Religion und deren Hoffnungen bekannt.

In ihrem Fachgebiet erhalten die Weisen ein Zeichen von der Geburt des Messias und den Anstoß, sich zu ihm auf den Weg zu machen. Diesen Anstoß haben sie. Sie haben aber keine feste Marschroute; nur die Richtung. Sie wissen auch nicht, was sie erwartet. Sie sind auf den Weg und auf die Suche geschickt; und sie nehmen alle Mühe auf sich und lassen sich auf die Suche ein. In Jerusalem, wo sie sich schon am Ziel glauben, werden sie weitergeschickt. Aber das Ziel kennen sie jetzt genauer. Die Schriftgelehrten können mit der Schrift umgehen; sie können ihr den Geburtsort des Messias entnehmen: Bethlehem in Judäa! In diesem Wort des Propheten Micha ist der Messias als der Führer und Hirte des Volkes Israel gekennzeichnet. Er zeigt seinem Volk den rechten Weg, und er sorgt für sein Leben wie ein Hirte, der für seine Schafe sorgt. Die Schriftgelehrten des Volkes, für das der Messias gekommen ist, bleiben aber in Jerusalem. Die Weisen jedoch, die Heiden sind, machen sich auf den Weg nach Bethlehem. Und die letzte Orientierung gibt ihnen auf diesem Weg nach Bethlehem Gott selber durch ein neues Licht. Weil sie sich führen lassen, kommen sie in großer Freude an ihr Ziel.

Vor dem Kind, das sie finden, werfen sie sich zu Boden - sie, die weisen und weitgereisten Männer. Sie fallen nieder vor dem Kind, das ihnen nichts sagt und nichts gibt; dem aller äußere Glanz und alle äußere Macht fehlen. Sie sehen von außen nicht sein Herrentum und spüren nicht seine Macht. Aber sie erkennen im Glauben ihn so, wie er ihnen offenbart worden war; und sie bekennen ihn als ihren Herrn, als König und Hirten der Heiden. Der Glaube wird von diesen Männern gleichsam in reiner Form vollzogen. Und ihre kostbaren Gaben sind eine andere Gestalt ihrer Anerkennung des Herrn.

Wie gegensätzlich zum Glauben dieser Männer ist das Verhalten des Herodes. Obwohl er den prachtvollen Tempel von Jerusalem ausbaute, war er bei den Juden verhasst. Mit Energie und Gewalt behauptete er seine Herrschaft; jeden, der sie irgendwie in Frage stellen konnte, räumte er aus dem Weg - auch drei seiner eigenen Söhne! Ihm kann nichts ungelegener kommen als ein neugeborenen König der Juden. Er möchte die Weisen in seine Pläne, das Kind zu vernichten, einspannen. Der Mord an den Kindern von Bethlehem und Umgebung enthüllt die verbrecherische Gesinnung des Herodes. Er steht für alle, die von ihren eigenen Interessen so besessen sind, dass für dieses Kind und für diesen Herrn kein Platz ist. Sie alle begegnen diesem Kind nicht mit Anerkennung und Glauben. Sie setzen alles ein, um dieses Kind aus dem Weg zu räumen.

Auf alten Darstellungen der Anbetung der Weisen sind entsprechend zu den drei Gaben Gold, Weihrauch und Myrrhe drei Männer dargestellt: entweder ein junger Mann, ein Mann in den besten Jahren und ein alter Mann; oder ein Asiate, ein Europäer und ein Afrikaner. Das entspricht nicht den Angaben, wohl aber dem Sinn des Evangeliums. Alle Lebensalter und die Menschen aller Erdteile kommen bei diesem Kind von Bethlehem ans Ziel. Sie erkennen und anerkennen dieses Kind zu Recht als ihren König und Herrn. Dieses Kind von Bethlehem, der Messias, ist für alle Menschen, es ist für Junge und Alte, für Weise und Einfältige, für Menschen jeglicher Hautfarbe, für alle Lebensformen gekommen, um ihnen Gott als ihren Vater zu bezeugen; um ihnen allen helles Licht in ihr Leben zu bringen. Wie die Weisen sollen sie sich auf dem Weg zu ihm nicht beirren lassen, sondern der Führung Gottes Folge leisten, bis sie bei ihm ans Ziel gelangen; bis auch wir bei diesem Kind an das Ziel unseres Lebens kommen.

 

Taufe Jesu: "Jesus - der Knecht Gottes"

Einführung

Mit dem heutigen Sonntag, dem Fest der Taufe Jesu, geht die Weihnachtszeit zu Ende. Weihnachten als das Kommen, als das Offenbarwerden Gottes in unserer Welt beschränkt sich also nicht auf die Zeit der Kindheit Jesu. Zu diesem Offenbarwerden gehört das ganze Leben Jesu. Und die Kirche hat von alters her in besonderer Weise in der Taufe Jesu dieses Offenbarwerden Gottes, das Aufleuchten des göttlichen Glanzes in Jesus Christus gesehen. Die Stimme vom Himmel nennt Jesus seinen geliebten Sohn. Gottes Geist ruht auf ihm. In der Kraft dieses Gottes-Geistes wird Jesus seinen Weg gehen, den Menschen Gottes Heil verkünden und nahe bringen und sich hingeben für die Vielen. Besinnen wir uns darum wieder darauf, heute am Fest der Taufe Jesu, wer Gott, wer Jesus Christus für uns ist.

    Herr Jesus Christus, über dir öffnete sich der Himmel
    - Herr, erbarme dich!
    Auf dich kam Gottes Heiliger Geist herab
    - Christus, erbarme dich!
    Die Stimme vom Himmel nannte dich Gottes geliebten Sohn
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Heute am Fest der Taufe Jesu im Jordan kommen wir voll Vertrauen zu dir, unserem guten Vater im Himmel, mit unseren Bitten:

  • Zusammen mit dem ganzen Volk ließ auch Jesus sich taufen: Gib uns Kraft, deinen Willen anzuerkennen und zu erfüllen!
  • Während Jesus betete, öffnete sich der Himmel: Gib uns Mut und Vertrauen, im Gebet bei dir zu sein!
  • Dein Geist kam auf Jesus herab: Schenke uns Freiheit und Geborgenheit in dir, dem Grund des Lebens!
  • Die Stimme aus dem Himmel nannte Jesus den geliebten Sohn Gottes: Lass uns deinen Sohn anerkennen als unseren Heiland und Erlöser!

Gott, unser Vater, in der Taufe am Jordan hast du uns Jesus offenbart als deinen Sohn, an dem du Wohlgefallen hast. Lass unsere Sehnsucht nach dem Heil, nach Geborgenheit und Freiheit in ihm die Erfüllung finden! Darum bitten wir dich durch ihn, Christus, unseren Herrn. Amen.

Predigt

Auch die Taufe Jesu, von der wir eben im Evangelium gehört haben, ist ein Epiphanie-Geschehen, d. h. ein Geschehen, in dem deutlich und offenbar wird, wer dieser Jesus eigentlich ist. Die Stimme vom Himmel, die Stimme des Vaters nennt Jesus seinen geliebten Sohn; auf ihm ruht der Geist Gottes. Dieser Gottes-Geist wird Jesus in die Wüste führen, dann nach Galiläa, schließlich nach Jerusalem und Golgotha. In der Kraft dieses göttlichen Geistes wird Jesus sich als Opfer darbringen für die Sünde der Welt, d. h. für die Gottferne der Menschen. Beim Propheten Jesaja - wir haben es in der ersten Lesung gehört - ist vom "Knecht Gottes" die Rede, auf den Gott seinen Geist gelegt hat, und der den Völkern das Recht bringt. In diesem "Knecht Gottes" hat die junge Kirche Jesus Christus erkannt, auf den der himmlische Vater seinen Geist gelegt hat, um das Werk der Befreiung und Erlösung des gedemütigten Volkes Israel, aber auch das Licht für die Völker der Erde zu sein.

Im Mittelpunkt des ersten "Gottesknecht-Liedes" steht die Gestalt eines Heilsmittlers von einmaliger Größe und Bedeutung. Wie kam es zu dieser prophetischen Glaubensdichtung, deren Aussagen das Neue Testament entscheidend mitgeprägt haben? Nach dem Zusammenbruch des davidischen Reiches, d. h. nach der Zerstörung Jerusalems durch Nebukadnezar, den König von Babylon, und nach der Wegführung des Volkes in die Gefangenschaft fragten prophetische Kreise nach den Ursachen der Katastrophe und nach den Verantwortlichen für das Elend des Volkes. Die Antwort war ebenso einfach wie überzeugend: die Katastrophe war deshalb eingetreten, weil man nicht auf die Propheten gehört hatte, die immer wieder nicht nur - selbst unter Einsatz ihres Lebens - die Gegenwart Jahwes bezeugt hatten, sondern die auch gleichsam als "Jahwes Opposition" gegen die Mächtigen im Land für das Recht Gottes und für die Gerechtigkeit bei der Rettung der Unterdrückten eingetreten waren. Im Unterschied zu den Königen, die sich selber gerne als "Knechte Gottes" bezeichneten, die aber diesem Anspruch nicht gerecht werden, hatten die Propheten sich als die wahren "Knechte Gottes" erwiesen.

Mit dieser Konzentration des Bildes vom "Knecht Gottes" auf die Propheten erhielt die Gestalt des Mose (als das Urbild des prophetischen "Gottesknechtes") eine besondere Bedeutung. Denn Mose hatte durch die Offenbarung des Gottesrechtes am Berg Horeb den Willen Gottes zum Grundgesetz für das Leben Israels gemacht. Mose hatte sich als der Führer des aus der Knechtschaft Ägyptens befreiten Gottesvolkes auf den Weg in das Land der Verheißung bewährt. Mose hatte selbst für die Murrenden und Widerspenstigen seines Volkes als Fürsprecher noch Gottes Verzeihung erwirkt. So versteht man, dass jene frommen Kreise, aus denen die "Gottesknecht-Lieder" hervorgegangen sind, ihre Hoffnung auf den neuen Exodus nach dem Gericht des babylonischen Exils in einer idealen Gestalt nach Art des ersten Mose zusammenfassten: in der Rettergestalt des "Gottesknechtes", der die reinste Ausprägung des biblischen Prophetentums verkörpert.

Dieser Erwählte, auf dem das Wohlgefallen Gottes ruht, wird daher in der Kraft des göttlichen Geistes die neue Lebensordnung Jahwes für alle Völker offenbaren; eine Ordnung der Liebe, die auch den Zerbrochenen noch eine Chance gibt. Gott selbst stellt seinen wahren Knecht vor: "Seht, mein Knecht... Er wird nicht müde und bricht nicht zusammen." Dem geknickten Rohr und dem verlöschenden Docht steht der "Knecht Gottes" gegenüber, der nicht geknickt ist und nicht verlöschen wird. Dieser "Gottesknecht" verhält sich zum treulosen Israel, wie Gott selbst es tut: Er löscht den Docht nicht vollends aus. Er befreit von Blindheit; er befreit aus Dunkelheit und Gefangenschaft. Er tut wirklich Gottes Arbeit. Doch er hat noch eine zweite Aufgabe - dies angesichts der Tatsache, dass der persische König Kyros den unterworfenen Völkern erlaubte, in ihrer Heimat nach ihren eigenen Rechtsvorstellungen zu leben; auch den Juden. Der "Gottesknecht", der "das Recht hinausbringt zu den Völkern", wird aber nicht nur vom jüdischen Volk, sondern auch in der ganzen Welt sehnsüchtig erwartet. Aber im Gegensatz zu dem lauten Geschrei beim Auftreten der Mächtigen vollendet Gott sein Werk durch seinen Knecht leise, verborgen. Und doch ist er für die vielen Völker, die Israels Gott nicht sehen, "das Licht": "Ich habe dich dazu bestimmt, der Bund für mein Volk und das Licht für die Völker zu sein."

Immer wieder hat Gott - das geht uns beim Lesen des Alten Testaments auf - versucht, sein Werk in die Tat umzusetzen: durch Mose, durch die Richter, durch David, durch die Propheten als seine Knechte; durch die Erwählung Einzelner und des ganzen Volkes. Gott hat es versucht durch geistbegabte Männer; dadurch dass in Israel nach seinem Gesetz Recht gesprochen wurde. Nun, nach der Katastrophe des Exils versucht es Gott noch einmal. Er versammelt alle Kräfte, durch die er in der Vergangenheit in der Welt wirken wollte, in seinem "Knecht". Etwas Unerhörtes kommt hinzu. Es heißt vom "Gottesknecht": "Auf sein Gesetz warten die Inseln." So nahe ist dieser "Knecht" bei Gott; er ist fähig, Gottes Werk zu tun, an seiner Stelle zu wirken.

Im Evangelium haben wir eben gehört, wie sich über Jesus der Himmel öffnete bei seiner Taufe im Jordan, und wie vom Himmel her eine Stimme sprach: "Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden." Gott selbst beantwortet die Frage, wer denn eigentlich mit dem "Knecht Gottes" gemeint sei: Jesus Christus ist dieser verheißene "Knecht Gottes". Und die Kirche, die Gemeinschaft der Glaubenden, hat von Anfang an ihren Glauben an den von Gott gesandten "Knecht" bekannt, weil sie in Jesus den Botschafter der göttlichen Heilsordnung gesehen hat. Die Kirche hat von Anfang an in ihm den Sohn Gottes gesehen, der in einzigartiger Weise mit seinem himmlischen Vater verbunden ist; auf dem der Geist Gottes ruht; der erfüllt ist vom Leben Gottes, von der Kraft Gottes; dessen Aufgabe es ist, für die Vielen die Versöhnung mit Gott zu erwirken, Gemeinschaft mit Gott zu schenken. Sehen wir in Jesus Christus diesen "Knecht Gottes", das Licht der Welt und unseres eigenen Lebens? Erbitten wir uns diesen Glauben!

 

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