Lesejahr C
Adventzeit

1. Advent

2. Advent

3. Advent

4. Advent

 

1. Adventsonntag: "Von Gott erwartet"

Einführung

Heute beginnt die Zeit des Advent. Als ersten liturgischen Text hält das Messbuch von alters her die Psalm-Worte bereit: "Zu dir, Herr, erhebe ich meine Seele; mein Gott, dir vertraue ich... Denn niemand, der auf dich hofft, wird zuschanden." (Ps. 25, 1-3) Richten wir tatsächlich unsere Hoffnung auf Gott, unseren Vater im Himmel? Ist er der Punkt, von dem her wir leben? Wir wünschen es alle, und wir versuchen es. Wir könnten diesen Versuch aber nicht wagen, wenn nicht von Gottes Seite der erste Schritt geschehen wäre: In Jesus Christus ist er einer von uns geworden. Wir haben Grund, ihm dafür zu danken; wir haben Grund, ihm zu vertrauen.

    Herr Jesus Christus, du bist in der Fülle der Zeit in die Welt gekommen
    - Herr, erbarme dich!
    Du kommst jetzt in deinem Wort und in den Zeichen von Brot und Wein zu uns
    - Christus, erbarme dich!
    Du wirst am Ende der Zeiten in Herrlichkeit wiederkommen
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

In den Tagen des Advent bereiten wir uns für das Fest des Kommens Gottes in unsere Welt. Wir denken aber auch daran, wie wir bei ihm, bei unserem Vater im Himmel, einmal ankommen sollen. Darum beten wir voll Vertrauen zu ihm:

  • Für die Kirche, die Gemeinschaft der Glaubenden: dass sie in Einheit und Frieden sich immer wieder um deinen Altar versammelt!
  • Für die Menschen in aller Welt, die sich nach Freiheit und Gerechtigkeit sehnen: dass sie erlangen, wonach sie sich sehnen!
  • Für uns alle, die wir uns unterwegs wissen zu dir, unserem Vater im Himmel: dass wir ohne Angst dir entgegengehen und auf unserem Weg zu dir nicht müde werden!
  • Für unsere Verstorbenen: dass sie bei dir Frieden und Heimat finden!

Gott, unser Vater, erhöre unsere Bitten, der du uns an deinen Tisch geladen hat - hier und einst in deinem Reich. Amen.

Predigt

Man könnte es das Wasserzeichen, das Erkennungszeichen unseres Menschseins nennen: dass wir unterwegs sind - die Theologen sprechen vom "status viatoris". Menschsein heißt in der Tat: einen Weg gehen, von einem Anfang bis zu seinem Ende; oft bis zu einem bitteren Ende. Schon im Mutterleib waren wir "unterwegs"; und das ganze Leben "geht es" mit uns weiter, aufwärts oder abwärts, gut oder weniger gut. Worauf läuft alles Unterwegssein schließlich hinaus? Ist unser Leben "eines langen Tages Reise in die Nacht", wie der Dramatiker O' Neill einmal formuliert, ohne Ziel und ohne festen Orientierungspunkt? Der Anfang unseres Lebens jedenfalls war eine Verheißung: wir wurden "erwartet"; wie ein Geschenk hat uns unsere Mutter empfangen; bei unserer Geburt wurden wir ihr in die offenen Arme gelegt. Seitdem leben wir davon, dass gute Menschen uns immer wieder erwarten und aufnehmen. Von solchem Erwartetwerden lebt unser Alltag. Es macht unser Leben erst lebenswert und liebenswert, wenn wir wissen: jemand wartet auf uns. Wer nicht erwartet wird, der hat kein Zuhause; der muss verkümmern und verdorren. Und ist es nicht unsere tiefste Hoffnung, einmal für immer erwartet zu werden, einmal für immer heimzukommen?

Es ist ein großes Glück, Menschen begegnen zu dürfen, die aus der Überzeugung heraus leben, dass sie am Ende ihres Lebens von Gott erwartet werden; die ihr Leben als eine Einladung verstehen, als die Vorbereitung auf ein Fest, zu dem sie eingeladen sind. Von dieser Erwartung kommt etwas Frohes, kommt etwas Festliches in ihr Leben. Von diesem Zielpunkt her bestimmen sie die Wege ihres Lebens; zu ihm brechen sie immer wieder auf. Die Grundstimmung ihres Lebens ist: eingeladen zu sein von Gott, erwartet und aufgenommen zu werden für immer. Das lässt sie auch alles Schwere bestehen und überwinden, das ihnen in dieser Welt, im Leben widerfährt.

Woher nehmen diese Menschen ihre feste Überzeugung? Nun sie berufen sich auf die Ur-Zeugen des Glaubens: auf Abraham, der eines Tages aufbrach, um bis zum Ende seines Lebens unterwegs zu sein - nur mit der Verheißung, dass er ankommen werde "in dem Land, das ich dir geben werde" (Gen. 12, 1). Sie berufen sich auf das Volk Israel, das aus dem Grund auserwählt wurde: eine lebendige Einladung Gottes an die Völker der Erde zu sein zu jenem Mahl, zu dem Gott sie alle erwartet, wie es beim Propheten Jesaja heißt (Jes. 25, 6). Sie berufen sich auf Jesus Christus, dessen Botschaft darin gipfelt, dass er zum großen Festmahl an Gottes Tisch einlädt. Dieser Jesus setzte sich mit Armen und Reichen, mit Verachteten und Angesehenen an einen Tisch; er aß und trank mit ihnen, und er machte damit deutlich, dass Gottes versöhnendes Mahl einmal alle erwartet, alle vereint.

Es muss Jesus zutiefst getroffen haben, dass sich die Frommen seiner Zeit nicht mitfreuen konnten an seiner Art und Weise, die einladende Liebe seines himmlischen Vaters zu verkünden: "Seht da den Fresser und Säufer!" - So lautete ihr Urteil über Jesus, damit aber auch über den, dessen Einladung er überbrachte. Diejenigen aber, die sich ihm öffneten, steckte er an mit der frohmachenden Gewissheit, dass ihr Leben nicht auf eine Gerichtsverhandlung hinausläuft, sondern auf ein Fest. Wie ein gütiger Vater erwartet Gott selbst noch den Verlorenen; er empfängt ihn mit offenen Armen, mit einem Festmahl - wir wissen es aus dem Gleichnis vom guten Vater (vgl. Lk. 15, 11 ff). Diese Botschaft vom wartenden, vom erwartenden Vater hat Jesus bis in den Tod hinein mit seinem Leben verbürgt. Als Gekreuzigter, mit seinen ausgebreiteten Armen ist Jesus das reinste und deutlichste Bild Gottes selbst: Gottes Einladung an jeden in die Gemeinschaft mit ihm, und nicht die Vorladung zu einer Gerichtsverhandlung. Und nach den Abschiedsreden des Johannes-Evangeliums verstand Jesus selber sein eigenes Leben, sein Gehen in den Tod als Aufbruch zum ewigen Fest, als "Gehen zum Vater". Der Auferstandene aber offenbart sich seinen Jüngern immer wieder neu, indem er sie einlädt, Mahl mit ihm zu halten; und die Eucharistiefeier ist Vorbild, ist Vorgeschmack dessen, was seine Jünger, was uns alle bei ihm für immer erwartet.

Die Frage ist, ob wir als Glaubende, ob wir als Kirche des Auferstandenen uns erwartet und eingeladen wissen. Die Frage ist, ob wir für andere genügend einladend sind für Gott und sein Fest. Das ist die immer neue Frage des Advent, der Zeit des "Ankommens", an uns. Wenn alles, wenn unser menschliches Leben auf die Begegnung mit Gott hinausläuft, wenn wir von ihm erwartet werden, dann hieße Christsein: einander zur Einladung werden! Wenn das Gastmahl mit Gott, wenn das Beisammensein mit ihm das Ende ist, auf das alles zugeht, dann müsste auch an unserem Leben, an unserem täglichen Miteinanderleben schon etwas davon zu spüren sein. Wenn alles auf die beglückende Begegnung mit Gott und nicht auf den Gerichtssaal hinausläuft, dann müsste uns in all unserem Tun und Lassen etwas von jener frohen Aufbruchstimmung beflügeln, die uns bewegt, wenn wir von guten Freunden eingeladen werden. Denn zu einem Fest breche ich anders auf als zum Gericht. Vom Fest, auf das es hinausgeht, bekäme unser Alltag den festlichen Schwung, ohne den wir das Schwere, das Belastende unseres Lebens nicht ertragen und durchtragen können.

Wer meint, eine so verstandene christliche Existenz sei Opium für seinen Glauben, das ihm die klare Sicht für den Kampf um eine gerechtere Welt nur vernebele, der sollte sich fragen, ob er die Kräfte für sein Bemühen um eine gerechtere Welt (ja, das dürfen wir!) aus der Quelle schöpft, die Christus selber ist. An ihm sollten wir uns immer wieder orientieren. Wir sollten uns daran erinnern, dass er uns vorangegangen ist, eine Wohnung zu bereiten. Ohne diese Glaubensgewissheit wäre all unser Einsatz für eine bessere Welt eine vergebliche Mühe; ohne diese Glaubensgewissheit wäre unser Leben überhaupt trostlos, sinnlos; es wäre auch ohne Freude. Wenn der Mensch schon nicht ohne Freude auf dieser Erde leben kann, wenn zu einem Fest die Freude gehört, die aus der Verbundenheit der Feiernden untereinander, aus der Liebe der Feiernden zueinander entspringt, wie viel mehr gilt dies von der endgültigen Freude, die uns zuteil wird in der beseligenden Begegnung mit Gott, der unser Vater ist, mit Jesus Christus, der unser Bruder ist!

Wir feiern nun miteinander Eucharistie. Wir wissen als Glaubende, dass in dieser Feier das endgültige Beisammensein mit Gott vorweggenommen wird. Für diese Gewissheit des Glaubens lasst uns dankbar sein! Und die Tage des Advent seien erfüllt von der Freude, von der Vorfreude nicht nur auf das Fest der Geburt Jesu; die Tage des Advent seien auch erfüllt von der Vorfreude auf dieses endgültige Beisammensein mit Gott, unserem guten Vater im Himmel!

 

2. Adventssonntag: "Johannes - der Rufer in der Wüste"

Einführung

"Der Herr wird kommen, um die Welt zu erlösen!" Mit dieser Botschaft empfängt uns heute die Kirche zur Eucharistiefeier. Unser Erlöser Jesus Christus ist in diese Welt gekommen, damals - in der Fülle der Zeit! Er wird wiederkommen und die Erlösung vollenden. Dieses eigentümliche "Schon-jetzt" und "Noch-nicht" gehört zu unserem Christsein. Dieses Glaubensbewusstsein sollen wir uns zu eigen machen. Darum fährt der Eröffnungsvers der heiligen Messe mit der Mahnung fort: "Volk Gottes, mach dich bereit! Höre auf ihn, und dein Herz wird sich freuen!"

    Herr Jesus Christus, du bist in der Fülle der Zeit gekommen
    - Herr, erbarme dich!
    Du kommst jetzt in deinem Wort und in den Zeichen von Brot und Wein
    - Christus, erbarme dich!
    Du wirst am Ende der Zeiten in Herrlichkeit wiederkommen, um unsere Erlösung zu vollenden
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

In diesen Tagen des Advent sind wir versammelt um Jesus Christus, der mit uns Mahl halten will. Zu ihm rufen wir voll Vertrauen:

  • Für das Volk Gottes auf der ganzen Erde: um einen festen Glauben und Wachsen in der Liebe!
  • Für die Völker der Erde: um Brüderlichkeit und um gegenseitiges Verstehen!
  • Für die jungen Menschen: um Geduld und Ausdauer im Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden!
  • Für uns alle: um die Bereitschaft zu vergeben und um Mut zur Nachfolge!
  • Für unsere Verstorbenen: um Heimkehr in das Land des Lichtes und des Friedens!

Herr Jesus Christus, du stehst in Treue zu deinen Verheißungen. Rette die Welt aus aller Verstrickung in das Böse und führe sie zur wahren Freiheit! Darum bitten wir dich, der du lebst und herrschst in Ewigkeit. Amen.

Predigt

An den Sonntagen des Advent stellt uns die Kirche in der Liturgie, besonders in den Texten des Evangeliums, die großen Gestalten vor, die dem Kommen des Herrn die Wege bereitet haben: Elisabeth, Maria, Johannes den Täufer. Sie lehren uns, wie wir vor Gott stehen sollen; was unsere Aufgabe ist: dem Kommen Gottes Barrieren aus dem Weg zu räumen. Heute wird uns der Täufer Johannes vor Augen gestellt. Er gibt uns zu bedenken, worauf wir - für unseren Teil - achten sollen.

Der hl. Lukas stellt uns im Text des Evangeliums zunächst einige geschichtliche Gestalten vor Augen, die tief in das Schicksal des Johannes, aber auch in das Schicksal Jesu eingreifen. Indem Lukas uns jedoch die Mächtigen jener Zeit mit Namen nennt, unterstreicht er ganz deutlich, dass das Heilswirken Gottes sich nicht in einer märchenhaften, in einer mythischen Unbestimmtheit abspielt, sondern in einem genau bestimmten zeitlichen und räumlichen Rahmen. An erster Stelle wird der römische Kaiser Tiberius genannt. Er ist der eigentliche Herrscher der Mittelmeer-Welt; alle anderen sind im letzten abhängige Kreaturen des Tiberius. Das 15. Regierungsjahr weist hin auf das Jahr 28 der christlichen Zeitrechnung. In diesem Jahr tritt der Täufer Johannes auf. Die vier folgenden Namen benennen die Regierenden, unter die das Herrschaftsgebiet Herodes des Großen aufgeteilt worden war. Der römische Statthalter Pontius Pilatus wird Jesus zum Kreuzestod verurteilen. Im Credo wird er genannt als derjenige, unter dem Jesus gestorben ist. Herodes Antipas wird den Täufer Johannes gefangen nehmen und enthaupten lassen. Als Tetrarch von Galiläa ist er auch der Landesherr Jesu, und deshalb lässt Pilatus ihm den gefangenen Jesus zuführen. Das Wirken des Johannes und das Wirken Jesu führen also zu einem Konflikt mit den Mächtigen der Zeit. Ihrem Wirken wird durch die weltliche Macht ein gewaltsames Ende gesetzt. Mit Hannas und Kaijafas sind die obersten jüdischen Autoritäten genannt. Sie haben am Wirken Jesu Anstoß genommen; sie sind die treibenden Kräfte bei der Verurteilung Jesu zum Tode.

Im Licht also der bekannten Zeitgeschichte und im Konflikt mit den Mächtigen damals hat sich also das Wirken des Täufers Johannes und das Wirken Jesu abgespielt. Johannes und Jesus sind also keine märchenhaften, mythischen Gestalten. Sie sind gleichsam verankert in einem genau bestimmten geschichtlichen Ort. Es wird immer für uns Menschen tröstlich bleiben zu wissen, dass der große Gott in seinem Sohn in unsere Geschichte, in die üblichen Bedingungen des menschlichen Lebens eingetreten ist. Es wird immer tröstlich für uns sein zu wissen, dass dieser Jesus auf unserer Seite steht. Es wird aber auch immer ein Stein des Anstoßes bleiben, dass diese Heil wirkende Gegenwart Gottes gerade zu dieser Zeit und an diesem Ort, in der geschichtlich gebundenen Gestalt des Jesus von Nazareth Wirklichkeit geworden ist. In diesem Jesus, der in dieser Zeit, der in diesem Land, der unter diesen Umständen gelebt habt, der von diesen bekannten Herrschern zu Tode gebracht wurde: in ihm und in niemand anderem und nirgendwo sonst wurde der große Gott, der Schöpfer und Herr der Welt, für alle Menschen und für alle Zeiten und für seine Schöpfung insgesamt Heil wirkend gegenwärtig. Sind wir uns dessen bewusst, dass dies die entscheidende Frage auch an uns ist, die Frage nach unserem eigenen Stehen zu Jesus, nach unserem Glauben? Wer ist dieser Jesus für uns? Sehen wir tatsächlich in ihm Gott gegenwärtig? Sehen wir in ihm das Heil der Welt, unser Heil?

Das Wirken des Täufers Johannes wird eingeleitet wie die Berufung eines alttestamentlichen Propheten: "Das Wort des Herrn erging an Johannes, den Sohn des Zacharias, in der Wüste." Ähnlich steht es immer wieder vom Propheten Jeremia geschrieben, dem Propheten, der mit seiner Predigt das Volk Juda und seine verblendeten Führer vor dem Untergang retten sollte, der aber gescheitert ist. Auch der Täufer Johannes ist mit dem Auftrag gesandt, das Volk zur Umkehr zu rufen. Er kommt nicht im eigenen Namen; er ist von Gott gesandt. Als Jesus selber später einmal nach seiner Vollmacht gefragt wird, da verweist er mit einer Gegenfrage auf Johannes: "Stammte die Taufe des Johannes vom Himmel oder von den Menschen?" (Lk. 20, 4) Steht hinter der Johannes-Taufe Gott selber als Auftraggeber, oder ist sie bloßes Menschenwerk? Davon hängt die Verbindlichkeit und der Wert seines Tuns ab. Einem Menschen, der im eigenen Namen auftritt, einem selbsternannten Propheten (und wie viele laufen heute herum - auch in der Kirche!) kommt keine letzte Verbindlichkeit zu. Er kann nur Menschliches bringen. Der Täufer Johannes kommt im Auftrag und im Namen Gottes. Das gibt seinen Worten das Gewicht. Darum nimmt das Volk ihn auch als Propheten an. Und Jesus sagt, dass er mehr als ein Prophet war: "Er ist es, von dem es in der Schrift heißt: Ich sende meinen Boten vor dir her; er soll den Weg für dich bahnen."

Der Täufer Johannes hat eine Taufe der Umkehr zur Vergebung der Sünden verlangt. Buß-Prediger sind nicht beliebt - heute wie damals! Man hört es viel lieber, wenn man in seinem Verhalten bestätigt wird. Man hört es überhaupt nicht gern, dass man etwas falsch macht, und dass man sich ändern, dass man umkehren soll. Buß-Prediger leben darum auch gefährlich. Sie riskieren nicht nur, sich unbeliebt zu machen, abgelehnt zu werden. Sie riskieren ihren eigenen Kopf - dem Täufer Johannes wird er abgeschlagen! Der Täufer muss aber, weil er von Gott gesandt wird, die Umkehr verlangen, die Rückkehr zu Gott, den Respekt vor Gott und seinem Gebot - auch von Königen, auch von den Mächtigen! Das Volk und seine Führer leben in der Sünde; sie leben im Widerspruch und im Ungehorsam zu Gott. Sie brauchen die Vergebung ihrer Schuld. Aber diese Versöhnung mit Gott können sie nur erhalten, wenn sie umkehren. Wer die Taufe des Johannes empfängt, der bekennt, dass er der Vergebung bedarf, und dass er zur Umkehr entschlossen ist. Nur so wird er bereit für das Kommen des Herrn; nur so wird er sein Heil schauen. Das bedeutet auch, dass Umkehr zu Gott nicht in einer Selbstquälerei besteht. Sie meint vielmehr die innere Hinwendung zu Gott, dem Herrn des Menschen. Sie meint die Aufnahmebereitschaft für Gott, für den Herrn, der als Retter kommt und der das Heil bringt.

Wir können nun verstehen, warum der Täufer Johannes in der Liturgie des Advent immer wieder uns vor Augen gestellt wird. Er weist uns hin auf den Herrn, zu dem wir uns immer wieder "bekehren" müssen; auf den wir uns besinnen müssen. Wir können an Gott, wir können an unserem Herrn Jesus Christus vorbeileben; wir sind in der Gefahr, immer wieder fremde Götter anzubeten. Doch er, der Herr allein, ist und bleibt unser Gott. In Jesus Christus ist er uns begegnet; in ihm schenkt er Heil - vorausgesetzt, dass wir uns ihm im Glauben öffnen. Bitten wir den Herrn darum in dieser heiligen Messe, dass wir uns nicht in uns selbst einschließen; dass wir unsere Ohren und unsere Herzen öffnen für sein Wort, für ihn selbst.

 

3. Adventssonntag: "Überwindung der Angst"

Einführung

Der dritte Adventssonntag hat seit alters her einen besonderen "Namen": "Gaudete - Freut euch!" Dies nicht nur deshalb, weil Paulus diesen Gruß seinen Christen in Philippi entbietet: "Freut euch im Herrn zu jeder Zeit!" Auch die Lesung aus dem Buch des Propheten Zephanja greift das Wort von der Freude auf, der Freude darüber, dass die Zeit der Not und Unterdrückung zu Ende ist. Wir wissen: mit Jesus Christus ist für die Glaubenden, ist für alle Menschen, ist für uns die Zeit des Heils, die Zeit der Freude angebrochen: dass wir nicht "verlassen" sind; dass wir in diesem Jesus "Erlöste" sind, von Gott angenommen und geliebt. Zu Beginn der Eucharistiefeier soll diese Glaubenswahrheit uns zu einer heilsamen Besinnung führen.

    Herr Jesus Christus, in dir ist uns die Quelle des Heils und der Freude geschenkt
    - Herr, erbarme dich!
    Du hast uns verheißen, dass niemand uns diese Freude nehmen kann
    - Christus, erbarme dich!
    Du willst, dass wir diese Freude in unserer oft so freudlosen Welt verkünden und bezeugen
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Unser Vater im Himmel ist ein Gott der Freude und des Lebens. In seinem Sohn Jesus Christus hat er uns den Weg zum Heil und zum wahren Leben eröffnet. Darum kommen wir voll Vertrauen mit unseren Bitten zu dir:

  • Für die Glaubenden: dass sie durch ihr Leben bezeugen, dass du das Licht und das Heil der Welt bist!
  • Für die Verkünder deiner göttlichen Botschaft: dass sie den von Ängsten Heimgesuchten Licht und Hoffnung geben!
  • Für die durch das Tun der Menschen bedrohte Schöpfung: dass wir uns unserer Verantwortung für deine Schöpfung bewusst werden!
  • Für unsere Verstorbenen: dass sie bei dir für immer Frieden und Freude finden!

Denn bei, guter Vater im Himmel, ist unzerstörbare Freude zu finden. Deshalb bist du unsere Hoffnung und machst unser Leben hell. Dir sei Lob und Dank in Ewigkeit. Amen.

Predigt

Wenn wir die Ereignisse, die unsere Erfahrungswelt darstellen, mit einem kritischen Blick betrachten, durchleuchten, dann könnten wir skeptisch werden; dann könnten wir Pessimisten werden. Wir sehen Menschen, wir erleben uns selber, wie uns die Angst gleichsam im Nacken sitzt: die Angst vor Entscheidungen (treffen wir das Richtige?); die Angst, zum Versager zu werden und gestellten Ansprüchen nicht gerecht zu werden; ihnen nicht gewachsen zu sein; die Angst davor, allein zu stehen; die Angst, ausgenützt zu werden; die Angst, der totalen Manipulation wehrlos ausgeliefert zu sein; die Angst, nicht mehr zu uns selbst zu kommen, den Lebenssinn zu verfehlen; die Angst, den Boden unter den Füßen weggezogen zu bekommen, den Boden zu verlieren. Diese Angst, gleichsam den Boden unter den Füßen weggezogen zu bekommen, scheint heute allgegenwärtig zu sein. Denken Sie nur an die vielerlei Untergangsängste heutzutage und hierzulande: die Zerstörung der Umwelt, die atomare Bedrohung etc. Wo wir auch hinschauen: überall grinst uns anscheinend das Gespenst Angst und Untergang an.

Angesichts dieser Tatsache einer von Ängsten heimgesuchten Welt von Lebenserfüllung, von der Freude zu sprechen, erscheint deswegen geradezu als eine Verhöhnung der Menschen. Und doch, so meine ich, müsste in unserem Leben die Freude stehen, soll dieses Leben überhaupt einen Inhalt und einen Sinn haben. Wie könnte jedoch angesichts der menschlichen Bedrohung eine wirkliche und erfüllende Freude erfahren werden, die die Ängste überwinden können? Dazu möchte ich einige Anregungen und Hinweise geben - heute am Tag "Gaudete".

Wir sind uns sicherlich darin einig, dass die schlechteste Weise, die Ängste zu überwinden, die Verdrängung ist; die Realitäten der Welt und des eigenen Lebens nicht sehen zu wollen, zu ignorieren. Das wäre unehrlich. Aber wir sollten uns auch einmal fragen, ob wir nicht immer wieder der Gefahr der Verdrängung erliegen; dass wir den Kopf angesichts der Realitäten der Welt und des eigenen Lebens in den Sand stecken. Eine schlechte Weise zur Überwindung der Ängste wäre auch die Flucht: sei es die Flucht in den Lebensgenuss, in Besitz und Macht; sei es die Flucht in die Betriebsamkeit und Hektik, wie wir das nicht nur bei unseren Zeitgenossen feststellen können. Auch wir Christen machen offensichtlich davon keine Ausnahme. Gibt es nicht auch in der Kirche (wenigstens hierzulande) ein hektisches Treiben, das zwar das eigene Leistungs-Bewusstsein fördert, aber keine wirklichen Probleme zu lösen vermag? Ein stunden-, ja tagelanges Palavern hilft in der Regel nicht weiter, löst keine Probleme. Und die Angst wird uns irgendwann einmal einholen und das, womit wir ihr zu entgehen suchten, in Frage stellen. Das "Analgetikum", das "Schmerzlinderungsmittel" "Lebensgenuss" und "Betriebsamkeit" wird schließlich nicht mehr wirken, jedenfalls nicht auf Dauer.

Eine Form der wirklichen Überwindung der Angst ist die: dass wir die Gründe für die Ängste so vieler Menschen heute überwinden; dass wir also an einer Welt mitarbeiten, in der das Leid, das Unrecht und die Ungleichheit, die Gefahren abgebaut werden für Leben und Gesundheit der Menschen. In einer doppelten Weise vermag dieses Bemühen Erfüllung und Freude zu schenken: einmal indem wir unser Leben in den Dienst einer sinnvollen Aufgabe stellen; zum anderen indem wir tatsächlich eine Welt erbauen, in der die Menschen immer mehr ohne Angst leben können, weil Leid und Unrecht den Menschen weniger bedrohen; weil Krankheiten und Beeinträchtigungen mehr und mehr überwunden werden.

So sehr diese Aufgabe und dieses Werk von uns in Angriff genommen werden sollen, und so sehr es wahr ist, dass wir Christen uns in der Vergangenheit vielleicht nur mit halbem Herzen dieser Aufgabe gestellt haben, so wissen wir aber auch, dass diese Aufgabe und dieses Werk nicht das Letzte sind; ja, dass sie nach unserer christlichen Auffassung nicht das Letzte sein dürfen und können. Wir wissen, dass es noch eine andere Dimension der menschlichen Existenz gibt. In dieser Dimension erkennen wir, dass aller notwendige Einsatz uns nicht zum Erfolg-haben-müssen verurteilt. Wir sollten nicht die Sklaven des Erfolgs, die heile Welt zu erschaffen, werden. Der Wert, besser die Sinnhaftigkeit unseres Lebens hängt nämlich nicht ab von vorweisbaren Erfolgen. Andernfalls wären wir auf einer anderen Ebene und auf raffiniertere Weise dem totalen Leistungszwang erlegen, unter dem wir alle leiden, und dem wir entgehen möchten.

Diese unsere Aufgabe an und in unserer Welt ist auch in keiner Weise rein sachlicher Natur, d. h. auf Sach-Probleme bezogen. Angst und Freude sind menschliche Befindlichkeiten, also auf lebendige Menschen bezogen. Die Angst lässt sich darum nur auf dieser Ebene wirklich überwinden. Wirkliche Freude erfährt und erlebt der Mensch nur in der personalen Begegnung mit anderen, in der Gemeinschaft, in der Freundschaft, in der Liebe; wo also nicht mehr nur nach der vorweisbaren Leistung, nach dem vorweisbaren Erfolg gefragt wird; sondern wo der lebendige Mensch gesehen, angenommen und bejaht wird: "Wie gut, dass es dich gibt!" Ein solches Ja zur eigenen Existenz (und eben nicht nur zur eigenen Leistung; zu dem, was wir haben und zu bieten haben) ist Quell der Freude und vermag die Ängste wirksam zu überwinden. Dieses "Brot", bejaht zu sein, ist uns allen bitter nötig.

An diesem Punkt wird nun auch (und wie ich meine: wird erst) die Botschaft des Christentums einsichtig und als befreiend empfunden. Jesus von Nazareth, in dem wir den Christus, den Sohn Gottes, ja Gott selbst erkennen, gibt uns die Gewissheit, dass wir im Voraus zur eigenen Leistung, im Voraus zu dem, was wir zu bieten haben, angenommen und bejaht sind; "erlöst" sind; dass wir befreit sind vom Zwang zur Leistung und zum Erfolg; dass wir auch befreit sind vom Zwang zur Selbsterlösung. An Jesus Christus erkennen wir außerdem: das Leid und die Ängste kommen nicht her aus der Ungleichheit von Besitz und Macht, wie so viele meinen; von irgendwelchen dämonischen Mächten und Kräften. Es ist vielmehr die Folge der Tyrannei des menschlichen Egoismus, der auch nicht durch eine Umverteilung der Güter dieser Erde aus der Welt zu schaffen ist. Dass man uns einredet, man könne ohne die Geduld des Verzichtens und ohne die Überwindung des Egoismus (bei uns selbst, nicht nur bei den anderen) Mensch werden, das ist doch die Ursache der unheilvollen Situation, die Ursache der Ängste. Der Mensch wird nicht anders von seinem Egoismus, von der Anbetung seiner selbst geheilt, von ihm "erlöst", als durch die leidvolle Annahme seiner selbst und der Welt; der Mensch wird nicht anderes "erlöst" als durch das Kreuz unseres Herrn, das Zeichen der Überwindung allen Egoismus. Alle Angebote, die die "Erlösung" billiger versprechen, sind gescheitert und werden scheitern.

Wir sind also verwiesen auf Jesus Christus. Sein Einsatz für uns Menschen, sichtbar geworden im Kreuz, gibt uns den entscheidenden Maßstab; gibt uns aber auch die frohmachende Gewissheit, die alle Ängste überwinden kann: dass wir von ihm in Liebe angenommen sind; dass er uns in sein Herz eingeschlossen hat. Aus dieser Gewissheit heraus werden und können wir als Glaubende an der Gestaltung und Verbesserung der Welt mitarbeiten. Wir wissen um den entscheidenden Ansatzpunkt: die Bekehrung des eigenen Herzens; die Bindung und die Orientierung an Jesus Christus, der uns geliebt und sich für uns hingegeben hat, damit wir frei und ohne Angst leben können.

 

4. Adventssonntag: "Maria - die große Glaubende"

Einführung

An den Sonntagen des Advent stellt uns die Kirche in der Liturgie die großen Gestalten vor Augen, die dem Kommen des Herrn die Wege bereitet haben: Elisabeth, Johannes der Täufer, Maria. Sie weisen uns hin auf die Grundeinstellung, die wir vor Gott haben sollen: die Offenheit für Gottes Wort und für seine Wege. Heute am 4. Adventssonntag steht Maria vor unseren Augen, die reine Magd des Herrn, die im Glauben sich ganz Gott zur Verfügung gestellt hat. Wenn wir uns ihre Einstellung vor Augen halten, dann spüren wir, wie sehr wir dahinter zurückbleiben. Darum lasst uns zum Herrn rufen um seine Hilfe, um seine Gnade, um sein Erbarmen!

    Herr Jesus Christus, du bist in der Fülle der Zeit in die Welt gekommen
    - Herr, erbarme dich!
    Du kommst jetzt in deinem Wort und in den Zeichen von Brot und Wein
    - Christus, erbarme dich!
    Du wirst am Ende der Zeiten in Herrlichkeit wiederkommen
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Als Glaubende rufen wir voll Vertrauen zu unserem Herrn Jesus Christus, dem Sohn Gottes, der Mensch geworden ist aus Maria, der Jungfrau:

  • Stärke deine Kirche im Glauben an das Geheimnis deiner Menschwerdung!
  • Offenbare dich allen Völkern als ihr Heil und bringe ihnen Hoffnung und Freude!
  • Lass alle, die im Glauben unsicher geworden sind, die Liebe Gottes neu entdecken!
  • Gib uns die Kraft, wie Maria Ja zu sagen zu deinen Fügungen und Wegen!
  • Führe unsere Verstorbenen heim in dein Reich und lass sie dein Heil schauen!

Auf deine Liebe und Treue, Herr Jesus Christus, können wir bauen, und du enttäuschst unsere Hoffnungen nicht. Darum tragen wir unsere Bitten vor dich, der du lebst und herrschst in Ewigkeit. Amen.

Predigt

Der Engel der Verkündigung hatte Maria auf Elisabeth hingewiesen, die ebenso wie sie zum Werkzeug der Verheißungen geworden war. Nun geht Maria dem Zeichen entgegen, das Gott ihr gegeben hat. Sie tritt in das Haus der Elisabeth und grüßt ihre Verwandte, noch geprägt von der tiefen Freude, aber auch von der geheimnisvollen neuen Sendung, die in ihr Leben eingebrochen ist; die ihrem ganzen Dasein von nun an Sinn und Inhalt gibt. Und Elisabeth spürt das Besondere, das Neue, das über ihrer jungen Verwandten liegt: dass auch sie einbezogen ist in das Geheimnis Gottes. Der Geist Gottes öffnet ihr vollends das Herz. Die Nähe des Ewigen, die Nähe ihres Schöpfers steht wie eine heilige Macht zwischen ihr und der jungen Frau; sie lässt sie Worte sprechen, die ihr seitdem Generationen von Christen nachgesprochen haben: "Du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes!"

Elisabeth fügt aber auch hinzu, warum Maria die Gepriesene unter den Frauen ist: "Selig bist du, die du geglaubt hast!" Das ist nicht nur der Rückverweis auf den Zweifel ihres Mannes Zacharias, der nicht bereit war, sich selbst zu lassen und im Wagnis Gottes Hand zu ergreifen, die ihm dargeboten war. Es ist zugleich der Vorgriff auf ein späteres Gespräch des Herrn selbst: "Selig die Frau, die dich getragen, und die Brust, die dich genährt hat!" So rief eines Tages eine Frau unter dem Eindruck der Predigt Jesu dem Herrn zu. "Ja, selig sind die, die das Wort Gottes hören und es befolgen!" So wird ihr verbessernd gesagt (vgl. Lk. 11, 27 ff). Nicht die leibliche Verwandtschaft mit dem Herrn macht selig, nicht Fleisch und Blut, nicht Rasse und Herkunft, nicht Blut und Boden, nicht Nation und Stand machen selig, sondern die geistige Verwandtschaft des Glaubens. Selig ist nicht, wer blutsverwandt mit dem Herrn ist, sondern selig ist, wer Ohren hat zu hören; wer nicht verschlossen ist in die enge Welt von Fleisch und Blut, in die enge Welt des Eigenen und Irdischen; selig ist, wer hören kann auf Gottes Wort. Der Gruß Elisabeths lässt uns im voraus wissen, dass mit dieser Richtigstellung des Herrn Marias Lob nicht abgewiesen, sondern nur auf seinen wahren Grund zurückgeführt wird.

Maria ist die große Glaubende, die sich in Demut dem dunklen Geheimnis Gottes geöffnet hat; die sich ganz dem geheimnisvollen, dem unbegreiflichen Gott zur Verfügung gestellt hat; die nichts sein wollte als die Magd des Herrn, dienendes Werkzeug des Wortes Gottes. Das ist ihr wahrer Ruhm: dass sie die Glaubende war inmitten der Finsternis und der Unbegreiflichkeiten, die Gott von ihr verlangte; inmitten der unbegreiflichen Zumutung, dass sie ihren Schöpfer tragen sollte in ihrem Schoß; dass der, von dem das Heil Israels ausgehen sollte, von den Menschen für verrückt erklärt wurde; dass der, der das Heil und die Heilung Israels sein sollte, hingerichtet wurde von eben diesem Israel. Gott ist auch heute dunkel, und er hat sein besonderes Dunkel für jedes Menschenleben aufbewahrt. Aber konnte er jemals einem Menschen mehr Finsternis und Unbegreiflichkeit auferlegen als Maria? "Selig bist du, weil du geglaubt hast" - auch wenn dieser Glaube zum Schwert wurde, das ihr Herz durchdrang. Das ist der wahre Grund ihrer Größe, weshalb wir sie selig preisen: Maria ist die große Glaubende. Und so ist sie uns hingestellt - nicht in Fernen entrückt, sondern gleichsam immer noch als dieses jugendliche Mädchen, das die Tür der Elisabeth betritt, das Leuchten des Geheimnisses Gottes auf der Stirn, von dem Glanz der Reinheit und der heiligen Hoffnung umgeben: "Selig bist du, weil du geglaubt hast."

Aber auch Maria kann in diesem Augenblick nicht schweigen. "Hochpreist meine Seele den Herrn, und mein Geist jubelt über Gott, meinen Erlöser." Maria lenkt den Lobpreis der Elisabeth ab von sich auf Gott, den Herrn selbst. Er ist es, dem aller Lobpreis gebührt. Sie hat damit aller Marien-Verehrung für immer den Weg gewiesen: Marien-Verehrung ist Lobpreis Gottes und seiner Huld, die er an den Menschen getan hat. Maria hat in dem Augenblick, da sie das "Magnifikat" gesprochen hat, nicht eigentlich gedichtet. Ihr Lied ist wie ein Teppich, dessen Fäden genommen sind aus den Worten des Alten Testaments, dessen ganze heilige Geschichte hier zu einem einzigen Lob des gnädigen und treuen Gottes verwoben ist. Fast jedes Wort des Liedes ist dem Alten Testament entnommen; dessen Lobpreisungen drängen sich im Augenblick der Freude und Erhebung auf ihre Lippen. Maria war offenbar ganz durchdrungen von dem Wort Gottes; sie lebte ganz aus diesem Wort.

Und das ist es, was uns vor diesem Lied nachdenklich stimmen sollte. Wo sind heute die Stillen im Lande geblieben, die, ohne viel Redens von sich zu machen, ohne hoch, ohne groß theologisch gebildet zu sein, wirklich in dem Wort Gottes leben? Wir haben heute allzu viele Menschen, die reden, die beweisen, dass sie auch gescheit sind und etwas sagen können, am besten etwas Kritisches. Aber wir haben zu wenig Menschen, die noch fähig sind, in der Stille zu hören; aus- und einzugehen in Gottes heiligem Wort; sich davon durchdringen und durchtränken zu lassen, so dass dieses Wort Gottes zu ihrem Brot wird. Wer von uns könnte sagen, dass ihm die Heilige Schrift, die Lobpreisungen Gottes wirklich so sehr zur selbstverständlichen Speise des Herzens geworden sind, dass sie sich ihm auf die Lippen drängen? Wir leben im Grunde vom schalen Wasser rein menschlicher Worte; und dabei ist uns doch in der Heiligen Schrift der köstliche Wein des göttlichen Wortes geschenkt. Die niedrige Magd des Herrn kann uns wahrlich beschämen und sollte uns wieder anregen, das Geschenk des göttlichen Buches zu lieben; Menschen zu werden, die Ohren haben, um Gottes Wort zu hören, auch mitten im Geschrei und Lärm dieser Zeit.

Ich meine, wir sollten immer wieder Gott preisen für sein Wort; für Maria, das Zeichen seiner Gnade und Huld; für die Stillen im Land, die es auch heute noch gibt, die aus dem Wort Gottes leben. Wir wollen Gott preisen für alle Huld, die er uns in unserem Leben geschenkt hat. Und wir wollen versuchen, in solchem lobpreisenden Dank unser Herz wieder mehr zu öffnen für das Geschenk seines Wortes, durch das er uns tröstet in der Nacht dieser Welt. Ohne dieses tröstende und tröstliche Licht ist unser Leben dunkel und leer. Wir Christen wissen in Dankbarkeit um dieses Geschenk seines Wortes. Wir wissen aber auch um das Geschenk, das er uns hat zuteil werden lassen in dieser Feier: Jesus Christus will auch uns mit seiner Nähe, mit seiner Gegenwart trösten und erfreuen. Er will zu uns kommen. Dafür sollen wir ihm Dank sagen - hier in der Feier der Danksagung, und alle Tage unseres Lebens.

 

top