Lesejahr C
23. - 34. Sonntag im Jahreskreis

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Christkönigsfest

 

23. Sonntag: "Jesu Bedingungen der Nachfolge"

Einführung

Christ sein heißt: sich von Gott in die Nachfolge seines Sohnes Jesus Christus gerufen wissen; hinter ihm herzugehen - heute, in unserer Zeit, in unserer Welt. Wir wissen: damals wie heute begab sich der, der Jesus nachfolgen wollte, in die Gemeinschaft eines, dessen Lebensprogramm nicht unbedingt attraktiv war. Wir wissen aber auch, dass nur bei ihm zu finden ist der Weg zu Gott, die Wahrheit über diese Welt und das Leben. Wir wollen uns darum zu Beginn dieser Eucharistiefeier wieder auf unsere Berufung besinnen und den Herrn, der uns gerufen hat, um seine Gnade und um sein Erbarmen anrufen.

    Herr Jesus Christus, du hast die Frohbotschaft vom nahen Himmelreich verkündet
    - Herr, erbarme dich!
    Du hast die Jünger gerufen, die Menschen mit Gott und untereinander zu versöhnen
    - Christus, erbarme dich!
    Du sagst auch uns: Folgt mir nach!
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Herr Jesus Christus, du hast uns zur Umkehr und in deine Nachfolge gerufen. Voll Vertrauen kommen wir daher mit unseren Bitten zu dir:

  • Für alle Christen: Gib ihnen Mut, auch heute den Menschen Gott und sein Reich zu verkünden!
  • Für alle, die in der Kirche ein Amt haben: Schenke ihnen die Kraft, die Menschen zur Umkehr in die Gemeinschaft mit Gott und in die Liebe zueinander zu rufen!
  • Für alle, die in der Welt Verantwortung tragen: Ermutige sie in ihrem Einsatz für ein friedvolles Miteinander und für Recht und Würde jedes Menschen!
  • Für uns selbst: Bestärke uns in deiner Nachfolge, und lass unser Zeugnis für dich glaubwürdig sein!

Denn du, Herr, willst, dass deine Frohbotschaft durch uns verkündet wird. Auch in unserer Zeit soll Wirklichkeit werden, was du begonnen hast. Dir sei Lob und Dank in Ewigkeit! Amen.

Predigt

Das Thema des heutigen Sonntags ist die "Nachfolge Christi". In fast schockierenden Sätzen wird diese Forderung von Jesus gestellt: alles zu lassen und nur auf das eine bedacht zu sein: was des Herrn ist! Ist eine solche "Nachfolge" aber nicht hart? Können wir diese "Rede" überhaupt noch hören? Und ist sie für uns heute eine reale Möglichkeit? Oder ist die Nachfolge Christi für uns vielleicht die eine Möglichkeit, Mensch zu werden und zu sein, so dass wir nicht nur mit einiger Mühe daran festhalten können; dass wir auch heute noch sinnvoll als Christen leben können; dass wir die entscheidende Möglichkeit des Menschseins anzubieten hätten.

Für Jesus selbst ist es kennzeichnend, dass er entschlossen und unbeirrt nach Jerusalem geht. Auf diesem Weg wird er von vielen Menschen begleitet. Sie suchen seine Nähe. Sie sind der Meinung, dass er etwas Gültiges zu sagen hat. Sie sind von ihm fasziniert. Jesus weist diese Menschen nicht ab. Er will aber auch nicht, dass sie ihm mit falschen Erwartungen folgen. Er schenkt ihnen klaren Wein ein. Wer sich ihm anschließt, der soll wissen, was ihn erwartet; was von ihm verlangt wird. Und Jesus nennt diese Bedingungen und Anforderungen nicht nur für einige ausgewählte Leute; er nennt diese Bedingungen für die vielen Menschen, die ihn begleiten; sie gelten für alle, die seinen Namen tragen. Sie gelten also auch noch heute - für uns!

Als erstes verlangt Jesus, Vater und Mutter, Frau und Kinder, Brüder und Schwestern, ja das eigene Leben zu "hassen". "Hassen" bedeutet hier nicht das Gegenteil der Liebe zum Nächsten, als ob an die Stelle der Liebe der Hass gegen den Nächsten treten müsse. Gemeint ist vielmehr mit diesem Ausdruck: Wer Jesus nachfolgen will, der muss ihn mehr lieben als alle anderen Personen, auch wenn diese ihm noch so nahe stehen. Er muss ihn, den Herrn, auch mehr lieben als das eigene Leben. Jesus beansprucht also eine einzigartige Sonderstellung. Die Liebe zu ihm, die Bindung an ihn muss den Vorrang haben vor allen anderen Bindungen. Die Liebe zu Jesus schließt also nicht die Liebe zu den Menschen aus. Das Verhältnis zum Nächsten muss sich aber im Verhältnis zu Jesus bestimmen. Wer zu wählen hat zwischen Jesus und so nahe stehenden Menschen, der muss sich zu Jesus bekennen; der muss sich für ihn entscheiden. Er hat seine Beziehung zum Nächsten so zu gestalten, dass sie seine Beziehung zu Jesus nicht in Frage stellt. Nicht das Wohlgefallen des Nächsten, nicht die Harmonie mit ihm sind die entscheidenden Maßstäbe, sondern allein der Wille Jesu und der Weg, auf dem er vorausgeht. Der Wille Jesu ist für den Christen die verpflichtende und letzte Norm.

Eines sollten wir ehrlicherweise nicht übersehen. Der von Jesus verlangten Bindung an seine Person stehen oft weniger die Angehörigen oder die Mitmenschen im Wege. Meistens steht die Bindung an das eigene Ich und das eigene Leben der Bindung mit Jesus im Wege, also die Ichsucht, die Egozentrik. Gerade auch das eigene Ich und das eigene Leben haben hinter die Bindung an Jesus zurückzustehen. Mit anderen Worten: Man kann sich nicht die Strecken des Weges Jesu aussuchen, die einem zusagen. Entweder ist man bereit, seinen ganzen Weg mitzugehen, oder es ist nutzlos, überhaupt anzufangen. Das Kreuz Jesu ist das reale Zeichen für die unbedingte Treue Jesu zum Willen des Vaters, zu seiner Sendung. Diese Treue geht ihm, geht Jesus auch über das eigene Leben. Weil er am Willen seines Vaters festhält, muss er sein Kreuz tragen, verliert er sein Leben. Er sucht nicht das Kreuz und das Leiden, als ob er daran Freude hätte. Aber er nimmt Kreuz und Leiden, er nimmt den Verlust des eigenen Lebens auf sich, weil es die Treue zu seinem himmlischen Vater mit sich bringt. Dazu muss auch der Christ bereit sein. Er kann nicht ein angenehmes Leben zu seinem obersten Ziel und Wert machen. Er darf nicht das Unangenehme, er darf nicht alles, was ein angenehmes Leben beeinträchtigt, beiseite schieben. Nicht das schöne Leben und nicht der Glanz des eigenen Ich sind der höchste Wert, sondern die Treue zum Willen Gottes und die Bindung an Jesus. Demjenigen, der Jesus folgen will, muss diese Treue über alles gehen.

Zu der Bindung an die Angehörigen und zu der Bindung an das eigene Ich kommt die Bindung an den Besitz, an die materiellen Güter. Obwohl sie doch etwas Unpersönliches sind, kann die Bindung an sie von großer Intensität sein. Auch diese Bindung muss gelöst werden; sie muss der Bindung an Jesus untergeordnet werden. Wer Jesus nachfolgen will, der muss vom Besitz "Abschied nehmen". Das bedeutet nicht, dass er in völliger Armut und Bedürfnislosigkeit Jesus folgt. Nirgends hat Jesus diese Forderung aufgestellt. Die Frauen, die Jesus begleiten, haben ihn und seine Jünger mit ihrem Vermögen unterstützt (vgl. Lk. 8, 3); sie haben ihren Besitz also nicht einfach aufgegeben. Es heißt jedoch für jeden, dass er sich an keinen Teil seines Besitzes festklammert; dass er ihn so verwendet, wie es die unbedingte Bindung an Jesus fordert. Er muss darum auch bereit sein, ihn ganz herzugeben - um Jesu willen!

Im heutigen Evangelium nennt Jesus in aller Offenheit und Klarheit die Bedingungen für den, der ihm nachfolgen will; die Bedingungen des Christseins. Diejenigen, die ihm folgen wollen, sollen genau abwägen, sie sollen genau kalkulieren, ob sie zu diesen Bedingungen, zu seinen Bedingungen ihm folgen wollen. Die beiden Gleichnisse vom Hausbau und vom Kriegszug sollen verdeutlichen, wie notwendig die nüchterne Überlegung ist. Jesus will also niemand überrumpeln. Er will auch niemand mit schönen Versprechungen auf seinen Weg locken. Ihnen sollen nicht erst später die Augen aufgehen, was Nachfolge an Konsequenzen mit sich bringt. Er will Menschen, die genau wissen, worum es geht; was auf dem Spiel steht. Wir neigen ja immer dazu, dass wir das Gehen mit Jesus zu unseren Bedingungen haben möchten; dass wir das Gehen mit ihm nach unseren Vorstellungen realisieren können. Er aber sagt uns, dass die Nachfolge nur zu seinen Bedingungen möglich ist. Billiger geht es nicht. Es gibt nur den einen und ganzen Jesus. Einen Jesus, dessen Eigenheiten man sich nach eigenem Geschmack, nach eigenem Gutdünken zusammen suchen kann, den gibt es nicht. Wer zu ihm gehören will, der muss sich nun einmal für den ganzen Jesus entscheiden. Haben wir den Mut, uns in dieser Weise auf ihn einzulassen! Und erbitten wir uns dazu dir Kraft von oben!

 

24. Sonntag: "Gottes Freude zu vergeben"

Einführung

Woher wissen wir eigentlich, dass Gott uns Menschen ernst nimmt und uns die Treue hält? Dass er uns liebt und hält? Dieses Wissen verdanken wir Jesus: seinen Worten; mehr noch: seinem Handeln. In Jesu Worten und in seinen Taten wird das Denken unseres Vaters im Himmel sichtbar, erfahrbar: Gott ist größer, als Menschen sich ausdenken können; er zeigt seine Größe darin, dass er den Verlorenen nachgeht und sie heimholt. Als Christen glauben wir daran, dass wir von Gottes Sohn gefunden und heimgeholt wurden - trotz unserer Fehler und Sünden, trotz unserer Unvollkommenheit: weil in Jesus Christus die Liebe und Güte Gottes uns geschenkt wurde.

    Herr Jesus Christus, du bist gekommen, um die Verirrten und Verlorenen zu suchen
    - Herr, erbarme dich!
    Du hast uns in deinem Tun das Denken unseres Vaters im Himmel offenbart
    - Christus, erbarme dich!
    Deine Treue und vergebende Liebe gilt auch uns, die wir hier versammelt sind
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Lasset uns voll Vertrauen zu unserem Herrn Jesus Christus beten, der gekommen ist, uns voll Liebe zu suchen und heimzuholen in seine Nähe:

  • Für die Christen in aller Welt, denen du deine Botschaft anvertraut hast: dass sie Zeugnis geben von deiner erbarmenden Liebe!
  • Für alle, die als Seelsorger tätig sind: dass sie voll Eifer und Geduld unter den Menschen wirken!
  • Für alle, die Unrecht getan haben: dass sie die Kraft zur Umkehr finden und Vergebung erlangen!
  • Für uns, die wir immer wieder hartherzig und ohne Erbarmen den Verirrten begegnen: dass wir von deiner Güte lernen!
  • Für unsere verstorbenen Brüder und Schwestern: dass sie bei dir Geborgenheit und Frieden finden!

Mit diesen Bitten kommen wir zu dir, dem guten Hirten. Erhöre diese Bitten in deiner Güte, der du lebst und herrschst in alle Ewigkeit. Amen.

Predigt

In seinen Gleichnissen versucht Jesus, seinen Jüngern und seinen Zuhörern das Denken seines himmlischen Vaters verstehbar zu machen. Sie sollen erkennen und spüren: So denkt Gott; aber auch: so denken die Menschen. Wandelt deshalb euer Denken um! Orientiert euch am Denken und am Verhalten Gottes! Nehmt an ihm Maß! Auch die beiden Gleichnisse aus dem Lukas-Evangelium, die wir eben gehört haben, wollen uns diesen Unterschied im Denken und Tun Gottes und im Denken und Tun der Menschen deutlich machen.

Der konkrete Anlass für die beiden Gleichnisse vom verlorenen Schaf und von der verlorenen Drachme ist der, dass Zöllner und Sünder zu Jesus kommen und mit ihm essen. Seine Gegner, die Pharisäer und die Schriftgelehrten, bemerken das und verübeln Jesus seine Handlungsweise. Ihnen gegenüber sucht Jesus sich und sein Tun zu rechtfertigen. Und er rechtfertigt sein anstößiges Verhalten damit, dass er in den beiden Gleichnissen zeigt: Gottes Liebe zum Sünder, der heimfindet, der sich finden lässt und sich bekehrt, ist ohne Grenzen. Deshalb handle auch ich so, weil dies dem Willen und dem Wesen Gottes entspricht.

Bei den Zöllnern und Sündern handelt es sich um Leute, die nach der Auffassung der Pharisäer und der Schriftgelehrten einen unmoralischen Lebenswandel führen; oder um Leute, die einen unehrenhaften Beruf ausüben, einen Beruf z. B., der zur Unredlichkeit oder zur Unsittlichkeit verleitet. Damit wird nun aber deutlich: die Feststellung der Pharisäer besagt nicht nur eine Verwunderung; es handelt sich vielmehr um eine eindeutige Anklage, um eine Beschuldigung. Jesus ist in den Augen dieser Leute ein unfrommer Mensch, der sich nicht an das Gesetz Gottes hält. Zugleich liegt in dieser Anklage eine eindeutige Aufforderung an die Adresse der Jünger und Anhänger Jesu: Trennt euch von diesem unfrommen, von diesem gesetzlos handelnden Menschen! Meidet den Umgang mit ihm!

Um die Antwort, die Jesus geben will, besser zu verstehen, müssen wir noch einige Dinge bedenken; und zwar die Vorstellungswelt, in der diese beiden Gleichnisse sich abspielen. Was das "verlorene Schaf" betrifft, um dessentwillen der Besitzer die neunundneunzig anderen Schafe in der Wüste zurücklässt, so dürfen wir selbstverständlich nicht meinen, der Besitzer kümmere sich nicht oder nicht mehr um die neunundneunzig anderen, und zwar aus Sorge um das eine verlorene Schaf. Er lässt selbstverständlich jemand bei den restlichen Schafen zurück. Daher wäre es eine falsche Deutung des Gleichnisses zu meinen: Jesus kümmere sich in erster Linie um die Verlorenen, um die Sünder, um die Randgruppen der Gesellschaft - diese Deutung ist heute ja sehr beliebt! Jesus (und Gott) kümmert sich um alle; alle liegen ihm am Herzen; keiner ist ihm gleichgültig. Auch hier springt der Gegensatz zum Denken der Menschen, zu unserem Denken in die Augen. Damit ist auch klar, dass nicht der hohe Wert des einen Tieres den Mann zum Suchen veranlasst; sondern einfach die Tatsache, dass das Schaf ihm gehört und ohne seine Hilfe nicht zur Herde zurückfindet und elend umkommt.

Was das Gleichnis von der "verlorenen Drachme" betrifft, so weisen die zehn Drachmen auf den Kopfschmuck der Frauen hin. Dieser Kopfschmuck gehörte zum Brautschatz und stellte den kostbarsten Besitz der Frau dar. Selbst während des Schlafes wurde dieser Kopfschmuck nicht abgelegt. Wenn es sich aber bei den zehn Drachmen um diesen Brautschatz handelt, dann war die Frau bitter arm. Denn zehn Drachmen waren ein überaus bescheidener Schmuck. Die Frau zündet ein Licht an - nicht weil es Nacht ist, sondern weil die arme Behausung keine Fenstern hat und nur wenig Licht durch die Tür einlässt. Und sie fegt das Haus aus, weil der Fußboden der blanke Fels ist, und weil man beim Fegen die Münze klirren hört.

Der Schluss der beiden Gleichnisse enthält eine Umschreibung des Gottesnamens: "So herrscht bei den Engeln Freude über einen einzigen Sünder, der umkehrt." Der Satz will sagen: So wird Gott sich beim Endgericht freuen über einen Sünder, der Buße tut, mehr sogar als über neunundneunzig anständige Menschen, die keine großen Sünden begangen haben. Gott ist froh, wenn neben den vielen "Gerechten" einer der Allergeringsten dem ewigen Verderben entgeht. Das bedeutet in keiner Weise, dass die sittliche Anstrengung von Jesus für bedeutungslos erklärt wird - zumal all unser Tun, all unser sittliches Bemühen immer nur das Echo ist und sein kann auf seine Güte. Auch die neunundneunzig Schafe, die sich nicht verirrt haben, leben ja im Schutz des Hirten. Auch die neunundneunzig Gerechten leben ja von Gottes Güte und Huld.

Der springende Punkt unserer Gleichnisse ist die Freude über das Finden des Verlorenen. So wie der Hirt sich über das heimgeholte Schaf freut, so wie die arme Frau sich über ihre wiedergefundene Drachme freut, genauso wird Gott sich freuen. Und Gott wird sich freuen, wenn er neben den vielen "Gerechten" auch einem der Allergeringsten, einem bußfertigen Sünder das freisprechende Urteil verkünden, sein Heil schenken kann. Ja, er freut sich "mehr" darüber. So ist Gott. Er will die Rettung auch des Verlorenen, des in die Irre Gegangenen; denn sie gehören ihm. Ihr Irregehen hat ihn geschmerzt; und er freut sich über ihr Heimfinden. Es ist die Freude, vergeben zu können.

Genau in dieser Art und Weise zu denken und zu handeln, wie sie Gott eigen ist, besteht die Verteidigung und Rechtfertigung Jesu: Gottes Weise zu denken und zu handeln rechtfertigt Jesu Verhalten, rechtfertigt seine Frohbotschaft, seine "Freundschaft" mit den Sündern. Weil Gott selbst von so unbegreiflichem Erbarmen ist, weil die Freude an der Vergebung, die Freude, Heil schenken zu können, seine höchste Freude ist, darum (so argumentiert Jesus) ist es meine Aufgabe, die Verlorenen heimzuholen. Und er sagt: Fasst das nicht auf als Zurückweisung, als Abwertung des sittlichen Mühens! Sondern blickt auf Gott und seine Güte zu allen Menschen, auch zu den Verlorenen und Verirrten! Wir sehen also: in unseren Gleichnissen liegt ein Hinweis auf den Auftrag, auf das Amt, auf die Würde, die Jesus hat: dass er der von Gott gesandte Messias ist; dass er ebenso gütig handelt wie Gott selbst. Jesus nimmt also für sich in Anspruch, an Gottes Stelle zu handeln: er holt heim; er erlöst aus Gnade; er schenkt Heil. Dieses Heil ist nicht nur Belohnung, sondern der Erweis seiner unverdienten Liebe und Güte.

Zum Schluss eine Anregung! Unsere Pflicht ist nicht das "Suchen" oder gar das "Aufspüren" der Sünder; schon gar nicht in pharisäischer Selbstgerechtigkeit. Unsere eigentliche Aufgabe ist die ehrliche Freude über das Glück anderer, die zu ihrem Vater heimfinden; die von Gott selbst heimgeholt werden. Bringen wir diese Mitfreude auf? Oder haben wir Zweifel an der Ehrlichkeit der Umkehr? Was wir tun können und sollen: Mit einem verständnisvollen, mit einem geduldigen und erbarmenden Herzen anderen die Umkehr und das Umdenken zu ermöglichen, zu erleichtern - auch in dem klaren Bewusstsein, selber des Erbarmens Gottes zu bedürfen. Gerade die Feier der Eucharistie sollte uns dies vor Augen stellen: dass Jesus die Mühseligen und Beladenen erquicken will. Ja, wir alle sind diese Mühseligen und Beladenen, die zu Jesus kommen dürfen; die er sucht; denen er mit seiner Liebe begegnet.

 

25. Sonntag: "Prioritäten setzen"

Einführung

Was bedeutet uns eigentlich unser Christsein? Sind wir nur deshalb Christen, um für alle Eventualitäten vorbereitet zu sein; für den Fall, dass etwas dran sein könnte an der Rede von einem ewigen Leben? Im heutigen Evangelium - so scheint es - stellt Jesus mit Bedauern, ja resigniert fest, dass die Weltleute sich um ihr irdisches Wohlergehen mehr kümmern als die Kinder des Lichtes um ihre künftige, um ihre ewige Existenz. Das ist ein Punkt, der auch uns heute zu einer Gewissenserforschung drängen sollte. Was bedeutet uns Gott? Was bedeutet uns Jesus Christus? Was bedeutet uns das ewige Leben, das er uns verheißen hat? Besinnen wir uns, und bitten wir um Vergebung für alle Halbheiten unseres Lebens!

    Herr Jesus Christus, du hast gesagt: Ihr könnte nicht Gott dienen und dem Mammon
    - Herr, erbarme dich!
    Du hast gesagt: Macht euch Freunde mit Hilfe des ungerechten Mammons
    - Christus, erbarme dich!
    Du mahnst uns zur Klugheit und Entschlossenheit auf unserem Weg zu dir
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Herr Jesus Christus, du hast uns auf deinen Weg gerufen und gibst uns die Kraft und den Mut, diesen Weg auch zu gehen. Darum kommen wir voll Vertrauen mit unseren Bitten zu dir:

  • Für unseren Papst und die Bischöfe: dass sie nicht müde werden, deine Botschaft den Menschen heute nahe zu bringen!
  • Für uns alle, die wir deinen Namen tragen: dass wir entschlossen sind, Ernst zu machen mit deinen Forderungen und Wünschen!
  • Für alle, die sich von dir abgewandt haben: dass sie sich nicht von der Sorge um Besitz und Macht leiten lassen!
  • Für unsere Verstorbenen: dass sie im Reich deines Vaters Frieden und Heimat finden!

Herr Jesus Christus, mit diesen Bitten kommen wir zu dir, der du uns den Weg ins Reich deines himmlischen Vaters gezeigt hast. Dafür danken wir dir heute und alle Tage. Amen.

Predigt

Vielleicht ist es ihnen auch so ergangen beim Hören des heutigen Evangeliums. Sie waren befremdet über dieses Gleichnis aus dem Munde Jesu. Denn wird da nicht ein Betrüger, ein ausgemachter Lump wegen seiner Betrügereien gelobt? Werden nicht diese üblen Machenschaften gebilligt, zur Nachahmung empfohlen? Und der Gipfel von allem ist doch der Satz: "Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, damit man euch, wenn es zum Ende geht, in die ewigen Zelte aufnehme!" Heißt das denn nicht genau dies, wir sollten unser ehrlich und oft sauer verdientes Geld, das wir zu unserem Leben brauchen, weggeben, an Arme und Bedürftige, gar an solche, die sich damit einen schönen Tag machen? Ist das nicht etwas viel von uns verlangt? Und riechen diese Worte nicht etwas viel nach "Klassenkampf"? Es lohnt sich jedenfalls, den Sinn des heutigen Evangeliums zu erfassen. Und wir werden sehen, was Jesus eigentlich mit seinem Gleichnis gemeint hat, und welche Lehre wir daraus für unser Leben als Christen entnehmen können.

Zunächst die Geschichte des Gleichnisses! Ein reicher Grundbesitzer hat einen Verwalter. Eines Tages wird ihm hinterbracht, dass ihm dieser Verwalter großen Schaden zufügt; er verschleudert sein Vermögen; er wirtschaftet unverantwortlich. Der Herr lässt ihn zu sich kommen; er verlangt Rechenschaft und setzt ihn ab. Im Gleichnis ist aber nun vorausgesetzt, dass der Verwalter noch eine Gnadenfrist hat, bis ein Nachfolger gefunden ist. Und gerade diese Frist nützt der gerissene Bursche aus, um seinem Herrn erneut großen Schaden zuzufügen und um sich auf diese Weise seine künftige Existenz zu sichern. Er erlässt den Pächtern eigenmächtig einen großen Teil der Pacht. Denn das will er mit seinem neuen Betrug erreichen: "So werden sie mich in ihre Häuser aufnehmen, wenn ich von der Verwaltung abgesetzt bin." Zweifellos ein "kluger", ein durchtriebener Kerl! Selbst sein Herr, der natürlich von der Angelegenheit erfährt, muss ihn trotz des erneuten Betruges unwillkürlich "loben" wegen seiner "Klugheit". Er hat nämlich alles auf eine Karte gesetzt, um sich auf diese Weise seine künftige Existenz zu sichern.

Was mit dem Gauner weiter geschieht, erfahren wir nicht, weil es Jesus auf etwas anderes ankommt. Es kommt ihm gerade auf diese radikale Entschlossenheit an, mit der der Verwalter für seine künftige Existenz gesorgt hat. Das will uns nämlich Jesus sagen: Sichert euch ebenso entschlossen euren Platz im künftigen Leben, im Himmel! Denn ihr seid ja in derselben Lage wie der Gutsverwalter, dem das Messer an der Kehle saß, dem der Ruin seiner Existenz drohte, nur dass die Krise, die euch droht, in der ihr schon mitten drin steht, unvergleichbar furchtbarer ist. Dieser Mann hatte die kritische Situation erfasst; er hat die Dinge nicht laufen lassen; er hat gehandelt in letzter Minute, gewiss skrupellos betrügerisch; Jesus beschönigt das in keiner Weise. Aber darauf kommt es gar nicht an. Dieser Mann hat entschlossen und klug gehandelt. Klug sein - das ist die Forderung der Stunde! Alles steht auf dem Spiel! Leider ist dem oft nicht so, wie Jesus fast enttäuscht hinzufügt. Leider sind die Kinder dieser Welt unter ihresgleichen klüger als die Söhne des Lichtes, die Kinder Gottes. Leider kümmern sich die "Weltmenschen" um ihr irdische Existenz, um Hab und Gut mit einer ganz anderen Radikalität und Entschlossenheit als die Kinder des Lichtes um ihre ewige, um ihr himmlische Existenz.

Stellen wir uns einmal ehrlich die Frage, wie das bei uns ist! Wem gilt unsere Hauptsorge? Müssen wir nicht auch mit Beschämung zugeben, dass wir uns um das künftige Leben nur wenig kümmern; dass wir in den alltäglichen Arbeiten und Sorgen nur zu leicht diesen entscheidenden Punkt vergessen; ja, dass wir gänzlich im Alltag, im Diesseits aufgehen? Sind wir nicht in der Gefahr, auf zwei Schultern tragen zu wollen, Gott und dem Mammon dienen zu wollen? Lassen wir uns nicht zu leicht täuschen, so dass wir die Dinge, die wir uns mit unserer Arbeit erwerben, ihren Besitz und Genuss für das Glück halten? Dass wir uns den Blick auf unser eigentliches Ziel trüben lassen? Wir halten Teilgüter, Vorläufiges und Vordergründiges für das Gute, das wir eigentlich gesucht haben. Ist der christliche Glaube für viele nicht eine Art Versicherung für alle Eventualitäten? Wenn man nicht gerade ein Versicherungsbetrüger ist, dann wünscht man im allgemeinen nicht, dass der Versicherungsfall eintrifft.

Wie äußert sich diese unsere entschlossene Sorge um unsere künftige Existenz? Lukas antwortet auf diese Frage mit einem konkreten Beispiel: "Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, damit man euch, wenn er vergeht, in die ewigen Zelte aufnehme." Wir verstehen das Wort besser, wenn wir annehmen, dass es zusammen mit dem Gleichnis zu Zöllnern und zu anderen Menschen, die bei den Juden als betrügerisch galten, gesprochen worden ist; die im Überfluss lebten, während andere in bitterer Armut leben mussten. Überfließender Reichtum wird ja zum Unrecht, zur Ungerechtigkeit, wenn und wo es Not und Armut gibt. Von diesem "Mammon" wird gesagt: er vergeht mit allem übrigen Besitz dieser Welt, und er lässt den Menschen, der sich auf ihn verlässt, der sein Leben darauf baut, betrügerisch im Stich. Das Totenhemd hat keine Taschen. Niemand nimmt etwas mit.

Der Satz setzt voraus: vor Gott gibt es keine eigentlichen "Besitzer", sondern nur "Verwalter". Und es kommt auf die treue Verwaltung dessen an, dem dieses "Vermögen" anvertraut ist. Worin sieht Jesus die treue Verwaltung dieses "Vermögens"? Wir sollen uns damit "Freunde machen". Wozu? Für das Gericht, das Gott einmal über uns halten wird. Die "Freunde", die wir uns mit unserem Besitz gemacht haben, sind die "Armen", die einmal als Fürsprecher für uns eintreten im Gericht. Wer den Armen Gutes tut, der sorgt entschlossen für seine ewige Existenz; er wird einmal von Gott in die ewigen Zelte aufgenommen. Er handelt im irdischen Leben "klug" wie der böse Verwalter, der für seine künftige Existenz radikal sorgen wollte, wenn auch auf unredliche Weise.

Nehmen wir diese Anregung mit in unseren Alltag, die heilsame, die beunruhigende Frage: Ist unser Christsein nur ein Versicherungsabschluss für alle Eventualitäten, wenn es nach dem Tod noch weitergeht? Auf welche Karte setzen wir? Auf uns selbst und auf das, was wir schaffen und erwerben? Sind wir noch in der Lage, wenigstens etwas Ballast abzuwerfen und damit zu dokumentieren, wo wir die Prioritäten unseres Lebens setzen? Setzen wir - ohne dass wir die Dinge dieser Erde verachten - im letzten auf Gott als den einzigen Halt und Grund unseres Lebens? Wenn wir uns darauf einlassen, dann ist Jesu Gleichnis nicht umsonst gesprochen, und die Lehre, die er damit gibt, auch in unserem Leben fruchtbar: Kümmert euch nicht so sehr um eure irdische Existenz, um Besitz, um Hab und Gut, um Macht; sondern kümmert euch viel mehr um eure ewige Existenz! Kümmert euch darum mit einer ganz großen Radikalität und Entschlossenheit!

 

26. Sonntag: "Gott gibt Sicherheit"

Einführung

Worauf gründen wir unser Leben? Woher erwarten wir Hilfe in der Not? Worauf setzen wir unser Vertrauen: auf die Sicherungen, auf die Versicherungen, die wir eingehen? Auf Besitz und Reichtum? In den Lesungen, die wir heute hören, werden wir eindringlich davor gewarnt, auf falsche Sicherheiten zu bauen, auf den Besitz und den Reichtum. Wir werden gefragt, ob wir von Gott Hilfe erwarten; ob wir auf ihn als den eigentlichen Helfer vertrauen. Die Gestalt des "armen Lazarus" weist uns eindringlich auf Gott hin: ihm zu vertrauen, an ihn zu glauben: dass er hilft - der Name "Lazarus" bedeutet ja: "Gott hilft!" Besinnen wir uns und erbitten wir für uns den Glauben und das Vertrauen auf Gott, auf unseren guten Vater im Himmel!

    Herr Jesus Christus, du fragst uns, worauf wir unser Leben gründen
    - Herr, erbarme dich!
    Du rufst uns zum Vertrauen und zum Glauben an deinen und unseren Vater im Himmel
    - Christus, erbarme dich!
    Du bist der Helfer, den der Vater im Himmel uns gesandt hat
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Herr Jesus Christus, du hast dich der Kranken, der Armen und der Notleidenden angenommen. Darum kommen wir voll Vertrauen mit unseren Bitten zu dir:

  • Für die Kirche, die Gemeinschaft der Glaubenden: dass sie sich mutig auf die Seite der Armen und Unterdrückten stellt!
  • Für die Reichen und Mächtigen in dieser Welt: dass sie bereit sind, für eine gerechte Verteilung der irdischen Güter zu sorgen!
  • Für die Menschen in Armut und Not: dass sie Hilfe finden und Wege zu einem menschenwürdigen Leben!
  • Für uns alle: dass wir nicht untergehen in den Sorgen um Besitz, um Ehre und Macht!
  • Für unsere Verstorbenen: dass sie Geborgenheit und Heimat finden bei deinem himmlischen Vater!

Herr Jesus Christus, mit diesen Bitten kommen wir zu dir. Du kannst die Not der Menschen lindern. Dir vertrauen wir jetzt und alle Tage unseres Lebens. Amen.

Predigt

Am vergangenen Sonntag haben wir das Evangelium vom ungerechten Verwalter gehört. Die Lehre dieses Gleichnisses war: Lernt aus dieser Geschichte! Ihr seid ja in der gleichen Situation wie dieser Verwalter, dem das Messer an der Kehle sitzt; dem der Ruin seiner Existenz droht. Dieser Mann, der ungerechte Verwalter, hat die kritische Situation erfasst. Er hat die Dinge nicht laufen lassen. Entschlossen sein, klug sein, das ist die Forderung der Stunde auch für uns. Denn alles steht auf dem Spiel. Und gegenüber dieser Forderung gibt es keine Ausflüchte. Das sagt uns heute auch das Gleichnis vom reichen Mann und dem armen Lazarus.

Das Gleichnis knüpft im ersten Teil an einen bekannten Erzählungsstoff an. Diese den Zuhörern Jesu bekannte Erzählung hat zum Inhalt die Umkehr des Geschicks im Jenseits. Es ist die Erzählung von einem armen Schriftgelehrten und einem reichen Zöllner. Der Schriftgelehrte wird bei seinem Tod ohne Geleit bestattet; während der reiche Zöllner mit großem Gepränge zu Grabe getragen wird. Im Jenseits aber gestaltet sich das Geschick der beiden Männer umgekehrt. Jesus knüpft offensichtlich an diese Erzählung an. Der reiche Mann in seinem Gleichnis, der es nicht nötig hat zu arbeiten, veranstaltet täglich Gastmähler; er ist bekleidet mit kostbaren Gewändern. Dagegen ist Lazarus ein gelähmter, von einer Hautkrankheit heimgesuchter Bettler; auf der Straße vor dem Tor des Reichen hat er seinen Bettelplatz. Was von denen, die an der Tafel des Reichen saßen, auf den Boden geworfen wurde, das hätte er bitter nötig gehabt, um seinen Hunger zu stillen. Warum nahm sich keiner seiner an? Für das Vergeltungsdenken seiner Zeit ist der arme Bettler nur ein Sünder, der von Gott für seine Sünden gestraft worden ist. Man will deshalb auch nichts mit ihm zu tun haben. Armsein, Kranksein war für die Zeitgenossen Jesu oft ein Zeichen der Strafe, des Zornes Gottes. Wenn es dem armen Bettler schlecht geht, dann geschieht ihm recht; dann verdient er es. Frage: Denken wir nicht auch oft so?

Aber diesem verachteten Bettler, den man von Gott für geschlagen hält, wird beim himmlischen Gastmahl der Ehrenplatz zur Rechten Abrahams zuteil. Dieser Ehrenplatz, das höchste Ziel der Hoffnung des gläubigen Israeliten, besagt, dass Lazarus an der Spitze aller Gerechten steht. Auf Erden sah er den Reichen an der vollen Tafel sitzen; jetzt darf er selber am Festtisch sitzen. Auf Erden war er verachtet; jetzt genießt er höchste Ehren. Er erfährt, dass Gott der Gott der Ärmsten und der Verlassenen ist. Er erfährt, dass vor Gott das Äußere nicht zählt. Freilich unter einer Voraussetzung: dass der Mensch seine Hoffnung auf Gott allein setzt, auf seine Hilfe. Darauf weist der Name des Armen hin: der Name "Lazarus" bedeutet so viel wie "Gott hilft". Wenn Jesus also den kranken Bettler "Lazarus" nennt, dann will er damit zu verstehen geben: dieser Bettler hat in all seiner Not und Hilflosigkeit nie an Gott und seiner Hilfe gezweifelt. Das Schicksal des Reichen dagegen ist Gericht und ewige Strafe. Er beruft sich auf seine Abrahams-Kindschaft. Diese wird zwar anerkannt, aber nicht als eine Garantie, als ein Unterpfand des Heils, sondern als Verpflichtung für das eigene Leben. Was dem reichen Mann mangelt, das ist seine Hoffnung auf Gott allein. Die Ursache seiner Strafe ist also sein Unglaube.

Damit dürfte klar sein: Man darf die Vergeltungslehre, die hier von Jesus formuliert wird, nicht äußerlich verstehen: Irdischer Reichtum hier auf Erden zieht nach sich eine jenseitige Strafe und Qual; und irdische Armut zieht nach sich eine jenseitige Erquickung. Niemals hat Jesus die Ansicht vertreten, dass der Reichtum an sich die Hölle, dass die Armut an sich das Paradies zur Folge habe. In unserem Gleichnis wird nicht der Reichtum als Ursache der Verstoßung hingestellt, sondern der Unglaube, die Unbußfertigkeit. Und dieses Beharren auf sich selber, dass Gott keinerlei Rolle im Leben spielt, wird nicht einmal durch jemand, der von den Toten auferweckt wird, überwunden werden. Was Jesus also verurteilt, ist nicht der Besitz, sondern dass man auf ihn sein Leben baut; mit anderen Worten: dass man von ihm die Sicherung seiner Existenz erwartet; dass man den Besitz, den Reichtum für sich zu Gott macht. Die Frage, der wir uns stellen müssen, ist die: Hoffen wir wirklich auf Gott? Oder ist für uns der Glaube an Gott nur eine Art Versicherung für alle Fälle? Steht für uns der Besitz, das Haben und das Haben-Wollen im Vordergrund des Denkens?

Bei unserem Gleichnis kommt noch etwas Bedeutsames hinzu. Gewiss hat das Gleichnis zunächst einmal die Umkehrung des Geschicks im Jenseits zum Gegenstand. Der arme Lazarus erfährt ewiges Glück, der reiche Mann wird verstoßen. Doch geht es im Gleichnis noch um etwas anderes; ja, das ist für Jesus sogar der wichtigere, der entscheidende Punkt. Es geht um die Bitte des reichen Mannes, Abraham möge den Lazarus zu seinen fünf Brüdern schicken. Auf diesem zweiten Punkt des Gleichnisses liegt in der Tat der Hauptakzent. Das bedeutet: Jesus will hier gar nicht in erster Linie zum Problem "reich und arm" Stellung nehmen. Jesus war kein "Klassenkämpfer", für den ihn viele ausgeben. Er will auch keine Belehrung geben über das Leben nach dem Tod. Sondern er erzählt das Gleichnis in der Absicht, Menschen, die den Brüdern des reichen Mannes gleichen, zu warnen. Der arme Lazarus ist also nur eine Kontrastfigur, eine Nebengestalt. Im eigentlichen Sinn geht es um die fünf Brüder, die der Verstorbene zurücklässt. Sie sind Diesseitsmenschen, wie ihr verstorbener Bruder. Sie leben in herzloser Selbstsucht, taub für Gottes Wort und für die Not anderer, weil sie meinen, dass mit dem Tod alles aus ist. Ihnen gegenüber ist sogar ein Wunder wirkungslos, sinnlos. Selbst eine Totenerweckung wäre vergeblich. Denn wer sich dem Wort Gottes nicht beugt, der wird auch nicht durch ein Wunder zur Umkehr gerufen werden. Der Grund dafür ist der, dass man etwas anderes, dass man den irdischen Besitz, den Reichtum, den egoistischen Genuss seines Reichtums zum Lebensinhalt gemacht hat; dass man einen anderen Gott verehrt.

Das ist nun genau der Punkt, wo unser Gleichnis für uns heute aktuell wird. Wir sollen uns fragen und fragen lassen, wie wir uns dem Wort und dem Anruf Gottes gegenüber verhalten; wie es mit unserem Willen zum Umdenken steht, zur Um-Orientierung, weg von einer falschen Sicherheit, vom Aufgehen im Irdischen, weg vom Festhalten an fragwürdigen Sicherheiten, und hin zu dem, was bleibt. Setzen wir auf Gott? Setzen wir auf ihn unsere Hoffnung? Wir dürfen von Gott keine Garantie, kein Wunder verlangen, das uns das Risiko der freien Entscheidung, das Wagnis des Glaubens abnimmt. Sondern wir sollten den Ernst der Entscheidungs-Stunde erkennen und uns auf das Wort des Herrn einlassen. Wir sollen in unserem Leben zeigen (ob wir nun Besitzende oder Nicht-Besitzende sind), dass nicht irgendein Besitz für uns die Hauptsache ist, sondern dass der Herr die Mitte unseres Denkens und Lebens ist. Er muss der Boden sein, auf dem wir stehen, weil wir ihm alles verdanken. Sind wir aber im Ernst davon überzeugt? Diese Standortbestimmung ist von uns gefordert. Die Frage ist nur, ob diese Standortbestimmung, ob wir selber vor Gott bestehen können.

 

27. Sonntag: "Unnütze Knechte"

Einführung

Glauben hat etwas zu tun mit Vertrauen und mit Treue. Wir vertrauen dem Wort eines Freundes, weil wir sein Herz kennen. Trifft dies auch für Gott zu, dass er treu ist, und dass wahr ist, was er tut? Als Christen sind wir davon überzeugt. Dabei sollen wir uns bewusst sein, dass er uns keinen Lohn, ja nicht einmal eine Erklärung schuldig ist. Denn er ist der absolute Herr. Wir sind ihm nicht gleichgestellt - das vergessen wir nur zu oft. Gott ist nicht unser Diener, der "springen" muss, wenn es uns gefällt. Besinnen wir uns darum zu Beginn dieser Eucharistiefeier, und erbitten wir uns vom Herrn dieses Vertrauen in seine Führungen und Fügungen.

    Herr Jesus Christus, du mahnst, uns in den Dienst deines Vaters zu stellen
    - Herr, erbarme dich!
    Du mahnst uns, nie zu vergessen, dass dein Vater uns keinen Lohn schuldet
    - Christus, erbarme dich!
    Du gibst uns die Gewissheit, dass dein Vater uns schenkt, was wir nötig haben
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Herr Jesus Christus, du hast uns deinen himmlischen Vater offenbart als unseren Herrn, aber auch als den, der für uns sorgt. Darum kommen wir voll Vertrauen mit unseren Bitten zu dir:

  • Für den Papst und die Bischöfe: dass sie nicht müde werden, den Menschen die Botschaft von der Güte und Liebe Gottes zu verkünden!
  • Für uns, die wir uns Christen nennen: dass wir nie vergessen, dass wir vor dir keine Rechte geltend machen können!
  • Für uns alle: dass wir unser Glück darin finden, dir dienen zu dürfen!
  • Für die Vielen, die dich nicht kennen: dass sie einsehen, dass nur bei dir Heil und Glück zu finden sind!
  • Für unsere Verstorbenen: dass du ihnen Heimat und Frieden im Reich deines Vaters schenkst!

Mit diesen Bitten kommen wir zu dir, unserem Heiland und Erlöser. Du kannst diesen Bitten Erhörung schenken. Dir sei Dank und Lobpreis in Ewigkeit! Amen.

Predigt

Irgendwie geht uns die Geschichte, die Jesus im heutigen Evangelium erzählt, gegen den Strich. Der Bauer, von dem da die Rede ist, der seinen Knecht bzw. seinen "Sklaven" so unbarmherzig, so unsozial behandelt, scheint uns eher ein Ausbeuter zu sein, aber nicht ein gütiger und gerechter Arbeitsherr. Mit einem solchen Tyrannen möchten wir jedenfalls nichts zu tun haben; wir möchten nicht einmal mit einem solchen Menschen verglichen werden. Erst recht sind wir befremdet, ja irritiert, dass Jesus sich anscheinend mit solchen Auffassungen identifiziert. Von ihm und seinem eigenen Verhalten zu den Menschen haben wir doch eine ganze andere Vorstellung.

Diese ganz andere Auffassung von dem, wie Jesus gewesen ist, lässt sich sogar im Neuen Testament bestens belegen. Da heißt es z. B. im 10. Kapitel des Markus-Evangeliums: "Ihr wisst: die als Herrscher der Völker gelten, knechten sie, und ihre Großen lassen sie ihre Macht fühlen. Nicht so gilt es unter euch. Vielmehr wer unter euch groß sein will, der sei euer Diener; und wer unter euch der Erste sein will, der sei aller Knecht. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, sich bedienen zu lassen, sondern zu dienen und sein Leben als Lösegeld zu geben für viele." (Mk. 10, 42-45) Nicht ausnützende Herrschaft also ist der Grundsatz für das Handeln Jesu und darum auch für seine Jünger: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!" (Mt. 22, 37) Ja, noch mehr: Wende dich den Menschen zu, die in Not sind; denen es schlecht geht; die sozial deklassiert sind! Denn mit diesen Menschen in Not identifiziert sich Jesus: "Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan!" (Mt. 25, 40) So verhält sich Gott; so verhält sich Jesus den Menschen gegenüber. Und so sollten sich die Menschen, die Christen untereinander verhalten. Das scheint uns eindeutig und klar zu sein. Was soll aber dann die Provokation mit dem "Herr und Knecht" - Verhältnis? Ist das nicht unsozial, ja ungerecht und unmoralisch?

Die Rede Jesu scheint jedenfalls höchst unmodern zu sein; sie passt - so scheint es - nicht in unsere Zeit und in unser Denken. Aber wir sollten zunächst einmal mit unserem Urteil vorsichtig sein. Denn - so meine ich - wir bleiben viel zu schnell beim Beginn unserer Geschichte empört stehen; wir hören sie nicht zu Ende. Wenn wir sie zu Ende hören, dann wird nämlich deutlich und erkennbar, von wem eigentlich die Rede ist. Es ist von Gott, vom absoluten Gott die Rede und von unserem Verhältnis zu ihm. Und dieser absolute Gott ist nun einmal nicht ein netter Zeitgenosse; er ist auch nicht ein gleichgestellter Geschäfts-Partner. Er ist eben der absolute Gott. Und ihm gegenüber hat der Mensch, haben wir keine Ansprüche, keine Rechte geltend zu machen. "Der Knecht steht nicht über seinem Herrn." Das dürfen wir nicht vergessen. Auf was könnten wir denn vor Gott pochen? Wir sind doch Wesen, die trotz vieler guter Einsichten immer wieder versagen und das Gute, das wir tun möchten, nicht zu Wege bringen. Gott ist ganz anders als wir. Er ist nicht mit uns zu vergleichen. Und genau dies will Jesus uns in prophetischer Rede deutlich machen: Vor dem Herrn, unserem Gott, sind wir alle arme und unnütze Knechte. Wir können immer nur tun, was uns aufgetragen ist. Dass wir in seinem Dienst stehen dürfen, das ist zudem - auch das dürfen wir nicht vergessen - nicht unser Verdienst; es ist seine Erwählung, seine umsonst gewährte Huld und Liebe. Ja, dass wir ihm dienen können, das ist unser Glück.

Es ist also sinnlos, wenn wir uns nach unserem eigenen Geschmack eine Vorstellung von Gott zurecht machen. Gott steht nicht in unserer Pflicht, in unserer Schuld. Es ist umgekehrt. Und deshalb haben wir ihm gegenüber keinen Anspruch auf eine "Leistung", auf seine Güte und Barmherzigkeit. Das dürfen wir nicht vergessen. Dabei bleibt beglückend wahr, dass Gott gut ist zu uns; dass er wie ein Vater gut ist zu uns; dass er sich offenbart hat als der gnädige und barmherzige Herr; dass er sich mit dem leidenden, mit dem gedemütigten Menschen identifiziert, solidarisiert. Das Kreuz unseres Herrn Jesus Christus ist der Ausdruck und das Unterpfand dieser göttlichen Liebe und Zuwendung. Er ist uns gegenüber unbegreiflich gütig und barmherzig. Aber wie kann er uns Liebe und Barmherzigkeit zuteil werden lassen, wenn von unserer Seite aus an ihn Ansprüche gestellt, Rechte geltend gemacht werden? Gott liebt uns ja; und er ist barmherzig zu uns nicht aus dem Grund, weil wir gut sind, sondern weil er gut ist. Weil er gut ist zu uns, darum dienen wir ihm; darum dürfen wir uns in seinem Dienst verzehren.

Wenn es sich aber so verhält, wenn Gott der Gott der Liebe und der Barmherzigkeit ist, dann wird deutlich, was wir vor ihm sind und sein dürfen: wir bedeuten ihm unendlich viel! Und zwar unabhängig von dem, was wir leisten; was wir vorzuweisen haben. Hier zeigt sich der fundamentale Unterschied zum Denken unserer Zeit, das gekennzeichnet ist durch die Auffassung, dass alles leistbar sei. Jeder ist dann aber auch nur so viel wert, wie er leistet; wie er etwas vorzuweisen hat. Wer nichts leistet, der ist auch nichts wert; der ist bedeutungslos; der ist eine Null; den kannst du vergessen. Gottes Denken und seine Maßstäbe dagegen sind anders. Für ihn ist niemand eine Null. Er lässt niemand fallen. Denn Gott liebt alles, was er geschaffen hat, weil er es geschaffen hat. Der Wert eines jeden Menschen kommt von ihm, nicht von dem, was er leistet. Jeder andere Maßstab über Lebens-Wert und Lebens-Unwert ist gefährlich, ist unmenschlich. Im Gleichnis vom verlorenen Sohn wird darum auch der, der weder sozial noch ethisch etwas geleistet und vorzuweisen hat, einfach deshalb wieder aufgenommen und vom Vater umarmt, weil er Sohn ist.

Hier wird deutlich, dass wir vor Gott nicht dazu verurteilt sind, Leistungen zu erbringen, Gott zu präsentieren. Wer hätte dann überhaupt eine Chance? Wir sollen uns vielmehr bewusst werden: Gott ist der Gott der unverdienten Liebe und Gnade. Diese seine uns umfangende Liebe nimmt uns freilich in die Pflicht. Wir sollen in seinem Dienst alles tun, was er befiehlt. Wir wissen jedoch, dass wir nicht aufgrund der perfekten Erfüllung seiner Befehle im Heil sind vor ihm, sondern nur deswegen, weil er uns liebt, unbegreiflich, unverdienbar. Unser Glück ist es, ihm dienen zu dürfen. Den Himmel können wir uns nicht "verdienen"; den Himmel gibt es nur gratis, umsonst. Gott verschenkt den Himmel - an solche, die alles von ihm erwarten. Der Himmel ist nicht käuflich. Dafür können wir nur Dank sagen - jetzt in der Feier der Danksagung, in der Feier der Eucharistie. Wir wollen Gottes Güte und Liebe zu uns preisen; und wir wollen diese Güte und Liebe Gottes in unserem Leben, in unserem Dienst für andere sichtbar und erfahrbar machen.

 

28. Sonntag: "Danken können"

Einführung

Unabhängig zu sein, das ist für uns höchst erstrebenswert. In Abhängigkeit zu geraten, ist für uns ein Unglück. Das wäre nur anders, wenn wir sicher sein könnten, dass das Angewiesensein auf einen anderen getragen, umfangen wäre von wirklichem Wohlwollen, von einer tiefen Liebe. Dann könnten wir aus tiefstem Herzen sagen: "Danke!" Wir feiern miteinander Eucharistie. Wir sagen Dank für alles, was Gott uns an Gutem erwiesen hat. Wir sagen Dank für ihn selbst, dass es ihn gibt; dass er da ist für uns. Wir sagen aber auch Dank für die Menschen, die Licht in unser Leben bringen; die uns lieben.

    Herr Jesus Christus, durch dein Leben und dein Wort hast du unserem Leben Sinn gegeben
    - Herr, erbarme dich!
    Bei dir finden wir trotz unserer Sünden Verständnis und Hilfe
    - Christus, erbarme dich!
    Du allein bist das Licht auf dem Weg unseres Lebens
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Lasset uns voll Vertrauen zu unserem Herrn Jesus Christus beten, in dessen Wirken Gottes Erbarmen und Güte zu allen Menschen offenbar geworden ist:

  • Du willst das Heil aller: gib, dass deine Gläubigen dein Heil in der Tat des Lebens weitertragen!
  • Du hast den zehn Kranken die leibliche Gesundheit geschenkt: lass uns dein heilendes Wirken in dieser Welt erkennen!
  • Du hast den Dank des einen Geheilten angenommen: öffne die Augen der Unzufriedenen und lass sie deine Wohltaten wahrnehmen!
  • Du erbarmst dich der Not aller Menschen und auch unserer Not: lass uns auf deine Güte und Liebe immer unser Vertrauen setzen!

Herr, du bist bei uns auf den Wegen unseres Lebens mit deiner Fürsorge und Liebe. Lass uns diese Fürsorge und Liebe nie aus den Augen verlieren! Das gewähre uns heute und alle Tage unseres Lebens! Amen.

Fürbitten

Vor etwa dreißig Jahren erschien in Italien ein Roman von Curzio Malaparte mit dem Titel "Die Haut". Der Roman schildert die Zustände in Neapel bei Kriegsende. In breiten Bildern des Ekels zeigt Malaparte, wie der Mensch besiegt, erniedrigt, überrollt und ausgebeutet wird, bis nur noch ein Aspekt von ihm übrig bleibt: seine Haut. Die Haut, die jeder zu Markte trägt; die Haut, die jemand zu retten sucht; die Haut, die man jemand über den Kopf zieht; die man so teuer wie möglich zu verkaufen sucht; der Mensch als gute, als treue Haut; der Mensch als nackte, als verwundete Haut.

Geht es in unserer Geschichte aus dem Evangelium von den zehn Aussätzigen nicht um eine ähnliche bittere Erfahrung - nur dass sie sich im Evangelium zu einem guten Ende wendet? Ist die Krankheit des Aussatzes (die zunächst nur die Haut, d. h. die Oberfläche des Menschen zu beeinträchtigen scheint) nicht ein genaues Bild dafür, dass der Mensch - damals wie heute - ein sehr verwundbares, ein sehr gedemütigtes Wesen ist, das immer wieder der Annahme, der Aufrichtung, der Heilung bedarf - und zwar nicht nur äußerlich, leiblich, sondern mehr noch seelisch? Brauchen wir nicht in einer elementaren Weise die segnenden, die tröstenden, die verbindenden, die heilenden Hände guter Menschen, wenn wir heil, zufrieden, glücklich sein wollen?

Da begegnen Jesus zehn Männer, die vom Aussatz gezeichnet sind; die als unrein galten und darum ausgeschlossen waren aus der menschlichen Gemeinschaft, aus ihrer eigenen Familie; darum auch ausgeschlossen von jeder Zuwendung und von der Gewissheit: akzeptiert, bejaht, geliebt zu sein. Ist es da verwunderlich, dass gerade solche Menschen, die ausgeschlossen sind, die anderen ausweichen müssen, anspruchsvoll sind, fordernd, klagend, ja anklagend? Ihr Leben ist nur Bitternis, Klage, Protest, Forderung. Und ihre leibliche Krankheit ist oft im Grunde nur Anzeichen einer tieferen, einer seelischen Krankheit und Not. Sind nicht wir alle - wenigstens etwas - in dieser inneren Verfassung des ewigen Klagens und Nörgelns, der Forderung nach Verständnis, nach Geborgenheit und Liebe? Sind nicht auch wir "aussätzig" - "außen vor", unzufrieden mit uns und anderen, friedlos, empfindlich, aggressiv? Fühlen wir uns wohl in "unserer Haut"? Fühlen wir uns nicht auch oft erniedrigt, ausgebeutet, missbraucht? Wir spüren doch oft, dass an uns nur das Äußerliche zählt, was nützlich und brauchbar ist, während das, was wir innerlich sind, sein möchten, nicht gefragt, uninteressant ist. Und oft erscheint uns die Distanzierung von anderen als die einzige Möglichkeit, die eigene Haut zu retten.

Wenn wir uns diese Erfahrungen vor Augen halten, dann ahnen wir, was sich abspielte, als die Kranken zu Jesus kamen und ihn um Heilung baten. Sie werfen sich auf die Erde. Und Jesus wendet sich ihnen zu; er sieht sie an. Und er trägt ihnen auf, zurückzukehren zu den Menschen, sich den Priestern zu zeigen. "Und während sie hingingen, wurden sie rein." Dass Menschen im Vertrauen auf Gott, im Vertrauen auf Jesus wieder beginnen, sich wohl in ihrer Haut zu fühlen und den Mut zurück gewinnen, sich vor anderen sehen zu lassen, darin besteht das Wunder der Heilung; das bewirkt sein Blick der Liebe. In seiner Nähe schmerzte es nicht mehr, mit anderen in Berührung zu kommen. Die Unberührbaren, die Ausgesetzten finden zurück zur menschlichen Gemeinschaft; sie brauchen anderen nicht mehr auszuweichen.

Eine Frage an uns: Vollzieht sich durch uns, in unserer Nähe, durch unsere Zuwendung auch so etwas wie eine derartige Heilung? Können sich andere in unserer Nähe wohl in ihrer Haut fühlen? Haben andere in unserer Nähe das Gespür, angenommen zu sein, sie selber sein zu dürfen? Spüren andere den Trost, den Segen, die Liebe, die von uns ausgehen, vermittelt werden? Oder haben wir Berührungsängste? Jesus weist uns jedenfalls einen anderen Weg; er weist uns den Weg, Liebe und Zuwendung erfahren zu lassen, auch wenn uns selbst Liebe und Zuwendung vorenthalten werden.

Unsere Geschichte enthält noch einen anderen Aspekt. Gewiss, sie zeigt uns, wie heilend, wie notwendig Jesu Tun ist, sein liebendes Sehen, seine Zuwendung. Nur so fühlen wir uns in "unserer Haut" wohl, weil wir davon überzeugt sein dürfen; weil wir daran glauben, dass Gott sich uns in diesem Jesus zugewendet hat; dass wir leben von seiner Liebe zu uns. Es ist aber darüber hinaus notwendig, um diese Heilsbedürftigkeit zu wissen, um dieses Angewiesensein auf Jesus Christus. Es ist notwendig, dies anzuerkennen. Wir erkennen aber unsere Hilfsbedürftigkeit an, wenn wir danken für sein Tun an uns. Nur dann sind wir ganz geheilt; nur dann sind wir wahrhaft "Erlöste", Befreite.

"Einer von den zehn Geheilten kehrte um und lobte Gott mit lauter Stimme; er warf sich vor Jesus zu Füßen und dankte ihm." Diesem Mann war am eigenen Leib aufgegangen, dass seine Heilung etwas völlig Unerwartetes, etwas nicht Einklagbares war, etwas Unverdientes. Er erkannte hinter Jesu Tun den Geber alles Guten, Gott selbst. Er erkannte an, dass das Leben "Gnade", Geschenk, Gabe ist. Und erst jetzt war er im eigentlichen Sinn geheilt: von seiner seelischen Krankheit, von seinem Eingeschlossensein in sich selbst; von seinem eigentlichen "Aussatz". Dafür dankt er Jesus: "Wie gut, dass es dich gibt! Du hast mir mein Leben wiedergegeben! Was ich bin, bin ich durch dich!"

Damit stehen wir wieder bei uns. Zwar brauchen wir unendlich oft das Wörtchen "Danke". Wollen wir aber wirklich etwas geschenkt bekommen, etwas umsonst, "gratis" haben? Können wir noch anerkennen, dass wir angewiesen sind auf andere, auf gute Menschen? Sind wir vor Gott dankbar dafür, dass wir Menschen begegnen dürfen, die für uns einstehen, die uns gern haben, die uns lieben? Es darf eigentlich kein Tag vergehen, ohne Gott zu danken für die, deren Dasein Licht in das Dunkel unseres Lebens bringt. Wir dürfen den Einsatz, die Freundschaft, gar die Liebe anderer nicht als selbstverständlich hinnehmen, als ein einklagbares Recht. Sehen wir darin ein unverdientes, ein unverdienbares Geschenk, eine Bereicherung, die "Gnade" unseres Lebens? Ich meine, erst in der Dankbarkeit (nicht nur für diese oder jene Leistung des anderen, sondern dass er einfach da ist, für uns da ist) werden wir von uns selbst erlöst und befreit, werden wir wahrhaft Menschen, die die anderen gelten lassen; für die die anderen nicht Konkurrenten sind, derer ich mich erwehren muss, um meine eigene Haut zu retten; sondern Helfer zu uns selbst. Nur in dieser Dankbarkeit werden wir uns freuen. Nur der Dankbare kann sich freuen.

Genau diese Einstellung macht uns erst fähig zu begreifen, im Glauben zu erkennen, was Gott für uns in Jesus Christus getan hat: dass wir leben von ihm her; dass wir ihm nicht nur für dies oder jenes danken sollen, sondern dafür, dass er da ist; dass er für uns da ist; dass er der Grund, der Sinn, das Licht unseres Lebens ist. "All meine Quellen entspringen in dir!" so jubelt der Psalmist. Lasst uns immer daran denken! Und lasst uns immer dankbar sein für die Menschen, deren Dasein unserem Leben Licht, Freude und Sinn gibt! Und lasst uns diesen Dank hineinnehmen in die Feier der Danksagung, in diese Feier der Eucharistie!

 

29. Sonntag: "Kirche - die Gemeinschaft der Mühseligen"

Einführung

Wenn wir von "Kirche" sprechen, dann sollten wir uns bewusst bleiben, dass gemeint ist die Gemeinschaft derer, die an Jesus Christus ihren Heiland und Erlöser glauben; als den von Gott gesandten und beglaubigten Messias. Ob groß oder klein, ob reich oder arm, ob oben oder unten: Jesus Christus ruft alle zum Glauben, und nichts kann dieses Ja des Glaubens ersetzen. Dieser gemeinsame Glaube ist die Klammer, die die Kirche zusammen hält, nicht die Macht und der Zwang und die Angst. Besinnen wir uns zu Beginn der Eucharistiefeier darauf, was uns beseelt, die wir zur Kirche Jesu Christi gehören wollen. Bitten wir um Vergebung für allen Un-Glauben, für das mangelnde Vertrauen auf den Herrn!

    Herr Jesus Christus, du hast die Kirche gegründet als das Licht der Völker
    - Herr, erbarme dich!
    Du hast der Kirche deine Frohbotschaft für alle Völker anvertraut
    - Christus, erbarme dich!
    Du rufst uns alle zum Glauben an dich als das Heil der Welt
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Voll Vertrauen beten wir zu unserem Herrn Jesus Christus, der die Kirche als die Gemeinschaft derer gegründet hat, die an ihn als ihr Heil glauben:

  • Für den Papst, die Bischöfe und Priester und alle, die im Dienst der Verkündigung stehen: dass sie den Menschen Gottes Frohbotschaft bringen und sich als gute Hirten erweisen!
  • Für alle, die zur Kirche gehören: dass sie sich nicht mit Kritik begnügen, sondern dem Wohl und der Glaubwürdigkeit der Kirche dienen!
  • Für alle, die keinen Kontakt mehr mit der Kirche haben: dass sie sich nicht an den Unvollkommenheiten der Menschen in der Kirche stoßen und offen bleiben für Gottes Botschaft!
  • Für alle, die nicht getauft sind: dass auch sie das wahre Wesen der Kirche erkennen und in ihr Heil und Erlösung finden!

Gott, unser Vater, du willst alle Menschen in deiner Kirche, in der Gemeinschaft der Glaubenden vereinen. Verlass sie nicht in den Stürmen der Zeit! Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn. Amen.

Predigt

Die Lesung aus dem 2. Brief an Timotheus steht in einem Abschnitt des Briefes, in dem Paulus seinem Schüler Mut macht für die Zeit des Abfalls vom Glauben an Christus, aber auch für die Zeit des Abfalls vom Glauben der Kirche, der Gemeinschaft der Glaubenden. Es ist gut, einige Sätze noch zu hören, die vor unserem Abschnitt stehen und die ihm folgen: "Du sollst wissen, dass in den letzten Tagen schwere Zeiten hereinbrechen. Die Menschen werden selbstsüchtig sein, habgierig, hochmütig, mehr von der Eigenliebe als von der Gottesliebe beseelt; die äußere Form der Frömmigkeit werden sie beibehalten, aber für deren Kraft verschlossen sein." (3, 1-5) "Es wird eine Zeit kommen, da man die gesunde Lehre nicht mehr erträgt und sich seine Lehrer nach eigener Willkür zusammenlesen wird. So wird man das Ohr von der Wahrheit abwenden und sich den Fabeleien zuwenden." (4, 3-4)

Man kann kaum zutreffender als mit diesen deutlichen Worten des heiligen Paulus die heutige Situation charakterisieren, in der sich die Kirche (wenigstens hierzulande) befindet; die aber auch innerhalb unserer Gesellschaft mit Händen zu greifen ist. Da ist einmal die Anspruchs-Mentalität und das Konsumdenken, ja der krasse Materialismus, der auch vor dem Bereich der Kirche nicht Halt macht: Was bringt mir der "Verein"? Haben wir nicht die Kirche des Herrn degradiert zu einem "Dienstleistungsunternehmen", zur "Versorgungskirche", die nach ihrer Nützlichkeit und Effektivität beurteilt wird? Haben wir nicht die Kirche degradiert zu einer weltweiten Sozial-Agentur? Der Missionsgedanke wird doch weitgehend nur noch als Not- und Entwicklungshilfe verstanden - doch wohl aus dem Grund, weil wir selber nicht mehr wissen, was Christsein eigentlich bedeutet. Und Christsein heißt: aus dem Glauben an das göttliche Heil, das uns in Jesus Christus zuteil geworden ist, zu leben und davon Zeugnis abzulegen. Wer nichts mehr mit dem Glauben an das Heil Gottes anzufangen weiß, für den ist Mission ein absurdes, ein völlig überflüssiges Sandkastenspiel; für den ist Christsein überflüssig.

Ich sagte: die Kirche sei degradiert worden zur "Versorgungskirche", zu einem "Dienstleistungsunternehmen", das dabei behilflich ist, seine "religiösen Bedürfnisse" zu befriedigen. Es ist klar, dass heute viele sich - angesichts der allgemeinen Konsum-Mentalität - nach weiteren Angeboten auf dem "Welt-Markt" des religiösen Angebots umsehen, nach billigeren Angeboten, die nicht so viele persönliche Konsequenzen mit sich bringen. Der "Markt" bietet da fast unbegrenzte Möglichkeiten. Wir leben heute ja - so hat es ein Theologe zutreffend ausgesprochen - in einer religionsfreudigen, in einer mythenfreudigen Gottlosigkeit: "Religion - Ja! Der Gott Jesu Christi, den die Kirche verkündet - Nein!" Wie viele, auch in der Kirche, zimmern sich ihre eigene private Religion zurecht, ein individuelles Glaubenssystem. Wie viele wollen nach der eigenen Fasson selig werden. Und auf diesem "Weg" ist Jesus, erst recht die Kirche für viele zu altmodisch, zu unmodern. Ein Zitat von Albert Görres: "Viele katholische Christen und Theologen stehen nur noch mit einem Bein im Glauben der Kirche, fast ohne es zu merken; mit dem anderen in einem privaten, selbstgemachten Glauben, in dem sie schließlich Haupt und einziges Mitglied ihrer eigenen Sekte sind."

Eine beliebte "Variante" des heutigen "religiösen Booms" ist im christlichen Bereich die, Jesus Christus gegen die Kirche auszuspielen. Jesu Geist, so sagt man sich, ist im Institutionellen untergegangen; die Kirche ist das "Grab" der frohen Botschaft Jesu. Jesus ist für sie der eigentliche "Frohe Botschafter", der das, was die Christen, vor allem "die da oben", aus der Gemeinschaft der Jesus-Jünger gemacht haben, als unter seiner Würde empfindet. Die Kirche mit den Leuten an der Spitze wird dann folgerichtig (wie Friedrich Nietzsche es einmal formuliert hat) zum "Narrenhaus", zur verlogensten "Art von Staat" abgestempelt, die es gibt. Darum auch die Parole: "Jesus - Ja! Kirche - Nein!" Auf den ersten Blick - dieser Eindruck entsteht - scheint man dann unangreifbar zu sein, unabhängig; nur dem Evangelium und dem eigenen Gewissen verpflichtet. Man übersieht aber dabei geflissentlich, dass dieser Jesus, wie er sich in den Evangelien, ja im ganzen Neuen Testament kundtut, durch die Kirche "vermittelt" ist, also durch die Gemeinschaft derer, die an Jesus Christus als ihr Heil glauben. Denn das Buch, das von Jesus spricht, ist das Buch dieser Kirche, das Buch der Gemeinschaft der Glaubenden. In der Kirche ist dieses Buch entstanden; sie hat dieses Buch nur "Norm" gemacht, zur eigenen "Norm" erhoben. Das aber kann die Kirche nur, weil sie vom Herrn selbst als "maßgebend" gewollt ist. Die Kompetenz der Kirche ist daher auch keine angemaßte, sondern eine von Jesus Christus selbst verliehene Vollmacht und Kompetenz. Das ist nun auch der Grund, warum wir Christen uns zu dieser von Jesus Christus gestifteten Kirche bekennen; und wir tun dies in den "Glaubens-Bekenntnissen": "Wir glauben die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche." Das bedeutet allerdings auch: das von Gott geschenkte Heil, das er der Kirche zur Vermittlung anvertraut hat, bedarf unserer gläubigen Annahme. Und genau hier liegen die tieferen, hier liegen die eigentlichen Ursachen für das Unverständnis, für die Ablehnung der Kirche als der Heilsgemeinschaft. Die "Kirchen-Krise" ist eine "Glaubens-Krise". Und diese "Glaubens-Krise" wird erkennbar, wird deutlich in der Antwort auf die Frage: Woher kommt das Heil, das wir alle so sehr ersehnen? Ist in Jesus Christus dieses Heil, die "Erlösung" begründet oder in einer anderen Wirklichkeit? Wer das Heil von Jesus Christus erwartet, der kann an der Kirche nicht vorbeigehen. Glauben aber im christlichen Sinn kann ich nur als "Mit-Glaubender". Zum "Glauben" komme ich nur durch das Zeugnis der Glaubenden; der Glaubende aber wird von seinem Glauben Zeugnis ablegen: dass Gottes Heil ihm zuteil geworden ist, unverdient, aus Gnade!

Die Kirche als die Gemeinschaft der Glaubenden ist also nicht selber das Heil; in ihr und durch sie geschieht das Heil. Sie hat ein Licht, das auf einen anderen verweist, auf Jesus Christus, den Heilbringer. Die Kirche ist darum auch nicht eine Gemeinschaft der Vollkommenen, gar der Sündelosen, sondern der Mühseligen und Beladenen, denen unverdient und unverdienbar Gottes Heil zuteil geworden ist. Und wer sich nicht wenigstens ein Stück weit auf das Experiment des Glaubens, auf das Experiment mit der Gemeinschaft der Glaubenden, also der Kirche einlässt, und zwar bejahend und liebend, der ärgert sich nur; der wird immer etwas Kritikwürdiges finden. Wer jedoch dieses Wagnis eingeht, der braucht sich nichts von den Dunkelheiten, von den Unvollkommenheiten der Kirche zu verbergen. Hinter der oft verrußten Oberfläche wird er aber das andere entdecken: dass Gottes Gnade dem wirklichen Menschen zuteil wird, den Mühseligen und Beladenen. Gott hat uns geliebt, als wir noch Sünder waren - so der heilige Paulus. Gerade an der Unvollkommenheit der Kirche geht uns auf das Angewiesensein auf Gott allein, auf sein Heil, das er uns in Jesus Christus hat zuteil werden lassen - nicht aufgrund der eigenen Würdigkeit, sondern aufgrund seines Erbarmens und seiner Liebe.

 

30. Sonntag: "Gottes grenzenlose Barmherzigkeit"

Einführung

Vom hl. Augustinus stammt der Satz: "Suche nicht einen hohen Berg, als wärest du dort näher bei Gott. Erhebst du dich, so zieht er sich zurück. Beugst du dich nieder, so neigt er sich zu dir herab." Immer sind wir angewiesen auf die Güte und das Erbarmen Gottes. Wir sind nicht die gleichwertigen Geschäftspartner Gottes in punkto "Heil". Das vergessen wir nur zu oft - wie der Pharisäer im heutigen Evangelium, der im Tempel betet und voll Verachtung auf den Zöllner herabschaut, einen öffentlichen Sünder. Besinnen wir uns darum zu Beginn der Eucharistiefeier wieder darauf, wer wir vor Gott sind; und bitten wir um seine Gnade und um sein Erbarmen.

    Herr Jesus Christus, du hast in deinem Verhalten gezeigt, dass du niemand verachtest
    - Herr, erbarme dich!
    Du weist niemand zurück, der dich um dein Erbarmen anruft
    - Christus, erbarme dich!
    Du schenkst auch uns deine Vergebung, wenn wir zu dir rufen
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Herr Jesus Christus, du bist in diese Welt gekommen zu suchen, was verloren war, und zu heilen, was verwundet ist. Darum kommen wir voll Vertrauen mit unseren Bitten zu dir:

  • Für die Kirche, die Gemeinschaft der Glaubenden: dass sie nie vergisst, zu leben von deiner Güte und Gnade!
  • Für uns, die wir uns Christen nennen: dass wir nicht überheblich und mit Verachtung dem irrenden und fehlenden Mitmenschen begegnen!
  • Für die Menschen, die sich nicht aus ungerechten Verhältnissen lösen können: dass sie nicht an deiner Güte und Vergebungsbereitschaft zweifeln!
  • Für unsere Verstorbenen: dass du sie voll Güte aufnimmst in deinen Frieden!

Mit diesen Bitten kommen wir zu dir, unserem Heiland und Erlöser. Wir vertrauen deinem Wort und deiner Güte, die du gerade den sündigen Menschen hast zuteil werden lassen. Dir sei Dank und Lob in Ewigkeit. Amen.

Predigt

In immer neuen Gleichnissen versucht Jesus, seinen Zuhörern das Denken Gottes, seines himmlischen Vaters, begreiflich zu machen - aber auch das Denken der Menschen. Gerade beim Evangelisten Lukas finden wir eine Reihe von Gleichnissen, die diesen Unterschied verdeutlichen. Denken wir nur an das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Auch das heutige Gleichnis versucht, diesen Unterschied deutlich zu machen: Gott denkt anders als wir Menschen. Gott rechtfertigt nicht den Muster-Frommen, den Pharisäer, sondern einen öffentlichen Sünder, einen Spitzbuben und Betrüger. Ihn hält Gott, ihn hält Jesus seiner Gnade würdig. Warum ist dieser notorische Sünder der Gnade Gottes würdig? In keiner Weise natürlich wegen seiner Sünden, wegen seiner Betrügereien! Er ist deshalb der Gnade Gottes würdig, weil er auf nichts vor Gott pocht, sondern alles von seiner Barmherzigkeit erwartet; weil er sich ganz auf das gnädige Erbarmen seines Vaters im Himmel verlässt. Und genau das ist es, was auch uns einiges sagen kann; wovon wir lernen sollten.

Das Gleichnis richtet sich an einige von denen, die "ihr Vertrauen auf sich selbst statt auf Gott setzten, im Glauben, gerecht zu sein, und die auf die anderen voll Verachtung blickten". Das heißt: Unser Herr Jesus spricht im Gleichnis zu Pharisäern. Und er erzählt zu ihrer Belehrung den Tempelgang zweier Männer. Der erste pflanzt sich mitten im Tempel auf, sichtbar für alle anderen Besucher des Tempels. Und er fängt an zu beten. Darin spricht er aus, welche Sünden er nicht begangen hat: Er ist kein Spitzbube; er ist kein Betrüger - wie dieser Zöllner da. Im Gegenteil: Er ist ein ganz frommer Mann. Er tut ja viel mehr, als ihm eigentlich vom Gesetz her aufgetragen war. Er fastet zweimal in der Woche - wo er doch nur einmal dazu verpflichtet war. Er gibt den Zehnten von allem, was er einkauft - obwohl diese Aufgabe nicht seine Sache ist, sondern die des Verkäufers.

Auf der anderen Seite steht der Zöllner. Er galt seinen Zeitgenossen nicht nur als Betrüger, der den Räubern gleichgeachtet wurde; er war auch ein Betrüger. Und deswegen wird er von den anständigen Leuten gemieden. Dieser Mann konnte es nicht einmal wagen, sich sichtbar im Tempel hinzustellen; er blieb von weitem stehen. Er schlug sich an die Brust zum Zeichen seiner Reue: "Gott, sei mir Sünder gnädig!" Und dieser Mann findet Erbarmen. Er findet Wohlwollen und Gnade. Und zwar bei Gott. Er ist derjenige, dem Gott sein Wohlwollen, seine Gnade zuwendet: "Dieser kehrte als Gerechter nach Hause zurück" - so heißt es im Evangelium.

Das Gleichnis muss für die Zuhörer ganz überraschend, unbegreiflich, ja eine Provokation gewesen sein. Dem "Frommen" wird nämlich von Jesus vorgeworfen, er habe nicht in der rechten Weise gebetet. Der "Fromme" hat nicht nur eine zu gute Meinung von sich selber; der eigentliche Vorwurf Jesu ist der: das Selbstvertrauen, das auf seinem frommen Lebenswandel beruhte, tritt beim Pharisäer an die Stelle des Gottvertrauens. "Auf mich kann Gott doch eigentlich stolz sein!" Ganz anders der Zöllner. Sein Gebet ist ein Verzweiflungsschrei. Der Mann schlägt sich auf das Herz; er vergisst ganz und gar, wo er ist. Seine Lage ist nämlich hoffnungslos. Denn zur Buße gehört für ihn nicht nur, dass er sein sündiges Leben aufgibt, d. h. dass er seinen Beruf aufgibt. Sondern zur Buße gehört auch, dass er wiedergutmacht; dass er die unterschlagenen Beträge zurückerstattet. Und wie kann er wissen, wen er alles betrogen hat! Nicht nur seine Lage ist hoffnungslos, sondern anscheinend auch seine Bitte um Erbarmen.

Und dann kommt diese überraschende Wendung im Gleichnis: "Ich sage euch: als dieser heimging, da hatte Gott ihn gerechtgesprochen - jenen aber nicht." Dem Sünder, dem Zöllner hatte Gott also sein Wohlwollen zugewandt; dem Frommen, dem Pharisäer aber nicht. Welches "Unrecht" hatte dieser denn begangen? Und was hatte der Zöllner getan, um seine Schuld wieder gut zu machen? Beim Pharisäer war an die Stelle des Gottvertrauens das Vertrauen auf sich selbst, auf die eigene Leistung vor Gott getreten. Er erwartete nichts von Gott - nur den ihm zustehenden Lohn für seinen frommen Lebenswandel. Er ist letztlich der Meinung, er ist davon überzeugt, das Heil sei auch ohne Gott zu erlangen, ohne seine Hilfe. Beim Zöllner hingegen findet Gott dieses unendliche Vertrauen, das nichts von sich und der eigenen Leistung allein erwartet, alles aber von Gott.

Gott urteilt also anders als die Menschen. Warum handelt er so? Ein Blick auf das Gebet des Zöllners kann uns noch größere Klarheit geben. Es ist der Beginn eines Psalms, und zwar des Psalms 50: "Gott, sei mir gnädig nach deiner Huld, tilge meine Frevel nach deinem reichen Erbarmen!" In diesem Psalm heißt es weiter: "Das Opfer, das Gott gefällt, ist ein zerschlagener Geist; ein zerschlagenes Herz wirst du, o Gott, nicht verachten." So ist Gott, sagt Jesus, wie es in diesem Psalm geschrieben steht. Gott sagt Ja zum hoffnungslos verzweifelten Sünder, und er sagt Nein zum Selbstgerechten. Er ist der Gott der Verzweifelten und der Gebeugten; und seine Barmherzigkeit ist grenzenlos. So ist Gott. Und so handelt er jetzt - das ist mitgesagt - durch Jesus als seinen Stellvertreter. Und so sollt auch ihr handeln. Und die an mich glauben, sollten sich an meinem Tun orientieren.

Das Gleichnis kann uns einige Anregungen geben. Wir sollen auf Gott bauen - nicht auf uns selbst! Unsere Gerechtigkeit gründet in Gott, nicht in der eigenen Leistung des Frommseins. Unser Tun des Guten erfließt aus der Gnade und Güte Gottes. Ein Zweites sollten wir beherzigen: Das Vertrauen auf Gottes Erbarmen gerade in der ausweglosen Situation der Schuld ist von uns gefordert. Wir alle haben dieses göttliche Erbarmen nötig; wir leben davon. Und dieses göttliche Erbarmen haben wir in unserem Leben, in unserem Handeln sichtbar zu machen. Ich weise hier auf einen Bereich hin, wo diese Aufgabe von uns zu leisten ist: auf "Mission" - heute am Missionssonntag! Es geht bei "Mission" nicht in erster Linie um Not- und Entwicklungshilfe; auch nicht in erster Linie um Friedenspolitik. Diese Hilfen, so wichtig sie sind, sind sekundär. An erster Stelle steht die Frohbotschaft vom Erbarmen und der Liebe Gottes zu allen Menschen. Gott will das Heil aller. Wenn uns in Europa diese Botschaft zuerst zuteil geworden ist, dann ist das kein Anlass zum Stolz und zur Überheblichkeit, sondern Anlass zum Dank; Anlass aber auch und Grund zur Pflicht, das, was uns anvertraut ist, anderen mitzuteilen - im demütigen Wissen, dass wir allesamt von Gottes Güte und Erbarmen leben.

 

31. Sonntag: "Einkehr bei einem Sünder"

Einführung

Könnten wir uns vorstellen, dass Jesus zu uns zu Besuch käme? Was würde das für uns bedeuten? Sähen wir darin die Gnade unseres Lebens? Das Evangelium erzählt von einem solchen Besuch Jesu, und zwar bei dem Zöllner Zachäus: "Heute ist diesem Haus das Heil geschenkt worden." In jeder Eucharistiefeier erhalten wir gleichsam "Besuch" vom Herrn. Jesus Christus wird unter uns gegenwärtig; er will von uns empfangen werden als das Brot des Lebens, als das Heil der Welt, als unser Heil. Sehen wir in ihm tatsächlich das Heil der Welt und unser Heil? Besinnen wir uns, und erbitten wir uns die Bereitschaft und die Offenheit des Herzens für das Kommen unseres Herrn und Heilandes!

    Herr Jesus Christus, du bist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist
    - Herr, erbarme dich!
    Du hast den Zöllner Zachäus gerufen, um Gast in seinem Haus zu sein
    - Christus, erbarme dich!
    Du willst in der Heiligen Kommunion zu uns kommen als Heiland und Erlöser
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Herr Jesus Christus, du bist in diese Welt gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren war. Darum kommen wir voll Vertrauen mit unseren Bitten zu dir:

  • Für die Kirche, die Gemeinschaft der Glaubenden: dass sie sich bewusst bleibt, auf deine Güte und dein Erbarmen angewiesen zu sein!
  • Für uns, die wir uns Christen nennen: dass wir bereit sind, den Einsamen, den Verachteten und Gemiedenen Heimat zu geben!
  • Für die Menschen, die schuldig geworden sind: dass sie den Mut haben, den Weg der Umkehr und des Rechtes zu gehen!
  • Für unsere Verstorbenen: dass du ihnen Frieden und Heimat im Haus deines Vaters zuteil werden lässt!

Herr Jesus Christus, wir vertrauen dir und danken dir. Denn du hast uns aus der Verstrickung in Schuld und Sünde befreit. Dich preisen wir heute und alle Tage unseres Lebens. Amen.

Predigt

Die ganze zweite Hälfte des Lukas-Evangeliums steht unter dem Vorzeichen: "Da sich die Zeit seiner Hinwegnahme zu erfüllen begann, wandte er entschlossen sein Angesicht gen Jerusalem, um dorthin aufzubrechen." (Lk. 9, 51) In Jerusalem wird sein Lebensweg am Kreuz enden. Mit Jericho erreicht die Wanderung Jesu seine vorletzte Station. Hier beginnt der Aufstieg aus der Jordan-Ebene durch die Wüste Juda hinauf nach Jerusalem. Was für das ganze Wanderleben Jesu gilt: "Wohltaten spendend zog er durch das Land" (Apg. 10, 38), das gilt besonders für diesen letzten Abschnitt seines Weges. Dem Blinden, der am Straßenrand sitzt und voll Vertrauen ruft "Jesus, Sohn Davids, erbarme dich meiner!" schenkt Jesus das Augenlicht; und der Geheilte stimmt ein in den Lobpreis Gottes, und er entschließt sich zur Nachfolge des Herrn. Dem Zachäus, der am Wegrand auf einem Baum sitzt und Jesus sehen möchte, schenkt Jesus seine Gemeinschaft und die Umkehr; er schenkt ihm das Heil. Beide, der Blinde und der Zöllner Zachäus, erreichen durch Jesus, der an ihnen nicht vorübergeht, die Hilfe Gottes in der ihnen je eigenen Not; und er bewirkt mit der Heilung die Umkehr, die Umkehr zu Gott, das Gehen mit Jesus.

Zachäus ist ein reicher Mann. Als Oberzöllner gehört er aber zu den gesellschaftlich Deklassierten, zu den verachteten und gemiedenen Leuten. Wegen seines berufsbedingten Umgangs mit Menschen aller Art, besonders mit Heiden, gilt er als unrein, als ein Sünder. Und weil den Zöllnern allgemein Habgier und ungerechte Geschäftspraktiken zugeschrieben werden, ist er verhasst und wird er verachtet. Ein gesetzestreuer Jude gibt sich nicht mit einem Zöllner ab. So steht Zachäus am Rande der Gesellschaft. Er ist zwar ein reicher Mann und hat eine gute Stellung. Von denen, die in der Gesellschaft etwas gelten, wird er jedoch nicht anerkannt. Dieser Zwiespalt ist wohl der tiefere Grund für sein Interesse an Jesus. Zachäus gehört offensichtlich zu jenen Menschen, die am Genuss ihres Reichtums nicht ihr Genüge finden; die darin nicht ihren Lebensinhalt und Lebenssinn sehen können.

Zachäus wünscht, diesen Jesus zu sehen, von dem er schon so viel gehört hat. Doch die vielen Menschen, die Jesus begleiten, versperren dem kleinen Mann die Sicht. Aber er weiß sich zu helfen. Er läuft dem Zug voraus; er steigt auf einen Baum und hat endlich einen Platz, von dem aus er einen Blick auf Jesus werfen kann. Sein Tun passt nicht zur Würde eines reichen Mannes; er verhält sich fast wie ein kleiner Junge. Er nimmt es aber in Kauf, dass er sich lächerlich macht. So groß ist nämlich sein Wunsch, diesen Jesus zu sehen. Dass es aber nicht beim bloßen Sehen bleibt; dass er Jesus kennenlernen, dass er von ihm das Heil empfangen darf, dafür sorgt Jesus. Die Hand, die Zachäus gleichsam zaghaft nach Jesus ausstreckt, wird von diesem ergriffen. Und Jesus stellt Zachäus auf einen neuen Weg. Er holt ihn aus seinem Versteck auf dem Baum und lädt sich bei ihm zu Gast. Bisher hatte Jesus die Zöllner zwar nicht links liegen lassen; er ließ sich sogar von ihnen zum Essen einladen. Seine Zuwendung zu diesen gemiedenen, ja verachteten Leuten erreicht hier seinen Höhepunkt: Jesus ergreift selbst die Initiative; er sucht von sich aus die Mahlgemeinschaft mit einem Zöllner. Und er weiß sich bei seinem Tun unter dem Willen Gottes: "Heute muss ich in deinem Haus zu Gast sein!" Gott hat auch die Zöllner nicht abgeschrieben; er hat sie nicht verworfen. Durch diese Tischgemeinschaft mit Jesus sind sie zur Gemeinschaft mit Gott gerufen. Und gerade darin besteht die Rettung und das Heil: "Heute ist diesem Haus das Heil geschenkt worden, weil auch er ein Sohn Abrahams ist."

Jesus zeigt mit seinem Verhalten sichtbar und gegen allen Protest, dass die Zöllner nicht vom Heil ausgeschlossen sind. Er ist als der Retter für das ganze Volk gekommen. Er lehnt darum die Pauschal-Urteile über eine ganze Berufsgruppe ab. Durch sein Verhalten lässt Jesus erleben, dass Gott niemand fallen lässt; dass er immer schon auf dem Weg zu ihnen ist. Freilich geht es für den Menschen darum umzukehren; sich Gott zuzuwenden; sich von ihm erreichen zu lassen; ihn aufzunehmen. "Heil" bedeutet: zurückgeholt zu werden, heimzufinden in die Gemeinschaft mit Gott. Jesus Handeln macht also sichtbar die Güte Gottes. Und er lässt sich in seinem Verhalten nicht beirren vom Denken der Leute, die den Zöllnern aller Zeiten keine Chance geben; die empört aufschreien: "Er ist bei einem Sünder eingekehrt!" Die Heilung des Blinden an der Straße von Jericho haben sie noch gebilligt. Das Erbarmen mit dem Zöllner lehnen sie ab. Diese Härte weist Jesus zurück. Er zeigt, dass Gott anders denkt als wir Menschen.

Dass Jesus sich ihm zuwendet, das ist für Zachäus Grund zur großen Freude. Sein Wunsch, Jesus zu sehen, wird mehr als erfüllt. Er nimmt Jesus in sein Haus auf, und er findet zu einer echten Umkehr. Von keinem anderen Reichen weiß der Evangelist einen solchen Entschluss zu berichten wie von Zachäus: "Herr, die Hälfte meines Vermögens will ich den Armen geben, und wenn ich von jemand zu viel gefordert habe, gebe ich ihm das Vierfache zurück." Kurz zuvor hatte Jesus, als er einen reichen jungen Mann vergebens zur Nachfolge gerufen hatte, gesagt: "Wie schwer ist es für Menschen, die viel besitzen, in das Reich Gottes zu kommen." Und die Leute, die damals Jesu Worte hörten, sagten: "Wer kann dann noch gerettet werden?" Lk. 18, 24. 26) Zachäus aber öffnet sich dem Denken Jesu. Er entschließt sich, nicht nur den Armen zu helfen, sondern Gerechtigkeit zu üben in seinem Beruf. Er lässt es nicht beim Sehen Jesu bewenden; er handelt nach dem Willen Jesu. So wird durch die Zuwendung Jesu das Haus des Gemiedenen und Verachteten zum Haus des Heils. Jesus hat einen Menschen angetroffen, der von den Frommen ausgestoßen war und in mancherlei Vergehen verstrickt war. Er lässt einen Menschen zurück, der sich von Gott versöhnt weiß, und der auf den rechten Weg findet.

Unsere Erzählung schließt mit den Worten Jesu: "Heute ist diesem Haus das Heil geschenkt worden, weil auch dieser Mann ein Sohn Abrahams ist. Denn der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren war." Dieses Wort Jesu ist auch an uns gerichtet; es kann uns ermutigen, uns auf Jesus und auf sein Wort einzulassen. Unsere Beziehung zu ihm beginnt damit, dass wir uns für ihn interessieren; dass er uns sympathisch ist; dass wir spüren: er hat uns etwas zu sagen. Es darf allerdings nicht beim bloßen Interesse bleiben; und wir können uns auch nicht mit der Rolle eines Zuschauers zufrieden geben. Wir müssen - wie Zachäus - etwas unternehmen; wir müssen sozusagen auch auf einen Baum steigen. Nur dann werden wir - wie Zachäus - vom Herrn gerufen werden; nur dann wird er unsere Gastfreundschaft in Anspruch nehmen; nur dann wird uns das Heil geschenkt; das Heil, das darin besteht, uns nicht blenden zu lassen vom Besitz, von der Macht, vom Lebensgenuss; vielmehr die Erfüllung zu erwarten von Gott; von Jesus Christus, der uns geliebt und sich für uns hingegeben hat. Dann erweist sich Jesus - wie für Zachäus - auch für uns als der Retter und Heiland, als der, auf den wir unser Leben gründen können.

 

32. Sonntag: "Gott der Lebenden"

Einführung

Unausrottbar ist die Sehnsucht der Menschen, den Tod zu überwinden, ewig zu leben. Der christliche Glaube sagt uns, dass die Überwindung des Todes geschehen ist in Jesus Christus, dem Sohn Gottes. Durch ihn haben wir die Gewissheit, in Gottes Liebe gehalten zu sein, in Gottes Liebe für immer geborgen zu sein. Gottes Liebe und Sorge um den Menschen werden nie vergehen; Gottes Liebe schenkt uns ewiges Leben: "Er ist doch kein Gott von Toten, sondern von Lebenden; denn für ihn sind alle lebendig." So hören wir heute im Evangelium. Wir wollen uns darum zu Beginn der Eucharistiefeier besinnen auf den guten Gott, auf den Leben-gewährenden Gott!

    Herr Jesus Christus, du hast uns gesagt, dass die Toten bei Gott leben
    - Herr, erbarme dich!
    Du hast uns deinen Vater offenbart als den Gott von Lebenden
    - Christus, erbarme dich!
    Du gibst auch uns die Hoffnung, für immer in Gottes Nähe zu sein
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Voll Vertrauen beten wir zu unserem Herrn und Heiland Jesus Christus, der Tote zum Leben erweckt und uns allen ewiges Leben verheißen hat.

  • Für die Kirche, die Gemeinschaft der Glaubenden: dass es ihr gelingt, in den Menschen die Sehnsucht nach dem ewigen Leben wach zu halten!
  • Für uns alle, die wir um deinen Altar versammelt sind: dass wir als Menschen leben, die an die Auferstehung glauben!
  • Für alle, die durch Leid und Ungerechtigkeit geprüft werden: dass sie nicht irre werden im Glauben an deine Güte!
  • Für die Verstorbenen, besonders für die, die uns nahe standen: dass sie ewige Freude und Frieden finden bei dir!

Vater im Himmel, du bist ein Gott, der Hoffnung und Zukunft schenkt. Höre unter Beten und schenke uns einst ewiges Leben durch deinen Sohn Jesus Christus, der mit dir lebt und herrscht in Ewigkeit. Amen.

Predigt

Können Tote auferstehen? Können Verstorbene wieder lebendig werden? Die menschliche Erfahrung spricht dagegen; ja noch mehr: eine Auferstehung der Toten scheint undenkbar. Dass es diese Überzeugung nicht erst heute gibt, bei religiös nicht gebundenen Leuten; dass sogar Menschen, die an Gott glaubten, diese Auffassung hatten, zeigt das heutige Evangelium. Ich meine, es sei angebracht, im Anschluss an unseren Text aus dem Lukas-Evangelium zu fragen, was wir Christen denn meinen, wenn wir von der Auferstehung der Toten sprechen; ja, wenn wir selbst für uns die Hoffnung haben, einmal für immer bei Gott zu sein.

Es geht in unserem Abschnitt aus dem Lukas-Evangelium um ein Streitgespräch Jesu mit den Sadduzäern, wohl der einflussreichsten jüdischen Gruppierung; zu ihr gehörten vor allem priesterliche Kreise. Für diese Sadduzäer nun war charakteristisch, dass sie nur das als verbindliche Offenbarung Gottes ansahen, was in den fünf Büchern des Mose stand. Jede Glaubenslehre und Tradition, die sie nicht in diesen fünf Büchern ausgesprochen fanden, lehnten sie ab. Aus diesem Grund lehnten sie auch die Lehre von der Auferstehung der Toten ab. In der Tat ist erst in den späteren Schriften des Alten Testaments davon die Rede. Im Streitgespräch mit Jesus berufen sich nun die Sadduzäer auf eine Vorschrift aus dem 5. Buch des Mose von der sogenannten "Levirats-Ehe" (vgl. Deut. 25, 5-10). Mit diesem Gesetz des Mose lasse sich eine Auferstehung der Toten nicht vereinbaren, wie sie spitzfindisch argumentieren. In der Tat führt eine Auferstehung, die von den Zeitgenossen sehr konkret und materialistisch verstanden, nur als eine übersteigerte Form des irdischen Lebens vorgestellt wurde, zu lächerlichen Folgerungen.

Jesus antwortet - und zwar nach dem Parallel-Text des Evangelisten Markus - auf den vorgebrachten Einwand mit einer Gegenfrage: "Irrt ihr euch nicht, da ihr weder die Schrift noch die Kraft Gottes kennt?" (Mk. 12, 24) Die Sadduzäer müssen sich fragen lassen, ob in ihrer Auffassung sich nicht ein mangelhaftes Verständnis der Schrift und der Macht Gottes kund tut. Und Jesus nennt den Grund dafür: "Nur in dieser Welt heiraten die Männer und Frauen. Die aber gewürdigt worden sind, an jener Welt und an der Auferstehung der Toten teilzuhaben, heiraten nicht; sie können dann auch nicht mehr sterben, weil sie den Engeln gleich... geworden sind." (Lk. 20, 34-36) Das Leben der von den Toten Auferweckten wird also anders sein, als es sich die Sadduzäer und Juden "vorstellten". Es wird keine einfache oder übersteigerte Fortsetzung des irdischen Lebens sein. Die Auferweckten erhalten vielmehr eine neue Existenzweise. Wenn es heißt: "den Engeln gleich", dann ist damit nicht ein leibloses Dasein gemeint, sondern eine über das irdische Leben, so wie wir es erleben und erfahren, erhobene Existenzweise. Wie diese neue Lebensform im einzelnen zu denken ist, davon ist nichts gesagt. Darüber vermögen wir nicht mehr zu erfahren, als was Paulus im 1. Korintherbrief schreibt: "Gesät wird in Vergänglichkeit, auferweckt in Unvergänglichkeit... Gesät wird in Schwachheit, auferweckt in Macht. Gesät wird ein irdischer Leib, auferweckt ein Geist-Leib." (1. Kor. 15, 42-44)

Gottes Macht vermag also den Toten ihr Leben in einer neuen, für uns nicht vorstellbaren Form wiederzugeben. Genau diese Tatsache, dass niemand sich dieses neue Leben "vorstellen" kann, ist wohl der Grund dafür, warum auch uns heute die Botschaft von der Auferstehung der Toten so fremd und unverständlich geworden ist. Oft haben wir uns auch durch das menschlich begrenzte Bild, dass wir uns von Gott und seinem Wirken machen, den Zugang erschwert oder gar verbaut. Wir denken viel zu gering von Gott. Wir rechnen nicht damit, dass er über Mittel und Wege verfügt, die uns verborgen sind.

Die Leugner der Auferstehung verkennen aber nicht nur die Macht Gottes; sie verkennen auch die Schriften. Jesus versucht, die Sadduzäer durch einen Hinweis auf einen Text aus dem 2. Buch des Mose zu überzeugen. Dort stellt sich Gott dem Mose mit dem Namen vor: "Ich bin der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs." (Ex. 3, 6) Gemeint ist zwar ursprünglich: Jahwe ist derjenige, der sich an Abraham, an Isaak und Jakob als Gott erwiesen hat, auf den sie vertraut und von dem sie Hilfe erfahren haben. Jesus zieht aber daraus die Schlussfolgerung: "Gott ist nicht ein Gott von Toten, sondern von Lebendigen!" Wenn Jahwe sich den Patriarchen als Gott erwiesen hat, dann gilt das auch über den Tod hinaus; dann gehören die Patriarchen nicht einfach zu den Gestorbenen; sondern sie gehören kraft der Macht Gottes über den Tod hinaus zu den Lebendigen. Was soll auch Gottes Sorge um einen Menschen, wenn dieser am Ende doch dem Tod preisgegeben bliebe?

Genau an diesem Punkt - so meine ich - wird die Botschaft unseres Textes aus dem Lukas-Evangelium auch für uns aktuell. Der Mensch, wir alle können deshalb nicht mehr total vergehen und untergehen, weil Gottes Liebe und Sorge um uns nie vergehen; weil wir von ihm gekannt und geliebt sind. Das ist ein Kernpunkt der christlichen Botschaft, der Frohbotschaft: dass wir weiterleben werden; nicht aus eigener Macht, sondern weil wir in einer Weise von Gott gekannt und geliebt sind, dass wir nicht vergehen, untergehen können. Wie das sein wird, das können wir uns natürlich nicht (mehr) vorstellen. Wir dürfen jedoch sicher sein: das Wesentliche des Menschen, dass er Person ist, bleibt; das, was in diesem irdischen Leben gereift ist, das besteht auf eine andere Weise weiter. Es besteht fort, weil es in Gottes Liebe "aufgehoben" ist: nicht vernichtet, sondern verwandelt und bewahrt. Und dies ist für uns etwas ungeheuer Frohmachendes, Anlass zur Freude. Lasst uns für diese Gewissheit aus dem Glauben immer dankbar sein und aus der Dankbarkeit dafür leben!

 

33. Sonntag: "Glaube und Gerechtigkeit"

Einführung

Das Thema des heutigen Sonntags ist das Kommen des Herrn zum Gericht über die Welt und über die Menschen. Wer will schon etwas mit einem Gericht zu tun haben? Läuft denn unser ganzes Leben auf einen Gerichts-Termin hinaus? Dann stände uns allen noch das große Zittern bevor. Aber der Herr will denen, die an ihn glauben, die sich an ihn halten, keine Angst machen. Denn der Tag des Herrn ist der Tag unserer Heimkehr zu unserem guten Vater im Himmel. Wir dürfen gewiss sein, dass wir voll Liebe erwartet werden. Besinnen wir uns darum zu Beginn dieser Eucharistiefeier auf diese frohmachende Gewissheit, und erbitten wir uns vom Herrn das tiefe Vertrauen in seine Güte und sein Erbarmen.

    Herr Jesus Christus, du rufst uns zum Glauben und zum Vertrauen
    - Herr, erbarme dich!
    Du gibst uns die Gewissheit, von deinem Vater erwartet zu werden
    - Christus, erbarme dich!
    Du wirst uns einst aufnehmen in die Herrlichkeit des Himmels^
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Lasst uns voll Vertrauen beten zu unserem Herrn und Heiland Jesus Christus, der uns in seiner Frohbotschaft die Hilfe gegeben hat, die Zeichen der Zeit zu erkennen:

  • In deinem Wort und in deinem Tun hast du uns den Weg gewiesen: Steh deiner Kirche bei in der Verwirrung und Ratlosigkeit unserer Tage!
  • Du weißt um die Bedrohungen in dieser Welt: Ermutige alle, die Frieden und Gerechtigkeit unter den Völkern schaffen wollen!
  • Du kennst das Unrecht und die Bosheit der Welt: Rette alle, die Unrecht erleiden, und mach dein Wort zum Wegweiser der Menschen!
  • Du rettest alle, die auf dich ihre Hoffnung setzen: Schenke unseren Verstorbenen dein Erbarmen und deinen Frieden!

Herr und Gott, wir kommen voll Vertrauen zu dir mit unseren Anliegen. Erhöre unsere Bitten, der du mit Gott, dem Vater, und dem Heiligen Geist lebst und herrschst in Ewigkeit. Amen.

Predigt

Das heutige Evangelium ist beunruhigend, ja schockierend. Denn es werden darin Geschehnisse angesprochen, die wir Älteren mit ziemlich gemischten Gefühlen selber miterlebt haben; die die Jüngeren nur vom Hörensagen oder aus dem Fernsehen kennen. Passt ein solches Szenario, von dem das Evangelium spricht, überhaupt noch in unsere Welt, die herrlichen Zeiten entgegen zu gehen scheint? Auf der anderen Seite sind Ereignisse und Geschehnisse nicht zu übersehen, weil sie grausame Realität sind: Kriegsdrohungen, Flüchtlingslager mit hungernden und obdachlosen Menschen in Afrika, auf dem Balkan; das Elend in manchen Katastrophengebieten in Mittelamerika. Jedenfalls kann uns das heutige Evangelium in eine heilsame Unruhe versetzen. Es fragt uns, wie wir in dieser Welt leben wollen - ob das nun im "Schlaraffenland Bundesrepublik" ist oder in Ländern mit schreienden sozialen Ungerechtigkeiten, mit Elend und Not und Krieg.

Eine erste Lehre, die uns das heutige Evangelium geben könnte, ist diese: Lauft nicht den vielen "Messiassen" nach, die immer wieder auftreten, sogar im Namen Jesu, und die das Paradies auf Erden versprechen; die mit ihren Visionen und Versprechen die Leute "high" machen und benebeln. Die selbsternannten "Messiasse" aller Zeiten lassen jedoch ihre Anhänger im Diesseits verkommen, in einer rein irdischen Wohlfahrt. Zu einem menschenwürdigen Leben gehört mehr; dazu gehört vor allem ein Lebenssinn, der inmitten einer fragwürdigen und unsicheren Welt einen unverrückbaren Halt gewährt und gewähren kann. Der Mensch lebt nun einmal nicht vom Brot allein; sondern er lebt von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt. Ist das unser "Heilsangebot" an die Menschen, an die Welt, ist das alles, was wir anzubieten haben: Konsum und Lebensgenuss, Freizügigkeit? Ist das die "neue Mitte", um die das Denken der Menschen nicht nur hierzulande kreisen soll? Mit diesen Programmen und mit diesen Verheißungen ist auf die Dauer niemand zufrieden zu stellen. Das führt mit Notwendigkeit zu einem "Aufstand im Schlaraffenland". "Habgier und Frieden schließen einander aus!" So Erich Fromm. Wo der Sinn des Lebens im Konsum und im Genuss, in der Freizügigkeit und im Erlebnisrausch besteht, da folgt mit Notwendigkeit der Neid, der Kampf, das Töten.

Wenn aber das Besorgen der irdischen Wohlfahrt nicht alles für den Menschen ist und sein kann, dann fragt sich doch, was denn notwendig, was Not-wendend ist. Und da sind wir Christen gefragt. Da haben wir Christen zeichenhaft vorzuleben, welche Ideale und welche Werte, die im Wesen des Menschen selbst verankert und ihm wesensgemäß sind, die Würde des Menschen allein ermöglichen und zeigen. Ich möchte einige Stichworte nennen. Da ist zunächst der Respekt und die Ehrfurcht vor dem Leben, vor jedem Leben. Niemand darf degradiert werden zum Objekt, zum Mittel der Politik, der Forschung, der Medizin, des Fortschritts, des Geldes, des eigenen persönlichen Vorankommens. Zu diesen für den Christen fraglos geltenden Werten gehört die Ehrfurcht vor dem anderen Menschen, der eine andere Hautfarbe, eine andere Religion, eine andere Überzeugung hat. Hierhin gehört das Stehen zur persönlichen Überzeugung (die übrigens nicht zu verwechseln ist mit dem eigenen Gutdünken), die die Orientierung an objektiven Gegebenheiten voraussetzt.

Hierhin gehört vor allem die Ausrichtung auf, die Verpflichtung zur Gerechtigkeit. Freilich, wer beruft sich heute nicht darauf? Wie viele Ungeheuerlichkeiten, wie viele Ungerechtigkeiten sind nicht im Namen der Gerechtigkeit geschehen! Für das christlich-abendländische Denken war immer dies eine Selbstverständlichkeit: "Gerechtigkeit ist die Bereitschaft, jedem das ihm Zustehende zu gewähren." Gerecht ist, den Namen eines Gerechten verdient nur derjenige, der bereit ist, dem anderen mitzuteilen, was ihm zusteht. Diese Verpflichtung, jedem das ihm Zustehende zu geben, gilt für jeden von uns. Und von der Erfüllung hängt ab, ob wir den Namen eines "Gerechten" verdienen. Die Sorge, die sittliche Pflicht des anderen ist es, mir zu gewähren, was mir als Mensch zusteht; mich zu meinem Recht kommen zu lassen. Wie sieht es aber in der Realität aus? Jeder kümmert sich doch darum, wie er selber sein Stück vom großen Kuchen aller bekommt. Soll doch jeder zusehen, wie er an sein Stück kommt! Die Hauptsache ist, dass ich meines habe; dass ich mir meinen Teil gesichert habe. Und jeder weiß, wie es in jeder Gemeinschaft immer wieder viele gibt, die sich nicht wehren, die sich nicht durchsetzen können; die ihre Ellenbogen nicht gebrauchen können; die keine Lobby haben. Auf wessen Seite steht die konkrete christliche Gemeinde? Auf wessen Seite stehen wir selber? Stehen wir dann auf der Seite der Armen, der Bedeutungslosen, derer, die sich nicht wehren und helfen können? Stehen wir auf der Seite der Ungeborenen, der Kranken, der Alten? Was die Familie der Völker angeht: Stehen wir auf der Seite der Ausbeuter und Unterdrücker oder auf der Seite der Ausgebeuteten und Unterdrückten? Zur Gerechtigkeit gehört, dass sie teilhaben am allgemeinen, an unserem Wohlergehen. Das ist uns als Pflicht aufgegeben, wenn es uns ernst ist mit der vielzitierten Gerechtigkeit; wenn wir "gerecht" sein wollen.

Das heutige Evangelium gibt uns noch ein Stichwort, wie wir als Christen glaubwürdig leben sollen. Wir sollen sein Menschen des Gottvertrauens, des Glaubens an Gott - und zwar inmitten der Fragwürdigkeit und Ungesichertheit unseres Lebens und der Welt. Nicht die Sicherungen, die wir aufbauen, nicht die Versicherungen, die wir abschließen, geben uns einen letzten Halt, sondern nur dieses Vertrauen auf Gott, der Glaube an ihn. Nur so werden wir nicht die Sklaven des eigenen irdischen Wohlergehens; nur so bewahren wir uns die Freiheit vor dem Zugriff des Konsums, des Lebensgenusses, des Fortschritts. Nur so geraten wir nicht unter die Räder. Die Frage ist nur, ob wir dieses Gottvertrauen und den Glauben an ihn uns zu einem Herzensanliegen machen; oder ob wir unsere Hoffnung auf etwas anderes, auf die kleinen Götzen des Diesseits setzen. Das sollten wir jedoch bedenken: diese Götzen fressen ihre eigenen Kinder.

In jeder Eucharistiefeier geschieht eine Erforschung des Gewissens, eine Besinnung auf Aufgaben und Pflichten, die wir als Menschen und Christen haben. Lasst uns diese Anregung heute mitnehmen in unseren Alltag: Wir sollen Ehrfurcht haben vor allem Leben, vor jedem Menschen. Aus dieser Ehrfurcht heraus sollen wir uns mühen um Gerechtigkeit in dieser Welt: dass jedem das, was ihm zusteht, gewährt wird. Wir sollen dies tun, weil wir auf Gott vertrauen und an ihn glauben - inmitten einer Welt, die fragwürdig und ungesichert, die voll ist von Ungerechtigkeit. Auf diesem Weg zu mehr Glauben und zu mehr Gerechtigkeit in der Welt wissen wir uns vom Herrn gehalten und bestärkt. Wir wissen uns in der Verantwortung vor ihm und vor seinem Wort.

 

Christkönigsfest: "Gottes Königtum"

Einführung

Wenn wir das Wort "König" hören, dann denken wir an Macht und Glanz auf der einen, an gehorsame Unterwerfung auf der anderen Seite. Durch Jesus Christus haben wir etwas anderes erfahren und - hoffentlich - auch gelernt: Er ist ein "König" - aber einer, der misshandelt und ans Kreuz geschlagen wurde, damals und immer wieder, auch heute. Jesus Christus ist König durch das Kreuz: durch seine Hingabe für die Vielen, für uns alle. Durch ihn haben wir die Versöhnung mit Gott, die Freiheit für ihn, den Frieden und das Heilsein untereinander. Wir wollen uns darum wieder zu Beginn der Eucharistiefeier heute am Christkönigsfest besinnen und ihn, unseren Herrn und Erlöser, um sein Erbarmen, um seine Hilfe bitten.

    Herr Jesus Christus, du bist in diese Welt gekommen, zu suchen und selig zu machen die Verlorenen
    - Herr, erbarme dich!
    Du hast dich, um uns zu retten, der Schmach des Kreuzes unterworfen
    - Christus, erbarme dich!
    Du hast dich in deiner Auferstehung als den wahren König der Welt offenbart
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Voll Vertrauen wenden wir uns mit unserem Bitten an Jesus Christus, den König der Welt, der uns nahe ist, weil er einer von uns geworden ist:

  • Für die Christen in aller Welt: dass sie deine Worte ernst nehmen und entschlossen danach streben zu werden, wie du warst!
  • Für die Menschen in aller Welt, die in dir nur eine bedeutende Gestalt der Geschichte sehen: dass sie verstehen, wer du bist, und in dir den sehen, den Gott zu uns gesandt hat!
  • Für die Unentschiedenen, die nicht wissen, welchen Leitbildern sie nacheifern sollen: dass sie sich deiner Führung anvertrauen!
  • Für die große Zahl der Nichtchristen, die sich an die Botschaft ihrer Lehrer halten: dass sie die Fülle der Wahrheit entdecken, die du uns gebracht hast!

Herr Jesus Christus, lass alle Menschen in dir den ewigen und wirklichen Heilbringer erkennen! Mach uns bereit, dass wir auf dich, das einzig feste Fundament, unser Leben bauen! Das gewähre uns, der du lebst und herrschst in alle Ewigkeit. Amen.

Predigt

Das Christkönigsfest hatte noch vor fünfzig Jahren einen guten Klang. Dieses Fest war gleichsam das Symbol für einen Aufbruch, für das Erwachen Gottes in den Seelen - wie Romano Guardini einmal sagte. Erst recht war das Fest das Symbol des Bekenntnisses gegen den Herrschafts-Anspruch des Totalitären. Deutlich wurde dies z. B. in den Bekenntnisfeiern der Jugend, aber auch in den Liedern, die beim Gottesdienst gesungen wurden. Vielleicht erinnern Sie sich noch daran: "Christus, mein König, dir allein schwör' ich die Liebe, lilienrein, bis in den Tod die Treue." Heute scheint das Fest seinen guten Klang eingebüßt zu haben - im Unterschied zu den Zeiten, wo die Kirche von innen unangefochten zu sein schien; wo das Koordinaten-System des Christlichen noch unbestritten zu sein schien; wo noch das Wort des Katechismus galt: "Wir sind auf Erden, um den Willen Gottes zu tun." Heute gilt anscheinend - auch für die Christen - ein anderes Wort: "Wir sind auf Erden, um das zu tun, wozu wir Lust haben, was uns Spaß bereitet."

Der Gottessohn, der in die Welt gekommen ist, hat ganz offensichtlich die Welt nicht in ein Paradies verwandelt, in ein Schlaraffenland. Er hat diese Welt des Leids und des Unrechts nicht verändert. Ja, er selbst ist in diesem Leid und an diesem Unrecht zugrunde gegangen - wie wir eben im Evangelium gehört haben. Der Gottessohn - so scheint es - sagt der heutigen Generation nichts mehr, unserer Generation, die vom Elend und vom Leid der Menschheit umgetrieben wird; und er sagt der heutigen Generation kaum noch etwas, deren Sinnen und Trachten - so hat es jedenfalls den Anschein - gekennzeichnet ist von der Gier nach Lebensgenuss und von der Sucht nach Vergnügen. Da wäre ein Jesus bei weitem attraktiver, der für das Brot im Überfluss sorgen würde. Denken wir nur an die Brotvermehrung, nach der die Leute Jesus zum König machen wollten, weil er sie satt gemacht hatte. Dazu ist er nicht bereit gewesen. Da wäre auch ein Jesus bei weitem attraktiver, der Symbol des Kampfes gegen die Unterdrückung und Ausbeutung wäre. Ein solcher Jesus, ein revolutionärer Jesus wäre ein Stachel im Fleisch der Welt. In diesem Sinn: als Ermöglicher eines Paradieses auf Erden oder als Revolutionär war Jesus offensichtlich nicht attraktiv; war Jesus nicht zu "gebrauchen" - damals wie heute. Mit ihm war und ist anscheinend "kein Staat zu machen" - im buchstäblichen Sinn!

Jesus ließ sich nicht vor den Karren der Leute spannen; er ließ sich nicht zu einem König im Schlaraffenland machen, der aus Steinen Brot machte. Er zog auf einem Esel in die Stadt Jerusalem ein; dazu noch auf einem Esel, der ihm nicht gehörte. Er selbst hatte keinen. Er griff damit aber, jedem in seinem Volk klar verständlich, eine Prophetie aus dem Prophetenbuch des Sacharja auf: "Juble laut, Tochter Zion! Jauchze, Tochter Jerusalem! Siehe, dein König kommt zu dir. Er ist gerecht und hilft. Er ist demütig und reitet auf einem Esel, auf einem Fohlen, dem Jungen einer Eselin." (Sach. 9, 9) Die Pferde waren damals (ähnlich wie heute die Panzer) Symbol der militärischen Macht. Der wahre König Israels wird also nicht auf einem Pferd kommen. Und er wird sich nicht in den Streit der Weltmächte einmischen. Er wird nicht selbst "Macht" spielen wollen. Er wird auf einem Esel in die heilige Stadt Jerusalem reiten, dem Symbol der Demut und der Ohnmacht; auf dem militärisch wertlosen Tier der Armen. Der Einzug auf dem geliehenen Esel ist tatsächlich das Symbol der Ohnmacht; er ist aber zugleich die Einlösung der Verheißung des Propheten. Jesus hat nicht das Schwert gezogen - obwohl es manchmal zum Dreinschlagen ausgesehen hat und immer noch aussieht! Jesus hat den Revolutionären aller Zeiten keine Parolen geliefert. Seine Jünger starben - wie er - als Märtyrer des Friedens; und so sind sie seine Zeugen geworden; Zeugen dessen, wer er war und wer er nicht war. Seine Zeugen wurden und werden immer noch - wie Jesus selbst - wegen ihrer Ohnmacht verlacht und verspottet. Aber nur auf diesem Weg der Demut und der Ohmacht geschieht Rettung und Heil der Welt.

Aber worin besteht dann Jesu Königtum? Der geliehene Esel ist der Ausdruck, er ist das Symbol der irdischen Machtlosigkeit. Er ist aber zugleich der Ausdruck für das vollkommene Vertrauen Jesu auf die Macht Gottes, auf die Macht seines himmlischen Vaters, auf die Fürsorge seines Vaters. Dieses Vertrauen auf Gottes Vatergüte und Vaterliebe wird in Jesus, wird in seinem Denken und Handeln sichtbar und für uns erfahrbar. Und es wird deutlich, dass er kein eigenes Königtum aufgerichtet hat neben dem Königtum Gottes; Jesu Leben war nur Zeugnis für Gottes Königtum; dass er der Herr der Welt ist und bleibt. Jesus steht nicht da, er steht nicht vor uns als das Symbol der Selbstbehauptung (wie der Roland auf dem Marktplatz von Bremen); er steht vor uns als das Symbol der Liebe, der Wahrheit und der Gerechtigkeit. Dieses Königtum der Wahrheit, der Gerechtigkeit und der Liebe, wie es in der Präfation heute heißt, dieses Königtum Gottes bleibt in dieser Welt immer angefochten, sehr zerbrechlich - wir wissen dies alle sehr genau. Aber allein von ihm her wird diese Welt erträglich, lebenswert, menschlich. Nicht die Revolutionäre machen die Welt menschlich - auch nicht die wohlmeinenden unter ihnen. Sie hinterlassen nur Scherben, Blut und Tränen; sie schaffen nicht das Paradies auf Erden; sie bringen oft nur eine "Hölle" zustande - ob diese Hölle Sucht oder Rausch heißt, oder KZ oder Gulag.

Was uns in dieser Welt leben lässt, das sind: Güte, Wahrhaftigkeit, Erbarmen, Treue - und die Gewissheit, dass Gott selbst dies alles ist. Was uns leben lässt, ist der Glaube, dass Gott so ist wie Jesus Christus; dass der demütige Mann auf dem geliehenen Esel der wahre König, die wahre und letzte Macht der Welt ist, an der sich letztlich alle Macht hier auf Erden messen lassen muss, vor ihr verantworten muss. Auf diese Macht hin, besser: auf den lebendigen Gott hin zu leben, das ist die Forderung des heutigen Festes; das Denken und das Tun Jesu Christi zur Richtschnur unseres Lebens zu machen; seine Güte und Wahrhaftigkeit, seine Liebe und Gerechtigkeit aufleuchten zu lassen in dieser Welt. Diese Welt ist kein Paradies, die sie wird auch niemals ein Paradies werden. Sie ist nicht die Erfüllung unserer Sehnsucht nach Heil und Freiheit und Geborgenheit. Unsere Heimat ist (so der heilige Paulus) bei ihm. Er allein kann und wird uns Güte und Liebe, Heilsein und Geborgenheit schenken.

 

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