Lesejahr C
2. - 10. Sonntag im Jahreskreis

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2. Sonntag: "Jesus offenbart seine Herrlichkeit"

Einführung

Ebenso wie das Kommen der Sterndeuter nach Bethlehem und wie die Taufe Jesu im Jordan ist auch das Wunder bei der Hochzeit zu Kana ein Offenbarungsgeschehen: das Aufleuchten der Herrlichkeit Gottes im Tun, in der Person des Jesus von Nazareth. Den Anstoß zu diesem ersten "Zeichen" gibt Maria, die Mutter Jesu, das Urbild der hoffenden und der bittenden Gemeinschaft der Glaubenden, der Kirche. Maria wird auch beim Kreuz Jesu stehen - dann, wenn seine "Stunde" gekommen ist. Die "Stunde" Jesu ist die Stunde seiner Erhöhung am Kreuz und seines Hinübergehens in die Herrlichkeit beim Vater im Himmel. Wir wollen uns darum zu Beginn der Heiligen Messe, in der wir des Todes und der Verherrlichung unseres Herrn gedenken, wieder darauf besinnen und darum bitten, dass auch wir zum Glauben an ihn kommen.

    Herr Jesus Christus, du hast den Leuten in Kana den Wein der Freude geschenkt
    - Herr, erbarme dich!
    Du hast in diesem "Zeichen" die Herrlichkeit Gottes offenbart
    - Christus, erbarme dich!
    Du hast durch dieses "Zeichen" den Glauben deiner Jünger gefestigt
    - Herr, erbarme dich!

Es erbarme sich unser der allmächtige Gott! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Lasset uns voll Vertrauen zu unserem Herrn Jesus Christus beten, in dem uns Gottes Herrlichkeit aufgeleuchtet ist, und in dem uns für alle Not und Ratlosigkeit Hilfe zuteil geworden ist!

  • Du hast auf der Hochzeit zu Kana an der Freude der Menschen teilgenommen: Schenke uns Halt und Geborgenheit in der Gemeinschaft derer, die an dich glauben!
  • Du hast auf die Bitten deiner Mutter die leeren Krüge füllen lassen: Gib allen Ratlosen Zeichen und schenke allen Notleidenden Speise und Trank!
  • Du hast im Wunder von Kana deine göttliche Herrlichkeit offenbart: Lass uns auch heute das Zeichen deiner Nähe und Hilfe entdecken!
  • Deine Jünger wurden im Glauben an dich gefestigt: Stärke unseren Glauben an dich, unseren Herrn und Heiland!

Mit diesen Bitten kommen wir zu, Herr Jesus Christus. Du kannst sie erhören, weil du uns liebst. Amen.

Predigt

Es gibt Geschichten in den Evangelien, die uns vertraut und bekannt sind. Wenn wir den Anfang hören, wissen wir schon, wie sie enden. Wissen wir auch, was sie uns sagen wollen? Da sind Zweifel durchaus angebracht - zumal es in den Erzählungen der Evangelien nie nur um eine interessante Geschichte geht. Es geht um ein lebendiges Gegenüber; es geht um jemand, der von uns eine Stellungnahme fordert. Auch in der Erzählung vom Weinwunder auf der Hochzeit von Kana geht es nicht in erster Linie um eine interessante Story; es geht um Jesus, der den Glauben an ihn verlangt; es geht um unsere Beziehung zu ihm; es geht für uns darum zu erfassen, wer er eigentlich ist. Da kommen wir nie an ein Ende. Dieses tiefere Kennenlernen (die Bibel spricht vom "Einswerden-in-der-Liebe") ist nur möglich, wenn wir dem vertrauen, wenn wir den lieben, der uns begegnet. Ich meine, gerade die Erzählung von der Hochzeit zu Kana sei geeignet, uns bewusst zu machen, was "Kennenlernen", was Glauben heißt; dass Glaube im eigentlichen Sinn nicht zu lösen ist von unserem liebenden Ja zu Jesus.

Unsere Erzählung beginnt mit einer Zeitangabe: "In jener Zeit." Aus dem vorausgehenden Text wissen wir: es ist unmittelbar nach der Berufung der ersten Jünger: des Andreas und Johannes, des Petrus, des Philippus und des Nathanael. Jesus bringt also fünf Männer mit zur Hochzeit, zu der er eingeladen war - wie seine Mutter Maria. Vielleicht ist die Anwesenheit von fünf zusätzlichen Gästen der Grund dafür, dass der Wein bald zu Ende geht. Maria bemerkt dies, und sie macht Jesus darauf aufmerksam - selbstverständlich in der Absicht, damit er Abhilfe schafft. Jesus weist aber die Bitte seiner Mutter ab, und zwar in schroffer Weise: "Frau, was habe ich mit dir zu tun?" Auch wenn diese Reaktion nicht respektlos oder gar verächtlich gemeint ist, so richtet sie dennoch eine eigentümliche Distanz auf zwischen Jesus und seiner Mutter. Es wird aber deutlich: die menschliche Verbundenheit und die Verwandtschaft des Blutes sind für das Handeln Jesu nicht ausschlaggebend. Er steht unter einem eigenen Gesetz; er hat auf eine andere Stimme zu hören. Es ist die Stimme seines Vaters im Himmel. Und Maria hat dies begriffen. Was sich tun lässt, ist nur dies: bereit sein für die Anweisungen und Befehle Jesu. Deshalb der Hinweis an die Diener: "Tut, was er euch sagt!"

Sechs große Wasserkrüge stehen da, die dem jüdischen Reinigungsbrauch dienen. Sie werden von den Dienern gefüllt und dem Tafelmeister gebracht. Der wunderbare Vorgang selbst ist nicht beschrieben; es wird nur das geschehene Wunder festgestellt: aus dem Wasser ist guter Wein geworden. Jesus findet seine erste Anerkennung aus dem Mund eines alkoholgewohnten Oberkellners! Aber dieser ist ein vollgültiger Zeuge für das Wunder der Verwandlung. Der Evangelist übergeht in seiner Erzählung den Eindruck, den das Wunder auf die Tischgesellschaft macht. Es kommt ihm nur auf die Wirkung an, die das Wunder bei den Jüngern, seinen Begleitern auslöst. Bei ihnen verstärkt und vertieft es den Glauben, der in der ersten Begegnung mit Jesus, bei seinem Ruf in die Nachfolge grundgelegt worden war. In der Berufungserzählung heißt es: "Wir haben den gefunden, über den Mose im Gesetz und auch die Propheten geschrieben haben." So Philippus. Und Nathanael bekennt: "Du bist der Sohn Gottes! Du bist der König von Israel!" In dieser Überzeugung, dass Jesus der gottgesandte Messias ist, werden die Jünger bestärkt.

Am Schluss dieser Berufungsgeschichte mit dem Bekenntnis des Nathanael steht das Wort Jesu: "Du wirst noch Größeres schauen." Und am Ende unserer Erzählung heißt es: "So tat Jesus sein erstes Zeichen in Kana in Galiläa, und er offenbarte seine Herrlichkeit." Der tiefere Sinn unserer Erzählung erschöpft sich also offensichtlich nicht einfach in dem wunderbaren Ereignis. Dieses Ereignis ist nur ein "Zeichen", es ist nur der Verweis, es ist nur der Hinweis auf etwas, was hinter dem Geschehen aufleuchtet. Es ist für den Evangelisten nur Symbol dessen, was sich im ganzen Tun und Wirken Jesu offenbart: er offenbarte seine "Herrlichkeit". Damit ist nicht gemeint die Macht des Wundertäters. Gemeint ist vielmehr die Göttlichkeit Jesu. Diese göttliche "Herrlichkeit" kann aber nur sichtbar, kann nur offenbar werden, wenn eine Bedingung, wenn eine Voraussetzung erfüllt ist. Und diese Voraussetzung wird vom Evangelisten in der Einleitung seines Evangeliums so beschrieben: "Allen, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden." (Joh. 1, 12) "Aufnehmen" aber bedeutet: jemand akzeptieren, Ja-sagen zu jemand: "Wie gut, dass es dich gibt!" Unsere Erzählung vom Wunder in Kana ist also eine vorbildliche Darstellung des Glaubens, den Jesus durch sein Wort, durch sein Tun und durch die persönliche Begegnung mit ihm weckt. Und es kommt darauf an, wie wir darauf reagieren; was er für uns bedeutet. Die Gabe des Weins (und in welcher Fülle teilt er sie aus!) meint darum all das, was Jesus uns schenkt. Über diese Gabe hinaus meint sie ihn selbst, der uns offenbart als Gottes Sohn, und der uns begegnen will; dem wir unsere Herzen, dem wir uns selbst öffnen sollen. "Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz." Ist unser Herz bei ihm?

Besondere Bedeutung wird es für den Evangelisten haben, dass Jesus die Aufforderung seiner Mutter Maria zu helfen, zunächst abweist, da sein Tun durch seine "Stunde" bestimmt ist. Mit dieser "Stunde" ist gemeint die Stunde der Passion, seines Hinübergehens in die Herrlichkeit des Vaters, die Stunde also, da der Menschensohn "verherrlicht" wird. In dieser "Stunde" wird deutlich werden, was in allem Reden und Tun, was mit allen "Zeichen", was mit der Gabe des Weins eigentlich gemeint ist: seine Leben gewährende Hingabe für uns in den Tod. Dann lehrt unsere Geschichte: Für alle Ratlosigkeit der Menschen ist im Wunder der Offenbarung Jesu die Hilfe gegeben. Aber diese göttliche Offenbarung, diese Selbstmitteilung Jesu ist unabhängig von menschlichen Wünschen; sie wird nicht durch menschliche Bitten erzwungen. Sie geschieht dann und so, wie Gott will; sie übertrifft dann aber auch alle menschlichen Erwartungen. Die Menschen sind demgegenüber oft blind und verständnislos. Der Tafelmeister weiß nicht, woher der Wein stammt; ebenso wie die Gegner Jesu zwar zu wissen meinen, woher er stammt, und es doch nicht wissen und nicht begreifen. Die Jünger aber kommen zum Glauben. Ihre Verehrung und Faszination, ihre Freundschaft und Liebe zum Meister, dem sie am Jordan begegnet sind, machen sie fähig, in der irdischen Gabe das göttliche Geschenk wahrzunehmen. Sie schauen aber nicht nur auf dieses Geschenk; sie achten auf den göttlichen Geber, der sich in dieser Gabe offenbart; der sich in dieser Gabe schenkt.

Genau hier liegt - so meine ich - die eigentliche, die tiefere Bedeutung, ja die Botschaft der Begebenheit, von der das heutige Evangelium erzählt: dass auch wir des göttlichen Gebers ansichtig werden sollen; dass wir die Wunder, dass wir die Zeichen seiner Liebe mit den geöffneten Augen des Glaubens erkennen. Nur dem Glaubenden tun sich seine Wunder auf. Nur wenn wir Glaubende sind, tun sich uns auch die Geheimnisse auf, die wir nun miteinander in der Eucharistie feiern. Nur der Glaubende vermag Jesus Christus in seinen Gaben zu erkennen, ihm zu begegnen in den Gestalten von Brot und Wein. Nur der Glaubende kann seine Liebe begreifen, die in diesen Gaben sichtbar geworden ist: seine Hingabe für uns bis in den Tod. Die Liebe schenkt immer sich selbst, sie schenkt sich ganz; Jesus schenkt uns sich selbst. Und dieser seiner Liebe können wir nur in Dankbarkeit begegnen; wir können sie nur in unserem Einsatz für ihn erwidern. Dass wir die Zeichen seiner Liebe zu uns, dass wir die Zeichen seiner Hingabe für uns immer wieder entdecken, hier in der Feier der Danksagung, aber auch in den Begegnungen und Ereignissen des Alltags - lasst uns immer um dieses offene Herz bitten, das bereit ist, ihn wahrzunehmen; ihn zu entdecken in seinen Gaben, eins zu werden mit ihm in der Liebe.

 

3. Sonntag: "Evangelium - Frohbotschaft"

Einführung

Dass Gott sich um uns Menschen kümmert, dass er in dieser anscheinend von allen guten Geistern verlassenen Welt anwesend ist, spricht und wirkt, das ist nicht nur ein schöner Traum, nicht nur ein frommer Wunsch. In Jesus von Nazareth ist das Wirklichkeit geworden. Er ist die Stimme Gottes in dieser Welt. Ihm verdanken wir die "Frohe Botschaft" von Gottes Zuwendung und Liebe. Kommt diese Kunde aber bei uns an? Trifft sie auf unsere offenen Ohren und Herzen? Wir wollen uns deshalb zu Beginn dieser Eucharistiefeier besinnen und um Vergebung bitten für alle Oberflächlichkeit, für alle Unaufmerksamkeit und Verschlossenheit seinem Wort gegenüber, ihm gegenüber.

    Herr Jesus Christus, du kamst in diese Welt, um uns Gott als unseren guten Vater zu offenbaren
    - Herr, erbarme dich!
    Du hast dich selbst uns kundgetan als den Messias und Sohn Gottes
    - Christus, erbarme dich!
    In dir sind die Verheißungen der Propheten in Erfüllung gegangen
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Voll Vertrauen beten wir zu unserem Herrn Jesus Christus, der uns eine beglückende Botschaft gebracht hat, und der sich uns als Gottes Sohn offenbart hat:

  • Lass alle Menschen in dir den erkennen, den Gott gesandt und der die Frohbotschaft von Gottes Güte verkündet hat!
  • Erschließe allen, die sich um Verstehen bemühen, den Sinn der heiligen Schriften, und lass sie davon ergriffen werden!
  • Hilf uns, dass wir uns wandeln von skeptischen Zuschauern zu glaubenden und liebenden Menschen!
  • Ermutige uns, von unserer Hoffnung auf dich und von unserem Glauben an dich Zeugnis zu geben!

Herr Jesus Christus, lass alle Menschen in dir den wahren Heilbringer erkennen! Wandle uns um und erfülle uns mit Liebe und Vertrauen zu dir, der du lebst und herrschst in alle Ewigkeit. Amen.

Predigt

Die heutige Evangeliums-Lesung verbindet zwei verschiedenartige Texte miteinander. Einmal ist es der Beginn des Lukas-Evangeliums, wo der Evangelist darlegt, warum er überhaupt eine solche Schrift verfasst. Dann ist es der Anfang des öffentlichen Wirkens Jesu, und zwar in seiner Vaterstadt Nazareth. So wenig diese beiden Texte anscheinend miteinander zu tun haben, sie lassen uns aber sehr klar erkennen, was "Evangelium" heißt. "Evangelium" meint nicht - das sollte uns von vornherein klar sein - eine lückenlose historische Aufzeichnung von Begebenheiten, ein Protokoll z. B. von den Reden Jesu. "Evangelium" meint vielmehr die "Frohe Botschaft" des Glaubens: dass dieser Jesus der Messias, der Sohn Gottes ist; und dass Gott Heil schenkt - all dies erzählt von Menschen, die diesen Jesus geliebt, die ihn als ihr Heil erkannt haben.

Um das zu verdeutlichen, will ich zunächst von einer banalen alltäglichen Erfahrung heute ausgehen. Nehmen wir einmal an: Auf der Straßenkreuzung XY ereignet sich ein Verkehrsunfall. Ein LKW und ein PKW stoßen zusammen. Gott sei Dank entsteht nur Blechschaden. Die Schuldfrage ist eindeutig: der Fahrer des PKW hat die Vorfahrt nicht beachtet. Drei Zeugen haben den Unfall aus nächster Nähe miterlebt. Das ist zunächst ausgerechnet ein Polizist; dann ein Mann, der an der Straßenbahn-Haltestelle wartet, und schließlich eine junge Frau, die auf ihren Verlobten wartet, und den sie zu ihrem Schrecken in dem Fahrer des PKW erkennt. Alle drei Zeugen werden vernommen; sie geben einen Bericht, wie sie den Unfall wahrgenommen haben.

Wir können uns vorstellen, wie sehr sich der Bericht des Polizisten von dem Bericht des zufälligen Passanten, erst recht von dem Bericht der jungen Frau unterscheidet - so sehr, dass wir die Frage stellen möchten, welcher der drei Berichte der Wahrheit am nächsten kommt. Sind wir nicht geneigt, den Polizeibereicht und den Bericht des zufälligen Passanten für "objektiver" zu halten als die Empfindungen, mit denen die junge Frau das Geschehen erlebt hat, und die nun in ihre Darstellung des Geschehens einfließen? Qualifizieren wir nicht von vornherein die Aussagen der jungen Frau als subjektiv, daher unbrauchbar ab?

Zurück zu den Evangelien! Sie sind kein Polizeibericht - sollen wir sagen: leider oder Gott sei Dank? Sie sind auch nicht der Bericht eines zufälligen, eines unbeteiligten Passanten. Was wüssten wir z. B. davon, was auf Golgotha eigentlich geschehen ist, wenn wir über die Ereignisse des Karfreitags einen Film hätten? Jesu schrecklicher Tod am Kreuz unterschied sich ja nach außen kaum vom Kreuzestod vieler anderer, oft unschuldiger Menschen. Was die Berichte der Evangelien von einer Dokumentation unterscheidet und was sie auszeichnet, ist gerade dies, dass sie die Bedeutung dieses Geschehens auf Golgotha zum Ausdruck bringen: am Kreuz geschieht Erlösung der Welt. Im Kreuzestod Jesu geschieht das Heil der Welt.

Die Evangelien liefern also mit den Ereignissen auch die Deutung dieser Ereignisse mit. Ihre Berichte spiegeln also das innere Ergriffensein, den Glauben der ersten Christen, den Glauben der frühen Kirche wider. Sie sind geschrieben von engagierten, von innerlich zutiefst beteiligten und gepackten Leuten, die diesen ihren Glauben an Jesus Christus, die ihre Liebe zu Jesus Christus zum Ausdruck bringen. Sie sind von ihm überzeugt, dass er der Sohn Gottes, Gott selber ist. Wir sind manchmal in der Versuchung zu meinen, ein Polizeibericht, der Bericht eines unbeteiligten Passanten sei interessanter, treffender, objektiver, wahrer. Mit welchem Recht eigentlich? Das Eigentliche, die tiefere Bedeutung bleibt einem solchen Bericht verborgen. Wir haben in den Evangelien vor uns das Zeugnis glaubender, liebender, zutiefst engagierter Menschen, die von ihrer Hoffnung, von ihrem Glauben an Jesus durchdrungen sind.

Dieses Engagement, dieser Glaube, dass Jesus Gottes Sohn ist, begegnet uns aber nicht nur in den Evangelien als ganzen. Dieser Glaube begegnet uns in jeder einzelnen Begebenheit, in jeder "Geschichte" der Evangelien. Alle Begebenheiten des öffentlichen Auftretens Jesu, alle Wunder, alle Predigten Jesu werden mit den Augen des Glaubens gesehen und gedeutet. Bei allen Geschehnissen fragen die Evangelisten: Sind diese gleichsam durchsichtig, transparent auf den Glauben an Jesus als den Sohn Gottes? Wie zeigt sich in den einzelnen Begebenheiten, dass Jesus der verheißene Messias ist? Denn wenn er es gewesen ist (und seine Auferstehung von den Toten ist der entscheidende Beweis dafür!), dann muss sich das ja auch sonst gezeigt haben.

Ein treffendes Beispiel dafür, also für die Deutung aus dem Glauben, ist die Begebenheit, die das heutige Evangelium in seinem zweiten Teil berichtet. Jesus liest aus der Heiligen Schrift vor und predigt in der Synagoge seiner Vaterstadt Nazareth: "Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt." Dieses Schriftwort (es stammt aus dem Prophetenbuch des Jesaja) lautet: "Der Herr... hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe, damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe." Was der Prophet Jesaja, ja was alle Propheten für das Kommen des Messias angekündigt haben, das hat in Jesus, in seinen Worten und Taten die Erfüllung gefunden. Das ist Jesu Lebensprogramm; das wird deutlich vom ersten Tag an seines öffentlichen Auftretens.

Etwas für uns Merkwürdiges, ja zuweilen etwas Anstößiges kommt hinzu. Diesen ihren Glauben an Jesus Christus, an den Auferstandenen, an den Sohn Gottes, können die Evangelisten bisweilen in einer Geschichte ausdrücken, die nur noch wenige historisch greifbare Fakten enthält; weil sozusagen in einer solchen "Erzählung" das Eigentliche des Glaubens viel deutlicher zum Ausdruck gebracht werden kann. Was das im einzelnen ist, das ist oft schwer festzustellen. Es trifft vor allem wohl für das Johannes-Evangelium und auch wohl für die Kindheits-Erzählungen zu. Dass dies uns heute, die wir versessen sind auf Fakten, merkwürdig, ja unschicklich vorkommt, ist auch nicht verwunderlich. Wir kennen ja nur das Entweder-Oder: entweder ist die "Geschichte" genau so passiert und damit richtig bzw. wahr - oder sie ist frei erfunden und damit nicht geschichtlich und deswegen unwahr. Ein Mittleres kennen wir nicht. Oder besser: Das, was wir jedem Theaterstück, was wir jedem Roman, jedem Film zubilligen, nämlich Geschehnisse zu deuten, das halten wir in Bezug auf die Heilige Schrift für unschicklich. Das, was wir jeden Tag praktizieren, das Tun unserer Mitmenschen zu bewerten, das soll bei Jesus nicht gelten.

In jedem Fall sollten wir uns vor Augen halten: In der Heiligen Schrift, in den Evangelien, in jeder einzelnen Begebenheit aus dem Leben Jesu wird zum Ausdruck gebracht der Glaube der Apostel, der Glaube der frühen Kirche an Jesus Christus. Zum Ausdruck kommt ihre Liebe und Verehrung für ihren Herrn. In all seinem Tun, in seinen Worten und Predigten, hinter all dem entdecken sie - angestoßen durch das Erleben des Auferstandenen - das Antlitz Gottes. In all dem begegnet ihrem Glauben der Herr, Gott selber. Und genau dies ist der Punkt, wo eine Berührung stattfinden kann und muss mit uns heute, die wir heute Glaubende sein wollen. Damals wie heute geht es darum, hinter den Worten und Taten Jesu das Antlitz Gottes, das Antlitz des himmlischen Vaters zu entdecken; dass in diesem Jesus die Verheißungen der alttestamentlichen Propheten in Erfüllung gegangen sind; dass er der ersehnte Messias ist; ja noch mehr: dass er der Sohn Gottes, Gott selber ist. Dies ist auch für uns entscheidend; dass wir uns wie die Apostel verwandeln lassen von skeptischen Zuschauern zu interessierten, zu innerlich ergriffenen, zu glaubenden und liebenden Menschen, für die Jesus Christus alles ist. Dass uns diese innere Verwandlung, diese "Bekehrung" zuteil werde, darum lasst uns immer und auch heute beten!

 

4. Sonntag: "Der Schatten von Golgotha"

Einführung

Die Botschaft Jesu fordert auf zu einer Entscheidung: dass wir uns zu ihm bekennen und ihm nachfolgen - oder uns seinem Anspruch versagen. Jesus erntet in der Synagoge seiner Vaterstadt Nazareth mit seiner Botschaft, dass in ihm die Verheißungen der Propheten ihre Erfüllung gefunden haben, nur Widerspruch und Widerstand. Ja, ihm wird der Tod angedroht. Wie verhalten wir uns gegenüber Jesu Botschaft, dass er der Gottgesandte, der Messias ist? Nehmen wir sein Wort an? Folgen wir ihm nach? Wir wollen uns zu Beginn dieser Eucharistiefeier besinnen. Wir wollen den Herrn bitten um ein offenes Herz für ihn und seine Botschaft.

    Herr Jesus Christus, in dir haben sich die Verheißungen der Propheten erfüllt
    - Herr, erbarme dich!
    Du wurdest in deiner Vaterstadt Nazareth zurückgewiesen und mit dem Tod bedroht
    - Christus, erbarme dich!
    Du rufst uns zum Hören deiner Botschaft und in deine Nachfolge
    - Herr, erbarme dich!

Es erbarme sich unser der allmächtige Gott! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Lasst uns voll Vertrauen beten zu unserem Herrn Jesus Christus, den Gott zu uns gesandt, und der uns die Frohe Botschaft von Gottes Liebe zu allen Menschen gebracht hat:

  • In dir haben sich die Worte der Schrift erfüllt: Lass uns offen und empfänglich sein für Gottes Frohe Botschaft!
  • Du wurdest in deiner Vaterstadt Nazareth abgelehnt: Überwinde den Hass und die Feindschaft gegen alle, die an dich glauben!
  • Du wurdest aus der Stadt hinausgetrieben: Stärke alle, die um ihres Glaubens willen verfolgt werden!
  • Du hast den Widerspruch deiner Gegner überwunden in der Liebe: Lass uns erkennen, dass auch wir in der Liebe dem Widerspruch begegnen sollen!

Darum bitten wir dich, unseren Herrn und Meister, der du uns in deine Nachfolge gerufen hast. Dir sei die Ehre und der Lobpreis in alle Ewigkeit! Amen.

Predigt

Einer der letzten Sätze des Evangeliums müsste uns betroffen machen: "Sie trieben Jesus zur Stadt hinaus; sie brachten ihn an den Abhang des Berges, auf dem ihre Stadt erbaut war, und wollten ihn hinabstürzen." So ergeht es Jesus in seiner Heimatstadt Nazareth. Sein erster Auftritt in der Heimat, unter seinen eigenen Verwandten, eben noch mit Staunen und Beifall begonnen, endet mit seinem Hinauswurf. Es ist die Vorwegnahme seines kommenden Geschicks. Der Schatten von Golgotha hängt schon über dem Bergabhang von Nazareth, von dem sie ihn in den Tod stürzen wollen. Aber auch das Geheimnis seiner Auferstehung kündigt sich schon an: "Er aber schritt mitten durch die Menge und ging weg."

Was war der eigentliche Grund für Jesu Hinausgedrängtwerden damals in Nazareth? Der Evangelist deutet es an. Es war der offensichtliche Gegensatz zwischen dem, was Jesus verkündete und lebte, und dem, was seine Zuhörer vom künftigen Messias erwarteten. Es war der Gegensatz zwischen dem grenzenlosen Erbarmen, das Jesus in seiner Predigt für sich und für seinen himmlischen Vater in Anspruch nahm, und seinem so unscheinbaren, ja fast erbärmlichen Auftreten. "Ist er nicht der Sohn des Josef? Kennen wir ihn nicht zur Genüge? Nein, wenn Gott einmal sprechen wird, dann sicher nicht durch jemand, der dreißig Jahre lang keinem von uns aufgefallen ist."

Hier wird deutlich: die Leute von Nazareth haben Jesus und Gott festgelegt. Sie haben ihn eingegrenzt in ihre Erwartungen, in ihre Berechnungen und Wünsche. Sie haben sich ein Bild von Gott und von seinem Messias gemacht, dem dieser dann zu entsprechen hat. Deshalb ihr Anspruch: "Tu doch die gleichen Wundertaten, die du in Kapharnaum getan hast, auch bei uns hier in Nazareth! Wir, die mit dir aufgewachsen sind, haben doch den ersten Anspruch darauf. Dein Verhalten beweist doch deutlich, dass du nicht der Messias bist. Wenn der Heilige - gepriesen sei er! - einmal endgültig erscheint, dann müssen die Sünder wehklagen; dann wird ganz Israel erschüttert sein; dann werden Zeichen am Himmel geschehen; dann hält die Welt den Atem an; dann wird alles ganz anders! Doch von all dem ist bei dir nichts zu sehen. Also kannst du nicht der von uns so sehnsüchtig erwartete Messias sein." Und der Evangelist Markus fügt seinem Bericht hinzu: "Er konnte dort keine einzige Machttat tun." An einer anderen Stelle nennt Markus als eigentlichen Grund ihre "Herzens-Verhärtung" (Mk. 10, 5); im Griechischen steht das uns von anderswo bekannte Wort "Sklerose - Versteinerung des Herzens". Sie sind unfähig, ihr Fixiertsein auf ein bestimmtes Bild von Gott zu überwinden; für das Neue, das mit Jesus gekommen ist.

Aber lassen wir die Leute von damals! Nazareth ist mitten unter uns; mitten auch in unserem Glauben - nicht in dem Sinn, dass wir ihn unter Wutgeheul und mit brutaler Gewalt an den Rand des Abgrunds drängen. Man kann Jesus genauso gut leise und ohne großes Aufsehen verdrängen, hinauskomplimentieren. Die meisten von uns sind doch - wie die Leute von Nazareth - mit Jesus groß geworden: Taufe, Religionsunterricht, Erstkommunion, Firmung, sonntäglicher Gottesdienst usw. Wir wissen Bescheid über ihn; wir sind informiert. Und schließlich hat jeder von uns seine persönlichen Erfahrungen mit Jesus, mit Religion überhaupt gemacht. So ist uns im Lauf der Jahre ein "religiöses Gewohnheitsherz" (M. Buber) gewachsen. Wir merken oft kaum noch, dass wir an Gott mit derselben Erwartungshaltung, ja mit demselben Anspruchsdenken herangehen wie auch sonst in unserem Leben: Was bringt's? Was habe ich von meiner Religion, von Gott? Merken wir noch, wie wir Gott ständig festlegen auf unsere Interessen und Wünsche, wenn es kritisch wird im Leben? Auf unsere Ansprüche, wenn wir dem Unerwarteten und Unberechenbaren gegenüber stehen? Wir nehmen nicht mehr Maß an ihm. Er soll sich nach unseren Vorstellungen richten. Und reden wir nicht wie die Leute in der Synagoge von Nazareth: "Wirke auch bei uns die Taten, die du einst vollbracht hast! Wo warst du, Herr, als unsere Brüder, als unsere Väter nicht mehr aus dem Krieg zurückkehrten? Wo blieb deine Hilfe, als unsere Ehe in die Brüche ging? Wo bist du, wenn unsere heranwachsenden Kinder so ganz andere Wege gehen und dir und uns den Rücken kehren? Wo bleiben deine Wunder, wenn Krankheit uns einen brutalen Strich durch unsere Lebensrechnung macht?"

Wir haben uns daran gewöhnt, unseren heimlichen Ärger mit Gott und über seine scheinbare Untätigkeit zu übergehen, auszuklammern; wir sind von ihm enttäuscht; wir resignieren, ohne laut zu protestieren; wir reden nicht mehr über ihn, geschweige denn mit ihm. Und wie schnell und wie oft verwandelt sich für uns das uns zugesagte Erbarmen Gottes in eine ärgerliche Erbärmlichkeit Gottes! Warum zeigt er sich uns nicht eindeutiger? Warum greift er nicht durch? Warum schafft er nicht endlich reinen Tisch, dass jedermann merken kann, wer Herr in der Welt ist? "Wir aber hatten gehofft!"

"Sie drängten ihn an den Abhang des Berges." Wir drängen ihn an den Rand unseres Bewusstseins; wir drängen ihn an den Rand unserer Interessen, an den Rand vor allem unserer Lebenspraxis. Wir handeln oft so, als wüssten wir nichts von Gott und von Jesus Christus. Wir vergessen, Gottes unendliche Güte und sein Erbarmen auch und gerade dann in Anspruch zu nehmen, nehmen zu dürfen, wenn das Leben uns hart mitspielt und Gott sich plötzlich als der ganz und gar Unbegreifliche zeigt. Wir sind in derartiger Weise Gewohnheitschristen geworden, dass wir Gott immer noch verwechseln mit unseren eigenen egoistischen Wünschen und Vorstellungen. Ist es da verwunderlich, dass wir auch unsere Mitmenschen in ähnlicher Weise behandeln? Nehmen wir die anderen, mit denen wir zusammen leben, die wir gern haben, ja, die wir lieben möchten, überhaupt in ihrem eigentlichen Wesen wahr? Was interessiert uns an ihnen? Sind wir ihnen nur deswegen gut, weil wir uns etwas von ihnen versprechen; weil wir sie noch gebrauchen können? Wie schnell sind wir enttäuscht, wenn die anderen nicht das sind, wie wir sie uns vorstellen.

Das heutige Evangelium kann uns also wieder einige heilsame Fragen stellen. Es kann uns anrufen, Jesus Christus und Gott nicht leise und lautlos an den Rand unseres Lebens zu drängen; die gottgegebene Mitte unseres Daseins wieder wahr zu haben; seine Liebe, seine Güte und sein Erbarmen mit den Mühseligen und Beladenen. In ihm ist wirklich Gottes Heilszeit für alle angebrochen, die Zeit der umsonst gewährten Barmherzigkeit Gottes für uns alle, die wir samt und sonders Zahlungsunfähige, Verarmte und Verschuldete vor ihm sind. An welchen tollen Fähigkeiten, die wir aufzuweisen haben, hätte Gott ein Interesse! Wir können ihm nicht nützen. Deshalb liebt Gott uns nicht. Er liebt uns, weil er einfach gut ist. Wenn wir diese seine Güte, wenn wir dieses uns von Jesus Christus offenbar und zuteil gewordene Erbarmen Gottes verleugnen, dann wird der Herr zu einer Randfigur degradiert, die im Prinzip auch fehlen könnte. Wenn wir jedoch ihn zur Mitte unseres Daseins werden lassen, obwohl der äußere Anschein dagegen zu sprechen scheint, wenn es uns ernst ist damit, dem göttlichen Erbarmen den Vorrang einzuräumen in unserem Denken und Handeln, dann wird unser Herz aus seiner Verhärtung, aus seiner Versteinerung gelöst, ja erlöst. Dann wandelt uns seine Liebe um in Menschen mit einem liebenden, mit einem verwundbaren, ja oft mit einem blutenden Herzen, das nicht nur Gott liebt, zu lieben versucht, sondern immer auch den Nächsten - ohne Berechnung; nur im Wissen: Er ist gut. Ohne ihn wären wir nichts.

 

5. Sonntag: "Jesu Freunde"

Einführung

Freundschaft wird von den Weisen und von den Dichtern besungen. Wahre Freunde stehen zueinander. Sie vertrauen einander. Sie helfen einander. Könnte es Freundschaft geben zwischen Gott und uns Menschen? Das heutige Evangelium erzählt von der Freundschaft zwischen Jesus und Petrus. Die Erzählung vom wunderbaren Fischfang lässt uns ahnen, wie wir alle Jesus begegnen sollen, begegnen können. Freundschaft aber setzt voraus den Wunsch und den Willen, den anderen immer tiefer kennen zu lernen; sein Fühlen und Denken von innen her zu erfassen. Bemühen wir uns darum, Jesu Denken und Fühlen innerlich zu erfassen? Besinnen wir uns, und bitten wir den Herrn um Vergebung für unser Misstrauen, für unsere mangelnde Liebe!

    Herr Jesus Christus, du hast den Jüngern geboten, die Netze auszuwerfen
    - Herr, erbarme dich!
    Du hast die Jünger zu deinen Freunden gemacht
    - Christus, erbarme dich!
    Deine Jünger verließen alles und folgten dir
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Lasst uns voll Vertrauen zu unserem Herrn Jesus Christus beten, der die Jünger zu Menschenfischern bestellt hat, und der auch uns in seine Nähe gerufen hat!

  • Du hast zu Petrus gesagt, die Netze zum Fang auszuwerfen: Ermutige die Christen, deine Botschaft zu verkünden!
  • Du hast die Arbeit deiner Jünger gesegnet: Öffne auch unsere Augen für deine Gaben und Wohltaten!
  • Deine Jünger erschraken über deine Hilfe: Lass uns dir vertrauen, auch wenn wir schwache und sündige Menschen sind!
  • Du hast deine Jünger gerufen, alles zurückzulassen und dir zu folgen: Gib auch uns den Mut, mit dir zu gehen!

Herr Jesus Christus, du hast uns - wie die Jünger - in deine Nähe gerufen. Gib, dass wir diesem Ruf folgen und deine Liebe und Freundschaft erwidern! Das gewähre uns heute und alle Tage! Amen.

Predigt

Wir haben im Evangelium soeben die Bitte des Herrn an Petrus gehört: "Fahr hinaus auf den See! Dort werft eure Netze zum Fang aus!" Die Antwort, die Petrus auf diese anscheinend sinnlose Bitte gibt, lautet: "Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen. Doch wenn du es sagst, werde ich die Netze auswerfen." Er tut es - mit einem überwältigenden Erfolg. Warum steht dieses Begebenheit im Evangelium? Welche Lehre wollte Jesus dem Petrus damit geben? Und hat diese Begebenheit vielleicht auch uns heute noch etwas zu sagen?

Am Anfang steht diese offensichtlich unsinnige Bitte des Herrn an Petrus: Fahr jetzt am helllichten Tag auf den See und wirf das Netz aus! Ich glaube, die erste spontane Reaktion des Petrus ist die gewesen: Du guter Mann, du hast ja keine Ahnung. Du magst etwas von der Schreinerei, vom Zimmern verstehen. Vom Fischen jedenfalls verstehst du herzlich wenig. Da lass dir etwas von mir sagen! Da bin ich Fachmann. Kein Mensch fährt doch zu dieser Tageszeit auf den See. Und wenn ich es täte, dann würden mich ja die Leute für verrückt erklären. Die Nacht ist die richtige Zeit zum Fischen. Aber in der vergangenen Nacht hat es nicht geklappt. Da ist kein Fisch in unser Netz gegangen.

Ich bin überzeugt: Das war die spontane Reaktion des Petrus. Wir hätten wahrscheinlich ähnlich wie er reagiert. Ja, reagieren wir nicht immer wieder in dieser Weise? Erscheinen uns nicht manche Forderungen des Herrn, erst recht manche Forderungen und Anordnungen der Kirche genau so unsinnig und lebensfremd? Wenn wir ehrlich sind vor uns selbst, dann müssen wir eingestehen: mit vielen Geboten und Anordnungen und Äußerungen Jesu und der Kirche wissen wir einfach nichts anzufangen. Sie passen anscheinend nicht in unsere Welt und in unsere Zeit; schon gar nicht passen sie uns in den Kram. Und wir haben Angst, uns vor den anderen zu blamieren, als rückständig zu erscheinen, wenn wir uns an diese anscheinend so unsinnigen Forderungen und Worte halten. Was konkret solche Forderungen sind, das brauche ich nicht im einzelnen zu sagen. Auf jeder Seite der Evangelien stehen sie, Jesu ungeheuerliche Zumutungen. Hinweisen möchte ich hier nur auf die Haltung der Wahrhaftigkeit. Bei dieser Grundeinstellung der Wahrhaftigkeit geht es nicht nur um unseren Willen, das Wahre zu sagen, sondern es geht auch um das ehrliche Bemühen, dass unser äußeres Verhalten mit unserer inneren Überzeugung übereinstimmt. Ich meine, das ist ein wunder Punkt für jeden von uns. Auf alle Fälle: viele Forderungen, viele Gebote und Anordnungen Jesu und erst recht der Kirche sind uns unbequem; sie beunruhigen uns. Und doch müssen wir zu ihnen Stellung nehmen; wir müssen uns entscheiden.

Dabei kann uns ein Blick auf Petrus helfen. Unbegreiflicherweise kommt er der Bitte des Herrn nach: Wenn du es sagst, werde ich die Netze auswerfen. Wo findet Petrus überhaupt den Mut zu diesem unsinnigen Tun? Warum vergisst Petrus die Angst vor der Blamage, die Angst vor dem Gerede der Leute? Die Antwort kann m. E. nur diese sein: Weil Jesus sein Freund geworden ist! Weil Jesus ihm mehr bedeutete als alles Reden und Denken der Leute. Er hatte sich für diesen rätselhaften, für diesen wunderbaren Menschen entschieden, dem er am Jordan begegnet war. Und sie waren Freunde geworden. Und diese Freundschaft mit Jesus erreicht, dass er jetzt seiner Bitte nachkommt; dass er dem Wort Jesu Vertrauen, Glauben schenkt. Und dieses Vertrauen, dieses Ja des Glaubens wird belohnt; die Netze zerreißen fast vor der Menge der gefangenen Fische.

Das Ja des Petrus, für den die Freundschaft mit Jesus alles bedeutete, ist nun aber auch ein Hinweis, worauf es ankommt, wenn wir Jesus begegnen; wenn wir den Forderungen und Bitten des Herrn gegenüber stehen, die uns oft so unsinnig und so lebensfern erscheinen möchten. Wir werden sie nie verstehen, wir werden sie erst recht nie bereitwillig erfüllen, wenn nicht der uns zum vertrauten Freund geworden ist, der diese Forderungen erhebt, der uns einiges zumutet; wenn wir Jesus Christus nicht aus ganzem Herzen und mit allen Kräften lieben; wenn er uns nicht alles bedeutet. Einem Freund schlagen wir seine Bitten nicht gerne ab; sonst ist unsere Freundschaft zu ihm nicht echt. Und diese Gesetzmäßigkeit gilt auch für unsere Freundschaft mit Jesus Christus. Die Bereitwilligkeit, seine Bitten zu erfüllen, ist ein Gradmesser dafür, wie viel er uns eigentlich bedeutet; wie weit wir seine Freunde geworden sind. Ohne dieses liebende, ohne dieses persönliche Vertrauensverhältnis zu ihm müssen seine Forderungen mit Notwendigkeit uns als sinnlos, als lebensfremd, als unbequem und einengend erscheinen. Die Freundschaft zu ihm aber nimmt diesen Forderungen und Geboten die Schwere; sie nimmt uns auch die Angst etwa vor dem Gerede der Leute. Nur so werden wir auch dem Druck und der Diktatur der öffentlichen Meinung widerstehen. Eine solche Diktatur und ein solcher Druck der öffentlichen Meinung gibt es in jeder Gemeinschaft, gibt es unübersehbar und unüberhörbar in unserer Gesellschaft heute, auch in der Kirche.

Gerade in diesem Punkt erhalten wir immer wieder das entsprechende Anschauungsmaterial. Wie viel Spott und Hohn, ja wie viel Hass gegen die Kirche und den christlichen Glauben werden immer wieder offenbar. Nicht nur von Seiten derer, die der Kirche von außen begegnen; sondern auch von denen, die zur Kirche gehören wollen; die Christen sein wollen. Könnte es vielleicht sein, dass das Unverständnis für die Kirche (und das sind nicht nur "die da oben") letztlich in einem Nichtverstehen, in einem Nichtverstehen-Wollen Jesu begründet ist? Könnte es sein, dass Jesus ihnen und auch uns fremd geworden, dass er nicht unser Freund ist, dem wir Vertrauen schenken? Könnte es sein, dass die vielen selbsternannten, unfehlbaren kleinen Päpste unserem Herrn und Meister fern stehen und nicht nur der Kirche, der Gemeinschaft derer, die an Jesus Christus als ihr Heil glauben? Nur im glaubenden, nur im liebenden Ja zu Jesus werden wir auch zu seiner Kirche, zu seiner Kirche der Mühseligen und Beladenen ein Ja sprechen. Wer Jesus Christus nicht vertraut, ihn liebt, der kann auch kein Ja zur Kirche sagen.

Die Forderung Jesu an Petrus, aber auch dessen Antwort können uns also einiges sagen. Sie weisen uns hin auf die Notwendigkeit, Jesus Christus zur Mitte unseres Lebens zu machen. Nur wenn er unser Freund geworden ist, sind seine Forderungen für uns keine schwere Last - selbst dann, wenn wir immer wieder daran scheitern und mit Petrus sagen müssen: "Geh weg von mir, ich bin ein Sünder!" Um diese Freundschaft mit Jesus sollen wir uns mühen - auch aus dem Grund, um davon Zeugnis zu geben; um Mut zu machen, sich auf Jesus Christus einzulassen, gerade heute.

 

6. Sonntag: "Originalton Jesus von Nazareth"

Einführung

Wenn wir Gottes Wort in den Evangelien hören, dann wissen wir, dass da nicht zu irgendwelchen fremden Menschen gesprochen wird, sondern zu uns. Wir sind gemeint. Wir sind - das wird uns heute gesagt - die Armen, die Hungernden, die Weinenden, die alles, die ihre Erfüllung vom Herrn erwarten. Oder wir sind die Reichen und Satten, die Lachenden, die auf sich selbst bauen. Wir sind gefragt, ob wir uns auf den Herrn einlassen, ob wir uns auf ihn verlassen, ob wir auf ihn bauen - oder auf etwas anderes. Fragen wir uns darum zu Beginn dieser Eucharistiefeier, was er für uns bedeutet, und bitten wir um Vergebung dafür, dass er von uns so oft an den Rand unseres Lebens gedrängt wird.

    Herr Jesus Christus, du hast die, die auf dich ihr Leben gründen, selig gepriesen
    - Herr, erbarme dich!
    Du stehst denen bei, die um deines Namens willen verachtet werden
    - Christus, erbarme dich!
    Du verheißt den Lohn im Himmel denen, die zu dir stehen
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Inmitten einer Welt, die nur auf sich selbst baut, beten wir voll Vertrauen durch Jesus Christus zu Gott, unserem Vater im Himmel, von dem allein Leben und Zukunft kommt:

  • Dass die Kirche, getragen von seiner Liebe, durch Not und Verfolgung unbeirrbar dem ewigen Ziel zuwandert!
  • Dass die Reichen und Satten die Leere der Welt durchschauen und den wahren Weg des Lebens finden!
  • Dass die Armen, die Hungernden und Trauernden Gottes Liebe spüren und die Hoffnung nicht verlieren!
  • Dass die Ehegatten einander die Treue halten und die Eltern ihren Kindern ein Beispiel christlichen Lebens geben!
  • Dass unsere Toten auferweckt werden und ins ewige Leben gelangen!

Gott, du unser Halt und unsere Kraft, höre das Beten deines Volkes! Lass uns erlangen, um was wir dich bitten, durch Christus, unseren Herrn! Amen.

Predigt

Wenn wir nicht schon hoffnungslos schwerhörig, ja taub sind für das, was das Neue Testament sagt und fordert, dann müssten wir eigentlich beim Hören des heutigen Evangeliums die Luft anhalten. Dann müssten wir eigentlich geschockt sein über die Weherufe Jesu: "Wehe euch, die ihr reich seid; die ihr jetzt satt seid; die ihr jetzt lacht!" Offensichtlich will Jesus doch den, der sein Jünger sein will, der ihm nachfolgen will, vor ein Entweder-Oder stellen, in die Entscheidung rufen: Alles voll Vertrauen von ihm zu erwarten oder auf eine andere Karte zu setzen! Wenn er auf etwas anderes setzt, dann wird es ihm ergehen wie dem Mann, von dem Jeremia in der Lesung spricht: "Er ist wie ein kahler Strauch in der Steppe, der nie einen Regen kommen sieht; er bleibt auf dürrem Wüstenboden, im salzigen Land, wo niemand wohnt." Nun, wir halten bei solchen Worten nicht die Luft an, und wir sind auch anscheinend nicht geschockt. Wir reagieren eigentlich überhaupt nicht auf Jesu Zumutungen und Wertungen. Wir nehmen sie uns nicht zu Herzen. Ja, wir entschärfen sie. Hat nicht schon Matthäus in seiner Fassung der Bergpredigt die Weherufe umgedeutet, unterschlagen? Und haben im Lauf der Geschichte die Worte Jesu die Interpretationskünstler nicht beflügelt und zu Spitzenleistungen angetrieben, nur um mit diesen Geschichten fertig zu werden; um an den eigenen notwendigen Konsequenzen vorbei zu kommen?

Ein erster Versuch, durch Interpretation die radikalen Wertungen und Forderungen Jesu zu entschärfen, zu umgehen, ist der, dass man sagt: Ja, das ist ja alles richtig. Aber das ist eine Sache für Ausnahme-Christen, für Heilige und ähnliche Leute. Die normalen Christenmenschen haben genug zu tun mit dem Halten der Gebote. Jesus will ja auch nur einen "Rat" geben zur Vollkommenheit. Es gibt die christlichen "Breitensportler"; und dann gibt es die christlichen "Spitzenathleten". Das letztere aber bekommt nicht jedem; das liegt auch nicht jedem. Das darf man darum getrost anderen überlassen, den Priestern und Ordensleuten zum Beispiel, ohne ein schlechtes Gewissen zu bekommen.

Und dann kommt ein anderer und sagt: Ja, das ist doch alles nicht buchstäblich gemeint, sondern nur bildlich, geistlich. Beim Evangelisten Matthäus steht es doch schon anders; da sagt Jesus doch: "Selig die Armen im Geiste!" Das heißt doch: Selig sind diejenigen, die die geistliche Haltung der Armut haben; die wissen, mit "leeren Händen" vor Gott zu stehen. Ein Armer, der begehrlich und neidisch nach den Reichtümern schielt, die er nicht hat, ist doch auch nicht besser als ein wirklich Besitzender.

Und dann kommt ein Dritter und erzählt uns: Ja, das ist doch eine Geschichte, die heute überhaupt nicht mehr gilt. Diese Aussprüche Jesu hatten ihre Bedeutung in einer ganz bestimmten Zeit, damals bald nach dem Tod Jesu. Da glaubten die ersten Christen, es werde nicht mehr lange dauern, bis das Reich Gottes kommt. Was sollen wir uns da noch belasten mit der Sorge für Haus, Äcker, Vieh, Geld und Familie? Kommt, lasst uns alles, was wir haben, teilen und verteilen und warten, bis der Herr wieder kommt! Wir heute haben doch gelernt, dass es mit dem Kommen des Herrn seine Weile hat. Und deshalb müssen wir für die Zukunft sorgen. Aus dem Koffer kann man eine Zeitlang leben, im Urlaub, aber nicht auf Dauer.

Schließlich kommt ein Vierter und sagt: Diese Wertungen und Forderungen stammen sicherlich nicht von Jesus selbst. Der war doch kein weltfremder Asket wie z. B. Johannes der Täufer. Der hat doch die Schönheiten und die Güter dieser Welt geliebt und sie dankbaren Herzens genossen. Diese Sätze im Evangelium sind erfunden worden von einigen Christen der ersten Generation, die vor lauter Hass auf die böse Welt allen Besitz verteufelten und verachteten. Die haben diese Sätze und diese Geschichten in das Evangelium hinein geschrieben.

Vielleicht erkennen wir in diesen Interpretationen auch die Art und Weise, wie wir selber Jesu Wertungen und Forderungen für uns entschärfen, unwirksam machen. Nur, so ganz glücklich werden wir nicht dabei. Es bleibt halt immer die unangenehme Frage zurück: Und wenn Jesus tatsächlich das gesagt und so gemeint hat, wie es da im Evangelium steht: "Selig ihr Armen! Wehe euch, die ihr jetzt satt seid!" Schließlich hat Jesus ja auch sonst klare Entscheidungen verlangt; vom Zöllner Matthäus: "Folge mir nach!" Von den Söhnen des Zebedäus: "Lasst das Fischernetz und den Vater!" Von jemand, der ihm nachfolgen will: "Lass die Toten ihre Toten begraben!" Oder: "Wer die Hand an den Pflug legt und zurückschaut, der ist meiner nicht wert." Wo es darauf ankommt, zu wählen zwischen Jesus und allem anderen, da muss der Jünger wissen, was er tun muss. Da gibt es nur eines: die Preisgabe von allem für das Gehen mit Jesus. Nein, auch unser Text aus der lukanischen Bergpredigt ist nicht eine spätere Erfindung, eine typisch orientalische Übertreibung; das ist schon Jesus selbst, den wir da hören. Das ist Originalton Jesu. Das ist bitterer Ernst.

Diese Wertungen, diese Forderungen gehen darum uns alle an. Sie lassen uns nicht in Ruhe. Sie dürfen uns nicht in Ruhe lassen - uns, die wir meist fett und behäbig geworden sind; die sich nur noch ein Leben vorstellen können, das möglichst breit durch Besitztümer abgesichert ist. Und hier gilt es für uns umzudenken. Hier müssen wir uns fragen lassen, was in unserem Leben eigentlich die Hauptsache ist; was für uns im Leben wirklich zählt. Können wir noch um Jesu willen, um Gottes willen Ballast, wenigstens etwas Ballast abwerfen? Können wir noch teilen, dem Armen und Notleidenden helfen? Nehmen wir überhaupt noch den wahr, der uns in das Entweder-Oder ruft? Dabei wissen wir doch als Christen, dass nur Gott allein die Erfüllung des Menschen sein kann. Nur er allein genügt! Wir wissen, dass die Besitztümer, die Sicherungen, die wir anlegen, die Versicherungen, die wir abschließen, uns letztlich betrügerisch im Stich lassen, uns keinen Bestand und keine Ewigkeit geben können. Wir wissen doch als Christen, dass nur Gott selbst die Mitte unseres Lebens sein kann, um den all unser Denken und Mühen kreisen soll.

Für den, der wirklich glaubt, ist der Herr an die Stelle der vielerlei Sicherungen getreten, um die wir Menschen unsere Sorgen und Mühen ordnen. Die letzte, die entscheidende Frage kann für uns Glaubende nicht mehr lauten: Wie kann ich mein Leben absichern, mein Leben retten? Wo ist noch ein Strohhalm, an den ich mich klammere, um mein Leben noch etwas länger vor dem drohenden, vor dem sicheren Untergang zu bewahren? Das letzte Worte klingt nun wie der Schrei des Petrus: "Herr, hilf du mir; ich gehe zugrunde!" Genau in der Mitte unserer selbst, auf die alles menschliche Sorgen und Mühen sich hinrichten, in dieser Mitte muss der Herr stehen - müsste der Herr stehen! Wenn wir ehrlich vor uns selber sind, dann müssen wir uns eingestehen, dass uns dies unendlich schwer fällt; es gelingt uns kaum, vielleicht in einer guten Minute. Wir haben auch Angst, uns darauf einzulassen. Deshalb können wir immer nur den Herrn, der uns auf diesen Weg gerufen hat, der uns immer wieder einlädt, bitten, dass er uns die Kraft dazu gibt, uns auf ihn einzulassen; unser Leben auf ihn zu bauen; uns in diesen Boden einpflanzen zu lassen, der durchtränkt ist vom Wasser des Lebens.

 

7. Sonntag: "Das Böse mit Gutem überwinden"

Einführung

Geben, ohne zu fragen, ob es sich lohnt; gut zu sein zu denen, die uns schaden; auf Gewalt verzichten, wenn wir angegriffen werden - die Gefahr ist nicht sehr groß, dass wir solche Forderungen ernst nehmen. Wir würden uns - so meinen wir - selbst aufgeben. Und doch mutet uns Jesus das zu; und er fragt uns, ob wir dazu bereit sind; ob wir etwas erfahren wollen von der herben, von der herrlichen Freiheit Gottes, von der Liebe, die umsonst schenkt; die das Unrecht und die Gewalt überwindet. Besinnen wir uns darum auf den Herrn, der diese Liebe uns vorgelebt hat, und der uns auf seinen Weg ruft.

    Herr Jesus Christus, du willst, dass wir das Böse mit Gutem vergelten
    - Herr, erbarme dich!
    Du willst, dass wir das Gute tun, ohne Dank dafür zu erwarten
    - Christus, erbarme dich!
    Du willst, dass wir einander die Schuld vergeben
    - Herr, erbarme dich!

Es erbarme sich unser der allmächtige Gott! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Lasset uns voll Vertrauen beten zu unserem Herrn Jesus Christus, der uns in seinem Leben und Sterben Gottes Zuwendung und Liebe hat erfahren lassen!

  • Gib deiner Kirche, der Gemeinschaft der Glaubenden, die Kraft, unbeirrbar und freimütig deine Botschaft von der Liebe zu allen Menschen zu verkünden!
  • Wecke in der Welt die Überzeugung, dass Hass und Drohung, Terror und Gewalt den Frieden unter den Völkern zerstören!
  • Schenke allen, die nur Egoismus erfahren haben, die ausgenützt oder gar gehasst worden sind, den Glauben an die Kraft der Liebe!
  • Gib uns allen den Mut, die Gräben des Unrechts und der Rücksichtslosigkeit zu überwinden, und mache uns erfinderisch im Guten!

Mit diesen Bitten kommen wir zu, Herr Jesus Christus. Du kannst sie erhören, der du lebst und herrschst in alle Ewigkeit. Amen.

Predigt

Am vergangenen Sonntag haben wir den ersten Teil der Bergpredigt gehört, wie sie der hl. Lukas überliefert: die Seligpreisungen und Wehrufe Jesu. Es geht dabei Jesus um die Unterweisung seiner Jünger. Sie sollen verstehen: die Grundlage der Jüngerschaft ist die Botschaft vom Heil, das mit Jesus gekommen ist: für die Armen und Elenden, für die Mühseligen und Beladenen; für die, die von Gott alles erwarten. Diese Botschaft Jesu hat aber nicht nur sammelnde Kraft; an dieser Botschaft scheiden sich die Geister. Das wird vor allem im heutigen Abschnitt der Bergpredigt deutlich, wo eine Reihe von Aussprüchen Jesu über das Hauptgebot der Liebe zusammengefasst ist: Wie muss sich angesichts der göttlichen Barmherzigkeit und Gnade, die Gott den Menschen zuteil werden lässt, der Jünger verhalten - gegenüber Gott und gegenüber dem Mitmenschen?

Eine erste "Regel" für den Jünger, für den also, der es mit seinem Glauben an Jesus ernst meint, ist diese: Das Gute soll die Antwort sein auf das Böse! Die Tat der Liebe ist die Antwort des Jüngers auf Flucht und Schmähung. Man soll lieber sogar das Hemd fahren lassen, als Widerstand leisten. Das heißt doch: Der Jünger Jesu darf sich in seinem Verhalten in keiner Weise durch die zugefügte Bosheit bestimmen lassen. Einfach dagegen zu halten, das ist primitiv. Da brauchen wir uns auch den Kopf nicht anzustrengen. Das Gute aber dem Bösen entgegen zu setzen, das ist nicht ein Zeichen der Schwäche; es handelt sich auch nicht um eine taktische Demutshaltung, mit der man der Auseinandersetzung mit einem Stärkeren aus dem Weg zu gehen sucht. Der Jünger, der Christ folgt vielmehr bewusst und entschieden einem neuen, nicht üblichen Prinzip des Guten: "Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse durch das Gute!" - So wird es der hl. Paulus im Römerbrief formulieren. Zahle nie mit gleicher Münze dem anderen heim! Vergilt vielmehr das Böse mit Gutem! Die den Feind ausdrücklich einschließende Liebe wird also von Jesus als maßgebend und verbindlich herausgestellt. Die Liebe aber ist - das sollten wir bedenken - eine ungemein schöpferische Kraft, und ihre Äußerungen sind alles andere als Zeichen der Schwäche. Die Liebe ist immer erfinderisch; sie ist kreativ. Sie allein vermag das richtige "Gegenmittel" zum Unrecht zu finden: niemals die gleiche Münze, sondern immer die Tat des Guten! Im Tun des Guten angesichts der zugefügten Bosheit - das sollten wir auch bedenken - ist der Jünger, ist der Christ gerade nicht seiner menschlichen Würde beraubt; im Tun des Guten zeigt sich vielmehr seine menschliche Würde.

Die "goldene Regel", die der hl. Lukas im folgenden zitiert, war der ganzen damaligen Welt bekannt: "Was ihr von anderen erwartet, das tut ebenso an ihnen!" Deshalb ist diese "Regel" besonders geeignet, Jesu Auffassung als sachliche Grundlage menschlichen Zusammenlebens überhaupt zu erweisen, gerade im Blick auf die damalige Zeit mit ihren großen sozialen Problemen; denken wir nur an die bei den Griechen und Römern übliche Sklaverei. Sowohl in der "goldenen Regel" wie im Gebot der Nächstenliebe wird nun die Liebe zu sich selbst als Maßstab empfohlen für die Liebe zum Mitmenschen. Zu beachten ist auch, dass hier nicht nur vom "Nächsten" oder vom "Bruder" die Rede ist, sondern von jedem Menschen. Alle Menschen sind eingeschlossen in die Liebe. Wer Christ sein will, für den sollte das selbstverständlich sein.

Aber obwohl die "goldene Regel" so verbreitet und so einleuchtend ist, sie ist nicht die Norm und das Gesetz dieser Welt. Für das Denken der Welt bilden vielmehr die Nützlichkeit, die Zweckmäßigkeit und Gegenseitigkeit die Grundsätze für das Handeln. Gute Taten jedoch mit solchen Hintergedanken ("Was habe ich davon?") verdienen - so sagt nun Jesus - keinen Lohn von Gott her. Solche Taten, die nur empfangene gute Taten beantworten, sind nichts Besonderes; dafür kann der Mensch, können wir von Gott keinen Lohn erwarten. Die von Jesus gemeinte gute Tat, die von Jesus geforderte Liebe ist also nicht die Reaktion auf eine empfangene Liebe. Sie ist vielmehr ursprünglich, kreativ; sie ist schöpferisch wie Gottes Güte selbst. Sie ist vorbehaltlos gütig und ohne Berechnung - auch gegen die Undankbaren und Bösen. Und die Jünger Jesu, die Christen haben auf seiner Seite zu stehen. Sie sind nur dann "Söhne des himmlischen Vaters", wenn sie das Gesetz seines Handelns auch zur Richtschnur, zur Regel für das eigene Handeln werden lassen. Da sie selber, da wir alle davon leben, dass Gott uns in Jesus seine Huld und Liebe, seine Barmherzigkeit erwiesen hat, da er uns als der Gnädige und Barmherzige, als der liebende Vater begegnet ist, darum sind wir jedem Menschen, selbst dem Feind, die Liebe schuldig. Wer also den himmlischen Vater, wer Jesus liebt, der will und wird es ihm nachtun, weil er ihm ähnlich sein möchte.

Wer Gottes Barmherzigkeit in seinem Tun nachahmen will, für den ist es dann auch nicht mehr möglich zu richten. Richten meint die Verurteilung eines anderen und die Festsetzung der Strafe. Beides wäre eine Anmaßung. Andere zu verurteilen, darf sich nur erlauben, wer die entsprechende Gesetzesnorm auch für sich selbst als unbedingt bindend anerkennt. Doch das würde bedeuten, auf Gottes Barmherzigkeit selbst nicht angewiesen zu sein; auf Gottes Barmherzigkeit nicht hoffen zu müssen. Vor Gott jedoch befindet sich der Jünger, befinden wir uns alle in derselben Lage wie jeder Mensch: Wir sind auf Gottes Güte und Barmherzigkeit angewiesen. Da Gott uns in Jesus seine Barmherzigkeit erwiesen hat, können wir nicht anders, als das Amt des Richters Gott zu überlassen und damit zu bekunden, dass wir seiner Güte und Barmherzigkeit alles verdanken. Wir leben nicht von eigenen Gnaden. Wir sind nicht die vollkommenen Wesen, die nicht auf die anderen, die nicht auf den guten Gott angewiesen sind. Wir stehen immer in seiner Schuld - zu unserem Glück!

Wir wissen als Glaubende: Jesus hat die Liebe nicht nur gepredigt; er hat sie nicht nur seinen Jüngern und allen, die an ihn glauben werden, empfohlen. Er hat diese radikale Liebe mit seinem Tod besiegelt: "Eine größere Liebe hat niemand, als wer sein Leben hingibt für seine Freunde!" Auf diesen Weg hat er auch uns gerufen. Er weist auch uns diesen Weg. Aber es ist nicht so, dass er uns nur anweist: "Nun lauft mal schön!" Er lässt uns auf diesem Weg nicht allein; er geht mit uns; er nimmt uns mit auf seinen Weg. Er erweist sich so als wirklicher "Weg-Weiser". In der Tat haben wir in ihm den "Weg-Weiser" gefunden, der uns an die Hand nimmt. Und hinter ihm können wir ohne Angst, können wir mit Vertrauen unseren Weg gehen. Und von ihm ermutigt können wir das verwirklichen, was uns immer schwer fällt: die Liebe zu üben auch gegenüber dem, der uns feind ist. In seiner Kraft können wir das Böse durch das Gute überwinden; uns nicht lähmen lassen von der uns zugefügten Bosheit. Und das alles im letzten aus dem Grund, weil er, der Herr, uns seine Güte und seine Barmherzigkeit hat zuteil werden lassen - ohne Berechnung, ohne Maß, umsonst, aus Gnade.

 

8. Sonntag: "Überwindung der Lieblosigkeit"

Einführung

"Kann ein Blinder einen Blinden führen?" Mit diesem Wort Jesu beginnt das heutige Evangelium. Dieses Wort stellt nicht nur den Priester, den Verkünder auf die Probe; dieses Wort ist auch an jeden gerichtet, der zum Glauben gekommen ist. Was ist die Voraussetzung, um sehend zu werden, um andere zu führen? Es ist das innere Maßnahmen an Jesus Christus, an seinem Wort, an seinem Denken und Handeln. Er allein vermag unsere Blindheit zu heilen - vorausgesetzt, dass wir uns heilen lassen; dass wir dem Herrn ähnlich werden wollen. Besinnen wir uns darum zu Beginn der Eucharistiefeier darauf, wie wir an Jesus Christus innerlich Maß nehmen, und bitten wir um Vergebung für alle Halbheit, für die Blindheit unseres Herzens.

    Herr Jesus Christus, du willst, dass wir lernen zu sein wie du
    - Herr, erbarme dich!
    Du forderst uns auf, die eigene Schuld zu sehen und uns zu bessern
    - Christus, erbarme dich!
    Du erwartest von uns, dass wir gute Früchte bringen
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Herr Jesus Christus, du lehrst uns, niemand zu verurteilen und deine Güte und Barmherzigkeit weiterzugeben. Darum kommen wir voll Vertrauen mit unseren Bitten zu dir:

  • Lass die Kirche, die Gemeinschaft der Glaubenden, unbeirrbar die Botschaft von der Liebe und Güte deines Vaters verkünden!
  • Gib denen, die über andere urteilen und richten müssen, die Kraft, gerecht zu sein!
  • Gib uns ein weites Herz, damit wir nicht Anstoß an den Fehlern unserer Mitmenschen nehmen!
  • Ermutige alle, die miteinander in Streit liegen, die Hand zur Versöhnung uszustrecken!
  • Lass uns alle erkennen, wie sehr wir auf deine Güte und auf deine Barmherzigkeit angewiesen sind!

Gott der Liebe und der Barmherzigkeit, es gibt keinen, den du nicht kennst, keinen, den du nicht liebst. Hilf uns, deine Liebe und Güte weiterzugeben! Darum bitten wir durch Jesus Christus, unseren Herrn. Amen.

Predigt

Am vergangenen Sonntag haben wir im Evangelium gehört, wie Jesus seinen Jüngern das Liebesgebot erläutert und einschärft. Dieses Gebot schließt auch den persönlichen Feind ein. In seiner Kraft sollen wir, können wir die Bosheit durch das Gute überwinden; lassen wir uns nicht lähmen von der uns zugefügten Bosheit. Und das alles im letzten aus dem Grund, weil er, der Herr, uns seine Güte und Barmherzigkeit hat zuteil werden lassen. Der erste Teil des heutigen Evangeliums ist auf diesem Hintergrund zu sehen. Jesus will den Seinen, er will uns gleichsam einen Spiegel vorhalten, wie wir uns tatsächlich benehmen. Denn offensichtlich befolgen wir nicht seine Weisungen; offensichtlich ignorieren wir seine Wünsche: "Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken im eigenen Auge bemerkst du nicht?" Ich meine, es sei nicht verkehrt, es sei angebracht, unser Gewissen zu erforschen, wo und wie wir lieblos, wie wir unbarmherzig handeln.

Beginnen möchte ich mit einer Bemerkung von Georg Christoph Lichtenberg: "Belehrung findet man öfter in der Welt als Trost." Belehrung, Besserwissen schafft Distanz - nicht nur horizontal, sondern von oben nach unten. Von oben nach unten aber kann man nicht verstehen, kann man nicht helfen und trösten. Trösten kann man nur, wenn man das Podest, auf dem man steht, verlässt; wenn man heruntersteigt vom hohen Ross. Aber da gilt der Satz: "Nichts lässt sich so schwer mit Würde tun, wie das Herabsteigen von einem hohen Ross."

Auf einer Spruchkarte habe ich folgenden Satz gefunden: "Manchen Leuten ist kein Opfer zu groß - wenn andere dieses Opfer bringen!" Haben wir schon einmal bedacht, was wir anderen durch unser Verhalten zumuten, aufbürden? Und zwar nicht nur an physischen Lasten, sondern vor allem an psychischen Lasten und Härten? Es tut weh, wenn einem auf der Seele herumgetrampelt wird. Es tut weh, wenn einem immer wieder das stumme Ertragen von Unverständnis, von Unrecht abverlangt wird. Es tut weh, wenn einem immer die Dreckarbeit zugemutet wird. Wie heißt es so schön: "Wir sitzen alle in einem Boot; die einen rudern, die anderen angeln." Pech ist es, wenn man immer nur rudern soll.

Von Mark Twain stammt der Satz: "Ehe man anfängt, seine Feinde zu lieben, sollte man seine Freunde besser behandeln." Ähnlich lautet ein Satz von Christine Busta: "Um seinen Feinde zu lieben, muss man erst seine Freunde besser verstehen lernen." Die beiden Sätze erinnern mich an eine Geschichte aus meinem Heimatdorf. Der "Kreuschen-Möller" war ein überall geschätzter und beliebter Mann. Als seine Frau einmal darauf angesprochen wurde, bemerkte sie: "Ja, ja! Ein Straßenengel und ein Hauskreuz!" Geht es uns nicht auch so? Nach außen sind wir auf die Fassade bedacht, um von den Leuten gelobt und geehrt zu werden. Im Hause sind wir unausstehlich, beißen und kratzen und treten. Der Friede auf Erden beginnt nur da, wo ich in dem Kreis, in dem ich lebe, die Liebe und die Freundlichkeit und die Hilfsbereitschaft übe. Zwei verschiedene "Gesichter" zu haben, das führt zur Verlogenheit; das zerstört die Glaubwürdigkeit.

Zwei Sprichwörter, die viel Lebensweisheit enthalten: "Zu einem Hund, der Geld hat, sagen die Leute ‚Herr Hund'!" Das andere stammt aus Japan: "Selbst in der Hölle richtet sich alles nach dem Geld!" Auf wessen Seite stehen wir? Stehen wir auf der Seite der Einflussreichen, der Besitzenden, der Vornehmen? Haben wir noch einen Blick für die Kleinen, für die Einflusslosen, für die Armen, die nicht mitkommen? Auf wessen Seite steht die Kirche, die Gemeinschaft der Glaubenden? Es geht nicht darum, Einfluss und Reichtum und Macht zu verteufeln. Aber es gibt Dinge und Werte, vor allem aber Menschen, die wichtiger sind als Einfluss und Macht und Reichtum.

Von Hermann Hesse stammt der Satz: "Das Feststellen von fremder Schuld macht niemals etwas besser." Und Gertrud von Le Fort schreibt einmal: "Es gehört zu den verhängnisvollsten Irrtümern der Welt, zu den tiefsten Gründen ihrer Friedlosigkeit, dass sie alles Unrecht immer aufdecken und verurteilen zu müssen glaubt." Die Wahrheit, das Zutreffen dieser Sätze haben wir alle schon am eigenen Leib gespürt: bloßgestellt zu werden vor anderen; wegen eines Fehlverhaltens vorgeführt zu werden. Gerade gegenüber dem fehlenden Mitmenschen, wenn wir ihm wirklich helfen wollen, da ist große Zurückhaltung geboten; das erfordert viel Fingerspitzengefühl. Aber manche haben da, wo normalerweise Fingerspitzen sind, Knollen. Sie merken nicht, wie weh sie tun. Auch der fehlende und schuldige Nächste hat ein Recht auf Fairness; er hat ein Recht, nicht bloßgestellt zu werden. Und viel Unrecht auf Erden kann nur durch den Mantel der Barmherzigkeit überwunden werden, nicht durch das Hervorzerren ans Licht der Öffentlichkeit.

Aus einem afrikanischen Land stammt das Sprichwort: "Das Böse ist ein Hügel; jeder steht auf seinem und zeigt auf einen anderen." Es ist für uns oft ein beglückendes Gefühl der Erleichterung, feststellen zu können, dass das moralische Niveau eines anderen Menschen tiefer ist als das eigene. Das enthebt mich der Pflicht, mich mit meinen eigenen Fehlern zu befassen. Doch das ist eine menschlich unreife Form der Schuld-Entlastung. Ja, es ist Ausdruck des Hochmuts und des Stolzes. Das Versagen, die Schuld der anderen soll das eigene Fehlverhalten rechtfertigen, das eigene schuldhafte Tun legitimieren. Diesem "Hochmut" müssen wir abschwören. Aber wie sagt das arabische Sprichwort: "Man sieht besser in einer schwarzen Nacht auf einem schwarzen Stein einen schwarzen Käfer als den Hochmut im eigenen Herzen."

Gertrud von Le Fort schreibt einmal: "Das Tier mag nicht auf den Menschen treten; auf den Menschen tritt immer nur der Mensch." Wir haben es erlebt und wir erleben es immer wieder, wie der Mensch und wie seine Würde mit Füßen getreten werden. Die Frage, die wir an uns selber stellen müssen, ist die, ob wir uns daran beteiligen, anderen weh zu tun. Manche treffen mit untrüglicher Sicherheit den Punkt, an dem es weh tut, den "wunden Punkt". Wer aber das tut, der versündigt sich an seinem Bruder, an seiner Schwester. Jeder hat ein unverlierbares Recht darauf, geschützt zu werden an seiner verwundbarsten Stelle. Wer dieses Recht missachtet, der ist ein Sadist.

Ich möchte schließen mit einer Begebenheit, die Sören Kierkegaard erzählt hat, und die uns eindringlich mahnt, dass wir es nicht bei bloßen Worten belassen dürfen, wenn es darum geht, den Nächsten zu lieben, barmherzig zu sein, nicht zu verurteilen. Als er in Kopenhagen Student war, suchte er eines Tages eine Wäscherei, um seine schmutzige Wäsche waschen zu lassen. In einem Schaufenster entdeckte er ein Schild: "Hier wird Wäsche gewaschen und gebügelt." Hocherfreut betritt er den Laden und stellt seinen Korb mit der schmutzigen Wäsche auf den Ladentisch. Die Bedienung kommt und fragt: "Was wünscht der Herr?" Kierkegaard weist auf seinen Korb mit der schmutzigen Wäsche und sagt: "Können sie das bis Donnerstag gewaschen und gebügelt haben?" - "Mein Herr, Sie irren sich. Sie sind hier nicht in einer Wäscherei." - "Aber in Ihrem Schaufenster steht doch das Schild: Hier wird Wäsche gewaschen und gebügelt." - "Das ist richtig. Aber wir stellen nur die Schilder her, auf denen steht: Hier wird Wäsche gewaschen und gebügelt." - Ist es mit unserer Liebe zum Nächsten, ist es mit unserer Barmherzigkeit, mit unserer Bereitschaft zur Vergebung auch so? Reden wir nur noch von der Nächstenliebe, ohne sie zu üben? Ja, treten wir sie nicht mit Füßen? Es kommt nicht auf das Reden an; es kommt auf das schlichte Tun an. Lassen wir uns vom Herrn die Richtung weisen.

 

9. Sonntag: "Herr, ich bin nicht würdig"

Einführung

Wie oft haben wir schon die Worte mitgebetet: "Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach. Aber sprich nur ein Wort, dann wird meine Seele gesund!" Nehmen wir noch ernst, was unser Mund da spricht? Eignet uns wirklich das Vertrauen und die Ehrfurcht des heidnischen Hauptmanns, der für seinen kranken Diener die Hilfe des Herrn erbittet? Um dieses Vertrauen geht es in unserem Stehen zum Herrn. Darauf müssen wir uns immer wieder besinnen, wenn wir uns zur Eucharistiefeier einfinden; wenn wir den Leib des Herrn empfangen. Und wir müssen um Vergebung bitten für alles mangelnde Vertrauen, für die mangelnde Ehrfurcht, für unseren halbherzigen Glauben.

    Herr Jesus Christus, du hast dich nicht der Bitte um Hilfe versagt
    - Herr, erbarme dich!
    Du warst erstaunt über den Glauben des heidnischen Hauptmanns
    - Christus, erbarme dich!
    Du erwartest auch von uns Vertrauen und Glauben
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Lasst uns voll Vertrauen beten zu unserem Herrn und Heiland Jesus Christus, von dessen Güte und Erbarmen wir alle leben:

  • Für die Kirche, die Gemeinschaft der Glaubenden: dass sie unbeirrbar den Menschen heute dich als das Heil verkündet!
  • Für alle, die Christi Namen tragen: dass sie durch ihr Leben deine Güte und dein Erbarmen mit aller Not bezeugen!
  • Für die vielen Suchenden und Fragenden: dass sie in dir den finden, der ihrem Suchen und Fragen Erfüllung schenkt!
  • Für unsere verstorbenen Brüder und Schwestern: dass ihre Sehnsucht nach Frieden und Heimat bei dir Erfüllung findet!

Herr Jesus Christus, mit diesen Bitten kommen wir zu dir. Du schenkst unserem Vertrauen und unserem Glauben dein Ohr. Dafür danken wir dir heute und alle Tage. Amen.

Predigt

Kaum ein Wort des Evangeliums wird so oft wiederholt wie das Wort, mit dem der Hauptmann von Kapharnaum seine Unwürdigkeit gegenüber Jesus, aber auch seinen Glauben an die heilende Macht Jesu bekannt und ausgedrückt hat: "Ich bin es nicht wert, dass du mein Haus betrittst... Sprich nur ein Wort, dann muss mein Diener gesund werden." Vor jeder heiligen Kommunion greifen wir dieses Wort auf. Über dieses Wort des heidnischen Hauptmanns staunt sogar Jesus. Es ist zwar im Evangelium oft vom Staunen der Leute über die Machttaten Jesu die Rede. Aber von Jesus heißt es nur zweimal, dass er gestaunt habe: an unserer Stelle über den Glauben des Hauptmanns, und dann in seiner Heimatstadt Nazareth über dein Unglauben seiner Landsleute. Wenn sogar für Jesus der Glaube des Hauptmanns staunenswert ist, dann dürfen auch wir mit diesem Wort unseren Glauben bekennen.

Im Mittelpunkt des heutigen Evangeliums steht also der Glaube dieses Mannes; und wie Jesus diesen Glauben wertet. Kapharnaum war der neue Wohnsitz Jesu und das Zentrum seiner Wirksamkeit. Die Stadt Kapharnaum war aber auch ein Grenzort. Wenige Kilometer weiter östlich, gleich jenseits des Jordans, begann das Gebiet des Tetrarchen Philippus. Deshalb waren Soldaten des Herodes Antipas in Kapharnaum stationiert, unter ihnen der heidnische Hauptmann. Er lässt durch einige der jüdischen Ältesten an Jesus die Bitte richten, seinem kranken Diener die Gesundheit wieder zu geben. Jesus erklärt sich sofort bereit, mitzukommen und zu helfen. Er hat sich nicht gescheut, die Unberührbaren, die Aussätzigen zu berühren; er scheut sich auch nicht, das Haus eines Heiden zu betreten; denn er ist ja gekommen, um zu heilen und zu helfen.

Hier nun setzt das eigentlich staunenswerte Verhalten des heidnischen Hauptmanns ein. Sonst wäre ja jeder froh gewesen, wenn dieser Jesus zu ihm gekommen wäre. Doch der Hauptmann hält Jesu Kommen nicht für angebracht, ja für überflüssig. Denn er ist von der Stellung und von der Macht Jesu völlig überzeugt. Im ausdrücklichen Verzicht auf das Kommen Jesu anerkennt er nicht nur in Worten, sondern in der Tat die Würde und die fraglose Macht Jesu. Wenn er abwehrt: "Herr, ich bin es nicht wert, dass du mein Haus betrittst", dann will er nicht nur Jesus das Betreten eines heidnischen Hauses ersparen, sondern er bekennt sich auch - ähnlich wie der Täufer Johannes (Mt. 3, 11) - zu der hoheitlichen und zu der einzigartigen Würde Jesu. Seine Auffassung von der Macht Jesu beruft sich auf die Erfahrung, die er mit seiner eigenen Befehlsgewalt hat. Von daher sieht er die Vollmacht Jesu und beschreibt sie als Macht, die wirksam bestimmen kann; die nicht nur ein paar Untergebene in Bewegung setzt, sondern die Heilung des Dieners einschließt. Der Hauptmann anerkennt die unbedingte Vollmacht Jesu: er braucht nur ein Wort zu sagen; und das, was er sagt, wird geschehen.

Jesus sieht voll Staunen die sachliche Klarheit und die nüchterne Festigkeit dieses Glaubens. Nicht in einer Aussage darüber, wer Jesus ist, aber in einer Stellungnahme, die sein eigenes Handeln und das Handeln Jesu betrifft, anerkennt der Hauptmann die Bedeutung Jesu. Jesus ist für ihn der Herr, den er nicht in gebührender Weise bei sich aufnehmen kann. Und Jesus ist für ihn der Herr, der unbedingte Macht zum Helfen und Heilen hat. Dieser Glaube ist für das Eingehen in das Himmelreich erforderlich; ein solcher Glaube macht bereit für das Eingehen in das Himmelreich. Der Glaube dieses Mannes anerkennt die Fähigkeit Jesu, seinen Diener zu heilen. Der Glaube dieses Mannes aber bleibt nicht darauf beschränkt; er richtet sich vielmehr auf die umfassende Bedeutung Jesu. Deshalb ist es der Glaube, der zum Heil notwendig ist. So wie vom Tun des Willens Gottes, der durch Jesus offenbart wurde, die Teilhabe am Himmelreich abhängig ist, so auch vom Glauben an Jesus, den Christus, den Sohn Gottes.

In der Bergpredigt hat Jesus Gott offenbart als den Vater; und er hat uns den Willen des himmlischen Vaters kundgetan. Beim heiligen Lukas schließt sich die Begebenheit an vom heidnischen Hauptmann. Die wunderbaren Taten Jesu dürfen nicht - das zeigt uns unsere Erzählung - oberflächlich als die Beseitigung einer Krankheit verstanden werden. In seinen Wundertaten offenbart sich Jesus als der Gottgesandte, als Sohn Gottes. Jesu Wundertaten rufen zur Umkehr und zum Glauben. Die Offenbarung des Willens Gottes durch Jesus wird von uns richtig aufgenommen nur dann, wenn wir seine Worte tun und ihn so als Gottes Sohn anerkennen, der den Willen des himmlischen Vaters kennt und verbindlich mitteilt. Die Offenbarung der Heil schaffenden Macht Gottes durch Jesus wird nur dann richtig aufgenommen, wenn wir ihn als den Herrn anerkennen, dem Gott unbedingte Macht zu unserem Heil gegeben hat. Genau das tut der heidnische Hauptmann. Von ihm und seinem Glauben sagt Jesus erstaunt: "Nicht einmal in Israel habe ich einen solchen Glauben gefunden."

Dieser Mann fragt also auch uns nach unserem Glauben, nach unserem Stehen zum Herrn, nach unserem Vertrauen zu seinen Wegen und Fügungen - und zwar auch dann, wenn wir sein wunderbares Wirken nicht erfahren und erleben. Aber stehen denn nicht auch in unserem Leben die Zeichen der Nähe und der Liebe Gottes? Übersehen wir nicht oft die Zeichen seiner Nähe und seiner Hilfe? Ist es nicht notwendig, dass wir unsere Augen auftun für den Herrn und seine Zeichen? Lasst uns jetzt und alle Tage um diese offenen Augen und Herzen für den Herrn beten!

 

10. Sonntag: "Helfer in der Not"

Einführung

"Wen kümmert das Leid und die Not, die ich zu tragen habe?" Diese Klage kennen wir alle. Im heutigen Evangelium hören wir, wie Jesus sich der konkreten Not eines Menschen annimmt: der Not der Witwe von Nain, die ihren einzigen Sohn durch den Tod verloren hat, den einzigen Menschen, der für sie sorgen konnte. Die Frohbotschaft, die Jesus verkündet, die Botschaft von der Güte und Liebe Gottes gerade zu den "Armen", d. h. zu denen, die keine Helfer haben, wird im Handeln verdeutlicht und bekräftigt. Rechnen wir damit, dass Gott uns sein Herz und seine Liebe zuwendet? Dass wir immer damit rechnen dürfen?

    Herr Jesus Christus, du wurdest von Mitleid mit der Witwe von Nain erfüllt
    - Herr, erbarme dich!
    Du hast ihren toten Sohn ins Leben zurück gerufen
    - Christus, erbarme dich!
    Du hast dich in diesem Wunder offenbart als der gottgesandte Prophet
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Vater im Himmel, in deinem Sohn Jesus Christus hast du uns Menschen deine Liebe und Güte, dein Erbarmen mit all unserer Not offenbart. Voll Vertrauen kommen wir mit unseren Bitten zu dir:

  • Für die Kirche, die Gemeinschaft der Glaubenden: dass sie nicht müde wird, dein göttliches Erbarmen in Wort und Tat zu bezeugen!
  • Für die Verantwortlichen in Staat und Gesellschaft: dass sie Sorge tragen für die sozial Schwachen und für die Ausgegrenzten!
  • Für uns, die wir Christi Namen tragen: dass wir offene Augen und Herzen haben für die Nöte und Sorgen unserer Angehörigen, aber auch aller Hilfsbedürftigen!
  • Für unsere verstorbenen Brüder und Schwestern: dass sie bei dir für immer Frieden und Heimat finden!

Vater im Himmel, mit diesen Bitten kommen wir zu dir. Du wirst uns Erhörung schenken um deines Sohnes Jesus Christus willen, der mit dir lebt und herrscht in Ewigkeit. Amen.

Predigt

Das heutige Evangelium erzählt von der Auferweckung eines jungen Mannes. Um diese Geschichte besser zu verstehen, müssen wir den Kontext beachten, den gesellschaftlichen Kontext. Von daher wird erst so recht verständlich, was Jesu Wundertat eigentlich bedeutet. Dieses "Zeichen" ist die Verdeutlichung dessen, was Jesu Lebensprogramm ist, und was er von Anfang an als seine Lebensaufgabe betrachtet hat: "Der Herr hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe." (Lk. 4, 18) Die "Armen" sind ja nicht die, die nichts oder wenig besitzen. Es sind vielmehr die Menschen, die benachteiligt sind; die sozial schwach sind; die sich nicht helfen können. Auf sie braucht man - das ist ja die Mentalität der Leute - keine Rücksicht zu nehmen; sie haben ja nicht die Macht, einem zu schaden.

Ein solcher Mensch begegnet Jesus in der Gestalt dieser Witwe, die ihren einzigen Sohn zu Grabe geleitet. Selbstverständlich empfindet die Frau Trauer und Schmerz darüber, dass ihr Sohn in jungen Jahren sterben musste. Wesentlich schlimmer ist aber ihre eigene soziale Notlage. Denn die Waisen und Witwen galten im sprichwörtlichen Sinn als die sozial Schwachen. Zwar wird im Alten Testament immer wieder eingeschärft, dass die Waisen und Witwen nicht rücksichtslos behandelt werden dürfen. Das praktische Leben sieht aber meistens ganz anders aus. Durch den Tod ihres Mannes hatte die Frau ihren festen Platz in der Gesellschaft und ihren Unterhalt verloren. An seine Stelle - so war es Sitte - trat dann der älteste Sohn, um für die Mutter zu sorgen. Die Frau, der Jesus begegnet, hatte also mit ihrem einzigen Sohn auch ihre letzte Stütze verloren. Sie stand schutzlos da; sie war auf den guten Willen ihrer Umgebung angewiesen; ja, sie war diesem guten Willen ausgeliefert.

Jesus wird nicht um Hilfe gebeten. Wen soll man auch in einem solchen Fall um Hilfe bitten? Gegen den Tod hat niemand ein Kraut. Jesus handelt ganz von sich aus. Er trifft nicht ohnmächtig, aber auch nicht gleichgültig auf die Not dieser Frau. Bei ihrem Anblick wird er von Mitleid gepackt. Ihre Not geht ihm zu Herzen. Sie ist für ihn nicht eine ältere Frau, auf die es nicht mehr ankommt; die halt ein Schicksal zu tragen hat, wie es andere auch tragen; und die diesen Verlust eben auszuhalten hat. Jesus wendet sich dieser Frau zu. Er hat nicht einen "Fall" vor sich; er begegnet vielmehr einem Menschen in Not; und er anerkennt in seinem Erbarmen die Größe und das Recht des Schmerzes dieser Frau. Jesus spricht sie an: "Höre auf mit deinem Weinen!" Höre auf mit deiner Totenklage! Aber Jesus redet der Frau nicht nur gut zu. Er hilft durch die Tat. Seinem Helfen kann auch der Tod keine Schranken setzen. Jesus ruft den Sohn ins Leben zurück. Er macht der Not dieser Frau ein Ende.

Vielleicht sollten wir auch beachten, dass Jesu Mitleid anscheinend nicht dem jungen Mann galt. Er hat nicht bedauert, dass dieser so jung gestorben ist; dass er so wenig von seinem Leben hatte. Jesu Mitleid gilt der Witwe. Beachten wir aber auch: der junge Mann wird nicht für sich selber ins Leben zurückgerufen, sondern zur Stütze und Hilfe für seine Mutter. Das bedeutet doch für uns: Es ist nicht der Sinn des Lebens, dass wir für uns selber leben; es geht darum, dass wir füreinander da sind und das Leben ermöglichen. Durch Jesu wunderbare Tat werden Mutter und Sohn, die durch den Tod getrennt waren, wieder zusammengeführt; es wird ihr gemeinsames Leben neu ermöglicht. Die Gründe für eine Trennung von Menschen können sehr verschieden sein. Immer ist es der Dienst am Leben, wenn getrennte Menschen zusammengeführt werden.

Gewiss, es ist beeindruckend, wie Jesus dieser Frau geholfen hat. Was hat das aber mit seiner Frohbotschaft für die Armen zu tun? Man könnte auch die Frage stellen: Ist Jesu wunderbare Tat mehr als ein winziger Tropfen auf einen riesigen Stein der menschlichen Not? Hat es nicht zur Zeit Jesu auch viele andere Frauen in dieser Notlage gegeben? Was ist ihnen geholfen mit der Tat Jesu für die Witwe von Nain? Gewiss, die sollten froh darüber sein, dass wenigstens einer geholfen wurde. Und uns sollte sein Tun Anstoß sein, im Rahmen unserer Möglichkeiten uns gegenseitig zu helfen. In dieser Geschichte wird aber auch noch etwas anderes deutlich. Jesu Tat wird vom Volk lobpreisend aufgenommen, und zwar als Tat der gnädigen Zuwendung Gottes. Die Art und Weise, wie Jesus mit dieser Frau umgeht, wie er ihre Not ernst nimmt; wie er sie anspricht; wie er ihr hilft: all das zeigt uns seine innere Einstellung; lässt uns einen Blick tun in sein Herz. Und da im Denken und Tun Jesu das Erbarmen Gottes am Werk ist, wird über sein Tun die Art Gottes kund. Jesu Tat zeigt, was ihm sein innerstes Anliegen ist. Er legt uns nicht ein Denksystem vor, kein Partei-Programm. Er erobert keine Reiche; er errichtet keine Bauten; er schafft nicht eine neue Gesellschaftsordnung. Jesus wendet sich dem Einzelnen zu, dem Notleidenden; und er nimmt ihn ernst in seiner persönlichen Not und hilft ihm.

Die Botschaft Jesu, die gerade auch in unserer Begebenheit sichtbar wird, heißt also nicht, dass jedem Notleidenden in der gleichen Weise geholfen wird. Jesu Botschaft bedeutet aber wohl, dass jedem Notleidenden in gleicher Weise sein Herz und die Liebe des himmlischen Vaters zugewandt sind; dass er spätestens bei der endgültigen Vollendung mit dem gnädigen Handeln Gottes rechnen darf. Darin besteht die Frohbotschaft an die "Armen", dass sie alle, und mögen sie noch so gering und unbedeutend und wertlos - nach menschlichen Maßstäben - eingeschätzt werden, dem himmlischen Vater und seinem Sohn Jesus Christus am Herzen liegen; von seiner Liebe erreicht werden. Es kennzeichnet die Zeit der Gegenwart Jesu, also seines Erdendaseins, dass er diese Botschaft von der Güte und der Gnade Gottes durch sein Handeln verdeutlicht und bekräftigt.

Und diese Botschaft richtet sich auch an uns heute. Sie appelliert an unseren Glauben: dass wir Gott und seinem Sohn ein solches Interesse an uns Menschen zutrauen; dass er dem Menschen in Liebe und Güte zugewandt ist. Ohne Glauben kann diese Botschaft allerdings nicht aufgenommen werden. Jesu Tun macht uns zeichenhaft deutlich, um was es ihm geht. Diese seine Liebe zu jedem Menschen in Not bedeutet darum unser Glück, ja unser Heil. In unserem Ja des Glaubens wird uns dieses göttliche Heil zuteil.

 

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