Lesejahr C
11. - 22. Sonntag im Jahreskreis

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11. Sonntag: "Gottes unbegreifliche Güte"

Einführung

Wie können wir vor Gott bestehen? Wie ist es möglich, von Gott angenommen zu werden? Was müssen wir tun, damit Gott uns liebt? Für den heiligen Paulus ist klar: Nur der Glaube an Gott, nur die Bereitschaft, auf ihn unser Vertrauen zu setzen, auf seine Güte zu bauen, bringt uns in die rechte Beziehung zu ihm. Unser Tun, unsere Mühen und Anstrengungen können immer nur das Echo sein auf seine Liebe, die er uns vor all unserem Tun schenkt; sie können nur das Echo sein auf sein gnädiges Handeln, auf seine unbegreifliche Güte; sie sind der Versuch, Gott Dank zu sagen. Haben wir das begriffen? Besinnen wir uns darum zu Beginn dieser Eucharistiefeier, zu Beginn der Feier der Danksagung, auf Jesus Christus, in dem Gottes Güte und Liebe uns begegnet sind!

    Herr Jesus Christus, du hast uns geliebt und dich für uns hingegeben
    - Herr, erbarme dich!
    Du willst, dass wir nicht für uns, sondern für dich leben
    - Christus, erbarme dich!
    Du willst in unseren Herzen durch unseren Glauben Gestalt annehmen
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Lasst uns voll Vertrauen beten zu unserem Herrn Jesus Christus, der der Sünderin vergeben hat, weil sie ihm Vertrauen und Liebe geschenkt hat:

  • Für die Kirche, die Gemeinschaft der Glaubenden: Schenke ihr Geduld und Verständnis für alle, die mit Schuld belastet bei ihr Hilfe suchen!
  • Für die Regierenden und die Mächtigen in der Welt: Lass sie sich mühen um Versöhnung und Eintracht unter den Völkern!
  • Für alle, die auf der Schattenseite des Lebens stehen: Lass sie Menschen finden, die sich für Ausgleich und Gerechtigkeit einsetzen!
  • Für uns, die wir hier versammelt sind: Gib uns die Bereitschaft zur Versöhnung und zur Weitergabe von Gottes Vergebung! Für unsere Verstorbenen: Nimm sie auf in deinen Frieden!

Gott, unser Vater, du willst nicht das Verderben der Menschen, die mit Schuld beladen sind. Darum hast du uns deinen Sohn Jesus Christus gesandt, der von Schuld befreit und Heimkehr ermöglicht. Dir sei Dank und Lobpreis in Ewigkeit! Amen.

Predigt

Der Vorfall, von dem das Evangelium heute erzählt, hatte offensichtlich eine Vorgeschichte. Zunächst: bei der Einladung des Pharisäers handelt es sich um die Einladung zu einem Festmahl. Dieses Festmahl ist als Ehrung Jesu gemeint; denn Simon rechnet mit der Möglichkeit, dass Jesus ein Prophet ist, d. h. dass mit Jesus der erloschene Geist wiedergekehrt und die Heilszeit angebrochen ist. Und da es verdienstlich war, durchreisende Lehrer, besonders wenn sie in der Synagoge gepredigt hatten, zum Sabbatmahl zu Tisch zu bitten, dürfen wir aus all dem schließen: der Geschichte ging wohl eine Predigt Jesu voraus, die sie alle gepackt hatte: den Gastgeber, die anwesenden Gäste, aber auch den ungebetenen Gast: die Frau. Die Bezeichnung dieser Frau als eine Sünderin kennzeichnet sie entweder als Dirne oder als die Ehefrau eines Mannes, der einen unehrenhaften Beruf ausübte. Wahrscheinlich ist es, dass sie eine Dirne war. Doch wird von Jesus nicht gesagt, weshalb sie Tränen vergießt. Enthüllt wird nur die grenzenlose Dankbarkeit dieser Frau; denn der Kuss auf Knie oder Fuß ist das Zeichen einer demütigen Dankbarkeit, wie sie gegenüber dem Lebensretter gezeigt wurde. Diese Frau ist dermaßen gegenüber Jesus mit Dankbarkeit erfüllt, dass sie ohne zu überlegen das Kopftuch ablegt und die Haare löst, um ihre Tränen abzuwischen - obwohl es bei den Juden für eine Frau die größte Schande war, das Haar vor Männern zu lösen. Offensichtlich ist sie so erschrocken darüber, dass ihre Tränen Jesus benetzt haben, dass sie dabei ihre Umgebung ganz vergisst.

Das also ging vermutlich unserem Gleichnis von den zwei Schuldnern voraus: Jesus hat gepredigt und einem Menschen die Verzeihung Gottes zugesprochen. Nur auf diesem Hintergrund können wir nun das Gleichnis verstehen, in dem Jesus sich gegenüber der unausgesprochenen Kritik des Pharisäers rechtfertigt. Der Grund dafür, dass er sich die Berührung durch die Sünderin gefallen lässt, ist dieser: Jesus will aufmerksam machen auf das Handeln Gottes an den Sündern. Und er stellt schlicht nebeneinander: die große Schuld und die kleine Schuld - die große Dankbarkeit und die kleine Dankbarkeit! Nur diejenigen, die um die große Schuld wissen (das will Jesus sagen), können ermessen, was Güte bedeutet. Verstehst du nicht, Simon, dass diese Frau trotz der Schuld ihres Lebens Gott näher steht als du? Merkst du nicht, dass dir das fehlt, was sie hat: die große Dankbarkeit? Und dass die Dankbarkeit, die sie mir erweist, Gott selber gilt? In der Formulierung ist nämlich das Handeln Gottes selbst umschrieben, wie so oft in der Bibel. Das bedeutet: Jesus redet hier von seinem himmlischen Vater. So ist Gott! So unbegreiflich gütig! Verstehst du nicht, Simon? Das Tun dieser Frau, über die du die Nase rümpfst, ist der Ausdruck einer überströmenden Dankbarkeit für die unbegreifliche Güte Gottes. Was tust du ihr und mir Unrecht! Könnte es sein, dass dir das Beste fehlt? Du glaubst, Gott durch dein anständiges Leben etwas geben zu können; dadurch einen Anspruch auf Lohn erwerben zu können. Gottes Güte, seine vergebende Liebe lässt sich nicht käuflich erwerben; denn Gott verschenkt seine Liebe und Güte, und zwar umsonst. Und nur wer sich bedürftig weiß, kann sich beschenken lassen.

Alle Gleichnisse des Evangeliums sind eine Verteidigung der frohen Botschaft Jesu. Die Verkündigung der frohen Botschaft an die Sünder hat Jesus anders vollzogen: im Zuspruch der Vergebung, in der Einladung der Verschuldeten an seinen Tisch, im Ruf in seine Nachfolge. Die Gleichnisse im Evangelium hat Jesus nicht zu den Sündern gesprochen, sondern zu den "Gerechten", zu Menschen also, die sich selbst für "gerecht" halten; zu Menschen also, die Jesus ablehnen, weil er die Verachteten zu sich ruft; die enttäuscht sind, weil sie auf den Tag der Rache warten, an dem die Sünder für ihre Gesetzesübertretungen bestraft werden; die ihre Herzen der Frohbotschaft verschließen, weil sie mit Ernst fromm sein wollen, aber dabei zu gut von sich selber denken. Diese Menschen ärgern sich an Jesu Frohbotschaft. Warum, so fragen sie immer wieder, lässt du dich mit diesem Gesindel ein, mit dem kein anständiger Mensch etwas zu tun haben will? Die Antwort Jesu lautet: Weil sie krank sind und mich nötig haben; weil sie wirklich Buße tun; weil sie um die Dankbarkeit der begnadeten Kinder Gottes wissen! Und weil ihr nicht wollt! Weil ihr lieblos, weil ihr selbstgerecht, ungehorsam seid! Vor allem aber: ich handle so, weil Gott ebenso handelt. Er ist so gütig zu den Armen, so voll Freude über das Finden des Verlorenen, so gnädig dem Verzweifelten, dem Hilflosen, dem in Not Geratenen.

Die Lehre, die wir aus der Begebenheit, von der das Evangelium heute erzählt, und aus dem Gleichnis Jesu für uns entnehmen können, dürfte eindeutig sein. Gottes Güte und seine vergebende Liebe zu dem Menschen, der gesündigt hat, ist grenzenlos. Diese Liebe und Güte Gottes gilt freilich nicht der Sünde. Jesus verharmlost in keiner Weise die Sünde. Aber er war gut zu den Sündern; ihnen hat er die Vergebung Gottes zugesprochen, zuteil werden lassen. Freilich, Gottes Güte und Vergebung ist an eine Voraussetzung geknüpft: an den Glauben des Menschen, d. h. an die Erkenntnis des Angewiesenseins auf Gott, an die Anerkenntnis der eigenen Bedürftigkeit, an die Anerkenntnis des eigenen Ungenügens. Darum konnte Jesus zur Frau sagen: "Deine Sünden sind dir vergeben. Dein Glaube hat dir geholfen. Geh in Frieden!" Genau hier liegt der Appell an den gastgebenden Pharisäer: Bedenke bitte, dass doch auch du auf Gottes Güte angewiesen bist! Vergiss nicht, dass du zum auserwählten Volk Gottes gehören darfst! Vergiss nicht, dafür dem Herrn zu danken! Du brauchst und du sollst dein Bemühen, die Gebote Gottes zu erfüllen, nicht aufgeben. Aber erfülle die Gebote des Herrn im klaren Wissen, dass du zu Dank verpflichtet bist - und nicht umgekehrt: dass Gott dir zu Dank verpflichtet ist. Ich meine, genau das sei auch die Lehre, die Jesus auch uns heute geben will, und die wir uns hinter die Ohren schreiben sollen: Gott liebt uns nicht, weil wir perfekte Menschen sind (dann hätte er sich seinen Ausflug auf diese Erde ersparen können, und wer hätte dann überhaupt eine Chance, Gott zu gefallen?). Gott liebt uns nicht, weil wir gut sind, sondern weil er gut ist. Wir versuchen, wir sollen versuchen, in all unserem Tun, in all unserem Bemühen, natürlich gebrochen und unvollkommen, Gott Dank zu sagen für seine Huld und Treue, für seine Güte und Liebe zu uns Menschenkindern.

 

12. Sonntag: "Der Weg Jesu"

Einführung

"Für wen halten mich die Leute? Für wen haltet ihr mich?" Diese Frage, auf deren Beantwortung alles ankommt, stellt Jesus an seine Jünger; diese Frage wird auch an uns heute gerichtet. "Du bist der Messias Gottes!" So antwortet Petrus. Gemeint ist damit: Dieser Jesus erlöst den Menschen aus der Sünde, aus der Gottferne. Jesus ist der, der das Leben für die Seinen, für die Glaubenden, für uns hingibt; er ist der, der für uns da ist. Und dieser Jesus ruft die Jünger, er ruft uns in seine Nachfolge. Das bedeutet: Wenn er für uns da war, dann müssen auch wir für ihn, füreinander da sein; dann müssen wir für ihn und füreinander mit dem Leben einstehen.

    Herr Jesus Christus, du fragst uns, was du uns bedeutest
    - Herr, erbarme dich!
    Du willst, dass wir in dir den Gottgesandten, den Sohn Gottes sehen
    - Christus, erbarme dich!
    Du rufst auch uns in deine Nachfolge, auf den Weg des Kreuzes
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Lasst uns voll Vertrauen beten zu unserem Herrn Jesus Christus, der uns nahe ist, weil er einer von uns geworden ist und hier auf dieser Erde lebte!

  • Für die Christen in aller Welt: dass sie deine Worte ernst nehmen und entschlossen danach streben zu werden, wie du warst!
  • Für die Menschen in aller Welt, die in dir weiter nichts sehen als eine bedeutende Gestalt der Geschichte: dass sie verstehen, wer du bist; und dass sie in dir den sehen, den Gott zu uns gesandt hat!
  • Für die Unentschiedenen, die nicht wissen, welchen Leitbildern sie nacheifern sollen: dass sie sich deiner Führung anvertrauen!
  • Für die vielen Nicht-Christen: dass sie die Fülle der Wahrheit entdecken, die du uns gebracht hast!
  • Für uns alle: dass wir verstehen, dass wir zuerst bei uns beginnen müssen, wenn sich dein Reich in dieser Welt ausbreiten soll!

Vater im Himmel, lass alle Menschen in deinem Sohn den wirklichen Heilbringer erkennen, das einzig feste Fundament. Darum bitten wir durch ihn, Christus, unseren Herrn. Amen.

Predigt

Der Text des Evangeliums, das wir soeben gehört haben, enthält drei Punkte. Zunächst ist es die Frage Jesu an seine Jünger: "Für wen halten mich die Leute? Für wen haltet ihr mich?" Das Gespräch hat seinen Höhepunkt im Messias-Bekenntnis des Petrus: Wir halten dich "für den Messias Gottes". Im zweiten Punkt hören wir die Ankündigung Jesu, dass der Menschensohn leiden und sterben müsse. Schließlich folgt in einem dritten Schritt Jesu Aufruf zur Kreuzesnachfolge: "Wer mein Jünger sein will, der... nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach!" Ich denke, diese drei Punkte geben uns reichlich Stoff zum Nachdenken.

Jesus fragt seine Jünger nicht nach ihrer Meinung zur Bergpredigt oder zu einem anderen Thema seiner Predigt, seines Wirkens. Er fragt sie vielmehr danach, wie sie ihn sehen; welche Auffassung sie von ihm haben: "Ihr aber, für wen haltet ihr mich?" Offensichtlich kommt es Jesus entscheidend auf diesen Punkt an. Er will sie zur klaren Erkenntnis und zum eindeutigen Bekenntnis führen. Denn alles hängt davon ab, wer er ist. Im Zentrum für die Seinen steht also nicht seine Verkündigung, sondern seine Person. Das bedeutet: im christlichen Glauben geht es weniger um die Glaubensinhalte (so wichtig sie auch sein mögen); es geht vielmehr darum, wie die Seinen, wie wir, wie ich selber zum Herrn stehe; was er für uns, was er für mich bedeutet.

Die Leute haben zwar von Jesus eine sehr hohe Meinung; sie erkennen aber nicht seine einmalige Stellung. Wenn Jesus nur ein Prophet ist, dann ist er einer unter vielen Propheten, die gekommen sind und noch kommen werden. Petrus dagegen bekennt die ganz einmalige Bedeutung Jesu für die Menschen und - so steht es in der Parallele beim Evangelisten Matthäus - sein ganz einmaliges Verhältnis zu Gott: "Du bist der Sohn des lebendigen Gottes!" (Mt. 16, 16) Als der Messias ist Jesus der von Gott gesandte Hirte seines Volkes Israel, der diesem Volk und allen Menschen die Fülle des Lebens schenken wird. Petrus bekennt Jesus also als den Messias, der aufs allerengste mit dem lebendigen Gott verbunden ist.

Beim heiligen Lukas schließt sich an dieses Messias-Bekenntnis des Petrus die Voraussage seines Leidens und Sterbens an: "Der Menschensohn muss vieles erleiden; er wird getötet werden, aber am dritten Tag wird er auferstehen." Jesus konfrontiert seine Jünger mit dem Ende seines Lebensweges - nicht nur an dieser Stelle, sondern mehrere Male. Dreimal geben die Jünger zu verstehen, dass sie mit seinem Leiden und Sterben nichts anfangen können; dass sie damit nichts zu tun haben wollen. Im Matthäus-Evangelium heißt es sogar von Petrus, der eben noch das Messias-Bekenntnis ausgesprochen hat: "Das darf dir nicht widerfahren!" Und Jesus weist den Petrus schroff zurück: "Weg von mir, du Satan! Du bist mir ein Ärgernis; denn du denkst nicht die Gedanken Gottes, sondern die der Menschen." (Mt. 16, 22 f)

Aber Jesus sagt den Seinen nicht nur sein eigenes Leiden und Sterben voraus. Er macht ihnen nicht nur deutlich, dass Leiden und Sterben nicht gegen seine Messias-Würde sprechen. Jesus macht den Seinen (im Text steht: "allen"!) deutlich, dass sein Lebensweg, dass sein Leidensweg für sie Konsequenzen hat; dass Nachfolge des Herrn nur möglich ist in der Bereitschaft, täglich sein Kreuz auf sich zu nehmen. Die Gemeinschaft mit Jesus gibt es nicht über bloße Gesinnungen und innere Stimmungen; sondern nur als Weggemeinschaft. Wer mit Jesus Gemeinschaft haben will, der muss dort sein, wo er ist; der muss dem Weg folgen, den er vor ihm gegangen ist. Dieser Weg mag steil und eng und unbequem sein; er mag harte Anforderungen an die Seinen stellen. Dieser Weg lässt aber das zuteil werden, was allein erfüllend und beglückend ist: die Gemeinschaft mit Jesus. Auf diesem mühseligen Weg ist Jesus bei ihnen; ist er bei uns; auf diesem Weg sind wir bei ihm. Unser Heil besteht darin, dass wir aus der Einsamkeit und Isolierung der Ichsucht und der Selbstbehauptung heraus geholt werden und zur Gemeinschaft Jesu gehören dürfen. Der Egoismus, der Widerstand gegen den Ruf Jesu wirft uns in das Dunkel und in die Kälte der Einsamkeit zurück. Es kommt für uns alles darauf an, dass wir in der Gemeinschaft mit Jesus bleiben; und das können wir nur, wenn wir - im Widerstand gegen unsere Selbstsucht und im Widerstand gegen die Mode und die Meinung der Vielen - auf dem Weg Jesu bleiben.

Es gibt für den Christen, es gibt für den Glaubenden nichts Wichtigeres, als uns immer wieder zu fragen, ob wir auf dem Weg Jesu sind; ob wir seine Weggefährten sind. Das Höchste und das Größte, was Jesus seinen Jüngern zu geben hat, das ist die Jüngerschaft selbst; das ist die personale Gemeinschaft mit ihm; das persönliche Verhältnis zu ihm. Diese personale Gemeinschaft mit Jesus ist nicht auf die irdische Gemeinschaft mit ihm beschränkt. Sie ist auf eine ewige Dauer angelegt. Sie vollendet sich in der Gemeinschaft mit Jesus in der Herrlichkeit des Vaters. Die Weggemeinschaft mit Jesus sollen die Glaubenden hier auf Erden leben. Sie ist stärker als der Tod; auch im Tod sind wir nicht allein. Auf den Jünger, auf uns als Glaubende wartet der Herr. Die irdische Gemeinschaft des Weges geht über in die himmlische Mahlgemeinschaft. Wirkliche Jüngerschaft bedeutet Gemeinschaft mit Jesus für immer.

Es ist etwas Eigentümliches um die Nachfolge des Herrn, um die Jüngerschaft, wie sie uns in dem Verhältnis zwischen Jesus und den Berufenen, den Glaubenden begegnet. Diese Jüngerschaft kann in keiner Weise in Geboten und Vorschriften und Leistungen gefasst werden. Sie sind ja nur das Echo auf etwas viel Tieferes, Wichtigeres. Jüngerschaft und Weggemeinschaft mit Jesus verlangen nämlich unser Herz; verlangen unsere ganze Person. Dann wird uns geschenkt werden die beglückend-selige Gemeinschaft mit Jesus Christus.

 

13. Sonntag: "Nachfolge ohne Bedingungen"

Einführung

Zuweilen kann man hören: Es fiele mir leichter zu glauben, wenn ich diesem Jesus begegnen, wenn ich seine Stimme vernehmen könnte. Nun, im Evangelium heute hören wir Jesus im unverwechselbaren Original-Ton. Und dieser Original-Ton Jesu ist kein sanftes Säuseln; es ist kein "Wischi-Waschi". Da beißen wir auf Granit. Und er spricht glasklare Worte aus über das Gehen mit ihm, über das Stehen zu ihm. Wir wollen uns darum zu Beginn der Eucharistiefeier auf den Herrn und seine Worte besinnen. Wir wollen ihn, der uns in seine Nachfolge ruft, um sein Erbarmen, aber auch um seine Hilfe anrufen!

    Herr Jesus Christus, du sagst einem Mann, der dir nachfolgen will: "Der Menschensohn hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen soll."
    - Herr, erbarme dich!
    Du sagst zu einem Mann, den du zur Nachfolge rufst: "Lass die Toten ihre Toten begraben! Du aber geh und verkünde das Reich Gottes!"
    - Christus, erbarme dich!
    Du sagst zu einem Mann, der dir nachfolgen will: "Keiner, der die Hand an den Pflug gelegt hat und nochmals zurückschaut, taugt für das Reich Gottes."
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Herr Jesus Christus, du bist in diese Welt gekommen zu unserem Heil. Du willst, dass dieses göttliche Heil allen Menschen kund wird und rufst deshalb Menschen in deinen Dienst. Voll Vertrauen kommen wir mit unseren Bitten zu dir:

  • Für die Kirche, die Gemeinschaft der Glaubenden: dass sie unbeirrt deine Frohe Botschaft den Menschen heute verkündet!
  • Für alle, die bereit sind, dir zu folgen: dass sie auf ihrem Weg mit dir nicht müde werden!
  • Für die jungen Menschen, die nach einem Lebensinhalt suchen: dass sie sich deinem Ruf zur Nachfolge nicht verschließen!
  • Für alle, die in der Hektik unserer Tage leben müssen: dass sie mitten in den Sorgen des Alltags nicht das eine Notwendige vergessen!
  • Für unsere verstorbenen Brüder und Schwestern: dass sie im Reich deines Vaters Frieden und Heimat finden für immer!

Herr Jesus Christus, du hast uns in deinen Dienst genommen. Erfülle uns mit Freude für deinen Dienst! Dir sei Lob und Dank in Ewigkeit! Amen.

Predigt

Wir lassen uns nicht gerne festlegen. Immer wollen wir uns alle Möglichkeiten offen halten. Denn wir wissen, dass jede Entscheidung, die wir treffen, Risiken in sich birgt: das Risiko, das Falsche gewählt zu haben. Jede Entscheidung bedeutet zudem einen Verzicht auf andere Wege und Möglichkeiten. Und wir sind froh, wenn wir getroffene Entscheidungen korrigieren, rückgängig machen können. Wir alle haben aber auch eine Neigung zum Ausprobieren, zur Abwechslung. Dieses Schwanken, diese Unentschiedenheit, diese Unklarheit: sie zeigen sich nicht nur in unserem Verhalten zu Dingen und zu Aufgaben, die das alltägliche Leben mit sich bringt; sie zeigen sich auch gegenüber Menschen, gegenüber geliebten Menschen. Wir wissen alle, wie problematisch das sein kann.

Das heutige Evangelium zeigt uns einen Jesus, der in fast schockierender Weise sich festlegt; und der von denen, die ihm folgen wollen, eine klare und unzweideutige Entschiedenheit verlangt - so klar und deutlich, dass uns gleichsam der Atem stockt. Jesus weiß, was ihn in Jerusalem erwartet. Er sieht das, was dort auf ihn zukommt: Leid und Tod! Als die Zeit dafür gekommen ist, bricht er die Brücken zu seiner eigentlichen Heimat Galiläa ab; er legt sich auf den Weg nach Jerusalem fest. Es heißt eigentlich wörtlich: "Er richtete seinen Blick fest auf Jerusalem." Jesus geht also unbeirrt seinem Geschick entgegen. Und er lässt sich auch nicht von seinem einmal eingeschlagenen Weg abbringen durch die Ablehnung, ja die Feindseligkeit, mit der man ihm unterwegs begegnet. Er verweist den deshalb aufgebrachten Jüngern ihre Rachegedanken: "Sollen wir befehlen, dass Feuer vom Himmel fällt und sie vernichtet?" Die eigene Entschiedenheit und Entschlossenheit darf sich nicht in Gewalttätigkeiten gegen andere ausdrücken.

Auf diesem seinem Weg nach Jerusalem, auf dem Jesus mit aller Entschlossenheit seinem Geschick entgegen geht, nennt er Bedingungen für den, der ihm auf seinem Weg folgen will. Zwei kommen von sich aus zu Jesus und sagen, dass sie mit ihm gehen möchten. Offensichtlich sind sie von Jesus dermaßen angetan, ja fasziniert, dass sie den Wunsch äußern, mit ihm verbunden zu sein. Ein dritter wird von Jesus angesprochen und zur Nachfolge gerufen. In allen drei Fällen erfahren wir nicht, ob sich die drei Männer tatsächlich Jesus angeschlossen haben. Wir erfahren nur, welche Umstände, welche Bedingungen für die Nachfolge Jesu gelten.

Der erste drückt seine unbeschränkte Bereitschaft aus: "Ich will dir folgen, wohin du auch gehst." Die Antwort Jesu lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Sie stellt klar, womit er in seiner Gefolgschaft rechnen muss. Jesu Weg ist gekennzeichnet durch Armut, durch unvorhergesehene Gegebenheiten. Jesus kann nicht Sicherheit und Annehmlichkeiten bieten. Er besitzt kein Haus. Er ist aber auch nicht an dergleichen gebunden und damit belastet. So ist er frei für seinen Weg und für seine Aufgabe. An diesen Weg und an diese Aufgabe weiß er sich gebunden; dafür hält er sich frei. Dass er kein sicheres Haus hat, hat er eben noch auf seinem Weg erfahren; er ist darauf angewiesen, von anderen aufgenommen zu werden. Er hat auf die Vorteile eines festen Ortes verzichtet. Seine Aufgabe, seine Sendung ist für ihn der feste Punkt. Den gleichen Verzicht, die gleiche Freiheit und die gleiche Bindung verlangt er darum von dem, der ihm folgen will.

Die beiden anderen Männer nennen Bedingungen für den Fall der Nachfolge: "Lass mich zuerst heimgehen und meinen Vater begraben!" - Lass mich zuerst von meiner Familie Abschied nehmen!" Jesus geht auf die gestellten Bedingungen nicht ein, in denen auf die Familie Rücksicht genommen wird. Seine Worte klingen in der Tat sehr hart. Sie bringen mit großer Schärfe zum Ausdruck, dass Jesus nur eine bedingungslose Nachfolge akzeptieren kann. Wer ihm folgen, wer sich ihm anschließen will, der muss sich ganz, gleichsam mit Haut und Haaren für ihn entscheiden; der muss sich auf ihn festlegen; der darf keine halben Sachen machen; der darf keine Bedingungen stellen. Nur in dieser Entschiedenheit und Klarheit ist er geeignet, mit Jesus zu gehen und mit ihm der Verkündigung des Reiches Gottes zu dienen. Damit wird aber auch deutlich: die Nachfolge des Herrn bringt immer und grundsätzlich Härten mit sich. Übrigens sollte man nicht verdrängen und ignorieren, dass es auch sonst im Leben diese Härten gibt. Immer, wo der Mensch eine Bindung eingeht (z. B. in der Ehe), da müssen die ursprünglichen Bindungen an geliebte Menschen, an Eltern und Familie ein Stück zurücktreten.

Diese Härte ist unvermeidlich, wenn eine so feste und entschiedene Bindung eingegangen wird wie das Gehen mit Jesus. Seine Forderungen, seine "Bedingungen" sind deshalb auch keine Rücksichtslosigkeit und Lieblosigkeit gegenüber der eigenen Familie. Das Gehen mit ihm bringt aber einen tiefen Einschnitt mit sich. Die Beziehungen, in denen man bisher gelebt hat, können nicht mehr in der gleichen Weise weitergeführt werden. Das Augenmerk, der Blick darf nicht mehr nach rückwärts gerichtet sein. Die Aufmerksamkeit muss nach vorn gerichtet sein auf ihn, auf Jesus; und auf alles, was die Bindung an ihn mit sich bringt, auch wenn nicht überschaut werden kann, was diese Bindung an unübersehbaren Folgen bringt. Das bedeutet, dass die Bindung an Jesus nicht nur in Bezug auf die Güter des Lebens, sondern auch im Bereich der menschlichen Beziehungen manch schmerzlichen Verzicht mit sich bringt. Aber immer muss klar gesehen werden, um was es geht; um wen es geht. Die entscheidende Größe ist Jesus Christus, ist der Dienst für ihn. Es geht nie um den Verzicht um des Verzichtes willen. Das ist unchristlich; das wäre in der Tat Rücksichtslosigkeit, das wäre lieblos. Es geht immer um den Herrn.

Jeder Christ ist auf seine Weise gerufen, Jesus auf seinem Weg zu begleiten. Auf diesem Weg - wie könnte es anders sein - werden schwierige Passagen zu bewältigen sein; werden uns Härten begegnen; werden Verzichte von uns gefordert - wie auch sonst im menschlichen Leben. Diese Verzichte werden erträglich, werden nur erträglich, wenn wir den, der uns auf diesen Weg ruft, aus ganzem Herzen lieben. Nur die Liebe nimmt dem Schweren das Drückende. Jesu Ruf in die Nachfolge ist also im eigentlichen Sinn die Frage nach unserer Liebe zu ihm. Können wir mit Petrus sagen: "Ja, Herr, du weißt doch, dass ich dich gern habe, dass ich dich liebe!" Darauf kommt es an - auch heute noch; gerade heute!

 

14. Sonntag: "Jesus - unser Wegweiser"

Einführung

Das Thema des heutigen Sonntags ist die Aussendung von 72 Jüngern in die Städte und Orte, in die Jesus auf seinem Weg nach Jerusalem, auf seinem Weg zum Leiden und Sterben gehen wollte. "Die Ernte ist groß; aber es gibt nur wenig Arbeiter!" Die Zahl 72 weist darauf hin, dass Jesus sich zu allen Völkern gesandt weiß. Die Jünger, diejenigen, die ihm nachfolgen, die an ihn glauben, sollen Jesu Sendung weitertragen; sie sollen seine Frohbotschaft verkünden und Zeichen wirken, die nicht übersehen werden können. Das ist die Frage an uns, die wir Glaubende sein wollen: Tragen wir Jesu Sendung weiter? Verkünden wir seine Frohe Botschaft? Wirken wir die Zeichen der Liebe und des Erbarmens mit aller Not? Besinnen wir uns, und erbitten wir uns die Kraft, der Sendung des Herrn nachzukommen.

    Herr Jesus Christus, du sagst zu deinen Jüngern: "Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter."
    - Herr, erbarme dich!
    Du sagst zu deinen Jüngern: "Ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe."
    - Christus, erbarme dich!
    Du sagst zu deinen Jüngern: "Sagt den Leuten: Das Reich Gottes ist euch nahe."
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Lasst uns voll Vertrauen beten zu unserem Herrn Jesus Christus, der seine Jünger als Boten in die Welt gesandt hat und uns auffordert, um Arbeiter für seine Ernte zu beten!

  • Für die Kirche, die Gemeinschaft der Glaubenden: dass sie deinen Auftrag, die Frohe Botschaft zu verkünden, ernst nimmt!
  • Für unsere Missionare in aller Welt: dass sie Mut und Ausdauer haben, damit deine Liebe und dein Erbarmen mit aller Not sichtbar wird!
  • Für unsere Mitchristen, die wegen ihres Glaubens verfolgt werden: dass sie in ihrem Glauben nicht irre werden!
  • Für die Vielen, die dich noch nicht kennen: dass ihnen in uns Christen glaubwürdige Zeugen deiner Liebe begegnen!

Herr Jesus Christus, du hast uns in deine Nachfolge gerufen. Dafür danken wir dir heute und alle Tage unseres Lebens. Amen.

Predigt

Das heutige Evangelium von der Aussendung der 72 Jünger und ihrer Rückkehr ist - auf den ersten Blick - schockierend und tröstlich zugleich. Befremdlich, ja schockierend erscheint uns, dass Jesus seine Jünger gleichsam ins kalte Wasser stößt, damit sie schwimmen lernen; d. h. damit sie lernen, die Frohbotschaft zu verkünden. Erst recht klingt Jesu Ankündigung an diejenigen hart und brutal, die er mit den Worten aussendet: "Seht, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe." Das sind ja nicht gerade rosige und ermutigende Aussichten für die Diener Jesu, für die Verkünder des Wortes Gottes. Das klingt jedenfalls nicht nach einer notwendigen Aufmunterung; das ist eher demoralisierend; das ist eher abschreckend: Lass die Finger von einer solchen Aufgabe! Die Härte dieser Ankündigung Jesu wird auch nicht gemildert durch die Freude der Jünger bei ihrer Rückkehr und durch die Verheißung und Versicherung des Herrn, dass ihre Namen im Himmel verzeichnet sind.

Nun, Jesus ist nicht ein herzloser, ein brutaler Erzieher nach dem bekannten Motto: "Gelobt sei, was hart macht!" Wenige Verse vor dem Abschnitt, den wir eben gehört haben, schreibt der Evangelist Lukas: "Da sich die Zeit seiner Hinwegnahme zu erfüllen begann, wandte er entschlossen sein Angesicht gen Jerusalem." (Lk. 9, 51) Und es ist klar, was damit gemeint ist: in Jerusalem erwartet Jesus die Passion, der Tod am Kreuz. Jesus geht bewusst diesen Weg zum Leiden und Sterben in Jerusalem. Er geht diesen Weg wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird. Er geht nach Jerusalem im klaren Wissen um sein Leiden und Sterben. Und er geht einen Weg, für den er die Jünger, die an ihn glauben, vorbereiten will.

Denn das sollen diejenigen, die seine Jünger sein wollen, wissen: Wer sich ihm, wer sich diesem Jesus anschließt, der begibt sich in die Gemeinschaft eines Ausgestoßenen, eines Gemiedenen, eines Kreuztragenden. An diesem, an seinem Weg sollen auch sie, sollen die Jünger teilhaben. Das bedeutet aber auch: sie sind auf diesem Weg, den auch sie zu gehen haben, nicht allein gelassen. Er geht mit ihnen. Er trägt ihr Los. Oder besser: sie dürfen teilhaben am Geschick ihres Meisters und Herrn. Er geht ihnen voraus. Er ist der Wegweiser; er ist der Wegbegleiter der Seinen auch in Leid und Kreuz, in Schmerz und Tod. Und auch wir, die wir heute, die wir in unserer Zeit dem Herrn folgen wollen (das will uns das Evangelium sagen), sind auf seinem Weg nicht allein gelassen. Wir sind nicht einfach ins kalte Wasser gestoßen: Nun seht mal zu, dass ihr nicht untergeht! Jesus mutet uns nicht mehr zu, als was Gott ihm zugemutet hat. Jesus ist mit den Seinen, er ist mit uns solidarisch in Leid und Kreuz und Tod. Wir müssen nicht ganz allein damit fertig werden.

Jesu Wort: "Seht, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe" will uns noch etwas deutlich machen. Und das nicht nur in Bezug auf unsere persönliche Situation als Christen. Jesu Worte richten sich auch an die Gemeinschaft derer, die an ihn glauben; die an ihn glauben werden. Jesu Worte richten sich also an die Kirche. Sie weisen darauf hin, dass die Kirche in einer bestimmten Weise "wehrlos" sein muss - wie Schafen gegenüber Wölfen keine Gegenwehr möglich ist. Die Stärke der Kirche als der Gemeinschaft der Glaubenden kann nicht darin bestehen, dass sie sich um eine starke, um eine abgesicherte, um eine unangreifbare Position in der Gesellschaft bemüht; dass sie durch Verträge und juristische Bestimmungen vor Angriffen geschützt ist; dass ihr viele materielle Mittel zur Verfügung stehen. Je mehr die Kirche so unter rein menschlichem Schutz steht, je mehr sie sich durch äußeren Machtgewinn und durch Besitz absichert, um so schwächer, um so belangloser, um so ohnmächtiger wird sie in Wirklichkeit. Erleben wir das nicht heute in unserem Land? Die wahre Stärke der Kirche als der Gemeinschaft der Glaubenden besteht letztlich in ihrer Bindung an den Herrn, in ihrem Vertrauen auf den Herrn, auf den Guten Hirten; die wahre Stärke der Kirche besteht im Glauben an den, der sie gerufen und gesandt hat.

Ich sprach vorhin davon, dass wir in Jesus Christus den Wegbegleiter, den Wegweiser gefunden haben; dass wir in ihm nicht nur einen herzlosen Erzieher vor uns haben. Er ist aber auch in keiner Weise einer von diesen starren Wegweisern aus Holz oder Metall oder Stein, die an unseren Wegen und Straßen stehen und uns nur eine Mitteilung machen, wo es lang geht: Nun lauft mal schön in diese Richtung! Wonach wir uns alle sehnen, das haben wir in Jesus Christus gefunden: einen lebendigen "Wegweiser"; einen, der "mit-geht" und der uns "mit-nimmt"; einen, der uns "führt" und zum Ziel des Weges geleitet und begleitet. Diesen Dienst des "Weg-Weisers" hat Jesus uns erwiesen. Aber damit ist es nicht getan. Jesus ruft uns auf, nun selber anderen "Weg-Weiser" zu werden. Weil wir in ihm den "Weg-Weiser" gefunden haben, nehmen wir seinen Ruf auf, andere an die Hand zu nehmen und zu begleiten auf dem Weg zu ihm. Weil wir von ihm gehalten sind, können wir anderen Halt geben. Weil er uns nicht fallen lässt, deshalb dürfen auch wir niemand fallen und versinken lassen.

Vom heutigen Evangelium sollten wir die Gewissheit in unseren Alltag mit nehmen: Er, unser Herr, lässt uns nicht allein. Er geht mit uns, weil er uns liebt. Er lässt uns in Kreuz und Leid, in Schmerz und Tod nicht allein. Dafür können wir ihm immer nur danken. Diesen Dank sollen wir ihm abstatten, indem wir uns in Dienst nehmen lassen; senden lassen zu den Mühseligen und Beladenen heute. Bei diesem Dienst kommt es nicht in erster Linie an auf die menschlichen Mittel; auf die Absicherungen, die wir in der Gesellschaft erreichen. Bei diesem Dienst kommt es an auf unser Vertrauen auf den Herrn, den Guten Hirten, ohne den wir nichts vermögen; und der uns alle auf dem Weg zu unserem ewigen Ziel begleitet.

 

15. Sonntag: "Wer ist mein Nächster?"

Einführung

"Auch ich hätte dich geliebt, wenn du damit begonnen hättest!" Dieser Satz steht in einem der Dramen von Jean-Paul Sartre. Unser Herr Jesus Christus hat uns das Beispiel dafür gegeben, dass einer mit der Liebe begonnen hat: Er hat uns geliebt und sich für uns hingegeben. Und er hat diese Liebe uns aufgetragen. Das sagt uns sein Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Es ist eine Liebe, ein Dienst, ein Einstehen für den Mitmenschen ohne Grenzen, ohne Ansehen der Person. Diese Liebe gilt dem, der unserer Hilfe bedarf. Haben wir ein Auge für die Not um uns herum? Haben wir ein Herz für die, die unserer Hilfe bedürfen? Besinnen wir uns! Und erbitten wir uns sehende Augen und offene Herzen!

    Herr Jesus Christus, wir hören dein Wort: "Deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst!"
    - Herr, erbarme dich!
    Du zeigst uns im Gleichnis vom barmherzigen Samariter, wer unser Nächster ist
    - Christus, erbarme dich!
    Du mahnst uns, die Barmherzigkeit zu üben, die du uns erwiesen hast
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Voll Vertrauen beten wir zu Jesus Christus, der uns gelehrt hat, dass wir uns jedes Menschen annehmen sollen, der unserer Hilfe bedarf. Er hat uns diese Liebe vorgelebt. Darum bitten wir:

  • Für die Kirche, die Gemeinschaft der Glaubenden: dass die Armen und Wehrlosen, die Kranken und Leidenden in ihr Heimat und Hilfe finden!
  • Für die Menschen, die in Krankenhäusern und Heimen Dienst tun: dass sie die ihnen Anvertrauten nicht nur versorgen, sondern ihnen mit Liebe und Respekt begegnen!
  • Für die Verantwortlichen in Staat und Gesellschaft: dass sie Raum schaffen für die Fremden und Ausgestoßenen, für die Verlassenen und Heimatlosen!
  • Für die Kranken und Sterbenden: dass sie nicht sich selbst überlassen sind, sondern Menschen haben, die sie in ihrer Not begleiten!

Herr Jesus Christus, du hast uns gezeigt, dass du allen geholfen hast, die der Hilfe bedurften; dass du ein Herz hattest für alle menschliche Not. Dafür danken wir dir heute und alle Tage. Amen.

Predigt

Nachfolge Jesu hat ihr wichtigstes Kennzeichen in der Liebe. Ihr Vorbild ist der dienende Herr, der unser aller Bruder geworden ist. Diese Liebe kann in der Stille schenken, ohne in die Trompete zu stoßen. Es ist eine Liebe ohne Grenzen, ohne Ansehen der Person. So schildert sie uns das Gleichnis vom barmherzigen Samariter.

Zweifellos hat Jesus diesen zentralen Gedanken der Liebe ohne Grenzen öfters ausgesprochen. Der Schriftgelehrte greift darum auch nur eine Grundlehre Jesu auf. Von daher wird auch verständlich, warum er sich "rechtfertigen" will. Er will es rechtfertigen, dass er Jesus gefragt hat, obwohl er doch dessen Ansicht in diesem Punkt kennt. Und wenn Jesus ihn auf das Tun als den Weg des Lebens verweist, so bedeutet dieser Rat für ihn: alles theoretische, alles theologische Wissen hilft ihm nichts, wenn die Liebe zu Gott und zum "Gefährten", zum "Bruder", nicht seine gesamte Lebensführung bestimmt.

Die Gegenfrage, was denn die Schrift und Jesus mit "Gefährte" eigentlich meinen, war deswegen durchaus berechtigt, weil die Antwort auf diese Frage umstritten war. So herrschte unter den Schriftgelehrten zwar Einigkeit darüber, dass der Volksgenosse mit Einschluss der Proselyten gemeint sei (also nicht die Volksfremden). Doch war man sich uneinig bezüglich der Ausnahmen. Die Pharisäer neigten dazu, die Nicht-Pharisäer auszuschließen. Die Essener forderten, dass man "alle Söhne der Finsternis" hassen solle. Ein rabbinische Äußerung lehrte, dass man Häretiker, Abtrünnige und Denunzianten "in eine Grube hineinstößt und nicht heraufzieht". Und eine verbreitete Meinung nahm den persönlichen Gegner vom Liebesgebot aus (vgl. Matth. 5, 43). Jesus wird also nicht gebeten, den Begriff "Gefährte" genauer zu definieren; er soll vielmehr sagen, wo er innerhalb der Volksgemeinschaft die Grenzen der Liebes-Pflicht zieht.

Die Geschichte, mit der Jesus dem Schriftgelehrten antwortet, wird wohl an eine tatsächliche Begebenheit anknüpfen. Priester und Levit werden von Jesus als herzlos und feige hingestellt. Sie lassen den Überfallenen in seinem Unglück und in seiner Not allein. Vielleicht haben sie sich für ihr liebloses Verhalten sogar auf Vorschriften berufen können, die dem Priester untersagten, sich an einem "Toten am Wege" zu verunreinigen. Innerhalb der Geschichte, die Jesus erzählt, erwarten die Hörer jetzt einen Dritten, und zwar - nach dem Priester und dem Leviten, die versagt haben - einen israelitischen Laien. Sie vermuten also (aufgrund von ähnlichen Erzählungen), dass das Gleichnis eine antiklerikale Spitze haben werde. Es kommt daher für sie völlig unerwartet, ja schockierend, dass der Dritte, der das Liebesgebot erfüllt, ausgerechnet ein Samariter ist; zwischen den Juden und den Samaritern bestand nämlich ein unversöhnlicher gegenseitiger Hass. An der Gestalt des Samariters im Gleichnis wird also deutlich, dass Jesus absichtlich dieses extreme Beispiel gewählt hat. Am Versagen der Diener Gottes und an der Selbstlosigkeit des verhassten Mischlings sollen die Hörer ermessen, wie unbedingt und grenzenlos das Liebesgebot ist.

Damit ist auch die eigentliche Lehre des Gleichnisses ausgesprochen. "Gefährte", so sagt Jesus, soll dir gewiss zunächst der Volksgenosse sein; aber nicht nur er, sondern jeder, der deiner Hilfe bedarf. Das Beispiel des verhassten Mischlings soll dir zeigen, dass dir kein Mensch so fern steht, dass du nicht bereit sein solltest, jederzeit für diesen Menschen, für deinen "Nächsten", wenn er in Not ist, dein Leben einzusetzen. Jesu Gleichnisse sind nie abstrakt. Sie sind aus dem konkreten Leben genommen. Sie sollen die Zuhörer anleiten, in ihr eigenes Leben zu schauen. Sie können aber auch uns dazu bringen, ähnliche Situationen unseres Lebens zu erkennen und zu bestehen. Ich bin davon überzeugt, dass uns das Gleichnis vom barmherzigen Samariter zu einer Gewissens-Erforschung hinführen könnte. Die "Fragen" dieses Gleichnisses zielen nämlich mitten in unser Herz hinein. Denn benehmen wir uns nicht oft genauso wie die "Räuber" im Gleichnis gegen unsere Mitmenschen, gegen unsere Brüder und Schwestern? Gewiss, wir haben wohl noch niemand "zusammengeschlagen" oder "ausgeraubt". Aber haben wir uns nicht schon oft damit gebrüstet, einen anderen "fertig", mundtot gemacht zu haben? Haben wir nicht alle schon einen anderen Menschen unfair behandelt, mit einem lieblosen Etikett versehen und gebrandmarkt, unmöglich gemacht? Wem haben wir vielleicht seinen guten Namen geraubt?

Vielleicht haben wir uns noch nie als "Räuber" betätigt. Aber die Rolle des Priesters und des Leviten ist uns doch oft auf den Leib zugeschnitten. Ausreden zu finden, werden wir doch nie verlegen. Dem anderen klar zu machen, dass er unklug gehandelt habe und selber daran schuld sei, ins Unglück gerannt zu sein, in dieser "Technik" haben wir es doch alle weit gebracht. Und gerade dadurch werden wir gegenüber dem Mitmenschen "schuldig". Denn wie viele, die mit ihrer Last uns begegnet sind, haben wir in ihrer leiblichen und seelischen Not allein gelassen. Wir haben uns nicht der Not der anderen gestellt. Wir haben uns nämlich nicht neben sie, sondern über sie gestellt; wir haben sie aber dadurch noch tiefer in ihre Not hinein gestoßen.

Das Gleichnis Jesu kann uns also aufmerksam machen auf unsere bleibende Schuld, auf unsere bleibende Verpflichtung: das Liebesgebot ohne Einschränkung zu erfüllen. Die Liebe zu den Mitmenschen muss erfinderisch sein; denn man kann nicht trösten nach einem bestimmten Schema und nach bestimmten Rezepten. Alles ist nur einmal. Und nur dann fühlen sich die Menschen geliebt und erfasst, wenn sie als einzelne und einzige gesehen werden, wenn sie nicht als "Fall" betrachtet werden. Aus ihm heraus, wie er ist, muss die Hilfe gebracht und das tröstende Wort gefunden werden. Wir dürfen nie fragen: Wo ist die Grenze unserer Pflicht zu helfen? Sondern wir haben zu fragen: Wer erwartet und wer braucht von mir Hilfe? Wenn wir uns diesen Fragen stellen, wenn wir ihnen nicht ausweichen, dann verwirklichen wir in unserem Leben die "Brüderlichkeit", die das Kennzeichen der Jünger Jesu ist und sein soll. Wir brauchen auch nicht "in die Ferne zu schweifen", auf die Suche nach den Armen zu gehen. Der "Nächste", der unserer Hilfe bedarf, liegt bei uns auf der Straße; wir stolpern gleichsam über ihn. Selig sind wir, wenn wir dann zur Hilfe bereit sind.

 

16. Sonntag: "Das eine Notwendige"

Einführung

Was ist das Wichtigste im Leben? Welchen Platz nimmt in unserem Leben Gott ein? Das ist das Thema der beiden Lesungen: von der Begegnung Abrahams mit Gott, von der Begegnung der Schwestern Martha und Maria mit Jesus. Für Abraham ist Gott der, dem er sich anvertraut hat; dem er vertraut. Maria setzt sich Jesus zu Füßen und hört seinen Worten zu; sie öffnet sich dem Herrn und seinem Wort. Das ist das Wichtigste: ein offenes Herz zu haben für den Herrn; ihm sich anzuvertrauen; ihn zu lieben. Besinnen wir uns zu Beginn dieser Eucharistiefeier! Erbitten wir uns diese Liebe und dieses Vertrauen!

    Herr Jesus Christus, in Bethanien hast du gastliche Aufnahme gefunden
    - Herr, erbarme dich!
    Du hast dich den Schwestern Martha und Maria offenbart als Gottes Wort
    - Christus, erbarme dich!
    Du willst, dass auch wir uns auf das eine Notwendige besinnen
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Voll Vertrauen wenden wir uns mit unseren Bitten an unseren Herrn Jesus Christus, der unter uns Menschen gewohnt und uns in seine Nähe gerufen hat:

  • Ermutige uns, immer wieder deine Nähe zu suchen und deine Botschaft zu vernehmen!
  • Lass uns erkennen, dass du allein unserem Leben einen Sinn und eine Mitte geben kannst!
  • Hilf uns, damit unser Glaube an dich und unsere Liebe zu dir nicht in den Sorgen des Alltags untergehen!
  • Lass die Suchenden und Fragenden Annahme und Heimat finden in der Gemeinschaft der Glaubenden!
  • Schenke unseren Verstorbenen Frieden und Geborgenheit im Reich deines Vaters!

Herr Jesus Christus, in deiner Nähe ist Platz für alle Menschen, ist Platz auch für uns, die wir an dich glauben. Dir sei Dank und Lobpreis in Ewigkeit! Amen.

Predigt

Das Evangelium von den beiden Schwestern Martha und Maria macht uns irgendwie ratlos, betroffen. Denn wird in dieser Begebenheit nicht das Tun, der Einsatz abgewertet, ja für überflüssig erklärt? Auf uns heute angewandt: Wird da nicht die Aktivität, unser Einsatz für die Gerechtigkeit in der Welt, für die Unterdrückten und für die vielen Armen entwertet, als ein überflüssiges Sandkastenspiel hingestellt? Werden wir nicht aufgefordert, unsere Hände in den Schoß zu legen, in der Kirche zu sitzen und zu beten - während in der bösen Welt Menschen vor Hunger umkommen, unterdrückt, ausgebeutet und umgebracht werden?

Wenn wir uns die Geschichte im Evangelium, die wir eben gehört haben, näher anschauen, dann haben wir zunächst eines zur Kenntnis zu nehmen. Derjenige, der da spricht ("Maria hat das Bessere gewählt - nur dieses ist notwendig!"), ist Jesus Christus, der Sohn Gottes, also der lebendige Gott selber. Und auf ihn zu hören, in seine Schule zu gehen, das ist in der Tat das Bessere, das Wichtigere, das eine Notwendige, das "Not-Wendende". Wenn das, was er uns zu sagen hat, nicht beachtet wird; ja, wenn er nicht beachtet und gesehen wird, wenn er vergessen wird, dann ist die eigentliche Not in dieser Welt nicht zu beheben; dann ist uns nicht mehr zu helfen. Dann hilft uns auch alles Abstrampeln und alle Aktivität nicht mehr. Wenn der Herr zu einer Nebensache erklärt wird, wenn er bedeutungslos, wenn er eine Null wird, dann müssen wir uns möglichst bald nach einem entsprechenden Ersatz umsehen. Dann bleibt letztlich für uns nur die Devise übrig: "Lasst uns essen trinken, denn morgen sind wir tot." Dann bleibt uns nur die Besorgung der irdischen Wohlfahrt übrig; dass wir uns auf dieser Erde so wohnlich wie möglich einrichten.

Sehen wir heute nicht in aller Deutlichkeit, wie Gott immer mehr zu einer Nebensache, bedeutungslos, eine Null wird? Und wohin hat uns dieses Denken, dass es auch ohne Gott geht, alles sei letztlich vom Menschen machbar und leistbar, alles komme auf das eigene Tun an, geführt? Wir sind hingekommen, wir sind - drastischer ausgedrückt - verkommen zu reinen Diesseits-Menschen, zu Materialisten, die nur noch die irdische Wohlfahrt kennen. Sagen wir nicht, das träfe für uns, die wir Christen sind, nicht zu; wir Christen seien doch nicht die Betreiber der irdischen Wohlfahrt, des irdischen Wohlergehens. Ist nicht auch für uns Christen hierzulande der Mammon an die Stelle Gottes getreten, auch in der Kirche? Ist nicht z. B. der Missionsgedanke zu reiner Not- und Entwicklungshilfe geworden?

Das ist in der Tat so, obwohl wir alle immer deutlicher erkennen, wie genau das, was wir nur noch im Sinn haben, der Wohlstand, der Reichtum, unser persönliches Wohlergehen, in vielfacher Hinsicht bedroht, brüchig geworden ist; und wie alles Abstrampeln und alle Aktivität uns nur noch mehr in den Abgrund zieht, in den Strudel des Verderbens hinunterzieht. Ich nenne nur einige Stichworte: die Unterdrückungen und Kriege in der Welt, die drohende Zerstörung der Umwelt, die mögliche atomare Katastrophe, die vielen kleinen Lebens-Katastrophen, die jeden von uns treffen können. In der Tat, wer auf diese irdische Welt, wer auf das irdische Wohlergehen, wer auf das Paradies auf Erden setzt, der muss heute mehr denn je in Angst leben; der muss Angst haben, dass ihm alles genommen wird; dem wird alles genommen, worauf er sein Leben gegründet hat. Jede Katastrophe (die Zeitungen und das Fernsehen sind ja täglich voll davon!) ist gleichsam die Flammenschrift an der Wand (von der im Buch Daniel die Rede ist): "Mene - Tekel - Upharsin = gezählt, gewogen, geteilt!" Gezählt sind in der Tat unsere Tage. Wir sind zu leicht befunden worden. Genommen wird uns alles werden, wenn wir allein auf das Welthafte setzen; wenn wir den Wohlstand und das Wohlergehen zu unserem Lebenssinn machen; wenn wir zu Materialisten degenerieren; wenn wir uns nicht wieder auf das eine Notwendige, auf den allein "not-wendenden" Herrn, auf Jesus Christus besinnen, auf ihn unser Leben gründen.

Wir haben uns zu fragen, auch wir Christen: Erwarten wir von ihm das Heil, unser Heil - oder erwarten wir das Heil von uns selbst, von unserem eigenen Tun und Leisten? Leben wir von eigenen Gnaden oder leben wir von Gottes Gnaden, von seiner Liebe und von seinem Erbarmen? Wollen wir uns an den eigenen Haaren aus der Dunkelheit, aus dem Dreck dieser Zeit und dieser Welt herausziehen? Oder halten wir uns an Gott fest, an Jesus Christus? Ist er der Halt und der Sinn und der Inhalt unseres Lebens, unseres Denkens und Handelns? Können wir wie Petrus sagen: "Du allein hast doch Worte ewigen Lebens! Zu wem sonst können wir denn gehen?" Das Paradies ist nicht auf dieser Erde zu haben. Und selbst wenn diese Erde zu einem Schlaraffenland würde, so bliebe immer noch die Frage nach dem Sinn eines solchen Lebens; es bliebe die Frage nach dem Sinn des Todes lebendig. Die das Paradies auf Erden herbeiführen wollten, haben allemal nur Blut und Tränen gebracht, Trümmer und Ruinen produziert.

Nehmen wir dies wieder aus dem heutigen Evangelium nach Hause in unseren Alltag mit: Wir sollen und wollen Gott ernst nehmen als den allein notwendigen Halt. Er allein kann der Sinn und der Grund unseres Lebens sein. Wenn das der Fall ist, dann brauchen wir selber keine Angst zu haben, wenn Katastrophen über uns hereinbrechen. Dann brauchen wir diese Welt, ja nicht einmal die irdische Wohlfahrt schlecht zu machen, zu verteufeln. Sie verlieren jedoch ihren gebieterischen Anspruch. Sie sind nicht, sie sind nicht mehr die Hauptsache in unserem Leben; sie sind für uns nicht Gott. Wenn wir vom Herrn her denken, der uns Gott offenbart und nahe gebracht hat, wenn wir unser Leben auf ihn gründen, dann werden wir nicht zu Götzendienern; dann werden wir nicht zu Sklaven des Wohlstands.

Ich möchte schließen mit zwei Sätzen des großen französischen Christen und Priesters Charles de Foucauld: "Sobald ich erkannt hatte, dass es Gott gibt, war mir klar, dass ich nicht anders konnte als ihm dienen." Und das andere Wort: "Dieu premier servi - Gott wird zuerst bedient!" Bitten wir den Herrn, um dessen Altar wir versammelt sind, dass uns dies mehr und mehr gelingt - so wie dies bei Maria, der Frau im heutigen Evangelium der Fall gewesen ist.

 

17. Sonntag: "Glauben und Beten"

Einführung

Einen Freund finden kann nur der, der imstande ist, ein Freund zu sein - bereit, sich einzusetzen, ja sich zu verschenken; Vertrauen zu schenken und Vertrauen zu erhalten. Der Freund darf um alles bitten; und er ist da, wenn der Freund ihn braucht. Gott ist der Heilige, der ganz Andere, der Herr. Er ist aber auch unser liebender Vater; er ist auch unser Freund, der einzige schließlich. Er ist für uns da. Er ist bereit, sich für uns einzusetzen, sich uns zu schenken. Sind auch wir dazu bereit, ihm zu vertrauen, uns ihm anheim zu geben? Sein Sohn Jesus Christus ermutigt uns zu diesem Vertrauen. Darum rufen wir zu ihm:

    Herr Jesus Christus, du hast deine Jünger und uns gelehrt, zu unserem Vater im Himmel zu beten
    - Herr, erbarme dich!
    Du forderst uns auf, voll Vertrauen deinen und unseren Vater in unseren Nöten um Hilfe zu bitten
    - Christus, erbarme dich!
    Du verheißt uns, dass dein Vater uns seinen Heiligen Geists geben will
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Herr Jesus Christus, du hast zu deinen Jüngern gesagt: "Bittet, dann wird euch gegeben! Sucht, dann werdet ihr finden! Klopft an, dann wird euch geöffnet!" Darum kommen wir voll Vertrauen mit unseren Bitten zu dir:

  • Für die Kirche, die Gemeinschaft der Glaubenden: dass sie sich bewusst bleibt, nur in der Bindung an dich bestehen zu können!
  • Für alle, die deinen Namen tragen: dass sie im Gebet die Kraft finden, für dich Zeugnis zu geben!
  • Für alle, die mit Schuld beladen sind und keinen Ausweg wissen: dass sie bei dir Vergebung und Hoffnung finden!
  • Für alle, die niemand beten lehrte oder die das Beten aufgegeben haben: dass sie die Kraft, die aus dem Gebet kommt, entdecken und erfahren!
  • Für unsere Verstorbenen: dass sie Frieden und Heimat finden im Reich deines Vaters!

Herr Jesus Christus, du hattest ein Ohr für die Menschen, für ihre Anliegen und Nöte. Du hast auch für uns ein offenes Herz. Dafür danken wir dir heute und alle Tage. Amen.

Predigt

Das heutige Evangelium drängt dazu, über ein Thema zu sprechen, von dem ich meine, es sei heute besonders wichtig. Ich möchte über das Gebet sprechen, über das mündliche Gebet. Es ist sicher nichts Neues, sondern etwas Bekanntes, etwas längst Vertrautes - ich hoffe es sogar! Ich lasse vieles außer Betracht. Ich will nur einiges ansprechen, von dem ich allerdings überzeugt bin: es ist wichtig; es ist hilfreich; es ist notwendig. Und zwar aus diesem Grund "notwendig": als Christen glauben kann ich nur betenderweise. Glauben ohne Beten geht nicht. Der Glaubende "muss" beten, will er nicht seinen Glauben verlieren, verleugnen; nur im Sprechen mit Gott überlebt unser Glaube.

Oft kann man Äußerungen hören, die vor allem das mündliche Beten, die Übernahme fester Gebetstexte abwerten; das als eine mindere Form des Betens ansehen oder gar als wertlos hinstellen. Ein Blick auf Jesus kann uns zeigen (und das heutige Evangelium macht das in besonderer Weise deutlich), dass das mündliche Beten, dass vor allem das Bittgebet nicht nur gerade noch erlaubt, sondern sogar sehr erwünscht ist. Zahllos sind Jesu Aufforderungen, Gott um etwas zu bitten. Und er schenkt seinen Jüngern und uns das "Vaterunser" und macht damit die Sinnhaftigkeit insbesondere des Bittgebetes deutlich. Natürlich gibt es beim mündlichen Beten, bei der Übernahme fester Gebetstexte die Gefahr der Gedankenlosigkeit; dass wir plappern wie die Heiden. Natürlich gibt es die Gefahr eines magischen Verständnisses des Betens: dass wir meinen, Gott gleichsam in Zuzwang bringen zu können durch unsere Bitten. Gott kommt nicht in Zugzwang; und wir brauchen ihn auch nicht an etwas zu erinnern, was er vergessen hat. Schon gar nicht lässt Gott sich erpressen. Gott ist nicht unser Diener, der herhalten muss, wenn der Mensch am Ende ist.

Trotz all dieser Einwände: es bleibt nun einmal eine Tatsache: das Urtümlichste für den Menschen, der sich immer wieder seines Versagens und seiner Hilflosigkeit bewusst wird, ist nun einmal das Rufen nach Gott; ist der Ruf um Hilfe. Und wenn wir um Hilfe rufen, wenn wir unsere Not kundtun, dann erfahren wir etwas von unserem eigenen Wesen; darin ahnen wir etwas von der Notwendigkeit eines unwandelbaren Haltes. Wir sollten uns nicht zu gut dünken, unser Dasein so vor Gott hinzustellen, wie es ist. Und die Grundsituation ist nun einmal das Angewiesensein, die Hilfsbedürftigkeit, die Notwendigkeit, sich auszusprechen, sich anzuvertrauen. Warum verstecken wir uns so oft hinter der Maske der Selbstbewältigung? Warum verdrängen wir das fundamentale Angewiesensein auf Gott? Das ist die Verdrängung unserer Zeit: der verdrängte Gott, der verdrängte Halt in ihm; die verdrängte Hilfsbedürftigkeit; damit aber auch die Verdrängung des eigenen menschlichen Wesens. Gott allein ist unser Halt. Alles andere wäre nur ein Ersatz.

Wenn wir darum aus unserer Not zu Gott rufen, dann ist das Anerkenntnis dessen, was wir Menschen sind. Dann ist das aber auch die Anerkenntnis dessen, was er ist. Dann ist es zugleich mit dem Hilferuf die Anbetung seiner Herrlichkeit. Zu Gott beten heißt also eigentlich nichts anderes, als uns ihm voll Glauben anvertrauen. Freilich bedarf dieses Beten der Läuterung. Indem wir das, was uns bedrängt und in Sorge verstrickt, was uns unfroh und unfrei macht, vor Gott aussprechen, gerät es in einen Maßstab hinein, der es richtet und reinigt; der uns dazu bringt, von einigem Abstand zu nehmen oder wenigstens es gelassen frei zu geben. Wer mit einer Bitte zu Gott kommt, der muss lernen, diese seine Bitten nicht unbedingt aufzugeben. Er muss lernen, diese Bitten frei zu geben. Gott darf aus unseren geöffneten Händen herausnehmen, was er für richtig hält; und er darf hineinlegen, was er für gut hält. Im wirklichen Gebet lernen wir, müssen wir lernen, unsere Bitten frei zu geben. Wir lernen, wir müssen lernen vor allem, uns selbst frei zu geben. Wir müssen uns ändern im Gebet. Gott ändert nicht nachträglich den Lauf der Welt, weil er etwas vergessen hat, woran wir ihn erinnern müssen: "Das Gebet verändert nicht Gott, sondern es verändert den Menschen." (S. Kierkegaard)

Diese Verwandlung unseres Betens und damit unser selbst im Gebet wird noch deutlicher, wo Beten ganz bewusst als Beten mit Christus, als Beten im Namen Christi vollzogen wird. Dem Gebet im Namen Jesu wird unbedingte Erhörung zugesagt: ihm wird alles gewährt, wie es in den Abschiedsreden heißt. Aber was ist dieses "alles", das dem Betenden verheißen wird? Merkwürdigerweise hat es der Evangelist Lukas genau benannt - wir hörten es eben im Evangelium. Dieses "alles", das dem Betenden verheißen wird, ist der Heilige Geist. Die Gabe Gottes an den Betenden ist also Gott selber. Wer Gott um weniger bittet, der bittet ihn um zu wenig! Er selber ist die göttliche Gabe, die er als sein "alles" gibt und in der "alles" gegeben wird. Um diesen Geist, um nicht weniger und nicht mehr, will Gott von uns gebeten werden.

An diesem Punkt, d. h. an der Stelle, wo Beten erkennbar wird als Verwandlung und Reinigung unser selbst, unserer Wünsche, da zeigt sich auch und gerade der Sinn, die Nützlichkeit, ja vielleicht sogar die Notwendigkeit fester Gebetstexte. Sie helfen nicht nur der Schwäche unserer Phantasie nach; sondern indem sie uns in das Beten anderer hinein nehmen, nehmen sie uns in Zucht; nehmen sie uns in die Pflicht; dienen sie zu unserer Reinigung und Läuterung, die nun einmal immer mit wahrem Beten verbunden sind. Indem diese festen Gebetstexte uns in das Beten anderer hinein nehmen, stellen sie an uns die Frage und Forderung, diese Aussagen uns anzueignen; diese Bitten anzunehmen; in sie einzugehen; sie als unsere eigentlichen Bitten zu akzeptieren. Die Bitten des "Vaterunser" sind so zu sehen. Nicht ohne Verwandlung unser selbst können sie unsere eigenen Bitten werden. Am unmittelbarsten wird uns das bei der Vergebungsbitte bewusst: "Vergib uns, wie wir vergeben haben!" Ein solche Bitte tut weh. Wie oft müssten wir eigentlich bei dieser Bitte verstummen! Aber das gleiche gilt nicht weniger für die anderen Bitten des "Vaterunser". Wem ist eigentlich die Ehrung des Namens Gottes, dieses befleckten und verhöhnten Namens, eine persönliche Sorge? Aber auch andere Gebete können für uns Maßstab und Gericht zugleich sein; sie können uns in Zucht nehmen, zur Gewissenserforschung zwingen und uns reinigen. Wer sich jedenfalls innerlich auf solche Gebete einlässt, der kann sich nicht der reinigenden Kraft solcher Texte entziehen; der wird frei von sich selbst; der wird frei und verfügbar für Gott und für seinen Dienst. Das Gebet, gerade das mündliche Gebet ist also Einübung der Freiheit vom Nur-Eigenen, ist Befreiung von der Diktatur der Egozentrik.

Ich möchte schließen mit einem Zitat von Hans Urs von Balthasar, das uns ermutigen kann, das Gebet zu pflegen, das Gebet zu üben, das Sprechen mit Gott, unserem guten Vater im Himmel. Das Zitat trägt die Überschrift "Blüten und Früchte" und lautet so: "Es ist, Gott sei Dank, nicht wahr, dass alle Gebete und Versprechen unwahr und erlogen sind, die nachher nicht gehalten, in die Tat umgesetzt werden. Sowenig Blüten unwahr sind, die nicht zu Früchten werden. Das Blühen besitzt einen Sinn und Wert in sich, der freilich die Tendenz zur Frucht in sich tragen muss, aber eine eigenwertige Voraussetzung dafür ist. Man soll also nicht sein eigenes Blühen unterdrücken, weil nicht alles im Herbst zur Frucht wird." Soweit Hans Urs von Balthasar. Üben wir das Gebet, beginnen wir damit! Das Gespräch mit unserem guten Vater im Himmel ist für uns lebenswichtig, lebensnotwendig, wenn wir Glaubende sein und bleiben wollen.

 

18. Sonntag: "Was ist uns wichtig?"

Einführung

Sich nur auf das zu verlassen, was man hat und besitzt, das ist eine große Versuchung für uns Menschen. Denn - so meinen wir - was man hat, das kennt man; man fühlt sich darin sicher; man kann sich daran festhalten. Im heutigen Evangelium sagt uns unser Herr Jesus Christus, wie es um die Welt bestellt ist, und wie diejenigen, die an ihn glauben, sich in dieser Welt zu verstehen haben. Vermögen und Erfolg, an die sich so viele heute festklammern, bringen die Gefahr mit sich, dass der Mensch hart wird gegen andere und stumpf gegenüber dem Anspruch Gottes. Er wird ein Mensch, der unfähig ist, die Wirklichkeit Gottes zu begreifen. Er verfehlt darum den Sinn des Lebens. Wir wollen uns deshalb zu Beginn dieser Eucharistiefeier auf den Herrn besinnen, auf den Grund und den Sinn unseres Lebens.

    Herr Jesus Christus, du hast die Armut und Einfachheit geliebt und gelebt
    - Herr, erbarme dich!
    Du willst, dass wir nicht untergehen in den Sorgen um Besitz und Reichtum
    - Christus, erbarme dich!
    Du hast uns die Fülle des Glücks verheißen bei deinem Vater im Himmel
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Herr Jesus Christus, du hast in Einfachheit und Armut gelebt. Du hast diejenigen seliggepriesen, die um deinetwillen alles verlassen; du hast uns gemahnt, uns nicht blenden zu lassen von Besitz und Reichtum. Darum kommen wir voll Vertrauen mit unseren Bitten zu dir:

  • Steh deiner Kirche bei, dass sie ihrer Sendung treu bleibt, sich der Armen anzunehmen und deine Einfachheit und Armut zu bezeugen!
  • Rüttle alle satten und selbstgerechten Menschen auf, dass sie Hunger empfinden nach deiner Gerechtigkeit!
  • Hilf den Christen, dass sie Distanz gewinnen zu den Dingen, frei werden vom gierigen Besitzenwollen und bereit sind, mit den Bedürftigen zu teilen!
  • Bewahre uns davor, dass wir unser Leben eigenmächtig gestalten und nur den eigenen Nutzen vor Augen haben!

Gott und Herr aller Dinge, dich besitzen heißt: reich sein! Wer dich nicht kennt, der ist arm. Zeige uns, wie wir mit dir verbunden bleiben! Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn. Amen.

Predigt

In der Pfingstbeilage einer Zeitung berichtete vor einiger Zeit ein Lehrer über seine Erfahrungen im Ethik-Unterricht, den er in einem Gymnasium für 11-jährige erteilt: "Da sitzen also zwanzig 11-jährige und sollen zu werteinsichtigem Urteilen und Handeln erzogen werden. Wo kann ich sie abholen? Während ich mich bemühe, mir die Namen und Kindergesichter einzuprägen, sollen sie aufschreiben, was sie für das Wertvollste und Wichtigste im Leben halten. Drei Antworten sind von jedem verlangt. Das Problem, daraus eine Reihenfolge der Werte, eine Werte-Hierarchie zu erstellen, löst einer im Handstreich: Es genügt ein einziges Wort: Geld! Das ist das Wichtigste!... Mein Vater sagt, mit Geld hat man alles; sonst braucht man nichts. Kann man auch Freundschaften kaufen? gebe ich zu bedenken. Ja! Auch ein gutes Gewissen? Das Wort hat er nicht verstanden."

Als ich den Text des heutigen Evangeliums anschaute, da musste ich an diesen Erfahrungsbericht des Lehrers denken. Was ist wichtig, was ist das Wichtigste im Leben? Ich meine, im heutigen Evangelium geht es Jesus um die gleiche Frage und um eine Antwort, um unsere Antwort auf seine Worte - gerade in der Erzählung von dem reichen Mann, der nur die Mehrung seines Besitzes im Sinn hat: "Hütet euch vor jeder Art von Habgier! Denn der Sinn des Lebens besteht nicht darin, dass ein Mensch aufgrund seines Vermögens im Überfluss lebt."

Zunächst sollten wir allerdings eines festhalten: Jesus verurteilt und verteufelt auf keinen Fall den Besitz überhaupt, das Geld, die materiellen Werte. Auch er war darauf angewiesen zum Leben. Wir wissen aus dem Evangelium, dass gute Frauen ihn und seine Jünger mit ihrem Vermögen unterstützten. Die Armut, die Jesus geübt hat, die er in der Bergpredigt selig preist und die er seinen Jüngern ans Herz legt, bedeutet also nicht eine Besitz- und Bedürfnisreduzierung auf Null. Gewiss sollen diejenigen, die von ihm zur Predigt ausgesandt werden, sich bei ihrem Auftrag nicht mit einem Rücksack voller Absicherungen belasten; sie sollen auf den "ganzen Besitz" verzichten. Aber bei diesem Verzicht geht es um einen Verzicht zugunsten einer wichtigen Sache, einer wichtigeren Sache: es geht um den Dienst des Herrn. Und wenn er ruft, dann dürfen in der Tat die Sorge und die Bemühung um Hab und Gut und Geld nicht die Oberhand gewinnen; dann gilt es, alles hintan zu setzen - so wie der Mann, der im Acker einen Schatz entdeckt hat und dafür alles hergibt, was er besitzt. Der Herr und er allein ist aller Bemühung und aller Sorge wert; er allein verdient die totale Aufmerksamkeit - und nicht Hab und Gut und Lebensgenuss. Die Reihenfolge muss klar sein, indiskutabel - jedenfalls für den Christen, der es mit seinem Glauben ernst meint. In der Werte-Hierarchie steht Gott an oberster Stelle. Und an dieser Stelle darf nichts anderes stehen, schon gar nicht ein materieller Wert.

Warum ist es für uns als Menschen und als Christen so wichtig, ja notwendig, dass die Reihenfolge der Werte stimmt, indiskutabel ist? Das ist aus dem Grund wichtig, ja notwendig, weil die Werte, die für uns an erster Stelle stehen, unser Denken und Tun, ja unser ganzes Sein beeinflussen, bestimmen. Von diesen Werten, die an oberster Stelle stehen, beziehen wir nämlich unsere Identität, d. h. wer wir im Innersten sind. Wer sich an den guten Gott bindet, für wen Gott an der Spitze der Werte steht (für ein Wesen also, das uns nicht verfügbar ist), der behält allen anderen Werten gegenüber seine Freiheit. Wer sich jedoch an innerweltliche Gegebenheiten, an innerweltliche Werte bindet, mögen sie noch so kostbar sein, wer sich an Menschen total bindet, der verliert diesen Werten gegenüber seine Freiheit, seinen Handlungsspielraum. Er wird ihr Diener; er wird ihr Sklave; er wird aber auch ihr Opfer. Sein Denken und Fühlen wird davon bestimmt. Für wen Besitz, für wen Hab und Gut und Geld die wichtigsten Dinge auf der Welt sind, der wird davon in seinem Denken und Fühlen und Handeln geprägt, gefesselt. Eine der Wahrheiten, die Karl Marx ausgesprochen hat, und die durch die Erfahrung bestätigt wird, lautet so: "Die materielle Basis verändert das Bewusstsein." Dann wird man ein anderer Mensch. Das ist besonders in der Erziehung zu beachten. Wo Gott von der ersten Stelle entfernt wird, da bleibt nur das Geld und der Besitz als Alternative übrig; da beginnt aber auch der Abstieg in die Inhumanität, in die Erbarmungslosigkeit.

Die innere Freiheit gegenüber den Werten (es sind also Werte; es sind keine schlechten Dinge!) wird erkauft, kann nur erkauft werden durch Verzichten. Die dunkle Kehrseite der Medaille Freiheit ist nun einmal der Verzicht, das Aufgeben des unbedingten Haben-Wollens. Wir alle sind in der Gefahr, die Dinge, innerweltliche Werte, Menschen zu vergötzen; sie als die Mitte unseres Lebens zu betrachten. Für den Glaubenden kann es jedoch keine andere Mitte geben als Gott, als der Herr. Vor die Wahl gestellt, kann es für uns nur eine Entscheidung geben: für den Herrn! Um dieser Wahl willen für den Herrn ist der Verzicht sinnvoll, ja notwendig. Wir bekunden dies dadurch, dass wir z. B. bereit sind zum "Teilen", d. h. dass wir mit unserem Besitz anderen, die Not leiden, die Hilfe brauchen, beistehen. Die Frage ist nur: können wir noch - um Jesu willen - Ballast, wenigstens etwas Ballast abwerfen? Können wir noch teilen, den Armen und Notleidenden helfen? Die Besitztümer, die Sicherungen, die wir anlegen, lassen uns doch zu guter Letzt betrügerisch im Stich; sie können uns keinen Lebenssinn und schon gar nicht Ewigkeit geben. Die Erzählung vom reichen Mann, die wir im Evangelium gehört haben, weist uns eindringlich darauf hin. Außerdem: die Besitztümer machen uns oft nicht nur blind für die Notleidenden. Sie machen uns auch blind Gott gegenüber. Sie fixieren uns auf uns selbst. Sie schließen uns ein in den Kerker des Ich.

Ich möchte schließen mit einer jüdischen Geschichte, die das Gesagte in einem Bild verdeutlichen kann. "Ein Jude kommt zum Rabbi: Es ist doch entsetzlich. Gehst du zu einem Armen: er ist freundlich und hilft dir, wenn er kann. Gehst du zu einem Reichen, sieht er dich nicht einmal. Was ist das nur mit dem Geld? Da antwortete der Rabbi: Tritt ans Fenster! Was siehst du? Ich sehe eine Frau mit einem Kind; ich sehe einen Wagen. Gut, sagt der Rabbi. Und jetzt stell dich hier vor den Spiegel! Was siehst du? Was werde ich schon sehen? Nebbich - mich selber! Ja, so ist das! Das Fenster ist aus Glas gemacht, und der Spiegel ist auch aus Glas gemacht. Kaum legst du ein bisschen Silber hinter die Oberfläche - schon siehst du nur noch dich selber!" Lässt uns unser Besitz, unsere Habe, unser Reichtum nur noch uns selber sehen? Macht der Reichtum, macht der Besitz uns blind für die notleidenden Brüder und Schwestern? Macht er uns gar blind für Gott? Erbitten wir uns die rechte Sicht die rechte Wertung der Dinge, des Besitzes! Und lassen wir uns nicht den Blick trüben auf Gott, unseren Vater im Himmel!

 

19. Sonntag: "Abraham - der Vater unseres Glaubens"

Einführung

"Glauben" - das macht den Christen aus. "Glauben" ist aber mehr als die Option für einen geistigen Grund der Welt. "Glauben" bedeutet nicht nur, irgendwelche Sätze über Gott zu akzeptieren, sie für wahr zu halten. Die zentrale "Glaubensformel" heißt vielmehr: "Ich glaube an dich!" Glaube im christlichen Sinn - das ist die Begegnung mit dem Menschen Jesus von Nazareth; mehr: es ist die Anerkenntnis, dass in diesem Jesus Gott selbst gegenwärtig ist. Es ist die Entdeckung Gottes im Antlitz des Menschen Jesus von Nazareth. Oft wird dieser unser Glaube verdunkelt durch Fragen und Zweifel, durch Not und Leid. Wir wollen darum zu Beginn dieser Eucharistiefeier den Herrn um mehr Glauben, um einen tieferen Glauben, um die Liebe zu ihm bitten.

    Herr Jesus Christus, du hast dich uns offenbart als Gottes Sohn
    - Herr, erbarme dich!
    Du willst, dass wir dich als unseren Herrn und Gott anerkennen
    - Christus, erbarme dich!
    Du schenkst uns immer wieder die Kraft, das Ja des Glaubens zu sprechen
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Voll Vertrauen beten wir zu unserem Herrn Jesus Christus, der sich uns als Gottes Sohn offenbart hat, und der uns zum Glauben ruft:

  • Für die Glaubenden, die ihren Glauben von Geburt an mitbekommen haben: dass sie sich nicht über andere erheben und dankbar sind für die Gnade des Glaubens!
  • Für alle, die den Glauben verloren haben oder die Gnade des Glaubens nie erfahren haben: dass sie sich innerlich nicht verhärten und versuchen, Gott näher zu kommen!
  • Für die, die wegen des schlechten Beispiels von Christen sich dem Glauben verschließen: dass sie Menschen begegnen, die ihnen helfen zu glauben!
  • Für alle, die von Zweifeln geplagt werden oder über Vorurteile nicht hinwegkommen: dass sie sich davon lösen und offen werden für Gott!

Herr und Gott, du bist für uns ein Geheimnis, das wir nicht begreifen. Wir können uns nur offen halten für dich und deinen Sohn Jesus Christus, der dich uns als guten Vater offenbart hat. Dafür danken wir dir jetzt und alle Tage. Amen.

Predigt

Um den Text der Lesung aus dem Hebräerbrief besser zu verstehen, ist der Hintergrund des Briefes wichtig. Dieser Brief will Judenchristen, die in der Gefahr sind, an ihrem Glauben irre zu werden, ermutigen. Er will ihnen helfen, die Krise zu bestehen. Die Zeit der ersten Begeisterung ist vorbei. Was ihnen vor allem zur Versuchung wird, das ist einmal die so gar nicht strahlende Leidensgestalt Jesu; zum anderen sind es die Verfolgungen, die sie als Christen zu ertragen haben. In diese Situation hinein versucht der Hebräerbrief eine Antwort zu geben, um die Adressaten im Glauben zu stärken. Hingewiesen wird auf die vielen Beispiele des Glaubens, auf die "Wolke der Zeugen" des Glaubens. Vor allem der Blick auf Abraham, den Vater des Glaubens, kann in dieser Situation der Dunkelheit, des Zweifels und der Unsicherheit eine Ermutigung im Glauben geben; kann einen Halt geben. An der Gestalt des Abraham können wir lernen, was Glaube eigentlich bedeutet.

Am Anfang des Glaubensweges, den Abraham gehen muss, steht der Ruf Gottes. Es ist ein Ruf zu Aufbruch und Auszug. Es geht darum, alle wohlerworbenen Sicherheiten preiszugeben: Schutz und Recht eines Bürgers, Geborgenheit von Sippe und Volk, von Sitte und Kultur. Es geht darum hintan zu setzen, was bisher groß und wert gewesen war; und zwar um eines verheißenen Zieles willen. "Jahwe sprach zu Abram: Ziehe fort aus deinem Land, aus deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich dir zeigen werde. Ich will dich zu einem großen Volk machen. Ich will dich segnen und... du sollst ein Segen sein."

Nicht anders ist es im Leben der Christen: der Glaube an Gott, das Stehen zu Jesus Christus bedeutet Aufbruch und Auszug aus etwas Vertrautem. Und das verkündet der Hebräerbrief seinen Christen. Auch sie haben schließlich am eigenen Leib die Loslösung aus einer vertrauten Umwelt erfahren. Es war ein Auszug aus der Stadt zu einem Ausgestoßenen. Ja, immer reißt die Gemeinschaft mit Gott, die Gemeinschaft mit Jesus Christus den Glaubenden aus der menschlichen Gemeinschaft heraus. Jeder Gottesruf ergeht an den Einzelnen. Der Gerufene muss allein den Weg mit Gott gehen. Den Zöllner Levi wird Jesus rufen: "Du da, folge mir!" (Mt. 9, 9) Das heißt doch: der Glaube fordert den Jünger, fordert den, der mit Jesus gehen will, der mit Jesus geht, ganz.

Eigenart dieses Zieles, um dessentwillen Abraham seine Heimat verlässt, ist es: dieses Ziel bleibt ihm vorerst ganz unbekannt. Er weiß weder, wo es liegt; noch wann er es erreichen wird. Nur darüber hat er eine Gewissheit: es gibt dieses Ziel. Aber diese Gewissheit hat er nur aufgrund einer Verheißung. Der Glaube jedoch an Gottes Verheißung bleibt in Abraham lebendig auch dann, als er erkennen muss, dass er die Erfüllung nach menschlichem Ermessen nicht mehr erreichen wird. Ist nicht die Wanderung des Abraham ein genaues Bild unserer eigenen Situation und ein Vorbild für das, was der Glaube an Jesus Christus erfahren und erdulden muss? Jesus Christus selber lebte als Fremdling in dieser Welt; er hatte unter uns nur "sein Zelt aufgeschlagen", wie es am Anfang des Johannes-Evangeliums heißt. Und das wird auch das Schicksal des Christen sein. Aber sind wir uns dessen noch bewusst? Sind wir uns des Rufes und der Verheißung Gottes noch bewusst?

Die Zukunft, auf die hin Abraham unterwegs ist, liegt nicht im irdischen Kanaan, sondern es ist die "festgefügte Stadt", deren Schöpfer und Baumeister Gott ist. Um dieser verheißenen Stadt willen ist Abraham ein Fremdling, einer, der immer unterwegs ist. Ähnlich ist es im Leben des Glaubenden. Glaube ist das Feststehen im Erhofften, das Bauen auf etwas Zukünftiges. Das Fundament, die Garantie für die Erfüllung liegt allein in der Verheißung Gottes. Wir Christen leben in der Erwartung des Zukünftigen - mitten in dieser Welt. Wir sollen vergessen, was hinter uns liegt. Wir haben aber auch das Ziel noch nicht erreicht. Diese Spannung zwischen dem "Nicht-mehr" und dem "Noch-nicht" muss von uns ausgehalten werden: unterwegs zu sein in der Welt - mit dem Blick auf die Zukunft Gottes. Das macht gerade das Schwere des christlichen Glaubens aus. Daran führt kein Weg vorbei.

Das Ziel des Glaubensweges ist Gott. Die Zukunft des Glaubenden ist die Zukunft Gottes. Das Wann und das Wie liegt allein im Willen Gottes verborgen. Dieser Wille Gottes aber ist dunkel, unerforschlich; er ist nicht an menschliche Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten gebunden. Unser Denken knüpft Nachkommenschaft an die natürliche Zeugungsfähigkeit. Gott aber ist mächtig, auch einem bereits Erstorbenen Nachkommen zu schenken "so zahlreich wie die Sterne des Himmels und wie der Sand am Meeresufer, den niemand zählen kann". "Gott kann aus Steinen dem Abraham Kinder erwecken", wie Jesus sagt. Gott kann das menschlich Unmögliche möglich machen. Steht nicht am Beginn der christlichen Gemeinschaft auch ein Erstorbener, die Leidensgestalt Jesu? Und stehen nicht am Anfang der Kirche Menschen, deren Hoffen und Glauben verstorben waren, die Jünger, die wegliefen, die hinter verschlossenen Türen ein armseliges und trauriges Dasein führten? Führen nicht auch wir oft ein bekümmertes Dasein als Christen? Müssten wir nicht mehr Hoffnung und Mut haben, weil doch Gott selbst unser Halt ist?

Gott hat den Abraham geführt: ins äußerste Dunkel bis hin zum scheinbaren Tod der Verheißung selber. Als Gott den Abraham zum ersten Mal rief, da war es ein Ruf mit einer Verheißung. Isaak war der Sohn dieser Verheißung. Er war das Zeichen und das Unterpfand der Macht Gottes. Hinter dem zweiten Ruf Gottes, den Sohn der Verheißung zum Opfer zu bringen, steht jedoch scheinbar der Tod des Isaak, der Untergang und die Vernichtung eben dieses geschenkten Zeichens. Abraham erkennt und anerkennt, dass Gott das Recht hat, alles von ihm zu fordern. Der Glaube ist bereit, selbst den Weg des Todes, des scheinbaren Scheiterns zu wählen - einzig und allein im Vertrauen auf die Treue und die Macht Gottes, der selbst Tote zu erwecken vermag. Die Erzählung der Genesis betont in einer fast aufreizenden Häufung von Ausdrücken diesen Totalitätsanspruch Gottes: "Nimm Isaak - deinen Sohn - deinen einzigen - den du lieb hast - und bringe ihn als Brandopfer dar!" Zu diesem Opfer ist Abraham bereit, weil er auch jetzt nicht an der Treue und Hilfe Gottes zweifelt. Gerade dieser letzte und stärkste Beweis für den Glauben Abrahams - das will der Hebräerbrief deutlich machen - soll für die Christen ein Ansporn sein, im Glauben zu wachsen. Mag auch die tägliche Erfahrung, Spott, Verfolgung und Unverständnis wie ein Untergang aussehen, wie das Ende aller Hoffnung auf Gottes Verheißungen: in dieser Situation dürfen wir gewiss sein, dass Gott uns begleitet; dass er bei uns ist; dass er uns liebt. Vom Glauben her brauchen wir niemals zu verzweifeln.

Wir wissen, Abrahams Gang zum Berg Morija führte nicht zum Tod seines Sohnes: Isaak wurde nicht geopfert. Gott begnügte sich mit der Bereitschaft Abrahams, ihm bedingungslos zu gehorchen. Noch heute verehren Juden und Moslems den Ort, wo der Überlieferung nach Abraham seinen Sohn opfern wollte: den späteren Tempelberg von Jerusalem, die Mitte der heutigen Omar-Moschee. Uns Christen weist das hin auf den anderen Berg vor den Toren Jerusalems, wo Gott seinen Sohn in den Tod gegeben hat für uns. Das Kreuz auf dem Hügel von Golgotha ist das Zeichen der Liebe Gottes zu uns bis zum Tod. Dies fordert unsere Antwort: uns von Gott in Dienst nehmen zu lassen - wie Abraham, der Vater unseres Glaubens; ja, noch mehr: wie Jesus Christus, in dem wir Gottes Liebe zu uns erkennen.

 

20. Sonntag: "Die Kette der Zeugen"

Einführung

Das Thema des heutigen Sonntags wird in den Lesungen deutlich: Wir sind als Christen gerufen auf den Weg unseres Herrn. Dieser Weg ist nicht nach unserem Geschmack, zumal Jesu Weg hinführt nach Golgotha, ans Kreuz. Wer von uns hat aber schon eine natürliche Hinneigung zum Kreuz? Jesus macht es uns wahrlich nicht leicht. Trotzdem ist es gut, ja notwendig, dass wir uns dieser Frage stellen; dass wir uns ihm stellen und seiner Forderung; dass wir uns fragen, was er denn von uns will - auch wenn wir immer wieder hinter seinen Forderungen zurück bleiben. Das wollen wir zu Beginn dieser Eucharistiefeier tun. Wir wollen ihn aber auch bitten um seine Vergebung für unser Versagen, um seine Kraft und Hilfe auf seinem Weg.

    Herr Jesus Christus, du bist den Weg des Kreuzes gegangen, um uns zu erlösen
    - Herr, erbarme dich!
    Du hast auch uns auf deinen Weg gerufen
    - Christus, erbarme dich!
    Du führst uns zum Ziel unseres Weges, zur Herrlichkeit beim Vater
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Herr Jesus Christus, du bist Mensch geworden, unser Bruder, um uns und alle Menschen in deine Nachfolge zu rufen. Voll Vertrauen kommen wir mit unseren Bitten zu dir:

  • Für die christlichen Kirchen: dass sie nicht nachlassen in ihrem Bemühen, Salz der Erde und Licht der Welt zu sein!
  • Für die Christen in aller Welt: dass sie deine Worte ernst nehmen und entschlossen danach streben zu werden, wie du gewesen bist!
  • Für die Menschen in aller Welt, die in dir nur eine große Gestalt der Geschichte sehen: dass sie in dir den sehen, den Gott zu uns gesandt hat!
  • Für die vielen Schwankenden und Haltlosen: dass sie sich deiner Führung anvertrauen und sich an dir orientieren!
  • Für uns alle, die wir deinen Namen tragen: dass wir nicht dem Geist der Welt verfallen und hinfinden zu einem Leben aus dem Glauben!

Herr Jesus Christus, es fällt uns schwer, auf dich zu hören und uns nach deinen Weisungen zu richten. Steh uns bei, dass wir herausfinden aus unserer Enge und Ichbezogenheit! Gib uns dazu deine Kraft und deine Gnade! Amen.

Predigt

Das Evangelium hat zum Thema die Nachfolge Christi: "Ich bin gekommen, Feuer auf die Erde zu werfen. Wie froh wäre ich, es würde schon brennen." Wie froh wäre Jesus, wenn wir uns für ihn begeistern würden; wenn wir für ihn brennen würden; wenn wir so für ihn brennen würden wie vielleicht für einen geliebten Menschen. Wie froh wäre er, wenn wir ihn liebten und von dieser Liebe entflammt seinen Weg gingen! Wir alle wissen und erleben es, wie die Liebe zu einem Menschen, den wir gern haben, uns verwandelt; uns alles Schwere und Widrige überwinden lässt. "Stark wie der Tod ist die Liebe. Viele Wasser der Trübsal vermögen sie nicht auszulöschen." So sagt es das Hohelied des Alten Testaments. Und Jesus ist der Meinung, nur aus dieser Liebe zu ihm, nur aus der glühenden Begeisterung für ihn sei Christsein in dieser Welt überhaupt möglich. Denn nur diese Begeisterung, diese brennende Liebe vermag das Unverständnis, den Hass und die Feindschaft zu ertragen, zu überwinden, die dem begegnet, der es Ernst macht mit der Nachfolge Christi.

Wenn die Nachfolge unseres Herrn, das Hinter-ihm-Hergehen unser Christsein ausmacht, wenn sie aus der glühenden Begeisterung für Jesus Christus kommt, ja nur kommen kann, dann ergeben sich allerdings einige Folgerungen. Die erste Konsequenz ist die: wir haben uns zu bemühen, den kennen zu lernen, der uns auf seinen Weg gerufen hat. Bei diesem "Kennenlernen" geht es aber um mehr als um das Entdecken eines interessanten Menschen, der uns fasziniert; es geht darum, dass dieses Interesse hinführt zum "Einswerden in der Liebe" - so jedenfalls versteht die Bibel "Erkennen". Jeder von uns hat schon die Erfahrung einer Freundschaft gemacht zu einem anderen Menschen. Bis zum gegenseitigen Verstehen ist es ein weiter Weg. Und dazu müssen wir einen Schritt aus uns selbst heraus tun. Das kann "gefährlich" sein; man kann sich "verlieren" - der Freund, der Liebende ist immer der Schwächere; denn er hat ja den Panzer, der ihn schützte, abgelegt; er ist verwundbar geworden. Ohne dieses Risiko aber der Verwundung gibt es keine wahre Freundschaft, gibt es keine wahre Liebe.

Diese menschliche Erfahrung lässt sich - davon bin ich überzeugt - durchaus übertragen auf unser Verhältnis zu Jesus Christus. Aus der äußerlichen Kenntnis und aus der äußerlichen Sympathie sollen wir hingelangen zum Einswerden in der Liebe; er soll unser Freund werden: "Wie gut, dass es dich gibt! Ohne dich wäre mein Leben sinnlos!" Nur so, nur in der Haltung der Liebe geht uns auf, wer dieser Jesus eigentlich ist. Nur so dringen wir durch den Panzer der Fremdheit, der sich um Jesus im Lauf der Jahrhunderte gelegt hat; nur so dringen wir auch durch den Panzer unseres eigenen Ich, das sich selbst bewahren will. Bis zu dieser Weise der Erkenntnis Jesu Christi ist es aber ein weiter, oft ein ermüdender Weg. Es ist unsere Lebensaufgabe, mit der wir nie fertig werden. Wir bleiben immer unterwegs.

Gibt es aber da nicht eine unüberwindbare Schwierigkeit? Wir haben gewiss eine Erfahrung der Geborgenheit und der Gesichertheit im Wohlwollen, in der Liebe eines anderen Menschen. Ja, wir geben auch noch zu, dass unser Verhältnis zu Jesus eigentlich von dieser Art sein müsste oder könnte. Aber: ist das überhaupt möglich, eine derartige Verbundenheit, eine derartige Freundschaft, ja eine solche Liebe zu jemand, der vor 2000 Jahren gelebt hat, den wir nicht von Angesicht kennen wie seine Jünger, und der uns so fremd geworden ist? Haben wir überhaupt noch eine Chance, mit ihm in diesen notwendigen Kontakt zu treten? Es gibt - davon bin ich überzeugt - diese Möglichkeit. Und zwar meine ich die Weise, an einem anderen Menschen zu erleben, zu sehen und zu spüren, welche Macht in seinem Leben der Glaube, das liebende Vertrauen auf das Du Gottes hat. Wie dieser Glaube alle Bereiche seines Lebens durchdringt, ohne dass dies groß hinausposaunt wird. Es gibt diese Menschen, die uns mit ihrem Leben bezeugen: die Freundschaft mit Jesus Christus, die Liebe zu ihm ist eine Wirklichkeit. Freilich, auch diese Menschen stehen in einem Bezeugungs-Verhältnis; auch ihnen ist Jesus Christus bezeugt, vorgelebt worden. Und diese Kette der Bezeugungen durch "Vor-Leben" geht letztlich auf die ersten Zeugen zurück, auf die, die den Herrn in seinem Erdenleben gekannt haben, die ihn geliebt haben, die seine Freunde waren: "Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Bist du mein Freund?" - "Ja, Herr, du weißt alles; du weißt auch: Ich habe dich wirklich gern; du bist mein Freund!" Wir kennen dieses Zwiegespräch zwischen dem auferstandenen Herrn und Petrus.

Es ist für jeden von uns entscheidend, das uns zugedachte "Zeugnis" zu entdecken; dass wir uns vom Feuer Christi, das in seinen Zeugen brennt, "entzünden" lassen. Wer ist für mich der Zeuge, der dies mit seiner Existenz getan hat, immer noch tut? Wir sollten aber auch dieses bedenken: Wir selber haben anderen gegenüber die Verpflichtung, das Zeugnis unseres Christseins, d. h. unserer Liebe zu Jesus Christus zu geben. Ich meine, dies sei umso notwendiger und dringlicher, je mehr Menschen (in unserer Umgebung, in unseren Familien, in unserem Freundeskreis) mit ihrem Christsein nichts mehr anzufangen wissen. Vernehmen diese Menschen glaubhaft durch unser Leben, durch unser "Brennen" die Botschaft Jesu Christi von der verzeihenden und erbarmenden Liebe Gottes? Haben wir als Eltern den Kindern, den Jugendlichen unseren Glauben und die Liebe lebendig bezeugt - durch unser Leben, nicht durch unser Reden, schon gar nicht durch unser Viel-Reden? Haben wir Priester dies getan denen gegenüber, die unserer Hirtensorge anvertraut sind? Sind wir Hirten mit der Gesinnung des guten, des liebenden Hirten - oder sind wir Mietlinge, bezahlte Knechte, denen an den ihnen Anvertrauten nichts liegt? Denken wir aber auch an unsere Verantwortung vor Gott denen gegenüber, die nicht glauben; die meinen, nicht glauben zu können? Dass wir sie nicht verurteilen dürfen? Denken wir daran, dass wir zu ihnen halten müssen, weil doch auch wir gehalten sind von der Liebe Jesu Christi? Wird seine vergebende Liebe in unserem Verhalten sichtbar, gerade auch dem irrenden, dem sündigen Menschen gegenüber?

"Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. Wie froh wäre ich, es würde schon brennen!" Lassen wir uns von diesem Wort Jesu auf einen entscheidenden Punkt unseres Christseins aufmerksam machen. Wenn uns Jesus Christus nicht zum vertrauten Freund wird, wenn wir ihn nicht mit einer brennenden Liebe lieben, wenn wir diese Liebe nicht selber erfahren und erfahren lassen, dann werden wir in unserem Christsein immer nur etwas Einengendes sehen. Nur die Liebe zu ihm, nur unser Entbranntsein für ihn lässt uns den Herrn erkennen; lässt uns seinen Weg gehen; macht uns diesen Weg leicht. Bitten wir den Herrn, um dessen Altar wir versammelt sind, er möge uns solche Zeugen begegnen lassen, die von der Liebe zu ihm brennen; die uns den Mut machen, den gleichen Weg zu gehen. Und bitten wir ihn, dass wir selber für andere Menschen, wer immer sie auch seien, ob in der Familie oder im Freundeskreis, dass wir selber solche glaubwürdige und brennende Zeugen sind.

 

21. Sonntag: "Sorge um das Heil"

Einführung

Immer wieder hat Jesus in seiner Predigt die Menschen zur Umkehr und Buße gerufen: "Kehrt um, denn das Himmelreich ist nahe!" In seinen Gleichnissen, vor allem in den Gerichts-Gleichnissen ruft er seine Zuhörer in die Entscheidung. Auch im heutigen Evangelium mit den Bildworten von der engen Tür und von der verschlossenen Tür weist Jesus mit großem Ernst darauf hin, was auf dem Spiel steht: die Nähe Gottes, das ewige Heil des Menschen. Wir wollen uns darum zu Beginn der Eucharistiefeier wieder besinnen, wie wir dem Ruf des Herrn begegnen.

    Herr Jesus Christus, du bist gekommen, Gottes Heilsbotschaft zu verkünden
    - Herr, erbarme dich!
    Du willst, dass wir deine Botschaft zur Umkehr für uns ernstnehmen
    - Christus, erbarme dich!
    Du hilft uns, durch die enge Tür ins Haus deines Vaters einzutreten
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Herr Jesus Christus, du hast immer wieder mit großem Ernst die Menschen zur Umkehr und Buße gerufen. Darum beten wir voll Vertrauen zu dir:

  • Für uns, die wir uns Christen nennen: dass wir Gott, deinen Vater, nicht verharmlosen, sondern mit Entschiedenheit den Weg zu ihm gehen!
  • Für die Menschen in aller Welt: dass sie sich nicht deinem Ruf zur Umkehr und Buße verschließen!
  • Für die Christen, die innerlich kalt und verhärtet sind: dass sie sich aufmachen und sich um ein lebendiges Verhältnis zu dir bemühen!
  • Für die, die des Suchens müde geworden sind: schicke ihnen Boten, die ihnen auf ihrem Weg weiterhelfen!
  • Für alle, die dich nicht kennen: dass sie durch glaubwürdige Zeugen den Weg zu dir und deinem Vater finden!

Herr Jesus Christus, du hast uns auf den Weg zum Vaterhaus gerufen. Gib uns und allen Menschen die Kraft, dass wir mit Entschiedenheit deinen Weg gehen, der du lebst und herrschst in alle Ewigkeit. Amen.

Predigt

Ich bin davon überzeugt, dass viele Christen die Frage bewegt, ob sie im Heil sind, d. h. ob sie in Gottes Huld stehen und gerettet werden. Und sicher bewegt viele die Frage, ob es viele sind oder nur wenige, die im Gericht Gottes bestehen werden. Diese Fragen werden aber nicht nur heute gestellt. Jesus selbst wird auf seinem Weg nach Jerusalem vor diese Frage gestellt: "Herr, sind es nur wenige, die gerettet werden?" Jesu Antwort ist - so meine ich - nicht nur für die Fragesteller damals von Bedeutung, sondern auch für uns heute.

Hinter der Frage an Jesus steht wohl der Zwiespalt des Fragestellers, der um Jesu Predigt von der Notwendigkeit der Umkehr und Buße weiß, aber auch um die Lehre der jüdischen Theologen, die die Ansicht vertraten, jeder Israelit werde auf Grund seiner Zugehörigkeit zum auserwählten Volk Israel gerettet; er sei auf Grund dieser Zugehörigkeit im Heil Gottes. Wenn Jesus so sehr die Umkehr der Menschen, die Umkehr der gläubigen Juden verlangt, wird dadurch nicht die Geltung dieser Überzeugung, jeder Israelit sei im Heil Gottes, in Frage gestellt? Stellt Jesus sich mit seiner Auffassung nicht in Gegensatz zur herrschenden theologischen Meinung? Jesus beantwortet die Frage nach der Anzahl der Geretteten nicht. Von der unfruchtbaren Spekulation über Zahlen lenkt er den Blick weg; er weist vielmehr entschieden auf das hin, was auf dem Spiel steht; was für jeden zu tun ist. Und er nennt das, was auf dem Spiel steht, beim Namen. Auf dem Spiel steht für jeden die Nähe zu Gott; auf dem Spiel steht für jeden das Heilsein durch Gott. Diese notwendige Sorge um das eigene Heil muss sich allerdings im rechten Tun erweisen. Diese für jeden entscheidende und ihm aufgetragene Sorge verdeutlicht Jesus in einigen Bildern: im Bildwort von der engen Tür, im Bildwort von der geschlossenen Tür und im Wort von der Zulassung aller Völker zum Reich Gottes.

Mit dem Wort von der engen Tür will Jesus nicht sagen, dass es um den Eingang in das Reich Gottes ein großes Gedränge gibt; dass die Menschen sich gegenseitig behindern beim Hineinkommen; dass man sich mit Gewalt, sozusagen mit den Ellenbogen Raum verschaffen muss. Wir brauchen keine Angst zu haben, uns in eine Massenbewegung einreihen zu müssen. Jesus will mit seinem Bildwort von der engen Tür sagen, dass man sich Mühe geben muss. Es genügt also nicht, dass man zu einer auserwählten, zu einer privilegierten Gruppe gehört; dass man den Wunsch hat, gerettet zu werden. Zwar ist es richtig, dass Gott uns retten will; und dass wir uns nicht aus eigener Kraft retten können. Aber die Rettung durch Gott geschieht nicht ohne unser Tun; sie geschieht nicht durch unser passives Verhalten; dass wir beruhigt die Hände in den Schoß legen. Wir müssen schon uns abmühen. Wir dürfen nicht meinen, dass Gott in jedem Fall mit uns zufrieden ist, zufrieden sein muss. Selbstverständlich ist Gott es, der uns rettet und uns das Heil schenkt. Aber Gott nimmt uns ernst als entscheidungsfähige, als freie Menschen. Er will, dass es uns selbst ein wirkliches Anliegen ist, die Gemeinschaft mit ihm zu suchen und zu gewinnen. Abmühen bedeutet darum, dass wir entschieden und bewusst auf Gott zugehen; dass wir die Hindernisse auf diesem Weg zu überwinden suchen; dass wir alles andere hintan stellen; dass er die Mitte unseres Denkens ist.

Mit dem zweiten Bildwort, mit dem Wort von der Tür, die durch den Herrn des Hauses verschlossen wird, will Jesus sagen, dass wir uns beizeiten abmühen müssen. Das Mühen um den Zugang zu Gott dürfen wir nicht auf die lange Bank schieben. Wenn die Tür ins Schloss fällt, dann ist alles Wünschen und Rufen und Klopfen umsonst, zu spät. Wir können nicht zuerst ein Leben nach unseren eigenen Vorstellungen führen und die Sorge um das ewige Heil auf später verschieben. Und eines sollten wir auch bedenken: nicht wir schließen die Tür zum Reich Gottes auf und zu; sie wird vom Herrn des Hauses, sie wird von Gott geschlossen. Und dafür müssen wir bereit sein. Daraus folgt aber auch: eine nur äußerliche Zugehörigkeit, eine nur äußerliche Gemeinschaft mit dem Herrn genügt nicht. Auch wenn man ihn gekannt hat, auch wenn man seine Lehre gehört hat, auch wenn man um Jesu Botschaft Bescheid weiß - all das genügt nicht! Es kommt auf unser Tun an. Die rechtzeitige Ausrichtung auf den Herrn muss sich im Tun des Willens Gottes zeigen und bewähren. Wer sich nicht am Willen Gottes ausrichtet, wer diese Gemeinschaft mit Gott verweigert, der schließt sich selbst von der bleibenden Gemeinschaft mit Gott aus; der schließt sich selbst vom Heil aus. Das bedeutet aber auch: Wenn und solange wir uns ehrlich um die Nähe zu Gott bemühen, seinen Willen zu tun, brauchen wir keine Angst um unser Heil zu haben.

Jesus nennt nicht die Zahl derer, die gerettet werden; denen Gottes Heil zuteil wird. Er gibt aber einen Hinweis darauf, wie diese Gemeinschaft derer, die gerettet werden, wie diese Gemeinschaft der Erlösten zusammen gesetzt sein wird. Zu ihr gehören die Stammväter Israels, die Väter des Glaubens: Abraham, Isaak und Jakob; zu ihr gehören die Boten Gottes, die Propheten; zu ihr gehören aber auch Menschen aus allen Richtungen des Himmels, aus allen Völkern - nicht nur aus dem auserwählten Volk Israel. Und: im Reich Gottes, in der vollendeten Gemeinschaft mit Gott vollendet sich auch die Gemeinschaft der Menschen untereinander: Gottes Heil, seine beseligende Nähe ist keine Privat-Seligkeit; Gottes Heil wird uns in Gemeinschaft zuteil. Die Stammväter Israels und die Propheten stehen also für alles, was Gott dem auserwählten Israel und durch dieses auserwählte Volk allen Menschen schenken will: den Menschen aller Zonen; die von Osten und Westen, von Norden und Süden kommen, wie es im Evangelium heißt; die sich abmühen, Gottes Willen zu erfüllen. Mit dem Bild vom "Zu Tisch sitzen", vom Mahl im Reich Gottes, wird der frohe und festliche Charakter dieser endzeitlichen Gemeinschaft aller Menschen mit Gott ausgedrückt. Die Gemeinschaft mit Gott und die Gemeinschaft mit den Menschen, und zwar in freudiger und festlicher Vollendung - das ist das Kennzeichen des Heils, das Gott denen zugedacht hat, die ihn suchen; die ihn lieben; die seinen Willen tun. Und dieses endzeitliche Heil steht auf dem Spiel. Wer sich nicht abmüht, wer sich nicht rechtzeitig und im rechten Tun abmüht, der schließt sich selber aus. Nur die ehrliche Mühe ist der Weg zur Freude, zur ewigen Freude bei Gott.

Die Frohbotschaft Jesu - das sollten wir aus dem heutigen Evangelium mit nach Hause nehmen - redet uns nicht nach dem Mund; sie verharmlost Gott nicht als einen uralten Mann, der keine Zähne hat. Die Frohbotschaft Jesu verheißt uns auch nicht ein leichtes und müheloses Leben mit einem permanenten Vergnügen. Die Frohbotschaft Jesu enthält manche unangenehmen, manche harten Wahrheiten. Wir dürfen diese Wahrheiten nicht ausblenden. Aber gerade weil Jesu Botschaft nichts verschleiert und nichts verschweigt, weil sie die ganze Wirklichkeit zeigt, die Wirklichkeit des Menschen, gerade deswegen weist sie uns auch den Weg zur Freude. Gerade so ist sie Frohe Botschaft, die wir nicht nur gelehrig, sondern auch voll Dankbarkeit aufnehmen können.

 

22. Sonntag: "Gottes Heil gilt allen"

Einführung

Wie verstehen wir uns eigentlich vor Gott? Wie leben wir vor ihm? Wissen wir uns in einer letzten Tiefe Gott zu Dank verpflichtet? Oder leben wir "von eigenen Gnaden"? Verstehen wir uns gar als gleichrangige Geschäfts-Partner Gottes? Dabei wissen wir doch: Unserem Leben ist Sinn gegeben deswegen, weil Gott uns hält; weil er gut zu uns ist - vorab jeder Leistung, die wir ihm präsentieren könnten. Darum sagen wir ihm, dem Geber alles Guten, Dank - gerade in der Feier der Danksagung, der Eucharistie. In dieser Feier wollen wir uns besinnen auf den guten Gott, der uns in Jesus Christus, seinem Sohn, diese Liebe und diese Güte offenbart, mehr noch: geschenkt hat.

    Herr Jesus Christus, du lehrst uns, Gott als unseren Vater zu erkennen
    - Herr, erbarme dich!
    Du willst, dass wir Gottes Güte und Liebe in dieser Welt zum Leuchten bringen
    - Christus, erbarme dich!
    Du willst, dass wir aus der großen Dankbarkeit leben
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Herr Jesus Christus, in deinem Leben hast du die Großen und Kleinen, die Reichen und die Armen in deine Nachfolge gerufen. Darum kommen wir voll Vertrauen mit unseren Bitten zu dir:

  • Du hast uns gelehrt, Gott unseren Vater zu nennen: schenke uns ein kindliches Vertrauen zu deinem und unserem Vater!
  • Du willst, dass wir wie die Kinder werden: nimm aus unseren Herzen allen Hochmut und alle Überheblichkeit!
  • Du hast dich allen Menschen geöffnet: gib uns die Kraft, die Armen und die Bedeutungslosen nicht zu verachten!
  • Du begegnest uns in unserem Alltag: lass uns dich und deine Gegenwart in den Armen und Kranken, in den Notleidenden und Bedeutungslosen erkennen!

Herr Jesus Christus, du willst, dass wir deine Güte in unserer Welt und in unserer Zeit zum Leuchten bringen. Wir bitten dich um die Kraft dazu, der du lebst und herrschst in Ewigkeit. Amen.

Predigt

Auf den ersten Blick scheint das heutige Evangelium nicht gerade etwas Wesentliches unseres christlichen Glaubens zum Thema zu haben. Der Sinn des Gleichnisses von den Tischplätzen scheint eher in einer klugen Lebensregel zu bestehen: Übt euch in Bescheidenheit; denn Hochmut kommt vor dem Fall. Gewiss, Jesu Gleichnis zielt zunächst auf den oft lächerlichen, ja krankhaften Ehrgeiz der Pharisäer und Schriftgelehrten untereinander. Der letzte Satz des Gleichnisses sollte uns jedoch vorsichtig machen: "Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden." Dieser Satz weist uns nämlich darauf hin, dass wir es mit einem Gerichtsgleichnis zu tun haben, mit einem Gleichnis für das Endgericht Gottes über die Menschen. Mit den Gerichtsgleichnissen wendet sich Jesus in der Regel an die Adresse der Pharisäer und Schriftgelehrten. In unserem Gleichnis will Jesus diesen Leuten sagen: Wer sich vor Gott groß dünkt, wer auf irgendetwas vor ihm pocht, wer andere gering achtet, der wird im Endgericht vor dem Herrn nicht bestehen können. Erst recht macht der Schluss der Belehrung an die Adresse seines Gastgebers deutlich, dass es Jesus um mehr geht als um eine lebenskluge Tischregel - und zwar nicht nur an die Adresse seines Gastgebers, sondern auch für uns heute.

Für Jesus besteht der Anfang des neuen Lebens darin, dass der Mensch lernt, seinen Gott ganz kindlich "Abba - Vater" zu nennen; und zwar deshalb, weil ihm aufgegangen ist, dass der Vater im Himmel ihn grenzenlos, ihn vorbehaltlos liebt; und dass er sich aus diesem Grund bei ihm geborgen weiß, wissen darf. "Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, könnt ihr nicht in das Himmelreich eingehen." Zu diesem "Kleinwerden" gehört allerdings das Eingeständnis der eigenen Unvollkommenheit, der eigenen Bedürftigkeit, der eigenen Schuld. Zu diesem "Kleinwerden" gehört das, was wir mit einem verbrauchten Wort "Demut" bezeichnen; zu diesem "Kleinwerden" gehört das Bemühen um die "Armut im Geiste", die sich bewusst ist, vor Gott auf nichts pochen zu können, das Gott gleichsam in Zugzwang bringen könnte. Gott lässt sich nicht erpressen, auch nicht durch unsere sogenannten "Verdienste". Solange wir Gott etwas bieten, etwas präsentieren wollen, möchten wir den Himmel gleichsam käuflich erwerben. Der Himmel ist nicht käuflich zu erwerben! Gott verschenkt den Himmel nur: an Arme und Demütige. Wir sind keine gleichrangigen Geschäftspartner Gottes. Wir Christen bekennen uns zu einem Heil, das wir nicht selber "leisten" können; wir bekennen uns zu einem Heil, das unverdient und unverdienbar ist. Vor Gott ist nur groß, was aus der Demut kommt. "Demut" aber heißt nicht: Unterwürfigkeit und Ich-Schwäche. "Demut" heißt Wahrhaftigkeit, Selbsterkenntnis, die rechte Selbsteinschätzung, und zwar nicht nur vor den Menschen, sondern vor allem vor Gott.

Jesus macht seine Tischgenossen noch auf einen anderen Punkt aufmerksam. Diese Leute verkehren offensichtlich nur mit ihresgleichen. Nur eine bestimmte Gruppe von Leuten wird als ebenbürtig anerkannt. Mit ihnen gibt es Austausch und Gemeinschaft. Das drückt sich in den gegenseitigen Einladungen aus. Der Kreis ist beschränkt, und es wird Wert darauf gelegt, exklusiv zu bleiben. Die Einfachen und die Armen, die Bedeutungslosen sind ausgeschlossen; sie sind außen vor. Jesus meint, dass diese Exklusivität, dass der Ausschluss der Einfachen und Bedeutungslosen aufgebrochen werden muss; und zwar deshalb, weil diese Exklusivität eine Verengung auf das eigene Ich und auf die als ebenbürtig Anerkannten ist; auf die, von denen man sich etwas verspricht, die einem nützlich sind. Dieser Kreis muss aufgebrochen werden für die, die an den Rand gedrängt sind. Diese müssen Platz und Raum haben nicht nur in der Welt überhaupt, sondern in unserem Leben und Denken. Den vier Gruppen "Freunde, Brüder, Verwandte und reiche Nachbarn" stellt Jesus die anderen Gruppen gegenüber: "die Armen, Krüppel, Lahmen und Blinden". Nach den Maßstäben, die in der Welt gültig sind, bringt der Umgang, die Gemeinschaft mit den Armen und Bedeutungslosen nichts ein; er steigert nicht das Sozialprestige. Aber gerade diese Armen und Bedeutungslosen dürfen nicht ausgeschlossen werden; gerade mit ihnen soll - so will es Jesus - Gemeinschaft gepflegt werden; gerade diese verachteten Leute sollen als gleichwertig, vor Gott als ebenbürtig anerkannt werden - von uns!

Mit dieser Auffassung will Jesus in keiner Weise die Gemeinschaft, das Mahl mit den Freunden, mit den Verwandten und Nachbarn verbieten. Er wendet sich aber entschieden gegen die Exklusivität und gegen den Ausschluss der Armen und Bedeutungslosen. Die eigentliche und tiefste Begründung für diese "Öffnung" besteht darin, dass es bei der Auferstehung der Gerechten, dass es im Himmel Gottes keine exklusiven Gruppen geben wird. Im Himmel gibt es keine zwei "Seligkeiten"; im Himmel gibt es keine "Zwei-Klassen-Gesellschaft": auf der einen Seite die höheren Ränge der Gesellschaft, auf der anderen Seite die Bedeutungslosen; hier die Christen und dort die Nichtchristen; hier die Katholiken und dort die Protestanten. Im Himmel sind die Armen und die Bedeutungslosen gleichberechtigt mit denen, die hier gesellschaftlich höher stehen. Und wenn wir diese hier auf Erden als minderwertig ansehen, sie als minderwertig behandeln und verachten, dann müssen wir - wie im Gleichnis - im Reiche Gottes die letzten Plätze einnehmen; ja, dann schließen wir uns aus der Gemeinschaft mit Gott aus.

Das Gleichnis von den Tischplätzen, der Gegensatz also von Hochmut und Demut, von Selbstherrlichkeit und Liebesbereitschaft wird von Jesus noch verdeutlicht durch sein eigenes Beispiel. Damit wird unser Gleichnis auch zu einem Bild für die Weltgeschichte, für den rücksichtslosen Kampf aller um die Macht, ohne nach dem Geschick der Kleinen und der Bedeutungslosen zu fragen. Ein Blick in unsere Welt dokumentiert diese Rücksichtslosigkeit, die buchstäblich über Leichen geht. Von Bethlehem und Nazareth bis Golgotha nimmt Jesus immer den letzten Platz ein. Was Jesus also im Gleichnis sagt, das ist mit seinem ganzen Leben, mit seinem Leiden gedeckt, das wird in seinem Leben und Leiden deutlich. Er steht auf der Seite derer, die die Letzten der Menschheit sind. So intensiv, so überdeutlich hat er sich dem letzten Platz verbunden, dass er neben seine Gegenwart in der Eucharistie eine zweite Weise seiner Gegenwart gestellt hat: "Ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen... Was ihr einem von diesen Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan." Er, der uns in der Eucharistie an seinen Tisch lädt, will uns dahin führen, so zu leben, dass wir ihn auch auf den Straßen des Alltags, auf den Straßen unseres Lebens finden, in unseren armen Brüdern und Schwestern.

Nehmen wir dies mit in unseren Alltag: Vor Gott ist nur groß, was aus der Demut kommt; d. h. was aus der Wahrhaftigkeit und aus der Liebe kommt. Wir sind Kinder Gottes, die ihn unseren Vater nennen dürfen; der gut zu uns ist, weil er gut ist. Diese Güte Gottes, die uns zuteil geworden ist, sollen wir in dieser Welt zum Leuchten bringen, seine Güte zu allen Menschen. Gott schließt niemand von seinem Heil aus. Gottes Heil gilt allen. Gott ist nicht ein exklusiver Gott. In der Beachtung gerade der Einfachen und der Bedeutungslosen wird in unserem Leben sichtbar, dass Gott auch heute unter uns gegenwärtig ist. Diese Vergegenwärtigung der Liebe und Güte Gottes ist uns Christen aufgetragen.

 

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