Lesejahr B
Weihnachtszeit

 

Weihnachten: "Gottes Zeichen - das Kind in der Krippe"

Einführung

Viele Menschen leben heute in großer Angst und Sorge vor der Zukunft. Auch wir Christen leben in dieser Welt, die sich vom Untergang bedroht fühlt. Aber in aller Drohung und Gefährdung setzen wir unsere Hoffnung auf den Herrn. Wir wissen uns nicht einem blinden Geschick ausgeliefert, sondern in Gottes Hand. Wir glauben daran, dass Gott uns liebt; dass er für uns Sorge trägt; dass er uns nie fallen lässt. Das Kind in der Krippe ist das Zeichen und das Unterpfand dieser Liebe, dieser Sorge und Treue Gottes zu uns. Darum wollen wir zu Beginn dieser heiligen Feier voll Vertrauen zum menschgewordenen Herrn rufen - aus unserer so dunklen Welt.

    Herr Jesus Christus, du bist Mensch geworden aus Maria, der Jungfrau
    - Herr, erbarme dich!
    Du wurdest den Hirten offenbart als der Heiland aller Menschen
    - Christus, erbarme dich!
    Du rufst auch uns an deine Krippe und in deine Nähe
    - Herr, erbarme dich!

Es erbarme sich unser der allmächtige Gott! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Lasset uns voll Vertrauen beten zu Gott, unserem guten Vater im Himmel, der uns seinen Sohn als unseren Erlöser und Heiland geschenkt hat!

  • Öffne unsere Herzen für die Frohe Botschaft der Weihnacht!
  • Gib uns und allen Menschen deine Gnade und deinen Frieden!
  • Gib uns füreinander den Blick der Liebe, das rechte Wort und die helfende Tat!
  • Schenke allen Einsamen und Verlassenen die weihnachtliche Freude!
  • Nimm unsere Verstorbenen auf in deine himmlische Herrlichkeit!

Gütiger Gott und Vater, du hast uns deinen Sohn geschenkt. Erhöre darum unsere Bitten, mit denen wir zu dir kommen, durch ihn, Jesus Christus, unseren Herrn. Amen.

Predigt

Die Einleitung in die Geburtserzählung des Evangelisten Lukas ist provozierend irdisch: "Es geschah in jenen Tagen, dass vom Kaiser Augustus ein Befehl ausging." Den Ton gibt Augustus an und sein Statthalter Quirinius. Es geht also um die Welt, in der sie regieren. Sie befehlen. Und auch Josef und Maria fügen sich ihrem Befehl. Sie tun, was alle anderen auch tun müssen: sie lassen sich registrieren. Sie gehorchen dem Kaiser und seinem Statthalter. Am Ziel der Reise bringt Maria ihr Kind zur Welt - in diese Welt! Das Ereignis wird fast beiläufig erwähnt. Es geschieht nichts Außergewöhnliches. Kein Engel hütet die Krippe. Maria wickelt das Kind in Windeln, wie jede Mutter es tut. Man erwartet Engel und himmlischen Glanz. Man findet Alltäglichkeiten: Staatsgewalt, Steuereintreibung, Reise, Geburt, Windeln. Gott scheint abwesend zu sein. Das Auffallende ist eigentlich nur dies: das neugeborene Kind wird in eine Futterkrippe gelegt.

Gewiss fällt von den alttestamentlichen Verheißungen her ein erstes Licht auf unsere Erzählung, wo Bethlehem als Geburtsort des Messias genannt wird (vgl. Mich. 5, 1). Doch nicht von daher wird das Geschehen deutlich. Erst recht wird das Geheimnis des Neugeborenen nicht von den Menschen entdeckt. Nicht einmal die Eltern hätten es von sich aus entdeckt, wenn nicht Gott selbst zu ihnen gesprochen hätte. Das wird auch in unserer Erzählung deutlich: Gottes Wort an die Hirten ist Mitte und Höhepunkt der Erzählung. Und es ergeht an Leute, die nichts gelten und keinen guten Ruf genießen. Sie tun, was alle Hirten tun: sie sorgen sich für ihr Vieh, sie wachen bei ihrer Herde. Nichts weist darauf hin, dass sie für eine Begegnung mit Gott besonders geeignet oder vorbereitet wären. Sie sind Letzte, die zu Ersten werden. Mitten in ihrer alltäglichen Arbeit ("auf dem Felde") werden sie von der Herrlichkeit Gottes umstrahlt. Und sie geraten in Furcht und Entsetzen. Weihnachten ist nun einmal ohne dieses tiefe Erschrecken nicht zu verstehen. Gott ist in der Tat unberechenbar.

Diesen Menschen verkündet der Bote Gottes die große Freude. Es ist jene große Freude der Heilszeit, die mit der Verkündigung des Messias angesagt ist (vgl. Lk. 1, 28); die in seiner Geburt aufbricht (Lk. 2, 10) und von ihm ausstrahlt bis hin zur Himmelfahrt (Lk. 24, 52). Diese große Freude, die den Hirten (und uns!) verkündet wird, kommt nicht vom Menschen; sie kommt zum Menschen. Sie ist nicht von ihm erfunden; sie wird von ihm empfangen. Gott selbst meldet sich in ihr zu Wort, und er erschließt den Hirten, uns allen den Sinn dessen, was das geschehen ist. Die Anrede "Euch" meint nicht nur die Hirten, sondern "alles Volk", das Volk Gottes. Das verheißene Heil ist da: in diesem Kind! Gott ruft den Neugeborenen aus als den verheißenen Messias, als den Retter und Herrn. Und er offenbart damit, dass er selbst in diesem Kind zu uns gekommen ist. Diese göttliche Botschaft wird entfaltet durch die himmlischen Heerscharen: "Herrlichkeit Gott in der Höhe und auf Erden Friede!" In diesem Kind, im neugeborenen Messias bricht die Herrlichkeit Gottes ein in die Welt und bringt den Menschen das Heil. Das verdanken sie nicht dem eigenen guten Willen, sondern allein dem Wohlgefallen Gottes, seiner freien Erwählung.

Der feierlichen Verkündigung an die Hirten folgt der Hinweis auf das Zeichen. Die Hirten und damit alle Hörer der Frohbotschaft werden verwiesen auf das unscheinbare Kind in der Krippe. Damit ist der Bogen geschlagen zum ersten Teil der Erzählung. Gott, der in dem ganz und gar profanen, ja fast banalen Geschehen zu schweigen scheint, er bringt dessen wahre Bedeutung ans Licht. Er weist auf das Zeichen hin, das ohne ihn übersehen würde. Und im Hören auf sein Wort gehen die Augen auf. Aber, das Wort und die bezeichnete Wirklichkeit scheinen sich zu widersprechen: auf der einen Seite die Proklamation des Messias - dort die Futterkrippe! Hier der Retter und Herr - dort das Kind in Windeln! Wer soll und wer kann das alles miteinander vereinen? Allein der Glaubende kann einen Zusammenhang finden. Der Glaube sieht, dass in diesem Kind die Erniedrigung, die Selbstentäußerung Gottes in die Knechtsgestalt beginnt (vgl. Phil. 2,5-11), sein Weg in unsere Welt, der am Kreuz enden wird. Gott ist wahrer Mensch, ein Kind in Windeln gewickelt (zweimal wird das gesagt, damit niemand es überhört!); er ist kein Wunderkind; er ist nur ein Erdenkind. Er stellt sich ganz auf unsere Seite - so unscheinbar, dass man ihn übersehen und verkennen kann; dass man ihn nur im Hinhören auf die Offenbarung des Himmels wahrnimmt. Damit zeigt sich aber auch, wer in Wahrheit der Herr der Geschichte ist. Es sind nicht Augustus und Quirinius. Es ist Gott. Mag der Kaiser sich selbst als Herrn und Retter der Welt preisen, in Wahrheit herrscht der, den Gott selbst als Herrn und Retter proklamiert hat und den die Glaubenden als solchen bekennen: Jesus Christus.

Nachdem die Engel entschwunden sind, sind die Hirten allein. Und doch sind sie nicht verlassen. Denn sie sind innerlich erfüllt von dem "Geschehen, das der Herr kundgetan hat" (2, 15). Sie haben sein Wort gehört. Sie sind von seiner Herrlichkeit gepackt. Sie erweisen sich als Menschen seines Wohlgefallens. Sie zeigen, was Glaube heißt. Sie machen sich eilends auf. Für sie gibt es nun nichts Wichtigeres mehr. Sie kommen ans Ziel. Aber was finden sie schon? Ein Elternpaar und das Kind in der Krippe - nichts Übermenschliches! Soll das etwas mit Gott zu tun haben? Doch so ist es ihnen verheißen: "Ihr werdet ein Kind finden, in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegend" (2, 12). Hier allein ist Gott zu finden. Und was die Hirten sehen, das verbinden sie mit dem, was ihnen gesagt wurde. Sehen und Hören kommen zur Einheit - im Glauben! Sie sehen, wo es eigentlich nichts Besonderes zu sehen gibt, keinen Schimmer der Herrlichkeit, die sie bei der Botschaft des Engels umstrahlte. Sie sehen trotzdem in diesem Kind den Retter, den Christus, den Herrn. Und da sie gesehen haben, tun sie kund, was ihnen verkündet wurde. Sie werden zu Boten der Frohbotschaft. Wer die frohmachende Botschaft Gottes hört, der sagt sie weiter. Wer sich selbst nur daran erbauen oder gar ergötzen will, der hat sie wohl nie gehört.

Eine Anregung, eine Einsicht sollten wir aus der Geschichte der Geburt unseres Herrn, aus der Geschichte von den Hirten mitnehmen in unseren Alltag - dorthin, wo auch der Weg der Hirten wieder endete. Wir finden Gott nicht im Übermenschlichen, im Großartigen. Wir finden ihn auch nicht im Lärm und Geschrei, von dem die Welt ja voll ist. Wir finden Gott im Unscheinbaren und Kleinen, im Stillen, in der Banalität unseres Alltags. Und selig sind wir, wenn wir dann zum Glauben kommen an den, der so und nur so unser Retter sein will; der so und nur so unser Retter ist: "Jesus - Gott schenkt Heil!"

 

Hl. Familie: "Jesus - das Heil der Völker"

Einführung

Im Eröffnungsvers der heiligen Messe heißt es heute: "Die Hirten eilten hin und fanden Maria und Josef und das Kind, das in einer Krippe lag." Das bedeutet: sie fanden den ihnen verkündeten Retter, den Sohn Gottes "als Mensch unter Menschen" (Kommunion-Vers), geboren in einer Familie. Diese Familie hat in einzigartiger Weise in Gott ihren Bezugspunkt, weil der menschgewordene Gott selbst zu ihr gehört. Die durch die Gegenwart dieses Kindes verwirklichte Gemeinschaft mit Gott macht ihre Heiligkeit aus. Auch wir sind gerufen, Gemeinschaft mit Gott zu verwirklichen, den Herrn zur Mitte, zum Fundament unseres Lebens zu machen. Darauf wollen wir uns wieder besinnen; und wir wollen den menschgewordenen Herrn bitten um seine Hilfe, um sein Erbarmen, um seine Treue.

    Herr Jesus Christus, du wolltest als Mensch unter Menschen geboren werden
    - Herr, erbarme dich!
    In Maria und Josef hast du Menschen gefunden, die für dich da waren
    - Christus, erbarme dich!
    Du willst, dass auch wir dich bei uns aufnehmen
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Herr Jesus Christus, du wurdest Mensch wie wir und bist als Kind in einer Familie groß geworden. Du kennst unsere Sorgen und Nöte. Höre darum heute, am Fest der Heiligen Familie, unsere Bitten:

  • Für die Kirche: dass sich unsere Familien, Eltern und Kinder, in der Gemeinschaft der Glaubenden geborgen fühlen!
  • Für die Verantwortlichen in der Gesellschaft: dass sie sich für die Familie, die Keimzelle des Lebens, einsetzen!
  • Für unsere Familien: dass wir uns immer wieder neu um Wege des guten Miteinander und Füreinander bemühen!
  • Für uns alle: dass wir uns auf die Suche nach dir begeben, und dass wir dich finden im Hause unseres Vaters!
  • Für unsere verstorbenen Eltern und Angehörigen: dass sie bei dir den Lohn finden für alles Gute, das sie an uns getan haben!

Herr, wo dein Geist ist, da kann ein Miteinander wachsen, Vergebung geschenkt und Leben gewagt werden. Um diesen Geist bitten wir dich für unsere Familien - heute und immer! Amen.

Predigt

Der Text des heutigen Evangeliums passt eigentlich nicht recht zum Fest der Heiligen Familie. Denn im Mittelpunkt steht weniger die Heilige Familie. Im Mittelpunkt steht vielmehr ein alter Mann: Simeon: "Siehe, ein Mann lebte in Jerusalem. Und dieser Mann war gerecht und fromm; er wartete auf den Trost Israels." Im Tempel von Jerusalem erlebt Simeon die Stunde, auf die er sein ganzes Leben gewartet hatte. Im Tempel begegnet er dem "Trost Israels" - in einem Kind; in diesem Kind, das Maria und Josef zum Tempel tragen. Soll dieses Kind etwa der Trost, die Rettung, das Heil Israels, das Heil der ganzen Welt sein? Es ist doch nur ein Kind wie andere auch, wenn man es mit den blinden menschlichen Augen ansieht. Aber für den Sehenden, für den vom Gottesgeist sehend gemachten Glaubenden ist dieses Kind die Erfüllung aller Hoffnung: "Da nahm Simeon das Kind in seine Arme und pries Gott mit den Worten: Nun lässt du, Herr, deinen Knecht in Frieden scheiden. Denn meine Augen haben das Heil geschaut, das du vor allen Völkern bereitet hast, ein Licht, das die Heiden erleuchtet." In diesem unscheinbaren Kind erkennt Simeon das Licht, das den Dunst und den Nebel dieser Welt durchdringt. In diesem Kind können auch wir das Heil der Welt, unser Heil erkennen; das Licht, das auch unsere Herzen erwärmen und erhellen kann.

Am 4. Oktober 1669 starb in Amsterdam der große Maler Rembrandt. Man begrub den Toten in einem Armengrab. Der einst so angesehene und reiche Maler war nach dem Tod seiner geliebten Frau Saskja völlig herunter gekommen und verarmt. Als ihm Hendrickje, seine treue Gehilfin, und dann auch noch Titus, sein einziger am Leben gebliebener Sohn, wegstarben, da war Rembrandt am Ende seiner Kraft. Vereinsamt starb er, von seinen einstigen Gönnern und Freunden längst vergessen. Nach seinem Tod fand man auf seiner Maler-Staffelei sein letztes Bild, noch nicht ganz vollendet: der greise Simeon singt sein Abschiedslied, das Jesuskind auf seinen Armen. Ob sich der Maler mit diesem letzten Werk für das Sterben rüstete? Ob er, der Vereinsamte, in diesem Simeon noch einmal sich selbst und seine Situation zum Ausdruck bringen wollte wie im vorausgegangenen Bild von der Heimkehr des verlorenen Sohnes? Ich kann mir das sehr gut vorstellen.

Das Bild des Simeon zeigt einen alten Mann mit weißem Haar und Bart, der ein Kind merkwürdig frei auf seinen Unterarmen hält, während seine Hände nach vorne greifen, als streckten sie sich einem Unbekannten entgegen. Die Augen des alten Mannes sind nach innen gerichtet, als sähen sie ganz nahe, was sie von weither erwartet hatten. Sein Mund ist halb geöffnet, als wollte er das überwältigende Glück der Stunde in Worte fassen. Ein wunderbares Licht, wie nur Rembrandt es malen kann, überflutet von oben her die ganze Gestalt. Das Licht fällt auf die Stirn des Simeon; es erleuchtet das Kind auf seinen Armen; es berührt seine tastenden, geöffneten Hände. Viele Male hat Rembrandt diese Szene skizziert. Jetzt, in seinem letzten Bild, wird sie zu seinem Vermächtnis; wird sie zu seinem ergreifenden Abschiedsgesang, den er zusammen mit Simeon singt: "Nun lässt du, Herr, deinen Knecht in Frieden scheiden. Denn meine Augen haben das Heil gesehen, das du für alle Völker bereitet hast: ein Licht, das die Heiden erleuchtet, und Herrlichkeit für dein Volk Israel."

Das Lied des Simeon und Rembrandts Bild deuten und ergänzen sich gegenseitig. Durch beide geht es wie ein tiefes Aufatmen. Es ist, als löse sich (endlich!) eine fast übermenschliche Spannung - in die Gebärde der ersehnten Begegnung hinein. Das Warten eines ganzen langen Lebens, das Harren und Hoffen auf den "Trost Israels": sie waren nicht umsonst gewesen. Die Augen, die nicht aufgehört haben, Ausschau zu halten nach der Erfüllung durch Gott, sie sind endlich sehend geworden. Nun schauen sie, erleuchtet durch den Gottesgeist, im kleinen Kind, in dem Kind, das Maria und Josef in den Tempel bringen, das Unterpfand dafür, dass Gott begonnen hat, sein Wort endgültig wahr zu machen: "Meine Augen haben dein Heil gesehen, das du für alle Völker bereitet hast."

Das Lied des greisen Simeon ist aber noch mehr. Es ist der prophetische Gesang des ganzen gläubigen Israel. Das Volk Israel hat seinen Dienst am Heil der Welt im Warten auf den Messias getan. Nun kann es im Frieden scheiden. Gott händigt ihm in diesem Kind Mariens den so lange Ersehnten, den Messias buchstäblich aus. Gott gibt ihn aus der Hand und legt ihn Simeon, legt ihn Israel in die Arme. Vom Geist erfüllt, preist Simeon in ihm Gottes Geschenk für alle Völker. In diesem Kind geht endlich Gottes Licht und Herrlichkeit über Israel auf; in diesem Kind kommt Gottes Friede und Heil zu allen Menschen. Und was Simeons Abschieds-Lied in geisterfüllten Worten kündet, das leuchtet in Rembrandts Abschieds-Bild im Spiel von Licht und Farben auf dunklem Grund auf: die leise Antwort Gottes auf unser tiefstes Hoffen und Sehnen nach Licht und nach Frieden. So kann nur jemand malen, dem durch viel Dunkel und Leid hindurch die Augen des Herzens geöffnet wurden - für den Herrn, für das Heil der Welt.

Simeons Abschieds-Lied und die Botschaft von Rembrandts letztem Bild appellieren an den Simeon in uns. Sie machen uns Mut. Wenn wir lernen, auszuharren im Ausschauhalten nach dem Trost, den Gott gibt, den nur Gott geben kann, wenn wir uns alle Selbsttröstungen versagen, dann werden wir sehend werden - und wäre es erst im Abschiednehmen. Unsere Augen werden dann nicht nur Un-Heil entdecken, von dem die Welt ja voll zu sein scheint. Unsere Augen nehmen dann wahr Gottes Heil - Gottes Heil für uns und für die Vielen. Jeden Abend legt die Kirche ihren Gläubigen das Lied des greisen Simeon in den Mund. Sein Lied ist die Mitte ihres Nachtgebetes. Mit diesem Lied nimmt sie Abschied vom Tag. Und mit dem Lob auf das "Licht zur Erleuchtung der Heiden" umfängt die Gemeinschaft der Glaubenden alles Un-Heil, das immer noch auf dieser Erde herrscht. Auch in der Friedlosigkeit der Welt wagt sie zu singen: "Nun lässt du, Herr, die, die an dich glauben, in Frieden scheiden." Auch in dunklen Zeiten vergisst sie nicht, die Herrlichkeit Gottes zu rühmen, die im verherrlichten Christus der tiefe Grund ihrer Wirklichkeit ist. Sie stimmt also kein Klagelied an der Schwelle von Tag und Nacht an, sondern sie singt den Lobpreis Gottes, obwohl es doch so viel zu klagen gäbe.

Wir feiern nun miteinander Eucharistie. Wir sagen Dank für das Heil, das Gott uns in Jesus Christus hat zuteil werden lassen; das er uns geschenkt hat. Gottes Heil und seine Huld sind immer unverdient und unverdienbar. Wir können sein Geschenk nur annehmen. Wir können es nur entgegennehmen. Wir können nur unsere Hände danach ausstrecken. Das Kind in der Krippe von Bethlehem, das Kind in den Armen des greisen Simeon ist auch uns geschenkt; es ist auch uns anvertraut; es ist auch uns gleichsam in die Arme gelegt. Es bedarf auch unseres Schutzes, es bedarf unserer Zuwendung. Der Herr, der das Licht im Dunkel der Welt ist, wird dann auch unsere Herzen erhellen und erwärmen; er wird uns ermutigen und trösten in einer "un-heilen" Welt. Halten wir Ausschau nach dem Herrn? Sind unsere Hände geöffnet, ihn zu empfangen, ihn zu umfangen? Sind unsere Herzen sensibilisiert für seine Botschaft? Lasst uns um diese Offenheit bitten, um diese "Sympathie" für den Herrn.

 

Neujah: "Bereitmachen für das Kommen des Herrn"

Einführung

Zu Beginn eines Neuen Jahres schauen die Menschen in die Zukunft aus: voller Hoffnungen, voller Zweifel, voller Angst auch vor dem, was das kommende Jahr wohl bringen wird. Wie froh wären viele, wenn sie einen Blick in die Zukunft werfen könnten; wenn sie Gewissheit hätten. In einem Gedicht aus China heißt es: "Ich sagte zu dem Engel, der an der Pforte des neuen Jahres stand: Gib mir ein Licht, damit ich sicheren Fußes der Ungewissheit entgehen kann! Aber er antwortete: Geh nur hin in die Dunkelheit, und lege deine Hand in die Hand Gottes! Das ist besser als ein Licht und sicherer als ein bekannter Weg." Das sollten wir uns zu Beginn des neuen Jahres sagen: Wir wissen uns in Gottes Hand; wir sind nicht einem blinden, einem bösen Geschick ausgeliefert. Wir wissen uns in Gottes Liebe und Treue geborgen: er lässt uns nie fallen. Wir wollen darum den fleischgewordenen Herrn, das Kind in der Krippe um die Kraft zu diesem Glauben bitten, um seine Hilfe in unserer Schwachheit.

    Herr Jesus Christus, du bist von deinem Vater ausgegangen vor aller Zeit
    - Herr, erbarme dich!
    Du bist für uns Mensch geworden und hast unter uns gewohnt
    - Christus, erbarme dich!
    Du bist das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Lasst uns heute am Beginn eines Neuen Jahres voll Vertrauen zu unserem Herrn Jesus Christus beten, der uns in dieser Eucharistiefeier zusammen geführt hat:

  • In deiner Geburt ist uns die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes offenbar geworden: Gib, dass wir nicht aufhören, für alles Gute zu danken!
  • Du hast Maria, deine Mutter, mit Gnade erfüllt: lass auch uns teilhaben am Reichtum deiner Gnade!
  • Du kamst in die Welt, die Frohe Botschaft zu verkünden: Schenke der ganzen Welt dein Erbarmen und deinen Frieden!
  • In deiner Menschwerdung bist du unser aller Bruder geworden: Hilf uns, als Brüder und Schwestern miteinander zu leben!
  • Du hast dich als das Heil der Welt erwiesen: Schenke unseren Verstorbenen dein ewiges Leben!

Herr Jesus Christus, du schenkst uns deine Liebe und dein Erbarmen. Lass uns dir dafür immer danken, und schenke uns auch in diesem neuen Jahr deinen Schutz, der du lebst und herrschst in Ewigkeit. Amen.

Predigt

Kein Zeitpunkt lädt so sehr zu einer Besinnung ein wie der, den die Menschen in dieser Nacht mehr oder weniger klar erlebt haben: das Ende des vergangenen Jahres, den Anfang eines neuen. Aber diese notwendige Besinnung wird weitgehend unmöglich gemacht durch allen möglichen Lärm. Ja, man hat den Verdacht, diese Besinnung solle durch Lärm verhindert werden. Gewiss, wir dürfen uns freuen und dieser Freude auch Ausdruck geben: noch da zu sein; ins neue Jahr kommen zu dürfen. Wenn man aber genauer hinschaut, hat man da nicht den Eindruck, als sei noch etwas anderes dabei als diese Freude? In der Fröhlichkeit, wie wir sie in der Silvesternacht erleben, da scheint doch etwas anderes dabei zu sein: nämlich die Angst. Die Menschen, die im Neujahrstrubel den Schritt über die Zeitgrenze tun, fürchten sich. In früheren Zeiten waren es Hexen, Dämonen, Wesen der Hölle, die Angst und Schrecken einjagten. Heute tragen die "Dämonen" andere Namen: CO 2, Cs, BSE.

Warum fürchten sich die Menschen? Weil sie dem wirklichen Ende nicht ins Auge sehen wollen; auch nicht dem wirklichen Anfang. Notwendig wäre, dass ein Abschluss geschähe; dass eine Bilanz gezogen, irgendeine Art von Rechenschaft gegeben würde: eine Rechenschaft vor dem eigenen Gewissen, letztlich vor Gott. Und echtes Anfangen würde mehr bedeuten als nur die Spannung: bald geht der Uhrzeiger durch den Punkt. Echter Anfang würde ein Sichtrüsten bedeuten für das Neue; ein Bereitmachen für neue Aufgaben; ein Ausschauen nach dem Weg, der vor uns liegt. Wie sähe nun für einen Christen eine derartige Bilanz aus und ein echtes Bereitmachen?

Fragen wir uns einmal: Wie steht es mit der Außenansicht, mit der Fassade, die wir an der Straße unseres Lebens errichtet haben? Haben wir vor den anderen im vergangenen Jahr Theater gespielt? Was stand eigentlich im Mittelpunkt des Tuns? Die eigene Ehre und unser Image? Das Lob der Menschen, die Karriere, die dicke Brieftasche? Was haben z. B. die vielen Worte, die wir gesagt haben, bezweckt? Auch unsere anscheinend so teilnahmsvollen Worte? Da stellen wir vielleicht mit Bestürzung fest, dass unser Alltag eine einzige Lüge ist: wir lügen uns gleichsam durch das Leben - selbst dann, wenn wir die Wahrheit sagen; denn meist reden wir die Wahrheit nicht um ihrer selbst willen, sondern nur um unseretwillen. Ist unser Leben nicht oft ein Ausweichen? Ist es nicht so, dass wir uns den Dingen, den Ereignissen, den Menschen nicht stellen wollen? Dass wir uns nicht festlegen lassen? Hören wir den anderen wirklich zu? Gehen wir vorüber, wenn ein Mensch Not leidet - vielleicht gar mit einem lächelnden Gesicht? Geben wir der wirklichen Not des anderen Raum in unserem Leben? Oder kaufen wir uns etwa los von dieser Verpflichtung mit einer Spende?

Leben wir nicht oft in den Tag hinein? Wehren wir uns nicht gegen das, was uns fordert? Entwickeln wir nicht Gewohnheiten und Lebensregeln, die unabänderlich sind? Entsteht nicht eine Lebenslangeweile, eine Hohlheit des gesamten Lebens, eine Fassade, eine Maske? Werden wir nicht unzugänglich, unempfindlich für das Unerwartete, für das Gnadenhafte? Schwindet nicht die Erwartung dessen, was den Menschen doch im tiefsten bewegt: die Hoffnung auf Güte, Begegnung, Freundschaft, Liebe? Und fangen wir nicht an, die anderen nicht mehr zu verstehen? Nichts darf geschehen, was den festen Rahmen unseres Dahinlebens stören oder gar erschüttern könnte. Es schwindet nicht nur die Antenne für das, was wir mit Opfermut, mit Liebe bezeichnen; es schwindet auch die Antenne für die Welt des Glaubens: für Gott, für Jesus Christus, für seine Liebe zu uns; für das, was wir mit dem Wort "Gnade" bezeichnen.

Wir alle erliegen immer wieder der Gefahr der Lebenslüge, der Gefahr des Dahinlebens, der Starrheit, des Egoismus, des Stumpfseins gegenüber anderen; vor allem gegenüber der Welt Gottes. Und es wird alles darauf ankommen, im neuen Jahr Menschen zu sein, in deren Leben die Echtheit, die Wahrheit, das Eigentliche und Wesentliche unseres Menschseins aufleuchtet. Wie sähe aber ein solches Leben aus? Wir müssten Menschen sein, die aufnahmefähig sind. Ein Mensch, der aufnahmefähig ist, will von uns nichts. Er versucht nicht, etwas von uns zu erreichen. Er will niemand an sich binden, unterwerfen. Vielmehr öffnet er sich vorbehaltlos. In einem solchen Menschen ist Raum für die anderen. Er sieht genau, was recht und was unrecht ist; aber er richtet und verurteilt nicht. Er ist nie selbstgerecht. Er gebraucht die Wahrheit nie als eine Waffe. Er ist ein Mensch der Demut, der weiß, selber schwach zu sein, aber auch der Geduld mit anderen.

Ein solcher Mensch macht aber auch die Erfahrung: man muss wahrhaftig sein; aber man kann es nicht vollkommen. Es bleibt eine Lücke zwischen dem, was er möchte, und dem, was er tatsächlich erreicht. Und gerade in diesem Erleben der eigenen Unzulänglichkeit erfährt der Mensch - Gott! In dieser Erfahrung leuchtet Gott auf. So wie im Leben der Apostel, so wie im Leben von Maria und Josef Jesus Christus aufgeleuchtet ist. In der Begegnung mit dem menschgewordenen Gott haben sie erlebt, wie es ist, wenn der Glanz Gottes in einem Menschenantlitz aufleuchtet - so sehr, dass Petrus erkennen muss: "Herr, geh weg von mir, ich bin ein sündiger Mensch!" In der Begegnung mit Jesus wird ihnen bewusst: Ich bin angewiesen auf diesen erfüllenden Gott. Sie alle, Maria und Josef, die Apostel, sie waren zuerst "verwundert", dann "betroffen". Sie erlebten: mit diesem Jesus kann man nicht "spielen". Und das ist im Grunde unsere eigene Situation. Wie stellen wir uns zum menschgewordenen Gott? Wie steht es mit unserem Glauben an ihn? "Spielen" wir nur mit ihm? Paulus schreibt einmal: "Prüfet euch selbst, ob ihr im Glauben seid! Stellt euch selbst auf die Probe! Oder erkennt ihr nicht an euch selbst, dass Jesus Christus in euch ist? Wenn nicht, dann habt ihr die Probe nicht bestanden." (2. Kor. 13, 5) Das gibt dem Leben die Richtung. Jesus Christus wird zur Mitte, zur Hauptsache, nichts anderes. Dann gelangen wir zum Licht: "Einst wart ihr Finsternis, jetzt aber seid ihr Licht im Herrn. Wandelt als Kinder des Lichtes!" (Eph. 5, 8) Dann entsteht das "brennende Herz", dann entsteht die Bereitschaft für seinen Dienst.

Die Feier der Eucharistie heute am Neujahrstag soll uns zu einer Prüfung, zu einer Besinnung führen, eine Bilanz über das Vergangene zu machen und uns für das Kommende bereit zu machen als Christen, als Glaubende; mehr noch: uns bereit zu machen für den Kommenden, für Jesus Christus, den Sohn Gottes. In diesem Sinn, dass wir ihm in diesem neuen Jahr näher kommen, dass wir ihn mehr und mehr zum Fundament unseres Lebens machen, wünsche ich Ihnen allen ein gesegnetes, ein gutes Neues Jahr.

 

2. Weihnachtssonntag: "Der Mensch - das Bild Gottes"

Einführung

In Jesus Christus hat uns Gott seine Liebe erwiesen; in ihm hat er uns erwählt und als seine Kinder angenommen - so hören wir heute in der Lesung aus dem Epheserbrief. Verstehen wir uns als Menschen und Christen aber von dieser Gegebenheit her? Ist diese Gegebenheit die Basis unseres Lebens? Bestimmt sie unser Denken und Verhalten - nicht nur bei bestimmten Anlässen, sondern auch in unserem Alltag? Wir wollen uns zu Beginn dieser Eucharistiefeier wieder auf diese Grundgegebenheit besinnen: auf unseren guten Vater im Himmel, aus dessen Güte und Erbarmen wir alle leben.

    Herr Jesus Christus, du bist von deinem himmlischen Vater ausgegangen vor aller Zeit
    - Herr, erbarme dich!
    Du bist für uns Mensch geworden und hast unter uns gewohnt
    - Christus, erbarme dich!
    Du bist das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Lasset uns voll Vertrauen beten zu unserem Herrn Jesus Christus, der in seiner Menschwerdung unser Bruder geworden ist, und der uns in seine Nähe gerufen hat.

  • Du kamst als Gottes Wort in diese Welt: Mache die Diener deiner Botschaft zum Licht auf dem Weg zu dir!
  • Die Welt hat dich nicht erkannt: zeige dich allen Menschen als das Heil, nach dem sie sich sehnen!
  • In dir kam das Licht in diese Welt: erleuchte die Nicht-Glaubenden und die Gleichgültigen und überwinde ihre Vorurteile!
  • Du nimmst die, die an dich glauben, als deine Kinder an: gib uns die Kraft, Not und Elend dieser Erde zu lindern!
  • Du hast unter uns gewohnt: ermögliche mit unserem Einsatz allen Menschen ein menschenwürdiges Dasein!

Guter Gott, du hast uns in deinem Sohn dein Heil kundgetan. Du selbst willst uns mit deinen Gaben erfüllen. Darum bitten wir dich durch Jesus Christus, unseren Herrn. Amen.

Predigt

Solange Menschen nachgedacht und geforscht haben, kreiste ihr Denken, aber auch ihr Tun um das Thema "Mensch". Immer ist der Mensch auf der Suche nach sich selbst. Der Mensch ist aber nicht nur das suchende, das fragende Wesen. Er ist mehr noch das "frag-würdige" Wesen - in diesem doppelten Sinn: des Fragens würdig, des Fragens wert wegen seiner Größe; vielleicht aber noch mehr wegen seiner Abgründigkeit, wegen seiner Schrecklichkeit. "Viel Gewaltiges, viel Furchterregendes gibt es auf der Erde; aber nichts, was gewaltiger, was mehr furchterregend ist als der Mensch." (Sophokles) "Mich habe ich gesucht" - mit diesem Satz des Heraklit beginnt die Geschichte der abendländischen Philosophie. Und wir kennen alle das Gebetswort des Psalmisten: "Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst?"

Was sich hinter solchen Aussagen verbirgt, das ist das Bedürfnis, das ist die Sehnsucht nach einem festen Ausgangspunkt, nach einem Fundament, das Halt gibt; nach einem Richtbild für das Handeln, das außerhalb jeder Diskussion stehen müsste; das uns vorgegeben ist - wenigstens wir Christen sind davon überzeugt, dass wir ein solches Richtbild brauchen; dass der Mensch nicht das Maß aller Dinge sein kann - dies angesichts der Fragen heute nach dem Anfang und nach dem Ende des menschlichen Lebens, angesichts der Fragen der Politik, der Wirtschaft, der Wissenschaften. Sowohl in der heutigen Lesung aus dem Epheserbrief, aber auch im Evangelium wird uns dieses ersehnte Fundament, ein derartiges Richtbild vor Augen gestellt: es ist der lebendige Gott, der sich uns offenbart hat in seinem Sohn Jesus Christus.

Von Anfang an hat die Christenheit gewusst, dass man den Menschen nur von Gott her richtig verstehen kann. Der Mensch trägt die Verwiesenheit auf den unendlichen Gott in sich - in der Sprache der Bibel: "Gott schuf den Menschen nach seinem Bild; nach dem Bilde Gottes schuf er ihn." (Gen. 1, 27) Das hat zur Konsequenz: Wir können und wir dürfen uns als Menschen nicht nur von uns selber her verstehen und entwerfen. Wir alle sind auf etwas anderes, auf etwas viel Tieferes und Grundlegenderes als wir selbst bezogen und darauf angewiesen. Wir bedürfen eines absoluten Bezugspunktes außerhalb unserer selbst, von dem allein her wir in unserer Existenz und in unserer Würde gesichert sind. Für uns Menschen ist nach christlicher Auffassung dieser notwendige Bezugspunkt Gott, unser Vater im Himmel. Ihm verdanken wir, wie auch immer, unser Wesen und unser Dasein. Wenn wir uns nur von uns selbst her, von innerweltlichen Werten oder Gegebenheiten bestimmen lassen, dann werden wir die Sklaven unserer selbst, dann werden wir die Sklaven von innerweltlichen Gegebenheiten; dann werden wir die Sklaven unserer Glückssehnsüchte. Diese Gegebenheiten treten dann an die Stelle Gottes. Sie werden zu den neuen Götzen des Menschen, von denen er sein Heil erwartet und - angesichts der heillosen Welt - auch erwarten muss. Er verfällt ihnen. Doch es gilt: "Viel leidet, wer fremden Göttern dient." Die Baale fressen ihre eigenen Kinder.

Mit dieser fundamentalen Gegebenheit, dass Gott die Mitte und der tragende Grund unseres Lebens ist, sein müsste, steht eine zweite in unlösbarem Zusammenhang. Im "Seinwollen-wie-Gott", im Anspruch des Menschen, Gott nicht zu brauchen, sein Genügen am Greifbaren und Sichtbaren zu haben, darin liegt nach christlicher Auffassung die Ursache für die Unordnung in der Welt, für jegliches Leid und Unrecht, für die Friedlosigkeit. Diese "Unheils-Situation" wird in allen Religionen und Weltanschauungen gesehen. Gemeinsam ist ihnen auch die Frage nach den Ursachen und danach, wie diese Unheils-Situation überwunden werden kann, also die Frage nach der "Erlösung" des Menschen. Aber auch hier ist die Erkenntnis wichtig: diese Unheils-Situation, in der sich der Mensch befindet, kann nur von Gott her überwunden werden. Paulus spricht diese Tatsache im Römerbrief so aus: "Es liegt nicht an jemandes Wollen und Laufen; es kommt auf das Erbarmen Gottes an." (Röm. 9, 16) Unser Glaube an den menschgewordenen Gott drückt genau dies aus: "Erlösung" geschieht durch Gott allein. Das Kind in der Krippe weist uns außerdem hin auf den eigentlichen und den tiefsten Beweggrund: Gottes Liebe zu seinem Geschöpf, die nie vergeht. Gott lässt uns nie fallen. In seinen Händen sind wir gehalten und geborgen.

Unlösbar und untrennbar von dieser Glaubensüberzeugung (dass wir erlöst sind aus "Gnade", weil Gott uns liebt) verbunden ist, dass wir auch erlöst, dass wir auch befreit sind vom Zwang zur Selbsterlösung. Gott hat uns nicht geliebt, weil wir "Prachtexemplare" der Menschheit sind - dann hätte er sich den "Ausflug" auf diese Erde und den Gang ans Kreuz von Golgotha sparen können! Gott hat uns geliebt, als wir noch Sünder waren, wie Paulus einmal sagt. Wir sind angewiesen auf die Hand Gottes, die er uns entgegenstreckt. Heil wird uns nicht zuteil aufgrund der menschlichen Perfektion, zu der wir es aus eigenen Kräften bringen. Wer hätte dann überhaupt eine Heils-Chance? Das hebt freilich unser Mitwirken, unser Mittun und unsere sittliche Anstrengung nicht auf. Wir bemühen uns, gute Menschen zu sein, weil wir uns von Gott geliebt und gehalten wissen; aus Dankbarkeit bemühen wir uns um ein der Erlösung, der Liebe Gottes entsprechendes Leben. Gerade dieses Wissen um die Unverdientheit und um die Unverdienbarkeit des Heils und der Zuwendung Gottes gibt uns eine Gelassenheit der eigenen Leistung gegenüber und macht uns aufnahmebereit für Gott und seine Liebe und Huld.

Angesichts der vielen Heilslehren heute wissen wir Christen um das unverdiente und unverdienbare Heil, das Gott uns in seinem Sohn Jesus Christus zuteil werden lässt: wir sind erlöst aus Gnade, weil Gott uns liebt. Darin besteht, darauf beruht die unaufgebbare, die unverlierbare Würde des Menschen; und auch im Falle der "Nichtmehrverwertbarkeit" des Menschen bleibt er der von Gott Geliebte und von ihm bei seinem Namen Gerufene. Das ist ein Kernpunkt der christlichen Botschaft. Und diese Überzeugung muss im Christentum bleiben. Es hat immer Platz gegeben für "nutzlose" Menschen. Die Grundworte des Christentums heißen Gnade und Erbarmen, und nicht Leistung und Erfolg. Eine Auffassung jedoch, die den Menschen nur von sich selbst her, von seinem Machen und Leisten her, von innerweltlichen Gegebenheiten her versteht, eine solche Auffassung macht ihn zum Sklaven, zum Götzendiener; sie degradiert ihn mit Folgerichtigkeit zu einem auswechselbaren, zu einem gesichtslosen Glied des gesellschaftlichen Kollektivs. Entweder verstehen wir uns von Gott her und von seiner Liebe und Gnade - und das schenkt uns die innere Freiheit allem gegenüber. Oder wir verstehen uns von uns selbst her, von innerweltlichen Gegebenheiten, von einem irdischen Götzen - das führt mit Notwendigkeit in Unfreiheit und Sklaverei, in die Unmenschlichkeit. Diese Alternative sollten wir vor Augen haben. Gerade die Lesungen des heutigen Sonntags, aber auch das weihnachtliche Geschehen der Menschwerdung Gottes, das Kind in der Krippe rufen uns in diese Entscheidung. Sie ermutigen uns aber auch, uns von Gott her zu verstehen, auf ihn unser Leben zu gründen.

 

Erscheinung des Herrn: "Die drei anderen Weisen"

Einführung

"Wir haben seinen Stern gesehen!" So lautet die Auskunft der Männer, die sich auf den Weg nach Jerusalem gemacht haben, um dem neugeborenen König der Juden zu huldigen. Sie erleben die "Sternstunde" ihres Lebens, als sie in Bethlehem das Kind finden. Sie fallen nieder und beten an. Wer waren diese Männer, und was zeichnete sie aus? Es waren Suchende; es waren Menschen, die bereit waren, Vertrautes hinter sich zu lassen, um den zu finden, der allein die Sehnsucht des Herzens zu stillen vermag. Sind wir Suchende? Wissen wir uns unterwegs zum Herrn, der unserem Suchen Erfüllung schenken kann? Besinnen wir uns und erbitten wir uns vom Herrn den Mut zum Suchen und das Glück des Findens.

    Herr Jesus Christus, du hast den Weisen deinen Stern geschickt
    - Herr, erbarme dich!
    Du hast die Weisen gerufen, dich zu suchen
    - Christus, erbarme dich!
    Du hast den Weisen das Glück geschenkt, dich zu finden
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Lasset und voll Vertrauen beten zu unserem Herrn Jesus Christus, der seine Liebe und Güte, aber auch seine Macht und Herrlichkeit den Menschen kundgetan hat:

  • Du kamst als König Israels: Richte auf dein Reich und mache es durch die Gläubigen kund bis an die Grenzen der Erde!
  • Herodes erschrak über die Botschaft von deiner Ankunft: Zeige deine Liebe und Güte zu denen, die vor dir erschrecken!
  • In Bethlehem, der Stadt Davids, wurdest du geboren: Erleuchte in deiner Güte das Volk, das noch immer auf dich wartet!
  • Die Weisen brachten Geschenke und huldigten dir: Lass alle Menschen das Heil erkennen, das du uns bereitet hast!
  • Die deine Botschaft erkannten, waren von Freude erfüllt: Erfülle mit Freude die Trauernden, mit Vertrauen die Zweifelnden und mit Zuversicht die Mutlosen!

Herr Jesus Christus, du Heiland der Welt, dir sei Lob und Herrlichkeit unter den Völkern der Erde! Sende dein Licht, damit alle zu dir hinfinden, der du lebst und herrschst in Ewigkeit. Amen.

Predigt

Immer wieder haben die Gläubigen das Geschehen der Menschwerdung unseres Herrn betrachtet, zu verstehen gesucht. Sie haben sich gefragt, wie sie die Glaubenswahrheit der "Erlösung" verständlicher, gleichsam in einem Bild anschaulich machen könnten. So sind unendlich viele weihnachtliche Legenden entstanden. Legenden - das sollten wir bedenken - drücken in einer anschaulichen Weise Wahrheiten aus, menschliche, religiöse Wahrheiten. Sie wollen keine Fakten erzählen. Auch der Inhalt des heutigen Festes der Erscheinung des Herrn ist immer wieder durch Legenden dargestellt und verdeutlicht worden; denken Sie nur an die Verwandlung der drei Magier in Könige; oder an die Legende vom vierten König, der erst am Todestag Jesu in Jerusalem eintrifft. Vor einiger Zeit habe ich eine Legende gefunden, die in ähnlicher Weise den Zusammenhang zwischen Menschwerdung und Jesu Tod am Kreuz zum Inhalt hat. Diese Legende ist mir unter die Haut gegangen. Sie lautet so:

Kaum hatten die drei vornehmen Gäste aus dem Morgenland auf höheren Befehl Bethlehem verlassen, da nahten sich drei andere Gestalten. Sie kamen ohne Gefolge, unauffällig und unansehnlich. Der erste von ihnen ging in Lumpen einher und schaute hungrig und durstig umher. Hohle Augen, die zu viel Leid gesehen hatten, saßen in den tiefen Höhlen. Der zweite ging vornüber geneigt. Er trug an den Händen Ketten. Vom langen Tragen und von der weiten Reise war er wundgescheuert an Händen und Füßen. Der dritte hatte wirre Haare, verzweifelte Augen und einen unsteten und suchenden Blick, als ob er nach etwas Verlorenem Ausschau hielt. Die Leute, die um das Haus des Neugeborenen herumstanden, wichen scheu zurück, als sie diese drei Gestalten sich nahen sahen. Sie rückten zusammen und schienen beinahe einen Gürtel um das Haus zu legen, um die drei am Eintreten zu hindern. Auch sahen sie, dass die drei nichts trugen, das sie als Gabe hätten abgeben können. Waren sie etwa gekommen, um etwas zu holen? Mancher dachte an das Gold, das von den eben Weggezogenen im Haus niedergelegt worden war. Jeder hatte davon erzählen hören. Hatten vielleicht auch diese etwas von dem Gold vernommen? Immer stärkeres Gemurmel erhob sich gegen die seltsamen Ankömmlinge. Da wurde die Tür von innen geöffnet; Josef trat heraus. Er beschwichtigte die Leute und sprach: "Zu diesem Kind hat jeder Zutritt - arm und reich, elend und vornehm, anständig oder unanständig, vertrauenswürdig oder verdächtig. Es gehört niemandem allein. Nicht einmal uns, seinen Eltern. Lasst sie herein!"

Dann standen die drei vor der Krippe und betrachteten lang und stumm das Kind. Bei diesem Anblick wusste keiner mehr, wer ärmer war: das Kind auf dem Strohlager oder seine Betrachter. Alle schienen in dieselbe Niedrigkeit eingetaucht und eingeschlossen zu sein - der in den Lumpen, der mit der Kette, der mit dem traurigen Blick und das Kind. Da brach Josef das Schweigen. Er fühlte, dass er der am reichsten Beschenkte war, und es drängte ihn, seinen großen Dank für das Empfangene nun auch diese Armseligen spüren zu lassen. In einer Nische der Wand neben der Krippe leuchteten die drei Gaben, welche die vornehmen Besucher hingelegt hatten. Er hob sie auf und streckte sie den Fremden entgegen: dem Zerlumpten das Gold, dem Gefesselten die Myrrhensalbe und dem Traurigen den Weihrauch.

Und er sprach zum ersten: "So wie ich es ansehe, bedarfst du am ehesten des Goldes. Kaufe dir damit Nahrung und Kleidung!" Und zum zweiten sprach er: "Ich kann dir zwar deine Ketten nicht abnehmen, aber siehe, diese Salbe wird deinen geschundenen Händen und Füßen wohl tun." Und zum dritten sprach er: "Nimm diesen Weihrauch. Sein Wohlgeruch wird deine Trauer zwar nicht vertreiben, aber veredeln und wird deine Seele erquicken."

Doch die drei schüttelten einmütig Hände und Köpfe. Der erste antwortete: "Ich danke dir für dein großes Angebot. Aber sieh mich an! Wer bei mir Gold findet, wird mich sogleich als Dieb verdächtigen. Behalte das Gold für dein Kind. Du wirst es bald brauchen können." Der zweite antwortete: "Ich habe mich an meine Wunden gewöhnt. Ich bin an ihnen zäh und stark geworden. Behalte die Myrrhe für dein Kind. Wenn es geschundene Hände und Füße haben wird, kann sie ihm helfen." Der dritte antwortete: "Ich komme aus der Welt der Religionen und Philosophen. Ich bin an ihnen irre geworden. Ich glaube nichts mehr. In der Wüste des Denkens habe ich Gott verloren. Was soll mir da der Weihrauch? Er würde nur meine Zweifel umnebeln. In seinem blauen religiösen Dunst würde er mir nur leere Bilder vorgaukeln. Aber er könnte mir Gott nicht ersetzen."

Alle entsetzten sich über diese Worte und bedeckten ihre Gesichter mit den Händen. Auch Maria und Josef. Nur das Kind lag da, mit unbedeckten offenen Augen. Da traten die drei ganz nahe zu ihm hin und sprachen: "Du bist nicht aus der Welt des Goldes, der Myrrhe und des Weihrauchs - so wenig wie wir. Du gehörst in unsere Welt der Not, der Plage und des Zweifels. Darum bringen wir dir dar, was uns und dir gemeinsam ist." Der erste nahm einige seiner Lumpen und legte sie auf das Stroh. Und er sprach: "Nimm meine Lumpen! Du wirst sie einst tragen, wenn sie dir deine Kleider nehmen und du allein und nackt sein wirst. Gedenke dann meiner!" Der zweite nahm eine seiner Ketten und legte sie ihm neben die Hand. "Nimm meine Fesseln. Sie werden dir passen, wenn du älter sein wirst. Man wird sie dir einst umlegen, wenn man dich wegführt. Denke dann an mich!" Der dritte beugte sich tief über das Kind und sprach: "Nimm meinen Zweifel und meine Gottverlassenheit! Ich habe sonst nichts. Ich kann sie allein nicht tragen. Sie sind mir zu schwer. Teile sie mit mir! Nimm sie ganz in dich auf, schreie sie aus und trage sie vor Gott hin, wenn du so weit sein wirst!"

Das Kind lag da, mit offenen Augen und Ohren zu den drei Männern hingewendet. Nach langem Schweigen erhoben sich die drei. Sie streckten sich aus, als ob etwas Schweres von ihnen gefallen wäre. Sie hatten den Ort gefunden, wo sie ihre Last hatten niederlegen können. Sie wussten, dass bei diesem Kind alles in treuen Händen bewahrt und bis zuletzt hindurchgehalten würde: die Not, die Plage und die Gottverlassenheit. Mit zuversichtlichem Blick und festem Schritt traten sie aus dem Haus, hinaus in ihr begrenztes und mitgetragenes Elend.

 

Taufe des Herrn: "Jesus - Gottes geliebter Sohn"

Einführung

Mit dem heutigen Sonntag, dem Fest der Taufe Jesu, geht die Weihnachtszeit zu Ende. Weihnachten als das Kommen, als das Offenbarwerden Gottes in unserer Welt beschränkt sich also nicht auf die Kindheit Jesu. Zu diesem Offenbarwerden gehört das ganze Leben Jesu. Und die Kirche hat von alters her in besonderer Weise in der Taufe Jesu dieses Offenbarwerden Gottes, das Aufleuchten des göttlichen Glanzes in Jesus Christus gesehen. Die Stimme vom Himmel nennt Jesus seinen geliebten Sohn. Gottes Geist ruht auf ihm. In der Kraft dieses Gottes-Geistes wird Jesus seinen Weg gehen, den Menschen Gottes Heil verkünden und nahe bringen und sich hingeben für die Vielen. Besinnen wir uns darum wieder darauf, heute am Fest der Taufe Jesu, wer Gott, wer Jesus Christus für uns ist.

    Herr Jesus Christus, über dir öffnete sich der Himmel
    - Herr, erbarme dich!
    Auf dich kam Gottes Heiliger Geist herab
    - Christus, erbarme dich!
    Die Stimme vom Himmel nannte dich Gottes geliebten Sohn
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Heute, am Fest der Taufe Jesu im Jordan, kommen wir voll Vertrauen zu dir, unserem guten Vater im Himmel, mit unseren Bitten und Anliegen:

  • Zusammen mit dem ganzen Volk ließ auch Jesus sich taufen: Gib uns die Kraft, deinen Willen anzuerkennen und zu erfüllen!
  • Während Jesus betete, öffnete sich über ihm der Himmel: Gib uns Mut und Vertrauen, im Gebet bei dir zu sein!
  • Dein Geist kam auf Jesus herab: Schenke uns Freiheit und Geborgenheit in dir, dem Grund unseres Lebens!
  • Die Stimme aus dem Himmel nannte Jesus den geliebten Sohn Gottes: Lass uns deinen Sohn anerkennen als unseren Heiland und Erlöser!

Gott, unser Vater, in der Taufe am Jordan hast du uns Jesus offenbart als deinen Sohn, an dem du Wohlgefallen hast. Lass unsere Sehnsucht nach dem Heil, nach Geborgenheit und Freiheit in ihm die Erfüllung finden. Darum bitten wir durch ihn, Christus, deinen Sohn. Amen.

Predigt

Die Frage: "Wer ist eigentlich dieser Jesus?" ist so alt wie die Christenheit. Diese Frage bewegt gerade heute viele Menschen. Oft allerdings ist die Antwort heute diese, dass viele in Jesus nur einen großen Menschen sehen, einen der vielen Religionsstifter, aber nicht den Sohn Gottes. Die Frage: "Wer ist eigentlich dieser Jesus?" hat aber auch schon die Zeitgenossen Jesu bewegt. Und sie hat ihren Niederschlag gefunden in den Schriften des Neuen Testaments, vor allem in den Evangelien. Ein bezeichnendes Beispiel dafür ist die Erzählung über die Taufe Jesu im Jordan durch Johannes. In dieser Erzählung will der Evangelist Markus auf diese Grundfrage eine Antwort geben. Um diese Antwort aber richtig zu verstehen, müssen wir die Eigenart dieses Textes beachten. Es dürfte klar sein, dass dieser Text nicht zu lesen ist als eine Reportage eines neutralen Beobachters, sondern als eine Aussage, die den Glauben der ersten Christen zum Ausdruck bringt und Menschen zum Glauben an Jesus als den Christus, als den Sohn Gottes führen will.

Übereinstimmend mit den anderen Evangelien berichtet Markus, dass in den Tagen, als Johannes am Jordan predigte, Jesus aus seiner Heimat Nazareth aufbrach und sich dorthin begab, wo der Täufer wirkte. Der Evangelist berichtet weiter, dass Jesus sich von Johannes taufen lässt. Dieses Faktum der Taufe Jesu durch Johannes steht außer Zweifel. Doch diese Tatsache war für die ersten Christen so ungeheuerlich, ja so anstößig, dass sie von sich aus diese Tatsache wohl kaum behauptet hätten. Beim Evangelisten Matthäus heißt es: "Johannes hinderte Jesus und sprach: Ich habe es nötig, von dir getauft zu werden, und du kommst zu mir? Jesus aber antwortete und sprach zu ihm: Lass es jetzt! Denn so geziemt es sich für uns, die ganze Gerechtigkeit zu erfüllen." (Matth. 3, 14-15) Offensichtlich haben die ersten Christen die Taufe Jesu als schwer vereinbar mit seiner Überlegenheit über den Täufer Johannes empfunden. Bedeutete die Taufe Jesu denn nicht, ein Sünder zu sein und der Reinigung zu bedürfen? Eine Taufe Jesu war also nur schwer mit der Überzeugung von der Einzigartigkeit und der Sündenlosigkeit Jesu zu vereinbaren.

Das ist wohl der Grund, warum der Evangelist Markus seinem Bericht von der Taufe Jesu noch folgende Sätze hinzufügt: "Als Jesus aus dem Wasser stieg, sah er, dass der Himmel sich öffnete und der Geist wie eine Taube auf ihn herabkam. Und eine Stimme aus dem Himmel sprach: Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden." Was meint der Evangelist mit diesen Sätzen? Ist so etwas überaus möglich, dass der Himmel sich öffnet; dass eine Stimme vom Himmel her spricht? Sicherlich entstammen diese Vorstellungen einem Weltbild längst vergangener Zeiten, einem Weltbild, das uns völlig fremd ist. Aber was sollte mit diesen "Bildern" ausgesagt werden, denen wir ja auch sonst in den Schriften des Alten und des Neuen Testamentes begegnen? Das Sichöffnen des Himmels sagt in unserem Text aus, dass der Himmel, d. h. dass Gott selbst sich Jesus zuwendet; dass Gott selbst sich diesem Jesus, der wie ein Sünder von Johannes getauft wurde, mitteilt, offenbart. Das sichtbare Herabsteigen des Geistes veranschaulicht, dass auf Jesus, der sich in der Taufe erniedrigt, der verheißene Gottesgeist ruht; dass Jesu Leben und Werk von Gottes Geist bestimmt sind. Was in den beiden Bildern bzw. Zeichen angedeutet ist, das wird durch die Stimme aus dem Himmel ausgesprochen und verdeutlicht: "Du bist mein geliebter Sohn; an dir habe ich Gefallen gefunden."

"Sohn Gottes" ist einer der Titel, mit denen Jesus von den ersten Christen angerufen wurde. Bei den Juden war dieser Titel "Sohn Gottes" ein Name für den König, der in sein Amt eingesetzt wurde. Jesus wird im Neuen Testament oft "Sohn Gottes" genannt, weil er aufgrund seiner Auferstehung von Gott als Messias und Herr eingesetzt wurde. Der Evangelist Markus hat aber den Ausdruck "Sohn Gottes" nicht mehr nur als einen Amtstitel verwendet. Er hat ihn vielmehr (ähnlich wie Paulus und der Evangelist Johannes) als eine Herkunftsbezeichnung aufgefasst: Jesus ist der von Gott stammende "Sohn", der zu Gott in einer einzigartigen Weise "Abba - mein Vater" sprechen darf. Diese Bedeutung findet ihren Höhepunkt im Bekenntnis des Hauptmanns unter dem Kreuz von Golgotha: "Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn!" (Mk. 15,39) Auf diese Bedeutung weist ferner in unserem Text ein Zusatz hin: "Du bist mein ‚geliebter' Sohn." Diesen Zusatz finden wir auch noch bei der Verklärung des Herrn auf dem Berge und im Gleichnis von den bösen Winzern. Freilich sollten wir auch bedenken, dass der Ausdruck "Sohn" nur ein Hilfsbegriff aus unserer irdischen Welt ist, mit dem die ersten Christen versucht haben, das im Tiefsten unbegreifliche Verhältnis Jesu zu Gott auszusprechen. Auch sie wussten sehr wohl, dass Jesus in einer ganz anderen Weise "Sohn" seines himmlischen Vaters war als z. B. Simon-Petrus der Sohn des Jona gewesen ist.

Die Stimme aus dem Himmel sprach: "Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden." Dieser Satz bedeutet: Gott heißt gut, dass Jesus sich in die Schar der Büßer und der Täuflinge eingereiht hat. Die Herablassung Jesu steht also nicht im Widerspruch zu seiner Sendung und zu seiner Würde. Was nach menschlichem Maßstab ein Ärgernis und eine Zumutung zu sein scheint, gerade das findet Gottes Zustimmung. Die feierliche Erklärung "An dir habe ich Gefallen gefunden" bezieht sich aber kaum auf die Taufe im Jordan allein. Sie nimmt offensichtlich auch Bezug auf die andere "Taufe" Jesu, auf die Passion, mit der er "getauft" werden muss, wie es im 10. Kapitel des Markus-Evangeliums heißt. Und dieses schmachvolle Sterben Jesu am Kreuz war für die ersten Christen noch mehr als die Erniedrigung bei der Taufe im Jordan ein Ärgernis, mit dem sie fertig werden mussten.
Die Erzählung über die Taufe Jesu im Jordan enthält also neben der Tatsache der Taufe eine Aussage, die das Geschehen in das rechte Licht rückt und zugleich eine Antwort gibt auf die Frage: "Wer war und wer ist eigentlich dieser Jesus?" Die Antwort des Evangelisten lautet: Jesus ist derjenige, der gerade in seiner Erniedrigung einen besonderen Zugang zu Gott hat; er ist der, auf dem Gottes Geist ruht; er ist der, der von Gott selbst als "geliebter Sohn" angesprochen wird; er ist der, dessen Solidarität mit dem sündigen Menschen von Gott selbst gut geheißen wird. Jesus kommt in einzigartiger Weise von Gott; er ist Gottes Gabe an uns; und er kündet uns, wie es im Kolosserbrief heißt, als "Bild des unsichtbaren Gottes", wer Gott ist. Jesus ist und bleibt auch in seiner Erniedrigung Gottes "geliebter Sohn". Darum ist seine Taufe im Jordan in der Liturgie der Kirche auch als "Epiphanie" verstanden worden, d. h. als das "In-Erscheinung-Treten" des unsichtbaren Gottes und die Offenbarung seiner Sorge um uns Menschen.

Was das Neue Testament über die Gottessohnschaft Jesu, über seine Taufe und die damit gegebene Offenbarung schreibt, das ist - so meine ich - auch für uns heute bedeutsam. Dass dieser Jesus Sohn Gottes war und ist, das gibt uns die Antwort auf unser Suchen und Fragen nach Gott. Dieser Jesus ist das Bild des unsichtbaren Gottes; und er kündet uns, wer Gott eigentlich ist. Dann lehrt uns die Taufe Jesu, wie sehr Gott selber den sündigen Menschen ernst nimmt; denn Jesus hat sich in die Reihe der Sünder gestellt, um uns alle von unserer Schuld zu befreien. Durch diesen Jesus, durch seinen "geliebten Sohn", will uns der himmlische Vater Anteil geben an seinem Geist. Durch diesen Jesus hat der Vater uns zu seinen Söhnen und Töchtern erwählt. Genau dies kommt in der Taufe zum Ausdruck, die wir empfangen haben. Und wie die Taufe Jesu erst in seinem Leiden und Sterben, in der Passion ihre Vollendung gefunden hat, so fordert unsere Taufe von uns, dass wir diese in unserem Leben und Sterben nachvollziehen. So helfen wir mit, die Güte des unsichtbaren Gottes, unseres Vaters im Himmel, in dieser Welt sichtbar werden zu lassen.

 

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