Lesejahr B
Fastenzeit

1. Fastensonntag

2. Fastensonntag

3. Fastensonntag

4. Fastensonntag

5. Fastensonntag

Palmsonntag

Gründonnerstag

 

 

1. Fastensonntag: "Vom Geheimnis der Freiheit"

Einführung

Die österliche Bußzeit, die am Aschermittwoch begonnen hat, stellt uns vor die Frage, was für uns im Leben wichtig ist. Ist es nur das tägliche Brot? Ist es die Genugtuung, beachtet und bewundert zu werden? Ist es der Einfluss und die Macht, die wir ausüben? Im Evangelium hören wir heute davon, dass sogar Jesus versucht wurde, Gott und seiner Sendung untreu zu werden. "Nicht nur von Brot lebt der Mensch, sondern von jedem Wort aus Gottes Mund." So wissen wir es aus der ausführlicheren Erzählung unserer Begebenheit durch den Evangelisten Matthäus. Leben wir von jedem Wort aus Gottes Mund? Gründen wir in dem, der dieses Wort gesprochen hat? Besinnen wir uns zu Beginn dieser Eucharistiefeier heute am ersten Fastensonntag. Und bitten wir um Vergebung für allen Unglauben, für alles Abweichen von seinem Wort.

    Herr Jesus Christus, du sagst uns: Nicht nur von Brot lebt der Mensch
    - Herr, erbarme dich!
    Du sagst uns: Vor dem Herrn, deinem Gott, sollst du dich niederwerfen und ihm allein dienen
    - Christus, erbarme dich!
    Du sagst uns: Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Lasset uns beten zu unserem Herrn Jesus Christus, der sich uns offenbart hat als Gottes Sohn, und der uns aufruft, ihm und seinem Wort im Glauben nachzufolgen.

  • Du hast vierzig Tage in der Wüste gefastet und den Versuchungen des Bösen widerstanden: Hilf deiner Kirche, das Böse zu überwinden!
  • Du hast Hungernde gespeist und Kranke geheilt: Mach uns bereit, den Armen und Notleidenden zu helfen!
  • Du hast Tote zum Leben auferweckt: Führe die Sünder zurück zum Leben der Gnade!
  • Du rufst auch in unserer Zeit Männer und Frauen in deinen Dienst: Gib, dass sie deinem Ruf bereitwillig Folge leisten!
  • Du hast alle Menschen zum himmlischen Mahl geladen: Erfülle unsere Verstorbenen mit deiner Liebe!

Mit diesen Bitten kommen wir voll Vertrauen zu dir, unserem Herrn und Heiland. Erhöre, um was wir dich bitten, der du lebst und herrschst in alle Ewigkeit. Amen.

Predigt

Das Evangelium vom 40-tägigen Aufenthalt Jesu in Wüste ist uns bekannt. In der Wüste fastete und betete er; dort wird Jesus vom Teufel versucht - die Evangelien des Matthäus und des Lukas stellen gerade die Versuchungen anschaulich dar, im Gegensatz zu Markus. Diese Begebenheit aus dem Leben Jesu wird uns zu Beginn der Fastenzeit vor Augen gestellt. Ich meine, es sei deshalb richtig, etwas zum Sinn der Fastenzeit, zum Sinn von Opfer und Verzicht überhaupt zu sagen, und zwar in einer Zeit, die uns Menschen zeigt, die zu Konsum-Idioten geworden sind, zum Zerrbild von Menschen also, die von ihren Sehnsüchten nach Glückserfüllung geknechtet werden, die degeneriert sind zu ewigen Säuglingen.

Zunächst einige Hinweise darauf, was Fasten, was Opfer und Verzicht für uns Christen nicht bedeuten. Sie kommen nicht her aus einer Abwertung, aus einer Verachtung der Welt, der irdischen Werte, der menschlichen Wirklichkeit. Die Welt und der Mensch sind - auch nach dem Sündenfall - nicht in sich abgrundtief schlecht. Die irdische Wirklichkeit in ihrem vollen Umfang ist gut, weil sie vom guten Gott herkommt. Die Welt und der Mensch sind darum lohnende Objekte unserer Sorge, unseres Einsatzes. Keiner nimmt die Welt und den Menschen so ernst wie der Christ; denn Gott selbst hat diese Welt, hat den Menschen ernst genommen, "todernst" - Jesu Tod am Kreuz zeigt uns Gottes Liebe zum Menschen bis zum Tod. Gott liebt aber nichts Böses, nichts in sich Schlechtes. Gott liebt das Gute; Gott liebt den Menschen.

Fasten, Opfer und Verzicht sind ebenfalls nicht christlich, wenn sie geschehen, um die Erdenschwere zu verlieren; um den Geist aus der Umklammerung durch das Leibliche zu befreien. Auch hier gilt: wenn wir eine derartige Sinngebung auf Jesu Fasten anwenden, dann merken wir sofort, dass dies nicht der eigentliche Sinn sein kann. Darum ist unser Einsatz für die Welt und für den Menschen keine Beschäftigungstherapie, damit wir nicht auf dumme Gedanken kommen oder dem Müßiggang verfallen. Wir flechten nicht tagsüber Körbe, die wir nachts wieder auftrennen. Fasten, Opfer und Verzicht bedeuten also nicht ein Aufgeben, ein Totschlagen des Menschlichen, des Individuellen, des Originellen, des Kreativen. Das wäre eine Katastrophe. Gott kann mit einem Einheits-Typ des Christen nichts anfangen. Jeder ist eine einmalige Ausgabe. Und wir haben kein Recht, unser unverwechselbares Antlitz auszulöschen. Worin besteht dann aber der Sinn des Fastens, der Sinn von Opfer und Verzicht? Was meint eigentlich die christliche Grundhaltung der Opferbereitschaft? Dazu möchte ich einiges sagen.

Der Mensch ist so geschaffen, dass er sein Inneres, seine Gedanken nach außen zu erkennen gibt und zu erkennen geben kann. Im Wort, in einer Geste, in einem Verhalten drücken wir unser Inneres aus; wir teilen uns selbst mit. Alle unsere inneren Überzeugungen schaffen sich ihre leibhaften, ihre wahrnehmbaren "Ausdrucks-Formen". Was ist damit gemeint? Weinen und Lachen z. B. drücken die innere Stimmung eines Menschen aus: Trauer und Freude. Im Spiel stellt ein Kind im Grunde sich selbst dar; es spielt sich; ich kann sein Wesen dabei erkennen. Die Liebe zweier Menschen äußert sich in erkennbaren Zeichen der Liebe, in einem Ausdruck der Zuneigung. Diese Gesetzmäßigkeit gilt ohne Abstriche auch für die christlichen Grundhaltungen. Der Glaube, die Hoffnung, die Liebe verleiblichen sich in die Sichtbarkeit und Greifbarkeit hinein. Der Glaube des Christen an Gottes Heil und Erlösung zeigt sich im "Bekenntnis" vor der Gemeinde der Glaubenden. Die Taufe stellt in äußeren Zeichen, in einer "Zeichenhandlung" die Bekehrung dar, die Wende des Lebens - weg vom Nur-Eigenen, weg vom Nur-Menschlichen hin zum lebendigen Gott; was sich natürlich noch weiter entfaltet, entwickelt hinein in das Tun; in einem neuen Entwurf des Lebens, in einen neuen Lebensweg. Das äußere Tun ist also "Ausdruck" der inneren Gesinnung; das äußere Tun ist die "Probe aufs Exempel": ob es überhaupt eine innere Gesinnung gibt. Wo sich keine äußeren Formen feststellen lassen (von behaupteten inneren Haltungen, z. B. von Liebe), da fehlt - das mag hart und anmaßend klingen - die innere Gesinnung. Wo es kein leibhaftes Tun des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe gibt, da ist auch im Inneren nichts von diesen Haltungen da.

Dazu kommt noch etwas Bedeutsames hinzu. Alle inneren Einstellungen, Überzeugungen leben von der je neuen Übung und Betätigung. Die Liebe, die Freundschaft will gepflegt sein; sonst sterben sie ab. Wo der Glaube nicht je neu geübt, vollzogen wird (als Bekehrung, im Gebet), da geht er peu à peu flöten. Dieses Gesetz der Wiederholung, das ständige Training gehört zu unserem Dasein als Menschen hinzu. Übrigens lebt jede vernünftige Erziehung von diesem Gesetz her: der Einübung und der Gewöhnung. Das hat mit Dressur, mit Geistlosigkeit absolut nichts zu tun. Die sich dagegen auflehnen, haben nicht begriffen, was Menschsein bedeutet. Alles Können wird nur durch ständige Übung erworben und erhalten.

Wir haben uns anscheinend meilenweit von unserem Thema entfernt. Aber dem ist nicht so. Wir haben uns vielmehr einige allgemeine Wesensmerkmale erarbeitet, die wir nun übertragen können. Fasten, Opfer und Verzicht sind der Ausdruck einer inneren Einstellung. Wenn diese Einstellung vorhanden ist, wenn das Reden davon "wahr" ist, dann wird sich diese Einstellung notwendigerweise ihre Ausdrucksformen schaffen müssen. Diese "Formen" sind weitgehend "beliebig", also nicht festgelegt, oft auch individuell sehr verschieden. Und immer gilt das Gesetz der Wiederholung, auch das Gesetz der Einübung und Gewöhnung. Aber welche innere Einstellung kommt zum Ausdruck, wenn wir fasten, wenn wir auf etwas verzichten, wenn wir ein "Opfer" bringen?

Diese innere Einstellung ist die Höherschätzung eines anderen Wertes, anderer Werte. Worum es bei dieser Höherschätzung geht, sei mit folgenden Fragen verdeutlicht: Was kann diese Bereitschaft zum Fasten, zu Opfer und Verzicht "leisten"? Was bringt diese Einstellung? Oder besser: Was wird uns im lebendigen Vollzug gleichsam "dazu gegeben"? Unsere Bereitschaft zum Fasten, zum Verzicht hilft uns, unsere innere Freiheit zu wahren. Nur das, worauf wir verzichten, worauf wir verzichten können, nur das zwingt uns nicht. Nur dem gegenüber, worauf wir verzichten und verzichten können, sind wir frei. Der höhere Wert, um dessentwillen wir den Verzicht leisten, ist die Freiheit. Wer alles haben muss, wer alles behalten muss, der hat keine Freiheit mehr. Diese Gesetzmäßigkeit ist besonders in der Erziehung zu beachten. Schrankenloser Konsum, Erfüllung und Absättigung aller Wünsche und Sehnsüchte macht gerade den jungen Menschen manipulierbar und domestizierbar. Von früh an müsste Erziehung daher dahin führen: zu zeigen, dass die innere Freiheit den Werten dieser Welt gegenüber erkauft wird durch Opfer, durch Verzicht. Die dunkle Kehrseite der Medaille Freiheit ist nun einmal Verzicht und Opfer. "Niemand erfährt das Geheimnis der Freiheit, es sei denn durch Zucht." (D. Bonhoeffer)

Noch ein Gesichtspunkt kommt für uns Christen hinzu. Für uns Christen bedeutet dies: Wir sind immer in der Gefahr, die Dinge, die Menschen, irdische Werte zu vergötzen; sie als die Mitte unseres Lebens zu betrachten. Für den Christen kann es jedoch keine andere Mitte geben als Gott. Vor die Wahl gestellt, kann es für uns nur eine Entscheidung geben: für Gott! Um dieser Wahl für Gott willen ist der Verzicht sinnvoll, ja notwendig. Es muss sich darin eine "Umorientierung" vollziehen, eine Umkehr, eine Lebenswende - weg von dem vermeintlichen Mittelpunkt endlicher, irdischer Werte. Für uns Christen ist es nicht gleichgültig, was in der Mitte unseres Lebens steht, wen und was er "anbetet". Wer das für gleichgültig, für egal ansieht, der hat - wie mir scheint - den tragenden Boden schon verlassen. Von hierher ergibt sich die Sinnhaftigkeit z. B. einer Verpflichtung zum Verzicht, zur Askese, zum Fasten, etwa in einem Kirchengebot. Es bedeutet: es steht etwas Wichtiges auf dem Spiel! Dabei verweist uns die Kirche mit dem Fastengebot auf ein mögliches Feld, wo der Mensch in der Gefahr ist, keine Distanz mehr zu haben zu Werten; unterzugehen; einen Götzen zu haben ("Ihr Gott ist der Bauch!" - so Paulus einmal). Dabei geht unser Bemühen in erster Linie nicht darauf, unserem Leib etwas vorzuenthalten, was ihm "schmeckt"; sondern unser Bemühen richtet sich gegen unsere Selbstsucht, gegen unseren Egoismus. Unser Ich, wir selber sind ja meistens der Götze, der Anbetung und Dienst heischt.

Im Verzicht, im Opfer, im Fasten geht es also um eine Umorientierung: weg von uns selbst - hin auf den eigentlichen Mittelpunkt unseres Lebens: auf den lebendigen Gott. Wir müssen uns selbst aus der Mitte rücken und Gott wieder den Platz zuerkennen, der ihm und nur ihm zukommt. Dieser Prozess ist mühsam; er ist nicht nach unserem Geschmack; aber er ist notwendig; er ist zu unserem Heil. Darauf will uns die Kirche aufmerksam machen, wenn sie uns den Verzicht, das Fasten empfiehlt. Und das will uns Jesus selbst lehren, wenn er sich in die Wüste begibt, um zu fasten und zu beten. Es geht um etwas unbedingt Wichtiges; es geht letztlich darum, was und wer die Mitte unseres Lebens ist: wir selber oder Gott! Für uns Christen kann es aber nur Gott sein, der uns in Jesus Christus nahe gekommen ist. Wir wollen ihn bitten, dass wir dies nie vergessen.

 

2. Fastensonntag: "Das verklärte Kreuz"

Einführung

Vom heutigen Evangelium, der Verklärung des Herrn auf dem Berg, geht ein Licht aus, das uns die österliche Bußzeit besser verstehen lässt. Aller Verzicht, jegliches Opfer, zu dem der Christ bereit sein soll, gründet letztlich in einer frohmachenden Wirklichkeit. Nicht die Negation ist das Erste und Letzte unseres Christseins, sondern die Hinwendung zu etwas Schönem und Gutem, zu dem Guten schlechthin, zu Gott, der sich uns offenbart hat in Jesus Christus. Wir wollen uns wieder darauf besinnen, dass wir einem Herrn dienen, der uns begeistern kann; und wir wollen ihn bitten, der uns in seine Nachfolge gerufen hat, Nachsicht und Erbarmen mit unseren Schwächen und Sünden zu haben.

    Herr Jesus Christus, du hast den Jüngern auf dem Berg deine göttliche Herrlichkeit offenbart
    - Herr, erbarme dich!
    Du hast dich ihnen offenbart als das Licht und das Heil der Welt
    - Christus, erbarme dich!
    Du hast auch uns berufen zur Herrlichkeit des neuen Lebens mit dir
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Lasset uns voll Vertrauen beten zu unserem Herrn Jesu Christus, der seine Herrlichkeit den Jüngern auf dem Berg offenbart und sie in der Nachfolge bestärkt hat:

  • Du nahmst deine Jünger mit auf den Berg um zu beten: Schenke uns im Gebet die Kraft, für dein Reich zu wirken!
  • Du wurdest vor den Augen deiner Jünger verklärt: Lass uns nie vergessen, dass du auch uns zur Seligkeit bei dir berufen hast!
  • Mose und Elia sprachen mit dir über dein Leiden und Sterben: Schenke uns den Mut auf unserem Lebensweg, auch wenn Kreuz und Leid uns begegnen!
  • Eine Stimme vom Himmel offenbarte dich als Gottes geliebten Sohn: Festige unseren Glauben an dich, unseren Herrn und Erlöser!
  • Du willst, dass alle einmal dich in deiner Herrlichkeit schauen: Schenke unseren Verstorbenen Leben und Freude in Fülle!

Herr Jesus Christus, du hast uns einen Blick tun lassen in deine göttliche Herrlichkeit. In dir ist Licht, Erlösung und Heil. Auf dich schauen wir. Dich preisen wir jetzt und alle Tage unseres Lebens. Amen.

Predigt

In den Evangelien folgt die Erzählung von der Verklärung des Herrn auf dem Berge der Ankündigung Jesu vom Leiden und Sterben des Messias. Die Jünger waren verwirrt, geschockt, erschreckt. Sie brauchten viel Zeit, um das zu verarbeiten. Deshalb sucht Jesus sie in den anschließenden Unterweisungen in dieses Grundgesetz des menschlichen und christlichen Lebens einzuführen: Es gibt für die Kinder Adams nur einen Weg zum Heil: den Weg des Selbstverzichtes, des Opfers, der Hingabe an den Willen Gottes. "Nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen dir!" - so betete der schlichte Bauer Klaus von Flüe, den die Kirche zu ihren Heiligen zählt. In der Tat, dieser schlichte Mann hat Jesus verstanden - ihn, der es richtig fand, "dass der Urheber des Heils, um viele Söhne zur Herrlichkeit zu führen, sich durch Leiden vollendete" (Hebr. 2, 10).

Natürlich hat auch Jesus das Leiden nicht gewünscht; er hat es auch nicht gesucht. Es wurde ihm auferlegt zum Heile seiner Brüder. Und wir alle müssen, wenn wir ihm nachfolgen wollen, uns selbst aufgeben und sein Joch auf uns nehmen. Durch "Sterben" gewinnt man das Leben - das ist übrigens auch der Sinn der Symbolhandlung der Taufe. Wer seinen eigenen Weg zu gehen versuchte; wer um seiner menschlichen Wünsche willen das Joch des Herrn abschütteln möchte, der kann das Leben doch nicht festhalten; der verliert dazu noch die "Seele", das eigentliche Leben.

Auch Jesus hat als wahrer Mensch, in dem Gott selbst Fleisch geworden ist, die geheimnisvolle Führung Gottes lernen müssen, wie der Hebräerbrief sagt. Er musste seine vorgegebene und grundsätzliche Zugehörigkeit zum Vater im Himmel im irdischen Leben erst realisieren und lernen, was es für Menschen heißt, Gott über alles zu lieben, von ganzem Herzen, aus ganzer Seele, aus allen Kräften. Und wenn das ihm schon Tränen kostete, wie das Evangelium berichtet, wie kann es uns verwundern, wenn wir uns schwer tun, um dies zu lernen?

Bei der Verklärung auf dem Berge gibt der himmlische Vater ihm, Jesus, aber auch seinen nächsten Freunden: Petrus, Jakobus und Johannes, ein göttliches Zeichen, um sie angesichts des Leidens zu trösten und aufzurichten. Sie waren gemeinsam auf den Berg gestiegen. Und während die Apostel schlafen, betet Jesus. Und dann erleben die drei Jünger beim Erwachen die Herrlichkeit des Himmels um ihren Meister. Mose und Elia, die großen Fürsprecher des Volkes Israel, stehen neben der leuchtenden Gestalt des Herrn und reden mit ihm; ohne Zweifel von all dem, was sie alle in diesen Tagen so tief bewegte. So wie am Ölberg der Engel des Herrn nahe sein wird und Jesus tröstete, so bedeutet hier die Gegenwart der großen Fürbitter und Helfer des auserwählten Volkes: Du bist nicht allein; die Boten Gottes sind da; der himmlische Vater selbst ist bei dir! "Du bist mein geliebter Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe."

In diesem Moment ist den drei Jüngern aufgegangen: Alle Trübsale dieser Zeit sind nur "augenblicklich und leicht"; denn sie wandeln sich in eine "überschwänglich reiche, gewaltige Fülle ewiger Herrlichkeit", wie Paulus im zweiten Brief an die Korinther schreiben wird. Dies zu begreifen - wenn auch nur anfanghaft - und vor lauter Seligkeit aufzujubeln, das ist die Reaktion des Petrus: "Lasst uns Zelte aufschlagen und hier bleiben!"
Aber auch für Petrus heißt es: Steige wieder hinab in das Tal! Immer müssen wir wieder hinab in die Täler unseres Lebens. Auf den Berggipfeln kann man auf Dauer nicht bleiben. Aber von dem, was man auf dem Berge geschaut hat, kann man Zuversicht und Kraft schöpfen für das Kommende. Ich bin überzeugt: das gilt auch für uns. Es gilt das, was wir auf den Bergen unseres Lebens geschaut haben, wirksam werden zu lassen in unserem Alltag.

 

3. Fastensonntag: "Gott zu seinem Recht verhelfen"

Einführung

Die österliche Bußzeit ruft uns immer wieder auf zu bedenken, was "Glauben" heißt. Glauben heißt: Inmitten der Zufälligkeiten und der Fragwürdigkeit der Welt einen Halt zu finden in Jesus Christus, dem Messias, dem Sohn Gottes. Im heutigen Evangelium von der Vertreibung der Viehhändler und Geldwechsler aus dem Vorhof des Tempels geht es um diese Frage des Glaubens: Sind die religiösen Führer des jüdischen Volkes bereit, das Tun Jesu zu akzeptieren, Gott zu seinem Recht zu verhelfen; die Entweihung des Heiligtums nicht zu dulden? Auch wir stehen heute in dieser Entscheidungssituation des Glaubens: Ist Jesus Christus für uns maßgebend, richtungweisend? Vertrauen wir uns ihm und seiner Führung an? Leben wir aus ihm? Besinnen wir uns und bitten wir um die Kraft, auf ihn zu schauen, uns an ihm zu orientieren.

    Herr Jesus Christus, du duldest nicht das widergöttliche Treiben an heiliger Stätte
    - Herr, erbarme dich!
    Du forderst die Anerkennung, dass du der gottgesandte Messias bist
    - Christus, erbarme dich!
    Du rufst auch uns in die Entscheidung des Glaubens an dich als den Sohn Gottes
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

In diesen vorösterlichen Tagen rufen wir voll Vertrauen und voller Hoffnung zu Jesus Christus, unserem Herrn und Gott:

  • Wecke deine Gläubigen auf aus aller Trägheit und mache sie bereit, für eine würdige Feier von Ostern!
  • Erbarme dich der Angst und Not in unserer Welt und schenke allen Menschen Freiheit und Frieden!
  • Lass uns Ernst machen mit dem Neuanfang und hilf uns, unsere Vorsätze in die Tat umzusetzen!
  • Erlöse unsere Verstorbenen aus Grab und Tod und lass sie teilhaben an deiner österlichen Herrlichkeit!

Denn du bist unser Herr und die Zukunft der ganzen Welt. Durch dich preisen wir den Vater in der Einheit des Heiligen Geistes in alle Ewigkeit. Amen.

Predigt

Es geht in unserer Erzählung selbstverständlich nicht um eine Handlungs-Anweisung für heute, wie wir die Kirche von unliebsamen Elementen säubern. Das wäre ein grobes Missverständnis. Es geht in unserer Erzählung - wie auch sonst im Johannes-Evangelium - um die Person Jesu und um den Glauben an ihn als den Gottgesandten. Die Erzählung des Evangelisten zeigt: Es beginnt für Jesus die Auseinandersetzung mit den offiziellen Vertretern des jüdischen Volkes, mit den religiösen Führern des auserwählten Volkes. Und es tritt eine Scheidung der Geister ein. Auf der einen Seite stehen diejenigen, die im Glauben erkennen, dass Jesus der gottgesandte Messias ist; auf der anderen Seite stehen die Gegner Jesu, die sich im Unglauben dem Anspruch Jesu widersetzen. Es kommt also letztlich nicht auf das konkrete Geschehen an, sondern auf das, was darin sichtbar wird. Es kommt an auf das Ja oder Nein zur Person Jesu - nicht nur damals!

Das Osterfest ist der Anlass, warum Jesus nach Jerusalem hinaufgeht. Im Tempelvorhof findet Jesus die Viehhändler und Geldwechsler. Er flicht aus Stricken eine Geißel und reinigt den Tempelbezirk von dem Geschäftstreiben: "Schafft das fort! Macht das Haus meines Vaters nicht zu einem Krämerladen!" Die Erzählung wird dann durch eine Anmerkung des Evangelisten unterbrochen: die Jünger werden sich später an das Wort des Psalmisten erinnern: "Der Eifer um dein Haus verzehrt mich!" (Ps. 69, 10) Gemeint ist: Den Jüngern ging später auf, dass dieser Vorgang die Erfüllung des Psalmwortes war. Und der Sinn des Psalmwortes ist der: Jesu Eifer für Gott und sein Recht wird ihn in den Tod führen. Diesen Angriff, diese Infragestellung ihres Denkens über Gott und seinen Messias werden die verantwortlichen religiösen Führer des jüdischen Volkes nicht einfach hinnehmen.

Die Gegner Jesu stellen darum die "Legitimationsfrage": "Was für ein Zeichen kannst du uns aufweisen, dass du dies tun darfst?" Sie fragen also danach, wieso er berechtigt sei, die Verkäufer und Geldwechsler aus dem Tempel zu jagen. Unter dem geforderten "Zeichen" ist ohne Zweifel ein Wunder gemeint. Die Frage nach der Legitimation Jesu entspricht nicht nur einem typisch jüdischen Standpunkt, sondern auch einem allgemein menschlichen Standpunkt. Denn immer fragt der Unglaube nach einem "Zeichen", auf das hin er ohne Risiko es wagen kann zu glauben. Jesus weist die Frage nach seiner Legitimation zurück. Jedoch so, dass die Frage der Gegner eine Antwort erhält, die den Anspruch der Frage erfüllt. Jesus weist hin auf ein "Zeichen", das unübersehbar sein wird: "Reißt diesen Tempel nieder, und ich werde ihn in drei Tagen wieder aufrichten." Die Zerstörung des Tempels und der Aufbau eines neuen werden das "Zeichen" sein. Mit anderen Worten: das "Zeichen" wird die Katastrophe sein, die entweder das Heil oder das Unheil, das Gericht bringt - das Heil natürlich nur für den Glaubenden. Der Sinn der Antwort Jesu ist der: Wer von Gott ein "Zeichen" fordert, der wird ein Zeichen erhalten; aber erst dann, wenn es zu spät ist. Ein Legitimationszeichen, auf das hin man ohne Wagnis, ohne den Einsatz des eigenen Herzens Gott und Jesus anerkennen könnte, wird abgewiesen.

Die Gegner Jesu verstehen seine Antwort falsch, indem sie das Wunder des Wiederaufbaus des Tempels als ein Wunder im ganz realen Sinn verstehen. 46 Jahre lang hat der Bau des Tempels gedauert, und Jesus will ihn in drei Tagen aufrichten! Dieser Torheit gegenüber wird der wahre Sinn des Wortes Jesu festgestellt: Jesus hat von sich selbst gesprochen. Der "Tempel" bedeutet seinen Leib, meint die Person Jesu; d. h. das Wort bezieht sich auf Jesu Tod und Auferstehung. Freilich geht dieser Sinn des Wortes Jesu auch seinen Jüngern erst später auf. Erst an Ostern begreifen sie, was er damit gemeint hat; erst an Ostern begreifen sie, dass Jesus wirklich der Messias, der Sohn Gottes, ja Gott selber ist, der den Glauben fordert; der ihren Glauben fordern darf.

Wie verhalten sich die Menschen vor diesem Anspruch Jesu? Da sind zunächst seine Widersacher. Es sind diejenigen, die sich als die berufenen Wächter des alttestamentlichen Gesetzes fühlen, die fanatischen Eiferer, Pharisäer und unter ihnen besonders Schriftgelehrte. Es waren also Leute, die die Heilige Schrift kannten. Darum kannten sie z. B. die zwei Begebenheiten der Geschichte, die Vorbilder des Tuns Jesu sind: die frommen Könige Ezechias und Josias, die den Tempel von den Greueln des Götzendienstes reinigten. Und von jedem der beiden Könige erwartete das jüdische Volk, er werde als der Messias wiederkommen. Die Tempelreinigung gehörte also nach jüdischer Vorstellung zu den messianischen "Zeichen". Jesu Kritiker haben deshalb sehr wohl erkannt, dass in seinem Tun ein messianischer Anspruch lag, also nicht nur ein menschlicher Anspruch. Aber sie erwarteten einen anderen Messias als Jesus. Zugleich spürten sie, wie Jesu Tun sie mitten ins Herz traf. Denn das Treiben im Vorhof des Tempels geschah ja mit ihrer Gutheißung. Jesus hat also mit seinem Tun, die Händler und Geldwechsler aus dem Tempel zu vertreiben, sie selber angegriffen und ihr Tun verurteilt. Er will die Entweihung des Heiligtums nicht dulden. Er verlangt die Umkehr zum wirklichen Gottesdienst. Aber er kämpft für Gott und sein Recht gegen die religiösen Führer des eigenen Volkes.

Das alles haben Jesu Kritiker, seine Gegner gespürt. Sie versagen sich aber seinem Anspruch. Sie stellen die Legitimationsfrage. Es ist die typische Frage des Unglaubens; die typische Frage dessen, der sich nicht aufgeben will; der sich selber wichtiger nimmt als den fordernden Gott. Und Jesus erkennt darin ihre Weigerung, sich ihm unterzuordnen. Sie wollen ihn nicht hören. Jesus weiß aber auch, es wird zum Kampf auf Leben und Tod kommen, und er selbst wird in diesem Kampf unterliegen. Denn er ist selber der Tempel, den seine Gegner zerstören werden; aber er wird sich neu erheben. Das Gericht über den Unglauben vollzieht sich also im Schicksal Jesu. Und die Gegner Jesu werden in ihrer Verblendung, in der Verblendung ihres Unglaubens zu Werkzeugen dieses Offenbarungsgeschehens. Sie selbst müssen den Befehl ausführen, der an ihnen das Gericht vollzieht.

Die Jünger werden sicher atemlos dem Geschehen zugesehen haben. Gewiss, für sie kam das, was Jesus tat, nicht so überraschend. Und sie konnten es auch schon auf dem Hintergrund dessen sehen, was sie in der Begegnung mit Jesus miterlebt hatten. Aber sie haben wohl auch geahnt, dass der Konflikt mit den Feinden Jesu nicht mit diesem Streit enden werde. Sie haben mit Sicherheit auch den messianischen Anspruch, den Anspruch, mehr zu sein als nur ein Mensch, im Tun Jesu, wenn auch nur dunkel, erfasst. Entscheidend ist jedoch: sie haben sich nicht im Unglauben verschlossen. Später, als Jesus von den Toten erstanden war, erkannten sie klar, dass Jesus mit den rätselhaften Worten sich selbst gemeint hatte; dass er seinen Tod und seine Auferstehung vorausgesagt hatte. Und es heißt: "Sie glaubten der Schrift und dem Wort, das Jesus gesprochen hatte." Der erste Schritt dieses Glaubens war, dass sie sich ihm und seinem Anspruch nicht versagt haben; dass sie bereit waren, bei ihm zu bleiben, zu ihm zu stehen - auch in der Anfechtung.

Hier mündet unsere Geschichte in unser eigenes Leben. Stellen auch wir für uns die Legitimationsfrage an Jesus, an Gott? Stellen wir den Herrn auf die Probe? Weise dich aus, dass du dies tun darfst; dass ich dies leiden muss! Wirke ein "Zeichen", und dann will ich glauben! Du bist nur Gott, wenn du mir meine Bitten erfüllst. Wollten wir in dieser Weise vor unseren Herrn, vor Gott hintreten, dann würden wir uns über Gott stellen. Dann würden wir uns als Richter darüber aufspielen, ob es ihn überhaupt gibt. Eine solche Forderung nach der Legitimation würde unseren Unglauben offenbaren. Und gegen diesen Unglauben ist Jesu Verhalten, sind seine Worte gerichtet. Es gibt keinen Glauben ohne Wagnis; es gibt keinen Glauben ohne den Einsatz des eigenen Herzens, ohne den Einsatz der ganzen Person. Vor Gott, vor unserem Herrn müssen unsere Forderungen schweigen, sein Tun zu verstehen, zu durchschauen; dass Gott sich rechtfertigen muss. Zweifel und Angst und Fragen werden sich immer wieder in uns regen. Der Zweifel, die Angst und die Ungewissheit werden immer unsere Situation als Menschen bestimmen. Unsere Liebe zum Herrn jedoch, das Vertrauen zu ihm werden uns das Wagnis des Glaubens leichter machen, das Wagnis, von dem unser Heil abhängt; das Wagnis, das uns schon heute hilft, inmitten dieser fragwürdigen Welt freier zu leben, weil wir auf den Herrn und auf sein Wort bauen können; weil wir in ihm den Halt für unser Leben gefunden haben: "Zu wem sonst sollen wir denn gehen? Du allein hast Worte ewigen Lebens."

 

4. Fastensonntag: "Gerettet aus Gnade"

Einführung

Der vierte Fastensonntag steht unter dem Motto "Laetare - freue dich!" Zwei Sätze aus den heutigen Lesungen drücken den Grund für diese Freude aus: "Aus Gnade seid ihr gerettet!" (Eph. 2, 5) und: "Gott hat die Welt so geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern das ewige Leben hat." (Joh. 3, 16) Gottes Huld und Liebe, die er uns in Jesus Christus erwiesen hat, nehmen uns in die Pflicht, seine Liebe und sein Erbarmen in unserem Alltag sichtbar werden zu lassen. Wir aber haben das uns aufgetragene Zeugnis durch unser Versagen, durch unsere Halbheiten verdunkelt. Deshalb bitten wir den Herrn um sein Erbarmen und seine Vergebung.

    Herr Jesus Christus, du bist das rettende Wort, das Gott zu uns spricht
    - Herr, erbarme dich!
    Du bist die Hand, die Gott uns Sündern entgegenstreckt
    - Christus, erbarme dich!
    Du bist der Weg, auf dem Gottes Friede zu uns kommt
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Jesus Christus hat uns die grenzenlose Liebe und Güte seines himmlischen Vaters offenbart. Voll Vertrauen kommen wir darum zu ihm mit unseren Bitten:

  • Für alle, die die Botschaft vom Reich Gottes verkünden: Vermittle durch sie den Menschen das Beglückende und Befreiende des Evangeliums!
  • Für die Verantwortlichen in Staat und Gesellschaft: Zeige ihnen Weg zu sozialer Gerechtigkeit und Frieden!
  • Für die Schwachen und Schutzlosen in unserer Gesellschaft: Lass sie bei uns Hilfe und Schutz finden!
  • Für uns, die wir uns Christen nennen: Gib uns die Kraft, deine grenzenlose Liebe und Güte in unserem Leben zu bezeugen!
  • Für unsere Verstorbenen: Gib ihnen in deiner Güte Heimat im Reich deines himmlischen Vaters!

Denn du, Herr, bist unsere Hoffnung und unser Halt. Wir preisen deine Barmherzigkeit und Güte, der du mit deinem Vater und dem Heiligen Geist lebst und herrschst in Ewigkeit. Amen.

Predigt

Vor einiger Zeit wurde mir die Geschichte einer jungen Frau erzählt, die versucht hatte, sich das Leben zu nehmen. Nach ihrem Motiv gefragt, gab sie zur Antwort: "Es hat keinen Sinn weiter zu leben. In der Welt gibt es so viel Not, Elend und Hunger. Ich wollte so gerne helfen, diese Not zu lindern. Aber ich sehe, ich schaffe es nicht. Es hat keinen Sinn. Die Not bleibt doch weiter bestehen."

Diese Begebenheit kam mir in den Sinn, als ich in der heutigen Lesung aus dem Epheserbrief den Satz gelesen habe: "Aus Gnade seid ihr durch den Glauben gerettet, nicht aus eigener Kraft, sondern Gott hat es geschenkt; nicht aufgrund von Leistungen, damit keiner sich rühmen kann." Der Gegensatz zwischen diesem Satz des Epheserbriefes und der Geschichte von der jungen Frau ist m. E. offenkundig. Die Resignation, die Flucht, das Weglaufen aus Enttäuschung über die eigene Ohnmacht: all das ist heute gar nicht so selten; nicht nur in der "bösen Welt", in der es oft nicht mehr zum Aushalten ist. Es ist, so scheint es, die dunkle Kehrseite eines totalen Strebens nach Leistung und Erfolg, das wir allenthalben beobachten; ja, in das wir alle selber hinein gezogen sind. Wir können uns diesem Sog kaum entziehen. Was heute zählt, ist anscheinend allein die Leistung; oder besser: der Erfolg, das vorzeigbare Ergebnis. Allein das vorweisbare Resultat der Anstrengung entscheidet (das ist doch die brutale Erfahrung) über Wert und Unwert eines Menschen. Diese Einstellung aber, dass nur das vorweisbare Resultat zählt, von der unsere Welt und wir selber "besessen" zu sein scheinen, hetzt die Menschen zur Leistung, "verdammt" sie zum Erfolg-Haben, und zwar um jeden Preis. Und dieser "Moloch Erfolg" macht den, der diesen Götzen anbetet, zum Sklaven des Erfolgs; ja, dieser Götze frisst ihn letztlich auf: der Götze "Erfolg" frisst seine eigenen Kinder.

Diese Einstellung, dieses "Erfolgs-Denken", zeigt sich aber nicht nur in der "bösen Welt". Dieses Denken ist auch (zu allen Zeiten) die Versuchung der Frommen, der Glaubenden, der Christen gewesen. Es ist die Meinung, Gott im Grunde nicht zu brauchen; aus eigener Leistung allein das Ziel des Lebens zu erreichen und zur Vollkommenheit, zum Heilsein zu gelangen, sich den Himmel verdienen zu können. Immer hat es in der Christenheit die Gefahr gegeben zu meinen, eine Selbsterlösung sei möglich. Die pharisäische Selbstgerechtigkeit, die Gott im letzten für überflüssig hält, die letztlich den Kreuzestod Jesu Christi, seinen Einsatz für uns bis in den Tod für unnötig erklärt; die das eigene Bemühen um Tugendhaftigkeit für ausreichend ansieht: diese Selbstgerechtigkeit ist die Versuchung auch und vielleicht gerade des frommen Menschen; es ist unsere Versuchung. Oder besser: Wir tun nach außen so, als ob wir die Tugendhaften, die Starken und die Souveränen wären; als ob wir aus eigener Kraft und Anstrengung das Heilsein, das Gutsein erlangen könnten. Im stillen Herzenskämmerlein aber, so wir ehrlich sind, spüren und merken wir, wie armselig wir sind; wie es uns nicht gelingt, unsere gewiss idealen Vorstellungen zu verwirklichen. "Der ich bin, grüßt trauend den, der ich könnte sein." So Friedrich Nietzsche. Die Kluft zwischen Ideal und Wirklichkeit ist von uns nicht aus eigener Kraft zu überbrücken. Wir machen bei diesem Versuch auch nicht nur Konstruktionsfehler, falsche Berechnungen (die grundsätzlich vermeidbar wären); wir haben (und das müssen wir feststellen) überhaupt nicht die Möglichkeit, diese Kluft aus eigenen Kräften zu überwinden. Wir stehen hier an unserer Grenze als Menschen. Diese Erkenntnis entwertet in keiner Weise unser eigenes Tun und unser Bemühen. Diese Erkenntnis macht unsere Anstrengung nicht überflüssig. Unser Tun und unser Bemühen sind nämlich nicht der Grund dafür, dass Gott uns liebt; sie sind ja nur die Antwort, das Echo auf seine Güte und Liebe.

Damit stehen wir wieder bei der heutigen Lesung aus dem Epheserbrief, aber auch bei dem Abschnitt aus dem Johannes-Evangelium, den wir eben gehört haben. Jesus Christus allein ist die Erfüllung dessen, worauf das Sehnen und das Verlangen von uns Menschen geht; er ist die Erfüllung unserer Sehnsucht nach dem Heilsein, nach Güte, nach Gerechtigkeit und Frieden - und dies angesichts einer Welt, die dieses Gutsein, die dieses Heilsein entbehren muss und von sich aus nicht erreichen kann. Jesus Christus ist der Ursprung des wahren, des eigentlichen Lebens. Das Leben, das Gutsein, das wir Menschen zutiefst ersehnen und erstreben, ist nur bei ihm, ist nur in der Verbindung mit ihm zu haben. Jesus wird das einmal verdeutlichen mit dem Bildwort vom Weinstock und den Rebzweigen. Was die Welt an "Lebensmitteln" zu bieten hat, das stillt nicht unser Verlangen nach Leben, nach Erfüllung, nach dem Heilsein. "Leben" im eigentlichen Sinn ist nur in Jesus Christus zu finden: "Jeder, der glaubt, hat in ihm das ewige Leben."

Aber diese Lebens-Bindung, dieses Verhältnis zu Gott, zu Jesus Christus, ist kein ruhender Besitz. Die Beziehung zu Gott verlangt von uns Bewegung und Wachsen. Ihr Gesetz ist das Fruchtbringen - nicht aus eigener Kraft, sondern aus der Kraft des Herrn. Der Erweis für die Lebendigkeit dieser Beziehung, dieses Glaubens ist vor allem die gegenseitige Liebe. Da kann sich keiner mit dem Erreichten zufrieden geben. Jesus Christus fordert von dem, der glauben will, stets Neues. Aber er schenkt auch stets die Kraft dazu. Der Mensch bringt sich nicht selbst in Bewegung. Der Grund seines Glaubens liegt also nicht in ihm. Diese lebendige Beziehung des Glaubenden zu Jesus Christus ist also ein erstes Merkmal des Glaubens. Verbunden damit ist ein zweites Merkmal: das Durchtragen dieser Bindung, dieser Beziehung; also die Treue, das treue Ausharren im Glauben. Aber auch hier gilt: diese Treue ist ein Sich-halten-lassen, ein Sich-beschenken-lassen. Ohne dieses Gehaltenwerden von Jesus Christus gibt es kein Leben; gibt es kein Fruchtbringen; finden wir nicht die Erfüllung, die wir alle so sehr ersehnen.

Damit stehen wir wieder am Ausgangspunkt unserer Überlegungen. Die Resignation, die Flucht, das Weglaufen aus Enttäuschung über die eigene Ohnmacht, die wir immer wieder erleben, wenn wir die Leistung und den vorweisbaren Erfolg obenan stellen - sie lassen uns Ausschau halten nach einem Halt, nach einer Sinngebung, nach einer Gestalt, die allein unserer Sehnsucht nach dem Heilsein, nach dem Gutsein Erfüllung schenken kann. Wir sind nicht dazu verurteilt, diese Erfüllung aus Eigenem zu erreichen, erreichen zu müssen. Wir sind nicht verurteilt zu einer Sisyphos-Existenz. Der Mensch hat auch dann einen "Wert", wenn er keine äußeren Erfolge vorzuweisen hat. Wir bleiben auch dann die von Gott Geliebten und von ihm bei unserem Namen Gerufenen, wenn wir keinen Erfolg vorzuweisen haben; wenn wir nichts oder nichts mehr leisten können. Durch Jesus Christus ist uns die Gewissheit geschenkt, dass wir von Gott geliebt sind, und zwar nicht deshalb, weil wir perfekt sind, weil wir gut sind, sondern weil er gut ist. Er hat uns geliebt, als wir noch Sünder waren. In Jesus Christus ist uns also der Halt und die Kraft gegeben, Frucht zu bringen. In ihm ist uns begegnet das wahre Leben, mit dem wir uns verbinden können. Dafür können wir immer nur Dank sagen - besonders in der Feier der Danksagung, in der Eucharistie, heute - in dieser Stunde!

 

5. Fastensonntag: "Jesus Christus - Weizenkorn für uns"

Einführung

Das Gesetz des menschlichen Lebens ist dem Gesetz der Liebe verwandt. Geben und Empfangen, Schenken und Beschenktwerden gehören zusammen. Der Mensch gewinnt sein Leben in dem Maße, als er bereit ist, es für andere einzusetzen, ja hinzugeben. Wer sich aufsparen will, dessen Leben bleibt klein und unfruchtbar. Genau das hat unser Herr Jesus Christus uns gesagt; und er hat es uns vorgelebt. Er ist das Weizenkorn, das in die Erde gefallen ist, um zu sterben - für uns! Weil er gestorben ist, haben wir das Leben. Wir wollen uns darum zu Beginn dieser Eucharistiefeier, in der wir der Todeshingabe Jesu gedenken, darauf besinnen und den Herrn um seine Hilfe anrufen.

    Herr Jesus Christus, du bist das Weizenkorn, das in die Erde gefallen ist, um zu sterben - für uns
    - Herr, erbarme dich!
    Du willst, dass wir dir nachfolgen und uns wie du in den Dienst der Menschen stellen
    - Christus, erbarme dich!
    Du wirst als der verherrlichte Gekreuzigte alle an dich ziehen
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Wenn das Weizenkorn in die Erde fällt und stirbt, dann bringt es reiche Frucht. Jesus Christus, unser Herr, ist diesen Weg gegangen und hat uns in seiner Todeshingabe das Leben geschenkt. Darum kommen wir voll Vertrauen mit unseren Bitten zu ihm:

  • Für die Kirche, die Gemeinschaft der Glaubenden: dass sie die Botschaft von deiner erlösenden Liebe ohne Furcht in dieser Welt verkündet!
  • Für die Verantwortlichen in Staat und Gesellschaft: dass sie sich ihrer Verantwortung für Frieden und Gerechtigkeit bewusst sind!
  • Für die Menschen, die in Not und Leid geraten sind: dass wir bereit sind zu tatkräftiger und selbstloser Hilfe!
  • Für unsere Verstorbenen: dass sie bei deinem Vater im Himmel Heimat und Frieden finden für immer!

Herr Jesus Christus, du hast uns deine Liebe zuteil werden lassen. Weil du gestorben bist, haben wir das Leben. Dafür danken wir dir heute und alle Tage unseres Lebens. Amen.

Predigt

Das heutige Evangelium erzählt, wie einige Nicht-Juden den Philippus bitten: "Wir möchten Jesus sehen!" Die Antwort Jesu an Philippus und Andreas scheint auf den ersten Blick nicht der Frage dieser suchenden Menschen zu entsprechen. Aber in dieser Antwort ist doch das Lebens-Programm Jesu und das Lebens-Programm für den Jünger Jesu in aller Klarheit ausgesprochen: "Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht. Wer an seinem Leben hängt, verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird es bewahren ins ewige Leben. Wenn einer mir dienen will, folge er mir nach; und wo ich bin, dort wird auch mein Diener sein." Der Kern dieses Lebens-Programmes Jesu, das auch für seine Jünger Gültigkeit hat, ist das "Prinzip Für": Jesus gibt sein Leben hin für das Heil der Welt, für das Heil aller, für unser Heil. Die Stunde seines Sterbens für das Heil der Welt, für unser Heil ist zugleich die Stunde, da der Vater im Himmel verherrlicht wird, d. h. dass in dieser Stunde gleichsam das wahre, das innerste Fühlen und Denken Gottes offenbar wird: seine Liebe zu seinem Geschöpf: "So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen Sohn hingibt für das Leben der Welt."

Dieses Lebensprogramm Jesu, das "Dasein-für-uns-alle", hat auch für die Jünger, für uns, die wir Christen sein wollen, Gültigkeit. Es verpflichtet uns. Christsein bedeutet darum den Übergang vom Sein für sich selbst in das Sein füreinander. Dazu sind wir vom Herrn "auserwählt", d. h. gerufen worden. "Auserwählung" meint ja nicht eine private, eine persönliche Bevorzugung, die uns von den anderen, von der "misera plebs, vom großen Haufen, von den Sündern, von den Ungläubigen trennt. "Auserwählung" meint das Eintreten in einen Auftrag. "Auserwählung" meint: etwas zeugnishaft zu leben. Es bedeutet den Abschied von der Zentrierung auf das eigene Ich; darum auch und dadurch den Anschluss an Jesus Christus. Genau dies ist gemeint mit dem Wort von der Kreuzesnachfolge. Auch diese Kreuzesnachfolge hat nichts zu tun mit einer privaten Frömmigkeitsübung. Sie meint genau dies: von sich selbst weg zu gehen, um dem Herrn zu folgen und für die anderen da zu sein. Unter diesem "Gesetz" ist der Christ angetreten. Überhaupt sind die großen Bilder der Heilsgeschichte Ausdrucksformen dafür, von sich selbst weg zu gehen und dem Ruf des Herrn zu folgen. Denken wir nur an das Bild vom "Auszug", das von Abraham an und über den "Auszug" des auserwählten Volkes aus Ägypten das Grundthema bleibt für diejenigen, die zum Volk Gottes gehören, gehören wollen.

Der Evangelist Johannes hat diesen Gedanken, diese "Gesetzmäßigkeit" des Christseins (d. h. der Hingabe und des Dienstes) im Bild vom Weizenkorn ausgedrückt, das auf keine andere Weise Frucht bringen kann, als indem es in die Erde fällt und stirbt. Was schon für die Schöpfungsordnung charakteristisch ist (ohne Aussaat keine Ernte), das gehört auch zur Grundstruktur des christlichen Lebens. Ja noch mehr! Was schon in der Schöpfung sichtbar wird, das hat sich in dem Menschen Jesus vollendet: in seinem Eingehen in das Schicksal des Weizenkorns; in seinem Geopfertwerden am Kreuz von Golgotha; im Sichverlieren eröffnet er das wahre Leben. Die Welt lebt in der Tat vom Opfer, von der Hingabe. Übrigens ist dies nicht ein Gedanke, der nur dem Christentum eigen ist. Die Geschichte der Religionen belegt diese Einsicht: "Wer sein Leben liebt, der verliert es; und wer sein Leben in dieser Welt gering achtet (hasst), der wird es auf ewiges Leben hin bewahren."

Allerdings ist hier auf einen Gesichtspunkt hinzuweisen, besser: auf einen Unterschied aufmerksam zu machen zwischen uns Menschen und dem Gott-Menschen Jesus Christus. Alle Selbstüberschreitungen des Menschen zu den Mitmenschen hin können nicht genügen. Wer nur geben will, und wer nicht bereit ist zu empfangen, wer nur für die anderen da sein will, wer nicht anerkennen will, dass er seinerseits von dem unerwartbaren Geschenk des Für der anderen, des Einsatzes der anderen lebt, der Hingabe anderer viel verdankt, der verkennt die Grundweise des Menschseins. Der würde mit dieser Einstellung gerade auch den wahren Sinn des Füreinander zerstören. Alle Selbstüberschreitungen des Menschen hin zu den anderen bedürfen, um fruchtbar zu sein, des Empfangens; des Empfangens von den anderen her. Sie bedürfen letztlich des Empfangens, des Beschenktwerdens von dem her, der das wahre Gegenüber der ganzen Menschheit ist, und der zugleich ganz zu ihr gehört. Wir alle bedürfen in unserem Einsatz und in unserer Hingabe des Gott-Menschen Jesus Christus, der sich für uns hingegeben hat. Er ist das "Weizenkorn", das in die Erde gefallen ist. Er ist das "Weizenkorn", das buchstäblich in diese ganze Erde gefallen ist. Aus diesem "Weizenkorn" ist das Leben für uns, für uns alle entstanden; für alle, die bereit sind zum Dienst, zur Hingabe.

Wir feiern nun miteinander Eucharistie. In dieser Feier empfangen wir das Brot des Lebens, empfangen wir den Herrn. Seine Hingabe für uns vollzieht sich gleichsam von neuem unter uns, für uns. Diese seine Hingabe für uns nimmt uns in die Pflicht: ihm nachzufolgen; uns in seinen Dienst zu begeben; seine Hingabe sichtbar werden zu lassen, fruchtbar werden zu lassen füreinander. Dazu sind wir als Glaubende gerufen. Lasst uns darum beten, dass wir dieser Aufgabe, die uns vom Herrn selbst übertragen wurde, gerecht werden.

 

Palmsonntag: "Wachet und betet!"

Einführung

Ein einziges Mal lässt Jesus sich als Messias-König feiern: bei seinem Einzug in Jerusalem - auf einem Esel, der ihm nicht gehört. Wenige Tage später wird er eine Dornen-Krone tragen, und sein Thron wird der Kreuzes-Galgen sein. Und wieder ein paar Tage später wird Jesus von den Toten auferstehen - auf geheimnisvolle Weise den Jüngern sich lebend, gegenwärtig zeigen. Mit dem heutigen Sonntag treten wir ein in dieses Geschehen, das damals stattfand. Wir versuchen, diese vergangene Geschichte uns vor Augen zu führen, es nachzuvollziehen. Ja, dieses Geschehen von damals vollzieht sich immer wieder neu in der Feier der Eucharistie: seine Lebenshingabe für uns wird Realität, wird Gegenwart. Dafür können wir immer nur danken.

    Herr Jesus Christus, du ziehst in Jerusalem ein als der gottgesandte Messias
    - Herr, erbarme dich!
    Dir huldigen die Menschen als dem göttlichen Propheten
    - Christus, erbarme dich!
    Du willst, dass auch wir dich als den Heiland und Messias anerkennen
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Wir haben den Herrn begrüßt wie das Volk von Jerusalem und ihm das Lob gesungen. Wir haben die Botschaft von seinem Leiden und Sterben gehört, die uns der Evangelist Markus aufgezeichnet hat. Zu ihm wollen wir nun unsere Bitten tragen:

  • Stärke deine Gläubigen, dass sie dich vor den Menschen bekennen!
  • Gib der Stadt Jerusalem, dem ganzen Nahen Osten und allen Völkern der Erde deinen Frieden!
  • Führe alle, die in Leid und Tod zu versinken drohen, mit dir zur Auferstehung!
  • Stärke in uns allen die Hoffnung auf dein Reich!

Denn du warst gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz. Darum bist du erhöht worden zum Herrn der Welt. Dich preisen wir in Ewigkeit. Amen.

Predigt

Petrus, Jakobus und Johannes waren im Haus des Jairus Zeugen der Totenerweckung. Sie waren auf dem Berg Zeugen der Verklärung Jesu. Sie sind auserwählt, den Herrn in den Garten von Gethsemani zu begleiten, Zeugen seines Ringens mit dem himmlischen Vater zu werden. Die Erfahrung, die die drei Jünger in Gethsemani mit Jesus machen, erscheint wie ein Kontrastbild zu dem, was sie bei der Verklärung erlebt haben. Dort haben sie ihn in seiner überirdischen Herrlichkeit gesehen. Hier in Gethsemani fehlt aller Glanz. Hier steht Jesus vor ihnen als ein Mensch, der von Furcht und Zittern gepackt ist; der nicht gefühllos auf sein Leiden zugeht; der von dem, was ihm bevorsteht, von Schmerzen und Schmach, von Unrecht und Tod zutiefst getroffen und verletzt wird. Schutzlos, wehrlos und verwundbar steht Jesus vor ihnen. Ist der Jesus der Verklärung und der Jesus von Gethsemani - so fragen die Jünger - derselbe? Nur in beiden Geschehnissen zusammen, in dieser Spannweite erschließt sich offensichtlich das Innere des Herrn. Gethsemani widerlegt nicht die Verklärung. Und die Verklärung verhindert nicht Gethsemani. Die himmlische Wirklichkeit macht aus Jesus keinen empfindungslosen Übermenschen; und das Leiden straft Jesu einzigartige Verbindung mit dem himmlischen Vater nicht Lügen.

Es ist die große Versuchung der Jünger Jesu, wegen seines Leidens und wegen der eigenen Leiden an ihm irre zu werden. Es ist die Versuchung, nicht mehr daran glauben zu können, dass dieser geschundene Mensch der Sohn des allmächtigen Gottes ist. Müsste Gott nicht seinen Sohn, den er liebt, vor dem Leiden bewahren? Ist nicht das Leiden dieses "Sohnes" ein klares Zeichen dafür, dass er eben nicht der "Sohn" ist? Dass Gott nichts mit ihm zu tun haben will? Wo nichts mehr von Herrlichkeit sichtbar ist, wo menschliche Ohnmacht und menschliche Gewalttätigkeit allein zu herrschen scheinen, da wird der Glaube an Jesus, da wird der Glaube an seine einzigartige Beziehung zu Gott in seinem Innersten auf die Probe gestellt.

Deshalb fordert Jesus die drei Jünger auf: "Wachet und betet, damit ihr nicht in Versuchung geratet!" Wachet! Flüchtet euch nicht in den Schlaf und die Müdigkeit! Mit wachen Sinnen sollt ihr wahrnehmen, was jetzt mit mir geschieht. Vor meiner menschlichen Ohnmacht und vor allem, was mich trifft, dürft ihr nicht die Augen verschließen. Ihr müsst mich in meiner ganzen Wirklichkeit annehmen. Ihr dürft euch nicht ein Bild von mir machen, bei dem alles ausgespart ist, was euch an mir und an meinem Weg nicht gefällt. Und betet! Bleibt gerade jetzt im Gespräch mit Gott! Gerade jetzt, da er fern und unerreichbar erscheint, müsst ihr die Verbindung zu ihm aufrecht erhalten. Im Ausweichen, im Anlegen der eigenen Maßstäbe könnt ihr diese Situation nicht bestehen. Nur in der Hinwendung zu Gott könnt ihr diese Lage durchstehen, in der alles zu zerbrechen scheint.

Was Jesus von den drei Jüngern verlangt, zu wachen und zu beten, das führt er selber aus. Er betet zu Gott. Und dieses Gebet sagt uns sehr viel über sein Verhältnis zu Gott und über die Art des Wirkens Gottes für seinen Sohn. Jesus sieht klar sein Schicksal vor sich. Seine Gegner werden ihm Gewalt und Schmach antun. Sie werden dem Anschein nach sein ganzes Werk und seinen Anspruch Lügen strafen. Als einen Kelch voll Bitterkeit sieht Jesus das alles auf sich zukommen. Und er bittet: "Nimm diesen Kelch von mir!" Von sich aus wünscht Jesus nicht das Leiden, die Schmach. Er möchte davon befreit werden. Dadurch anerkennt er, dass dieses Schicksal nicht ein blinder Zufall ist; dass es nicht allein von seinen Gegnern ausgeht; sondern dass es in der Verfügung Gottes steht. Gerade in dieser Situation, wo er von Leiden, von Schmach und Tod bedroht ist, spricht Jesus Gott an als "Abba, lieber Vater!" Und er bekennt damit, dass dieser Gott allmächtig ist: Abba, lieber Vater, alles ist dir möglich. Das bittere Schicksal, das Jesus droht, nimmt ihm nicht die einzigartige Beziehung und Vertrautheit mit Gott, die ihn zu Gott "lieber Vater" sagen lässt. Für unser menschliches Empfinden scheint es ein unerträglicher Widerspruch zu sein, dass ein lieber Vater seinen Sohn vor einem solchen Schicksal nicht bewahrt. Wie kann ein solcher Vater ein solches Schicksal seinem geliebten Sohn zukommen lassen? So fragen wir.

Jesus selbst verlangt in seinem Gebet von Gott keine Erklärung und keine Rechenschaft. Jesus verlangt von Gott nicht, dass er seine Pläne offen legt; dass er Einblick in seine Gründe und Überlegungen gibt, damit diese dann verstanden und gebilligt werden können. Das Zutrauen, das Vertrauen Jesu zu Gott stützt sich nicht auf die menschliche Einsicht in die Pläne Gottes, sondern allein auf Gott selbst. Nicht den Gründen Gottes gilt sein Vertrauen, sondern sein Vertrauen gilt Gott. Für Jesus steht unbedingt fest, dass Gott der liebe und gute Vater ist; dass er allmächtig ist; dass kein Geschehen blinder Zufall ist; dass der Wille Gottes geschehen soll; dass wir Menschen uns den Willen Gottes zu eigen machen sollen. Und diese grundlegenden Elemente des Betens Jesu, zu denen die Rechenschaftsforderung gegenüber Gott gerade nicht gehört, diese Elemente sollten auch unser Beten und unser Verhalten zu Gott kennzeichnen.

Jesus offenbart uns in Gethsemani eine völlig neue Sicht Gottes. Für ihn, den Sohn, ist die Liebe und Allmacht Gottes als des Vaters eine nicht in Frage stehende Größe. Diese Größe wird nicht an einem Eingreifen Gottes oder am Wohlergehen des Menschen gemessen. Die Bindung Jesu an seinen Vater ist unbedingt, ebenso seine Zuversicht. Nicht weil es ihm gut geht und weil seine eigenen Wünsche erfüllt werden, hält er sich an Gott und weiß er sich von Gott geliebt. Die Liebe Gottes ist für ihn eine ganz unabhängige Größe. Es kommt nur darauf an, sich nicht beirren zu lassen: nicht durch die eigenen Wünsche und nicht durch noch so schmerzliche Erfahrungen. Es kommt darauf an, sich nicht mit dem eigenen Willen gegen Gott zu stellen. Das Verhältnis Gottes zu uns und unser Verhältnis zu Gott werden hier von allen irdischen Maßstäben befreit. Gerade hier, wo nicht die himmlische Herrlichkeit, sondern die menschliche Verwundbarkeit Jesu offenbar wird, da zeigt sich die unaufhebbare Bindung Jesu an Gott. Nicht im Glanz, sondern in der Erniedrigung wird diese Bindung Jesu an seinen himmlischen Vater sichtbar. Diese Bindung gehört von Natur aus zum Gottesverhältnis Jesu.

Die drei Jünger haben im Haus des Jairus erlebt, wie Jesus der Macht des Todes überlegen ist. Sie haben bei der Verklärung auf dem Berg gehört, wie Gott von Jesus als seinem geliebten Sohn spricht. Und sie haben in Gethsemani gehört, wie Jesus - von Furcht und Angst gepackt - Gott als seinen lieben Vater anspricht. Die Jünger sollen erkennen, dass er dem Tod, vor dem der Mensch am meisten seine Ohnmacht erfährt, überlegen ist. Sie sollen aber auch lernen, dass Jesus diese Macht, ins irdische Leben zurück zu rufen, als Zeichen benützt. Ihm selber ist der Weg in den Tod von seinem Vater zugedacht. Die Überwindung der Kräfte, die den Menschen zerstören, geschieht nicht durch Totenerweckungen. Das Leben schlechthin liegt von Gott her in der bedingungslosen Vaterliebe, und vom Menschen her im kindlichen Vertrauen zu diesem Gott, der trotz und in allen leidvollen Erfahrungen unser lieber Vater bleibt.

 

Gründonnerstag: "Das Geheimnis der größeren Liebe"

Einführung

Wir beginnen mit dieser Eucharistiefeier die "Drei österlichen Tage vom Leiden, vom Tod und von der Auferstehung des Herrn". Am Anfang dieser Tage steht das Gedächtnis des Letzten Abendmahles mit seiner Einsetzung der Eucharistie. All das, was Jesu Person und Lehre, was sein Leben und Sterben bedeuten, das hat er am Abend vor seinem Leiden seinen Jüngern anvertraut und zur Wiederholung aufgetragen. Mögen die Worte der Abendmahlsfeier, die wir nun gemäß dem Auftrag unseres Herrn Jesus Christus begehen, unser Herz ergreifen, uns im Glauben froh machen und in der Treue zu ihm bestärken.

    Herr Jesus Christus, du hast uns eingeladen, mit dir dieses Abendmahl zu feiern
    - Herr, erbarme dich!
    Du hast uns ein Beispiel gegeben, wie wir leben und lieben sollen
    - Christus, erbarme dich!
    Du schenkst uns dich selber als Speise und Trank auf dem Weg zu dir
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Am Abend vor seinem Leiden hat unser Herr Jesus Christus mit seinen Jüngern Mahl gehalten und ihnen das Geheimnis seiner bleibenden Gegenwart anvertraut. Voll Vertrauen kommen wir mit unseren Bitten zu ihm:

  • Für die Kirche, die Gemeinschaft der Glaubenden: Leite sie an, gläubig und würdig die heiligen Geheimnisse zu feiern!
  • Für die getrennten Christen: Führe sie zur Einheit im Glauben und zur Gemeinschaft an deinem Tisch!
  • Für die Bedrängten und Mutlosen: Stärke sie durch die Kraft der heiligen Speise!
  • Für unsere Verstorbenen: Geleite sie zum himmlischen Gastmahl!

Gott, allmächtiger Vater, das Sakrament der Einheit festige die Liebe und mehre unseren Glauben durch Jesus Christus, deinen Sohn, unseren Herrn und Gott, der in der Einheit des Heiligen Geistes mit dir lebt und herrscht in alle Ewigkeit. Amen.

Predigt

"In der Nacht, in der er ausgeliefert wurde, nahm der Herr Jesus Brot." Heute am Gründonnerstag, aber auch täglich im Hochgebet der Heiligen Messe spricht dieser Text aus dem 1. Korintherbrief zu uns mit großer Eindringlichkeit. Jetzt, in dieser Feier, begehen wir diese denkwürdige Nacht, in der dies geschehen ist. Wir wollen daher ein wenig nachdenken über die Aussagen dieses Textes, der ja zu den ältesten des Neuen Testamentes gehört.

"In der Nacht, da er ausgeliefert wurde, da er verraten wurde." Wir begehen die Nacht des Verrates durch einen Freund, der Jesus mit einem Kuss in die Hände seiner Todfeinde ausliefert. Es ist eine Nacht, in der ein Abgrund des Bösen offenbar wird: das Nein zu Gottes Wahrheit und Liebe - das Nein zu einem Freund, dem man Treue schuldet. Dieses Böse, diese Bosheit gibt es in der Welt; dieses Böse gibt es auch in uns. Es ist oft unfassbar, dass Menschen so abgrundtief böse sein und Nein sagen können zu Gott und zueinander. Und dies ist nicht nur eine vage Möglichkeit auch für uns; dies ist die Wirklichkeit unseres eigenen Herzens. "Die Linie, die Gut und Böse trennt, verläuft nicht zwischen Staaten, nicht zwischen Klassen und nicht zwischen Parteien, sondern quer durch jedes Menschenherz. Diese Linie ist beweglich, sie schwankt im Laufe der Jahre. Selbst in einem vom Bösen besetzten Herzen hält sich ein Brückenkopf des Guten. Selbst im gütigsten Herzen - ein uneinnehmbarer Schlupfwinkel des Bösen." (A. Solschenizyn)

Der Verrat ist aber nicht das eigentliche Geheimnis dieser Nacht. Jesus wird ja nicht rein passiv den Mächten der Gewalt ausgeliefert; er selbst gibt sich hin: "Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird." In Freiheit gibt Jesus sein Leben, sich selbst hin für uns. Nicht er wird von der Macht des Bösen überwunden; vielmehr er überwindet das Böse durch eine Liebe, die sich selbst wegschenkt und hingibt. Und in seinem Tod, in seinem Blut wird ein neuer Bund zwischen Gott und den Menschen geschlossen. "Neuer Bund" heißt: Wir sind trotz unserer Sünden angenommen, bejaht, geliebt, versöhnt. Unsere Schuld ist uns vergeben. Gottes Hand hält und trägt uns. Das Geheimnis dieser Nacht ist das Geheimnis der größeren Liebe, die das Böse überwindet und einen neuen Anfang setzt.

Gott setzt einen neuen Anfang. Darum stiftet Jesus ein Gedächtnis seiner Heilstat. Das Brechen des eucharistischen Brotes soll fortan Zeichen sein seines zerbrochenen Leibes und seiner Liebe bis in den Tod; das Austeilen des eucharistischen Brotes und des Kelches soll Zeichen sein der Liebe, die sich selbst wegschenkt und mitteilt. Jede Eucharistiefeier ist die Vergegenwärtigung unserer Erlösung und Vorfeier ihrer Vollendung im Reich Gottes. Jesus Christus ist unter uns gegenwärtig, um uns mit Gott und untereinander zu versöhnen. So fasst die Eucharistie alles zusammen: das damals gestiftete Heil, die künftige Vollendung des Heils; und das Heil, das uns hier und heute zuteil wird. Die Eucharistie ist darum Höhepunkt und Quelle des Lebens der Christen und der Kirche.

Eine Aussage unseres Textes übersehen wir oft. Paulus sagt uns, wir müssten dieses eucharistische Brot von anderem, von gewöhnlichem Brot unterscheiden und uns prüfen, bevor wir an den Tisch des Herrn herantreten. Es ist notwendig, dass wir aus der Tiefe des Geheimnisses leben, das in diesem sakramentalen Zeichen sichtbar wird. Vor allem kommt es darauf an, dass sich die Verwandlung von Brot und Wein fortsetzt in der Wandlung unseres Lebens; dass wir uns ganz von Christus ergreifen lassen; dass wir uns von seinen Gesinnungen durchdringen lassen. So hat er uns in der Fußwaschung ein anschauliches Beispiel dessen gegeben, was gemeint ist. Er, der Herr, vollzieht den Dienst eines Sklaven. Er kehrt die Ordnungen, er kehrt das Denken, das Gesetz dieser Welt um. Sind wir eigentlich dienende Menschen? Sind wir Menschen des gelebten Gewaltverzichtes? Bemühen wir uns so - in der Kraft des Herrn - das Böse durch das Gute zu überwinden?

Die eigentliche Antwort auf das, was in unserem Text aus dem 1. Korinther-Brief deutlich wird, die Antwort also auf die Liebe des Herrn ist allerdings nicht das Denken, sondern das Danken. Der Dank ist der eigentliche Ausdruck der liebenden Hingabe; sie ist uns aufgetragen. Die Feier der Eucharistie ist der tiefste Ausdruck unseres Dankes Gott gegenüber und seiner Liebe in Jesus Christus: dass er uns die Gaben von Brot und Wein schenkt; dass er uns Jesus Christus geschenkt hat; dass er in ihm den Neuen Bund mit uns geschlossen hat; dass nicht Hass und Gewalt, sondern Liebe und Versöhnung das letzte Wort haben; dass wir selber Zeichen und Zeugen dieser Liebe sein dürfen.

 

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