Lesejahr B
Adventzeit

1. Advent

2. Advent

3. Advent

4. Advent

 

1. Adventssonntag: "Seid wachsam!"

Einführung

Heute beginnt die Zeit des Advent. Als ersten liturgischen Text hält das Messbuch von alters her die Psalm-Worte bereit: "Zu dir, Herr, erhebe ich meine Seele; mein Gott, dir vertraue ich... Denn niemand, der auf dich hofft, wird zuschanden." (Ps. 25, 1-3) Richten wir tatsächlich unsere Hoffnung auf Gott, unseren Vater im Himmel? Ist er der Punkt, von dem her wir leben? Wir wünschen es alle, und wir versuchen es. Wir könnten diesen Versuch aber nicht wagen, wenn nicht von Gottes Seite der erste Schritt geschehen wäre. In Jesus Christus ist er einer von uns geworden. Wir haben Grund, ihm dafür zu danken; wir haben Grund, ihm zu vertrauen.

    Herr Jesus Christus, du bist in der Fülle der Zeit in die Welt gekommen
    - Herr, erbarme dich!
    Du kommst jetzt in deinem Wort und in den Zeichen von Brot und Wein zu uns
    - Christus, erbarme dich!
    Du wirst am Ende der Zeiten in Herrlichkeit wiederkommen
    - Herr, erbarme dich!

Es erbarme sich unser der allmächtige Gott! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

In diesen Tagen des Advent bereiten wir uns für das Fest des Kommens Jesu in diese Welt. Wir denken aber auch daran, wie wir bei ihm, bei unserem Vater im Himmel, ankommen sollen. Darum rufen wir voll Vertrauen zu ihm:

  • Für die Kirche, die Gemeinschaft der Glaubenden: dass sie in Einheit und Frieden sich immer wieder um deinen Altar versammelt!
  • Für die Menschen in aller Welt, die sich nach Freiheit und Gerechtigkeit sehnen: dass sie erlangen, wonach sie sich sehnen!
  • Für uns alle, die wir uns unterwegs wissen zu dir: dass wir ohne Angst dir entgegengehen und auf unserem Weg zu dir nicht müde werden!
  • Für unsere Verstorbenen: Gib ihnen bei dir Heimat, Frieden und ewiges Leben!

Gott, unser Vater, mit diesen Bitten kommen wir zu dir. Erhöre sie, der du uns an deinen Tisch geladen hast - hier und einst in deinem Reich. Amen.

Predigt

Merkwürdigerweise lässt die Liturgie der Kirche heute am ersten Advents-Sonntag den Anfang des neuen Kirchenjahres beginnen mit einem Text des Evangelisten Markus, der vom Ende der Welt handelt. Unser Text (wir hören leider nur den ersten Teil) steht zwischen den Kapiteln vom öffentlichen Leben und Wirken Jesu und denen vom Leiden, vom Tod und der Auferstehung Jesu. Diese sogenannte "apokalyptische" Rede geht aus von der Ankündigung Jesu, dass der glanzvolle Tempel von Jerusalem zerstört wird. Die Rede Jesu befasst sich aber nicht nur mit der Zerstörung Jerusalems, sondern schaut insgesamt auf die Zukunft. Und er sagt seinen Jüngern, was die Zukunft für sie bringen wird, und wie sie sich verhalten sollen. Wir sollten jedoch bedenken, dass Jesu Wort nicht nur für damals gegolten hat, sondern auch für heute, also für uns.

Der Weltenlauf wird so weitergehen, wie er immer gewesen ist: mit Naturkatastrophen; vor allem aber mit Katastrophen, die durch den Hass und die Unvernunft der Menschen verursacht werden: Feindschaft zwischen den Völkern, Kriege, Hungersnöte. Das Kommen und das Wirken Jesu auf dieser Erde führt also nicht zu paradiesischen Zuständen. Die Erde bleibt das, was sie immer gewesen ist: ein Tal der Tränen und der Not. Aus den herrlichen Zeiten, denen wir entgegen gehen sollten, ist meist nichts geworden. Und auch für die Jünger Jesu, für die Glaubenden also gilt, dass ihre Jüngerschaft, dass ihre Verbundenheit mit Jesus alles andere ist als ein Titel auf Ruhe, auf Ehre, auf Frieden und Anerkennung. Gerade weil sie zu Jesus gehören, gerade weil sie sich zu ihm bekennen, müssen sie damit rechnen, dass sie wie Jesus selbst verkannt, dass sie wie Jesus verfolgt werden. Sie müssen sich darauf gefasst machen, gehasst und abgelehnt zu werden. Das Schicksal Jesu wird auch ihr Schicksal sein. Darauf sollen sich die Jünger, darauf müssen sich die Jünger, die Glaubenden einstellen.

Diese Katastrophen und die Verfolgungen werden ein Ende haben - gerade das sagt uns das heutige Evangelium. Das Ende, der Abschluss der Weltgeschichte ist jedoch verbunden mit der Erschütterung alles dessen, was bisher sicher und fest gewesen ist; das Ende der Weltgeschichte ist verbunden mit dem Kommen des Menschensohnes in Herrlichkeit. Sonne und Mond geben Licht; sie sind ausgezeichnet durch ihren geregelten Lauf. Sie ermöglichen das Messen der Zeit. Die Sterne erscheinen uns unverrückbar einander zugeordnet. Sie erscheinen uns als Sinnbild der Ordnung und der Festigkeit. Der Mensch, der unterwegs ist in der Wüste oder auf dem Meer, kann sich an ihnen orientieren. All diese Sinnbilder der Festigkeit und der Ordnung werden jedoch erschüttert. Das bedeutet: die jetzt gültigen Verhältnisse haben keinen ewigen Bestand. Man kann nicht unbegrenzt mit ihnen rechnen. Man kann sie nicht zum Orientierungspunkt schlechthin machen; denn sie sind vergänglich.

Das letzte Wort zu aller Geschichte der Menschen und zu all ihren Ereignissen ist das Kommen des Menschensohnes in der Herrlichkeit Gottes. Jesus Christus, der durch Leiden und Tod hindurchgegangen ist, der als der Auferstandene sich nur seinen Jüngern kundgetan hat, er wird vor den Augen aller in seiner wahren Stellung sichtbar werden. Dieses Offenbarwerden Jesu als des Sohnes Gottes und seine alleinige und unbegrenzte Herrschaft ist das Ziel der menschlichen Geschichte. Auch wenn die Geschichte der Menschen von Katastrophen und von Untergängen gekennzeichnet ist, am Ende der Geschichte wird nicht eine Katastrophe stehen. Gott lässt gewiss vieles zu, was schrecklich und unverständlich ist. Sein letztes Wort zur Geschichte der Menschen ist aber die Offenbarung des Menschensohnes in der Herrlichkeit des Vaters, im Aufscheinen seiner Ebenbürtigkeit mit Gott. Die Zukunft der Menschheit mag noch so dunkel aussehen; sie mag anscheinend auf den totalen Untergang zusteuern: am Ende steht Jesus Christus, der Menschensohn, in seiner strahlenden Gemeinschaft mit seinem himmlischen Vater. Die Jünger Jesu mögen noch so sehr gehasst und verfolgt und grausam getötet worden sein: derjenige, dem sie gefolgt und dessen Schicksal sie geteilt haben, wartet auf sie und wird sich zu ihnen bekennen. Ihr irdisches Leben mag ein Ende gefunden haben, wie immer und wo immer es gewesen ist. Er weiß sie überall zu finden, und er sammelt sie. Das Festhalten an Jesus mag ihnen den Tod gebracht haben. Gerade dieser Tod bestimmt sie für das ewige Leben mit ihm.

Mit seiner Unterweisung will Jesus erreichen, dass sich die Jünger, die Glaubenden keine falschen Vorstellungen über die Zukunft machen. Sie dürfen in keiner Weise mit einem friedvollen irdischen Paradies rechnen. Diese Erde wird ein Jammertal bleiben, und gerade die Jünger Jesu müssen sich auf Ablehnung, auf Hass und Verfolgung einstellen. In aller Not der Gegenwart sollen sie aber nicht vergessen, dass am Ende der Triumph des Menschensohnes stehen wird - und ihre Gemeinschaft mit ihm. Sie sollen sich also keinen Illusionen hingeben. Sie sollen aber auch nicht verzweifeln. Sie sollen unbeirrt am Wort Jesu festhalten. Und er gibt dafür seine Anweisungen. Eindringlich und wiederholt mahnt er die Seinen: Lasst euch nicht in die Irre führen! Das Verständnis der menschlichen Geschichte, erst recht alle Fragen, die mit der Zukunft zusammenhängen, sind in besonderer Weise für Täuschung und Irrtum anfällig. Sie sind der Tummelplatz der selbsternannten Propheten. Hier gilt zu allen Zeiten die Mahnung Jesu: Lasst euch nicht hereinlegen! Lasst euch nicht durch Neugier und Angst verführen! Das Entscheidende habe ich euch gesagt. Haltet euch daran und gebt euch damit zufrieden! Jesus sagt also den Seinen, er sagt uns mit aller Deutlichkeit und Entschiedenheit, dass einzig und allein Gott den Tag der Vollendung kennt. Alle Berechnungen des letzten Tages sind ins Reich der Phantasie verwiesen. Sie widersprechen dem klaren Wort Jesu. Natürlich heißt das nicht, dass die Zukunft uns nicht beschäftigen darf; dass sie keinen Einfluss haben soll auf unser Handeln. Wie wir uns von den frischen Blättern des Feigenbaumes auf den bevorstehenden Sommer verweisen lassen, so sollen wir uns von den Ereignissen der Gegenwart auf das Ende verweisen lassen.

Das Evangelium heute schließt mit dem Gleichnis von den Knechten, denen der Herr sein Haus anvertraut hat. In diesem Gleichnis sagt Jesus den Seinen, sagt er uns, was wir angesichts des ganz sicheren, aber nicht datierbaren Kommens des Herrn zu tun haben: wir müssen wachsam sein! Das wird dreimal wiederholt. Und das kann doch nur bedeuten: Wir sollen zu jeder Zeit in der Lage sein, dem Herrn Rechenschaft abzulegen. Alles, was wir haben, ist anvertrautes Gut. Bei all unserem Handeln soll unser Blick auf den Herrn gerichtet sein; sollen wir daran denken, dass wir ihm Rede und Antwort schuldig sind. Wachsam sein heißt daher auch: Wir sollen jederzeit in Verantwortung vor dem Herrn handeln. Dadurch werden wir bereit für das Kommen des Herrn. Dann können wir auch in froher Hoffnung auf ihn zugehen.

Das heutige Evangelium steckt also den Rahmen ab für das Leben seiner Jünger, für das Leben derer, die an ihn glauben; für unser Leben. Unser Herr Jesus wird nicht sichtbar bei den Seinen bleiben. Im nüchternen Wissen um die Natur der irdischen Verhältnisse und in der unerschütterlichen Gewissheit vom endgültigen Triumph ihres Herrn sollen sie ihren Weg in dieser Welt gehen. Das Ziel ist klar. Es ist die vollendete Gemeinschaft mit dem verherrlichten Herrn. In seiner Liebe finden die Glaubenden, finden wir Heimat, Geborgenheit und Glück für immer.

 

2. Adventsonntag: "Bereitet dem Herrn den Weg!"

Einführung

"Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet ihm die Straßen!" Das ist der Ruf des Täufers Johannes an die Menschen, die aus Judäa und Jerusalem zu ihm an den Jordan kommen, um von ihm getauft zu werden. Dieser Ruf des Propheten ergeht aber auch an uns, die wir heute leben. An uns richtet sich je doch nicht nur der Ruf zur Umkehr. An uns ist gerichtet die Botschaft von Jesus Christus, dem Sohn Gottes, die Frohbotschaft vom Kommen Gottes in diese Welt, vom Anbruch der Zeit des Heils. In Jesus Christus hat sich uns kundgetan, dass wir nicht allein gelassen sind; denn er ist ja der Immanuel, der "Gott-mit-uns". Besinnen wir uns darum wieder zu Beginn dieser Eucharistiefeier auf den Herrn, der uns nahe sein will; der uns nahe ist.

    Herr Jesus Christus, du bist in der Fülle der Zeit gekommen
    - Herr, erbarme dich!
    Du kommst jetzt in deinem Wort und in den Zeichen von Brot und Wein
    - Christus, erbarme dich!
    Du wirst am Ende der Zeit in Herrlichkeit wiederkommen, um unsere Erlösung zu vollenden
    - Herr, erbarme dich!

Es erbarme sich unser der allmächtige Gott! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

In diesen Tagen des Advent sind wir um Jesus Christus versammelt, der mit uns Mahl halten will. Zu ihm rufen wir voll Vertrauen:

  • Für das Volk Gottes auf der ganzen Erde: dass es im Glauben und in der Liebe wachse!
  • Für die Völker der Erde: dass sie sich um Brüderlichkeit und gegenseitiges Verstehen bemühen!
  • Für die jungen Menschen: dass sie Geduld und Ausdauer haben im Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden!
  • Für uns alle: dass wir bereit sind zu vergeben und dir nachzufolgen!
  • Für unsere Verstorbenen: dass du ihnen die Heimkehr in das Land des Lichtes und des Friedens gewährst!

Herr Jesus Christus, du stehst in Treue zu deinen Verheißungen. Rette uns aus aller Verstrickung in das Böse und führe uns zur wahren Freiheit der Kinder Gottes. Das gewähre uns, der du lebst und herrschst in Ewigkeit. Amen.

Predigt

Die liturgischen Texte des heutigen Sonntags haben ein einziges Thema: den Anbruch der messianischen Heilszeit, das Kommen des Herrn in diese Welt. Besonders die Lesung aus dem Jesaja-Buch macht das deutlich. Diese Lesung ist genommen aus dem 2. Teil des Prophetenbuches. Der Verfasser ist nicht identisch mit dem großen Propheten des 8. Jahrhunderts. Es ist ein unbekannter Prophet, der zur Zeit des Exils von Babylon gelebt hat. In seinen prophetischen Worten (wir nennen den zweiten Teil des Jesaja-Buches das "Trostbuch Israels") tröstet der Prophet die Verbannten, die an Jahwe fast verzweifeln, mit der Verheißung, es gebe eine Rückkehr in das gelobte Land; es gebe eine Rückkehr nach Jerusalem. Gott gewähre die Vergebung aller Schuld, die zur Katastrophe des Untergangs geführt hatte: "Tröstet, tröstet mein Volk, so spricht euer Gott. Redet Jerusalem zu Herzen und verkündet der Stadt, dass ihr Frondienst zu Ende geht, dass ihre Schuld beglichen ist... Erhebe deine Stimme mit Macht, Jerusalem, du Botin der Freude... Sage den Städten in Juda: Seht da, da ist euer Gott!"

Aber treffen diese Worte des Propheten und auch die Texte der heutigen Liturgie überhaupt unser Herz? Sind wir wirklich am Kommen des Herrn interessiert? Redet unser Mund nicht etwas daher, was unser Herz nicht begreift, nicht begreifen kann? Und doch muss in den Worten der Liturgie ein Sinn liegen; das Beten um das Kommen des Herrn muss an ein Ziel gelangen, muss eine Erfüllung finden. Aber in welchem Sinn? In dem Sinn, dass das Kommen des Herrn nicht etwas Vergangenes ist; auch nicht etwas, das in einer fernen Zukunft einmal geschehen soll; sondern in dem Sinn, dass das Kommen des Herrn in unserem eigenen Leben geschieht, geschehen muss; dass wir beim Herrn ankommen; dass wir innerlich beim Herrn ankommen. Nur dann wird uns die Tröstung zuteil, von der der Prophet spricht.

Die Zeiten des Kirchenjahres (also auch der Advent und das Weihnachtsfest) erinnern uns sicher an etwas Vergangenes. Sie sind aber in erster Linie Gegenwart. Denn was einmal in der Geschichte, in der Heilsgeschichte geschehen ist, das soll sich im Leben der Glaubenden immer wieder ereignen. Damals ist der Herr gekommen; und er ist für alle gekommen. Er muss aber immer wieder neu kommen, für jeden einzelnen. Jeder, jeder von uns soll das Warten, aber auch die Ankunft des Herrn erfahren, damit uns daraus das Heil werde. Dann ist es allerdings notwendig, einen Blick zu bekommen für den kommenden Herrn. Und wenn wir mit den Augen des Glaubens in unser Leben schauen, dann wissen wir, wie in unserer Freude, aber auch in unserem Leid und in unserer Not, in den Ratlosigkeiten und Versuchungen, in all dem, was unser Leben ausmacht, der Herr zu uns kommen will. Dann wissen wir aber auch, dass in all diesen Situationen unseres alltäglichen Lebens eine Antwort von uns erwartet, gefordert wird. So ist die Zeit des Advent eine Zeit, die dazu mahnt, uns einmal zu fragen, jeder in seine Gewissen hinein: Ist er zu mir gekommen - bin ich bei ihm angekommen? Weiß ich um ihn? Ist er mir Lehrer und Meister? Steht in meinem Inneren die Tür für ihn offen? Und es sollte unser Entschluss sein: Ich will diese innere Tür öffnen, ihm auftun. Aber wie könnte das praktisch geschehen?

Vor allem sollten wir uns in diesen Tagen des Advent, in den Tagen der Vorbereitung auf Weihnachten darum bemühen, etwas von ihm zu erfahren, mehr von ihm zu erfahren. Wir könnten uns ein Buch nehmen, das von ihm spricht. Aber es nicht so lesen, wie wir es tun, um uns über irgendetwas zu unterrichten, sondern mit offenem Herzen. So soll uns Jesus Christus klar werden, "einleuchten"; sein Wesen, sein Tun und sein Schicksal. Wir sollten uns für diesen rätselhaften Menschen interessieren. Es genügt aber nicht nur, über den Herrn etwas zu lesen und darüber nachzudenken. Wir müssen auch mit ihm ins Gespräch kommen; mit anderen Worten: wir müssen beten. Wir müssen darum bitten, dass die Gestalt des Herrn uns "einleuchtet"; dass uns geschehe, was der Evangelist Johannes meint, wenn er sagt: "Wir haben seine Herrlichkeit geschaut, die Herrlichkeit als des Eingeborenen vom Vater, voll Gnade und Wahrheit." (Joh. 1, 14) Dann und nur dann kommt die Gestalt unseres Herrn Jesus Christus aus dem bloßen "Gerede" heraus. Dann entsteht zwischen ihm und uns eine Verbundenheit, eine Vertrautheit, ein Einvernehmen. Und wir nennen dies "Glauben". "Glauben", wirklicher "Glaube" meint: zur Person des anderen, zu Jesus Christus Ja sagen: "Wie gut, dass es dich gibt! Du bist mein Heil. Du bist der Grund, das Fundament meines Lebens."

Wir sollten jedoch noch ein Drittes hinzunehmen. Wir sollen die Liebe üben in diesen Tagen der Vorbereitung auf Weihnachten. Man kann Jesus Christus nicht so erkennen, wie man irgendeinen Menschen der Geschichte erkennt. Man kann Jesus Christus nur aus jener Haltung heraus erkennen, die wir Liebe nennen. Aber wie können wir diese Liebe zu Jesus Christus üben? Denken wir daran, dass es Liebe zu Jesus Christus ist, wenn wir seine Brüder und Schwestern lieben. Im 1. Johannesbrief steht das Wort: "Wer seinen Bruder, den er gesehen hat, nicht liebt, der kann Gott nicht lieben, den er nicht gesehen hat." (1. Joh. 4, 20) Also sollten wir in diesen Tagen des Advent die Liebe üben, damit uns die Augen aufgehen für das Kommen Jesu Christi. Wir sollen und wir wollen es dort tun, wo wir stehen; an den Menschen, mit denen wir zusammenleben. Wir wollen ihnen das Recht zukommen lassen, so zu sein, wie sie sind. Wir wollen nicht über andere urteilen, sie gar verurteilen. Erinnern wir uns daran, was Paulus einmal sagt: "Richtet nicht vor der Zeit! Überlasst das Gericht dem Herrn!" Wir wollen also die Menschen, mit denen wir zusammenleben, immer wieder aufs neue annehmen, mit ihnen auskommen, ihnen Gutes tun; ihnen dienen. Von diesem nächsten Bereich um uns herum, von unserer Familie, von unseren Freunden, von unserem Beruf breitet sich diese Liebe dann zu denen aus, die uns ferner stehen - je nach der Weise, wie das Leben sie uns nahe bringt.

Wirklicher Advent geschieht im glaubenden und liebenden Menschenherzen. Wo der Mensch, wo wir uns in einer guten Tat dem anderen öffnen, da geschieht zugleich viel mehr; da ereignet sich das Kommen des Herrn; da kommen wir beim Herrn an; da verwirklicht sich in uns die Liebe Gottes. Dieser Liebe Gottes sollen wir den Weg bereiten. Nicht umsonst erscheint im Evangelium von heute die Gestalt des Täufers Johannes und die Stimme des Rufers in der Wüste: "Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet ihm die Straßen!" Wenn wir das in unserem persönlichen Leben zu verwirklichen suchen, wenn wir dem Herrn Raum zu geben suchen, dann hat unser Beten mit den Worten der heiligen Liturgie einen Sinn. Dann ist unser Beten heute an das Ziel gekommen. Ja, dann sind wir selber beim Herrn schon angekommen; dann ist wirklich Advent, und es wird wirklich Weihnachten in unserem Leben.

 

3. Adventsonntag: "Gottes Stimme hören"

Einführung

An den Sonntagen des Advent stellt uns die Kirche in der Liturgie die großen Gestalten vor Augen, die dem Kommen des Herrn die Wege bereiten: Elisabeth, Maria und Josef, besonders aber Johannes den Täufer. Sie alle weisen uns hin auf die Grundeinstellung, die wir vor Gott haben sollen: die Offenheit für Gottes Wort und seine Wege. Im heutigen Evangelium steht der Täufer Johannes vor uns. Er stellt sich ganz in den Dienst des Messias, der nach ihm kommen wird; dessen Schuhe aufzuschnüren er nicht würdig ist; für den er Zeugnis ablegen, dem er die Wege ebnen will. Wissen wir uns auch gerufen, dem Kommen des Herrn die Wege zu bereiten - in unserer Zeit, in unserer Welt, an unserem Ort? Besinnen wir uns und erbitten wir uns die Kraft zu diesem Zeugnis!

    Herr Jesus Christus, du kamst in diese Welt, um uns das Heil zu schenken
    - Herr, erbarme dich!
    Du rufst uns zur Umkehr und zum Umdenken
    - Christus, erbarme dich!
    Du schenkst uns die Gewissheit deiner Hilfe
    - Herr, erbarme dich!

Es erbarme sich unser der allmächtige Gott! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

In einer Welt, die sich nach Glück und Sicherheit sehnt, beten wir voll Vertrauen zu Gott, unserem guten Vater im Himmel, um seinen Beistand.

  • Für die Kirche, die Gemeinschaft der Glaubenden: dass sie nicht auf sich sich selbst baut, sondern alles von dir erwartet!
  • Für die Menschen in aller Welt, die nach dem Eigentlichen suchen: dass sie in dir Erfüllung und Heil finden!
  • Für uns alle, die wir uns mühen, deinen Weg zu gehen: dass wir nicht müde werden und an dir zweifeln!
  • Für unsere verstorbenen Brüder und Schwestern: dass sie in das Land des Lichtes und des Friedens heimfinden!

Guter Gott, du hast uns in deinem Sohn Jesus Christus das Zeichen und das Unterpfand deiner Nähe und deiner Liebe gegeben. Wir danken dir dafür heute und alle Tage. Amen.

Predigt

Ihnen ist sicher der Satz von Wolfgang Borchert bekannt, das in seinem Heimkehrer-Drama "Draußen vor der Tür" steht und sich an die Adresse Gottes wendet: "Du bist unmodern... Deine Stimme ist leise geworden, zu leise für den Donner der Zeit. Wir können dich nicht mehr hören." In der Tat, im Lärm unserer Zeit können wir anscheinend Gott und seine Botschaft nicht mehr hören. Gott ist leise, zu leise geworden für den Donner der Zeit. Er wird nicht nur übertönt vom Klirren der Waffen, von der Brutalität und Gewalttätigkeit, die wir allenthalben erleben. Er wird auch übertönt von den vielen innerweltlichen Heilslehren und Heilslehrern, von der Mode der Zeit zu denken und zu fühlen, von der Sucht und Gier nach Besitz, etwas vom Leben zu haben. Wie ist - angesichts einer solchen Mentalität - die christliche Botschaft vom Heil, das Gott uns zuteil werden lässt, dem Menschen unserer Tage nahe zu bringen? Damit stehen wir beim eben gehörten Text des Evangeliums.

In seiner Mitte stehen die Fragen der Menschen, stehen die Fragen der Frommen in Israel an Johannes den Täufer: "Wer bist du? Bist du der Messias, der sehnsuchtsvoll erwartete Retter aus der Not der Zeit, der Unterdrückung durch die Römer, der politischen Bedeutungslosigkeit und Ohnmacht, des Nieder- und Untergangs?" Und Johannes kann nur bekennen: "Ich bin nicht der Messias. Ich bin nicht der Prophet. Ich bin nur die Stimme, die in der Wüste ruft." Das Wort von der "Wüste" sagt alles: Wer hört Johannes überhaupt zu? Seine Stimme ist zu leise - zu leise auch für die Frommen in Israel. Sie hören auf einem ganz anderen Ohr. Sie stellen sich das Eingreifen Gottes ganz anders vor. Wenn der Eigentliche kommt, dann - so hoffen sie - werden die Fronten klar sein, die Standpunkte eindeutig. Dann strahlt die Wahrheit auf, die jeden Zweifel an Gott und seinem Wirken aufhebt. Dann wird die Gerechtigkeit Gottes auf dieser ungerechten, auf dieser heillosen Erde verwirklicht werden. Dann wird die Spreu vom Weizen eindeutig getrennt werden.

Doch diese so radikale und so großartig erscheinende Sehnsucht und Hoffnung wird enttäuscht. Johannes ist nur ein "Vorläufer", der ankündigen, der den Weg bereiten kann. Ja, es kommen anscheinend immer nur "Vorläufer". Es treten offensichtlich immer nur Boten auf, die Gottes Wahrheit, die Gottes Gerechtigkeit nur mit menschlichen, nicht aber mit göttlichen Worten verkünden. Ja, diese "Boten" machen Gottes Wahrheit und Gerechtigkeit im Grunde oft nur noch dunkler, nur noch unverständlicher. Es kommen als Gottes Boten nur Menschen mit allen Menschlichkeiten, manchmal auch mit allen Unmenschlichkeiten. Gottes Heil geschieht offensichtlich immer nur unter sehr menschlichen Zeichen. Das, was uns von Gott in der Welt begegnet, das ist etwas Unvollkommenes, etwas Vorläufiges; es ist Stückwerk, etwas Unfertiges. Alles das muss mit Johannes bekennen: Ich bin nicht der Messias. Ich bin nicht Gott. Der Eigentliche ist immer nur verborgen da unter den vielen Menschen, in den vielen, ja vieldeutigen menschlichen Worten und Zeichen: "Mitten unter euch steht einer, den ihr nicht kennt."

Erkennen wir hier nicht etwas von der Situation der Kirche in unserer Zeit? Auch ihre Stimme scheint leise, zu leise geworden zu sein für den Donner der Zeit. Auch die Stimme der Kirche ist nur die Stimme des Rufenden in der Wüste. Und sie verkündet, sie muss verkünden, dass das endgültige, das strahlende Reich Gottes noch nicht gekommen ist. Sie muss verkünden, dass in ihr zwar Gottes Heil geschieht; dass sie selber aber nicht das Heil der Welt ist. Diese Stimme des Rufenden in der Wüste können wir nicht deswegen überhören wollen, weil sie aus dem Mund von Menschen kommt, deren Unvollkommenheit und Schwachheit offenkundig sind. Wir können die Boten Gottes in der Kirche nicht links liegen lassen, weil auch sie nicht würdig sind, ihrem Herrn die Schuhriemen aufzulösen. Wir dürfen sie nicht links liegen lassen, weil sie nicht das Feuer vom Himmel herunterrufen und herunterrufen können wie Elija. Auch die Kirche und die Menschen in ihr, die ihren Glauben an den Herrn als das Heil der Welt zu leben versuchen, sie sind eine Kirche des Advent, eine Kirche unterwegs, die noch nicht am Ziel angekommen ist. Sie ist nicht eine Kirche der Sündelosen, der Reinen, der Heiligen, sondern der Mühseligen und Beladenen, deren Hoffnung Gott allein ist. Diese Kirche der Mühseligen und Beladenen sagt den Ungeduldigen, die Gottes Macht gleichsam herabzwingen wollen, wie sie ihm den Weg bereiten können: den Weg des Glaubens, der Liebe, der Demut; den Weg der Geduld mit denen, die doch nur Vorläufer sind; den Weg der Geduld mit ihren armseligen Worten und Zeichen; den Weg der Geduld mit sich selber. Dann kommt Gott, der verborgene Gott. Und er kommt nur zu denen, und er wird nur wahrgenommen von denen, die seine Vorläufer und das Vorläufige in Geduld liegen. Die Pharisäer des Evangeliums aber, die den Vorläufer des Messias ablehnten, weil er doch nicht der Eigentliche, der Endgültige war, - sie haben den Endgültigen, als er zu ihnen kam, nicht erkannt. Ob nicht genau dies für manchen Kirchen-Kritiker heute zutrifft?

Ich möchte meine Predigt schließen mit einem Text des Psychoanalytikers Albert Görres, der von Realitätssinn und von einer großen Liebe zur Kirche zeugt: "Die Kirche ist - wie die Sonne - für alle da. Für Gerechte und Ungerechte, Sympathen und Unsympathen, Dumme und Gescheite; für Sentimentale ebenso wie Unterkühlte, für Neurotiker, Psychopathen, Sonderlinge, für Heuchler und solche wie Nathanael, an denen kein Falsch ist; für Feiglinge und Helden, Großherzige und Kleinliche. Für zwanghafte Legalisten, hysterisch Verwahrloste, Infantile, Süchtige und Perverse. Auch für kopf- und herzlose Bürokraten, für Fanatiker und auch für eine Minderheit von gesunden, ausgeglichenen, reifen, seelisch und geistig begabten, liebesfähigen Naturen. Die lange Liste ist nötig um klarzumachen, was man eigentlich von einer Kirche erwarten kann, die aus allen Menschensorten ohne Ansehen der Person, von den Gassen und Zäunen wie wahllos zusammen gerufen ist und deren Führungspersonal aus diesem bunten Vorrat stammt - wenn nicht ständig Wunder der Verzauberung stattfinden, die uns niemand versprochen hat. Heilige, Erleuchtete und Leuchtende sind uns versprochen. Wer sie sucht, kann sie finden. Wer sie nicht sucht, wird sie nicht einmal entdecken, wenn sie jahrelang neben ihm gehen, weil er sie vielleicht nicht wahrhaben will oder kann... Mancher meint, er könne eine andere Kirche fordern, der die Heiligkeit, Weisheit und Liebe aus den Augen leuchtet. Das kann er nicht. Der immer und überall in ihr anwesende Geist ist ein verborgener Gott... Ein Gott, der sich zeigt, wann und wem er will. Er preist diejenigen selig, die nicht sehen und doch glauben. Sie brauchen keine strahlende Kirche, weil sie den Glanz des Heiligen auch durch Ruß geschwärzte Scheiben wahrnehmen."

Lasst uns nicht nur in den Tagen des Advent versuchen, die Stimme unseres Herrn zu vernehmen im Lärm, im Donner unserer Tage! Lasst uns dem Eigentlichen und Endgültigen die Wege bereiten! Lasst uns allezeit in Geduld, im Glauben unsere Herzen für das Kommen des Herrn bereiten! Lasst uns vor ihm hergehen, ihn verkünden in einer Zeit, die nach anderen Heilbringern Ausschau hält! Und lasst uns ihn bitten, dass er uns die Kraft gibt, diese Aufgabe, Zeugen und Vorläufer seines Kommens zu werden, zu erfüllen.

 

4. Adventsonntag: "Maria - die Magd des Herrn"

Einführung

An den Sonntagen des Advent stellt uns die Kirche in der Liturgie die großen Gestalten vor Augen, die dem Kommen des Herrn die Wege bereitet haben: Elisabeth, Johannes den Täufer, Josef, Maria. Sie weisen uns hin auf die Grundeinstellung, die wir vor Gott haben sollen: die Offenheit für Gottes Wort und für seine Wege. Heute, am vierten Adventssonntag, steht Maria vor unseren Augen, die reine Magd des Herrn, die im Glauben sich ganz Gott zur Verfügung gestellt hat. Wenn wir uns ihre Einstellung vor Augen halten, dann spüren wir, wie sehr wir dahinter zurückbleiben. Darum lasst uns zum Herrn rufen um seine Hilfe, um seine Gnade, um sein Erbarmen.

    Herr Jesus Christus, du bist in der Fülle der Zeit in die Welt gekommen
    - Herr, erbarme dich!
    Du kommst jetzt in deinem Wort und in den Zeichen von Brot und Wein
    - Christus, erbarme dich!
    Du wirst am Ende der Zeiten in Herrlichkeit wiederkommen
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Als Glaubende rufen wir voll Vertrauen zu unserem Herrn Jesus Christus, dem Sohn Gottes, der Mensch geworden ist aus Maria, der Jungfrau, um uns zu erlösen.

  • Stärke deine Kirche im Glauben an das Geheimnis deiner Menschwerdung!
  • Offenbare dich allen Völkern als ihr Heil und bringe ihnen Hoffnung und Freude!
  • Lass alle, die im Glauben unsicher geworden sind, die Liebe Gottes neu entdecken!
  • Gib uns die Kraft, wie Maria Ja zu sagen zu deinen Fügungen und Wegen!
  • Führe unsere Verstorbenen heim in dein Reich und lass sie dein Heil schauen!

Auf deine Liebe und Treue, Herr Jesus Christus, können wir bauen, und du enttäuschst unsere Hoffnungen nicht. Darum tragen wir unsere Bitten vor dich hin, der du lebst und herrschst in alle Ewigkeit. Amen.

Predigt

Das Evangelium von der Verkündigung der Geburt Jesu hat zu allen Zeiten die Menschen bewegt. Aber während in früheren Zeiten dieser Text die Künstler angeregt hat, scheint er heute zum Stein des Anstoßes zu werden. Der greise Simeon hat recht: "Dieser ist gesetzt zum Fall und zur Auferstehung vieler in Israel, zum Zeichen des Widerspruchs." (Lk. 2, 34) Das wird gerade am heutigen Evangeliumstext deutlich. Er ruft uns in die Entscheidung des Glaubens, so wie Maria gefragt wurde, ob sie Gottes Vorhaben mit ihr annehme, ob sie "Magd des Herrn" sein wolle.

Das Herkommen Jesu aus dem Geheimnis Gottes, "das niemand weiß", schildern die sogenannten "Kindheitsgeschichten" des Matthäus- und Lukas-Evangeliums - nicht um es aufzuheben, sondern um es gerade als Geheimnis zu bestätigen. Besonders Lukas erzählt den Anfang der Geschichte fast ganz in Worten des Alten Testaments, um so das, was sich hier zuträgt, als die Erfüllung der Hoffnung Israels auszuweisen und es einzuordnen in den großen Zusammenhang der Geschichte Gottes mit den Menschen. Das Wort, mit dem der Engel Maria anspricht, lehnt sich eng an den Gruß an, mit dem der Prophet Zephanja das gerettete Jerusalem der Endzeit grüßt (Zeph. 3, 14 ff), und es nimmt die Segensworte auf, mit denen man die großen Frauen Israels gepriesen hat (Ri. 5, 24; Jdt. 13, 18). So wird Maria als der heilige Rest Israels, als das wahre Sion gekennzeichnet, auf das sich die Hoffnungen gerichtet hatten. Mit ihr beginnt nach dem Text des Lukas das neue Israel; nein: es beginnt nicht nur mit ihr. Sie ist es: die heile, begnadete "Tochter Sion", in der Gott einen neuen Anfang setzt.

Nicht weniger gefüllt ist das zentrale Verheißungswort: "Heiliger Geist wird auf dich herabkommen und Kraft des Höchsten dich überschatten. Darum wird, was aus dir geboren wird, heilig genannt werden, Sohn Gottes." Über die Bundesgeschichte Israels weitet sich hier der Blick auf die Schöpfung: der Geist Gottes ist im Alten Testament Gottes Schöpfungsmacht. Er ist es, der am Beginn über den Wassern schwebte und das Chaos zum Kosmos, zum Geordneten machte. So ist das, was an Maria geschehen soll, neue Schöpfung: der Gott, der die Welt geschaffen hat, setzt inmitten der Menschheit einen neuen Anfang; sein Wort wird Fleisch. Das andere Bild unseres Textes - die "Überschattung mit der Kraft des Höchsten" - verweist auf den Tempel Israels und auf das heilige Zelt in der Wüste, wo sich Gottes Gegenwart in der Wolke anzeigte, die seine Herrlichkeit ebenso verhüllt wie offenbart. Wie Maria vorher als die wahre "Tochter Sion" von Lukas hingestellt wird, so erscheint sie nun als der Tempel, auf den sich die Wolke der Herrlichkeit Gottes herabsenkt. Wer sich Gott zur Verfügung stellt, der verschwindet mit ihm in der Wolke, in der Vergessenheit und Unansehnlichkeit; und er wird gerade dadurch seiner Herrlichkeit teilhaftig.

Die Menschwerdung Jesu aus der Jungfrau, von der in dieser Weise bei Lukas berichtet wird, ist den Aufklärern aller Zeiten ein Dorn im Auge gewesen. Sie haben daher das neutestamentliche Zeugnis minimalisiert. Sie haben versucht, das Denken der Alten ins Symbolische abzuschieben und den Bericht des Lukas als Mythos zu bezeichnen, da der Mythos von der wunderbaren Geburt eines Retterkindes weltweit verbreitet sei. Aber die Anknüpfungspunkte des neutestamentlichen Berichts liegen nicht im religionsgeschichtlichen Raum, sondern im Alten Testament; genauer: in der Erwählungs- und Hoffnungs-Theologie des Alten Bundes. Jesus wird von daher gekennzeichnet als der wahre Erbe der Verheißungen, als der König Israels und der Welt. Aus diesem geistigen Zusammenhang ist also unser Bericht zu verstehen: aus dem Hoffnungsglauben Israels.

Gerade auf diesen Hoffnungsglauben Israels weisen im Text des Lukas die Anspielungen auf Ereignisse des Alten Testaments hin. Dieses kennt eine Reihe von wunderbaren Geburten, und zwar an entscheidenden Wendepunkten der Heilsgeschichte. Sara, die Mutter des Isaak, Anna, die Mutter des Samuel, und die unbekannte Mutter des Simson sind unfruchtbar, und jede menschliche Hoffnung auf Nachkommenschaft ist sinnlos geworden. Bei allen dreien kommt die Geburt des Kindes, das zum Heilsträger für Israel wird, zustande als eine Tat des gnädigen Gottes, der das Unmögliche möglich macht; der die Niedrigen erhöht und die Stolzen vom Thron stürzt. Bei Elisabeth, der Mutter des Johannes, wird diese Linie fortgeführt; sie kommt bei Maria an ihren Höhepunkt und an ihr Ziel. Der Sinn des Geschehens ist allemal derselbe. Das Heil der Welt kommt nicht vom Menschen und von dessen eigener Macht; der Mensch muss es sich schenken lassen. Und nur als reines Geschenk kann er es empfangen. Die Menschwerdung und Geburt Jesu aus der Jungfrau Maria ist also die Botschaft davon, wie uns Menschen das Heil zukommt: in der Einfalt des Empfangens, als unerzwingbares Geschenk der Liebe, die die Welt erlöst. Im Propheten Jesaja ist dieser Gedanke des Heils allein aus Gottes Macht großartig formuliert: "Frohlocke, Unfruchtbare, die nicht gebar; brich los und juble, die keinen Geburtsschmerz kannte! Denn zahlreicher werden sein der Vereinsamten Kinder als die der Vermählten, spricht der Herr." (Jes. 54,1; Gal. 4, 27) In Jesus hat Gott inmitten der unfruchtbaren und hoffnungslosen Menschheit einen neuen Anfang gesetzt, der nicht Ergebnis ihrer eigenen Geschichte ist, sondern Geschenk von oben. Er ist der wahrhaft Neue, der nicht aus dem Eigenen der Menschheit kommt, sondern aus Gottes Geist. Der Gegensatz zum Denken unserer Zeit, die nur das Machen und den Erfolg kennt, springt in die Augen.

Es sollte eigentlich keiner weiteren Erwähnung bedürfen, dass all diese Aussagen nur Bedeutung haben unter der Voraussetzung, dass das Geschehnis sich wirklich zugetragen hat. Sie sind Deutung eines Ereignisses. Nimmt man dieses Ereignis weg, so werden die Aussagen zu leerem Gerede, das man nicht nur als unernst, sondern auch als unehrlich bezeichnen müsste. Hier wird auch deutlich, dass christlicher Glaube das Bekenntnis dazu ist, dass Gott hier und heute, mitten in unserer Welt zu wirken vermag, und dass er in ihr gewirkt hat in Jesus, dem neuen Menschen, der geboren ist aus Maria, der Jungfrau, durch die schöpferische Macht des Gottes, dessen Geist am Beginn über den Wassern schwebte, der alles Sein geschaffen hat.

Noch eine Bemerkung drängt sich auf. In diesem Zusammenhang können wir verstehen, welchen Sinn und welchen Platz die Marienverehrung hat. Als die wahre Tochter Sion ist Maria Bild der Kirche, Bild des gläubigen Menschen, der nicht anders als durch das Geschenk der Liebe - durch Gnade! - ins Heil und zu sich selber kommen kann. Das Wort, mit dem Georges Bernanos das "Tagebuch eines Landpfarrers" schließen lässt ("Alles ist Gnade!"), ist in Maria, der "Gnadenvollen", Wirklichkeit geworden. Maria ist Darstellung der Menschheit, die als ganze Erwartung ist, und die dieses Bild umso nötiger braucht, je mehr sie in der Gefahr ist, das Warten abzulegen und sich dem Machen und Leisten, dem Erfolghaben anzuvertrauen, das - so unerlässlich es ist - die Leere niemals ausfüllen kann, die den Menschen bedroht, wenn er jene absolute Liebe nicht kennt und findet, die allein ihm Sinn, Heil, das wahrhaft Lebensnotwendige gibt und geben kann.

 

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