Lesejahr B
23. - 34. Sonntag im Jahreskreis

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Christkönigsfest

 

23. Sonntag: "Was ist ein Wunder?"

Einführung

Nicht hören und nicht sprechen können, das ist eine große Behinderung. Es bedarf einer großen Mühe und Geduld, solchen Menschen zu helfen. Nicht für Gott geöffnet zu sein, nicht mit ihm sprechen zu können, das ist in ähnlicher Weise eine Beeinträchtigung des Menschseins. Immer wieder erzählen die Evangelien davon, dass Jesus die Tauben und Stummen geheilt hat; dass er die Ohren der Menschen für seine Frohbotschaft von Gottes Güte und Liebe weit gemacht; dass er sie das Sprechen mit Gott gelehrt hat. Bitten wir den Herrn darum, dass er auch uns aus aller Verhärtung und Verschlossenheit befreit; dass er uns von allen Fehlern und Sünden, die ihn in seinem Kommen behindern, erlöst.

    Herr Jesus Christus, du bist vom Vater gesandt zu heilen, was verwundet ist
    - Herr, erbarme dich!
    Du bist gekommen, die Sünder zu berufen
    - Christus, erbarme dich!
    Du bist zum Vater heimgekehrt, um für uns einzutreten
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Wir haben die Frohe Botschaft unseres Herrn Jesus Christus vernommen. Nun wollen wir voll Vertrauen gemeinsam zu unserem guten Vater im Himmel beten:

  • Für alle, die das Geschenk der Taufe empfangen haben: öffne ihre Ohren und ihre Herzen, dass sie die Botschaft deines Sohnes hören und verstehen!
  • Für alle, die unter Krankheit und Not leiden: wecke für sie Verständnis und Hilfsbereitschaft!
  • Für alle, die sich der Blinden, der Tauben und Stummen annehmen: erhalte in ihnen Geduld und Einfallsreichtum!
  • Für uns alle, die wir hier zusammen gekommen sind: dass wir die rechten Worte der Danksagung und des Lobpreises finden!

So bitten wir dich, Vater im Himmel, durch Jesus Christus im Heiligen Geist. Amen.

Predigt

Im heutigen Evangelium hören wir von einem Heilungs-Wunder, von einem Machterweis, den Jesus wirkt: er heilt einen Taubstummen. Was sind eigentlich Wunder? Vor allem: Was können sie uns heute sagen? Ich meine, es sei angebracht und notwendig, darüber zu sprechen, zumal dieser Punkt in unserer Verkündigung häufig ausgeklammert, ja verschwiegen wird - nicht nur deswegen, weil wir Scheu haben vor dem Geheimnis Jesu, vor dem Geheimnis Gottes, das uns in den Wundern begegnet; sondern weil wir Angst haben, uns zu blamieren in einer Zeit, für die Wunder und Wunderberichte dem Reich der Fabeln und Märchen angehören und allenfalls auf den Straßen oder auf dem Fußballplatz passieren. Wenn aber das Verschweigen oder gar das Vertuschen eine schlechte Lösung sind, dann müssen wir uns der Frage stellen: Was meint die Bibel eigentlich, wenn sie etwas als "Wunder" bezeichnet? Und: was will die Bibel uns heute damit sagen?

Wenn wir heute von "Wundern" reden hören, dann denken wir an etwas Außerordentliches; an ein Ereignis, das wir naturwissenschaftlich, das wir mit unserem Verstand nicht erklären können. Wir fügen dann meist noch hinzu, dass das außerordentliche Geschehen, das den Rahmen der Naturgesetze sprenge, auf ein besonderes Eingreifen Gottes zurück zu führen sei. Da Gott die Welt und ihre Gesetze begründet habe und er allmächtig sei, könne er jederzeit von außen her in ihr Räderwerk eingreifen. Es ist selbstverständlich, dass bei einer solchen Auffassung die Wunder in der Welt immer mehr zurückgedrängt werden, zumal manches, was gestern noch als "Wunder" galt, sich heute als durchaus erklärbar erweist und eben nicht mehr als ein "Wunder". Wenn es nach einer langen Trockenperiode wieder regnet, dann hat das für uns heute nichts Wunderbares mehr an sich. Und doch war es das noch für unsere Vorfahren vor einigen hundert Jahren. Sie erlebten den Regen als ein Wunder Gottes.

Schon diese Tatsache sollte uns also vorsichtig machen, wenn wir in der Bibel von Wundertaten lesen. Wir dürfen dann zunächst nicht von unseren eigenen, von unseren heutigen Vorstellungen ausgehen. Sondern wir haben zu fragen: Wie haben die Menschen der Bibel diese Wunder verstanden? Zunächst: Die damaligen Menschen erkannten bereits im gewöhnlichen Lauf der Dinge das Wirken der göttlichen Macht. Überall zeigte sich für die Menschen damals Gottes Wirken: im Wachsen der Pflanzen, im Geschehen am Himmel, in der Geschichte der Menschen. Mit anderen Worten: die Menschen der Bibel sahen gar nicht in der Außerordentlichkeit eines Geschehens oder gar im Durchbrechen einer Naturgesetzlichkeit das Wesen des Wunders, sondern ob in einem solchen Geschehen das Göttliche erfahrbar, transparent werden konnte. Um etwas als "Wunder" zu bezeichnen, kam es darauf an, ob man in einem bestimmten Geschehen die Gegenwart Gottes und das Wirken Gottes intensiver als sonst im gewöhnlichen Lauf der Welt erfahren konnte. So sieht das Volk Israel die Schöpfung als einen Machterweis Gottes an, als ein "Wunder". Erst recht drückt sich Israels Glaube an die Wundertaten Gottes in dem Bekenntnis aus, dass Jahwe für den einzelnen und für das ganze Volk und seinen Weg durch die Geschichte Sorge trägt. Deshalb sieht das Volk Israel in der Rettung aus Ägypten die Heilstat Gottes, die es nie vergessen wird; die es nie vergessen darf; die es immer wieder daran erinnert, gerade in Not und Gefangenschaft: Gott wird uns Rettung und Heil schaffen, so wie er es damals am Anfang getan hat.

Mit anderen Worten: In der Bibel werden "Wunder" verstanden als auffallende Ereignisse, die von glaubenden Menschen als Zeichen des Heilshandelns Gottes gedeutet werden. Dies gilt auch, ja in besonderer Weise von den Wundern, die Jesus wirkt. Seine Machtzeichen, vor allem seine Auferstehung und Himmelfahrt zeigen: Gottes Ja zum Menschen, zu uns, ist ein endgültiges Ja; es ist unwiderruflich. Der biblische Wunderglaube besteht also nicht nur in der Überzeugung, dass bei Gott kein Ding unmöglich sei. Der biblische Glaube an Wunder bekennt vielmehr, dass Gott das Heil des Menschen; dass Gott unser Heil will. Darum zeigt Jesu ganzes Wirken dies: Er ist das Heil der Welt; er ist unser Heil. Und Gott wird und kann dieses Heil des Menschen vollenden. Dafür sind die Wunder, gerade die Wunder Jesu, "Zeichen", Hinweise, gleichsam das Unterpfand.

Noch einen wichtigen Punkt haben wir zu beachten. Der Bibel, speziell den Evangelien, geht es nicht in erster Linie um eine Sach-Information: Wie ist das damals gewesen? Was ist denn da "passiert"? Das ist unser Interesse. Wir erfahren kaum die Namen der Orte und der Personen; wir bekommen kaum Angaben über die genaue Zeit oder über den Hergang des Geschehens. Warum? Die Evangelien wollen nämlich nicht nur über etwas Vergangenes berichten, sondern vor allem den Blick für die Gegenwart und für die Zukunft öffnen; d. h. sie erwarten vom Leser oder Hörer, von uns heute, nicht nur eine Kenntnisnahme, sondern eine persönliche Stellungnahme; sie erwarten den persönlichen Einsatz, unseren persönlichen Einsatz. Mit anderen Worten: Die Wunderberichte der Evangelien sprechen nicht nur von Jesus, der damals Kranke geheilt hat, sondern sie sprechen von ihm, der als der auferstandene Herr lebt und auch heute noch Heil schafft und Heil schaffen will - durch uns! Sie sprechen von Jesus, der auch heute durch uns dafür sorgen will, dass alles Leid Heilung findet. Wenn es der Bibel aber, wenn es Jesus in erster Linie darum geht, dann kann ich nicht mehr nur neutraler Beobachter oder unbeteiligter Leser sein, sondern ich muss mich dem Geschehen stellen. Dann wird von mir ein Ja oder ein Nein gefordert zu seiner Person. Ich selber, jeder von uns ist hier und heute gefragt, wie er sein Verhalten einrichtet angesichts der Heillosigkeit in dieser Welt. Erwartet wird also unser engagierter Glaube, d. h. der Einsatz für die Mitmenschen, stellvertretend für Jesus.

Damit sind wir wieder beim heutigen Evangelium. Es kann uns sagen: In Jesus von Nazareth und in der Heilung des Taubstummen wird Gottes Nähe und Gottes Erbarmen mit dem leidenden Menschen sichtbar, erkennbar - Gottes Erbarmen mit aller Not und Bedürftigkeit. Ein zweites ist mit ausgesagt: Gottes Erbarmen an uns fordert dazu auf, dieses Erbarmen weiter zu tragen. Wir haben die Not der Menschen zu lindern da, wo wir stehen und wo wir dazu in der Lage sind. Dann erfüllen wir das Gesetz Christi: "Einer trage des anderen Last!" Die Kirche Jesu Christi ist eine Gemeinschaft des gegenseitigen Tragens und Ertragens, der Hilfe für alle Not und alle Bedürftigkeit. Im Maße wie uns dies gelingt, tragen wir seinen Namen zu Recht. Nur dann gehören wir zu seiner Kirche; nur dann sind wir Kirche; nur dann sind wir Glaubende - daran, dass in Jesus Christus das Heil der Welt gekommen ist, auch für unsere Zeit, auch für uns, für jeden von uns.

 

24. Sonntag: "Ruf in die Nachfolge"

Einführung

Wer nach Jesus fragt, der wird selber zum Gefragten. Er wird vor die Entscheidung gestellt: Und du, wer bist du? Was glaubst du? Was tust du? Wie stehst du zu mir? Glaubst du an mich als deinen Herrn und Erlöser? Der Herr fragt uns also nach unserem Glauben. Dieser Glaube ist nur als die Tat des ganzen Menschen möglich. Der "Ort" des Glaubens ist unser "Herz". Im Herzen wohnt der Glaube; im Herzen wohnt auch die Liebe. Glaube und Liebe führen uns hin zum Herrn, in seine Nähe, in seine Nachfolge - auch wenn der Weg zu ihm und der Weg mit ihm Kreuz und Leid mit sich bringt. Erbitten wir uns vom Herrn den Glauben an ihn und die Liebe zu ihm! Erbitten wir von ihm die Vergebung für unseren schwachen Glauben, für unsere mangelnde Liebe!

    Herr Jesus Christus, du fragst uns: Für wen haltet ihr mich
    - Herr, erbarme dich!
    Du sagst uns: Wer mein Jünger sein will, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach
    - Christus, erbarme dich!
    Du sagst uns: Wer sein Leben um meinetwillen verliert, wird es retten
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Herr Jesus Christus, du bist Mensch geworden, unser Bruder, um uns und alle Menschen in deine Nachfolge zu rufen. Darum kommen wir voll Vertrauen mit unseren Bitten zu dir:

  • Für die christlichen Kirchen: dass sie nicht nachlassen in ihrem Bemühen, Salz der Erde und Licht der Welt zu sein!
  • Für die Christen in aller Welt: dass sie deine Worte ernst nehmen und entschlossen danach streben zu werden, wie du gewesen bist!
  • Für die Menschen in der Welt, die in dir nur eine bedeutende Gestalt der Geschichte sehen: dass sie verstehen, wer du bist, und dass sie in dir den sehen, den Gott zu uns gesandt hat!
  • Für die vielen Schwankenden und Haltlosen, die nicht wissen, welchen Leitbildern sie nacheifern sollen: dass sie sich deiner Führung anvertrauen und sich an dir orientieren!
  • Für uns alle, die wir deinen Namen tragen: dass wir nicht der Welt verfallen; dass wir uns aber auch nicht durch Flucht den Aufgaben entziehen, sondern mitten im Leben deine Nachfolge versuchen!

Herr Jesus Christus, es fällt uns schwer, unser Leben nicht nach unseren eigenen Vorstellungen zu führen, sondern auf dich zu hören und uns nach deinen Weisungen zu richten. Steh uns bei, dass wir herausfinden aus unserer Enge und Ichbezogenheit. Darum bitten wir dich. Amen.

Predigt

Es ist schon merkwürdig: immer wieder stellt Jesus Fragen an seine Jünger. Offensichtlich sollen die Jünger etwas verstehen und begreifen. Offensichtlich fehlt es sogar ihnen an Verständnis für Jesus. Auch sie sind anscheinend festgefahren in ihren eigenen Erwartungen, Wünschen und Ansprüchen. Sie sind noch nicht offen und empfänglich für das, was Jesus will; wie er denkt und handelt. Und er verlangt von seinen Jüngern diese geistige Offenheit. Sie sollen sein Tun und Wirken nicht einfach mit Verwunderung zur Kenntnis nehmen und dann in den eingefahrenen Bahnen weiter laufen. Keine Verhärtung soll verhindern, dass sie von der ganzen Wirklichkeit und Bedeutung Jesu, seines Wirkens erreicht werden. Gerade seine Fragen geben eine Unterweisung über das Verhalten der Jünger, wie sie ihm und seinem Wirken begegnen sollen. Jesus will das offene Herz; er will vor allem eine klare und verbindliche Stellungnahme zu ihm.

Was den entscheidenden Punkt dieser Stellungnahme seitens der Jünger ausmacht, das haben wir eben im Evangelium gehört: "Für wen halten die Leute den Menschensohn?... Ihr aber, für wen haltet ihr mich?" Hier besteht Jesus nicht mehr so allgemein auf ihrem Verständnis. Er will vielmehr von ihnen wissen, welche Auffassung sie von seiner Person haben. Auch die vielen Leute sind vom Wirken Jesu beeindruckt; sie billigen ihm sogar die Stellung eines Propheten zu, der im Namen Gottes mahnt und verkündet. Sie sehen in ihm eine außerordentliche Persönlichkeit - aber nur eine unter vielen anderen. Die Jünger haben schon mehr von Jesus begriffen. Das zeigt die Antwort des Petrus: "Du bist der Messias. Du bist der Gesandte Gottes, der Gesalbte des Herrn. In der Kraft und im Namen Gottes verwirklichst du das umfassende Heil der Menschen. Du allein schenkst uns den Frieden mit Gott. Du bist unser Hirte, der sich unser annimmt und uns alles gibt, was wir brauchen: die geistige Orientierung, das Brot für den Tag und die Gemeinschaft untereinander."

Auch an uns ist Jesu Frage gerichtet: "Ihr aber, für wen haltet ihr mich?" Ist Jesus für uns nur ein großer Mensch, der große Vorkämpfer für ein Programm der Humanität und der Gerechtigkeit? Kommt es uns nur darauf an, welche Ideale und Ziele von Jesus vertreten werden? Jesus verlangt - wie von seinen Jüngern damals - von uns heute, dass wir uns darüber Rechenschaft geben, dass wir verbindlich dazu Stellung beziehen, mit wem wir es in seiner Person zu tun haben. Er will keine Mitläufer, die aus einer gewissen Sympathie und aus einem bestimmten Interesse heraus einigen von seinen Lehren zustimmen. Die Bedeutung Jesu für uns hängt davon ab, wer er ist; in welchem Verhältnis er zu Gott steht. Und er will uns - genau so wie seine Jünger damals - als Wissende und als Bekennende. Seine Fragen sollen uns zu diesem Wissen und Bekennen hinführen: "Du bist der Messias, der Sohn Gottes, das Heil der Welt. Du bist mein Heil."

Im heutigen Evangelium schließt sich an das Bekenntnis des Petrus unmittelbar an die Belehrung der Jünger, dass der Messias leiden und sterben, dass er aber nach drei Tagen auferstehen werde. Zum ersten Mal spricht Jesus ganz offen darüber, was ihn am Ende seines Lebensweges erwartet. Und die Jünger, die ihn als den Messias erkannt und bekannt haben, sollen darauf vorbereitet werden, welchen Weg Jesus gehen muss; und sie sollen mit diesem Weg einverstanden sein: der von Gott gesandte Heilbringer wird verworfen und gewaltsam getötet werden. Er wird die ihm angetane Gewalt, das ihm angetane Unrecht nicht mit Gewalt beantworten. Erst in seiner Auferstehung, erst in der Überwindung des Todes an Ostern wird die Macht Gottes ganz offenbar werden; vorher nicht.

Jesus mutet seinen Jüngern diese Ankündigung seines Leidens und Sterbens zu. Aufgrund seiner Taten hatten sie mühsam erkannt, dass dieser Jesus den Menschen alles geben kann, was sie brauchen: geistige Orientierung, Brot, friedliche und glückliche Gemeinschaft. An den Reaktionen der Jünger muss Jesus aber erkennen, dass sie sich den Weg des Messias ganz anders vorgestellt haben; dass sie mit diesem Weg, von dem er jetzt spricht, nicht einverstanden sind: "Da nahm ihn Petrus beiseite und machte ihm Vorwürfe: Das darf nicht mit dir geschehen!" In der Reaktion des Petrus drückt sich aus, wie die menschliche Natur sich zu Leiden und Tod stellt. Diesem menschlichen Wollen stellt Jesus den Willen Gottes gegenüber. Sein Weg ist so von Gott gewollt; und an diesem Weg zeigt sich der Maßstab, was als Willen Gottes zu gelten hat. Hier zeigt sich aber auch, wie unser spontanes menschliches Reagieren im Widerspruch zu Gottes Willen stehen kann; wie auch wir uns an den Weisungen und am Weg Gottes zu orientieren haben. Gerade das fällt uns nicht leicht.

Was in der Reaktion des Petrus zum Ausdruck kommt, das zeigt sich immer wieder im Verhalten aller Jünger - etwas, das für uns schockierend ist. So als ob Jesus nichts gesagt hätte, diskutieren sie untereinander über Rang und Stellung: "Wer ist der Größte?" Und Jakobus und Johannes wollen sich die ersten Plätze sichern. Sie alle hängen immer noch ihren Träumen von Rang und Macht im Reich des Messias nach. Die Berufung in seine Nähe, in die Nähe des Messias lässt sie davon träumen, wie sie ihre Machtstellung ausüben wollen. Ihre Herzen sind weiterhin verhärtet - verhärtet in den eigenen Interessen, in ihrem Wunschdenken von Größe und Macht. So war es damals. Ist es heute anders in der Welt und in der Kirche?

Die Lehre, die Jesus seinen Jüngern über seinen Lebensweg gibt, aber auch deren Reaktion: sie zeigen uns, wie das Verhältnis Jesu zu den Seinen, zu denen, die an ihn glauben werden, nichts Unverbindliches, nichts Beliebiges an sich hat. Jesus nimmt seine Jünger, er nimmt diejenigen, die an ihn glauben, voll und ganz in Anspruch. Er verlangt eindringlich und unnachgiebig das Verständnis für ihn und seinen Weg; er verlangt das Bekenntnis zu ihm. Sie haben sich auf seinen Weg einzustellen - trotz aller Versuche ihres verhärteten Herzens, das abzuwehren, sich davor zu verstecken, davon unbehelligt zu bleiben. Jesus verlangt von den Seinen, er verlangt von den Glaubenden aller Zeiten Klarheit, Entscheidung, Bindung. Im Verhältnis zu ihm ist kein Raum für Eigeninteressen, für das Liebäugeln mit Macht und Einfluss. Er hat sein Leben eingesetzt für die Seinen; er will von ihnen, er will von uns eine klare Entscheidung; er will unser Glaubens-Bekenntnis: Du bist der Messias! Mehr noch: Du bist der Sohn Gottes! In dir begegnen wir dem lebendigen Gott. Wir sagen Ja zu dir; wir sagen Ja zu Gottes Willen.

 

25. Sonntag: "Der Christ und die Macht"

Einführung

Jesus, der Menschensohn und Gottesknecht, wird den Menschen ausgeliefert werden; sie ruhen nicht eher, bis er getötet ist. Gott, der Vater, wird ihn von den Toten auferwecken. So lauten die Worte, mit denen Jesus seine Jünger zu belehren sucht. Doch sie verstehen nicht; diese Rede ist ihnen fremd. Sie träumen von Macht und Größe; sie denken an "gute Posten". Das ist nicht anders geworden in der Geschichte der Kirche, der Gemeinschaft der Glaubenden; das ist auch heute nicht anders - nicht nur bei denen "da oben", sondern auch bei denen "da unten", bei uns allen. Besinnen wir uns für unseren Teil, wieweit wir diesem Denken von Macht und Größe, wieweit wir der Mentalität der Ellenbogen und der Fäuste huldigen. Erbitten wir uns die Gesinnung Jesu: die Gesinnung des Dienens, des letzten Platzes.

    Herr Jesus Christus, du wolltest den Menschen ausgeliefert werden und dein Leben für uns hingeben
    - Herr, erbarme dich!
    Deine Jünger und wir alle denken nur Gedanken der Macht und des Herrschens
    - Christus, erbarme dich!
    Du zeigst uns in deinem Leben den letzten Platz: allen zu dienen
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Lasst uns beten zu unserem Herrn Jesus Christus, der der Letzte von allen sein wollte und der Diener aller war, und der sein Leben für uns eingesetzt hat:

  • Für die Kirche, die immer wieder in die Welt verstrickt ist: dass sie in Freiheit und ohne Machtgier allen den rechten Weg weist!
  • Für die Mächtigen dieser Erde: dass sie nicht ihren Vorteil suchen und sich um Gerechtigkeit und Frieden mühen!
  • Für die jungen Menschen: dass sie den Mut finden, ihr Leben im Vertrauen auf Gottes Ruf in den Dienst für andere zu stellen!
  • Für uns selbst: dass wir nicht auf Kosten anderer leben, und dass wir Ehrfurcht vor dem Leben und der Freiheit anderer haben!

Herr Jesus Christus, dir vertrauen wir. Erhöre darum unsere Bitten, der du lebst und herrschst in Ewigkeit. Amen.

Predigt

Die Frage Jesu an seine Jünger, von der das Evangelium heute berichtet, bringt etwas Schockierendes ans Licht: "Worüber habt ihr unterwegs miteinander gesprochen? Sie schwiegen; denn sie hatten unterwegs darüber gesprochen, wer von ihnen der Größte sei." Im Lukas-Evangelium wird dieser Rangstreit unter den Jüngern sogar im Rahmen des letzten Abendmahles erzählt. Schließlich sei erinnert an die Begebenheit, wie Jakobus und Johannes an Jesus die Bitte richten, die Plätze zu seiner Rechten und zu seiner Linken zu bekommen, d. h. die entscheidenden Macht-Positionen zu besetzen. Wer ist der Größte? Wie komme ich zu einer Macht-Position? Das mutet einen an wie ein Kommentar zum Zeitgeschehen. Wie zu allen Zeiten werden diese Frage auch heute mit großem Engagement gestellt. Immer geht es darum, oben zu stehen; den anderen, den Partner, den Gegner herabzusetzen, in den Staub, zur Unterwerfung zu zwingen - wie es in einem Song von Bert Brecht heißt: "Und wenn einer tritt, dann bin ich es; und wird einer getreten, dann bist du's. C´ est la vie - so ist das Leben!" Wir sehen diese Mentalität am Werk im politischen Leben; wir sehen das in den Beziehungen der Völker untereinander. Kriege waren und sind auch oder fast immer dem Größen-Wahnsinn der Mächtigen entsprungen. Kriege sind immer ein Zeichen dafür gewesen, dass die Humanität, dass die Menschlichkeit zerstört ist und mit Füßen getreten wird; oder besser: dass Menschen mit Füßen getreten, zertreten werden - übrigens nicht nur in Kriegen!

Aber diese Feststellungen treffen nicht nur für die "böse Welt" zu. Wir haben es ja gerade im Evangelium gehört: sogar die Jünger Jesu huldigen derselben Mentalität. Sie streiten darüber, wer von ihnen der Größte sei. Sie gebrauchen auch ihre Ellenbogen, um zu Machtstellungen zu gelangen. Aus der Kirchengeschichte wissen wir, dass diese Mentalität nicht mit der Belehrung Jesu an die Adresse seiner Jünger ein für allemal verschwunden war. Immer ging es darum, sich selbst zur Geltung zu bringen; die anderen an die Wand zu drücken; sie als falsch oder dumm, als unmenschlich und unchristlich, als konservativ oder progressiv hinzustellen oder gar zu verleumden; mit einem Etikett zu versehen und unschädlich zu machen. Das ist heute nicht anders wie zu Jesu Zeiten; nicht anders als in den zwei Jahrtausenden der Geschichte der Christenheit. Beispiele gibt es heute genügend.

Das Evangelium enthält aber nicht nur die resignierende Feststellung: So sind die Menschen nun einmal; so sind sie auch in der Kirche Gottes! Sondern das Evangelium, besser: Jesus selbst sagt uns, wo und in welcher Richtung das Heil, der Ausweg aus dieser Heillosigkeit der Menschen zu suchen ist: "Wer bei euch der Erste sein will, der soll euer Diener sein; wer bei euch groß sein will, der soll der Sklave aller sein!" Das bedeutet doch im Klartext: Nicht in der Kultivierung des eigenen Ich, nicht in der Degradierung des Mitmenschen zum Steigbügelhalter, zur Fußmatte, liegt das Heil, sondern im schlichten, im demütigen Dienen; in der Bereitschaft, das Wohlergehen des anderen im Auge zu haben; den anderen zu achten und zu respektieren; ihn zu beachten.

Damit ist aber eine Umwertung aller gängigen Vorstellungen ausgesprochen, ja gefordert. Und deswegen werden die Belehrungen Jesu und vor allem die sich daraus ergebenden Folgerungen in unseren Ohren als widersinnig erscheinen, als Provokation und als Ärgernis empfunden. Diese Provokation wird nicht nur in der "bösen Welt" als solche empfunden. Auch innerhalb der Kirche, d. h. für die Gläubigen selbst, erregen die Worte Jesu Anstoß; oder besser: im faktischen Verhalten werden sie als falsch, als eine Utopie, als ein verstiegenes Ideal hingestellt, und zwar mit Berufung auf die sogenannten Realitäten des Lebens. Die Selbstbehauptung wird nur für möglich gehalten in der Abwertung, in der Ausschaltung, ja in letzter Konsequenz in der Tötung des Mitmenschen. Der Andersdenkende, der Konkurrent hat keine Chance. Wir alle haben schon erfahren, wie viele Pascha-Typen es gibt - übrigens nicht nur in der Kirche; und übrigens nicht nur im höheren und niederen Klerus. Es gibt heute unübersehbar einen laikalen "Klerikalismus", dem es genauso um die Macht und natürlich um das Geld in der Kirche geht.

Genau in dieser Situation trifft uns, müsste uns treffen das Wort Jesu: "Wer der Erste sein will, der soll der Letzte von allen und der Diener aller sein!" Seinem Wort vom Dienen und von der Dienstbereitschaft (und nicht von der "Selbstbedienung"!) allen gegenüber dürfen wir nicht ausweichen; wir dürfen es nicht umbiegen oder umdeuten. Auch hier kann uns ein Blick in die Kirchengeschichte eine Hilfe sein, den richtigen, den rettenden Weg zu sehen. Am Wege der Kirche durch die Geschichte stehen doch die verlassenen, die zerstörten und verrosteten Mittel ihrer Macht, auf die sich einmal verlassen hat, von denen sie das Heil und ihren Bestand erhoffte und versprach. Sie alle sind ihr aus den Händen genommen worden - so wie man einem Kind ein gefährliches Spielzeug aus den Händen nimmt. Und noch ein anderes stellen wir in der Geschichte der Kirche fest. Nicht als Herrscherin hat sie die Herzen der Völker gewonnen, sondern als demütige Magd. Nicht als Mächtige hat sie wirklichen und dauerhaften Erfolg gehabt, sondern als Arme. Nicht im Herrschen und nicht in ihrer Machtentfaltung hat sie sich als glaubwürdig und überzeugend erwiesen, sondern in ihrer Armut und Demut, mit der sie sich zu ihrem Herrn bekannt hat, dessen Armut und Demut das Maß auch für die Kirche und für die Glaubenden in ihr geworden ist. Nur in dieser Bindung an den armen und demütigen Herrn werden wir den Anspruch aufgeben, mehr zu sein als andere. Das Grundgesetz christlicher und wahrhaft menschlicher Haltung hat Maria in ihrem Lied, im Magnifikat ausgesprochen: "Mächtige hat er vom Thron gestürzt, Demütige aber hat er erhoben. Hungernde hat er mit Gütern erfüllt, Reiche gehen lassen mit leeren Händen." Dieses Grundgesetz hat sich im Leben der Kirche als wahr erwiesen. Entscheidend bleibt immer dieses Wissen um Gott als den alleinigen Herrn, als den, dem wir alles verdanken: Ohne ihn können wir nichts tun. Wir leben nicht von eigenen Gnaden. Und deshalb ist vielleicht oder besser: mit Sicherheit der Verlust mancher Privilegien die Chance für die Zukunft der Kirche. Und das mehr und mehr fehlende Geld wird dazu führen, die Spreu vom Weizen zu trennen, und zu erkennen geben, wem was an Kirche und Glauben "interessant" ist, am Herzen liegt.

Wie sähe denn für uns die Verwirklichung von Jesu Forderungen aus? Es wäre ein Leben des Macht-Verzichtes - nicht im politischen Sinn, sondern als eine Haltung des Lebens im konkreten Alltag. Dass wir uns z. B. nie auf Kosten anderer durchzusetzen suchen; dass wir nie jemand degradieren zum Mittel der eigenen Erfüllung; dass wir Ehrfurcht haben vor dem Leben und vor der Freiheit der anderen - so wie ja auch Gott eine große Ehrfurcht vor uns hat; dass wir Toleranz üben - nicht in dem Sinn, dass wir das Falsche für richtig erklären, sondern indem wir Respekt haben vor dem, der eine andere, der vielleicht eine falsche Meinung vertritt. Wenn wir diese von Jesus geforderten Haltungen verwirklichen, dann werden wir nicht nur oft auf Unverständnis stoßen; dann wird man auch unsere Fairness ausnützen, weil man glaubt, nun erst recht die Ellenbogen gebrauchen zu können. Aber als Christen wissen wir, dass nur diese Haltung des gelebten Macht-Verzichtes eine wirkliche Änderung der Menschenherzen herbeizuführen vermag, einen wahren Frieden unter den Menschen schaffen kann. Christi Wort und sein Beispiel können uns die Richtung weisen, selbst wenn uns das auf den Weg des Leidens, auf den Weg des Kreuzes führen wird. Wir wissen - durch Jesu Beispiel - dass dies der Weg ist zur Erlösung, zu einer Welt, die frei ist von Leid, von Unrecht und Machtmissbrauch, zu einer Welt, nach der wir uns alle sehnen.

 

26. Sonntag: "Wie stehst du zu Christus?"

Einführung

Wenn wir Christen sein wollen, dann müssen wir uns immer wieder fragen, ob wir unser Leben im Alltag von dem bestimmen lassen, der uns in seine Nähe gerufen hat; ob Jesus Christus das Fundament unseres Lebens ist - oder ob wir an die Stelle, die er einnehmen müsste, andere Dinge, andere kleine Götzen gestellt haben: Ehre, Macht, Besitz - wie immer diese Götzen heißen mögen. Darum wollen wir uns zu Beginn dieser Eucharistiefeier wieder auf den Herrn besinnen und ihn um Vergebung bitten dafür, dass wir ihn immer wieder vergessen; dass unsere Fehler und Sünden den Blick auf ihn trüben und verdunkeln.

    Herr Jesus Christus, du willst, dass wir dir nachfolgen; wir aber haben Angst, uns dir anzuvertrauen
    - Herr, erbarme dich!
    Du willst, dass wir auf dich unser Leben gründen; wir aber streben oft nur nach Ehre, Macht und Besitz
    - Christus, erbarme dich!
    Du willst, dass wir unseren notleidenden Brüdern und Schwestern helfen; wir aber sehen oft nur uns selbst und unseren Vorteil
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Das Wort Gottes steht immer am Anfang. Es steht am Anfang unserer helfenden Liebe. Darum wollen wir für alle beten, die unsere Hilfe brauchen und erwarten:

  • Für alle, die sich Christen nennen: dass sie in den Notleidenden und in den Verlassenen den Herrn erkennen!
  • Für die Verantwortlichen in der Welt: dass sie mitwirken an einer gerechten Verteilung der Güter dieser Erde!
  • Für alle hungernden Menschen: dass sie in ihrer Not nicht allein bleiben, und dass wir zu denen gehören, die ihr Brot mit ihnen teilen!
  • Für alle, die sich einsetzen, Hunger, Krankheit und Elend in der Welt zu bekämpfen: dass sie in ihrem Dienst nicht müde werden und durch unsere Hilfe gestärkt werden!
  • Für uns alle: dass wir uns in der Kraft unseres Herrn Jesus Christus von Gleichgültigkeit und Egoismus befreien!

Barmherziger und allmächtiger Gott, erhöre unsere Bitten, die wir voll Vertrauen an dich richten, der du lebst und herrschst in Ewigkeit. Amen.

Predigt

Im Evangelium haben wir soeben den Ausspruch Jesu gehört: "Wer nicht gegen uns ist, der ist für uns!" Auf den ersten Blick scheint dieses Wort dem anderen Herrenwort diametral entgegen gesetzt zu sein: "Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich!" (Mt. 12, 30) Aus dem einen Wort scheint Weitherzigkeit, Toleranz und das Bewusstsein zu sprechen, dass es viele Wege gibt, auf denen Gott die Menschen führen kann. Aus dem anderen Wort hören wir eher ein schroffes "Entweder - Oder" heraus, das zur Entscheidung für oder gegen die einzige Heilsmöglichkeit zwingt. Ist hier nicht das Problem angesprochen, das heute eine große Brisanz erhalten hat? Verbirgt sich hinter der Spannung der beiden Herrenworte vielleicht die Problematik des Verhältnisses der Kirche zur Welt? Geht es nicht um das Verhältnis zu denen, die nicht an Christus glauben oder aber - wie der Mann im Evangelium - zwar Christus bekennen, sogar in seinem Namen "Dämonen austreiben", aber sich seinem Jüngerkreis bzw. seiner Kirche nicht anschließen wollen?

Zwei verschiedene Haltungen bzw. Einstellungen können sich offensichtlich auf Jesus berufen. Das eine Wort scheint einen christlichen und kirchlichen Absolutheitsanspruch zu rechtfertigen; aus ihm spricht die schroffe Abweisung all derer, die nicht zu einer vollen Identifikation mit dem kirchlichen, gar mit dem katholischen Christentum bereit sind. Auf das andere Wort Jesu dagegen könnte sich die entgegengesetzte Meinung berufen: die Öffnung zu allen Menschen, mit denen eine wenigstens minimale Gemeinsamkeit vorhanden ist; das Wissen darum, dass Gottes Heil überall in der Welt geschieht und nicht ein Monopol der Jüngergemeinde darstellt; die Begegnung mit Andersgläubigen und vor allem mit den "Teil-Identifizierten" innerhalb der eigenen Kirche, und zwar nicht in der Haltung des Bekehren-Wollens, sondern in dankbarer und freudiger Anerkennung alles Guten, wo immer es sich findet; selbst wo es so winzig ist wie das Reichen eines Bechers Wasser. Hier sind die "anderen" nicht Objekte der Bekehrung, sondern Menschen, die bereits im Heil sind. Sie sind eher für uns der Anlass zu jener Bekehrung, die wir selbst nötig haben.

Wie können wir die beiden Herrenworte ernst nehmen, ohne eines von ihnen zu bagatellisieren? Der Ansatz zur Lösung liegt m. E. darin, dass der Bezugspunkt in den beiden Herrenworten nicht ganz derselbe ist. Im einen Fall heißt es: "Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich." Im andern Fall jedoch steht anstelle des "Ich" des Herrn das "Wir": "Wer nicht gegen uns ist, der ist für uns." Es gibt nur einen, der von sich sagen kann: "Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich." Nur einer hat das Recht, die Menschen vor die Entscheidung zu stellen, seine Botschaft und darin ihn selbst, seine Person, ganz anzunehmen: unser Herr Jesus Christus. Jesu Wort müssen wir zuerst immer an uns selbst richten. Für andere kann es von uns nur als Appell an ihr Gewissen gedacht sein, sich selber im Glauben dem persönlichen Ruf Christi zu öffnen. Für uns darf es in der Entscheidung zu Christus keine Halbheit und keine Kompromisse geben. Hoffentlich sind wir uns dessen immer bewusst.

Wo es dagegen um unser Verhältnis zu anderen Menschen geht, dort kann nur das andere Herrenwort gelten: "Wer nicht gegen uns ist, der ist für uns." Auch als Kirche würden wir uns einer Anmaßung schuldig machen, wenn wir das Wort des Herrn auf die Ebene des "Wir" übertragen und sagen würden: "Wer nicht für uns ist, der ist gegen uns." Reagieren wir nicht ähnlich wie der Apostel Johannes im Evangelium: "Wir wollten ihn hindern, weil er uns nicht nachfolgt"? Als ob es nicht allein um die Nachfolge des Herrn ginge! Ist die Kirche nicht auch immer in dieser Versuchung gewesen? Hat sie nicht auch oft dieses "Wir" anstelle des Herrn gepredigt und sich dann über die anderen gestellt, die sich uns nicht anschließen wollten, weil sie "uns" nicht nachfolgen wollten; weil sie unsere Theologie, weil sie unsere religiösen Formen nicht wollten; ja, weil sie nicht immer unserer Meinung sind - "uns" nicht nur bezogen auf "die da oben" in der Kirche, auf das Lehramt der Kirche, sondern auch auf unsere eigenen theologischen Sondermeinungen? Die gibt es ja heute so zahlreich wie der Sand am Meeresufer.

Die Sache hat freilich den Haken, dass dieses "Wir" der Jünger nicht säuberlich von Jesus selbst abtrennbar ist. Dieser Mensch, der den Jüngern nicht folgt, vielleicht weil sie ihm nicht zusagen, hält sich dadurch auch von der engeren Lebensgemeinschaft mit Jesus fern, die nun einmal dieser Jünger-Kreis ist. Er gehört zwar auch so zu Jesus; aber er wird dadurch vom innersten Kreis abgehalten. Das "Wir" der Jünger ist oft eben auch eine Belastung für die Sache Jesu selbst. Die Jünger sind es, die vielleicht schuld sind oder auch ohne Schuld durch ihre menschliche Enge dazu beitragen, dass andere nicht zu diesem Kreis finden. Aber dennoch bleiben sie der innerste Kreis der von Jesus Berufenen. Der eigentliche Jünger-Kreis Jesu wird nicht total relativiert um der anderen willen.

Ich denke, das hat Konsequenzen für die Ökumene. Von ihrem Selbstverständnis her kann die katholische Kirche sich nicht selbst total relativieren. Sie ist überzeugt, gleichsam der engste Jünger-Kreis Jesu zu sein. Sie ist überzeugt, schon in ihrer Struktur "Petrus und die Zwölf" darzustellen, die zu Jesus gehören und ohne die er nicht ist. Aber das Heil Jesu ist größer und weiter. Auch anderswo werden "Dämonen" im Namen Jesu ausgetrieben. Und wenn wir meinen, die anderen Christen müssten sich uns anschließen, dann müssen wir uns selbst erst einmal gründlich bekehren und erkennen, wie sehr und wie oft dieses "Wir" auch die Sache des Herrn belastet. All unser Bemühen um Ökumene hat immer wieder dieses "Wir", mit dem wir die Sache Jesu ständig identifizieren, von der Nachfolge des Herrn zu unterscheiden. Es ist immer zu beachten, wie sehr geschichtlich bedingt dieses "Wir" ist. Die Folgerung daraus ist (das möchte ich nochmals betonen) nicht die totale Relativierung; wohl aber die Weitherzigkeit und das Wissen darum, dass Jesus Christus auch in einer Weise wirkt, die nicht in unsere eigenen Vorstellungen hinein passt.

Das ist jedoch nicht nur ein Problem zwischen den christlichen Kirchen. Es ist oft viel bedrängender innerhalb der Kirche das Problem der "Teil-Identifizierten"; derjenigen, die bereit sind, sich sozial zu engagieren, die auch religiös ansprechbar sind, aber nicht oder nur selten am Sonntags-Gottesdienst teilnehmen. Sicher ist das Sozial-Engagement kein "Ersatz" für die Eucharistiefeier und kann es niemals sein. Dürfen wir diese Menschen aber deshalb "abschreiben"? Gilt nicht gerade hier: "Hindert sie nicht!" Denn nicht darum geht es, dass "uns" die Menschen nachlaufen, sondern dass sie Christus näher kommen; nicht darum geht es, dass "wir" sie gewinnen, sondern dass er sie gewinnt; dass wir dem nicht im Wege stehen. Das gibt uns dann die Gelassenheit zu akzeptieren, dass sie sich "uns" noch nicht anschließen wollen.

Das sollten wir also bedenken: die Kirche ist nicht "unser", sondern Gottes "Unternehmen". Wir sind es nicht, die alles im Griff haben; die Gott Vorschriften machen können. Auch in den Menschen, die sich nicht in unser Konzept und System einordnen lassen, sollen wir den Geist Gottes anerkennen, der größer ist als wir, größer auch als die Kirche. Es geht nicht darum, dass sie uns nachfolgen. Es geht darum, dass wir alle ihm, unserem Herrn, nachfolgen; an ihm Maß nehmen; ihm nahe kommen. Selbstverständlich dürfen wir froh sein, zu der von Jesus selbst berufenen Jüngergemeinde anzugehören. Das enthebt uns jedoch nicht der Pflicht, dass wir uns selbst auf den Weg der Nachfolge begeben. "Herr, was wird denn mit ihm?" So fragt Petrus den Herrn am See Tiberias. Was soll diese Frage? Antwortet ihm Jesus. "Du aber, folge mir nach!" Sind wir dazu bereit? Das ist die entscheidende Frage.

 

27. Sonntag: "Die Ehe des Christen"

Einführung

"Es ist nicht gut, dass der Mensch allein bleibt" - so hören wir heute in der Lesung aus dem Schöpfungsbericht der Genesis. Der Mensch, jeder Mensch braucht ein lebendiges Gegenüber, ein Du, um zu sich selbst zu finden; um er selber zu werden. Im tiefsten ist der Mensch angewiesen auf das Du Gottes, dessen Liebe und Treue Jesus Christus uns offenbart, vorgelebt hat. Zu ihm wollen wir zu Beginn dieser Eucharistiefeier um sein Erbarmen und um seine Hilfe rufen:

    Herr Jesus Christus, du hast uns ins Leben gerufen, damit wir für dich und füreinander da seien
    - Herr, erbarme dich!
    Du willst, dass wir einander die Treue halten
    - Christus, erbarme dich!
    In deiner Liebe ist alle menschliche Liebe aufgehoben und gesegnet
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Im fürbittenden Gebet wenden wir uns voll Vertrauen an unseren Herrn Jesus Christus, dessen Liebe und Güte unser aller Leben begleitet:

  • Festige die Liebe der Eheleute und lohne ihnen ihre Treue!
  • Sei ihnen in guten und in schweren Tagen ein treuer Helfer und Beistand!
  • Stärke in unseren Familien die Bereitschaft, einander zu vergeben und einen neuen Anfang zu wagen!
  • Mehre in unseren Familien den Geist der tätigen Nächstenliebe! Nimm alle, die uns im Glauben vorangegangen sind, auf in deine Herrlichkeit!

Herr Jesus Christus, zu dir dürfen wir Vertrauen haben. Dafür danken wir dir jetzt und alle Tage. Amen.

Predigt

Die beiden Lesungen aus dem Buch Genesis und aus dem Markusevangelium drängen dazu, einiges zum Thema "Ehe" zu sagen. Das ist besonders notwendig in einer Zeit, der das Christliche im allgemeinen, die christliche Eheauffassung im besonderen fremd, ja ein Stein des Anstoßes geworden ist. Dabei lässt sich einsichtig machen, dass gerade die christliche Sicht der Ehe eine Antwort ist auf Fragen und Nöte unserer Zeit.

Die Not unserer Zeit drückt sich aus im Bewusstsein, mehr und mehr zum Rollenträger degradiert zu werden - nicht der Rolle, die man sich selbst wählt, sondern die einem zugeteilt wird. Der Wert des Menschen besteht heute nur noch in der Funktion, die er ausübt. Das macht die Angst erklärlich, ausgenützt und beherrscht zu werden; eingespannt zu sein in ein unmenschliches System, in dem er beliebig auswechselbar ist. Das macht die Angst erklärlich, auch der Bindung der Ehe aus dem Weg zu gehen, weil man auch diesen Bereich in den allgemeinen Sog einbezogen sieht: die Partner sind anscheinend austauschbar geworden. Ehe scheint herabgesunken zu einer Institution für Lustgewinn auf Zeit. Daher kommt das Bemühen, seinen Eigenstand zu betonen, sich zu behaupten, an sich festzuhalten. Aber dieses Verschlossensein in sich selbst, aus Angst sich zu verlieren, führt zum Egoismus, setzt das eigene Ich absolut und macht sich zum Maß für alles.

Wirkliche Liebe durchbricht diesen Teufelskreis, indem sie auf Macht-Ausübung über den anderen verzichtet, indem sie nicht die eigene Erfüllung obenan stellt, sondern das Gegenüber sieht, es nicht degradiert zu einem Mittel der eigenen Befriedigung und Erfüllung, sondern sich ihm öffnet, sich ihm anvertraut, sich mit ihm identifiziert. Nur im anderen ist das Eigensein bewahrt und aufgehoben - aufgehoben über die Ebene des Machbaren, der Funktion, auf die Ebene des Personalen. Liebe ist daher ihrem Wesen nach ausschließlich, gleichbedeutend mit unwandelbarer Treue. Diese gegenseitige Treue von Menschen aber ist letztlich garantiert und umgriffen von der Treue Gottes: Gott hebt die Liebe von Menschen hinein in die Sphäre seiner Liebe, oder - wie wir mit einem verbrauchten Wort sagen - in die Sphäre der Gnade. Gnade meint, dass Gott zur Liebe und Treue von Menschen sein Ja sagt; dass er diese Liebe aufgreift und heiligt; dass diese Menschen in der göttlichen Liebe angenommen sind. Wenn wir die Ehe als Sakrament bezeichnen, dann meinen wir genau dieses: dass die Liebe von Menschen hineingehoben ist in die Sphäre der göttlichen Liebe; dass sie darum auch Bild der unwandelbaren Liebe und Treue Gottes zum Menschen ist.

Einen zweiten Wesenszug der christlichen Ehe möchte ich an einer Geschichte verdeutlichen. Vom Mönchsvater Benedikt wird berichtet, er habe einmal einige Einsiedlermönche in den Bergen besucht. Einen fand er in seiner Höhle angekettet. Benedikt war empört und schalt ihn deshalb: Äußerer Zwang, eine äußerliche Bindung, ja Ketten sind eines Mönches völlig unwürdig. Wenn du nicht aus innerer Überzeugung Mönch bist, dann bist du am falschen Platz. Da gab ihm der alte Einsiedler zur Antwort: Natürlich hast du Recht, dass es auf die innere Überzeugung ankommt. Aber manchmal wird das Licht der inneren Überzeugung, zum Leben des Mönches berufen zu sein, verdunkelt; und in diesem Augenblick, da Weglaufen Freiheit zu bedeuten scheint, da ist es gut, angekettet zu sein; nicht weglaufen zu können; durch die Ketten erinnert zu werden an die eingegangene Verpflichtung. Und wenn das Licht der inneren Überzeugung wieder leuchtet, dann, Vater Benedikt, dann bin ich froh, dass mich wenigstens die Kette gehalten hat.

Die große Parole unserer Zeit ist Freiheit, Freisein von Bindungen; und wenn schon eine Bindung, dann nur so lange, wie ich es vor mir verantworten kann. Und trotz dieser Einstellung stellen wir allenthalben Unfreiheit fest, Sklaven-Geist. Warum? Freiheit lebt, so paradox es klingt, von der Bindung. Wollte ein Mensch alle Bindungen, in denen er lebt, zerschneiden, um unabhängig zu sein, dann würde er in die unduldsamste Tyrannei geraten, die es gibt: in das Verfallensein an sich selber. Die Sklaverei des Egoismus zerstört den Menschen und seine Freiheit am grausamsten. Wirkliche Freiheit aber kommt von einem Du, das aus der Verschlossenheit herausruft in die freie Bindung des Vertrauens und der Verantwortung, des Gewissens, des Dienstes. Wahre Liebe macht frei, weil sie den Menschen am vollkommensten öffnet und bindet zugleich. Freiheit und Bindung, Selbstverantwortung und Hörenkönnen sind in der echten Liebe eine Einheit. Wo diese Freiheit der bindenden Liebe nicht ist, da verfällt der Mensch unpersönlichen Mächten: der Gesetzlichkeit, den verschiedenen Heilslehren und Parolen der Zeit.

Wirkliche Freiheit kommt von einem Du, das aus dem Verschlossensein in sich selbst herausruft in die Bindung des Vertrauens. Wir wissen aber - das ist die schmerzliche Erfahrung - dass kein menschliches Du und keine menschliche Liebe uns so öffnen können, dass wir ganz frei sind. Es gibt nur eine Stelle, die ganz offen ist zur Freiheit hin. Es ist das Kreuz Jesu Christi, in dem allein wir uns - wie Paulus sagt - der Freiheit rühmen können, weil im Kreuz Heil und Leben und Auferstehung ist; und weil wir in ihm gerettet sind; weil im Kreuz und am Kreuz die letzte, die endgültige Ofenbarung dessen geschehen ist, was Liebe ist und wozu Liebe fähig ist: Dasein für die anderen bis zum Tod. Diese göttliche Liebe ist nun das Maß, die Norm für alle menschliche Liebe, auch für die eheliche Liebe geworden. Mögen wir noch so weit dahinter zurückbleiben, und mag uns dieses Maß oft wie eine harte Kette erscheinen, so wissen wir als Glaubende doch, dass diese Bindung erst unsere Freiheit ermöglicht und vertieft.

Einen letzten Wesenszug der christlichen Ehe möchte ich an einem Abschnitt aus dem Tagebuch von Max Frisch erläutern. Es heißt dort: "Darin besteht die Liebe, das Wunderbare an der Liebe, dass sie uns in der Schwebe des Lebendigen hält, in der Bereitschaft, einem Menschen zu folgen in allen seinen möglichen Entfaltungen. Wir wissen, dass jeder Mensch, wenn man ihn liebt, sich wie verwandelt fühlt, wie entfaltet, und dass auch dem Liebenden sich alles entfaltet, das Nächste, das lange Bekannte. Vieles sieht er wie zum ersten Mal. Die Liebe befreit es aus jeglichem Bildnis. Das ist das Erregende, das Abenteuerliche, das eigentlich Spannende, dass wir mit den Menschen, die wir lieben, nicht fertig werden: weil wir sie lieben, solange wir sie lieben."

Liebe besteht in der Bereitschaft, einem Menschen zu folgen in allen seinen möglichen Entfaltungen, sich kein "Bildnis" von ihm zu machen; nie mit ihm "fertig zu werden". Diese Bereitschaft schließt ein die Fähigkeit, die Last des anderen zu tragen. Dieses Tragen besteht nicht nur darin, Nachsicht und Geduld mit den Schwächen des anderen zu haben, sondern darin, dass man seine Last der Versuchlichkeit und der Sünde als die eigene Last auf sich nimmt. Jeder von uns wird zum Tragen gerufen; aber jeder von uns gibt auch den anderen zu tragen und bedarf des Tragens anderer. Hierin erweist sich die Ehe, die Familie als Kirche im kleinen. Die Kirche ist ja eine Gemeinschaft gegenseitigen Tragens und Ertragens; ohne das wäre sie nicht die Kirche Jesu Christi, der sich mit der Last aller Menschen beladen hat. Wir sind von ihm getragen und ausgehalten. Gerade im Verstehen und Verzeihen zeigt sich, dass wir seinen Namen zu Recht tragen. Jede christliche Ehe lebt von diesem Verstehen, lebt vom Verzeihen; von der Bereitschaft, einander zu tragen und zu ertragen; nie mit dem anderen "fertig zu sein".

Das Jawort vor Gott, das die Ehe begründet, ist nicht nur das Bekenntnis zur gegenseitigen Liebe; es ist auch und gerade das Bekenntnis zur Liebe Gottes. Weil diese Liebe Gottes uns begegnet ist in Jesus Christus, darum ist das Jawort das Bekenntnis dazu, das Maß seiner Liebe zur bindenden Norm des eigenen Lebens zu machen. Das soll Erfüllung finden in einem Leben des gegenseitigen Tragens und Helfens.

 

28. Sonntag: "Originalton Jesus"

Einführung

Der Ruf in die Nachfolge ergeht an alle, die an Jesus glauben. Diesen Ruf richtet Jesus im heutigen Evangelium an einen reichen jungen Mann: "Verkaufe alles, was du hast; gib das Geld den Armen... Dann komm und folge mir nach!" Gewiss, nicht jeder Christ muss alles hergeben, wie auch nicht jeder Christ zum Martyrium gerufen wird. Aber eines sollte jeder Christ, sollten wir bedenken: Zu welcher Form der Nachfolge bin ich vom Herrn gerufen? Was ist mein Weg zum Herrn? Was ist mein Weg mit dem Herrn? Wo wird Christsein für mich zum Ernstfall? Wir wollen uns zu Beginn dieser Eucharistiefeier darauf besinnen, wie und wo wir den Herrn begleiten sollen, begleiten wollen.

    Herr Jesus Christus, du hast zu dem jungen Mann gesagt: Verkaufe, was du hast! Dann komm und folge mir nach!
    - Herr, erbarme dich!
    Du hast gesagt: Wie schwer ist es für Menschen, die viel besitzen, in das Reich zu kommen
    - Christus, erbarme dich!
    Du hast gesagt: Wer um meinetwillen alles verlässt, wird das ewige Leben erhalten
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Lasset uns voll Vertrauen unsere Bitten hintragen zu Gott, dem guten Vater aller Menschen:

  • Vater im Himmel, die Sorge Jesu, deines Sohnes, galt den Armen: dass sie nicht zerfressen werden vom Neid!
  • Dass sie nicht versinken in Hoffnungslosigkeit; dass sie ihr tägliches Brot haben!
  • Vater im Himmel, die Sorge Jesu galt den Reichen: dass sie durch ihren Besitz nicht dazu verführt werden, stolz und eingebildet zu werden!
  • Dass sie nicht blind werden für die Not der Armen!
  • Vater im Himmel, die Sorge Jesu galt denen, die er aussandte, sein Evangelium zu verkünden: dass sie nicht zu viel mitnehmen auf den Weg!
  • Dass sie nicht die Freiheit und Fröhlichkeit der Kinder Gottes verlieren!

Herr und Gott, du willst, dass wir begreifen: unser ganzer Reichtum bist du. Du bist es, der unsere leeren Hände füllt. Dich, Vater, preisen wir durch Christus, deinen Sohn. Amen.

Predigt

Wenn wir nicht schon hoffnungslos schwerhörig, ja taub sind für das, was die Bibel, was das Neue Testament sagt und fordert, dann müssten wir eigentlich beim Hören des heutigen Evangeliums die Luft anhalten. Dann müssten wir eigentlich (wie der junge Mann) erschrocken sein über Jesu Forderungen und bedrückt von dannen gehen. Nun, wir tun es nicht. Wir reagieren eigentlich überhaupt nicht auf Jesu Zumutungen. Wir nehmen sie überhaupt nicht ernst. Ja, wir entschärfen sie. Schon immer beflügelten Jesu Worte die Interpretationskünstler - dazu gehören nicht nur die Theologen, sondern im Grunde genommen wir alle - und trieben sie zu Spitzenleistungen an; nur um mit diesen Geschichten, die im Evangelium stehen, fertig zu werden; um an den eigenen notwendigen Konsequenzen vorbeizukommen.

Ein erster Versuch, durch Interpretation die radikalen Forderungen Jesu zu entschärfen, ist der, dass man sagt: Ja, das ist ja alles richtig. Aber das ist eine Sache für Ausnahme-Christen, für Heilige und ähnliche Leute. Die normalen Christenmenschen haben genug zu tun mit den Geboten. Jesus will ja auch nur einen "Rat" geben zur Vollkommenheit. Es gibt die christlichen "Breiten-Sportler"; und dann gibt es die christlichen "Spitzen-Athleten". Das letztere aber bekommt nicht jedem; das liegt auch nicht jedem. Das darf man daher getrost anderen überlassen, den Priestern und Ordensleuten zum Beispiel, ohne ein schlechtes Gewissen zu bekommen.

Und dann kommt ein anderer und sagt: Ja, das ist doch alles nicht buchstäblich gemeint, sondern nur bildlich, geistlich. Jesus hat doch selbst gesagt: "Selig die Armen im Geiste!" Das heißt doch: Selig sind diejenigen, die die geistliche Haltung der Armut haben; die wissen, mit leeren Händen vor Gott zu stehen. Ein Armer, der begehrlich und neidisch nach den Reichtümern schielt, die er nicht besitzt, ist doch auch nicht besser als ein wirklich Besitzender.

Und dann kommt ein Dritter und erzählt uns: Ja, das ist doch eine Geschichte, die heute überhaupt nicht mehr gilt. Diese Geschichte hatte ihre Bedeutung in einer ganz bestimmten Zeit, damals bald nach dem Tod Jesu. Da glaubten die ersten Christen, es werde nicht mehr lange dauern, bis das Reich Gottes kommt. Was sollen wir uns da noch belasten mit der Sorge für Haus, Äcker, Vieh, Geld und Familie? Kommt, lasst uns alles, was wir haben, teilen und verteilen und warten, bis der Herr wiederkommt! Wir heute haben doch gelernt, dass es mit dem Kommen des Herrn seine Weile hat. Und deshalb müssen wir für die Zukunft sorgen. Aus dem Koffer kann man eine Zeitlang leben, im Urlaub, aber nicht auf Dauer.

Schließlich kommt ein Vierter und sagt: Ja, diese Geschichte stammt sicherlich nicht von Jesus selbst. Der war doch kein weltfremder Asket wie z. B. Johannes der Täufer. Der hat doch die Schönheiten und Güter dieser Erde geliebt und sie dankbaren Herzens genossen. Diese Geschichte ist erfunden worden von einigen Christen der ersten Generation, die vor lauter Hass auf die böse Welt allen Besitz verachteten und verteufelten. Die haben diese Geschichte ins Evangelium geschrieben.

Vielleicht erkennen wir in all diesen Interpretationen auch die Art und Weise, wie wir selber Jesu Forderungen für uns entschärfen, unwirksam machen. Nur: so ganz glücklich werden wir damit nicht. Es bleibt halt immer die unangenehme Frage zurück: Und wenn Jesus tatsächlich das gesagt und so gemeint hat, wie es da im Evangelium steht? Schließlich hat er ja auch sonst klare Entscheidungen verlangt; vom Zöllner Matthäus: "Folge mir nach!" Von den Söhnen des Zebedäus: "Lasst das Fischernetz und den Vater!" Von jemand, der ihm nachfolgen will: "Lass die Toten ihre Toten begraben!" Oder: "Wer die Hand an den Pflug legt und zurückschaut, ist meiner nicht wert." Wo es darauf ankommt, zu wählen zwischen Jesus und allem anderen, da muss der Jünger wissen, was er zu tun hat. Da gibt es nur eines: die Preisgabe von allem für das Gehen mit Jesus. Nein, auch unsere Geschichte ist nicht eine spätere Erfindung; das ist schon Jesus selbst, den wir da hören. Das ist sein Originalton.

Diese Geschichte geht uns darum alle an. Sie lässt uns nicht in Ruhe. Sie darf uns nicht in Ruhe lassen - uns, die wir meist fett und behäbig geworden sind; die sich nur noch ein Leben vorstellen können, das möglichst breit durch Besitztümer abgesichert ist. Und hier gilt es für uns umzudenken. Hier müssen wir uns fragen lassen, was in unserem Leben eigentlich die Hauptsache ist; was für uns im Leben wirklich zählt. Können wir noch um Jesu willen, um Gottes willen Ballast, wenigstens etwas Ballast abwerfen? Können wir noch teilen, dem Armen und Notleidenden helfen? Nehmen wir überhaupt noch den wahr, der uns in das Entweder-Oder ruft?

Dabei wissen wir als Christen doch, dass nur Gott allein die Erfüllung des Menschen sein kann; dass die Besitztümer, die Sicherungen, die wir anlegen, uns letztlich betrügerisch im Stich lassen, uns keine Ewigkeit geben können. Wir wissen als Christen, dass nur Gott selbst die Mitte unseres Lebens sein kann, um den all unser Denken und Mühen kreisen soll. Für den Glaubenden ist der Herr an die Stelle der alten Lebensmitte getreten, um die wir Menschen unsere Sorgen und Mühen ordnen. Die letzte, die entscheidende Frage kann für den Christen eigentlich nicht mehr lauten: Wie kann ich mein Leben retten? Wo ist noch ein Strohhalm, an den ich mich klammere, um mein Leben noch etwas länger vor dem drohenden, vor dem sicheren Untergang zu bewahren? Das letzte Wort klingt nun wie der Schrei des Petrus: "Herr, hilf du mir; ich gehe zugrunde!" Genau in der Mitte unserer selbst, auf die alles menschliche Sorgen und Mühen sich hinrichtet, in dieser Mitte muss der Herr stehen - müsste der Herr stehen. Wenn wir ehrlich sind, müssen wir uns gestehen, dass uns dies unendlich schwer fällt; es gelingt uns kaum, vielleicht in einer guten Minute. Wir haben auch Angst, uns darauf einzulassen. Deshalb können wir immer nur den Herrn, der uns auf diesen Weg gerufen hat, bitten, dass er uns auch die Kraft gibt, uns auf ihn einzulassen, gegen den Strom der Zeit zu schwimmen und unser Leben auf ihn zu bauen.

 

29. Sonntag: "Liebe und Ehrfurcht"

Einführung

Das Wort "Dienen" und das Wort "Dienst" kommt in vielen Variationen vor: im Wort "Dienstbereitschaft", im Wort "Dienstgesinnung", im Wort "Verdienst", im Wort "verdienen", nicht zuletzt auch im Wort "Selbst-Bedienung": ich sehe zu, wie ich zu meinem Teil komme. Jesus Christus ist gekommen, nicht um sich selbst zu bedienen, nicht um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele. Und das ist auch sein Appell an die Jünger, die sich um die ersten Plätze streiten: "Wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein; und wer bei euch der Erste sein will, der sei der Sklave aller!" Wie steht es mit unserer Dienstbereitschaft, mit unserem Dienst der Liebe an den Brüdern und Schwestern? Besinnen wir uns und bitten wir den Herrn um Vergebung dafür, dass wir oft nur uns selbst sehen und den Dienst der Liebe verweigern.

    Herr Jesus Christus, du hast zu deinen Jüngern gesagt: Wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein!
    - Herr, erbarme dich!
    Du hast zu deinen Jüngern gesagt: Wer bei euch der Erste sein will, der soll der Sklave aller sein!
    - Christus, erbarme dich!
    Du hast zu deinen Jüngern gesagt: Der Menschensohn ist gekommen, um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Vater im Himmel, dein Sohn kam in die Welt nicht, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben als Lösegeld für viele hinzugeben. Voll Vertrauen kommen wir darum mit unseren Bitten zu dir:

  • Für die Kirche, die Gemeinschaft der Glaubenden: dass sie immer wieder Maß nimmt an ihrem Herrn und Meister!
  • Für uns, die wir Christi Namen tragen: dass wir einander mit Respekt und Ehrfurcht begegnen!
  • Für die Menschen, die in ihrem Leben nur Lieblosigkeit und Egoismus erfahren haben: dass sie nicht verbittert werden!
  • Für unsere verstorbenen Brüder und Schwestern: dass sie in deiner Liebe Frieden und Heimat finden!

Vater im Himmel, du willst, dass wir an deinem Sohn Maß nehmen. Gib uns dazu deinen Segen durch Christus, unseren Herrn! Amen.

Predigt

Vor einigen Jahren habe ich eine Fabel gelesen, die mich sehr beeindruckt hat: "Wie man im Orient Affen fängt: Indem man ein Gefäß, in das man eine Frucht legt, auf der Erde festmacht. Der enge Hals des Gefäßes lässt zwar die leere Hand durch, jedoch nicht die volle. So der Mensch, der die Dinge fest mit der Hand umschließt. Seine Besitztümer sind es, die ihn vernichten. Der Mensch stirbt, weil er es nicht versteht, die Hand aufzutun." Soweit die Fabel! "Der Mensch stirbt, weil er es nicht versteht, die Hand aufzutun." Gewiss, das ist in erster Linie vom materiellen Besitz gemeint. Aber dieser Satz gilt auch, ja - wie mir scheint - im eigentlichen Sinn in einer anderen, in einer viel tiefer reichenden Dimension. Der Mensch stirbt, er ist tot, wenn er es nicht versteht, sich zu öffnen, sich zu verschenken, einen Blick zu haben für die Not der Menschen; wenn er es nicht versteht zu dienen; ja - wir haben es eben im Evangelium gehört - sein Leben hinzugeben. Das bedeutet doch: wir sollen hinfinden zur dienenden, zur sich verschenkenden Liebe. Dazu einige Anmerkungen und Anregungen!

Ein erster "Dienst der Liebe" besteht darin, den anderen überhaupt verstehen zu wollen. Es darf in einem Gespräch nicht darum gehen, den anderen ins Unrecht zu setzen, ihn gar als Ignoranten zu entlarven. Wer einen anderen verstehen will, der muss ihn zunächst menschlich bejahen; er muss ihn lieben: "Wie gut, dass es dich gibt!" Nur die Liebe glaubt an den guten Sinn eines vielleicht ungeschickten Satzes oder Wortes; nur die Liebe legt das Wort und das Verhalten eines anderen gut aus; nur die Liebe verdächtigt nicht. Wenn das nicht der Fall ist, dann vertreibe ich den anderen aus meiner Nähe; dann treibe ich ihn in die Isolation. Ob das nicht auch oft in der Kirche der Fall ist? Wie vielen ist die Kirche fremd geworden, und niemand besucht sie und befreit sie aus ihrer Isolation! Wie viele fühlen sich nicht wohl durch unseren Hochmut und unsere Arroganz! Zur dienenden Liebe gehört das Hinabsteigen vom hohen Ross. Aber nichts fällt uns schwerer, als mit Würde vom hohen Ross zu steigen.

Ein zweiter "Dienst der Liebe" bestände darin, den anderen den Zutritt zur eigenen Welt zu öffnen. Aber ist das nicht gefährlich, den anderen einen Blick in das eigene Herz zu gewähren? Missbraucht der andere nicht mein Vertrauen? Zahle ich dann nicht immer drauf? Es scheint deshalb klug zu sein, auf Abstand zu gehen. Und der Rat des Balthasar Gracian, eines Moral-Theologen aus dem 17. Jahrhundert, scheint wirklich eine gültige Erfahrung auszudrücken: "Seinen Freuden so trauen, als ob sie morgen Feinde sein könnten." Dann erlebe ich in der Tat keine unliebsamen Überraschungen. Aber gerade diese Einstellung würde uns in uns selbst einschließen, würde unseren "Tod" bedeuten. Es ist notwendig, den anderen einen Blick in das eigene Herz zu gestatten. Freilich liegt darin das Risiko, die Gefahr, verwundet und verkannt zu werden. Der selbstlos Dienende, der Liebende ist immer der Schwächere. Wenn wir uns aber nicht in diese "Gefahr" begeben, dann haben wir nicht begriffen, was Christsein heißt; dann haben wir nicht begriffen, was Gott für uns in Jesus Christus getan hat: er kam, um zu dienen und sein Leben als Lösegeld hinzugeben. Dann haben wir uns zu fragen, ob wir nicht bis ins Mark Egoisten sind, die nur sich selbst kennen und kultivieren; die andere ausnützen; die nach der Macht über andere gieren. Wir haben zu Beginn des heutigen Evangeliums gehört, wie diese Macht-Gier sogar bei den Freunden Jesu vorkam und von Jesus zurückgewiesen werden musste.

Ein weiterer "Dienst der Liebe" könnte für uns dieser sein: "Liebe tut immer den ersten Schritt, auch im Verzeihen einer Schuld." In einem der Dramen Sartre's steht der Satz: "Auch ich hätte dich geliebt, wenn du damit begonnen hättest!" Dieser Mann hat begriffen (wenn auch nur im Negativ), worauf es für uns ankommt. Er hat genau das als Grundübel für den Menschen bezeichnet, was der heilige Augustinus als das Wesen der Sünde angesehen hat: dass der Mensch so mit sich selbst beschäftigt ist, dass er den Blick nicht von sich selbst, von seinem eigenen Nabel abwenden und anderen zuwenden kann; dass er krampfhaft auf sich selbst blickt, an sich selbst fest hält. Können wir noch den Blick auf andere richten? Sie wahrnehmen? Können wir noch den ersten Schritt zur Versöhnung tun - auch dann, wenn wir im Recht sind und der andere im Unrecht? Können wir Gutes tun, können wir dienen auch dann, wenn wir nicht in der Zeitung genannt werden, und wenn kein Fotograf dabei ist; wenn uns niemand anerkennend auf die Schultern klopft? Dienende Liebe, wenn sie vorhanden ist, münzt das eigene Tun nicht um in Selbstgefälligkeit und in das Bewusstsein der eigenen Überlegenheit.

Schließlich noch ein Hinweis auf einen "Dienst der Liebe", zu dem wir gerufen sind. Martin Buber hat eine Geschichte aufgezeichnet, die uns zu denken gibt, geben soll. "Was wirkliche Liebe ist, das ist mir am Gespräch zweier Landleute aufgegangen. ‚Freund Iwan, liebst du mich? - Natürlich, du weißt doch, das sich dich liebe! - Weißt du auch, was mir weh tut? - Wie kann ich wissen, was dir weh tut? - Freund Iwan, wenn du nicht weißt, was mir weh tut, wie kannst du sagen, dass du mich liebst?' Liebe also heißt: Wissen, was dem anderen weh tut."

Bemühen wir uns um dieses Wissen, was dem anderen weh tut? Was ihn bedrückt, was ihm Sorgen bereitet, womit er nicht fertig wird, wonach er sich in seinem Innersten sehnt? Bemühen wir uns um diese Aufmerksamkeit, um diese Behutsamkeit im Umgang mit dem Nächsten, mit denen, die wir gern haben? Haben wir Respekt vor ihnen, Ehrfurcht - so wie Gott dem Menschen mit einer großen Ehrfurcht begegnet, "cum magna reverentia", wie Thomas von Aquin einmal sagt? Wie steht es mit diesem Respekt, mit dieser "Ehrfurcht" voreinander; vor den einfachen, vielleicht gar einfältigen Brüdern und Schwestern? Mit denen, die uns, was Bildung etc. angeht, nicht das Wasser reichen können? Merken wir noch, wie wir durch unsere Überheblichkeit anderen, einfachen Menschen weh tun? Haben wir die Gesinnung Gottes, die Gesinnung Jesu. Er hat die Menschen damals, er hat uns heute in sein Herz geschlossen; er liebt uns; er weiß, wo es uns weh tut. Versuchen wir, unser Verhalten seinem Tun anzugleichen!

 

30. Sonntag: "Der Glaube des Blinden"

Einführung

Wer stolz ist, der fühlt sich unabhängig. Der wird kaum einen anderen um etwas bitten, auch wenn er es nötig hat. Vor Gott sind wir alle Bedürftige; vor Gott kann menschlicher Stolz und menschliche Unabhängigkeit nicht bestehen. Vor Gott kann man im Grunde nur rufen, was der blinde Bettler am Weg von Jericho ruft: "Herr, erbarme dich meiner!" Wir kommen zu dieser Eucharistiefeier im Wissen darum, vor Gott arm und bedürftig zu sein. Wir rufen zu ihm um seine Hilfe, um sein Erbarmen mit unseren Fehlern und Sünden.

    Herr Jesus Christus, du bist das Licht der Welt, das jeden Menschen erleuchtet
    - Herr, erbarme dich!
    Du hast dem Blinden von Jericho das Augenlicht wieder geschenkt
    - Christus, erbarme dich!
    Du willst auch uns aus der Finsternis in dein wunderbares Licht führen
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Herr Jesus Christus, du hast uns zur Feier der Eucharistie gerufen. Voll Vertrauen kommen wir mit unseren Bitten zu dir:

  • Du hast dich offenbart als das Licht der Welt: Öffne unsere Herzen für dich und deine Frohbotschaft!
  • Du hast dem blinden Bettler das Augenlicht geschenkt: Nimm von uns die Blindheit unserer Herzen!
  • Der sehend gewordene Bettler ist dir auf deinem Weg gefolgt: Lass auch uns bereit sein, dir zu folgen!
  • Du willst alle mit dem Licht deiner Herrlichkeit beglücken: Lass unseren Verstorbenen dein ewiges Licht leuchten!

Herr Jesus Christus, du Licht der Welt, ohne das wir den Weg zu unserem Heil nicht finden können. Lass uns dir vertrauen und uns deiner Führung anvertrauen, der du lebst und herrschst in Ewigkeit. Amen.

Predigt

Der Evangelist Markus erzählt uns heute eine Geschichte, die nicht nur interessant und faszinierend ist. Viel entscheidender ist: diese Geschichte weist uns auf etwas Beherzigenswertes hin; sie weist uns auf einen Unterschied hin zwischen dem Denken von uns Menschen und dem Denken Jesu. Wenn die Großen dieser Welt sich dem Volk zeigen, wenn sie ein Bad in der Menge nehmen möchten, dann pflegen sie ihre Triumphzüge an besonders markanten Punkten zu unterbrechen, um den Beifall der Leute zu erhalten. Jeder soll sehen, wie sehr sie sich dem Volk verbunden wissen. Dabei werden jedoch keine lästigen Leute, dabei werden keine Bettler zugelassen. Bettler, zumal blinde Bettler verwirren nur den Wohlklang des Beifall klatschenden Publikums. Sie stören nur das Protokoll.

Unser Herr Jesus Christus hat sich jedenfalls beim Weggehen aus Jericho anders verhalten. Er hat sich nicht an das gewohnte Protokoll gehalten. Er ist stehen geblieben; er hat das Rufen des blinden Bettlers nicht geflissentlich überhört; und offensichtlich ist ihm dieser Ruf des blinden Bettlers um Hilfe wichtiger gewesen als das Hosianna-Rufen der Vielen, die ihn begleiteten; die sich durch das Rufen des Bettlers gestört fühlten. Jesus demonstriert also nicht seine Erhabenheit und Größe. Es geht ihm um den blinden Bettler, der der Hilfe bedarf. Er ruft ihn zu sich, und er schenkt ihm das Augenlicht. Und vom sehend gewordenen Blinden heißt es am Schluss des heutigen Evangeliums: "Er folgte Jesus auf seinem Weg." Ich bin der Meinung, wir könnten vom Verhalten des blinden Bettlers Bartimäus und vom Verhalten Jesu einiges lernen.

Es ist schon überraschend, dass dieser blinde Bettler auf einmal, als Jesus vorübergeht, laut zu schreien beginnt: "Jesus, Sohn Davids, erbarme dich meiner!" Er wagt es, beim Vorübergehen Jesu seine Not hinaus zu schreien. Er spürt, dass er diesem Menschen, dass er diesem Jesus gegenüber nicht den Mund zu halten braucht; dass er sich zu Wort melden darf. Alle anderen in der Begleitung Jesu meinen ja, der blinde Bettler haben diesem Hochgeehrten, habe diesem Hochgepriesenen gegenüber noch weniger ein Recht, sich zu Wort zu melden, als die gewöhnlichen Einwohner Jerichos. Der Blinde ist jedoch anderer Meinung. Er hat das Vertrauen, dass dieser eine, dass der Sohn Davids, dass der Messias gerade darin seine Größe zeigen kann, dass er ihn, den blinden Bettler, wahrnimmt; dass dieser Jesus ihn nicht mundtot macht; dass er ihn nicht erniedrigt, indem er ihn übersieht. Er hat das Vertrauen, dass der Sohn Davids ihn wahrnimmt; dass dieser ihn unter die Augen treten lässt; dass dieser ihm sein Gesicht, sein Augenlicht wieder geben kann. Und der blinde Bettler sieht sich verstanden und angenommen; er darf endlich sagen, dass er geheilt zu werden wünscht. Es kommt anscheinend nur auf diesen Wunsch des Blinden an, geheilt zu werden; dass Jesus nur noch zu sagen braucht: "Dein Glaube hat dich geheilt."

Ich denke, dieser blinde Bettler, der sehend geworden ist, könnte uns einiges sagen, was für uns von Bedeutung ist. Ich meine unser Beten als Glaubende. Ich meine insbesondere das Bittgebet, das leider Gottes von manchen Leuten als eine mindere Form des Betens angesehen wird. Wenn wir um Hilfe rufen, wenn wir unsere Not vor Gott kundtun, dann erfahren wir etwas von unserem eigenen Wesen. Dann ahnen wir etwas von der Notwendigkeit eines unwandelbaren Haltes. Und die Grundsituation des Menschen ist nun einmal das Angewiesensein, die Hilfsbedürftigkeit, die Notwendigkeit, sich anvertrauen zu können. Wenn wir aber aus unserer Not und Armseligkeit zum Herrn rufen, dann erfahren wir nicht nur etwas von unserem eigenen Wesen. Dann ist es auch die Anerkenntnis dessen, wer Gott ist; wer unser Vater im Himmel ist; wer Jesus ist. Dann vertrauen wir uns ihm voll Glauben an. Freilich müssen wir bei unserem Rufen um Hilfe dies beachten und lernen: Wir müssen lernen, unsere Wünsche und Bitten freizugeben. Wir müssen vor allem lernen, uns selbst freizugeben. Wir müssen uns ändern im Gebet. Gott ändert nicht nachträglich den Lauf der Welt, weil er etwas vergessen hat, woran wir ihn erinnern müssen. Kierkegaard spricht es einmal so aus: "Das Gebet verändert nicht Gott, sondern es verändert den Menschen." Das Gebet muss also uns verändern.

Ich sagte: Im Gebet erkennen wir etwas von unserem eigenen Wesen. Und wir erkennen etwas vom Wesen Gottes. Gerade unsere Erzählung von der Heilung des blinden Bettlers offenbart uns etwas vom Wesen und Denken unseres Herrn. Jesus demonstriert in der Begegnung mit dem blinden Bettler in keiner Weise seine Macht und Größe, seine Überlegenheit. Er hat das nicht nötig. Dass er sich zum Menschen, dass er sich zu uns herabneigt, beeinträchtigt seine Allmacht in keiner Weise. Er braucht auch niemand schlecht zu machen, um sich selber in ein günstiges Licht zu rücken. Er kann jeden gelten lassen. Er lässt jeden gelten - für uns oft ärgerniserregend. Freilich ruft er auch dazu auf, an ihn zu glauben als den Sohn Davids, den Messias; ihn anzuerkennen als den Sohn Gottes. Und er ruft die Menschen, er ruft uns auf, mit ihm zu gehen; sogar bereit zu sein, den Weg des Kreuzes mit ihm zu teilen. Er ruft uns auf, von ihm zu lernen, indem wir nicht immer die Überlegenen, die Mächtigeren, die Größeren sein wollen; indem wir niemand klein machen, erniedrigen. "Wer von euch der Erste sein will, der sei der Diener aller!" "Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Himmelreich eingehen." Die Frage ist nur: Sind wir in der Lage, sind wir bereit, diese Gesinnungen unseres Herrn zu bejahen, sie uns zu eigen zu machen? Wir spüren hoffentlich, dass wir von unserem Herrn einiges lernen können, lernen müssen, wenn wir wirklich Menschen und Glaubende sein wollen. Wir spüren hoffentlich auch, wie sehr wir der heilenden Kraft des Herrn bedürfen, der nicht nur die Blindheit der Augen, sondern auch die Blindheit unserer Herzen beseitigen muss; dass wir an uns die Heilung geschehen lassen müssen.

Manche Pflanzen in den Wüstengebieten scheinen abgestorben zu sein in der Dürre und Trockenheit. Kein Leben ist anscheinend mehr in ihnen. Kaum aber fällt Regen, da leben sie auf und treiben Blüten und zeigen, dass sie gleichsam nie vergessen haben, was es bedeutet: zu leben! Ähnlich erging es dem blinden Bettler Bartimäus. In der Begegnung mit dem Herrn an der Straße von Jericho trifft ihn der belebende Blick Jesu. Und er wagt es, um Hilfe und Erbarmen zu rufen: "Jesus, Sohn Davids, erbarme dich meiner!" Und er erlebt, wie seine Augen sich auftun, wie er sehen kann. "Dein Glaube hat dich geheilt." Sind nicht auch die Augen unseres Herzens blind für das Eigentliche; blind für den guten Gott, der uns liebt; der gut zu uns ist; der uns in Jesus Christus nahe sein will; der uns heilen möchte? Rufen wir wirklich um die Hilfe des Herrn, oder rufen wir nur um die alltäglichen Dinge, die wir haben möchten? Vergessen wir nicht immer über den guten Gaben, die uns zuteil werden, den Geber alles Guten? Machen wir uns wirklich seine Gesinnungen zu eigen? Und sind wir bereit, mit Jesus den Weg zu gehen voll Glauben und Vertrauen? Erbitten wir vom Herrn, dass er uns heilt; dass er uns sehend macht!

 

31. Sonntag: "Gottes- und Nächstenliebe"

Einführung

Was uns not tut in einer Zeit der Vereinzelung und des Egoismus ist dies: einen Rückhalt zu haben bei liebenden Menschen; einen unwandelbaren Halt zu haben in Gott. Dieser unserer Sehnsucht entspricht das Doppelgebot der Gottes- und der Nächstenliebe. "Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr. Und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen... Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!" So greift Jesus das alttestamentliche Gebot auf und ergänzt es. Wir wollen uns darum zu Beginn dieser Eucharistiefeier wieder besinnen. Wir wollen uns fragen: Lieben wir wirklich Gott über alles und den Nächsten wie uns selbst? Bitten wir den Herrn um Vergebung, um sein Erbarmen mit unseren Halbheiten und Fehlern.

    Herr Jesus Christus, du weist uns hin auf das Hauptgebot der Liebe
    - Herr, erbarme dich!
    Du willst, dass wir den Herrn, unseren Gott, mit ganzem Herzen lieben
    - Christus, erbarme dich!
    Du willst auch, dass wir den Nächsten lieben wie uns selbst
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Voll Vertrauen beten wir zu Jesus Christus, unserem Herrn, der uns das Gebot der Gottes- und der Nächstenliebe eindringlich verkündet hat:

  • Mache die Kirche zu einem wirksamen Werkzeug deiner Liebe in der Welt!
  • Mehre in deiner Kirche den Geist des Erbarmens und der Versöhnung!
  • Öffne die verschlossenen Herzen der Menschen durch die Erfahrung deiner Liebe!
  • Gib uns Geduld und Nachsicht mit den Fehlern und Schwächen unserer Mitmenschen!
  • Durchdringe unser Leben mit dem Geist der Liebe, damit wir dir ähnlich werden!

Denn du, Herr, hast aus Liebe zu uns dein Leben hingegeben. Wir danken dir dafür jetzt und alle Tage unseres Lebens. Amen.

Predigt

Die Frage des Schriftgelehrten an den Herrn nach dem ersten und größten Gebot scheint aufrichtig gewesen zu sein. Die Antwort Jesu ist uns so bekannt, dass wir Mühe haben, sie wirklich zu hören und ihre eigentliche Bedeutung noch wahrzunehmen. Jesus erinnert den Fragenden an das Glaubensbekenntnis, das er als frommer Jude jeden Tag spricht. Der allmächtige Gott hat an der ersten Stelle der Aufmerksamkeit des Glaubenden zu stehen. Und ihn lieben heißt: ihn als den Einzigen anerkennen; sich von seiner Glut so ergreifen zu lassen, dass man auch dem Nächsten, dem Mitmenschen, etwas von der Liebe und Freude Gottes mitteilen kann. Dass es dabei nicht nur um Gefühle geht, sollte von vornherein klar sein. Die Frage nach dem Hauptgebot ist die Frage: Worauf kommt es Gott unter allen Umständen an? Wofür sollen wir all unsere Kräfte einsetzen? Was verdient den ganzen Einsatz unseres Herzens? Das sind Fragen danach, wie unser Leben einen Sinn erhalten kann, der vor Gott besteht. Mit seiner Antwort kommt Jesus zu einem Höhepunkt seiner ganzen Verkündigung. Dass die Antwort in ihrer ganzen Länge vom Fragenden zustimmend wiederholt wird, weist uns noch einmal auf ihre große Bedeutung hin.

Als erste und wichtigste Aufgabe wird uns aufgetragen, dass wir mit allen Kräften, die wir überhaupt aufbieten können, den Herrn, unseren Gott, lieben sollen. Die aufgezählten Fähigkeiten (mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken) sind so zu verstehen: das Herz meint die Willenskraft; die Seele meint die Lebenskraft; das Denken meint die Kraft des Verstandes. Die Aufzählung will sagen: Wir müssen all unsere Kräfte ohne Ausnahme in der Liebe zu Gott einsetzen. Alle Fähigkeiten sollen wir im ganzen Umfang auf die Liebe zu Gott ausrichten. Mit allem, was wir sind, sollen wir klar und entschieden Gott in Liebe zugewandt sein.

Aber hat das schon jemals ein Mensch fertig gebracht, Gott so zu lieben, auch wenn er den besten Willen hat? Haben wir überhaupt eine Aussicht, eine Chance, diese Aufgabe zu erfüllen? Wer kann von sich sagen, dass er Gott in dieser totalen Weise liebt? Wie sieht denn unser tatsächliches Verhalten Gott gegenüber aus? Ist es nicht oft gekennzeichnet und geprägt davon, dass wir an Gott nicht einmal denken? Dass wir gerade für ihn kaum oder keine Zeit haben? Dass wir unsicher sind; dass wir zweifeln; dass wir mit Gott nichts anfangen können? Wie soll und wie kann man sich selbst zur Liebe Gottes aktivieren, animieren? Kann man diese Liebe gar befehlen? Nun, ich bin überzeugt: Jesus benennt mit seinem Gebot gar nicht eine Tat, die sofort und in einem einzigen Akt vollbracht werden kann. Das kann übrigens kein Mensch; das könnte nur Gott. Jesus geht es vielmehr um eine lebenslange Aufgabe. Die allumfassende Liebe zu Gott ist das Ziel unseres Lebens, das wir nie aus den Augen verlieren dürfen; für dessen Verwirklichung wir uns immer mühen sollen. Die allumfassende Liebe ist also ein Weg, auf den wir uns begeben sollen.

Aber wie sieht denn diese uns gebotene Liebe konkret aus? Wie sieht dieser "Weg" aus? Diese Liebe und der Weg dorthin meinen die Zuwendung der Person hin zu Gott, die aus der Herzmitte kommt. Wo wir nur Leistungen und Opfer erbringen; wo wir nur Gebetsformeln sprechen; wo wir nur Dinge geben, die von dieser unserer Herzmitte verschieden sind; wo diese Leistungen geschehen, ohne dass wir mit dem innersten Herzen dabei sind, da lieben wir in Wirklichkeit nicht; da verfehlen wir den Sinn des Lebens. In der wirklichen Liebe, die diesen Namen verdient, geht es um diese Herzmitte; geht es darum, unsere vielfältigen Kräfte und Fähigkeiten einzusetzen; dass wir uns mit allem, was wir haben und sind, Gott zuwenden; dass wir mit wachem, lebendigem Interesse uns nach Gott ausstrecken; dass wir z. B. alle unsere Fähigkeiten einsetzen, um Gott zu suchen und ihn mehr und mehr kennen zu lernen; dass wir uns ihm öffnen und uns von ihm berühren und erreichen lassen. Das Gebot der Liebe zu Gott ruft uns zum unermüdlichen Mühen um Gott. Es stellt uns auf einen Weg, der uns immer weiter führt, und dessen Ende wir hier nicht erreichen.

Ein unverzichtbares Element dieser Offenheit für Gott ist das Bemühen, alle Quellen auszuschöpfen, die von Gott sprechen. Der erste und entscheidende Satz, den Jesus im heutigen Evangelium aus dem Alten Testament aufnimmt, verweist das Volk Israel auf seine Erfahrung mit Gott: "Der Herr, unser Gott, der Herr ist einer!" Das Volk Israel hat ihn als den einen, den völlig einzigartigen Gott erfahren. Deshalb steht er an der ersten Stelle der Aufmerksamkeit. Das bedeutet für uns: Nicht irgendeiner Auffassung über Gott sollen wir zugewandt sein, sondern Gott in seiner Wirklichkeit. Und dieser Gott wird in seiner ganzen Wirklichkeit erst kund durch seine Offenbarung in Jesus Christus. Das Gebot der Gottesliebe ist darum nicht nur ein Zitat aus dem Alten Testament. Innerhalb der Botschaft Jesu ruft es dazu auf, auf Jesus zu hören und sich Gott, wie er durch Jesus bekannt und zugänglich wird, ganz zuzuwenden. So hat Jesus in der Unterredung mit den Sadduzäern Gott als den Gott der Lebendigen gezeigt; also als den, der aller Macht der Zerstörung und des Todes überlegen ist; als den, der uns einen unzerstörbaren Sinn des Lebens sichert. Deshalb sollen wir bei der Suche nach Gott auf Jesus hören, um den wirklichen Gott kennen und lieben zu lernen.

Jesus ist vom Schriftgelehrten nur nach dem ersten Gebot gefragt worden. Jesus nennt aber nach dem ersten ein zweites Gebot: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!" Die Liebe, die wir zu uns selber haben, ist der Maßstab für die Liebe, die wir zum Nächsten haben sollen. Die Liebe zu uns selber zeigt sich aber kaum in Gefühlen und Emotionen. Sie bedeutet, dass wir uns selber mit allem, was zu uns gehört und was unsere Person und unser Schicksal ausmacht; dass wir uns mit unseren Fähigkeiten und unseren Grenzen annehmen. Die Liebe zu uns selber äußert sich in der Selbstachtung und in der Selbstbehauptung. Dass wir aber da sind, und dass wir gerade so sind, das geht im Letzten auf Gott zurück. Indem wir uns selber in Liebe annehmen, sagen wir damit auch Ja zum schöpferischen Willen Gottes, zum guten Gott. Der Satz, den ich vor vielen Jahren einmal gelesen habe, drückt genau das aus: "Mich, wie ich nun einmal bin, wer ich geworden bin, mich haben meine Eltern nicht gewollt. Das haben sie sich nicht ausgedacht. Mich hat nur Gott gewollt."

Die Liebe zum Nächsten soll nun von der gleichen Art sein wie die Liebe zu uns selbst. Das bedeutet: Wir sollen den Nächsten in seiner Eigenart annehmen; wir sollen ihn in seinem Dasein bejahen; wir sollen anerkennen: Er ist in der gleichen Weise von Gott gewollt und geschaffen wie ich. Die Liebe zum Nächsten ist also auch die Anerkennung des göttlichen Schöpfers, des guten Vaters im Himmel. Ich und mein Nächster sind gleichwertig. Wir haben die gleiche Herkunft und die gleiche Zukunft und damit die gleiche Würde. Wir verdanken uns in gleicher Weise der Liebe Gottes. Das ist der Grund, warum jeder Mensch ein Recht auf Respekt hat; ein unverlierbares Recht auf ein menschenwürdiges Leben; ein Recht darauf, nicht ausgenützt und unterdrückt zu werden. Und noch etwas ergibt sich aus dem Gebot der Nächstenliebe. Genauso wenig, wie ich mich selbst zu Gott machen, als Gott aufspielen darf, ebenso wenig darf ich den Nächsten, auch wenn er Kaiser oder König ist, zu meinem Gott machen, vor dem ich auf den Knien liege, auf den Knien liegen muss. Keiner hat das Recht, den anderen zu zwingen, vor ihm im Staub zu kriechen.

Hier spüren wir hoffentlich, wie das Hauptgebot der Gottesliebe und das Gebot der Nächstenliebe nicht etwas Weltenfernes und Weltfremdes sind. Sie bewahren uns vor der Gefahr, unsere Herzen kleinen Götzen zuzuwenden, zuwenden zu müssen. Diese Gefahr ist heute nicht zu übersehen. Diese Gebote weisen uns hin auf den guten Gott, der unseren ganzen Einsatz, der unser Herz verdient; der jedem Menschen, der jedem von uns seine unverlierbare Würde ermöglicht; der uns als seine Kinder liebt. Alles, was wir tun, was wir tun sollen, ist also nur das Echo auf seine Liebe.

 

32. Sonntag: "Das Scherflein der Witwe"

Einführung

Das Wort vom "Scherflein der Witwe" ist uns allen geläufig. Das Evangelium erzählt heute von dieser Begebenheit. Aber es handelt sich nicht nur um eine erbauliche Geschichte von Nächstenliebe. Es ist eine "Glaubensgeschichte", d. h. eine Geschichte vom Gottvertrauen, vom Glauben an Gottes treue Sorge für uns Menschen. Auch die alttestamentliche Lesung erzählt von diesem Vertrauen auf Gottes Führung und Geleit: der Prophet Elija und die arme Witwe von Sarepta sind Vertrauende und Glaubende. Worauf setzen wir unser Vertrauen? Woran glauben wir? Ist Gott nur jemand, den wir wie eine "Versicherung" gebrauchen für alle Fälle? Besinnen wir uns und bitten wir um Vergebung für unser mangelndes Gottvertrauen, für unseren geheimen Unglauben.

    Herr Jesus Christus, du bist der Grund und der Halt unseres Lebens
    - Herr, erbarme dich!
    Du willst, dass wir dir mit Glauben und Vertrauen begegnen
    - Christus, erbarme dich!
    Du bist bereit, unser mangelndes Vertrauen und unseren geheimen Unglauben zu vergeben
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Jesus Christus ist unter uns. Er ist unsere Hoffnung. Voll Vertrauen kommen wir zu ihm mit unseren Bitten:

  • Dass die Kirche, im Frieden um deinen Tisch versammelt, zu einer Heimat für alle Suchenden und Verzweifelten wird!
  • Dass die kranken und alten Menschen, die Behinderten und Alleingelassenen neue Hoffnung aus deiner Hingabe schöpfen!
  • Dass junge Menschen den Mut haben, ihr Leben im Vertrauen auf Gottes Ruf in den Dienst für andere zu stellen!
  • Dass die Kinder in den Familien den Glauben lebendig erfahren!
  • Dass die Sterbenden in ihrer Angst von dir getröstet und gestärkt werden!

Herr Jesus Christus, blicke voll Güte auf uns, die wir uns versammelt haben, das Opfer des Lobes und der Versöhnung mit dir zu feiern, und erhöre unser Beten, der du lebst und herrschst in Ewigkeit. Amen.

Predigt

Die Verknüpfung der beiden Lesungen aus dem 1. Buch der Könige und dem Markus-Evangelium in der Liturgie des heutigen Sonntags scheint auf den ersten Blick das Stichwort "Witwe" zu sein. In beiden Erzählungen ist eine Witwe bereit, all das, was sie besitzt, nicht nur zu teilen, sondern weg zu geben. Ich meine, dies sei jedoch nur die eine Seite an den beiden Erzählungen. Das wird vor allem deutlich, wenn wir bei der Lesung aus dem ersten Königsbuch den Kontext beachten. Der wird allerdings in dem Abschnitt, den wir gehört haben, nur angedeutet. Der Kontext dieser Erzählung aus dem Leben des Propheten Elija weist nämlich hin auf eine katastrophale Zeit, eine Zeit der Dürre und Trockenheit, die um die Mitte des 9. Jahrhunderts vor Chr. Palästina heimsuchte. Wie der Prophet in einer solchen Notzeit überlebte, und wie er dadurch anderen Lebensmut und Lebensweisung geben sollte, davon erzählt unsere Geschichte. Doch auch das heutige Evangelium weist hin auf das große Vertrauen der armen Frau in die Fürsorge Gottes. Und das ist eine Sache, die auch uns heute betrifft.

Wer sich der herausfordernden Botschaft der Erzählung aus dem Leben des Propheten Elija stellen will, der sollte schon beim Vers 1 des 17. Kapitels zu lesen beginnen. Nur so wird die Situation fassbar, verstehbar, die den Hintergrund der Erzählung bildet. Die Situation ist zunächst in den Worten der armen Frau klar und nüchtern formuliert: "Das wollen wir noch essen und dann sterben." Damit ist gesagt: Was uns noch geblieben ist, ist das Warten auf den Tod, der unserer Not das erhoffte Ende setzen kann - eine geradezu makabre Szenerie: ein Abschiedsessen vom Leben! Diese Situation aber ist die Folge einer katastrophalen Dürre und Trockenheit, deren eigentlicher Grund vom Propheten Elija auf die einfache Frage zurückgeführt wird: "Wie lange noch schwankt ihr nach zwei Seiten? Wenn Jahwe der wahre Gott ist, dann folgt ihm! Wenn aber Baal es ist, dann folgt diesem!" Dass und wie diese Entscheidung ausfallen kann, und zwar für Jahwe, den Gott Israels, das illustriert unsere Erzählung mit großer, fast schockierender Eindringlichkeit.

Die Erzählung beginnt mit den Versen 7 bis 9 des 17. Kapitels. Diese Verse stehen unmittelbar vor dem Text, den wir in der Lesung gehört haben. Am Anfang dieser Erzählung steht die Zumutung Gottes an den Propheten. Die Zeit seiner Geborgenheit an einem Bach jenseits des Jordan, aus dem er trinken konnte, und wo Raben ihm zu essen brachten, ist vorbei. Der Bach ist versiegt. "Da erging das Wort des Herrn an Elija: Mach dich auf und geh nach Sarepta, das zu Sidon gehört, und bleibe dort! Ich habe dort einer Witwe befohlen, dich zu versorgen." Das Gotteswort verheißt dem Propheten das Überleben. Aber nicht ein erneutes Wunder wird in Aussicht gestellt. Er wird vielmehr auf den Weg geschickt - in ein Land, das nicht Jahwe gehört. Sarepta bei Sidon ist Gebiet der Baal-Religion. Und dass ausgerechnet eine arme Witwe, die dort genauso zu den armen und hungerleidenden Leuten gehörte wie die Leute im Jahwe-Land, dass diese vom Hungertod bedrohte Frau in der Lage sein sollte, ihn zu ernähren, das hätte Elija zu Recht bezweifeln können. Und ob diese arme Frau - trotz eines göttlichen Befehls - zu diesem Dienst bereit wäre, das war eine weitere Frage. Doch der Prophet fragt nicht zurück. Er gehorcht. Er macht sich auf den Weg - einzig und allein im Vertrauen auf den rufenden Gott.

Als Elija am Stadttor von Sarepta der armen Frau begegnet, da mutet er ihr das schier Unmögliche zu. Nicht nur dass er um Wasser bittet, obwohl er doch weiß, wie kostbar in der schrecklichen Notzeit Wasser gerade für arme Leute sein musste. Er bittet die arme Frau sogar um Brot. Ja, man möchte meinen: Elija zieht nicht verschämt seine Bitte zurück, als die Frau ihm ihre äußerste Not schildert: "Ich habe nichts mehr vorrätig als eine Handvoll Mehl im Topf und ein wenig Öl im Krug." Elija überspannt - so scheint es - den Bogen. Er will sogar noch zuerst versorgt werden - eine Zumutung, die die Frau mit gutem Recht diesem Fremden versagt hätte. Doch die Frau entscheidet anders. Sie gibt dem Fremden, der diese Bitte an sie richtet. Sie teilt in der Not mit dem, der auch in Not ist. Und dadurch rettet sie nicht nur sich selbst und ihren Sohn. Durch ihr Tun hilft sie mit, dass Gottes Wort Leben gibt. Das einzige, was ihr der Fremde zu bieten hat, ist ja das Gotteswort: Jahwe wird es nicht zulassen, dass die Mehltöpfe und die Ölkrüge der Witwen und der kleinen Leute in der Zeit der Not leer werden. Wer auf das Wort Gottes hin bereit ist zum Teilen, der hält nicht nur noch ein Mahl, das zum Tode führt. Ein solches Mahl führt vielmehr zum Leben. Und nicht wer nimmt, empfängt Leben, sondern der, der gibt und bereit ist zum Teilen. Und wer dies tut, der begreift etwas vom Wesen Gottes.

Genau darin besteht nämlich die Botschaft, die Lehre dieser Erzählung aus dem Leben des Propheten Elija: auf Gott das Vertrauen zu setzen, auch wenn die äußeren Umstände ein derartiges Vertrauen absurd erscheinen lassen. Auch der Evangelist Markus will diese "Botschaft" mit der kleinen Begebenheit vermitteln: die Witwe, die arme Frau, die im Tempel buchstäblich den letzten Pfennig geopfert hat, ohne daran zu denken, wovon sie leben soll. Die Motivation, warum diese arme Frau alles opfert, liegt einfach in der stillen und selbstverständlichen Hingabe an Gott. Sie achtet nicht darauf, ob sie das zum Leben Notwendige hat. Sie gibt weg ohne Bedingung und ohne zu fragen. Hingeben, ohne auf eine Belohnung zu hoffen, in aller Stille und ohne Posaune, das ist die Lehre, die Jesus geben will. Jesus sieht, was Menschen nicht sehen können. Und Jesus urteilt, wie nur Gott urteilen kann: Diese arme Frau soll das Vorbild für seine Jünger sein. Sie sollen geben, ohne dass die rechte Hand weiß, was die Linke tut, einfach im Vertrauen darauf, dass sie von Gottes liebender Sorge umfangen sind.

Eine solche Einstellung, ein solches Vertrauen auf Gott, wie sie in der Elija-Erzählung und im heutigen Evangelium zum Ausdruck kommt, ein solches Vertrauen ist uns heute Lebenden sehr fremd geworden. Wir denken doch in anderen Kategorien. Wir denken vor allem in der Kategorie "Versicherung". Wir haben uns gegen alle möglichen Unfälle, für alle Eventualitäten abgesichert, versichert, rückversichert. Und selbst der christliche Glaube wird von uns oft nur noch als eine Art Versicherung angesehen für den Fall, dass etwas dran ist an der christlichen Botschaft. Christlicher Glaube ist aber kein Versicherungsabschluss dafür, dass einem auf keinen Fall etwas passieren kann, wenn es Gott wirklich gibt; wenn in diesem Jesus Gott selbst sich offenbart hat als den Grund und den Halt, von dem her unser Leben einen Sinn hat und nicht im Dunkel des Todes und der Hoffnungslosigkeit endet. Der christliche Glaube stützt sich nicht auf Bedingungen, auf Vorleistungen der anderen Seite, aufgrund derer wir das Risiko des Glaubens minimieren. Die beiden Erzählungen sind also Konkretisierungen, Verdeutlichung dessen, was wir "Glauben" nennen: das Bauen auf die Führungen und Fügungen Gottes; unseres guten Vaters im Himmel, der uns in Jesus Christus diese seine Liebe nahe gebracht, verständlich gemacht, offenbart hat. Davon sind wir als Christen überzeugt. Dafür haben wir als Glaubende Zeugnis abzulegen.

 

33. Sonntag: "Leben im Horizont der Ewigkeit"

Einführung

Wir leben in einer Welt, die voller Optimismus auf Entwicklung setzt und dies mit aller Macht der Intelligenz und des Geldes vorantreibt. Für ein solches Denken sind Unglück und Katastrophen Irrtümer, menschliche Fehler, die vermieden werden müssen. Für den Christen geht es nicht um die Höherentwicklung in diesem Sinn. Es geht für den Menschen, der in der Gefahr ist, sich von seinem Ursprung zu entfernen, sich vom lebendigen Gott abzuwenden, zuallererst um Bekehrung. Das Verlassen des Ursprungs führt in den Untergang, führt in die Katastrophe. Das Verlassen des Ursprungs führt zum Ende allen Lebens. Ist unsere Zeit nicht ein Beweis dafür? Besinnen wir uns darum heute, da von der Katastrophe des Untergangs von Jerusalem und der Welt die Rede ist, auf den lebendigen Gott, in dessen Händen allein wir Geborgenheit und Frieden finden können.

    Herr Jesus Christus, du wirst wiederkommen in Macht und Herrlichkeit
    - Herr, erbarme dich!
    Du rufst uns zur Wachsamkeit auf für den Anbruch deines Reiches
    - Christus, erbarme dich!
    Du lässt uns nicht in Hoffnungslosigkeit und Angst versinken
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben.

Fürbitten

Lasset uns voll Vertrauen unsere Bitten zu Jesus Christus bringen, dem König des kommenden Gottesreiches:

  • Erneuere die Christenheit und bereite sie für den Tag deiner Wiederkunft!
  • Erbarme dich der Völker, die von Krieg und Aufruhr heimgesucht sind und schenke ihnen deinen Frieden!
  • Gedenke der Kranken und Schwachen und richte sie in deinem Erbarmen auf!
  • Lass alle, die im Glauben unsicher geworden sind, die Liebe Gottes neu entdecken!
  • Führe unsere Verstorbenen in das Land des Lichtes und des Friedens!

Denn du, Herr, wirst kommen und Gottes Frieden auf unsere Erde

Predigt

Vor einigen Jahren starb in einem unserer Alten- und Pflegeheime Pater Wilhelm Klein im Alter von 107 Jahren. Ich glaube, es war an seinem 100. Geburtstag, als der Arzt, der ihn regelmäßig besuchte und betreute, ihm gratulierte und jovial-witzig fragte: "Und wie lange, Pater Klein, wollen Sie noch leben?" Er bekam eine Antwort, mit der er nicht gerechnet hatte, und die ihn doch irritierte: "Ewig! Ich will ewig leben!" Wer glaubt heute noch daran, dass es nach dieser Erdenzeit ein ewiges Leben gibt? Umfragen zufolge sind es in Deutschland nicht einmal mehr 50 %! Ein Theologe unserer Tage hat das so formuliert: Früher lebten die Menschen bei uns dreißig, vierzig oder fünfzig Jahre - plus Ewigkeit! Heute leben sie nur noch achtzig, oder wenn es hoch kommt, neunzig Jahre. Kein Wunder, dass in diese neunzig Jahre alles hineingenommen werden muss, was die Erde zu bieten hat. Denn sonst sinkt man ja frustriert ins Grab, weil man vieles versäumt hat. Ohne die Hoffnung auf ein ewiges Leben bleibt in der Tat nur das Bemühen nach Reichtum und Wohlergehen, nach Lust-Maximierung. Ein Blick in unsere Zeit verdeutlicht das.

Das heutige Evangelium konfrontiert uns mit einer Gegebenheit, die wir alle nur zu gerne aus dem Bewusstsein ausblenden, weil sie in der Tat unser ganzes Leben in Frage stellt. Das Evangelium erinnert uns an den "Tag des Herrn", an das Gericht Gottes über die Welt und über uns Menschen. Und doch müsste uns Christen diese Glaubenswahrheit vom Kommen des Herrn am Ende der Zeiten eigentlich mit Freude erfüllen und nicht mit Schrecken und Angst. Es müsste uns Christen die Hoffnung erfüllen nach dem neuen Himmel und der neuen Erde; es müsste uns die Hoffnung erfüllen, einmal bei Gott sein zu dürfen; bei ihm Heimat zu finden. Dann wären die Geschehnisse, von denen das Evangelium heute erzählt, nicht Grund des Erschreckens. Dann erschienen sie uns nur als Geburtswehen, als der Durchgang zum Eigentlichen. Dann würde uns die Vorläufigkeit des Lebens und der Welt nicht beunruhigen. Dann wären wir wirklich Menschen der Hoffnung; Menschen, die alles von der Zukunft erwarten, von diesem "Tag des Herrn". Dann bräuchten wir uns nicht zufrieden zu geben mit Sinngebungen, die keinen letzten Halt bieten können.

Ist das denn überhaupt möglich? Können wir Menschen so unsere konkrete Gegenwart - mit allem Schweren, aber auch mit allem Schönen - vergessen und nur von der Zukunft, nur im Blick auf eine ungewisse Zukunft hin leben? Sollen wir uns nicht realistischer mit dem Spatzen in der Hand begnügen; dass wir uns hier ein einigermaßen erträgliches Leben machen, wie so viele heutzutage? Warum wollen wir die Taube auf dem Dach einfangen? Jagen wir dann nicht einer unerfüllbaren Illusion nach? Ich meine: wir Menschen können dies, von der erhofften Zukunft und im Blick auf eine bessere Zukunft zu leben. Ja, wir tun es immer. Selbst in unseren banalsten und alltäglichen Lebenssituationen leben wir stets ins Uferlose hinein. Wir sind immer Hoffende, Wartende, die sich nicht resigniert mit den Realitäten des Lebens abfinden; die eine Ahnung haben von einer besseren, von einer heilen Welt.

Ein Beispiel für ein solches Hoffen, für das Warten auf die bessere Zukunft habe ich in einem Bericht von Helmut Gollwitzer über seine Gefangenschaft in Russland gefunden. Er schreibt darin: "Das Leben des Gefangenen ist endzeitlich ausgerichtet. Der Gefangene wartete nicht ohne jede Erwartung für sein Leben. Er erwartete sogar sehr viel; er war die fleischgewordene Erwartung. Aber er erwartete alles von der Zukunft, nichts von der Gegenwart; und zwar alles von einer ganz bestimmten Zukunft; von einem Tag, der ihm - biblisch gesprochen - der Tag des Herrn war; der Tag, um dessentwillen allein sich das gegenwärtige Leben lohnte; von dem her allein es Sinn bekam: vom Tag der Heimkehr. Hier konnte man sehen, was der biblische Ausdruck bedeutete, sich ‚in' einem fernen Tag zu freuen; denn nur er galt noch als Freude und Leben."

Ich meine, dieser Bericht könnte uns in der Tat eine Hilfe sein, den Blick auf unsere eigene Zukunft zu richten. Er könnte uns helfen, unseren Tag der Heimkehr zu begreifen; zu begreifen, was eigentlich die christliche Haltung der Hoffnung, was die Tugend der Hoffnung bedeutet. Er könnte uns eine Hilfe sein, uns zu freuen auf die Begegnung mit ihm, mit Gott, unserem Vater, mit seinem Sohn Jesus Christus, der uns geliebt und sich für uns hingegeben hat. Letztlich hat unser Leben hier auf Erden - mit all seinem Schweren und Unverständlichen - allein von diesem Tag der Heimkehr einen Sinn; unser Leben hat allein von der versprochenen Zukunft her einen Sinn. Und zwar einen so festen Sinn, dass er auch durch alles Bittere der Gegenwart nicht aufgehoben werden kann. Unser Glaube an Jesus Christus ist das Wissen um diese endgültige Heimkehr, um unsere endgültige Heimat beim Vater im Himmel. Dem Menschen ohne diesen Glauben, ohne diese Überzeugung fehlt die sinngebende Hoffnung. Er muss sich zufrieden geben mit einer innerweltlichen Sinngebung, während doch nur Unvergängliches dem Vergänglichen Sinn geben kann, wie Augustinus einmal sagt. Die Frage an uns ist diese: Hat unser Leben von diesem Tag des Herrn, vom Tag unserer Heimkehr zu ihm her einen Sinn? Kann unser Leben bestehen vor dem uns erwartenden Herrn?

Dabei sollten wir aber nicht nur auf die dunkle Seite dieses Tages schauen. Von dieser dunklen Seite gibt uns das heutige Evangelium gleichsam einen Vorgeschmack. Sondern wir sollten die frohmachende Verheißung des Herrn im Auge behalten. Ist nämlich unser Leben mit Christus verbunden, wandeln wir würdig unserer Berufung und Gott wohlgefällig, wie Paulus einmal sagt, dann ist uns die Ankunft in der bleibenden Heimat zugesichert, die Befreiung aus der Macht der Sünde und des Todes; die Befreiung auch von den versklavenden Mächten dieser Welt. Dann wird in aller Klarheit deutlich, was Paulus als den Wesensgrund des Christlichen ansieht: "Er hat uns errettet aus der Macht der Finsternis und uns in das Reich seines geliebten Sohnes versetzt." (1. Kor. 1, 13) Unsere Hoffnung gründet sich also auf ihn, auf Jesus Christus; nicht auf unser eigenes Leisten und Machen, sondern auf seine Gnade, auf seine Liebe.

Als Menschen und als Christen leben wir, sollten wir leben auf die Zukunft hin, die Heimkehr zu unserem Vater im Himmel, die unserer Gegenwart mit ihrem vielen Schweren und Unverständlichen einen Sinn und ein Ziel gibt, ja nur geben kann. Unser Leben als Christen soll diesen Sinn und dieses Ziel bezeugen, zum Leuchten bringen. Wir sollen Zeugen sein dafür, dass unser Leben einem ewigen Glück entgegengeht; dass wir einmal heimkehren werden, heimkehren dürfen zu Gott, der unser Vater ist; dass wir im Himmel unser Vaterhaus haben, dort unser eigentliches Bürgerrecht besitzen, wie Paulus einmal sagt. Dass uns dies mehr und mehr gelingt, darum wollen wir uns mühen; und wir wollen in dieser Eucharistiefeier den Herrn bitten, er möge uns dazu seine Kraft und seinen Segen geben.

 

Christkönig: "Jesus Christus - unser König"

Einführung

Wenn wir das Wort "König" hören, dann denken wir an Macht und Glanz auf der einen, an gehorsame Unterwerfung auf der anderen Seite. Durch Jesus Christus haben wir etwas anderes erfahren und - hoffentlich - auch gelernt: Er ist ein "König"; aber einer, der misshandelt und ans Kreuz geschlagen wurde, damals und immer wieder, auch heute. Jesus Christus ist König durch das Kreuz: durch seine Hingabe für die Vielen, für uns alle. Durch ihn haben wir die Versöhnung mit Gott, die Freiheit für ihn, den Frieden und das Heilsein untereinander. Wir wollen uns darum wieder zu Beginn dieser Eucharistiefeier heute am Christkönigsfest besinnen und ihn, unseren Herrn und Erlöser, um sein Erbarmen, um seine Hilfe bitten.

    Herr Jesus Christus, du bist in diese Welt gekommen, zu suchen und selig zu machen die Verlorenen
    - Herr, erbarme dich!
    Du hast dich, um uns zu retten, der Schmach des Kreuzes unterworfen
    - Christus, erbarme dich!
    Du hast dich in deiner Auferstehung als den wahren König der Welt offenbart
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Wir beten voll Vertrauen zu unserem Herrn Jesus Christus, dem König der Welt, der uns Menschen nahe ist, weil er einer von uns geworden ist:

  • Für die Christen in aller Welt: dass sie deine Worte ernst nehmen und entschlossen danach streben zu werden, wie du gewesen bist!
  • Für die Menschen in aller Welt, die in dir nur eine bedeutende Gestalt der Geschichte sehen: dass sie verstehen, wer du bist, und in dir den sehen, den Gott zu uns gesandt hat!
  • Für die Unentschiedenen, die nicht wissen, welchen Leitbildern sie nacheifern sollen: dass sie sich deiner Führung anvertrauen!
  • Für die große Zahl der Nichtchristen, die sich an die Botschaft ihrer Lehrer halten: dass sie die Fülle der Wahrheit entdecken, die du uns gebracht hast!

Herr Jesus Christus, lass alle Menschen in dir den ewigen und wirklichen Heilbringer erkennen! Mach uns bereit, dass wir auf dich, das einzig wahre Fundament, unser Leben bauen! Das gewähre uns, der du lebst und herrschst in alle Ewigkeit! Amen.

Predigt

Die Kirche feiert heute das Christkönigsfest. Wenn wir ehrlich sind: wir wissen nicht viel mit diesem Fest anzufangen. Irgendwie verstehen wir einfach nicht, was dieser Titel "König" meint, den wir Jesus Christus geben. Das kommt sicher nicht nur daher, dass in unserer Zeit die Könige rar geworden und in der Regel alles andere als Vorbilder sind; dass wir also von daher keinen Zugang zu diesem Fest haben. Das kommt vielmehr daher, dass wir diesen Titel "König" nach menschlicher Art begreifen wollen; und er ist doch nur im Glauben zu verstehen! Dieses Unverständnis kommt daher, dass wir uns dem eigentlichen Anspruch verschließen, der in dieser Selbstoffenbarung Jesu liegt - so wie Pilatus sich skeptisch und gelangweilt der Forderung Jesu verschlossen hat; und ihm hat doch der Herr selbst offenbart, in welchem Sinn er "König" ist. Es ist deshalb gut, wenn wir zu verstehen suchen, wie Jesus selbst sein Königtum verstanden hat und verstanden wissen will. Und es ist entscheidend, ob wir uns diese Auffassung zu eigen machen; ob wir sie für unser Leben bejahen.

Die Frage des Pilatus an Jesus lautet: "Bist du der König der Juden?" Er untersucht, ob Jesus eine politische Würde beansprucht, wie seine Ankläger behaupten. Pilatus hat sich von diesen in die Rolle des Richters drängen lassen; denn von sich aus hätte er keine Veranlassung gehabt, gegen Jesus einzuschreiten. Die Antwort Jesu ist eindeutig und klar: Ja, er ist ein König. Aber seine Königsherrschaft ist nicht "von dieser Welt", d. h. sie hat nicht in dieser Welt ihren Ursprung; und sie ist deshalb auch nicht von der Art dieser Welt; und sie kann deshalb auch nicht mit weltlichen Maßstäben erfasst werden; sie ist nicht "von hier". Sie ist aller weltlichen und menschlichen Herrschaft überlegen; und wir dürfen sie deshalb nicht mit unseren menschlichen Vorstellungen begreifen wollen.

Jesu Antwort auf die Frage des Pilatus war eindeutig: "Mein Reich, mein Königtum ist nicht von dieser Welt." Sofort kommt die nächste Frage des Pilatus: "Also bist du doch ein König?" Auch hier ist die Antwort Jesu präzise: "Ja, ich bin ein König." Aber welcher Art ist dieses Königtum? Irgendein Herrschaftsanspruch muss doch mit ihm gegeben sein, sonst hätte das Wort "König" ja seinen Sinn verloren. "Dafür bin ich geboren und dafür in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis gebe." Was ist mit dieser "Wahrheit" gemeint, von der Jesus spricht? Ist es etwa eine "Wahrheit" nach der Art des Satzes "zwei mal zwei ist vier"? Auf keinen Fall! Sondern die "Wahrheit", für die Jesus in seinem Leben Zeugnis abgelegt hat, und für die er jetzt für Pilatus steht, ist diese: Es gibt einen Gott! Es gibt diesen Gott, der die Welt geschaffen und sie geliebt hat - so sehr, dass er seinen Sohn hat Mensch werden lassen. Die Wahrheit, für die Jesus Zeugnis abgelegt hat, ist die Tatsache, dass der Mensch diesem Gott alles verdankt; dass wir, die wir hier zusammengekommen sind, ihm alles verdanken; dass wir nichts ohne ihn sind. Es ist die Wahrheit, dass wir aus dem Wissen um diese Abhängigkeit leben sollen; dass wir Gott als den Ursprung und Herrn unseres Lebens anerkennen sollen. Für diese "Wahrheit" legt Jesus Zeugnis ab; dafür steht er vor Pilatus. Und "jeder, der aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme". Jeder, der aus der Wahrheit ist, der anerkennt diese Grundtatsachen der Welt und seines Lebens; der stellt sich auf die Seite Jesu; der stellt sich unter die Königsherrschaft Jesu; der anerkennt ihn als seinen Herrn; der nimmt an ihm und an seinem Wort Maß.

Wir merken: die Frage des Pilatus: "Bist du ein König?" wandelt sich zu einer Frage nach dem Glauben des Fragenden: Pilatus wird durch das Wort Jesu herausgefordert. Er, der meint, Macht zu haben, diesen Menschen zu verurteilen und zu verderben oder ihn freizulassen, er ist gefragt, ob er die Stimme Jesu hören will. Und es muss sich zeigen, ob er "aus der Wahrheit" ist. Wenn er "aus der Wahrheit" wäre, dann würde Pilatus wissen, wenigstens ahnen, um was es sich bei der Königsherrschaft Jesu handelt; dann würde er ihn als den Herrn der Welt und seines eigenen Lebens anerkennen. Es scheint aber außer der Ablehnung und Anerkennung noch eine dritte Möglichkeit zu geben. Und offenbar will Pilatus diese Möglichkeit mit seiner Gegenfrage ergreifen: "Was ist Wahrheit?" Er ist offensichtlich nicht an der Frage nach der "Wahrheit" interessiert; er ist nicht interessiert an der Frage nach der Wirklichkeit Gottes, der Welt und seines eigenen Lebens. Er meint, es wäre möglich, sich draußen zu halten, neutral zu bleiben. Aber damit verschließt er sich dem Anspruch Jesu. Er zeigt damit, dass er nicht "aus der Wahrheit" ist; dass er sich nicht dem Wort Jesu beugen will.

"Ja, ich bin ein König... Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört meine Stimme." Pilatus wird durch das Wort Jesu herausgefordert. Er wird gefragt, ob er die Botschaft Jesu hören will. Das ist nun genau der Punkt, wo das heutige Evangelium in unser eigenes Leben zielt. Denn auch wir alle sind gefragt, ob wir uns dem Anspruch Jesu stellen; ob wir seine Botschaft hören wollen. Sind wir bereit, das Ja des Glaubens zu sprechen zu jenem unbegreiflichen Menschen Jesus von Nazareth, der sich als Gottes Sohn, der sich als Herrn unseres Lebens offenbart hat? Sind wir bereit, ihn anzuerkennen als den, dem wir alles verdanken; zu bekennen, dass unser Ursprung und unser Ziel in ihm liegen? Sind wir bereit, das Ja des Glaubens zu sprechen zu dieser Wirklichkeit, zu dieser "Wahrheit" unseres Lebens?

Diesen "Anspruch" erhebt Jesus an uns; und wir dürfen nicht seinem Anspruch ausweichen; denn es gibt für uns nicht die dritte Möglichkeit, in die Pilatus sich hineinflüchten möchte: "Was ist Wahrheit?" Es gibt für uns nicht die Möglichkeit, dass wir uns uninteressiert stellen, gar mit ihm rechten wollen, wieso er eine derartige Forderung an uns stellen könne; dass wir ihm vorhalten: Zeige dich uns klarer, machtvoller, deutlicher; und wir werden an dich als an unseren König glauben! Wir meinen immer, eine absolute Sicherheit beanspruchen zu können. Und dabei ist doch schon unser menschliches Leben ohne das Wagnis des Herzens nicht möglich. In der Freundschaft, in der Liebe zweier Menschen ist dieses Wagnis des Herzens gefordert. Ohne dieses Wagnis gibt es keine Liebe und keine Freundschaft.

Ich will schließen mit einigen Fragen, die uns helfen sollen, den Sinn des Christkönigsfestes tiefer zu verstehen. Was bedeutet uns eigentlich Gott und Jesus Christus? Würde Gott uns tatsächlich fehlen, wenn es ihn nicht gäbe? Würde Jesus Christus in unserem Leben und Denken eine Lücke reißen, wenn er nicht Gottes Sohn wäre? Müsste sich in unserem Leben etwas ändern, und zwar grundlegend, wenn der christliche Glaube nichtig, eine Fiktion wäre? Wäre unser ganzes Leben in Frage gestellt, wenn ihm dieses Mitte genommen, wenn ihm dieser Boden entzogen wäre? Oder liefe alles normal weiter, ohne Komplikationen, weil eben nur eine Randfigur verschwunden wäre; eine Randfigur, die nichts zu bedeuten hat; die fehlen könnte? Wenn wir uns ehrlich diesen Fragen stellen, dann wird unsere Besinnung heute am Christkönigsfest von selber ausklingen in die Bitte, dass der Herr uns den Mut geben möge, ihn, Jesus Christus, zur Mitte unseres Lebens zu machen, seine Herrschaft anzuerkennen.

 

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