Lesejahr B
2. - 10. Sonntag im Jahreskreis

2. Sonntag

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3. Sonntag

6. Sonntag

9. Sonntag

4. Sonntag

7. Sonntag

10. Sonntag

 

2. Sonntag: "Meister, wo wohnst du?"

Einführung

Das Thema des heutigen Sonntags wird durch die beiden Lesungen bestimmt. Es geht um das Hören auf den Ruf Gottes. Der Ruf Gottes ergeht an den jungen Samuel; er wird berufen zum Propheten in Israel. Das Evangelium erzählt von den ersten Jüngern Jesu, die in seine Nachfolge gerufen werden. Auch wir stehen unter dem Anruf Gottes - in unserem Leben! Was will er von uns? Das ist die Frage, die wir uns immer wieder stellen müssen; der wir uns immer wieder stellen müssen. Erbitten wir uns darum zu Beginn dieser Eucharistiefeier vom Herrn, der auch uns ruft, die Kraft und Hilfe für unseren Weg, für seine Wege mit uns.

    Herr Jesus Christus, du bist gekommen, um uns Gottes Botschaft zu verkünden
    - Herr, erbarme dich!
    Du rufst uns in deine Nachfolge und auf deinen Weg
    - Christus, erbarme dich!
    Du führst uns zum Ziel unseres Weges, zur Herrlichkeit beim Vater
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Herr Jesus Christus, du bist Mensch geworden, unser Bruder, um uns und alle Menschen in deine Nachfolge zu rufen. Darum kommen wir voll Vertrauen mit unseren Bitten zu dir:

  • Für die christlichen Kirchen: dass sie nicht nachlassen in ihrem Bemühen, Salz der Erde und Licht der Welt zu sein!
  • Für die Christen in aller Welt: dass sie deine Worte ernst nehmen und entschlossen danach streben zu werden, wie du gewesen bist!
  • Für die Menschen in aller Welt, die in dir nur eine große Gestalt der Geschichte sehen: dass sie in dir den sehen, den Gott zu uns gesandt hat!
  • Für die vielen Schwankenden und Haltlosen: dass sie sich deiner Führung anvertrauen und sich an dir orientieren!
  • Für uns alle, die wir deinen Namen tragen: dass wir nicht dem Geist der Welt verfallen und hinfinden zu einem Leben aus dem Glauben!

Herr Jesus Christus, es fällt uns schwer, auf dich zu hören und uns nach deinen Weisungen zu richten. Steh uns bei, dass wir herausfinden aus unserer Enge und Ichbezogenheit! Gib uns dazu deine Kraft und deine Gnade! Amen.

Predigt

Das heutige Evangelium berichtet uns von der Berufung der ersten Jünger. Jesus selbst ruft sie, und sie lassen sich auf seinen Ruf ein. Sie folgen ihm nach. Auch der Christ, wir Christen sind vom Herrn gerufen auf den Weg seiner Nachfolge. Aber sind wir uns wirklich dessen noch bewusst? Und wirkt sich dieses Wissen überhaupt aus in der Tat unseres Lebens? Ist die Nachfolge Jesu uns überhaupt noch möglich, wo er doch längst von uns gegangen ist? Ich meine, es sei gut, es sei wichtig, ja es sei lebensnotwendig, uns mit diesen Fragen auseinander zu setzen: was uns das Christsein bedeutet. Und das heutige Evangelium von der Berufung der ersten Jünger kann uns dabei eine Hilfe sein. Am Verhalten der ersten Jünger können wir nämlich ablesen, was Nachfolge Jesu eigentlich meint: Bei ihm zu sein - mit ihm den Weg des Lebens zu gehen.

Merkwürdig ist in unserer Begebenheit die Frage, die Jesus an die beiden Jünger richtet, die der Täufer Johannes zu ihm schickt: "Was sucht ihr?" Es ist überhaupt das erste Wort Jesu, das das Johannes-Evangelium von Jesus überliefert. Es ist offensichtlich die erste Frage, die an den gerichtet werden muss, der zu Jesus kommt; über die er sich klar werden muss. Es ist aber auch die erste Frage, die wir uns alle zu stellen haben; über die wir uns Klarheit verschaffen müssen. Was treibt uns eigentlich zu Jesus? Was veranlasst uns dazu, uns für diesen rätselhaften Menschen, der vor 2000 Jahren gelebt hat, zu interessieren? Die Sehnsucht allein nach Geborgenheit oder gar nach einem Unterkommen kann doch wohl nicht der Grund sein. Vielleicht ist es uns so ergangen, wie den beiden Johannes-Jüngern: der Täufer hatte sie auf den hingewiesen, der das "Lamm Gottes" ist. Vielleicht sind wir auch von einem anderen Menschen auf Jesus hingewiesen, zu ihm geführt worden; sein überzeugendes Leben aus dem Glauben an Jesus Christus hat uns auf den Herrn aufmerksam gemacht, auf diese rätselhaft-faszinierende Gestalt. Was antworten wir für unseren Teil auf die Frage Jesu: "Was sucht ihr?"

"Wo wohnst du?" Das ist die fast verlegene Antwort der beiden Jünger. "Kommt und seht!" So lautet die Antwort Jesu. Wo er zu Hause ist, da soll auch der Jünger Wohnung haben. Und die beiden gehen mit ihm. Sie bleiben bei ihm. Sie geraten in den Bann seiner Persönlichkeit. Sie werden seine Jünger. Die "zehnte Stunde", in der diese Begegnung stattfand, und auf die unser Text besonders hinweist, ist die "Stunde der Erfüllung". Es ist die Stunde, in der die Sehnsucht der beiden Jünger Erfüllung findet. "Wir haben den Messias gefunden." Das ist die Erkenntnis jener Stunde. Das ist die Gewissheit, die sich den beiden an diesem Tag aufdrängte. Das ist die Gewissheit, die mit dem ersten Zusammentreffen der beiden mit Jesus verbunden war. Da fand offensichtlich ein "Erkennen" statt - "Erkennen" im Verständnis der Bibel: "Einswerden in der Liebe!" An diesem Tag zur zehnten Stunde wurde die Freundschaft zwischen Jesus und den beiden Jüngern grundgelegt, besiegelt. Und ein Echo dieser Begegnung der beiden Johannes-Jünger mit Jesus ist das Zusammentreffen des Andreas mit seinem Bruder Simon: "Wir haben den Messias gefunden." Und Simon lässt sich zu Jesus führen. Dieser "kennt" ihn. Er gibt ihm einen neuen Namen: "Kephas - Fels". Jesus hat seine Hand auf Petrus gelegt; er hat sozusagen "Besitz" von ihm ergriffen. Und Petrus lässt sich von Jesus "ergreifen", packen.

Diese Erzählung von der Berufung der ersten Jünger Jesu hat nicht nur eine existentielle Bedeutung für die "Betroffenen", für die also, die es damals unmittelbar anging. Wie alle Erzählungen der Evangelien liegt in ihnen eine Dynamik in unser Leben. Auch wir sind von Jesus gemeint - auch wenn wir 2000 Jahre später leben. Es gibt in den Erzählungen der Evangelien ja nicht nur einen "Sitz im Leben Jesu"; auch nicht nur einen "Sitz im Leben der frühen Kirche". Wir dürfen den "Sitz in unserem Leben" nicht übersehen, nicht ignorieren. Andernfalls wären die Evangelien, wären die Schriften des Neuen Testaments nur ein Erinnerungsbuch, ein Märchenbuch.

Zunächst geht es um die rechte Weise des Suchens. Wissen wir uns, gerade weil wir Christen sind und sein wollen, als Menschen unterwegs? Wissen wir uns zutiefst als Bedürftige, als "Arme", die der Erfüllung bedürfen? Oder sind wir schon satt, genügsam, resigniert? Haben wir vielleicht an die Stelle unseres Lebenszieles, der Begegnung mit Gott, mit Jesus Christus, etwas anderes gesetzt? Uns selbst oder irgendeinen anderen kleinen Götzen? Meinen wir eigentlich noch in all unserem Bemühen Gott? Oder haben wir längst einen Etiketten-Tausch vollzogen? Denn: sind wir des Suchens müde geworden, dann geben wir dem, was wir gefunden, den Namen dessen, was wir gesucht haben. Was treibt uns eigentlich zu Jesus? Ist es nur die Eigensucht, der Egoismus, der meint, so noch am ungeschorensten, am glimpflichsten davonzukommen? Ist der Herr tatsächlich die Mitte unseres Lebens - oder eben nur eine Verzierung, eine Randfigur, die auch fehlen könnte?

Die Berufungsgeschichte macht uns aufmerksam auf die Macht des hinweisenden Wortes. Der Täufer Johannes tut das seinen beiden Jüngern gegenüber: "Seht das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt." Andreas tut es seinem Bruder Simon gegenüber: "Wir haben den Messias gefunden." Ich bin überzeugt: auch in unserem eigenen Leben steht eine solche Gestalt, die uns auf Jesus Christus hingewiesen hat: durch sein Wort, durch sein Leben, durch sein Beispiel. Vielleicht sind es die Eltern gewesen, ein Freund, ein Lehrer, ein Priester. Ich bin sicher: in jedem Leben gibt es einen derartigen "Wegweiser", der uns bei der Hand genommen hat auf dem Weg zu Jesus. Und wie wir selber bei der Hand genommen wurden auf dem Weg zu Jesus, so sollen wir andere auf den Weg zu Jesus mitnehmen: durch unser hinweisendes Wort, noch mehr durch das Zeugnis unseres Lebens. Das ist die Verpflichtung, die wir haben, wenn wir Christen sind, wenn wir Christen sein wollen. Gewiss ist diese Aufgabe, "Wegweiser" zu sein für andere, oft nicht mehr im ausdrücklichen Wort möglich; umso mehr muss man dann an unserem gelebten Zeugnis ablesen können, auf wen unser Leben, unser Denken und Handeln ausgerichtet ist.

Die Berufungsgeschichte weist uns schließlich hin auf die rechte Weise des Hörens, und zwar des Hörens im Sinn des "Nachfolgens", des Maßnehmens an Jesus Christus. Die beiden Jünger des Täufers nehmen das Wort ihres Meisters auf und gehen Jesus nach; sie gehen mit ihm und bleiben bei ihm. Simon Petrus begibt sich auf das Wort seines Bruders hin zu Jesus, und er bleibt bei ihm; er lässt sich von ihm in Dienst nehmen. Und so wird es immer sein: "Folge mir nach!" Auf diese Aufforderung hin werden immer wieder Menschen sich auf Jesus Christus einlassen und an ihm Maß nehmen, auf ihn ihr Leben bauen. Auch hier ist die Frage angebracht: Wie steht es mit unserem Hören, das zur Nachfolge, zum Maßnehmen führt? Haben wir überhaupt eine Antenne für das, was Gott, was Jesus Christus zu sagen hat? Lassen wir uns ein auf seine Botschaft, auf seinen Ruf? Gehen wir hinter ihm her, ohne viel danach zu fragen, ob wir auf unsere Kosten kommen? Ob wir etwas davon haben? Lassen wir uns einfach ein auf sein Wort, weil wir ihn, den Herrn, über alles andere stellen; weil wir ihn einfach lieben? Bemühen wir uns um diese Liebe, um diese Vertrautheit mit ihm? Nur wenn wir ihn lieben, wird uns sein Ruf nicht lästig werden; wird uns die Nachfolge keine Last sein. Hier wird auch deutlich: als Christen sind wir nicht auf ein Programm verwiesen oder gar auf ein Programm verpflichtet. Wir sind als Christen gerufen in eine personale Beziehung, in das Zusammensein, in das Mitsein, in die Freundschaft mit Jesus. Nur dann gelingt auch das Zeugnis vor den anderen, für die anderen. Von diesem "Ergriffensein" von Jesus, von dem der heilige Paulus einmal im Philipperbrief spricht, muss etwas "rüberkommen" zu den Menschen.

Ich möchte schließen mit zwei kleinen Texten von Charles de Foucauld, dem großen französischen Christen, der viele Jahre in der Einsamkeit der Wüste sich bemüht hat, Gottes Ruf zu vernehmen und ihm zu folgen: "Sobald ich glaubte, dass es einen Gott gibt, verstand ich, dass ich nicht anders handeln könnte, als ihm dienen." Den gleichen Gedanken kleidet er in ein Gebet: "Benütze das in mir, was zum Dienen geschaffen ist, und was noch niemand in Anspruch genommen hat."

 

3. Sonntag: "Glaubt an die Frohbotschaft!"

Einführung

Heute am dritten Sonntag im Jahreskreis klingt das Thema des ganzen Markus-Evangeliums an. Mit Jesus ist die Zeit der Verheißungen und der Vorhersagen vorbei. Mit Jesus ist die Zeit der Erfüllung angebrochen. Seine Worte und Taten verkünden den Anbruch der Gottesherrschaft. "Die Zeit ist erfüllt... Glaubt an das Evangelium! Glaubt an die Frohbotschaft vom Heil Gottes!" Wer Jesus begegnet, der begegnet dem Anspruch Gottes. Und wen Jesus ruft, der muss sich entscheiden. Das galt damals denen, die er in seine Nähe ruft, die ersten Jünger. Das gilt auch heute noch. Wir wollen darum zu Beginn der Eucharistiefeier uns ein offenes Herz erbitten; die Bereitschaft, mit Jesus zu gehen.

    Herr Jesus Christus, mit dir ist die Zeit des Heiles Gottes gekommen
    - Herr, erbarme dich!
    Du schenkst uns die Frohe Botschaft von Gottes Güte und Erbarmen
    - Christus, erbarme dich!
    Du rufst auch uns, mit dir zu gehen und dir unser Herz zu schenken
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

In Jesus Christus hat Gott uns das Evangelium, die gute Botschaft von Gottes Erbarmen mit allen Menschen geschenkt. Darum kommen wir mit unseren Bitten voll Vertrauen zu ihm:

  • Herr Jesus Christus, du hast gesagt: "Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe!" Gib der Kirche die Kraft, diese Botschaft auch heute zu verkünden!
  • Du hast gesagt: "Kehrt um und glaubt an das Evangelium!" Schenke uns den Mut zur Bekehrung und zum Glauben an dich, den Boten Gottes!
  • Du hast zu den Jüngern gesagt: "Kommt her, folgt mir nach!" Lass uns erkennen, dass dieser Ruf in deine Nachfolge auch uns gilt!
  • Die Jünger ließen ihre Netze liegen und folgten dir: Schenke uns den Mut, mit dir zu gehen und bei dir zu sein!

Herr Jesus Christus, im Vertrauen auf deine Nähe und auf deine Hilfe kommen wir mit diesen Bitten zu dir, unserem Herrn und Heiland, der du lebst und herrschst in Ewigkeit. Amen.

Predigt

Es gibt nur wenige Texte des Alten Testaments, in denen eine prophetische Gerichtsandrohung und ihre gelingende Wirkung so knapp und so anschaulich dargestellt werden wie in der Lesung des heutigen Sonntags aus dem Buch Jona. Der Prophet wird von Gott zur Gerichtspredigt nach Ninive gesandt. Nach einem verzweifelten "Fluchtversuch" (wir kennen alle diese Geschichte vom Propheten Jona im Bauch des Seeungeheuers) kommt der Prophet schließlich doch noch dem Auftrag Gottes nach; und er kündigt in Ninive an: Die Zeit der letzten Chance ist gekommen. "Noch vierzig Tage, und Ninive ist zerstört." Die Angesprochenen, der König und das Volk von Ninive, der Hauptstadt von Assur, glauben dem Wort des Propheten und tun in Sack und Asche Buße. Und Gott sieht ihre Umkehr: "Da reute Gott das Unheil, das er ihnen angedroht hatte, und er tat es nicht." Sehr zum Leidwesen des Propheten, dem das Erbarmen Gottes mit Ninive gar nicht recht ist.

In dieser Darstellung aus der Zeit nach dem Exil des Volkes Israel in Babylon fließen Erfahrungen aus vielen Jahrhunderten der Geschichte zwischen Israel und seinem Gott zusammen. So wie es damals in Ninive geschah, dass eine Gerichtsandrohung zur Bekehrung führte, so hätte es immer sein können. Auch Israel wäre nicht mit der Wegführung ins Exil von Babylon gestraft worden, hätte es den Worten der Propheten geglaubt, die immer wieder die Umkehr des Volkes und seiner Führer gefordert haben. Wenn nun diese gelungene Bekehrungspredigt in der Liturgie des heutigen Sonntags dem Text des Markus-Evangeliums gegenüber gestellt wird, in dem vom ersten Auftreten Jesu die Rede ist und von der Berufung der Apostel, dann hat dies auch für uns eine große Bedeutung. In dem Kontrast der beiden Texte wird uns nämlich das Neue verdeutlicht, das mit Jesus gekommen ist.

Noch Johannes der Täufer war genau nach dem Muster des Propheten Jona aufgetreten. Johannes verstand sich als den Boten der letzten Stunde vor dem endgültigen Gericht Gottes an Israel. Deshalb "rief er aus die Taufe der Bekehrung in der Hoffnung auf Gottes Sündenvergebung" (Mk. 1, 4). Nach der Gefangennahme des Johannes trat Jesus auf. Er trat aber völlig anders auf. Er verstand sich nicht als den Boten unmittelbar vor dem vernichtenden Gericht Gottes. Er verkündete vielmehr "das Evangelium Gottes", besser: "er rief aus die gute Nachricht über Gott". Wie lautet im Munde Jesu diese "gute Nachricht"? "Die Zeit ist erfüllt. Ganz nahe ist die Herrschaft Gottes. Deshalb denkt um und glaubt an das Evangelium (an die gute Nachricht)!"

In dieser Predigt Jesu ist die altbekannte Reihenfolge der Ereignisse umgekehrt. Bis zu Johannes dem Täufer wurden die Menschen unter Gerichtsandrohungen zur Bekehrung aufgerufen, damit Gott es sich vielleicht noch anders überlegte. Der Ton lag auf der Vorleistung des Menschen; diese menschliche Vorleistung stimmt Gott gleichsam um. Jesus macht einen deutlichen Strich durch jeden Gedanken an eine menschliche Vorleistung. Die gibt es sowieso nicht. "Alle haben gesündigt und ermangeln der Gerechtigkeit." So wird es Paulus später formulieren. Vielmehr tut Gott den ersten und entscheidenden Schritt. Keiner kann aus eigenen Kräften allein zu Gott umkehren. Und diese "Gute Nachricht" von Gottes erstem Schritt macht es dann möglich, dass die Menschen Gott antworten und umkehren. Das ist der Inhalt der Botschaft Jesu. Das ist das Neue und das Unerhörte daran. Nicht wir Menschen lassen uns großzügig und großmütig auf Gott ein. Gott selbst ergreift die Initiative. Er erbarmt sich des Menschen. Er erlöst von sich aus den Menschen. Das bedeutet jedoch: die alttestamentliche Lesung des heutigen Sonntags ist gewissermaßen der dunkle Hintergrund des Evangeliums, der "guten Nachricht". Und dies, obwohl sie doch offensichtlich eine gelungene prophetische Gerichtspredigt erzählt; obwohl sie doch die eingetretene Umkehr der Menschen und Gottes Erbarmen mit ihnen darlegt.

Es kommt noch etwas anderes hinzu. Beim genaueren Hinsehen stellt sich nämlich heraus, dass das Jona-Büchlein gar keine Erzählung von einer gelingenden prophetischen Gerichtspredigt ist. Das eigentliche Thema dieser Lehrerzählung ist nämlich etwas anderes; das eigentliche Thema ist der Unglaube, die Unbelehrbarkeit, ja die Widerspenstigkeit des Propheten Jona. Und Jona ist nichts anderes als der Vertreter des ganzen Volkes Israel. In unserer Erzählung wird der Prophet ja nicht in irgendeine Stadt Israels geschickt; auch nicht in irgendeine andere Stadt des alten Orients, sondern ausgerechnet nach Ninive, in die Hauptstadt des bösartigsten und gewalttätigsten Weltreiches, das Israel in seiner ganzen Geschichte kennen lernte, des Reiches von Assur. Und die Jona-Erzählung will als ganze folgendes deutlich machen: Selbst wenn der unglaubliche Fall eintreten würde, dass die gottfeindlichste Stadt der Welt auf die Bußpredigt eines Propheten hin hören und sich bekehren würde - das von Gott auserwählte Volk Israel würde nichts begreifen. Es würde sich nicht bekehren. Gott könnte lange auf eine Bekehrung warten.

Und damit stehen wir wieder bei unserem Text des Markus-Evangeliums. Im letzten rechtfertigt nämlich das Jona-Büchlein das Andere und Neue, das Jesus gebracht und den Menschen verkündet hat. Gott könnte in der Tat lange warten, bis die Menschen sich auf die Botschaft der Propheten hin bekehren würden, und er dann seine Gerichtsandrohungen bereuen könnte. Nein, Gott bleibt nur ein Weg übrig: nochmals größer und unbegreiflicher zu sein als das Herz des Menschen und ohne irgendwelche Vorleistungen des Menschen selber den ersten Schritt zu tun; aus Gnade, "umsonst" den Menschen wieder gerecht zu machen. Paulus wird es unnachahmlich klar im Römerbrief formulieren: "Es liegt nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen." (Röm. 9, 16) Wir sind von Gott geliebt, von ihm erlöst aus Gnade. Und alles, was wir tun, was wir tun sollen, ist (nur) das Echo auf Gottes Tun, auf sein gnädiges Handeln an uns. Was wir tun, ist (nur) Erweis unserer Dankbarkeit für das, was er in seiner Huld für uns getan hat.

Wir feiern jetzt miteinander Eucharistie. Wir begehen die Feier der Danksagung für Erlösung, für Gottes Tun an uns in Jesus Christus. Lassen wir uns auf diese "gute Nachricht" ein! Lassen wir uns ein auf ihn, auf Jesus Christus, der uns geliebt und sich für uns hingegeben hat! Lassen wir uns an der Hand nehmen, wie die Apostel, die der Herr gerufen hat! Und lassen wir uns Menschen sein, die sich öffnen der Botschaft Gottes; die sich ihm öffnen!

 

4. Sonntag: "Eine heilsame Begegnung"

Einführung

Wenn Jesus spricht, dann ist nicht nur der Inhalt seiner Rede von Bedeutung. Er selber ist das Wort Gottes für uns. In seiner Person tut sich Gott selbst kund. In Jesus offenbart Gott sich selbst. Daher rührt die geheimnisvolle Macht seiner Worte: "Er lehrte sie wie einer, der göttliche Vollmacht hat." Die Worte Jesu lösen bei den Zuhörern Staunen und Bestürzung aus. Doch zum Glauben kommen sie nicht. Und das ist die Anfrage an uns heute: Hören wir nur seine Worte? Treffen sie noch unseren Nerv? Erbitten wir uns die Offenheit für seine Worte! Bitten wir um Vergebung für unsere Taubheit gegenüber seinen Weisungen!

    Herr Jesus Christus, du hast in göttlicher Vollmacht zu den Menschen gesprochen
    - Herr, erbarme dich!
    Du hast den von einem unreinen Geist Besessenen geheilt
    - Christus, erbarme dich!
    Du kannst auch uns immer wieder aus der Gottesferne erlösen
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Wann immer unser Herr Jesus Christus Menschen begegnete, da blieb es nicht bei bloßen Worten. In göttlicher Vollmacht wies er den Weg und schenkte Heilung an Leib und Seele. Darum kommen wir voll Vertrauen mit unseren Bitten zu ihm:

  • Für uns alle, denen du Gottes Botschaft verkündet hast: dass wir nicht nur über deine Worte staunen, sondern sie im Glauben annehmen!
  • Für alle, die verstrickt sind in Schuld und Sünde: dass sie bei dir Vergebung und Befreiung aus den Fesseln des Bösen finden!
  • Für alle, die in Angst leben: dass sie sich anderen Menschen öffnen und Hilfe erfahren!
  • Für die Kranken, die sich nach Heilung sehnen: dass sie durch unsere Zuwendung Hoffnung und Hilfe erfahren!
  • Für unsere Verstorbenen: dass sie bei dir Heimat und Frieden finden!

Herr, du kennst unsere Nöte und Sorgen. Du stehst uns bei, wenn wir dir unser Vertrauen schenken. Für diese Gewissheit danken wir dir heute und alle Tage. Amen.

Predigt

Das heutige Evangelium hat etwas Irritierendes, etwas Beunruhigendes an sich. Ich meine nicht den Umstand, dass Jesus einen "unreinen Geist" austreibt. Natürlich empfinden wir aufgeklärte Menschen dabei ein Unbehagen, ein Befremden. Denn wer nimmt den Teufel eigentlich noch ernst? Selbst manche Theologen haben ihm schon den Abschied gegeben. Ich halte auch das nicht für befremdlich, dass wir vom Evangelium keine Antwort erhalten auf die Frage: Was war denn da eigentlich los gewesen? Und wie hat Jesus das gemacht mit der Heilung? Ich sehe das Beunruhigende des heutigen Evangeliums in etwas anderem. Es müsste doch gefragt werden: Was soll diese Geschichte uns heute sagen? Gibt es vielleicht ähnliche Situationen heute, die wir im Blick auf damals lösen könnten? Sie brauchen keine Sorge zu haben: Ich befürworte keine Teufelsaustreibungen! Das halte ich für verfehlt. Dass wir es aber unterlassen, uns vom Evangelium her befragen zu lassen, das ist in der Tat Anlass zur Besorgnis. Denn diese Geschichte, von der das Evangelium berichtet, ist durchaus aktualisierbar; sie geht uns an. Ja, wir sind gemeint!

Der Mann mit dem "unreinen Geist" ist doch offensichtlich ein Jude, der jeden Sabbat in Kapharnaum am Synagogen-Gottesdienst teilgenommen hat; der Jahr für Jahr fromm nach Jerusalem hinauf gepilgert ist. Wenn wir nicht annehmen wollen, dass der unreine Geist sozusagen in der Woche zuvor erst von diesem Menschen "Besitz" ergriffen hat, dann ist doch die Frage zu stellen: Wieso kommt dieser Mann auf einmal dazu, bei der Anwesenheit Jesu in diesem Gottesdienst und aufgrund seiner Predigt vor Schmerz gleichsam aufzuschreien? Bei den vielen Gottesdiensten vorher, an denen dieser Mann doch wohl teilgenommen hat, und in denen das Wort Gottes verkündet und ausgelegt wurde, da passierte ja nie etwas; die Schrifterklärungen bei vielen anderen Gelegenheiten waren anscheinend für den vom unreinen Geist Besessenen völlig "ungefährlich" gewesen. Sie gingen offensichtlich nicht "unter die Haut", wie wir sagen; sie trafen nicht den "Nerv" des Mannes. Jetzt bei der Predigt Jesu ist das ganz anders. Denn so heißt es in unserem Text: "Er lehrte wie einer, der Vollmacht hat." Das kann doch anscheinend nichts anderes bedeuten, als dass Jesu Predigt "unter die Haut" ging; dass sie mit Gott konfrontierte; betroffen machte; dass man nicht mehr nach Hause gehen konnte, als ob nichts gewesen wäre; sondern dass man in sich ging; dass man spürte: So wie bisher kann ich nicht mehr weiterleben. Ich muss mich ändern. Ich muss ja mein ganzes Leben in Frage stellen. Ich muss eine Kehr vollziehen weg von mir selbst, von der Kultivierung meiner selbst hin zum lebendigen Gott. Diesem Jesus gegenüber kann ich nicht mehr neutral bleiben. Eine solche Einsicht, sich ändern zu müssen, tut weh.

Ob nicht das gemeint ist, wenn das Evangelium vom "unreinen Geist" spricht? Hier fühlt sich jemand zutiefst getroffen. Hier sieht sich jemand mit einer Forderung konfrontiert, die ihn aus seiner Bahn, aus seinem alltäglichen Trott wirft. Hier merkt jemand, was ihm zum Heil sein könnte. Und hier schreit einer seine Not heraus, nicht von sich loszukommen, sich nicht aus eigenen Kräften allein bekehren zu können. Hier erfährt jemand aber auch, unter Schmerzen, das Befreiende der Begegnung mit Jesus Christus. Hier kommt jemand los von der Verhaftung an die dämonischen Mächte dieser Welt, die so oft den Menschen versklaven: Besitz, Konsum, Macht, Lebensgenuss. Ja, hier kommt zu Tage: In diesem Mann mit dem unreinen Geist sind wir gemeint. In diesem Mann ist jeder von uns gemeint.

Denn wenden wir einmal diese Gedanken auf uns selber an! Wir sind doch alle mehr oder weniger gute Christen, die regelmäßig zur Kirche gehen. An wie vielen Gottesdiensten haben wir schon teilgenommen! Wie viele Predigten haben wir schon gehört! Im Grunde ist aber nie der berühmte Groschen gefallen. Bis wir dann plötzlich einem Menschen begegnen, einem wirklichen Christen, der uns betroffen macht. Dann begegnen wir plötzlich einem Wort des Evangeliums, das ins Herz trifft; das uns aufschreien lässt vor Schmerz, weil von jemand der Finger auf eine wunde Stelle gelegt wird. Da spüren wir, dass wir nicht nur vielerlei Fehler und Sünden machen, sondern dass wir im Grunde eine falsche Lebensrichtung gewählt haben. Wir müssten uns total ändern und nicht nur eine kosmetische Verbesserung vornehmen. Wir müssten die Gewichte unseres Lebens völlig anders verteilen. Im Grunde waren (und das ist die schmerzliche Erkenntnis) Gott und Jesus Christus, im Grunde war seine Botschaft völlig ungefährlich. Alles lief an uns ab wie Wasser auf einer Ölhaut.

Was tun wir, wenn wir uns in einer solchen Weise getroffen fühlen? Wir wenden uns gegen diese Einsicht. Wir lamentieren. Wir protestieren. Wir schreien. Wir benehmen uns wie der Mann in der Synagoge von Kapharnaum, der einen unreinen Geist hatte. Aber alles Protestieren, alles Lamentieren und alles Schreien hilft uns nichts. All das gereicht nicht zu unserem Heil. Heil, Heilung, Gesundung werden uns nur zuteil, wenn wir uns zu Recht getroffen fühlen; wenn wir unsere Gottferne zugeben; wenn wir uns von Jesus selbst heilen lassen; wenn wir uns auf ihn einlassen; wenn wir seinem Denken in uns Raum geben; wenn seine Gebote, seine Wünsche, seine Forderungen von uns akzeptiert werden; wenn er zur Richtschnur unseres Lebens wird.

Ich möchte das Gesagte verdeutlichen, und zwar im Blick auf uns selbst und unsere Zeit. Was suchen die Menschen, was suchen wir in all unserem Tun und Treiben? Das Zauberwort lautet für viele heute: Selbsterfüllung und Selbstverwirklichung! Wer verzichtet, der ist doch naiv, dumm. Nimm mit, was du bekommst! Genieße das Leben! Und dann lesen wir im Evangelium, und wir fühlen uns, so wir ehrlich sind, bis ins Mark getroffen: "Suchet zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit! Alles andere wird euch dazu gegeben." (Mt. 6,33) "Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber Schaden leidet an seiner Seele?" (Mt. 16, 26) "Wer mir nachfolgen will, der muss sich selbst hintansetzen, sein Kreuz auf sich nehmen und mir nachfolgen!" (Mt. 16, 24) "Willst du vollkommen sein, so gehe hin, verkaufe, was du hast, und gib es den Armen! So wirst du einen Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach!" (Mt. 19, 21) Spüren wir überhaupt noch die schneidende Härte dieser Worte Jesu? Müssten wir nicht aufschreien vor Schmerz und vor Scham? Müssten wir nicht in Schrecken geraten, wie es sogar von den Jüngern berichtet wird: "Wer kann da noch gerettet werden?" (Mt. 19, 25) Müssten wir da nicht mit den Jüngern rufen: "Herr, hilf, wir gehen zugrunde!" (Mt. 8, 25)

Die Rettung, das Heil, die Gesundung kommen aber letztlich nicht aufgrund des eigenen Bemühens allein zustande. Sie kommen vom Herrn - vorausgesetzt allerdings, dass wir uns retten, dass wir uns vom ihm heilen lassen. Dass dies schmerzhaft ist, das leuchtet uns hoffentlich unmittelbar ein, wenn wir die Forderungen Jesu hören. Fragen wir uns, wo wir in der Gefahr sind, von dämonischen Mächten beherrscht zu werden. Und bitten wir den Herrn, dass wir bereit sind, uns von ihm befreien, von ihm heilen zu lassen.

 

5. Sonntag: "Wunder - Zeichen der Nähe Gottes"

Einführung

Als Glaubende wissen wir, dass Jesus nicht nur gekommen ist, uns göttliche Worte zu verkünden. Er kam auch, um Kranke zu heilen, Trauernde zu trösten, Verzweifelten neuen Lebenssinn zu schenken. In ihm wird die Liebe unseres guten Vaters im Himmel offenbar. Die Frage ist nur: leihen wir ihm unsere Hände, um in unserer Zeit diese Güte und sein Erbarmen mit aller menschlichen Not weiter zu tragen, erfahrbar zu machen? Besinnen wir uns darum zu Beginn dieser Eucharistiefeier darauf, dass Jesus uns in seinen Dienst ruft: seine Liebe und Güte kundzutun, erfahrbar zu machen.

    Herr Jesus Christus, du hast dir das Leid und die Not der Menschen zu Herzen gehen lassen
    - Herr, erbarme dich!
    Du hast den Kranken und Hungernden Linderung ihrer Not gewährt
    - Christus, erbarme dich!
    Du gewährst auch uns deine Huld und dein Erbarmen mit unseren Fehlern und Sünden
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Herr Jesus Christus, du bist gekommen zu suchen, was verloren war, und zu heilen, was verwundet ist. Du richtest die Gebeugten wieder auf. Darum kommen wir voll Vertrauen mit unseren Bitten zu dir:

  • Für die Christen, die wegen ihres Glaubens unterdrückt und verfolgt werden: ermutige sie in ihrem Kampf!
  • Für die Völker, die unter Krieg, Unfreiheit und Hunger leiden müssen: dass sie nicht allein gelassen werden!
  • Für alle, die mit Gott hadern und den Glauben an Gott verloren haben: dass sie zurückfinden zu dir!
  • Für die Kranken und Behinderten: dass sie Heilung und Beistand erfahren!
  • Für unsere Verstorbenen: dass sie Frieden und Heimat finden bei dir!

Herr Jesus Christus, du hast alle Not überwunden. Dich loben und preisen wir jetzt und dereinst, wenn wir bei dir sein dürfen. Amen.

Predigt

Wenn wir zu Beginn des heutigen Evangeliums von der Heilung der Schwiegermutter des Petrus als von einem "Wunder" hören, dann fragen wir mit Recht: Was hat diese merkwürdige Begebenheit von damals uns heute zu sagen? Dabei sollten wir davon ausgehen, dass die Bibel wahrscheinlich, ja mit Sicherheit unter einem "Wunder" etwas anderes versteht als wir Menschen heute.

Die Menschen der Bibel verstehen ja unter einem "Wunder" nicht unbedingt etwas Außerordentliches, schon gar nicht etwas, was wir mit unserem Verstand nicht erklären können; was gar den Rahmen von irgendwelchen Naturgesetzen durchbricht. Ein solches Denken war den Menschen damals völlig fremd. Denn schon im gewöhnlichen Lauf der Dinge erkannten sie das Wirken der göttlichen Macht. Überall in der Natur zeigte sich für sie Gottes Wirken: im Wachsen der Pflanzen, im Geschehen am Himmel, in der Geschichte der Menschen. Um etwas aber als ein "Wunder" zu bezeichnen, kam es für die Menschen damals darauf an, ob man in einem bestimmten Geschehen die Gegenwart Gottes intensiver erleben und erfahren konnte als sonst im gewöhnlichen Lauf der Dinge und der Welt. So sieht das Volk Israel die Schöpfung an als das Wunder der Allmacht Gottes. Erst recht drückt sich Israels Glaube an die Wundertaten Gottes in dem Bekenntnis aus, dass Jahwe allezeit für den einzelnen und für das ganze Volk Israel Sorge trägt. Darum vergisst Israel nie die Heilstat der Rettung aus Ägypten.

"Wunder" sind also für die Menschen der Bibel auffallende Ereignisse, die im Glauben als Zeichen des Heilshandelns Gottes an der Welt und am Menschen verstanden werden. "Wunder" verlangen aber nicht nur eine bloße Kenntnisnahme ("Was und wie ist das damals passiert?") - leider reduzieren wir heute oft die "Wunder" und das wunderbare Geschehen auf diesen Gesichtspunkt. Vielmehr verlangen die Wunder vom Miterlebenden, vom Hörenden damals und von uns heute eine persönliche Stellungnahme; sie verlangen eine Entscheidung, einen persönlichen Einsatz. Dies wird gerade in dem kleinen Wunderbericht zu Beginn des heutigen Evangeliums deutlich, der von der Heilung der Schwiegermutter des Petrus erzählt.

Was in unserer Erzählung auffällt - und zwar im Unterschied zu anderen Wunder-Erzählungen des Neuen Testaments - ist dies: Jesus heilt nicht irgendjemand, einen "Namenlosen"; sondern er heilt die Schwiegermutter des Petrus. Was weiter an der Art der Erzählung auffällt: die Heilung wird in einem bestimmten "Erzähl-Schema" erzählt: die Art des Leidens, der heilende Eingriff, die Feststellung des Heilerfolges. Dieses "Erzähl-Schema" liegt vielen biblischen, aber auch außerbiblischen Wundererzählungen zugrunde. So erzählte man damals einfach von einem wunderbaren Geschehen. Aber (und das ist wesentlich): dieser kleine "schematische" Wunderbericht ist eingefügt in ein "Evangelium", d. h. er ist ein Teil geworden der Verkündigung der "Heilsbotschaft von Jesus Christus, dem Sohn Gottes", wie es am Anfang des Markus-Evangeliums ausdrücklich heißt. Der kleine Wunderbericht erhält dadurch gleichsam eine neue "Qualität". Der Wunderbericht, das wunderbare Ereignis dient also dazu, den Weg und das Heilswirken Jesu darzustellen. Deshalb ist eben in unserem Text Jesus nicht irgendein "Wundertäter", wie sie uns auch sonst in der damaligen Zeit begegnen; sondern Jesus ist der einmalige Wundertäter, dessen Wirken und Handeln ganz mit seiner Botschaft vom Kommen des Gottesreiches verbunden sind; dessen Wirken und Handeln ihn ausweisen als den Sohn Gottes, als den Heiland der Welt. Das wunderbare Geschehen soll also hinführen zu der Frage: Wer ist doch dieser? Es soll hinführen zu einer Glaubensentscheidung.

Jesus steht also vor uns als der, dessen Einsatz für die Menschen und dessen Treue zu seinem Auftrag bis in den Tod am Kreuz durchgehalten werden. Genau so wie er in Vollmacht predigte (im Unterschied zu den Schriftgelehrten), ebenso wirkt er auch in Vollmacht. Der Zusammenhang, in dem unser kleiner Bericht steht, zeigt dies deutlich. Sind doch vom Evangelisten eine Reihe von Begebenheiten auf den Zeitraum eines einzigen Tages verlegt worden. Über diesen Tag könnte man die Überschrift setzen: "Ein Tag vollmächtigen Wirkens Jesu in Kapharnaum". Dabei geht es für den Miterlebenden, für den Zuhörer, für den Leser, ja auch für uns heute darum: den Anspruch Jesu, der sich in seinem Wort und in seinem Tun zeigt, glaubend anzunehmen. Aber dieser Glaube zeigt sich wiederum im Tun; es geht um die Nachfolge des Herrn; es geht um Nachahmung: "Wer ist dieser, dem ich folgen soll?" Das war damals so. Das gilt auch für uns heute. Erkennt in mir den Gottgesandten, den Sohn Gottes, der allein Rettung und Heil schaffen kann, schaffen wird! Zieht daraus Konsequenzen für euer Verhalten! Tut etwas!

Unsere Erzählung enthält gerade in dieser Beziehung noch eine wichtige Bemerkung, die wir nicht außer acht lassen dürfen. Es heißt von der Schwiegermutter des Simon Petrus: Sie sorgte für sie, d. h. sie bediente sie. Diese Bemerkung hat - so meine ich - einen tieferen Sinn. Der Dienst dieser Frau ist ihre Antwort auf das ihr von Jesus geschenkte Erbarmen. Das Dienen und das Sorgen ist die Form ihrer "Nachfolge" des Herrn. Der Dienst, zu dem die Machttat Jesu fähig macht, ist Dienst an den Mitmenschen. Immer wieder wird übrigens auch sonst im Neuen Testament betont, dass es Nachfolge Christi und die Gemeinschaft mit dem auferstandenen Herrn nur in der Form verantwortungsbewussten Dienens gibt. Gottes Erbarmen mit aller Not der Menschen ruft den Glaubenden auf, dieses göttliche Erbarmen weiter zu geben, weiter zu tragen. "Einer trage des anderen Last! So werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen" - wie Paulus im Galaterbrief sagt.

Lesen wir die Erzählung so, dann merken wir, dass unser Text nicht nur von einem Ereignis von anno dazumal berichtet; dass er unserem Verstand nicht eine Nuss zu knacken geben oder unsere Wissbegier befriedigen will: "Was ist denn damals wirklich passiert? Wie ist das möglich gewesen?" Sie fordert uns vielmehr auf zum Dienst in Jesu Namen hier und heute. Denn dazu hat er uns gerufen und fähig gemacht. Und das können wir ja mit Händen greifen: Unsere unheile, unsere kranke Welt, die kleine und die große, bedarf des verantwortungsbewussten Einsatzes derer, die sich an Jesus und an seiner Botschaft orientieren. Wir haben ihm unsere Hände zu leihen, um seine Güte und sein Erbarmen mit aller menschlichen Not weiter zu tragen. Die Frage: "Wie kann Gott das menschliche Elend und die menschliche Not zulassen?" darf eigentlich vom Christen so nicht gestellt werden; denn er weiß sich vom Herrn aufgerufen zu helfen, zu verbinden, zu heilen. Unser Ja zu Jesus, dem Christus, in dem sich Gott selbst offenbart hat, wird sich als echt erweisen im Dienst, in der tätigen Nächstenliebe.

 

6. Sonntag: "Mit erhobenem Arm"

Einführung

Als Glaubende wissen wir, dass Jesus nicht nur gekommen ist, uns göttliche Worte zu verkünden. Er kam auch, um Kranke zu heilen, Trauernde zu trösten, Verzweifelten und Ausgegrenzten neuen Lebenssinn zu schenken. In Jesus wird die Liebe unseres guten Vaters im Himmel offenbar. Die Frage ist nur: Leihen wir ihm unsere Hände, um in unserer Zeit diese Güte und sein Erbarmen mit aller menschlichen Not weiter zu tragen, erfahrbar zu machen? Besinnen wir uns darum zu Beginn dieser Eucharistiefeier darauf, dass Jesus uns in seinen Dienst ruft: seine Liebe und Güte kundzutun, in unserem Tun erfahrbar zu machen.

    Herr Jesus Christus, du hast dir das Leid und die Not der Menschen zu Herzen gehen lassen
    - Herr, erbarme dich!
    Du hast den Kranken und Aussätzigen Linderung ihrer Not und Heilung gewährt
    - Christus, erbarme dich!
    Du gewährst auch uns deine Huld und die Vergebung unserer Fehler und Sünden
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Lasst uns voll Vertrauen beten zu unserem Herrn Jesus Christus, dessen Berührung Wunden geheilt, Aussätzige gereinigt und Ausgestoßene in die Gemeinschaft der Menschen zurückgeführt hat.

  • Für die Verkünder der frohen Botschaft: dass sie dich als den heilenden und Leben spendenden Sohn Gottes den Menschen nahe bringen!
  • Für die aus der menschlichen Gesellschaft Ausgegrenzten: dass wir uns bemühen, ihnen Heimat zu schenken!
  • Für die Helfer derer, mit denen niemand etwas zu tun haben will: dass sie Kraft und Ausdauer haben in ihrem Dienst!
  • Für alle, die nicht um Hilfe zu bitten wagen: dass wir ihre Not wahrnehmen und ihnen beistehen!
  • Für unsere Verstorbenen, denen wir manches schuldig geblieben sind: dass sie bei dir Frieden und Erfüllung finden!

Herr Jesus Christus, du bist unser Heiland; du liebst und suchst uns Menschen. Wir danken dir für deine Leben gewährende Nähe. Dir sei Lob und Ehre in Ewigkeit! Amen.

Predigt

Von manchen Darstellungen in der Kunst, aber auch von manchen Predigten könnte man den Eindruck haben, Jesus sei ein unendlich liebenswürdiger, ein sanfter Mensch gewesen, der niemand hart anfassen, der keiner Fliege etwas zu Leid tun konnte. Das heutige Evangelium (wenn wir es in der rechten Weise hören) vermittelt uns ein etwas anderes Bild von Jesus - leider hat auch die neue Einheits-Übersetzung das verharmlosende Bild übernommen und die "harten" Züge weg retuschiert. Das heutige Evangelium zeigt uns nämlich einen Jesus, der angesichts des vom Aussatz entstellten Menschen nicht von Mitleid, sondern von Zorn erfüllt ist (so heißt es jedenfalls im griechischen Originaltext); das heutige Evangelium zeigt uns einen Jesus, der den Geheilten nicht in Güte entlässt, sondern ihn anfährt; der ihn "anschnaubt"; und der den Geheilten fortjagt; der ihm unter Drohungen befiehlt, niemandem von der Heilung zu erzählen. Warum zeichnet der Evangelist Markus ein derart ungewohntes Bild von Jesus, das so gar nicht in unsere gängigen Vorstellungen vom "Heiland" der Welt, vom "sanften" Jesus passt? Ich bin der Meinung: er tut dass, weil Gott tatsächlich anders ist, als wir ihn uns zurechtdenken. Wir haben auch in diesem Punkt umzudenken.

Nicht nur diese direkten Hinweise in unserem heutigen Evangeliums-Text machen uns darauf aufmerksam, dass Jesus, ja dass Gott selbst anders ist; dass er nicht so "harmlos" ist, wie wir uns das oft vorstellen. Im heutigen Evangelium gibt es noch mehr Hinweise in dieser Richtung. Da heißt es zum Beispiel: "Jesus streckte seine Hand aus und berührte ihn." Genügt es denn nicht zu sagen: "Er berührte ihn"? Der Grund ist der: Im Alten Testament wird allenthalben an vielen Stellen von Gottes "ausgestrecktem Arm", von seiner "erhobenen Rechten" gesprochen; und zwar immer dann, wenn Gottes machtvolles, rettendes Eingreifen erfleht oder verkündet wird; wenn dieses machtvolle Eingreifen erlebt wird. Mit "machtvollem Art" hat Gott das Volk Israel aus Ägypten herausgeführt; mit "machtvollem Arm" hat er das Heer des Pharao geschlagen. Aber auch in der Strafe für Israel zeigt sich der "machtvolle Arm" des Herrn.

Der Evangelist Markus schreibt nun Jesus dieses gebieterische, dieses machtvolle, ja oft erschreckende Eingreifen Gottes zu: im Tun Jesu zeigt sich diese Macht Gottes. Jesu "erhobener Arm" zeigt, dass er der göttliche Bevollmächtigte ist; dass er Gottes Sohn ist; ja, dass er selber Gott ist. Und es zeigt sich, dass er nicht nur ein sanftes, ein mitleidendes Wesen ist. Gott ist oft erschreckend anders; und Gottes Erziehung und Führung sind alles andere als weichlich. Gott kann erschreckend hart sein. Wie oft fragen wir doch angesichts der göttlichen Führungen und Fügungen: Warum? Wie oft können wir ihn nicht verstehen. Wie oft fragen wir: Wie kann er manches zulassen? Gott erweist sich nicht immer als der sanfte, als der nachgiebige Erfüller unserer menschlichen Wünsche.

Es gibt noch weitere Hinweise im heutigen Evangelium darauf, dass das Neue Testament Gott und Jesus Christus nicht verharmlost. In unserer Erzählung wird nämlich nicht von einer "Heilung" gesprochen, sondern von der "Reinigung" des Aussätzigen: "Wenn du willst, kannst du mich rein machen." Das will sagen: Der Aussätzige war nach der Auffassung der Zeitgenossen nicht nur ein Kranker wie andere auch. Der Aussätzige ist nach dem jüdischen Gesetz einer, der aus der Volksgemeinschaft, ja aus der eigenen Familie ausgeschlossen ist. Er muss abgesondert von den übrigen Leuten leben. Denn er gilt als "unrein"; und deshalb gilt er auch als ein offenkundiger Sünder. Wer krank ist (so dachten die Leute damals), der ist von Gott für eine Schuld, für eine Sünde bestraft worden. Der Aussätzige ist also religiös und gesellschaftlich diskriminiert, disqualifiziert. Deshalb ist es unerhört, ja skandalös, dass Jesus diesen "Unreinen" berührt; Jesus setzt sich offensichtlich souverän über die geltenden gesellschaftlichen Schutz-Vorschriften hinweg. Er lässt sich mit einem Sünder ein. Er ist deshalb in den Augen vieler ein unfrommer Mensch; er ist selber ein Sünder, mit dem man nichts zu tun haben darf. Jesus nimmt das in Kauf. Und er führt den Ausgestoßenen wieder zurück ins Leben. Er entreißt ihn der Macht des Bösen.

Auch hier bei der Heilung des Aussätzigen wird also deutlich, dass es Jesus nicht nur um eine menschenfreundliche Tat geht dadurch, dass er einen Ausgestoßenen zurück ins Leben ruft. Es geht in unserer Begebenheit um mehr. Es geht um das Offenbarwerden des Stärkeren. Es geht um das Kundwerden der Frohbotschaft Gottes an die Verachteten und Ausgestoßenen. Denn dass "Aussätzige rein werden", das war nach der Botschaft der Propheten Kennzeichen der messianischen Heilszeit - ebenso wie eine Totenerweckung! Und wer wie Jesus zum Aussätzigen spricht ("Ich will, sei rein!"), der spricht in der Vollmacht Gottes. Der spricht und handelt als "gegenwärtiger Gott". Jesu Tun ist also die Erläuterung, ist das Deutlichwerden dessen, was mit ihm angebrochen ist: die Heilszeit Gottes. Dann geht es aber für den Augenzeugen um mehr als nur um eine Kenntnisnahme des wunderbaren Geschehens. Es geht vielmehr darum, die Zeichen der Nähe und der Anwesenheit Gottes zu erkennen und sich auf den Boten Gottes einzulassen. Es geht darum, in Jesus diesen Gesandten Gottes zu erkennen und anzuerkennen, an ihn zu glauben als an Gottes Sohn. Davon hängt das Heil oder das Unheil des Menschen ab.

Damit stehen wir aber bei der Frage: Was bedeutet dieser Wunderbericht des Markus für uns heute? Was bedeutet Jesus Christus für uns? Sind wir im Herzen davon überzeugt, dass wir in diesem Menschen Jesus von Nazareth Gott selber begegnen, seinen Führungen und Fügungen, die uns oft dunkel sind und dunkel bleiben? Sind wir davon überzeugt, dass auch wir (auch wenn uns dies manchmal nicht eingeht) im Letzten aus seinem Erbarmen mit aller Not der Menschen leben? Glauben wir wirklich an ihn? Und sind wir davon überzeugt, dass wir dieses göttliche, uns oft aber unverständlich bleibende Erbarmen Gottes weiter tragen müssen hier und heute - in einer erbarmungslosen, in einer gnadenlosen Welt? In dieser Welt, in der Gott abwesend zu sein scheint, in der es kein Erbarmen zu geben scheint, haben wir Christen die Not der Menschen zu lindern. Wir haben ihre Wunden zu verbinden, so gut wir können. Wir müssen Hoffnung geben, Barrieren überwinden, Gemeinschaft gewähren. Wir dürfen die Aufnahme in menschliche Gemeinschaft nicht verweigern. Im Maße, wie uns dies zu einem Herzensanliegen wird, wie es uns gelingt, tragen wir Christi Namen zu Recht. Nur dann gehören wir zu seiner Kirche; nur dann sind wir die Kirche Jesu Christi; nur dann sind wir Glaubende - daran, dass in Jesus Christus das Heil der Welt, unser Heil gekommen und anwesend ist. Paulus spricht es im Galaterbrief so aus: "Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen."

 

7. Sonntag: "Vergebem und Heilen"

Einführung

In jeder Eucharistiefeier begehen wir das Gedächtnis unserer Erlösung, des Erbarmens Gottes mit aller Not und aller Schuld der Menschen; des Erbarmens Gottes mit unserer Not und Schuld. In Jesus Christus hat unser guter Vater im Himmel alle Not, alles Leid und alle Schuld gewendet: Gott schenkt Vergebung - Gott heilt - Gott richtet wieder auf! Um diese heilende Vergebung wollen wir unseren Herrn und Heiland Jesus Christus bitten.

    Herr Jesus Christus, du bist vom Vater gesandt zu heilen was verwundet ist
    - Herr, erbarme dich!
    Du suchst, was sich verirrt hat, und was schuldig geworden ist
    - Christus, erbarme dich!
    Du vergibst auch uns die Schuld und führst uns heim zum Vater
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Herr Jesus Christus, du hast dem Gelähmten von Kapharnaum Heilung an Seele und Leib gewährt. Darum kommen wir voll Vertrauen mit unseren Bitten zu dir:

  • Für die Verkünder der frohen Botschaft: dass sie dich als den heilenden und Leben spendenden Sohn Gottes den Menschen nahe bringen!
  • Für die Notleidenden und Behinderten: dass wir uns bemühen, ihnen Hilfe und Geborgenheit zu geben!
  • Für die Helfer derer, mit denen niemand etwas zu tun haben will: dass sie Kraft und Ausdauer haben in ihrem schweren Dienst!
  • Für alle, die nicht um Hilfe zu bitten wagen: dass wir ihre Not wahrnehmen und ihnen beistehen!
  • Für unsere Verstorbenen, denen wir manches schuldig geblieben sind: dass sie bei dir Frieden und Erfüllung finden!

Herr Jesus Christus, du bist unser Heiland; du liebst und suchst uns Menschen. Wir danken dir für deine Leben gewährende Nähe. Dir sei Lob und Ehre in Ewigkeit! Amen.

Predigt

Der Abschnitt aus dem Markus-Evangelium, den wir gerade gehört haben, steht in einem aufschlussreichen Zusammenhang. Der Evangelist will aufzeigen, dass in Jesus von Nazareth die messianische Zeit, die Heilszeit Gottes angebrochen ist. Das ist der Inhalt der Predigt Jesu. Von daher sind auch seine Wundertaten zu verstehen: "Die Zeit ist erfüllt, nahegekommen ist das Reich Gottes. Bekehrt euch und glaubt an die Frohe Botschaft!" (Mk. 1, 15) Gerade die Machterweise Jesu, seine Wunder (an der Natur, an den Kranken) sind "Zeichen", sind Hinweise für die Menschen auf das, was mit Jesus gekommen ist. Sie sind Aufruf und Ermutigung, sich auf ihn einzulassen: In Jesus ist - das soll deutlich werden - das Heil Gottes gekommen. Das ist ja auch die Bedeutung des Namens Jesu: "Gott rettet - Gott schenkt Heil!"

Es kommt noch etwas anderes hinzu. Was Jesus an "Zeichen" wirkt, das sind uralte, den Augenzeugen vertraute Bilder für die messianische Heilszeit, wie sie immer wieder bei den Propheten des Alten Bundes verwendet werden. In der ersten Lesung aus dem Jesaja-Buch haben wir vorhin einen bezeichnenden Satz gehört: "Seht, ich schaffe Neues. Schon sprosst es, merkt ihr es nicht? Ja, ich mache einen Weg in der Steppe, Pfade in der Wüste." (Jes. 43, 19) In Jesus werden also die Hoffnungen, die Erwartungen Israels für die Messias-Zeit erfüllt. Ja, diese Hoffnungen werden noch übertroffen. In Jesus ist tatsächlich das Heil gekommen, und selig sind jene, die daran glauben - allem gegenteiligen, armseligen Anschein zum Trotz. Dies ist der Kernpunkt auch des heutigen Evangeliums.

Es ist die Erzählung von einem Machterweis Jesu an einem Kranken. Über den Rahmen aber einer gewöhnlichen Wundergeschichte hinaus hat unser Abschnitt drei Besonderheiten. Es ist einmal die Betonung des Glaubens der Helfer; dann ist es die Sündenvergebung für den Kranken; schließlich ist es der Lobpreis Gottes durch die Anwesenden.

Die Größe des Glaubens der Helfer wird dargestellt durch das ungewöhnliche und einfallsreiche Vorgehen dieser Leute, trotz aller Hindernisse zu Jesus zu gelangen. Sie decken das Dach ab und dringen durch die Lehmschicht der Decke hindurch in den Raum, in dem Jesus zu den Menschen spricht. Glaube wird hier also dargestellt als das vertrauensvolle Kommen und das entschlossene Handeln trotz vieler widriger Umstände. Hier liegt zugleich der Appell an den Hörer und an den Leser, also auch an uns heute: Seid nicht nur gläubige Hörer des Wortes Gottes! Sondern lasst euch vom Glauben zum Tun bewegen! Der Glaube an den Herrn fordert also einen Einsatz; er fordert das Engagement der Glaubenden. Der Glaube lässt sich auch durch Hindernisse nicht beirren.

Die zweite Besonderheit unserer Erzählung ist die Vergebung der Sünden durch Jesus. Die Überraschung, ja der Anstoß für die Schriftgelehrten ist Jesu Wort an den Kranken: "Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergehen -vergeben sind dir deine Sünden von Gott!" Was die Schriftgelehrten vor allem aufbringt, das ist die Sicherheit, mit der Jesus vorgibt, über Gottes Tun, nämlich Sünden zu vergeben, Bescheid zu wissen. "Wer kann Sünden vergeben außer Gott?" Jesu Antwort darauf muss darum auch an diesem Punkt ansetzen. Und er macht deutlich: Nur für einen Schwindler ist es leichter zu sagen: "Deine Sünden sind dir von Gott erlassen!" - da dies ja von Menschen nicht nachgeprüft werden kann. Doch wenn einer mit Erfolg sagt: "Steh auf, nimm deine Bahre und geh nach Hause!" - dann ist nicht daran zu zweifeln, dass Jesus der Gesandte Gottes ist und darum wohl auch wissen kann, wem Gott die Sünden vergibt. Doch Jesus offenbart sich nicht nur als ein Mensch, den Gott in seine Gedanken eingeweiht hat - das galt auch für die alttestamentlichen Propheten. Sondern er offenbart sich als der, der selber die Vollmacht hat, Sünden auf Erden zu vergeben. Denn der, der Sünden vergeben kann, der hat auch Macht über die Folgen der Sünde, der hat auch Macht über Krankheit und Leid. Und erst hier, in diesem Anspruch und Beweis Jesu, Sünden vergeben zu können wie Gott selber, darin liegt die eigentliche Herausforderung an die Adresse der Schriftgelehrten. Hier liegt auch die Herausforderung, der Aufruf zum Glauben an ihn als den Gottgesandten, als den, der im Namen und an Stelle Gottes spricht und handelt. Genau diesen "Glauben" verweigern die Schriftgelehrten; sie verweigern sich Jesu Anspruch, der Gottgesandte zu sein.

Der Glaubende erkennt also, und das wird im Evangelium deutlich: In Jesus ist der gekommen, der den Menschen als ganzen von der Wurzel her zu heilen vermag - seelisch und leiblich. Und das gilt nicht nur für damals. Das ist auch heute noch wahr. Das Heilsein des Menschen in seinem Innersten ist die Tat des gnädigen und erbarmenden Gottes; es ist nicht die Tat des Menschen selbst. Und genau das ist den Menschen, die Zeugen des Geschehens in Kapharnaum waren, schlagartig aufgegangen. Es ist ihnen aufgegangen, dass hier für sie, ja für alle Menschen etwas unendlich Frohmachendes und Tröstliches sichtbar geworden ist: die Verheißungen der Propheten haben nicht getrogen. Gott rettet wirklich. Gott vergibt. Gott verbindet. Gott heilt wirklich alle Wunden. In der heutigen Jesaja-Lesung haben wir gehört: "Ja, ich bin es, der deine Vergehen tilgt um meinetwillen. Deiner Sünden gedenke ich nicht mehr." (Jes. 43,25) Darum staunen die Menschen. Darum preisen sie Gott, wie es im Evangelium heißt: "Sie priesen Gott und sagten: So etwas haben wir noch nie gesehen."

Noch einen Gesichtspunkt des heutigen Evangeliums gilt es zu beachten. Den Erzählungen der Evangelien geht es nicht in erster Linie um eine sachliche Information: Wie ist das damals gewesen? Was ist da "passiert"? Vielmehr wollen sie den Blick für die Gegenwart und für die Zukunft öffnen; das heißt: sie erwarten eine persönliche Stellungnahme, einen persönlichen Einsatz. Mit anderen Worten: Die Erzählungen sprechen nicht nur von Jesus, der damals Kranke geheilt und Sünden vergeben hat. Sie sprechen vielmehr von Jesus, der als auferstandener Herr lebt und auch heute noch Heil schafft und Heil schaffen will - durch uns! Sie sprechen von Jesus, der auch heute noch durch uns, durch die, die an ihn glauben, dafür sorgen will und wird, dass alles Leid Heilung findet. Angesichts der heillosen Welt ist es die Aufgabe der Glaubenden, ist es die Aufgabe der Gemeinschaft der Glaubenden, also der Kirche, Heil zu geben, seelisch und leiblich; und zwar stellvertretend für Jesus. Gottes Erbarmen an uns (davon leben wir! Daran glauben wir!) fordert von uns, dieses Erbarmen weiter zu tragen. Wir haben die Not der Menschen heute zu lindern, da wo wir stehen, und wo wir dazu in der Lage sind. Dann erfüllen wir das Gesetz Christi: "Einer trage des anderen Last!" Die Kirche Jesu Christi ist eine Gemeinschaft des gegenseitigen Tragens und Ertragens, der Hilfe für alle Not und für alle Bedürftigkeit. Im Maße wie uns dies gelingt, tragen wir seinen Namen zu Recht. Nur dann gehören wir zu seiner Kirche. Nur dann sind wir Kirche. Nur dann sind wir Glaubende daran, dass in Jesus Christus das Heil der Welt gekommen ist, unser Heil.

 

8. Sonntag: "Das Alte und das Neue"

Einführung

Wir sind zur Eucharistiefeier zusammen gekommen. Der eigentliche Grund dafür ist nicht, dass wir uns als Glaubende treffen und wiedersehen. Der eigentliche Grund ist der Herr, ist Jesus Christus, der uns einlädt und mit uns Mahl hält. In dieser Feier vernehmen wir sein Wort. In dieser Feier - davon sind wir als Glaubende überzeugt - schenkt er sich uns; gibt er sich uns als das Brot des Lebens. Und wir bekennen, dass wir aus ihm leben möchten. Aber wie oft verlieren wir das aus dem Blick! Wie oft verlieren wir ihn, den Herrn, aus dem Blick! Wie oft halten wir anderes für wichtiger! Wir wollen uns darum wieder besinnen! Wir wollen sein Erbarmen und die Kraft zum Umdenken von ihm erbitten!

    Herr Jesus Christus, der Vater hat dich gesandt, uns die Frohe Botschaft zu bringen
    - Herr, erbarme dich!
    Du willst, dass wir uns zu dir und zu deinem Wort bekehren
    - Christus, erbarme dich!
    Du gibst uns immer wieder die Kraft zu einem Neuanfang
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Lasset uns voll Vertrauen beten zu unserem Herrn Jesus Christus, in dem die Heilszeit Gottes angebrochen ist, und der uns Gott offenbart hat als unseren liebenden Vater.

  • Für den Papst und die Bischöfe: dass sie nicht müde werden, der Welt die Liebe deines himmlischen Vaters zu verkünden!
  • Für alle, die an dich als den Gottgesandten glauben: dass in ihrem Leben die Güte und das Erbarmen Gottes sichtbar werden!
  • Für alle, die noch nicht zum Glauben gefunden haben: dass sie erfahren, dass ihre tiefste Sehnsucht nach dem Heilsein allein bei dir Erfüllung finden kann!
  • Für unsere Verstorbenen: dass sie Geborgenheit und Heimat finden in der Gemeinschaft mit deinem Vater!

Herr Jesus Christus, in dir haben wir die Gewissheit erhalten, dass wir in der Liebe deines Vaters geborgen sind. Wir danken dir für deine Leben und Heil gewährende Nähe. Dir sei Lob und Ehre in Ewigkeit! Amen.

Predigt

Auf den ersten Blick scheinen die beiden Teile des heutigen Evangeliums kaum etwas miteinander zu tun zu haben: die Auseinandersetzung Jesu mit Leuten, für die das Nichtfasten der Jünger unbegreiflich ist; und der Doppelspruch vom neuen Stück Tuch und vom neuen Wein. Ich bin aber davon überzeugt, dass in diesen beiden Teilen nicht nur etwas Interessantes, sondern etwas Wichtiges zum Ausdruck kommt: nämlich das völlig Neue, das mit dem Kommen Jesu angebrochen ist; das wahrhaft Revolutionäre, das Umstürzende. Aber worin besteht dieses Neue, dieses Revolutionäre, das Jesus gebracht hat? Das ist allerdings eine Frage, die nicht nur damals gestellt wurde. Es ist die Frage, die auch heute noch aktuell ist; die uns alle angeht; die uns alle betrifft: Wer ist dieser Jesus eigentlich? Und was bedeutet er uns?

Der erste Teil des heutigen Evangeliums enthält ein Streitgespräch Jesu über das Fasten. Einige Leute nehmen Anstoß am Verhalten Jesu und seiner Jünger. Denn er und seine Jünger unterscheiden sich in diesem Punkt von den Anhängern des Täufers und von den Pharisäern. Es ist klar: die Frage nach dem Fasten ist nur der äußere Anlass für eine grundsätzliche Auseinandersetzung, zumal es sich bei den Fastenübungen, um die es hier geht, nicht um das öffentliche und allgemeine Fasten handelt, wie es am jährlichen Versöhnungstag von allen Juden gepflegt wurde. Es handelt sich vielmehr um ein freiwilliges Fasten, dem sich fromme Juden unterzogen. So fasteten die Pharisäer sogar zweimal in der Woche. Jesus verteidigt seine Jünger und sich selbst mit dem Hinweis: "Können die Hochzeitsgäste fasten, solange der Bräutigam bei ihnen ist?" Dieses Bildwort vom Bräutigam, das uns heute wenig sagt, ist den gläubigen Juden sehr wohl vertraut. Es ist nämlich ein Bildwort für Gott selbst. So heißt es beim Propheten Jesaja: "Mit der Freude des Bräutigams freut sich dein Gott an dir." (Jes. 62, 5) Damit wird deutlich: Jesus ist der göttliche Bote; er ist der Gottgesandte; er ist der Messias. Mit Jesus ist die messianische Heilszeit angebrochen, damit auch die Zeit der Freude.

Eine Hochzeit ist für den Orientalen die hohe Zeit der Freude. Und genau diese Tatsache ist für Jesus entscheidend: die Hochzeit ist für Jesus das Bild für die messianische Heilszeit. In dieser Heilszeit ist es einfach unvorstellbar, dass die Hochzeitsgäste "fasten" oder gar (wie es im Matthäus-Evangelium heißt) "trauern". Diese Freude über Gottes Nähe, über seine Gegenwart, über das göttliche Heil, das mit Jesus gekommen ist, soll sich auch im Verhalten seiner Jünger ausprägen, zeigen dürfen. Sie dürfen sich freuen, dass der Messias gekommen ist; dass Jesus der Messias ist. Und diese Freude verträgt sich nun einmal nicht mit Fasten und Trauern. Wer von den Jüngern also Fasten verlangt, der zeigt damit, dass er die Gemeinschaft der Jünger mit Jesus nicht gut heißt; dass er ihre Freude nicht begreift. Die frühe Kirche, die Gemeinschaft derer, die an Jesus als den Messias und Gottgesandten glauben, hat diese Lehre ihres Herrn begriffen. Und darum stimmt sie in ihren Gottesdiensten in diese Freude ein. Darum gehört zur Eucharistiefeier, zur Feier der Danksagung, die Freude und der Jubel der Erlösten. Darum heißt es in der Apostelgeschichte: "Sie brachen das Brot und nahmen ihr Mahl in Jubel und Einfalt des Herzens." (Apg. 2, 46)

Der zweite Teil des heutigen Evangeliums besteht aus zwei Bildworten: aus dem Gleichnis vom neuen Tuch und dem Gleichnis vom jungen Wein. In diesen beiden Bildworten geht es Jesus - ebenso wie bei der Fastenfrage - um die Unverträglichkeit des Neuen mit dem Alten. Mit Jesus ist in der Tat etwas ganz Neues in die Welt gekommen, das sich nicht mehr mit der alten Ordnung vereinbaren lässt. Der Anbruch der messianischen Heilszeit ist der alten Welt gefährlich. Dieser Neuanfang erweist das Bisherige als brüchig und vergänglich. Und Jesus verlangt vom Menschen ein Umdenken. Der Flicken neuen Tuches, das sich noch stark zusammenzieht, zerreißt der brüchige, das nicht mehr dehnbare Gewebe eines alten Kleides. Der junge Wein sprengt alte Lederschläuche, die spröde geworden ist. Wenn man das Neue mit dem Alten verquicken will, dann richtet man beides zugrunde. Das Neue, das Jesus bringt, die Gottesherrschaft, lässt sich nicht in den Bahnen des alten Denkens fassen. Mit dem doppelten Bildwort macht Jesus also deutlich das von ihm schon bei seinem ersten Auftreten geforderte Umdenken: "Bekehrt euch und glaubt an das Evangelium!"

Vielleicht werden Sie jetzt sagen: Was Sie da als das ganz "Neue" darstellen, dass mit Jesus die Heilszeit Gottes angebrochen sei, das alles trifft doch überhaupt nicht unser Lebensgefühl heute. Das sind doch nur leere Phrasen. Sagen Sie uns doch, was denn Jesus eigentlich an "Neuem" gebracht hat, was uns heute als Glaubende leben lässt! Ich möchte auf einige grundlegende Gesichtspunkte hinweisen:

Angesichts einer Welt, in der offensichtlich nur Leistung und Erfolg zählen, wo der Einzelne degradiert wird zu einem auswechselbaren Rädchen in der technisierten Welt, da sagt uns Jesus: Unabhängig von dem, was du an Leistungen vorzuweisen hast, bist du vom guten Vater im Himmel akzeptiert. Du bist von ihm bei deinem Namen gerufen. Du stehst verzeichnet in seinen Händen. Du bist von ihm geliebt: "Wie gut, dass es dich gibt!" Zu ihm können wir kommen mit unseren Fragen und mit unseren Nöten und Sorgen. Er kümmert sich um uns: "Euer Vater im Himmel weiß doch, was ihr nötig habt." Vor ihm brauchen wir keine Angst zu haben. Es genügt, dass wir vor Menschen zittern müssen.

Dass dem so ist, dass Gott unser guter Vater ist, der uns liebt, das wissen wir durch Jesus Christus. Sein Tod am Kreuz ist das Zeichen, ist der tiefste Ausdruck dafür, dass Gott uns liebt, und wie sehr er uns liebt. Dass wir aber akzeptiert und bejaht, dass wir geliebt werden, das ist unser aller tiefste Sehnsucht, darauf laufen letztlich alle unsere Wünsche hinaus. Und zu diesem Jesus, in dem der Vater im Himmel uns seine erbarmende Liebe erwiesen hat, von uns unverdient und unverdienbar, können und dürfen wir kommen, in Beziehung treten. Gerade die Eucharistiefeierr, die Feier der Danksagung der von Gott Geliebten und Erlösten, zeigt uns in den heiligen Zeichen, in den Gaben von Brot und Wein, die verwandelt werden, Gottes Güte: er schenkt sich uns; wir dürfen ihm begegnen; wir dürfen mit ihm sprechen; er ist ganz für uns da: "Niemand hat eine größere Liebe als der, der sein Leben hingibt für seine Freunde."

Noch ein Hinweis auf das Neue, das mit Jesus gekommen ist. Über Gott nachdenken kann ich allein. Mich an ethische Gesetze und Pflichten halten - auch das kann ich allein. Glauben kann ich jedoch nicht allein. Glauben kann ich nur als Mit-Glaubender. Mein Glaube an Jesus Christus ist darum das Eingangstor in eine neue Gemeinschaft: in die Gemeinschaft der Glaubenden, in die Kirche. Diese Gemeinschaft ist nicht eingeengt auf Blut und Boden, auf Rasse und Kultur, auf Besitz und Bildung. Der Glaube an den Herrn schenkt den Glaubenden Geborgenheit in einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten. Wir sind nicht verurteilt, allein unseren Weg zu finden; allein unseren Weg zu gehen. Der christliche Glaube führt heraus aus der Isolation, aus der Egozentrik, aus dem Eingeschlossensein in das eigene kleine Ich.

Diese drei von uns ersehnten Gegebenheiten kann die "Welt" uns nicht geben: Wir stehen in Gottes Hand; wir sind von ihm bejaht, geliebt. In Jesus und in seinem Liebestod am Kreuz ahnen wir, ja sind wir gewiss, dass unsere Sehnsucht nach Geborgenheit, nach dem Heilsein ihre Erfüllung findet. Der Glaube an Jesus Christus, an den Sohn Gottes schenkt uns eine neue Gemeinschaft: die Gemeinschaft derer, die an unseren guten Vater im Himmel glauben. Die "Welt" kann diese heißersehnten, diese uns verheißenen "Artikel" nicht geben; sie kann sie nicht einmal wahrnehmen; sie kann sie auf keinen Fall anerkennen. Das geht über ihren Denkhorizont. Die "Welt" sieht nicht nur "alt" aus; sie ist "alt"; und sie war es immer; sie ist unfähig, ihr Denken zu ändern. Mit Jesus ist das "Neue" gekommen - zu unserem Glück, zu unserem Heil.

 

9. Sonntag: "Heiligung des Sabbat"

Einführung

Der Sabbat war für das Volk Israel das Zeichen seiner Freiheit und seines Stehens im Gottesbund. Für uns Christen ist Jesus Christus selbst das Zeichen dafür, dass Gott uns frei gemacht, erlöst hat. Wir feiern jedoch nicht mehr den jüdischen Sabbat. Wir feiern den Sonntag, den Tag der Auferstehung des Herrn. Und wir heiligen den Sonntag nicht schon dadurch, dass wir nicht arbeiten. Der Sinn der Sonntagsruhe ist vielmehr die Begegnung mit Jesus Christus, dem Auferstandenen: im Wort der Schrift, im Gebet - also im Sprechen mit dem Herrn, im Sakrament, in unseren Brüdern und Schwestern. Wir wollen uns darum zu Beginn der Eucharistiefeier auf den Herrn besinnen, der uns begegnen und uns hineinholen will in seine Nähe.

    Herr Jesus Christus, du hast gesagt: der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat
    - Herr, erbarme dich!
    Du hast gesagt: es ist erlaubt, am Sabbat Leben zu retten
    - Christus, erbarme dich!
    Du hast dem verkrüppelten Mann die Gesundheit gegeben
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Herr Jesus Christus, du bist gekommen, um uns aus Unfreiheit und Enge in die Weite der Liebe zu führen. Voll Vertrauen kommen wir daher mit unseren Bitten zu dir:

  • Für die Kirche, die Gemeinschaft der Glaubenden: dass sie unbeirrbar die Botschaft von der Freiheit der Kinder Gottes verkündet!
  • Für die Verantwortlichen in Staat und Gesellschaft: dass sie die Menschen nicht zur Unmündigkeit führen, sondern zum verantwortlichen Tun!
  • Für uns, die wir uns Christen nennen: dass wir aus der Bindung an dich unsere Aufgaben in dieser Welt erfüllen!
  • Für unsere verstorbenen Brüder und Schwestern: dass sie Heimat und Frieden finden im Reich deines Vaters!

Mit diesen Bitten kommen wir zu dir, unserem Erlöser und Heiland. Gib, dass wir uns immer mehr dein Denken zu eigen machen. Dir sei Lob und Ehre in Ewigkeit! Amen.

Predigt

Jesu Verkündigung, erst recht sein Tun stößt nicht nur auf Verständnis und Anerkennung. Es wird nicht nur von den Menschen wahrgenommen als Hinweis auf Gottes Güte und Erbarmen. Jesu Tun wird von seinen Gegnern mit Empörung registriert und verurteilt, weil er die von Menschen gemachten Ordnungen an die zweite Stelle rückt. Jesu Gegner zerstören in ihrer Selbstgerechtigkeit und Arroganz jegliche menschliche Gemeinschaft und Verbundenheit. Sie wollen z. B. nichts mit den Zöllnern und Sündern zu tun haben. Jesus aber ruft mit dem Zöllner Levi jemand in seine Nähe, ja sogar in den Kreis seiner engsten Vertrauten. Er setzt sich mit Zöllnern und Sündern an einen Tisch. Was die Gegner Jesu aber vor allem aufbringt, das ist Jesu Verhalten gegenüber religiösen Gebräuchen: gegenüber dem Fasten; vor allem aber gegenüber dem Sabbatgebot. Das heutige Evangelium bietet zwei aufschlussreiche Beispiele dafür: das Ährenrupfen der Jünger und die Heilung eines verkrüppelten Mannes am Sabbat.

Das Sabbatgebot will selbstverständlich hohe Güter schützen: die Erholung des arbeitenden Menschen, die Distanz zu einer Überschätzung von Arbeit und Leistung, die Stille und Ruhe des Offenseins für Gott. Im Buch Exodus heißt es: "Gedenke des Sabbats: Halte ihn heilig! Sechs Tage darfst du schaffen und jede Arbeit tun. Der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem Herrn, deinem Gott geweiht. An ihm darfst du keine Arbeit tun: du, dein Sohn und deine Tochter, dein Sklave und deine Sklavin, dein Vieh und der Fremde, der in deinem Stadtbereich Wohnrecht hat." (Ex. 20, 8-10) Im Buch Deuteronomium wird noch ergänzt: "Dein Sklave und deine Sklavin sollen sich ausruhen wie du. Denk daran: Als du in Ägypten Sklave warst, hat dich der Herr, dein Gott, mit starker Hand und hoch erhobenem Arm dort heraus geführt. Darum hat es dir der Herr, dein Gott, zur Pflicht gemacht, den Sabbat zu halten." (Deut. 5, 15)

Was die Jünger Jesu tun (sie reißen Ähren in einem Kornfeld ab), ist nach der Auffassung der Pharisäer am Sabbat nicht erlaubt. Nach ihrer kleinlichen Auslegung des Sabbatgebotes fällt ein solches Tun unter die Rubrik "Ernte-Arbeit". Jesus erweist diese Auffassung als falsch, indem er auf das Beispiel des David hinweist, der sogar von den heiligen Broten aß und auch seinen Begleitern davon zu essen gab. Und Jesus fügt hinzu: Um des Menschen willen gab Gott das Sabbatgebot. Jesus lehnt also nicht das Sabbatgebot ab. Er befreit aber die Menschen von einer sklavischen, von einer die Liebe zerstörenden Bindung an den Buchstaben des Gesetzes. Hunger darf auch am Sabbat gestillt werden. Ein Gesetz ist keine absolute Größe. Es ist auf den Willen Gottes bezogen, der das Gute für die Menschen und die Liebe unter den Menschen will. Jesus schafft also nicht die Gesetze und Gebote ab und überlässt den Menschen seiner eigenen Willkür. Das bedeutet: er überlässt ihn nicht der Versklavung an die eigenen Wünsche und Launen. Er wendet sich aber gegen "eiserne" Gesetze; er verlangt ein Verhalten, das wach und offen ist für den Nächsten.

Im zweiten Teil des heutigen Evangeliums geht es um die Heilung eines verkrüppelten Mannes; diese Heilung geschieht am Sabbat. Es kommt zu einem Streitgespräch zwischen Jesus und seinen Gegnern, die schon den Plan gefasst haben, ihn zu beseitigen. Heilungswunder waren nach der Auslegung des Sabbatgebotes durch die Pharisäer nur erlaubt, wenn Lebensgefahr bestand. Jesus begründet ihnen gegenüber sein Tun, indem er sich auf die Lehre der Schriftgelehrten beruft: "Die Rettung eines Menschenlebens verdrängt den Sabbat." Und er führt diese Lehre zurück auf den zugrunde liegenden Satz: Gutes tun ist unter Umständen nicht nur nicht gegen das Gebot der Sabbatruhe, damit erlaubt; Gutes tun ist vielmehr die Pflicht der Nächstenliebe. Wer sich mit Berufung auf die Arbeitsruhe am Sabbat einer solchen Liebespflicht entzieht, der tut bereits Böses. Doch Jesu Gegner wollen sich von ihm nicht belehren lassen. Und er schaut sie voll Zorn und Trauer an wegen ihrer verstockten Herzen. Wer nicht sehen will, der sieht auch nicht. Es ist wie die Erfüllung jenes Gottesgerichtes, von dem der Prophet Jesaja spricht: "Hören sollt ihr, hören, aber nicht verstehen! Sehen sollt ihr, sehen, aber nicht erkennen! Verhärte das Herz dieses Volkes, verstopfe ihm die Ohren, verklebe ihm die Augen, damit es mit seinen Augen nicht sieht und mit seinen Ohren nicht hört, damit sein Herz nicht zur Einsicht kommt und sich nicht bekehrt und nicht geheilt wird." (Jes. 6, 9-10)

Ich denke, es sei an dieser Stelle angebracht, ja notwendig, auf die Unterschiede zwischen dem jüdischen Sabbatgebot und der christlichen Auffassung vom Sonntag und der Sonntagsruhe einzugehen. Sicher geht es beim jüdischen Sabbatgebot nicht nur um eine starre äußere Ordnung, die sklavisch eingehalten wird. Der Sabbat als Ruhetag ist ja dem Herrn, dem Gott Israels, geweiht und darum heilig. Der Bezug zu Gott ist also auch für den Juden entscheidend. Genau dieser Bezug tritt bei der Betonung des Äußerlichen jedoch in den Hintergrund. An seine Stelle tritt die menschliche Leistung, die starre Korrektheit und das Funktionieren einer Ordnung. Für uns Christen ist der Sonntag sicher auch ein Ruhetag. Das allein wäre aber zu wenig, ja nicht einmal christlich. Der Sonntag ist in erster Linie der Tag des Herrn; der Tag seiner Auferstehung von den Toten; der Tag seines Offenbarwerdens als unser Erlöser, als der Sohn Gottes. Am Sonntag geht es um die lebendige Beziehung zu Jesus Christus: er steht am Sonntag für den Christen im Mittelpunkt, und nicht eine starre Ordnung. In der Feier der Eucharistie geht es genau um diese persönliche Begegnung mit dem Herrn; die Feier der Eucharistie will die Begegnung mit dem Herrn vertiefen, fruchtbar machen für unseren Alltag; die Feier der Eucharistie ist darum in erster Linie die Einübung des Glaubens, Vollzug unseres Glaubens: "All meine Quellen entspringen in dir." Vollzug des Glaubens besagt darum auch: Eintreten in das Gespräch, in den Dialog mit Jesus Christus, Eintreten also in das Gebet. Im Gebet vollzieht sich der Einklang mit unserem Herrn. Wenn diese Dimension der Glaubenskommunikation mit unserem Herrn, d. h. des Sprechens mit dem lebendigen Gegenüber fehlt, dann rettet uns nicht die Einhaltung und das Garantieren einer äußeren Ordnung des Sonntags. Eine solche Ordnung kann doch nur den äußeren Rahmen schaffen für die unabdingbare persönliche Begegnung mit Jesus Christus.

Jesu Auseinandersetzung mit seinen Gegnern um den Sinn des Sabbatgebotes kann also auch uns Christen einiges deutlich machen, worum es am Sonntag eigentlich geht. Für den Christen ist die Pflege des Gebetes, d. h. die Pflege des Sprechens mit Gott, mit Jesus Christus unabdingbar, wenn er ein Glaubender sein will. Ohne dieses Sprechen mit ihm verdunstet unser Glaube. Dann reden wir nur noch über Gott. Dieses Reden über Gott genügt in keiner Weise. Liegt nicht vielleicht hier das große Defizit der Christen hierzulande? Und können wir uns da wundern über die Schwindsucht in der Kirche? Bitten wir darum den Herrn heute bei dieser Eucharistiefeier, dass wir die Beziehung zu ihm, dass wir den Glauben an ihn durch unser Sprechen mit ihm üben, pflegen, vollziehen. Das ist für uns Christen, wenn wir "überleben" wollen, unabdingbar.

 

10. Sonntag: "Jesus - Überwinder der Dämonen"

Einführung

Es gibt das Böse in der Welt. Und es gibt den Bösen. Die Geschichte der Menschheit ist der Beweis dafür. Unser Herr Jesus Christus hat mit dem Bösen gerechnet. Er ist ihm in vielfältiger Gestalt begegnet: den Dämonen der Stummheit und der Unreinheit, den Dämonen der Lüge und des Hasses. Auch wir tun gut daran, heute mit dem Bösen, mit Dämonen zu rechnen, die die Menschen in Unfreiheit führen, sie knechten. Freilich nehmen sie in unserer Zeit andere Gestalten und andere Namen an. Das heutige Evangelium schenkt uns die Gewissheit: mit Jesus ist der Stärkere gekommen. Das Böse, das Dämonische hat aber nur dann keine Macht über uns, wenn wir uns dem Herrn öffnen; wenn wir an ihn glauben; wenn wir ihn zur Mitte des Lebens machen.

    Herr Jesus Christus, du bist der, der das Böse überwunden hat
    - Herr, erbarme dich!
    Du bist der, in dessen Kraft wir die Dämonen heute besiegen können
    - Christus, erbarme dich!
    Du willst uns umwandeln, damit wir deinem Denken in uns Raum geben
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Herr Jesus Christus, du kamst in diese Welt, um uns aus der Knechtschaft des Bösen, aus der Macht der Sünde und des Todes zu befreien. Voll Vertrauen kommen wir darum mit unseren Bitten zu dir:

  • Für die Kirche, die Gemeinschaft der Glaubenden: dass sie die Botschaft unserer Erlösung aus der Macht des Bösen, der Sünde und des Todes unbeirrbar verkündet!
  • Für die Verantwortlichen in Staat und Gesellschaft: dass sie die Voraussetzungen schaffen für ein menschenwürdiges Leben!
  • Für uns, die wir uns Christen nennen: dass wir uns immer für die Gnade der Erlösung dankbar erweisen!
  • Für unsere verstorbenen Brüder und Schwestern: dass sie im Reich deines Vaters Heimat und Frieden finden!

Herr Jesus Christus, wir danken dir für das Erbarmen, mit dem du uns gerettet hast. Gib, dass wir unsere Herzen deinem Denken öffnen. Dir sei Lob und Ehre in Ewigkeit! Amen.

Predigt

Das Evangelium, das wir soeben gehört haben, weist uns hin auf eine Wirklichkeit, auf eine Macht in der Welt, die heute anscheinend nicht mehr ernst genommen wird, obwohl das Satanische, das Dämonische in dieser Welt oft mit Händen zu greifen ist. Und irgendwie sind wir selber schon von dieser Mentalität beeinflusst, so wir ehrlich vor uns selber sind. Über den Teufel sprechen wir nicht gern. Wir schweigen ihn mehr oder weniger tot. Es ist ja auch unangenehm, immer wieder an eine Realität erinnert zu werden, von der unser Leben radikal in Frage gestellt wird. Warum nehmen wir denn den Teufel nicht mehr ernst? Liegt es nicht gerade daran, dass wir auch Jesus Christus, die Gegenmacht zu Satan, viel zu wenig ernst nehmen? Dann kann uns das heutige Evangelium wieder zur Mahnung werden; es kann uns aufmerksam machen auf die Macht Satans, des Bösen; aber auch auf den, durch den der Satan besiegt worden ist: auf Jesus Christus. Er hat die Macht des Satans, des Bösen in seinem Leben und Sterben überwunden. Und nur in seiner Kraft gewinnt auch in unserem Leben Satan nicht die Oberhand; gewinnen die Dämonen nicht die Oberhand.

Im Evangelium wird berichtet (wir halten uns auch an den Paralleltext bei Lukas), wie Jesus aus Menschen böse Geister, Dämonen austreibt. Viele staunen; sie erkennen das messianische Zeichen. Andere aber fordern von Jesus ein neues Zeichen, eine Legitimation: Beweise uns, dass das, was du getan hast, wirklich in der Kraft Gottes geschehen ist und nicht im Namen Beelzebubs, des Obersten der Teufel. Auch sie wissen sehr wohl: dieses Wunder, das Jesus gewirkt hat, ist - falls es echt ist - ein messianisches Zeichen. Es liegt darin, falls es echt ist, zugleich der Anspruch: Ihr habt mich als den von Gott gesandten Messias anzuerkennen; ihr habt das Ja des Glaubens zu mir zu sprechen. Gerade das aber ist für sie eine Zumutung, eine Forderung, auf die sie nicht eingehen wollen. Einen Messias wie Jesus können sie nicht gebrauchen. Und darum ihre Behauptung: Durch Beelzebub, den Obersten der Teufel, treibt er die bösen Geister aus.

Aber Jesus weist ihnen nach, dass diese Behauptung lächerlich, ja falsch ist. Satan würde sich ja selbst bekämpfen. Das ist aber völlig sinnlos. Und schließlich: in wessen Namen treiben denn ihre eigenen Volksgenossen böse Geister aus? Von diesen nehmen sie ja an, sie würden im Namen Gottes die Dämonen austreiben. Sie widersprechen sich ja selber. Und deswegen bleibt nur die Möglichkeit, dass auch Jesus in der Vollmacht Gottes den Satan, das Dämonische in der Welt überwindet. Wenn das aber der Fall ist, dann ist wirklich in Jesus die Herrschaft Gottes auf Erden angebrochen, da der Satan seiner Macht beraubt ist. Weil aber mit Jesus, mit seinem Kommen in diese Welt die Gottesherrschaft auf Erden angebrochen ist, ist nun auch klar, dass es für den, der Zeuge dieses Wunders ist, keine Neutralität mehr geben kann. Man kann sich nicht überlegen und kritisch distanzieren, den Abstand wahren. Es gibt nur ein vorbehaltloses, ein bedingungsloses Ja zu Jesus. Alles andere kommt einer Ablehnung gleich: "Wer nicht mit mir ist, der ist wider mich; und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut." (Lk. 11, 23)

Allerdings ist es nicht damit getan, dass in Jesus der Stärkere gekommen ist und die Dämonen vertrieben hat. Es liegt im Wesen dieser bösen Geister, dass sie herrschen wollen, und zwar über Menschen. Deshalb findet, wie es bei Lukas heißt, der ausgetriebene Dämon keine Ruhe, und es verlangt ihn danach zurückzukehren; den Menschen, aus dem er ausgefahren ist, wieder zu unterjochen; ihn noch mehr in seine Gewalt zu bekommen. Das bedeutet aber: der Mensch ist nur dann vor einer Rückkehr Satans sicher, wenn er sich vom Geist Gottes erfüllen und von ihm leiten lässt. Wenn er dem Geist Gottes nicht in sich Raum gewährt, dann wird der alte böse Geist mit vermehrter Kraft (mit "sieben anderen Geistern, die ärger sind als er") zurückkehren. Dann werden die letzten Dinge dieses Menschen schlimmer als die ersten sein. Man kann sich nicht das Heil gefallen lassen, das Jesus bringt, ohne dass man bereit ist, dem Geist Gottes in sich Raum zu geben. Eine Befreiung aus der Gewalt der Dämonen durch Jesus wird nur dann zum Segen für den Menschen, wenn dieser Befreiung die Hingabe an Jesus erfolgt.

Wie sich diese Hingabe vollziehen kann, das deutet der Evangelist Markus im letzten Satz des heutigen Evangeliums an: "Wer den Willen Gottes tut, der ist mir Bruder, Schwester und Mutter." (Mk. 3, 35) Und immer wieder wird im Neuen Testament darauf hingewiesen, wie dieses "den Willen Gottes tun" aussehen kann. So schreibt der heilige Paulus in seinem Brief an die Gemeinde von Ephesus: "Wandelt in der Liebe, wie auch Christus euch geliebt hat und sich selbst für euch als Opfer und Gabe hingegeben hat, Gott zu lieblichem Duft... Einst wart ihr Finsternis, jetzt aber seid ihr Licht im Herrn. Wandelt als Kinder des Lichtes! Denn die Frucht des Lichtes besteht in jeglicher Güte, in Gerechtigkeit und Wahrheit." (Eph. 5, 1. 8-9)

Das heutige Evangelium soll uns also wieder daran erinnern, dass Satan und seine Macht von Jesus überwunden, besiegt worden ist. Zugleich soll das Evangelium uns mahnen, dem Geist Gottes in uns Raum zu geben. Nur in der Kraft Gottes können wir dem erneuten Ansturm des Satans, der Dämonen heute, dem "Un-Geist" der Zeit widerstehen, der nur zu oft mit Händen zu greifen ist. Nur in dieser Kraft brauchen wir uns vor dem Bösen nicht zu fürchten. Wenn wir dem Geist Gottes, wenn wir dem Geist Jesu Christi in uns Raum geben, dann kann uns das Böse und das Dämonische nichts anhaben.

 

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