Lesejahr B
11. - 22. Sonntag im Jahreskreis

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11. Sonntag: "Vom Wachsen des Gottesvolker"

Einführung

Haben wir nicht manchmal den Eindruck, dass Gott ohnmächtig ist? Warum stößt die Frohbotschaft, die sein Sohn Jesus Christus verkündet hat, und die die Glaubenden weiter tragen sollen, anscheinend auf taube Ohren? Das Gottesreich, die Königsherrschaft Gottes - ist davon viel zu spüren in unserer Welt, die offensichtlich von anderen Mächten beherrscht wird? Die Gleichnisse, die das Evangelium heute erzählt, wollen uns das mangelnde Vertrauen und die Resignation angesichts der Widrigkeiten durch die Mächte der Zeit nehmen: die Königsherrschaft Gottes wird sich trotz allem gegenteiligen Anschein entfalten; sie wird sich durchsetzen; sie wird einmal sichtbar werden - genauso wie aus dem unscheinbaren Samenkorn eine überreiche Ernte entsteht. Erbitten wir uns vom Herrn das Vertrauen auf ihn: dass er der Herr der Welt und auch unserer Zeit ist!

    Herr Jesus Christus, du säst den Samen der Frohbotschaft Gottes in dieser Welt
    - Herr, erbarme dich!
    Du führst aus unscheinbaren Anfängen eine überreiche Ernte herbei
    - Christus, erbarme dich!
    Du schenkst uns so die Gewissheit, dass du der Herr der Welt und unserer Zeit bist
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Herr Jesus Christus, du hast den Samen der Frohbotschaft ausgestreut und auch uns gerufen, deiner Königsherrschaft zum Durchbruch zu verhelfen. Voll Vertrauen kommen wir deshalb mit unseren Bitten zu dir:

  • Für die Kirche, die Gemeinschaft der Glaubenden: dass sie das Vertrauen auf dich allein, ihren Herrn und Meister, setzt!
  • Für die Verkünder der Frohbotschaft: dass sie nicht mutlos werden, wenn ihre Saat keine Frucht zu bringen scheint!
  • Für die Hörer der Frohbotschaft: dass sie nicht taub sind für Gottes Wort, sondern sich ihm auftun!
  • Für uns selbst, an die auch Gottes Wort ergangen ist: dass der Samen Gottes in uns auf fruchtbaren Boden fällt!
  • Für unsere Verstorbenen: dass sie den Frieden und die Freude des Himmels erlangen!

Herr Jesus Christus, wer an dich glaubt, der hat keinen Grund zur Mutlosigkeit. Es ist dein Werk, wenn die göttliche Saat, die du selber durch viele Mitarbeiter ausstreust, in den Herzen der Menschen reiche Frucht bringt. Dir sei Lob und Ehre in Ewigkeit! Amen.

Predigt

Jesu Gleichnisse sind nicht in erster Linie Kunstwerke oder rhetorische Meisterleistungen. Sie wollen auch keine allgemeinen Grundsätze einprägen. Sondern jedes von ihnen ist in einer konkreten Situation des Lebens Jesu gesprochen worden, in einer einmaligen, oft unvorhergesehenen Lage. Und weitgehend handelt es sich dabei um Kampf-Situationen, um die Rechtfertigung seines Verhaltens, um die Verteidigung gegen die Anschuldigungen von Seiten seiner Gegner, die ihn ablehnen. Die Gleichnisse sind also zum großen Teil Streitwaffe. Jedes von ihnen fordert darum auch eine Antwort auf der Stelle. Was wollte Jesus aber mit den beiden Gleichnissen sagen? Wie musste sein Wort auf die Hörer wirken? Dabei können uns die beiden Gleichnisse vom geduldigen Landmann und vom Senfkorn auf einen wichtigen Gesichtspunkt aufmerksam machen.

Beide Gleichnisse schildern einen scharfen Gegensatz. Da ist der Bauer, der nach der Aussaat sein Leben weiterführt. Ohne dass er das Wachsen der Saat sich erklären kann, und ohne dass er etwas dazu tun kann, wächst die Saat heran. Und dann ist plötzlich die Stunde da, die das geduldige Warten belohnt. So ist es mit der Königsherrschaft Gottes: so sicher wie für den Sämann nach langem Warten die Ernte kommt, so sicher bringt Gott, wenn seine Stunde gekommen ist, das Endgericht und die Königsherrschaft herbei. Auch das Gleichnis vom Senfkorn schildert diesen Kontrast. Das Senfkorn ist so groß wie der Kopf einer Stecknadel; es ist das allerkleinste Samenkorn. Wenn es aber aufgegangen ist, ist es das größte unter den Gartengewächsen, so dass die Vögel des Himmels in seinem Schatten wohnen.

In unseren Gleichnissen wird also nicht eine Entwicklung geschildert. Der Orientale, der Mensch der Bibel denkt anders. Er fasst nur das Anfangs- und das Endstadium ins Auge. Für ihn ist in beiden Fällen das Überraschende: die Aufeinanderfolge von zwei ganz verschiedenen Zuständen: Da ist die Aussaat des Getreidekorns und die reiche Ernte; da ist das winzig kleine Senfkorn und die Staude, die den Vögeln Schutz gewährt. Der Mensch der Bibel sieht zwei völlig verschiedene Zustände: hier das scheinbar tote Samenkorn - dort das wogende Ährenfeld und die hohe Staude. Der moderne Mensch geht über den Acker und sieht eine biologische Entwicklung. Die Männer der Bibel gehen über das gleiche Feld und sehen ein Gottes-Wunder nach dem anderen; sie sehen lauter Auferweckungen vom Tode. Und so haben die Zuhörer Jesu seine beiden Gleichnisse verstanden: als Kontrastgleichnisse. Ihr Sinn, ihre Aussage ist die: aus den kümmerlichsten Anfängen, aus einem Nichts für das menschliche Auge schafft Gott seine machtvolle Königsherrschaft, die die Völker der Erde umfangen wird.

Wenn dieses Verständnis der beiden Gleichnisse zutrifft, dann wird man als die Situation, in der diese Gleichnisse von Jesus gesprochen wurden, die Äußerung von Zweifeln an der Sendung Jesu erschließen dürfen. Wie völlig anders waren nämlich die Anfänge der Heilszeit, die Jesus verkündete, als das, was sich die Leute unter dieser messianischen Heilszeit vorstellten! Diese armselige Gruppe, zu der einige zweifelhafte Gestalten gehörten, sollte die sehnsüchtig erwartete Heilsgemeinde Gottes sein? Diese einfachen und ungebildeten Leute sollten die Keimzelle der Kirche sein? Ja, so sagt Jesus in den beiden Gleichnissen, diese armselige Gruppe, diese einfachen Leute stellen die Keimzelle der Heilsgemeinde Gottes, die Keimzelle der Kirche dar. Mit derselben zwangsläufigen Sicherheit, mit der aus den toten Samenkörnern ein herrliches Ährenfeld, mit der aus dem winzigen Senfkorn die große Staude hervorgeht, mit derselben zwangsläufigen Sicherheit wird Gottes Wunder meine kleine Schar zum großen Gottesvolk der Endzeit werden lassen. Zu diesem Gottesvolk sollen einmal alle Menschen gehören.

Hier geht uns auf, warum diese Gleichnisse in das Evangelium, also in die "Frohbotschaft" aufgenommen wurden. Genau wie die Zeitgenossen Jesu, genau wie die junge Kirche die Armseligkeit der Anfänge erlebten, müssen auch die Glaubenden heute um diesen Gegensatz wissen. Schon die Apostel hätten angesichts ihrer kleinen Zahl und angesichts ihrer geringen Bildung, angesichts ihrer Machtlosigkeit und ihrer menschlichen Schwäche zweifeln können, ob ihr Beginnen je einen nennenswerten Erfolg haben werde; ob wirklich einmal Gott ganz Herr und König sein werde über die so sehr von dämonischen Mächten beherrschte Welt. Angesichts der Macht und Größe der Welt und der in ihr herrschenden Kräfte hätten sie zweifeln können, ob ihr Werk je gelingen und zu einem glücklichen Ende führen werde. Das Vertrauen, der Glaube der Apostel, der ersten Christen muss in der Tat riesengroß gewesen sein. Ihr Herr und Meister Jesus Christus muss in der Tat sie innerlich so gepackt haben, dass sie sich ohne Bedenken an die Aufgabe der Verkündigung der Frohbotschaft machten: "Ihr sollte meine Zeugen sein bis an die Enden der Erde!"

Die Situation der Kirche Jesu Christi, die Situation der Gemeinschaft derer, die an Jesus Christus glauben, ist grundsätzlich heute nicht anders als zur Zeit der Apostel. Scheint nicht - wenigstens hierzulande - die Sache des Herrn im Unterliegen zu sein? Die Kirche wird mehr denn je bedrängt und verfolgt von außen; sie wird aber auch von Gefahren im Inneren bedroht. Oft scheint es sogar manchen Leuten innerhalb der Kirche nicht um die Sache Gottes, um die Königsherrschaft Gottes zu gehen, sondern nur um die eigene Macht; um die Kultivierung des eigenen Ich. Da könnte uns manchmal der Mut sinken, das Vertrauen auf den Herrn entgleiten. Unser Herr hat das gewusst; er hat die Gefahr der Mutlosigkeit der Seinen gesehen. Ja, er hat den Seinen damals nicht die Erfahrung erspart, dass auch sein Werk scheinbar in einer völligen Katastrophe endete. In unseren Gleichnissen ruft er auch uns heute zu: Habt Mut und Zuversicht! Mag mein und euer Beginnen und Tun im Dienste des Reiches Gottes auch noch so unscheinbar und aussichtslos sein, verlasst euch darauf: Zuletzt wird Gott Herr sein in allem und über alles.

Nehmen wir dies mit in unseren Alltag: Wir dürfen Vertrauen haben auf den Herrn; er lässt uns nicht in der Mutlosigkeit versinken angesichts so vieler Bedrängnisse und Gefahren. Er steht uns bei. Er will uns hinführen zum Glauben daran, dass sein Reich kommt. Er will uns ermutigen zur Treue in seinem Dienst und zur Geduld. Das Reich Gottes wird wachsen - nicht weil wir an den Halmen ziehen, sondern weil er das Wachsen schenkt.

 

12. Sonntag: "Das Schifflein der Kirche"

Einführung

"Kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen?" Diese Frage, die die Jünger im heutigen Evangelium stellen, ist schon in jedem von uns auf gekommen. Wir alle kennen Situationen, wo wir mit unserer Kunst am Ende sind: die Angst und die Ratlosigkeit, wenn Wünsche und Hoffnungen mit einem Schlag zunichte werden; wenn Krankheit uns verzweifeln lässt; wenn der Tod eines geliebten Menschen uns trifft. Von solchen Erfahrungen bleiben wir nicht verschont. Auch wir werden aus Ruhe und Sicherheit durch die Stürme des Lebens herausgerissen. Aber gerade in den Stürmen der Zeit und unseres Lebens dürfen wir die Zuversicht haben, dass der Herr bei uns ist; dass er uns nicht versinken lässt.

    Herr Jesus Christus, immer wieder erleben die Deinen Stürme und scheinbare Untergänge
    - Herr, erbarme dich!
    Immer wieder rufen die Deinen: Kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen
    - Christus, erbarme dich!
    Immer wieder fragst du die Deinen: Warum habt ihr noch keinen Glauben
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Herr Jesus Christus, du bist bei uns in den Stürmen der Zeit und in den Stürmen unseres Lebens. Voll Vertrauen kommen wir darum mit unseren Bitten zu dir:

  • Für die Kirche, die Gemeinschaft der Glaubenden: dass sie in den Stürmen der Zeit ihre Hoffnung allein auf dich setzt!
  • Für uns, die wir Glaubende sein möchten: dass wir nicht in Mutlosigkeit und Kleinglauben versinken!
  • Für die bedrängten und verfolgten Christen: dass sie deine schützende und helfende Nähe erfahren!
  • Für die Sterbenden: dass sie in dir ihren Beistand und den Begleiter in den Frieden und die Freude des Himmels finden!

Herr Jesus Christus, du bist in den Stürmen der Zeit und des Lebens unser Beistand, unser Retter. Wir danken dir für diese Gewissheit, für die du dich verbürgt hast. Dir sei Lob und Ehre in Ewigkeit! Amen.

Predigt

Die Begebenheit, von der das Evangelium heute erzählt, ist uns allen bekannt und vertraut: der Sturm auf dem Meer; die Angst der Jünger in dem kleinen Boot: "Kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen?" Und Jesus als der, der den Kleinglauben der Jünger tadelt; der dann aber dem Sturm und den Wellen gebietet. Das kleine Boot der Jünger mit dem schlafenden Jesus, das auf dem Meer vom Wind und von den Wellen hin und her geworfen wird, dem Wind und den Wellen "ausgeliefert" ist, ist schon seit den Anfängen der Christenheit als ein Bild für die Kirche verstanden worden - so in der Bezeichnung der Kirche als "Schifflein Petri". Es dürfte klar sein, dass dieses Bild der Kirche als dem "Schifflein Petri" für uns heute nicht mehr recht verständlich ist. Unter einem "Schiff" stellen wir uns ja keine "Nussschale" vor, sondern so eine Art "Luxus-Liner", ein "Kreuzfahrt-Schiff", das den Gästen alle Annehmlichkeiten bietet. Dass ein solches schwimmendes Hotel auf dem weiten Meer sich befindet, ist gleichsam eine Zutat. In diesem Sinn dürfen wir uns jedenfalls das "Schifflein Petri", d. h. die Kirche nicht vorstellen. Die Kirche ist in keiner Weise ein Unternehmen, das Luxus-Reisen veranstaltet; sie ist auch kein "Service-Unternehmen". Das "Schifflein Petri" ist vielmehr eine kleine "Nussschale" auf dem weiten, auf dem unendlichen Meer, auf dem Meer Gottes.

Ein kleines Boot, ein Schiff, das keinen Motor hat, sondern nur Segel, hat Besonderheiten, die uns nur noch aus Märchen oder Filmen bekannt sind. Auf einem Segelschiff müssen alle mit anpacken. Da müssen alle miteinander auskommen und die Gefahren gemeinsam bestehen. Alle sitzen ja in demselben Boot. Und eng ist es auf einem solchen Schiff. Und es muss ganz klar sein, wer auf dem Schiff das Kommando, wer das Steuer in der Hand hat. Ein solches Schiff ist ein Bild, ist ein Symbol der Bindungen und der Geborgenheiten, die wir alle brauchen. Seit unvordenklichen Zeiten bemühen sich Menschen, Schiffe für das Miteinander zu bauen, tragfähige Gemeinschaften, Räume der Stabilität. Die Versuche, tragfähige Schiffe zu bauen, haltbare, lebensfähige Gemeinschaften, sind oft gescheitert. Denn zum Schiffe-Bauen braucht man einen langen Atem; man braucht vor allem ein Ziel. Man muss wissen, wohin die Reise geht.

Das "große, weite Meer" steht hier nicht für das "Leben"; denn "leben" wollen wir doch alle. Vielmehr ist das "große, weite Meer" im Verständnis der christlichen Bildersprache ein Bild für Gott. Und die Sehnsucht nach dem Meer ist ein Bild für die Sehnsucht nach der Weite und nach der Größe des Geheimnisses Gottes. Sie kennen die Erzählung von der Begegnung des heiligen Augustinus mit dem Knaben am Ufer des Meeres, der in seine kleine Grube das große Meer hinein füllen will. Das Geheimnis Gottes ist so unfassbar wie der Versuch, das große Meer in die kleine Grube hinein zu leiten. Obwohl Gottes Geheimnis unfassbar ist wie das Meer, liegt doch die Verheißung für die Sehnsucht darin, dass wir das enge Alltagsleben hinter uns lassen können, wenn wir uns auf dieses Abenteuer einlassen. Das Meer ist auch deshalb ein Bild für Gott, weil Licht nirgends intensiver erfahren wird als auf See. Wer also ein Schiff bauen will, der tut es, um die Weite des Meeres, um den Aufgang und den Untergang der Sonne zu erleben und sich vom Wind treiben zu lassen.

Wer "Kirche" bauen will, der tut dies nicht um der Kirche willen; denn die Kirche ist nicht Selbstzweck. Das Schiff der Kirche wurde auch nicht zum Trockenschwimmen gebaut. Dem Schiff der Kirche wird zugetraut, die Menschen das Abenteuer ihres Lebens bestehen zu lassen; die sich der Weite Gottes aussetzen, aussetzen wollen. Die Kirche ist das Schiff auf dem Ozean der Gotteserfahrung. Dieser Ozean ist nicht berechenbar und nicht erfassbar. Aber es gibt auf diesem Schiff einige, die die Richtung kennen. Natürlich besteht ein Kontrast zwischen der Weite des Meeres und der Enge des Schiffes. Darum gelten auf dem Schiff strenge Regeln für das Miteinander. Die Weite des Meeres dagegen scheint ohne Grenzen und ohne Regeln zu sein. Die Grenzenlosigkeit, den offenen Horizont zu erleben, zu erfahren, das ist der Sinn der Reise auf dem Schiff. Doch diese Weite zu überstehen, das ist nicht möglich ohne die auf dem Schiff gesammelten Erfahrungen für das Auskommen mit den Menschen und mit den Wellen des Meeres.

Nun gibt es aber heute viele Klagen, das Schiff der Kirche sei zu eng; und es sei zu unbequem, es miteinander aushalten zu müssen. Und es sei lästig, dass nur einer das Kommando, dass nur einer das Steuer in der Hand habe. Warum nicht über jede Maßnahme abstimmen? Warum gibt es überhaupt Regeln auf dem Schiff? Und so gibt es Leute, die sagen, man könne das Meer auch ganz ohne Schiff genießen und erkunden. Natürlich kann man mit hoch gekrempelten Hosenbeinen am Ufer im Wasser des Meeres waten; und man kann auch ein Stück ins Meer hinaus schwimmen. Allerdings kann man dann in Not geraten, und es gibt dann keinen Menschen, der hilft. Wären es nur einzelne Menschen am Ufer des Meeres gewesen, die es unternommen haben, sich dem Meer auszusetzen - das Christentum wäre sicher nicht bis zu uns gelangt. Das Schiff der Kirche ist also nicht gegen das Meer, sondern für das Meer gebaut. Es will das Meer der Unendlichkeit Gottes durchkreuzen. Denn Gott ist unfassbar in seiner Größe.

Kehren wir zurück zum heutigen Evangelium! Dass die Jünger Jesus in das Boot folgen, das steht für Nachfolge überhaupt. Dass sie angesichts des Windes und der Wellen rufen: "Kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen?" - das entspricht ihrer Not; das entspricht auch unserer Bedrängnis; das entspricht dem "Kleinglauben" der Seinen. Dass der Helfer erst geweckt werden muss, das geschieht nach dem Vorbild der Psalmen, wenn dort immer wieder der morgendliche Beter in seiner Not Gott - so ist das Bild - aufweckt. Die Ängste, die in uns sind, werden veranschaulicht im Bild von der Nussschale in der aufgewühlten See. Wer wird uns halten und auffangen? Die Heilige Schrift sagt: Alle Angst, die ihr habt, ist die Angst vor den vielen Gestalten des Todes. Mitten im Sturm ist aber einer bei euch, der euch nahe ist, und der Gott nahe ist: Jesus Christus. Wenn er da ist, dann kehrt Ruhe ein. Er ist die Ruhe. Uns bleibt freilich das Rufen. Dann verlässt uns Jesus nicht. Dann bleibt er bei uns alle Tage - das hat er uns bei seinem Weggang aus dieser Welt versprochen.

 

13. Sonntag: "Glauben und Vertrauen"

Einführung

Liebe ist die Fähigkeit, auf andere Menschen einzugehen; andere immer besser zu verstehen; mit den anderen nie fertig zu sein. Unser Glaube an Gott, unser Glaube an Jesus Christus ist dem nicht unähnlich. Der Glaube ist die Bereitschaft und das Bemühen, den mehr und mehr zu erkennen, dem wir das Ja gegeben, dem wir alles zu verdanken haben. Es ist die Bereitschaft, uns ihm mehr und mehr zu überlassen; uns ihm anzuvertrauen: "Herr, zu wem sonst sollen wir denn gehen?" Wir wollen uns darum zu Beginn der Eucharistiefeier, in deren Lesungen es um diesen lebendigen Glauben geht, wieder besinnen. Und wir wollen bekennen, wie klein unser Glaube und unser Vertrauen immer noch ist.

    Herr Jesus Christus, du hast zur geheilten Frau gesagt: dein Glaube hat dir geholfen
    - Herr, erbarme dich!
    Du hast zum Vater des toten Kindes gesagt: sei ohne Angst
    - Christus, erbarme dich!
    Du rufst auch uns zum Glauben und zum Vertrauen auf dich
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Herr Jesus Christus, du rufst die Menschen damals und auch heute zum Glauben und zum Vertrauen auf dich, den Heiland und Erlöser. Darum kommen wir mit unseren Bitten zu dir:

  • Für die Kirche, die Gemeinschaft der Glaubenden: dass sie deine Worte ernst nimmt und in der Liebe zu dir wächst!
  • Für die Verantwortlichen in Staat und Gesellschaft: dass sie sich im christlichen Geist um Gerechtigkeit und Frieden bemühen!
  • Für uns, die wir uns Christen nennen: dass wir in der Liebe zu dir und im Glauben an dich wachsen!
  • Für die Vielen, die dich nicht kennen, weil niemand ihnen die Botschaft brachte: dass sie Menschen finden, die sie zum Glauben führen!
  • Für unsere verstorbenen Brüder und Schwestern: dass sie im Reich deines Vaters Frieden und Heimat finden für immer!

Herr Jesus Christus, lass uns in dir den wirklichen Heilbringer erkennen! Lass uns auf dich, das einzig feste Fundament, und nicht auf Sand bauen! Dir sei Lob und Ehre in Ewigkeit! Amen.

Predigt

Von zwei Wundern oder Zeichen berichtet das heutige Evangelium. Jesus heilt die an Blutungen leidende Frau und ruft die Tochter des Synagogen-Vorstehers Jairus ins Leben zurück. Und er zeigt in diesen Zeichen seine göttliche Macht. Er weist mit diesen Zeichen hin auf seine Sendung durch den Vater im Himmel. Aber anscheinend bedarf es nicht nur der Wundermacht des Herrn, als ob sie schrankenlos walten könne. Sondern offenbar muss im Menschen dieser Macht, Wunder zu wirken, eine Haltung entsprechen, die dieser Wundermacht des Herrn den Weg ebnet. Es ist die Haltung des Glaubens. Zur geheilten Frau spricht Jesus: "Meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen." Und zu Jairus sagt Jesus: "Fürchte dich nicht! Glaube nur!"

Offensichtlich geht es also im heutigen Evangelium nicht so sehr um die Wundermacht des Herrn (die ist ja unbestritten), sondern um den Glauben der betroffenen Menschen an diesen rätselhaften Menschen Jesus von Nazareth und seine Macht, solche Zeichen zu wirken. Es geht aber auch darum, dass wir, die wir diese Begebenheit hören, zum Glauben an Jesus Christus gelangen. Was meint aber dieser Glaube an Jesus Christus? Was meint der Glaube, der von den Zeitgenossen Jesu, aber auch von jedem von uns gefordert ist? Was bewirkt dieser Glaube? Darüber wollen wir uns einige Gedanken machen.

Im Katechismus haben wir einmal gelernt: "Der Glaube ist das Fest-für-wahr-halten dessen, was Gott gesagt hat." Dieser Satz ist selbstverständlich richtig. Aber wir sollten doch bei diesem Satz etwas näher zusehen. In diesem Satz sind nämlich zwei Dinge enthalten, die wir sehr wohl auseinander halten sollten. Einmal ist es der Glaubens-Inhalt; also das, was ich fest für wahr halten soll. Auf der anderen Seite ist es dieses "Fest-für-wahr-halten" selbst. Wir achten oft zu sehr auf den Glaubens-Inhalt und lassen außer acht, wie dieses "Fest-für-wahr-halten" überhaupt möglich ist und zustande kommt. Dieses "Fest-für-wahr-halten" ist im eigentlichen Sinn erst "Glauben". Der Glaubens-Inhalt ist "Glaube" erst in einem abgeleiteten Sinn.

Wenn "Glaube" im eigentlichen Sinn nicht der Glaubens-Inhalt ist, dann ergibt sich sofort, dass es ein Missverständnis ist, in unserem christlichen "Glauben" einen festen Besitz zu sehen, ein genau umschreibbares Denk-System mit einem klar umschriebenen Inhalt. Unser Glaube ist doch keine Sache, kein Ding, das ich habe; und es ist ein für allemal damit getan. Unser Glaube ist auch kein Programm, kein System der Lebenshilfe, mit dem ich mich besser im Leben zurechtfinden, es besser bewältigen kann. Wenn wir dieser Meinung sind, dann müssen wir uns über kurz oder lang nach einem anderen System umschauen. Unser Glaube gibt uns nämlich auf viele Fragen des Lebens keine eindeutige und fertige Antwort.

Unser Glaube ist auch nicht nur die Annahme von Glaubens-Sätzen. Ich glaube nicht an Sätze; ich glaube einem lebendigen Gegenüber. Es handelt sich bei unserem christlichen Glauben um eine Beziehung zwischen zwei Personen. In unserem christlichen Glauben ist es Gott selber, ist es Jesus Christus selber, dem geglaubt wird, und an den geglaubt wird; und der selber, seine Person, der Inhalt des Glaubens ist. Der lebendige Gott, der Gottmensch Jesus ist der Inhalt des Glaubens, nicht irgendwelche Sätze über ihn. Voraussetzung dafür ist freilich, dass er sich kundgetan und offenbart hat. Diese Offenbarung ruft nach einer Antwort. Sie ruft nach unserem Verstehen; sie ruft nach unserer Liebe und nach unserem Vertrauen.

Dass zwei Freunde sich gut verstehen, das beruht darauf, dass jeder zur Person des anderen ein liebendes Ja gesprochen hat; dass er ihn menschlich angenommen hat. Nur auf der Basis der Liebe und des Vertrauens ist Glaube erst möglich - nicht nur unter Menschen; auch zwischen den Menschen und Gott. Und diese Liebe, diese Vertrautheit kann und muss wachsen. Sie wächst, je mehr ich z. B. an den geliebten Menschen denke; in unserem Fall: je mehr ich an Gott denke, an Jesus Christus; je mehr ich mich in ihn hinein denke. Da werde ich nie an ein Ende kommen, so wie ich auch nie einen Menschen restlos kennen lerne. Mit einem anderen Menschen bin ich eigentlich nie fertig. Liebe ist immer offen zur je größeren Tiefe und Innigkeit. Und im selben Maße wächst unser Glaube.

Noch etwas ist zu beachten. Jede Liebe ist ein Wagnis, weil sie ein Aufgeben seiner selbst bedeutet und notwendig mit sich bringt, wenn und soweit die Liebe echt ist. Auch jeder Glaube ist ein Wagnis. Er bedeutet ein Sich-ein-lassen, ein unbedingtes und restloses Vertrauen zu jenem rätselhaften Menschen Jesus von Nazareth, an dem keiner vorbeigehen kann, an dem sich aber auch die Geister scheiden. Bemühen wir uns um dieses Verstehen Jesu? Lieben wir ihn? Gehen wir das Wagnis der Liebe zu ihm ein?

Daraus ergibt sich eine Folgerung. Wenn wir so den Glauben, unseren Glauben verstehen als das liebende Offensein für unser Gegenüber Jesus Christus, der sich bezeugt hat in Wort und Werk als Gottes Sohn; wenn wir den Glauben verstehen als das Hörenkönnen, das nur möglich ist aus der Liebe, aus der Sympathie für dieses Gegenüber; wenn wir den Glauben verstehen als das absolute Wagnis und deshalb als die freieste Tat des Menschen - dann ist klar, dass dieser Glaube nicht erzwingbar ist; dass er genau wie jeder andere religiöse Akt nicht mehr das wäre, was er sein sollte: die freie Entscheidung des Menschen für Jesus Christus; die Liebe zu Jesus Christus.

Wir sind anscheinend weit abgekommen vom heutigen Evangelium. Ich meine aber: wir stehen genau in der Mitte. Die kranke Frau und der unglückliche Vater haben diesen lebendigen Glauben an Jesus Christus gehabt. Und dieser lebendige Glaube wurde ihnen zur Hilfe und zum Heil. Der Glaube dieser beiden Menschen bestand im Vertrauen, im Ja zu Jesus, in der Liebe zu ihm: Herr, zu wem sonst sollen wir denn gehen? Es war das Vertrauen, das alles von ihm erwartet; das Wagnis, sich mit ihm einzulassen. Und genau das ist die Stoßrichtung des heutigen Evangeliums in unser eigenes Leben hinein. Lassen wir uns vom Glauben an den heilenden und Leben spendenden Herrn durchdringen? Lassen wir uns auf ihn ein in Liebe und Vertrauen? Er vermag uns zu heilen, wenn wir krank sind. Er gibt uns das Leben, wenn wir "tot" sind. Immer wieder haben wir es nötig: geheilt zu werden; zum Leben erweckt zu werden.

 

14. Sonntag: "Im Heute glauben"

Einführung

Wer ist Jesus eigentlich? Wer ist er für uns? Was bedeutet er uns? Am heutigen Sonntag konfrontiert uns das Evangelium mit diesen Fragen. In der Synagoge von Nazareth, beim Sabbat-Gottesdienst, kommt es zum Eklat: "Sie nahmen Anstoß an ihm und lehnten ihn ab... Und Jesus wunderte sich über ihren Unglauben." Sie - das waren keine Atheisten; es waren religiös engagierte Leute. Zuweilen hat man den Eindruck, das sei heutzutage nicht anders: das Unverständnis, die Missverständnisse, der Unglaube. Wo stehen wir? Wie stehen wir zu Jesus? Wir wollen uns zu Beginn der Eucharistiefeier darauf besinnen. Denn wir können diese Feier der Danksagung für Erlösung nur begehen als Glaubende.

    Herr Jesus Christus, du bist von deinem Vater gesandt als Messias und Retter
    - Herr, erbarme dich!
    In dir ist auch uns Erlösung und Heil zuteil geworden
    - Christus, erbarme dich!
    Du rufst uns zum Glauben und in deine Gefolgschaft
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Voll Vertrauen beten wir zu unserem Herrn Jesus Christus, der uns nahe ist, weil er einer von uns geworden ist und hier auf dieser Erde lebte.

  • Für die Christen in aller Welt: dass sie die Worte Christi ernst nehmen und entschlossen danach streben, zu werden, wie er war!
  • Für die vielen Menschen, die in Jesus nur eine bedeutende Gestalt der Geschichte sehen: dass sie verstehen, wer er ist, und in ihm den sehen, den Gott zu uns gesandt hat!
  • Für die Unentschiedenen, die nicht wissen, welchen Leitbildern sie nacheifern sollen: dass sie sich der Führung Christi anvertrauen!
  • Für die große Zahl der Nicht-Christen, die sich an die Botschaft ihrer Lehrer halten: dass sie die Fülle der Wahrheit entdecken, die uns Christus gebracht hat!

Herr Jesus Christus, lass alle Menschen in dir den ewigen und wirklichen Heilbringer erkennen! Gib uns die Kraft und den Mut, dass wir auf dich, das einzig feste Fundament, und nicht auf Sand bauen, der du lebst und herrschst in Ewigkeit. Amen.

Predigt

Das heutige Evangelium erzählt von Jesu Auftreten in seiner Vaterstadt Nazareth. Ausgerechnet hier trifft er auf die Ablehnung durch Bekannte und Verwandte. Er trifft auf das Unverständnis, auf Unglauben. Und das nicht bei sogenannten Atheisten, sondern bei religiös engagierten Leuten - die Begebenheit spielt ja in der Synagoge beim Sabbat-Gottesdienst. Doch brauchen wir nicht 2000 Jahre zurück zu gehen, um auf das Unverständnis, um auf den Unglauben gegenüber Jesus zu stoßen, um uns über die Leute damals zu entrüsten. Nazareth ist mitten unter uns. Ich gebe Ihnen einige Kostproben dieses Denkens aus jüngster Zeit, von einem "engagierten" Christen, der in einer Zeitschrift seine Auffassungen über Jesus und den christlichen Glauben kundgetan hat. Ich zitiere: "Es gibt keine absolute Wahrheit!... Der Absolutheitsanspruch der Botschaft Jesu und der Christen muss überwunden werden... Jesus ist nicht der Erlöser der Menschen, sondern (nur) für die Christen der Vermittler, in dem das universale Heil Gottes konkret geworden ist... Erlösung ist zu verstehen als ein ‚Er-Innern', wer wir wirklich sind. Erlösung ist nicht zu machen, von wem auch immer. Die ‚Erlöser-Funktion' Jesu besteht darin, uns hinzuführen zur Erkenntnis unseres wahren Wesens."

Unser Herr Jesus ist also nicht nur in seiner Vaterstadt Nazareth dem Unverständnis, den Missverständnissen, ja dem Unglauben begegnet. Auch in unserer Zeit, in unserem Land, ja in unserer Kirche zeigt sich das Unverständnis; es zeigt sich der Unglaube - und zwar nicht nur bei den Atheisten, sondern bei sogenannten "engagierten" Christen. Es zeigt sich das Unvermögen, in Jesus mehr zu sehen als nur einen großen Menschen; in Jesus den Messias, den Sohn Gottes, ja Gott selbst zu sehen, zu entdecken. Es geht - in der Begegnung mit Jesus - immer, also auch heute, um diese "Entdeckung" Gottes in diesem Jesus von Nazareth. Gerade das heutige Evangelium kann uns bei dieser "Entdeckung", wer Jesus ist, wer Jesus für uns ist, einige deutliche Hinweise geben, eine Hilfe sein. Um den Sinn der Erfahrung von Nazareth aber besser zu verstehen, müssen wir zunächst den Zusammenhang beachten, in dem unsere Begebenheit steht.

Es gehen einige Gleichnisse voraus, in denen Jesus das Wesen der anbrechenden Gottesherrschaft deutlich macht. Diese Gleichnisse zeigen, welchen Eindruck Jesu Worte machen: "Die Menschen waren sehr betroffen von seiner Lehre; denn er lehrte sie wie einer, der göttliche Vollmacht hat." (Mk. 1, 22) - So heißt es zu Beginn des Markus-Evangeliums. An diese Gleichnisse schließen sich drei Wunderberichte an. Jesus erweist sich bei der Stillung des Seesturms als Herr über das Chaos der Natur; er erweist sich als Herr über die dämonischen Mächte; er erweist sich bei der Auferweckung der Tochter des Jairus als Herr auch über den Tod. Es geht aber nie nur um die Gleichnisse an sich; es geht auch nicht nur um die Wunder an sich. Sondern in Jesu Leben, in seinen Machterweisen liegt ein Anspruch. Es ist der Anspruch, mehr zu sein als nur ein Mensch. Es ist der Anspruch auf den Glauben der Augenzeugen, sich dem fordernden Herrn nicht zu versagen im Unglauben. Genau das aber ist in seiner Vaterstadt Nazareth der Fall. Niemand lässt sich von seiner Lehre und von seinen Machterweisen beeindrucken. Im Gegenteil, man nimmt Anstoß daran. Man lehnt Jesus ab, weil man der Meinung ist, ihn genau zu kennen. Letztlich lehnt man Jesus aber ab, weil man einen anderen Heilbringer erwartet. Und das ist damals nicht anders als heute. Hier merken wir aber auch, dass es in den Evangelien nie nur um Begebenheiten der Vergangenheit geht, sondern wie wir heute gefragt sind, zum Glauben herausgefordert sind.

Zunächst wird uns klar gemacht, worin Jesus selbst seine Aufgabe gesehen hat. Er hat das gegenwärtige Heil Gottes zu verkünden. Mit ihm - das sollen die Menschen erkennen - ist tatsächlich das Reich Gottes angebrochen. Er ist der "Immanuel", der "Gott-mit-uns". Es gibt keinen anderen Weg mehr zu Gott, zum Heil. Und an den Zuhörern liegt es nun, ob seine Botschaft "ankommt" oder im Unglauben abgelehnt wird. Wird sie abgelehnt, erwartet der Mensch sein Heil nicht von Jesus, so bedeutet das für den Menschen die Verurteilung, weiter suchen zu müssen; selber Sinn stiften zu müssen; den Sinn des Lebens letztlich im Diesseits zu finden. Stellen wir uns die Frage: Woher erwarten wir eigentlich unser Heil, unsere Erfüllung, unser Glück? Wen verehren wir als Heilbringer? Doch: "Es ist uns kein anderer Name gegeben, in dem wir selig werden können." Jesus Christus ist das Heil der Welt.

Ein zweites wird in unserem Text deutlich: Was Jesus eigentlich unter "Glauben" versteht. Glaube ist für Jesus weder ein blindes "Fest-für-wahr-halten", noch eine Art Wahrscheinlichkeitsrechnung (hier mit Hilfe von Wundern). Glaube ist vielmehr das Vertrauen zu Gott ohne Vorbehalt. Die Wunder, die Jesus gewirkt hat, können den Glauben bestätigen; sie stellen auf den Weg. Sie begründen nicht den Glauben. Schon in der Versuchungs-Geschichte lehnt Jesus ausdrücklich Wunder für seine Person ab. Indem Jesus aber seinen Zuhörern diesen Glauben, dieses Vertrauen zumutet, lässt er keinen Zweifel daran, dass die Erwählung durch Gott, die dem Volk Israel zuteil wurde, und die Verheißungen der Propheten dieses Volk und die Menschen überhaupt Gott gegenüber verpflichten; dass sie ihm aber keinerlei Rechte Gott gegenüber einräumen außer dem, dass ihm die Frohbotschaft zuerst verkündet wird, und dass der Verheißene in seiner Mitte entsteht. Auch hier wieder die Frage an uns: Glauben wir wirklich daran, dass in Jesus von Nazareth der ewige Gott selber in unsere menschliche Erfahrungswelt hineingekommen ist? Oder sehen wir in ihm nur einen großen, einen bedeutenden Mann der Geschichte? Nur wenn wir an Jesus als an den Sohn Gottes glauben, als das Heil der Welt und des eigenen Lebens, nur dann glauben wir im christlichen Sinn; nur dann glauben wir so, wie es die Evangelien, wie es Jesus will.

In unserer Begebenheit deutet sich aber auch schon an, was Jesus von seinem eigenen Volk zu erwarten hat; was Unglaube im letzten bewirkt. Die frohe Botschaft Gottes wird verworfen, weil Jesus, der Sohn Josefs aus Nazareth, sie anbietet. Selbstverständlich stehen für den Evangelisten die Leute von Nazareth für das jüdische Volk und seine Führer. Ihr Verhalten verweist darum auch auf die Zukunft: einmal auf das Kreuz, das die letzte Konsequenz des Unglaubens ist; und auf die selbstverschuldete Heillosigkeit. Der erste Schritt in diese Heillosigkeit ist mit der Trennung Jesu von seiner Heimatstadt gegeben. Auch hier die Frage an uns: Rechnen wir eigentlich noch mit der Möglichkeit, im Unglauben das Heil zu verfehlen, die Heillosigkeit zu wählen?

Das heutige Evangelium kann uns darum einige Anregungen geben zu fragen: Was bedeutet uns Jesus Christus? Was bedeutet uns "Glaube"? Und wir merken: Wir sind von Jesus in eine Entscheidung gerufen. Dabei geht es nicht um Nebensächlichkeiten. Es geht um die alles entscheidende Frage, ob wir auf ihn unser Leben gründen, oder ob wir etwas anderes zum Fundament unseres Lebens machen; ob wir von etwas anderem das Heil erwarten. Lasst uns nun den Herrn bitten, der uns in diese Glaubens-Entscheidung ruft, dass wir an ihn glauben als das Heil der Welt und des eigenen Lebens; dass wir in ihm sehen den Messias, den Sohn Gottes, Gott selber. Wenn wir zu ihm Ja sagen, wenn wir uns um dieses Ja des Glaubens bemühen, dann stehen wir in seiner Gnade, in seiner Liebe. Aber billiger als dieses vorbehaltlose Ja des Glaubens geht es nicht.

 

15. Sonntag: "Jüngersein - Auftrag Gottes"

Einführung

Wer sich in der Welt durchsetzen will, der muss auf dem Klavier der Macht spielen können. Die Macht aber hat vielerlei Namen und Gesichter: Energie, Geld, Intelligenz, Beziehungen, Organisation, Waffen. Der Jünger Jesu hat nicht den Auftrag erhalten, sich durchzusetzen. Er soll vielmehr das Wort Gottes zu den Menschen tragen. Er soll Zeuge Gottes sein in der machthungrigen, in dieser machtbesessenen Welt. Und er soll dem Wort Gottes Raum geben in seinem eigenen Leben. Die Menschen werden der Botschaft Jesu vom Heil Gottes, sie werden uns Christen nur Glauben schenken, wenn ihnen diese Botschaft als gelebte Wahrheit begegnet.

    Herr Jesus Christus, du rufst und sendest deine Jünger als Boten des Evangeliums
    - Herr, erbarme dich!
    Du verlangst von deinen Jüngern die Bereitschaft zum selbstlosen Dienen
    - Christus, erbarme dich!
    Du rufst auch uns, lebendige Zeugen deiner Wahrheit zu sein
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Wir beten zu unserem Herrn Jesus Christus, der die Menschen in seinen Dienst ruft, damit sie die Botschaft von Gottes Güte und Liebe verkünden und glaubhaft bezeugen:

  • Für die Glaubenden und die Boten der Frohbotschaft: dass sie durchdrungen sind von ihrer Berufung und von der göttlichen Kraft deiner Botschaft!
  • Für die Glaubenden und die Boten der Frohbotschaft: dass sie nicht abhängig werden von den materiellen Dingen und frei werden für dich und die Menschen!
  • Für die Glaubenden und die Boten der Frohbotschaft: dass sie sich nicht entmutigen lassen, wenn sie keinen Anklang finden!
  • Für uns, die wir zur Gemeinschaft der Glaubenden gehören: dass wir erkennen, zuerst bei uns selbst zu beginnen, wenn sich dein Reich in der Welt ausbreiten soll!

Herr Jesus Christus, du willst, dass deine Frohbotschaft verkündet wird - ob gelegen oder ungelegen. Gib uns den Mut und die Kraft, in Wort und Tat einzutreten für dich, der du lebst und herrschst in alle Ewigkeit. Amen.

Predigt

Wenn wir die "Aussendungsrede" Jesu mit den heutigen kirchlichen Verhältnissen bei uns in Deutschland in Beziehung bringen, dann könnten einem schon merkwürdige, ja ketzerische Gedanken kommen. Von der materiellen Anspruchslosigkeit der zwölf Apostel, die von Jesus ausgesandt werden, ist heute anscheinend kaum mehr etwas zu spüren. Das "Bodenpersonal" des lieben Gottes hierzulande hat doch beste Voraussetzungen nicht nur in materieller Hinsicht, die Frohbotschaft den Menschen nahe zu bringen. Ausstattung der Pfarrgemeinden und Ausbildung der Hauptamtlichen (wie das heute so schön heißt) bieten Möglichkeiten, von denen man in früheren Zeiten und anderswo in der Welt nur träumen konnte, von sonstigen "Privilegien" ganz zu schweigen. Ist es da verwunderlich, dass mit dem kirchlichen Amt, dass mit der Anstellung zu einem kirchlichen Dienst auch eine Art "Beamten-Mentalität" Einzug in die Kirche gehalten hat? Eine Mentalität, die zwar das äußere Funktionieren garantiert, aber offensichtlich die innere Schwindsucht nicht verhindert, gar noch fördert? Ginge es der Christenheit hierzulande vielleicht nicht wesentlich besser, wenn es uns nicht so gut ginge? Ich meine, sowohl das heutige Evangelium wie auch die Lesung aus dem Prophetenbuch des Amos könnten uns zu einer heilsamen Besinnung verhelfen.

Nun, dieses Funktionärs-Denken, diese "Beamten-Mentalität" ist nichts Neues. Das hat es auch früher schon gegeben. Als unser Herr Jesus durch das gelobte Land zog, da gab es in Israel durchaus eine vom Heiligtum, vom Tempel genährte "Beamtenschaft", eine Priesterschaft mit unterschiedlichen Rängen und Diensten. Jesus hat - und das ist zu beachten - nicht diese Leute um sich versammelt; die hatten ja auch etwas zu verlieren, wenn sie sich Jesus anschlossen. Sie lehnten ihn ab - nicht nur aus dem Grund, weil seine Art zu denken und zu handeln sie in Frage stellte. Jesus hat andere Männer in seine Nähe gerufen. Und die hielt er dazu an, ohne Brot und ohne Vorratstasche von Stadt zu Stadt zu ziehen und sich um die eigenen "Brötchen" keine Sorgen zu machen - im Gegensatz zu dem, was viele damals, aber auch heute vom "Brötchen-Geber" Tempel oder Kirche offensichtlich erwarten, ja als ihr Recht verlangen. Jesus hat offensichtlich anspruchslose Leute für mehr geeignet gehalten, den Menschen mitzuteilen, dass die Gottesherrschaft gekommen sei; dass die Menschen zur Umkehr bereit sein sollen; dass die Heilszeit Gottes angebrochen ist. Jedenfalls ist es so im heutigen Evangelium zu hören: Jesus gebot den Zwölfen, "außer einem Wanderstab nichts auf den Weg mitzunehmen, kein Brot, keine Vorratstasche, kein Geld im Gürtel, kein zweites Hemd und an den Füßen nur Sandalen". Gewiss, wir leben heute in einer anderen Zeit. Aber vielleicht sollte man sich die Sätze des heutigen Evangeliums öfters als Spiegel vor Augen halten - übrigens nicht nur die Leute in kirchlichen Ämtern und Diensten. Jeder Christ sollte sich die Worte des Herrn hinter die Ohren schreiben.

Es lohnt sich, noch näher auf das Evangelium einzugehen. Jesus will nicht nur den Zwölfen klar machen, dass seine Diener nichts anderes zu bringen haben als ihre Botschaft. Und kein äußerer Aufwand und keine äußeren Mittel sollen von dieser aufgetragenen Botschaft ablenken, sie gar verdunkeln. Die Seinen sind nichts anderes als Boten, und sie haben nichts anderes zu verkünden als diese Botschaft. Selbstverständlich brauchen sie eine Ausrüstung: Wanderstab, Rock und Sandalen. Natürlich brauchen sie eine Unterkunft. Aber - sie sollen keine Ansprüche stellen und keine Sorge darauf verwenden. Entscheidend ist vielmehr, dass sie sich der Bedeutung der anvertrauten Botschaft bewusst sind: Es geht um die Umkehr der Menschen zum Herrn. Es geht darum, klar zu machen, dass in diesem Jesus die Heilszeit Gottes angebrochen ist; dass dieser Jesus das Heil der Welt ist. Diesen göttlichen Anspruch ihres Herrn und Meisters haben sie herauszustellen. Das haben sie zu ihrem Lebensinhalt zu machen. Wo es um die eigene Person geht, da sollen sie ganz anspruchslos sein. Sie sollen ihr Vertrauen nicht auf die äußeren Güter und auf die äußeren Mittel setzen, sondern auf den Herrn, in dessen Namen sie ihren Dienst tun.

Damit wir aber nicht meinen, der entscheidende Punkt sei die Bedürfnislosigkeit der Boten, also die Armut als solche, hat die Kirche als erste Lesung heute eine Szene aus dem Leben des Propheten Amos dazu gestellt - eines Propheten aus dem Südreich Juda, der aber in Israel, dem Nordreich, im 8. Jahrhundert vor Christus auftrat. Er sagte das, was er im Auftrag Gottes zu sagen hatte, im Heiligtum von Bethel. Der Oberpriester dieses Heiligtums gab ihm den guten Rat zu verschwinden. Amos darf seine prophetische Botschaft deshalb in Bethel nicht ausrichten, weil Bethel ein "Heiligtum des Königs und ein Reichstempel" ist. Dieses Geflecht von Macht und Priesterschaft muss die Kritik des Amos an der sozialen Ungerechtigkeit, an der Unterdrückung und Ausbeutung der kleinen Leute, erst recht am Götzendienst unterbinden. Ganz wohl fühlt sich der Priester Amazja dabei allerdings nicht. Deshalb rät er dem Propheten zu fliehen, bevor der königliche Ausweisungsbefehl eintrifft. Amazja meint, Amos könne sich ja in seinem Heimatland Juda sein Brot als Prophet verdienen. Das sticht dem Amos ins Herz. Wird er doch denen zugezählt, die als Propheten auftreten, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Dieser Unterstellung begegnet Amos mit dem Hinweis, dass er ein wohlhabender Mann ist, der sich um sein Brot keine Sorgen zu machen braucht. Was ihn allein nach Bethel treibt, und was ihn zum Propheten macht, ihn gleichsam dazu nötigt, das hat darin seinen Grund, dass ihn der Ruf Gottes, dass ihn das Wort Gottes getroffen hat; dass Gott ihm gerade für Bethel einen Auftrag gegeben hat. Deshalb sein Auftreten als Prophet, der zur Umkehr ruft.

Ob die anspruchslosen Jünger unseres Herrn, ob der reiche, aber von Gott heraus gerufene Prophet Amos - ihnen allen ist gemeinsam, dass sie weder staatliche noch kirchliche "Beamte", Funktionäre sind. Sie haben von anderswoher ihren Auftrag, ihre Sendung erhalten. Sie sind vom Herrn in Dienst genommen worden. Das ist das Entscheidende. Und das hat auch die Kirche als die Gemeinschaft der Glaubenden nie vergessen; das darf sie nie vergessen. Sie muss sich immer daran erinnern lassen, von wem sie eigentlich gerufen ist; wem sie zu dienen hat. Wir können also das heutige Evangelium und die Lesung aus dem Amos-Buch nicht als Waffe gegen die Kirche verwenden, wie das leider nur zu oft geschieht - merkwürdigerweise meist von solchen Leuten, deren "Brötchengeber" die Kirche ist. Die Kirche selbst hat ja diese Lesungen aus ihrer Heiligen Schrift ausgewählt. Sie hält sich selbst in diesen Lesungen einen Spiegel vor Augen. Und selbst wenn sie sich immer wieder ins Gegenteil verstrickt und nach der Art der Welt sich um Macht, um Ansehen, um Einfluss, um Sicherungen, um Absicherungen bemüht, sie will im letzten das, was in diesen Texten ausgesprochen ist. Sie will, was Gott will; was der Herr Jesus von den Seinen wünscht: den Dienst um des Herrn willen; die Botschaft von Gottes Heil und Güte den Menschen bringen; Zeugnis geben von Gottes Engagement für uns: für seine Liebe, die offenbar geworden ist im Liebestod Jesu Christi. Diese Botschaft haben die Glaubenden, ob sie Priester sind oder Laien, zu verkünden.

 

16. Sonntag: "Vom Frieden auf Erden"

Einführung

Die Lesungen des heutigen Sonntags enthalten zwei scheinbar völlig verschiedene Stichworte: das Bildwort vom Hirten und den Schafen (so der Prophet Jeremia und das Evangelium) und das Wort vom "Frieden" in der Lesung aus dem Epheserbrief. Damit die Menschen, damit wir keine hirtenlose Masse werden, bedürfen wir des guten Hirten, der sich unser annimmt; der uns Geborgenheit und Heil schenkt; der uns - in den Worten der Bibel - "Frieden" schenkt: das Heil- und Geborgensein in Gott, dem Gott des Friedens; das Heil- und Geborgensein in Jesus Christus, der nach den Worten des heiligen Paulus "unser Friede" ist. Besinnen wir uns und bitten wir den Herrn, dass er uns Heil und Geborgenheit schenkt; dass er unser "Friede" sei.

    Herr Jesus Christus, du hast Mitleid mit denen, die keinen Hirten haben
    - Herr, erbarme dich!
    Du willst allen Heil und Geborgenheit schenken
    - Christus, erbarme dich!
    Du willst auch uns in der Unruhe unserer Tage den Frieden gewähren
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Voll Vertrauen beten wir zu unserem Herrn Jesus Christus, der gekommen ist, den Frieden zu bringen, und der diejenigen selig preist, die Frieden stiften.

  • In unserer Zeit gibt es immer wieder Kriege und Gewalttaten: Bewahre die Mächtigen der Erde vor dem Glauben, mit Krieg und Gewalt Frieden schaffen zu können!
  • In unserer Zeit gibt es so viel Unrecht: Bewahre uns davor, unsere Mitmenschen auszunützen und zu unterdrücken!
  • Frieden erwächst allein aus der Gerechtigkeit: Gib uns die Kraft, unseren Mitmenschen das ihnen Zukommende zu gewähren!
  • In der Bergpredigt werden selig gepriesen, die Frieden stiften: Gib uns die Kraft, immer wieder den ersten Schritt zu tun!

Gott der Liebe und des Friedens, dein Sohn hat sein Leben hingegeben für uns. Wecke bei uns die Einsicht, dass der Einsatz für die Gerechtigkeit in der Welt und der Dienst am Leben der anderen uns und der Welt zu Heil und Frieden dient. Das gewähre uns durch Christus, unseren Herrn! Amen.

Predigt

In der Lesung aus dem Epheserbrief, die wir eben gehört haben, kommt dreimal das Wort "Frieden" vor. Zunächst heißt es: "Jesus Christus ist unser Friede." (v. 14) Dann wird gesagt: "Er stiftete Frieden... durch das Kreuz." (v. 15-16) Und schließlich heißt es: "Er kam und verkündete den Frieden: euch, den Fernen, und uns, den Nahen." (v. 17) Ich meine, es sei angebracht, etwas zum Thema "Frieden" zu sagen - übrigens nicht nur aus dem Grund, weil das Wort dreimal in der heutigen Lesung vorkommt.

Zu allen Zeiten war das Wort vom "Frieden" eines der am meisten gebrauchten, deshalb wohl auch eines der am meisten missbrauchten Wörter. Die Wirklichkeit der Kriege, die wir selbst miterlebt haben und immer noch erleben, die Wirklichkeit der Gewalttaten (auch im Namen der Gerechtigkeit), die Wirklichkeit der geballten Fäuste, die uns immer wieder erschrecken, könnte uns dazu verleiten, das Wort vom "Frieden" als eines der vielen leeren, der vielen hohlen Wörter zu verstehen, die allenfalls dazu dienen, gutgläubige und naive Menschen zu täuschen. Wann gab es jemals eine Zeit der Gewaltlosigkeit? Wann gab es jemals einen wirklichen Frieden, der allen gerecht wurde? Und wann gab es jemals einen Frieden, der nicht in sich schon den Keim folgender, noch blutigerer, noch grausamerer Kriege und Gewalttaten in sich trug? Ja, müssen nicht wir Christen (aus dem Wissen um Sünde und Schuld und Bosheit der Menschen) von vornherein allen Friedensparolen gegenüber, vielleicht gar allen Friedensbemühungen gegenüber skeptisch sein? Oder sind wir Christen vielleicht diejenigen, die den eigentlichen Zugang zum "Frieden" haben, zu einem Frieden freilich, den die Welt offensichtlich nicht geben kann, wie Jesus einmal ausdrücklich sagt. Was meinen wir Christen eigentlich, wenn wir vom Frieden sprechen und vom Bemühen um den Frieden?

Die Bibel versteht unter "Friede" zunächst das Heilsein des Geschöpfes vor Gott. Wahrer "Friede" kommt allein von Jahwe, das ist die Überzeugung des Alten Testamentes. "Friede" meint das Zusammenwirken der Geschöpfe in einer Lebensordnung, die auf dem göttlichen, die auf der Anerkennung der göttlichen Gebote gründet. Wenn das aber der Fall ist, können wir Christen dann realistischer Weise heute überhaupt erwarten, dass es so etwas wie einen wirklichen Frieden gibt, wenn die Anerkenntnis Gottes und seines Gebotes die Voraussetzung dafür ist? Dieses Heilsein des Menschen vor Gott, dieser "Friede" also ist der Inhalt des Bundes Gottes mit den Menschen. Deshalb spricht das Alte Testament an vielen Stellen von einem "Bund des Friedens", den Gott mit seinem Volk geschlossen hat. Garanten dieses Gottesfriedens sind aber nicht äußere Gegebenheiten, äußere Machtmittel, auch nicht Gesetz und Tempel. Garant ist letztlich Gott allein. Von uns Menschen aus gesehen begründen diesen Frieden nur die Liebe zu Gottes Gebot und eine tätige Nächstenliebe. Sie machen uns fähig zum Empfang des göttlichen Friedens.

Im Neuen Testament wird diese Auffassung vom "Frieden" weitergeführt und vertieft. Der Garant und Bürge des neuen Friedensbundes zwischen Gott und Mensch ist Jesus Christus. Der Glaube an ihn als den Gottgesandten, als den Sohn Gottes schafft erst den Raum für den wahren Frieden, für das Heilsein des Menschen vor Gott. Darum gipfelt die neutestamentliche Botschaft des Friedens in dem Satz des Epheserbriefes: "Er ist unser Friede." Wir haben es soeben in der Lesung gehört. Und Jesus Christus ist der Vermittler des göttlichen Heils an uns Menschen. Darum ist die Frohbotschaft von Jesus Christus das "Evangelium des Friedens" (Eph. 6, 15), und der Gott dieser Frohbotschaft wird angerufen als der "Gott des Friedens" (1. Thess. 5,23). Um den Einklang mit diesem Gott des Friedens, der allein das Heilsein des Menschen ermöglicht, geht es für uns Menschen. Auch hier darf man die Frage stellen: Wenn das alles stimmt, müssen da nicht wir Christen uns eine gesunde Skepsis bewahren gegenüber allen Worten und Parolen vom Frieden, die nicht auf der Basis Gott gesprochen sind, die Gott also nicht anerkennen?

Diese heile Beziehung des Menschen zu seinem Gott muss sich allerdings auswirken auf das Verhältnis der Menschen untereinander - im kleinen und im großen! Da gilt: Wer diesen Frieden Gottes, wer dieses Heilsein, wer diese Gewaltlosigkeit verwirklicht, wer sich darum müht, Streit zu schlichten, Entzweite zu versöhnen, der ist auf der Suche nach Gott selbst. Und selig sind diejenigen, denen es gelingt, Frieden zu stiften; sie werden Söhne Gottes genannt werden, wie es in der Bergpredigt heißt.

Ergibt sich aus dem Gesagten, aus der biblischen Auffassung dessen, was "Friede" eigentlich meint, eine Verpflichtung und eine Verantwortung des Christen für den Frieden in dieser Welt, auch für den Frieden der Waffen? Davon sind wir alle mit Recht und zutiefst überzeugt. Wenn wir das jedoch bejahen, dann ergeben sich sofort einige Fragen; es ergeben sich, wie mir scheint, einige nicht eindeutig beantwortbare Fragen, vor die jeder praktische Friedenswille von uns Christen gestellt ist. Kann der Friede (und das ist die erste Frage) ohne Verrat an seinem Wesen notfalls mit Gewalt verteidigt oder erreicht werden? Diese Frage richtet sich nicht nur an die Aggressoren, die es auch heute noch gibt; an diejenigen, denen es um die Macht auf dieser Erde geht. Die Frage gilt auch denen, die mit Gewalt, die mit der Faust, die mit dem Pflasterstein die heile Welt schaffen wollen, letztlich aber doch nur Blut und Tränen zustande bringen. Auf der anderen Seite: Zieht das heute von vielen so laut verkündete Prinzip von der Gewaltlosigkeit nicht am Ende den Verlust des Friedens und der Freiheit mit sich? Denn wissen wir Christen nicht in besonderer Weise (abgesehen von den bitteren praktischen Erfahrungen der Geschichte) um das Geheimnis der Bosheit, des Satanischen in dieser Welt, das vor niemand und vor nichts Halt macht? Und muss nicht derjenige, der die Gewaltlosigkeit propagiert, das Verbrechen, die Gewalttat in Kauf nehmen? Und ist dies zu verantworten gegenüber dem Opfer der Gewalt? Es gibt eine legitimes Recht auf Abwehr von Ungerechtigkeit und Unterdrückung und Gewalttätigkeit. Denken Sie nur an die Zeit der Hitler-Diktatur!

An diesem Punkt geht uns hoffentlich auf, wie dieser ersehnte und erstrebte Frieden in der Welt letztlich nicht das Werk von Menschen allein sein kann, die ja doch nur in dem Denkschema "Macht" gefangen sind. Es geht uns aber auch auf, wie der Friede im wirklichen Sinn für den Christen eine Gabe ist, die die Welt nicht geben kann. "Meinen Frieden gebe ich euch; nicht wie die Welt ihn gibt, gebe ich ihn euch." Meist wird übrigens dieser Nachsatz Jesu von vielen Friedens-Aposteln heute verschwiegen. Der Christ wird sich im Wissen um den Geschenkcharakter des Friedens, im Wissen um die Gabe Gottes, aber auch im klaren Wissen um das Geheimnis der Bosheit und des Satanischen in dieser Welt um den Frieden bemühen, um Versöhnung und Liebe unter den Menschen und Völkern; um den Frieden auch der Waffen. Vor allem aber wird er sich bemühen um den Frieden der Herzen: dass keiner dem anderen das Leben nicht gönnt; dass keiner dem anderen nach dem Leben trachtet; dass keiner den anderen hasst; dass jeder den anderen bejaht: "Wie gut, dass es dich gibt!" Und das aus dem Grund, weil der gute Gott selbst uns alle bejaht hat. Das sind die Voraussetzungen, die Vorbedingungen für einen wahren Frieden in unserer oft so friedlosen Welt.

 

17. Sonntag: "Hunger nach wahrem Brot"

Einführung

Was treibt uns eigentlich zu Jesus? Was suchen wir bei ihm? Ist es nur der Wunsch, den irdischen Hunger zu stillen - so wie die Leute in der Erzählung von der Brotvermehrung in Jesus den gefunden zu haben meinen, der ihnen die Mühsal des Broterwerbs abnimmt und den Lebensgenuss sichert? Oder treibt uns zu Jesus die Ahnung, die Überzeugung, dass er uns mehr zu geben hat? Er gibt sich, er gewährt sich selber denen, die an ihn glauben. Er ist das Wort des Lebens. Er ist das wahre Brot des Lebens. So wollen wir uns zu Beginn dieser Eucharistiefeier wieder besinnen auf den Herrn, der sich uns offenbart hat als das Lebensbrot; der in seiner Todeshingabe für uns zur Speise des Lebens geworden ist.

    Herr Jesus Christus, du willst nicht, dass wir in Hunger und Elend zugrunde gehen
    - Herr, erbarme dich!
    Du hast uns in der Eucharistiefeier deinen Leib und dein Blut zur Nahrung gegeben
    - Christus, erbarme dich!
    Du lädst alle, die dir nachfolgen, zum himmlischen Gastmahl ein
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Herr Jesus Christus, du hast einst den Hungernden das irdische Brot zur Nahrung gegeben. Dieses Brot sollte ein Zeichen sein für das, was du eigentlich geben wolltest: dich selbst! Voll Vertrauen kommen wir mit unseren Bitten zu dir:

  • Für die Hirten der Kirche: dass sie die Gaben, die sie von dir erhalten haben, an die Suchenden und Hungernden heute austeilen!
  • Für alle, die an dich glauben: dass ihre Sehnsucht nach der Begegnung mit dir im Empfang der Eucharistie Erfüllung finde!
  • Für die vielen suchenden Menschen heute: dass ihr Suchen nach Glück und Heil in dir an sein Ziel komme!
  • Für die Vielen, die durch Materialismus und Konsum satt sind: dass sie sich wieder auf die Suche nach dem wahren Glück machen!
  • Für unsere Verstorbenen: dass sie ihre Erfüllung finden in der Gemeinschaft mit dir!

Herr Jesus Christus, du lädst uns ein zur Tischgemeinschaft mit dir. Lass uns nie vergessen, dass du allein unsere Erfüllung und unser Heil bist, der du lebst und herrschst in Ewigkeit. Amen.

Predigt

Was zunächst am heutigen Evangelium auffällt, ist die Tatsache, dass die johanneische Erzählung der Brotvermehrung in vielen Einzelheiten von denen der anderen drei Evangelisten, der sogenannten Synoptiker, verschieden ist. Bei den Synoptikern ist der Ort der Handlung die "Wüste", ein einsamer und verlassener Ort. Bei Johannes ist es der "Berg" nahe am See Tiberias. Bei den Synoptikern wird vom Herrn gesagt, dass er aus Mitleid mit den Menschen, die ihm in die "Wüste" gefolgt sind, ihre Krankheiten heilt. Bei Johannes sind voraufgegangene Krankenheilungen der Grund, warum die Menschen Jesus suchen. Bei den Synoptikern geht die Initiative beim Geschehen der Brotvermehrung von den Jüngern Jesu aus; sie bitten den Herrn, die Menschen vor Einbruch der Dunkelheit zu entlassen, damit sie sich etwas zum Essen kaufen können. Bei Johannes ergreift Jesus gegenüber den Jüngern die Initiative. Bei den Synoptikern sind die vielen Menschen zwar die Nutznießer des Wunders; sie bleiben aber sonst im Hintergrund; während bei Johannes von dem Motiv gesprochen wird, warum die Menschen Jesus aufsuchen, und von ihrer Reaktion auf das wunderbare "Zeichen": "Das ist wirklich der Prophet!" Offensichtlich geht es dem Johannes-Evangelium gerade darum, dieses Denken und Tun der Menschen darzustellen, wie sie auf Jesus und auf sein Tun "reagieren". Und das ist eine Sache, die auch uns betrifft, betreffen müsste.

Was treibt die vielen Menschen eigentlich zu Jesus? Es ist offensichtlich die Tatsache, dass ihnen in diesem Jesus von Nazareth jemand begegnet, der sie zutiefst aufwühlt und erschüttert. Die "Zeichen", die dieser Jesus wirkt, rühren an einen empfindlichen, an einen wunden Punkt. Sie rühren offensichtlich an eine verborgene Sehnsucht in den Herzen der Menschen. Sie bringen einen Hunger nach Gott ans Licht. Im Grunde ihres Herzens spüren sie, dass der Mensch, dass sie selber Gottes und seines Wortes, seines Leben spendenden Wortes bedürfen. Sie suchen einen Propheten; sie suchen den Propheten, den Gott einmal senden soll, um alle Not zu wenden; um alle Sehnsucht zu stillen. Sie verlangen mehr, als der Alltag ihres Lebens zu bieten hat. Ich meine, hier sei eine Situation genannt, die auch heute gegeben ist. Wie viele Menschen hungern heute nach Leben, nach einem Lebenssinn! Wie viele sehnen sich nach einem unverrückbaren Halt, nach einem Helfer, nach einem Begleiter in den Wirren der Welt und des eigenen Lebens! Ja, spüren nicht wir alle diese Sehnsucht? Sind wir nicht alle getrieben von dem Hunger nach Sinn, von der Sehnsucht nach dem Wort Gottes? Halten nicht auch wir Ausschau nach dem wahren Propheten?

Die Frage nach Gott, die Frage nach einem Sinn und nach dem wahren Leben treiben die vielen Menschen zu Jesus; die "Zeichen", die er wirkt, lassen sie fragen, ob er wohl der verheißene Prophet ist; ob er wohl der Messias, der Gott-Gesandte ist. Und sie erleben, wie der, von dem sie hoffen, dass er zu ihnen Worte ewigen Lebens spricht, ihnen auch das irdische Brot gibt, dessen sie bedürfen; dass er sich auch um ihr irdisches Dasein kümmert. Diese Suche nach Gott und nach seinem Wort - das ist nun das Merkwürdige, ja das Erschütternde - schlägt jedoch um in die Suche nach diesem Brot allein: "Ihr sucht mich nicht, weil ihr Zeichen gesehen habt, sondern weil ihr von den Broten gegessen habt und satt geworden seid." (Joh. 6, 24) So wird Jesus später zu ihnen sagen. Weil sie nach dem Wort des Lebens suchten, gibt ihnen der Herr auch das Brot dieser Zeit. Und weil er es ihnen gibt, fangen sie an, nicht ihn und sein ewiges Leben zu suchen; sondern sie suchen aufs neue das irdische Brot. Sie wollen den Propheten zum König ihres irdischen Lebens machen. Wo sie satt geworden sind, verlangen sie noch mehr nach dem Brot des irdischen Lebens. Was gemeint ist als Voraussetzung, dass man mit Muße und mit innerer Freiheit Gott suchen könne, das wird ihnen zur Versuchung, das irdische Wohl und die Freude an diesem Leben allein gierig zu begehren und damit die Gabe Gottes zu "verkehren". Ist es zu weit hergeholt, ist es sozusagen an den Haaren herbei gezogen, wenn man eine Parallele zur Situation, zum Denken vieler Menschen heute und hierzulande zieht? Der große Wohlstand, dessen wir uns erfreuen können, gibt offensichtlich nicht nur die Zeit und die Muße, nach Gott zu fragen und zu suchen. Er führt anscheinend oft nur zur Gier nach noch mehr Wohlstand; er verstärkt offensichtlich nur zu oft die Konsumgier und den Konsum-Egoismus. Ja, der Lebensgenuss wird zu einem Götzen, dem Verehrung und Anbetung zuteil werden. Hier erweist sich offensichtlich die uralte Erfahrung als zutreffend: "Sind wir des Suchens müde geworden, dann geben wir dem, was wir gefunden, den Namen dessen, was wir gesucht haben."

Jesus spürt und bemerkt, was die Menschen, die zu ihm gekommen sind, im eigentlichen bewegt und treibt; wie sie aber sein Tun missverstehen, ja "verkehren". Und es heißt im Bericht des Evangeliums: "Er zog sich wieder auf den Berg zurück, er allein." Weil die Menschen die Gabe Gottes missverstehen und "verkehren", weil ihnen die Sättigung ihres leiblichen Hungers nur noch mehr Hunger nach den Dingen dieser Erde macht, darum muss Jesus sich ihnen entziehen. Darum entschwindet ihnen Gott, der ihnen doch mehr als nur das irdische Brot reichen wollte. Darum können sie ihn und sein Wort nicht mehr vernehmen und verstehen. Darum werden sie schließlich diesen Jesus verlachen, verstoßen und umbringen. Wenn die Menschen das "Lebens-Mittel" zum Inhalt des Lebens machen; wenn sie das "Lebens-Mittel" zur Hauptsache erklären, als ihren Götzen ansehen und verehren, dann entzieht sich der Herr ihrem Zugriff, ja sogar ihren Blicken. Dann entschwindet er wie damals am Abend der Brotvermehrung. Dann wird es Nacht auf dieser Erde. Ist das nicht die Situation heute und hierzulande? Erleben wir nicht als Folge der Vergötzung irdischer Werte den Verlust, den Entzug der göttlichen Zuwendung? Sind wir nicht von allen guten Geistern verlassen? Verkommen und verwahrlosen wir nicht im Wohlstand und im Lebensgenuss?

Wir wissen alle: die Jagd nach den Schuldigen unserer Misere, dass Gott sich gleichsam unseren Blicken entzieht, führt zu nichts. Hexenjagden sind immer ein Zeichen dafür, dass wir die Ursachen in andere projizieren und die notwendige Prüfung unserer selbst, die notwendige Bekehrung und Änderung des eigenen Herzens unterlassen. Jeder von uns hat für sich und für seinen Verantwortungsbereich die Frage zu stellen, was für ihn wichtig ist; welche Werte für ihn Vorrang haben. Es geht nicht um eine Dämonisierung, um eine Verteufelung der Welt oder des Zeitgeistes, des Besitzes. Es geht darum, dass wir selber eine geistige Rangordnung der Werte haben und diese Rangordnung der Werte im Alltag unseres Lebens verwirklichen. Es geht darum, diese Rangordnung der Werte sichtbar, an unserem Lebensstil glaubhaft erfahrbar werden zu lassen - gerade gegenüber der jungen Generation. Es geht hier aber nicht nur um unsere persönliche Glaubwürdigkeit. Es geht hier auch um die Glaubwürdigkeit der Gemeinschaft der Glaubenden, zu der wir alle gehören. Es geht um die Glaubwürdigkeit der Kirche, um ihre "Pflicht" zum Zeugnis dafür, dass wir nicht vom Brot allein leben, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund hervorgeht. Gebe Gott, dass wir für unseren Teil uns um diese Glaubwürdigkeit, aber auch um diese Zeugenschaft in dieser Welt bemühen.

 

18. Sonntag: "Jesus - Brot des Lebens"

Einführung

Die wunderbare Speisung war ein "Zeichen" - am vergangenen Sonntag haben wir davon im Evangelium gehört. Die Menschen jedoch, die von den Broten gegessen hatten und Jesus nachliefen, hatten vom wirklichen Sinn des Wunders nicht viel begriffen. Sie waren satt geworden. Jesus weist sie und uns im heutigen Evangelium hin auf die größere, auf die eigentliche Gabe: Er selbst ist die Gabe Gottes für das Leben der Welt. Dieses Brot kann man jedoch auf keine Weise verdienen; man kann dieses Leben schenkende Brot nur als Gabe Gottes empfangen. Ein einziges "Werk" ist hier gefordert, notwendig: sich glaubend der Wirklichkeit Gottes zu öffnen und Jesus, den Sohn, als die unfassbare Offenbarung Gottes anzunehmen.

    Herr Jesus Christus, du hast zu den Menschen, die dich suchten, gesagt: Müht euch ab für die Speise, die für das ewige Leben bleibt
    - Herr, erbarme dich!
    Du hast gesagt: Glaubt an den, den Gott gesandt hat
    - Christus, erbarme dich!
    Du hast gesagt: Ich bin das Brot des Lebens; wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Herr Jesus Christus, du willst uns das wahre Brot geben, das unseren Hunger und unsere Sehnsucht nach Glück und Erfüllung zu stillen vermag. Darum kommen wir voll Vertrauen mit unseren Bitten zu dir:

  • Für die Kirche, die Gemeinschaft der Glaubenden: dass sie den nach dem Brot des Lebens Hungernden gerecht wird!
  • Für uns, die wir deinen Namen tragen: dass wir dich immer neu als das Brot des Lebens empfangen und zur innigen Gemeinschaft mit dir finden!
  • Für die Vielen, die verstrickt sind in das Streben nach Konsum und Wohlstand: dass sie den Blick bekommen für deine frohmachende Botschaft!
  • Für die Menschen, die in Armut und Not leben: dass sie den ihnen zustehenden Anteil an den Gütern der Erde erhalten!
  • Für unsere verstorbenen Brüder und Schwestern: dass du ihnen einen Platz im Reich deines Vaters bereitest!

Herr Jesus Christus, mit diesen Bitten kommen wir zu dir. Wir danken dir für deine Sorge um uns und für deine Gaben. Dir sei Lob und Ehre in Ewigkeit! Amen.

Predigt

Der Text des heutigen Evangeliums steht innerhalb der sogenannten "eucharistischen Rede", die Jesus im Anschluss an die wunderbare Brot-Vermehrung in der Synagoge von Kapharnaum gehalten hat. Jesus spricht darin vom wahren Brot, das der Welt das Leben gibt; und er bezeichnet sich selbst als dieses Brot des Lebens. Ich meine, es sei deshalb angebracht, heute etwas zum Thema "Eucharistie" zu sagen, zu der Feier also, in der wir voll Dankbarkeit der Tat unseres Herrn und Heilands gedenken: "Das Brot, das ich euch gebe, ist mein Fleisch; ich gebe es hin für das Leben der Welt." (Joh. 6, 51) Diese Tat seines Lebens ist das, was wir mit "Erlösung" bezeichnen. Was verstehen wir unter "Erlösung"?

In fast allen Religionen geht es um die Sühne für eine Schuld des Menschen vor der Gottheit. Im religiösen Kult wird der Versuch gemacht, diese Schuld und das Wissen um diese Schuld zu überwinden, und zwar durch eine Leistung, die der Mensch Gott anbietet. Das sühnende Handeln, mit dem die Menschen die Gottheit versöhnen und gnädig stimmen wollen, steht im Mittelpunkt der Religionen. Im Neuen Testament, d. h. für uns Christen, sieht die Sache fast genau umgekehrt aus. Nicht wir Menschen sind es, die zu Gott gehen und ihm eine ausgleichende Gabe bringen, sondern Gott kommt zum Menschen. Er stellt von sich aus das gestörte Recht wieder her, indem er in seiner Liebe den ungerechten Menschen wieder gerecht macht, den verkrümmten Menschen richtet, aufrichtet, d. h. ihn gleichsam wieder zurecht biegt.

Hier stehen wir vor einer Wende, die mit Jesus Christus gekommen ist in der Auffassung von "Erlösung". Nicht wir Menschen versöhnen Gott mit uns, wie man es eigentlich erwarten müsste, da wir ja gefehlt haben und nicht Gott. Sondern "Gott hat in Christus die Welt mit sich versöhnt" (2. Kor.5, 19). Gott wartet nicht, bis die Schuldigen kommen und sich mit ihm versöhnen, sondern er geht ihnen zuerst entgegen und versöhnt sie mit sich. Das Kreuz von Golgotha steht deshalb nicht da als eine Versöhnungsleistung, die die Menschheit dem zürnenden Gott anbietet, sondern das Kreuz ist der Ausdruck jener Liebe Gottes, die sich weggibt, in die Erniedrigung hinein, um uns zu retten. Gott geht auf uns zu, und nicht wir auf ihn.

Wenn aber "Erlösung" Gottes Zugehen auf uns in Liebe ist, dann müssen wir uns einige unangenehme Fragen gefallen lassen. Sind wir uns überhaupt dessen bewusst, vor Gott schuldig zu sein, Sünder zu sein; und zwar Sünder in einer viel tieferen Weise als wir gemeinhin meinen? Halten wir uns wirklich für erlösungsbedürftig? Halten wir uns nicht alle für durchaus wohlanständige und im Grunde harmlose Leute, die keiner Fliege etwas zuleide tun? Sind wir im Ernst davon überzeugt, gerettet zu sein durch die erbarmende Tat des gnädigen Gottes? Bedeutet uns das Kreuz etwas mehr als ein bedauerliches und vermeidbares Missgeschick, das dem Rabbi aus Nazareth zugestoßen ist? Trifft das Kreuz und der Tod dessen, der am Kreuz verblutet ist, uns wirklich bis in unser Herz? D. h. glauben wir, dass wir gemeint und betroffen sind?

Mit dieser Wende in der Sühne-Idee (dass Gott also und nicht wir Menschen Schuld und Sünde wieder gutmachen) erhält nun das religiöse Tun, mehr noch: die ganze Existenz des Menschen eine neue Richtung. Anbetung und Verehrung Gottes ist in erster Linie das dankende Empfangen der göttlichen Heilstat. Die wesentliche Form des christlichen Kultes heißt daher mit Recht "eucharistia = Danksagung". Im christlichen Kult, in dieser Eucharistiefeier, werden nicht menschliche Leistungen vor Gott gebracht; vielmehr lässt sich der Mensch, der Christ von Gott beschenken. Wir verherrlichen Gott nicht, indem wir ihm etwas vom Eigenen geben, sondern indem wir uns seine Gabe schenken lassen; indem wir ganz Empfangende werden und uns ganz von ihm nehmen lassen: "Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben." Das bedeutet, dass wir unsere eigenen Rechtfertigungsversuche beiseite tun sollen, da sie ja doch im Grunde nur Ausreden sind und uns gegeneinander stellen. Es bedeutet, dass wir statt des zerstörerischen Gegeneinander, indem wir uns auf Kosten der anderen rechtfertigen, das Geschenk der Liebe Gottes in Jesus Christus annehmen und uns darin untereinander vereinigen lassen.

Unsere entscheidende Tat Gott gegenüber ist also das dankbare Ja zu der Tatsache, dass wir alle in Jesus Christus erlöst sind. Dieser Dank ist nicht anders auszusprechen als mit der ganzen Existenz. Das ist das Fatale an unserem Glauben, dass wir auf keine billigere Weise "Dankeschön!" sagen können als mit unserer ganzen Existenz - auf keine billigere Weise! Wir können Gott in unserem Dank mit keiner anderen Liebe zufrieden stellen, als mit einer Liebe, die unser ganzes Wesen durchdringt, die also ihr Maß nur in der Liebe Gottes selber findet.

Aber wir gedenken nicht nur in Dankbarkeit der erlösenden Liebe Gottes in Jesus Christus. Diese erlösende Liebe wird vielmehr auch sichtbar und gegenwärtig. Sie wird gegenwärtig in der Feier, die Christus denen, die an ihn glauben, aufgetragen hat; die wir jetzt auch miteinander begehen. Seine Worte ("Dies ist mein Leib - dies ist mein Blut"), die bei der Wandlung gesprochen werden, bedeuten nichts anderes als den Hinweis auf seine Liebe bis in den Tod. Und "Leib" und "Blut", die er für uns hingibt, weisen darauf hin, dass er nicht irgendetwas, sondern sich selbst, sein Leben für uns hingibt. Er hat sich ganz für uns eingesetzt und engagiert. Und wenn wir das eucharistische Brot essen, d. h. den "Leib" des Herrn, dann sagen wir mit diesem "Essen" Ja zur Hingabe Jesu für uns; dann gewinnen wir Anteil an ihm, der auf uns zugeht und uns in sich hineinzieht. Das ist der eigentliche Sinn von Kommunion: nicht dass wir uns irgendetwas aus der Welt des Göttlichen mitteilen lassen, sondern dass er sich uns schenkt; dass wir ihm begegnen dürfen, dem wir unser Heil verdanken; wenn auch verborgen im Zeichen; und das wir uns von ihm und seiner Gesinnung durchdringen lassen und seine Liebe und Hingabe im eigenen Leben verwirklichen.

Wenn aber unsere wesentliche Tat Gott gegenüber die Danksagung ist; wenn die Feier der Danksagung der "Ort" unserer Christusbegegnung ist; und wenn das eucharistische Brot, das wir nach Jesu Wort essen sollen, das sichtbare Zeichen seiner Gegenwart und Liebe bis in den Tod ist, dann ergeben sich wiederum einige Fragen, denen wir nicht ausweichen dürfen. Was bedeutet uns eigentlich die Feier der Eucharistie? Ist sie uns nur eine lästige Pflichtübung, der wir uns nicht entziehen können, zu der wir uns noch treiben und drängen lassen? Oder ist sie für uns die Gelegenheit des Betens, der Kontaktnahme mit Gott und Jesus Christus; die Gelegenheit, die Haltungen einzuüben, die Jesus uns vorgelebt hat und die auch in unserem Leben eine entscheidende Bedeutung haben? Was bedeutet uns die Kommunion? Sind wir uns dessen bewusst, dass das eucharistische Brot das Zeichen, aber auch die Garantie der wirklichen Begegnung mit ihm ist? Zugleich aber auch der Ausdruck der Gemeinschaft all derer, die an Jesus Christus glauben?

Unser Besinnung kann, so meine ich, nicht anders ausklingen als mit der Bitte an ihn, um dessen Altar wir versammelt sind, dass er unseren Glauben und unser Bemühen segnen möge. Dann wird sich seine Verheißung erfüllen, die er in der Synagoge von Kapharnaum gegeben hat: "Wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern, und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben... Wenn jemand davon isst, wird er nicht sterben."

 

19. Sonntag: "Die Kraft der göttlichen Speise"

Einführung

Wenn wir die Situation in Gesellschaft und Kirche betrachten, dann könnten wir resignieren und aus Enttäuschung uns in das eigene Schneckenhaus zurückziehen - wie der Prophet Elia, der in die Wüste flieht und sich in seiner Verzweiflung über den Misserfolg seines Wirkens den Tod wünscht. Woher nehmen wir den Mut, in dieser Situation nicht zu verzweifeln, nicht zu resignieren? Elia findet diesen Mut in der Begegnung mit Jahwe auf dem Berg der Gesetzgebung; er lässt sich von neuem senden. Wir finden den Mut bei Jesus Christus, der sich uns als Speise geben will und gibt; der uns auf seinen Weg mitnimmt; der uns nie fallen lässt. Wir wollen uns zu Beginn der Eucharistiefeier wieder auf den Herrn besinnen und ihn um diesen Mut bitten, ihm zu folgen.

    Herr Jesus Christus, du sagst denen, die dich suchen: Müht euch ab für die Speise, die für das ewige Leben bleibt
    - Herr, erbarme dich!
    Du sagst denen, die sich suchen: Glaubt an den, den Gott gesandt hat
    - Christus, erbarme dich!
    Du sagst denen, die dich suchen: Ich bin das Brot des Lebens
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Herr Jesus Christus, du bist das Brot des Lebens für uns und für die Welt. Voll Vertrauen kommen wir daher mit unseren Bitten zu dir:

  • Für die Kirche, die Gemeinschaft der Glaubenden: dass sie in der Feier der Eucharistie zur Einheit mit dir und untereinander findet!
  • Für uns, die wir deinen Namen tragen: dass wir immer tiefer deine Liebe erkennen in den Zeichen von Brot und Wein!
  • Für die Vielen, denen die Feier der Eucharistie gleichgültig geworden ist: dass sie wieder heimfinden in die Gemeinschaft mit dir!
  • Für unsere Verstorbenen: dass sie aufgenommen werden für das Fest des himmlischen Hochzeitsmahles!

Herr Jesus Christus, schon jetzt dürfen wir dir in der Feier der Eucharistie nahe sein. Ja, du willst dich mit uns im Brot des Lebens vereinen. Dafür danken wir dir heute und alle Tage unseres Leben. Amen.

Predigt

Von zwei Begebenheiten erzählen die Lesungen, die wir eben gehört haben. Es ist die Geschichte von Elia, der auf der Flucht ist, um nicht umgebracht zu werden, und der in der Wüste vom Engel Gottes Brot und Wasser erhält; und der nun in der Kraft dieser Speise zum Gottesberg Horeb wandern kann. Das Evangelium erzählt von der Auseinandersetzung Jesu mit den Leuten, die die wunderbare Brotvermehrung erlebt haben; sie müssen von Jesus belehrt werden, dass er in einer ganz anderen Weise, wie sie meinen, der gottgesandte Messias ist; dass er ihnen nicht nur Brot gibt, das den leiblichen Hunger stillt; sondern dass er selber die Antwort ist auf die Sehnsucht der Menschen nach Leben, nach dem ewigen Leben: "Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben. Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch; ich gebe es hin für das Leben der Welt."

Der Prophet Elia ist auf der Flucht. Er muss um sein Leben fürchten. Die Königin hasst ihn und will ihn vernichten. An Elia vollzieht sich also das Schicksal der Propheten: nicht gehört zu werden; mundtot gemacht zu werden; verfolgt und vertrieben, ja - der Intention nach - getötet zu werden. Die Wüste, in die Elia flieht, ist nicht nur ein realer Ort des Todes, sondern auch ein Bild für die Situation des Propheten auf der Flucht: Elia ist resigniert; alle bisherigen Anstrengungen, den Jahwe-Glauben zu verteidigen, scheinen vergebens gewesen zu sein; er sieht keinen Sinn mehr in seinem Leben und Wirken; die Erzählung der Bibel sagt lapidar: "Er wünschte sich den Tod."

Da greift Gott ein. Er durchbricht die Todessphäre der Wüste, indem er durch seinen Engel Elia zu essen gibt und dem Propheten so das Leben erhält. Aber der verzweifelte Prophet erkennt noch nicht, dass Gott ihm damit seine Resignation verbieten und ihn erneut beauftragen will. Diese neue Sendung begreift Elia erst, als der Engel Jahwes ihn zum zweiten Mal auffordert, zu essen und zu trinken: "Steh auf und iss! Sonst ist der Weg zu weit für dich!" Der Prophet steht auf; er isst und trinkt; und in der Kraft dieser Speise wandert er 40 Tage und 40 Nächte zum Gottesberg Horeb.

Zwei Dinge in diesem letzten Satz bedürfen der Erklärung; sie erschließen uns auch - so meine ich - die Bedeutung der Erzählung. Zunächst ist es die Zeitangabe "40 Tage und 40 Nächte". Nach biblischem Sprachgebrauch (das gilt auch für das Neue Testament) ist mit dieser Zahl "40" ein entscheidender Zeitraum gemeint. Die Spanne von 40 Jahren, von 40 Tagen und 40 Nächten bezeichnet immer einen entscheidenden Zeitraum, einen Wendepunkt gleichsam der Geschichte: das Volk Israel wird auf der langen Wüsten-Wanderung Gottes Volk; Mose verbringt 40 Tage und Nächte auf dem Berg in der Nähe Gottes und bereitet sich so auf den Bundesschluss zwischen Gott und seinem Volk vor. Jesus fastet 40 Tage und Nächte in der Wüste und bereitet sich auf seine Messias-Tätigkeit vor. Nach Ostern erscheint der auferstandene Herr durch 40 Tage seinen Jüngern; er erweist sich als der Verherrlichte, der die Seinen wieder sammelt und vereint; der sie von neuem in die Welt sendet. In der Elia-Erzählung ist es nicht anders.

Der Berg Horeb ist die Stätte, an der sich nach dem Auszug der Israeliten aus Ägypten der wahre Gott offenbart und einen Bund mit dem auserwählten Volk geschlossen hat. Mose ist gleichsam der Vermittler zwischen Gott und seinem Volk; er erhält die Tafeln des Gesetzes, d. h. die Tafeln des Gottes-Bundes. Wenn Elia also zu diesem Berg Gottes geht, dann wird damit deutlich, dass der Gottes-Bund, der damals nach dem Auszug aus Ägypten geschlossen wurde, bekräftigt und die Reinheit des Gottesdienstes wieder hergestellt werden soll. Elia steht also mit seinem Tun neben Mose. Durch die Begegnung mit Gott am Horeb sind Mose und Elia miteinander verbunden, gleichsam verwandt. Von hierher wird übrigens einsichtig, warum bei der Verklärung Jesu auf dem Berg Mose und Elia erscheinen und mit Jesus reden. Sie sind die Repräsentanten des Bundes Gottes mit seinem Volk.

Es geht also in der Elia-Erzählung nicht nur um eine interessante Wunder-Geschichte. Es geht um die Beziehung zwischen Gott und seinem Propheten. Die Flucht des Propheten wird durch das Eingreifen Gottes umgewandelt in den Auftrag, die Begegnung mit diesem Gott zu suchen und in der Kraft aus dieser Begegnung sein Prophetenamt auszuüben: die Menschen zu erinnern, zu ermahnen, dass Gott der souveräne Herr der Geschichte ist; dass dieser Gott dem Menschen begegnen will; dass er ihn verwandeln will in einen hörenden und dienenden Menschen; der im Hören und Dienen seine Freude und seine Erfüllung findet.

Mit dieser Lehre der Elia-Erzählung stehen wir bei unserer eigenen Situation als Glaubende heute. Sind wir nicht auch oft resigniert angesichts mancher Entwicklungen in Gesellschaft und Kirche? Die Sache Christi scheint im Todeskampf zu liegen. Und hat man nicht oft den Eindruck, dass wir auf der Flucht sind und in immer tiefere Wüsten hinein geraten? Die Symptome dafür sind - wie mir scheint - unübersehbar: Defaitismus, das Zurückziehen in das eigene Schneckenhaus, Kritik, die an nichts und an niemand ein gutes Haar lässt! Das Evangelium, besser: Jesus Christus selbst sagt uns, wo der rettende Ausweg ist; wo wir Gott begegnen können; wo er uns begegnen will. Das Brot, das er uns reicht, das wir in der heiligen Kommunion empfangen, ist die Weg-Zehrung auf unserem Lebensweg. Dieses Brot sagt uns, dass der Herr uns nicht in den Wüsten der Zeit verhungern und umkommen lässt. Er selbst ist bei uns; er geht mit uns; er schenkt uns ewiges Leben. Wir feiern nun miteinander Eucharistie. Wir sagen Dank dafür, dass er, dass der Herr mit uns geht; dass er uns nicht versinken lässt im Meer der Sinnlosigkeit; dass er sich uns schenkt als Wegzehrung, als das Brot des Lebens.

 

20. Sonntag: "Der Glaube an Jesu Gegenwart"

Einführung

Irgendwann muss jeder von uns sich entscheiden, wovon er im tiefsten leben will. Gott hat den Menschen nicht als Konsumenten und auch nicht als Produzenten geschaffen. Und niemals dürfen die "Lebens-Mittel" zum "Lebens-Sinn" werden. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein - es sei denn: dieses Brot ist das "lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist"; es sei denn: dieses Brot ist der Herr, der sich uns unter den Gestalten von Brot und Wein als Speise, als Wegzehrung geben will. Haben wir uns dafür entschieden, dass wir mit und von unserem Herrn Jesus Christus im tiefsten leben wollen? Besinnen wir uns und bitten wir um Vergebung für alles Versagen, für alle Halbheiten unseres Lebens.

    Herr Jesus Christus, du bist das Brot, das vom Himmel gekommen ist
    - Herr, erbarme dich!
    Wer zu dir kommt, wird nie mehr hungern
    - Christus, erbarme dich!
    Wer an dich glaubt, wird nie mehr Durst haben
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Zu Jesus Christus, unserem Herrn und Heiland, der uns in der Eucharistie das Sakrament seiner Liebe hinterlassen hat, beten wir voll Vertrauen für uns und für unsere Welt:

  • Für die Kirche, die Gemeinschaft der Glaubenden: dass sie in Einheit und Frieden ohne Streit leben kann!
  • Für alle, die in Staat und Gesellschaft Verantwortung haben: dass sie das Wohlergehen und den Frieden unter den Völkern fördern!
  • Für die Hilflosen, die uns brauchen: dass ihnen das tägliche Brot niemals fehlt!
  • Für die Sterbenden: dass die hl. Eucharistie ihnen Wegzehrung ist in ihrer letzten Stunde!
  • Für unsere Verstorbenen: dass sie teilhaben an deinem Mahl im ewigen Leben!

Herr Jesus Christus, wir danken dir, dass du uns immer wieder stärkst mit dem Brot des Lebens. Gib, dass wir eins werden mit dir und Diener der Freude werden für die Welt. Das gewähre uns, der du lebst und herrschst in alle Ewigkeit. Amen.

Predigt

Dass die Liturgie mitten im Lesejahr B an fünf Sonntagen die Evangeliums-Lesungen aus dem Markus-Evangelium unterbricht und Texte aus dem Johannes-Evangelium bringt, das liegt sicher nicht daran, dass die Zahl der Perikopen im Markus-Evangelium nicht für alle Sonntage ausreicht. Es muss dafür doch auch innere Gründe geben. Das 6. Kapitel bei Johannes ist in der Tat ein Schlüssel-Kapitel im Neuen Testament. Es geht darin um die Selbstoffenbarung Jesu, der den Glauben an ihn als den Messias, als den Sohn Gottes einfordert; der sich - im Anschluss an die wunderbare Brot-Vermehrung - offenbart als die Erfüllung aller menschlichen Sehnsucht nach Glück und Heil, als das Lebensbrot, das allen Hunger zu stillen vermag. Im Abschnitt, den wir soeben gehört haben, wird das noch vertieft und verdeutlicht, damit wir nicht meinen, Jesus rede nur "symbolisch" und "bildlich", nicht aber greifbar und handfest. Denn eine nur "symbolische" und "bildliche" Aussage wäre ja ungefährlich. Sie ginge nicht "ans Lebendige". Aber genau das will Jesus uns sagen: der wirkliche Glaube an ihn als den Messias, als den Sohn Gottes, bleibt nicht im Unverbindlichen; er schneidet in der Tat "ins Fleisch". Der wirkliche Glaube ist mit Konsequenzen verbunden für das wirkliche Leben.

"Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch; ich gebe es hin für das Leben der Welt... Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben." So hieß es eben im Evangelium. Was ist mit diesem Wort, was ist hier mit "Fleisch" gemeint? Wenn der Evangelist Johannes das Wort "Fleisch" verwendet, dann meint er in der Regel den ganzen, den konkreten, den konkret greifbaren Menschen; den Menschen, wie er leibt und lebt. So heißt es zu Beginn des Evangeliums: "Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt." Der Satz bedeutet: Gottes Sohn ist wirklich Mensch geworden; er hat nicht nur dem Anschein nach eine menschliche Gestalt angenommen. Gemeint ist also mit "Fleisch" die ganze Person, die greifbare Person; gemeint ist also nicht nur ein Teil, nicht nur die äußere Gestalt des Menschen, der Leib im Gegensatz zur Seele. Gemeint ist schon gar nicht eine Abstraktion. Gemeint ist der eine und ganze Mensch.

Die Aussage: "Ich gebe mein Fleisch hin für das Leben der Welt." weist außerdem hin auf den Tod und die Passion Jesu. Erst recht weist darauf hin die Aussage: "Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt." Als der in den Tod Hingegebene, als der "für das Leben der Welt" in den Tod Gegebene, als der für uns Geopferte will Jesus also empfangen werden, will er "gegessen" werden. Das griechische Wort für "essen" bedeutet soviel wie "kauen" - auch dies ein Hinweis darauf, dass Jesus mit seinem Wort vom Essen des Brotes, vom Essen seines "Fleisches" mehr gemeint hat als nur ein rein symbolisches Geschehen. Als der in den Tod Hingegebene will Jesus also empfangen werden. Und das "Essen" bedeutet darum das Einswerden mit dem Gekreuzigten, mit dem verherrlichten Gekreuzigten. Es bedarf eigentlich keiner weiteren Erklärung, warum die Zuhörer Jesu bei dieser Rede in Streit geraten sind - nicht in erster Linie untereinander, sondern mit Jesus. Seine Worte mussten ihnen als unzumutbar erscheinen. Das war zu viel von ihnen verlangt.

Hier spüren wir hoffentlich, dass Jesu Worte nicht nur seine Zeitgenossen irritierte, sie betroffen machte. Wir spüren, dass wir seine Worte auch an uns gerichtet akzeptieren sollen. Auch für uns geht es um dieses "Einswerden" mit dem Herrn; dass wir uns mit ihm identifizieren. Und das kann doch nur bedeuten: zu denken und zu handeln wie Jesus. Ja, noch mehr ist notwendig: "Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir." So wird der heilige Paulus den Sachverhalt ausdrücken. Es muss also eine "Wandlung", eine "Verwandlung" stattfinden mit uns; und zwar von skeptischen und gelangweilten Zuschauern hin zu innerlich gepackten, zu glaubenden Menschen; zu Menschen, deren Lebenssinn und deren Lebensmitte der Herr ist; die sich ganz mit diesem Jesus identifizieren; die sich von ihm verwandeln lassen.

Nicht erst die frühe Kirche, sondern schon die Apostel selbst haben in der Rede Jesu in Kapharnaum die Vorwegnahme des Geschehens am Vorabend seines Leidens und Sterbens gesehen und seine Worte in diesem Sinn verstanden. Für sie war es selbstverständlich: Jesus weist in seiner Offenbarungsrede auf das hin, was er am Vorabend seiner Passion ihnen anvertraut, ihnen aufgetragen hat: die Gedächtnisfeier seiner Lebenshingabe, seines Lebensopfers für alle Menschen; also zu begehen, was am Karfreitag auf Golgotha Wirklichkeit geworden, offenbar geworden ist: seine Liebe zu uns Menschen bis in den Tod. Und die Apostel haben den Auftrag ihres Meisters verstanden: "Sooft ihr von diesem Brot esst und aus dem Kelch trinkt, verkündet ihr den Tod des Herrn, bis er wiederkommt." (1. Kor. 11, 26) In dieser Gedenkfeier, die der Herr den Seinen aufgetragen hat, auch in dieser Feier, die wir nun miteinander begehen, wird also die Todeshingabe, wird der Opfertod unseres Herrn wieder Gegenwart. Das heißt aber auch: Jesus wird nicht von neuem geopfert; Jesus stirbt nicht noch einmal; denn seine Todeshingabe am Kreuz von Golgotha ist - das betont ausdrücklich der Hebräerbrief - einmalig und unwiederholbar. Die Gegenwart Jesu unter den Gestalten von Brot und Wein auf dem Altar besagt, dass der Gekreuzigte unter uns gegenwärtig ist, und zwar als der erhöhte, als der verherrlichte Herr, der in seiner Todeshingabe, mit seiner Liebe zu uns bis in den Tod, beim Vater im Himmel ist; der uns aufruft zum Glauben, zum Einswerden mit ihm.

Wenn wir nun miteinander die Gedächtnisfeier seines Leidens und Sterbens begehen, die Feier der Hingabe seines Lebens für uns, dann sollten wir uns dies wieder vor Augen halten: In dieser Feier begegnen wir ihm, unserem Herrn; vollzieht sich eine "Einswerdung". Er will von uns empfangen werden als das Brot des Lebens, als Wegzehrung auf unserem Lebensweg. So wie das Wort Gottes, so wie Gottes Sohn "Fleisch" geworden ist, wirklicher Mensch geworden ist, so ist der Glaube an ihn nicht mehr nur die Annahme von Worten Jesu. Seine Todeshingabe ist für uns auch nicht nur Gegenstand einer subjektiven Erinnerung, sondern sie ist und sie wird Realität. Und der Glaube ist die konkrete Teilhabe an ihm. Das Essen des eucharistischen Brotes und das Trinken des Kelches ist die Konkretisierung dieses unseres Glaubens an den menschgewordenen Gott. Erst das "Essen" ist die wahre Realisierung unseres Glaubens an ihn; es ist das Einswerden mit ihm; es bedeutet die Identifizierung mit ihm. Nur wenn wir so "glauben", geht Jesu Wort in Erfüllung: "Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat des ewige Leben... Der bleibt in mir und ich bleibe in ihm." Bitten wir den Herrn darum, dass wir uns nicht an seinen Worten stoßen und darüber in Streit geraten! Bitten wir ihn darum, dass er uns in unserem Glauben an seine Nähe, an seine Gegenwart stärke; dass wir ihm immer mehr ähnlich werden.

 

21. Sonntag: "Du bist der Heilige Gottes"

Einführung

Christlicher Glaube besteht im Finden eines lebendigen Gegenübers, der Entdeckung des guten Gottes im Antlitz Jesu Christi. Christlicher Glaube besagt die Begegnung mit einem Gegenüber, das mich trägt, und das in aller Unerfülltheit und Unerfüllbarkeit menschlichen Lebens die Verheißung einer unzerstörbaren Liebe, einer letzten Geborgenheit schenkt. Wir glauben daran, dass dieser gute Gott uns begegnet ist in Jesus von Nazareth - oder mit den Worten des Petrus im heutigen Evangelium: "Wir sind zum Glauben gekommen und haben erkannt: Du bist der Heilige Gottes. Du allein hast Worte ewigen Lebens." Wir wollen alle glauben. Aber vieles hindert uns dabei: unsere Fehler, unsere Halbheiten, unsere Sünden. Wir bitten den Herrn um Vergebung:

    Herr Jesus Christus, du rufst die Jünger und auch uns zum Glauben
    - Herr, erbarme dich!
    Du willst, dass wir bereit sind, mit dir zu gehen
    - Christus, erbarme dich!
    Du gibst uns die Gewissheit, in dir Erfüllung und Geborgenheit zu finden
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Herr Jesus Christus, du bist Mensch geworden, unser Bruder, um uns und alle Menschen in deine Nachfolge zu rufen. Darum beten wir zu dir:

  • Für die christlichen Kirchen: dass sie nicht nachlassen in ihrem Bemühen, Salz der Erde und Licht der Welt zu sein!
  • Für die Christen in aller Welt: dass sie deine Worte ernst nehmen und entschlossen danach streben zu werden, wie du gewesen bist!
  • Für die Menschen in der Welt, die in dir nur eine bedeutende Gestalt der Geschichte sehen: dass sie verstehen, wer du bist, und dass sie in dir den sehen, den Gott zu uns gesandt hat!
  • Für die vielen Suchenden, die nicht wissen, welchen Leitbildern sie nacheifern sollen: dass sie sich deiner Führung anvertrauen!
  • Für uns alle, die wir deinen Namen tragen: dass wir uns nicht durch Flucht der Aufgabe entziehen, für dich Zeugnis abzulegen!

Herr Jesus Christus, es fällt uns schwer, auf dich zu hören und uns nach deinen Weisungen zu richten. Steh uns bei, damit wir herausfinden aus unserer Enge und Ichbezogenheit. Das gewähre uns, der du lebst und herrschst in Ewigkeit. Amen.

Predigt

Wenn wahr ist, dass "die Stimme der Zeit die Stimme Gottes" ist, dann ist es die immer neue Aufgabe des Christen, die "Stimme der Zeit" wahrzunehmen und Gottes Anruf in ihr zu entschlüsseln. Dann brauchen wir Christen uns auch nicht voller Angst ins eigene Schneckenhaus zurück zu ziehen. Dann können wir in großer Gelassenheit und im Vertrauen auf den Herrn der Geschichte vielen Entwicklungen heute begegnen. Ein Trend der Zeit, der gerade viele Ältere irritiert, ist der Verfall der traditionellen Werte, die scheinbare Auflösung aller überkommenen Werte, Überzeugungen, Institutionen. Was die glaubenden Menschen vor allem betrübt, ist der Auszug vieler, aber gerade der jungen Generation aus der Kirche. Jeder von uns kann davon, was die eigene Familie betrifft, ein Lied singen. Soziologen bezeichnen diese junge Generation als "Kinder der Freiheit", die allen Institutionen den Rücken kehren, allen Festlegungen aus dem Wege gehen. Doch sollten wir auch bedenken, dass diese junge Generation (aber galt das nicht auch für uns Ältere, als wir noch jung waren?) mit neuartigen, mit andersartigen Problemen konfrontiert ist. Ein charakteristisches Merkmal der "Kinder der Freiheit" (abgesehen von den schon genannten) ist, so die Soziologen, dieses: Wie kann die Sehnsucht nach Selbstbestimmung und Selbsterfüllung, nach dem persönlichen Glück mit der genau so wichtigen Sehnsucht nach Gemeinsamkeit in Einklang gebracht werden? Übrigens ist das eine uralte Frage.

Ist aber mit dieser Einstellung, die wir oft als Beliebigkeit, als Bindungslosigkeit, als Werte-Verachtung erleben, nicht das total in Frage gestellt, was uns im heutigen Evangelium als Forderung Jesu entgegentritt: die bedingungslose Entscheidung des Glaubens, die Festlegung auf ihn als unser Heil und Glück? Jesus war jedenfalls unerbittlich. Als selbst viele seiner Jünger sagten: "Was er sagt, ist unerträglich!" Als sie sich von ihm zurück zogen und nicht mehr mit ihm wanderten, reagierte er nur mit der Frage an die Zwölf: "Wollt auch ihr gehen?" Das heißt doch: Gibt es Glauben im christlichen Sinn ohne die klare und freie Entscheidung? Kann man noch von Christentum sprechen, wenn der Normalfall anscheinend darin besteht, dass die Kirche auf dem Markt der Möglichkeiten "Angebote" macht und die Leute sich dann gelegentlich daraus etwas "auswählen", wie das heute offensichtlich mehr und mehr der Fall ist? Muss es beim Glauben nicht doch heißen: Alles oder nichts?

Jesus will jedenfalls mit seiner Frage: "Wollt auch ihr gehen?" die Zwölf vor eine Entscheidung stellen. Wenn sie jetzt schon an seinem Wort Anstoß nehmen, werden sie dann nicht erst recht Anstoß nehmen an seinem Kreuz? Im Wort Jesu, erst recht in seinem Kreuz wird der Anspruch Jesu deutlich, dass er der Gottgesandte, dass er der Heilige Gottes ist. Und Petrus, als der Repräsentant des Apostelkreises, wird den geforderten Glauben aussprechen: "Herr, zu wem sollen wir denn gehen? Du hast Worte ewigen Lebens... Du bist der Heilige Gottes." Der wirklich Glaubende schaut nicht auf sich selbst, und er redet nicht von sich selbst; er spricht von dem, an den er glaubt: in diesem Jesus, dem "Heiligen Gottes", tritt dem Glaubenden, tritt uns Gott selbst gegenüber. Jesus vertritt Gott als der, der Leben spendet; der die Liebe ist; der sich für die Welt zum Opfer geweiht hat. Nicht nur die Frage Jesu, sondern auch das Bekenntnis des Petrus weisen hin auf das Leiden und Sterben des Herrn, also auf das unübersehbare Zeichen der göttlichen Liebe.

Gibt es zwischen dieser klaren Glaubensforderung Jesu, dass er das Heil des Menschen ist, dass nur er Leben in Fülle schenkt, dass in ihm Gottes Liebe zum Menschen offenbar geworden ist, gibt es zwischen der klaren Glaubens-Forderung Jesu und dem modernen Lebensgefühl, von dem ich am Anfang gesprochen habe, eine Brücke, eine Vermittlung, sodass wir uns hüten sollten, dieses heutige Lebensgefühl einfach in Bausch und Bogen zu verurteilen, schlecht zu machen? Ich denke, dass dies der Fall ist. Aber dies ist nur möglich, wenn es auch bei uns glaubenden Menschen eine Besinnung gibt, eine notwendige Rückbesinnung auf die Mitte, auf das Zentrum unseres christlichen Glaubens. Die Verdunkelung der Mitte unseres Glaubens, die Betonung der Dinge am Rande - hier liegt m. E. doch wohl der eigentliche Grund, warum die unausrottbare Sehnsucht gerade auch der jungen Generation nach Glück, nach Geborgenheit, nach einem Sinn des Lebens aus der Kirche auswandert. Ist ihnen vielleicht von uns die Mitte nicht vorgelebt, deshalb vorenthalten worden? Und die zentrale Botschaft unseres christlichen Glaubens ist diese: Gott hat sich in Jesus Christus offenbart als den guten, als den liebenden Vater; Gott ist keine rachsüchtige Bestie, die jeden noch so kleinen Übeltäter einmal kriegt und bestraft; der in seinem Zorn auf den sündigen Menschen nicht geruht hat, bis sein Sohn am Kreuz von Golgotha verblutete. Das Kreuz, besser: der gekreuzigte Jesus ist vielmehr das unübersehbare, das unüberbietbare Zeichen seiner Liebe zu uns: Gott ist die Liebe. Und dieser Gott, der unser Vater ist, liebt jeden Menschen; er liebt jeden von uns; und dieser Gott liebt nicht auf Zeit; er liebt auf die Weise der Ewigkeit. Und genau danach sehnen wir uns: geborgen zu sein in einer ewigen, in einer unvergänglichen Liebe. Danach sehnen wir uns; danach sehnen sich auch die "Kinder der Freiheit". Die Frage an uns ist diese: Leben wir überzeugend diese christliche Grundbotschaft oder haben wir diese "Mitte" verdunkelt, sodass sie nicht mehr leuchtend, nicht mehr einleuchtend ist für viele unserer Zeitgenossen? Ist Jesus Christus die Mitte unseres Lebens - oder ist er von uns zu einer Randfigur degradiert worden, die auch fehlen könnte? Die wir durch andere kleine Götzen ersetzt haben?

Nicht nur das Evangelium, das wir eben gehört haben, fragt uns also nach der "Mitte" unseres Lebens, unseres Glaubens. Auch die "Zeichen der Zeit", auch die "Stimme der Zeit" verlangt nach dieser Mitte, die für jeden Menschen nun einmal lebensnotwendig ist, soll er nicht in seiner Sehnsucht nach dem Heilsein unerfüllt bleiben. Wenn wir mit Petrus bekennen können: "Wir sind zum Glauben gekommen und haben erkannt: Du bist der Heilige Gottes" - dann sollen wir uns unserer Aufgabe bewusst sein, diese Grundbotschaft unseres Glaubens zu leben - als Zeugnis für die vielen Suchenden heute. Uns steht es nicht zu, irgendjemand zu beurteilen oder gar zu verurteilen. Denn wir alle, ob wir Glaubende sind oder nicht, leben von der Güte und von der Zuwendung Gottes. Für diese Güte und Liebe, die immer unverdient und unverdienbar ist, können wir nur danken. Wir wollen es tun auch in dieser "Feier der Danksagung".

 

22. Sonntag: "Gerechtigkeit und Liebe"

Einführung

Vorschriften, Gesetze und Gebote stehen heute nicht sehr hoch im Kurs - in einer Zeit, in der das Wort "Freiheit" groß geschrieben wird. Kein Wunder, dass sich das auch bemerkbar macht gegenüber den Geboten Gottes, den Vorschriften, die von der Kirche gegeben werden. Vorschriften, Gesetze und Gebote wollen uns - gleichsam wie Hinweisschilder - aufmerksam machen auf wichtige Dinge, auf wichtige Situationen, wo wir gefordert sind. So sollten wir ein waches Bewusstsein dafür haben, wo wir anderen Menschen, Menschen, die wir gern haben, helfen sollten; wo wir ihnen geschadet haben. Eigentlich müsste unser Leben nicht von Vorschriften und Geboten bestimmt werden, sondern vom "Gesetz der Liebe", das sich nicht mit einem Minimum zufrieden gibt. Wir wollen uns deshalb zu Beginn dieser Eucharistiefeier wieder auf dieses "Gesetz der Liebe" besinnen. Wir wollen den Herrn um Vergebung bitten, weil wir so oft die Liebe außer acht gelassen haben.

    Herr Jesus Christus, du bist vom Vater gesandt zu heilen, was verwundet ist
    - Herr, erbarme dich!
    Du bist gekommen, die Sünder zu berufen
    - Christus, erbarme dich!
    Du bist zum Vater heimgekehrt, um für uns einzutreten
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Gott, du unser Schöpfer und Herr, du hast uns zu deinem Volk gemacht. Deine Gebote sind keine Last, sondern Leben spendende Weisung. Voll Vertrauen kommen wir mit unseren Bitten zu dir:

  • Hilf deiner Kirche, in ihrer Verkündigung dem Geist deiner Gebote nachzuspüren, der allein lebendig macht!
  • Steh den Verantwortlichen in Kirche und Staat bei in ihrem Bemühen um Gerechtigkeit und Frieden unter den Menschen!
  • Lass die Kranken, die Notleidenden und Bedrückten durch helfende Menschen deine Güte erfahren!
  • Hilf uns selbst, im Umgang mit den Mitmenschen mehr auf das Herz zu sehen als auf die äußere Tat!
  • Vergilt unseren Verstorbenen alles, was sie in ihrem Leben Gutes getan haben!

Gott und Vater, jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk kommt allein von dir. Dich preisen wir jetzt und alle Tage. Amen.

Predigt

Wenn wir die alttestamentliche Lesung aus dem Buch Deuteronomium mit dem Abschnitt aus dem Markus-Evangelium, den wir eben gehört haben, vergleichen, dann scheint sich auf den ersten Eindruck hin ein großer Gegensatz zu zeigen. Unser spontanes Gefühl neigt zum Evangelium hin, und zwar nicht nur aus dem Grund, weil heutzutage alle Vorschriften, alle Gebote und Gesetze nicht gerade hoch im Kurs stehen. Jesu Kritik an der äußerlichen Gesetzesfrömmigkeit der Pharisäer und Schriftgelehrten bestätigt uns anscheinend in unserer Auffassung. Wir sollten jedoch vorsichtig sein. Wir sollten auch zur Kenntnis nehmen, dass Jesus, wenn er die Pharisäer kritisiert, in keiner Weise einer Bindungslosigkeit, einem reinen Subjektivismus, einer Ablehnung von Geboten das Wort redet. Was Jesus ablehnt, ist das Betonen der Äußerlichkeiten, des Buchstabens. Worum es ihm geht, ist nämlich etwas viele tiefer Gehendes. Es geht Jesus darum, dass wir bei allem, was wir tun, wenn wir uns an Gesetze und an Vorschriften halten, den nicht aus dem Auge verlieren, der hinter allem steht: den lebendigen Gott, unseren Vater im Himmel, der unser Bestes will. Ich meine, genau dies wolle uns auch die alttestamentliche Lesung nahe bringen. In der Tat ist es das Kennzeichen dieses kleinen und politisch in der damaligen Zeit bedeutungslosen Volkes, ein solches "Gesetz" zu haben: "Welche große Nation hätte Götter, die ihr so nahe sind, wie Jahwe, unser Gott, uns nahe ist, wo immer wir ihn anrufen? Oder welche große Nation besäße Gesetze und Rechtsvorschriften, die so gerecht sind wie alles in dieser Weisung, die ich euch heute vorlege?" Und es heißt: "Darin besteht eure Weisheit und eure Bildung in den Augen der Völker."

Genau diese Überzeugung, ja diese Tatsache, ein Gespür zu haben für das, was gerecht ist, was Weisheit bedeutet, kommt in einer Geschichte, in einer Legende zum Ausdruck, die ich vor einiger Zeit gefunden habe. Sie wird dem Rabbi Israel Zwi Kenner zugeschrieben und trägt die Überschrift "Alexander der Große beim jüdischen Gericht". Aber diese Geschichte charakterisiert nicht nur die Haltung des gläubigen Juden damals; diese Geschichte hält auch uns - in der Gestalt des Eroberers Alexander - einen Spiegel vor Augen. Die Geschichte vom großen Alexander lautet so:

Als Alexander in Jerusalem einzog, da reichte man ihm ein goldenes Brot. "Isst man bei euch Gold?" fragte Alexander erstaunt. "Wir dachten, dass du gewiss Hunger nach Gold hast", erwiderte man ihm, "denn Brot, wie die Erde es hervorbringt, hast du ja jedenfalls in deiner Heimat auch. Nur die Habsucht hat dich hinausgetrieben, weite Länder erobernd zu durchziehen." Beschämt antwortete Alexander: "Behaltet euer Gold! Ich bin hergekommen, um eure Rechtsprechung kennen zu lernen." Man führte ihn deshalb zum Synhedrion, dem jüdischen Gerichtshof. Da kamen zwei Männer mit einem eigentümlichen Rechtsstreit und baten den Richter um ein Urteil. "Ein altes Haus", so begann der eine, habe ich meinem Nachbarn abgekauft. Als ich es niederriss und die Erde aufgrub, um das Fundament zu einem neuen Haus zu legen, da fand ich einen kostbaren Schatz von Gold und Edelsteinen. Ich ging zu meinem Nachbarn, um ihm den Schatz zu geben, da ich ihm nur ein altes Haus abgekauft und nur für ein solches bezahlt hatte, aber nicht diesen Reichtum. Er aber wollte den Schatz nicht nehmen: "Du willst kein unrechtes Gut behalten", hub der zweite an, "auch ich fürchte mich vor Raub und Diebstahl. Ich habe dir das Haus mit allem, was darin war, verkauft und habe darum keinen Anspruch auf den Schatz, den du gefunden hast." Da rief der Richter den einen der Männer zu sich heran und sprach zu ihm: "Du hast doch einen erwachsenen Sohn, der heiraten könnte?" Als der Mann das bejahte, rief der Richter auch den anderen Mann herbei und sagte ihm: "Soviel ich weiß, hast du eine große Tochter; sie heirate den Sohn dieses Nachbarn, und den strittigen Schatz gebt ihr dem jungen Ehepaar als Hochzeitsgut mit in die Ehe!" Die Streitenden entfernten sich nun - vollkommen befriedigt von diesem weisen Urteilsspruch. Voll Staunen saß Alexander da. "Was sinnst du, lieber Gast", redete ihn der Richter an; "gefällt dir mein Urteil nicht?" "Gewiss gefällt es mir", antwortete Alexander, "aber in meinem Land würde man nicht so geurteilt haben. In meinem Land hätte man den beiden Männern den Prozess gemacht, weil sie den Schatz nicht gleich dem König angezeigt hatten, oder man hätte solche Verrückten ins Irrenhaus geschickt, weil dort ihr Platz ist. Der Reichtum selbst wäre in die Kasse des Königs geflossen." Jetzt war das Staunen an dem jüdischen Richter, und es entwickelte sich zwischen beiden folgender Dialog: "Regnet es bei euch?" Alexander: "Gewiss regnet es bei uns." Der Richter: "Scheint bei euch die Sonne?" Alexander: "Ganz so wie hier." Der Richter: "Gibt es bei euch auch Vieh?" Alexander: "Allerdings." Der Richter: "Nun, dieser letzte Punkt scheint mir alles zu erklären. Die Menschen bei euch, die so ungerecht denken und handeln, verdienen weder Regen noch Sonnenschein. Diese himmlischen Gaben werden eurer Gegend nur des unschuldigen Viehes wegen zuteil."

Eine "Anwendung" dieser Geschichte auf unsere Zeit ist - so meine ich - nicht allzu schwer. Die Willkür Alexanders offenbart einiges vom Wesen des Menschen, von unserem eigenen Wesen. Sie weist hin auf Gefahren, in denen wir Menschen uns befinden. Die Mächtigen (und nicht nur diese!) gieren nach Gold, nach Reichtum und Macht. Und sie wissen, wie sie dahin gelangen. Sie kennen nur sich selbst und ihren Vorteil. Und dafür biegen und beugen sie alles Recht, alle Regeln und Gebote - auch die göttlichen! Wenn sie uns passen, führen wir sie großspurig im Mund; wenn sie uns gegen den Strich gehen, gehen wir souverän darüber hinweg. Bietet unsere Zeit nicht genügend Anschauungsmaterial in dieser Hinsicht? Wenn es um den eigenen Vorteil geht, wenn des darum geht, das eigene Schäfchen ins Trockene zu bringen, dann ist alles recht. Jedem geht es darum, seinen Teil vom Kuchen zu bekommen - je größer, desto besser! Was für andere übrigbleibt, interessiert kaum noch. Die abendländisch-christliche Auffassung von Recht und von Gerechtigkeit war jedenfalls eine andere. "Jedem das Seine, jedem das ihm Zustehende" - so formulierten es die griechischen Philosophen und nach ihnen die christlichen Denker bis in unser Jahrhundert hinein. "Gerecht" ist nur derjenige, den Namen eines "Gerechten" verdient nur derjenige, der dem anderen das ihm Zustehende gewährt, ihm dazu verhilft. "Gerecht" ist nicht derjenige, der sich seinen Anteil sichert und sich dabei nicht zu knapp bedient. Wir erleben heute allenthalben diese Selbstbedienungs-Mentalität auf Kosten der anderen, auf Kosten der Schwachen und Kleinen, der Familie, des Staates, auch der Kirche. Das aber ist für jede Gemeinschaft auf Dauer tödlich. Daran geht jede Gesellschaft zugrunde. Und vielleicht geht es uns heute nur noch des unschuldigen Viehes wegen so gut.

Hier merken wir, wie die Gebote und Gesetze, die das Leben in einer Gemeinschaft regeln, unabdingbar sind; wie Gebote und Vorschriften gerade auch in einer religiösen Gemeinschaft nichts Überflüssiges, nichts Minderwertiges darstellen, das man beiseite schieben kann, wenn es einem passt. Sie helfen uns, in Gemeinschaft miteinander leben zu können und die Rechte anderer zu sehen und zu achten. Gewiss, sie sind nicht alles; sie dürfen sich nicht lösen von ihrem Grund, dem lebendigen Gott. Sie dürfen nicht zum toten Buchstaben, schon gar nicht zum tötenden Buchstaben werden. Aber das sollten wir auch beachten: Ohne diese Gebote und Vorschriften verkommen wir zu Egoisten, die nur noch das eigene Wohlergehen im Auge haben; die aber an diesem Egoismus zugrunde gehen, die an diesem Egoismus ersticken. Sowohl die alttestamentliche Lesung wie auch Jesus selbst im heutigen Evangelium weisen uns auf Gefahren hin, wie wir den eigentlichen Punkt verfehlen können: den Herrn! Um ihn geht es im letzten.

 

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