Lesejahr A
Weihnachtszeit

 

Weihnachten: "Das Geschenk der großen Freude"

Einführung

Die Botschaft der Weihnacht, der Heiligen Nacht, ist uns allen nur zu vertraut: Gott wird Mensch. Das Kind in der Krippe ist die menschgewordene Liebe Gottes zu uns. Klingt diese Botschaft aber nicht wie ein Märchen? Kommt hier nicht die Ursehnsucht der Menschen nach dem Heilen, nach dem Reinen und Guten zum Ausdruck, hinter der jedoch keine Realität steht? Ist diese Botschaft vielleicht nur die Ausgeburt des menschlichen Geistes, nicht aber die Geburt Gottes in dieser Welt? Dieses Kind ist tatsächlich gesetzt zum Fall und zur Auferstehung vieler, an dem die Gedanken der Herzen offenbar werden. Das bedeutet jedoch: Letztlich sind nicht wir die Fragenden; wir sind vielmehr die Gefragten: ob wir diese unwahrscheinliche, unglaubliche Botschaft annehmen; ob wir in diesem unscheinbaren Kind in der Krippe die menschgewordene Liebe Gottes zu uns erkennen.

    Herr Jesus Christus, du bist Mensch geworden aus Maria, der Jungfrau
    - Herr, erbarme dich!
    Du wurdest den Hirten geoffenbart als der Heiland der Welt
    - Christus, erbarme dich!
    Du rufst auch uns an deine Krippe und in deine Nähe
    - Herr, erbarme dich!

Es erbarme sich unser der allmächtige Gott! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Lasset uns beten zu unserem Herrn und Heiland Jesus Christus, bei dessen Geburt die Engel der Welt den Frieden und das Heil verkündet haben.

  • Du hast denen, die an dich glauben, in deiner Menschwerdung die Fülle des Heils und der Freude geschenkt: lass uns deine Gaben voll Dankbarkeit entgegennehmen!
  • Du lebst fort in deiner Kirche, der Gemeinschaft der Glaubenden: Gib uns die Kraft, deine Frohe Botschaft glaubwürdig in dieser Welt zu bezeugen!
  • Du bist für alle Menschen gekommen, als die Zeit erfüllt war: Offenbare deine Ankunft auch denen, die noch auf dich warten!
  • Du hast die Menschen, die dem Tod verfallen waren, durch deine Menschwerdung erneuert:Vollende an unseren Verstorbenen das Werk der Erlösung!

Guter Gott, du hast den Menschen in seiner Würde wunderbar erschaffen und noch wunderbarer wiederhergestellt. Lass uns teilhaben an der Gottheit deines Sohnes, der unsere Menschennatur angenommen hat, er, der mit dir lebt und herrscht in alle Ewigkeit. Amen.

Predigt

Wer sich nur ein wenig in unserer Welt umschaut, dem springt sozusagen in die Augen: für unsere Zeit und für die Menschen in ihr gilt ein anderes Lebensgefühl, als gerade wir Ältere es kennengelernt haben. Unsere Gesellschaft hat offensichtlich neue Handlungs- und Orientierungsmuster geschaffen und gefunden. Dieses neue Lebensgefühl ist - so hat man den Eindruck - gekennzeichnet durch das Motto: "Erlebe dein Leben!" Nützlichkeit und Funktionalität - das sind nur noch zweitrangige Größen; gleichsam Zutaten. Auf dem "Erlebnismarkt" werden heute andere Artikel angeboten: "Ich will etwas vom Leben haben!" Darin erschöpft sich anscheinend die Suche vieler nach Glück und Lebenssinn. Die Erfüllung der Wünsche und Sehnsüchte wird nicht mehr auf ein Morgen aufgeschoben oder in eine ferne Zukunft, gar in ein ersehntes ewiges Leben verlegt. Wie viele haben Angst, etwas zu versäumen, bevor sie abtreten müssen.

Angesichts eines so gearteten neuen Lebensgefühls und Werte-Bewusstseins fragen wir uns, müssen wir uns als Christen, als Glaubende fragen, wie wir die christliche Botschaft von Gottes Heil verkünden sollen in einer säkularisierten Umwelt, die bis in unsere Familien hinein reicht. Als Glaubende müssen wir uns fragen, wie wir die weihnachtliche Botschaft von der Menschwerdung Gottes überhaupt noch vermitteln können; wie wir diese Botschaft überzeugend leben. Es dürfte klar sein, dass wir als Glaubende die Methoden und Strukturen der heutigen "Erlebnisgesellschaft" nicht übernehmen, nicht kopieren können. Aber wir kommen auch nicht daran vorbei, uns darüber Gedanken zu machen, wie wir jener Mentalität begegnen, die quer durch alle Altersschichten und Bevölkerungsgruppen das Leben und Erleben der Menschen bestimmt. Ich möchte heute am Heiligabend einiges zu bedenken geben, was m. E. von uns Christen bei dieser Auseinandersetzung, die ans Lebendige geht, zu beachten ist.

Christsein, christlicher Glaube beginnt mit einer bestimmten Erfahrung. Christlicher Glaube beginnt mit dem Gewahrwerden von etwas, was nicht in unserer menschlichen Macht steht; was von uns nicht arrangierbar ist; was nicht zu vermarkten, was nicht zu kaufen ist. Das gilt gerade auch für die weihnachtliche Botschaft von der Geburt des Sohnes Gottes, des Messias; das gilt für die Botschaft dieser Nacht vom Anbruch der Heilszeit. Diese Botschaft kommt nicht vom Menschen; sie kommt zum Menschen. Sie ist nicht von ihm erfunden; sie kann von ihm nur empfangen werden. Dass den Menschen Heil und Glück zuteil werden, das verdanken sie nicht dem eigenen guten Willen; das verdanken sie dem Wohlgefallen Gottes, seiner freien Erwählung. Heil und Glück werden von Gott geschenkt, gratis, umsonst. Heil und Glück im eigentlichen Sinn sind Geschenke der Liebe Gottes: das Kind in der Krippe ist Zeichen und Unterpfand dieser göttlichen Liebe: Gott schenkt sein ein und alles: seinen Sohn. Dieses göttliche Heil, das Wohlgefallen Gottes, von dem der Evangelist Lukas spricht, ist aber auch etwas, das sich uns nicht mit Macht, unüberhörbar aufdrängt; das wir übersehen könnten. Immer verbirgt sich Gottes Herrlichkeit: in der Wolke über dem Offenbarungszelt während der Wüstenwanderung des Volkes Israel; in der Armseligkeit eines neugeborenen Kindes; in der Ohnmacht des Gekreuzigten. Nur der Glaube entdeckt jeweils die Innenseite dieser Geschehnisse; nur der Glaube erkennt den tieferen Zusammenhang. Nur der Glaube sieht, dass in diesem auf Hilfe angewiesenen Kind in der Krippe die Erniedrigung, die Selbstentäußerung Gottes in die Knechtsgestalt beginnt (vgl. Phil. 2, 5-11), sein Weg in unsere Welt, der schließlich am Kreuz enden wird. Die Hirten können unsere Lehrer sein. Sie sind innerlich erfüllt von dem "Geschehen, das der Herr kundgetan hat" (Lk. 2, 15). Sie zeigen uns, was Glauben heißt. Sie eilen nach Bethlehem. Sie kommen ans Ziel. Aber was finden sie schon? "Ein Kind, in Windeln gewickelt, liegend in einer Futterkrippe" (Lk. 2, 12). Sie sehen von außen keinen Schimmer der göttlichen Herrlichkeit, die sie bei der Botschaft der Engel umstrahlte. Und trotzdem sehen sie in diesem Kind in der Krippe den Retter, den Christus, den Herrn der Welt. Und da sie das Kind gesehen haben, tun sie kund, was ihnen gesagt wurde: "Heute ist uns in der Stadt Davids der Retter geboren, er ist der Messias, der Herr." Wer Gottes Botschaft vernimmt und sich von ihr betreffen lässt, der sagt sie voll Freude weiter. Wer sich selbst daran nur erbauen, wer sich daran nur ergötzen will, der hat sie nie gehört; der hat sie schon gar nicht begriffen.

Die große Freude, die die Engel den Hirten verkünden, und die nur Gott schenken kann, lässt nun auch, wie mir scheint, eine Verbindungslinie ziehen zum "Erlebnishunger" unserer Zeit. Die große Freude, die Gott schenkt, vermag diesen Hunger zu deuten und kann helfen, nicht in der Flut der Glücksversprechen unterzugehen. Der christliche Glaube vermiest den Menschen nicht das Glück und die Freude. Er führt vielmehr die Sehnsucht nach Glück, nach Erfüllung und Freude auf ihren Urgrund zurück. Was haben die Menschen zu allen Zeiten nach Glück und Freude gerufen! Sie können gar nicht anders. Mit jenem angeborenen Trieb, der den Menschen aufrecht gehen lässt, streckt er sich nun einmal dem Glück und der Freude entgegen. Aber diese Sehnsucht nach Erfüllung ist nicht abzusättigen auf einem Erlebnismarkt, der verspricht, die Menschen wunschlos glücklich zu machen, ihn happy zu machen. Ein solches Versprechen ist zynisch. Denn es bedeutet in der Regel, die Menschen zuerst wunschlos zu machen, um sie dann mit dem kleinen Glück, mit der kleinen Freude, mit dem kleinen Rausch zufriedenzustellen. Der christliche Glaube dagegen lässt die Menschen etwas Großes zu ersehnen übrig. Das bedeutet nicht die Entwertung des kleinen Glücks. Der christliche Glaube weist vielmehr hin auf die Fülle des Glücks. Er tritt ein für die großen Hoffnungen und für die große Sehnsucht. Er findet sich nicht damit ab, dass diese Hoffnungen und diese Sehnsucht mit kleinen Erfüllungen abgefunden, abgespeist werden. Das kleine Glück und das bisschen Freude, die auf dem Erlebnismarkt angeboten werden, haben kaum etwas gemein mit unseren großen Hoffnungen und Sehnsüchten. Der christliche Glaube ist aus diesem Grund der Protest gegen diese Halbierung, gegen diese Reduzierung menschlicher Hoffnungen und Wünsche. Der christliche Glaube erhebt Protest dagegen, dass sich die Menschen mit den kleinen, mit den Ersatz-Erfüllungen ihrer großen Hoffnungen zufrieden geben sollen.

Die weihnachtliche Botschaft von Gottes Kommen in diese Welt trifft uns in einer Zeit, die gekennzeichnet ist von einem Erlebnishunger, von einer Gier nach Genuss und Befriedigung. Die weihnachtliche Botschaft kann uns bewahren vor einer Reduzierung unserer Hoffnung und Sehnsucht nach der Fülle des Glücks und der Freude. Uns ist diese Erfüllung zugesichert. Als Glaubende bekennen wir, dass in diesem unscheinbaren Kind in der Futterkrippe Gottes Verheißungen wahr geworden sind, wahr werden. Von dieser Botschaft, von dieser "großen Freude", die allem Volk, die auch uns zuteil geworden ist, sollen wir Zeugnis ablegen - mit unserem Leben: "Heute ist uns in der Stadt Davids der Retter geboren, er ist der Messias, der Herr." Wir wissen um die Fülle, die Gott uns in diesem Kind geschenkt hat. In diesem Sinn wünsche ich Ihnen allen - auch im Namen meiner Mitbrüder - einen von Freude erfüllten Heiligabend und gesegnete weihnachtliche Tage.

 

Hl. Familie: "Bezugspunkt Gott"

Einführung

Im Eröffnungsvers der hl. Messe heißt es: "Die Hirten eilten hin und fanden Maria und Josef und das Kind, das in der Krippe lag." Das bedeutet: Sie fanden den ihnen verkündeten Retter, den Sohn Gottes "als Mensch unter Menschen" (Kommunionvers), geboren in einer Familie. Diese Familie hat in einzigartiger Weise in Gott ihren Bezugspunkt, weil der menschgewordene Gott selbst zu ihr gehört. Die durch die Gegenwart dieses Kindes in besonderer Weise verwirklichte Gemeinschaft mit Gott macht ihre Heiligkeit aus. Auch wir sind gerufen, Gemeinschaft mit Gott zu verwirklichen, den Herrn zur Mitte, zum Fundament unseres Lebens zu machen. Darauf wollen wir uns zu Beginn dieser hl. Messe besinnen; und wir wollen den menschgewordenen Herrn bitten um seine Hilfe, um sein Erbarmen, um seine Treue.

    Herr Jesus Christus, du wolltest als Kind von deinen Eltern im Tempel dem Vater geweiht werden
    - Herr, erbarme dich!
    Du schenktest deinen Eltern im Tempel durch den Heiligen Geist Erleuchtung und Kraft
    - Christus, erbarme dich!
    Du kehrtest mit deinen Eltern nach Nazareth zurück und warst ihnen untertan
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Herr Jesus Christus, du wurdest Mensch wie wir und bist als Kind in einer Familie groß geworden. Du kennst unsere Sorgen und Nöte. Höre darum heute, am Fest der Heiligen Familie, unsere Bitten:

  • Für die Kirche: dass sich unsere Familien: Eltern und Kinder, in der Gemeinschaft der Glaubenden geborgen fühlen!
  • Für die Verantwortlichen in der Gesellschaft: dass sie sich für die Familie, die Keimzelle des Lebens, einsetzen!
  • Für unsere Familien: dass wir uns immer wieder neu um Wege des guten Miteinander und Füreinander bemühen!
  • Für uns alle: dass wir uns auf die Suche nach dir begeben, und dass wir dich finden im Hause unseres Vaters!
  • Für unsere verstorbenen Eltern und Angehörigen: dass sie bei dir den Lohn finden für alles Gute, das sie an uns getan haben!

Herr, wo dein Geist ist, da kann ein Miteinander wachsen, Vergebung geschenkt und Leben gewagt werden. Um diesen Geist bitten wir für unsere Familien heute und immer. Amen.

Predigt

Wir haben in der heutigen Lesung einen Abschnitt aus dem Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Kolossä gehört, seine Mahnungen an die dortigen Christen - heute am Fest der Heiligen Familie. Der Grund für diese Wahl des Textes aus der hl. Schrift kann doch wohl nur der sein, dass der Inhalt der Lesung in besonderer Weise zutrifft für die Gemeinschaft von Maria, Josef und Jesus. Was in dieser Familie gelebt wurde, das müsste auch sonst bei den Christen, das müsste auch bei uns der Fall sein. Die Mahnungen des Apostels müssten also auch für uns Gültigkeit haben. Denn wir gehören ja auch zu denen, an die der Apostel schreibt. Es geht dabei um die Art und Weise, wie wir als Christen leben sollen, wenn wir durch den Glauben an Gott, durch den Glauben an Jesus Christus erreicht worden sind; wenn es uns also mit dem Glauben an Jesus Christus ernst ist. Es geht also in der heutigen Lesung um unseren Lebensstil als Christen. Zunächst scheint es, was diesen Lebensstil des Christen und der christlichen Gemeinde betrifft, als ob alles sehr einfach und klar sei. Denn wer von uns wird grundsätzlich widersprechen, wenn "herzliches Erbarmen, Güte, Demut, Sanftmut, Geduld, Ertragen und Vergeben, Liebe, Friede, Dankbarkeit, gegenseitige Förderung in christlicher Erkenntnis" empfohlen werden? Ja, fast sieht es so aus, als ob diese "Ideale" ganz selbstverständlich wären. Und sie erscheinen uns wie humane Grundhaltungen, die wir mit allen Menschen guten Willens teilen, um deren Realisierung wir uns alle mühen.

Aber wenn wir uns von diesen Worten des Apostels wirklich treffen lassen, wenn sie die Fassade unserer Wohlanständigkeit durchstoßen, dann wird - so meine ich - die Situation plötzlich ganz anders. Haben wir wirklich Erbarmen im innersten Herzensgrund? Besitzen wir wirklich Güte und Demut, Sanftmut und Geduld des Herzens in lauterer Wahrheit? Ertragen wir wirklich einander so, dass die anderen ihre Lebenslast von uns mitgetragen wissen? Haben wir schon einmal im Grund unseres Herzens denen verziehen, die an uns schuldig geworden sind? Sind wir wirklich Liebende? Oder sind wir nur vom Leben Gewitzigte, die meinen, so noch am besten wegzukommen mit unserer Egozentrik, gar mit unserem Egoismus? Sind wir nur "Realisten", die ihr enttäuschtes Herz nicht mehr an die anderen verschwenden wollen? Haben wir schon resigniert in unserem Mühen um diese christlichen Haltungen? Oder ist unser Herz eingeborgen in den Frieden Gottes, der lösend und erlösend ist und unserem Leben Hoffnung gibt? Sind wir im Herzen dankbar für alles Gute, was uns widerfährt? Oder haben wir uns nur mit allem abgefunden? Bringen wir es noch fertig, anderen ein gutes Wort zu sagen aus wirklicher Anteilnahme? Können andere sich in unserer Nähe wohlfühlen? Wissen sie sich von uns angenommen?

Wenn wir den Worten des hl. Paulus wirklich zuhören, dann kann uns - wie ich meine - ein tödlicher Schrecken über uns selbst überfallen, über unser erstarrtes und totes Herz, über unser versteinertes Herz, das voll ist von Selbstsucht, die nur zugedeckt ist durch Lebensschläue und Verdrängung. Dann kann uns der Schrecken packen über den Abgrund unseres Herzens. Dann entdecken wir den Abstand von denen, die diese Grundhaltungen gelebt haben. Dann entdecken wir den Abstand zu denen, deren Fest wir heute miteinander begehen: der Heiligen Familie von Nazareth, den Abstand zu Maria, Josef und Jesus.

Doch dann merken wir plötzlich, dass der Apostel in seinem Brief ja gar nicht die Ideale unseres eigenen Herzens anruft; sondern dass er uns von Gott her anspricht; dass er uns von Gott her geben will, was er von uns fordert. Der Apostel redet ja Gottes Auserwählte, Gottes Heilige und Geliebte an. Und er verlangt eine Güte, er verlangt ein Vergeben, das lebt, das nur leben kann von der Güte, vom Vergeben, das der Herr uns gewährt hat. Er spricht von Gottes Frieden; er spricht von der Macht des Wortes Christi, vom Tun im Namen des Herrn Jesus, d. h. von einem Tun in der Ermächtigung und Freiheit, die der Herr und nur er uns schenken kann. Der Apostel setzt voraus, dass in jedem Einzelnen und in der christlichen Gemeinschaft, dass mitten in der Armseligkeit und im ständigen Neubeginnen-Müssen von uns Sündern - dass da wirklich geschieht, ja schon geschehen ist, was er von uns fordert. Nach dem Apostel tut Gott ja an uns dieses Werk. Er macht uns frei für die Liebe. Er hat uns frei gemacht für die Liebe. Gott ist der, der die Initiative ergriffen hat, nicht wir. Er ist uns zuvorgekommen.

Vermag uns aber Gott aus der Grube unseres bösen Herzens, das gleichsam in sich selbst erstickt, wirklich herauszuholen? Wenn wir so voller Zweifel fragen, ob Gott es fertig bringt, uns von uns selbst zu erlösen, dann sind wir - so meine ich - schon in der falschen Position, in der an uns nichts geschehen kann. Wir erfahren Gottes Gnade nur, wenn wir von ihr nicht verlangen, dass sie sich zuerst uns vorstellt, ob sie uns passt; sondern indem wir selber anfangen; indem wir uns seine Forderung: "So zieht denn an!" ohne Bedingungen sagen lassen; indem wir einfach gehen und nicht danach fragen, ob wir gehen können; indem wir uns immer wieder abmühen, und dann Gott überlassen, uns die richtige Gesinnung dazuzugeben. Es kommt ja nicht auf unsere Perfektion an, sondern auf unsere ehrliche Mühe.

Und so kommt der Text des hl. Paulus uns sozusagen zum dritten Mal entgegen: wie eine Aufforderung zu humaner Anständigkeit, zu Güte, Milde, Geduld und zu all dem anderen, ohne das der Alltag des Lebens ausweglos, nicht möglich ist. Aber dieser Imperativ des Alltags kommt jetzt zu uns als Wort der göttlichen Gnade, die selbst wirkt, bewirken kann, was sie von uns fordert. Dieser Imperativ kommt zu uns als das Wort der göttlichen Gnade, die uns das Werk Gottes an uns und in uns fortsetzen lässt. Denn nur wenn wir dem nachkommen, werden wir unsere eigene Ohnmacht und die Kraft der Gnade Gottes erfahren und annehmen; und nur so werden wir Gottes Heilige, Gottes Auserwählte und Geliebte sein, wie es in der Lesung heute heißt.

So wird der Text aus dem Kolosserbrief zu einem richtenden, aber auch zu einem aufrichtenden Wort für uns alle, die wir heute leben - oft unter Menschen, die die christliche Botschaft nicht mehr als das Licht ihres Lebensweges meinen anerkennen zu können. Das erste Zeugnis, das wir einander und diesen Menschen schulden, ist unsere Bewährung in der Alltäglichkeit. Das ist das Selbstverständliche; es ist aber zugleich das Schwerste. Wenn wir nun heute am Fest der Heiligen Familie miteinander Eucharistie feiern, dann wollen wir uns wieder vor Augen halten: im alltäglichen Tun der Liebe sollen wir einander und allen Menschen Zeugnis geben von der allumfassenden Liebe und Gnade Gottes, von seiner Güte und von seinem Erbarmen. Dann ist auch unser Zusammenleben gesegnet - wie das Leben von Maria, Josef und Jesus gesegnet war.

 

Neujahr: "Im Zeichen des Segens"

Einführung

Zu Beginn des Neuen Jahres schauen die Menschen in die Zukunft aus: voller Hoffnungen, voller Zweifel, voller Angst auch vor dem, was das kommende Jahr wohl bringen wird. Wie froh wären viele, wenn sie einen Blick in die Zukunft werfen könnten; wenn sie Gewissheit hätten. In einem Gedicht aus China heißt es: "Ich sagte zu dem Engel, der an der Pforte des neuen Jahres stand: Gib mir ein Licht, damit ich sicheren Fußes der Ungewissheit entgehen kann. Aber er antwortete: Geh nur hin in die Dunkelheit, und leg deine Hand in die Hand Gottes! Das ist besser als ein Licht und sicherer als ein bekannter Weg." Das, so meine ich, sollten wir uns zu Beginn des Neuen Jahres sagen: Wir wissen uns in Gottes Hand; wir sind nicht einem blinden und bösen Geschick ausgeliefert. Wir wissen uns in Gottes Liebe und Treue geborgen: er lässt uns nie fallen. Wir wollen darum den menschgewordenen Herrn, das Kind in der Krippe um die Kraft zu diesem Glauben bitten, um seine Hilfe in unserer Schwachheit.

    Herr Jesus Christus, du bist von deinem himmlischen Vater ausgegangen vor aller Zeit
    - Herr, erbarme dich!
    Du bist für uns Mensch geworden und hast unter uns gewohnt
    - Christus, erbarme dich!
    Du bist das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Lasst uns heute, am Beginn eines Neuen Jahres, zu unserem Herrn Jesus Christus beten, der uns in dieser Eucharistiefeier zusammengeführt hat:

  • In deiner Geburt ist uns die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes offenbar geworden: Gib, dass wir nicht aufhören, für alles Gute zu danken!
  • Du hast Maria, deine Mutter, mit Gnade erfüllt: lass auch uns teilhaben am Reichtum deiner Gnade!
  • Du kamst in die Welt, die Frohe Botschaft zu verkünden: Schenke der ganzen Welt dein Erbarmen und deinen Frieden!
  • In deiner Menschwerdung bist du unser aller Bruder geworden: Hilf uns, als Brüder und Schwestern miteinander zu leben!
  • Du hast dich als das Heil der Welt erwiesen: Schenke unseren Verstorbenen dein ewiges Leben!

Herr Jesus Christus, du schenkst uns deine Liebe und dein Erbarmen. Lass uns dir dafür immer danken, und schenke uns auch in diesem Neuen Jahr deinen Schutz, der du lebst und herrschst in Ewigkeit. Amen.

Predigt

In der Liturgie der Kirche ist der Neujahrstag (nur) der achte Tag nach Weihnachten, also der achte Tag nach der Geburt des Herrn. Gefeiert wird an diesem achten Tag die Gottesmutterschaft Mariens. Das bedeutet: der Beginn des neuen bürgerlichen Jahres wird dem Geheimnis des Glaubens untergeordnet. Damit wird aber auch deutlich die Verwandlung der Zeit, die durch den christlichen Glauben geschieht. Ohne den christlichen Glauben ist unser Kalender ja einfach nur die Mess-Einheit der Erd-Umdrehungen: in 24 Stunden dreht sich die Erde einmal um sich selbst; in 365 Tagen dreht sie sich einmal um die Sonne. Tag und Nacht sind der Ausdruck eines Kreislaufes, der sich immer wiederholt. Die Zeit ist in der Tat ein Kreis; die Zeit hat kein Woher und kein Wohin. Die Erde zieht ihre Bahn - unbekümmert um die Leiden, unbekümmert um die Hoffnungen und um die Sühnsüchte der Menschen, die auf ihr leben.

Seitdem Christus geboren wurde, ist dies jedoch anders geworden. Der christliche Glaube hat die Zeit verwandelt. Die Mess-Einheit des christlichen Glaubens sind nicht mehr die Umdrehungen der Erde und der Gang der Gestirne, sondern die Taten Gottes, in denen er uns sein Herz und seine Liebe zugewendet hat. Die beiden großen Ereignisse, die von nun an der Zeit eine neue Achse geben, das sind die Geburt und die Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus. Von diesen beiden Ereignissen, von diesen beiden Taten Gottes kommen die christlichen Feste; und diese Feste entstammen nicht dem Kreislauf der Natur, dem Gang der Gestirne. Die Wiederkehr dieser Feste ist etwas ganz anderes als der Ablauf vom ersten Tag des Jahres hin bis zum letzten Tag. Die Wiederkehr der christlichen Feste ist Ausdruck für etwas anderes, ist Ausdruck für etwas viel Tieferes. Sie ist Ausdruck für die Unerschöpflichkeit der Liebe, für die Unerschöpflichkeit der Liebe Gottes, die in seinen Taten zum Ausdruck kommt. Darum hat auch der christliche Anfang, den das Weihnachtsfest bedeutet, einen ganz neuen Gehalt gegenüber dem Anfang des bürgerlichen Jahres. Es ist die immer neue Möglichkeit, zurückzukehren in Gottes menschgewordene Güte; von ihr her neu zu leben. Ist das für uns wichtig? Ist das für uns maßgebend, für uns, die wir uns Christen nennen?

Damit wird ein weiteres sichtbar. Der achte Tag nach der Geburt hat in der Liturgie und im Recht des Volkes Israel seine feste Bedeutung. Es ist der Tag der Beschneidung und der Namensgebung; d. h. es ist der Tag der rechtsgültigen Aufnahme in die Gemeinschaft Israels; es ist der Tag der Aufnahme in den Bund Gottes und seiner Verheißungen an Israel; es ist aber auch die Aufnahme in die Last seines Gesetzes. Ein Mensch ist ja mit seiner biologischen Geburt nicht fertig geboren. Er besteht ja nicht nur aus Biologie, sondern auch, ja in erster Linie aus Geist, aus Sprache, aus Geschichte und Gemeinschaft. Um in diese Gegebenheiten hineingeboren zu werden, bedarf es der anderen Menschen; dazu sind wir angewiesen auf die Mitwelt, die uns die Sprache, die Gemeinschaft, die Geschichte und das Recht gibt. Der achte Tag im Leben Jesu bedeutet also, dass er sich rechtlich einbürgern lässt in seine Volk Israel. Gott ist also eingebürgert in diese Welt; und er hat einen Namen bekommen, der ihn als Bürger unserer Welt und unserer Geschichte ausweist; der ihn benennbar macht als Menschen. Erst durch seine Einbürgerung in unsere Welt und in unsere Geschichte ist nun aber auch umgekehrt das dunkle Geheimnis unserer Existenz verwandelt und vollendet. Der menschliche Beginn, der zwischen Segen und Fluch steht, ist mit der Geburt Jesu eingetreten in das Zeichen des Segens. Der Stern, unter dem wir stehen, ist darum nicht irgendein merkwürdiges, ein zufälliges Gebilde am Himmel, auf das die Menschen oft voll Angst starren. Unser Gestirnzeichen ist seitdem Er, Jesus Christus, das geborene und eingebürgerte Kind, der Heiland, der Messias, der unsere menschliche Geschichte zu Gott trägt, in Gott verankert. Das Kind in der Krippe ist für uns zum Zeichen des Segens geworden - ein Zeichen freilich, das heute mehr und mehr übersehen wird; ein Zeichen, dem widersprochen wird.

Schließlich gehört aber auch noch dies zum heutigen Tag. Der achte Tag ist auch der Tag der Vollendung; es ist der Tag der Auferstehung Jesu Christi und damit zugleich der Tag der Vollendung der ganzen Schöpfung. Die Schöpfung geht nicht zugrunde; sie geht der Vollendung entgegen. So wird der achte Tag dann auch zum Symbol der Taufe, zum Zeichen der christlichen Hoffnung überhaupt: die Auferstehung, das Leben dieses Kindes von Bethlehem ist stärker als jeder Tod; und auch unser Lebensweg ist nicht mehr ohne Hoffnung und ohne Ziel. Inmitten der vergehenden Jahre, inmitten der verrinnenden Zeit gibt es für uns den immer neuen Beginn. Dieser neue Beginn ist aufgeleuchtet im Kind von Bethlehem, im Kommen der ewigen Liebe und Güte, in diesem Jesus, der Gottes Heil ist für uns, für alle Menschen seines Wohlgefallens.

Wir feiern heute am Neujahrstag miteinander Eucharistie. Als Christen feiern wir nicht nur den Anfang eines neuen Jahres. Wir Christen erinnern uns an den Anfang Gottes schlechthin, den er mit uns Menschen gemacht hat. Wir erinnern uns an seine Liebe zu uns, zu denen, die mühselig und beladen sind. Dafür können wir ihm nur Dank sagen - in dieser Feier der Danksagung, der Eucharistie, in der diese göttliche Güte sichtbar wird. Und dies ist auch mein Wunsch für Sie alle: dass wir voll Dankbarkeit davon überzeugt sind, dass Gott mit uns geht in diesem neuen Jahr; dass wir eingeschrieben sind in seinen Händen; dass wir hineingeborgen sind in seine Liebe und Huld. In diesem Sinn wünsche ich Ihnen allen ein gesegnetes Neues Jahr.

 

2. Weihnachtssonntag: "Das Wort ist Fleisch geworden"

Einführung

In Jesus Christus hat uns Gott seine Liebe erwiesen; in ihm hat er uns erwählt und als seine Kinder angenommen - so hören wir heute in der Lesung aus dem Epheserbrief. Verstehen wir uns als Menschen und Christen von dieser Gegebenheit her? Ist diese Gegebenheit die Basis unseres Lebens? Bestimmt sie unser Denken und Verhalten - nicht nur bei bestimmten Anlässen, sondern auch in unserem Alltag? Wir wollen uns zu Beginn dieser Eucharistiefeier wieder auf diese Grundgegebenheit besinnen: auf unseren guten Vater im Himmel, aus dessen Güte und Erbarmen wir alle leben.

    Herr Jesus Christus, du bist von deinem himmlischen Vater ausgegangen vor aller Zeit
    - Herr, erbarme dich!
    Du bist für uns Mensch geworden und hast unter uns gewohnt
    - Christus, erbarme dich!
    Du bist das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Lasset uns beten zu unserem Herrn Jesus Christus, der in seiner Menschwerdung unser aller Bruder geworden ist, und der uns in seine Nähe ruft.

  • Du kamst als Gottes Wort in diese Welt: Mache die Diener deiner Botschaft zum Licht auf dem Weg zu dir!
  • Die Welt hat dich nicht erkannt: Zeige dich allen Menschen als das Heil, nach dem sie sich sehnen!
  • In dir kam das Licht in die Welt: erleuchte die Nichtglaubenden und die Gleichgültigen und überwinde ihre Vorurteile!
  • Du nimmst die, die an dich glauben, als deine Kinder an: Gib uns die Kraft, Not und Elend dieser Erde zu lindern!
  • Du hast unter uns gewohnt: Ermögliche mit unserem Einsatz allen Menschen ein menschenwürdiges Dasein!

Guter Gott, du hast uns in deinem Sohn dein Heil kundgetan. Du selbst willst uns mit deinen Gaben erfüllen. Darum bitten wir durch Jesus Christus, deinen Sohn und unseren Herrn. Amen.

Predigt

Der Text des heutigen Evangeliums ist wohl einer der eindrucksstärksten Texte des Neuen Testaments. Er ist sicher aber auch einer der Texte, die für unser Verstehen sehr schwierig sind. Der sogenannte "Prolog" des Johannes-Evangeliums ist die Eröffnung, er ist das "Vorwort", besser noch: die Inhaltsangabe des Evangeliums: die Botschaft von Jesus Christus und seiner Sendung durch Gott. Wahrscheinlich stellt unser Text einen frühchristlichen Hymnus dar, also ein Gottesdienst-Lied. Es ist in der Tat ein Lied zum Lobpreis Jesu Christi. Obwohl sein Name erst später genannt wird, ist klar, dass Jesus es ist, von dem als dem "Wort" die Rede ist.

Die Geschichte Jesu beginnt im Johannes-Evangelium nicht (wie bei Markus) mit dem Auftreten Johannes des Täufers. Sie beginnt auch nicht mit der Geburt Jesu (wie im Matthäus- und Lukas-Evangelium). Jesu Anfang liegt also nicht in der Zeit; er liegt in der Ewigkeit Gottes. Damit ist klar: Keiner der Evangelisten hat Jesus als Gottes Sohn so nah und so wesenhaft mit Gott eins gesehen wie Johannes. Johannes stellt darum in Jesu Worten nicht nur die Worte eines Menschen heraus, sondern Gottes Worte; in Jesu Handeln nicht nur das Handeln eines Menschen, sondern Gottes Handeln; in Jesu Geschichte nicht nur den irdischen Lebensweg eines Menschen dar, sondern den Weg der Sendung Jesu durch Gott. Der Glaube des Evangelisten aber, dass Jesus der Sohn Gottes ist, hat seinen Grund in der Überzeugung, dass Jesus eins ist mit Gott, seinem Vater. Dieses Einssein beginnt nicht erst in der Zeit; es besteht von Ewigkeit her. Darum beginnt das Johannes-Evangelium dort, wo die Heilige Schrift ihr Zeugnis von dem einzig-einen Gott beginnt: "Im Anfang", d. h. vor aller Schöpfung. Diese Überzeugung prägt und durchtränkt das ganze Evangelium und jede einzelne Begebenheit. Der Anfang Jesu reicht also vor den Anfang der Welt in der Schöpfung zurück. Denn vor der Schöpfung, vor dem 1. Schöpfungstag war nur der Schöpfer. Vor der Wirkung des Schöpfungswortes war das schöpferische "Wort" Gottes. Und wie der Anfangssatz der alttestamentlichen Schöpfungs-Geschichte ganz im Zeichen des Schöpfers steht ("Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde"), so wird der Beginn des Johannes-Evangeliums bestimmt durch die Person des göttlichen "Wortes", die von Anfang an bei Gott war: "Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort." Johannes spricht also von Jesus als dem schöpferischen Wort Gottes. Jesus ist der, "der das, was nicht ist, ins Sein ruft" (Röm. 4, 17). Wir müssen aber beachten: Jesus tritt nicht an die Stelle Gottes; er verletzt nicht die Einzigkeit Gottes. Der Evangelist bezeugt vielmehr das Einssein Jesu mit Gott. Jesus als das "Wort" Gottes ist von Ewigkeit her bei Gott; ja, Jesus als das schöpferische Wort Gottes ist selbst Gott - in Beziehung und in Einheit mit dem himmlischen Vater.

Dass Jesus von Ewigkeit her bei Gott war, darin ist begründet, dass alle Dinge durch ihn ins Leben gerufen sind; dass kein Mensch "Leben" haben kann, ohne am ewigen Leben Gottes Anteil zu haben. Dieses ewige Leben gibt Jesus denen, die an ihn glauben; die an ihn als den vom Vater gesandten Sohn glauben. Alles Geschaffene hat Teil am Leben Gottes. Alles Geschaffene hat Teil auch am Licht, das Gottes Schöpfungswort im Menschen aufstrahlen lässt. Die Finsternis vermag dieses Licht nicht mehr auszulöschen. Dieses Licht Gottes, das Licht des "Wortes", wie Johannes sagt, erleuchtet jeden Menschen. Keiner kann sagen, er wisse nichts von diesem Licht. Die Menschen können sich zwar dem Licht entziehen. Aber sie können nicht an der Tatsache vorbeileben, dass sie, indem sie leben, auf Gott bezogen sind und für immer auf Gott bezogen bleiben.

Doch vom Anfang der Menschheitsgeschichte an wird der tiefe Riss, wird der erschreckende Widerspruch deutlich: das Licht des Schöpfungswortes "war" in der Welt, und die Welt verdankt diesem "Wort" ihre Entstehung; die Welt wurde so zum "Kosmos", zum Geordneten - dem allen zum Trotz hat die Welt jedoch dieses Wort Gottes nicht erkannt. "Erkennen" in biblischer Sprache ist nicht eingeschränkt auf intellektuelles Erfassen. Es bedeutet das Eingehen eines entsprechenden Lebensverhältnisses zum Erkannten. Darum bedeutet "Gott zu erkennen": an ihn zu glauben; auf ihn sein Leben zu bauen; und deshalb an seinem Leben teilzuhaben. Ihn nicht zu erkennen, bedeutet: sich ihm zu verweigern; sich der Quelle des Lebens zu verschließen. Das ist "Sünde" im eigentlichen Sinn: nicht zu glauben, sich zu verweigern! Darin bestand schon die Sünde des auserwählten Volkes Israel: es verweigerte sich seinem Schöpfer und Retter: "Als ich rief, habt ihr euch verweigert; jeden Rat, den ich gab, habt ihr ausgeschlagen; meine Mahnung gefiel euch nicht." (Spr. 1, 24 f) Diese Möglichkeit, ja die Tatsache der "Sünde" im eigentlichen Sinne des Unglaubens, der Verweigerung ist auch heute gegeben; es ist auch unsere erschreckende Möglichkeit.

Es hat aber immer "Gerechte" gegeben, die das Wort Gottes, die Jesus angenommen haben. Sie sind "Kinder Gottes". Wie unwahrscheinlich das ist angesichts der allgemeinen Verweigerung, ja wie wunderbar, das wird in einer dreifachen Negation ausgedrückt: "Kinder Gottes" sind diese Wenigen geworden nicht durch Geburt - Christ wird man nicht durch Geburt! "Kinder Gottes" entstehen nicht durch den Willen des Fleisches, d. h. aufgrund der menschlichen Natur allein; erst recht nicht durch den Zeugungswillen eines Mannes. "Kinder Gottes" zu sein, als "Kinder Gottes" zu Gott zu gehören, Heimatrecht bei ihm zu haben: das ist ein Wunder; das ist eine Geburt ganz anderer Art als die von Fleisch und Blut. Ohne Zweifel ist mit dieser "Geburt" gemeint die Taufe, die ja wenig später vom Evangelisten als "Geburt von oben" bezeichnet wird. Entscheidend dafür ist freilich, das Wort Gottes im Glauben anzunehmen; d. h. an Jesus als den Gottgesandten zu glauben. Das Wunder der Geburt aus Gott findet also seine eigentliche Erfüllung in der Verbindung der Glaubenden mit Jesus. Dass ein Mensch zu "ewigem Leben" findet, dass das göttliche Licht vom Beginn der Schöpfung an in der Finsternis aufleuchtet und jedem Menschen an diesem Licht Anteil geben möchte - das erfüllt sich im Glauben an Jesus, im Glauben an das fleischgewordene Wort Gottes.

Das ist in der Tat die zentrale Aussage des heutigen Evangeliums: "Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt." Der gottgleiche Sohn Gottes, das "Wort" Gottes, das von Ewigkeit her zu Gott gehört und bei ihm ist, tritt ein in den Bereich der Schwachheit und Hinfälligkeit der Menschen. Diese Grund-Wahrheit ist zutiefst eine Provokation des menschlichen Denkens. Sie ist der Affront für das menschliche Denken zu allen Zeiten: Der Mensch Jesus ist Gottes Sohn; er ist der Gesandte Gottes. Er ist ausgestattet mit der ganzen Vollmacht des Vaters. Er ist als das Licht in die Welt gekommen, um die Welt zu retten. Er hat unter uns "sein Zelt aufgeschlagen". Auch in seiner Menschwerdung bleibt Jesus der, der er von Ur-Anfang war: der Gott und die Herrlichkeit Gottes, die Klarheit und die Fülle des göttlichen Lichtes kundtut, offenbart. Jesus lässt die, die an ihn glauben, seine Herrlichkeit schauen; er vermittelt den Glaubenden Anteil an Gottes ureigenem Wesen.

Das heutige Evangelium weist uns also hin auf die grundlegende Wahrheit unseres Christseins. In Jesus von Nazareth, in diesem Kind von Bethlehem begegnen wir nicht nur einem großartigen Menschen. In ihm begegnen wir Gott selbst. Der Anfang Jesu liegt nicht in der Zeit. Der Anfang Jesu liegt in Gottes Ewigkeit. In Jesus begegnen wir dem schöpferischen Wort Gottes, der das, was nicht ist, ins Dasein ruft. An uns liegt es, an ihn zu glauben, um an seinem Leben teilzuhaben. An uns liegt es, uns nicht der Quelle des Lebens zu verweigern, zu verschließen. An uns liegt es, sein Wort anzunehmen. Wenn wir uns darauf einlassen, dann werden wir, dann sind wir Kinder Gottes. Dann haben wir Heimat bei ihm - für immer.

 

Erscheinung des Herrn: "Über das rechte Gottsuchen"

Einführung

"Wir haben seinen Stern gesehen!" So lautet die Auskunft der Männer, die sich auf den Weg nach Jerusalem gemacht haben, um dem neugeborenen König der Juden zu huldigen. Sie erleben die "Sternstunde" ihres Lebens, als sie in Bethlehem das Kind finden. Sie fallen nieder und beten an. Wer waren diese Männer, und was zeichnete sie aus? Es waren Suchende; es waren Menschen, die bereit waren, Vertrautes hinter sich zu lassen, um den zu finden, der allein die Sehnsucht des Herzens zu stillen vermag. Sind wir Suchende? Wissen wir uns unterwegs zum Herrn, der unserem Suchen Erfüllung schenken kann? Besinnen wir uns und erbitten wir uns vom Herrn den Mut zum Suchen und das Glück des Findens.

    Herr Jesus Christus, du hast den Weisen deinen Stern geschickt
    - Herr, erbarme dich!
    Du hast die Weisen gerufen, dich zu suchen
    - Christus, erbarme dich!
    Du hast den Weisen das Glück geschenkt, dich zu finden
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Lasset uns beten zu unserem Herrn Jesus Christus, der seine Liebe und Güte, aber auch seine Macht und Herrlichkeit den Menschen kundgetan hat:

  • Du kamst als König Israels: Richte auf dein Reich und mache es durch die Gläubigen kund bis an die Grenzen der Erde!
  • Herodes erschrak über die Botschaft von deiner Ankunft: zeige deine Liebe und Güte zu denen, die vor dir erschrecken!
  • In Bethlehem, der Stadt Davids, wurdest du geboren: erleuchte in deiner Güte das Volk, das noch immer auf dich wartet!
  • Die Weisen brachten Geschenke und huldigten dir: lass alle Menschen das Heil erkennen, das du uns bereitet hast!
  • Die deine Botschaft erkannten, waren von Freude erfüllt: erfülle mit Freude die Trauernden, mit Vertrauen die Zweifelnden und mit Zuversicht die Mutlosen!

Herr Jesus Christus, du Heiland der Welt, dir sei Lob und Herrlichkeit unter den Völkern der Erde! Sende dein Licht, damit alle zu dir hinfinden, der du lebst und herrschst in Ewigkeit. Amen.

Predigt

Das Evangelium erzählt vom Kommen der Weisen aus dem Morgenland, von ihrem Suchen und Fragen nach dem neugeborenen König der Juden. Wir hören von Herodes, der die Weisen nach Bethlehem schickt, nachdem er die Schriftgelehrten befragt hatte, wo denn der Christus geboren werden sollte. Und die Weisen ziehen hin nach Bethlehem und finden den, nach dem sie so sehnsuchtsvoll geforscht hatten. Warum konnte man sie nach Bethlehem schicken, diesem kleinen, vergessenen Dorf im Gebirge Juda? Matthäus erzählt uns den Grund: "Die Schriftgelehrten antworteten dem König Herodes: In Bethlehem, im Lande Juda. Denn so steht beim Propheten geschrieben: Und du, Bethlehem, im Lande Juda, du bist keineswegs die geringste unter den Fürstenstädten Judas; denn aus dir wird hervorgehen der Hirte, der mein Volk Israel regieren wird." Über diese Prophetie wollen wir nun nachdenken, und zwar darüber, wie die Menschen sich zur erfüllten Prophetie des Micha gestellt haben.

Die Schrift berichtet uns vor allem von den Menschen, denen die Prophetie zum Stein des Anstoßes geworden ist. Da ist zunächst Herodes der Große. Er war politisch der Erstinteressierte an der Ankunft eines neuen Königs. Daher seine Angst bei der unschuldigen Frage der Weisen: "Wo ist der neugeborene König der Juden?" Herodes weiß sich aber zu helfen. Er geht an die richtige Quelle. Er beruft eine Versammlung der Hohenpriester und der Schriftgelehrten Israels ein und fragt sie, wo der Messias geboren werden solle. Er erhält die Antwort: Bethlehem im Lande Juda. Herodes teilt seinen Gästen die Antwort mit und schickt sie nach Bethlehem. Und gerade darin liegt die Tragik: Herodes geht selber nicht. Er schickt die anderen zu Christus, in das Licht der erfüllten Prophetie. Und er selbst wird an dieser Prophetie und ihrer Erfüllung zum Mörder; der Leidenschaft seines Herzens nach zum Gottes- und Messias-Mörder. Warum diese Wirkung einer Prophetie und ihrer Erfüllung auf einen Menschen? Herodes war ein Mensch mit keiner anderen Liebe und Treue als nur zu sich selbst. Er kannte keine Liebe und Treue zu seinem Gott. Die Tempel, die er in seinem Herrschaftsbereich zu Ehren der Götter Roms erbauen ließ, beweisen es. Wie oft hat er während seiner langen Regierungszeit seine Politik geändert. Wie viele von seinen nächsten Verwandten hat er ermordet, angefangen von seiner unschuldigen Gattin Mirjam bis zu seinem Thronerben Antipater. Herodes war ein Mensch, der weder im Himmel noch auf Erden ein Wesen kannte, dem er Liebe und Treue gewahrt hätte. Er kannte nur eine maßlose Vergötzung seiner selbst.

Die zweite Gruppe von Menschen, die an der Micha-Prophetie Anstoß nehmen, sind die Theologen, die Gottesgelehrten Jerusalems. Sie geben Herodes eine ausgezeichnete Deutung des Textes - und bleiben selber zu Hause. Die zwei Stunden Weges über die Berge ihrer judäischen Heimat können sie nicht gehen. Sonst hätten sie den gefunden, der Ziel, Sinn und Ende all ihrer Schriftgelehrsamkeit war. Anderen können sie den Weg weisen. Sie selber finden ihn nicht. Wie genau wissen manche Menschen es anderen zu sagen, "wo der Christus geboren werden soll"; wie es geschehen könne, dass Christus Gestalt erhalte im Herzen eines Menschen und zur Welt komme in Selbstentsagung, Opfer und Liebe. Sie wissen es anderen so klar zu sagen. Und den kurzen Weg bis Bethlehem gehen sie selber nie.

Von einer dritten Gruppe berichtet das Evangelium aus späterer Zeit. Jesus hat das Wort gesprochen: "Wenn einer Durst hat, der komme zu mir, und es trinke, wer an mich glaubt!" Viele von seinen Zuhörern meinen: Das ist der Messias. Aber sie werden widerlegt; sie werden widerlegt aus der Schrift mit einem durchschlagenden Argument aus dem Prophetenbuch des Micha: "Der Messias kommt doch nicht aus Galiläa; die Schrift sagt doch, er stamme aus Davids Samen. Aus Bethlehem kommt er, dem Ort, wo David war." Jesus kann nicht der Messias sein, weil der Messias aus Bethlehem kommt. Ist das Schicksal der Micha-Prophetie vom kommenden Hirten Israels nicht merkwürdig? Ein König wird an ihr zum Mörder. Die Schriftgelehrten Jerusalems werden durch sie noch mehr verstockt in ihrer Blindheit. Für die Zuhörer Jesu selbst ist die Prophetie ein Beweis seiner Lüge. Es ist, als wenn diese Prophetie einen ähnlichen "Sendungs-Befehl" erhalten habe wie einst der Prophet Jesaja: "Geh hin und sage diesem Volk: Hört nur immerzu, aber verstehen sollt ihr nicht! Seht nur immerzu, aber zur Einsicht kommen sollt ihr nicht!" (Jes. 6, 9) Aber es gibt auch Menschen, die verstanden haben und zur Einsicht gekommen sind, denen die Prophetie des Micha nicht zum Stein des Anstoßes wurde. Da sind einmal die Menschen, die die Erfüllung der Prophetie unmittelbar anging: Maria und Josef, die Eltern Jesu. Von ihrer Einstellung berichtet uns das Evangelium nicht viel. Wir zweifeln aber nicht daran, dass sie anbeteten; dass sie Gott, ihrem Herrn und Heiland, dem Hirten von Bethlehem zujubelten. Aber wir können uns auch denken, dass Maria und Josef sich oft die bange Frage gestellt haben, wie dieses Prophetenwort sich wohl erfüllen möchte; wie es möglich sei, dass der Christus, das Kind, das Maria unter ihrem Herzen trug, in Bethlehem geboren werde. Aber wir können auch annehmen, dass sie an die Erfüllung der Weissagung des Propheten glaubten. Für sie war es selbstverständlich, dass es keine Möglichkeit gibt, die Pläne Gottes zu vereiteln. Und dieser Glaube findet seine Bestätigung: alle Zufälligkeiten menschlichen Lebens, menschlicher Rechtsordnung und ihrer Befehle tragen nur dazu bei, den Plan Gottes zu verwirklichen.

Auch von den Weisen wird nicht viel erzählt. Wir hören von ihrem Kommen und von ihrer Frage. Und wir sehen sie hinziehen, nachdem sie den Bescheid erhalten haben, Bethlehem sei die Geburtsstadt des Messias, wie es beim Propheten Micha geschrieben stehe. Sie ziehen im Vertrauen auf die Wahrheit dieses Wortes hin und finden den Gesuchten; sie fallen nieder und beten das Kind an. Sind nicht all diese Menschen eine Mahnung an uns? Herodes wird zum Mörder; sein Tun und Handeln ist nur bestimmt von seiner Eigenliebe. Sie bringt ihn dahin, die Gnade seines Lebens auszuschlagen, sich selber aufzumachen zum Messias. Da sind die Schriftgelehrten, die wohl wissen, wo der Messias zu finden ist; die aber zu bequem sind, selber hinzugehen; die anderen den Weg zeigen können nach Bethlehem. Da sind Maria und Josef. Lernen wir von ihnen den selbstverständlichen Glauben, das vertrauensvolle Sich-Hingeben und Sich-Fügen in Gottes Willen und Pläne. Heute stehen vor uns die Weisen aus dem Morgenland. Sie sind von weit hergekommen, um den Erlöser zu suchen. Sie erhalten den genauen Bescheid, wo der Christus geboren werden soll. Und sie ziehen gläubig und froh den Weg nach Bethlehem; sie finden den, der das Ziel all ihren Suchens war: den Messias. Sie beten an; sie bringen ihm ihre Geschenke dar. Wollen nicht auch wir mit ihnen nach Bethlehem gehen, um den Herrn zu finden?

 

Taufe des Herrn: "Jesus - der Knecht Gottes"

Einführung

Mit dem heutigen Sonntag, dem Fest der Taufe Jesu, geht die Weihnachtszeit zu Ende. Weihnachten als das Kommen, als das Offenbarwerden Gottes in unserer Welt beschränkt sich also nicht auf die Kindheit Jesu. Zu diesem Offenbarwerden gehört das ganze Leben Jesu. Und die Kirche hat von alters her in besonderer Weise in der Taufe Jesu dieses Offenbarwerden Gottes, das Aufleuchten des göttlichen Glanzes in Jesus Christus gesehen. Die Stimme vom Himmel nennt Jesus seinen geliebten Sohn. Gottes Geist ruht auf ihm. In der Kraft dieses Gottes-Geistes wird Jesus seinen Weg gehen, den Menschen Gottes Heil verkünden und nahe bringen und sich hingeben für die Vielen. Besinnen wir uns darum wieder darauf, heute am Fest der Taufe Jesu, wer Gott, wer Jesus Christus für uns ist.

    Herr Jesus Christus, über dir öffnete sich der Himmel
    - Herr, erbarme dich!
    Auf dich kam Gottes Heiliger Geist herab
    - Christus, erbarme dich!
    Die Stimme vom Himmel nannte dich Gottes geliebten Sohn
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Heute am Fest der Taufe Jesu im Jordan kommen wir voll Vertrauen zu dir, unserem guten Vater im Himmel, mit unseren Bitten:

  • Zusammen mit dem ganzen Volk ließ auch Jesus sich taufen: Gib uns die Kraft, deinen Willen anzuerkennen und zu erfüllen!
  • Während Jesus betete, öffnete sich über ihm der Himmel: Gib uns Mut und Vertrauen, im Gebet bei dir zu sein!
  • Dein Geist kam auf Jesus herab: Schenke uns Freiheit und Geborgenheit in dir, dem Grund unseres Lebens!
  • Die Stimme aus dem Himmel nannte Jesus den geliebten Sohn Gottes: Lass uns deinen Sohn anerkennen als unseren Heiland und Erlöser!

Gott, unser Vater, in der Taufe am Jordan hast du uns Jesus geoffenbart als deinen Sohn, an dem du Wohlgefallen hast. Lass unsere Sehnsucht nach dem Heil, nach Geborgenheit und Freiheit in ihm die Erfüllung finden. Darum bitten wir durch ihn, Christus, deinen Sohn. Amen.

Predigt

Mit der Taufe Jesu im Jordan durch Johannes beginnt nach den Evangelien das öffentliche Wirken und Auftreten Jesu. So verschieden die einzelnen Evangelien dieses Ereignis der Taufe erzählen, sie alle stellen heraus, dass Jesus der Kommende, dass er der von den Propheten Verheißene, dass er der von Gott Erwählte ist: "Es kommt einer, der stärker ist als ich; und ich bin es nicht wert, ihm die Schuhe aufzuschnüren. Er wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen!" So bekennt der Täufer Johannes. Und die Stimme aus dem geöffneten Himmel sagt: "Du bist mein geliebter Sohn; an dir habe ich Gefallen gefunden." Jesus hält es nicht unter seiner Würde, als der Größere sich von Johannes taufen zu lassen; als der Sündenlose und der Gerechte schlechthin sich einer Taufe zu unterziehen, die zur "Vergebung der Sünden" gedacht war. Indem Jesus sich in die Reihe der "Sünder" einordnet, will er mit seinem Tun darlegen, dass die Johannes-Taufe ein gottgewolltes Werk ist: Wer sich taufen lässt, der anerkennt Gottes Willen. Und Jesus weiß sich als den, der den Willen Gottes erfüllt: "Siehe, ich komme! Deinen Willen zu tun, ist mir Freude."

Die Taufe Jesu wird von den Evangelisten so erzählt, dass nicht nur der Hergang des Geschehens am Jordan vor unseren Augen steht. Erzählt wird die Taufe so, dass dem Hörer, dass dem Leser dieser Geschichte deutlich wird: Jesus ist der verheißene Messias. Gott selbst hat ihn mit seinem "Geist" erfüllt: "Du bist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe", d. h. du bist in einer einzigartigen Weise mit mir verbunden und eins. Unser Blick wird also beim Geschehen der Taufe auf Jesus gelenkt, nicht auf den Täufer Johannes; allein auf Jesus kommt es an. Er ist der Mann, um den sich alles dreht.

Dass es auf diesen Jesus allein ankommt, das wird in einem "Zeichen" von Gott selbst offenbar gemacht: "Während er betete, öffnete sich der Himmel, und der Heilige Geist kam sichtbar in Gestalt einer Taube auf ihn herab." So steht es beim heiligen Lukas. Er will damit sagen: Der Himmel, die Welt Gottes, die bislang für die Menschen gleichsam verschlossen war, öffnet sich. Gott hatte sich gleichsam von und aus der Welt zurückgezogen. Er war der unbegreifliche, der zutiefst verborgene Gott geworden, fast ein "ohnmächtiger" Gott. In der "Welt" herrschten andere: die bösen, die gottfeindlichen Mächte, dämonische Mächte. Die Menschen waren ihnen ausgeliefert. Und nun gibt es die ganz neue, die unerhörte Erfahrung: der Himmel "öffnet" sich. Er öffnet sich über Jesus. Und das kann nur bedeuten: Jesus ist der Mann, er ist der Mensch, über dem und durch den der Himmel offen ist. Jesus hat Verbindung zu Gott. Gott kehrt gleichsam in unsere, in diese "gottlose" Welt zurück. Durch Jesus und mit ihm kehrt Gott in unsere Welt zurück.

Wie können wir diesen "Geist Gottes", der auf Jesus herabkommt, mit unseren menschlichen Vorstellungen verstehen? Wie zeigt sich dieser "göttliche Geist"? Es ist - so meine ich - jene faszinierende Kraft, es ist die souveräne Art, die Freiheit, aus der Jesus heraus lebt, denkt und handelt - die Jünger sind davon fasziniert; sie sind davon "begeistert" - angesteckt von seiner Art zu leben, zu denken und zu handeln. Es ist das, was diesen Jesus von allen anderen Menschen sonst, die sie bislang kennen gelernt hatten, unterscheidet. Es ist das, was diesen Jesus offensichtlich mit seinem Lebensgrund, also mit Gott verbindet. Mit "Geist" ist also nicht gemeint der Intellekt, eine Verstandestätigkeit oder Verstandesfähigkeit. Mit "Geist" ist gemeint das innerste Wesen und Leben, das diesen Jesus erfüllt. Es ist das, was ihn umtreibt und ihm keine Ruhe lässt; was ihn rastlos umherziehen lässt, um die Menschen auf ihren Lebensgrund, auf Gott hinzuweisen; das durch sein Leben und Handeln erfahrbar zu machen, was für ihn selber kennzeichnend war: für Jesus stand der Himmel offen. Gott ist für ihn kein fragwürdiges Wort, sondern eine Wirklichkeit, aus der heraus er lebt. Dieser Geist Gottes lebt in ihm. Darum ist er der geliebte Sohn, der Erwählte Gottes, der Messias. In ihm begegnet uns Gott.

Jesus ist ganz offen für Gott, für den Lebensgrund schlechthin. Und Gott ist ganz offen für Jesus; da gibt es keine Barrieren, keine Mauern. Darin unterscheidet er sich von allen Menschen. Darin unterscheidet er sich von uns. Jesus hat keine Schwierigkeiten mit Gott, dem Grund seines Lebens. Gott ist für ihn der Vater, dem man absolut vertrauen kann. In der Liebe seines himmlischen Vaters weiß er sich geborgen und von ihm getragen. Diese Liebe Gottes macht seine innere Sicherheit aus; sie schenkt ihm die souveräne Freiheit allen Zwängen und Konventionen gegenüber. Dieser "Offenheit für Gott" entspricht daher auch seine "Offenheit für alle Menschen" - und das alles nicht als eine Pflicht-Aufgabe, die er sich gestellt hat, sondern weil es seinem ureigenen Wesen entspricht. Die Erzählung des Evangeliums über die Taufe Jesu will uns also deutlich machen: Jesus ist der Mensch, über dem der Himmel offen ist; er ist der, auf dem der Geist Gottes ruht; der in seinem Denken und Handeln eins ist mit seinem Lebensgrund, mit Gott. Wenn wir Jesus uns vor Augen halten, dann erfahren wir also etwas über Gott, den Grund allen Lebens; dann begegnet uns die Art und Weise, wie Gott selber ist; ja, dann begegnet uns Gott.

Wenn wir Jesus anschauen, dann erfahren wir aber auch etwas über uns selbst. Zunächst erleben und erfahren wir im Blick auf Jesus, was wir nicht sind; was uns fehlt. Uns steht der Himmel nicht offen. Ja, ist den Menschen unserer Zeit der Himmel nicht tief verschlossen? Und wenn wir nach einem Sinn des Lebens, nach Glück und nach unserer wahren Identität, nach unserem Lebensgrund suchen, und zwar in ernsthafter Weise, dann erfahren und erleben wir schmerzlich unsere Ängste und Zweifel, unsere innere Zerrissenheit, als Falsche und Unerfüllte in und an unserem Leben. Dann spüren wir, wie fremd wir unserem Lebensgrund, wie weit entfernt Gott für uns ist. Wir haben nicht diese selbstverständliche Offenheit, diese innere Freiheit, Sicherheit und Souveränität, die Jesus offensichtlich hatte. Und doch kommen wir nicht los von der Sehnsucht nach Vertrauen und Geborgenheit, nach einem erfüllten Leben, nach Offenheit und innerer Freiheit. Wer das jemals in seinem Leben - wenigstens anfanghaft - gespürt hat, der kommt nicht mehr davon los. Und jeder von uns würde gerne einen Blick in den Himmel werfen; er würde noch lieber den ganzen Himmel in seinem Herzen tragen. Wir alle möchten offen sein nach oben, für Jesus, für Gott.

Die Erfüllung dieser Sehnsucht ist uns verheißen; ja, sie ist uns nicht nur verheißen, sondern im Keim schon zuteil geworden. In Jesus Christus ist uns ja der begegnet, über dem der Himmel offen steht; der mit dem Lebensgrund, der mit unserem Lebensgrund, mit Gott verbunden ist. In ihm wirkt und waltet Gottes lebendiger und lebenschaffender Geist. Auf ihn sollen wir hören. An ihm sollen wir uns orientieren, an ihm können wir uns orientieren. Dass er uns Gott nahegebracht hat; ja, dass er selbst dieser göttliche Lebensgrund ist, dafür können wir immer nur von Herzen Dank sagen. Wir wollen dies tun in der Feier der Danksagung, in der Eucharistiefeier. Auch über uns steht - durch Jesus - Gottes Himmel immer offen, wenn wir uns nur nicht in uns selbst einschließen. Und wie sich für den betenden Jesus der Himmel öffnete, so wird sich auch uns der Himmel öffnen, wenn wir unsere Augen im Gebet zu Gott, unserem Vater im Himmel, erheben.

 

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