Lesejahr A
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Osternacht: "Hineingetaucht in Jesu Tod"

Predigt

Der bekannte Rechtsgelehrte Carl Schmitt hat als Kennzeichen unserer Zeit die "Auflösung aller geistigen Hierarchien" konstatiert und das "Aufschwingen des Intim-Privaten zum Maß aller Dinge" beklagt. Dem privaten Individuum bleibe es überlassen, sein eigener Priester zu sein, der eigene Dombaumeister an der Kathedrale seiner Persönlichkeit. Angesichts einer derartigen säkularisierten und individuellen Beliebigkeit, verbunden mit Entscheidungsunfähigkeit, mussten "Ordnung und Disziplin, dogmatische Klarheit und präzise Moral" abdanken - so Carl Schmitt. Auch wenn man sich nicht in allem diesem Urteil anschließt - die genannten Symptome sind uns vertraut und nur zu oft begegnet. Und das nicht nur bei unseren Zeitgenossen, sondern auch bei uns selbst; nicht nur in der zivilen Gesellschaft, sondern auch innerhalb der Kirche. Das Bezogensein und Eingeengtsein auf unser kleines privates Ich springt einfach in die Augen. Und die vielbeschworene und zu Recht ersehnte personale "Identität" erweist sich meist als kümmerliche Egozentrik. Und was wir bei unserer verzweifelten "Identitäts-Suche" erreichen, das ist oft nur Stückwerk und führt zu Frustrationen und Neurosen.

Wir Christen wissen, wir müssten eigentlich wissen um eine Selbstfindung und um eine Identität, die den Bereich des Nur-Privaten und der Egozentrik weit hinter sich lässt. Der christliche Glaube verheißt eine Identität, die die individuellen Katastrophen und Zusammenbrüche überdauert, weil diese Identität auf einem Fundament gründet, das einen unverrückbaren Halt geben kann; dieser "Grund" ist der lebengewährende Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus. Gerade die Feier der Osternacht - so meine ich - macht uns aufmerksam auf diesen Zusammenhang zwischen der ersehnten Selbstfindung und der Anbindung und Hingabe an den Gott des Lebens: in der Auferweckung seines geliebten Sohnes, der am Kreuz von Golgotha verblutete, hat er uns das entscheidende Zeichen und das Unterpfand dafür gegeben, dass wir in der Verbindung mit ihm, dass wir nur in der Verbindung mit ihm das wahre Leben haben, also unsere eigene personale Identität finden können. Der heilige Paulus wird nicht müde, uns immer wieder auf diesen Zusammenhang hinzuweisen - gerade auch in der Lesung aus dem Römerbrief, die wir eben gehört haben: "Wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt wurde, so sollen auch wir als neue Menschen leben... Unser alter Mensch wurde mitgekreuzigt, damit... wir nicht Sklaven der Sünde bleiben... Sind wir nun mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden... Deshalb sollte ihr euch als Menschen begreifen, die für die Sünde tot sind, aber für Gott leben in Christus Jesus."

Glauben heißt also: davon überzeugt sein, dass nicht wir, dass nicht unser kleines privates Ich das Maß aller Dinge ist, dass wir unsere Identität nicht in der Fixierung auf uns selbst finden, sondern nur in einem anderen: in unserem Vater im Himmel, der sich in Tod und Auferstehung Jesu erwiesen, geoffenbart hat als der Gott des Lebens; als der, der bei uns ist und zu uns steht und uns hält. In der Taufe ist dieses In-Gott-Gegründetsein in einer Zeichenhandlung vollzogen worden. Wir wurden - wie Paulus sagt - "hineingetaucht" in Jesu Tod. Dieses "Hineingetauchtsein" bedeutet und bewirkt das neue Leben mit ihm; es bedeutet und bewirkt die neue, die eigentliche Identität, die die unausbleiblichen Lebenskatastrophen und Zusammenbrüche des Nur-Privaten überdauert. Es geht um dieses In-Gott-Gegründetsein. Das leibhaft-sichtbare Zeichen für dieses In-Gott-Gegründetsein aber ist das Kreuz, an dem sich Gottes Liebe zu uns gezeigt hat. Dieses Zeichen der Liebe Gottes ist beglaubigt worden durch das Licht des Ostermorgens. Im Ja des Glaubens zu diesem Zeichen übersteigen wir das Nur-Private und Subjektive, geben wir den Anspruch auf, selber das Maß aller Dinge zu sein; im Ja des Glaubens an die Liebe Gottes beschreiten wir den Weg zu einer erfüllten Identität, die letztlich nur er zu geben vermag.

Aber selbst das durch das österliche Licht verklärte Kreuz bleibt, solange wir fern vom Herrn weilen, schwer und drückend; es erschließt seinen Sinn unserem inneren Verstehen nur mühsam - im Gegensatz zu vielem, was auch zur christlichen Botschaft gehört. Dass wir den Nächsten lieben sollen; dass die Armen und die Friedenstifter selig gepriesen werden; dass wir die "goldene Regel" beachten; dass wir uns nicht ängstlich sorgen sollen - all das ist letztlich nicht das spezifisch Christliche. Das Spezifikum des christlichen Glaubens, unserer Existenz als Christen bleibt nun einmal das Kreuz, das verklärte Kreuz unseres Herrn Jesus Christus. Hans Urs von Balthasar hat einmal davon gesprochen, dass die Menschheit dem Christentum alles abnimmt, was sie ihm nehmen kann, weil es ihr unmittelbar dient und soweit es ihr einsichtig ist. Übrig bleibt der unverdauliche Rest: das Kreuz Christi.

Auch wir, die wir Glaubende sein möchten, stehen eigentlich immer "fassungslos" vor diesem Kreuz, unter diesem Kreuz. Das Kreuz bietet keinen "Handgriff zum Erfassen". Und das Kreuz bedrängt uns immer mit der Frage, welche Bedeutung und welchen Platz wir ihm in unserem Leben zugestehen, einräumen wollen. Das Kreuz fragt uns, ob wir unsere Identität von dem herleiten, der am Kreuz von Golgotha sein Leben für uns hingegeben hat, und den Gott aus dem Tod auferweckte. Die österlichen Tage, die dem Gedächtnis des Leidens und Sterbens, die der Verherrlichung unseres Herrn Jesu Christus geweiht sind, konfrontieren uns also mit der Frage nach dem Sinn unseres Lebens, mit der Frage, worauf wir unsere Identität gründen.

Nur wenn der lebengewährende Gott für uns Grund und Halt ist, von dem her wir uns selbst verstehen, nur dann wird auch all unser Tun dem subjektiven Gutdünken und der privaten Beliebigkeit entzogen. Wenn wir uns binden an den grundgebenden Gott, dann sind wir auch gebunden an seine Worte, an seine "Vorgaben", die wir dann nicht mehr nach eigenem Belieben ändern oder beiseite schieben können. Seine Worte bewahren uns vor dem "Aufschwingen des Intim-Privaten zum Maß aller Dinge" (Carl Schmitt) und damit vor dem Abgleiten in die Inhumanität - zu allen Zeiten war dies der Fall, wenn ein individueller oder kollektiver Subjektivismus die Macht ergriffen hatte - wir alle waren und sind Zeugen dieser Wahrheit.

Wir erneuern nun unser Taufversprechen. Wir widersagen den Götzen des Diesseits, die uns das Finden eines Sinnes und der eigenen Identität nur vorgaukeln, aber nicht gewähren können. Wir widersagen auch der Vergötzung des eigenen Ich. Wir bekennen uns zum allein Leben-gewährenden Gott als dem Fundament unseres Lebens. Möge dieses Bekenntnis immer mehr unser Leben als Glaubende verwandeln und prägen - gemäß dem Wort des heiligen Paulus: "Ihr sollt euch als Menschen begreifen, die für die Sünde tot sind, aber für Gott leben in Christus Jesus."

 

Ostersonntag: "Tränen der Freude"

Einführung

Immer wieder, wenn der auferstandene Herr sich seinen Jüngern zeigt, grüßt er sie mit der Anrede: "Fürchtet euch nicht!" Die Jünger, wir alle dürfen aufatmen. Wir dürfen die verriegelten Türen auftun. Denn der Herr hat einen neuen Anfang gesetzt. Unser Leben steht von nun an unter dem Licht seiner siegreichen Liebe. Er hat die Macht des Todes gebrochen und uns wieder geboren zu einer lebendigen Hoffnung. Dafür sollten wir ihm Dank sagen. Und damit wir dies in der rechten Weise tun können, wollen wir uns wieder auf das besinnen, was er für uns getan hat; und wir wollen ihn um sein Erbarmen anrufen.

    Herr Jesus Christus, du bist am Kreuz für unsere Sünden gestorben
    - Herr, erbarme dich!
    Du bist am dritten Tage auferweckt worden in Herrlichkeit
    - Christus, erbarme dich!
    Du bist den Jüngern erschienen und hast ihnen den Glauben geschenkt
    - Herr, erbarme dich!
    Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Unser Herr Jesus Christus hat uns aus dem Leid zur Freude geführt, aus der Bedrückung in die Freiheit, aus dem Tod zum Leben. Darum beten wir voll Vertrauen:

  • Für die Kirche, die Gemeinschaft der Glaubenden: dass sie Zeugnis gibt von der österlichen Freude!
  • Für die Christen, die um ihres Glaubens willen verfolgt werden: dass sie im Bekenntnis zu dir, dem Auferstandenen, standhaft bleiben!
  • Für die Vielen, die in ihrem Glauben irre geworden sind: dass sie zurückfinden zu dir, ihrem Erlöser!
  • Für unsere Verstorbenen: dass sie in dir den Frieden und die Freude finden, auf die sie gehofft haben!

Herr Jesus Christus, du hast dich geoffenbart als Herrn über den Tod und uns ewiges Leben verheißen. Wir danken dir für diese österliche Botschaft heute und alle Tage. Amen.

Predigt

Maria von Magdala hat als erste - so erzählt das Johannes-Evangelium - das offene Grab entdeckt. Sie gibt den Jüngern die Nachricht: "Man hat den Herrn aus dem Grab weggenommen, und wir wissen nicht, wohin man ihn gelegt hat." Maria darf als erste dem auferstandenen Herrn begegnen. In seinem Auftrag geht sie zu den Jüngern und verkündet ihnen: "Ich habe den Herrn gesehen." Und sie richtet ihnen aus, was er ihr gesagt hat. Die erste wie die zweite Nachricht, die Maria den Jüngern bringt, sind grundverschieden. Am Anfang steht die Befürchtung, der Leichnam Jesu sei geraubt worden; am Ende steht das frohe Wissen um den auferstandenen Herrn, der für seine Brüder auf dem Weg zum Vater ist. Aus dem Dunkel der Nacht und des Weinens ist das Licht des Ostermorgens aufgestiegen.

Nachdem die beiden Jünger, Petrus und Johannes, wieder nach Hause gegangen sind, bleibt Maria noch in der Nähe des leeren Grabes. Sie hält gleichsam an dem fest, was noch in irgendeiner Weise eine Nähe zu Jesus vermittelt. Sie ist nicht nur über den Tod Jesu betrübt, sondern auch über das Verschwinden seines Leichnams. Maria weint um Jesus. Und ihr Weinen zeigt, wer Jesus war, und was er ihr bedeutet. Um Jesus konnte man weinen. Über Jesus wird zwar viel geredet. Aber wer weint heute noch um ihn? Wir analysieren seine Worte; wir machen ihn zum Gegenstand der Theologie. Das ist alles recht. Aber der Schlüssel zu ihm liegt nicht in der Theologie. Er liegt gleichsam in der Klage, im Weinen. Maria von Magdala lehrt uns, um Jesus zu weinen; einen Moment innezuhalten und zu klagen über das, was man ihm angetan hat. Den, der geheilt hat, bringen wir um; den, der Halt gibt, klagen wir an; den, der uns beim Namen nennt, verleugnen wir.

Maria sucht Jesus. Sie wendet sich um, und Jesus steht vor ihr. Aber Maria erkennt ihn noch nicht. Sie hat noch nicht die rechten Augen für ihn. Und sie fragt den Herrn selbst, ob er den Leichnam weggetragen habe. Er hat es getan; aber in einer ganz anderen Weise, als sie es vermutet und ahnt. Sie erkennt den Herrn erst, als er sie mit ihrem Namen anspricht: "Maria!" Die Seinen erkennen den guten Hirten an der Stimme, wenn er sie beim Namen ruft, und sie folgen ihm. Gerade die menschliche Stimme ist der Ausdruck der personalen Vertrautheit und Verbundenheit. Hier in der Begegnung des Auferstandenen mit Maria ist es nicht anders. Jesus spricht sie mit ihrem Namen an; und Maria spricht Jesus respektvoll und vertraut mit der Anrede an, mit der sich die Jünger an Jesus gewandt haben: "Rabbuni - mein Meister!" Jesus und Maria benennen sich gegenseitig in der Weise, wie sie es vor seinem Tod getan haben. Das Verhältnis zwischen dem Auferstandenen und seinen Vertrauten ändert sich nicht, was die herzliche Verbundenheit angeht. Und das - so meine ich - gilt auch für uns, die wir heute an ihn glauben. Wir sind - wie Maria - in diese herzliche Verbundenheit hineingenommen. Wir sind von ihm bei unserem Namen gerufen. Sind wir uns dessen dankbar bewusst?

Jesus zeigt aber auch, dass sich ihr Verhältnis verändert hat. Maria ist erschüttert vor ihm niedergefallen und hat seine Füße umfasst. Jesus sagt zu ihr: "Halte mich nicht fest! Denn ich bin noch nicht zum Vater hinaufgegangen." Und er gibt ihr den Auftrag: "Geh zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich gehe hinauf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott." Jesus führt die irdische Existenzweise nicht mehr fort, und Maria und seine Jünger werden ihn nicht mehr wie bisher irdisch-sichtbar in ihrer Mitte haben. Er ist dem Leben auf den Tod hin, wie wir es alle kennen, enthoben und hat die Fülle der Seligkeit erreicht, das Sein beim Vater.

Im Auftrag für die Jünger lässt Jesus aber anklingen, was diese seine vollendete Gemeinschaft mit dem himmlischen Vater für sie, seine Freunde, die ihm vertrauen, die ihn lieben, bedeutet. Er nennt sie hier zum ersten Mal seine Brüder, und er bezeichnet hier zum einzigen Mal Gott als ihren Vater. Das Johannesevangelium spricht sehr oft von Gott als dem Vater, aber fast immer ist Gott als der Vater Jesu gemeint. Damit wird deutlich, dass diese Vater-Sohn-Beziehung einmalig und einzigartig ist. Nur Jesus ist Gottes Sohn im eigentlichen Sinn. Erst als der Auferstandene teilt er den Jüngern durch Maria mit, dass Gott auch ihr Vater ist, und dass sie durch diesen Vater als Brüder mit Jesus verbunden sind. Aber auch hier drückt er die Verbundenheit und zugleich die Verschiedenheit aus und spricht von "meinem Vater und eurem Vater, von meinem Gott und von eurem Gott". Am Kreuz von Golgotha ist den Jüngern und allen Glaubenden durch die Todeshingabe des Sohnes das volle Ausmaß der Liebe des himmlischen Vaters gewährt und bekannt geworden. Jesus geht in Tod und Auferstehung zum himmlischen Vater - nicht um sich von den Seinen zu trennen, sondern um sich mit ihnen voll und endgültig zu verbinden. Er ist ihr Bruder. Wir sind seine Brüder und Schwestern.

Hier liegt - so meine ich - der entscheidende Berührungspunkt zu uns, die wir heute an Jesus Christus, den Auferstandenen glauben. Im Tod und in der Auferstehung ist unser Herr, ist Jesus unser aller Bruder geworden. Im Tod und in der Auferstehung Jesu hat Gott sich uns als liebenden Vater geoffenbart und erwiesen. Das ist der Grund der großen Freude. Dafür lasst uns dankbar sein! Und dass diese frohmachende Gewissheit mehr und mehr in uns wachse, das ist mein Wunsch für uns alle heute an Ostern.

 

2. Ostersonntag: "Gläubiges Sehen"

Einführung

Der heutige Sonntag wird der "Weiße Sonntag" genannt - und zwar nach den weißen Taufkleidern, die die Neugetauften von der Osternacht an bis zum heutigen Sonntag trugen. Nun begann für sie der Alltag des Christenlebens, die tägliche Bewährung ihres Glaubens an Jesus Christus. Viele von uns begehen den Weißen Sonntag als den Tag ihrer Erstkommunion. Wir erinnern uns an das brennende Licht der Kommunionkerze und an die Erneuerung des Taufgelöbnisses. Aber auch für uns kam damals der Alltag der Bewährung unseres Christseins. Es kam die Erfahrung, dass dieser Glaube im Alltag immer blasser wurde, verdunkelt durch unsere Sünden, Fehler und Nachlässigkeiten. Wir wollen uns darum zu Beginn dieser heiligen Messe wieder an unseren Anfang erinnern. Wir wollen den Herrn um seine Vergebung, um seine Huld und Gnade bitten.

    Herr Jesus Christus, in dir sind wir erwählt zu einem heiligen und untadeligen Leben
    - Herr, erbarme dich!
    Durch dein Blut haben wir die Erlösung, die Vergebung der Sünden
    - Christus, erbarme dich!
    Durch unsere Gemeinschaft mit dir hat Gott uns seinen Heiligen Geist geschenkt
    - Herr, erbarme dich!
    Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum wigen Leben! Amen.

Fürbitten

Lasset uns beten zu Gott, unserem Vater, der seinen Sohn Jesus Christus verherrlicht hat, und der auch unser Leben zum Guten lenkt!

  • Für alle, die den Christennamen tragen: dass sie sich als ein Leib in Christus wissen um der einen Taufe willen, die sie empfangen haben.
  • Für die Kinder, die heute in vielen Gemeinden zum Tisch des Herrn geführt werden: dass sie sich von Christus ergreifen lassen und ihm die Treue halten, solange sie leben.
  • Für die Vielen, die lautlos die Kirche verlassen und ihre Taufe vergessen: dass Gott sie nicht verlässt und bei ihnen bleibt als der Vater, der seine Kinder liebt.
  • Für uns alle, die wir unseren Mitmenschen Gottes Güte nahe bringen sollen: dass wir dies nicht nur in Worten, sondern mit der Tat unseres Lebens tun.

Herr, unser Gott, du kennst uns und hältst unser Leben in deinen Händen. Gib uns allen ein gutes Herz, und mache uns für unsere Mitmenschen zu Boten deiner Liebe! Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn. Amen.

Predigt

Der Sonntag nach Ostern lebt in unserer Erinnerung als der "Weiße Sonntag", für viele von uns als der Tag unserer Erstkommunion. Dieser Tag darf jedoch nicht nur Erinnerungen wachrufen. Dieser Tag sollte uns zu einer Besinnung rufen. Diese Besinnung sollte sich vor allem darauf beziehen, wer der ist, dem wir nahe sein dürfen; was es bedeutet, wenn wir an seine Nähe, an seine Gegenwart glauben. Ist das, was wir da im Glauben bekennen, eine Wirklichkeit oder nur ein frommes Gefühl, ein Wunschdenken, eine Einbildung? Das Evangelium zeigt uns, dass dies nicht erst unser Problem ist; sondern dass dies das Grundproblem der Christen von Anfang an gewesen ist. Die Erzählung vom Apostel Thomas verdeutlicht uns dies. Sie fragt uns, ob wir - wie die Christen zu allen Zeiten - bereit sind zum Glauben. Sie fragt uns heute, ob wir meinen, nur das, was sich in die Hände nehmen, was sich brauchen und gebrauchen lasse, was wir auf den Tisch legen können, sei wirklich und wirkmächtig. Sie fragt uns, ob wir noch in der Lage sind, die Oberfläche zu durchstoßen, das Dahinterliegende, die Innenseite der Dinge, der Ereignisse, der Menschen überhaupt zu sehen. Sie fragt uns, ob wir noch zu dem Satz stehen: "Selig, die nicht sehen und doch glauben!"

Die Frage, die in diesem Satz deutlich wird, ist die Frage der Christen aller Zeiten, die nach der Generation der unmittelbaren Zeugen (der Apostel, der Jünger Jesu) ihren Glauben lebten und immer noch leben. Die unmittelbaren Zeugen des Lebens Jesu, seines Leidens und seiner Auferstehung sterben aus. Wie sieht der Glaube aus, der sich nicht auf das eigene Sehen oder auf das Sehen anderer stützen kann, sondern nur auf das Zeugnis längst Verstorbener? Genau diese Frage will die Thomas-Erzählung beantworten - übrigens geht es im ganzen Johannes-Evangelium eigentlich um diese Frage.

Der Evangelist weist uns darauf hin: Das Sehen allein ist nicht alles. Ja, es gibt ein Sehen, es gibt ein Erlebenwollen, es gibt ein Betonen des Sichtbaren und Greifbaren, das nicht zum Glauben im christlichen Sinn hinführt, sondern geradezu das Gegenteil bewirkt: die Blindheit, den Unglauben. Im 6. Kapitel bei Johannes hält Jesus den ungläubigen Juden entgegen: "Ihr habt mich gesehen und glaubt doch nicht!" Hier ist das Geheimnis der Verblendung und Verstockung berührt, jenes Nicht-begreifen-können, ja Nicht-begreifen-wollen sogar bei manchen Jüngern Jesu. "Augenzeuge" im eigentlichen, im christlichen Sinn ist also nicht schon, wer die leibliche Gestalt (und eben nur die leibliche Gestalt) wahrnimmt. "Augenzeuge" im eigentlichen Sinn ist erst, wer im Sehen des leibhaftigen Jesus mehr als nur seine äußere Erscheinung, mehr als nur sein "Fleisch" wahrnimmt, sondern die "Herrlichkeit Gottes" dahinter erkennt. Auch die Gegner haben Jesus gesehen und gehört; sie haben seine Taten gesehen. Sie waren aber nicht bereit, die dahinter aufleuchtende Wirklichkeit Jesu zu erkennen und anzuerkennen: dass in ihm Gott selbst begegnet; ja, dass dieser Jesus Gottes Sohn ist. Das Sehen führt also nur zum Glauben, wenn es geleitet ist vom Einsehen und vom Verstehen-wollen, von der Bereitschaft, durch die Oberfläche durchzustoßen, nicht stehen zu bleiben beim Äußeren und Sichtbaren.

Auf dieses gläubige Sehen hinter dem Vordergründigen kommt es also an. Äußeres Wahrnehmen und der innere Sinn: beides gehört zusammen. In dieser Spannung leben wir Christen. Wir dürfen also nicht das Konkrete, das Lebendige, das, was von einem Menschen, von einem Ereignis sichtbar wird, für unwichtig oder gar für überflüssig ansehen. Sonst wäre Glaube reine "Einbildung", reine Erfindung. Aus diesem Grund behält das Sehen und Hören der Augenzeugen, ihr Zeugnis über die Zeit des irdischen Jesus seine Gültigkeit und Notwendigkeit. Der Jesus, der gelebt hat, der gelitten hat und gestorben ist, und der Jesus, den Gott auferweckt und in seine Herrlichkeit erhöht hat, gehören zusammen. Das bedeutet nicht, dass unser Glaube auf dem Hören und Sehen allein beruht; sie sind nur die Voraussetzungen des Glaubens. Der Grund unseres Glaubens, unseres von Ostern herkommenden Glaubens beruht auf dem Sich-Zeigen des erhöhten, des auferstandenen Herrn. Der unerleuchtete Glaube der Jünger nimmt auch nach Ostern in den "Erscheinungen" nur "Gespenster" wahr. Erst das tiefere Zusehen, erst das vom Herrn geschenkte glaubende Sehen der Liebe, das glaubende Durchdringen des Vordergründigen erkennt in Jesus den erhöhten und auferstandenen Herrn.

Damit stehen wir wieder am Ausgangspunkt, bei unserer Situation, bei unseren Fragen und Schwierigkeiten mit dem Glauben. Wir können - so meine ich - im Blick auf den Glauben der ersten Zeugen, auch im Blick auf Thomas diese unsere Schwierigkeiten und Fragen lösen. Auf zwei Bereiche möchte ich besonders hinweisen:

Ein erster Punkt: Wir sollen nicht beim Äußerlichen, beim Sichtbaren, bei der Oberfläche hängen bleiben. Sind wir bereit, das Dahinter-sichtbar-werdende wahrzunehmen, zu erkennen und anzuerkennen? Es dürfte uns klar sein, dass wir mit der Einstellung, das Äußerliche allein genüge, keinem Menschen gerecht würden; der Zugang zu ihnen und das Verstehen untereinander wären unmöglich. Auf die Ebene unseres Glaubens übertragen heißt das: Ist die äußere Gestalt Jesu, ist sein beispielhaftes Menschsein, ist der Karfreitag für uns das Letzte? Oder ist für uns Ostern und die Auferweckung Jesu die entscheidende Wirklichkeit, auf die alles ankommt, und nicht eine Einbildung? Sind wir aufgrund des Zeugnisses der Augenzeugen bereit zum Ja des Glaubens an diesen Jesus von Nazareth, dass er der Christus, der Sohn Gottes ist, obwohl wir nicht dieselbe Erfahrung gemacht haben wie die Apostel, wie Thomas?

Ein zweiter Punkt, der unseren Glauben, der von uns gefordert ist, konkreter macht. Heute am Weißen Sonntag, an dem viele von uns sich an die Erstkommunion erinnern, sollten wir uns fragen lassen: Nehmen wir an der Eucharistie, an der heiligen Kommunion nur das Äußere, nur die Oberfläche, nur die äußeren Gestalten von Brot und Wein wahr? Ist "Kommunion" nur das Zeichen des Miteinanders der Glaubenden? Nehmen wir es diesem Jesus ab, dass in der Verborgenheit und Unansehnlichkeit der sichtbaren Zeichen er selber gegenwärtig ist? Dass wir es hier nicht nur mit einem Erinnerungsstück zu tun haben an einen großen Menschen? Sind wir überzeugt davon, dass dieser Jesus unter den Zeichen von Brot und Wein bereit ist, sich mit uns Menschen einzulassen? Dass sich auf diese Weise Begegnung des Menschen mit Gott vollzieht, und zwar im Glauben? Sagen wir Ja zu dieser Form, zu dieser Art und Weise seiner Nähe? Und sind wir überzeugt, dass der Empfang der Eucharistie, der heiligen Kommunion - und zwar nach dem Willen Jesu selber - die dichteste Form ist, unseren Glauben zu vollziehen? Dass diese Wirklichkeit mir nicht gleichgültig sein kann, wenn ich ein Glaubender sein will? Oder stoßen wir uns daran, an diesem Vermächtnis Jesu?

Hier spüren wir, wie und in welchem Maße wir zum Glauben gerufen, ja herausgefordert sind. Wir spüren aber hoffentlich auch, dass diese Herausforderung nicht nur heute, sondern immer, zu allen Zeiten des Christentums bestanden hat. Und es ist Gnade für uns, wenn wir - trotz vieler Fragen und Zweifel - wie Thomas sprechen können (nicht allein aus Eigenem, sondern von ihm her überwunden und getragen): "Mein Herr und mein Gott!" Oder mit den Worten des Petrus: "Wir haben erkannt und geglaubt: Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes."

 

3. Ostersonntag: "Mein Herr und mein Gott"

Einführung

Was gäben wir darum, wenn uns die Begegnung mit dem Auferstandenen zuteil geworden wäre - wie den beiden Männern, die in Emmaus den Herrn beim Mahl erkannten: "Brannte uns nicht das Herz in der Brust, als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schrift erschloss?" Ich bin überzeugt, dass der Herr auch auf unseren Wegen mitgeht, selbst wenn diese Wege anscheinend von ihm wegführen. Entscheidend ist, dass wir uns die Augen öffnen lassen für seine Nähe und Gegenwart. Denken wir einmal daran, wenn wir uns nun bereiten für die Feier der Eucharistie, in der wir ihm begegnen dürfen - die uns hinweist auf die vielen Weisen der Begegnung mit ihm, auf die vielen Weisen seiner Nähe und Gegenwart.

    Herr Jesus Christus, du bist am Kreuz für unsere Sünden gestorben
    - Herr, erbarme dich!
    Du bist am dritten Tag auferweckt worden in Herrlichkeit
    - Christus, erbarme dich!
    Du bist den Jüngern erschienen und hast ihnen den Glauben geschenkt
    - Herr, erbarme dich!
    Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Herr Jesus Christus, du warst deinen Jüngern auf ihrem Weg nach Emmaus nahe. Du bist auch uns nahe, wenn wir versammelt sind zur Feier des Brotbrechens. Darum rufen wir voll Vertrauen zu dir:

  • Hilf deiner Kirche, dein Wort immer tiefer zu verstehen und es vor den Menschen zu bezeugen!
  • Gib deiner Kirche immer wieder die Kraft, im Vertrauen auf dich jederzeit für Versöhnung und Frieden einzutreten!
  • Hilf denen, die wie die Emmaus-Jünger traurig und enttäuscht sind, im Glauben an deine Nähe Hoffnung und Freude zu finden!
  • Hilf uns, die wir um deinen Altar versammelt sind, dass die Feier der Danksagung für uns alle zur Mitte des Lebens werde!
  • Schenke unseren Verstorbenen deinen Frieden und Heimat bei dir!

Herr Jesus Christus, du hast uns erlöst und trittst für uns ein. Erhöre unser Beten und gib uns die Kraft, in unserem Reden und Tun zu bezeugen, dass du lebst und herrschst jetzt und in Ewigkeit. Amen.

Predigt

Unter all den Erscheinungen des Auferstandenen hat die Begegnung der beiden Emmaus-Jünger mit Jesus eine besondere Bedeutung für uns und für unsere Zeit. Wenn wir die Emmaus-Erzählung richtig lesen, dann vernehmen wir im Grunde unsere eigene Geschichte des Zweifelns und des Glaubens. Oft erscheint uns ja der Glaube als eine fromme Einbildung. Und vollends die Botschaft von der Auferstehung Jesu! Für viele ist sie doch eine unverbindliche Behauptung, ein leeres Gerücht: "Die Botschaft hör' ich wohl, allein mir fehlt der Glaube." Ich meine, es sei angebracht, über unsere christliche Auffassung von der Auferstehung Jesu etwas zu sagen, zumal dieser Punkt für unseren Glauben zentral und ausschlaggebend ist.

Zunächst sollten wir eines bedenken: In den Berichten des Evangeliums von Ostern haben wir es nicht zu tun mit einem historischen Bericht, mit einer lückenlosen Schilderung eines Polizisten, mit einem Film der Ereignisse; sondern: wir haben in Händen das Glaubenszeugnis von Menschen, die durch die Erscheinungen des auferstandenen Jesus zum Glauben gekommen sind. Freilich, dieses Glaubenszeugnis bezieht sich auf ein wirkliches Geschehen. Ohne das "Sehen" der Zeugen würde natürlich das Zeugnis zu einem leeren, unverbindlichen Gerede. Der Auferstandene "erscheint"; er lässt sich von den Menschen sehen. Und diese Zeugen verbürgen sich für die Identität des Auferstandenen mit dem Jesus, mit dem sie durch Palästina gewandert sind und der am Kreuz gestorben ist. Diese "Identität", diese Gleichheit (ich nenne sie einmal die "erste Identität") ist allen Erscheinungsberichten der Evangelien gemeinsam: der Auferstandene ist identisch mit dem, der am Kreuz gestorben ist. Der da vor den Aposteln steht, den kennen sie. Mit einem solchen Geschehen aber hatten sie in keiner Weise gerechnet. Denn ein leidender Messias war für sie etwas Undenkbares. Das ging ihnen erst in der Begegnung mit dem Auferstandenen auf.

Es gibt aber noch eine "zweite Identität", eine zweite Gleichheit oder Gleichung, die mit der ersten gegeben ist. Meist wird sie im Neuen Testament stillschweigend vorausgesetzt. Was ist damit gemeint? Gibt es irgendwelche Voraussetzungen, gibt es eine Vorbereitung für das Begreifen, für das Verstehen der Osterereignisse auf Seiten der Jünger, obwohl sie vor dem Leiden in keiner Weise daran gedacht haben? Für sie muss das, was sie an Ostern erlebt haben, überzeugend gewesen sein und irgendwie in der Linie ihres bisherigen Glaubens gelegen haben. Der Glaube fällt ja nicht vom Himmel; er muss an etwas anknüpfen können, was an Vorverständnis im Glaubenden vorhanden ist. Dieser Anknüpfungspunkt für den Glauben der Jünger an den auferstandenen Herrn, dass sie die Ereignisse an Ostern in diesem Sinn (freilich gegen ihre eigenen Erwartungen) deuten konnten, das sind die "Schriften". Paulus spricht im ältesten Osterzeugnis von der Auferweckung Jesu "gemäß den Schriften"; und den beiden Emmaus-Jüngern wird das Herz brennend, als der Auferstandene ihnen "die Schriften" erschloss. Jetzt kommen sie zur Einsicht in das, was geschehen ist: "Musste nicht der Christus dieses alles leiden und so in seine Herrlichkeit eingehen?" Die Auferweckung Jesu wird also von Menschen bezeugt, die mit den "Schriften" des Alten Testaments vertraut waren. Erst als sie das Neue, das ihnen widerfuhr (und zwar unvermutet und unerwartet!), mit dem Alten, das sie kannten, in Verbindung brachten, da gingen ihnen die Augen auf. "Brannte nicht unser Herz, als er uns den Sinn der Schriften erschloss?" Der entscheidende alttestamentliche Text, den Zusammenhang zwischen dem Leiden und der Auferstehung Jesu erkennen zu können, ist das 4. Gottesknechtslied beim Propheten Jesaja (Jes. 52-53). Aber auch die Psalmen weisen immer auf diesen Zusammenhang hin.

Durch die österlichen Ereignisse und durch das Lesen der "Schriften" ging den Jüngern auf: dieser Gott, von dem das Alte Testament spricht, erfüllt und krönt seine Wege durch die Auferweckung Jesu von den Toten. Diese "dritte Identität", diese dritte "Gleichung", die zum österlichen Geschehen den entscheidenden Schlüssel anbietet, vergessen wir meistens. Es ist der Glaube an Gott, der in Jesus Christus wirkt und anwesend ist; ja, dieser Jesus ist Gottes Sohn; er ist Gott selbst. Es ist daher nur folgerichtig, wenn die Briefe des Neuen Testaments die Freude über den Auferstandenen einbetten in einen Lobpreis Gottes, der seinen Sohn verherrlicht hat.

Alle Evangelisten schreiben als österliche Zeugen, und darum versuchen sie, Jesus als den "Gerechten" zu zeigen, der "alle Gerechtigkeit erfüllt" (Mt. 3, 15), der das Wort des lebendigen Gottes zum Leuchten bringt; der Gott preist als "Gott nicht von Toten, sondern von Lebendigen" (Mt. 22, 32). Die Evangelien zeigen uns Jesus als den, in dem der allmächtige Gott selbst erfahrbar und erlebbar wird für den Menschen. Mehr als andere aber hat der Evangelist Johannes von der österlichen Erfahrung aus sein Evangelium gestaltet. Wenn er aufzeigen will, was die Kirche mit dem Auferstandenen erlebt, dann greift er auf die Erfahrungen Israels mit dem lebendigen Gott zurück. Alttestamentliche Gotteserfahrung und die Gegenwart des lebendigen Herrn schieben sich so ineinander, dass im "Ich-bin" Jesu das "Ich-bin-da" des Jahwe-Namens aufscheint; dass jetzt erst richtig erfasst werden kann, dass Gott der Gute Hirt ist, das Lebensbrot, die Wahrheit. Der Mensch, der im Johannes-Evangelium vor Jesus steht, ob das die Frau am Jakobsbrunnen ist, der Blindgeborene, Martha oder Thomas, ist wie der alttestamentliche Mensch auf Glauben und Unglauben gefordert. Glauben aber heißt nie: glauben, dass Gott (oder Jesus) etwas kann, z. B. ein Wunder wirken; sondern: glauben, dass Gott da ist; dass er der einzig Bleibende ist, mit dem man sich für immer zum Leben verbindet. In der Lazarus-Geschichte sagt Martha: "Ja, Herr, ich habe Glauben. Du bist der Messias, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll." Nur wer an Jesus als den Sohn des da-seienden Gottes glaubt, der glaubt in Wirklichkeit; und wer an Jesus glaubt, der schaut die Herrlichkeit des Herrn. Auch in der Ostererzählung vom zweifelnden Thomas geht es in gleicher Weise aus. Es wird nicht geleugnet, sondern vorausgesetzt, dass auch dieser Jünger zur Erkenntnis der Identität des Auferstandenen mit seinem Meister Jesus gebracht wird; er darf ihn an den Wundmalen erkennen. Und doch ist das noch nicht der eigentliche Glaube. Es geht vielmehr um diese "dritte Identität", um diese dritte Gleichung, die erkannt werden muss: im Auferstandenen, im Auferweckten ist Gott selber da; ja, der Auferweckte ist Gott. Und so bekennt Thomas als wirklich Glaubender: "Mein Herr und mein Gott!" Wenn man im Sohn den Vater erkennen kann und, getroffen von seiner Herrlichkeit, anbetet, dann erst glaubt man als österlicher Mensch.

Und an diesem Punkt sind wir in der gleichen Weise gefragt. Wir sind gefragt, ob wir an diesen Jesus glauben, ob wir in ihm Gott selbst sehen wollen. Wenn wir dieses Ja des Glaubens sprechen, dann merken wir auch, dass die Osterbotschaft nicht nur der Nachklang aus einer längst versunkenen Welt ist, den wir zwar vernehmen, der aber allenfalls in uns eine wehmütige Erinnerung weckt. Dann merken wir aber auch, dass wir nicht nur nach dem wunderbaren Ereignis in sich fragen dürfen, sondern nach dem, was darin zum Ausdruck kommt und wovon die Jünger Zeugnis abgelegt haben: In diesem Jesus hat Gott sich selbst verherrlicht; ja, dieser Jesus ist Gott; in ihm ist Gott da für uns! Er ist der Grund unseres Lebens. "Herr, zu wem sonst sollen wir denn gehen? Du allein hast Worte ewigen Lebens."

 

4. Ostersonntag: "Hirte oder Mietling"

Einführung

An diesem Sonntag wird das Evangelium vom "Guten Hirten" verkündet. Es weist uns hin auf unseren Herrn, dessen ganzes Leben Dienst war für uns, Hingabe an die Seinen. Er ist der Maßstab für unser Dienen in der Kirche und in der Welt, ob wir Priester sind oder Laien. Prüfen wir zu Beginn dieser Eucharistiefeier, wie es mit unserer Dienstbereitschaft steht; und bitten wir den Herrn um Vergebung, weil er an uns oft nur die Gesinnung des Mietlings, des bezahlten Knechtes findet.

    Herr Jesus Christus, du bist der gute Hirt
    - Herr, erbarme dich!
    Du kennst die Deinen und die Deinen kennen dich
    - Christus, erbarme dich!
    Du führst uns alle zusammen zu einer Gemeinschaft des Friedens und des Dienens
    - Herr, erbarme dich!
    Es erbarme sich unser der allmächtige Gott. Er lass uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Herr Jesus Christus, du bist der Gute Hirt deiner Herde. Du schenkst uns ewiges Leben. Du hast uns in deiner Hand, und niemand kann uns dir entreißen. Voll Vertrauen kommen wir mit unseren Bitten zu dir:

  • Schau auf die Kirche und alle in ihr, die gerufen sind, dich, den Guten Hirten, zu verkünden!
  • Schau auf die Verantwortlichen der Völker, dass sie dem Wohl und dem Frieden der Menschen dienen!
  • Schau auf die Mütter und Väter, die ihre Kinder auf die Zeichen achten lehren, durch die du deinen Weg zu erkennen gibst!
  • Schau auf die jungen Menschen, die das Leben noch vor sich haben und nicht wissen, wem sie folgen sollen!
  • Schau auf alle, die trotz der vielen Parolen heute deine Stimme, die Stimme des Guten Hirten vernehmen wollen!

Vater im Himmel, du hast uns in deinem Sohn Jesus Christus einen Guten Hirten gegeben, der uns geleitet zu deiner Herrlichkeit. Dir sei die Ehre jetzt und allezeit und in Ewigkeit! Amen.

Predigt

Ein Kennzeichen unserer Zeit scheint die Haltlosigkeit, die Orientierungslosigkeit zu sein: Wofür lohnt es sich zu leben? Wo gibt es denn noch glaubwürdige Persönlichkeiten, die uns als Wegweiser dienen, an die wir uns halten können? Das Defizit scheint allgemein zu sein; es springt in die Augen: nicht nur in der Politik, in der Gesellschaft, in den Schulen; sondern auch in den Familien, in der Kirche. Wir nennen diesen Zustand, wir deuten ihn als Führungslosigkeit, als "Autoritäts-Krise". Woran fehlt es denn im tiefsten? Wo ist sein rettender Ausweg in Sicht? Ich meine, ein Blick auf Jesus Christus, der sich als "Guten Hirten" bezeichnet, könnte uns die Richtung weisen, in der wir suchen könnten; wie wir selber das realisieren, was Jesus mit dem Bildwort vom Guten Hirten und mit dem Kontrastbild vom Mietling, vom bezahlten Knecht gemeint hat.

Wie verhält sich der Mietling, der bezahlte Knecht, wenn der Wolf nicht mehr in Gestalt einer reißenden Bestie, sondern in der Gestalt des "Genossen Trend" kommt? Wir kennen alle den "Genossen Trend" und seine Argumentation: Alle machen es doch heute so! Sie können sich doch nicht gegen den Strom der Zeit stellen! Sie wollen doch nicht ins Abseits geraten! Wir erkennen diese Situation hoffentlich wieder: in der Politik, in der Erziehung, in der Kirche. Was tut in einer solchen Situation der Mietling? Er wird nicht unbedingt, wenn der Wolf in der Gestalt des Genossen Trend in seine Herde einbricht, seine Herde verlassen; er wird nicht mehr fliehen. Er kann auch aus Opportunismus mit den Wölfen heulen. Er macht dabei vielleicht Vorbehalte; aber doch mehr aus dem Grunde, um sich selbst ein gutes Gewissen zu verschaffen und nachher sagen zu können, dass er ja immer im Prinzip gewissen Dingen nicht zugestimmt habe. Erkennen wir nicht die Situation unter der Diktatur des Nationalsozialismus? Eines wird der Mietling jedenfalls nicht tun: das eigene Prestige aufs Spiel setzen um des Wohles anderer willen. Denn das eigene Prestige ist ihm wichtiger als die Gewissens-Überzeugung; es ist ihm so wichtig wie das eigene Leben. Und dieses Prestige ist nun einmal ruiniert, so meint er, wenn ihm einmal das Odium des Einzelgängers, des Konservativen, des ewig Gestrigen, des Schwarzsehers anhaftet, der an längst überholten Grundsätzen festhält. Wir haben längst die Gewissens-Moral zugunsten einer Scham-Moral aufgegeben. Wir haben nur noch Angst, das Gesicht zu verlieren. Wir wissen jedoch alle: mit dieser Einstellung ist niemand geholfen. Wo Wegweisung, wo Hilfe und Rat erwartet werden, notwendig sind, da müssen wir, ob wir Priester sind oder Lehrer und Eltern, bereit sein, uns ohne Wenn und Aber einzusetzen; glaubwürdige und verlässliche Zeugen der erkannten Wahrheit sein - gewiss ohne verletzende Härte und Verurteilung, aber doch in aller Klarheit und Entschiedenheit. Wie steht es mit dieser persönlichen Glaubwürdigkeit - in der Politik, in der Erziehung, in der Kirche? Wie steht es um meine eigene Glaubwürdigkeit?

Der gute Hirt ist also nicht jener, der seine Bestätigung in der Resonanz, im Angenommensein und im Lob durch die Herde findet und sich ihr anbiedert. Ein solcher Hirte würde sich eben auch mit den Wölfen arrangieren. Er muss vielmehr bereit sein, der Herde auch einmal zu missfallen; etwas Schweres von ihr zu verlangen. Erst recht ist er nicht darauf bedacht, Erwartungen höheren Ortes zu entsprechen. Der gute Hirte kann nur der sein, der aus einer ganz anderen Mitte heraus lebt: nicht aus menschlicher Anerkennung und Lob, sondern aus der Lebensmitte dessen, der allein der gute Hirte ist, und der sein Leben hingegeben hat für die Seinen: Jesus Christus. Nur so können wir für die uns Anvertrauten den letzten Halt verkörpern, den wir Menschen selbst einander nicht geben können, auch nicht durch Dialog und Gemeinschaft oder indem wir enger zusammenrücken, um uns gegenseitig ein wenig mehr Wärme und Geborgenheit zu geben. Ein solcher guter Hirte verkörpert dann auch die Menschlichkeit und Verständnisbereitschaft dessen, der "die Seinen kennt". Dies kann jedoch nur dann mehr sein als eine ohnmächtige Geste, wenn er selber lebt aus dem unbedingten Ja-Wort Gottes zum Menschen, das in Tod und Auferstehung Jesu Christi endgültig gesprochen worden ist. Wie steht es mit dieser Zuverlässigkeit, mit dem Standhaben in Jesus Christus, also mit unserem Glauben?

Ein solcher Hirte kann und muss vielleicht auch einmal mit Entschiedenheit auftreten, meinetwegen mit "Unfehlbarkeit", wenn man dieses oft missbrauchte Wort einmal gebrauchen soll. Im Grunde ist ja nichts so sehr dem Selbstbehauptungswillen einer menschlichen Institution entgegengesetzt wie das Sprechen mit "unfehlbarer" Autorität, also die Verkündigung einer unbedingten Wahrheit und das unbedingte Einstehen dafür. Das gilt nicht nur für den Papst, sondern letzten Endes für jeden, der das Evangelium verkündet und sich im Glauben dazu bekennt. Sich aber in dieser Weise auf Gedeih und Verderb festzulegen, ist vom Gesichtspunkt der Erhaltung einer menschlichen Institution, eines menschlichen Systems, einer Partei der Gipfelpunkt der Torheit. Menschlich "klug" scheint es doch zu sein, sich auch für die Zukunft alle Möglichkeiten offen zu halten. Menschlich "vernünftig" ist doch dies: "Vielleicht - vielleicht auch nicht!" "Hier stehe ich - ich kann auch anders." "Ich bin nie nur dieser Meinung." Genau das aber ist die Haltung des Mietlings, des bezahlten Knechtes. Es ist die Haltung dessen, auf den kein letzter Verlass ist, weil er selbst nicht aus etwas Unbedingtem lebt. Freilich, mit "Unfehlbarkeit" für etwas einzustehen ist nur verantwortbar, wenn wir gegen uns selbst und gegen unser schwankendes Herz bekennen, dass Gott nun einmal seine unbedingte Wahrheit in die irdenen, in die zerbrechlichen Gefäße von Menschen gelegt hat. Aber diese unbedingte Wahrheit gilt "ein-für-allemal". Bekennen wir uns gegen unsere eigene menschliche Erfahrung, die ja immer nur den Vorbehalt rechtfertigt, zu dieser Entschiedenheit Gottes, die sichtbar geworden ist in der Lebenshingabe Jesu Christi? Ist er der "Eckstein" unseres Denkens und Handelns, auf den wir gründen? Oder bauen wir auf etwas anderes, von dem wir das Heil erwarten?

Der Mietling, der bezahlte Knecht engagiert sich vielleicht gerne. Er mag bereit sein, etwas für die Kirche zu tun, sogar einen kirchlichen Beruf zu wählen. Aber er bindet seine Existenz nicht daran. Er tut etwas. Aber er bleibt frei und will es sein. Er behält seinen Privatraum; und er behält sich vor, wenn es kritisch wird, sich im entscheidenden Moment abzusetzen. Er tut so lange etwas für die Kirche, wie diese Arbeit ihm lohnend erscheint. Sein Ja ist ein Ja mit Bedingungen. Und was immer er leistet, auch an Positivem, ist in erster Linie eine Form der Selbstkultivierung. Es macht aber gerade den guten Hirten aus, dass er nicht nur etwas von sich, sondern seine ganze Existenz gibt und einsetzt, weil dieser Einsatz ihm vorgelebt worden ist von seinem Herrn und Meister, von Jesus Christus: er hat uns geliebt und sich für uns dahingegeben.

Solche Entscheidungssituationen, wo wir uns selbst geben sollen, gibt es nicht nur in Krisen- und Verfolgungszeiten, sondern auch in unserer Gegenwart, die gekennzeichnet ist von einer großen Halt- und Orientierungslosigkeit: in der Kirche, in unserer Gesellschaft bis in unsere Familien hinein. Sind wir selbst glaubwürdige Zeugen der Wahrheit Gottes als Priester, als Lehrer, als Eltern, die selber leben, was sie verkünden? Die die Liebe Gottes weitertragen, ohne nach Lob und Anerkennung zu schielen? Die das Erbarmen und die Güte Gottes erfahrbar machen mit den Mühseligen und Beladenen, deren Hoffnung Gott allein ist, weil auch wir vom Erbarmen Gottes leben? Wir feiern miteinander Eucharistie. Wir gedenken der Lebenshingabe Jesu für uns. Lassen wir uns von ihm, dem guten Hirten, den Weg weisen: "Ich gebe mein Leben hin für meine Schafe." Und seien wir davon überzeugt: "Es ist uns kein anderer Name unter dem Himmel gegeben, in dem wir selig werden können."

 

5. Ostersonntag: "Christus - der Weg"

Einführung

Eines der Grundworte des Evangeliums, aber auch der Liturgie ist "Friede". "Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch!" - so lautet die Verheißung des Herrn. Aber wie viel Unfrieden gibt es in dieser Welt, wie viele Kriege und Gewalt! Die vergangenen Tage haben uns dies wieder ins Bewusstsein gerufen. Wir wollen uns darum wieder besinnen, wo durch uns Unfriede in diese Welt kommt, und wir wollen den Herrn anrufen um seine Huld, um sein Erbarmen, um seinen Frieden.

    Herr Jesus Christus, du bist vom Vater gesandt, uns den Frieden zu bringen, den die Welt nicht geben kann
    - Herr, erbarme dich!
    Du hast uns in deine Nähe gerufen, obwohl wir mitschuldig sind am Unfrieden um uns
    - Christus, erbarme dich!
    Du hast uns deinen Geist gesandt, damit Friede und Versöhnung durch uns die Welt erreichen
    - Herr, erbarme dich!
    Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Wir beten zu unserem Herrn Jesus Christus, der gekommen ist, den Frieden zu bringen, und der diejenigen selig preist, die Frieden stiften:

  • In unserer Welt gibt es immer wieder Kriege und Gewalttaten: bewahre die Mächtigen der Erde vor dem Glauben, mit Krieg und Gewalt Frieden schaffen zu können!
  • 5n unserer Welt gibt es so viel Unrecht: bewahre uns davor, unsere 0itmenschen auszunützen und zu unterdrücken!
  • Viele Menschen haben Angst vor Krieg und Gewalt: bewahre uns vor den Schrecken eines künftigen Krieges!
  • Frieden erwächst allein aus der Gerechtigkeit: gib uns die Kraft, unseren Mitmenschen das ihnen Zukommende zu gewähren!
  • In der Bergpredigt werden selig gepriesen, die Frieden stiften: gib uns die Kraft, immer wieder den ersten Schritt zur Versöhnung zu tun!

Gott der Liebe und des Friedens, dein Sohn hat sein Leben hingegeben für uns. Wecke bei uns die Einsicht, dass der Einsatz für die Gerechtigkeit in der Welt und der Dienst am Leben der anderen uns und der Welt zu Heil und Frieden dient. Das gewähre uns durch Christus, unseren Herrn! Amen.

Predigt

"Herr, wir wissen nicht, wohin zu gehst; wie sollen wir den Weg kennen?" Diese Feststellung und diese Frage des Thomas heute im Evangelium scheint das Kennzeichen unserer Zeit zu sein. Aber das Beunruhigende ist vielleicht nicht so sehr die Tatsache, dass viele den Weg, den sie einschlagen sollen, nicht kennen; und dass sie die Frage danach überhaupt stellen. Dieses Nichtwissen aus Eigenem und die daraus entstehende Frage ist dem Menschen wesentlich. Viel beunruhigender ist, so scheint mir, der Umstand, dass viele heute an dieser Frage und an einer Antwort nicht mehr interessiert sind, nicht mehr interessiert zu sein scheinen: "Mir ist es egal, wo der Weg hinführt." Mit Folgerichtigkeit ist dann die Frage nach Gott, nach dem Weg zu ihm, ob es ihn überhaupt gibt, auch nur für solche Menschen von Bedeutung, die einen psychischen Defekt haben. Eine Antwort aus einer Befragung lautet: "Schön wäre es ja, an Gott zu glauben. Im Grunde hat das doch nur eine psychologische Funktion." Mit anderen Worten: Haben Christen, haben Glaubende eine "Macke"?

Wir können uns nicht mit dem Nichtwissen, erst recht nicht mit der Resignation zufrieden geben. Denn es geht hier um nichts weniger als um den Sinn, um das Ziel unseres Lebens. Verzichten wir von vornherein darauf? Begnügen wir uns mit dem Nichtwissen, mit der Flucht in den Konsum und in den Lebensgenuss als Ersatz? Oder sind wir davon überzeugt, dass der Mensch eine Mitte, auf die hin er existiert, haben muss, soll er nicht in der Verzweiflung enden? Sind wir davon überzeugt, dass diese Mitte ein lebendiges Gegenüber ist? Wer diese Frage, ob es eine Mitte, ob es einen Sinn und ein Ziel des Lebens gibt, mit einem Ja beantwortet, der wird sich - angesichts der vielen heute als wahr und richtig bezeichneten Wege zum Heil - mit dem Anspruch des Jesus von Nazareth auseinander zu setzen haben. Der wird sich mit dem heutigen Evangelium auseinander zu setzen haben und mit dem Anspruch Jesu: "Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben."

Damit ist doch gesagt, dass Jesus Christus der einzig gangbare Weg für den Menschen ist; dass er die Mitte unseres Lebens ist; dass er nicht nur unser Vorbild ist auf dem Weg zu Gott, sondern dass in ihm Gott selber anwesend ist unter uns Menschen: "Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen." Er ist die Wahrheit, nach der im letzten alle Menschen sich sehnen; und er ist das Leben, nach dem sich alle sehnen. Die Frage ist nur, ob wir ihm diese anspruchsvollen Worte abnehmen; ob wir darin nur die Anmaßung eines arroganten, eines überspannten Menschen erblicken, oder ob wir dies als Glaubende gelten lassen, akzeptieren. Wer sich diesem Anspruch versagt, der ist jedoch zum Weitersuchen verurteilt; der findet nicht den, der allein seinem Suchen Erfüllung schenken kann. Er ist dazu verurteilt, Wege zu gehen, die nicht zum Heil führen. Dann gibt es im letzten nur die Möglichkeit, sich in den Lebensgenuss zu flüchten, wie es heute so viele tun, oder sich selbst durch die eigene Leistung und das eigene Tun zu "erlösen". Aber niemand kann sich am eigenen Schopf aus Not und Schuld herausziehen. Wir werden nicht anders erlöst als durch unseren Herrn Jesus Christus. Er ist unser Halt.

Hier merken wir aber auch, welche Konsequenzen es hat, wenn der Mensch den Zielpunkt seines Lebens nicht mehr in Gott hat, sondern in etwas sucht, was vom Menschen selbst zum Sinn des Lebens erklärt wird, erklärt werden muss. Ein solcher selbst gemachter Lebenssinn ist jedoch nur subjektiv; er ist nicht auch für andere gültig. Jeder hat dann sein Lebensziel. Der Mensch wird damit jedoch im letzten bezugslos; er wird ein Egozentriker. Es gibt dann folgerichtig kein Oben und kein Unten mehr, keinen Haltpunkt. Friedrich Nietzsche, den wir gemeinhin als Atheisten bezeichnen, hat begriffen, was es bedeutet, wenn Gott für den Menschen nicht mehr existiert, nichts mehr bedeutet: "Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht?" Die Konsequenz dessen, wenn Gott als die Mitte des menschlichen Lebens abgeschafft wird, ist der Verlust der Orientierung; ist der Verlust aller Maßstäbe des Handelns. Übrig bleibt dann nur der Mensch mit seinen unerfüllbaren und unstillbaren Sehnsüchten, Begierden und Trieben. Aus dem Gefängnis seines Ich gibt es ohne Gott kein Entrinnen. Ein Blick in unsere Zeit und in unsere Welt verdeutlicht das in oft erschreckender Weise: die Rücksichtslosigkeit, der Hass, das Töten und das Morden.

Dass ein solches Denken, das das eigene Ich in den Mittelpunkt rückt und Gott im Grunde für überflüssig erklärt, auch vor dem Bereich der Kirche nicht halt macht, ist nicht verwunderlich. Ich möchte das an einem Beispiel deutlich machen. Vor einiger Zeit habe ich an einem Gottesdienst teilgenommen. Zum Schluss trat an die Stelle eines Gebetes, das die Anliegen der Besucher des Gottesdienstes noch einmal zusammenfassen sollte, eine merkwürdige Belehrung, die mir sehr bedenklich, ja unchristlich und unmenschlich zu sein schien. Gebet - so wurde dargelegt - ist der Moment, wo ich mich zur Tat, zur Abhilfe eines Übelstandes entschließe. Gott, an den ich mich wende, ist nicht ein Bezugspunkt außerhalb von uns, sondern nur eine Wirklichkeit in unserem Kopf; nur die "Chiffre", die Umschreibung dafür, dass wir uns in einem wichtigen Punkt engagieren müssen. Die Konsequenz einer solchen Auffassung ist, dass unser Beten, dass aller Gottesdienst im Grunde ein Selbstgespräch ist; dass es einem psychischen Defekt, einer "Macke" entspringt und nur eine psychologische Funktion hat.

Nein, wir sind nicht dazu verurteilt, uns im eigenen Kreis zu drehen; nur auf den eigenen Nabel zu schauen; im Gebet Selbstgespräche zu führen. Wir sind nicht dazu verurteilt, kein Oben und kein Unten mehr zu kennen. Sondern als Christen wissen wir um eine Mitte, auf die hin wir leben können: diese Mitte ist der gute Gott, unser Vater im Himmel, der uns in Jesus von Nazareth nahe gekommen ist. Und wir wissen um den Weg zu Gott, zu unserem Vater im Himmel: Jesus Christus ist unser Weg; er ist unser "Wegweiser", der mit uns geht. Er ist der erlesene, der unverrückbare Eckstein, der denjenigen, der auf ihn baut, nicht wanken lässt, wie es heute in der Lesung aus dem 1. Petrusbrief heißt: "Seht her, ich lege einen Eckstein, den ich in Ehren halte. Wer an ihn glaubt, der geht nicht zugrunde."

Wir wollen in dieser Eucharistiefeier Jesus Christus bitten, er möge uns die Kraft geben, der gelebten und gepredigten Orientierungslosigkeit, dem grassierenden Subjektivismus heute zu widerstehen. Es ist nicht egal, wohin uns der Weg führt. Es ist nicht egal, was für einen Lebensinhalt, was für eine Lebensmitte wir haben. Wir wollen den Herrn aber auch darum bitten (ja, das dürfen wir; das ist kein vergebliches Selbstgespräch!), dass wir sein Wort und seinen Anspruch verstehen: "Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater außer durch mich... Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen."

 

6. Ostersonntag: "Leben aus dem Glauben"

Einführung

In österlicher Freude feiern wir unseren Gottesdienst. Wir feiern ihn als Glaubende, die in der Liebe Christi zu seinem Volk, zur Gemeinschaft der Kirche zusammengeschlossen sind. Der Herr hat uns in diese Gemeinschaft der Liebe berufen, damit wir Frucht bringen, damit wir sein Wort und seine Gebote halten. Wie wenig zeigt sich oft die von uns geforderte Liebe zum Herrn im Hinhören auf sein Wort, im Halten der Gebote. Wir wollen uns darum wieder besinnen und das Erbarmen und die Gnade des Herrn auf uns herabrufen.

    Herr Jesus Christus, du hast uns geliebt und dein Leben für uns gegeben
    - Herr, erbarme dich!
    Du hast uns hineingenommen in die Liebe und das Leben Gottes
    - Christus, erbarme dich!
    Du hast uns aufgetragen, einander zu lieben, wie du uns geliebt hast
    - Herr, erbarme dich!
    Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Unser Herr Jesus Christus ist auferstanden von den Toten. Tod und Verderben sind entmächtigt. Auch wir sollen teilhaben am Sieg des ewigen Lebens. Dafür danken wir Gott und beten, dass alle Bereiche unseres Daseins vom österlichen Leben durchdrungen und erneuert werden.

  • Für die christlichen Kirchen: dass sie die Gegenwart des Auferstandenen in Wort und Sakrament, aber auch mit ihrem Wirken in der Welt glaubwürdig bezeugen!
  • Für die Völker der Erde: dass sie sich bemühen um eine friedliche Lösung er Spannungen zwischen den Völkern, Rassen und Klassen!
  • Für die Menschen, die von Not und Unglück heimgesucht werden: dass die Hungernden und Bedürftigen, die Obdachlosen und Entrechteten, die Verwitweten und Waisen hilfreiche Freunde finden!
  • Für uns selbst: dass Gott uns helfe, Jesus Christus im Glauben als den Lebendigen zu erkennen und uns ihm anzuvertrauen!

Allmächtiger und barmherziger Gott, du hast uns in der Auferstehung Jesu Christi die Tür zum ewigen Leben aufgetan. Wir bitten dich: beschenke deine Gläubigen in aller Welt mit den Kräften und Freuden deines Sieges. Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn. Amen.

Predigt

An den Ostersonntagen sind die Texte des Evangeliums in der Regel aus dem Johannes-Evangelium genommen. Der Abschnitt heute steht im Zusammenhang der sogenannten "Abschiedsreden" des Herrn. In diesen "Abschiedsreden" am Vorabend seines Leidens geht es Jesus darum, seine Jünger vorzubereiten auf die Situation des Alleinseins in dieser Welt - wenn er also, der Herr, nicht mehr leibhaft unter ihnen gegenwärtig ist. Welcher Zugang zu ihm, welche Verbindung mit ihm bleibt bestehen, wenn er die Seinen verlassen hat? Das ist aber nicht nur die Situation der Jünger damals. Das ist unsere eigene Situation heute. So fragen wir heute, die wir nie das Glück hatten, den Herrn leibhaft zu sehen. Es geht also - mit anderen Worten - um die Verdeutlichung dessen, was wir mit "Leben aus dem Glauben" eigentlich meinen.

In den Abschiedsreden war zunächst vom "Glauben" die Rede: "Glaubet an Gott und glaubet an mich!" - so lautet die Mahnung Jesu an seine Jünger. Dieser Glaube hat sich jedoch im Leben zu zeigen, zu bewähren. Darum wird jetzt die "Liebe" der Jünger zu ihrem Herrn das Thema; die Liebe zu ihm, zu Jesus, in dem Gott selber in die Erfahrung der Menschen gekommen ist; in dem Gott sich geoffenbart hat, d. h. verständlich gemacht hat, wer er eigentlich ist. Sachlich ist diese Liebe nichts anderes als der "Glaube". "Liebe" ist gelebter Glaube - das ist ja schon im rein menschlichen Bereich der Fall. Warum die Liebe zu Jesus aber zum Thema wird, das ist aus der Situation des Abschieds zu verstehen: Können die Jünger, können wir ihn noch lieben, wenn er gegangen ist? Kann der Nachgeborene, der kein persönliches Verhältnis zu ihm hatte, der ihn persönlich nicht gekannt hat, ihn überhaupt lieben? Kann er ihn aufgrund der Liebe zum Fundament seines Lebens machen?

Um dem Missverständnis vorzubeugen, Liebe sei nur möglich als ein ganz persönliches Verhältnis zu einem persönlichen, zu einem konkret vorhandenen Gegenüber, verdeutlicht Jesus seinen Jüngern, was die von ihm geforderte "Liebe" eigentlich ist. Sie besteht darin, sein Wort, seine Gebote zu beachten und zu halten. Wer also nach dem Liebesverhältnis des Menschen zu Jesus fragt, der wird in das Glaubensverhältnis verwiesen. Wer ein direktes Verhältnis zu Jesus sucht, der wird daran erinnert, dass es zu ihm in Zukunft nur noch das indirekte Verhältnis geben wird: im Glauben! Man kann mit Jesus nicht mehr wie mit einem anderen Menschen umgehen. Ihn lieben, das bedeutet fortan: seinem Anspruch gehorchen; und dieser Gehorsam ist der Glaube: sein Leben auf das Wort, auf die Gebote Jesu allein zu gründen. Der Jünger aber, der von Jesus allein gelassen und darauf verwiesen wird, seine Gebote zu halten, der wird nicht allein bleiben. Denn seinem Glauben wird das Kommen des "Beistandes", des Trösters, des Heiligen Geistes Gottes zugesichert. In der Sendung des Gottesgeistes werden die Jünger, werden wir die bleibende Nähe und die bleibende Hilfe Jesu selber erfahren; denn auf seine Bitte hin wird ja der Vater den Geist senden, so wie Jesus selbst einst vom Vater in die Welt gesandt wurde. Der Herr bleibt also bei uns; er steht uns weiterhin bei. Denn er liebt uns ja. Sein Heiliger Geist ist das Unterpfand dieser bleibenden Liebe. Gott lässt uns also nie fallen in dieser anscheinend von allen guten Geistern verlassenen Welt, in dieser anscheinend gottverlassenen Welt.

Dass die "Welt" diesen göttlichen Geist, den Geist Jesu, den Geist der Wahrheit nicht empfangen kann, davon ist im folgenden die Rede. Dieses "Nicht-empfangen-können" bedeutet nicht, dass die "Heiden" nicht zum Glauben kommen können. Diese Tatsache bedeutet nur, bezeichnet nur den grundlegenden Unterschied zwischen dem Glauben, zwischen dem glaubenden Menschen und der gottfeindlichen Welt. Die Welt kann als Welt, kann als "irdische Welt" den Geist Gottes nicht empfangen. Sie kann und wird ihn nicht begreifen. Denn sie müsste sonst ihr eigenes Wesen aufgeben. Die Welt folgt ihrem eigenen Gesetz; es ist das Gesetz der Gnadenlosigkeit, der Erbarmungslosigkeit: homo homini lupus - Fressen und Gefressenwerden, der blanke Hass, die geballte Faust. Ein Blick in diese friedlose und lieblose Welt um uns herum genügt, um dieses Gesetz der Welt zu erkennen. Das Wesen Jesu Christi und das Wesen dieser Welt sind wie Feuer und Wasser; sie sind unvereinbar.

Das bedeutet nun aber auch: Wenn wir Glaubenden uns in keiner Weise mehr von dieser gottfeindlichen Welt, die ihrem eigenen Gesetz folgt, unterscheiden, wenn wir uns mit ihr arrangieren (weil wir nicht mehr um den grundlegenden Unterschied wissen), dann verlassen wir den tragenden Grund unseres Glaubens; dann verleugnen wir den Herrn und den Glauben an ihn. Dann vergessen wir die Mahnung des Apostels: "Macht euch nicht gleichförmig dieser Welt!" Dann sollten wir uns fragen: Woher beziehen wir unsere Denk- und Verhaltensmuster? Lassen wir sie uns zurecht schneidern von den vielen Meinungsmachern und Heilslehrern heute? Beziehen wir unsere Wertvorstellungen, unsere Vorstellungen von Wahrheit und Gerechtigkeit in dieser Welt von der Stange der Meinungs-Manipulateure heute? Lassen wir uns z. B. in der ehelichen Partnerschaft von den Soziologen und Sexologen vorschreiben, worauf es ankommt? Besteht unser Lebenssinn in der Beförderung einer rein irdischen Wohlfahrt? Ist unser Gott der Mammon oder der Bauch? Oder ist sein Gebot maßgebend für uns - auch wenn uns niemand Beifall spendet?

Neben die Verheißung des Gottesgeistes, den die Welt nicht begreifen kann, tritt noch eine zweite Verheißung: die Verheißung der Wiederkunft Jesu. Gemeint ist zunächst die Verheißung seiner baldigen Auferstehung an Ostern. Gemeint ist aber auch die Verheißung der Wiederkunft des Herrn am Ende der Zeit. Für die Jünger wird es an Ostern ein Wiedersehen mit ihrem Meister geben. Aber auch für den Glaubenden, der sich die Mühe macht, sein Wort zu halten, für uns alle wird es einmal die Möglichkeit des Sehens geben. Vorerst jedoch ist der Glaubende, vorerst sind wir darauf verwiesen, als Glaubende und nicht als Schauende unseren Lebensweg zu gehen und unsere Liebe zu Jesus Christus darin zu zeigen, dass wir seine Gebote halten; dass wir sein Wort zum Fundament unseres Denkens und Handelns machen; dass wir uns nicht dem Gesetz dieser Welt unterwerfen. Das bedeutet: Wir sollen leben von ihm her; wir leben nicht (wie wir es oft tun) nur von eigenen Gnaden; wir leben, wir sollen leben aus seiner Gnade, aus seinem Geschenk.

Wir feiern miteinander Eucharistie. Wir begehen die Feier der Danksagung für Erlösung, für Gottes Güte und Erbarmen, das er uns erwiesen hat in Jesus Christus. Lasst uns immer daran denken! Und lasst uns immer dafür danken! Und lasst uns unseren Dank dafür zeigen, indem wir ihn über alles lieben; indem wir sein Wort und seine Gebote halten, zu halten versuchen - mitten in dieser Welt.

 

Christi Himmelfahrt: "Der Auftrage des Auferstandenen"

Einführung

Heute am Fest Christi Himmelfahrt feiern wir miteinander Eucharistie. Wir sagen Dank für das, was Gott uns in Jesus Christus getan hat: die Vaterliebe Gottes wurde in Jesus offenbar, greifbar - in seinem Leiden und Sterben, in seiner Auferstehung haben wir diese Gewissheit erhalten, dass Gott uns liebt; dass er für uns da ist. Dieser Jesus lebt nun in der Herrlichkeit des Himmels als der Menschgewordene, als der verherrlichte Gekreuzigte. Er hat aber diese Erde nicht verlassen; er hat die Jünger, er hat uns alle nicht allein gelassen. Er bleibt anwesend in seiner Kirche und durch sie in der Welt, für die Welt, für uns alle. Zum verherrlichten Herrn rufen wir:

    Herr Jesus Christus, du bist heimgegangen in die Herrlichkeit deines Vaters
    - Herr, erbarme dich!
    Du hast deinen Jüngern und uns deine Botschaft anvertraut
    - Christus, erbarme dich!
    Du bleibst bei uns in der Kraft des Gottesgeistes, den du uns sendest
    - Herr, erbarme dich!
    Es erbarme sich unser der allmächtige Gott! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Lasset uns beten zu Gott, unserem guten Vater im Himmel, der Jesus Christus von den Toten auferweckt und in seine Herrlichkeit erhöht hat:

  • Für alle Christen: dass sie nicht müde werden, in unserer Welt den Weg zum wahren Leben zu verkünden!
  • Für alle Menschen auf der Erde: dass Jesu Wort, das der Kirche anvertraut ist, für sie zu einer beglückenden Botschaft wird!
  • Für die Boten des Evangeliums: dass sie ohne Furcht von der Hoffnung Zeugnis geben, die wir alle Jesus Christus verdanken!
  • Für alle, die in Glaubensnot geraten sind: dass sie in der Kraft Jesu Christi einen Weg aus Verwirrung und Glaubensnot finden!
  • Für uns alle: dass Jesu Leben uns froh macht, und das seine Verherrlichung uns zu einem Leben der Liebe ermutigt!

Herr unser Gott, du hast deinen Sohn von den Toten auferweckt und in deine Herrlichkeit erhöht. In ihm hast du uns die Hoffnung auf ein ewiges Glück bei dir gegeben. Wir bitten dich: gib uns die Kraft, Zeugnis zu geben für diesen Glauben und diese Hoffnung. Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn. Amen.

Predigt

In der Lesung haben wir den Bericht der Apostelgeschichte von der Himmelfahrt unseres Herrn gehört. Irgendwie regen sich in uns beim Hören Fragen. Ist die "Himmelfahrt" nicht eine Vorstellung, die einem längst überholten Weltbild entstammt, das vor dem kritischen Blick des Menschen heute nicht mehr bestehen kann? Wie kann man diese Geschichte verstehen? Wie hat der heilige Lukas selbst, dem wir die Apostelgeschichte verdanken, seinen Bericht verstanden? Und haben wir vielleicht bisher diese "Geschichte" missverstanden?
Zunächst stellen wir überrascht fest, dass in den vier Evangelien, auch im Lukas-Evangelium, nicht von einer vierzigtägigen Dauer der Oster-Erscheinungen des Auferstandenen und von einer abschließenden Himmelfahrt die Rede ist. Für die Evangelien ist Jesus schon im Augenblick seiner Auferstehung in den Himmel, in die Herrlichkeit Gottes erhöht worden. Der Auferstandene selbst sagt zu den Jüngern auf dem Weg nach Emmaus: "Musste nicht der Christus dieses alles leiden und so in seine Herrlichkeit eingehen?" Jesu Auferweckung ist identisch mit der Erhöhung in die himmlische Herrlichkeit. Und wenn der Auferstandene erscheint, so erscheint er vom Himmel her, so dass nicht mehr gesagt zu werden braucht, dass Jesus zur Beendigung der Erscheinungen in den Himmel zurückkehrt. Dies finden wir nur in der Apostelgeschichte. Merkwürdig ist nur, dass der heilige Lukas in seinem Evangelium den Herrn schon am Ostertag selbst in die Herrlichkeit des Himmels erhöht sieht.

Warum lässt Lukas in seiner Apostelgeschichte den Auferstandenen am Ende der letzten Erscheinung, und zwar nach 40 Tagen, gen Himmel auffahren? Er tut dies aus dem Grunde, weil er die Bedeutung der Auferweckung und der Erhöhung Jesu in die Herrlichkeit des himmlischen Vaters unter einer ganz bestimmten Rücksicht anschaulich und einprägsam darstellen will: Was bedeutet die Auferweckung Jesu, was bedeuten die Erscheinungen des Auferstandenen für die Kirche damals und heute? Am Ende seines Evangeliums war für Lukas sozusagen die Frage bedeutsam: Was bedeutet die Auferstehung Jesu für ihn selbst? Die Auferweckung und Erhöhung war der krönende Abschluss seines Erdendaseins. Hier in der Apostelgeschichte steht ein anderer Gesichtspunkt im Vordergrund: Was bedeutet die Erhöhung des Herrn für die junge Kirche?

Lukas allein spricht von 40 Tagen, während derer sich Jesus seinen Aposteln als lebend erwies und zu ihnen von den Dingen des Gottesreiches redete. Diese Zahlenangabe hat Lukas selbst gewiss nicht als eine exakte Zeitangabe verstanden, sondern nach biblischem Sprachgebrauch als eine runde und heilige Zahl für einen längeren, aber entscheidenden Zeitraum. So wandert das Volk Israel 40 Jahre lang durch die Wüste und wächst in dieser Zeit zu einem Volk zusammen. So fastet Jesus 40 Tage in der Wüste und bereitet sich auf sein öffentliches Wirken vor. Und dementsprechend hebt Lukas mit den 40 Tagen die Zeit der Erscheinungen des Auferweckten als einen entscheidenden Zeitraum hervor. Die Jünger konnten sich von der Wirklichkeit der Auferstehung Jesu überzeugen. Zugleich erhielten sie die Aufgabe, in der Kraft des Heiligen Geistes die Botschaft vom Gottesreich weiter zu verkünden. Aus der Glaubensgewissheit, Jesus ist in die Herrlichkeit Gottes erhöht worden, sollen sie die Frohbotschaft allen Menschen verkünden, bis er in Herrlichkeit wiederkommt.

Wenn eine "Wolke" Jesus den Blicken seiner Jünger entzieht, so denkt Lukas nicht an ein Gebilde, das gerade am Himmel stand oder von Gott im richtigen Augenblick an die richtige Stelle gezaubert worden wäre. Lukas will damit sagen: Der eigentliche Vorgang der "Himmelfahrt", die Aufnahme Jesu in die Herrlichkeit und in die Sphäre Gottes, ist für den Menschen ein undurchdringliches Geheimnis. Ähnlich bedeutet im Alten Testament das Wolkendunkel die Unbegreiflichkeit Gottes, der sich dem Blick der Menschen entzieht. So ist es auch bei der Verklärung Jesu auf dem Berge. Aus der Wolke kommt Gottes Stimme: "Dies ist mein geliebter Sohn!" Es ist eine vom Menschen nur schwer begreifbare Botschaft. An unserer Stelle soll möglicherweise auf die machtvolle Wiederkunft Christi hingewiesen werden: "Dieser Jesus, der von euch weg in den Himmel aufgenommen wurde, wird auf dieselbe Weise wiederkommen, wie ihr ihn habt zum Himmel auffahren sehen." Ja, der Gedanke an die Wiederkunft des erhöhten Herrn kann nur die Bereitschaft wecken, die Aufgaben des Augenblicks zu sehen und ihnen gerecht zu werden. Jetzt heißt es: An die Arbeit! "Was steht ihr da und schaut zum Himmel empor?" Jetzt am Ende der Ostererscheinungen gilt es, in der Kraft des Gottesgeistes für Christus Zeugnis abzulegen von der Auferweckung des Gekreuzigten, und zwar "in Jerusalem, in ganz Judäa und Samaria und bis ans Ende der Erde." Dies gilt für die Augenzeugen; dies gilt aber auch für die Christen aller Zeiten, für uns: Wir sollen durch unser Leben und Reden Zeugen seiner Verherrlichung sein.

Lukas will also sehr wohl von einem ganz und gar wirklichen, freilich von einem ganz und gar wunderbaren Ereignis sprechen, das an Jesus geschehen ist: Jesus ist erhöht worden in die himmlische Daseinsweise. In keiner Weise will er eine Reportage, gleichsam einen Film machen - das ist unser Interesse. Lukas will die Auferstehung und Erhöhung Jesu theologisch verdeutlichen: Was bedeutet die Auferstehung Jesu für den Fortgang der Geschichte nach Ostern, für den Beginn und den Fortgang der Kirche, der Gemeinschaft der Glaubenden? Und dies ist bedeutsam nicht nur für die Augenzeugen damals, sondern auch für die Christen aller Zeiten, für uns heute. Der Anstoß von Ostern muss auch heute noch spürbar sein in unserem Verhalten als Glaubende.

Man wird vielleicht einwenden: Wie Sie den Bericht des Lukas auslegen, das ist einer der üblichen Tricks der Exegeten, die die gröbsten Schwierigkeiten abzubiegen verstehen, um den Glauben annehmbar zu machen. Nun, wer das befürchtet, der schaue einmal in das Lukas-Evangelium hinein und vergleiche ihn mit der Apostelgeschichte (die ja beide vom selben Autor, von Lukas stammen). So wenig wie das übrige Neue Testament kennt das Lukas-Evangelium einen "Zwischenzustand", in dem Jesus zwar auferweckt, aber noch nicht in den Himmel erhöht wäre. Sein Evangelium ist der Beleg dafür, dass die Auferweckung Jesu auch für Lukas eine Erhöhung zur Rechten Gottes bedeutet, und dass der Auferstandene deshalb auch bei ihm schon vom Himmel her erscheint. "Musste nicht der Messias dies alles leiden und so in seine Herrlichkeit eingehen?" Das sind doch die Worte des Auferstandenen an die Jünger von Emmaus. Und noch am selben Abend, also am Osterabend, führt Jesus seine Jünger hinaus zum Ölberg, um von ihnen Abschied zu nehmen. Dieses Abschiednehmen verdeutlicht die Apostelgeschichte unter der Rücksicht, was die Auferweckung und Verherrlichung Jesu für die Zeit der Kirche bedeutet: Nur vom erhöhten Herrn her haben wir die Sicherheit, aber auch die Vollmacht und die Pflicht zum Zeugnis des Glaubens in der Welt.

Wir sollten uns heute wieder eines vor Augen halten: Wir sind gerufen zum Glauben an den Auferstandenen, an den erhöhten Herrn. Das ist der eigentliche Inhalt des heutigen Festes. Der Inhalt des Festes ist also nicht die Reportage, der Film von einem genau so geschehenen Ereignis. Das wäre ein Missverständnis der biblischen Texte und würde uns heute den Zugang zu Jesus versperren. Wir sollen nicht bei der Einkleidung dieser Glaubens-Wahrheit stehen bleiben. Wir sollen uns vielmehr fragen: Welche Wahrheit des Glaubens ist gemeint, und was hat sie mir zu sagen? Und wir werden dann von selbst geführt zu einem Gebet, dass uns das Ja zu diesem Jesus, der auferweckt und in die Herrlichkeit Gottes erhöht worden ist, möglich ist; und dass wir uns seines Auftrags an uns bewusst sind: seine Zeugen zu sein bis an die Enden der Erde.

 

7. Ostersonntag: "In, nicht von dieser Welt"

Einführung

Die Gemeinschaft der Glaubenden, die Jesus begründet hat, die Kirche - sie ist immer gefährdet; sie ist in der Gefahr, den Geist Jesu Christi zu verlieren und den Geist dieser Welt anzunehmen; nicht das Wort und die Weisung Gottes sich zu eigen zu machen, sondern sich dem Denken der Welt auszuliefern, das mit Gott nicht rechnet. Wir wollen uns darum heute wieder besinnen auf den Herrn, der uns gerufen, der uns sein Wort und seine Weisung gegeben hat. Und wir wollen ihn um die Kraft bitten, seinen Weg zu gehen, und um Vergebung für all unser Versagen.

    Herr Jesus Christus, du hast uns dein Wort und deine Weisung hinterlassen
    - Herr, erbarme dich!
    Du hast uns herausgerufen aus der Welt, die dich nicht erkennen kann
    - Christus, erbarme dich!
    Du hast uns deinen Heiligen Geist verheißen, der uns in die Wahrheit einführen wird
    - Herr, erbarme dich!
    Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Jesus Christus hat uns aus dem Leid zur Freude geführt, aus der Bedrückung in die Freiheit, aus dem Tod zum Leben. Zu ihm kommen wir voll Vertrauen mit unseren Bitten:

  • Für die Kirche, die Gemeinschaft der Glaubenden: dass sie Zeugnis gibt von der österlichen Freude und Erlösung!
  • Für die Vielen, die durch Leid und Ungerechtigkeit, durch Krieg und Not in ihrem Glauben an dich irre werden: dass sie ihr Vertrauen zu dir nicht verlieren!
  • Für die Christen, die um ihres Glaubens willen verfolgt werden: dass sie in der Treue zu dir gestärkt werden!
  • Für unsere Welt, die in Hass und Tod zu versinken droht: dass sie sich um Gerechtigkeit und Frieden bemüht!
  • Für unsere Verstorbenen: dass sie bei dir eine ewige Heimat finden!

Denn du, Herr, hast den Tod besiegt und uns das Leben gebracht. Dir sei Lob und Ehre in Ewigkeit! Amen.

Predigt

Das heutige Evangelium ist dem 17. Kapitel bei Johannes entnommen. Dieses Kapitel enthält das "hohepriesterliche Gebet". Es wird so genannt, weil Jesus nach der Weise des jüdischen Hohenpriesters fürbittend für die Gemeinschaft der Jünger eintritt, derer also, die an ihn "glauben" - und zwar in dem Augenblick, wo er im Begriff ist, sich selbst als Sühnopfer für die Vielen darzubringen. In den ersten Versen hören wir die Bitte Jesu um Aufnahme in die himmlische Herrlichkeit, nachdem er den Auftrag seines Vaters erfüllt hat. Danach folgt die Fürbitte Jesu für seine Jünger: er bittet für die, die Gott ihm anvertraut hat, und die durch ihn zum Glauben gekommen sind an seine göttliche Sendung, an seine Göttlichkeit. Jesus bittet um ihre "Heiligung in der Wahrheit" - angesichts des Bösen in der Welt.

Den ersten Teil des "hohenpriesterlichen Gebetes" bildet also die Bitte Jesu um seine Verherrlichung durch den Vater. Diese Verherrlichung ist aber untrennbar von der Verherrlichung des Vaters selbst. Dazu ist Jesus ja in die Welt gekommen. Wenn Jesus seinen himmlischen Vater vor der Welt offenbart, dann bringt er ihn zu Ehre und Wirksamkeit; dann verherrlicht er ihn. Und wenn der Vater verherrlicht wird, dann erhält auch der Sohn Herrlichkeit. Dessen Auftrag besteht ja darin, den Menschen den himmlischen Vater kund zu machen, zu offenbaren. Und das ist auch der Auftrag an die Jünger, an die Glaubenden: Gott zu verherrlichen; und nicht: sich selbst darzustellen. Geht es uns um den Herrn oder um uns selbst? Diese Frage müssen wir an uns richten; wir dürfen sie aber auch an alle richten, die in der Kirche einen großen Namen haben, einen großen Namen für sich beanspruchen.

Die Offenbarung, die Frohbotschaft Jesu erfährt aber nicht nur Annahme von Seiten der Menschen; sie wird auch abgelehnt. An Jesu Offenbarung, an seiner Frohbotschaft scheiden sich die Geister; vollzieht sich aber auch das Gericht über die Welt, die sich im Unglauben versagt. Denen aber, die zum Glauben kommen, ist ewiges Leben verheißen. Dieses ewige Leben wird beschrieben als das Erkennen Gottes und seines Gesandten - "Erkennen" im Sinne der Bibel als "Einswerden in der Liebe". Dieses verheißene ewige Leben meint also die Hinwendung des Jüngers, des Glaubenden zu dem, der allein die Quelle des Lebens ist. Der Glaubenden lässt sich ganze von dem Erkannten, von Gott bestimmen. Und im Licht dieser Erkenntnis vermag er alles Geschaffene einzuordnen; er vermag es auf Gott hin zu beziehen; von ihm her zu deuten. So sollte es sein - auch heute! Die Frage ist nur, ob wir diesen Maßstab anlegen. Denken und urteilen wir mit den Maßstäben Gottes? Was damit gemeint ist, das geht aus dem folgenden Abschnitt des Evangeliums hervor.

Dieser zweite Abschnitt des "hohenpriesterlichen Gebetes" bringt Jesu Fürbitte für seine Jünger, die Gott ihm "aus der Welt" gegeben hat. Ihnen hat Jesus den Namen Gottes kund gemacht, d. h. er hat ihnen Gott selbst erschlossen, die "Wahrheit" schlechthin. Sie sind zum Glauben an diese "Wahrheit" gekommen - nicht aus eigener Kraft und Leistung, sondern aufgrund seiner Erwählung, seines Geschenkes. Das ist also das Kennzeichen der Jünger, der Glaubenden, der christlichen Gemeinde: sie ist eine Gemeinschaft, die nicht zu dieser Welt gehört, sondern die aus dieser Welt herausgeholt ist. Ihr Ursprung liegt nicht in ihr selbst; ihr Ursprung liegt in Gott. Diese Gemeinschaft wird begründet durch das Offenbarungswort Jesu. Dieses Offenbarungswort kann aber in seiner Ganzheit nur erfasst werden angesichts der Verwerfung Jesu durch die Welt. Die christliche Gemeinschaft, die Kirche ist also eine Gemeinschaft, die durch nichts anderes begründet ist als durch den Glauben, durch einen Glauben, der in diesem Jesus von Nazareth Gott selbst erkennt, zu erkennen vermag. Er hat also das Sagen - nicht die Menschen in seiner Gemeinschaft. An ihm haben wir Maß zu nehmen, an seinem Wort.

Für diese Gemeinschaft der Glaubenden, für die Kirche also bittet Jesus beim Scheiden aus dieser Welt. Er bittet nicht "für diese Welt". Für die "Welt" ist charakteristisch, dass sie sich der Offenbarung, der Frohbotschaft verschließt. Sie hat für die Frohbotschaft kein Sensorium. Für die Seinen also bittet Jesus, weil sie Gott gehören. Und sie gehören Gott aufgrund ihrer Entscheidung zum Glauben an Jesus, den Heilbringer. Diese Glaubensentscheidung, diese Hinwendung zu Gott bedeutet jedoch für die Welt Anstoß und Ärgernis. Die Welt kann sich nicht abfinden mit einer Gemeinschaft, die ihr Fundament nicht im Diesseits hat, die vielmehr den Glauben an Jesus Christus, an den himmlischen Vater zu ihrem Fundament hat. Das wird die Last und das Schicksal der Glaubenden sein, das ist die Last der Kirche Jesu Christi: In dieser Welt zu sein, aber nicht von dieser Welt; als Gemeinschaft in der Welt ein entweltlichtes Leben zu führen. Und es hängt für sie alles davon ab, dass sie ohne jede rein menschliche, rein weltliche Sicherung sein muss; dass sie gerade dann ihre Sicherheit findet in Gott.

Die Kirche als die Gemeinschaft der Glaubenden kann aber der Gefahr, der Welt zu verfallen, nur dann entgehen, wenn sie sich an Gott, an Jesus Christus anbindet; wenn sie sich an den bindet, der nicht mehr zu dieser Welt gehört. Die Gewähr, die Hilfe aber dafür, dass sie sich rein hält von aller Verfallenheit an die Welt, ist das Offenbarungswort Jesu. In keiner Weise darf die Kirche sich durch das Unverständnis, ja durch den Hass der Welt dazu verführen lassen, ihrer Sendung untreu zu werden. Ausgegrenzt aus der Welt soll die Kirche, soll die Gemeinschaft der Glaubenden als "heilige Gemeinschaft" in der Welt stehen. Die Kirche darf sich nie mit der "profanen" Welt arrangieren. Der Spott, die Verhöhnung und der Hass, die den Glaubenden, die der Kirche begegnen, sind also kein Zeichen, dass sie auf dem falschen Weg sind; sie sind vielmehr Erkennungszeichen des richtigen Weges. Der Beifall der Welt gilt immer nur dem eigenen Denken, dem eigenen Weg. Der Beifall der Welt wird nie dem Offenbarungswort, der Frohbotschaft Jesu zuteil werden können. Das muss in aller Deutlichkeit denen gesagt werden, die um den Beifall der Welt buhlen, auch in der Kirche.

Hier endet der Text unseres Evangeliums, gleichsam mitten im angefangenen Satz. Aber auch so wird - so meine ich - deutlich, worum es geht, worauf es für uns Christen ankommt. Auch für uns, die wir zur Gemeinschaft der Kirche gehören, gehören wollen, gilt: als Glaubende sollen wir uns bestimmen lassen von Gott; wir dürfen uns in keiner Weise bestimmen lassen vom Gesetz, vom Denken dieser Welt. Als Glaubende gehören wir zu einer Gemeinschaft, die durch nichts anderes begründet ist als durch den Glauben; durch einen Glauben, der in Jesus von Nazareth Gott selbst zu erkennen vermag; die sich für ihn als Fundament des Lebens entschieden haben. Auch für uns gilt: Ausgegrenzt aus der Welt sollen wir als "heilige Gemeinschaft", als Kirche Jesu Christi in der Welt stehen. Wir dürfen unser Vertrauen nicht auf die Welt und ihr Gesetz setzen, sondern nur auf Gott, bei dem die Fülle des Lebens ist. Bitten wir in dieser Eucharistiefeier, da wir der Nähe und der Liebe unseres Herrn gedenken und sein Offenbarungswort, seine Frohbotschaft hören, dass wir immer mehr Glaubende und Vertrauende werden.

 

Pfingsten: "Wider den Un-Geist"

Einführung

Das Pfingstfest ist die Frucht von Ostern, die Bestätigung der Auferweckung Jesu von den Toten und seiner Erhöhung in die Herrlichkeit des Vaters. Pfingsten ist zugleich das Fest, das uns die bleibende Gegenwart des Herrn ins Gedächtnis ruft bei denen, die an ihn glauben; die zu seiner Kirche gehören: der Gottesgeist, den Jesus den Glaubenden verheißt und schenkt, ist der Geist der Wahrheit, der uns befreit von den Mächten des Diesseits, vom Un-Geist in dieser Welt, der oft mit Händen zu greifen ist. Darum rufen wir voll Vertrauen zu unserem Herrn:

    Herr Jesus Christus, du hast vor deinem Leiden deinen Jüngern den Heiligen Geist verheißen
    - Herr, erbarme dich!
    Dein Heiliger Geist wurde den Aposteln geschenkt, die mit deiner Mutter Maria im Gebet versammelt waren
    - Christus, erbarme dich!
    Dein Heiliger Geist hat die Apostel ermutigt, Zeugen deiner Herrlichkeit zu sein
    - Herr, erbarme dich!
    Es erbarme sich unser der allmächtige Gott! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Herr Jesus Christus, du hast uns den Gottesgeist versprochen, und du willst uns mit den Gaben deines Heiligen Geistes überreich beschenken. Darum rufen wir voll Vertrauen zu dir:

  • Erfülle unseren Papst, die Bischöfe und alle, die in der Kirche Verantwortung tragen, mit dem Geist der Weisheit!
  • Gieße allen Gläubigen den Geist der Liebe ein, der sie mit dir und untereinander verbindet!
  • Führe zur Einheit zusammen, die im Glauben voneinander getrennt sind!
  • Bewahre uns vor dem Un-Geist der Welt, und gib, dass wir uns vom Geist Gottes leiten lassen!
  • Heile durch deinen Geist die Wunden des Unfriedens und des Hasses!

Herr Jesus Christus, du hast uns nicht ohne den Beistand des Gottesgeistes zurückgelassen. Dich loben und preisen wir mit dem Vater und dem Heiligen Geist jetzt und in Ewigkeit. Amen.

Predigt

Nicht erst die sinnlosen Kriege und das Abschlachten von unschuldigen Menschen weisen darauf hin, dass unsere Welt von allen guten Geistern verlassen zu sein scheint. Vom Gottesgeist, um den wir in diesen Tagen vor Pfingsten beten und dem wir uns öffnen sollen, ist anscheinend wenig zu spüren. Ja, werden wir nicht selbst vom "Un-Geist" getrieben? In welcher Weise wir selber gefährdet sind, uns vom "Un-Geist" bestimmen zu lassen, und wie wir uns dem Gottesgeist öffnen sollen: vielleicht hilft uns bei dieser Besinnung ein Text von Wilhelm Willms, den Sie vielleicht kennen:

Als Hitler für das deutsche Volk oben war,
da konnte auch nur der Geist dieses Mannes
auf das deutsche Volk herabkommen.

Wenn der Mammon oberstes Prinzip ist,
dann kann auch nur der Geist
des Mammons auf uns herabkommen.

Sehen wir also zu,
was über uns ist,
was für uns oben ist,
wer für uns oben ist.

Denn was oben ist,
kommt auch als Geist
auf uns herab.

Was ist, was soll für uns "oben" sein? Wer soll für uns "oben" sein, um als "Geist" auf uns herabzukommen? Das Neue Testament gibt uns da einige Hinweise - wir haben es soeben im Evangelium gehört.

Ein erster Hinweis: Der Geist Gottes ist der "Geist der Wahrheit": "Wenn der Tröster kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in alle Wahrheit einführen." (Joh. 16, 13) Der Gottesgeist bewirkt, dass wir eine neue Sicht der Realitäten der Welt und des eigenen Lebens bekommen, und zwar in dem Sinn, dass wir von Gott her die "Welt" und ihr "Gesetz" erkennen und uns nicht von diesem "Gesetz" bestimmen lassen. Das "Gesetz der Welt" besteht aber darin, nicht mit Gott als einer, nicht mit Gott als der entscheidenden "Größe" zu rechnen; nur sich selbst zu kennen und zu kultivieren. Das Gesetz der Welt ist das Gesetz der Macht und des Marktes, das Gesetz des Stärkeren, das Gesetz des Geldes, des Mammons. Wer nicht von Gott her denkt, der verfällt der Welt und ihrem Geist; der wird ihr Diener, er wird ihr Sklave; er wird schließlich auch ihr Opfer - ein Blick in unsere Welt verdeutlicht dies in erschreckender Weise. Von welchem Geist sind wir (in unserem Leben, in unserem Tun) geleitet und getrieben? Was ist für uns "oben"? Lassen wir uns vom Geist der Selbstsucht und Ehrsucht, vom Geist der Macht und des Geldes bestimmen? Auch in einer Ordensgemeinschaft kann man zum Egoisten, zum Materialisten verkommen! Oder lassen wir uns leiten vom Geist der Hingabe, vom Geist der Liebe und Brüderlichkeit, vom Geist der Ehrfurcht vor aller Kreatur Gottes?

Ein zweiter Hinweis dafür, was und wer für uns "oben" sein soll: "Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit." (2. Kor. 3, 17) Als Christen sind wir zur Freiheit von den innerweltlichen Mächten gerufen. Diese christliche Freiheit bedeutet also nicht eine Bindungslosigkeit. Wollten wir alle Bindungen, in denen wir leben, durchschneiden, so würden wir in die unduldsamste Tyrannei geraten, die es gibt: in das Eingeschlossensein in uns selbst, in das Verfallensein an uns selbst. Die Sklaverei des Egoismus zerstört den Menschen und seine Freiheit am grausamsten. Die Freiheit der Kinder Gottes, von der der heilige Paulus immer wieder spricht, sieht zunächst aber nicht sehr einladend aus. Um frei zu sein, muss man sich binden lassen; muss man sich in einen Dienst begeben - in den Dienst Gottes und, von ihm ermächtigt, in den Dienst der Menschen. Christliche Freiheit meint ein Leben aus der lebendigen Bindung an Gott, der uns in Jesus Christus zur Freiheit gerufen hat. Sie meint nicht die äußerliche, die sklavenhafte Beobachtung des Buchstabens. Hier gilt: "Der Buchstabe tötet, der Geist hingegen macht lebendig." (2. Kor. 3, 6) Die vom Gottesgeist geschenkte Freiheit meint auch nicht die Angst und die Furcht vor einem Gott, den wir durch unser Tun nie zufrieden stellen können; sondern meint die Liebe, die Zuversicht und das frohe Vertrauen auf seine Güte: Er lässt uns nie fallen! Und gerade in unserem Einsatz, in unserem Dasein für den geschundenen Menschen heute vermitteln wir die Erfahrung, dass Gottes Geist in dieser Welt wirkt, und zwar auch dann, wenn sie von allen guten Geistern verlassen zu sein scheint.

Ein letzter Hinweis: Eine Voraussetzung, ja die entscheidende Voraussetzung für das Kommen und für das Bleiben des Gottesgeistes dürfen wir nicht außer acht lassen. Gottes Heiliger Geist kam am ersten Pfingsttag auf Beter herab. Betenden Menschen wurde er zuteil als die Gabe, als das Geschenk des in die Herrlichkeit Gottes erhöhten Christus: "Ich lasse euch nicht als Waisen zurück." (Joh. 14, 18) Gottes Geist ist der Geist der unverdienten und unverdienbaren Gnade. Ihn zwingen nicht unsere Taten herab. Er ist und bleibt das freie Geschenk von oben. Er würde von uns weichen, wenn wir ihn als unser Recht an uns reißen wollten. Wo wir aber vertrauen, ohne uns auf etwas zu berufen, was in uns und aus uns selbst ist, da beten wir um den Gottesgeist. Und dem so Betenden teilt er sich mit - nicht weil wir gut sind, sondern weil er gut ist; weil er die Liebe ist. Vielleicht ist uns Gottes Geist gerade deswegen fremd geworden, weil wir nicht mehr, weil wir zu wenig betende Menschen sind; weil wir nur noch Aktivisten, Funktionäre, Berufskatholiken sind, die meinen, das Entscheidende des menschlichen Lebens sei leistbar und erreichbar. Diesem Un-Geist, diesem Irr-Glauben müssen wir abschwören. Nur dem betenden Menschen wird die Gewissheit zuteil: Gott hat uns geliebt in Jesus Christus. Er lässt uns nie fallen. Er lässt niemand fallen. Er bleibt bei uns mit seinem Geist; und er bewirkt die stets neue, die immer notwendige Umkehr - weg vom Geist dieser Welt hin zum Denken Gottes. Und er ermutigt uns, er ermächtigt uns zum Dienst in dieser Welt, zum Dienst für die Menschen.

 

Hl. Dreifaltigkeit: "Der dreifaltige Gott"

Einführung

Der heutige Tag konfrontiert uns mit einer Wirklichkeit, die sich unserem Begreifen entzieht. Ein Gott, den wir Menschen begreifen könnten, wäre ja nur ein Götze; wäre nur die Ausgeburt unseres menschlichen Geistes. Gott können wir nicht "begreifen", in den Griff bekommen. Wir können nur warten, dass er uns gleichsam einen Blick tun lässt in sein Innerstes, in sein Herz. Als Christen sind wir davon überzeugt, dass Gott dies getan hat in Jesus Christus. Jesus Christus hat uns Gott geoffenbart als seinen Vater, der ihn in dieses Welt gesandt hat; und der uns den Gottesgeist schenkt und so bei uns bleibt. Zu ihm, unserem Herrn Jesus Christus, wollen wir darum voll Vertrauen rufen:

    Herr Jesus Christus, du hast uns die Liebe Gottes, des Vaters, geoffenbart
    - Herr, erbarme dich!
    Durch dein Leiden hast du uns das Leben geschenkt
    - Christus, erbarme dich!
    Du bleibst bei uns im Heiligen Geist, den du uns gesandt hast
    - Herr, erbarme dich!

    Es erbarme sich unser der allmächtige Gott! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Gott, unser Vater, du hast deinen Sohn in diese Welt gesandt, damit wir das Heil erlangen. Im Heiligen Geist führst du durch die Zeiten dieses Werk der Heiligung weiter. Zu dir rufen wir:

  • Für die Kirche, die du berufen hast, deine Botschaft zu verkünden: dass die Menschen auf ihr Wort hören und zum Glauben finden!
  • Für die Christen in aller Welt, die der Glaube an den dreifaltigen Gott verbindet: führe sie zur Einheit zusammen!
  • Für alle, die nicht mehr an dich glauben: führe sie auf den Weg zu dir zurück!
  • Für unsere Verstorbenen: führe sie zur Vollendung und schenke ihnen Gemeinschaft mit dir!

Gott und Vater, du liebst uns und bist uns nahe. Das hast du uns gezeigt in deinem Sohn Jesus Christus und im Heiligen Geist, den du uns gesandt hast. Dir sei Lob und Dank in Ewigkeit! Amen.

Predigt

Einer der Vorwürfe, denen der christliche Glaube, denen wir Christen begegnen, lautet so: Ihr Christen überwindet den menschlichen Egoismus, die Wurzel allen Unglücks in der Welt, nicht total und in ihrer letzten Wurzel - und zwar deswegen, weil ihr Christen seid. Denn die Selbstlosigkeit, die ihr predigt, ist doch immer nur vorläufig; sie macht Vorbehalte, sichert sich Reservate. Im letzten nehmt ihr euch, euer eigenes Ich, eure eigene Person doch sehr wichtig. In der Tat, der Gedanke, unser Ich könnte einmal für immer ausgelöscht werden (wie manche Weltanschauungen und Religionen behaupten), oder wir könnten das Ziel unseres Lebens darin finden, in einer All-Einheit wie ein Tropfen Wasser im Meer aufzugehen, dieser Gedanke ist für uns Christen nicht vollziehbar. Als Christen glauben wir daran, dass wir einmal in der Liebe Gottes für immer aufgehoben und bewahrt sind. Wir können keine Welt als sinnvoll ansehen, in der wir nicht mit allem, was wir sind, für immer bleiben.

Genau diese christliche Auffassung, diese Glaubensüberzeugung ist das Ziel des Vorwurfs, dem Christen sei eigentlich eine vollkommene Selbstlosigkeit nicht möglich. Wahre Selbstlosigkeit bleibe vielmehr dem vorbehalten, der nicht an die Ewigkeit der individuellen Existenz glaubt - wie dies z. B. im Buddhismus oder in den verschiedenen Spielarten des Atheismus der Fall ist. Denn - so wird uns vorgehalten - bei jeder noch so selbstlosen Tat glaubt der Christ, dass sie letzten Endes doch auch ihm selbst und seinem endgültigen Heil zugute kommt. Ihr Christen schielt doch wenigstens mit einem Auge auf euer ewiges Heil; was ihr einmal bekommen werdet! Diesem Vorwurf dürfen wir nicht schamhaft ausweichen. Wir müssen eine Antwort geben. Wir Christen sind tatsächlich in einem bestimmten Sinn unverbesserliche Egozentriker, d. h. Menschen, die sich selbst und diese Welt schrecklich wichtig nehmen; denen es einfach nicht möglich ist, ihr eigenes Sein total preiszugeben; ja, die das, selbst wenn sie es könnten, nicht einmal dürfen. Für uns Christen kann der Eigenstand, die Selbst-Behauptung, die Individualität nicht die Ursünde oder gar der Konstruktionsfehler der Schöpfung sein (wie vielleicht für manche fernöstliche Religionen). Wir beanspruchen für unser kleines Ich Ewigkeit. Wir können uns in keiner Weise damit abfinden, dass dieses Ich jemals aufhört oder untergeht. Denn - und da liegt der entscheidende Unterschied: für uns Christen hat nicht nur die Einheit einen unbedingten Wert; auch die Vielheit, auch das einzelne und vor allem der einzelne sind für uns unbedingt wichtig.

Dass dem so ist, das liegt an dem Gott, an den wir glauben. Wenn für uns der einzelne absolut wichtig ist, und wenn unser Ziel nicht darin bestehen kann, wieder in unserer Individualität ausgelöscht zu werden und in eine bewusstlose All-Einheit zurückzukehren, dann deshalb, weil Gott selber nicht diese starre Einheit ist; weil in Gott höchste Einheit die Verschiedenheit der Personen besagt; weil Gott nur Gott ist im Gegenüber; besser: im Miteinander von Vater und Sohn im Heiligen Geist; weil Gott die Liebe ist - die Liebe, die (wenn sie wahr und echt ist) nicht darin besteht, dass Ich und Du miteinander verschmelzen, ineinander aufgehen und ihren Eigenstand verlieren, sondern gerade in der Vereinigung bestehen bleiben. Darum bedeutet für uns auch, zu Gott zurückzukehren: ewig leben, und zwar im Gegenüber, ja im Miteinander mit Gott.

Der Glaube an den dreifaltigen Gott ist also die Antwort auf die Frage, warum für uns Christen der einzelne Mensch, die einzelne Person so wichtig ist. Denn dieser Glaube sagt uns: Gott ist für uns nicht das Meer, in dem einmal unser Ich wie ein Wassertropfen versinkt. Gott ist nicht der Strudel, der alles in sich hineinzieht; er ist nicht der ewige Mutterschoß, in den alles wieder zurückkehrt. Er ist vielmehr der Vater, der uns in das persönliche Gegenüber zu seinem Sohn hineinnimmt und uns in seinem Sohn mit unserem eigenen Namen anspricht. Darum kann Gott auch seine Schöpfung und uns Menschen so ungeheuer wichtig nehmen: "So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn für sie hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern das ewige Leben hat." (Joh. 3, 16) Ein solches Wort entspringt entweder einer absurden Selbstüberschätzung des Menschen - oder darin wird sichtbar die von Gott geschenkte Möglichkeit, uns und unsere Welt und den Menschen so wichtig nehmen zu dürfen, weil Gott selbst die Welt und den Menschen so wichtig nimmt, und zwar hier und heute. Gott nimmt den Menschen, jeden Menschen ernst, todernst.

Das ist der tiefste Grund, warum wir als Christen nicht glauben können, dass die letzte Wirklichkeit für uns, dass unsere "Ewigkeit" in der Auslöschung unserer Person, in der Rückkehr in eine All-Einheit besteht. Das ist der Grund, warum wir an die Ewigkeit der Ich-Du-Beziehung glauben, weil wir uns hineingenommen wissen in das Gegenüber, in das Miteinander von Vater und Sohn im Heiligen Geist. Der Vater hat uns in seinem Sohn mit unserem eigenen Namen gerufen, und zwar ein für allemal. Und darum bleiben wir in Ewigkeit. Darum können und müssen wir auch uns selbst unbedingt wichtig nehmen. Darum ist für uns Christen auch nicht die "Selbstlosigkeit" das eigentliche und letzte Ideal, sondern das biblische Wort: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!" Dieses Gebot besagt nicht ein Höherstehen, sondern das Miteinander, die Verbundenheit untereinander.

Ist aber nicht doch eine Hingabe, ist nicht doch der Einsatz ohne jede Hoffnung auf Selbstvollendung heroischer als das christliche Ideal? Ist nicht doch das Morgen - auch wenn ich es nicht erlebe - besser als das Heute? Vielleicht ist es tatsächlich so. Vielleicht wird der Einsatz und die Hingabe dort, wo sie uns begegnen, beschämen. Ob dieser Einsatz, ob diese Hingabe aber damit auch menschlicher ist, das ist eine andere Frage. Denn warum sollte der andere, warum sollte der Mitmensch so unbedingt wichtig sein, wenn ich es selber nicht bin? Wieso ist das Glück der kommenden Generationen ein so unbedingter, ja absoluter Wert, dass jetzt die Menschen dafür ihr Leben und Glück opfern, dass jetzt Menschen dafür geopfert werden, zumal niemand später unseren Einsatz honoriert, zur Kenntnis nimmt? Auch von hier wird uns wieder deutlich: der Glaube an den dreifaltigen Gott hat im letzten etwas zu tun mit dem Glauben an das ewige Leben, und deswegen mit dem uneingeschränkten Ja zum Leben und zur Schöpfung. Nur der dreifaltige Gott, der selber die Liebe ist, die nicht aufsaugt, sondern den anderen in seinem Eigensein will, nur dieser Gott der Liebe kann in Wahrheit Ja sagen zu seiner Schöpfung, zu mir, zu jedem von uns. Nur er ist der Gott, der gerade dadurch groß ist, dass er jeden von uns groß sein lässt, der Gott der Auferstehung und des ewigen Lebens. Diese Glaubensgewissheit sollte uns prägen. Sie vermag Freude und Zuversicht zu geben - hier und heute schon; sie vertröstet mich nicht erst auf ein besseres Morgen, das wir selber nicht mehr erleben. Mit dieser Glaubensgewissheit können wir leben im Heute und für heute.

 

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