Lesejahr A
Fastenzeit

1. Fastensonntag

2. Fastensonntag

3. Fastensonntag

4. Fastensonntag

5. Fastensonntag

Palmsonntag

Gründonnerstag

 

 

1. Fastensonntag: "Auf dem Prüfstand"

Einführung

Die österliche Bußzeit, die am Aschermittwoch begonnen hat, stellt uns vor die Frage, was für uns im Leben wichtig ist. Ist es nur das tägliche Brot? Ist es die Genugtuung, beachtet und bewundert zu werden? Ist es der Einfluss und die Macht, die wir ausüben? Im Evangelium hören wir das Wort Jesu: "Nicht nur von Brot lebt der Mensch, sondern von jedem Wort aus Gottes Mund." Gründen wir in diesem Wort? Gründen wir in dem, der dieses Wort gesprochen hat? Besinnen wir uns zu Beginn dieser Eucharistiefeier heute am ersten Fastensonntag. Und bitten wir um Vergebung für allen Unglauben, für alles Abweichen von seinem Wort.

    Herr Jesus Christus, du sagst uns: Nicht nur von Brot lebt der Mensch
    - Herr, erbarme dich!
    Du sagst uns: Vor dem Herrn, deinem Gott, sollst du dich niederwerfen und ihm allein dienen
    - Christus, erbarme dich!
    Du sagst uns: Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen
    - Herr, erbarme dich!

Es erbarme sich unser der allmächtige Gott! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Lasset uns beten zu unserem Herrn Jesus Christus, der sich uns geoffenbart hat als Gottes Sohn, und der uns aufruft, ihm und seinem Wort im Glauben nachzufolgen.

  • Du hast vierzig Tage in der Wüste gefastet und den Versuchungen des Bösen widerstanden: hilf deiner Kirche, das Böse zu überwinden!
  • Du hast Hungernde gespeist und Kranke geheilt: mach uns bereit, den Armen und Notleidenden zu helfen!
  • Du hast Tote zum Leben auferweckt: Führe die Sünder zurück zum Leben der Gnade!
  • Du rufst auch in unserer Zeit Männer und Frauen in deinen Dienst: Gib, dass sie deinem Ruf bereitwillig Folge leisten!
  • Du hast alle Menschen zum himmlischen Mahl geladen: erfülle unsere Verstorbenen mit deiner Liebe!

Mit diesen Bitten kommen wir zu dir, unserem Herrn und Heiland. Erhöre, um was wir dich bitten, der du lebst und herrschst in Ewigkeit. Amen.

Predigt

Die Erzählung von der Versuchung Jesu durch den Teufel ist uns allen bekannt. Anscheinend wissen wir auch alle, was sie zu bedeuten hat. Doch ist es gut, dass wir immer neu die Begebenheiten aus dem Leben Jesu, die uns in den Evangelien berichtet werden, bedenken. Gerade die Versuchungs-Geschichte ist da besonders geeignet, diesen Prozess des Bedenkens fruchtbar zu machen. Sie fragt uns nämlich, ob wir uns gleichsam als neutrale Beobachter im Sessel zurücklehnen können, oder ob in dieser Geschichte etwas zutage tritt, was auch uns betrifft; was auf uns zutrifft; was wir uns hinter die Ohren schreiben müssen.

Schon das Wort "versuchen" enthält etwas Überraschendes, das zum Verstehen unserer Geschichte wichtig ist. In der deutschen Sprache besteht zwischen den Wörtern "Versuchung" und "Versuch" ein großer Unterschied. Das Wort "Versuchung" meint immer eine Verführung zum Bösen, meint einen Anreiz zum Verbotenen. Dagegen bezeichnet das Wort "Versuch" ein Experiment, einen Test; es besagt eine Prüfung. Unser Tätigkeitswort "versuchen" kann beides bedeuten: jemand zum Bösen verlocken und etwas ausprobieren. Beim Bemühen des Teufels handelt es sich zunächst nicht darum, Jesus zu verführen, damit er den Willen Gottes übertritt. Dabei bliebe die zweite Bedeutung unberücksichtigt: die Bedeutung "etwas ausprobieren" - obwohl gerade diese Bedeutung zum Verständnis entscheidend ist. Der Teufel will nämlich herausfinden, ob Jesus wirklich der Sohn Gottes ist; ob der durch die Himmelsstimme bei seiner Taufe am Jordan erhobene Anspruch "Dieser ist mein geliebter Sohn!" der Wahrheit entspricht. Im Grunde tut also der Teufel nichts anderes, als was später die Juden und noch später sogar die Christen getan haben: ja, was wir alle immer noch tun: der Teufel verlangt von Jesus, die Juden verlangen, wir verlangen von ihm einen überzeugenden Beweis, dass er wirklich Gottes Sohn ist. Gewiss, das allein wäre noch nichts Verwerfliches; denn der Glaube muss immer nach Gründen fragen, wenn er nicht blind sein soll. Die Frage ist nur, auf welche Weise und mit welchen Methoden man feststellen kann, ob Jesus wirklich der Sohn Gottes ist. Die Methode des Teufels, die Methode der Juden, unsere Methode jedenfalls ist falsch; sie ist unangemessen.

Denn lässt Gott sich überhaupt einem "Experiment" unterwerfen? Gilt da nicht das Verbot: "Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen!" Übrigens steht im griechischen Text ein Wort, das als Fremdwort in die deutsche Sprache Eingang gefunden hat: "experimentieren". Man muss also eigentlich übersetzen: "Du sollst mit Gott, deinem Herrn, kein Experiment anstellen!" Gerade das aber ist es, was der Teufel vorhat. Der Teufel sagt sich: Wenn dieser Jesus wirklich Gottes Sohn ist, dann muss er große Wundertaten wirken können; dann besitzt er Macht; dann vermag er Steine in Brot zu verwandeln; dann ist er nicht den Gesetzen der Schwerkraft unterworfen. Denken wir nicht genau so? Sind wir nicht geneigt, den Überlegungen des Teufels recht zu geben? Haben nicht auch wir die Vorstellung, dass Jesus seine Gottessohnschaft durch gewaltige Wunder, durch Taten göttlicher Allmacht unter Beweis stellen könne, unter Beweis stellen müsse? Sind die Maßstäbe, mit denen der Teufel die Gottessohnschaft Jesu experimentell feststellen will, nicht auch für uns gültig? Aber Gott und sein Sohn weigern sich, nach derartigen Methoden untersucht, auf die Probe gestellt zu werden.

Jesus beantwortet das Ansinnen des Teufels, er solle Steine zu Brot verwandeln, mit einem Zitat aus dem Alten Testament: "Der Mensch lebt nicht nur von Brot, sondern von jedem Wort, das aus dem Mund Gottes hervorgeht." (Dt. 8, 3) Auch im Buch Deuteronomium geht es um eine "Versuchung"; geht es um eine "Probe". Aber da ist es nicht der Teufel, sondern Gott selbst, der mit dem Volk Israel ein Experiment anstellt. Mose sagt zum Volk Israel: "Vierzig Jahre lang hat dich der Herr, dein Gott, in der Wüste geführt, um dich... zu erproben, auf dass er erkenne, wie du gesinnt bist: ob du seine Gebote halten wirst oder nicht." (Dt. 8, 2) Das Wort, das aus dem Mund Gottes hervorgeht und Leben schenkt, ist das Gesetz des Mose. An der treuen Beobachtung dieses Gesetzes "erkennt" Gott, ob Israel wirklich sein Volk, sein "Sohn" ist. Auch für Jesus, für den Sohn Gottes im eigentlichen Sinn, gilt kein anderer Maßstab als der Gehorsam gegenüber dem lebenspendenden Wort Gottes. Jesus hat aber nicht nur das Gesetz des Mose erfüllt; er hat es in entscheidenden Punkten noch überboten, wie uns die Bergpredigt zeigt. Die wahre Gottessohnschaft Jesu erweist sich daran, dass seine Worte den Willen Gottes in einer letztmöglichen Weise kundtun, und dass er diesen Willen Gottes erfüllt. Die Erfüllung des Willens Gottes zeigt: Jesus ist der Sohn Gottes.

Woran kann man erkennen, dass Jesu Worte den Willen Gottes den Menschen und damit auch uns kundtun? Auch darauf gibt das von Jesus verwendete Wort aus der heiligen Schrift eine Antwort: Die aus dem Mund Gottes hervorgehenden Worte sind für den Menschen, sie sind für uns so lebenswichtig wie das tägliche Brot. Und wer diese Worte "tut, der wird durch sie leben", wie Jesus einmal sagt (Lk. 10, 28). Es gibt also durchaus eine Möglichkeit, den Anspruch Jesu zu überprüfen, ob er wirklich Gottes Sohn ist. Aber dieses "Experiment" unterwirft nicht Gott oder Jesus den von Menschen gestellten Bedingungen, sondern der Mensch, wir alle müssen Jesu Weisungen an uns selbst ausprobieren, um festzustellen, dass uns so und nur so das Leben geschenkt wird. Natürlich ist dieses "Ausprobieren" am eigenen Leib mühsam und langwierig; "Selbstversuche" sind nicht nach unserem Geschmack; sie sind immer riskant. Auch der Teufel wollte schneller und einfacher, er wollte vor allem ohne jegliches persönliche Risiko und Engagement herausbekommen, wer Jesus wirklich ist. Jesus hat ihm diesen Gefallen nicht getan; und er nimmt auch uns nicht dieses mühsame, dieses anstrengende und leidvolle Experiment ab. Dieses Experiment, dem wir uns unterziehen müssen, heißt "glauben" - ein Ausdruck, der leider Gottes seine praktische, d. h. seine auf das Tun des Gotteswortes bezogene Bedeutung fast verloren hat. "Glaube" besagt nicht nur das Annehmen von bestimmten Glaubenssätzen. "Glaube besagt das Tun des Willens Gottes. "Glaube" besagt: sein Herz verschenken - an den Herrn!

Unsere Geschichte enthält noch einen dritten Gesprächsgang. Da wird Jesus direkt zum Abfall von Gott und zur Anbetung Satans aufgefordert. Als "Lohn" verspricht der Versucher Jesus die Herrschaft über die Welt. Hier geht es tatsächlich um eine Verlockung zum Bösen. Aber das Böse liegt eigentlich nicht in der Herrschaft über die Königreiche der Erde, sondern in der Art und Weise, wie Jesus zu dieser Machtstellung gelangen soll, die Gott für ihn bestimmt hat. Jesus erlangt diese Machtstellung nicht durch die Anpassung an die Mächte der Welt, an den Fürsten dieser Welt; auch nicht durch Gewalt und Terror, durch Lüge und Zwang; sondern durch das Tun des Willens Gottes; durch sein unbedingtes und vorbehaltloses Dasein für die Menschen; durch sein Sterben am Kreuz: "Um seines Todesleidens willen ist er mit Hoheit und Ehre gekrönt worden." (Hebr. 2, 9) Der Weg, den Jesus gewählt hat, war gefährlich und - menschlich gesprochen - aussichtslos. Und auch er musste um innere Klarheit und Festigkeit ringen. Er wurde ja, wie der Hebräerbrief sagt, "in allem auf gleiche Weise versucht (wie wir, doch) ohne zu sündigen" (Hebr. 4, 15). Dieses Ringen um Klarheit war auch notwendig angesichts der wohlmeinenden Ratschläge seiner Angehörigen und sogar seiner Jünger, nicht zuletzt durch die Drohungen seiner Feinde: "Wenn du der Messias bist, dann musst du dich anders verhalten!" Jesus aber hat sich auf seinem Weg nicht beirren lassen; seine Entscheidung für den Weg Gottes war endgültig und kompromisslos: "Hinweg, Satan! Es steht geschrieben: Vor dem Herrn, deinem Gott, sollst du dich niederwerfen und ihm allein dienen!" Die gleiche Abfuhr wird Petrus erfahren: "Hinweg, fort von mir, Satan! Ein Skandal bist zu für mich; denn du sinnst nicht auf das, was Gottes ist, sondern auf das, was des Menschen ist." Für Jesus ist sein Weg vorgezeichnet: "Siehe, ich komme. Deinen Willen zu tun, ist mir Freude." Jesu Speise ist es, den Willen Gottes zu erfüllen.

Vielleicht ist Ihnen bewusst geworden, dass die Versuchungs-Erzählung nicht nur eine merkwürdige Begebenheit zwischen Jesus und dem Teufel darstellt, bei der wir gleichsam als neutrale Zuschauer dabei sein können. Wir stecken viel tiefer in dieser Sache drin, als wir wahrhaben wollen. In uns allen stecken die Gedanken Satans. Ja, wir sind Mit-Akteure in diesem Geschehen. Aber auch uns steht es nicht zu, Gott und Jesus auf die Probe zu stellen; ein Experiment mit ihnen anzustellen. In dieser Erzählung wird unser Denken ebenso entlarvt wie das Denken Satans; wir sind also die Gefragten. Wir sind gefragt, ob wir bereit sind zum Glauben; ob wir bereit sind, diesen Glauben unter Beweis zu stellen durch das Tun des Willens Gottes. Auch wir leben von diesem Wort, das aus Gottes Mund hervorgeht.

 

2. Fastensonntag: "Auf dem Berg der Verklärung"

Einführung

Vom heutigen Evangelium, der Verklärung des Herrn auf dem Berg, geht ein Licht aus, das uns die österliche Bußzeit besser verstehen lässt. Aller Verzicht, jegliches Opfer, zu dem der Christ bereit sein soll, gründet letztlich in einer frohmachenden Wirklichkeit. Nicht die Negation ist das Erste und Letzte unseres Christseins, sondern die Hinwendung zu etwas Schönem und Gutem, zu dem Guten schlechthin, zu Gott, der sich uns geoffenbart hat in Jesus Christus. Wir wollen uns wieder darauf besinnen, dass wir einem guten Herrn dienen, der uns begeistern kann; und wir wollen ihn bitten, der uns in seiner Nachfolge gerufen hat, Nachsicht und Erbarmen mit unseren Schwächen und Sünden zu haben.

    Herr Jesus Christus, du hast den Jüngern auf dem Berg deine Herrlichkeit geoffenbart
    - Herr, erbarme dich!
    Du hast dich ihnen geoffenbart als das Licht und das Heil der Welt
    - Christus, erbarme dich!
    Du hast auch uns berufen zur Herrlichkeit des neuen Lebens mit dir
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Lasset uns beten zu unserem Herrn Jesus Christus, der seine Herrlichkeit den Jüngern geoffenbart und sie in deiner Nachfolge bestärkt hat:

  • Du nahmst deine Jünger mit auf den Berg um zu beten: schenke uns im Gebet die Kraft, für dein Reich zu wirken!
  • Du wurdest vor den Augen deiner Jünger verklärt: lass uns nie vergessen, dass du auch uns zur Seligkeit bei dir berufen hast!
  • Mose und Elia sprachen mit dir über dein Leiden und Sterben: schenke uns Mut auf unserem Lebensweg, auch wenn Kreuz und Leid uns begegnen!
  • Eine Stimme vom Himmel offenbarte dich als Gottes auserwählten Sohn: festige unseren Glauben an dich, unseren Herrn und Erlöser!
  • Du willst, dass alle einmal dich in deiner Herrlichkeit schauen: schenke unseren Verstorbenen Leben und Freude in Fülle!

Herr Jesus Christus, du hast uns einen Blick tun lassen in deine göttliche Herrlichkeit. In dir ist Licht, Erlösung und Heil. Auf dich schauen wir. Dich preisen wir jetzt und alle Tage unseres Lebens. Amen.

Predigt

Die Rede vom Verzicht von Opfer und Kreuz ist nicht nach unserem Geschmack. Wir haben keine natürliche Hinneigung zu diesen Gegebenheiten. Ja, wir versuchen, sie als das unbedingt zu Vermeidende aus unserem Leben auszuschalten oder zu verdrängen. Trotzdem: dieses Unerwünschte kennzeichnet unser Leben. Ja, wir Christen meinen sogar, dass dieses Unerwünschte mit einer gewissen Notwendigkeit zu unserem Leben dazugehört; dass es gleichsam das "Wasserzeichen" der Echtheit ist, in dem unsere innere Verbundenheit mit Gott, mit Jesus Christus zum Ausdruck kommt. Wir bekennen damit aber auch, dass wir uns in unserem Verhalten und in unseren inneren Wünschen nicht gegen diese Gegebenheit unseres Christseins auflehnen dürfen. Paulus sagt es im Philipperbrief: Wir dürfen nicht leben "als Feinde des Kreuzes Christi". Um dieses Thema geht es auch im heutigen Abschnitt aus dem Evangelium, der von der Verklärung Jesu auf dem Berge handelt. Zu Jesus Christus und damit auch zum Christen gehört das Kreuz genauso notwendig dazu wie Verklärung und Herrlichkeit.

Die Szene der Verklärung Jesu auf dem Berge steht unmittelbar nach der ersten Leidensvorhersage Jesu und nach der Ankündigung an seine Jünger, dass auch ihr Lebensweg ein Leidensweg sein werde. Matthäus stellt klar den Zusammenhang zwischen der Leidensvorhersage und der Verklärungs-Geschichte her: "Es geschah sechs Tage danach. Da nahm Jesus Petrus, Jakobus und Johannes beiseite und führte sie auf einen hohen Berg." Auf dem Berg erleben Jesu Begleiter nach dem Schock der Leidensvorhersage die Verklärung ihres Meisters. Zu diesem Geschehen möchte ich zunächst einige Erklärungen geben, d. h. zu einigen "Bausteinen" der Erzählung. Sie waren für die Jünger, die ja Juden waren, verständlich. Wir müssen sie uns erst mühsam verständlich machen.

Die "Verwandlung des Gerechten" zu unirdischem Glanz und zu leuchtender Schönheit hat das Judentum für die Endzeit der Welt erwartet. Vom Anziehen neuer und weißer Gewänder als Bild für das Auerstehungsleben sprechen an vielen Stellen die sogenannten "Apokryphen", Schriften aus dem Umkreis des frühen Christentums. Was also für die Endzeit, für den jüngsten Tag erhofft wird, das vollzieht sich hier bei der Verklärung schon mit Jesus, so wie es sich ähnlich mit Mose und Elia ereignet. Die Herrlichkeit der Endzeit bricht also schon über Jesus herein; und damit offenbart sich Jesus vor seinen Jüngern als der "Menschensohn", als der "Messias", ohne dass die Zeit schon da ist, dass alle ihn als solchen erkennen können. Für den Juden, für die drei Jünger war also klar, was auf dem Berge geschah: Jesus offenbart sich als Messias, als Sohn Gottes, als Gott selbst.

Petrus spricht, überwältigt von dem Geschehen, davon, drei Hütten bauen zu wollen. Hütten baute man am Laubhüttenfest. An diesem Festtag erinnerten sich die Juden an die Zeit der Wüstenwanderung des Volkes Israel. Zugleich kam darin zum Ausdruck die Hoffnung auf die endgültige "Ruhe", die Gott selbst einmal seinem Volk bereiten werde. Petrus zeigt mit seiner Äußerung, dass er im Irrtum ist. Er meint ja, die endzeitliche "Ruhe" sei schon angebrochen, wo Gott und seine himmlische Welt schon auf Erden "zelten". Gewiss hat Gott in Jesus Christus sein "Zelt" schon unter uns Menschen aufgeschlagen, wie es im Johannes-Evangelium heißt; aber dies ist in seiner ganzen Tragweite noch nicht offenbar geworden. Das wird erst in der Endzeit geschehen, am "letzten Tag".

Einen dritten "Baustein" unserer Erzählung stellt die "Wolke" dar, in die die Jünger eintauchen, und aus der die Stimme des himmlischen Vaters erschallt: "Dieser ist mein geliebter Sohn!" Das erinnert an die vielen Begebenheiten des Alten und Neuen Testamentes, wo die "Wolke" eine wichtige Rolle spielt. Immer wird dabei angezeigt, dass Gott anwesend, dass er bei diesem Geschehen am Werk ist, und zwar auf verborgene, vom Menschen nicht durchschaubare Weise. So auch in unserer Erzählung. Jesus gehört - das wird gesagt - zur Welt Gottes; in ihm wirkt Gott; ja, er ist selber der Sohn Gottes. Aber dieses göttliche Wirken ist noch verborgen; es bleibt dem Erfassen und Begreifen des Menschen im letzten unzugänglich. Es bleibt für den Menschen im Dunkel der "Wolke".

Worum geht es aber in dieser Begebenheit der Verklärung Jesu? Sie ist Teil der Selbstoffenbarung Jesu und der allmählichen Erkenntnis der Jünger, dass Jesus wirklich der erwartete Messias ist, der Gesalbte Gottes, auf dem in besonderer Weise Gottes Wohlgefallen ruht. Nach Gottes Plan ist mit ihm die messianische Heilszeit angebrochen. In diesem Jesus, und zwar in dem, der unmittelbar vorher sein Leiden und Sterben angekündigt hat, erfüllen sich die Weissagungen der alttestamentlichen Propheten - Mose und Elia sprechen ja mit ihm (so erzählt der heilige Lukas in seinem Evangelium) über seinen Tod in Jerusalem. Der leidende Gottesknecht rettet so und nur so nach Gottes Plan die Menschen, die sich von Gott abgewandt hatten. Jesu Weg zur Verherrlichung bei Gott, wie sie in der Verklärung auf dem Berg vorweg genommen wird, führt durch das Tor von Leid und Kreuz.

Wenn hier aber der eigentliche Kern unserer Begebenheit liegt, dann ist verständlich, warum die drei Jünger von ihrem Erlebnis niemand erzählen sollten, ja erzählen konnten. Wer hätte ihnen diese unglaubliche Geschichte abgenommen? Diese Botschaft vom leidenden Messias, vom leidenden Gottesknecht, wurde von ihnen überhaupt noch nicht begriffen. Das mussten sie erst noch verarbeiten. Erst im Miterleben des Leidens und Sterbens Jesu, vor allem aber im Miterleben seiner Auferstehung wird ihnen der Zusammenhang klar werden - das, was der Auferstandene den Jüngern von Emmaus sagen wird: "Musste nicht der Messias dies alles leiden, um so in seine Herrlichkeit einzugehen?" (Lk. 24, 26) Jesus ist der Messias nicht deshalb, obwohl er leidet und stirbt; er ist der Messias gerade aus dem Grund, weil dies geschieht. Leid und Kreuz sind also nicht ein dummes Missgeschick, das Jesus trifft; sie sind vielmehr nach Gottes Willen der vorgezeichnete Weg Jesu in die Herrlichkeit des Vaters.

Und hier mündet die Geschichte von der Verklärung Jesu auf dem Berge in unser eigenes Leben; nicht nur die Jünger damals waren gefragt. Auch wir sind die Gefragten: Wie stellen wir uns zur Botschaft vom Leiden und Sterben Jesu, zur Botschaft vom Messias, der durch Leid und Kreuz zur Herrlichkeit gelangt? Erkennen wir diesen Weg unseres Herrn auch als unseren Lebensweg an? Ist Kreuz und Leid für uns nur das unter allen Umständen zu Vermeidende, oder sehen wir darin auch die Chance und Gelegenheit, dem ähnlich zu werden, dessen Namen wir tragen? Wenn Kreuz und Leid uns treffen, dann werden wir gewiss nicht jubeln. Dann sollten wir jedoch wissen: das spricht nicht gegen unseren Glauben; damit ist nicht gesagt, dass wir falsch liegen; dass wir auf dem falschen Dampfer sind. Das Kreuz unseres Herrn zeigt uns vielmehr, dass Gott uns liebt, und wie sehr er uns liebt; er war ganz für uns da bis in den Tod. Diese sichtbar gewordene Liebe ruft aber nach einer Antwort; sie ruft nach dem Dank des erlösten Menschen. Wir haben unser dankbares Ja zu sagen zu der Tatsache, dass wir diesem Jesus alles verdanken. Und das bedeutet, dass auch in unserem Leben das Grundgesetz seines Lebens und Leidens sichtbar wird: das Dasein für die anderen, die Liebe zu unseren Brüdern und Schwestern, und dies ohne Vorbehalt. Nur so gelangen auch wir zur Herrlichkeit bei ihm.

 

3. Fastensonntag: "Wer ist ein Heiliger?"

Einführung

Wasser ist für das Leben auf der Erde unabdingbar. Wasser ist für uns Menschen lebensnotwendig. Wasser kann aber auch Leben bedrohen; es kann alles mit sich reißen. In der Tat ist das Wasser für den Menschen Sinnbild seines Daseins zwischen Leben und Tod, zwischen Heil und Verderben. Für uns Christen ist das Wasser aber nicht nur das Symbol des Lebens. Das Wasser ist für uns auch Bild und Gleichnis unseres Verhältnisses zu Gott, dem Quell des Lebens. Im Wasser der Taufe sehen wir Christen das göttliche Geschenk des neuen Lebens der Gnade, des Lebens in Gottes Nähe. Wir wollen uns darum zu Beginn der Eucharistiefeier besinnen auf den Geber alles Guten, der uns an Wasser des Lebens führt.

    Herr Jesus Christus, du hast die Frau am Jakobsbrunnen um Wasser gebeten
    - Herr, erbarme dich!
    Du hast ihr lebendiges Wasser versprochen, das ewiges Leben schenkt
    - Christus, erbarme dich!
    Du willst auch uns das Wasser des Lebens schenken, das allen Durst stillt
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Herr Jesus Christus, du hast denen, die an dich glauben, gesagt: "Wenn einen dürstet, so komme er zu mir, und es trinke, wer an mich glaubt!" Darum kommen wir voll Vertrauen mit unseren Bitten zu dir.

  • Für unseren Papst, unsere Bischöfe und Priester: dass sie die ihnen anvertrauten Menschen hinführen zu Jesus Christus, dem Quell des Lebens!
  • Für die Verantwortlichen in Staat und Gesellschaft: dass ihr Wirken geprägt sei vom Hunger und Durst nach Gerechtigkeit für alle!
  • Für die Christen auf der weiten Welt: dass sie mit ihrem Leben das Zeugnis des Gottvertrauens geben!
  • Für unsere Verstorbenen: dass sie bei dir die Erfüllung finden, die sie im Glauben erhofft haben!

Herr Jesus Christus, mit diesen Bitten kommen wir zu dir. Du kannst uns helfen in der Not der Zeit. Du wirst unser Vertrauen auf deine Hilfe nicht enttäuschen. Amen.

Predigt

Dass das Wasser für den Menschen zu einer elementaren Bedrohung werden kann, das erleben und erfahren wir immer wieder. Die Ohnmacht des Menschen und auch der Technik den Naturgewalten gegenüber wird dann deutlich. Denn trotz allen technischen Fortschritts sind wir diesen Naturgewalten oft schutzlos ausgeliefert. Zuweilen erleben und erfahren wir jedoch nicht nur das Bedrohliche und Zerstörerische der Naturgewalt des Wassers; wir erleben und erfahren auch die Lebensnotwendigkeit des Wassers für uns. In einem heißen Sommer sehnt sich die Natur und auch der Mensch nach einer Abkühlung, nach dem lebenerhaltenden und lebenspendenden Wasser. Erst recht weiß sich der Mensch in den Trockengebieten der Erde abhängig vom Regen, der dann die Wüste buchstäblich zum Leben und Blühen erweckt. Nicht zuletzt erlebt der, der Durst hat, der am Verdürsten ist, in einer elementaren Weise, was Wasser bedeutet. Nicht die chemische Formel H 2 O erquickt den Verdürstenden; nur das köstliche Nass selbst interessiert ihn, rettet ihn, belebt ihn.

Was Dürre bedeutet, und was Durst heißt, das ist gerade dem Menschen der Bibel vertraut. Einen Brunnen zu haben, eine Quelle zu finden, ist für ihn lebensnotwendig. Es ist daher nicht verwunderlich, dass das Wasser für ihn zum Inbegriff des Lebens wird; ja, dass das Wasser für ihn zum Bild und Gleichnis wird für sein Verhältnis zu Gott: "Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so sehnt sich meine Seele nach dir, o Gott!" heißt es in einem Psalm. Das Wasser zu finden, das den Durst der Seele endgültig stillt, das unser Inneres in eine sprudelnde Quelle ewigen Lebens verwandelt, das ist die Ursehnsucht des biblischen Menschen; das erwartet er gerade von seinem Gott. Die beiden Lesungen, die wir gehört haben (aus dem Buch Exodus und dem Johannesevangelium) verdeutlichen uns, was dem Menschen der Bibel das Wasser bedeutet, und wie ihm das Wasser zum Hinweis auf Gott wird.

In der Lesung aus dem Buch Exodus hören wir vom Volk Israel, das auf seiner Wüstenwanderung den Tod des Verdürstens vor Augen hat: "Ist der Herr bei uns oder nicht?" Das ist der Schrei der Not. Das ist die Existenz-Frage. Aber die Art und Weise, wie diese Frage gestellt wird, ist eine Herausforderung an Gott; das Volk "versucht" Gott, d. h. es stellt ihn auf die Probe; es stellt ihn in Frage; es macht die Existenz Gottes gleichsam abhängig von der Hilfe, die er gewährt. Gott kann, so meinen sie, nur existieren, wenn er auch hilft. Und Gott lässt sich diese Infragestellung, diese Herausforderung gefallen. Er erweist sich als der treue Gott, als die Rettung seines Volkes; er spendet das lebenerhaltende Wasser. Aber er weist den geheimen Unglauben Israels entschieden zurück.

Eine Frage an uns: Behandeln wir Gott nicht auch oft so wie das Volk Israel auf seiner Wüstenwanderung? "Ist der Herr in unserer Mitte oder ist er es nicht?" Wenn es ihn gibt, dann muss er doch eingreifen! Ist Gott existent, dann muss er mir doch in meiner Not helfen! Dann muss er doch meinen Wünschen nachkommen! Degradieren wir Gott nicht oft zum Lückenbüßer, der im Bedarfsfall, wenn wir es für notwendig halten, dasein, herhalten muss? Gott wird gleichsam zu einem Bedarfsartikel; er muss sich nach unseren Wünschen und Bedürfnissen richten - so wie wir ja auch die anderen Menschen degradieren, uns zu Diensten zu sein. Glauben wir eigentlich an Gott ohne Bedingungen, ohne Wenn und Aber? Richten wir uns nach ihm? Ist er für uns maß-gebend?

Um dieses Thema, um den "Glauben", geht es auch im Evangelium von der Frau am Jakobsbrunnen. Jesus verspricht der Samariterin lebendiges Wasser. Aber dieses lebendige Wasser, das Jesus dem Menschen zu trinken geben will, ist nicht zu verwechseln mit einer nie versiegenden, mit einer immer sprudelnden Quelle. "Wer von diesem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird nicht mehr durstig sein; vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe, in ihm zur Quelle werden, die Wasser für das ewige Leben ausströmt." Die Gabe, die Jesus gibt, ist nicht ein vergänglicher Trank, der nur den leiblichen Durst löscht; die Gabe, die er gibt, ist sein Wort, ist seine Offenbarung, ist das Evangelium, die Frohbotschaft von der Güte und vom Erbarmen Gottes. Die Gabe, die Jesus gibt, ist letztlich er selber. Er will im Glauben vom Menschen angenommen, aufgenommen werden. Er selbst ist das lebendige und lebenspendende Wasser: "Wenn einen dürstet, so komme er zu mir, und es trinke, wer an mich glaubt. Wie die Schrift sagt: Ströme lebenspendenden Wassers werden aus seinem Inneren fließen." (Joh. 7, 38) So wird Jesus später einmal am Laubhüttenfest sagen. Voraussetzung aber dafür, dass er lebenspendendes Wasser geben kann, sein kann, ist der Glaube an ihn als den Gottgesandten, als den Sohn Gottes, als Gott selber: "Dieser ist der wahre Retter der Welt." So wird die Frau, der Jesus am Jakobsbrunnen begegnet, später ihren Landsleuten sagen. Auch hier die Frage an uns: Sind wir im letzten davon überzeugt, nicht von eigenen, sondern von Gottes Gnaden zu leben? Glauben wir an ihn als den Gottgesandten, als den Sohn Gottes, als Gott selbst? Sagen wir Ja zu ihm, der uns geliebt und sich für uns dahingegeben hat? Ist er für uns der wahre Retter der Welt oder erwarten wir das Heil von einem Götzen?

Wir sind immer unterwegs als Suchende und Dürstende: "Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir, o Gott." So spricht es der heilige Augustinus aus. Diese Unruhe, dieser Hunger und Durst nach Gott werden von Jesus in der Bergpredigt seliggepriesen. Diesem Hunger, diesem Durst wird Erfüllung verheißen. Allerdings sollen wir nie versuchen, diesen Hunger und diesen Durst nach dem lebenspendenden Wasser an den falschen Quellen, an der falschen Stelle zu stillen. Wir werden dann nur trübe Rinnsale, nur harte und trockene Felsen finden. Nur wenn wir in ihm, in seinem Wort und in seiner Offenbarung, in ihm selber den Geber aller guten Gaben sehen, werden wir zur richtigen, zur segenspendenden Quelle gelangen. Und im Glauben wissen wir, dass er uns nicht verdürsten lässt; ja, dass er selbst unseren Durst, unsere Sehnsucht nach Glück und Heil stillen wird. Das Volk Israel wurde auf seiner Wüstenwanderung durch Gott vor dem Dursttod gerettet; Jesus verspricht der Frau am Jakobsbrunnen lebendiges Wasser. Gott erweist sich als der rettende, als der Glück gewährende Gott. Wir leben durch ihn, wir leben von seine Gnade, von seiner Gabe. Ja, er selber ist diese Gabe. Wenn wir nun miteinander Eucharistie feiern, dann wollen wir uns diese Grundgegebenheit unseres Lebens wieder ins Bewusstsein rufen: Wir leben vom Erbarmen, von der Liebe Gottes: "All meine Quellen entspringen in dir!" So sagt es der Psalmist. Lasst uns dafür immer dankbar sein! Und lasst uns diese Dankbarkeit zeigen, indem wir unseren Glauben leben!

 

4. Fastensonntag: "Die Blinden werden sehend"

Einführung

Blind geboren zu sein, das ist ein hartes menschliches Los. "Mit Blindheit geschlagen" zu sein, wie es eine volkstümliche Redeweise formuliert, das ist eine Krankheit, an der wohl mehr Menschen leiden, als es physisch Blinde gibt. Wer ist eigentlich vor Gott ein "Sehender", und wer ist vor ihm ein "Blinder"? Das ist das Thema der Lesungen heute am 4. Fastensonntag. Licht und Finsternis, Sehenkönnen und Blindsein - wir wollen uns fragen zu Beginn dieser Eucharistiefeier, ob wir blind sind vor uns selbst, vor unseren Mitmenschen, vor Gott. Und wir wollen ihn, der das "Licht der Welt" ist, um seine Vergebung, um sein Erbarmen mit unserer Blindheit bitten.

    Herr Jesus Christus, du bist das Licht der Welt, das jeden Menschen erleuchtet
    - Herr, erbarme dich!
    Du hast dem Blindgeborenen das Augenlicht geschenkt
    - Christus, erbarme dich!
    Du willst auch uns aus der Finsternis in dein wunderbares Licht führen
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Herr Jesus Christus, du hast uns zur Feier der Eucharistie zusammen gerufen. Voll Vertrauen kommen wir mit unseren Bitten zu dir:

  • Du hast dich geoffenbart als das Licht der Welt: Öffne unsere Augen für dich und deine Frohbotschaft!
  • Du hast dem Blindgeborenen das Augenlicht geschenkt: Nimm auch von uns die Blindheit des Herzens!
  • Du hast dich dem Blindgeborenen geoffenbart als Gottes Sohn: Lass auch uns zum Glauben an dich gelangen!
  • Du rufst die Menschen damals und heute in die Entscheidung: Gib uns die Kraft, uns zu dir zu bekennen!
  • Du hast den Blindgeborenen in deine Nähe gerufen: Lass dein ewiges Licht unseren Verstorbenen leuchten!

Herr Jesus Christus, du Licht der Welt, ohne das wir den Weg zu unserem Heil nicht finden. Steh uns zur Seite und schenke uns das Vertrauen zu dir, der du lebst und herrschst in alle Ewigkeit. Amen.

Predigt

Die Erzählung von der Heilung des Blindgeborenen, die wir eben gehört haben, bedarf einiger Erläuterungen. "Wunder" heißen beim Evangelisten Johannes "Zeichen". Zeichen weisen hin auf etwas anderes; sie weisen hin auf etwas Verhülltes; auf etwas, das man übersehen kann. In unserer Erzählung weist das Wunder der Heilung hin auf die Sendung Jesu durch seinen himmlischen Vater; auf seine Gottessohnschaft: dass Jesus das "Licht der Welt" ist. Darum bekennt der Geheilte, dem das Augenlicht geschenkt wurde, auf die Frage Jesu: "Glaubst du an den Menschensohn? - Ich glaube, Herr!" In unserer Wundergeschichte geht es also um das Wesen des Glaubens, des christlichen Glaubens: Wer ist Jesus von Nazareth?

Die Frage der Jünger Jesu: "Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren wurde?" macht deutlich: Für die Zeitgenossen Jesu ist Krankheit ein Zeichen von Schuld, Zeichen einer Sünde gegen Gott; der eigenen oder der der Eltern. Für Jesus aber ist die Blindheit des Mannes nicht das Zeichen für eine Schuld, für eine Sünde gegen Gott. Bei einer Krankheit ist nicht zu fragen nach der moralischen Ursache, sondern nach dem Sinn, nach dem Zweck. Man darf nicht fragen nach dem Woher, sondern man muss fragen nach dem Wozu. Die Blindheit des Mannes hat für Jesus ihren Sinn darin, dass an diesem Blinden Gottes Wirken offenbar werden soll. Gottes Herrlichkeit soll offenbar werden im Wirken Jesu; das bedeutet: In diesem Jesus ist das "Licht der Welt" gekommen. Und so wie der Blinde durch das Wasser des Teiches Schiloach (das Wort bedeutet so viel wie "der Gesandte") das Augenlicht wiedererlangt hat, ebenso empfängt der Glaubende von Jesus das Licht der Offenbarung. Jesus ist der "Gesandte" Gottes.

Das Wunder Jesu, die Heilung des Blinden, macht die Menschen ratlos. Und man führt den Geheilten zu den Pharisäern, an die man sich in solchen Fällen wendet. Der Hörer der Geschichte weiß, dass damit gerade der falsche Weg eingeschlagen ist, weil das Neue, weil das gänzlich Unerwartete, das mit Jesus gekommen ist, den alten Maßstäben unterworfen wird. Die Verlegenheit der Pharisäer ist groß: das Wunder scheint zu zeigen, dass Jesus in göttlicher Vollmacht handelt. Aber der Bruch der Sabbat-Ruhe widerspricht dieser Auffassung; dieses Tun, am Sabbat einen Teig gemacht zu haben, erweist Jesus offensichtlich als einen Sünder. Es kommt zu einer Spaltung der Meinungen. Der Geheilte selbst bekennt, dass er Jesus für einen Propheten hält. Für die Pharisäer ist die Entscheidung nach der anderen Seite gefallen: "Wir wissen, dass dieser Mensch ein Sünder ist!" Im Besitz ihrer religiösen Tradition (sie berufen sich auf Mose!) sind sie blind für das ihnen begegnende Wirken Gottes, für die ihnen begegnende Offenbarung Gottes. Gerade aufgrund ihres Wissens von Gott müssten sie die Vollmacht, müssten sie die Autorität Jesu erkennen und anerkennen. Gott erhört doch (das müssten sie eigentlich wissen) keinen Sünder, sondern nur einen Frommen.

In der Erzählung des Evangeliums begegnet Jesus wieder dem Geheilten. Und er legt ihm die entscheidende Frage vor: "Glaubst du an den Menschensohn?" Der Blindgeborene hat Jesus als Propheten erkannt und anerkannt. In der Heilung hat sich für ihn die göttliche Vollmacht Jesu gezeigt: Gott ist mit ihm. Aber er ahnt noch nicht, dass sein Helfer der "Menschensohn" ist, der Heilbringer im tiefsten und letzten Sinn. Er weiß noch nicht, dass er, wenn er Jesus wirklich verstehen will, Neuland betreten muss. So weit, wie er bisher gekommen war im Verstehen Jesu, kann ein Mensch, kann jeder Mensch unter dem Eindruck der Person Jesu kommen: er ist ein Prophet! Der entscheidende Schritt aber ist erst möglich bei der Frage Jesu und angesichts seiner Selbstoffenbarung: "Du hast ihn gesehen; der mit dir redet, er ist es!" Aufgrund dieser Offenbarung Jesu fallen dem Geheilten gleichsam zum zweiten Mal die Schuppen von den Augen. Und erst jetzt wird ihm der eigentliche Grund seiner Heilung verständlich: "Ich glaube, Herr!" Und er fällt Jesus zu Füßen. Er erkennt ihn an als den Sohn Gottes, als das Heil, als das Licht der Welt.

Nun erst wird der symbolische, der tiefere Gehalt der wunderbaren Geschichte deutlich: "Zum Gericht bin ich in diese Welt gekommen: die Nichtsehenden sollen sehen und die Sehenden blind werden." Gottes Gericht bewirkt unter den Menschen eine Scheidung. Erst beim Kommen des göttlichen Lichtes (und Jesus ist dieses "Licht", das in die Welt gekommen ist) entscheidet sich, wer im eigentlichen Sinn sehend ist, und wer blind ist. Die Pharisäer sind Blinde, ohne es zu wissen. Und jeder ist gefragt, ob er zu diesen Blinden gehören will oder zu den Sehenden. Ja, in Wahrheit waren bislang alle blind gewesen. Die "Sehenden" waren nur solche, die zu sehen meinten; und die "Blinden" waren solche, die um ihre Blindheit wussten. Bevor sich Jesus als den Gesandten Gottes offenbarte, war "Blindheit" die einzige Möglichkeit für den Menschen. Durch das Kommen Jesu erhält nun das "Sehen" wie das "Blindsein" einen neuen, seinen endgültigen Sinn. Die "Blinden" werden "sehend"; denn sie glauben an das Licht. Ihr Sehen ist nicht ein Sehenkönnen aus eigener Kraft, sondern das Erhelltsein durch die Offenbarung. Und das Blindsein ist jetzt nicht mehr nur ein Herumirren im Dunkel, das darum weiß und deshalb die Möglichkeit des Sehendwerdens noch hat; sondern das "Blindsein" im eigentlichen, im schlimmen Sinn hat eben diese Fähigkeit, sehend zu werden, verloren. Den "Blinden", die sich auf ihr "Blindsein" festlegen, gilt: "Es bleibt eure Sünde." Das gehört zum Wesen, ja zum Schicksal der Offenbarung Gottes: um Gnade sein zu können, kann sie zum Gericht werden. Durch die Offenbarung wird die Sünde, wird die Gottferne erst endgültig zur Sünde, weil sie Gott nicht nur fern ist, sondern weil sie ihn ablehnt.

An diesem Punkt merken wir, dass in unserer Erzählung von der Heilung des Blindgeborenen nicht mehr nur die Rede ist von einem vergangenen Geschehen, sondern von uns heute. Maßen wir uns nicht auch an, genau zu wissen, wer dieser Jesus ist? Zu wissen, wie seine "Sache" weitergegangen ist und immer noch weitergeht? Oder vertrauen wir uns ihm an, dem Heilbringer, dem Licht der Welt? Glauben wir daran, dass in ihm die Erfüllung des Strebens der Menschen nach Erkenntnis und Licht gekommen ist? Diese "Anfrage" gilt nicht nur für diejenigen in der Kirche, die ein Amt haben; sie gilt auch für die vielen selbsternannten "Propheten" heute: Führen sie uns hin zu Jesus Christus, dem Sohn Gottes, dem Licht der Welt - oder sind sie Hindernisse auf dem Weg zu ihm? Nicht jeder, der sich heute in der Kirche als "Wissender" und "Sehender" ausgibt, ist es in Wirklichkeit.

Wir feiern miteinander Eucharistie. Wir begehen die Feier der Danksagung für Erlösung. Wir gedenken des Erlösungsgeschehens am Kreuz von Golgotha, an dem endgültig offenbar geworden ist, wer Gott eigentlich ist; wer Jesus ist. Wir üben hier in dieser Feier diesen unsern Glauben an Gott, an Jesus Christus, den Sohn Gottes. Wir sagen Ja zur Offenbarung Gottes in Jesus Christus. Wir bekennen uns zu seiner Anwesenheit hier bei uns. Er gibt sich uns in der eucharistischen Speise. Er will von uns empfangen werden als das Brot des Lebens, als das Licht der Welt, das jeden Menschen erleuchtet. Aus uns selbst sind wir nur Finsternis, sind wir mit Blindheit geschlagen. In seinem Licht sehen wir erst das Licht, wie der Psalmist einmal sagt. Bitten wir ihn immer wieder um dieses Licht, das er selber ist - nicht nur für uns selbst, sondern auch für alle, die mit uns leben.

 

5. Fastensonntag: "Vom ewigen Leben"

Einführung

Unausrottbar ist die Sehnsucht der Menschen, den Tod zu überwinden, ewig zu leben. Der christliche Glaube sagt uns, dass die Überwindung des Todes geschehen ist in Jesus Christus, dem Sohn Gottes. Durch ihn haben wir die Gewissheit, in Gottes Liebe gehalten zu sein, in Gottes Liebe für immer geborgen zu sein. Gottes Liebe und Sorge um den Menschen werden nie vergehen. Gottes Liebe schenkt uns ewiges Leben. Daran erinnert uns heute am 5. Fastensonntag die Erzählung von der Auferweckung des Lazarus. Wir wollen uns darum zu Beginn der Eucharistiefeier besinnen auf den guten Gott, der uns in seinem Sohn die lebengewährende Liebe erwiesen hat.

    Herr Jesus Christus, du bist der Messias, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll
    - Herr, erbarme dich!
    Du hast dich geoffenbart als die Auferstehung und das Leben
    - Christus, erbarme dich!
    Du verheißt allen, die an dich glauben, ewiges Leben
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Voll Vertrauen beten wir zu unserem Herrn Jesus Christus, der Tote zum Leben auferweckt hat, und der uns allen ewiges Leben verheißen hat:

  • Für die Kirche, die Gemeinschaft der Glaubenden: dass es ihr gelingt, in den Menschen die Sehnsucht nach dem ewigen Leben wachzuhalten!
  • Für uns alle, die wir um deinen Altar versammelt sind: dass wir als Menschen leben, die an die Auferstehung glauben!
  • Für alle, die durch Leid und Ungerechtigkeit geprüft werden: dass sie nicht irre werden im Glauben an deine Güte!
  • Für die Verstorbenen, besonders für die, die uns nahestanden: dass sie ewige Freude und Frieden finden bei dir!

Vater im Himmel, du bist ein Gott, der Hoffnung und Zukunft schenkt. Höre unser Gebet und schenke uns einst ewiges Leben durch deinen Sohn Jesus Christus, der mit dir lebt und herrscht in Ewigkeit. Amen.

Predigt

Das heutige Evangelium fordert dazu auf, zwei Themen miteinander zu bedenken: einmal das Wunder der Auferweckung des Lazarus; zum zweiten die christliche Lehre vom Weiterleben nach dem Tod. Was meinen wir Christen, wenn wir uns zu einem Weiterleben bekennen? Diese beiden Themen sind eng miteinander verknüpft. Sie gehen uns an. Denn schließlich bekennen wir Christen uns nicht nur so allgemein zu diesem Weiterleben nach dem Tod. Als Christen hoffen wir für uns selbst darauf, einmal ganz und für immer bei Gott sein zu können.

Zunächst möchte ich einige Hinweise geben zur Erzählung von der Auferweckung des Lazarus, die wir eben gehört haben. Martha läuft auf die Kunde, dass Jesus kommt, ihm entgegen: "Herr, wärest du hier gewesen, so wäre mein Bruder nicht gestorben." Dieses Wort ist nicht vorwurfsvoll gemeint. Aus diesem Wort spricht der Glaube an Jesus, an seine wunderbare Kraft. Marthas Wort ist natürlich eine Bitte. Aber diese Bitte ist mehr noch ein Bekenntnis ihres Glaubens, ein Bekenntnis ihres Vertrauens. Es ist der Ausdruck ihres Glaubens an Jesus als den Gottgesandten, dem Gott alles gibt. Und Jesus antwortet auf die vertrauende Bitte Marthas: Ihr Bruder wird auferstehen, und zwar nicht erst bei der Auferweckung der Toten am letzten Tag: "Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er schon gestorben ist. Und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird in Ewigkeit nicht sterben." Für den, der Jesus Christus als den Gottgesandten, als den Messias anerkennt, sind Leben und Tod, so wie wir Menschen sie kennen, keine Realitäten mehr. Wenn Jesus sagt: "Ich bin die Auferstehung und das Leben", dann beschreibt er damit die Gabe, seine Gabe, sein Geschenk für den, der zum Glauben kommt. Der Glaubende mag den irdischen Tod sterben. Gleichwohl hat er das "Leben" in einem höheren, im eigentlichen, im endgültigen Sinn. Und wer noch im irdischen Leben weilt und ein Glaubender ist, für den gibt es eigentlich keinen Tod mehr im endgültigen Sinn. Das Sterben ist für ihn wesenlos geworden. Denn Leben und Tod, so wie er sie kennt, das höchste Gut und der tiefste Schrecken, sind für ihn wesenlos geworden. Er steht ja, sofern er an Jesus Christus glaubt, vor Gott selbst. Er lebt im Angesicht Gottes.

Die Frage: "Glaubst du das?" fragt also, ob der Mensch bereit ist, Leben und Tod, so wie er sie kennt, wesenlos sein zu lassen. Der Glaube beansprucht nicht zu wissen, von welcher Art dieses "ewige Leben" ist, das Gott verheißt und gibt. Dieses von Gott verheißene Leben steht jenseits der menschlichen Vorstellungen und Möglichkeiten. Die Bereitschaft für dieses "ewige Leben" zeigt sich in der bereitwilligen Übernahme des irdischen Todes, d. h. in der Preisgabe des Menschen, so wie er sich kennt und will. Jenes ewige Leben erscheint also für unsere menschlichen Augen, für die Welt unter der Maske des Todes. Die Antwort Marthas zeigt nun die echte Haltung des Glaubens. Sie sieht ganz von sich selber ab und redet nur von dem, der als der Gesandte Gottes ihr begegnet ist; den sie als Messias glaubend anerkennt; in dem den Menschen das "Leben" verheißen, ja in seiner Fülle gewährt ist. Dieses verheißene Leben kann sie nicht sehen. Aber sie kann anerkennen, dass in Jesus der Einbruch Gottes in diese Welt geschehen ist: "Ja, Herr, ich glaube: Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes, der in diese Welt gekommen ist." Dieses Glaubensbekenntnis von Martha ist die Voraussetzung für die wunderbare Erweckung ihres Bruders Lazarus. Allerdings ist dieses Leben, in das Lazarus zurückgerufen wird, vergänglich. Es ist nur ein Abbild dessen, was dem Glaubenden verheißen ist; es ist nur ein Abbild des "ewigen Lebens", das ihm einmal zuteil wird.

Die Frage des Herrn an Martha ("Glaubst du das?") richtet sich aber auch an uns. Glauben wir an diese Botschaft vom Tod und vom Leben? Glauben wir daran, dass wir vor Gott weiterleben, auch wenn wir gestorben sind? Was meinen wir Christen eigentlich, wenn wir von einem "ewigen Leben" sprechen?

Die Idee eines ewigen Lebens, die Idee von der Unsterblichkeit, vom Nichtvergehenkönnen des Menschen ist im Alten Testament anfanghaft enthalten; im Neuen Testament wird sie voll entfaltet. Diese Idee meint ein Nichtvergehen der "Person", ein Nichtvergehen des Menschen. Während für die griechischen Weisen der Mensch ein Zerfallsprodukt ist (nur die Seele des Menschen bleibt bei seinem Tod am Leben), ist es nach der Auffassung der Bibel gerade dieses ganze Wesen Mensch, das als solches, wenn auch verwandelt, fortbestehen wird. Von welcher Art aber ist dieses Fortbestehen? Dieses neue Leben wird anders sein, als wir es uns vorstellen. Es wird auch keine einfache oder übersteigerte Fortsetzung des irdischen Lebens sein. Darüber vermögen wir nicht mehr zu erfahren, als was Paulus im 1. Korintherbrief schreibt: "Gesät wird in Vergänglichkeit, auferweckt in Unvergänglichkeit... Gesät wird in Schwachheit, auferweckt in Macht. Gesät wird ein irdischer Leib, auferweckt ein Geist-Leib." (1. Kor. 15, 42-44) Das "Wie" kennen wir nicht. Aber Gottes Macht vermag den Toten ihre Leben in einer neuen, in einer für uns nicht mehr vorstellbaren Weise wiederzugeben, zu schenken.

Unsterblichkeit, Fortleben nach dem Tod ergibt sich also nicht einfach aus dem Nichtsterbenkönnen der Seele, wie die griechischen Weisen meinten; sie ergibt sich allein aus der rettenden Tat des sich erbarmenden und liebenden Gottes, der die Macht dazu hat. Der Mensch kann deshalb nicht mehr total untergehen und vergehen, weil er von Gott gekannt und geliebt ist. Wenn schon alle Liebe auf Erden Ewigkeit will, Gottes Liebe zu uns Menschen will diese Ewigkeit nicht nur; Gottes Liebe bewirkt diese Ewigkeit. Was sollte auch Gottes Liebe und Sorge um den Menschen, wenn dieser am Ende doch dem Tod preisgegeben bleibt! Das wäre absurd. Wenn es einen absoluten Gott gibt, dann muss er in der Weise der Ewigkeit existieren. Dann nehmen seine Entscheidungen, seine "Gedanken" den Charakter der Ewigkeit an. Dann ist seine Liebe zu seinen Geschöpfen, zu uns Menschen ewig, unvergänglich. Was Gott je geliebt hat, das bleibt für immer in seiner Liebe. Gott liebt nicht auf Zeit. Diese Gegebenheit jedoch, dass Gott uns liebt, das ist die Grund-Botschaft des Neuen Testaments; das ist die Frohbotschaft Jesu.

Darum bedeutet unser Glaube an Jesus Christus, unser liebendes Ja zu ihm, dass wir eintreten in jenes Gekanntsein und Geliebtsein von Gott her: "Wer an den Sohn glaubt, der hat ewiges Leben." (Joh. 3, 15-16) "Wir haben die Liebe erkannt und an die Liebe geglaubt, die Gott zu uns hat. Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm." (1. Joh. 4, 16) Wer an Jesus Christus glaubt als den Sohn Gottes, der steht in diesem lebendigerhaltenden Gespräch mit Gott, das Leben bedeutet und den Tod überdauert.

Das ist, so meine ich, das Frohmachende an unserem christlichen Glauben: der Mensch, wir alle können deshalb nicht mehr total untergehen, vergehen, weil Gottes Liebe und Sorge um uns nie vergehen. Das ist ein Kernpunkt der christlichen Botschaft: dass wir weiterleben werden bei ihm; nicht aus eigener Machtfülle, sondern weil wir in einer Weise von Gott gekannt und geliebt sind, dass wir nicht mehr untergehen können. Wie das sein wird, das können wir uns natürlich nicht mehr vorstellen. Wir dürfen jedoch gewiss sein: das Wesentliche am Menschen, dass er Person ist, wird bleiben; das, was in diesem irdischen Leben gereift ist, das besteht auf eine andere Weise weiter. Es besteht fort, weil es in Gottes Liebe "aufgehoben" ist: nicht vernichtet, sondern verwandelt und bewahrt. Gottes Liebe und Sorge um sein Geschöpf, um den Menschen werden nie vergehen; sie überdauern unseren irdischen Tod. Gottes Liebe lässt uns nie fallen, auch nicht im Tod. Und diese Botschaft kann sein, ja sie ist Grund zu einer großen Freude. Lasst uns für diese Botschaft, für diese Gewissheit aus dem Glauben immer dankbar sein, und lasst uns aus der Dankbarkeit dafür leben!

 

Palmsonntag: "Das Kreuz - Zeichen der Liebe Gottes"

Einführung

Ein einziges Mal lässt Jesus sich als Messias-König feiern: bei seinem Einzug in Jerusalem - auf einem Esel, der ihm nicht gehörte. Wenige Tage später wird er eine Dornen-Krone tragen, und sein Thron wird der Kreuzes-Galgen sein. Und wieder ein paar Tage später wird Jesus von den Toten auferstehen - auf geheimnisvolle Weise den Jüngern sich lebend, gegenwärtig zeigend. Mit dem heutigen Sonntag, dem Palmsonntag, treten wir ein in dieses Geschehen, das damals stattgefunden hat. Wir bemühen uns darum, dieses vergangene Geschehen uns vor Augen zu führen, es nachzuvollziehen. Ja, dieses Geschehen von damals vollzieht sich immer wieder neu in der Feier der Eucharistie: seine Lebenshingabe für uns wird Realität, wird Gegenwart. Dafür können wir immer nur von Herzen danken.

    Herr Jesus Christus, du ziehst in Jerusalem ein als der gottgesandte Messias
    - Herr, erbarme dich!
    Dir huldigen die Menschen als dem göttlichen Propheten
    - Christus, erbarme dich!
    Du willst, dass auch wir dich als unseren Heiland und Messias anerkennen
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Wir haben den Herrn begrüßt wie das Volk von Jerusalem und ihm das Lob gesungen. Wir haben die Botschaft von seinem Leiden und Sterben gehört, die uns der Evangelist aufgezeichnet hat. Zu ihm wollen wir nun unsere Bitten tragen:

  • Herr Jesus Christus, stärke deine Gläubigen, dass sie dich vor den Menschen bekennen!
  • Gib der Stadt Jerusalem, dem ganzen Nahen Osten und allen Völkern der Erde deinen Frieden!
  • Führe alle, die in Leid und Tod zu versinken drohen, mit dir zur Auferstehung!
  • Stärke in uns allen die Hoffnung auf dein Reich!

Denn du warst gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz. Darum bist du erhöht worden zum Herrn der Welt. Dich preisen wir in Ewigkeit. Amen.

Predigt

Die Passions-Erzählung ruft uns wieder ins Bewusstsein, was wir als den Kernpunkt des christlichen Glaubens bekennen, was zentraler Inhalt der christlichen Verkündigung ist, sein müsste: Gottes Liebe zu uns bis in den Tod am Kreuz. "Eine größere Liebe hat niemand, als wer sein Leben hingibt für seine Freunde." Im Passionsgeschehen offenbart sich Gott als der Liebende. Das Kreuz auf Golgotha steht vor uns da als Ausdruck der Radikalität der Liebe, die sich ganz hingibt; als Ausdruck für ein Leben, das ganz "Sein-für-die-anderen" ist. Das Kreuz offenbart uns Gott also gerade nicht als Moloch, der seine eigenen Kinder frisst; der nicht ruht und nicht zufriedengestellt ist in seiner Forderung nach Wiedergutmachung und Sühne, bis sein eigener Sohn am Kreuz vernichtet ist. Das ist eine Vorstellung, die Gottes unwürdig ist. Gottes Liebe denkt ja nicht, wie wir Menschen denken. Der Liebestod seines Sohnes soll uns betroffen machen; will uns ahnen lassen, wer der ist, den zu offenbaren sein Sohn gekommen ist: "Ich habe ihnen deinen Namen bekannt gemacht und werde ihn bekannt machen, damit die Liebe, mit der du mich geliebt hast, in ihnen ist, und damit ich in ihnen bin."

Das Kreuz offenbart aber nicht nur, wer Gott ist, dass er die Liebe ist. Das Kreuz offenbart auch, wer wir Menschen sind. Das Kreuz ist der Spiegel, in dem wir unser eigenes Wesen erkennen; dass wir unvollkommen sind, durch die Sünde geprägt. In der griechischen Philosophie gibt es eine merkwürdige Ahnung, ja eine Einsicht dieses Zusammenhangs. Es ist Platons Bild vom gekreuzigten Gerechten. Der große Philosoph fragt in seinem Werk über den Staat, wie es um einen ganz und gar gerechten Menschen in dieser Welt bestellt sein werde. Er kommt zu dem Ergebnis, dass die Gerechtigkeit eines Menschen erst dann vollkommen und bewährt sei, wenn er auch den Schein der Ungerechtigkeit auf sich nehme. Denn erst dann zeige sich, dass er nicht der Meinung der Menschen folgt, sondern zur Gerechtigkeit um ihrer selbst willen steht. Der wahrhaft Gerechte wird in dieser Welt ein Verkannter, ein Verfolgter sein. Platon schreibt: "Sie werden denn sagen, dass der Gerechte... gegeißelt, gefoltert, gebunden sein wird; dass ihm die Augen ausgebrannt werden, und dass er zuletzt nach allen Misshandlungen gekreuzigt werden wird."

Vom Ernst philosophischen Denkens her ist von Platon erahnt, dass der vollendete Gerechte in der Welt der gekreuzigte Gerechte ist. Es ist etwas geahnt von jener Offenbarung über den Menschen, die sich am Kreuz von Golgotha zuträgt: So bist du, Mensch, dass du den Gerechten nicht ertragen kannst; dass der einfach Liebende zum Geschlagenen und Verstoßenen wird. So bist du, weil du immer die Ungerechtigkeit des anderen brauchst, um dich selber zu entschuldigen. Der gekreuzigte Gerechte ist also der Spiegel, der dem Menschen hingehalten wird, in dem er unbeschönigt sich selbst sieht, sehen kann. Am Kreuz geschieht aber nicht nur die Offenbarung dessen, was der Mensch ist, wer wir sind. Das Kreuz offenbart gerade auch, wer Gott ist. So ist Gott, dass er bis in diesen Abgrund hinein sich mit dem Menschen identifiziert; dass er richtet, indem er rettet. Im Abgrund des menschlichen Versagens, der menschlichen Ungerechtigkeit und Heillosigkeit enthüllt sich der Abgrund der göttlichen Liebe.

Was sich so im Passions-Geschehen zeigt, dass Gott die Liebe ist, dass er den ungerechten, den sündigen Menschen nicht fallen lässt, das ist zentraler Punkt der christlichen Verkündigung; das ist Kernpunkt des christlichen Glaubens. Wir sprechen von der "Erlösung" des Menschen durch Gott, vom "Erbarmen" und von der "Güte" Gottes zu allen Menschen. Wir sprechen von der "Gnade", also von der Selbstmitteilung Gottes an den Menschen. Wie kann aber diese Grundbotschaft des Christentums heute überhaupt von jemand begriffen, verstanden werden, wo doch anscheinend im Menschen selbst, in seinem natürlichen Wesen kein Ansatzpunkt vorhanden zu sein scheint? Es geht hier also um die Verstehbarkeit, aber auch um die Glaubwürdigkeit der christlichen Botschaft von der Liebe Gottes. Es geht um uns, die wir uns Christen nennen und dies sein wollen.

Unser Reden, unsere Botschaft von Gottes Güte und Erbarmen, von Erlösung und Gnade ist in unserer heillosen, in unserer von Unrecht erfüllten Welt nur verstehbar und annehmbar, wenn in unserem Leben etwas von dieser Güte und von diesem Erbarmen sich zeigt, erfahrbar wird. Ist uns bewusst, dass diese Frohbotschaft von Gottes Liebe, damit sie verstanden werden kann, von unserem Tun der Liebe, von unserer Güte, von unserem Erbarmen abhängt? Erweist sich an unserem eigenen Leben Gottes Nähe zu allen Menschen? Dass er keinen abschreibt, ausbucht? Sind wir für die vielen suchenden, für die vielen notleidenden und geschundenen Menschen in aller Welt "attraktiv", "anziehend", zum "Festhalten"? Lohnt es sich überhaupt noch, uns am Rock festzuhalten? Oder kann man uns vergessen, wie arme Irre laufen lassen? Wenn unser Reden von Gottes Liebe und Güte mit dem Tun der Liebe nicht einhergeht, damit nicht übereinstimmt, dann sind wir nicht mehr verstehbar, dann sind wir unglaubwürdig. Wo immer wir uns jedoch um diese Glaubwürdigkeit bemühen, da lösen wir auch heute noch Betroffenheit aus. Da beginnt man zu fragen nach dem Gott, den wir verkünden und bezeugen. Da ahnt man etwas davon, wer Gott ist; dass er die Liebe ist; dass er gut ist zu allen.

Die Passionserzählung ruft uns also wieder ins Bewusstsein, was zentraler Inhalt unseres christlichen Glaubens ist, was Kernpunkt der Frohbotschaft ist: Gott ist die Liebe. Am Kreuz offenbart sich Gott als der radikal Liebende. Freilich erhält dieser Satz seine Eindringlichkeit und Geltung erst im österlichen Geschehen der Auferstehung. Wir gedenken in diesen Tagen der Erniedrigung und des Liebestodes unseres Herrn. Wir wollen ihn bitten, dass wir verstehbare, dass wir glaubwürdige Zeugen seines Erbarmens, seiner Güte und Liebe zu allen Menschen sind.

 

Gründonnerstag: "Das tut zum Gedenken an mich!"

Einführung

Wir beginnen mit dieser Eucharistiefeier die "Drei österlichen Tage vom Leiden, vom Tod und von der Auferstehung des Herrn". Am Anfang dieser Tage steht das Gedächtnis des Letzten Abendmahles mit seiner Einsetzung der Eucharistie. All das, was Jesu Person und Lehre, was sein Leben und sein Sterben bedeuten, das hat er am Abend vor seinem Leiden seinen Jüngern anvertraut und zur Wiederholung aufgetragen. Mögen die Worte der Abendmahlsfeier, die wir nun gemäß dem Auftrag unseres Herrn begehen, unser Herz ergreifen, uns im Glauben froh machen und in der Treue zu ihm bestärken.

    Herr Jesus Christus, du hast uns eingeladen, mit dir dieses Abendmahl zu feiern
    - Herr, erbarme dich!
    Du hast uns ein Beispiel gegeben, wie wir leben und lieben sollen
    - Christus, erbarme dich!
    Du schenkst uns dich selber als Speise und Trank auf dem Weg zu dir
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Am Abend vor seinem Leiden hat unser Herr Jesus Christus mit seinen Jüngern Mahl gehalten und ihnen das Geheimnis seiner bleibenden Gegenwart anvertraut. Voll Vertrauen kommen wir mit unseren Bitten zu ihm.

  • Für die Kirche, die Gemeinschaft der Glaubenden: leite sie an, gläubig und würdig die heiligen Geheimnisse zu feiern!
  • Für die getrennten Christen: führe sie zur Einheit im Glauben und zur Gemeinschaft an deinem Tisch!
  • Für die Bedrängten und Mutlosen: stärke sie durch die Kraft der heiligen Speise!
  • Für unsere Verstorbenen: geleite sie zum himmlischen Gastmahl!

Gott, allmächtiger Vater, das Sakrament der Einheit festige die Liebe und mehre unseren Glauben durch Christus, unseren Herrn. Amen.

Predigt

Wenn wir heute am Gründonnerstagabend miteinander Eucharistie feiern, dann sind wir uns bewusst, in besonderer Weise den Auftrag Jesu selbst zu erfüllen: "Das tut zum Gedenken an mich... Denn sooft ihr von diesem Brot esst und aus dem Kelch trinkt, verkündet ihr den Tod des Herrn, bis er kommt." Bei diesem "Gedächtnis-Befehl" Jesu handelt es sich um eine typisch alttestamentliche "Kultformel". Ähnlich wie das Wort vom "Bund" ist auch das Wort vom "Gedächtnis" im Alten Testament theologisch beladen, und zwar mit der "Kult-Theologie" Israels. Und das Wort vom "Gedächtnis" trägt somit eine ganze Theologie in die Abendmahlsworte hinein. Über diese eine Seite an unserer Abendmahlsfeier, dass sie also "Gedächtnis" sein will, möchte ich etwas sagen.

Wir dürfen voraussetzen, dass Jesus sein letztes Mahl im Rahmen eines jüdischen Pascha-Mahles gefeiert hat. Das Pascha-Fest aber ist ein Gedächtnis: Gedächtnis an die Herausführung Israels aus Ägypten. Diese Herausführung lässt Israel erst zu einem Volk werden. Das alljährlich gefeierte Pascha-Fest gedenkt dieser Rettungstat Jahwes; es stellt das damalige rettende Geschehen danksagend vor den Herrn hin: Israel ruft sich die Großtat Jahwes ins Gedächtnis. Aber das ist nur der eine Gesichtspunkt: dass Israel selbst gedenkt und sich der Tat Jahwes erinnert. Dieses danksagende Gedenken Israels an das, was Jahwe ihm einst geschenkt hat, soll nach den Texten zugleich eine Erinnerung für Jahwe selbst sein: dass Jahwe selbst wieder an jenen Anfang denkt, und dass er das damals Begonnene zu Ende führt. Jahwe soll erinnert werden, dass sein Volk noch immer unterwegs ist und geknechtet wird. Das Pascha-Fest soll also eine bittende Erinnerung Jahwes an seine Verheißungen sein. Das bedeutet: Israels "Gedächtnis", Israels "Erinnern" hat einen doppelten Sinn: das Volk erinnert sich seinerseits an das, was durch Jahwe geschehen ist; und es stellt zugleich die bittende Erinnerung dar um Vollendung des Begonnenen durch Jahwe.

Jesus stellt nun bei seinem letzten Mahl sein "Gedächtnis" in dieses "Pascha-Gedächtnis" hinein; und er greift damit notwendigerweise die geistige Situation des Pascha-Gedächtnisses Israels auf. Das "Gedächtnis", das er seinen Jüngern aufträgt, hat darum denselben doppelten Sinn: einmal ein danksagendes Gedenken an Gottes Tat in Jesus Christus zu sein, also die freudige und dankbare Erinnerung an den Beginn, den Gott in Jesus gesetzt hat. Zum anderen aber hat Jesu "Gedächtnis" den Charakter der Bitte an Gott, das in Jesus Christus Begonnene zu erfüllen. Wir stoßen hier also auf die doppelte Achse des christlichen Daseins. Der Christ schaut einmal zurück auf das, was Gott schon vollendet hat; und er schaut voraus auf das Kommende. Diese beiden Pole der christlichen Existenz (das Vergangene und das Kommende im Auge zu haben - und zwar in einer konkreten Gegenwart) sind in der Eucharistie, im Stiftungsbefehl des "Gedenkens" mit einbeschlossen. Sie gehören so von vornherein zum Wesen der Eucharistiefeier.

Das Herrenmahl blickt zurück auf etwas schon Geschehenes; es ist die Verkündigung des Todes Jesu. Zugleich ist darin enthalten das Motiv "für viele", jenes Motiv also, dass Jesu ganzes Dasein von dem "Für" gekennzeichnet ist. Es ist nicht das "Für-sich-selber", sondern ein "Für", das sich vollendet in seinem stellvertretenden Todesschicksal: Jesus ist für uns gestorben. Wir stehen auf diesem "Für" Jesu Christi. Davon leben wir. Gott hat also das alte Bundesverhältnis, in dem beide Seiten eine gleichmäßige Verpflichtung eingegangen sind, aufgehoben und sich einfach schenkend herabgeneigt. Die Initiative liegt bei ihm; es gibt keinen genauen Ausgleich; wir leben von seiner Tat, von seiner Gnade; wir leben nicht von eigenen Gnaden.

Das Herrenmahl blickt auch in die Gegenwart und will selbst Gegenwart schaffen. Jede Abendmahlsfeier ist eine Bekräftigung des Bundes Gottes mit seiner Gemeinde. Jedesmal vollzieht sich neu die Bundeswirklichkeit, da Gott in Partnerschaft und Kommunikation zum Menschen tritt. Vom Abendmahl her wird Bund geschlossen; die Gemeinde selbst wird auferbaut zum Leib des Herrn. Nicht nur die einzelnen empfangen ein Sakrament, sondern sie werden zum Volk Gottes geformt, indem sie in den Leib des Herrn hinein verwandelt werden. Eucharistie ist also Verschmelzung zwischen Gott und Mensch im Leib Jesu Christi. Es zeigt sich hier, dass Tischgemeinschaft Friedensgewährung und Gemeinschaftsvollzug ist, und zwar im Hier und Heute.

Das Herrenmahl schaut aber auch voraus in die Zukunft. Es ist nicht nur die Weiterführung der Mahlgemeinschaft mit dem historischen Jesus, Erinnerung an das damals Geschehene. Es ist zugleich die Vorwegnahme des kommenden messianischen Mahles, der Tischgemeinschaft mit Abraham, Isaak und Jakob. Es bringt uns also immer wieder die Gewissheit der endzeitlichen, der endgültigen Tischgemeinschaft. Diese Vorwegnahme ist der Grund dafür, dass die Eucharistie ein Freudenmahl ist. Die Freude der Endzeit ist hier schon anwesend. Die ersten Christen haben so Eucharistie gefeiert; in der Apostelgeschichte (2, 46) wird über das gemeinsame Brotbrechen gesagt, dass es in Jubel und Gelöstheit des Herzens stattfand. Jede Eucharistiefeier hat Festcharakter. Leider ist uns dieser Gedanke durch eine einseitige Rückwärtsorientierung des Christlichen nur auf das Vergangene hin zu sehr abhanden gekommen. Dadurch wurde verdunkelt, dass der Herr schon auferstanden ist; dass die Freude in der Eucharistie ihren Platz hat.

"Das tut zum Gedenken an mich... Denn so oft ihr von diesem Brot esst und aus dem Kelch trinkt, verkündet ihr den Tod des Herrn, bis er kommt." Der Wiederholungsbefehl Jesu ist also nichts Nebensächliches, nichts Zufälliges. Er verweist uns vielmehr auf die beiden Pole, zwischen denen sich unser Leben als Christen im Hier und Heute abspielt. Wir leben von der Tat Gottes: er hat uns in Jesus Christus erlöst; in seinem Tod und in seiner Auferstehung erkennen wir Gottes erlösende Liebe zu uns. Wir leben jedoch nicht nur von der Schau in die Vergangenheit. Wir haben die Verheißung der künftigen Herrlichkeit. Wir gehen einem unendlichen Glück entgegen. Lasst uns immer, wenn wir Eucharistie feiern, dies vor Augen haben. Dann wird schon jetzt, mitten in der Vergänglichkeit und Fragwürdigkeit dieses Lebens, die Freude und der Friede Gottes anwesend sein.

 

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