Lesejahr A
Adventzeit

1. Advent

2. Advent

3. Advent

4. Advent

 

1. Adventssonntag: "Gott schenkt Heil"

Einführung

Heute beginnt die Zeit des Advent. Als ersten liturgischen Text hält das Messbuch von alters her die Psalm-Worte bereit: "Zu dir, Herr, erhebe ich meine Seele; mein Gott, dir vertraue ich... Denn niemand, der auf dich hofft, wird zuschanden." (Ps. 25, 1-3) Richten wir unsere Hoffnung auf Gott, auf unseren Vater im Himmel? Ist er der Punkt, von dem her wir leben? Wir wünschen es alle, und wir versuchen es. Wir könnten diesen Versuch aber nicht wagen, wenn nicht von Gottes Seite der erste Schritt geschehen wäre: In Jesus Christus ist er einer von uns geworden. Wir haben Grund, ihm dafür zu danken; wir haben Grund, ihm zu vertrauen.

    Herr Jesus Christus, du bist in der Fülle der Zeit in die Welt gekommen
    - Herr, erbarme dich!
    Du kommst jetzt in deinem Wort und in den Zeichen von Brot und Wein zu uns
    - Christus, erbarme dich!
    Du wirst am Ende der Zeiten in Herrlichkeit wiederkommen
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

In den Tagen des Advent bereiten wir uns für das Fest des Kommens Gottes in unsere Welt. Wir denken aber auch daran, wie wir bei ihm, bei unserem Vater im Himmel, einmal ankommen sollen. Darum beten wir zu ihm:

  • Für die Kirche, die Gemeinschaft der Glaubenden: dass sie in Einheit und Frieden sich immer wieder um deinen Altar versammelt!
  • Für die Menschen in aller Welt, die sich nach Freiheit und Gerechtigkeit sehnen: dass sie erlangen, wonach sie sich sehnen!
  • Für uns alle, die wir uns unterwegs wissen zu dir, unserem Vater im Himmel: dass wir ohne Angst dir entgegengehen und auf unserem Weg zu dir nicht müde werden!
  • Für unsere Verstorbenen: Gib ihnen bei dir Frieden und ewiges Leben!

Gott, unser Vater, erhöre unsere Bitten, der du uns an deinen Tisch geladen hast - hier und einst in deinem Reich! Amen.

Predigt

Wann immer Menschen gelebt haben und leben: eine Frage treibt sie alle um: die Frage nach dem Glück, nach dem Heilsein; der Wunsch, Ruhe zu finden, Frieden zu haben. Das ist die Ur-Sehnsucht, die die Menschen aller Zeiten in sich tragen; das ist auch unsere Sehnsucht. Wie aber ist dieser Wunsch, wie ist diese Sehnsucht zu stillen? Wo findet sie Erfüllung? Wann und wo kommt sie zu ihrem Ziel? Man könnte kaum treffender das Wort "Advent" übersetzen und deuten. Alle Menschen schauen aus nach dem Heilsein, nach Erfüllung. Die Bibel, sowohl das Alte wie das Neue Testament, ist der Meinung, dass das Heil, dass das Heilsein, dass die Erfüllung nur in Gott und durch ihn zu finden, zu erreichen sei. "Gott schenkt Heil": das ist übrigens die Bedeutung des Namens, den Gottes Sohn auf Erden getragen hat: "Jesus"! Es ist uns - davon sind wir Christen überzeugt - "kein anderer Namen gegeben, in dem wir das Heil erlangen können", so bekennt der Apostel Petrus, als er mit Johannes vor dem Hohen Rat steht. (Apg. 4, 12)

Dass Gott allein Heil schenkt und Frieden, dass Gott allein dem Streit und dem Krieg ein Ende setzt, dass er allein der tiefsten Sehnsucht des Menschen nach Geborgenheit Erfüllung schenkt, das wissen wir nicht erst durch Jesus Christus. Das war schon die Überzeugung des Volkes Israel. In der heutigen Lesung aus dem Jesaja-Buch wird dies deutlich. Es lohnt sich, diese Glaubensüberzeugung Israels am Beginn des Advent zu bedenken: "Viele Nationen machen sich auf den Weg; sie sagen: Kommt, wir ziehen hinauf zum Berg des Herrn und zum Haus des Gottes Jakobs... Er zeige uns seine Wege, auf seinen Pfaden wollen wir gehen... Ihr vom Hause Jakob, kommt, wir wollen unsere Wege gehen im Licht des Herrn!" Wir wissen nicht, ob unser Text vom Propheten Jesaja stammt; denn dieser Text findet sich fast wörtlich auch im Prophetenbuch des Micha. Aber gerade diese Tatsache zeigt, dass es sich um ein prophetisches Wort Gottes an Israel handelt, das - seinem inneren Gewicht nach - zu den großen Botschaften Gottes an sein auserwähltes Volk, damit aber auch an uns alle gehört. Dieses Glaubensbewusstsein Israels bringt zum Ausdruck die unerschütterliche Hoffnung auf ein endgültiges Heil, auf ein Ende allen Streites, auf einen Frieden, den allerdings Gott und nur er gewähren kann.

Unser Text spricht davon, dass vom Berg des Herrn, dass vom Berg Zion, vom Tempel in Jerusalem Gottes Wort, seine Weisung, sein friedenstiftender Urteilsspruch ergeht. Die Wege und Pfade, auf denen die Völker gehen möchten, sind die Wege, die Gott den Völkern, den Menschen weist. Und nur wenn sie sich an dieses Urteil, an diesen Schiedsspruch halten, wird es einen wirklichen, wird es einen umfassenden Frieden, wird es ein Ende des Streits und der Kriege geben. Rüstung und Ausbildung für den Krieg werden dann überflüssig sein. Dann werden aus Waffen Instrumente für den Pflüger und für den Winzer entstehen. Wenn dieser Wunsch nach Frieden und Heil schon die Völker nach Jerusalem zum Berg des Herrn hinaufführt, wenn man sich von dort den wegweisenden Urteilsspruch holt, dann dürfte klar sein: wie viel mehr gilt das für das auserwählte Volk, seine Wege im Licht des Herrn zu gehen; selber auch die Chance zum Heil und zum Frieden zu ergreifen, die Gott gewähren will. Wo aber Gott sich allen Völkern und wo er sich dem auserwählten Volk heilvoll zuwendet, da ist es angebracht, sich dieser Zuwendung zu öffnen; sich von diesem göttlichen Licht seine Wege erhellen zu lassen. Dieser Überzeugung, dass Heil und Friede sich einstellen, wenn Gottes Wort und Gottes Recht sich unter den Völkern und im auserwählten Volk Israel durchsetzen, begegnen wir nicht nur in dem Text der heutigen Lesung. Das ist die Überzeugung - so möchte ich sagen - des ganzen Alten Testaments. In einem Psalm heißt es: "Verleih dein Richteramt, o Gott, dem König... Er regiere dein Volk in Gerechtigkeit und deine Armen durch rechtes Urteil. Dann tragen die Berge Frieden und die Höhen Gerechtigkeit." (Ps. 72, 1-3) Auch hier sind es Gerechtigkeit und Recht, die den Frieden, die das Heilsein der Menschen, die das Heilsein vor Gott bewirken. Genau diese Überzeugung zeigt sich auch in einem anderen Wort des Jesaja-Buches, in dem von der Geburt eines Thronfolgers in Jerusalem die Rede ist, und das uns in seiner Deutung auf Jesus am Weihnachtsfest begegnet: "Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns geschenkt... Man nennt ihn: Wunderbarer Ratgeber, Fürst des Friedens. Seine Herrschaft ist groß, und der Friede hat kein Ende. Auf dem Thron Davids herrscht er über sein Reich. Er festigt und stützt es durch Recht und Gerechtigkeit." (Jes. 9, 4-6)

Wir wissen: dieses Wort, das von der Hoffnung des alten Israel auf Heil und Frieden kündet, hat sich in Jesus Christus erfüllt. Dieses Wort kann sich aber erst auswirken, wenn alle Völker, wenn alle Menschen sich dem Richterspruch Gottes unterwerfen. Was im Alten Testament nur an einigen Höhepunkten aufleuchtet, die Ahnung der heilen Welt und eines allgemeinen Friedens, das steht im Zentrum der neutestamentlichen Botschaft. Jesus ist der göttliche Heilbringer, der Erlöser, der "Heiland". Aber dieses Segensland Gottes, das Jesus ankündigt, kann nur der erreichen, wer auf Gewalt und Unterdrückung verzichtet hat. In der Bergpredigt sagt es Jesus eindeutig: "Selig sind die, die keine Gewalt anwenden; nur sie werden das Segensland, das Heil Gottes erreichen." Dieses messianische Segensland ist also nicht erreichbar für die, die meinen, zum Schwert, zum Gewehr, zum Pflasterstein greifen zu müssen. Diese Möglichkeit, diesen Weg gibt es für den, der an Jesus Christus als das Heil der Welt glaubt, nicht mehr. Darum mahnt der Apostel Paulus die Gläubigen: "Vergeltet niemand Böses mit Bösem! Seid allen Menschen gegenüber auf Gutes bedacht! Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute!" (Röm. 12, 17. 21) Diese von uns geforderte Einstellung hat nichts zu tun mit Schwächlichkeit, mit mangelnder Durchsetzungskraft. Es ist die Haltung der Liebe. Und die Liebe ist eine ungemein schöpferische Kraft. Einfach dagegenzuhalten, das ist primitiv, geistlos. Die Liebe dagegen ist erfinderisch, kreativ.

Lasst uns diese Anregung aus der Lesung des heutigen Sonntags in unseren Alltag mitnehmen, in die Tage des Advent. Das Heilsein, das Richtigsein vor Gott, das friedvolle Miteinander der Völker und der einzelnen: die Sehnsucht danach ist nur von Gott her zu stillen; die Erfüllung der Wünsche nach Frieden und Gerechtigkeit ist nur zu finden, wenn sich Menschen an die Weisung, an den Urteilsspruch Gottes halten. Wir dürfen davon überzeugt sein, dass dann auf die Wege unseres Lebens Licht fällt, weil uns in Jesus Christus das göttliche Licht geschenkt worden ist: "Ich bin das Licht der Welt. Wer zu mir kommt, wird nicht in der Finsternis gehen; er wird das Licht des Lebens haben." Die Tage des Advent seien von diesem Wissen erfüllt. Dann erweist sich die Wahrheit dessen, was der Name "Jesus" aussagt: "Gott schenkt Heil", auch uns.

 

2. Advent: "Der Täufer Johannes"

Einführung

Alle sehnen sich nach Frieden - nicht nur nach dem Frieden der Waffen, sondern vor allem nach dem Frieden der Herzen. Wenn wir Christen vom Frieden sprechen, dann sind wir davon überzeugt, dass das Heilsein vor Gott die Grundlage jeden wahren und dauerhaften Friedens ist, auf dieser Erde sein kann. Der Prophet Jesaja spricht von den Auswirkungen dieses Heilseins vor Gott, wenn der Mensch, wenn wir bereit sind, mit Gott in Frieden zu leben: wenn das "Land voll der Erkenntnis des Herrn" ist; wenn Gerechtigkeit geübt wird. Wie kann jedoch dieses Heilsein vor Gott verwirklicht werden? Das Evangelium gibt die Antwort: "Kehret um!" Wir müssen uns innerlich bekehren zum lebendigen Gott, zu Jesus Christus, dem Sohn Gottes. Er ist unser Heil.

    Herr Jesus Christus, du kamst in diese Welt, um uns das Heil zu schenken
    - Herr, erbarme dich!
    Du rufst uns zur Umkehr und zum Umdenken
    - Christus, erbarme dich!
    Du schenkst uns die Gewissheit deiner Hilfe
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

In diesen Tagen des Advent sind wir versammelt um unseren Herrn Jesus Christus, der mit uns Mahl halten will. Zu ihm rufen wir voll Vertrauen:

  • Für das Volk Gottes auf der ganzen Erde: um einen festen Glauben und um Wachsen in der Liebe!
  • Für die Völker der Erde: um Brüderlichkeit und um gegenseitiges Verstehen!
  • Für die jungen Menschen: um Geduld und Ausdauer im Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden!
  • Für uns alle: um die Bereitschaft zu vergeben und um Mut zur Nachfolge!
  • Für unsere Verstorbenen: um Heimkehr in das Land des Lichtes und des Friedens!

Herr Jesus Christus, du stehst in Treue zu deinen Verheißungen. Rette die Welt aus aller Verstrickung in das Böse und führe sie zur wahren Freiheit! Darum bitten wir dich, der du lebst und herrschst in Ewigkeit. Amen.

Predigt

An den Sonntagen des Advent stellt uns die Kirche in der Liturgie, besonders in den Texten des Evangeliums, die großen Gestalten vor, die dem Kommen des Herrn in diese Welt die Wege bereitet haben: Elisabeth, Maria, Johannes der Täufer. Sie lehren uns, wie wir vor Gott stehen sollen; was unsere Aufgabe ist: dem Kommen des Herrn die Barrieren aus dem Weg zu räumen. Heute wird uns der Täufer Johannes vor Augen gestellt. Nicht nur denen, die damals seine Predigt der Umkehr und der Buße hörten, sondern auch uns gibt Johannes zu bedenken, worauf wir - für unseren Teil - achten sollen. Wir sollen dem Herrn den Weg bereiten durch das Hören auf sein Wort. Wir sind gerufen umzudenken; in die andere Richtung zu schauen; Buße zu tun. Das Evangelium heute schildert uns den ungewöhnlichen Auftritt des Täufers, eines ungewöhnlichen Menschen an einem ungewöhnlichen Ort. So etwa können wir zusammenfassen, was der Evangelist uns erzählt.

Ungewöhnlich ist der Ort, den der Täufer Johannes für seine Predigt wählt: die Wüste von Judäa. Wenn wir das Wort "Wüste" hören, dann denken wir an eine menschenleere Gegend, in der es nur Sand und Geröll gibt. Die Wüste ist für uns zudem ein gefährlicher Aufenthaltsort, an dem nur Menschen überleben können, die Entbehrungen ertragen können. Die Wüste ist ein Ort der tödlichen Bedrohung. Sicherlich könnte das auch ein Bild sein für die tödlichen Wüsten unserer Tage, die in den Herzen der Menschen entstehen und sich dort anscheinend mehr und mehr ausbreiten: wenn z. B. Menschen sich voreinander verschließen; wenn das Miteinander und das Füreinander systematisch untergraben, ja zerstört wird; wenn Menschen egoistisch leben und sich Gott und den Menschen vorenthalten; wenn sie Gott und Menschen vor den eigenen Karren spannen. Wieviele Menschen haben heute das Gefühl, in einer Wüste zu leben; leben zu müssen. Sie fragen vergeblich nach dem Sinn ihres Lebens. Sicherlich ist die Kirche, die Gemeinschaft der Glaubenden, gerufen, zu diesen Menschen zu gehen; sie herauszuholen aus ihrer Isolation und ihnen die befreiende Botschaft von Gottes Güte und Liebe zu verkünden. Kommen wir dieser Aufgabe nach?

Das Wort von der "Wüste" lässt sich aber noch in einem anderen Sinn verstehen. Und diese Bedeutung war für die Zeitgenossen des Täufers Johannes, für die Zeitgenossen Jesu sogar die Bedeutung, die sie sehr gut verstanden. Für den gläubigen Juden war die "Wüste" die Erinnerung an die Gnadenzeit Israels, in der Gott an seinem Volk besondere Zeichen und Wunder gewirkt hat; es war die Zeit, in der Gott zu seinem Volk in besonderer Weise gesprochen hat; in der Gott seinem Volk seine Gebote gegeben hat. Die Zeit der Wüstenwanderung wird darum verklärt zu einer Zeit, in der Großes und Herrliches geschehen ist. Ja, das Judentum ist der Meinung gewesen, dass jene Zeit, jene entscheidende Heilszeit nach der Rettung aus der Sklaverei Ägyptens und die vierzig Jahre des Lebens in der Wüste ein Hinweis sei auf den Messias, der von dort als Retter erscheinen würde. Johannes, der in der Wüste auftritt, ist also der, der die messianische Heilszeit ankündet; er ist der Vorläufer des Messias; der die Wüste als Ort seiner Predigt gewählt hat; der dem Messias die Wege bereiten will.

Ungewöhnlich - für uns jedenfalls - ist der Ort, den der Täufer Johannes für seine Bußpredigt gewählt hat. Ungewöhnlich sind aber auch seine Worte. Sie sind unmittelbar, ungeschminkt; sie klingen hart und unerbittlich. Er scheut sich nicht, sogar seine frommen Zuhörer, die Schriftgelehrten und die Pharisäer, Schlangenbrut zu nennen. Wir würden heute vielleicht sagen: Ihr verlogenen Typen! Johannes sagt den Leuten, die zu ihm kommen: Kommt heraus aus dem Gefängnis eures kleinen Ich! Lasst euch los! Haltet euch nicht für den Nabel der Welt, für Prachtexemplare, vor denen sogar der liebe Gott den Hut zieht! Und sagt nicht immer: Was habe ich davon - auch von meinem Frommsein? Überlasst euch Gott und seiner Gerechtigkeit! Macht ihn nicht zum Erfüllungsgehilfen eures Egoismus, zu einer Randfigur im Leben, die man hervorholt, wenn es einem in den Kram passt. Nur wenn ihr euch bekehrt, nur wenn ihr umdenkt, nur wenn ihr euch bequemt, nach dem Willen Gottes zu fragen und euch an seinem Denken zu orientieren, nur dann könnt ihr vor ihm bestehen. Dass ihr Kinder Abrahams seid, dass ihr getauft seid, das allein genügt nicht. Ihr müsst euch ändern, auch wenn euch das bitter aufstößt.

Ungewöhnlich ist nicht nur der Ort, den der Täufer für seine Predigt gewählt hat. Ungewöhnlich sind nicht nur die Worte seiner Predigt. Ungewöhnlich ist der ganze Mensch Johannes. Er ist ein "Asket" - Asket aber in diesem Sinn: Frommsein hat Konsequenzen, muss Folgen haben im Tun, und zwar durch Übung. Johannes verzichtet auf Dinge, auf die die Leute normalerweise nicht verzichten, oft auch nicht verzichten können. Er stellt seine ganze Lebensweise in den Dienst seines prophetischen Auftrags, die Menschen zum Umdenken zu rufen; dem Messias, Gott selbst die Wege zu bereiten. Dieser Mann stellt sich nicht selbst in die Mitte, aufs Tablett, um gesehen zu werden, wie das so viele damals und heute tun - auch in der Kirche. Er stellt den kommenden Messias, er stellt Gott in die Mitte. Sein Auftreten ist so ungewöhnlich, so ganz anders, dass die Menschen in Scharen zu ihm hinausströmen; nicht weil sie nur einen "Star" erleben wollen, den man gesehen haben muss; sondern weil sie spüren, was ihnen fehlt, was ihnen bitter not tut.

Ist dies nicht auch ein Hinweis, ein Zeichen für unsere Zeit? Brauchen wir heute nicht auch Menschen, die sich vorbehaltlos - wie der Täufer Johannes - in den Dienst Gottes stellen; und die sich auch für den Dienst an den Mitmenschen zur Verfügung stellen, ohne was davon zu haben? Brauchen wir nicht heute auch Menschen, die keine Egoisten sind? Müssen wir nicht darum beten, dass Gott uns auch heute Menschen wie den Täufer schenkt, die uns Worte verkünden, von denen und mit denen wir leben können; die uns nähren auf den Wegen unseres Lebens? Und ist es nicht ein sehr bedenkliches Zeichen, wenn in unserer Zeit ein derartiges Leben, ein derartiges Zeugnis offenbar wenig gilt? Wenn Umdenken und Buße und Bekehrung belächelt werden? Der Täufer Johannes jedenfalls weist uns hin auf den Herrn, zu dem wir uns immer wieder bekehren müssen; auf den wir uns besinnen müssen. Wir können am Herrn vorbeileben. Aber nur er allein vermag uns Heil und die Erfüllung zu schenken, nach der wir uns doch alle sehnen. Beten wir darum, dass wir dem Herrn und seinem Wort unsere Herzen öffnen; dass wir seine Wege gehen.

 

3. Advent: "Wer ist ein Heiliger?"

Einführung

An den Sonntagen des Advent stellt uns die Kirche in der Liturgie die großen Gestalten vor Augen, die dem Kommen des Herrn die Wege bereitet haben: Elisabeth, Maria und Josef, besonders aber Johannes den Täufer. Sie alle weisen uns hin auf die Grundeinstellung, die wir vor Gott haben sollen: die Offenheit für Gottes Wort und seine Wege. Im heutigen Evangelium steht - wie am vergangenen Sonntag - der Täufer Johannes vor uns. Er stellt sich ganz in den Dienst des Messias, der nach ihm kommen wird; dessen Schuhe aufzuschnüren er nicht würdig ist; für den er Zeugnis ablegen, dem er die Wege ebnen will. Wissen wir uns auch gerufen, dem Kommen des Herrn die Wege zu bereiten - in unserer Zeit, in unserer Welt, an unserem Ort? Besinnen wir uns und erbitten wir uns die Kraft zu diesem Zeugnis!

    Herr Jesus Christus, du kamst in diese Welt, um uns das Heil zu schenken
    - Herr, erbarme dich!
    Du rufst uns darum zur Umkehr und zum Umdenken
    - Christus, erbarme dich!
    Du schenkst uns die Gewissheit deiner Hilfe
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

In einer Welt, die sich nach Glück und Sicherheit sehnt, beten wir zu Gott, zu unserem Guten Vater im Himmel, um seinen Beistand und um seine Hilfe.

  • Für die Kirche, die Gemeinschaft der Glaubenden: dass sie nicht auf sich selbst baut, sondern alles von dir erwartet!
  • Für die Menschen in aller Welt, die nach dem Eigentlichen suchen: dass sie in dir Erfüllung und Heil finden!
  • Für uns alle, die wir uns mühen, deine Wege zu gehen: dass wir nicht müde werden und an dir zweifeln!
  • Für unsere verstorbenen Brüder und Schwestern: dass sie in das Land des Lichtes und des Friedens gelangen!

Guter Gott, du hast uns in deinem Sohn Jesus Christus das Zeichen und das Unterpfand deiner Nähe und Liebe gegeben. Wir danken dir dafür heute und alle Tage. Amen.

Predigt

Wenn man einen Brief, den man selber geschrieben hat, zurückbekommt, vom Adressaten zurückbekommt mit der Bemerkung, man solle sich seinen Brief noch einmal genauer überlegen, dann ist man schockiert. Und man überlegt, was man angesichts dieser Situation tun soll; wie sich das Verhältnis zum Adressaten in Zukunft gestalten soll. Ähnlich könnte es einem beim Hören des heutigen Evangeliums ergehen. Auf den ersten Blick scheint nämlich Jesu Antwort auf die ehrliche Frage des gefangenen Johannes keine zu sein. Wir möchten meinen, Jesus werde dem Ernst dieser Frage überhaupt nicht gerecht. Und dabei geht es dem Johannes doch um das Entscheidende, auch für sein eigenes Leben, und nicht nur um seiner Jünger willen. "Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?" Bist du es, durch den Gott seine letzte Frage an uns stellt und durch den seine Entscheidung über uns ergeht? Bist du es, von dem wir die Erlösung, von dem wir das Heil erwarten dürfen? Wirst du uns retten? Wirst du mich, den Johannes, aus dem Kerker des Herodes retten? Oder haben wir uns in dir getäuscht - wie wir schon von so vielen Heilbringern enttäuscht worden sind?

Wir merken: Johannes fragt damit so, wie unzählige Menschen nach Jesus gefragt haben und immer noch fragen. Er fragt so, wie auch wir selber oft und auf vielerlei Weise fragen. Ist da in diesem Jesus von Nazareth wirklich der erschienen, der das letzte Urteil über uns und damit das letzte Heil oder Unheil, das letzte Verderben oder die letzte Rettung in seiner Hand hat? Ist er derjenige, an dem unser gegenwärtiges und zukünftiges Leben hängt? Ist in diesem Jesus wirklich alles gelöst, was an Rätseln, was an Angst und Sehnsucht, was an Sorge und Hoffnung unser Leben bestimmt? Ist er der, dem wir uns ganz überlassen und anvertrauen können? Oder sollen wir nicht doch, wenn auch zweitausend Jahre anders gedacht haben, wenigstens jetzt auf einen anderen Messias warten, vielleicht auf einen von denen, der die Welt zu messianischen Träumen ruft, aber dann doch nichts anderes zu bieten hat als Not und Armut, Blut und Tränen, Schrecken und Krieg?

Johannes fragt, ob Jesus der "Kommende" sei. Aber Jesus scheint den Ernst dieser Frage gar nicht begriffen zu haben. Er antwortet anscheinend mit einem "Partei-Programm", mit dem ein Gefangener, ein mit dem Tod Bedrohter schließlich nichts anfangen kann, und das ihm nicht die Befreiung aus dem Kerker bringt. Und doch ist das Wort Jesu die einzig mögliche Antwort; und sie ist auch von Johannes so verstanden worden.
Jesus antwortet mit einem Bild, das dem Johannes aus dem Alten Testament bekannt und vertraut sein musste. Der Prophet Jesaja schildert die messianische Heilszeit: So wird es sein, wenn der Messias kommt: "Dann werden die Augen der Blinden sich auftun, und die Ohren der Tauben werden sich öffnen. Dann wird der Lahme springen wie ein Hirsch, und die Zunge des Stummen wird jauchzen. Wasser werden in der Wüste hervorbrechen, Bäche im dürren Land." (Jes. 35, 5-6) Jesus schickt die Jünger des Johannes zurück: Sagt eurem Meister, dass ihr die Erfüllung des Prophetenwortes erlebt habt! Jesu Antwort auf die Frage: "Bist du der Messias?" ist also ein unbedingtes Ja: Ich bin der Messias. Mit mir ist die Heilszeit, die von den Propheten verkündet worden ist, angebrochen. Ich bin derjenige, auf den du gewartet hast; dem du, Johannes, den Weg bereitet hast; auf den hin du gelebt, in dessen Dienst du dich gestellt hast. Jesu Antwort ist also die: Blickt auf meine Taten! Es sind die, von denen der Prophet gesprochen hat als von den Werken des Gottesknechtes. Es sind dort in der Verheißung und jetzt in der Erfüllung Taten und Worte des Erbarmens und der Heilung, in denen Gott selbst sich uns naht. Sie und keine anderen sind die Zeichen der Ankunft des "Kommenden". Wo man auf solche rettenden Zeichen trifft, da kommt Gott.

Aber Jesu Antwort besagt noch etwas anderes. Sein Messiastum ist anders, als die Juden es sich vorgestellt haben, und auch anders, als Johannes es sich vorgestellt hat: "Armen wird die Frohbotschaft verkündet." So wie Jesaja schon an einer anderen Stelle prophezeit, und wie Jesus in der Synagoge seiner Heimatstadt Nazareth erklärt hatte: "Der Geist des Herrn ruht auf mir, weil er mich salbte. Armen frohe Botschaft zu bringen, sandte er mich, Gefangenen die Befreiung und Blinden das Gesicht zu verkünden, Misshandelte freizulassen, das Heilsjahr Gottes anzukündigen." (Lk. 4, 18-19) Im Dienste der Frohbotschaft an die Armen und Verachteten, an die Kleinen und Sünder, an die Elenden und Trauernden steht alle Wundermacht Jesu; und wer mehr will von dem Anruf Gottes an die Freiheit und an den Glauben der Menschen, der nimmt an dieser Botschaft Ärgernis. Und deshalb fügt Jesus seiner Botschaft an den gefangenen Johannes hinzu: "Selig, wer an mir kein Ärgernis nimmt." Selig, wer sich meinem Anspruch nicht versagt. Johannes hat Jesus gefragt. Durch die Antwort, die ihm nicht verweigert wird, wird er selbst jedoch zum Gefragten. Er wird gefragt, ob er zu diesem Messias, der so gar nicht den Erwartungen entspricht, sein Ja sagt.

Das ist nun auch der Anspruch, die Grundfrage, die das heutige Evangelium an uns stellt; der wir uns zu stellen haben - in der Vorbereitung auf das Fest seines Kommens. Was bedeutet uns der menschgewordene Gott? Ist er nur eine verzierende Randfigur, die dasein oder auch fehlen kann; die die Wohnlichkeit der Erde erhöht und uns das Gefühl der Geborgenheit auf dieser Erde gibt? Oder sind wir uns wirklich dessen bewusst: Es kommt entscheidend darauf an, wie wir zu diesem Menschen, zu Jesus Christus stehen, und ob wir ihm Raum in unserem Leben geben? Ist er wirklich der Mittelpunkt unseres Lebens? Wir haben auf ihn hin zu leben, in seinen Dienst zu treten. Erst dieses Leben als Christen legitimiert uns, die Frage an den Herrn zu stellen: Bist du es eigentlich, auf den ich warte? Bist du es wirklich, der allein meinem Leben Sinn gibt? Oder zielt mein Leben an dir vorbei auf irgendetwas anderes? Auf irgendeinen, der nicht du bist? Diesen Fragen müssen wir uns gerade als Christi Jünger stellen, so wie es der Täufer getan hat, als er seine Jünger zu Jesus schickte: "Bist du es, der da kommen soll?" Auch uns gibt Jesus eine Antwort: Ich bin der erwartete Messias, der erwartete Heilbringer, kein anderer! Ich bin der Sinn und Mittelpunkt eures Lebens und der Welt. Zugleich sollten wir uns bewusst sein, dass gerade in dieser Antwort eine Frage an uns enthalten ist: ob wir bereit sind, das Ja des Glaubens zu sprechen: "Herr, zu wem anders sollen wir denn gehen? Du allein hast Worte ewigen Lebens."

 

4. Advent: "Josef - der Gerechte"

Einführung

An den Sonntagen des Advent stellt uns die Kirche in der Liturgie die großen Gestalten vor Augen, die dem Kommen des Herrn die Wege bereiten: Elisabeth, Johannes der Täufer, Maria. Sie weisen uns hin auf die Grundeinstellung, die wir vor Gott haben sollen: die Offenheit für Gottes Wort und für seine Wege. Im Evangelium heute steht Josef vor uns, der Zimmermann aus Nazareth, der konfrontiert wird mit der Unbegreiflichkeit des Willens Gottes. Josef wird zum stillen Helfer vom Werk Gottes. Er wird dem Messias den Namen geben: "Jesus - Gott rettet - Gott schenkt Heil."

    Herr Jesus Christus, du bist in der Fülle der Zeit in die Welt gekommen
    - Herr, erbarme dich!
    Du kommst jetzt in deinem Wort und in den Zeichen von Brot und Wein zu uns
    - Christus, erbarme dich!
    Du wirst am Ende der Zeiten in Herrlichkeit wiederkommen
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Herr, unser Gott, mit Maria und Josef setzen wir unser Vertrauen auf dich, dass du uns Leben und Heil schenken kannst. Darum kommen wir mit unseren Bitten zu dir:

  • Für alle Menschen in diesen vorweihnachtlichen Tagen: sei du in ihrer Mitte und schenke ihnen Frieden und Freude!
  • Für die Kranken und Einsamen: lass sie durch die Zuwendung anderer erleben, dass du der "Gott mit uns" bist!
  • Für alle, die keinen Sinn in ihrem Leben sehen: lass sie offen sein für die Begegnung mit dir!
  • Für alle, die vor schweren Entscheidungen stehen: ermutige sie, ihrem Gewissen zu folgen!
  • Für unsere Verstorbenen: schenke ihnen Frieden und Freude bei dir!

Guter Gott, du hast uns in deinem Sohn Jesus Christus ein Zeichen deiner Nähe und Liebe geschenkt. Wir danken dir dafür heute und alle Tage. Amen.

Predigt

Uns allen ist die Verkündigungs-Erzählung im Lukas-Evangelium vertraut: der Engel Gabriel wird zu Maria gesandt und richtet ihr die Botschaft aus, dass sie von Gott zur Mutter des Messias auserwählt sei. Und Maria spricht ihr Ja zu Gottes Wahl und zu Gottes Fügung: "Siehe, ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe nach deinem Wort!" Der Evangelist Matthäus berichtet die Begebenheit der Menschwerdung des Sohnes Gottes aus der Sicht des Mannes, der mit Maria verlobt war, aus der Sicht Josefs, des Zimmermanns aus Nazareth. Aber auch in dieser Sichtweise kommt klar zum Ausdruck, wie wir Menschen eigentlich immer fassungslos stehen vor den Wegen Gottes; und wie es auf das Ja des Menschen ankommt, auf das Ja des Glaubens an den guten Gott und an seine Fügungen. Und ähnlich wie Maria zum Engel spricht: "Mir geschehe nach deinem Wort!" so heißt es von Josef: "Als er erwachte, tat er, was der Engel des Herrn ihm befohlen hatte."

Wer war dieser einfache Mann aus Nazareth? Es ist uns kein einziges Wort von ihm in der hl. Schrift überliefert worden. Wohl steht ausdrücklich geschrieben, dass er sich seine Gedanken gemacht hat. Josef war also kein Mann der vielen Worte; wohl aber ein Mann, der nachgedacht hat. Und es heißt von ihm, dass er - wie Maria - gestaunt hat über das, was über das Kind Mariens gesagt wurde. "Staunen" im Verständnis der Bibel aber heißt: offen zu sein für das Neue, für das Unerhörte. Und dreimal wird es von Josef heißen: "Er stand auf." Er stand auf, um zu tun, was er als die Stimme Gottes in seinem Gewissen erkannt hatte. Josef war also ein Mann, der Gottes Stimme vernehmen konnte; der hineinhorchen konnte in das eigene Herz, wo Gott spricht. Ein zweites wird in unserem Text von Josef gesagt: "Josef war gerecht." Er war ein Mann, der sein Leben nach dem Wort und nach dem Gesetz Gottes ausrichtete; und zwar nicht nur dann, wenn dieses Gesetz seinen Wünschen entsprach, sondern immer und überall; also auch dann, wenn es hart war; und dann, wenn es dem Nächsten gegen den eigenen Vorteil recht gab. Gerechtigkeit als Sachlichkeit ("Was muss getan werden?") und als Ehrfurcht, als Respekt vor den Unbegreiflichkeiten eines anderen war in ihm. Diese Pflichttreue und diese sachliche Gerechtigkeit lebte in Josef auch gegenüber dem Gott seiner Väter. Ihm war der Dienst Gottes nicht die Sache wechselnder frommer Gefühle, sondern die Sache der Treue, die Gott dient und nicht dem eigenen frommen Ich. - Werden wir nicht von diesem einfachen Mann aus Nazareth gefragt, wie wir zu Gott, wie wir zu seinen Fügungen, zu seinem oft unbegreiflichen Willen stehen? Wie steht es mit unserer "Gerechtigkeit" und mit unserer Ehrfurcht und dem Respekt vor Gott und den Menschen, mit unserer Treue und mit unserem Dienst gegenüber Gott, gegenüber den Menschen?

Dieser einfache Mann aus Nazareth, der "gerecht" war, wurde von Gott auserwählt, als Vater den zu schützen und zu behüten, der sein Volk von seinen Sünden erlösen sollte. Josef soll dem Kind Mariens darüber hinaus den Namen geben. Und dieser Name ist ein Programm: "Jesus - Gott ist Heil; Gott schenkt Heil; Gott hilft." Fast hundertmal steht das, was das hebräische Wort "Jesus" bedeutet, im Alten Testament: "Siehe, Gott ist mein Heil. Ich will vertrauen und nimmer verzagen. Denn meine Stärke und meine Kraft ist Jahwe; er ward mir zum Heil." (Jes. 12, 2) Und ein anderes Wort aus dem Prophetenbuch des Jesaja lautet: "Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße des Freudenboten, der Frieden kündet, der frohe Botschaft bringt, der Heil kündet." (Jes. 52, 7) Wenn Josef also dem Kind Mariens den Namen "Jesus" geben soll, dann kommt darin zum Ausdruck, dass der Name "Jesus" kein gewöhnlicher Name ist, sondern ein prophetischer Name. Unterstrichen wird das im Evangelium heute noch durch den Hinweis auf den Namen "Immanuel". Der Evangelist Matthäus greift diesen messianischen Titel des Propheten Jesaja auf, der "Gott mit uns" bedeutet. Das ganze Leben und Wirken Jesu ist in diesem Wort "Immanuel" ausgedrückt: seine Verkündigung, seine Begegnungen mit den Menschen, sein Leiden und Sterben bezeugen und entfalten die Botschaft dieses Namens: "Jahwe ist Heil; Gott schenkt Heil; Gott ist Hilfe." Mehr noch: In seiner Person ist das Heil, ist die Herrschaft Gottes bereits verborgen gegenwärtig. Jesus ist nicht nur der, der das Heil Gottes ankündet; er ist der, der dieses Heil bringt, der dieses Heil ist: er ist der "Gott mit uns".

Diesem Retter-Kind hat Josef gedient, der einfache Zimmermann aus Nazareth, wortlos und treu: "Er stand auf und tat, was der Engel des Herrn ihm befohlen hatte." Und als dieser Jesus in der Welt hörbar wurde in der Botschaft des Evangeliums, da schied Josef ohne Aufsehen aus dieser Welt wie einer, der seine Pflicht getan hat. Aber das Leben dieses kleinen Mannes hatte einen Inhalt, einen Sinn gehabt; den einen Inhalt, auf den es in jedem Leben ankommt: Gott und sein Sohn Jesus Christus. Ihm hat er gedient, ohne sich ins Rampenlicht zu rücken. Und das ist eine Anfrage an unsere Zeit, an uns. Geht es uns um den Dienst Gottes, wortlos und treu, ohne Aufsehen und ohne öffentliche Anerkennung? Oder suchen wir uns selbst in den Mittelpunkt zu rücken? Der einfache Mann aus Nazareth beschämt uns: "Er stand auf und tat, was der Engel des Herrn ihm befohlen hatte."

Der Name "Jesus" allein, den Josef dem Kind Mariens gegeben hat, unterscheidet sich noch nicht von anderen prophetischen Symbolnamen, die Gottes Heil den Menschen verbürgen sollen. Die eigentliche Bedeutung des Namens "Jesus" ist erst durch die Auferstehung und die Erhöhung Jesu offenbar geworden. "Jesus Christus ist der Herr!" - so lautet das Bekenntnis der frühchristlichen Jüngergemeinde. So ist es aber auch schon den Hirten von Bethlehem kundgetan worden: "Heute ist euch in der Davidsstadt der Retter geboren worden; der ist der Messias, der Herr." Das Wort "Herr" ist im Alten Testament die Umschreibung für den Gottesnamen "Jahwe". Es ist der Name, den der Gott des Alten Testaments und Jesus gemeinsam haben: Jesus ist Gottes Sohn, Gott selbst, der dem Volk Israel und der ganzen Menschheit das Heil zuwendet; der der Retter und Erlöser aller ist. Genau das ist der Sinn der Worte, die der Engel des Herrn im Evangelium heute zu Josef spricht: "Du sollst ihm den Namen Jesus geben; denn er wird sein Volk erretten von seinen Sünden." Jesus tut das, was der Gott des Alten Bundes tut: Er rettet aus Sünde und Schuld.

Nehmen wir diese Überzeugung mit in diese Tage vor Weihnachten, da wir des Kommens Gottes in unsere Welt gedenken: Wir sind - wie Josef und wie Maria - gerufen, auf Gottes Wort zu hören. Wir sind gerufen zur Gerechtigkeit, zur Treue, zum Dienst. Wir dienen dem, der das Heil der Welt, der unser Heil ist; der aus Sünde und Schuld rettet. In dem unscheinbaren Kind von Bethlehem sollen wir den "Herrn", sollen wir Gott selbst erkennen. In Maria und Josef haben wir Vorbilder dieser Offenheit, Vorbilder des Glaubens, der Treue und des Dienstes. Auch wir dürfen einem guten Herrn vertrauen und ihm dienen.

 

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