Lesejahr A
23. - 34. Sonntag im Jahreskreis

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Christkönigsfest

 

23. Sonntag: "Die Zugabe der Liebe"

Einführung

"Bleibt niemand etwas schuldig - außer der gegenseitigen Liebe!" So hören wir heute in der Lesung aus dem Römerbrief. Den anderen gut sein; keine Gewalt ausüben über andere; sich immer wieder um Versöhnung und Frieden mühen: dazu sind wir gerufen. Nie werden wir mit dieser Aufgabe an ein Ende kommen. Ja, wir können es nicht; denn das Maß unseres liebenden Einsatzes ist uns vom Herrn vorgegeben. Es ist das Maß der Liebe Gottes, die offenbar wurde in der Hingabe Jesu für uns. Wir wollen uns darum zu Beginn dieser Eucharistiefeier besinnen auf den Herrn und seine Hingabe, auf seine Liebe. Wir wollen von ihm erbitten die Vergebung unserer Halbherzigkeit und unseres Versagens.

    Herr Jesus Christus, du bist vom Vater gesandt, uns den Frieden zu bringen, den die Welt nicht geben kann
    - Herr, erbarme dich!
    Du hast uns in deine Nähe gerufen, obwohl wir mitschuldig sind am Unfrieden um uns
    - Christus, erbarme dich!
    Du hast uns deinen Geist gesandt, damit Frieden und Versöhnung durch uns entstehen
    - Herr, erbarme dich!

Es erbarme sich unser der allmächtige Gott! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Wir beten voll Vertrauen zu unserem Herrn Jesus Christus, der uns die Liebe zum Nächsten aufgetragen hat, und der uns das Beispiel einer Liebe ohne Grenzen und ohne Maß gegeben hat:

  • Gib, dass deine Kirche, die Gemeinschaft der Glaubenden, aus dem Vertrauen auf deine Güte und Liebe lebt!
  • Mache deine Kirche zu einem Ort des Friedens und der Liebe in einer Welt der Selbstsucht und des Hasses!
  • Gib uns allen ein offenes Herz für die Nöte unserer Brüder und Schwestern!
  • Schenke unseren Verstorbenen in deiner Güte deinen ewigen Frieden!

Du, Herr, bist voll Erbarmen und Liebe zu uns Menschen. Dich loben und preisen wir mit dem Vater und dem Heiligen Geist jetzt und alle Tage unseres Lebens. Amen.

Predigt

Ausgangspunkt der Besinnung soll der erste Satz der heutigen Lesung aus dem Römerbrief sein: "Bleibet niemand etwas schuldig - außer der wechselseitigen Liebe!" Was will der heilige Paulus mit dieser Mahnung seinen Mitchristen in Rom, aber auch uns heute sagen?

Wenn wir jemand gegeben haben, was ihm gebührt, was ihm zusteht, dann sind wir - das ist unsere alltägliche Überzeugung - gleichsam mit ihm "quitt". Dann schulden wir ihm nichts mehr. Dann haben wir ihm gegeben, was er fordern konnte. Dann können wir innerlich denken: Wir haben unsere Rechnungen beglichen. Du hast, was du verlangen konntest; und du hast mir gegeben, was ich von dir fordern kann. Und nun ist alles in Ordnung. Der heilige Paulus ist da anscheinend anderer Meinung. Er meint offensichtlich, an diesem Punkt fange es für den Christen erst richtig an: "Bleibt niemand etwas schuldig. Nur eines schuldet ihr immer noch einander: einander zu lieben." Das bedeutet doch: Wenn ich den anderen anständig behandelt habe; wenn ich meine Rechnungen bezahlt habe; wenn ich den Mitmenschen respektiert habe; wenn ich diese oder jene Hilfeleistung gewährt habe, auf die er ein Recht hat: dann - so der heilige Paulus - fängt das eigentliche Schuldigsein erst an.

Was bin ich dem anderen denn noch schuldig? Eines bleibt noch als "Schuld": die wirkliche Liebe zum anderen. Das ist sozusagen die "Zugabe" zu allem, was ich konkret tue; was ich im einzelnen für den anderen tue und tun soll. Wie wird diese "schuldige Liebe" denn "bezahlt"? Wir haben doch anscheinend alles schon gegeben, was wir geben konnten. Was kann man denn noch von uns "verlangen", wenn wir - wie Paulus meint -immer noch die "ganze Liebe" schuldig sind? Wir sind dem andern noch uns selbst schuldig - nicht mehr und nicht weniger! Wir selber sind, wir selber müssen sein die "Dreingabe", die "Zugabe", auf die es in allem konkreten Tun ankommt. Wir haben nicht nur dieses oder jenes zu geben und zu leisten. Wir haben uns selbst noch mitzugeben. Wir wissen aber alle, das ist sehr viel; das ist ein dicker Brocken, den wir zu schlucken haben. Doch: was schulden Eltern ihren Kindern? Was schulden Ehegatten einander? Doch sich selbst! Und nicht nur Nahrung und Kleidung und Geld!

Der tiefste Grund für uns Christen, diese "Zugabe" zu machen, diese eigentliche Pflicht zu erfüllen, ist der, dass eine solche "Liebe" uns von Gott selbst in Jesus Christus vorgelebt, vordemonstriert worden ist. Er hat nicht nur irgendetwas aus seiner Welt uns gegeben, geschenkt. Er hat sich selbst für uns hingegeben. Er hat uns nicht nur seine vielfältigen Gaben mitgeteilt (zu denen er vielleicht "verpflichtet" war - wenn er uns schon geschaffen hat), sondern er hat sich selbst verschenkt. Seine Todeshingabe am Kreuz ist der Ausdruck dieser seiner Liebe ohne Maß. Das meinen wir übrigens, wenn wir - mit einem verbrauchten Wort - sagen: Gott schenkt uns seine "Gnade". Das Wort "Gnade" bezeichnet genau dies: Gott teilt sich selbst uns mit. Er gibt sich selbst und ganz für uns dahin, weil er uns liebt. Die Liebe schenkt immer sich selbst. Für diese göttliche "Zugabe" müssen wir ein Sensorium haben, ein Wahrnehmungsvermögen.

Wenn wir jedoch eine solche "Liebe" zum Nächsten haben sollen, wie Gott selbst sie übt, wenn wir uns selbst dem anderen geben sollen, dann (das spüren wir) hört unser Schuldigsein, dann hört unsere Schuld nie auf. Dann wächst sie immer mit jeder Rechnung, die wir bezahlen. Dann werden wir nie fertig. Wir verstehen nun vielleicht besser, warum Paulus sagt: "Die Liebe ist die Vollendung des Gesetzes." Die Gesetze können oft nur mein und dein abgrenzen; sie zeigen dem einzelnen oft nur, was er dem anderen an messbaren, an nachweisbaren Leistungen unbedingt geben soll. Gesetze können immer nur ein "Mindestmaß" ermöglichen. Für die Liebe ist maßgebend das "Übermaß". Wo die Liebe anfängt, wo der Mensch wenigstens versucht, damit anzufangen, da ist alles bloß Normhafte, alles bloß Gesetzhafte "aufgehoben", auf eine andere Ebene gehoben. Darum ist die Liebe die "Erfüllung des Gesetzes" und das "Band der Vollkommenheit".

Ich will schließen mit einer chassidischen Geschichte, die Martin Buber gesammelt hat, und in der die Frage nach einer Liebe, die sich dem einzelnen hier und heute zuwendet, zuwenden soll, die wir den anderen "schuldig" sind, in aller Deutlichkeit gestellt wird. Die Geschichte sagt, dass der Rabbi Levi Jizchak von Berditschew mit den Vorstehern seiner Gemeinde eines Tages vereinbarte, dass sie ihn zu ihren Versammlungen nur noch laden sollten, "wenn sie einen neuen Brauch oder eine neue Ordnung einzuführen gedächten". Die Geschichte fährt dann fort: "Einmal wurde er zu einer Versammlung geladen. Sogleich nach der Begrüßung fragte er: Welches ist der neue Brauch, den ihr einsetzen wollt? Sie antworteten: Wir wollen, dass die Armen fortan nicht mehr an der Schwelle des Hauses betteln, sondern eine Büchse werde aufgestellt, und alle Wohlhabenden tun Geld hinein, jeder nach seinem Vermögen, und daraus sollen die Bedürftigen bedacht werden. Als der Rabbi dies hörte, sprach er: Meine Brüder, habe ich denn nicht von euch erbeten, um eines alten Brauches und um einer alten Ordnung willen solltet ihr mich nicht der Lehre entziehen und zu eurer Versammlung laden? Erstaunt wandten die Vorsteher ein: Unser Meister, das ist doch eine neue Einrichtung, die wir heute beraten. Ihr irrt, rief er, eine uralte ist es, ein uralter Brauch von Sodom und Gomorrha her. Entsinnt euch, was erzählt wird von dem Mädchen, das in Sodom einem Bettler ein Stück Brot reichte: wie sie das Mädchen ergriffen und den Bienen zum Fraß aussetzten ob des großen Frevels willen, den sie verübt hatte. Wer weiß, vielleicht hatten auch sie eine Gemeindebüchse, darein die Wohlhabenden ihre Almosen taten, um ihren armen Brüdern und Schwestern nicht ins Auge zu sehen."

Eine Gabe allein, eine Hilfe, ein sogenanntes "Trostwort" kann den, der die Gabe, der das Trostwort erhält, "demütigen". Wir haben viel mehr zu geben. Wir haben unser Herz; wir haben uns selbst zu geben; wir haben uns der Not des Mitmenschen, des konkreten, nicht eines vorgestellten, zu öffnen. Wir haben uns selbst in eine Gabe, in eine Hilfe, in ein Wort des Trostes hinein zu legen. Wir feiern miteinander Eucharistie. Wir gedenken der Liebe Gottes zu uns in Jesus Christus. Wir haben nicht nur sein "Wort" - das selbstverständlich auch! Wir haben seine Gabe; wir haben ihn selbst erhalten. Er hat sich - buchstäblich! - in diese Gaben von Brot und Wein "hinein gelegt": unter den Gestalten von Brot und Wein ist er da und will von uns empfangen werden. Er hat sich unsere Not zu Herzen genommen; er hat uns geholfen; sein Leben war Dasein für uns bis in den Tod. Lassen wir uns von ihm anspornen und die Richtung weisen! "Wenn wir einander lieben, bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollendet." Seien wir immer bereit, unseren armen Brüdern und Schwestern ins Auge zu sehen - im demütigen und zugleich dankbaren Wissen darum, dass Gott uns in Jesus Christus in Gnaden angeschaut und angenommen hat.

 

24. Sonntag: "Vergeben können"

Einführung

Die Nächstenliebe, die sogar den Feind einschließt, kennt nicht das Töten, das Würgen, das Treten - in welcher Form auch immer! Dieses Motto der Härte dem Bruder gegenüber kann für uns Christen in keiner Weise maßgebend sein. Ein Kennzeichen wirklicher Nächstenliebe ist die Bereitschaft zu vergeben und zu verzeihen. Es ist die Voraussetzung dafür, dass vor Gott unsere Schuld Vergebung findet. "Vergib uns, wie wir vergeben haben." So beten wir im Vaterunser. Wir wollen uns darum zu Beginn dieser Eucharistiefeier besinnen. Wir wollen Jesus Christus, der uns das Beispiel der Gnade und Vergebung vorgelebt hat, um seine Hilfe und um seine Kraft bitten.

    Herr Jesus Christus, du bist gekommen, um uns von Schuld und Sünde zu erlösen
    - Herr, erbarme dich!
    Du gebietest uns, dem Bruder nicht nur siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal von Herzen zu vergeben
    - Christus, erbarme dich!
    Du ermutigst uns, auch dem Feind zu vergeben
    - Herr, erbarme dich!

Es erbarme sich unser der allmächtige Gott! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Herr Jesus Christus, du bist in diese Welt gekommen, um uns von Schuld und Sünde zu erlösen. Darum kommen wir voll Vertrauen mit unseren Bitten zu dir:

  • Für unseren Papst und die Bischöfe: Erfülle sie mit dem Geist des erstehens und der Versöhnung!
  • Für uns, die wir deinen Namen tragen: Gib uns die Kraft, unseren Brüdern und Schwestern von Herzen zu vergeben!
  • Für die Völker der Erde: Zeige ihnen Wege, Frieden und Eintracht untereinander zu schaffen!
  • Für die Vielen, die nicht zur Vergebung bereit sind: Wandle ihre Hartherzigkeit in Milde und Erbarmen!

Herr Jesus Christus, mit diesen Bitten kommen wir zu dir und hoffen auf Erhörung durch dich, der du allen Menschen mit Güte und Erbarmen entgegenkommst. Dir sei Ehre und Lobpreis in Ewigkeit! Amen.

Predigt

In seinen Gleichnissen will Jesus vor allem diesen Unterschied deutlich machen: So ist, so handelt Gott - und so sind, so handeln die Menschen. Ein treffendes Beispiel für dieses unterschiedliche Denken Gottes und der Menschen ist das Gleichnis, das wir eben gehört haben. Jesus erzählt es, als Petrus ihm die Frage stellt: "Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er sich gegen mich versündigt? Etwa siebenmal?" Und Jesus gibt ihm zur Antwort: "Nicht (nur) siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal." Und er verdeutlicht und motiviert diese Forderung mit unserem Gleichnis von den zwei Schuldnern.

"Knechte des Königs" heißen in der Bibel die obersten Beamten des Herrschers. Dem König wird einer vorgeführt, der ihm 10.000 Talente, also eine Riesensumme schuldig geblieben ist. Es handelt sich wohl um einen Statthalter, der den Steuerertrag einer ganzen Provinz schuldig geblieben ist. Diese Riesensumme, die alle Vorstellungen übersteigt, soll dem Hörer den Kontrast zu der kleinen Schuldsumme von 100 Denaren mit Wucht aufdrängen. Zugleich wird hier die Deutung des Gleichnisses sichtbar: hinter dem König wird Gott sichtbar; hinter dem Schuldner der Mensch, der die Botschaft von der Vergebung hört. Der Befehl des Königs lautet: Den Besitz des Knechtes, ja ihn selbst, seine Kinder und seine Frau zu verkaufen. Das ist zwar angesichts der riesigen Schuldsumme lächerlich, verdeutlicht aber den Zorn des Königs. Der Knecht, der sich seinem Herrn auf Gedeih und Verderben ausgeliefert weiß, bittet um Zahlungsaufschub; er verspricht, alles wieder gut zu machen. Es gelingt ihm, den König zu besänftigen. Ja, dessen Güte geht über alles Erbetene weit hinaus. Er erlässt ihm seine im Grund nicht gutzumachende Schuld. Zu dieser Güte seines Herrn steht nun sein Verhalten einem Mitknecht gegenüber in einem schreienden Gegensatz. Er selbst gibt keine Gnade, obwohl das Versprechen des Mitknechtes, die Bagatell-Schuld zurück zu zahlen, erfüllbar ist.

Es ist klar: Jesus will mit diesem Gleichnis das Tun Gottes und das Handeln der Menschen deutlich machen; und er will uns einen Weg weisen, wie wir vor Gott richtig leben können. Er will uns zeigen, wie wir seiner Forderung der Nächstenliebe in einem konkreten Fall entsprechen können. Gott lässt dem Menschen, uns allen Verzeihung, Nachlass von Schuld zuteil werden - und zwar in einer Weise, die eigentlich alles menschliche Denken und Begreifen übersteigt. Für Gott, den Geber alles Guten, zählt nicht mehr, dass wir ihn an den Rand unseres Bewusstseins gerückt haben und immer noch rücken; vor ihm zählt nicht, dass er oft für uns Luft ist; dass wir ihn nur sehen, wenn wir etwas von ihm haben wollen; dass wir sein Gebot der Nächstenliebe mit Füßen treten - und das nicht einmal, sondern mehr als siebenundsiebzigmal. Gott schenkt uns Vergebung in unbegreiflicher Weise. Sollten wir da nicht angesichts dieser Güte Gottes unseren Mitmenschen ihre Bagatell-Schuld erlassen? Gottes Vergebung uns gegenüber nimmt uns in Pflicht. Sie mahnt uns, niemand zu würgen, bis er seine Schuld bezahlt hat. Gottes Güte mahnt uns, selber gütig zu sein, barmherzig, vergebungsbereit, und dies nicht nur aus Berechnung. Das Motiv unserer Bereitschaft zur Vergebung ist, dass wir selber von der Güte Gottes leben; dass er nicht darauf sieht, dass und wie oft wir ihn vergessen; dass wir seiner Vergebung würdig sind. Unsere Vergebung und Vergebungsbereitschaft anderen gegenüber ist vielmehr der Versuch, Gott unseren Dank abzustatten für seine Gnade, für sein grenzenloses Erbarmen uns gegenüber.

Im Prinzip ist uns diese Lehre des Gleichnisses klar: zu vergeben - bis zu siebenundsiebzigmal; weil wir selber vom Erbarmen und von der Güte Gottes leben. Aber: zahle ich dann nicht immer drauf? Bin ich dann nicht immer derjenige, der den Kürzeren zieht? Denn das ist ja offenkundig: es gibt auch Schurken, so wie es der Typ im heutigen Gleichnis ist. Es gibt Leute, die unsere Güte, unser Erbarmen, unsere Liebe und unseren Einsatz gerne akzeptieren, selber aber uns und anderen gegenüber kein Erbarmen und keine Liebe kennen; sie kennen nur sich selbst und ihren Vorteil. Es gibt Leute, die uns ausnützen, wenn wir gut sind und Schuld vergeben; die uns so lange gebrauchen, wie sie von uns Vorteile haben; und die uns fallen lassen wie eine heiße Kartoffel, wenn sie meinen, etwas Besseres gefunden zu haben. Verlangt Jesus von uns, dass wir ein solches Fehlverhalten mit dem Mantel der Liebe, des Vergessens und des Verzeihens bedecken? Ich meine, es sei notwendig, hier einige Ergänzungen zu machen - und zwar durchaus im Sinne Jesu und des Evangeliums.

Zunächst: offensichtlich ist der Schurke in unserem Gleichnis, nachdem er sein wahres Wesen (dass er nur sich selbst kennt und kein Erbarmen für andere hat) gezeigt hat, in keiner Weise vom König bzw. von Gott selbst für sein Verhalten belobigt worden; der Zorn des Königs trifft ihn nun voll und ganz. Wer kein Erbarmen seinem Mitmenschen gegenüber hat, darf nicht meinen, vom Mitmenschen bzw. von Gott Erbarmen verlangen zu können, gleichsam als ein einklagbares Recht. So sehr ich meinerseits bereit sein muss zur Güte, zur Vergebung, zum Verzeihen, so wenig leitet sich daraus das Recht ab, den Vergebenden, den Liebenden auszunützen, ihn zu gebrauchen und zu quälen oder ihn gar kaputt zu machen; ihn in seinem innersten Wesen zu verletzen und weh zu tun. Natürlich haben auch wir uns zu fragen, ob wir in dieser Weise einem anderen Menschen, einem, den wir gern haben, den wir lieben, schon weh getan haben. Hier ist eine Wiedergutmachung am Platz, soweit das möglich ist. Wir sollten dabei bedenken: Es könnte ja sein, dass die Rolle, die wir eigentlich im Leben spielen, nicht die des armen und bedauernswerten Opfers der Hartherzigkeit der Menschen ist; dass wir auch nicht die Rolle des wohlwollenden, des barmherzigen Königs spielen, herablassend nach allen Seiten grüßend und Lob heischend; sondern dass wir selber die Unbarmherzigen sind, diejenigen, die den Mitmenschen würgen und kaputt machen.

Damit stehen wir wieder beim Evangelium, das uns gerade diesen Unterschied in der Denkweise Gottes und der Menschen vor Augen führen will. Wenn Gott so denken und handeln würde wie wir Menschen, dann gäbe es kein Erbarmen und keine Gnade. Dann gäbe es allenfalls: "Bezahle, was du schuldig bist!" Dann gilt das Gesetz: "Wie du mir, so ich dir!" Gott hat uns in Jesus von Nazareth jedoch ein anderes Denken und Handeln vor Augen geführt. "Eine größere Liebe hat niemand als wer sein Leben hingibt für seine Freunde." "Gott hat uns geliebt, als wir noch Sünder waren." Der Herr hat sich für uns hingegeben, weil wir ihm etwas bedeuten; nicht weil wir gut sind, sondern weil er gut ist; weil er uns liebt. Das Kreuz ist das Zeichen und das Unterpfand dieser seiner Liebe und Güte zu uns bis in den Tod. Diese Einstellung müsste auch unser Leben prägen, müsste unser Leben verwandeln - gerade im Zusammensein mit anderen. Aus dem Wissen um diese Barmherzigkeit Gottes uns gegenüber sollen wir barmherzig sein, vergebungsbereit, gut. Diese unsere Güte, unsere Vergebungsbereitschaft und Barmherzigkeit sind also Ausfluss, Widerschein seiner Güte und Barmherzigkeit. Wir versuchen - unvollkommen und gebrochen - durch die anderen erwiesene Güte Gott Dank zu sagen.

Wir feiern miteinander Eucharistie. Wir begehen die Feier der Danksagung für seine eigentlich unbegreifliche Güte und Liebe. Lasst uns, so gut wir können, diese Güte weitertragen, unverdrossen, trotz vieler Enttäuschungen. Und haben wir selber Ehrfurcht voreinander! Tun wir nie einem anderen, einem geliebten Menschen in seinem Innersten weh! Seien wir dankbar, nicht nur für diese oder jene erwiesene Wohltat, sondern dass es den anderen, den geliebten Menschen überhaupt gibt. Und erbitten wir uns dazu seine Kraft!

 

25. Sonntag: "Unverdiente Güte"

Einführung

Das Thema des heutigen Sonntags, ja das Thema unseres Christseins überhaupt ist Gottes Huld und Güte zu uns. Zwischen ihm und uns obwaltet nicht das Verhältnis des genauen Ausgleichs zwischen Soll und Haben, zwischen seiner und unserer "Leistung". Zwischen ihm und uns obwaltet das Verhältnis des Erbarmens und der Liebe. Diese Güte Gottes ist nicht von uns verdient und verdienbar. Das ist zunächst eine demütigende Wahrheit. Wenn wir es aber richtig bedenken, dann ist es eine frohmachende Wahrheit. Denn wir sind nicht dazu verurteilt, Gott eine abgerundete "Leistung" einmal zu präsentieren. Wer hätte dann eine Chance? Gott liebt uns nicht, weil wir gut sind, sondern weil er gut ist. Wir wollen uns darum wieder auf diese Grundgegebenheit unseres Christseins besinnen. Und wir wollen uns mit unseren Bitten an Gott wenden, der die Güte und die Liebe ist.

    Herr Jesus Christus, du bist vom Vater gesandt zu heilen, was verwundet ist
    - Herr, erbarme dich!
    Du bist gekommen, die Sünder zu berufen
    - Christus, erbarme dich!
    Du bist zum Vater heimgekehrt, um für uns einzutreten
    - Herr, erbarme dich!

Es erbarme sich unser der allmächtige Gott! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Jesus Christus hat uns die grenzenlose Güte seines himmlischen Vaters geoffenbart. Voll Vertrauen kommen wir darum mit unseren Bitten zu ihm:

  • Für alle, die die Botschaft vom Reich Gottes verkünden: Vermittle durch sie den Menschen das Beglückende und Befreiende des Evangeliums!
  • Für die Verantwortlichen in Staat und Gesellschaft: Zeige ihnen Wege zu sozialer Gerechtigkeit und Frieden!
  • Für die Schwachen und Schutzlosen in unserer Gesellschaft: Lass sie bei uns Hilfe und Schutz finden!
  • Für uns, die wir uns Christen nennen: Gib uns die Kraft, deine grenzenlose Liebe und Güte im Leben zu bezeugen!
  • Für unsere Verstorbenen: Gib ihnen in deiner Güte Heimat im Reich deines himmlischen Vaters!

Denn du, Herr, bist unsere Hoffnung und unser Halt. Wir preisen deine Barmherzigkeit und Güte, der du mit deinem Vater und dem Heiligen Geist lebst und herrschst in Ewigkeit. Amen.

Predigt

Die Lehre des Gleichnisses vom "gütigen Arbeitsherrn" scheint eindeutig zu sein: Zwischen Gott und uns Menschen obwaltet nicht das Verhältnis der Gerechtigkeit, sondern das Verhältnis der Güte und des Erbarmens. Gott gibt in seiner Güte den Letzten wie den Ersten. Vor Gott gibt es kein einklagbares Recht auf Lohn. Trotzdem sind wir mit dieser Erklärung nicht so recht zufrieden. Da bleibt nämlich etwas zurück, was beunruhigend, ja verwirrend ist.

Ich glaube, nicht das ist für uns das Anstößige an unserem Gleichnis, dass es Heil und Lohn auch für die zuletzt Gekommenen gibt, für die Versager, für die Sünder. Niemand würde auch daran Anstoß nehmen, dass der Herr des Weinbergs den Arbeitern der letzten Stunde einen Denar zahlte, wenn er nur den Lohn derer, die des Tages Last und Hitze getragen haben, entsprechend aufgestockt hätte. Niemand hätte etwas dagegen, dass Jesus auch den Zöllnern und Dirnen Anteil am Reich Gottes gewährte. Aber dass all diese Leute anscheinend den Arbeitern der ersten Stunde, den treuen Beobachtern der Gebote gleichgestellt oder gar vorgezogen werden, damit kommen wir nicht zurecht. Bedeutet das denn nicht die Entwertung von Treue, von sittlicher Anstrengung, vom Ertragen der Last und Hitze des Tages? Welchen Sinn hat es dann noch, den ganzen Tag zu arbeiten? Warum dann nicht bis zur letzten Stunde warten? Zehn Prozent Anstrengung genügen anscheinend doch auch vor Gott! Ich meine, hier sei ein drängendes Problem vieler treuer Christen angesprochen, die versuchen, die Forderungen des Christseins zu erfüllen.

Wir brauchen ja nur das Heil, das nach dem Neuen Testament an die Kirche und an die Sakramente geknüpft ist, auf den einen Denar zu beziehen, den die Arbeiter der ersten Stunde erhalten, gewiss entsprechend der Abmachung. Wenn derselbe Denar aber von Gottes Güte auch anderen gegeben wird; wenn es Heil anscheinend auch ohne Mühe und auch außerhalb gibt, wozu dann die Last und die Verpflichtung des ausdrücklichen Christseins mit sich herumschleppen? Geht es nicht auch billiger, unkomplizierter, mit weniger Gewissensbissen? Wozu dann auch Mission? Sollen wir die Leute in Afrika, Indien oder Japan nicht besser in Ruhe lassen? Wozu die Menschen dazu bewegen, gleichsam am frühen Morgen sich schon in den Dienst Gottes zu stellen? Wäre es nicht menschenfreundlicher, andere von der Last der Erkenntnis und Verpflichtung zu verschonen, ohne die sie unbeschwerter und ungefährdeter leben können? Ist es dann nicht unverdientes Pech, ja ein Unglück, schon am frühen Morgen angeworben zu werden? Am Ende ist man dann doch nicht besser dran als diejenigen, die sich einen schönen Tag gemacht und am Schluss noch einige Tränen der Reue vergossen haben? Dann sind doch die Nichtchristen, die Atheisten, die Heiden in einer glücklicheren Lage als diejenigen, die die Last des kirchlichen Christentums auf sich nehmen. Sind also nicht zumindest die ersten elf Stunden Arbeit sinnlos?

Wenn wir im heutigen Evangelium nach einer Antwort auf unsere Fragen suchen, dann finden wir keine ausdrückliche Antwort. Vielleicht könnte eine Antwort (und zwar durchaus im Einklang mit vielen anderen Texten der Heiligen Schrift) so lauten: Die elf Stunden Arbeit, das sittliche Bemühen wären in der Tat sinnlos, wenn diese Arbeit im Weinberg nur Last und Hitze des Tages wäre; wenn Glaube und christliches Leben nur Bürde und Pflicht wären; wenn sie nichts Frohmachendes und Glücklichmachendes zum Inhalt hätten. Dann wären wirklich die anderen, die sich ein leichtes Leben machen, zu beneiden. Eine Frage: Beneiden wir nicht zuweilen die Nicht-Christen? Schielen wir nicht manchmal sehnsüchtig nach den Lastern der Heiden? Versuchen wir nicht manchmal, doch noch etwas von den "verbotenen Früchten" zu erhaschen?

Wenn wir unser Christsein im Vergleich mit anderen nur als Ballast empfinden, als Bürde und Last, dann werden wir nach einer Gelegenheit suchen, diesen Ballast abzuwerfen - wie so viele in unserer Umgebung. Aber haben wir uns schon einmal gefragt, ob wir, wenn wir unser Christsein aus Überzeugung leben, bei aller Mühe und Last nicht doch glücklicher sind, sein müssten, als diejenigen, die ohne Arbeit herumstehen; die sich nicht an sittliche Pflichten und Forderungen halten? Sind wir nicht doch, wenn wir an Jesus Christus glauben, vor anderen bevorzugt und nicht "bestraft", weil uns doch schon jetzt ein Lebenssinn und eine Lebenserfüllung geschenkt sind, die die Nichtglaubenden in dieser Weise nicht haben, entbehren müssen? Ist dann nicht das "müßige Herumstehen", das Leben des Nichtglaubenden vielleicht weniger anstrengend, dafür aber umso sinnleerer? Und treffen wir nicht diese Sinnleere heute allenthalben an? Die Angst abtreten zu müssen, ohne das Glück und die persönliche Erfüllung gefunden zu haben?

Als Christen wissen wir um einen Sinn des Lebens, der nicht abhängt von unserer Mühe und Anstrengung, von unserem Machen und Leisten; ob wir Erfolg haben; ob wir ein Resultat vorweisen können. Der Christ weiß sich vom "Dämon Erfolg" befreit. Wir brauchen Gott letztlich nichts zu beweisen; denn er liebt uns ja; seinen Händen sind wir eingeschrieben. Und er liebt uns nicht, weil wir gut und perfekt sind; weil wir treue Beobachter seiner Gebote sind, sondern weil er gut ist, grenzenlos gut. Wir bemühen uns darum, gute Menschen zu sein, nicht damit er, Gott, uns gnädig ist; damit er uns einmal den wohlverdienten, den einklagbaren Lohn gibt für unsere Leistungen. Gott muss sich nicht bei uns einmal bedanken. Wir schulden ihm Dank. Wir sind die Beschenkten. Unser sittliches Bemühen, unsere Arbeit ist also nur die Antwort auf seine Güte und Liebe. Weil er uns gnädig gewesen ist, weil wir umfangen sind von seiner Huld und Liebe, darum bemühen wir uns um ein anständiges Leben; darum bemühen wir uns, ihm unsere Dankbarkeit zu zeigen; darum sind wir froh, für ihn arbeiten zu dürfen. Darum brauchen wir keine Angst vor Gott zu haben.

Das bedeutet aber auch: Wir sollen in keiner Weise die Hände in den Schoß legen. Wir erwarten aber nicht von unserer Arbeit, von unserem Bemühen, gar vom Erfolg unserer Anstrengungen das Heil. Wir erwarten vielmehr alles von seiner Güte. Unser Tun und unser Bemühen sind der Dank für seine Großzügigkeit, für seine Gnade. Deshalb stehen wir nicht mehr unter dem gebieterischen Muss, Gott eine vorweisbare Leistung präsentieren zu müssen, gar den Himmel "kaufen" zu müssen. Wer kann das überhaupt, wenn wir ehrlich sind? Wir wissen als Christen, dass das Eigentliche im Leben nicht Leistung ist, sondern Geschenk, Gabe, Gnade. Das gilt schon für unser natürliches Leben. Können wir uns denn die Liebe eines anderen verdienen, gar kaufen? Wenn wir so fragen, spüren wir sofort die Absurdität eines solchen Denkens. Zu wissen aber, einfach geliebt zu sein, das macht froh und glücklich; das befreit mich von der Angst, ob es mir je gelingt, die erforderlichen Leistungen zu erbringen, die den anderen zufrieden stellen; die den unendlichen Gott zufrieden stellen könnten.

Wenn dieses Wissen, wenn dieser "Grund-Satz" unser Denken und Handeln prägt: "Gott ist gut! Gott liebt uns maßlos!" Dann haben wir eine Basis gefunden, einen Sinn des Lebens, der froh macht; der uns glücklich macht. Dann ist die Frage nach dem "billigeren" Weg auch als an der Wirklichkeit vorbei gehend erkannt. Denn Gott hat uns nicht erlöst mit einem Minimum an Einsatz (dem Prinzip der Technik), sondern mit einem Maximum an Einsatz: dem Prinzip der Liebe. Nur aus der Freude darüber, was wir in Gott und in Jesus Christus gefunden haben (dass er die Liebe ist), werden wir auf Dauer Christen sein und bleiben können. Ohne Freude kann der Mensch nicht leben; nur die Freude macht das Schwere leicht. Diese Freude, die aus dem Christsein kommt, kommen müsste, müsste man uns ansehen. Eine andere Motivation als diese Freude, die auf dem Grund der Liebe Gottes zu uns wächst, wird unseren Einsatz nicht tragen, rechtfertigt nicht unsere sittliche Anstrengung.

Wir feiern miteinander Eucharistie. Diese Feier hat dies wesentlich zum Inhalt: Gottes Liebe zu uns - unser Dank für seine Güte - die Freude und der Jubel darüber, die einmünden in die Begeisterung, uns für ihn einzusetzen. Dass wir immer in der Freude über das, was wir gefunden haben, den Elan für unseren Alltag, für die Stunden der Mühsal und Arbeit finden, darum lasst uns in dieser Feier beten! Und lasst uns die nicht vergessen, die irgendwo in der Welt als Missionare Zeugnis ablegen von der Liebe und Güte Gottes zu uns Menschen, zu jedem von uns.

 

26. Sonntag: "Ja- und Nein-Sager"

Einführung

In einer der chassidischen Geschichten, die Martin Buber gesammelt hat, ist ein Wort von Rabbi Bunam überliefert: "Die große Schuld des Menschen sind nicht die Sünden, die er begeht - die Versuchung ist mächtig und seine Kraft gering! Die große Schuld des Menschen ist, dass er in jedem Augenblick die Umkehr tun kann und nicht tut." Genau das scheint mir auch das Thema des heutigen Evangeliums von den beiden Söhnen zu sein. Es kommt nicht in erster Linie auf das Jasagen oder das Neinsagen an; sondern ob Gottes Wille von uns getan, erfüllt wird. Wir wollen uns darum zu Beginn dieser Eucharistiefeier besinnen, ob wir Gottes Weisungen und Anordnungen befolgen - auch wenn sie uns oft unbequem und lästig erscheinen.

    Herr Jesus Christus, du rufst uns auf, den Willen Gottes zu erfüllen
    - Herr, erbarme dich!
    Du ermutigst uns, deiner Einladung zu folgen, auch wenn sie uns unbequem ist
    - Christus, erbarme dich!
    Du vergibst uns immer wieder, wenn wir deinen Weisungen nicht folgen
    - Herr, erbarme dich!

Es erbarme sich unser der allmächtige Gott! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

In Jesus Christus begegnen wir der Güte und Liebe des himmlischen Vaters zu allen Menschen. Lasst uns darum zu ihm, unserem Heiland und Erlöser, unsere Bitten und Anliegen tragen:

  • Für alle, die im Dienst der Verkündigung des Willens Gottes stehen: dass sie ihr Leben nach der Frohbotschaft Jesu ausrichten!
  • Für die jungen Menschen, die Gott in den Dienst der Verkündigung ruft: dass sie diesem Ruf Folge leisten!
  • Für alle, denen Gott und die Kirche fremd geworden sind: dass sie nicht auf ihrem Nein beharren!
  • Für die Schwerkranken, die dem Tod nahe sind: dass sie versöhnt aus dieser Welt scheiden können!

Du, Herr, hast uns den Weg zum Leben gezeigt. Wir danken dir, dass du uns nahe bist und uns nicht verlässt. Dir sei Lob und Ehre in Ewigkeit! Amen.

Predigt

Immer wieder versucht Jesus in seinen Reden, in seinen Gleichnissen, in seinem Verhalten den Zuhörern, den Jüngern deutlich zu machen, dass das Denken Gottes anders ist als das Denken der Menschen; und dass wir uns das Denken Gottes zu eigen machen sollen. Am vergangenen Sonntag haben wir das Gleichnis vom gütigen Arbeitsherrn gehört, der Arbeiter für seinen Weinberg anwirbt. Von unserem menschlichen Tun her, von unserem Denken her dürfen wir nicht auf das Handeln Gottes schließen. Unser Tun gibt nicht ein zwingendes Maß für das Handeln Gottes. Gott folgt seiner Freiheit, mehr noch: seiner Güte. Wir sollen diese Freiheit, diese Souveränität und Güte Gottes respektieren und uns über jedes Zeichen seiner Güte freuen, auch wenn es nicht uns selbst zugute kommt. Gottes Güte nimmt uns allerdings in die Pflicht der Dankbarkeit. Diese Dankbarkeit zeigen wir im Tun des Willens Gottes. Es gibt kein anderes Zeichen der Dankbarkeit Gott gegenüber als das Tun des Willens Gottes - natürlich gebrochen und unvollkommen. Gott kommt es ja nicht auf unsere Perfektion an. Es kommt ihm auf das Zeichen des guten Willens an.

Dass dieses Tun des Willens Gottes wichtig ist, ja unabdingbar; dass die Mühsal und die Anstrengung im Tun des göttlichen Willens für Jesus selbstverständlich ist, auch wenn es nur eine Stunde Arbeit im Weinberg ist, das will uns auch das Gleichnis von den beiden ungleichen Söhnen verdeutlichen, das wir eben gehört haben. Beide Söhne werden vom Vater in einer sehr herzlichen Weise angesprochen und aufgefordert, im Weinberg zu arbeiten. Ihre Reaktion ist indessen ganz verschieden. Der erste Sohn sagt ein schönes, freundliches "Ja, Herr!" Er geht aber nicht in den Weinberg und macht keinen Finger krumm. Der zweite Sohn antwortet mit einem groben und abweisenden "Ich will nicht!" Er besinnt sich aber eines besseren und arbeitet dann doch im Weinberg. Beim ersten Sohn sind die Worte gut; das Tun fällt aber aus. Beim zweiten Sohn sind die Worte daneben; sein Tun ist aber gut. Damit ist klar: Es kommt nicht so sehr auf die Worte an, sondern auf das Tun. Nur wer den Auftrag, wer den Wunsch des Vaters wirklich ausführt, nur der erfüllt den Willen des Vaters.

Jesus erzählt dieses Gleichnis nicht seinen Jüngern, seinen Vertrauten. Er erzählt es den höchsten jüdischen Autoritäten, den Hohenpriestern und den Ältesten des Volkes. Sie sind zu ihm in den Tempel gekommen, um ihn nach seiner Legitimation zu fragen, um ihn zur Rede zu stellen wegen seiner Predigt und Unterweisung. Ihnen gegenüber muss sich Jesus rechtfertigen. Und er tut es mit unserem Gleichnis. In der Beurteilung der Sachfrage ("Wer von den beiden Söhnen hat den Willen des Vaters erfüllt?") sind sich Jesus und seine Gegner einig. Auch die Gegner Jesu sind der Meinung, dass der Wille des Vaters nur durch das Tun erfüllt werden kann. Nicht einverstanden sind sie indessen mit der Anwendung, die Jesus mit seinem Gleichnis im Sinn hat. Im Gleichnis sieht Jesus ja beschrieben das Verhalten der obersten religiösen Autoritäten des jüdischen Volkes einerseits und der Zöllner und Dirnen anderseits - und zwar gegenüber dem Willen Gottes, wie er durch den Täufer Johannes verkündet wurde. Die Frage der Gegner Jesu nach seiner Legitimation hatte dieser mit der Gegenfrage nach der Vollmacht des Johannes beantwortet; ob Johannes der Gesandte Gottes sei oder nur im eigenen Namen gepredigt habe.

Diesen seinen Gegnern, die einer Stellungnahme ausweichen mit der Bemerkung, sie wüssten nicht, in welcher Vollmacht Johannes gepredigt habe, sagt Jesus im heutigen Evangelium ganz offen, was er von Johannes hält, und wie er das Verhalten seiner Widersacher einschätzt: "Johannes ist gekommen, um euch den Weg der Gerechtigkeit zu zeigen", d. h. den Weg des richtigen Verhaltens gegenüber Gott und seinen Forderungen. Johannes kam im Auftrag Gottes und verkündete, was zu tun ist; was ein dem Willen Gottes entsprechendes Verhalten ist. Durch den Täufer Johannes hat Gott seinen Willen geäußert; er hat - bildlich gesprochen - zur Arbeit im Weinberg eingeladen. Die Eingeladenen aber schenkten ihm keinen Glauben; sie anerkannten ihn nicht als den von Gott gerufenen Propheten; sie gingen nicht auf seine Botschaft ein. Deshalb sind sie dem ersten Sohn gleich, der schöne Worte machen konnte, der aber den Willen Gottes nicht erfüllte.

Die Mahnung und Warnung Jesu an die Adresse seiner Gegner wird indessen noch schärfer, weil er ihnen die Zöllner und die Dirnen gegenüberstellt, die auf die Bußpredigt des Johannes gehört haben. Es ist für die Hohenpriester und die Ältesten des Volkes überhaupt schon beleidigend, dass sie mit den Zöllnern und Dirnen in einem Atemzug genannt werden. Nach ihrer Meinung sind diese Leute wegen ihres Lebenswandels von vornherein vom Reich Gottes ausgeschlossen. Jesus aber sieht in ihnen den zweiten Sohn, der zuerst entschieden Nein sagt; der aber dann in sich geht und den Willen des Vaters tut. Mit dieser Gleichsetzung - das dürfen wir nicht vergessen - lobt Jesus in keiner Weise die Lebensweise der Zöllner und der Dirnen; er ermutigt sie nicht zum Weitermachen. Das wäre ein grobes Missverständnis. Jesus anerkennt jedoch ihre gläubige Annahme der Bußpredigt des Johannes. Und Jesus wertet diese gläubige Annahme der Bußpredigt des Täufers als die Erfüllung des Willens Gottes. Diese Erfüllung, wenigstens der erste Schritt dieser Erfüllung des Willens Gottes ist notwendig für das Eingehen in das Himmelreich. Damit ist aber auch von Jesus gesagt: Keiner, der Nein gesagt hat, der schlecht gelebt hat, braucht zu verzweifeln. Es kommt nicht auf die erste Antwort mit einem Nein an, wenn es bei diesem Nein nicht bleibt; wenn dieses erste Nein durch das spätere Tun korrigiert und damit überholt wird. Und dieses tatsächliche richtige Tun derer, die zunächst verkehrt gehandelt haben, sollte erst recht diejenigen, die sich selber als gut und vorbildlich einschätzen, aber das richtige Tun vermissen lassen, zur Umkehr bewegen.

Für die Zugehörigkeit zum Reich Gottes kommt also alles darauf an, den Willen Gottes zu erkennen und - so gut man kann - diesen Willen Gottes zu erfüllen. Mit seinem Gleichnis und in der Auseinandersetzung mit den obersten jüdischen Autoritäten warnt Jesus vor einem Verfehlen des göttlichen Willens. Die Boten Gottes, die Gottes Willen verkünden, also Johannes der Täufer und erst recht Jesus selbst, müssen Anerkennung finden. Sie dürfen nicht beiseite geschoben, sie dürfen nicht ignoriert werden. Eine verweigerte Stellungnahme, ein Ignorieren ist eine Stellungnahme gegen Gottes Boten und damit gegen den Willen Gottes. Nichts kann das Tun dieses göttlichen Willens ersetzen. Eine erst verkehrte Antwort - und das ist das Tröstliche und Ermutigende im heutigen Evangelium - ist nicht notwendig eine endgültige, eine nicht mehr revidierbare Entscheidung. Sie kann durch die Bekehrung des Herzens und im Tun des Willens Gottes gutgemacht werden. Dazu ermutigt Jesus nicht nur die Menschen damals. Dazu ermutigt Jesus auch heute noch, jeden von uns.

 

27. Sonntag: "Wider die Herzenshärte"

Einführung

Die Geschichte Gottes mit der Welt und mit uns Menschen ist die Geschichte - so könnte man sagen - der zurückgewiesenen Liebe. Die beiden Lesungen aus dem Prophetenbuch des Jesaja und das Gleichnis von den bösen Winzern veranschaulichen dies. Der große Gott schließt mit uns Menschen einen Bund; er lässt sich bedingungslos auf uns ein. In seiner Liebe und Treue wirbt er immer wieder um unsere liebende Antwort. Wir aber bleiben ihm gegenüber oft so gleichgültig. Wir verstehen seine Liebe nicht. Ja, wir lehnen sie ab. Wir wollen darum zu Beginn der Eucharistiefeier Jesus Christus, in dem uns Gottes Huld und Treue begegnet sind, um seine Hilfe, um sein Erbarmen anrufen.

    Herr Jesus Christus, du hast uns die Liebe und Treue deines Vaters offenbart
    - Herr, erbarme dich!
    In deinem Leben, in deinem Leiden und Sterben hast du uns das Heil gebracht
    - Christus, erbarme dich!
    Du rufst uns immer wieder zur Umkehr von unseren verkehrten Wegen
    - Herr, erbarme dich!

Es erbarme sich unser der allmächtige Gott! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Gottes Bund mit den Menschen ist unwiderruflich. Seine Treue und sein Erbarmen sind unverbrüchlich. Darum kommen wir voll Vertrauen mit unseren Bitten zu ihm, unserem guten Vater:

  • Für den Papst, für die Bischöfe und Priester: Lass sie deine Frohbotschaft ohne Furcht der Welt verkünden!
  • Für die Männer und Frauen, die in der Gesellschaft Verantwortung tragen: Segne ihr Bemühen um Gerechtigkeit, Frieden und Eintracht!
  • Für alle, die Unrecht erleiden und benachteiligt werden: Gib ihnen Mut und lass sie Hilfe finden!
  • Für uns, die wir zur Gemeinschaft der Glaubenden gehören: Stärke in uns die Freude, zu deinem Volk zu gehören, und gib uns die Kraft, deine Liebe und Güte in der Welt zu bezeugen!

Gott unser Vater, du willst uns in das Reich der Gerechtigkeit und des Friedens führen. Wir danken dir und preisen dich jetzt und dereinst, wenn wir die Fülle deiner Herrlichkeit schauen dürfen. Amen.

Predigt

Die Gleichnisse Jesu sind in der Regel gesprochen zu seinen Gegnern; sie sind Streitwaffe; sie sollen sein Tun und seine Worte rechtfertigen. Mit seinen Gleichnissen will Jesus die verblendeten religiösen Führer seines Volkes zur Umkehr rufen. Sie sollen verstehen, dass Gottes Güte und Erbarmen mit den Verlorenen, mit den Sündern und Armen grenzenlos sind. "Seid doch um Gottes willen auch gütig und barmherzig!" Wenn sie jedoch zu dieser inneren Umkehr nicht bereit sind, dann wird Gott sich von ihnen abwenden. Denn Gottes Geduld mit der Herzenshärte der Menschen ist nicht grenzenlos. Unser Gleichnis von den bösen Winzern hat genau diese Lehre zum Inhalt.

Unser Gleichnis von den bösen Winzern knüpft wahrscheinlich an konkrete Verhältnisse an: weite Teile des damaligen Palästina gehörten landfremden Großgrundbesitzern. Und zur Zeit Jesu herrschte unter den Pächtern, besonders unter den galiläischen Bauern, eine revolutionäre Stimmung. Kein Wunder, dass es immer wieder zu Unbotmäßigkeiten kam. An derartige Vorkommnisse knüpft offensichtlich unser Gleichnis an. Es geht aber im Gleichnis in keiner Weise um die Lösung eines drängenden sozialen Problems. Jesus war kein Sozial-Revolutionär, was ihm oft unterstellt wird. Es geht Jesus vielmehr um die Erhellung einer grundlegenden religiösen Frage; es geht ihm um die Ausübung, vor allem aber um den Missbrauch der geistlichen Macht, die Gott Menschen anvertraut hat. Und das ist ja nicht nur ein damals aktuelles Problem.

Wenn es Jesus also in seinem Gleichnis um den Missbrauch der geistlichen Macht geht, dann wird damit deutlich, dass er seine Darbietung der Frohbotschaft an die Sünder, an die von den geistlichen Führern Verachteten und Armen rechtfertigen will, und zwar gegenüber seinen Kritikern. "Ihr, die Pächter des Weinbergs Gottes und Führer des jüdischen Volkes, die ihr mein Verhalten kritisiert, seid nicht bereit zur Umkehr, zum Umdenken. Ihr seid nicht bereit, euch Gottes Denken zu eigen zu machen. Ihr wollt nicht. Ihr gönnt den Kleinen und Armen, den Sündern und Verachteten nicht das Glück, die Frohbotschaft von der Huld, vom Erbarmen und von der Güte Gottes zu hören. Ihr habt zudem Widersetzlichkeit gegen Gott auf Widersetzlichkeit gehäuft. Die Geschichte der Propheten, der Boten Gottes beweist euren Starrsinn. Und auch den letzten Gottesboten weist ihr ab. Ihr lehnt mich ab. Nun ist das Maß voll. Darum wird Gottes Weinberg anderen gegeben werden. Ihr habt euch nicht als loyale Pächter des göttlichen Besitzes erwiesen. Ihr habt nur an euch selbst und an eure Machtposition gedacht."

Dass Israels religiöse Führer mit den Pächtern des Gleichnisses gemeint waren, das war für den zuhörenden gläubigen Juden auch aus einem anderen Grund unmittelbar erkennbar und deutlich. Der gläubige Jude kannte nämlich den Satz aus dem sogenannten "Weinbergs-Lied" des Propheten Jesaja (wir haben es in der ersten Lesung gehört): "Der Weinberg des Herrn der Heere ist das Haus Israel, und die Männer von Juda sind die Reben, die er zu seiner Freude gepflanzt hat. Er hoffte auf Rechtsspruch - doch siehe da: Rechtsbruch; und auf Gerechtigkeit - doch siehe da: der Rechtlose schreit." Unser Gleichnis knüpft an dieses "Weinbergs-Lied" des Propheten Jesaja an; und Jesus benützt es, um an der ganzen Heilsgeschichte den Ungehorsam gerade der religiösen Führer des auserwählten Volkes zu zeigen: sie haben die von Gott gesandten Boten, die Propheten nicht akzeptiert; sie haben nicht auf sie gehört. Ja, sie haben sie getötet. Und dies wird auch das Schicksal Jesu sein, des letzten Gottesboten, des Sohnes Gottes. Die Anmaßung der Macht wird ihn vernichten. Der Gerechte muss beseitigt werden, weil er ein lebendiger Vorwurf für die Selbstgerechten ist.

Jesu Gleichnisse sind nie nur Vergangenheit. Sie gelten nie nur für seine Zeitgenossen, die doch längst gestorben sind. Sie sind aufgezeichnet auch für uns heute; sie meinen auch uns. Und wir haben uns jeweils zu fragen, was wir aus Jesu Gleichnissen lernen können. Eine erste Anwendung des Gleichnisses für uns heute könnte so lauten. Gott hat uns Christen unendlich viel anvertraut. Das verpflichtet uns - nicht nur gegenüber Gott, sondern auch gegenüber denen, für die wir eine Verantwortung tragen. Und jeder trägt in irgendeiner Weise für alle Verantwortung - freilich nicht so, um andere zu bevormunden oder gar zu knechten. "Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen." (Gal. 6, 2) Die Kirche Jesu Christi ist eine Gemeinschaft des gegenseitigen Tragens und Ertragens. Wenn die Kirche (und damit alle in ihr) dazu nicht mehr bereit ist, dann ist sie nicht mehr die Kirche Jesu Christi. Gott selber hat ja unsere Last auf sich genommen; er hat sich uns aufgeladen - das Kreuz, das er hinauf nach Golgotha geschleppt hat, ist nur ein schwacher Ausdruck dafür, was er sich mit uns aufgeladen hat. Dieses "Gesetz" des Christseins aber, die Last der anderen zu tragen, gilt nun für alle: ob hoch oder niedrig, ob jemand ein Amt in der Kirche hat oder nicht. Die gelebte Güte und Barmherzigkeit zu allen Menschen, die Kleinen und Verachteten eingeschlossen, ist das Echtheitszeichen unseres Christseins.

Eine zweite Anwendung des Gleichnisses für uns heute könnte in folgendem bestehen. Wir sollen bereit sein, die Boten Gottes heute ernst zu nehmen, auf sie zu hören. Wir sollen bereit sein, auf ihr Wort hin eine Umkehr zu Gott zu vollziehen; denn "wer euch hört, der hört mich!" Konkret heißt dies in der Gemeinschaft der Glaubenden, also in der Kirche, dass wir den von Gott bestellten Hirten mit Respekt begegnen, auch mit Vertrauen, dass sie uns leiten auf den Weg zu Gott, auch wenn sie selber oft nicht die idealen Vertreter Gottes sind (das kann ja ein Blinder feststellen). Ich befürchte, dass gerade in diesem Punkt heute ein großes Defizit unter den Christen, unter den Gläubigen vorhanden ist. Aber es ist nun einmal so: Wer den Jünger hört, den mit Vollmacht ausgestatteten Apostel, der hört Jesus Christus selbst. Und wer den Jünger, wer den Apostel verachtet, der verachtet Jesus Christus, den Herrn der Kirche; der verachtet ihn, der sein Heil, der seine Botschaft vom Erbarmen und von der Güte Gottes nun einmal Menschen anvertraut hat, und zwar armseligen Menschen, die selber mühselig und beladen sind; die diese eigene Mühseligkeit und Schwachheit aber nicht verbergen sollen, ihre eigene Erlösungsbedürftigkeit; dass auch sie vom Erbarmen Gottes leben. Nur dieses Wissen um die eigene Erlösungsbedürftigkeit und Schwachheit bewahrt vor Selbstherrlichkeit und Selbstgerechtigkeit. Das gilt übrigens nicht nur für die Amtsträger in der Kirche Gottes, sondern für jeden gläubigen Christen, also für uns: die stets neue Orientierung, die immer von neuem notwendige Umkehr zum Herrn. Beten wir in dieser Eucharistiefeier, in der wir Dank sagen für Gottes Güte und Barmherzigkeit, um dieses Vertrauen zu Jesus Christus; beten wir um die Kraft, unserer Verantwortung anderen gegenüber gerecht zu werden; bitten wir aber auch um die Bereitschaft, die Boten Gottes und die bestellten Hirten und ihr Wort anzunehmen - im Wissen um unser aller Erlösungsbedürftigkeit; dass wir alle leben vom Erbarmen Gottes.

 

28. Sonntag: "Dank für Erlösung"

Einführung

Wir sind vom Herrn eingeladen zum Mahl des Lebens - dieses Bild steht an diesem Sonntag vor unseren Augen. Das, was Gott uns aber in diesem Mahl anbietet, was er uns gibt, das ist letztlich er selber: Er gibt sich selbst, weil er uns liebt. Die Liebe gibt immer sich selbst, und zwar ganz. Dafür danken wir ihm. Wir wollen uns zu Beginn dieser Eucharistiefeier, der Feier der Danksagung darauf wieder besinnen. Und wir rufen zum Herrn des Großen Gastmahls um seine Huld, um seine Güte und sein Erbarmen.

    Herr Jesus Christus, an Stelle der Gäste, die nicht kommen wollten, hast du die Leute von den Straßen zum Gastmahl gerufen
    - Herr, erbarme dich!
    Du weist den zurück, der nicht bereit war, ein Hochzeitsgewand anzulegen
    - Christus, erbarme dich!
    Du rufst auch uns zu deinem Mahl, angetan mit einem Hochzeitsgewand
    - Herr, erbarme dich!

Es erbarme sich unser der allmächtige Gott! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Herr Jesus Christus, deine Einladung zum Mahl des Lebens ergeht auch an uns. Darum kommen wir voll Vertrauen mit unseren Bitten zu dir:

  • Für den Papst, die Bischöfe und die Priester: dass sie deine Einladung als frohmachende und befreiende Botschaft an alle Menschen ausrichten!
  • Für uns, an die deine Einladung auch ergangen ist: dass wir bereit sind, dieser Einladung zu folgen!
  • Für die Vielen, die deine Einladung ausschlagen: dass sie erkennen, dass nur bei dir Leben und Glück zu finden sind!
  • Für unsere Verstorbenen: dass sie beim himmlischen Gastmahl die Erfüllung finden, die sie ersehnt haben!

Herr Jesus Christus, deine Einladung zum himmlischen Gastmahl bedeutet, dass wir alle berufen sind zu einem nie endenden Glück. Dafür danken wir dir heute und alle Tage unseres Lebens. Amen.

Predigt

Das Gleichnis aus dem Matthäus-Evangelium vom königlichen Gastmahl ist uns allen vertraut. Ich möchte darum auch nur kurz darauf eingehen: auf die Sache, um die es geht - um dann in einem zweiten Punkt im Anschluss daran etwas zu sagen über das christliche Verständnis vom Menschsein, von der Erlösung. Gott bietet sein Heil, seine Gnade an; letztlich bietet er sich selbst an; gibt er sich selbst. Dass die zuerst Geladenen das Angebot ausschlagen, wird zum Segen für die Menschen von der Straße, von den Hecken und Zäunen. In dieser Rolle, derer von den Hecken und Zäunen, fühlen wir uns alle sehr wohl. Die Frage ist allerdings, ob das unsere wirkliche Rolle ist, die wir spielen. Ist unsere Rolle nicht vielmehr die der zuerst Geladenen, die um eines Ochsen willen, um eines materiellen Vorteils willen, wegen irgendeines Ackers das Angebot des Königs, das Angebot Gottes ausschlagen? Wir meinen, Gott Vorschriften machen zu können, wie und wo er in unser Leben kommen kann, kommen darf. Wir schreiben ihm vor, durch welche Tür er kommen darf. Wir vermauern ihm die Tür, durch die er kommen will. Beunruhigend für uns ist die Figur des Mannes ohne ein hochzeitliches Gewand. Sie weist uns darauf hin: Gottes Güte ist kein Freibrief für Laissez-faire. Gottes Gnade und Güte nimmt uns in die Pflicht. Die Dankbarkeit, die angesichts der Güte und des Erbarmens Gottes von uns gefordert ist, wird sich, falls sie vorhanden und echt ist, verbeiblichen müssen in das Tun; innere Gesinnungen sind ja nur echt, sie sind nur vorhanden, wenn sie sich im Tun äußern. Wo kein äußeres Tun vorhanden ist, da gibt es auch keine innere Gesinnung. Das klingt vielleicht brutal, arrogant. Aber es ist nun einmal so - nicht nur im eigentlichen Bereich des Christseins, sondern auch überall da, wo der Mensch sein Menschsein verwirklicht. Damit komme ich zum zweiten Punkt; ich will etwas sagen - im Anschluss an diese letzten Überlegungen - über das christliche Verständnis des Menschen, über das christliche Verständnis von Erlösung. Auch hier scheint es zunächst so zu sein, als ob dies doch das Bekannte, das Vertraute sei, über das man kein Wort zu verlieren braucht. Dem ist aber nicht so.

Wir Christen bekennen uns zu einem Heil, das unverdient und unverdienbar ist. Keiner wird erlöst aufgrund der eigenen Würdigkeit. Gott hat uns in Jesus Christus geliebt, als wir noch Sünder waren, wie Paulus einmal sagt. Das Entscheidende hat Gott getan - unserem Machen und Leisten zuvor. Hier liegt allerdings ein Affront gerade für das moderne Denken, das geprägt ist von der Vorstellung der machbaren, der erreichbaren heilen Welt. Der Christ kann sich diese Parole unserer Zeit nicht zu eigen machen. Keiner zieht sich an den eigenen Haaren aus dem Dreck dieser Welt heraus - so sehr wir, auch und gerade als Christen, dazu verpflichtet sind, an der Gestaltung dieser Welt mitzuarbeiten; aber nicht in der Weise, als ob es darauf allein ankäme. Von der Gestaltung dieser Welt machen wir Christen jedenfalls unseren Daseinssinn nicht abhängig. Auch wenn wir nichts vorzuweisen haben, bleiben wir die von Gott Geliebten und von ihm bei unserem Namen Gerufenen.

Wir sind in Jesus Christus also auch erlöst vom Zwang zur Selbsterlösung. Gerade darin liegt ja das Befreiende und Frohmachende, das mit Jesus Christus gekommen ist. Ich bin nicht mehr Sisyphos, der sich abrackert und abrackern muss, um immer wieder zu scheitern. Ich bin als Christ nicht der totalen Frustration ausgeliefert; ich stehe nicht unter dem Muss, die heile Welt zu schaffen. Mir und meinem Tun, meinem Bemühen ist auch dann Sinn gegeben, wenn ich innerweltlich gesprochen scheitere und nichts vorzuweisen habe. Meinem Leben ist Sinn gegeben deswegen, weil ein anderer mich hält, weil ich in Jesus Christus den Halt gefunden habe.

Brauchen wir dann nichts mehr zu tun? Können wir dann beruhigt die Hände in den Schoß legen? Nein! Das Tun Gottes an uns, sein Geschenk, seine Gabe an uns verpflichtet uns zur Dankbarkeit. Diese Dankbarkeit aber zeigen wir durch unser Verhalten, durch unser Tun. Und wir sagen Dank für das Tun Gottes an uns, für das, was wir mit "Erlösung" bezeichnen. Wenn wir uns bemühen, anständige Menschen zu sein, die Gebote Gottes und der Kirche zu befolgen, die Nächstenliebe zu üben, dann signalisieren wir - natürlich gebrochen und unvollkommen! - unseren Dank an Gott. Dann bekennen wir uns dazu, dass nicht unsere Perfektion, zu der wir es gebracht haben, uns das Heil bringt; wir bekennen vielmehr, dass Gottes Güte und Erbarmen, seine "Gnade" uns dieses Heil anbietet, schenkt. Nicht weil wir Prachtexemplare, Renommierexemplare der Menschheit sind (wie Hegel sich ausdrückt), nicht weil wir Helden der Arbeit sind (wie es im Marxismus heißt), sind wir erlöst worden. All dies führt ja nur zu einem Leistungs- und Erfolgsdruck, der den Menschen letztlich kaputt macht. Von Gott her und von seiner Tat für uns sind wir in Wahrheit frei geworden, befreit von der drohenden Sinnlosigkeit des Lebens, von der drohenden Frustration.

Ich sagte: der Christ versucht in all seinem Tun und Bemühen Gott seinen Dank abzustatten für Erlösung, unvollkommen und gebrochen. Genau das meinen wir, wenn wir von Eucharistie sprechen. Eucharistie meint ja, heißt ja: Danksagung für Erlösung. Wenn wir jetzt miteinander Eucharistie feiern, dann sind wir uns also dessen bewusst, was Gott für uns in seiner Güte getan hat: wir leben aus der großen Dankbarkeit für sein Tun an uns. Wir bemühen uns auch um diese Welt (ja, das sollen wir!), aber nicht als Sisyphos, verurteilt zum Erfolg und deswegen auch zur Frustration; denn noch keiner hat das Paradies, das so viele Heilslehren und Heilslehrer heute auf Erden verheißen, auch nur von ferne geschaut, geschweige denn erreicht.

Nehmen wir dies mit: Wir Christen sollen sein Menschen der großen Dankbarkeit Gott gegenüber, der uns in Jesus Christus erlöst hat. Wir Christen wissen uns beschenkt. Wir sind nicht erlöst, weil wir anständige Menschen sind. Es ist vielmehr umgekehrt: Wir versuchen, anständige Menschen zu sein, weil wir erlöst worden sind. Das gibt uns Freiheit; das gibt uns Befreiung vom Leisten und vom Erfolghaben, von uns selbst.

 

29. Sonntag: "Von Gott erwählt"

Einführung

Der Gruß, mit dem die Liturgie die Gläubigen zu Beginn der Eucharistiefeier begrüßt, lehnt sich an die heutige Lesung aus dem 1. Thessalonicherbrief des Apostels Paulus an. Dieser Brief ist die älteste Schrift des Neuen Testaments. Paulus erinnert uns daran, was im Mittelpunkt des christlichen Glaubens und Lebens steht, stehen soll: Die frohe Botschaft vom Heil Gottes, das Evangelium. Um dieses Geschenk Gottes wahrzunehmen und zu schätzen, brauchen wir ein offenes Ohr und ein aufrichtiges Herz.

    Herr Jesus Christus, du bist das ewige Wort, das vom Vater kommt
    - Herr, erbarme dich!
    Du hast uns Menschen die Frohe Botschaft von Gottes Heil verkündet
    - Christus, erbarme dich!
    Du sendest uns den Gottesgeist, der uns deine Wahrheit aufschließt
    - Herr, erbarme dich!

Es erbarme sich unser der allmächtige Gott! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Getreuer Gott, von dir kommt alles Gute. Wir stehen verzeichnet in deinen Händen. Darum kommen wir voll Vertrauen mit unseren Bitten zu dir:

  • Für unseren Papst und für unsere Bischöfe: Erfülle sie mit deinem Heiligen Geist!
  • Für die Mächtigen in Welt und Gesellschaft: Lenke ihre Gedanken zu Gerechtigkeit und Frieden!
  • Für die Verfolgten und Unterdrückten, für die Flüchtlinge und für die Verschleppten: Öffne ihnen Wege in die Freiheit und in die Heimat!
  • Für uns alle: Stärke unser Vertrauen auf dich und auf deine Güte und Liebe!
  • Für unsere Verstorbenen, denen wir Liebe und Dank schulden: Schenke ihnen deinen ewigen Frieden!

Gott, unser Vater, du gibst uns immer mehr, als wir verdienen, und Größeres, als wir erhoffen. Dir sei Dank und Lobpreis durch Jesus Christus, unseren Herrn! Amen.

Predigt

Als Lesung haben wir eben den Anfang des 1. Briefes an die Thessalonicher gehört. Die wenigen Verse, erst recht aber der ganze Brief können uns einige entscheidende Hinweise für unser Christsein geben; uns auf einige wichtige, entscheidende Punkte hinweisen. Zunächst ein mehr äußerlicher Gesichtspunkt. Im 1. Thessalonicherbrief haben wir wohl die älteste Schrift des Neuen Testaments vor uns. Um das Jahr 50, also nur 20 Jahre nach dem Tod des Herrn, wendet sich der heilige Paulus an die Gläubigen in der Stadt Thessalonich. Er hatte diese Gemeinde zusammen mit Silas und Timotheus gegründet; aus ihr musste er mit seinen Gefährten wegen einer Verfolgung fliehen. Darum ist er in Sorge um die Zurückgebliebenen. Aber trotz Flucht und Verfolgung und Anfeindung bleibt im Herzen des Paulus die frohmachende Erinnerung an den Aufbruch vieler Menschen in Thessalonich zum Glauben an Jesus, den Christus. Paulus erlebte in dieser Stadt die verwandelnde Macht des christlichen Glaubens. Und das ist für ihn Grund zur Freude und zum Dank: "Wir danken Gott immerfort für euch alle... Wir erinnern uns vor Gott daran, wie euer Glaube sich durch die Tat bewährt, eure Liebe durch eure Mühe und eure Hoffnung auf unseren Herrn Jesus Christus durch eure Ausdauer." Das Ja des Glaubens, das der Mensch spricht, die Umkehr, die Hinwendung zum lebendigen Gott, stellt ihn auf einen neuen Weg, bedeutet einen Aufbruch. Und das gilt nicht nur für damals. Das Ja des Glaubens stellt auch uns auf einen neuen Weg, bedeutet für uns einen Aufbruch. Das Ja des Glaubens zeigt uns aber auch: Wir sind noch unterwegs. Wir haben das Ziel noch nicht erreicht. Wir haben eine Aufgabe zu erfüllen, auch in und an dieser Welt. Wir haben Zeugen unseres Glaubens und unserer Hoffnung zu sein. Wie steht es aber mit der verwandelnden Kraft und Macht des Glaubens in unserem Leben? Merkt man uns unser Christsein an? Sind wir glaubwürdige Zeugen der frohen Botschaft Gottes?

Eine zweite Gegebenheit ist damit angesprochen. Wir stehen als Christen, als Glaubende unter einem Anspruch; wir stehen nicht unter dem Anspruch eines "Menschenwortes". Wir stehen unter dem Anspruch eines "Gotteswortes", wie es im 2. Kapitel des Briefes heißt. Mit diesem "Gotteswort" ist - wie auch sonst im ganzen Neuen Testament - das Heilsereignis der Erlösung gemeint; also nicht nur das eigentliche "Wort" der Predigt Jesu, sondern all das, was er selber ist. Wir glauben ja nicht in erster Linie an irgendwelche Sätze über Gott; der Inhalt unseres Glaubens ist Gott selber; ist Jesus Christus, der Sohn Gottes. Ja, in diesem Jesus ist Gott selber uns nahe gekommen. Jesus ist der "Gott-mit-uns", der "Immanuel". In Jesus ist uns Gottes Erbarmen und Güte begegnet. In ihm wird Gottes "Dasein-für-den-Menschen" sichtbar und greifbar, erfahrbar. Zu dieser Gegebenheit bekennt sich der Glaubende, bekennt sich der Christ. Es ist zugleich ein Bekenntnis zur Unverdientheit und zur Unverdienbarkeit des Heils: "Aus Gnade sind wir gerettet" - wie es im Römerbrief heißt; und nicht aufgrund der eigenen Würdigkeit oder der eigenen Leistung. "Gott hat uns geliebt, als wir noch Sünder waren." Die Grundeinstellung des Glaubenden angesichts der Tat Gottes kann darum nur die Dankbarkeit sein. Der Christ, der Glaubende weiß sich beschenkt; er erkennt dies an, und er dankt dafür. Nicht umsonst heißt die wesentliche Form des christlichen Gottesdienstes "eucharistia = Danksagung". In seinem Dank sagt der Glaubende Ja zu der Tatsache, dass einer für ihn gestorben ist; dass dieser Jesus "mich geliebt und sich für mich dahingegeben hat" (Gal. 2, 20). Dieser unser Dank aber ist letztlich nicht anders abzustatten als mit dem ganzen Dasein. Und da stellt sich die Frage: Sind wir im Ernst davon überzeugt, gerettet, gehalten zu sein durch die liebende Tat Gottes? Bestimmt die Dankesgesinnung unser Leben als Christen?

Dass Gott in Jesus Christus "für uns" da ist, genau hier liegt der eigentliche Grund dafür, warum unser Einsatz für die Mitmenschen, für eine bessere Welt (ja, das sollen wir!) nie nur dosiert sein kann; nie rein humanistisch ist, d. h. nie nur vom Menschen allein ausgehen kann. "Daran haben wir die Liebe erkannt, dass jener für uns sein Leben dahingab; und so müssen auch wir für die Brüder das Leben hingeben." (1. Joh. 3, 16) Der Einsatz des Christen für die Mitmenschen, für die "Welt" erweist sich so von einer viel tieferen Radikalität als der Einsatz eines Humanismus ohne Gott. Denn das Maß unseres Einsatzes ist nicht mehr nur ein menschliches Maß, sondern das unendliche Maß Gottes: sein "Dasein-für-uns" bis zum Tod. Gott nimmt den Menschen und seine Welt "tod-ernst". Darum ist diese Welt auch nicht das Wartezimmer der Ewigkeit, in der wir Christen uns gelangweilt und enttäuscht herumtreiben, bis sich uns die Tür zur Welt Gottes endlich auftut. Keiner legt so viel Wert auf diese Erde wie wir Christen.

Freilich (und das ist ein weiterer Punkt): diese Erde, die wir gestalten sollen, die uns aufgetragen ist, ist nicht eine letzte, sie ist nicht eine absolute Größe. Sie ist nicht Gott. Wir sind darum bei allem Einsatz und bei aller Bemühung nicht die Sklaven einer irdischen Wohlfahrt, eines diesseitigen Paradieses. Wir sind auch nicht die Sklaven unseres eigenen Erfolges. Wir sind nicht zum Erreichen der heilen Welt verurteilt. Wir sollen der Welt geben, was der Welt ist - um das Wort des heutigen Evangeliums abzuwandeln: "Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört! Gebt aber Gott, was Gott gehört!" Aber noch einmal: diese Welt ist nicht Gott. Der Mensch, für den Gott der Absolute ist, behält seine Freiheit dem Diesseits gegenüber; er kann ihm in großer Gelassenheit gegenübertreten - "Gelassenheit" nicht im Sinne eines Unernstes, dass einem alles egal ist; sondern "Gelassenheit" im Sinne einer Offenheit für alles Schöne in dieser Welt, aber auch für alles Unrecht und alles Leid dieser Welt. Dieser Erde, diesen Menschen, die wir lieben, und um die wir in Sorge sind, versuchen wir gerecht zu werden. Wir versuchen, dem armen und gedemütigten Menschen Hoffnung zu geben durch unseren Einsatz, durch tätige Nächstenliebe. Unser Einsatz und unsere Mühe findet jedoch das Maß im Dasein Gottes für uns in Jesus Christus.

Die Lesung aus dem 1. Thessalonicherbrief macht uns also aufmerksam auf - wie ich meine - grundlegende Zusammenhänge unseres Christseins, unseres Glaubens. Dass wir unter dem Anruf, unter der Erwählung Gottes stehen, der uns geliebt und sich für uns dahingegeben hat. Der Dank für diese Tat Gottes an uns in Jesus Christus zeigt sich darin, dass wir Gottes "Dasein-für-uns" sichtbar werden lassen, lebendig werden lassen in unserem Einsatz für die Menschen, die immer noch leiden und ausgeplündert am Wegrand liegen. Hier hat sich zu zeigen, ob unsere Dankesgesinnung Gott gegenüber und seiner Tat gegenüber echt ist; oder ob wir meinen, ohne Gott auskommen zu können, aus eigener Leistung gar den Himmel verdienen zu können. Nicht weil wir anständige Menschen sind, hat Gott uns geliebt und erlöst. Sondern: weil Gott aus Gnade all unserem Tun zuvor uns geliebt hat, bemühen wir uns um ein der Erlösung entsprechendes Leben. Bitten wir darum den Herrn in dieser Feier der Danksagung, dass wir um seine Güte und sein Erbarmen wissen; dass wir seine Güte und sein Erbarmen "wahr-haben"; und dass wir von ihm her unserer Aufgabe und unserer Verantwortung als Glaubende gerecht werden.

 

30. Sonntag: "Überleben in transzendenzloser Gesellschaft"

Einführung

Was macht eigentlich den Christen aus? Sicherlich genügt nicht das Wissen um einen absoluten Gott. Es genügt schon gar nicht ein religiöses Gefühl, wie wir es heute allenthalben feststellen. Christsein steht und fällt mit der Überzeugung, dass in Jesus von Nazareth der absolute Gott in unsere Welt gekommen ist; dass wir in diesem Jesus gerettet, erlöst sind. Wir werden dies in der Lesung aus dem 1. Thessalonicherbrief nachher hören. Das Kreuz von Golgotha ist das Zeichen unserer Rettung; es weist uns hin auf den Halt unseres Lebens. Wir wollen uns darum zu Beginn der Eucharistiefeier besinnen auf Jesus Christus, der uns geliebt und sich für uns dahingegeben hat.

    Herr Jesus Christus, du bist vom Vater gesandt zu heilen, was verwundet ist
    - Herr, erbarme dich!
    Du bist gekommen, die Sünder zu berufen
    - Christus, erbarme dich!
    Du bist zum Vater heimgekehrt, um für uns einzutreten
    - Herr, erbarme dich!

Es erbarme sich unser der allmächtige Gott! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Herr Jesus Christus, dich hat der gute Gott, unser himmlischer Vater, zu uns gesandt, um uns zu retten, um uns zu erlösen. Darum kommen wir voll Vertrauen mit unseren Bitten zu dir:

  • Für die Kirche, die Gemeinschaft der Glaubenden: dass sie festhält am Glauben an dich, den Sohn Gottes!
  • Für die Vielen, die in dir nur einen großen Menschen der Geschichte sehen: dass sie dein wahres Wesen als Gottes Sohn erkennen und anerkennen!
  • Für uns, die wir uns Christen nennen: dass wir bereit sind, dich durch ein Leben nach deinen Weisungen zu bezeugen!
  • Für unsere Verstorbenen: dass sie im Reich deines Vaters Frieden und Heimat finden!

Herr Jesus Christus, du unser Herr und Erlöser, nimm unsere Bitten an, mit denen wir zu dir kommen. Dir sei die Ehre und Lobpreis heute und alle Tage! Amen.

Predigt

Vor einigen Jahren wurde im Stadtteil Shinjuku von Tokyo ein neues Hochhaus fertiggestellt. Es ist das Verwaltungsgebäude der Stadt und hat eine Höhe von 260 Metern. Als ich zum ersten Mal die Silhouette des Hochhauses sah, rieb ich mir verwundert die Augen: Das kommt dir doch irgendwie bekannt vor! Die Silhouette erinnert an die Kathedrale Notre Dame von Paris mit ihrer Fassade und den Doppeltürmen. Sie erinnert aber nicht nur zufällig daran; das Gebäude ist bewusst vom japanischen Star-Architekten Kenzo Tange in Anlehnung an Notre Dame gestaltet worden. Es ist in der Tat eine Kathedrale, aber eine "säkulare", eine "weltliche" Kathedrale, ein "Symbol des Diesseits", das Symbol, die Selbstdarstellung einer völlig säkularisierten, einer diesseitsorientierten Gesellschaft, einer Gesellschaft, die keine "Transzendenz" kennt, sondern nur die "Welt-Immanenz".

Wer etwas mit dem Denken in Japan (und China) vertraut ist, dem können - wie mir scheint - die Augen aufgehen für Gefährdungen, in denen wir uns im christlichen Abendland befinden. Wir sind - diesen Eindruck habe ich - in der großen Gefahr, das Wissen um Transzendenz, besser: das Wissen um den transzendenten Gott zu verlieren. Dieser drohende Verlust zeigt sich nicht nur im lautlosen Auszug vieler aus der Kirche, am Verdunsten des christlichen Glaubens überhaupt und der christlichen Glaubensinhalte im besonderen - etwa was den Glauben an einen persönlichen Gott betrifft oder den Glauben an ein Weiterleben nach dem Tod. Aber nicht nur am Rande, auch innerhalb der Kirche selbst sind die Gefährdungen unübersehbar. Die Symptome dafür sind nicht nur ein erschreckender Individualismus und eine pure Egozentrik, das krasse Konsum- und Anspruchsdenken, die Flucht in das religiöse Gefühl und Erleben-Wollen, in die religiöse Ekstase. Symptome sind auch die Reduzierung des Missionsgedankens auf Not- und Entwicklungshilfe und die Reduktion des Glaubens und der christlichen Glaubensinhalte auf die Ebene des Psychischen bzw. der Psychologie. Ich erinnere in diesem Zusammenhang auch an Romano Guardini, der schon vor vierzig Jahren die Befürchtung aussprach, der heutige Mensch sei "Liturgie-unfähig" geworden; er sei also nicht mehr in der Lage, die entscheidenden Dimensionen des christlichen Gottesdienstes zu verstehen. Als ein weiteres Symptom nenne ich die begierige Rezeption von fernöstlichen Meditationsformen, denen das christliche Transzendenz-Denken fremd, ja diametral entgegengesetzt ist. All diese Tendenzen könnte man als Formen des leisen Glaubensabfalls und der Flucht in die Welt-Immanenz deuten bzw. bezeichnen - oder wie es ein Theologe vor einiger Zeit ausgedrückt hat: Wir leben in einer religionsfreudigen Gottlosigkeit. Religion als Gefühl und Emotion: Ja! Gott, der christliche Gott: Nein! Eine Kirche aber, die sich mit der Immanenz begnügen würde, die nur noch das Welthafte kennt, die sich nur noch der "Pflege des Religiösen", des religiösen "Gefühls" widmen würde, ist überflüssig. Sie hätte sich selbst aufgegeben. Sie hätte Jesus Christus verleugnet.

Jesus Christus durchbricht in der Tat unsere gängigen Vorstellungen von Gott und von der Welt. Er "durchkreuzt" buchstäblich, d. h. er erweist als nicht zutreffend das fixe Bild, das wir uns oft von Gott und von Jesus Christus machen. Alle, die ihm, die dem Auferstandenen begegnen, sind im Innersten erschüttert, aufgewühlt, aus dem Gleis geworfen. Alle ihre Vorstellungen, die sie bislang als selbstverständlich nahmen, erweisen sich als unpassend, als unzutreffend, ja als irreführend. Sie mussten nicht nur ihre Messias-Vorstellungen revidieren (dass Jesus der Messias ist, nicht obwohl er leidet und stirbt, sondern gerade aus dem Grund, weil er leidet und am Kreuz stirbt). Hinzu kam noch: dieser Jesus, den sie kannten und verehrten, und dem sie an Ostern begegnen, ist in einer erschreckenden Weise anders; er gehört offensichtlich nicht mehr zu dieser Welt. Er ist nicht mehr mit unseren irdisch-menschlichen Maßstäben zu fassen und zu beschreiben, zu "begreifen". Er gehört einer anderen Sphäre an. Ja, das ist ihre Erkenntnis, in ihm erweist sich der souveräne Gott als der eigentlich Handelnde: in Jesus Christus krönt dieser Gott seine Wege mit uns Menschen. In ihm ist Gott selbst anwesend. Wenn das jedoch zutrifft (und der christliche Glaube meint genau dies), dann können wir Gott nicht mehr in eins setzen mit einer innerweltlichen Wirklichkeit, mit der Welt als ganzer - obwohl er der bleibende, der alles tragende Grund dieser Welt ist. Dann wird uns bewusst: Gott ist in seinem innersten Wesen verschieden von aller Wirklichkeit, die unserer menschlichen Erfahrung und Erkenntnis zugänglich ist. Gott bleibt für unser Erkennen und Denken unauslotbar. Er bleibt ein unauflösbares Geheimnis. Und all unsere denkerischen Bemühungen, Licht in dieses Dunkel zu bringen, sind nur der stammelnde Versuch, Gottes Größe, seine Souveränität und Andersheit tiefer zu verstehen; besser: zu erahnen.

Dieser souveräne Herr, der uns und alle Wirklichkeit trägt, hat sich in Jesus Christus kundgetan und offenbart; er hat sich in Jesus offenbart als ein lebendiges, als ein persönliches Gegenüber, als "Vater", der uns in Liebe anschaut und begegnet; der jeden von uns liebt; der niemand fallen lässt. Darin besteht die "Frohbotschaft", die Jesus verkündet hat. Gerade das Gebet, das er uns geschenkt hat, bringt dies zum Ausdruck. Dieser "Inhalt" unseres Glaubens ist fundamental, grundlegend; er ist zentral; er hat deshalb auch im Mittelpunkt der Verkündigung zu stehen. Er soll von uns anerkannt, im Glauben angenommen werden. Wir tun dies, indem wir uns auf den Dialog mit dieser Wirklichkeit einlassen, mit dem souveränen Gott, den uns Jesus offenbart hat als unseren Vater im Himmel. Sich auf den Dialog mit Gott, mit Jesus Christus einzulassen, heißt aber: Beten! Die Erhaltung und Entfaltung unseres Wissens um den unbegreiflichen Gott, die Erhaltung des Wissens um Transzendenz, des christlichen Glaubens überhaupt - sie sind letztlich nur möglich im Gebet. Glauben im christlichen Sinn kann man nur betenderweise. Ohne die Pflege des Gebetes, ohne die Pflege des persönlichen Gesprächs mit Gott verdunstet der christliche Glaube, verdunstet das Wissen um den transzendenten Gott, verkommen wir im Diesseits. Diese spirituelle Erneuerung wird über Sein oder Nichtsein entscheiden, ob die Kirche hierzulande überleben wird. Über dieses Überleben entscheidet nicht, ob wir noch genügend Priester haben, die die Messe lesen können, ob sie verheiratet oder nicht verheiratet, Männer oder Frauen sind. Das ist die falsche Front, an der wir kämpfen. Das Überleben hängt nicht von den Strukturen ab, sondern von der spirituellen Lebendigkeit der Glaubenden. Und hier liegen die Defizite. Von dieser spirituellen Lebendigkeit ist kaum etwas zu spüren. Fast alle Begegnungen mit dem auferstandenen Christus enden mit der inneren Erschütterung und der Anbetung der Zeugen. Der Apostel Thomas wird bekennen und beten: "Mein Herr und mein Gott!" Alfred Delp, der in Plötzensee erhängt wurde, sprach von der "verratenen Anbetung". Es geht im christlichen Gottesdienst nicht um die Selbstdarstellung der feiernden Gemeinde. Es geht nicht um Volksbelustigung, um die Erzeugung von religiösen Gefühlen, dass die Leute happy sind. Der fundamentale Akt ist die Anbetung Gottes.

Der Ausgangspunkt meiner Predigt war die "säkulare Kathedrale" von Tokyo, "Symbol des Diesseits", die Selbstdarstellung einer völlig diesseits-orientierten Gesellschaft, einer Gesellschaft ohne Transzendenz. Das kann für uns Christen nicht maßgebend sein. Wir leben zwar - auch als Christen - in dieser Welt. Sie ist jedoch für uns nicht die letzte Wirklichkeit; sie ist nicht der Horizont unseres Daseins. Jesus Christus weist uns darauf hin, dass der alles tragende Grund der Welt und des Menschen der absolute, der souveräne Gott ist - er, den wir nicht begreifen, den wir nur im Glauben annehmen können. Zu ihm sagen wir Ja, zu seiner Vaterliebe, auch wenn uns dies manchmal schwer fällt. Unser Ja zu ihm und zu seiner Liebe vollzieht sich, kann sich nur vollziehen im Gespräch, in der Antwort auf seine Liebe, in der Anbetung. Das Gebot für uns Christen ist die Belebung, die Wiederbelebung unseres Sprechens mit Gott, dem Vater unseres Herrn Jesus Christus und unserem Vater. Alles andere wird uns dann hinzu gegeben werden.

 

31. Sonntag: "Maßstäbe des Christlichen"

Einführung

Die Krise unserer Zeit und unserer Welt lässt sich vielleicht am treffendsten kennzeichnen als Verlust der Glaubwürdigkeit der Verantwortlichen. Das gilt nicht nur für den Bereich der Politik, sondern m. E. auch für die Christenheit, für die Kirche. Und es gilt nicht nur für "die da oben", sondern auch für "die da unten". Das Evangelium heute hält nicht nur den Pharisäern zur Zeit Jesu einen Spiegel vor Augen, sondern auch den Pharisäern heute, uns allen. Wir wollen uns darum für unseren Teil besinnen und den Herrn, der uns in seine Nachfolge gerufen hat, um Vergebung bitten für unser Versagen, für unsere hohlen Worte, für unser unglaubwürdiges Verhalten.

    Herr Jesus Christus, wir reden oft von dir, handeln aber nicht danach
    - Herr, erbarme dich!
    Wir bürden andern Lasten auf, die wir selbst nicht tragen wollen
    - Christus, erbarme dich!
    Wir spielen uns oft als Herren auf, und sollen doch die Diener aller sein
    - Herr, erbarme dich!

Es erbarme sich unser der allmächtige Gott! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Herr Jesus Christus, du warst nicht nur der, der das Wort Gottes verkündet hat. Dein Leben zeigte, dass du den Willen Gottes erfüllt hast. So kommen wir voll Vertrauen mit unseren Bitten zu dir:

  • Für den Papst, die Bischöfe und die Priester: dass sie glaubwürdige Zeugen des Evangeliums sind!
  • Für uns alle, die wir Christi Namen tragen: dass wir nicht die eigene Ehre suchen, sondern dir die Ehre geben!
  • Für die vielen Menschen in aller Welt, die dich noch nicht kennen: dass sie durch unser glaubwürdiges Handeln nach dir fragen und zum Glauben an dich gelangen!
  • Für unsere Verstorbenen: dass sie heimkommen in das Land des Friedens und des Glücks!

Du, Herr, hast uns in deine Nachfolge gerufen. Lass uns nie vergessen, dass du bei uns bleibst und uns begleitest heute und alle Tage unseres Lebens. Amen.

Predigt

Das heutige Evangelium ist für jeden Priester, zumal für den Prediger, ein Anlass zu einer Gewissenserforschung. Es erinnert ihn an die große Schwierigkeit, Reden und Tun miteinander in Einklang zu bringen. Nun besteht diese Schwierigkeit im Grunde für jeden Christen; und daran werden wir z. B. von den Nichtchristen "gemessen", ob wir wahrhaftig sind. Ich meine jedoch, dass heute eine noch größere Schwierigkeit hinzukommt. Im Evangelium ist doch vorausgesetzt, dass die Schriftgelehrten und Pharisäer das Wort Gottes wirklich den Menschen verkünden. Gilt diese Voraussetzung eigentlich noch heute? Woran können wir denn erkennen, dass die Prediger, dass die Schriftgelehrten uns tatsächlich den Willen und das Wort Gottes künden und nicht ein rein menschliches Wort? Woran erkenne ich, ob sie nur aus dem eigenen reden? Wir erleben es ja tagtäglich, dass die einen das Gegenteil von dem sagen, was andere verkünden, und zwar mit dem Anspruch der absoluten Wahrheit. Wem kann man sich denn noch (auch in der Kirche) voll anvertrauen, ohne getäuscht zu werden und ohne den wirklichen Willen Gottes zu verfehlen? Woran können wir die wirklichen Propheten und die wahren Hirten von den falschen Propheten, von den Wölfen in Schafspelzen unterscheiden? Es ist klar: für diese Aufgabe brauchen wir einen klaren und nüchternen Blick; dafür brauchen wir die Fähigkeit der Unterscheidung der Geister. Vor allem aber brauchen wir konkrete Maßstäbe, mit deren Hilfe wir unter den vielen gesprochenen Worten das Wahre vom Falschen, das Echte vom Unechten unterscheiden können, und zwar nicht aus dem Grund, um irgendwelche Menschen zu verurteilen, sondern um besser Gottes Wege zu erkennen und zu gehen.

Ein erstes Erkennungszeichen ist im Johannes-Evangelium ausgesprochen: "Wer aus sich selbst redet, sucht seine eigene Ehre. Wer aber die Ehre dessen sucht, der ihn gesandt hat, der ist wahrhaftig, und kein Falsch ist in ihm." (Joh. 7, 18) Diesen Maßstab kann jeder von uns anwenden; und dabei sollen wir uns von keinem großen Namen Sand in die Augen streuen lassen. Ist es denn so schwer zu unterscheiden, ob jemand seine eigene Ehre sucht oder die Ehre dessen, der ihn gesandt hat? Hochmut, der die eigene Ehre sucht, lässt sich bekanntlich riechen. Sind wir schon so abgestumpft, dass wir das nicht mehr wahrnehmen? "Traut nicht jedem Geist, sondern prüfet die Geister, ob sie aus Gott sind! Denn viele falsche Propheten sind in die Welt ausgezogen." (1. Joh. 4, 1)

Ein zweiter Maßstab für die Unterscheidung der Geister in unserer Zeit! Für viele besteht menschliches Wissen darin, dass man das Neue, das scheinbar Einmalige auf etwas Bekanntes zurückführt, in bekannte Schemata einordnet. So entstehen Aussagen wie: Moral ist nichts anderes als ein biologisch bedingtes Verhalten, und sie fällt deshalb anders aus, wenn das Individuum vital stark oder schwach ist. Die Geschichte des Christentums ist nichts anderes als die übliche Geschichte der Missverständnisse eines großen, aber unpraktischen Ideals, das im Lauf der Geschichte immer wieder von neuem abgeändert werden musste. Die Sakramente sind nichts anderes als die Überreste eines mythischen Weltverständnisses, eines magischen Weltdenkens. Der Priester ist nichts anderes als ein Funktionär einer Gruppe, die ihn mit den entsprechenden Aufträgen und Vollmachten ausstattet. Solche und ähnliche Sätze sind uns allen nur zu bekannt.

Für ein solches Denken gibt es nicht mehr das Einmalige, das Andersseiende, das Nichteinzuordnende, sondern nur noch das Allgemeine. Was herausragt, wird daher einen Kopf kürzer gemacht. Wenn Jesus ein Mensch war, warum soll er dann mehr gewesen sein als ein Mensch? Wenn Jesus auf die Welt kam, warum dann nicht auf dem normalen Weg? Wenn die Kirche sich schon nach Jesus benennt, warum soll sie dann mehr sein als ein Verein, der sich in seinem Geist und Andenken zusammenschließt? Hier wird deutlich: es gibt ein Denken, das nicht eher ruht, bis das Außerordentliche zu einem Alltäglichen herabnivelliert, zu etwas Nützlichem und Verwendbaren degradiert ist. Schon was den Menschen als Person angeht, ist diese Gleichmacherei, diese Nivellierung verfehlt. Der Mensch als Person kann und darf nicht degradiert werden zu einem Funktionsträger. Und für uns Christen gibt es das absolut Einmalige, das sich in keiner Weise in den Griff bekommen lässt: Dasein und Ereignis Jesu Christi und was immer von ihm ausgeht, es bezeugt und repräsentiert, amtlich und existentiell. Hier scheiden sich in der Tat die Geister: "Daran erkennt ihr den Geist Gottes: Jeder Geist, der bekennt, dass Jesus im Fleisch gekommen ist, ist aus Gott; der Geist aber, der Jesus nicht als den Sohn Gottes bekennt, ist nicht aus Gott." (1. Joh. 4, 2)

Ein weiterer Maßstab ist das Prinzip "Erfolg". Alles Tun heute, alle Technik, die Wirtschaft: sie haben anscheinend nur dieses Ziel: mehr Erfolg bei weniger Aufwand an Zeit und Kraft. Alles muss sich rentieren. Gewiss, man wird nicht sagen können, dass jeder Erfolg vom Teufel ist. Es gibt Worte in der Bibel, die damit rechnen. Wo der Verkünder der Frohbotschaft erfolglos bleibt, darf er "den Staub von den Füßen schütteln". Die Fruchtbarkeit des Glaubenden, von der Jesus immer wieder spricht, ist aber etwas ganz anderes als irdischer Erfolg. Dieser wird nirgends dem Christen in Aussicht gestellt. Jesus hat erfolglos gelebt; und er war sicher nicht vom Geist des Erfolgs getrieben, sonst hätte er sich klüger benommen. "Erfolg" - so sagt einmal Martin Buber - "ist keiner der Namen Gottes." Ja, das eigentlich Christliche liegt darin, dass gerade die weltliche Erfolglosigkeit, der Bankrott am Kreuz, der Höhepunkt christlicher Fruchtbarkeit ist. Im Gehorsam gegenüber dem Willen Gottes, im Versinken des Weizenkorns in die Erde liegt das Prinzip der neuen Fruchtbarkeit, die sich in keiner Erfolgsrechnung belegen lässt. Christliche Fruchtbarkeit ist angeschlossen an die Fruchtbarkeit des gekreuzigten Christus. Alles, was wir tun und tun können, das wird, falls es echt ist, irgendwo das Zeichen der irdischen Vergeblichkeit tragen. Diesen Maßstab dürfen wir getrost anlegen an die großartigen sozialen und politischen Programme der christlichen Kirchen heute; auch an die Haltung einzelner, denen der Götze "Erfolg" die Herzen verblendet hat.
Damit kommen wir zu einem vierten Maßstab. Das Christliche hat einen Ernst, der in der Tat nicht zu überbieten ist. Ließe es sich in ein überschaubares System bringen, dann wäre es weniger schwer; man hätte es irgendwie "bewältigt"; dann wäre der Mensch hinter Gott gekommen; dann hätte er Gott auf sein eigenes Fassungsvermögen reduziert; er hätte das Geheimnis der Liebe Gottes durchschaut, die in Jesu Tod und Auferstehung sichtbar geworden ist; dann hätte der Mensch sich über Gott und seine Liebe zu uns gestellt. Ein Geist aber, der beim Bedenken, beim Übersetzen und Verkündigen der christlichen Offenbarung das Schwere leicht macht, der die Substanz verdünnt oder sie als Ballast über Bord wirft, um unbeschwerter in die Zukunft fahren zu können oder besser "anzukommen", dieser Geist ist nicht aus Gott. Aus dem Organismus des Christentums kann man kein wesentliches Stück herausbrechen, ohne dass das Ganze einstürzt. Entfernt man z. B. aus der christlichen Verkündigung die wirkliche Auferstehung, das "Für-uns" des Kreuzes oder die Gottessohnschaft Jesu, so bleibt vom Christentum nichts mehr übrig außer einem flachen Humanismus, dessen Bemühen um Selbsterlösung zum Scheitern verurteilt ist.

In einer Zeit, in der so viele und entgegengesetzte Meinungen mit großer Lautstärke auf uns einstürmen und uns verwirren, tut es not, die Geister zu unterscheiden, klare Maßstäbe zu besitzen - nicht um zu verurteilen, sondern zur Prüfung auch unserer eigenen Auffassungen. Als Glaubende wissen wir, dass wir in Jesus Christus den letzten und endgültigen Maßstab haben: der Glaube an ihn als unseren Erlöser, als den Sohn Gottes, in dem uns die Liebe Gottes nahe gekommen ist, dieser Glaube gibt uns den sicheren Blick, gibt uns aber auch den Mut, gegenüber großen Namen und gegenüber der Mode immun zu werden; dieser Glaube gibt uns aber auch die Kraft, unserem Leben die Ausrichtung auf den Herrn zu geben.

 

32. Sonntag: "Worauf es ankommt"

Einführung

Wissen wir uns eigentlich von Gott erwartet? Warten wir auf die Begegnung mit ihm, die unserem Leben einen Sinn gibt? Der Christ, der Glaubende wartet auf das Kommen Christi. Und er wird am Ende der Tage kommen. Ja, er kommt zu uns jeden Tag; zu jeder Stunde und in der Weise, die er selber bestimmt. Die Frage ist nur, ob wir sein Kommen wahrnehmen; ob wir seine Nähe und Gegenwart erkennen. Besinnen wir uns darum zu Beginn dieser heiligen Messe, da er zu uns kommen möchte! Erbitten wir uns ein Herz, das offen ist für ihn; erbitten wir uns ein Herz, das alles von ihm erwartet!

    Herr Jesus Christus, du rufst uns zum Glauben und zum Vertrauen
    - Herr, erbarme dich!
    Du gibst uns die Gewissheit, von deinem Vater erwartet zu werden
    - Christus, erbarme dich!
    Du wirst uns einst aufnehmen in die Herrlichkeit des Himmels
    - Herr, erbarme dich!

Es erbarme sich unser der allmächtige Gott! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Herr Jesus Christus, in deinen Worten und in deinem Handeln weist du uns hin auf das Ziel unseres Lebens: die Gemeinschaft mit dir in der Seligkeit des Himmels. Darum kommen wir voll Vertrauen mit unseren Bitten zu dir:

  • Erhalte in den Gläubigen das Bewusstsein, dass du alle Tage unseres Lebens in unserer Mitte bleibst!
  • Bewahre die Welt vor falschen Propheten, vor Irreführung und vor dem Einfluss des bösen Geistes!
  • Schenke uns Klugheit und Mut, wenn dunkle Stunden kommen und Versuchungen uns bedrängen!
  • Lass uns begreifen, wie kostbar die Zeit ist, und dass wir sie nützen müssen!

Herr Jesus Christus, stärke in uns den Glauben, dass deine Pläne weise und zum Besten aller Menschen sind, der du lebst und herrschst in alle Ewigkeit. Amen.

Predigt

Ehe wir uns mit der "Lehre" des Gleichnisses von den klugen und den törichten Jungfrauen befassen, scheint es mir angebracht zu sein, den Hintergrund unseres Gleichnisses aufzuzeigen, ohne dessen Kenntnis wir die Lehre für uns kaum begreifen. Zunächst: an wen richtet Jesus dieses Gleichnis, und was wollte er seinen Zuhörern sagen? Dann: warum hat der Evangelist Matthäus dieses Gleichnis in sein Evangelium aufgenommen (nur er kennt ja das Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen)? An wen richtet er dieses Gleichnis? Dann erst können wir uns fragen, was das Gleichnis uns heute zu sagen hat.

Zunächst ist also zu beachten, dass Jesus selbst seine Gleichnisse in der Regel nicht an die Adresse seiner Getreuen richtet. Sie sind nur die Zeugen seiner Worte. Die Gleichnisse sind in der Regel gerichtet an Jesu Widersacher; also an die, die ihm und seinem Wort skeptisch gegenüberstehen; die sich im Unglauben versagen. Jesus will insbesondere die verblendeten religiösen Führer seines Volkes zum Umdenken, zur Umkehr bewegen, damit sie im Gericht Gottes einmal bestehen können: Seid auf diese Stunde vorbereitet! Wehe euch, wenn diese Stunde euch ungerüstet findet! Dann könnt ihr euch nicht mehr auf eure Abrahams-Kindschaft berufen. Nehmt darum meine Botschaft ernst! Das Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen ist also ursprünglich von Jesus an seine Kritiker, an die Skeptiker gerichtet; an die, die ihn und seine Frohbotschaft nicht ernst nehmen. Ihnen gilt sein Ruf: Bekehrt euch, damit ihr im Gericht Gottes bestehen könnt!

Beim Evangelisten Matthäus stellen wir eine Änderung der Adressaten des Gleichnisses fest. Er hat sein Evangelium nicht für die Außenstehenden, für die Ungläubigen, für die Gegner geschrieben. Er hat sein Evangelium, ja jede Begebenheit, jedes Gleichnis für die Glaubenden geschrieben, besonders für die Führer der christlichen Gemeinden. Sie sollen treue Hirten sein; sie sollen vorbereitet sein für das Gericht, in dem Gott, in dem der Sohn Gottes einmal Rechenschaft von ihnen fordern wird: "Seid wachsam! Denn ihr wisst weder den Tag noch die Stunde!" Der Evangelist Matthäus sah also in unserem Gleichnis einen Hinweis auf die Wiederkunft des Herrn. Die zehn Jungfrauen sind die auf den Herrn wartende Gemeinschaft der Glaubenden, der Jünger. Das Ausbleiben des Bräutigams ist der Aufschub der Wiederkunft des Herrn; sein plötzliches Kommen und die harte Abweisung der törichten Jungfrauen das Endgericht. Wenn die Königsherrschaft Gottes beginnt, wenn das himmlische Hochzeitsmahl seinen Anfang nimmt, dann muss man darauf vorbereitet sein; dann darf man sich durch das Ausbleiben des Bräutigams nicht in einer falschen Sicherheit wiegen; dann kommt alles darauf an, das nötige Öl zum Nachfüllen der Lampen mitzubringen. Zwei Sätze aus der Offenbarung des Johannes können die Aussage unseres Gleichnisses noch verdeutlichen: "Wir wollen uns freuen und jubeln und ihm die Ehre geben; denn die Hochzeit ist herbei gekommen... Selig, die zum Hochzeitsmahl des Lammes eingeladen sind!" (Off. 19, 7. 9) Nur wer den Jubelklang, mit dem unser Gleichnis beginnt, nicht überhört, der kann den Ernst der Mahnung ermessen. Und es gilt, sich zu rüsten für die Stunde der Probe und der Scheidung. Diese Stunde wird plötzlich kommen wie der Bräutigam um Mitternacht. Wehe denen, die dann den törichten Jungfrauen gleichen, deren Lampen erloschen sind, und denen die Tür des Hochzeitshauses verschlossen bleibt. Für sie ist es zu spät. Aber auch für die Glaubenden kann es zu spät werden.

Die törichten Jungfrauen haben vergessen, worauf es ankommt; sie haben das Öl vergessen, ohne das ihre Lampen nicht zum Leuchten kommen. Das große Fest, die Ankunft des Bräutigams, kann nicht in Nacht und in Finsternis gefeiert werden. Auf diese kleinen festlichen Flammen kommt es gerade an. "Worauf es ankommt" - das ist darum die Mahnung, die Lehre dieses Gleichnisses für uns. Das gilt zunächst für unsere Worte, die wir im Munde führen. Wie viele sind unnütz und leer; viele aber sind notwendig, um uns zu verständigen, um einander Wichtiges mitzuteilen. Unter all diesen vielen Worten gibt es immer weniger Worte, auf die es eigentlich ankommt. Und diese sind es doch, die das Dunkel und die Finsternis aufhellen; die einen Bedrückten ermuntern; die einen Niedergeschlagenen trösten und aufrichten; die einen Weg aus einer verfahrenen Situation zeigen. Es gehört Wachheit, Einfühlung, Takt und Klugheit dazu, solche Worte zu finden. Wo sie aber gesprochen werden, da sind sie wie Lichter in der Nacht; sie entreißen der Angst; sie lassen ahnen, dass wir noch etwas zu hoffen und zu erwarten haben. Auf solche Worte kommt es an. Finden wir solche Worte?

Ähnlich ist es bei unserem täglichen Tun. Die technisierte, die organisierte und verwaltete Welt stellt uns vor ungezählte Angebote, Aufgaben und Möglichkeiten. Wer nicht klug auswählt, der geht in der Flut unter. Er tut vielleicht viel Nützliches und Gutes; aber nicht das, worauf es ankommt. Vielleicht sind viele anscheinend wichtige Dinge zurückzustellen, um einem Menschen, der in Not ist, einfach nur zuzuhören; um sich zu besinnen; um sich Zeit zu nehmen für das Gebet. "Worauf es ankommt" - das heraus zu finden bedeutet: die Flamme zum Leuchten zu bringen, die mitten im Gewirr und in der Finsternis des Alltags das Fest anzeigt, das auf uns wartet. Und es kommt im Letzten an auf die Liebe; denn die Liebe allein weiß, worauf es ankommt. Sie ist das Öl, das die lebendige, die leuchtende Flamme nährt, zu nähren vermag. Es ist die Liebe zu Gott, die Liebe zum Nächsten.

"Worauf es ankommt" - das zu bedenken wäre auch für unser kirchliches Leben wichtig, lebensnotwendig. Es fehlt uns nicht an Aktivitäten und an Aktivisten. Aber viele (so muss man befürchten) haben kein Öl in ihrer Lampe. Die Finsternis, die Gottesfinsternis unserer Zeit wird nicht erhellt, weil die lebendige Flamme nicht mehr brennt, die zeigt, dass der Erwartete, dass der Herr kommt und das große Fest anhebt. Das, worauf es ankommt, ist im vielfältigen kirchlichen Management oft nicht mehr zu erkennen, schon untergegangen. Der Apparat läuft auf Hochtouren (zu erkennen an dem vielen bedruckten Papier). Aber es ist - genau besehen - nur Leerlauf. Vieles wird organisiert; aber der zündende Funke fehlt, und die festliche Freude kann nicht aufkommen. Sie wird verdrängt durch wichtigtuerische Geschäftigkeit. "Du kümmerst dich um viele Dinge", hat Jesus zur geschäftigen Martha gesagt; "nur eines ist notwendig!" Das, worauf es ankommt, damit in die Nacht, in die Anonymität unserer Zeit eine helle Flamme leuchtet und das Fest Gottes anzeigt. Die Reduzierung des kirchlichen Amtes auf das Management, das ist die große Gefahr in der Kirche hierzulande, der Sieg anonymer Kommissionen und Gremien in entscheidenden Fragen. Die Besinnung auf die Mitte der christlichen Botschaft, das Maßnehmen am Evangelium, besser: das Maßnehmen an Jesus Christus und das Hinhören auf seine Weisungen: das ist es, worauf es heute ankommt. Eine nur bürokratische, eine nur verwaltete Kirche vermag nicht mehr das Wesen des Gottesgeistes wahrzunehmen; sie trocknet schließlich auch die personalen Beziehungen untereinander aus; sie trocknet nicht zuletzt die Beziehung zu Gott aus, zu unserem Herrn und Meister Jesus Christus; sie redet nur noch über Gott; sie redet nicht mehr mit ihm.
Das Gleichnis von den klugen und den törichten Jungfrauen kann uns also hinweisen auf das, worauf es in unserem persönlichen Leben als Christen, aber auch im Leben der Kirche, im Leben der Gemeinschaft der Glaubenden ankommt. Die Erkenntnis dessen, worauf es in unserem Reden und Tun ankommt, ist jedoch letztlich die Gabe des Gottesgeistes, die den Wachenden und Betenden, die nur den Wachenden und Betenden zuteil wird. Wo aus dieser göttlichen Gabe versucht wird zu leben, da leuchtet die Flamme, die das Kommen des Bräutigams, die das Kommen des Herrn und das festliche Beisammensein mit ihm anzeigt. Dafür ist auch in unserer Welt und in unserer Zeit Offenheit und Sehnsucht genug vorhanden - hoffentlich auch bei uns.

 

33. Sonntag: "Für Gottes Ruf verantwortlich"

Einführung

Die biblischen Texte, die wir an den letzten Sonntagen des Kirchenjahres hören, weisen uns immer wieder hin auf den Tag der Rechenschaft, des Gerichtes; wachsam zu sein; die Zeit zu nützen; gerüstet zu sein für die Stunde der Begegnung mit Gott, mit Jesus Christus. Wir alle, die wir uns bemühen um Glaubenstreue, um das Stehen zu Jesus Christus, sollten keine Angst haben vor dieser Begegnung. Ohne zu zittern, dürfen wir doch zu unserem Herrn kommen. Freilich hebt diese Zuversicht nicht unser Bemühen auf, den Willen Gottes zu erfüllen, vorbereitet zu sein für die Begegnung mit unserem Herrn Jesus Christus.

    Herr Jesus Christus, du hast uns deinen Willen kundgetan
    - Herr, erbarme dich!
    Du ermutigst und hilfst uns, deinen Willen zu erfüllen
    - Christus, erbarme dich!
    Du gewährst uns immer wieder die Vergebung unserer Schuld
    - Herr, erbarme dich!

Es erbarme sich unser der allmächtige Gott! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Herr Jesus Christus, du hast uns gerufen, in deiner Kraft zum Heil der Welt und zu unserem Heil zu wirken. Darum kommen wir voll Vertrauen mit unseren Bitten zu dir:

  • Für unseren Papst und unsere Bischöfe: Lass sie glaubwürdige Zeugen deiner frohen Botschaft sein!
  • Für die Mächtigen in Staat und Gesellschaft: dass sie nicht nachlassen im Bemühen um Gerechtigkeit und Frieden!
  • Für uns alle, die wir uns Christen nennen: Mache uns zu treuen Knechten, die du bei deinem Kommen wachend findest!
  • Für unsere Verstorbenen: Lass sie Heimat und Frieden finden im Reich deines Vaters!

Herr Jesus Christus, du mahnst uns zur Wachsamkeit und zum Wirken für dich. Gib uns auch die Kraft, deinen Willen zu erfüllen. Darum bitten wir dich heute und alle Tage unseres Lebens. Amen.

Predigt

Es geht in unserem Gleichnis von den anvertrauten Talenten sicher nicht darum, dass Jesus uns Unterricht gibt in Sachen "Kapitalismus" oder "Erfolgsgesellschaft", d. h. wie man mit seinem Geld möglichst große Gewinne machen kann. Es geht nicht an, unser Gleichnis in der Weise zu verstehen, wir sollten unsere geistigen und leiblichen Anlagen, unsere "Talente" zur Entfaltung bringen. Das ist zwar auch richtig und wichtig. Damit ist aber unser Text nicht auszuschöpfen. In unserem Text geht es um etwas anderes, um etwas viel Wichtigeres. Gott hat dem Menschen ja viel mehr anvertraut, viel mehr gegeben.

Zunächst ist zu beachten, an wen sich Jesus in seinem Gleichnis wendet. Wir werden dem Gleichnis nur gerecht, wenn wir davon ausgehen, dass Jesus es - und das gilt auch für die meisten anderen Gleichnisse - zu den Pharisäern und Schriftgelehrten gesprochen hat, also zu seinen Widersachern. Es handelt sich also um einen der zahllosen Weckrufe Jesu an die religiösen Führer seines Volkes. Und ihnen ruft Jesus zu, dass die entscheidende Rechenschafts-Abforderung bevorsteht. Und bei dieser Rechenschafts-Abforderung wird Gott prüfen, ob die religiösen Führer des Volkes Israel das ihnen geschenkte Vertrauen gerechtfertigt oder missbraucht haben. Eine andere Seite an unserem Gleichnis ist für das Verständnis zu beachten. Es steht im "Evangelium", d. h. es richtet sich an die frühchristliche Gemeinde, damit auch an alle Christen. Auch sie sind gefragt, ob sie das ihnen geschenkte Vertrauen, ob sie die ihnen anvertrauten Gaben Gottes haben wirken oder verkümmern lassen.

Wir haben - und das ist ein zweiter Punkt - ein Gleichnis vor uns einem "Gericht" Gottes. Mit diesem "Gerichts-Gleichnis" will Jesus sein verblendetes Volk und vor allem dessen religiöse Führer aufrütteln angesichts des furchtbaren Ernstes der Stunde. So unerwartet wird die Katastrophe, wird das Gericht kommen, wie der von einer weiten Reise zurückkehrende Herr. Und deswegen heißt es: Lasst euch mahnen! Lasst euch nicht überraschen! Bereitet euch vor! Tut etwas! Die Urkirche wird das Gleichnis Jesus dann - durchaus mit Recht! - umdeuten. Sie wird es auf Jesus und seine Wiederkunft beziehen. Sie fasst das Gleichnis Jesu auf als Worte an die christliche Gemeinde, über dem Ausbleiben der Wiederkunft des Herrn nicht nachlässig zu werden: Seid wachsam! Verliert euren Herrn nicht aus den Augen! Er wird von euch einmal Rechenschaft fordern.

Ein dritter Gesichtspunkt: Woran mussten die Zuhörer Jesu bei den "Talenten" denken, die der reiche Mann seinen Dienern anvertraute? Woran mussten sie denken insbesondere bei dem Knecht, der sein Talent im Boden vergräbt? Dachten sie an das jüdische Volk, dem viel anvertraut wurde, das von Gott stellvertretend auserwählt worden war, das aber Gottes Gaben nicht entsprechend nützte? Dachten sie an die Pharisäer, die eine persönliche Sicherheit vor Gott erstrebten in einer pedantischen Gesetzeserfüllung, die jedoch durch ihre selbstsüchtige Abschließung, ja durch ihre Verachtung der einfachen Gläubigen die Religion unfruchtbar machten? Die Zuhörer Jesu mussten zweifellos an das jüdische Volk, an die religiösen Führer, besonders an die Schriftgelehrten denken. Diese sind die im Gleichnis von Jesus Angesprochenen und Gemeinten. Großes ist ihnen anvertraut worden, in der Tat unvergleichliche "Talente": das Wort Gottes, sein Gesetz, seine Offenbarung an die Menschen; ja letztlich hat Gott selbst sich ihnen anvertraut. Und wie die Knechte im Gleichnis werden sie bald Rechenschaft ablegen müssen, wie sie das anvertraute Gut, wie sie die Gaben Gottes verwendet haben: ob sie diese nach Gottes Willen genutzt haben; ob sie - dem dritten Knecht ähnlich - durch Selbstsucht und leichtfertige Missachtung der Gaben Gottes verleitet, das Wort Gottes um seine Wirkung gebracht haben; ob sie Gott selbst den Menschen vorenthalten haben. Gott hat ihnen in der Tat Großes anvertraut: die geistliche Führung des auserwählten Volkes; das Wissen um seinen Willen; die Schlüssel zur Königsherrschaft Gottes, ja sich selbst. Nun steht das Gericht Gottes unmittelbar bevor, d. h. die Prüfung, ob sie Gottes großes Vertrauen gerechtfertigt oder ob sie es missbraucht haben; ob sie Gottes Liebe angenommen; ob sie Gottes Gaben genützt oder sie aus Selbstsucht, aus Überängstlichkeit den Menschen vorenthalten haben; ob sie ihnen die Tür des Reiches Gottes geöffnet oder verschlossen haben. Wer Gottes Willen kannte, der wird härter gerichtet als das Volk, das das Gesetz nicht kennt. Gott hat unbegreifliche Geduld geübt; jetzt wird er Rechenschaft fordern; das Gericht beginnt beim Hause Gottes.

Uns ist hoffentlich klar: dieses Gleichnis ist immer aktuell, zu allen Zeiten. Es geht also nicht an, nur in der Geschichte, nur in der Vergangenheit zu suchen nach Versagern, nach den Schuldigen damals in Israel und irgendwann in der Geschichte der Kirche. Das wäre billig und pharisäisch und würde die von Jesus geforderte Selbstbesinnung verhindern. Auch wir sind zu einer Gewissenserforschung hier und heute gerufen. Natürlich gilt das in erster Linie für die Führer in der Kirche. Haben sie nur Angst vor der bösen Welt, vor dem Neuen, vor der Freiheit der Kinder Gottes? Oder verbreiten sie Optimismus, Freude, Hoffnung - deswegen, weil ja in keinem anderen Namen uns Heil gegeben ist als im Namen Jesu Christi? Die Frage richtet sich aber auch an die Theologen, an die Gottesgelehrten. Fühlen sie sich allein dem Wort Gottes verpflichtet, das man nicht nach menschlichem Belieben auslegen und gebrauchen darf? Bauen sie den Glauben auf oder reißen sie ihn nieder? Sprechen sie noch eine Sprache, die von den einfachen Christen verstanden werden kann? Führen sie die Menschen hin zu Gott oder nur zu sich selbst?

Aber nicht nur für "die da oben", für die verantwortlichen Leiter und Hirten der Kirche und für die Theologen ist das Gleichnis eine Herausforderung und Gewissenserforschung. Das Gleichnis trifft jeden, der sich Christ nennt und Christ sein will. Uns allen, die wir seinen Namen tragen, ist Gottes Wort und Jesu Botschaft anvertraut; ja, er hat sich selbst uns allen anvertraut. Erkennt die Welt, dass wir Christen uns dieser Gaben Gottes würdig erweisen; dass wir uns der Aufgabe, Jesu Leben und Denken bekannt zu machen, nicht verschließen? Dass wir aber nicht nur sein Wort "predigen", sondern sein Wort in der christlichen Tat glaubwürdig vorleben? Und dann sollten wir uns selbst ganz persönlich fragen: Welches Wort, welche Botschaft, welches "Talent" ist uns, ist einem jeden von uns ganz persönlich von Gott anvertraut worden? Was ist meine persönliche Berufung von Gott her? Wo ist mein Platz in dieser Welt und im Dienst an dieser Welt - als Christ? Und sage ich Ja zu dieser meiner Berufung? Zu meinem Platz, zu meiner Arbeit, zu meinem Geschick? Da ist jeder von uns von Gott gefragt und gefordert. Erbitten wir uns vom Herrn, der auch uns gerufen hat, dass wir uns ihm stellen; dass er uns aber auch die Kraft gibt, seinem Ruf zu entsprechen; dass wir ihn den vielen suchenden Menschen heute nicht vorenthalten, sondern in der Tat des Lebens bezeugen; mehr noch: dass wir ihnen Gott bringen.

 

Christkönigsfest: "Wie hältst du es mit der Liebe?"

Einführung

Wenn wir das Wort "König" hören, dann denken wir an Macht und Glanz auf der einen, an gehorsame Unterwerfung auf der anderen Seite. Durch Jesus Christus haben wir etwas anderes erfahren und - hoffentlich - auch gelernt: Er ist ein "König"; aber einer, der misshandelt und ans Kreuz geschlagen wurde, damals und immer wieder, auch heute. Jesus Christus ist König durch das Kreuz: durch seine Hingabe für die Vielen, für uns alle. Durch ihn haben wir die Versöhnung mit Gott, die Freiheit für ihn, den Frieden und das Heilsein untereinander. Wir wollen uns darum zu Beginn der Eucharistiefeier heute am Christkönigsfest besinnen und ihn, unseren Herrn und Erlöser, um sein Erbarmen, um seine Hilfe bitten:

    Herr Jesus Christus, du bist in diese Welt gekommen, zu suchen und selig zu machen die Verlorenen
    - Herr, erbarme dich!
    Du hast dich, um uns zu retten, der Schmach des Kreuzes unterworfen
    - Christus, erbarme dich!
    Du hast dich in deiner Auferstehung als den wahren König der Welt geoffenbart
    - Herr, erbarme dich!

Es erbarme sich unser der allmächtige Gott! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Wir beten voll Vertrauen zu unserem Herrn Jesus Christus, dem König der Welt, der uns Menschen nahe ist, weil er einer von uns geworden ist.

  • Für die Christen in aller Welt: dass sie deine Worte ernst nehmen und entschlossen danach streben zu werden, wie du gewesen bist!
  • Für die Menschen in der Welt, die in dir nur eine bedeutende Gestalt der Geschichte sehen: dass sie verstehen, wer du bist, und dass sie in dir den sehen, den Gott zu uns gesandt hat!
  • Für die Unentschiedenen, die nicht wissen, welchen Leitbildern sie nacheifern sollen: dass sie sich deiner Führung anvertrauen!
  • Für die große Zahl der Nichtchristen, die sich an die Botschaft ihrer Lehrer halten: dass sie die Fülle der Wahrheit entdecken, die du uns gebracht hast!

Herr Jesus Christus, lass alle Menschen in dir den ewigen und wirklichen Heilbringer erkennen! Und mach uns bereit, dass wir auf dich, das einzig feste Fundament, unser Leben bauen. Das gewähre uns, der du lebst und herrschst in alle Ewigkeit. Amen.

Predigt

Der Text des Evangeliums heute am Christkönigsfest hat zum Inhalt das Endgericht. Als König, als Hirte und Richter wird der Menschensohn die Völker der Erde versammeln. Quer durch alle Völker und Gruppen wird er scheiden zwischen Guten und Bösen. Nach nichts anderem wird der Richter fragen als nach den Taten der barmherzigen Liebe. Nur die Taten der Liebe zählen für ihn, nicht Worte und Gefühle. Ich meine, es sei daher angebracht, etwas zum Thema "Nächstenliebe" zu sagen.

Vor einigen Jahren habe ich eine Fabel gelesen, die mich sehr beeindruckt hat: "Wie man im Orient Affen fängt: Indem man ein Gefäß, in das man eine Frucht legt, auf der Erde festmacht. Der enge Hals des Gefäßes lässt zwar die leere Hand durch, jedoch nicht die volle. So der Mensch, der die Dinge mit der Hand fest umschließt. Seine Besitztümer sind es, die ihn vernichten. Der Mensch stirbt, weil er es nicht versteht, die Hand aufzutun." "Der Mensch stirbt, weil er es nicht versteht, die Hand aufzutun." Gewiss, das ist in erster Linie vom materiellen Besitz gemeint. Aber dieser Satz gilt auch, ja - wie mir scheint - im eigentlichen Sinn in einer anderen, viel tiefer reichenden Dimension. Der Mensch stirbt, er ist tot, wenn er es nicht versteht, sich selbst loszulassen, sich zu öffnen, sich zu verschenken, einen Blick zu haben für die eigentlichen, für die inneren Nöte und die innere Armut des Menschen heute. Der Mensch stirbt, wenn er nicht zu einer wahren Liebe, zur Nächstenliebe hinfindet. Ich meine, gerade im heutigen Evangelium vom Endgericht werde deutlich, dass wir einen Blick haben sollen für die vielfältigen Nöte des heutigen Menschen. Unsere Lebensaufgabe ist es, diese vielfältigen Nöte des Menschen heute zu sehen und ihnen in konkreter Hilfe zu begegnen - nicht irgendwo in der Welt, sondern bei uns. Auch wir müssen eine "Option" vollziehen für die Armen bei uns. Die Frage ist allerdings, wer diese "Armen" bei uns sind. Ich möchte einige Hinweise geben zu einer solchen Hilfe, zu diesen Werken der leiblichen und geistigen Barmherzigkeit.

"Um zu verstehen, bedarf es der Liebe." Wie reden wir eigentlich miteinander? Wie gehen wir miteinander um? Ein Gespräch ist doch keine Diskussion. Ein wirkliches Gespräch setzt den anderen nicht ins Unrecht; entlarvt ihn nicht als Ignoranten. Ein echtes Gespräch verbietet jegliche Rechthaberei. Wer den anderen verstehen will, der muss ihn zunächst menschlich bejahen; er muss ihn "lieben": "Wie gut, dass es dich gibt!" Nur dann spürt der andere auch, was der Partner mit einem vielleicht ungeschickten Wort gemeint hat. Nur die Liebe glaubt an den guten Sinn; nur die Liebe legt das Wort und das Verhalten des anderen gut aus; nur die Liebe verdächtigt nicht. Ohne diese Einstellung treibe ich den anderen in die Isolation; vertreibe ich ihn aus meiner Nähe. Ob dies nicht auch im Bereich der Kirche der Fall ist, in unseren Gemeinden? Wie vielen ist die Kirche fremd geworden, und niemand besucht sie! Wie viele kommen nicht mehr mit im Bereich Kirche, in unseren Gemeinden! Wie viele sind hinausgetrieben worden, vielleicht durch unseren Hochmut, unsere Arroganz! Bei wem suchen wir die Schuld dafür? Nur bei den anderen, den Fernbleibenden?

"Liebe eröffnet dem geliebten Du den Zutritt zur eigenen Welt." Aber ist das nicht gefährlich, dem anderen einen Blick in das eigene Herz zu gewähren? Missbraucht der andere nicht vielleicht mein Vertrauen, meine "Schwäche", die ich ihm zeige? Zahle ich dann nicht immer drauf? Es scheint deshalb klug zu sein, auf Abstand zu gehen. Und der Rat des Balthasar Gracian, eines Moraltheologen aus dem 17. Jahrhundert, scheint wirklich eine tiefe Erfahrung auszudrücken: "Seinen Freunden so trauen, als ob sie morgen Feinde sein könnten." Dann erlebe ich in der Tat keine unliebsamen Überraschungen. Aber gerade diese Einstellung würde uns zum Alleinsein verdammen, würde uns in uns selbst einschließen, würde unseren eigentlichen Tod bedeuten. Wir "müssen" das Wagnis auf uns nehmen, dem anderen einen Blick in das eigene Herz zu gestatten. Freilich liegt darin ein Risiko; freilich liegt darin die Gefahr, verwundet und verkannt zu werden. Der Liebende ist immer der Schwächere, der Unterlegene. Wenn wir uns aber nicht in diese Gefahr begeben, dann haben wir nicht begriffen, was Liebe und was Brüderlichkeit bedeuten; dann haben wir nicht begriffen, was Christsein heißt; dann haben wir nicht begriffen, was Gott für uns in Jesus Christus getan hat. Dann haben wir uns zu fragen, ob das nicht seine Wurzel darin hat, dass wir zu sehr Individualisten und Egoisten sind; dass wir nur uns selbst kennen und kultivieren; dass wir andere ausnützen und ausbeuten. Ob es nicht auch in der Kirche, in den christlichen Gemeinden zuviel Egoismus gibt, Überheblichkeit, Misstrauen und deshalb auch Angst voreinander? Ob es nicht auch in der Kirche, in den christlichen Gemeinden zu wenig Vertrauen, Brüderlichkeit und Offenheit gibt, und zwar nicht nur zwischen hoch und niedrig, arm und reich, gebildet und ungebildet? Auf wessen Seite steht die konkrete christliche Gemeinde? Hat sie ein Herz für die Einfachen, für die Ungebildeten, für die Machtlosen? Wo sind sie geblieben?

"Liebe tut immer den ersten Schritt, auch im Verzeihen einer Schuld." In einem der Dramen Sartres steht der Satz: "Auch ich hätte dich geliebt, wenn du mich zuerst geliebt hättest!" Dieser Mann hat begriffen (wenn auch nur im Negativ), worauf es im Leben ankommt. Er hat genau das als Grundübel für den Menschen bezeichnet, was der heilige Augustinus als das Wesen der Sünde angesehen hat: dass der Mensch so mit sich selbst beschäftigt ist, dass er den Blick nicht von sich abwenden und anderen zuwenden kann; dass er krampfhaft auf sich selbst blickt, an sich selbst festhält. Darum ist es für uns entscheidend, ob es uns gelingt, einen Blick für den Mitmenschen zu haben; es ist entscheidend, ob wir von unserem hohen Ross herunterkommen - auch in der Kirche! Ob wir einmal den ersten Schritt zur Versöhnung tun, und zwar auch dann, wenn wir im Recht sind; ob wir Gutes tun, auch wenn wir nicht in der Zeitung genannt werden, und kein Fotograf dabei ist; wenn uns niemand auf die Schulter klopft. Denken wir an die erstaunte Frage derer zur rechten Seite des Weltenrichters: Wo haben wir dir eigentlich etwas Gutes getan? Die Linke soll in der Tat nicht wissen, was die Rechte tut.

Ein letzter Hinweis darauf, was Nächstenliebe bedeutet: Eine Gabe allein, eine Hilfe, ein sogenanntes Trostwort kann den, der die Hilfe, der das Trostwort erhält, demütigen. Ein Almosen, das wir geben, kann auch bedeuten: Verschwinde! Ich will dich nicht mehr sehen! Wir haben viel mehr zu geben. Wir haben uns selbst zu geben. Wir haben uns selber, unser Herz der Not des Mitmenschen, und zwar des konkreten, nicht eines vorgestellten, zu öffnen. Wir haben uns selbst in eine Gabe, in eine Hilfe, in ein Wort des Trostes hineinzulegen.

Wir feiern jetzt miteinander Eucharistie. Wir gedenken in dieser Feier der Liebe Gottes zu uns, die er uns gezeigt hat in seinem Sohn Jesus Christus. Ja, diese Liebe Gottes wird in dieser Feier "Gegenwart". Wir haben ja nicht nur das "Wort" Gottes - das selbstverständlich auch! Wir haben viel mehr. Wir haben seine Gaben. Ja, wir haben ihn selber erhalten. Er hat sich - und zwar buchstäblich! - in diese "Gaben" auf dem Altar "hineingelegt". Unter den Gestalten von Brot und Wein ist er da und will von uns empfangen werden. Er hat sich unsere Not zu Herzen genommen; er hat uns geholfen; sein Leben war Dasein für uns bis in den Tod. Dafür können wir ihm immer nur Dank sagen. Gerade das heutige Christkönigsfest will uns das bewusst machen: den Dank für seine Güte und Liebe.

 

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