Lesejahr A
2. - 10. Sonntag im Jahreskreis

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2. Sonntag: "Seht das Lamm Gottes!"

Einführung

Jesus ist das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt - im Evangelium hören wir dieses Wort aus dem Mund des Täufers Johannes. Jesus ist der "Knecht", den Gott erwählt, in seinen Dienst genommen und zum Licht der Völker gemacht hat - so weissagte es der Prophet Jesaja. Wir sollen sehen und begreifen, was Gott durch Jesus getan hat für uns; und wir sollen antworten mit der Tat unseres Lebens. Mit diesem Dank ehren wir den guten Gott; wir helfen ihm gleichsam, die Welt zu retten.

    Herr Jesus Christus, dich hat der Täufer Johannes als das Lamm Gottes bezeugt
    - Herr, erbarme dich!
    Dich hat der Täufer Johannes bezeugt als den, auf dem Geist Gottes ruht
    - Christus, erbarme dich!
    Dich hat der Täufer Johannes bezeugt als den Erwählten Gottes
    - Herr, erbarme dich!
    Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Herr Jesus Christus, Lamm Gottes, du hast am Kreuz dein Leben hingegeben für das Heil der Welt, für unser Heil. Darum kommen wir voll Vertrauen mit unseren Bitten zu dir:

  • Für die Kirche, die Gemeinschaft der Glaubenden: dass sie nicht müde wird, deine versöhnende Liebe zu verkünden!
  • Für die Verantwortlichen in Staat und Gesellschaft: dass sie Sorge tragen für Gerechtigkeit und Frieden!
  • Für uns alle: dass wir dich immer tiefer erkennen und von deinem Geist durchdrungen werden!
  • Für unsere verstorbenen Angehörigen: dass du sie aufnimmst in den Frieden und die Freude des Himmels!

Du, Herr, hast uns in der Taufe in die Gemeinschaft der Glaubenden aufgenommen und in deine Nachfolge gerufen. Dafür danken wir dir heute und alle Tage unseres Lebens. Amen.

Predigt

"Seht das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünde der Welt!" Wir haben soeben im Evangelium dieses Wort des Täufers Johannes gehört; mit diesem Wort schickt er seine beiden Jünger Andreas und Johannes zu Jesus. Das Wort des Täufers ist uns allen geläufig. Wir hören und sprechen es in der Liturgie an einer herausgehobenen Stelle, wenn der Priester die heilige Hostie uns zeigt und uns zum eucharistischen Mahl, zur Kommunion einlädt. Ist aber mit dem Hören und Sprechen schon die in diesem Wort verkündete und gemeinte Glaubenswirklichkeit in unser Bewusstsein eingedrungen? Ich denke, es sei gut, uns darüber Gedanken zu machen.

Im Johannes-Evangelium beginnt die irdische Geschichte Jesu mit diesem Wort des Täufers: "Seht das Lamm Gottes!" Die irdische Geschichte Jesu endet im Johannes-Evangelium mit dem Hinweis darauf, dass kein Bein an ihm, dem am Kreuz Gestorbenen, zerbrochen wurde; es wird mit diesem Wort auf eine Bestimmung aus dem jüdischen Pascha-Ritual hingewiesen, dass das Osterlamm fehlerfrei sein muss; kein Knochen darf an ihm zerbrochen werden. Der Evangelist Johannes unterstreicht damit, dass Jesus zur selben Zeit am Kreuz stirbt, da im Tempel von Jerusalem die Pascha-Lämmer geschlachtet wurden. Der wahre Tempel ist von nun an - das ist die Überzeugung des Evangelisten und der jungen Kirche - draußen vor der Stadt, wo das wirkliche Lamm seine Seite durch die römischen Soldaten öffnen lässt. Das Bild von Jesus, dem Lamm, das die Sünde der Welt trägt, rahmt so die irdische Geschichte Jesu ein. Jesus nimmt die Schuld aller auf sich; er nimmt unsere Schuld auf sich.

Die Bezeichnung Jesu als das "Lamm Gottes" lässt sich freilich nicht ohne weiteres aus der jüdischen Pascha-Lamm-Vorstellung ableiten. Die Apostel und mit ihnen die junge Kirche waren darauf nicht angewiesen. Sie besaßen ja in der Heiligen Schrift des Alten Bundes eine Heilsprophetie, die die eigentliche Voraussetzung dafür war, dass der Evangelist Johannes Jesus als das "Lamm Gottes" bezeichnen konnte. Um die sündentilgende Wirkung des neutestamentlichen Pascha-Lammes auszusprechen und von der Heiligen Schrift her zu begründen, wurde Jesus mit dem sterbenden "Knecht Gottes" identifiziert, der vom Propheten Jesaja mit einem Lamm verglichen wird, "das zur Schlachtbank geführt wird"; der "sein Leben als Sühnopfer hingibt"; der "die Schuld der Vielen trug und für die Sünder eintrat" (Jes. 53). Die Apostel und die frühe Kirche bekannten in diesem Bild vom "Knecht Gottes", der wie ein "Lamm zur Schlachtbank geführt" wird, die erlösende Kraft des Sterbens Jesu, seines Sterbens für die "Vielen", für alle, für uns.

Man darf die Frage stellen, ob nicht heute diese "Wahrheit" von der Erlösung aus Schuld und Sünde an den Rand des Bewusstseins gerückt ist. Wer nimmt heute noch ernst, was wir Christen mit "Sünde" bezeichnen? Und wer fühlt sich noch "erlösungs-bedürftig"? "In mir ist nichts, was erlöst werden müsste!" So formulierte Friedrich Nietzsche schon vor über 100 Jahren diese Einstellung. Vielleicht halten wir Christen noch am Begriff "Erlösung", an den Vokabeln "Schuld" und "Sünde" fest. Aber es besteht die große Gefahr, all diese Wörter in einem verweltlichten Sinn zu verstehen. Auch vielen Christen geht es dabei anscheinend nur noch um den Einsatz für eine gerechtere und humanere Welt. Natürlich ist ein solcher Einsatz auch vom Christen gefordert. Aber Christsein kann und darf sich nicht darin erschöpfen. Sonst käme es über das Ideal und den Versuch einer Selbsterlösung nicht hinaus. Kirche würde dann absinken zu einer Sozial-Institution, zu einer "Sozial-Agentur", deren es so viele gibt. Für Jesus jedenfalls stand nicht die menschliche Leistung an erster Stelle, sondern für ihn stand an erster Stelle das, was Gott tat und jetzt durch ihn tut: die vergebende Gnade gegenüber dem Menschen, der sich seiner Schuld und Sünde bewusst ist. Diese Botschaft Jesu, diese "Frohbotschaft", darf nicht umgedeutet werden. Denn dann würde z. B. auch die Wirklichkeit der Eucharistie, also das Gegenwärtigwerden der vergebenden Liebe und Gnade Gottes verloren gehen; gerade das also, was wir mit "Erlösung" meinen. Natürlich ist unser sozialer Einsatz wichtig, ja notwendig. Er ist aber die Konsequenz unseres Christseins, das Echtheitszeichen, das Echo unseres Glaubens an Jesus Christus.

Zeigt sich hier nicht deutlich, wie für die Menschen heute kaum noch verständlich zu sein scheint, was "Sünde" ist, und was "Erlösung" bedeutet? "Sünde" meint ja nicht nur ein verkehrtes Tun; das Übertreten einer von Gott verfassten Verkehrsordnung unter den Menschen. "Sünde" meint vielmehr die Abkehr von Gott, der unser Heil ist; dass Gott für uns keine Rolle mehr spielt; dass er gleichsam für uns Luft ist; dass wir meinen, nicht von Gott abhängig zu sein - in dem Sinn, dass er das Fundament unseres Lebens ist, ob wir das erkennen und anerkennen oder nicht. Und wenn wir Christen bekennen, dass wir durch Jesus Christus "erlöst" worden sind, dann meinen wir genau dies: dass wir durch ihn, durch sein Leben und Sterben hingewiesen werden auf den Grund unseres Lebens; dann meinen wir die durch ihn bewirkte Hinwendung zu Gott, unserem Heil - nicht weil wir auf den Gedanken gekommen wären; sondern weil wir im Liebestod Jesu das Zeichen der Güte und Liebe Gottes, die Einladung zum Glauben erhalten haben - daran, dass er der Halt unseres Lebens ist; dass nur so die Gottferne (also die "Sünde") überwunden werden kann; dass nur so die Heillosigkeit der Welt, unsere Heillosigkeit letztlich überwunden werden kann.

Wenn wir nun miteinander Eucharistie feiern, also der erlösenden Tat Gottes gedenken, die sichtbar, ja greifbar geworden ist im Liebestod seines Sohnes, dann bekennen wir uns also dazu, dass wir ihm alles verdanken: den Halt, den Sinn unseres Lebens. Und wenn wir zum Tisch des Herrn treten, um die Kommunion zu empfangen, dann bekennen wir uns dazu, dass wir das wahre Leben nur in ihm finden; dass er das Lebensbrot ist, das unseren Hunger, unseren eigentlichen Hunger stillt, stillen kann. "Seht das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünde der Welt!" Ich wüsste kein anderes Wort der Heiligen Schrift, mit dem uns die Kirche, die Gemeinschaft der Glaubenden, ebenso verheißend wie mahnend zum Mahl des Lebens rufen könnte.

 

3. Sonntag: "Folge mir nach!"

Einführung

Christ sein heißt: sich von Gott in die Nachfolge seines Sohnes Jesus Christus gerufen wissen; hinter ihm herzugehen - heute, in unserer Zeit, in unserer Welt. Wir wissen: Damals wie heute begab sich der, der Jesus nachfolgen wollte, in die Gemeinschaft eines, dessen Lebensprogramm nicht unbedingt attraktiv war. Wir wissen aber auch, dass nur bei ihm zu finden ist der Weg zu Gott, die Wahrheit dieser Welt und unser Leben. Wir wollen uns darum zu Beginn dieser Eucharistiefeier wieder auf unsere Berufung besinnen und den Herrn, der uns gerufen hat, um seine Gnade und um sein Erbarmen anrufen.

    Herr Jesus Christus, du hast die Frohbotschaft vom nahen Himmelreich verkündet
    - Herr, erbarme dich!
    Du hast Jünger gerufen, die wie du die Menschen mit Gott und untereinander versöhnen
    - Christus, erbarme dich!
    Du sagst auch uns: Kommt, folgt mir nach!
    - Herr, erbarme dich!
    Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Herr Jesus Christus, du hast uns zur Umkehr und in deine Nachfolge gerufen. Voll Vertrauen kommen wir mit unseren Bitten zu dir:

  • Für alle Christen: Gib ihnen Mut, auch heute den Menschen Gott und sein Reich zu verkünden!
  • Für alle, die in der Kirche ein Amt haben: Schenke ihnen die Kraft, die Menschen zur Umkehr in die Gemeinschaft mit Gott und in die Liebe zueinander zu rufen!
  • Für alle, die in der Welt Verantwortung tragen: Ermutige sie in ihrem Einsatz für ein friedvolles Miteinander und für Recht und Würde jedes Menschen!
  • Für uns selbst: Bestärke uns in deiner Nachfolge, und lass unser Zeugnis für dich glaubwürdig sein!

Denn du, Herr, willst, dass deine Frohbotschaft durch uns verkündet wird. Auch in unserer Zeit soll Wirklichkeit werden, was du begonnen hast. Dir sei Lob und Ehre in Ewigkeit! Amen.

Predigt

Mit dem heutigen Abschnitt lässt der Evangelist Matthäus das öffentliche Leben und Wirken Jesu beginnen. Vorangegangen ist die Predigt des Täufers Johannes und die Versuchungsgeschichte. Jesus nimmt das Thema der Buß-Predigt des Täufers auf: "Kehrt um! Denn das Reich der Himmel ist nahe." Aber dieser Aufruf Jesu bleibt nicht im allgemeinen stecken. Er konkretisiert sich. Am See Genesareth ergeht der Ruf in die unmittelbare Gefolgschaft, in seine Nachfolge: "Kommt her, folgt mir nach!" Dieser Ruf Jesu in seine Gefolgschaft wird nun nicht mehr verstummen. Aber es ist nicht nur ein Ruf in den "galiläischen Frühling", d. h. in die Nachfolge dessen, dem das Volk von Galiläa anfangs zujubelte; es wird bald der Ruf werden in die Nachfolge des verachteten, des verfolgten Jesus. Der Jünger muss bereit sein, alles zu lassen und nur auf das eine bedacht zu sein, was des Herrn ist. Passt uns aber dieser Weg, den Jesus von seinen Jüngern verlangt, den er seinen Jüngern und auch uns zugedacht hat? Ist sein Ruf nicht reichlich hart? Es lohnt sich jedenfalls, darüber nachzudenken, was "Nachfolge Christi" meint, und was sie für uns bedeutet.

Nach dem Evangelium hat "Nachfolge Christi" zunächst einen ganz einfachen Sinn: dass sich Menschen entschließen, ihren Beruf, ihr Geschäft, ihren bisherigen Alltag hinter sich zu lassen und stattdessen mit Jesus zu gehen: "Ohne zu zögern, ließen sie ihre Netze liegen und folgten ihm", so heißt es im heutigen Evangelium von Petrus und Andreas. Nachfolge Jesu meint also ursprünglich einen neuen Beruf, den Beruf des Jüngers, dessen Lebensinhalt das Mitgehen mit dem Meister, das Sich-Anvertrauen an seine Führung darstellt. Nachfolge ist also zunächst etwas recht Äußerliches: das wirkliche Gehen hinter Jesus auf seinen Wanderungen durch Palästina. Es ist aber zugleich etwas ganz Innerliches: die neue Orientierung des gesamten Lebens, das nicht mehr im Geschäft, im Broterwerb, im Eigenen die Leitpunkte hat, sondern hingegeben ist an den Willen des Herrn. Bei ihm zu sein und ihm zur Verfügung zu stehen, das ist zum Inhalt des Daseins geworden. Welchen Verzicht auf das Eigene diese "Nachfolge" bedeutet, das zeigt die kleine Begebenheit zwischen Jesus und Petrus. Jesus hat seinen Leidensweg vorausgesagt. "Da nahm ihn Petrus auf die Seite und fing an, ihm Vorhaltungen zu machen", so erzählt das Markus-Evangelium. Jesus aber weist den Petrus zurecht: "Weg und hinter mich, du Satan! Du denkst nicht, was Gottes, sondern was des Menschen ist." Was hat Petrus falsch gemacht? Er hat gleichsam versucht, die Nachfolge abzuwerfen und stattdessen selbst vorauszugehen, selber die Richtung des Weges zu bestimmen. Jesus weist ihn an seinen Platz zurück: "Weg und hinter mich!" Nachfolge heißt nämlich; die Richtung annehmen, die von Jesus vorgegeben ist, auch wenn diese Richtung dem eigenen Wünschen entgegenläuft.

Von hier aus erkennen wir deutlicher, was gemeint ist, wenn die Berufung der Jünger und damit das Wesen der Jüngerschaft in den Evangelien immer wieder mit dem Wort Jesu geschildert wird: "Folge mir nach!" Es ist zunächst die Aufforderung, den bisherigen Beruf wegzugeben; es ist darüber hinaus und eigentlich die Aufforderung, sich selbst zurückzunehmen, um ganz für Jesus dazusein, dasein zu können; das eigene Denken dem Denken Jesu anzugleichen. Im Laufe des öffentlichen Wirkens Jesu nimmt dieser Inhalt der Nachfolge noch konkretere Formen an, die ihren Niederschlag vor allem in dem Wort Jesu finden: "Wenn jemand hinter mir hergehen will, sage er Nein zu sich selbst; er nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach!" Dieses Wort hatte ursprünglich eine ganz realistische Bedeutung. Wer sich Jesus anschließt, der begibt sich in die Gesellschaft eines Ausgestoßenen; der muss damit rechnen, wie Jesus verurteilt zu werden und unter das Kreuz zu geraten. Kein Wunder, dass die frühen Christen im Märtyrer den sahen, der den Sinn der Nachfolge bis zum Ende erfüllte: sich selbst, ja sogar das eigene Leben für das Leben mit Jesus wegzugeben.

Aber rückt uns mit dieser Auskunft die Botschaft von der Nachfolge nicht noch ferner, als sie es ohnehin schon ist? Wir haben doch keine Möglichkeit mehr, hinter dem Menschen Jesus herzugehen, und das Martyrium erscheint uns nicht als die normale Erfüllung des christlichen Lebens. Wenn wir aber genauer hinschauen, dann bemerken wir, dass die äußeren Formen, in denen sich die Jesus-Nachfolge zunächst verwirklichte, gar nicht das Entscheidende sind. Das Entscheidende ist vielmehr die innere Verwandlung des Lebens und Denkens. In der Gleichnisrede vom Guten Hirten heißt es: "Wenn der Hirt die Seinen alle hinausgetrieben hat, dann geht er vor ihnen her, und die Schafe folgen ihm, weil sie seine Stimme kennen." Nachfolge Jesu bedeutet für uns demnach: die Stimme Christi kennen und im Gewirr der Stimmen, die heute auf uns einstürmen, der Stimme des Herrn zu folgen. Deutlicher ausgedrückt: Nachfolge Jesu heute heißt: sich dem Wort Gottes anvertrauen; das Wort Gottes über das Gesetz des Geldes und des Brotes stellen, das nun einmal das Denken dieser Welt bestimmt. Es heißt: nach dem Wort Gottes zu leben und nicht bestimmt und beherrscht zu werden von der Mode, vom Diktat der Meinungsmacher heute; seine Meinung nicht von der Stange zu beziehen; es meint das Nein zu den vielen Heilbringern und Heilslehren heute.

Wenn wir uns in diesem Sinn auf Gott, auf den Ruf Jesu einlassen, dann merken wir: Jesus nachfolgen meint: an ihn glauben im Sinne einer Grundentscheidung zwischen den zwei und letztlich nur zwei Möglichkeiten des Menschenlebens: zwischen dem Brot und dem Wort Gottes. Der Mensch lebt - und das macht uns Jesus klar - nicht vom Brot allein, sondern auch, ja zuerst vom Wort Gottes. Ein Sinn des Lebens, der allein genügen kann, kann nicht gemacht, erworben werden durch die Kultivierung des Eigenen; er kann nur glaubend empfangen werden. Es geht immer noch um diese Grundentscheidung, vor der die Jünger damals und zu allen Zeiten gestanden haben: um die Grundentscheidung, auf den Nutzen und auf sich selbst zu bauen, ein irdisches Heil zu erwarten, oder auf das Wort Gottes zu bauen, auf seine Weisung. Es geht um die Grundentscheidung, nur für sich selbst zu leben oder sich wegzugeben. Und überall da, wo wir uns vom Herrn rufen lassen und uns in seinen Dienst stellen, da verwirklichen wir die Nachfolge Jesu.

Damit wird nun deutlich, was eigentlich mit Kreuz und Martyrium gemeint ist. Jesus sagt es: "Wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren; wer aber um meinetwillen und um des Evangeliums willen sein Leben verliert, der wird es gewinnen." Im Johannesevangelium ist diese Gesetzmäßigkeit mit dem Bildwort vom Weizenkorn erläutert, das auf keine andere Weise Frucht bringen kann, als indem es in die Erde fällt und stirbt. Nur wenn wir uns im Dienst Jesu selbst vergessen, können wir uns selbst finden; nur indem wir uns weggeben, kommen wir zu uns. Das ist nun einmal die Grundbedingung der Nachfolge Jesu, auch in den bequemen Zeiten, in denen wir Christen den Schatten des Kreuzes beinahe vergessen haben.

All das darf jedoch nicht Theorie bleiben. Es ist notwendig, diesen Dienst in unserem alltäglichen Leben zu verwirklichen; Jesu Worte zu vernehmen im Gewirr der Stimmen heute, die das Heil versprechen, aber nicht geben können; sein Denken innerlich zu erfassen. Für uns darf es nichts geben, was uns wichtiger ist als Gott: kein irdischer Wert, kein Besitztum, kein Mensch. Er muss der Punkt sein, auf den hin all unser Tun und Denken letztlich ausgerichtet ist. Wenn wir das bedenken, dann geht uns aber auch auf, wie weit wir davon noch entfernt sind; wie wir immer dahinter zurückbleiben. Wir wollen darum den bitten, der uns in seine Nachfolge ruft, dass er uns den Mut und die Kraft gibt, seinen Weg zu gehen, ihm zu dienen.

 

4. Sonntag: "Selig seid ihr!"

Einführung

Wenn wir Gottes Wort in den Evangelien hören, dann wissen wir, dass da nicht zu irgendwelchen fremden Menschen gesprochen wird, sondern zu uns. Wir sind gemeint. Wir sind - das wird uns heute gesagt - die Armen, die Hungernden, die Trauernden, die alles, die ihre Erfüllung vom Herrn erwarten. Oder wir sind die Reichen und Satten, die auf sich selbst bauen. Wir sind gefragt, ob wir uns auf den Herrn einlassen, ob wir uns auf ihn verlassen, ob wir auf ihn bauen - oder auf etwas anderes. Fragen wir uns darum zu Beginn dieser Eucharistiefeier, was er uns bedeutet, und bitten wir um Vergebung dafür, dass er von uns so oft an den Rand unseres Lebens gerückt wird.

    Herr Jesus Christus, du hast die, die auf dich ihr Leben gründen, seliggepriesen
    - Herr, erbarme dich!
    Du stehst denen bei, die um deines Namens willen verachtet werden
    - Christus, erbarme dich!
    Du verheißt den Lohn im Himmel denen, die zu dir stehen
    - Herr, erbarme dich!
    Es erbarme sich unser der allmächtige Gott. Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Inmitten einer Welt, die nur auf sich selbst baut, beten wir durch Jesus Christus zu Gott, unserem Vater im Himmel, von dem allein Leben und Zukunft kommen:

  • Dass die Kirche, getragen von seiner Liebe, durch Not und Verfolgung unbeirrbar dem ewigen Ziel entgegenwandert!
  • Dass die Reichen und Satten die Leere der Welt durchschauen und den wahren Weg des Lebens finden!
  • Dass die Armen, die Hungernden und die Trauernden Gottes Liebe spüren und die Hoffnung nicht verlieren!
  • Dass die Ehegatten einander die Treue halten und die Eltern ihren Kindern ein Beispiel christlichen Lebens geben!
  • Dass unsere Toten auferweckt werden und ins ewige Leben gelangen!

O Gott, du unser Halt und unsere Kraft, höre das Beten deines Volkes! Lass uns erlangen, um was wir dich bitten durch Christus, unseren Herrn! Amen.

Predigt

Die Seligpreisungen der Bergpredigt dürfen wir nicht missverstehen als bedingungslose Verheißungen des Glücks und des Heils durch Jesus. Sie sagen nicht: Ihr seid alle ohne jede Ausnahme selig in dem Sinn, dass euch das Himmelreich garantiert ist. Die Menschen sind nun einmal nicht insgesamt und immer offen für das Heilshandeln Gottes. Das ist der Grund, warum Jesus Bedingungen nennt, warum er Verhaltensweisen nennt, die empfänglich machen für das Heil, das Gott den Menschen zuteil werden lassen will. So heißt es zum Beispiel: "Selig, die arm sind vor Gott!" "Selig, die keine Gewalt anwenden!" Jesus zeigt also Wege auf, die zur Seligkeit führen, und er warnt zugleich vor den vielerlei Irrwegen, die die ersehnte und verheißene Seligkeit verfehlen lassen.

Die Armut vor Gott, die Jesus selig preist, ist schon im Alten Testament, in einem Psalm ausgesprochen: "Ich bin arm und gebeugt; eile, o Gott, mir zu Hilfe!" Das Armsein vor Gott, das Jesus fordert, ist dort gegeben, wo jemand sein Angewiesensein, seine Gefährdung und Begrenztheit, seine Armseligkeit sieht und eingesteht und damit voll Vertrauen zu Gott kommt. Das Armsein vor Gott ist also nicht einfach identisch mit materieller Armut. Auch einer, der viel besitzt, kann wissen und eingestehen, dass aller Reichtum vor Gott nicht genügt. Und einer, der materiell arm ist, kann voller Neid sein und sich alles, auch das Glück und das Heil vom Reichsein versprechen. Die erste Seligpreisung nennt also das Fundament jeder Beziehung zu Gott: Wir sollen zu Gott gehen im Wissen um unsere Begrenztheit, um unsere Gefährdung und Armseligkeit; wir müssen uns und ihm diese Abhängigkeit eingestehen. Gott verlangt von uns also nicht zuerst großartige Leistungen oder irgendwelche Vorzüge. Er verlangt von uns Ehrlichkeit und Vertrauen. Und er weist zurück jede Selbstherrlichkeit, jede Selbstgerechtigkeit.

Jesus preist die Sanftmütigen selig, oder besser: diejenigen, die keine Gewalt anwenden. Es sind die Menschen, die sich selbst in der Gewalt haben; die den anderen Raum zum Atmen und zum Leben lassen; die den anderen akzeptieren und ihn sein lassen, wie er ist. Sie wollen den anderen, den Mitmenschen nicht überwältigen und klein machen. Sie wollen nicht alles und alle beherrschen; sie wollen nicht ihre Interessen und ihre Vorstellungen auf Kosten der anderen durchsetzen. Sie respektieren den anderen als gleichwertig; sie lieben den Nächsten wie sich selbst. Nur wer in dieser Weise auf Gewaltanwendung, auf Machtausübung verzichtet, nur der wird "das Land erben", nur der wird das "messianische Segensland" erreichen, das gelobte Land Gottes, das Friedensreich des Messias, in dem es kein Unrecht und keine Gewalttätigkeit mehr geben wird, und von dem der Prophet Jesaja spricht: "Man tut nichts Böses mehr und begeht kein Verbrechen mehr auf meinem ganzen heiligen Berg. Denn das Land ist erfüllt von der Erkenntnis des Herrn." (Jes. 11, 9)

"Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit!" So lautet eine weitere Seligpreisung Jesu. Hunger und Durst meinen ein elementares Verlangen des Menschen. Das Gegenteil davon ist Gleichgültigkeit, Interesselosigkeit, Sattheit und geistige Trägheit. Dieser Hunger und dieser Durst, die von Jesus seliggepriesen werden, richten sich auf die "Gerechtigkeit", d. h. sie richten sich nach biblischem Sprachgebrauch auf das Richtigsein des Menschen vor Gott. Dieses "Richtigsein vor Gott" wird von Jesus im weiteren Verlauf der Bergpredigt noch konkretisiert, verdeutlicht. Es geht Jesus um das richtige Handeln gegenüber dem Mitmenschen, z. B. in der Ehrfurcht und in dem Respekt vor dem Nächsten, vor seinem Leben, vor seinem guten Ruf. Es geht Jesus um die Vergebungsbereitschaft und um Friedfertigkeit; um den Respekt vor der Frau; schließlich geht es Jesus um eine Liebe, die auch den persönlichen Feind, den Feind überhaupt einschließt. Die Suche nach dem Willen Gottes also, das Bemühen, diesem göttlichen Willen gemäß zu handeln, das soll Vorrang haben vor allem anderen; das soll zum innersten Anliegen werden.

Dieses Tun des göttlichen Willens bringt uns aber nicht nur Lob und Anerkennung. Das Tun des göttlichen Willens bringt dem, der Jesu Weisungen akzeptiert und verwirklicht, auch Ablehnung, ja Verfolgung. Darum die Ermutigung durch Jesus: "Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden... Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt werdet... Freut euch und jubelt: euer Lohn im Himmel wird groß sein!" Das bedeutet aber auch: Wer sich Jesus anschließt, wer an ihn als das Heil glaubt, der hat Anteil am Schicksal Jesu. Und wie Jesus sich nicht beirren ließ auf seinem Weg, so darf auch der Jünger sich nicht durch die Erfahrung von Ablehnung und Verfolgung davon abbringen lassen, das Rechte zu tun, nach Gottes Willen zu handeln, seinen Forderungen nachzukommen. Und dies ohne der Selbstgerechtigkeit zu verfallen und von Gott den gebührenden Lohn einzuklagen, zu verlangen.

Jesu Seligpreisungen haben also den Charakter von festen Zusagen. Sie haben aber auch den Charakter von klaren Orientierungen. Wer sich ehrlich bemüht, sich an diese Regeln, an Jesu Maßstäbe, an seine Orientierungshilfen zu halten, sie in seinem Leben zu realisieren, der erfährt zugleich das Befreiende dieser Regeln, dieser Leitlinien. Es wäre ein grobes Missverständnis, darin eine Beschränkung der menschlichen Freiheit zu sehen. Jesu Worte und Empfehlungen bedeuten in keiner Weise einen Zwang. Seine Botschaft macht uns vielmehr fähig, den Fesseln der Egozentrik, den Fesseln des Egoismus zu entkommen, die Verkrampfung in das Nur-Eigene zu lösen. Weil Gott nämlich für uns da ist, darum brauchen wir uns nicht groß zu machen. Weil Gott uns trösten wird, darum können wir Leid und Not annehmen. Weil wir unseren Lebensraum durch den guten Gott, durch unseren Vater im Himmel immer schon gesichert wissen, deshalb brauchen wir uns nicht mit Gewalt und auf Kosten anderer durchzusetzen; wir können sie vielmehr neben uns gelten lassen; wir können sie lieben wie uns selber. Weil Gott unseren Hunger und unseren Durst stillen wird, weil er uns mit der Überfülle von Glück und Leben beschenken will, darum brauchen wir nicht voller Angst für unser Leben zu sorgen. Weil Gott zu uns voll Erbarmen ist und uns Vergebung gewährt, darum brauchen wir nicht die Schulden anderer einzutreiben; können wir ihnen vergeben. Weil Gott sich von uns schauen lässt, darum können wir uns um ein reines Herz bemühen, das von allem gottwidrigem Streben frei ist und auf den Willen Gottes ausgerichtet ist. Weil Gott uns in seine Familie, in die Lebensgemeinschaft mit sich aufgenommen hat, darum dürfen wir uns für Frieden, für ein Leben, für ein Zusammenleben als Kinder Gottes einsetzen. Weil Gott in Treue zu uns steht, darum brauchen wir uns vor Ablehnung und Verfolgung nicht zu fürchten.

Wer also so eingestellt ist, wie es Jesus in seinen Seligpreisungen uns vor Augen stellt, der findet Leben und Heil; der gelangt zur inneren Freiheit, zur Freiheit der Kinder Gottes. Zu dieser Freiheit der Kinder Gottes hat uns Jesus gerufen; er hat uns dazu fähig gemacht. Paulus sagt es in seinem Brief an die Römer: "Ihr habt nicht einen Geist empfangen, der euch zu Sklaven macht, so dass ihr euch immer noch fürchten müsst; sondern ihr habt den Geist empfangen,... in dem wir rufen: Abba, lieber Vater!" Für dieses befreiende Gewissheit, Kinder Gottes zu sein, können wir ihm immer nur von Herzen danken.

 

5. Sonntag: "Salz der Erde und Licht der Welt"

Einführung

Die Predigt Jesu kann uns heilsam erschrecken. Seine Bildworte vom Salz der Erde und vom Licht der Welt können uns ins Mark treffen. Wie können wir dieser Aufgabe gerecht werden? Jesus gibt uns jedoch diese schier unlösbare Aufgabe nicht deswegen, um uns zu überfordern, um uns klein zu machen. Vielmehr nimmt er uns als seine Helfer in Dienst. Denn er ist ja im eigentlichen Sinn das Salz der Erde und das Licht der Welt. Seine Worte und seine Taten sollen uns ermutigen, bei ihm zu sein und ihn zu unterstützen. Wir wollen uns darum zu Beginn dieser Eucharistiefeier auf den Herrn besinnen, der uns zu seinen Zeugen, zu seinen Helfern gerufen hat.

    Herr Jesus Christus, du bist das Salz der Erde, das wir brauchen
    - Herr, erbarme dich!
    Du bist das Licht der Welt, ohne das wir in der Finsternis bleiben
    - Christus, erbarme dich!
    Du befähigst uns, deine Worte und dein Licht weiterzutragen
    - Herr, erbarme dich!
    Es erbarme sich unser der allmächtige Gott! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Herr Jesus Christus, du hast uns gerufen, Salz der Erde, Licht der Welt und Stadt auf dem Berge zu sein. Voll Vertrauen kommen wir mit unseren Bitten zu dir:

  • Für die Christen in aller Welt: dass sie sich bemühen, deinen Auftrag zu erfüllen!
  • Für die Kirche, die Gemeinschaft der Glaubenden: dass sie das Licht, das du ihr anvertraut hast, an alle Menschen weitergibt! Für uns, die wir um deinen Altar versammelt sind: dass wir glaubwürdig deine Botschaft leben!
  • Für alle Menschen: dass sie sich der Frohen Botschaft nicht verschließen!
  • Für unsere Verstorbenen: dass du ihr Lebenszeugnis in deiner Herrlichkeit belohnst!

Herr, unser Gott, du willst, dass wir in deiner Kraft Salz der Erde und Licht der Welt seien. Gib uns den Starkmut, diese Aufgabe zu erfüllen! Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn. Amen.

Predigt

Am vergangenen Sonntag haben wir im Evangelium die Seligpreisungen Jesu gehört. Die Kernaussage dieser überraschenden Wertungen war diese: Vor Gott kann nur bestehen, wer alles von ihm erwartet; wer sich Gott und seinem Denken öffnet. Gott allein ist es, der dem Menschen die ersehnte Vollendung schenkt, schenken kann. Diese Vollendung wird dem Menschen nicht aufgrund seines Tuns, seiner Leistungen, seiner Würdigkeit zuteil. Sie ist Gottes Gabe; sie ist Geschenk und eine unverdiente und unverdienbare Gnade, für die wir nur "Danke!" sagen können. Von hierher verstehen wir, warum die höchste Form des christlichen Gottesdienstes "Eucharistie" heißt: Feier der Danksagung derer, die sich von Gott geliebt und begnadet wissen.

Können wir dann jedoch beruhigt die Hände in den Schoß legen und den Gang der Welt aus dem Fernsehsessel amüsiert, kritisch, verärgert beobachten? Das Evangelium, das wir eben gehört haben, bewahrt uns hoffentlich vor diesem groben Missverständnis. Denn die Bildworte vom Salz der Erde, vom Licht der Welt, von der Stadt auf dem Berge, die die Glaubenden sein sollen, mahnen uns eindringlich, dass wir Christen eine verpflichtende Aufgabe in dieser Welt erhalten haben; eine Aufgabe, die wir befriedigend lösen müssen, wenn wir Glaubende sein möchten. Jesus sagt in seiner Predigt klar und deutlich, worin die Aufgabe der Jünger, die Aufgabe derer besteht, die an ihn als den Messias, den Heilbringer, den Sohn Gottes glauben: sie sollen gute Werke tun; und diese guten Werke sollen für die Menschen in der Welt sichtbar sein und sie veranlassen, den Vater im Himmel zu preisen. Mit den guten Werken sind jedoch nicht in erster Linie Werke der Barmherzigkeit gemeint, sondern das rechte Tun insgesamt. Nach der "Gerechtigkeit", d. h. nach dem "Richtigsein vor Gott" sollen die Jünger hungern und dürsten; diese "Gerechtigkeit", also das Richtsein vor Gott soll die erste Sorge seiner Jünger, der Glaubenden sein. Und genau das ist zugleich die Grundform ihres Zeugnisses vor den Menschen für Gott, unseren guten Vater im Himmel. Die Menschen sollen zum Aufmerken, zum Nachdenken und Fragen kommen, so dass sie schließlich in den Lobpreis Gottes einstimmen.

Wenn wir Kinder und Jugendliche, wenn wir ihr Verhalten beobachten und kennen lernen, dann stellt sich sofort die Frage nach ihren Eltern; es ist meistens unschwer zu erraten, von welcher Art ihr Zuhause ist. Die Jünger Jesu, die Glaubenden sollen wirklich Kinder Gottes sein; als Kinder Gottes erkannt werden - und zwar in diesem Sinn: die Art und Weise, wie sie miteinander umgehen, und wie sie sich zu Außenstehenden verhalten, wie sie Schwierigkeiten ertragen und wie sie sich einsetzen, einfach ihre ganze Art zu leben, soll zu der Frage anstoßen: Zu wem gehören sie? Woher haben sie das? Was für ein "Zuhause" haben sie? Die Lebensart der Kinder Gottes soll auf die Art des Vaters im Himmel aufmerksam machen. Die Jünger, die Glaubenden sollen sich am Tun des Vaters ausrichten. Diejenigen, die als seine Kinder leben, sollen Gott als guten Vater aller bekannt machen.

Die einzelnen Bildworte Jesu, die das heutige Evangelium verwendet, sollen gerade diese Verbundenheit der Jünger, der Glaubenden mit Gott, mit Jesus als dem Sohn Gottes zum Ausdruck bringen. Diese Bildworte waren für die Jünger damals nichts Neues; sie waren ihnen aus dem Alten Testament bekannt. Das göttliche Gesetz für das Volk Israel wird ja als Salz und als Sonne, also als Licht beschrieben. Mit diesen beiden alttestamentlichen Bildworten vom Salz und vom Licht ist ein drittes verbunden, nämlich das Bildwort von der Stadt auf dem Berge, die nicht verborgen bleiben kann. Dieses Bild stammt aus der Bildwelt der Propheten Israels; es erinnert an die Hoffnung des auserwählten Volkes auf eine heilige Stadt der Endzeit, die alle Menschen sehen, und zu der alle Völker von weither pilgern. Wie sind nun diese Bildworte, die Jesus verwendet, zu verstehen? Wir dürfen davon ausgehen, dass sie ursprünglich nicht auf die Jünger, auf die Glaubenden, sondern auf Jesus selbst bezogen waren: Er ist das Salz der Erde; er ist das Licht der Welt; er ist die Stadt auf dem Berge. Dieser Schluss wird nahe gelegt durch den Satz aus dem Johannes-Evangelium: "Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht in der Finsternis umhergehen, sondern wird das Licht des Lebens haben." (Joh. 8, 12) Das Salzsein und das Lichtsein der Jünger und der Glaubenden ist also vom Herrn gegeben, vom Herrn geschenkt; es ist ihnen vom Herrn anvertraut und aufgetragen. Nur in seiner Kraft und in seiner Ermächtigung können die Jünger, können die Glaubenden Salz der Erde, Licht der Welt, Stadt auf dem Berge sein. In der Kraft des Herrn sind die Glaubenden in dieser Welt lebensnotwendig; dürfen sie ihr Salzsein und ihr Lichtsein nicht verlieren. Unser Lichtsein ist also ein geborgtes, das wir sorgsam hüten sollen; das uns anvertraut ist zur Weitergabe, zur "Mit-Teilung".

Das bedeutet: die Worte des Evangeliums, die ursprünglich auf Jesus bezogen wurden, erhalten einen neuen Sinn: sie sagen etwas aus über das Wesen und die Aufgaben derer, die an Jesus als an ihr Heil glauben. Die Frohbotschaft des Herrn, die den Jüngern, die den Glaubenden anvertraut worden ist, ist dieses ersehnte Salz, ist das ersehnte Licht. Und das ist der Grund, warum die Glaubenden sich nicht zurückziehen und die Welt sich selbst und ihrem Verderben überlassen dürfen. Sie sind die winzige Menge Salz, das kleine unscheinbare Licht für die ganze Welt. Sie haben eine Aufgabe für die ganze Welt, für alle Menschen ohne Ausnahme; auch für die, die den Herrn nicht kennen und anerkennen: "Das Volk, das im Dunkeln saß, hat ein helles Licht gesehen; denen, die im Schattenreich des Todes saßen, ist ein Licht erschienen." (Matth. 4, 16) Diese alttestamentliche Verheißung muss von den Jüngern, muss von den Glaubenden wahrgemacht werden, indem sie die Botschaft Jesu Christi bekannt machen; indem sie diese Frohbotschaft zu den Völkern tragen: "Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen!" Es gibt nicht vieles, was mehr gegen das Wesen des christlichen Glaubens verstößt als die Zufriedenheit mit dem Stand seiner Ausbreitung. Eine Kirche, die sich nur noch mit sich selbst, mit ihrem eigenen Wohlergehen befasst, eine Kirche, die aufhört, die Völker zu Jüngern zu machen, hört auf, die Kirche Jesu Christi zu sein.

Nehmen wir aus dem heutigen Evangelium mit: als Glaubende haben wir vom Herrn selbst die Aufgabe zum Zeugnis des Lebens vor der Welt erhalten: Salz der Erde, Licht der Welt und Stadt auf dem Berge zu sein. An unserem Verhalten, an unserer "Gerechtigkeit", d. h. an unserem "Richtigsein" vor Gott und den Menschen soll erkennbar sein, dass wir Kinder unseres Vaters im Himmel sind, sein wollen; dass wir zu ihm gehören. Nur in seiner Kraft können wir als Glaubende die Frohbotschaft Jesu den Menschen heute mitteilen. Erbitten wir uns die Kraft, dieser Aufgabe nachzukommen, damit die Menschen unserer Tage unsere guten Werke, d. h. unser Christsein sehen und den Vater im Himmel und seinen Sohn Jesus Christus preisen.

 

6. Sonntag: "Die größere Gerechtigkeit"

Einführung

In der Bergpredigt geht es Jesus darum, dass wir aufmerksam werden dafür, wie wir zu Gott stehen; wie wir zu den Mitmenschen stehen. Umschrieben wird das mit dem Wort "Gerechtigkeit". Dieses Wort bedeutet aber - nach dem Sprachgebrauch der Bibel - das "Richtigsein vor Gott"; dass wir im Einklang mit Gott und seinem Gebot leben; dass wir innerlich dazu stehen, und nicht nur den Buchstaben des Gesetzes erfüllen. Wie steht es mit dieser Art der "Gerechtigkeit", des "Richtigseins vor Gott" in unserem Leben? Besinnen wir uns und bitten wir den Herrn um Vergebung für all unser Versagen, für unsere Sünden.

    Herr Jesus Christus, du bist gekommen, Gottes Gesetz zu erfüllen
    - Herr, erbarme dich!
    Du rufst uns zur Versöhnung mit unseren Brüdern und Schwestern
    - Christus, erbarme dich!
    Du verlangst, dass unser Ja ein Ja und unser Nein ein Nein sei
    - Herr, erbarme dich!

Es erbarme sich unser der allmächtige Gott! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Gott, unser Vater, du hast uns deinen Willen kundgetan in den Geboten. Durch deinen Sohn Jesus Christus hast du diesen deinen Willen uns ans Herz gelegt. Darum kommen wir mit unseren Bitten voll Vertrauen zu dir:

  • Bewahre die Kirche, die Gemeinschaft der Glaubenden, vor falscher Gesetzlichkeit und führe sie zum Richtigsein vor dir!
  • Lass unter uns das Verlangen nach Gewaltlosigkeit, nach Verständnis und Güte wachsen!
  • Stärke die Eheleute in der Liebe und Treue zueinander!
  • Steh den Sterbenden bei und schenke ihnen Frieden und Heimat bei dir!

Gott, unser Vater, du rufst uns, mit ganzem Herzen dein Reich und deine Gerechtigkeit zu suchen. Auf diesem Weg gibst du uns Licht und Kraft durch Jesus Christus, unseren Herrn. Amen.

Predigt

An den beiden vergangenen Sonntagen haben wir im jeweiligen Evangelium Texte aus der Bergpredigt gehört: die Seligpreisungen und Jesu Wort vom Salz der Erde und vom Licht der Welt, das diejenigen sein sollen, die Jesus nachfolgen willen, die an ihn glauben. Die Bergpredigt ist seine Grundsatz-Erklärung, seine Weisung für seine Jünger, die mit ihm gehen, die mit ihm leben wollen. Diese Grundsatzerklärung fällt jedoch nicht vom Himmel. Sie baut vielmehr auf dem Gesetz des Alten Bundes auf. Von diesem Gesetz soll nichts außer Kraft gesetzt werden. Es ist nämlich die Grundlage aller Sittlichkeit. Aber dieses Gesetz kann für den Jünger nicht genügen: "Wenn eure Gerechtigkeit nicht (noch) weit größer ist als die der Schriftgelehrten und der Pharisäer, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen" - so haben wir es eben gehört.

Was genügt denn nicht an der Einstellung der Schriftgelehrten und der Pharisäer? Was kann vor Gott letztlich nicht genügen und Bestand haben? Es ist ein Denken, das meint, nun doch aus eigenen Kräften allein das Heilsein vor Gott schaffen, den Himmel erreichen, ja verdienen zu können - und zwar durch eine buchstabengetreue Befolgung des alttestamentlichen Gesetzes. Was Jesus den Schriftgelehrten und den Pharisäern also vorwirft, ist nicht, dass sie das alttestamentliche Gesetz nicht befolgen; sondern dass sie von ihrer minutiösen Befolgung allein das Heil erwarten, nicht vom guten Gott selbst. Und das ist der Punkt, mit dem wir uns auseinandersetzen müssen, gerade wenn wir es mit unserem Christsein ernst meinen; hier liegt auch unsere eigene Gefährdung als Christen. Gewiss, wir geben oft zu, dass wir unvollkommen sind und unsere Fehler und Schwächen haben. Aber wir haben nicht den Eindruck, dass wir in einer radikalen, in einer fundamentalen Weise auf Gott angewiesen sind. Erwarten wir nicht doch im letzten das Heil, das Richtigsein von uns und unserem Tun allein? Gott könnte doch eigentlich mit uns zufrieden sein. Und da mutet uns Jesus zu, dass wir nicht nur dies oder jenes in unserem Verhalten in Frage stellen, dies oder jenes bedauern und besser machen wollen. Er mutet uns zu, uns selbst in Frage zu stellen, unser Stehen vor ihm zu überprüfen. Er fragt uns, ob wir ihn als den tragenden Grund unseres ganzen Wesens anerkennen; ob wir deshalb von ihm unser Heilsein als Gabe, als Geschenk erwarten; und ob wir aus der großen Dankbarkeit ihm gegenüber leben.

Was diese "größere Gerechtigkeit" in den Augen Jesu bedeutet, das wird im folgenden an einigen Beispielen erläutert. Und daran können wir klarer erkennen, dass wir alle umdenken müssen; dass wir uns nicht begnügen können mit unserem menschlichen Bemühen allein; dass wir des Gehaltenseins durch ihn bedürfen. In der Begegnung mit unseren Mitmenschen können wir uns nicht damit begnügen, dass wir ihnen nichts Schlimmes antun; dass wir ihnen nicht gegen das Schienbein treten; dass wir ihnen nicht den Hals zudrücken; dass wir sie nicht umbringen. Wir dürfen auch dem Groll, dem Zorn und dem Hass in unserem Herzen keinen Raum geben. Jeder von uns weiß, wie schwer uns das fällt. Ein weiteres Beispiel: "Wenn du deine Gabe zum Altar bringst und dir dabei einfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass deine Gabe dort vor dem Altar liegen; geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder, dann komm und opfere deine Gabe!" Selbst die Tatsache, dass ich keinen Groll im Herzen hege, keinen Hass in mir nähre, ist genug vor Gott. Ich muss dafür sorgen, ich muss mich darum bemühen, dass auch der Bruder seinerseits den Groll und den Hass aus seinem Herzen verbannt. Ein weiteres Beispiel wird genannt: der Bereich der Geschlechtlichkeit und der Ehe. Da genügt nach Jesu Auffassung nicht nur die äußerliche Wohlanständigkeit und Rechtlichkeit. Hinzukommen muss die innere Treue und Achtung vor dem anderen, vor der Frau, vor dem Partner. Niemand darf degradiert werden zu einem auswechselbaren Mittel der eigenen Befriedigung, das man nach Gebrauch wegwirft; dessen man sich zu gegebener Zeit entledigt.

Radikalisiert werden die Forderungen Jesu, die Sünde zu meiden, durch das Bild vom Ausreißen des Auges, vom Abhacken der Hand. Diese Bilder sollen deutlich machen: unser Bemühen hat sich gegen die Wurzeln unserer Fehler und Sünden zu richten und nicht nur gegen die Symptome, gegen die Dinge an der Oberfläche, gegen die Auswüchse. Und dieses Bemühen, die Fehler an den Wurzeln zu bekämpfen, tut weh.

Das alles bedeutet: Wer Jesus nachfolgen will, wer seine Gebote und Weisungen übernimmt, der muss sich anstrengen, abmühen. Das kostet etwas. Aber: in diesem Bemühen sind wir nicht auf uns allein angewiesen. Wir sind vielmehr gehalten vom Vater im Himmel, der all unser Tun ergänzen, stärken, vollenden muss. Deshalb wollen wir den Herrn, der uns zur Vollkommenheit ruft, um seine Hilfe bitten. Unsere Vollkommenheit hat kein menschliches Maß, sondern ein göttliches: "Seid vollkommen - wie auch euer Vater im Himmel vollkommen ist!" Erfüllung finden wir nur in Gott; in dem, was er uns schenkt. Aber genau das ist Grund zur Freude, Grund auch zur Dankbarkeit: dass wir nicht verurteilt sind zur Perfektion aus eigenen Kräften, sondern dass der Vater im Himmel uns hält; dass er uns an die Hand nimmt; dass er mit uns geht.

 

7. Sonntag: "Vergeltung oder Liebe"

Einführung

In der Bergpredigt geht es Jesus um die größere Gerechtigkeit derer, die bereit sind, ihm zu folgen, ihm nachzufolgen. Dieses "Richtigsein vor Gott" soll besser sein als das der Schriftgelehrten und der Pharisäer. Das zeigt sich nicht nur - wir haben das am vergangenen Sonntag gehört - in Bezug auf den alltäglichen Umgang mit unseren Mitmenschen. Das zeigt sich in einer letzten Deutlichkeit in der Belehrung Jesu über die Vergeltung erlittenen Unrechts und über die Feindesliebe - zwei Feldern, auf denen das neue Denken Jesu sichtbar wird, sichtbar werden soll in unserem Verhalten. Da sind wir, wenn wir Christen sein wollen, ganz gefordert. Wir wissen aber auch, wie weit wir vom Denken Jesu noch entfernt sind.

    Herr Jesus Christus, du gebietest uns, nicht Böses mit Bösem zu vergelten
    - Herr, erbarme dich!
    Du gebietest uns, unsere Feinde zu lieben und für sie zu beten
    - Christus, erbarme dich!
    Du willst, dass wir vollkommen sind wie unser himmlischer Vater
    - Herr, erbarme dich!

Es erbarme sich unser der allmächtige Gott! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Herr Jesus Christus, du verlangst von uns die Überwindung von Unrecht und Hass. Ja, du verlangst von uns sogar, unsere Feinde zu lieben und für sie zu beten. Wir kommen darum mit unseren Bitten zu dir:

  • Für die Kirche, die Gemeinschaft der Glaubenden: dass sie nicht müde wird, dem Unrecht und dem Hass mit Güte und Liebe zu begegnen!
  • Für die Völker der Erde und ihre Lenker: dass sie nicht aufhören im Bemühen um Frieden und Gerechtigkeit!
  • Für uns alle, die wir Christen sein wollen: dass wir denen, die uns mit Feindschaft und Hass begegnen, von Herzen vergeben!
  • Für uns alle: dass wir uns bemühen, vollkommen zu sein, wie unser himmlischer Vater vollkommen ist!

Herr Jesus Christus, mit diesen Bitten kommen wir voll Vertrauen zu dir. Gib uns deinen Beistand in unserem Bemühen, der du lebst und herrschst in alle Ewigkeit. Amen.

Predigt

Das heutige Evangelium steht - wie auch das vom vergangenen Sonntag - im Zusammenhang der Bergpredigt. Die Bergpredigt ist die Grundsatzerklärung Jesu, seine Weisung für die, die ihm nachfolgen wollen. Sie baut zwar auf dem Gesetz des Alten Bundes auf; von ihm soll nichts außer Kraft gesetzt werden; dieses alttestamentliche Gesetz ist die Grundlage aller Sittlichkeit. Aber "wenn eure Gerechtigkeit nicht noch viel größer ist als die der Schriftgelehrten und der Pharisäer, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen" (Mt. 5, 20). Jesus versucht - im Anschluss an die Seligpreisungen - in sechs scheinbar widersprüchlichen Beispielen seinen Zuhörern klar zu machen, worin die "Gerechtigkeit" dessen besteht, der ihm nachfolgen will. Diese "Gerechtigkeit", dieses "Richtigsein vor Gott", zu dem Jesus ruft, soll "besser" sein als die Gerechtigkeit der Schriftgelehrten und der Pharisäer. Am vergangenen Sonntag haben wir Jesu Auffassung über den Umgang mit dem Mitmenschen, über die Ehe und über das Schwören gehört. Heute fügen sich zwei Belehrungen an über die Wiedervergeltung und über die Feindesliebe.

Vielen Menschen, gerade Jugendlichen, erscheint das alttestamentliche "Wiedervergeltungs-Gesetz" als besonders grausam und verwerflich: "Auge um Auge, Zahn um Zahn!" Im Buch Exodus (21, 23 ff) heißt es noch ausführlicher und schockierender: "Leben um Leben, Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Fuß um Fuß, Brandmal um Brandmal, Wunde um Wunde, Strieme um Strieme!" Das klingt in der Tat brutal. Wenn wir aber ein kleines Wörtchen hinzufügen, dann merken wir jedoch, dass die Aussage des Alten Testamentes keineswegs so negativ klingt, und schon gar nicht so negativ gemeint ist: "Nur Auge um Auge, nur Zahn um Zahn!" Und genau so war der Satz des Alten Testamentes gemeint. Das bedeutet also: Wenn dir Unrecht geschieht, dann darfst du Wiedervergeltung und Sühne verlangen, aber nicht mehr, als dir selber Schaden zugefügt worden ist. Normalerweise würden wir ja dem, der uns Unrecht tut, der uns einen Schaden zufügt, es zehnfach heimzahlen. Das alttestamentliche Gesetz ist deshalb ein großer Fortschritt, eine Versittlichung eines vorhergehenden Missstandes gewesen: Lass dich nicht in deinem durchaus berechtigten Verlangen nach Wiedergutmachung von deinem Zorn hinreißen, im Übermaß Vergeltung zu üben oder zu verlangen! Es wäre sicher gut, wenn dieser alttestamentliche Grundsatz heute überall in der Welt praktiziert würde; wenn er in unserem Leben befolgt würde.

Wenn Jesus nun auch diese alttestamentliche Rechtsnorm ablehnt, die uns übrigens auch heute noch geläufig ist, dann bedeutet das doch: Für den, der Jesus nachfolgt, nachfolgen will, kann nicht einmal diese so durchaus vernünftige Regelung genug sein, die das Alte Testament vorschreibt. Der Christ muss in seiner Einstellung zum Mitmenschen noch viel weiter gehen, als es "vernünftig" erscheint; denn wer wird schon dem Schlagenden auch die andere Wange hinhalten? Und wer gibt noch den Mantel weg, wenn ihm schon das Hemd weggenommen wurde? Bei dieser vom Christen geforderten Einstellung geht es nicht um eine bloße Nachgiebigkeit, um Schwäche, um mangelndes Durchsetzungsvermögen. Wir wissen, wie unnachgiebig Jesus selbst oft gewesen ist. Jesus ruft durchaus zu einem Tun auf. Im heutigen Evangelium heißt es ganz klar: "Halte hin! Geh! Gib!" Aber dieses von Jesus gewünschte, von ihm geforderte Verhalten durchbricht das übliche Verhalten der Menschen, das sofort zum Gegenschlag ausholt; das meint, es sei ein Zeichen von Schwäche, nicht dagegen zu halten. Die Seinen sollen nicht zum Gegenschlag ausholen; sie sollen vielmehr nach einem anderen Plan antreten. Sie sollen einem "besseren Grundsatz" folgen. Natürlich läuft dieses "neue" Verhalten dem normalen, dem üblichen Verhalten der Leute zuwider. Natürlich ist es bei weitem auch unbequemer, weil dazu Überlegung gehört. Einfach dagegen zu halten, ist primitiv. Dann brauche ich nicht zu denken. Bei dem von Jesus geforderten Verhalten ist Denken erforderlich.

Das bedeutet also: Nicht durch Passivität, durch mangelndes Durchsetzungsvermögen zeichnet sich der Christ aus; dass er demütig und unterwürfig alles schluckt und über sich ergehen lässt. Es ist also keine Taktik dabei; es ist keine taktische Demutshaltung, mit der man der Auseinandersetzung mit einem Stärkeren, mit einem Überlegenen aus dem Weg zu gehen sucht. Der Christ folgt vielmehr bewusst und entschieden einem neuen, weil gemeinhin nicht üblichen Prinzip des Guten: "Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse durch das Gute!" (Röm. 12, 21) So formuliert es der heilige Paulus im Römerbrief. Zahle nie mit gleicher Münze dem anderen heim! Vergelte vielmehr das Böse mit Gutem! Damit weist unser Text bereits hin auf das folgende Wort von der Feindesliebe, zu der die Anhänger Jesu bereit sein sollen. Die den Feind ausdrücklich einschließende Liebe, eine schranken- und grenzenlose Liebe wird also von Jesus als massgebend und verbindlich herausgestellt. Die Liebe aber ist seine ungemein schöpferische Kraft, und ihre Äußerungen sind alles andere als Zeichen der Passivität, der Schwäche oder der mangelnden Durchsetzungsfähigkeit. Und die Liebe ist immer erfinderisch, kreativ. Sie allein vermag das richtige "Gegenmittel" zum Unrecht zu finden: Nie die gleiche Münze, sondern immer die Tat des Guten.

Ich meine, die konkreten Konsequenzen, die sich für ein christliches Verhalten in der Welt hier und heute ergeben, sind eigentlich nicht schwer zu ziehen - in der Theorie, allerdings nicht in der Praxis des Lebens! Aber um diese Praxis des gelebten Tuns geht es: in der Familie, in unserem Staat, in der Welt. Wir begegnen doch allenthalben so viel Hass, so viel Härte, so viel Hohn und Spott, so viel Zynismus. Ist das richtig? Bitten wir den Herrn, um dessen Altar wir uns versammelt haben, dass wir dies nicht nur mit unserer Vernunft einsehen; sondern dass wir diese Einsicht mehr und mehr in das Tun unseres Lebens hineinnehmen, zur Tat unserer Lebenspraxis werden lassen. Dieses Bitte sprechen wir aus in dem klaren Wissen, dass dieses Tun der Liebe über unsere menschlichen Kräfte, ja über unsere menschlichen Möglichkeiten hinausgeht. Am Schluss des heutigen Evangeliums steht das Wort Jesu: "Ihr also sollt vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist!" Dieses Wort weist uns darauf hin, dass wir eine menschlich gesehen unerfüllbare Aufgabe haben, die wir nur in der Kraft und mit der Hilfe Gottes erfüllen können. Diese Hilfe hat er uns versprochen. Diese Hilfe hat er uns gewährt.

 

8. Sonntag: "Gott vergisst uns nicht"

Einführung

Auch am heutigen Sonntag ist der Text des Evangeliums aus der Bergpredigt genommen. Im ersten Teil ist von den Vögeln des Himmels und von den Lilien auf dem Felde die Rede - Bildern der heiligen Sorglosigkeit und des Vertrauens auf den guten Gott und seine Vorsehung. Rechnen wir noch im Ernst damit, dass unser Vater im Himmel für die Menschen, für uns sorgt, heute und immer? Oder ist das, was wir als die göttliche Vorsehung bezeichnen, inzwischen durch das Planen und Tun des Menschen ersetzt worden? Sicherlich ist der Gott, an den wir glauben, kein Brotverteiler. Dafür hat er uns zwei Hände gegeben. Doch bei all unserem Planen und Tun sollen wir schauen auf den Herrn, der seinen Segen geben muss. Besinnen wir uns darum, und erbitten wir das Vertrauen auf den guten, auf den sorgenden Vater im Himmel!

    Herr Jesus Christus, du hast gesagt: Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon
    - Herr, erbarme dich!
    Du hast gesagt: Ihr könnt mit all eurer Sorge euer Leben nicht um eine kleine Zeitspanne verlängern
    - Christus, erbarme dich!
    Du hast gesagt: Sorgt euch zuerst um das Reich Gottes und um seine Gerechtigkeit, dann wird euch alles andere dazu gegeben
    - Herr, erbarme dich!

Es erbarme sich unser der allmächtige Gott! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Unser alltägliches Leben ist erfüllt von vielen Sorgen. Im Wissen darum, dass wir von uns aus diese Sorgen nicht allein bewältigen können, rufen wir voll Vertrauen zu unserem guten Vater im Himmel:

  • Für die Christen in aller Welt: stärke sie im Vertrauen auf deine Vatergüte, und lass sie zuerst dein Reich suchen!
  • Für die Armen und Hungernden in aller Welt: ermutige uns, ihnen zu ihrem Anteil an den Gaben der Schöpfung zu verhelfen!
  • Für uns alle: lass in uns das Wissen darum wachsen, dass du uns die Schöpfung zur Pflege anvertraut hast!
  • Für alle, deren Streben nur auf materielle Güter ausgerichtet ist: wecke in ihnen das Verlangen nach den wahren und bleibenden Gütern!

Gott, unser Vater, durch deinen Sohn Jesus Christus hast du uns gelehrt, dass du für uns sorgst, wenn wir uns um dein Reich und seine Gerechtigkeit mühen. Erhöre darum unsere Bitten durch Christus, unseren Herrn! Amen.

Predigt

Der kleine Abschnitt aus dem Prophetenbuch des Jesaja, den wir eben in der Lesung gehört haben, macht uns aufmerksam auf eine Grundgegebenheit unseres Mensch- und Christseins, die wir allzu oft übersehen, ja vergessen: dass Gott uns nie vergisst; dass er uns nie fallen lässt; dass er uns liebt.

Die beiden Verse der heutigen Lesung stehen im zweiten Teil des Jesaja-Buches; also im sogenannten "Trostbuch Israels". Dieses "Trostbuch" stammt nicht von dem Propheten Jesaja des 8. Jahrhunderts, sondern von einem seiner Schüler, der im 6. Jahrhundert lebte, und zwar im Exil von Babylon. Wir nennen ihn, da wir seinen Namen nicht kennen, den "zweiten Jesaja", den "Deutero-Jesaja". Im Exil von Babylon muss dieser Mann immer wieder mit der Verzweiflung der Verbannten kämpfen, die sich von Jahwe, ihrem Gott, verlassen und vergessen glaubten. Wie hatte Jahwe die Katastrophe des Untergangs der Stadt Jerusalem zulassen können, wo er doch seine Verheißungen eines ewigen Bestandes gegeben hatte? Und erst recht das Leben als Gefangene in Babylon: gab es denn keine Hoffnung mehr? Die Situation der aus Jerusalem Weggeführten war in der Tat bedrückend. Denn seit ihrer Wegführung aus Jerusalem waren Jahrzehnte vergangen, ohne dass sich für sie eine Möglichkeit der Heimkehr geboten hätte. Die heilige Stadt Jerusalem und der herrliche Tempel lagen in Trümmern, und an einen Wiederaufbau konnte man, solange die Herrschaft Babylons andauerte, nicht denken.

Angesichts dieser für den Rest Israels so tödlichen Belastungen waren Durchhalte-Parolen fehl am Platz. Da kam es an auf einen festen Glauben an Gott, der allein einen Halt bieten konnte: "Wenn ihr euch nicht an mich haltet, dann habt ihr keinen Halt!" So hat es der erste Jesaja einmal formuliert. Der Prophet war also nach den letzten Beweggründen Jahwes gefragt: ob er wirklich Israel erwählt hatte; und warum er diese schreckliche Prüfung zuliess. Wenn der Prophet auf diese existentielle, auf diese lebenswichtige Frage keine Antwort fand, dann musste für die Verbannten alles im Dunkel der Hoffnungslosigkeit und der Verzweiflung versinken; dann war das Festhalten am Jahwe-Glauben ein Unsinn.

Die tröstende Antwort des Propheten lautet: "Kann denn eine Frau ihr Kindlein vergessen?" Normalerweise tut sie das nicht, lautet die Antwort; denn die Ausnahme von diesem "Naturgesetz" wird mit Recht als Entartung empfunden. Doch - das ist nun die Überzeugung des Propheten - selbst wenn hier die Natur versagen, selbst wenn eine Mutter wirklich ihr Kind vergessen würde: Gott würde immer noch nicht die einmal aufgenommene Verbindung zu seinem auserwählten Volk lösen. Denn Gottes Wesen schließt einen derartigen Treuebruch absolut aus. Jahwe hält immer zu Israel. Paulus wird es später so ausdrücken: "Wenn wir untreu sind, bleibt er doch treu; denn er kann sich selbst nicht verleugnen." (2. Tim. 2, 13)

Der Prophet greift mit seiner Antwort auf eine Glaubensüberzeugung zurück, die fast 200 Jahre vorher der Prophet Hosea im Blick auf das untergehende Nordreich Israel als Gottesrede so formuliert hatte: "Wie könnte ich dich preisgeben, Israel? Wie könnte ich dich preisgeben wie Adma, dich behandeln wie Zeboim? Mein Herz wendet sich gegen mich, mein Mitleid lodert auf... Denn ich bin Gott; ich bin nicht ein Mensch; ich bin der Heilige in deiner Mitte." (Hos. 11, 8 f) Adma und Zeboim sind Städte, die beim Gericht Gottes an Sodom und Gomorrha untergegangen sind. Sie wurden das Opfer einer Katastrophe, die jedes Leben vernichtete und jeden Wiederaufbau unmöglich machte. Eine solche Katastrophe, die Israel für immer auslöschen würde, kann es nicht mehr geben, weil das Herz Gottes diese Katastrophe schon aufgefangen hat. Denn das Herz Gottes ist der Sitz jener Liebe, die den Grund für die Erwählung und für die Führung Israels in der Geschichte darstellt. Diese Liebe Gottes erweist sich nicht als etwas Vorübergehendes, wie wir das so oft bei Menschen erleben, als eine Laune, als eine ablösbare Eigenschaft Gottes, die fehlen könnte. Diese Liebe gehört zum innersten, zum eigentlichen und unvergleichlichen Wesen Gottes selbst. Gott kann seine Liebe zu Israel ebenso wenig aufgehen wie seine Göttlichkeit. Denn er selbst ist ja die Liebe, wie es im 1. Johannesbrief heißt (4, 8 und 16).

Der Prophet konnte - ebenso wie 200 Jahre vor ihm der Prophet Hosea - nicht wissen, dass Gott einmal in Jesus Christus sein unwiderrufliches Ja zum Menschen offenbar, sichtbar machen würde, und dass im Herzen des menschgewordenen Gottes das Verdammungs-Urteil über die sündige Welt aufgefangen und mit göttlicher Liebe schöpferisch überwunden würde. Der Prophet des Exils hatte nur die Gewissheit, dass Israel gleichsam in Jahwes, in Gottes Hände "eingezeichnet" war (Jes. 49, 16), und dass daher alles Tun Gottes - in der Schöpfung und in der Geschichte - letzten Endes der Offenbarung dieser seiner Liebe zu allen Auserwählten dienen würde. Denn sooft Gott ihnen auch wegen ihrer Sünden Vorwürfe macht und sie oft hart bestraft, er muss doch immer wieder an sie denken; für sie schlägt sein Herz; er muss sich ihrer erbarmen, wie es beim Propheten Jeremia einmal heißt (Jer. 31, 20).

Ich meine, es sei nicht schwer, die Verbindung zu ziehen von der Jesaja-Lesung zu unserem eigenen persönlichen Leben in einer Welt, in einer Umwelt, die immer unwohnlicher und bedrohlicher wird. Mag auch vieles uns irre werden lassen im Glauben an den gütigen und liebenden Gott, mögen manche Hoffnungen zerbrechen und vieles von dem, was wir aufgebaut haben, zusammenstürzen: wir dürfen gewiss sein, dass Gott uns liebt; dass er uns nie vergisst; dass er uns nicht versinken und untergehen lässt; dass wir in seinen Händen geborgen und gehalten sind. Vor ihm brauchen wir ja keine Angst zu haben. Bitten wir den Herrn, um dessen Altar wir versammelt sind, dass wir aus dieser Überzeugung, dass wir aus diesem Glauben leben. Und danken wir ihm für seine Treue, für seine Liebe, die niemals aufhört.

 

9. Sonntag: "Heil aus Gnade"

Einführung

Wie finden wir den Weg zum Heil, zur Gerechtigkeit vor Gott? Diese uralte Frage der Menschen bewegt auch heute noch die Gemüter. Ja, an dieser Frage scheiden sich die Geister. In der Geschichte der Christenheit führte sie sogar zur Spaltung. In der Zeit der Reformation wurde darüber gestritten, ob die guten Werke überhaupt eine Heilsbedeutung hätten. Wird der Mensch gerechtfertigt allein aus Gnade oder aufgrund seiner Werke, seiner guten Taten? Wir wissen heute, dass diese Alternative, dass dieses "Entweder-Oder" der Frage nach dem Heil des Menschen nicht gerecht wurde. Gewiss schenkt Gott sein Heil "gratis - umsonst", aus Liebe. Aber es bedarf auch der menschlichen Annahme im Glauben. Dieser Glaube zeigt sich, muss sich bewähren, er muss sich als echt erweisen im Tun des Menschen, im Halten der Gebote, im Gehorsam gegenüber den Weisungen Gottes.

    Herr Jesus Christus, du hast uns gerecht gemacht aus Gnade, ohne unser Verdienst
    - Herr, erbarme dich!
    Du mahnst uns, im Glauben unser Leben auf dich zu bauen
    - Christus, erbarme dich!
    Du rufst uns deshalb auf, den Willen deines himmlischen Vaters zu erfüllen
    - Herr, erbarme dich!

Es erbarme sich unser der allmächtige Gott! Er lasse uns unsere Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Herr Jesus Christus, du bist in diese Welt gekommen, um uns Menschen aus Schuld und Sünde zu erlösen. Darum kommen wir mit unseren Bitten voll Vertrauen zu dir:

  • Für die Christen in aller Welt: dass sie sich eins wissen im Glauben an den gnädigen und barmherzigen Gott!
  • Für uns alle, die wir zum Glauben an Jesus Christus, unseren Erlöser, gekommen sind: dass wir diesen Glauben im Gehorsam gegenüber deinen Weisungen leben!
  • Für die Vielen, die den christlichen Glauben aufgegeben haben: dass sie sich wieder besinnen auf das Fundament ihres Lebens!
  • Für unsere Verstorbenen: dass du sie aufnimmst in den Frieden und die Freude des Himmels!

Mit diesen Bitten kommen wir zu dir, unserem Herrn und Erlöser. Wir setzen unsere ganze Hoffnung auf dich - heute und alle Tage. Amen.

Predigt

Die beiden Lesungen (aus dem Römerbrief und dem Matthäus-Evangelium) scheinen sich zu widersprechen - vor allem, wenn man sie mit einem bestimmten Vorverständnis liest. Der Text aus dem Römerbrief ist der klassische Text für die christliche Lehre von der Rechtfertigung des Menschen allein aus Gnade. Wir wissen, dass Martin Luther diesen Text als Kernpunkt seiner Rechtfertigungslehre gesehen hat, und zwar im Gegensatz zum Werk-Glauben und zur Werk-Gerechtigkeit der Katholiken. Im Gegensatz zu diesem paulinischen Text scheint der Abschnitt aus der Bergpredigt bei Matthäus zu stehen. Dieser Abschnitt lehrt doch offensichtlich, dass die treue Erfüllung des göttlichen Willens allein ausschlaggebend ist für die Rettung des Menschen. Haben wir es mit einem tatsächlichen Widerspruch zu tun? Ich bin nicht dieser Meinung. Es gibt nämlich eine Möglichkeit, diese beiden scheinbar so widersprüchlichen Texte in Einklang miteinander zu bringen. Was der heilige Paulus nämlich im Römerbrief seinen Mitchristen in Rom verdeutlichen will, ist die Liebe, die Gott uns zuteil werden ließ, als wir noch Sünder waren. Warum hat sich Gott der Menschen erbarmt, sich ihrer angenommen? Warum ist Jesus Christus Mensch geworden? Warum ist er für uns den Weg des Kreuzes gegangen? Der Grund ist nicht der, dass der Mensch, der gesündigt hat und dem Richtigsein vor Gott verlustig gegangen ist, diese Liebe Gottes von sich aus verdient hätte. Der Grund ist vielmehr der, dass Gott in seinem freien Erbarmen sich dem Menschen, dem sündigen Menschen, der sich immer wieder gegen ihn gestellt hat, zuwendet: "Es liegt nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen." (Röm. 9, 16)

Gerade im Judentum zur Zeit Jesu und des Paulus war aber diese Grundgegebenheit der Beziehung des Menschen zu Gott verdunkelt, wenn nicht sogar vergessen worden. Und Paulus ist es, der diese fundamentale Wahrheit wieder in die Mitte des Bewusstseins rückt. Aber Paulus steht mit dieser Auffassung nicht allein. Er kann sich mit Recht auf Jesus selbst berufen. Wir wissen ja aus den Auseinandersetzungen unseres Herrn mit den Pharisäern, dass die pharisäische Selbstgerechtigkeit in den Augen Jesu nicht bestehen kann. Diese Selbstgerechtigkeit reicht für das Heil des Menschen nicht aus. Das sagt Jesus mit schonungsloser Deutlichkeit. Der Mensch erlöst sich nicht selbst. Denn sonst wäre Jesus vergeblich gestorben; dann hätte er sich den Gang nach Golgotha sparen können.

Wir Christen glauben daran, dass in diesem Tod Jesu am Kreuz unser Heil begründet ist; dass in seinem Tod sichtbar wird unsere Verlorenheit, aber auch die Liebe Gottes, die uns nicht in der Heillosigkeit versinken lässt. Das, was der Mensch, was der Christ tun kann angesichts dieser Liebe bis zum Tod, ist dies: sich dem Geschenk der Liebe Gottes zu öffnen, das er uns hat in Jesus Christus zuteil werden lassen; dass wir uns beschenken lassen mit der Gerechtigkeit, die von ihm her kommt. Gegenüber dieser Tat und gegenüber diesem Geschenk des sich erbarmenden, des liebenden Gottes gibt es aber im Grunde nur eine Haltung: die Haltung, die Gesinnung der Dankbarkeit. Diese Dankesgesinnung ist aber nicht ein bloßes Reden "Herr! Herr!" Wenn unsere Dankesgesinnung echt ist, wenn wir es mit unserem Dank ehrlich meinen, dann wird sich unsere Dankesgesinnung notwendigerweise im Tun äußern. Sie wird sich einen leibhaftigen, einen greifbaren Ausdruck schaffen - und zwar mit Notwendigkeit! Wo es keinerlei Formen, wo es keine feststellbaren, erkennbaren äußeren Formen dieser Dankbarkeit gibt, da fehlt die Dankbarkeit. Das muss man immer wieder in aller Deutlichkeit denen entgegenhalten, die das Christentum zu einer reinen Angelegenheit des Geistes, der inneren Gesinnung machen wollen. Wir Christen sind keine Gnostiker, die das äußere Tun für sittlich belanglos erklären und nur den reinen Geist, die reine Gesinnung kennen und gelten lassen. Wir Christen wissen es besser: aus der erfahrenen Gnade und Güte Gottes versuchen wir, in unserem Verhalten unsere Dankbarkeit zu zeigen, den Willen Gottes zu tun. Im Tun zeigt sich, ob unsere Dankesgesinnung echt ist; in unserem Tun zeigt sich, ob in uns der Glaube lebendig ist.

Mit anderen Worten: der Mensch darf nicht von der Vorstellung ausgehen, aus Eigenem, aus der eigenen Leistung heraus das Heil zu erreichen, gar erzwingen zu können; sich selbst erlösen zu können. Sondern: Gott hat uns in Jesus Christus erlöst; er hat uns geliebt, mit seiner Gnade umfangen - ohne unser vorhergehendes Verdienst. Wir Christen leben darum aus der Dankbarkeit Gott und seiner Güte gegenüber. Aber wir verfallen nicht in den Fehler, das leibhafte Tun des Dankes für sittlich belanglos zu erklären. In diesem leibhaften äußeren Tun zeigt sich der Versuch, Gott diesen notwendigen Dank abzustatten, zu zeigen - ihm, der uns in Jesus Christus erlöst hat; der uns in ihm seine Liebe geoffenbart hat.

Wir feiern miteinander Eucharistie. Wir begehen miteinander die "Feier der Danksagung"; denn das meint ja "Eucharistie". Nach dem Willen Jesu selber vergegenwärtigen wir uns seine Liebe und Güte bis zum Tod. Und von hierher, von dieser vergegenwärtigten Liebe Gottes gehen wir wieder in unseren Alltag und versuchen, die Feier des Altares einmünden zu lassen in unser Leben. Bitten wir ihn, dass uns diese Überzeugung, dass uns dieser leibhafte Dank durch ein christliches Leben immer besser gelingt.

 

10. Sonntag: "Ruf an die Sünder"

Einführung

Die Sonntage im Jahreskreis erhalten ihr Thema in der Regel durch das jeweilige Evangelium. Heute hören wir, wie Jesus den Zöllner Matthäus in seine Nähe ruft: "Folge mir nach!" Und es heißt von diesem reichen Mann: "Er stand auf und folgte ihm." Wissen wir uns auch (wenn auch nicht auf diese Weise) vom Herrn auf seinen Weg gerufen? Würden wir, wenn sein Ruf an uns ergehen würde, auch aufstehen und ihm folgen? Besinnen wir uns und bitten wir den Herrn, dessen Ruf auch an uns ergeht, um ein offenes Herz und um die Bereitschaft zum Glauben!

    Herr Jesus Christus, dein Ruf zur Nachfolge an den Zöllner Matthäus gilt auch uns
    - Herr, erbarme dich!
    Wie der Zöllner Matthäus sollen auch wir aufstehen und dir folgen
    - Christus, erbarme dich!
    Du gibst uns den Mut und die Kraft, deinen Weg zu gehen
    - Herr, erbarme dich!

Es erbarme sich unser der allmächtige Gott! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Herr Jesus Christus, du hast den Zöllner Matthäus in deine Nähe gerufen und mit verachteten und gemiedenen Leuten Mahl gehalten. Voll Vertrauen kommen wir mit unseren Bitten zu dir:

  • Du hast den Matthäus in deine Nähe gerufen: Gib auch uns die Kraft, deinem Ruf zu folgen!
  • Du hast eine Gemeinschaft gestiftet derer, die an dich glauben und auf dich bauen: Lass sie nie vergessen, dass du ihre Mitte bist!
  • Du hast mit den Zöllnern und Sündern Mahl gehalten: Lass uns nicht vergessen, dass auch wir zu den Mühseligen und Beladenen gehören, die deines Erbarmens bedürfen!
  • Du willst allen Menschen einmal deine Nähe schenken: Nimm unsere Verstorbenen auf in den Frieden und die Freude des Himmels!

Herr Jesus Christus, du bist als Arzt gekommen, um zu heilen, was krank ist, und zu retten, was verloren war. Dafür danken wir dir heute und alle Tage. Amen.

Predigt

Das heutige Evangelium verknüpft zwei Begebenheiten des öffentlichen Lebens Jesu miteinander: zum einen die Berufung des Matthäus in die Gemeinschaft seiner Jünger; zum anderen das Festessen Jesu mit Zöllnern und Sündern im Haus des Matthäus. In beiden Begebenheiten erweist sich Jesus als der Arzt, der gekommen ist, um Kranke zu heilen und Sünder zu berufen. Und das ist eine Lehre, die auch heute noch Geltung hat; die auch heute noch etwas aussagt darüber, was Kirche ist; was Kirche sein soll. Die Kirche ist auch heute eine Gemeinschaft der Mühseligen und Beladenen, die auf den Herrn und sein Erbarmen angewiesen ist.

Jesus ruft den Zöllner Matthäus in den Kreis seiner Jünger, in den Zwölferkreis: "Folge mir nach!" Und es heißt: "Da stand Matthäus auf und folgte ihm." Zöllner waren die Steuerpächter, die im Dienste der römischen Besatzungsmacht oder im Dienste der römischen Vasallenkönige standen. Da der Ort der Berufung die Stadt Kapharnaum am See Genesareth war, ist Matthäus vermutlich ein Steuerpächter des Herodes Antipas gewesen. In jedem Fall ist verständlich, dass die Angehörigen dieses Berufstandes allgemein als öffentliche Sünder galten, mit denen der strenggläubige Jude keinen Umgang pflegen durfte. Wenn Jesus nun diesen öffentlichen Sünder in den Kreis seiner engsten Freunde beruft, dann heißt das natürlich nicht, dass sein Ruf aus dem Grund ergeht, weil er ein Sünder ist, und weil er sich dem göttlichen Willen verschließt. Jesus ruft den Matthäus deshalb in seine Nähe, weil er ihn zugleich zur Umkehr, zum Umdenken rufen will: "Nicht die Gesunden bedürfen des Arztes, sondern die Kranken." Dieses Bildwort zeigt uns, dass Jesus seine Sendung mit der eines Arztes vergleicht, der sich um die Heilung und Rettung von Kranken kümmert. Deshalb ist die Liebe, die Freundschaft Jesu mit den Sündern und seine Mahnung "Kehrt um! Tut Buße!" kein Widerspruch. Jesus hat aber (nicht nur hier) offensichtlich die Erfahrung machen müssen, dass die verachteten Leute, die Sünder, eher auf seine Botschaft und auf seinen Ruf zur Umkehr gehört haben als die selbstgerechten Pharisäer, denen er das harte Wort zuruft: "Zöllner und Dirnen kommen eher in das Reich Gottes als ihr."

Mit der Berufungsgeschichte des Matthäus verknüpft der Evangelist die Erzählung von der Tischgemeinschaft Jesu mit Zöllnern und Sündern. Wegen dieser Tischgemeinschaft machen die Pharisäer Jesus, aber auch seinen Jüngern schwere Vorwürfe. Schon der Name "Pharisäer" zeigt an, dass sie eine Gemeinschaft der Frommen und Reinen sein wollten (das Wort "Pharisäer" bedeutet so viel wie die "Abgesonderten"). Deshalb hielten sie sich von allen anderen Leuten möglichst fern. Wer die strengen GesetzesAuslegungen und die pharisäischen Vorschriften nicht beachtete, der wurde von ihnen im gesellschaftlichen und religiösen Leben gemieden; denn eine Gemeinschaft mit Sündern bedeutete die Gefahr, kultisch unrein zu werden und damit das Wohlwollen Gottes zu verlieren. Mit Leuten aus dem gewöhnlichen Volk, geschweige denn mit öffentlichen Sündern wollte man nichts zu tun haben; ja, man durfte sie ihrem Verderben und dem Gericht Gottes überlassen.

Jesu Verhalten zeigt nun, dass er nicht mit der Auffassung der Pharisäer einverstanden ist. Ihm war das Schicksal der einfachen Leute und der öffentlichen Sünder nicht gleichgültig. Im Gegenteil, sein Wort "Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu berufen, sondern Sünder" zeigt uns, dass Jesus seine Sendung darin gesehen hat, gerade diesen verachteten Menschen, den Sündern Gottes Erbarmen und Heil zu verkünden und zu bringen. Denn niemand ist von vornherein von Gottes Liebe und aus der Heilsgemeinschaft ausgeschlossen. Und weil Gottes Heils-Angebot an alle ergeht, wendet sich Jesus in seiner Verkündigung auch an alle. Ja, noch mehr! Jesus hält sogar Tischgemeinschaft mit diesen Leuten, mit den Zöllnern und Sündern. Er missachtet die Reinheitsvorschriften der Pharisäer; er wird in ihren Augen unrein, und er verführt auch seine Jünger zu diesem unmoralischen Verhalten. Ein solcher Mann konnte nach ihrem Verständnis unmöglich ein Mann Gottes sein. Interessant ist, dass die Gegner sich nicht an Jesus selbst wenden, sondern an seine Jünger: "Wie kann euer Meister zusammen mit Zöllnern und Sündern essen?" Es ist die unausgesprochene Forderung der Pharisäer an die Adresse der Jünger: Ihr müsst euch von diesem unfrommen Menschen trennen!

Ich denke, Jesu Verhalten sagt uns nicht nur etwas über ihn; sein Verhalten sagt etwas aus für uns heute; sagt etwas aus darüber, was Kirche ist; was die Kirche des Herrn sein soll. Weil Jesu Heilsangebot für alle Menschen da ist, darum ist die Kirche auch für alle Menschen da; also nicht nur für die "Reinen", für die "Frommen"; sondern auch für die Mühseligen und Beladenen, für die Sünder, die das Erbarmen und die Güte Gottes bitter nötig haben. Ein Blick in die Geschichte der Kirche bestätigt uns das. Diese Geschichte weist viele dunkle Stellen auf. Auch in der Kirche Jesu Christi gibt es Missstände der verschiedensten Art: menschliches Versagen, Schuld und Bosheit, Beschränktheit und Rückständigkeit - nicht nur bei den Laien, sondern auch im Klerus. Auch heute ist die Kirche eine Kirche von Sündern. Wer immer bereit ist, auf Gottes Wort, auf Jesu Weisungen zu hören, auch wenn das immer nur unvollkommen gelingt, der hat in der Kirche, in der Gemeinschaft der Glaubenden, in der Gemeinschaft der Mühseligen und Beladenen Heimatrecht. Natürlich sind wir schmerzlich betroffen, wenn wir Versagen und Sünde und Schuld inmitten der Glieder des Volkes Gottes feststellen. Gerade wenn wir die Kirche lieben, möchten wir sie "ohne Runzel und Makel" erleben. Es fällt uns schwer, das ganze Geheimnis der Kirche zu begreifen, zu bejahen: sie als die "heilige Kirche" zu glauben, und zugleich Ja dazu zu sagen, dass sie eine Kirche der Sünder ist. Denn Jesus ist gekommen, die Sünder zu berufen; sie mit ihren Unzulänglichkeiten auf seinen Weg zu rufen. Ist das denn nicht die Erfahrung mit uns selbst, gerade dann, wenn wir uns bemühen, Glaubende zu sein?

 

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