11. - 22. Sonntag im Jahreskreis

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11. Sonntag: "Von Jesus gesandt"

Einführung

Wir sind zur sonntäglichen Eucharistiefeier zusammengekommen. Der Grund dafür ist nicht in erster Linie, dass wir als Glaubende uns treffen und wiedersehen; der eigentliche Grund ist der Herr; ist Jesus Christus, der uns einlädt und mit uns Mahl hält. In dieser Feier vernehmen wir sein Wort; er tröstet und ermutigt uns. Vor allem aber: in dieser Feier gibt er sich uns zur Speise, und wir bekennen, dass wir aus ihm leben möchten. Gewiss, das möchten wir alle. Aber wie oft verlieren wir diese Gegebenheit aus dem Blick. Wie oft gehen wir an ihm vorbei, halten anderes für wichtiger. Wir wollen uns darum wieder besinnen. Wir wollen sein Erbarmen und die Kraft zur Umkehr erbitten.

    Herr Jesus Christus, der Vater hat dich gesandt, uns die Frohe Botschaft zu bringen
    - Herr, erbarme dich!
    Du willst, dass wir uns zu dir und zu deinem Wort bekehren
    - Christus, erbarme dich!
    Du gibst uns immer wieder die Kraft zu einem Neuanfang
    - Herr, erbarme dich!

Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Herr Jesus Christus, du hast die Not der Menschen gesehen, die müde und erschöpft waren wie Schafe, die keinen Hirten haben. Auch wir sind oft müde und erschöpft auf unserem Lebensweg. Darum kommen wir voll Vertrauen mit unseren Bitten zu dir:

  • Sieh die leibliche und geistige Not der Menschen überall auf dieser Erde!
  • Rufe Menschen aus unserer Mitte, dass sie den Menschen heute in ihrer leiblichen und geistigen Not helfen!
  • Lass uns erkennen, dass du in deinem Leben und Sterben die Not der Menschen gewendet hast!
  • Lass uns selber bereit sein, uns auf deinen Ruf in den Dienst der Mühseligen und Beladenen zu stellen!

Herr Jesus Christus, du guter Hirte deiner Gläubigen, gib uns die Kraft, dir und den Menschen zu dienen. Dir sei Lob und Ehre in Ewigkeit! Amen.

Predigt

Vom Philosophen Friedrich Nietzsche stammt folgender Text: "Wir haben das Glück erfunden - sagen die letzten Menschen und blinzeln. Sie haben die Gegenden verlassen, wo es hart war zu leben; denn man braucht Wärme. Man liebt noch den Nachbarn und reibt sich an ihm; denn man braucht Wärme. Ein wenig Gift ab und zu; das macht angenehme Träume. Kein Hirt und eine Herde. Jeder will das gleiche; jeder ist gleich: wer anders fühlt, geht freiwillig ins Irrenhaus." - "Kein Hirt und eine Herde!" Das scheint das Kennzeichen unserer Zeit zu sein. Vielleicht geht uns mit diesem Kontrastbild auf, was Jesus uns im heutigen Evangelium sagt: "Als er die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren müde und erschöpft wie Schafe, die keinen Hirten haben." Vielleicht geht uns auch auf, was Jesus anfügt: "Bittet den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden!"

Die Menschen sind - so meint Jesus - müde und erschöpft wie Schafe, die keinen Hirten haben. Im Alten Testament bezeichnet dieses Bildwort das Volk Israel, das sich selbst überlassen ist; das keinen Führer mehr hat. Es fehlt der Zusammenhalt; es fehlt das gemeinsame Ziel; es fehlt eine gemeinsame Werteordnung. Es ist eigensüchtigen, unfähigen Führern ausgeliefert, preisgegeben, die nur ihren eigenen Vorteil suchen. Deshalb sind die Menschen müde, abgehetzt und erschöpft. Schon beim Propheten Ezechiel heißt es darum: "Siehe, ich selber werde mich meiner Herde annehmen und nach ihr sehen. Wie der Hirt nach seiner Herde sieht, so werde auch ich nach meiner Herde sehen und sie aus all den Orten befreien, wohin sie zerstreut worden sind am dunklen, finsteren Tage. Ich will sie weiden, wie es recht ist." (Ez. 34) Ebenso wie Jahwe im Alten Testament, so sieht Jesus die Menschen in einem ähnlichen Zustand der Verlassenheit, der Erschöpfung. Immer wieder heißt es von Jesus, dass er Mitleid hatte mit den Menschen, mit den Kranken, mit den Hungrigen, mit den Mühseligen und Beladenen. Ausdruck dieser Sorge und dieses Erbarmens ist seine Bildrede vom "Guten Hirten": "Ich bin der Gute Hirt. Der Gute Hirt gibt sein Leben hin für seine Schafe."

Angesichts dieser Situation, dass die Menschen in einem erbärmlichen Zustand sind, richtet Jesus das Wort an seine Jünger: "Die Ernte ist groß. Aber es gibt nur wenige Arbeiter. Bittet daher den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden!" Jesus fordert also die Jünger nicht auf, großartige Programme und Strategien zu entwerfen, wie den Menschen damals und heute geholfen werden könnte. Er fordert sie vielmehr auf, den Herrn der Ernte um die Aussendung von Arbeitern zu bitten. Das heißt doch im Klartext: Gott ist und er bleibt immer der Herr; er bleibt maßgebend. Und alles, was die Menschen betrifft, steht unter seiner Führung. Die Menschen sind darum auch nicht das Experimentierfeld für die selbsternannten Propheten und Heilbringer und ihre Programme und Strategien. Wer den Menschen in Wahrheit helfen will, der kann nicht eigenmächtig, der kann nicht auf eigene Faust und im eigenen Namen daherkommen. Er muss vom Herrn gesandt sein. Und das bedeutet auch: die Fundamente des Einsatzes sind: in erster Linie die Anerkennung Gottes als des Herrn; dann die Bitte um seine Hilfe; schließlich sich der vom Herrn ausgehenden Sendung zu unterstellen. Der Hirtendienst, in den der Herr Menschen beruft, heißt und bedeutet deshalb: die vom Herrn gesandten Hirten müssen am Herrn und an seiner Hirtengesinnung Maß nehmen. Sie müssen - wie der Herr selber - bereit sein zur Hingabe, zum Dienst. Es geht also nie um Selbstbedienung oder um Selbstdarstellung.

Das sind also Jesu Bedingungen und Forderungen an die, die er zum Hirtendienst beruft; die er als Arbeiter für die Ernte aussendet. Jesus tut das mit göttlicher Vollmacht. Wie er in der Bergpredigt den verbindlichen Willen Gottes kundtut; wie er in seinen Machttaten, in seinen Wundern, die er wirkt, in Gottes Namen und an seiner Stelle handelt, ebenso ist auch die Berufung und die Aussendung der Jünger der Ausdruck göttlicher Vollmacht. Was Jesus tut, das geschieht im Namen Gottes; das ist getragen und bestimmt von seinem Erbarmen mit den Menschen; das soll den Menschen Zusammenhalt, Führung und Fürsorge, Orientierung und Lebenssinn geben. In diesem Licht ist die Aussendung der Jünger zu sehen, und in diesem Geist Jesu haben sie ihre Sendung zu erfüllen - nicht nur damals, sondern auch heute noch. Jesus und damit Gott selbst ist der Maßstab für den Jünger, für den Christen; und nicht er selber und seine Lust und Laune. Diejenigen, die Jesus aussendet, sind "seine zwölf Jünger", die anschließend als die "zwölf Apostel" bezeichnet werden, d. h. als die zwölf "Ausgesandten". Es sind diejenigen, die er zuvor in seine Nachfolge gerufen hat; die ihn begleiten und in Gemeinschaft mit ihm leben. Bei ihm und durch ihn werden sie für diesen Dienst vorbereitet. Von ihm erhalten sie auch die Vollmacht, die unreinen Geister auszutreiben und alle Krankheiten und Leiden zu heilen - genauso wie es von ihm heißt: "Jesus verkündete das Evangelium vom Reich und heilte alle Krankheiten und Leiden." Die Jünger, die Jesus aussendet, werden zum gleichen Tun bevollmächtigt. Noch etwas ist zu beachten. Die von Jesus Ausgesandten werden mit ihrem Namen genannt. Unter ihnen ist Petrus als der erste besonders hervorgehoben. Jesus sendet also nicht ein anonymes Kollektiv, sondern konkrete Personen - jede mit einem eigenen Namen und Gesicht, darum auch mit je eigener Verantwortung. Vorerst sollen sie nur "zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel" gehen. Der Auferstandene wird die gleichen Jünger jedoch zu allen Völkern senden. Und was sie zu tun haben, entspricht ganz dem Wirken Jesu. Wie er sollen sie die Nähe des Gottesreiches verkünden; und die heilenden Taten sollen auch sie vollbringen. Und wie er nicht für Bezahlung verkündet und gewirkt hat, so sollen auch sie es halten: "Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben!" Die Gemeinschaft mit Jesus, ihre "Ausbildung", ihr Auftrag, ihre Vollmacht - all das ist ihnen geschenkt worden. Darum sollen auch sie weiterschenken; und so sollen sie Zeugen der gnädig schenkenden Liebe Gottes sein.

Das heutige Evangelium weist uns also eindringlich auf einige Kernpunkte des Christseins hin, der christlichen Gemeinschaft, der Glaubenden, also der Kirche. Jesus Christus, an den wir glauben, hat sein Leben für uns eingesetzt: "Der Gute Hirt gibt sein Leben hin für die Schafe." Die erste Antwort auf die Not des Volkes, auf die Not der Menschen ist Jesu eigenes Lehren; das sind seine heilenden Taten; das ist schließlich seine Todeshingabe. Seine zweite Antwort ist die Ausbildung und Formung, die Aussendung seiner Jünger in die Welt. Er bestimmt diejenigen, die sein Werk aufnehmen, vervielfältigen und weiterführen sollen. Die er auserwählt und aussendet, kommen also nicht im eigenen Namen. Sie sollen sich darum auch nicht als bezahlte Knechte aufführen. Sie sind bestimmt und gesandt durch Jesus, durch den der Herr der Ernte sich der Mühseligen und Beladenen annimmt. Sie dürfen darum auch nicht sich selbst suchen, die eigene Ehre. Auch sie müssen bereit sein zum Dienen, zur Hingabe. Gebe Gott, dass dies auch heute der Maßstab ist für die, die der Herr der Ernte ruft.

 

12. Sonntag: "Habt keine Angst!"

Einführung

Unser Leben ist immer wieder bedroht: von Krankheiten, von Unglücksfällen, von bösen Mächten und Menschen. Angesichts dieser Bedrohungen steigt in uns Angst und Furcht auf. Der Christ ist davon nicht ausgenommen; gerade auch dann, wenn er als Christ lebt; wenn er sein Christsein bezeugt, bezeugen muss. Dreimal hören wir im heutigen Evangelium Jesu Wort: "Fürchtet euch nicht!" Der Herr will uns bewusst machen, welchen Halt wir in Gott, unserem Vater im Himmel haben; welche Kraft der Glaube an Gott geben kann - auch wenn wir aus der Bahn geworfen werden; wenn der Boden unter unseren Füßen wankt; wenn eine Welt über uns zusammenstürzt. Wir haben doch die Zusage Gottes, dass er immer bei uns ist.

    Herr Jesus Christus, du hast gesagt: Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können
    - Herr, erbarme dich!
    Du hast gesagt: Fürchtet euch nicht! Ihr seid viel mehr wert als viele Spatzen
    - Christus, erbarme dich!
    Du forderst uns auf, uns ohne Furcht zu dir vor den Menschen zu bekennen
    - Herr, erbarme dich!

Es erbarme sich unser der allmächtige Gott! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Gott, unser Vater, in aller Ungesichertheit und Bedrohung, in allen Gefahren und Ängsten dürfen wir uns auf deine Hilfe und Treue verlassen. Darum beten wir voll Vertrauen zu dir:

  • Für die Christen, die um ihres Glaubens willen verfolgt werden: bestärke sie in der Treue und Ausdauer!
  • Für uns, denen oft der Mut fehlt, dich vor den Menschen zu bekennen: nimm von uns alle Angst und Menschenfurcht und mehre unseren Glauben!
  • Für alle, die aus der Bahn geworfen und ohne Hoffnung sind: lass sie in dir Halt und Geborgenheit finden!
  • Für die Opfer von Kriegen und Terror: Nimm sie auf in den Frieden und die Freude des Himmels!

Gott, du bist uns nahe und stehst uns bei, wenn unsere Kraft am Ende ist. Auf dich können wir bauen; dir können wir vertrauen. Dafür danken wir dir und preisen dich mit deinem Sohn Jesus Christus jetzt und alle Tage. Amen.

Predigt

Allein dreimal heißt es in dem kleinen Abschnitt des heutigen Evangeliums: "Fürchtet euch nicht!" Habt keine Angst! Lasst euch nicht ins Bockshorn jagen! Gemeint ist von Jesus immer: Fürchtet euch nicht vor den Menschen und Mächten, die eurer Botschaft, die eurer Sendung verständnislos, ja feindlich gegenüberstehen! Habt keine Angst, wenn ich euch wie Schafe mitten unter die Wölfe schicke! Ihr seid ja in Gottes Hand. Ihr steht ja eingeschrieben in seinen Händen. Wenn euer himmlischer Vater sich schon um die Spatzen kümmert, wie viel mehr wird er sich um euch kümmern. Ich denke, diese mahnenden Worte, diese aufmunternden Worte Jesu an die Adresse der Jünger gelten nicht nur den Gefährten Jesu damals. Diese Mahnung und Ermutigung gilt auch uns heute - gerade angesichts der Tatsache, dass wir - wenn wir uns bewusst zu Jesus Christus bekennen - auf das Unverständnis, auf den Spott, ja manchmal sogar auf Ablehnung, auf den Hass unserer Zeitgenossen stoßen.

Angst und Furcht resultieren aus einer Bedrohung; sie resultieren aus der Unmöglichkeit, aus der Unfähigkeit, die Bedrohung, die drohende Gefahr zu überwinden. Angst und Furcht nehmen das Unangenehme, das Gefährdende wahr, das auf uns zukommt. Angst und Furcht lassen spüren, dass die bedrohenden Mächte stärker sind als wir selbst, und dass wir uns nicht dagegen schützen können. Die Angst und die Furcht äußern sich in der Sorge um unser Ansehen, um unsere Stellung, um unsere Ruhe, um unser Wohlergehen und Leben, um unseren Nächsten. Alles, was wir haben und was uns lieb ist, ist ja immer gefährdet. Wir spüren, dass wir es nicht aus eigenen Kräften für uns behalten, garantieren können. Alles, was zu uns gehört, macht uns anfällig für Verletzung, für Verlust; liefert uns der Erpressung, vielleicht gar der Vernichtung aus.

Das heutige Evangelium zeigt uns: Jesus sieht diese Situation in aller Klarheit. Denn er weiß ja, was im Menschen ist. Er selbst hat diese Situation vielfach beschrieben. Ja, er kündet denen, die ihm nachfolgen, besondere Gefahren an: Gerade ihr Auftrag zur Verkündigung der Frohbotschaft und ihre Zugehörigkeit zu Jesus macht sie noch mehr gefährdet; macht sie noch verwundbarer; bringt sie noch mehr in Todesgefahr. Erleben wir es nicht selbst, wie der christliche Glaube, wie unser christliches Handeln, wie unsere christliche Überzeugung und das Festhalten an christlichen Werten auf Unverständnis und Spott, ja auf Ablehnung und Hass stoßen? Wir spüren doch, wie ein Denken, das sich an christlichen Werten orientiert, als dumm und weltfremd, als überholt, von gestern, als verschroben hingestellt wird. Da könnten wir selber irre werden an unserem Weg. Da könnten wir uns aus Menschenfurcht dem Denken der Welt anpassen, ja andienen. Und wir erleben es ja immer wieder, wie Christen sich dem Denken der Welt angleichen, um nicht als rückständig zu erscheinen.

Da sagt uns Jesus: Habt doch keine Angst und Furcht vor den Menschen! Lasst euch noch nicht dazu verführen, eurem Auftrag, euren christlichen Überzeugungen und Wertvorstellungen untreu zu werden, nur um euer Image aufzupolieren; nur um eure Haut zu retten; nur um nicht als weltfremd, als verrückt verhöhnt zu werden. Lasst euch doch nicht mundtot machen! Die Jünger, die Glaubenden sollen und können das, was Jesus ihnen aufgetragen hat, offen und freimütig verkünden. Sie sollen die Botschaft Gottes nicht nur hinter der vorgehaltenen Hand weitersagen, im vertrauten Kreis der Gleichgesinnten, im bergenden Umfeld des Kirchenraumes. Sie müssen Jesu Botschaft von den Dächern verkünden; sie müssen auf den Markt der Welt gehen, sich dorthin wagen. Sie müssen wissen: Jesu Botschaft ist von ihrer inneren Natur her darauf angelegt, offen bekannt zu werden. Freilich setzt dieses offene Bekenntnis, die Verkündigung auf dem Marktplatz der Welt eines voraus: dass die Christen sich in den Stand setzen, sich mit dem Denken der Welt auseinander zu setzen; die Werte, die wir als Christen hochhalten, begründen zu können; durch unsere Kenntnisse konkurrenzfähig zu sein. Mit Unwissenheit und mangelnder Kompetenz können wir die Auseinandersetzung nicht bestehen; tun wir der Botschaft Christi keinen Dienst; bringen wir sie nur in Misskredit. Die Christen, die Gemeinschaft der Glaubenden, die Kirche darf sich nicht in die eigenen vier Wände zurückziehen. Dort sind wir vielleicht eine Zeitlang geschützt und sicher. Aber auf die Dauer kann sich der Christ diesen "Rückzug" nicht leisten; ein derartiger "Rückzug" wäre Verrat am Herrn und an seiner Botschaft.

In seinem zweiten Ruf fordert Jesus Furchtlosigkeit sogar gegenüber der äußersten und unwiderrufbaren Schädigung, die wir von Menschen erfahren können: gegenüber dem Töten. Ob wir weiterleben dürfen oder ob unserem Leben ein Ende gemacht wird, das kann von Menschen abhängen. Die Kriege veranschaulichen das in erschreckender Weise. Doch mit seinem Wort erinnert uns Jesus daran, dass das erst ein Vorletztes ist; dass das irdische Leben nicht das höchste Gut und der Tod nicht das größte Übel ist; und dass den Menschen mit ihrer Macht zu töten keine Verfügungsgewalt über Heil und Unheil im endgültigen Sinn gegeben ist. Diese Verfügungsgewalt über Heil und Unheil steht Gott allein zu. Jesus ruft jedoch zur Furchtlosigkeit nicht deswegen auf, weil Gott den bösen Menschen in den Arm fällt und sie am Töten hindert; sondern weil diese durch ihr Töten nichts über das endgültige Heil, über das ewige Leben bei Gott bestimmen können. Der höchste Wert ist nämlich nicht das irdische Leben. Der höchste Wert ist unsere Verbundenheit mit Gott und mit seinem Willen. Dafür sollen wir ohne Furcht und Angst auch unser irdisches Leben einsetzen. Je mehr wir uns auf den Herrn verlassen, desto freier werden wir gegenüber den Menschen und gegenüber ihrem Tun. Alles, was uns geschieht, steht in Gottes Hand. Und voll Vertrauen können wir uns seiner Führung, seiner Vorsehung anvertrauen. Ist dieses Vertrauen, das wir Gott gegenüber haben sollen, haben dürfen, nicht identisch mit dem Hauptgebot der Liebe: "Das erste Gebot ist: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und mit all deiner Kraft" (Mk. 12,19-20)? Wer zu Gott, dem höchsten Gut, Ja sagt, wer Gott mit ganzem Herzen liebt, der ist nicht nur bereit, mit ihm zu gehen; der ist auch bereit, sich ganz von ihm fordern zu lassen; ihm mit allen Kräften zu dienen.

"Fürchtet euch nicht vor den Menschen!" Jesu Mahnung im heutigen Evangelium, besser: seine Ermutigung kann uns eine befreiende Zuversicht geben. Weder um die Botschaft Gottes, noch um unser eigenes Leben sollen wir als Glaubende uns Sorgen machen. Gottes Botschaft wird gehört werden in der Welt. Und: dieser Jesus steht zu denen, die sich zu ihm bekennen; die ihm dienen; die ihr Vertrauen auf ihn setzen; die ihn über alles lieben. Erbitten wir uns vom Herrn dieses Vertrauen, diese Liebe zu ihm!

 

13. Sonntag: "Glaube als Lebenswende"

Einführung

Eine Erfahrung, die wir Christen hierzulande machen, machen müssen, ist diese: Wir stehen mehr und mehr allein mit unserem Denken und Fühlen. Ja, wir treffen sehr oft auf Unverständnis, auf Spott und Hohn. Wir erfahren, dass wir, wenn wir Christen sein wollen, einen radikalen Bruch mit unserer Umgebung vollziehen, vollziehen müssen. In der Tat bedeutet der christliche Glaube, bedeutet das Eintreten in die christliche Gemeinschaft nicht die Feststellung einer Meinung neben vielen anderen: "Es ist doch egal, was ich glaube!" Der christliche Glaube jedenfalls ist eine Lebenswende; er ist ein Herausgehen aus einer vertrauten Umwelt und die Hinwendung, das Sich-an-binden an Jesus Christus: dass wir ihn als unseren Lebensgrund anerkennen.

    Herr Jesus Christus, in der Taufe haben wir den Mächten des Bösen widersagt
    - Herr, erbarme dich!
    In der Taufe haben wir uns entschieden, als neue Menschen zu leben
    - Christus, erbarme dich!
    In der Taufe haben wir uns dazu bekannt, zur Kirche, zur Gemeinschaft der Glaubenden zu gehören
    - Herr, erbarme dich!

Es erbarme sich unser der allmächtige Gott! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Herr, unser Gott, in deinem Sohn Jesus Christus hast du uns geoffenbart, wer du bist: dass du uns liebst und für uns sorgst. Darum kommen wir voll Vertrauen mit unseren Bitten zu dir:

  • Für alle Getauften: dass sie aus dem Wissen leben, alles deiner Liebe und Güte zu verdanken!
  • Für uns, die wir Glaubende sein möchten: dass wir uns die Gesinnungen deines Sohnes Jesus Christus zu eigen machen!
  • Für die vielen Menschen auf der Erde, die dich nicht kennen: dass sie in deinem Sohn das wahre Licht ihres Lebens erkennen!
  • Für unsere Verstorbenen: dass sie bei dir das Glück und die Seligkeit finden, die sie ersehnt haben!

Guter Gott, mit diesen Bitten kommen wir zu dir. Wir vertrauen, dass du Erhörung schenkst, der du lebst und herrschst in alle Ewigkeit. Amen.

Predigt

Was tat eigentlich ein Christ, der sich vor zweitausend Jahren von den heidnischen Götzen abwandte und in die christliche Gemeinschaft eintrat? Er vollzog einen radikalen Bruch mit seiner Umgebung. Er ließ sich mit ihr auf eine Auseinandersetzung buchstäblich auf Leben und Tod ein. Denn sein Eintreten in die christliche Gemeinschaft bedeutete nicht die Feststellung einer Meinung neben vielen anderen möglichen; sondern es war eine Lebensentscheidung, eine Lebenswende - und zwar in dem Sinn, dass er sich im Glauben zum einen Gott bekannte und zu Jesus Christus, dem Sohn Gottes, dem Erlöser; und dass er sich abwandte von dem, was bislang Lebenssinn und Lebensinhalt war.

Sind wir uns heute dessen überhaupt noch bewusst, dass damit auch eine Gesetzmäßigkeit unseres eigenen Lebens als Christen ausgesprochen ist? Sind wir uns überhaupt der Wende der Existenz bewusst, die mit unserem Glauben verbunden ist und verbunden sein muss? Als Christ glauben bedeutet ja nicht die Aufzählung von Lehren; bedeutet nicht ein Annehmen von Theorien über Dinge, über die man an sich nichts weiß; sondern Glaube im christlichen Sinn meint das Ja zu Jesus als dem Christus, als unserem Erlöser, als unserem Heil. Und da diese Erlösung am Kreuz geschehen und sichtbar geworden ist, bedeutet christlicher Glaube dann folgerichtig, dass wir Ja sagen zu der Tatsache, dass einer für uns gekreuzigt worden ist; Glaube bedeutet dann folgerichtig, dass wir mit dem ganzen Dasein dafür danken, dass wir alles diesem Jesus verdanken, "der uns geliebt und sich für uns dahingegeben hat" (Gal. 2, 20). Das ist das Fatale am Christentum, dass man auf keine billigere Weise "Dankeschön" sagen kann als mit der ganzen Existenz; oder anders gesagt: Wir müssen grundsätzlich zugestimmt haben der Liebe, durch die wir erlöst worden sind; wir müssen diese gekreuzigte Liebe als das Maß unseres Lebens ansehen. Ja, nach der Auffassung des heiligen Paulus sind wir nicht einmal mehr in der Lage zu überlegen, mit welcher existentiellen Münze wir Gott zurückzahlen wollen: "Wenn einer für alle gestorben ist, dann sind bereits alle gestorben." (2. Kor. 5, 14) Gott hat gleichsam im Voraus über das Sterben aller verfügt - in der Annahme, dass diese Offenbarung der göttlichen Liebe, der Tod Jesu Christi, vielleicht doch wert wäre, als die Chance des Menschen ergriffen zu werden. Alle Quellen unseres Lebens entspringen dem Kreuzestod Jesu; denn alles, was wir sind (und dazu bekennen wir uns als Christen), sind wir nicht kraft eigener Leistung, sondern durch den erlösenden Tod Jesu. Sind wir uns jedoch dieser Grundgegebenheit bewusst? Verdrängen wir sie nicht aus unserem Bewusstsein? Glaube bedeutet also das Annehmen, das Empfangen der gekreuzigten Liebe Gottes, die uns erlöst hat. Glaube ist also nicht das von mir Ausgedachte, sondern meine Antwort auf den Anspruch Gottes in Jesus Christus - eine Antwort, die mein ganzes Leben verändert, verändern muss. Das äußere Zeichen, der leibhafte Ausdruck dieser Antwort und der damit verbundenen Lebenswende hin zu Jesus Christus geschieht im Sakrament der Taufe. Er hat dieses Sakrament der Taufe eingesetzt als das Zeichen seines Angebotes und unserer Antwort. In der Taufe bekunden wir daher den Glauben, zugleich aber auch den Eintritt in die Gemeinschaft derer, die an Jesus Christus als ihr Heil glauben. Paulus weist in der heutigen Lesung aus dem Römerbrief auf diesen entscheidenden Zusammenhang zwischen dem Kreuzestod Jesu und der Taufe hin: "Wisst ihr nicht, dass wir alle, die wir auf Christus Jesus getauft wurden, auf seinen Tod hin getauft sind? Wir wurden mit ihm begraben durch die Taufe auf den Tod; und wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt wurde, so sollen auch wir als neue Menschen leben." (Röm. 6,3-4) Taufe bedeutet also unser Bekenntnis zu unserer Erlösung durch den Kreuzestod Jesu Christi; Taufe bedeutet die Annahme und das Empfangen der von Jesus Christus bewirkten Erlösung.

An diesem Punkt müssen wir uns einem Einwand stellen, der heute immer wieder erhoben wird - nicht nur theoretisch, sondern mehr noch in der Praxis. Soll man die Kinder taufen? Man weist darauf hin, dass die Taufe doch den Glauben im Sinne einer Antwort voraussetzt. Ein solcher Glaube sei einem Kind doch noch nicht möglich. Wir müssen hier, so meine ich, zwei Gesichtspunkte auseinander halten: den theologischen und den pädagogischen. Zunächst der pädagogische Gesichtspunkt! Ein Kind verdankt seine leibliche und auch seine geistige Existenz nicht seinem eigenen Wollen. In der Erziehung soll es zu sich selbst und zur Annahme seiner selbst geführt werden; und Eltern wollen ihren Kindern das Beste, was sie haben, mit auf ihren Lebensweg geben. Diese Gesetzmäßigkeit des natürlichen Lebens, die von keinem vernünftigen Menschen bestritten wird, hat auch im Bereich des Glaubens seine Gültigkeit, seinen Sinn. Das Kind, der junge Mensch soll in der religiösen Erziehung vorbereitet und fähig gemacht werden, zu dem, was in der Taufe, besser: was im Erlösungsgeschehen durch Jesus Christus grundgelegt wurde, Stellung zu nehmen; sich zu entscheiden. Sich in diesem Sinn aber entscheiden zu können, das ist eine Fähigkeit, die der Ausbildung und der Einübung bedarf. Hier liegt die Berechtigung und die Sinnhaftigkeit, freilich auch die Grenze der religiösen Erziehung und der Taufe der Kinder.

Die Taufe der Kinder lässt sich aber auch theologisch einsichtig machen. Glaube bedeutet ja immer eine Antwort; und wir wissen alle: es ist seine bruchstückhafte, eine unvollkommene Antwort des Menschen auf den Anspruch des erlösenden Gottes. Der Glaube bedeutet das Empfangen von etwas, das nicht ich mir ausgedacht habe; das nicht meiner Leistung und meinem eigenen Wollen entspringt. Gott hat uns "ohne eigenes Zutun durch seine Gnade gerecht gemacht aufgrund der Erlösung durch Jesus Christus" (Röm. 3, 24), wie Paulus im Römerbrief einmal sagt. Wenn wir die Kinder taufen lassen, dann bekennen wir uns also zu dieser uns immer schon zugesagten Gnade des erlösenden Gottes. Wir bekennen uns zur menschlichen Erlösungsbedürftigkeit: dass wir alles dem Liebestod Gottes am Kreuz verdanken. Wir bekennen aber auch, dass unser Glaube noch unterwegs ist und angefochten; dass er angewiesen ist auf die Mitglaubenden, auf die Gemeinschaft der Glaubenden, also auf die Kirche. Die Frage ist nur, ob diese Zusammenhänge uns eigentlich noch bewusst sind; ob wir aus dieser Überzeugung leben, Gott alles zu verdanken.

Unser Christsein setzt also voraus den Glauben und das Bekenntnis zu der uns in Jesus Christus gewährten Erlösung - nicht im Sinne eines äußerlichen Wortes, sondern im Sinne einer das Leben, unser Leben verändernden Realität. Das Geschehen der Taufe weist uns hin auf den Zusammenhang unseres Christseins mit dem Tod und der Auferstehung Jesu. Der heilige Paulus ruft uns heute in der Lesung diese Grundgegebenheit wieder ins Bewusstsein: "Wir alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, sind auf seinen Tod getauft worden... Ihr sollt euch darum als Menschen begreifen, die für die Sünde tot sind, aber für Gott leben in Christus Jesus." Lasst uns für diese Gewissheit, besser: für dieses Geschenk immer Dank sagen - besonders in der Feier der Danksagung!

 

14. Sonntag: "Wider die irdischen Götzen"

Einführung

Jesus hat bei den maßgebenden Leuten seines Volkes wenig Glauben gefunden. Er war den Reichen zu arm; den Gebildeten zu einfach; den Frommen zu frei. Aber die Wahrheit Gottes, seine Heiligkeit und seine Liebe leuchteten in allem, was er sagte und was er tat. Verstanden wurde Jesus von den Armen und von den Einfachen. Ist es heute anders? Und doch ändert sich Jesu Einladung an alle nicht: "Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen." So hören wir heute im Evangelium. Jesus lädt alle in seiner Demut und Güte ein - auch uns; in dieser Eucharistiefeier; für die beglückende Begegnung mit ihm.

    Herr Jesus Christus, du hast dich den Einfachen und Armen geoffenbart
    - Herr, erbarme dich!
    Du willst allen, die zu dir kommen, Rast geben in deiner Nähe
    - Christus, erbarme dich!
    Dein Joch drückt nicht und deine Last ist leicht
    - Herr, erbarme dich!

Es erbarme sich unser der allmächtige Gott! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Herr Jesus Christus, du hast gesagt: "Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt." Darum kommen wir voll Vertrauen mit unseren Bitten zu dir:

  • Für die Kirche, die Gemeinschaft der Glaubenden: dass sie nicht müde wird, die Frohbotschaft den Menschen heute zu verkünden!
  • Für die Menschen, die in Leid und Not geraten sind: dass sie auf dich ihre Hoffnung setzen und Ruhe finden bei dir!
  • Für uns, die wir uns mühen, als Christen zu leben: dass wir bereit sind, von dir zu lernen und ohne Hochmut gütig zu sein!
  • Für unsere Verstorbenen: dass sie bei dir den Frieden und das Glück finden, nach dem sie sich gesehnt haben!

Herr Jesus Christus, du hast dich geoffenbart als Sohn des liebenden und gütigen Vaters im Himmel. Wir danken dir dafür heute und alle Tage unseres Lebens. Amen.

Predigt

Die heutige Lesung bedarf einer Verdeutlichung, wollen wir sie nicht völlig missverstehen. Hören wir nämlich manche Sätze mit unserem normalen, alltäglichen Verständnis, könnten wir meinen, Paulus fordere uns dazu auf, den Leib und die leibliche Wirklichkeit als etwas Minderwertiges zu verachten und nur noch dem reinen Geist zu leben. Aber dem Denken des heiligen Paulus ist eine derartige Vorstellung fremd. Wenn das jedoch der Fall ist, dann müssen wir fragen, worum es ihm denn geht. Dabei kann uns ein Blick in die Geschichte des Christentums helfen.

Was tat eigentlich ein Christ, der sich vor zweitausend Jahren von den heidnischen Göttern abwandte und in die christliche Gemeinschaft eintrat? Er vollzog einen radikalen Bruch mit seiner Umgebung. Er ließ sich auf eine Auseinandersetzung auf Leben und Tod mit seiner Umgebung ein. Sein Bekenntnis zu dem einen Gott, zum einzigen Herrn des Himmels und der Erde, war dabei nicht die Feststellung einer Meinung neben einer anderen; sondern es war eine Lebenswende, eine Lebensentscheidung. Es war die Absage an die Vergötzung der politischen Mächte, an die Vergötzung des Lebensgenusses um jeden Preis. Wenn man behaupten darf, dass Hunger, Liebe und Macht die Kräfte sind, die die Menschheit zu allen Zeiten bewegen, so kann man feststellen, dass die Vielgötterei im Umkreis des frühen Christentums, aber auch zu anderen Zeiten die Anbetung des Brotes, die Anbetung des Sexus und die Anbetung der Macht ist. Alle diese drei Wege sind Verirrungen, weil sie etwas absolut setzen und etwas als das Höchste ansehen, was nicht das Absolute und nicht das Höchste ist. Das Bekenntnis der Christen zum einen Gott war darum eine Kampfansage an diese dreifache Vergötzung. Das Eintreten in die christliche Gemeinschaft bedeutete nämlich eine Absage an die Anbetung der herrschenden politischen Macht; es bedeutete aber auch eine Absage gegenüber der Anbetung des Lebensgenusses in all seinen Formen. Die Christen haben sich unter Dreingabe ihres Lebens geweigert, in irgendeiner Form in den Kaiserkult einzuwilligen, dem Kaiser göttliche Ehren zu erweisen. Sie waren bereit, dafür ihr Leben einzusetzen.

Hier zeigt sich, dass Glaube, dass unser christlicher Glaube nie nur ein Gedankenspiel ist, sondern Ernstfall. Der christliche Glaube sagt Nein und er muss Nein sagen zur Absolutheit der politischen Macht, zur Anbetung der Macht der Mächtigen überhaupt - "die Mächtigen hat er vom Thron gestürzt" (Lk. 1), wie es im Magnificat Mariens heißt. Christlicher Glaube sagt aber auch Nein und muss Nein sagen zur Anbetung von Sexus und Eros, von der keine geringere Versklavung der Menschen ausgeht als vom Missbrauch der Macht. In Klammern: die Einheit, die Endgültigkeit und die Unteilbarkeit der Liebe zwischen Mann und Frau ist letztlich nur im Glauben an den einen Gott zu begründen und zu vollziehen; sie steht und fällt mit diesem Glauben an den einen Gott.

Der christliche Glaube sagt aber auch Nein und muss Nein sagen zur Anbetung des Brotes, des Lebensunterhaltes, des Besitzes. Warum ist für den Christen dieses Nein unumgänglich und notwendig? Wer den Glauben an den einen Gott gefunden hat, wer sich auf ihn eingelassen hat, für den kann es neben diesem einen Gott nichts mehr geben, das diesem Gott den Rang streitig machen könnte. In diesem Sinn fordert Paulus dazu auf, sich vom "Geist Gottes" leiten zu lassen und nicht vom "Fleisch", d. h. von der Selbstsucht, die irgendetwas Greifbares und Sichtbares vergötzt, sich also nicht mehr der Abhängigkeit von dem einen Gott bewusst ist.

Damit stehen wir an dem Punkt, wo wir uns fragen müssen, was das alles für uns zu bedeuten hat. Machen wir uns nichts vor: wir alle sind in der Gefahr, in der Versuchung, die Macht, den Sexus und das Brot anzubeten; sie als die Motoren der Welt und unseres eigenen Lebens zu bejahen. Aber das gilt, so meine ich, nicht nur vom einzelnen, sondern auch von Gemeinschaften; das gilt z. B. auch von der Kirche. Ihre Geschichte ist eine Geschichte der Versuchung, sich vom Eigentlichen zu entfernen und einen Kniefall vor der Macht, vor dem Lebensgenuss zu vollziehen. Wir wollen aber nicht in einer unverbindlichen Weise eine Besinnung anstellen, sondern konkret für unser eigenes Leben. Ich will nicht auf die Gefährdung durch die Vergötzung von Sexus und Eros, des hemmungslosen Lebensgenusses, eingehen. Wer heute seine Augen auftut, für den ist das eine Realität. Ich will auch nicht auf die Gefahr zu sprechen kommen, wo einer den Lebensunterhalt, den Profit und den Gewinn als Lebensinhalt ansieht; auch hier, so meine ich, lässt sich unsere Gefährdung nicht übersehen oder wegdisputieren. Ich will vielmehr einen Punkt aufzeigen, wo wir in der Gefahr sind, die Macht anzubeten. Nicht so sehr die politische Macht. Davon sind die meisten hierzulande - hoffentlich - gründlich geheilt worden. Sondern ich meine die Macht, die wir immer wieder über andere Menschen in unserer Umgebung auszuüben suchen. Wo haben wir andere ausgenützt, vor den eigenen Karren gespannt? Sind uns viele nicht nur deswegen interessant, wenn und solange sie vor unserem eigenen Wagen laufen? Wie viele lassen wir nicht gelten! Wie viele werden von uns mundtot gemacht! Wie viele zwingen wir dazu, unsere eigene Meinung anzunehmen, ja sie anzubeten! Es gibt Leute, die würden uns alles geben, den letzten Pfennig, das letzte Hemd - wenn wir niederfielen und sie anbeteten.

Die Frage ist: Wer und was ist für uns das Absolute, die Sinngebung, der Mittelpunkt unseres Lebens? Lassen wir uns vom "Geiste Gottes" leiten? Orientieren wir uns an dem, was uns vorgegeben ist; oder meinen wir, in totaler Eigenmächtigkeit uns einen Lebenssinn zurechtzudenken und zurechtzumachen, um ihn dann zum Motor des Lebens zu machen? Alles, was Ausdruck einer solchen Selbstherrlichkeit ist, ist für Paulus "Leben nach dem Fleisch", führt daher notwendig zum Tod, d. h. zur Trennung von Gott, weil es etwas anderes an die Stelle Gottes setzt, ohne den der Mensch ein Nichts ist. Bitten wir den Herrn, dass wir diese entscheidenden Zusammenhänge erkennen und verwirklichen; und bitten wir auch um die Haltung, die bereit ist, aller Selbstherrlichkeit zu entsagen, und die uns fähig macht, Gott selber zu erkennen.

 

15. Sonntag: "Frucht bringen"

Einführung

Wo Gott am Werk ist, da sollte - so meinen wir - der Erfolg nicht auf sich warten lassen. Das Gleichnis vom Sämann belehrt uns da eines anderen. Der Samen Gottes, den Jesus ausstreut, den die Christen zu allen Zeiten ausgestreut haben, scheint in vielfacher Hinsicht ohne Frucht zu bleiben. Ja, der Misserfolg scheint das Normale zu sein. Und doch erreicht die göttliche Botschaft ihr Ziel, und Gottes Saat bleibt unverloren. Das muss sich der Sämann immer wieder sagen; und das sollen sich die Christen und die, die mit der Verkündigung der Frohbotschaft beauftragt sind, immer wieder sagen. Der Segen der Ernte ist allerdings nicht von unserem Tun abhängig. Gott wird schon dafür sorgen, dass die Aussaat nicht umsonst war.

    Herr Jesus Christus, du hast den Samen der Frohbotschaft ausgestreut
    - Herr, erbarme dich!
    Du hast die Jünger und auch uns gerufen, den göttlichen Samen auszustreuen
    - Christus, erbarme dich!
    Du wirst dafür sorgen, dass der Samen Gottes Frucht bringt
    - Herr, erbarme dich!

Es erbarme sich unser der allmächtige Gott! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Herr Jesus Christus, du hast den Samen der Frohbotschaft ausgestreut und auch uns gerufen, die Arbeit des Sämanns fortzusetzen. Voll Vertrauen kommen wir mit unseren Bitten zu dir:

  • Für die Verkünder der Frohen Botschaft: dass sie nicht mutlos werden, wenn ihre Saat keine Frucht bringt!
  • Für die Hörer der Frohen Botschaft: dass sie nicht taub sind für Gottes Wort, sondern sich ihm auftun!
  • Für uns selbst, an die auch Gottes Wort ergangen ist: dass der Samen Gottes in uns auf fruchtbaren Boden fällt!
  • Für unsere Verstorbenen: dass sie den Frieden und die Freude des Himmels erlangen!

Herr Jesus Christus, wer an dich glaubt, der hat keinen Grund zur Mutlosigkeit. Lass die göttliche Saat, die du selber durch viele Mitarbeiter ausstreust, in den Herzen der Menschen reiche Frucht bringen. Darum bitten wir jetzt und alle Tage. Amen.

Predigt

Wir dürfen das Gleichnis vom Sämann nicht so missverstehen, als ob es um den ausgestreuten Samen gehe und um das verschiedene Erdreich, auf das dieser Samen gestreut wird. Es geht nämlich in erster Linie nicht um eine Mahnung z. B. an Neubekehrte, in der Verfolgung standhaft zu sein und sich nicht von der Gier nach Reichtum und Lebensgenuss leiten zu lassen. Das ist eine spätere, durchaus berechtigte Deutung der Urkirche. Es geht vielmehr im Gleichnis um den Sämann selber. Er soll sich dessen bewusst sein, dass allem Misserfolg und allem Widerstand zum Trotz aus einem scheinbar hoffnungslosen Beginn eine herrliche Ernte hervorgehen wird. Diesen Punkt wollen wir näher bedenken, und was sich daraus für unsere Situation heute ableiten lässt, für die Deutung der Zeit und der Kirche, wo allenthalben Resignation und Freudlosigkeit festzustellen ist.

Wir müssen bei unserem Gleichnis von der Feststellung ausgehen, dass es einen Kontrast beschreibt. Zunächst wird breit und ausführlich die Aussaat geschildert (auf das Brachfeld mit seinen Pfaden, Steinen und Dornen; dieses Brachfeld wurde erst nach der Aussaat umgepflügt!). Im Schlussvers ist jedoch bereits Erntezeit. Es wird also nicht der Prozess des Wachsens geschildert, sondern nur das Anfangs- und Endstadium der Saat. Auf der einen Seite steht also die vielfach erfolglose Arbeit und Mühe des Sämanns, die aus vielerlei Gründen erfolglos bleibt: Dornen, Felsen, Unkraut. Dem wird gegenübergestellt das reife Feld, das eine reiche Frucht bringt. Mit der Ernte wird - wie so oft in den Gleichnissen des Herrn - der Anbruch der Königsherrschaft Gottes gemeint. Und die dreifache Nennung des Ertrags deutet an die jedes menschliche Maß und jede menschliche Möglichkeit überschreitende Fülle und Möglichkeit Gottes.

In diesem Kontrast (auf der einen Seite die scheinbar erfolglose Aussaat - auf der anderen Seite die jedes menschliche Maß übersteigende Ernte) wird nun aber auch der Anlass und die Lehre des Gleichnisses sichtbar. Anlass ist der Zweifel an der Sendung Jesu als Messias: "Wenn du der Messias bist, dann müsstest du eigentlich mehr Erfolg haben; dann müsste sich deine Predigt und dein Anspruch besser durchsetzen!" In der Tat: die Misserfolge, die Jesu Predigt hatte, waren nicht zu übersehen: "Wollt auch ihr gehen?" - Diese Frage an die eigenen Jünger markiert den Endpunkt einer Entwicklung, die von Misserfolg geprägt war, und die schließlich am Kreuz in einer Katastrophe enden sollte. Diesem Vorwurf gegenüber und dem Zweifel an seiner messianischen Sendung gegenüber setzt sich Jesus zur Wehr. Scheint auch viele Arbeit und Mühe für Menschenaugen vergeblich zu sein; mag scheinbar Misserfolg auf Misserfolg eintreten: Gottes Stunde wird kommen und mir ihr ein Erntesegen, der menschliche Erwartungen und Bitten bei weitem übersteigt. Der Sämann könnte angesichts der vielen Widrigkeiten verzagen. Trotzdem hat er die Zuversicht, dass ihm eine reiche Ernte zuteil wird. Mag Jesu Wort und Predigt auch auf taube Ohren treffen, irgendwann wird dieses göttliche Wort die Herzen umwandeln und eine herrliche Ernte erbringen.

Wird hier nicht gleichsam blitzartig deutlich, wie dieses Gleichnis vom Sämann uns heute trifft; wie dieses Gleichnis die Situation heute in Kirche und Gesellschaft beschreibt, wo immer wieder Zweifel am Erfolg, die Zweifel an der Sendung, die Zweifel gar am eigenen Heil sich regen? Wo wir nicht nur von denen außerhalb der eigenen Reihen Hohn und Spott ernten angesichts der Ohnmacht der christlichen Botschaft und Predigt - abgesehen davon, dass man sie der Lächerlichkeit preisgibt? Ich bin jedenfalls überzeugt, dieses Gleichnis kann uns einen Maßstab, ein Kriterium an die Hand geben, heute die Geister und Meinungen zu scheiden und zu beurteilen - in uns selbst, aber auch in unserer Umgebung. Hat nicht heute das Prinzip "Erfolg" fast unumschränkte Geltung für viele auch in der Kirche, und zwar für alle Bereiche des Lebens? Alle Technik hat nur diesen Sinn: mehr Erfolg bei weniger Aufwand an Zeit und Kraft. Als eine gute Stelle gilt, an der eine nicht überanstrengende Arbeit bestens bezahlt wird. Fortschritt ist Leistungssteigerung, bessere Ausnützung der vorhandenen Kräfte. Es darf keinen Leerlauf mehr geben; alles Verschwenderische, alles Überschwengliche ist verdächtig. Alles muss sich rentieren. Wie viele sind heute weitgehend "zum Erfolg verurteilt"! Dürfen wir uns jedoch als Menschen und als Christen diesem Prinzip "Erfolg" um jeden Preis verschreiben oder gar unterwerfen?

Gewiss, man kann nicht sagen, dass jeder Erfolg vom Teufel sei. Es gibt Worte in der Bibel, die damit rechnen. Wo man erfolglos bleibt, darf man "den Staub von den Füßen schütteln". Immer wieder wird darauf hingewiesen, "Frucht zu bringen", fruchtbar zu sein. Aber die Fruchtbarkeit, die vom Glaubenden in der Heiligen Schrift gefordert wird, ist etwas ganz anderes als irdischer und äußerer Erfolg. Dieser äußere, hier und jetzt immer schon greifbare und sichtbare Erfolg (als Zeichen gar der eigenen Erwählung durch Gott) wird nirgends den Christen in Aussicht gestellt. Es heißt vielmehr: "Der Jünger steht nicht über seinem Herrn. Der Jünger muss zufrieden sein, wenn es ihm ergeht wie seinem Meister. Hat man den Hausherrn als Teufel bezeichnet, wie viel mehr seine Hausgenossen." (Matth. 10, 24 f) Jesus hat erfolglos gelebt und war sicher nicht vom Geist des irdischen Erfolges getrieben, sonst hätte er sich klüger verhalten. "Erfolg ist keiner der Namen Gottes!" (Martin Buber) Ja, das Wesen des Christlichen liegt darin, dass gerade die weltliche Erfolglosigkeit, der Bankrott am Kreuz der Höhepunkt der christlichen Fruchtbarkeit ist. Im Versinken des Weizenkorns in der Erde liegt das Prinzip einer neuen, für das Denken der Welt unbegreiflichen Fruchtbarkeit. Immer geht es um das Übersteigen der eigenen Zwecksetzung, um das Angebot der Person, damit Gott darüber verfüge - so wie ja auch zwei Menschen, die einander lieben, ihr Glück darin finden, sich zu verschenken, den anderen zu sehen und zur Entfaltung zu bringen, ohne auf die eigene Erfüllung bedacht zu sein; diese wird gerade im Verschenken gefunden.

Hier spüren wir, wie menschliche und christliche Fruchtbarkeit angeschlossen sind an die Fruchtbarkeit Jesu Christi, der sich für uns dahingegeben hat, und ohne den wir nichts tun können. Alles, was wir tun und was wir sind, das wird, wenn es echt ist, immer das Zeichen der äußeren Vergeblichkeit und Erfolglosigkeit tragen, im Inneren aber geprägt und befruchtet sein von der Liebe Gottes in Jesus Christus. Beten wir füreinander, dass wir diese entscheidenden Zusammenhänge nicht aus den Augen verlieren, wo immer wir leben mögen: als Ordensleute, als Priester, als Eltern, als junge Menschen, die ihren Lebensweg noch vor sich haben. Der Wert eines Menschen bemisst sich nicht nach seinem äußeren Erfolg; er bemisst sich vielmehr nach der Fähigkeit, sich zu verschenken, zu lieben. Und bitten wir unseren Herrn Jesus Christus, er möge uns dazu die Kraft und den Mut geben.

 

16. Sonntag: "Gott kann warten"

Einführung

Wenn man sich die Menschen - auch in der Kirche - ansieht, dann könnte man enttäuscht, ja verzweifelt sein. Ist das die Gemeinschaft derer, die alles von Gott, dem Geber alles Guten, erwartet? Ist da nicht alles miteinander vermischt: die Guten und die Bösen, die Tugendsamen und die Schlechten? Sollte man da nicht einen harten Schnitt machen und die Versager, die Nieten, die Sünder eliminieren? Dieses Denken war immer eine Versuchung in der Christenheit, von Anfang an. Immer wurde der Ruf nach der Gemeinde der "Reinen" laut. Aber die gibt es nicht. Wir alle, die wir Christen sein wollen, die wir Glaubende sein wollen, sind Mühselige und Beladene; bemüht, das Gute zu tun; aber nur zu oft solche, die an Gott vorbeileben; die ihn verleugnen. Besinnen wir uns darum und bitten wir den Herrn um Vergebung für alle Halbheit, für Versagen und Schuld.

    Herr Jesus Christus, du hast den guten Samen Gottes ausgestreut
    - Herr, erbarme dich!
    Du siehst, dass auf deinem Acker mit der guten Saat auch viel Unkraut wächst
    - Christus, erbarme dich!
    Du lässt beides wachsen bis zur Zeit der Ernte
    - Herr, erbarme dich!

Es erbarme sich unser der allmächtige Gott! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Herr Jesus Christus, in der Welt und auch in deiner Kirche gibt es neben dem Guten so viel Böses. Und wir fragen, warum das so ist. Im Evangelium hast du uns eine Antwort auf unsere Fragen gegeben. Darum kommen wir voll Vertrauen mit unseren Bitten zu dir:

  • Bestärke die Verkünder deiner Frohen Botschaft in dem Vertrauen, dass du trotz aller Widerstände das Gute zur Vollendung führst!
  • Gib deiner Kirche und den Glaubenden die Gabe der Klugheit, das Neue und Ungewohnte vom Falschen zu unterscheiden!
  • Bewahre uns alle vor dem voreiligen und leichtfertigen Urteil über andere!
  • Schenke unseren Verstorbenen trotz ihrer Halbheiten und ihres Versagens den Frieden und die Freude des Himmels!

Herr Jesus Christus, du lässt alles wachsen bis zum Tag der Ernte. Dann werden wir erkennen, dass du immer bei uns warst und alles zum Guten lenkst. Dir sei Lob und Dank in Ewigkeit! Amen.

Predigt

Überall in der Umwelt Jesu stoßen wir auf Versuche, die Gemeinde der Endzeit zu verwirklichen. Da waren zunächst die Pharisäer. Sie beanspruchten, die heilige Gemeinde zu repräsentieren, das wahre Gottesvolk, das geschieden ist vom Volk, das vom Gesetz nichts weiß. Sie erwarteten den Messias, der die Sünden wegschaffen werde mit mächtigem Wort. Neben den Pharisäern sind die Essener zu nennen, die noch weiter gingen. Sie wollten "die Gemeinde des Neuen Bundes" bilden, die aus der Stadt des "befleckten Heiligtums" auswanderte. Sie wollten das Gottesvolk der Endzeit darstellen. Schließlich ist auf Johannes den Täufer hinzuweisen. Sein ganzes Wirken galt der Sammlung der Heilsgemeinde. Er kündigte den Messias an als den, der die Tenne reinigen und Spreu und Weizen scheiden werde. Übrigens gibt es nicht nur im religiösen Bereich derartige Versuche, die Guten und die Schlechten, die Reinen und Unreinen voneinander zu scheiden. Das gibt es auch im profanen Bereich, im Bereich der Politik. Denken Sie nur an die Säuberungen von Parteien, an die Versuche der Reinhaltung der Rasse, bestimmte Menschen zu Untermenschen oder Unmenschen zu erklären.

Was Jesus tat, war das Gegenteil all dieser Versuche. Er sagte den Pharisäern den Kampf an, und er rief gerade das "verfluchte Volk, das vom Gesetz nichts weiß", zu sich. Nicht nur nach dem Urteil der Pharisäer, auch nach seinem eigenen Urteil befanden sich unter seinen Anhängern solche, die vor Gott nicht bestehen würden. Warum duldest du das? Das ist immer wieder der Vorwurf, der erhoben wird. Warum forderte Jesus nicht auf zur Aussonderung der reinen Gemeinde aus Israel? Ist diese Geduld nicht Zeichen seiner Schwäche, seiner Ohnmacht? Wenn er der Sohn Gottes ist, dann steige er herab vom Kreuz! Dieses Ärgernis, das die Leute an Jesu Verhalten nahmen, ist Anlass zu einer Gleichnisrede. Am vergangenen Sonntag haben wir das Sämanns-Gleichnis gehört; heute hören wir das Gleichnis vom Unkraut im Weizen.

Der Gutsbesitzer besorgt selber die Aussaat. Ein Feind von ihm, einer, der ihn hasst, sät Unkraut auf den Acker. Bei dem aufgehenden Unkraut handelt es sich um eine ganz bestimmte Art, die dem Weizen vor allem im ersten Entwicklungsstadium ähnlich sieht; es ist der sogenannte Lolch. Und dieser geht in großer Zahl auf. Der Besitzer kann sich das nur so erklären: "Ein Feind muss das getan haben." Er selbst trägt nicht die Schuld an dem vielen Unkraut. Seine Knechte fragen ihn, ob sie das Unkraut ausjäten sollen. Aber der Hausherr ist der Meinung, dass das Unkraut stehen bleiben soll, offenbar wegen seiner ungewöhnlichen Menge. Die Wurzeln des Unkrauts haben sich mit denen des Weizens zu eng verflochten. Erst bei der Ernte kann und wird eine Scheidung vorgenommen werden.

Jesus will mit diesem Gleichnis das Wesen des Gottesreiches verständlich machen: "Das Himmelreich kann man mit einem Mann vergleichen, der gutes Samenkorn auf seinen Acker säte." Der springende Punkt ist der Gedanke der Ernte; der Gedanke der Scheidung zwischen Weizen und Unkraut. Vorher ist beides zusammen und vermischt da, Gutes und Schlechtes. Gott lässt, für uns unbegreiflich und ärgerniserregend, beides zusammen und nebeneinander wachsen. Erst bei der Ernte werden beide voneinander getrennt. Eine Scheidung vor dieser Zeit wird also von Jesus abgelehnt; und er ruft zur Geduld auf bis zur Ernte, bis zum Endgericht.

Warum aber ist eine solche Geduld notwendig? Zwei Gründe nennt Jesus. Erstens sind Menschen gar nicht in der Lage, diese Scheidung vorzunehmen. Wie das Unkraut und der Weizen sich zunächst zum Verwechseln ähnlich sehen, so ist das Gottesvolk des Messias unter den Ungläubigen und den Scheingläubigen verborgen. Menschen können nicht ins Herz sehen. Wollten sie die Scheidung vornehmen, sie würden sie lauter Fehlurteile fällen und mit dem Unkraut auch das gute Getreide ausreißen. Vielmehr - und das ist das zweite - hat Gott die Stunde der Scheidung bestimmt. Das von ihm gesetzte Maß muss erfüllt sein, die Saat muss reif geworden sein. Dann erst kommt das Ende und damit die Trennung von Weizen und Unkraut. Dann wird die heilige Gemeinde Gottes, die Kirche, befreit von allen Bösen, von allen Scheingläubigen und Lippenbekennern. Aber noch ist es nicht so weit. Noch ist die letzte Bußfrist nicht abgelaufen. Bis dahin gilt es, allem falschen Eifer zu entsagen. Es gilt, die Felder geduldig reifen zu lassen und alles andere gläubig Gott zu überlassen, bis seine Stunde kommt.

Ich meine, die Lehre des Gleichnisses ist auch heute noch aktuelle und hat Bedeutung für uns, die wir in einer Welt und Umgebung leben, die weithin ungläubig zu sein scheint. Da könnten wir die Geduld verlieren angesichts des Unkrauts, auch im Weizenfeld der Kirche. Wir möchten es ausreißen in der Furcht, der Weizen könne erstickt werden. So denken wir Menschen. Wir denken wie die Pharisäer, weil in einem derartigen Tun, im Ausreißen des Unkrauts, eine Selbstgerechtigkeit liegt, eine Überheblichkeit: "O Gott, ich danke dir, dass ich nicht bin wie die übrigen Menschen." Und wir haben doch wirklich keinen Grund dazu, zumal auch in uns immer wieder das Unkraut der Sünde Wurzeln schlägt. Außerdem: wir sehen ja nicht ins Herz unserer Mitmenschen. Wie leicht und wie gerne halten wir den Weizen für Unkraut und das Unkraut für Weizen. Wir täuschen uns und fällen ein ungerechtes Urteil. Da lehrt uns Jesu Gleichnis: Habt einstweilen Geduld! Habt die Geduld Gottes! Und er kann warten, unbegreiflich und ärgerniserregend, bis zur Zeit der Ernte. Gottes Warten und Wartenkönnen ist seine Stärke; sie ist nicht Zeichen seiner Ohnmacht und Schwäche. Diese Stärke müssten auch wir haben. Bis dahin gibt Gott allen (und wir dürfen uns nicht selbstgerecht und pharisäisch davon ausnehmen, als bräuchten wir überhaupt nicht das geduldige Erbarmen Gottes), bis dahin gibt er allen die Chance, die Gnade der Umkehr; bis dahin gibt er ihnen die Möglichkeit, gute Früchte zu bringen. Uns steht es also nicht zu, darüber zu urteilen, wer gut und wer schlecht ist; uns steht es nicht zu, eine Scheidung vor der Zeit zu fordern. Gott wird schon einmal dafür sorgen, dass es anders wird: dann, wenn die Zeit der Ernte, die Zeit des Endgerichts gekommen ist - wenn er es will!

In jeder Eucharistiefeier danken wir für Gottes Huld und Treue zu uns Menschenkindern. Wir leben von seinem Erbarmen, von seiner Gnade. Wir leben nicht von eigenen Gnaden. Wenn wir uns diese Einstellung zu eigen machen, dann können wir in großer Gelassenheit den Menschen begegnen, auch denen, die anderer Meinung sind, die in unseren Augen vielleicht böse sind. Sie sind mit ihrer abweichenden Einstellung nur dann eine Gefahr für uns, wenn wir selber keine persönliche Überzeugung haben. Wir brauchen niemand zu verurteilen, ja nicht einmal zu beurteilen. Das können wir getrost Gott überlassen.

 

17. Sonntag: "Von der Freude des Findens"

Einführung

Ist es übertrieben zu sagen: von der Lebenseinstellung Jesu unterscheidet sich die der Christen heute (wenigstens hierzulande) dadurch, dass offensichtlich das Element der Freude fehlt? Das Christsein als die Religion der Freude zu begreifen, das wäre ein Ausweg aus den freudlosen moralischen Sackgassen; denn dann müsste man ganz tief ansetzen, an der Wurzel der Freude. Diese Wurzel wird gewissermaßen ausgegraben im kleinen Gleichnis vom Schatz im Acker, das wir im heutigen Evangelium hören werden. Der Mann, der den Schatz gefunden hat, geht voll Freude hin und verkauft alles, was er hat, um den Acker mit dem Schatz zu kaufen. Was bedeutet uns unser Christsein? Besser: was bedeutet uns Jesus Christus? Er ist doch der Schatz, der alles übertrifft, übertreffen müsste. Besinnen wir uns, und bitten wir um Vergebung für alle Freudlosigkeit und unseren Mangel im Blick auf Jesus!

    Herr Jesus Christus, du bist der Schatz, der alles übertrifft
    - Herr, erbarme dich!
    Du bist die kostbare Perle, für die kein Preis zu hoch ist
    - Christus, erbarme dich!
    Du willst uns einst die wahre Freude schenken
    - Herr, erbarme dich!

Es erbarme sich unser der allmächtige Gott! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Herr Jesus Christus, du hast uns die frohmachende Botschaft von deinem Vater im Himmel gebracht. Deshalb dürfen wir voll Vertrauen mit unseren Bitten zu dir kommen.

  • Für den Papst, die Bischöfe und die Priester: dass sie in ihrer Verkündigung Zeugnis ablegen von der Freude, die das Evangelium bringt!
  • Für uns alle, die wir Glaubende sein wollen: dass wir von der Freude erfüllt seien, dich gefunden zu haben!
  • Für alle, die dich nicht kennen: dass sie an uns Christen die Freude der Erlösten erleben!
  • Für uns, die wir zu dieser Eucharistiefeier zusammengekommen sind: dass wir voll Freude zu deinem Tisch hinzutreten!

Herr Jesus Christus, mit diesen Bitten kommen wir zu dir. Auf deine Güte und Liebe setzen wir unsere ganze Hoffnung, der du lebst und herrschst in alle Ewigkeit. Amen.

Predigt

In den Gleichnissen des Evangeliums begegnen wir wohl am unmittelbarsten der Art und Weise, wie Jesus selbst gepredigt hat. In diesen Gleichnissen erkennen wir darum in besonderer Weise, um welche Fragen und Themen es Jesus in seiner Frohbotschaft ging: es geht ihm um die Offenbarung und Darbietung der Gnade Gottes, um den Aufruf zur Nachfolge, aber auch um die Verhängung des Gerichts. Es geht um die Rettung des Menschen, um sein Heil; aber auch um sein Verderben. Es geht jeweils um Leben oder Tod. Diese Thematik trifft auch für die drei kleinen Gleichnisse zu, die wir eben gehört haben: vom Schatz im Acker, von der kostbaren Perle und vom Fischnetz. Sie sind Bilder für gelebte Jüngerschaft und zugleich Warnung vor dem Gericht Gottes.

Die beiden ersten Gleichnisse (vom Schatz im Acker und von der kostbaren Perle) gehören eng zusammen. Beide werden eingeleitet mit dem Satz: "So geht es zu bei der Königsherrschaft Gottes." Wir sollen etwas erfassen und verstehen, was mit Jesus gekommen ist. Der arme Tagelöhner arbeitet auf einem fremden Acker. Beim Pflügen findet er plötzlich einen Schatz, ein Tongefäß mit Silbermünzen oder Edelsteinen, das irgendjemand früher einmal hier vergraben hatte. Für diesen Schatz, der ihm rechtmäßig nur gehört, wenn er den Acker erwirbt, gibt er alles her, was er hat. Kein Preis erscheint ihm zu hoch für das, was er gefunden hat. Der Kaufmann ist nicht arm. Er sucht kostbare Perlen, er handelt damit. Die plötzliche Entdeckung einer überaus kostbaren Perle veranlasst ihn, seinen ganzen Besitz zu verkaufen, um die eine Perle zu erwerben.

Welche Lehre will Jesus mit diesen beiden Gleichnissen geben? Es geht in erster Linie nicht um die Forderung nach einer vorbehaltlosen Hingabe an die Sache Jesu. Das selbstverständlich auch. Was eigentlich gemeint ist, ersehen wir aus der kleinen Bemerkung "voll Freude". "Voll Freude" verkaufte der arme Tagelöhner alles, was er besaß. Wenn die große, wenn die alles Maß übersteigende Freude einen Menschen packt, dann reißt sie ihn fort; sie erfasst das Innerste; sie überwältigt das Herz. Alles verblasst vor dem Glanz des Gefundenen. Kein Preis scheint zu hoch. Die bedenkenlose Hingabe des Kostbarsten wird zur Selbstverständlichkeit. Nicht dass die beiden Männer ihren ganzen Besitz hingeben, ist das Entscheidende, sondern der Anlass zu ihrem Entschluss: das Überwältigtwerden durch die Größe ihres Fundes. So ist es mit der Königsherrschaft Gottes. Die frohe Botschaft von ihrem Anbruch (und darum geht es Jesus in seiner Predigt) überwältigt, sie schenkt die große Freude; sie richtet das ganze Leben aus auf die Vollendung der Gottesgemeinschaft, bewirkt die leidenschaftliche Hingabe. Eine Frage an uns: Wie steht es bei uns mit dieser großen "Freude" an der Frohbotschaft, über Jesus Christus in unserem Leben? Verblasst für uns alles andere, wenn wir vor Gott, wenn wir vor Jesus Christus stehen? Hier spüren wir, wie diese beiden Gleichnisse uns zur Gewissenserforschung zwingen: Welchen Stellenwert hat in meinem Leben Jesus Christus? Sind wir froh, ihn gefunden zu haben? Oder ist er uns eine Last? Ist er uns lästig? Ist er nur eine "Versicherung" für alle Eventualitäten? Ohne die innere, ohne die frohe Begeisterung werden wir über kurz oder lang uns der Last des Christlichen entledigen.

Wir kommen zum Gleichnis vom Schleppnetz. Es geht in ihm um das gleiche Thema wie im Gleichnis vom Unkraut im Weizen, das wir am vergangenen Sonntag gehört haben. Auch hier ist zu beachten: das Himmelreich wird nicht mit einem Netz verglichen, das gute und schlechte Fische einfängt und in sich birgt; sondern: beim endgültigen Kommen des Gottesreiches geht es zu wie bei der Auslese der gefangenen Fische. Es geht also nicht um das Fangen der Fische; das ist nur die notwendige Voraussetzung für die daran sich anschließende Auslese: es waren Fische aller Art ins Netz gegangen, essbare und ungenießbare. Aus diesem Grund ist die Scheidung notwendig.

Damit wird nun aber auch deutlich, welche Lehre Jesus mit dem kleinen Gleichnis geben will. Es handelt vom Endgericht, das die Königsherrschaft Gottes einleitet. Das Endgericht wird mit einer Scheidung verglichen zwischen essbaren und ungenießbaren Fischen. Vorher ist beides miteinander vermischt und vermengt, Gutes und Schlechtes. Das Gottesvolk des Messias ist unter den Scheingläubigen verborgen. Die Menschen sehen nicht ins Herz. Gott aber hat eine Stunde bestimmt, wo das Gute und das Schlechte erkennbar sein wird. Im Endgericht wird die heilige Gemeinde Gottes befreit von allen Bösen, Scheingläubigen und Lippenbekennern. Aber noch ist es nicht so weit; noch ist Gottes Frist nicht abgelaufen. Bis dahin gilt es, das Netz auszuwerfen und alles andere gläubig Gott zu überlassen, bis seine Stunde kommt.

Auch hier sollten wir uns fragen lassen: Sind wir nicht oft in der Gefahr, in der Kirche nach der "reinen Gemeinde" zu rufen, die frei ist von allen Mitläufern, Taufscheinchristen und ähnlichen Leuten? Und überhaupt: warum sorgt Gott nicht selber dafür, dass die Kirche Jesu Christi sich rein von dieser Welt verwirklicht, wie es ihrem Wesen entspricht? Warum geht die Kirche nicht ganz anders vor gegen alle Scheinchristen? Die bringen ihr doch nur Ärgernis und machen sie unglaubwürdig. Und die Draußenstehenden sagen es ja dauernd: Schaut euch die Christen an, wie sie wirklich sind! Die wollen Jünger Jesu Christi sein? Da müssen wir uns die Geduld Gottes zu eigen machen. Wir haben kein Recht, eine Scheidung vor der Zeit vorzunehmen; und diese Zeit hat Gott bestimmt. Sein Warten und sein Wartenkönnen sind nicht Zeichen seiner Schwäche und Ohnmacht; sie sind Zeichen seiner Stärke und Souveränität.

Nehmen wir aus dem heutigen Evangelium diese beiden Anregungen mit: Einmal, dass wir als Christen aus der Freude über das, was wir gefunden haben, leben sollen. Wir haben Christus gefunden, das Heil der Welt, unser Heil. Das müsste man uns anmerken. Warum gibt es bei uns so viel Griesgram und Nörgelei und negative Kritik, die an nichts und niemand ein gutes Haar lässt? Weil uns die Freude fehlt über den Kernpunkt. Darüber, dass wir als Glaubende in Jesus Christus das Heil gefunden haben, müssten wir uns grenzenlos freuen; diese Freude müsste alles Negative in den Schatten stellen. Außerdem, keiner, schon gar nicht ein junger Mensch wird sich für einen Verein engagieren, der ihm dauernd madig gemacht wird. Da fühlt er sich nicht wohl; dann müsste man doch pervers veranlagt sein. Ich war zwanzig Jahre als Jugendseelsorger tätig. Ich habe immer wieder Eltern gesagt: Wenn Sie wünschen, dass Ihre Kinder Christen sind und in der Kirche bleiben, dann geben Sie durch Ihr Beispiel das Gespür Ihrer Freude, Christ zu sein. Wenn sie diese Freude bei Ihnen nicht spüren, dann treiben sie Ihre Kinder aus der Kirche. - Ein Zweites sollten wir mitnehmen: Seien wir nicht selbstgerecht! Wo Selbstgerechtigkeit herrscht, ja, wo die Selbstgerechtigkeit sich breit macht, da stirbt die "Freude". Wir brauchen niemand zu verurteilen; wir sollen nie einen anderen richten. Haben wir die Geduld Gottes! Manche Dinge können wir ihm getrost überlassen. Und manche Dinge lässt er sich nicht aus der Hand nehmen, auch wenn das Gegenteil der Fall zu sein scheint. Erbitten wir uns den Segen für diese beiden Punkte: dass wir leben aus der großen Freude - im demütigen Vertrauen auf Gottes Güte.

 

18. Sonntag: "Gebt ihr ihnen zu essen!"

Einführung

Was suchen wir eigentlich bei Jesus? Ist es nur der Wunsch, den irdischen Hunger zu stillen - so wie die Menschen in der Erzählung von der Brotvermehrung in Jesus den gefunden zu haben meinen, der ihnen Gesundheit, Nahrung und Auskommen gibt? Oder treibt uns zu Jesus die Ahnung, die Überzeugung, dass er uns mehr zu geben hat? Er gibt uns nicht nur Nahrung und Brot. Er gibt sich. Er gewährt sich selbst denen, die an ihn glauben. Er ist das Wort des Lebens; er ist das wahre Brot des Lebens. Darum wollen wir uns zu Beginn dieser Eucharistiefeier wieder besinnen auf den Herrn, der sich uns geoffenbart hat als das Lebensbrot; der für uns zur Speise des Lebens geworden ist.

    Herr Jesus Christus, du willst nicht, dass wir in Hunger und Elend zugrunde gehen
    - Herr, erbarme dich!
    Du hast uns in der Eucharistiefeier deinen Leib und dein Blut zur Nahrung gegeben
    - Christus, erbarme dich!
    Du lädst alle, die dir nachfolgen, zum himmlischen Gastmahl ein
    - Herr, erbarme dich!

Es erbarme sich unser der allmächtige Gott! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Zu unserem Herrn Jesus Christus, der "Brot für das Leben der Welt" ist, und der uns in den Dienst an den Mühseligen und Beladenen gerufen hat, wollen wir voll Vertrauen beten:

  • Du hast Mitleid mit denen, die mit ihren Sorgen und Gebrechen zu dir kommen: Dein Beispiel dränge auch uns zur helfenden Tat!
  • Du lässt die Menschen in ihrem Hunger nicht allein: Lass nicht zu, dass wir Menschen mit ihren Nöten sich selbst überlassen!
  • Du lässt durch deine Jünger das Brot austeilen: Gib uns den Mut und die Zuversicht, den leiblichen und geistigen Hunger der Menschen heute zu stillen!
  • Du lässt uns in deinen Gaben die Güte deines Vaters ahnen: Öffne unsere Augen und unser Herz für die Erweise deiner Liebe!

Mit diesen Bitten kommen wir zu dir, der du uns die Güte deines und unseres Vaters im Himmel geoffenbart hast. Erhöre unsere Bitten, der du lebst und herrschst in alle Ewigkeit. Amen.

Predigt

Wenn wir die Situation der Kirche heute bedenken, dann fällt es nicht schwer, die Verbindung zum heutigen Evangelium herzustellen. Wir befinden uns auch - so scheint es - in einer Wüste. Es fehlt uns anscheinend das Brot, das die Menschen ernähren und stärken könnte. Es fehlen uns anscheinend die Worte, die auf die bedrängenden Fragen unserer Zeit eine notwendende Antwort gäben, und die deshalb die Menschen aufhorchen ließen. Kein Wunder, dass die Seelsorger die Hilfesuchenden immer mehr an die Mediziner, an die Psychologen, an die Soziologen, an den Gruppentherapeuten und schließlich an das eigene Gewissen verweisen: "Die Zeit ist vorgeschritten. Entlass das Volk, damit es sich anderswo zu essen kaufe!" Die Zeit des Christentums ist vorgeschritten. Es scheint an seinem Abend angelangt zu sein. Andere Heilbringer und andere Heilslehrer sind an seine Stelle getreten. Die Kirche muss sich langsam darauf einstellen, das Volk zu entlassen. Ja, hat man nicht zuweilen den Eindruck, sie hätte schon damit begonnen, das Volk zu entlassen?

Sollen wir uns auch an diesem Prozess der Entlassung des Volkes beteiligen? Sollen wir damit aufhören, die christliche Botschaft zu verkünden, schon gar in den Ländern Asiens und Afrikas? Hat Jesus Christus und die von ihm gestiftete Gemeinschaft der Kirche kein Heil mehr zu geben? Gilt nicht mehr das Wort des Herrn: "Sie haben es nicht nötig wegzugehen"? Ich bin der Meinung: Unsere alltägliche Erfahrung im christlichen Glauben, aber auch im alltäglichen Leben sagt uns doch, dass alle weltlichen Bereiche zusammen das Heil des Menschen nicht begründen und garantieren können. Haben wir nicht miterlebt, wie die innerweltlichen Heilslehren in Katastrophen enden - seien diese Heilslehren weltumspannend oder nur Ein-Mann-Ideologien? Jedenfalls: Je tiefer wir selber als Christen die Botschaft unseres Herrn erfassen, zu erfassen suchen, desto mehr kann uns aufgehen, wie diese Botschaft auch der heutigen Welt noch Hilfe, ja die entscheidende Hilfe bringen kann; wie diese Botschaft eine Deutung der Zeit geben, einen Sinn des Lebens erschließen kann, der allen Belastungen des Lebens standhält. Und schließlich nehmen wir den Auftrag Jesu ernst; wir nehmen sein Wort an die Jünger als auch an uns gerichtet an: "Gebt ihr ihnen zu essen!"

Aber gerade hier fangen unsere Schwierigkeiten erst richtig an. Wir wollen ja die Botschaft Jesu mitteilen, zu Gehör bringen. Aber wir haben doch oft den Eindruck, mit fast leeren Händen vor den Menschen mit ihren vielfältigen Bedürfnissen und Fragen zu stehen. Wie kommen wir da weiter? Wir können in der Wüste herumlaufen um zu sehen, ob wir dort Brot für die Tausende finden. Wir können die Felsspalten untersuchen, hinter den Büschen nachschauen, Steine umdrehen. Wir können Kommissionen gründen, Konferenzen abhalten und Tagungen in großer Zahl besuchen, um zu erforschen, ob irgendwo die benötigte Anzahl Brote vorhanden ist. Aber man findet diese nicht durch eine solch aufgeregte Aktivität. Es gibt heute in der Kirche eine Weise der Aktivität und der Beschäftigung, die zwar das eigene Leistungsbewusstsein steigert, die aber auf Dauer nicht aus der Misere herausführt. Ob es nicht auch in der Kirche heute und hierzulande ein solch leeres Treiben gibt, ein solch aufgeregtes Hin- und Herlaufen wie in einem Hühnerstall? "Operative Hektik verdeckt die geistige Windstille!"

Es bleibt uns noch der Ausweg der Flucht. Man flieht aus der bedrohlichen Wüste ins rettende Dorf. Man bringt sich in Sicherheit, bevor die Hungersnot endgültig ausbricht. Es gibt viele Weisen, so zu fliehen. Ja, wir alle sind versucht, uns in dieser oder jener Form in Sicherheit zu bringen, um der Wüste zu entgehen. Wie viele fliehen heute in den ganz privaten Bereich, in den Lebensgenuss, in den Rausch. Wie viele fliehen in die "Nische", in die eigene "Tonne", in der sie nicht gestört werden wollen. "Geh mir aus der Sonne!" So der kynische Philosoph Diogenes zu Alexander dem Großen. Ja, es gibt auch in der Kirche viele Weisen der Flucht. Ich nenne nur die Weise des Fundamentalismus zu fliehen, indem man sich an den Buchstaben fest klammert; an den Buchstaben der heiligen Schrift, an den Buchstaben kirchlicher Gebote und Vorschriften. Es gibt den Weg der Flucht in fernöstliche Methoden der Versenkung, der Meditation und Pseudomystik. Es gibt den Weg der Flucht in Trivialisierungen des Glaubens, ob diese nun Feminismus oder Psychologie heißen oder sonst wie.

Flucht ist keine Lösung der Fragen unserer Zeit. Ein Problem, dem man entflieht, wird auf eine andere Weise wieder auftauchen. Wenn Flucht aber keine Lösung ist, dann müssen wir uns fragen: "Woher nehmen wir in der Wüste so viele Brote, um das Volk zu sättigen?" Die einzige realistische Antwort, die einzige Lösung ist die, die im Evangelium angegeben ist. Es ist die Antwort, es ist die Lösung des Glaubens. Allerdings besagt "Glaube" nicht, dass man sich eine Lösung der Probleme einbilden muss, obwohl man nichts davon sieht. Glaube besagt: die Lösungsansätze, die oft unscheinbaren Lösungsansätze, die man wahrnimmt, aufgreifen, ohne sich dadurch entmutigen zu lassen, dass die umfassende Lösung nicht oder noch nicht sichtbar ist. Man muss die fünf Brote und die zwei Fische, die tatsächlich vorhanden sind, herbeibringen und anfangen, sie ohne Angst auszuteilen. Das hier und jetzt Mögliche muss getan werden, ohne sich davon lähmen zu lassen, dass der ganze Umfang des Problems nicht gelöst wird. Das Manna, das für den heutigen Tag angeboten ist, muss aufgelesen werden, auch wenn man weiß, dass mit diesem Stück Brot allein der Weg durch die Wüste nicht bestanden werden kann. Das bedeutet: Wir müssen dort anfangen, wo wir aus dem Geist und aus der Botschaft Jesu heraus den Menschen heute dienen und Hoffnung geben können. Bei all dem darf man sich nicht durch den Gedanken lähmen lassen, dass der Dienst, den wir leisten können, angesichts der ungeheuren Aufgabe nur wie ein Tropfen auf den heißen Stein erscheint. Als Beispiele eines solchen "Dienstes" heute nenne ich die Hilfe gegen den Hunger in der Welt, aber auch die geistige Auseinandersetzung mit dem Zeitgeist. Dieser Dienst, dieser oft armselige Dienst, der aus dem Glauben an Gott und an seinen Gesandten Jesus Christus kommt, wirkt Wunder: "Sie aßen alle und wurden satt." Allerdings kann man einen solchen "Erfolg" nicht planen, schon gar nicht erzwingen. Er kommt gleichsam unter der Hand, unbemerkt. Nur im Nachhinein stellt man staunend und dankbar fest, dass die wenigen Brote und Fische weiter gereicht haben, als es zunächst möglich erschien. Ja, es geht uns auf, dass dieser Erfolg nicht das Ergebnis unserer eigenen Anstrengung und Leistung war, sondern Geschenk von oben, Gnade.

Es bleibt noch eine wichtige Frage. Wie können wir die tatsächlich vorhandenen Brote finden? Wie können wir unter den vielen Möglichkeiten, die uns vorgegeben sind, die Möglichkeit erkennen, die dem Geist Jesu Christi entspricht und auf der allein die Verheißung des Wunders liegt? Um das finden zu können, was aus dem Geist des Evangeliums heraus von uns getan werden kann, müssen wir so gesinnt sein wie Christus Jesus, wie es im Philipperbrief heißt. Die Augen der Erkenntnis werden uns nur geöffnet, wenn wir bereit sind, an der Erniedrigung Christi, an seinem Abstieg zu den Hoffnungslosen, zu den Armen, zu den Mühseligen und Beladenen teilzunehmen. Wenn wir an der eigenen Herrlichkeit festhalten, wenn wir nur unsere Machtpositionen verteidigen oder einem bestimmten Image nachlaufen, dann sündigen wir gegen diese Gesinnung Jesu Christi; dann werden wir unfähig, die uns von Christus eröffneten realen Möglichkeiten zu erkennen. Die Frage, die bei der Suche nach diesen Möglichkeiten wichtig ist, lautet: Wo sind die Hoffnungslosen, die Mühseligen und Beladenen, denen wir Nächste sein können, und zwar hier und heute? Diesen Hoffnungslosen, diesen Zerschlagenen, diesen Mühseligen und Beladenen muss dann in realem Dienst Hoffnung und Hilfe gegeben werden; nicht nur in materieller Hinsicht; der geistige Hunger und Durst ist oft viel schlimmer als der leibliche. Denken Sie nur an die Glaubensweitergabe an die junge Generation. Das Wort der christlichen Botschaft muss "Fleisch" werden. Nur dann wird sich auch in unserer Zeit erweisen, dass Jesus Christus wirklich "Brot für das Leben der Welt" (Joh. 6,51) ist. Diese Wahrheit kann sich nur in unserem Leben als Christen als glaubwürdig erweisen. Diese Wahrheit wird nur durch unseren Dienst und unsere Hingabe begriffen und verstanden.

 

19. Sonntag: "Der tragende Grund"

Einführung

Leistungen vollbringen, Erfolg haben: von diesen Grundsätzen wird das Denken der Menschen heute weitgehend beherrscht. Wir Christen sind unter einem anderen Motto angetreten. Für uns gilt: "Alles ist Gnade!" Alles ist letztlich Geschenk Gottes, unverdient und unverdienbar. Das Heil der Menschen und der Welt lässt sich nicht von uns erzwingen. Gott schenkt Heil, Erlösung und Freiheit; er allein gibt Halt. Wir feiern miteinander Eucharistie. Wir begehen die Feier der Danksagung. Wir sagen Gott Dank dafür, dass er uns in Jesus Christus seine Liebe erwiesen hat. Wir wollen uns darum zu Beginn der Eucharistiefeier wieder auf diesen Grund unseres Lebens besinnen und seinen Beistand erbitten.

    Herr Jesus Christus, wir begreifen oft nicht deine Wege
    - Herr, erbarme dich!
    Du lässt die Deinen in den Ängsten und Dunkelheiten des Lebens nicht allein
    - Christus, erbarme dich!
    Du gewährst uns in dir den Halt für unser Leben
    - Herr, erbarme dich!

Es erbarme sich unser der allmächtige Gott! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Zu unserem Herrn Jesus Christus wollen wir beten, der den Petrus, aber auch uns nicht versinken lässt, auch wenn wir im Glauben schwach sind:

  • Für die Hirten der Kirche, denen die Sorge um das Volk Gottes anvertraut ist: dass sie uns Vorbilder im Glauben sind!
  • Für die Gläubigen in aller Welt, die in Prüfungen und Verfolgungen leben müssen: dass sie ihre Zuversicht und das Vertrauen zu dir nicht verlieren!
  • Für uns alle, die wir so oft im Glauben angefochten sind: dass wir die Zeichen deiner Nähe und deines Beistandes wahrnehmen!
  • Für die vielen Menschen in aller Welt, die dich nicht kennen: dass sie zum Glauben an dich, den Heilbringer, gelangen!
  • Für alle Verstorbenen, um deren Glauben niemand weiß als du: dass sie im Reich deines Vaters ihre Erfüllung finden!

Mit diesen Bitten kommen wir voll Vertrauen zu dir, unserem Herrn Jesus Christus, der du mit dem Vater und dem Heiligen Geist lebst und herrschst in alle Ewigkeit. Amen.

Predigt

Die Erzählung vom Seewandel Jesu, die wir eben gehört haben, kann uns helfen, nicht nur jetzt in der Eucharistiefeier, sondern auch in anderen Situationen unseres Lebens danach zu fragen, herauszufinden, was eigentlich der tragende Grund unseres Lebens ist; was Gott eigentlich von uns will. Es ist eine Begebenheit, in der wir unsere eigene Situation, in der wir uns selbst erkennen können; aber auch die Richtung, wo das Heil zu finden ist. Es geht also in unserer Erzählung nicht nur um etwas Vergangenes. Wir sind gemeint!

Da ist zunächst die Situation der Jünger im Boot. Ihre äußere Situation ist aber nur ein Spiegelbild ihrer inneren Situation, in der sie sich befinden: das enge Boot, die Dunkelheit und der Gegenwind; das Sich-Abmühen, ohne richtig voranzukommen; das Gefühl einer großen Verlassenheit und Enttäuschung. Denn alles das, was sie und viele andere sich unter dem anbrechenden Gottesreich vorgestellt hatten, das schien in weite Fernen gerückt zu sein; das schien vorbei zu sein. Dieser Traum war wohl zu Ende. Sie hatten auf diesen Jesus als Messias ihre Hoffnung gesetzt; und die machtvollen Zeichen, die er wirkte, schienen ihren Einsatz zu rechtfertigen. Aber genau in dem Augenblick, da es so aussah, als ob sich die messianische Heilszeit verwirklichen würde; als ob ihre Träume und Sehnsüchte in Erfüllung gehen würden, da kam es anders. Aber es kam nicht anders durch widrige Umstände; es kam nicht anders, weil irgendwelche bösen Mächte es verhinderten. Es kam anders durch Jesus selbst. Er entlässt nach der wunderbaren Brotvermehrung (wir haben dies Begebenheit am vergangenen Sonntag als Evangelium gehört) die Volksscharen; und er selbst fordert seine Jünger auf (im Text steht eigentlich: er nötigte, er zwang sie!), in ihr Boot zu steigen und an das andere Ufer zu fahren. Er selbst fährt nicht mit. Er verscherzt - so sieht es in den Augen der Jünger aus - die Gelegenheit, in der endlich ihre Erwartungen, ihre Sehnsüchte in Erfüllung gehen könnten.

Wir können uns hoffentlich die Ernüchterung, ja die Enttäuschung der Jünger vorstellen. Und in diesem Augenblick der Enttäuschung und der Niedergeschlagenheit ist Jesus ihnen nicht nur nicht greifbar; er ist überhaupt nicht mehr da. Er ist so sehr, so weit weg, dass, als er wieder zu ihnen kommt, sie ihn für ein Gespenst halten. Erkennen wir hier nicht etwas von uns selbst und unserer eigenen Situation? Sind wir nicht auch oft von Gott enttäuscht? Fühlen wir uns nicht zuweilen von ihm im Stich gelassen? Warum zeigt er sich nicht deutlicher und machtvoller? Und doch (das ist das Zweite, das unsere Erzählung sagt) ist Jesus gegenwärtig. Der Paralleltext beim Evangelisten Markus erwähnt, dass Jesus vom Berge aus sieht, wie sich die Jünger abmühen. Obwohl sie also seine Nähe, seine Gegenwart in keiner Weise spüren, ist er da; ist er bei ihnen: er lässt sie keinen Augenblick aus den Augen. Im Gegenteil: er kommt zu ihnen. Er kommt zu ihnen, die wegen ihrer Vorstellungen, die sie sich von ihm gemacht hatten, und wegen ihrer Schemata, in die Jesus so ganz und gar nicht hinein passte; er kommt zu den Jüngern, die ihn für ein Gespenst halten. Sie haben eine entsetzliche Angst. Und Jesus muss ihnen zurufen: "Habt Mut! Ich bin es doch! Fürchtet euch doch nicht!"

In dieser Situation des Erschreckens und der Angst kommt nun das Erstaunliche, das Unfassbare: Petrus zeigt den einzigen Weg, den es zu Jesus gibt, und zwar dadurch, dass er etwas (menschlich gesprochen) völlig Verrücktes tut. Die einzige Sicherheit, die sie haben, nämlich dieses Boot, dieses Holz, an das man sich wenigstens halten und festklammern kann, diese Sicherheit gibt Petrus auf: "Wenn du es bist, dann befiehl mir, über das Wasser zu dir zu kommen!" Und auf das "Komm!" hin geht Petrus. Er geht über etwas, das doch nach menschlichem Ermessen nicht tragen kann. Er geht, weil es dieses Wort "Komm!" gibt. Und er geht, weil es den gibt, der es gesprochen hat: Jesus, den er liebt; der ihn liebt; dessen Freund er ist.

Es ist klar: diese Erzählung ist uns nicht deshalb überliefert, um uns eine spannende oder merkwürdige Episode aus dem Leben Jesu und seiner Jünger zu schildern. Dieser Text steht im Evangelium, weil er die Situation der Kirche Jesu Christi, des Auferstandenen, und jedes einzelnen in der Kirche zeichnet, verdeutlicht. Die Kirche als die Gemeinschaft derer, die an Jesus Christus als ihr Heil glauben, und die einzelnen in ihr und auch wir selber: wir sind doch immer wieder in dieser Situation: dass wir uns ein genaues Bild machen von dem, wie alles kommen muss; dass wir unsere Denk-Schemata haben, wie die Welt und wie die Kirche aussehen muss; dass wir vor allem unsere Denk-Schemata haben, wie Gott, wie Jesus Christus, der Herr der Kirche, sein muss; was er zu tun hat. Wir meinen doch immer, ihn einfangen zu können, ihn auf unser Maß reduzieren zu können; ihn durchschaut und erkannt zu haben: sein Wirken in der Kirche, in der Geschichte, in unserem persönlichen Leben. Wir meinen, ihn unseren Plänen, Begriffen und Vorstellungen einordnen zu können. Und da machen wir dann die Erfahrung, dass alles so ganz anders kommt im Leben, in unserem Leben. Es kommen Dunkelheit und Gegenwind; alles Mühen scheint vergeblich. Es ist, wie Paulus einmal sagt, fast zum Verzweifeln. Aber diese Situation der Dunkelheit, der Enttäuschung, des Bewusstseins der Vergeblichkeit aller Mühen ist notwendig, um uns aus falschen Bildern, um uns von der Meinung, alles sei planbar, durchschaubar und machbar, zu befreien. Diese Erfahrung, dass das Leben anders läuft, wie wir es wollen; dass Gott, dass Jesus sich anders zeigt, als wir erwartet haben; dass wir ihn, wenn er tatsächlich kommt, für ein Gespenst halten, diese Erfahrung ist notwendig; sie ist heilsam. Und wir sind gefragt, ob wir auf sein Wort hin bereit sind, aus dem Boot unserer eigenen Vorstellungen auszusteigen und auf ihn zuzugehen; zu fragen, was er denn will. Das bedeutet vor allem: wir sollen die Angst vor ihm verlieren; die Angst, die das eigene, die das selbstgezimmerte Boot für sicherer hält als das Wasser und den, der uns ruft, über das Wasser zu gehen. In allem, worum wir uns mühen und mühen sollen, kommt es eigentlich darauf an, dass wir auf den Ruf des Herrn hin wagen zu gehen; dass wir bereit sind, die selbstgezimmerten Boote hinter uns zu lassen; und zwar in dem Wissen, dass er, der Herr, wenn wir sinken, uns bei der Hand nimmt; dass er zwar unseren kleinen Glauben tadelt; dass er uns aber hält. Er lässt uns nicht versinken; er lässt uns nie fallen. Das heutige Evangelium kann uns also wieder zu einer Besinnung führen über uns selbst und unseren Glauben. Es geht darum, bei allen Dunkelheiten, Ängsten und Enttäuschungen des Lebens ihn, den Herrn, der uns gerufen hat, nicht aus den Augen zu verlieren; ihn ernst zu nehmen als den allein tragenden Grund unseres Lebens; ihm und seinem Ruf zu vertrauen; ihm nachzufolgen. Das bedeutet vor allem, dass wir den Halt unseres Lebens nicht anderswo suchen; dass wir uns keine Boote zurechtzimmern, die uns sicherer erscheinen als der Herr selber. Wenn der Herr der Halt unseres Lebens ist, dann werden wir nie untergehen.

 

20. Sonntag: "Frau, dein Glaube ist groß!"

Einführung

Wir Christen bezeichnen uns gerne als "Gläubige". Wir meinen damit, dass wir als Christen an den Gott glauben, den uns sein Sohn Jesus Christus offenbart hat; von dem er Zeugnis abgelegt hat. Warum glauben wir eigentlich diesem Jesus? Doch wohl nicht nur deswegen, weil wir Traditions-Christen sind; weil wir so aufgewachsen sind. Es muss doch etwas anderes dazukommen. Es ist die Überzeugung, vielleicht gar die Erfahrung, dass wir ohne diesen Jesus keinen Halt, keinen Lebenssinn finden, der uns wirklich zufrieden stellen kann. Diese Erfahrung ist im Evangelium heute von der heidnischen Frau ausgesprochen, die Jesus um Hilfe für ihre kranke Tochter anfleht. Ihr wird Erhörung geschenkt: "Frau, groß ist dein Glaube!" Könnte der Herr auch zu uns so sprechen? Besinnen wir uns, und erbitten wir uns einen tiefen, einen tieferen Glauben!

    Herr Jesus Christus, du hast uns Kunde gebracht von Gott, unserem guten Vater
    - Herr, erbarme dich!
    Du erwartest von uns, dass wir zu dir und deinem Vater Vertrauen haben
    - Christus, erbarme dich!
    Du schenkst denen, die dir glauben, einst ewiges Leben bei dir
    - Herr, erbarme dich!

Es erbarme sich unser der allmächtige Gott! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Herr Jesus Christus, um ihres großen Glaubens willen hat die heidnische Frau bei dir Erhörung gefunden. Darum kommen auch wir glaubend und vertrauend mit unseren Bitten zu dir:

  • Für die Kirche, die Gemeinschaft der Glaubenden: dass sie den Reichtum der Gaben Gottes aufzeigt und den Menschen heute nahe bringt!
  • Für die Verantwortlichen in Staat und Gesellschaft: dass sie sich bemühen, Frieden und Gerechtigkeit zu verwirklichen!
  • Für uns alle: dass wir immer tiefer erfassen, dass der Glaube Vertrauen und Liebe zu dir bedeuten!
  • Für unsere Verstorbenen, die im Glauben heimgegangen sind: dass sie bei dir Heimat und Frieden finden!

Herr Jesus Christus, mit Glauben und Vertrauen bringen wir unsere Bitten zu dir. Erhöre sie in deiner Güte, der du mit deinem Vater lebst und herrschst in alle Ewigkeit. Amen.

Predigt

Wenn Jesus der heidnischen Frau ein so uneingeschränktes Lob spendet, dann heißt das doch für uns, die wir an Jesus Christus als unser Heil glauben möchten: Geht ihrer Geschichte nach! Lasst euch von dieser Frau zeigen, wie rechter Glaube aussieht! Es geht also in unserer Erzählung um einen wichtigen, um den Punkt unseres Christseins: Um die rechte Weise zu glauben. Die Frau ist eine Heidin. Sie lebt in einer heidnischen Gegend. Großes Leid lastet auf ihr: ihre Tochter ist krank; sie wird von einem bösen Geist geplagt. Eines Tages hört die Frau, dass Jesus kommt, und es drängt sie zu ihm hin: er kann retten; er wird retten! Wie sie zu diesem Vertrauen gekommen ist, wer ihr von Jesus erzählt hat, hören wir nicht. Der Evangelist begnügt sich damit zu berichten: der Erlöser naht (dem Gebiet der Heiden), und die Frau kommt (von da heraus). Hier können wir ein Erstes erkennen, was Glauben mit sich bringt: die Gegenbewegung! Gott naht - der Mensch geht entgegen! Mit dieser Bewegung hebt seit Abraham jede Geschichte des Menschen mit Gott an. Diese Gesetzmäßigkeit gilt auch für uns: Gott naht - wir aber haben ihm entgegen zu gehen, heraus aus dem Gewohnten, dem Eigenen. Um Jesus zu erreichen, nimmt die Frau die Chance der Armen wahr: die Reichweite ihrer Stimme. Sie schreit ihre Not heraus, hinüber zu dem, von dem sie die Rettung erhofft. Jesus erwidert zunächst kein Wort; er geht weiter. Sie aber folgt ihm; sie fährt fort mit ihrem Rufen. Da mischen sich die Jünger ein; das Geschrei geht ihnen auf die Nerven: "Befrei sie von ihrer Sorge; denn sie schreit hinter uns her!" Doch Jesus weist die Jünger ab: "Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt." Zweifellos ist dies ein Wort der Entlassung; aber es ist kein hartes "Geh!" Eher eine Erklärung seines bisherigen Schweigens und damit so etwas wie der Anfang eines Gespräches. Auch hier sollten wir darauf achten: Wenn wir zu Gott kommen, wenn wir ihm entgegengehen, dann scheint es oft so, als ob wir einem Fremden, einen Unnahbaren begegnen würden. Wenn wir beten, dann scheint es oft so, als würden wir zu einem Tauben rufen. Das ist die Stunde der Bewährung, der Prüfung unseres Vertrauens, unseres Glaubens. Dann dürfen wir uns nicht enttäuscht oder verbittert abwenden.

In dieser Situation können wir von der heidnischen Frau lernen. Was bei ihr allein Eindruck macht, ist die Tatsache, dass er sich ihr zuwendet; dass er sie eines Wortes würdigt; dass er die Schranke der Unnahbarkeit aufhebt. Sie stürzt vor ihm nieder und ruft: "Herr, hilf mir!" Sie wiederholt einfach nur ihre Bitte. Jesu Einwand gegenüber hat sie kein anderes Argument als ihre große Not, die seiner Rettermacht bedarf; auch wenn es die Not einer Heidin ist; aber es ist die Not eines Menschen, der ihm bedingungslos vertraut. Jesus bricht mit seiner Antwort das Gespräch nicht ab. Aber sein Wort scheint keinen Einspruch mehr zuzulassen. Ja, er scheint der Frau zuzumuten, sich im Bild des Hundes, eines im Orient verachteten Tieres, wieder zu erkennen. Wäre es der Frau zu verargen, wenn sie sich jetzt verletzt oder resigniert zurückziehen würde? Sie nimmt jedoch demütig und gläubig dieses Wort Jesu an. Wer hat denn recht, wenn nicht er? Und wer ist sie selber, dass sie sich über sein Wort erheben könnte? Sie greift sein Wort auf und wendet es zu einem Wort des Vertrauens: "O ja, Herr, denn auch die Hündlein fressen von den Stücken, die von den Tischen herunter fallen." Das ist die Logik eines gläubigen Herzens. Und mit dieser Antwort appelliert sie an das Erbarmen Jesu.

Auch hier sollten wir auf etwas Wichtiges achten: Was in Jesu Worten wie eine Abweisung klingt, das richtet sich immer nur prüfend gegen alles, was in uns einen Anspruch vor ihm und vor Gott erhebt. Wir haben vor ihm kein Recht, auf das wir pochen können. Wer aber sein Wort, seine Weisung im Glauben annimmt, dem gibt sein Wort auch die Antwort ein. Glauben heißt: Jesus von Herzen Recht geben mit allem, was er sagt und tut, auch wenn er sich anders zeigt als wir erwarten und wünschen; auch wenn er uns scheinbar zurückweist. Wenn einer sich nicht zum Richter über Gottes Wort und sein Verhalten macht, dann hat er den großen Glauben; was ihn zu Gott zieht, ist stärker als jede abweisende Macht. Diese Gesetzmäßigkeit, dass wir nicht Richter über Gottes Verhalten sind, sollten wir gerade dann beachten, wenn wir beten. Wir beten "richtig", wenn wir beten unter dem Vorbehalt "Nicht wie ich will, sondern wie du willst!" Christliches Beten fragt nicht nach unseren oft unerfüllbaren Wünschen, sondern fragt nach dem Willen Gottes.

Jesus greift diesen "großen Glauben" der Heidin auf: "Frau, groß ist dein Glaube! Geschehen soll dir, wie du willst... Und geheilt ward ihre Tochter von jener Stunde an." Der Glaube der Frau empfängt das Heil, das sie sucht. Jesus heilt ihre Tochter; und so kommt das Reich Gottes zu ihr, die sich mit dem Leid ihrer Tochter identifizierte. Was sie für ihre Tochter erbittet, wird auch ihr in Fülle zuteil: das Heil Gottes, das aus dem Glauben kommt.

Die Geschichte der heidnischen Mutter zeigt uns, wie Glaube aussieht. In der Inständigkeit der Bitte dieser Frau, in ihrer Geduld, in ihrer gläubigen Zuversicht, in der Erhörung, die sie erfährt, ist sie ein Vorbild für uns; ist sie Bild der Kirche, der Gemeinschaft derer, die an Jesus als ihr Heil glauben. Dieser Glaube, zu dem wir gerufen werden, wird immer wieder auf seine Echtheit geprüft. Das Kennzeichen der Echtheit aber ist: Wir können vor Gott auf nichts pochen; wir haben zu fragen nach seinem Willen, wie wir in Einklang kommen mit diesem Willen Gottes. Dass uns dies immer mehr gelingt, darum wollen wir in dieser heiligen Messe füreinander beten!

 

21. Sonntag: "Gemeinschaft der Glaubenden"

Einführung

Zu einem Haus gehören, damit es festen Bestand hat, nicht nur Außenmauern, Fassaden, Fenster und Türen. Damit ein Haus Bestand hat, bedarf es vor allem eines sicheren Fundamentes. Das Fundament des "Hauses Kirche" hat Jesus Christus selbst gelegt. Dieses Fundament ruht nach dem Willen Jesu auf den Aposteln, auf ihrem Glauben an den Herrn, auf ihrer Lehre. Und das heißt letzten Endes: auf Jesus Christus selbst. Er ist der eigentliche Felsengrund. Die Apostel und unter ihnen an erster Stelle Petrus sind gleichsam die Steine, die Felsblöcke, die dieses von Jesus selbst gegründete Fundament bilden. Wir wollen uns zu Beginn der heiligen Messe darauf besinnen, was für uns der Glaube an den Herrn bedeutet; was Kirche für uns bedeutet, die Gemeinschaft derer, die an Jesus Christus als ihr Heil glauben.

    Herr Jesus Christus, du fragst deine Jünger und auch uns: "Für wen haltet ihr mich?"
    - Herr, erbarme dich!
    Du wirst von Petrus bezeugt als der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes
    - Christus, erbarme dich!
    Du erwählst Petrus und die Mit-Apostel als Fundament, auf dem du deine Kirche baust
    - Herr, erbarme dich!

Es erbarme sich unser der allmächtige Gott! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Lasset uns voll Vertrauen beten zu Jesus Christus, dem Sohn Gottes, dem Herrn der Kirche, der Gemeinschaft der Glaubenden:

  • Für die Hirten der Kirche: Ermutige unseren Papst und alle Bischöfe zur rechten Ausübung ihres Dienstes!
  • Um die Einheit der Kirche: Versammle alle, die an dich glauben, in brüderlicher Liebe um deinen Tisch!
  • Um eine gerechte soziale Ordnung in der Welt: Lass jeden seine Verantwortung erkennen und gib den Mächtigen der Erde Mut für Gerechtigkeit und Frieden!
  • Für unsere Gemeinde: Mehre in unseren Familien den Geist der Liebe und des Helfens, und nimm dich der Anliegen der hier Versammelten an!
  • Für unsere Verstorbenen: Vereine alle, die uns nahe standen, um deinen Tisch im Reiche Gottes!

Allmächtiger Gott, du Zuflucht deines Volkes, schenke uns in deiner Güte alles, was wir gläubig von dir erwarten. So bitten wir durch Christus, unseren Herrn. Amen.

Predigt

Das heutige Evangelium drängt dazu, etwas zum Thema "Kirche" zu sagen. Wir haben gerade das Wort Jesu an Petrus gehört: "Du bist Petrus, der Fels, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen, und die Pforten der Unterwelt werden sie nicht überwältigen." Was ist eigentlich mit "Kirche" gemeint, von der im Evangelium die Rede ist? Vielleicht erscheint diese Frage nicht gerade als sinnvoll. Denn ist uns dies nicht nur zu gut bekannt? Ich meine, es ist nützlich, ja es ist notwendig, immer wieder neue die Frage nach dem Wesen der Kirche zu stellen, und zwar deshalb, weil wir nur so Jesus Christus selber besser verstehen, ihn, der der "Bauherr" dieser Kirche ist; dessen "Leib" die Kirche ist, wie es im Epheserbrief heißt; dessen "Volk" wir sein dürfen. Dass dieses Be-Denken notwendig ist, das ergibt sich aber auch aus dem Grund, weil heute so viel an der Kirche kritisiert wird; weil die Kirche in den Dreck gezogen wird - denken Sie nur an die lieblose Unterscheidung "Kirche von oben" und "Kirche von unten", als ob es in der Kirche nur um die Macht ginge.

Zunächst: die Kirche ist ganz und gar das Werk Jesu Christi. Sie kommt nicht erst durch die Initiative von Menschen zustande und zusammen. Sie ist nicht ein demokratischer Zusammenschluss von unten zur Pflege des Gedächtnisses an jenen wunderbaren Menschen Jesus von Nazareth, wie heute einige Leute behaupten. Jesus Christus, also Gott selber, hat die Kirche gestiftet, gegründet. Wenn es nicht so wäre, wenn die Kirche nur eine menschliche Gründung wäre, worin unterschiede sie sich dann von irgendeiner anderen religiösen Gemeinschaft? Dieser Jesus, der Gottes Sohn ist, ist aber in die Welt gekommen, um den Menschen einen Halt zu geben; um ihn zu retten; um ihn aus seiner Gottesferne und Gottesfeindschaft herauszuholen; um ihn zu "erlösen". Er kam also nicht, um ein irdisches Paradies zu etablieren. Wir wären verloren gewesen, wenn er nicht Mensch geworden wäre. Diese Rettung, diese "Erlösung" aber ist "Gnade", d. h. sein Geschenk, unverdient und unverdienbar durch unser eigenes Tun. Er geht auf uns zu. Die Initiative liegt bei ihm.

Diese seine Heilstat an uns Menschen aber hat unser Herr sichtbar gemacht in dieser Welt, indem er eine Gemeinschaft, seine Kirche gründete; die Gemeinschaft derer, die an ihn als ihr Heil glauben; indem er seine Kirche auf das Felsenfundament der Apostel gründete. Die Kirche ist das sichtbare Zeichen dafür, dass Gott in Jesus Christus uns Menschen seine Liebe, sein Heil zugewendet hat. Diese Kirche als die sichtbare Gemeinschaft der Glaubenden ist das Zeichen des Heiles für alle - also nicht nur für irgendwelche Muster-Exemplare der Menschheit, sondern für alle Menschen, für die Mühseligen und Beladenen. Die Kirche ist also nicht selber das Heil; sie ist nur Zeichen des Heils, Hinweis auf das Heil, Hinweis auf Jesus Christus, Hinweis auf den gnädigen Gott. Diese Tatsache ist oft vergessen worden; die Geschichte der Kirche liefert unendlich viele Beispiele dafür. Der äußere Apparat wurde überbetont und hat den Zugang zum verborgenen Inhalt, zum Bezeichneten versperrt, zum Heil allein in Jesus Christus. Das liegt nicht nur an denen, die sich als die Herren in der Kirche aufgespielt haben und immer noch aufspielen (und das sind nicht nur "die da oben"). Das liegt auch an unserer Bequemlichkeit. Zu sehr betrachten wir doch die Kirche als eine Organisation, die uns nützlich sein könnte; die uns beschwerliche Lasten abnimmt und das Risiko der eigenen Initiative; wir haben doch die Kirche weitgehend degradiert zur "Versorgungskirche". Wenn sie uns nicht mehr nützt, dann fangen wir an zu schimpfen.

Auch die "Hirten" der Kirche sind nicht das Heil der Welt. Sie sind nur diejenigen, die uns den Weg zum Heil weisen sollen. Sie haben keinen anderen Auftrag. Auch die Kirche, die Gemeinschaft der Glaubenden, ist nicht selber das Heil. Sie ist nur das Zeichen des Heils. Sie ist von Gott und von Jesus Christus eingesetztes Zeichen des Heils, der Gnade für alle: für die Menschen in ihr; aber auch für die, die außerhalb der Kirche leben. Gott gibt denen, die außerhalb der Kirche leben, sein Heil aber nur im Hinblick auf die Kirche. Denn sie ist der "Ort", an dem uns Christi erlösende Gnade immer angeboten ist. Sie ist der "Ort", an dem Jesus Christus gleichsam seine Erlösungstätigkeit "fortsetzt", und zwar nicht nur für die, die zu ihr sichtbar dazugehören. Dieses von Gott geschenkte Heil und dieses von ihm gesetzte Zeichen bedürfen jedoch der menschlichen Annahme. Von Seiten Gottes gibt es zwar kein "Verfehlen"; er hat sein Heil ja jedem zugedacht, der in diese Welt kommt. Das Heil, das uns angeboten ist, muss von uns ergriffen werden: im Glauben! Dieser Glaube besteht letztlich im Ja zu Jesus Christus.

Damit stehen wir wieder beim heutigen Evangelium, bei der Frage des Herrn an seine Jünger: "Für wen halten die Leute den Menschensohn? Für wen haltet ihr mich?" Diese Frage hat nicht nur für die Menschen damals gegolten. Diese Frage gilt jedem Menschen; sie ist auch an uns gerichtet. Was bedeutet uns eigentlich Jesus Christus? Was bedeutet uns das Heil, die Erlösung, die er uns gebracht hat? Was bedeutet uns die Kirche, der "Ort" und die "Garantie" des angekommenen Heiles Gottes? Welche Rolle spielt Jesus Christus eigentlich in unserem Leben? Ist er nur eine Randfigur, die fehlen könnte? Die wir aufstellen, herausholen, um die Feierlichkeit zu erhöhen? Glauben wir wirklich an ihn? Das bedeutet: Erwarten wir alles, den Sinn unseres Lebens von ihm und nicht von irgendetwas anderem? Oder bauen wir auf uns selbst, bauen wir auf "Fleisch und Blut", auch in der Kirche? Wenn wir auf uns selbst bauen, auf etwas Innerweltliches, auf materiellen Besitz, auf die Macht, dann wird Jesus Christus uns fremd und unverständlich bleiben. Dann werden wir sein Heil, seine Gnade, seine Erlösung nie begreifen. Dann ereignet sich nicht in unserem Leben die Umwandlung, von der der heilige Paulus einmal spricht: "Nicht mehr ich lebe, nein, Christus lebt in mir." (Gal. 2, 20) Wenn wir aber das Ja des Glaubens sprechen zu ihm, wenn wir alles von ihm erwarten, wenn er unser Halt ist, dann wird uns Jesus Christus allmählich mehr und mehr vertraut. Dann beginnen wir zu verstehen, wer er eigentlich ist; dann wird er unser Freund. Dann treten wir in seine Gemeinschaft ein. Dann gehören wir zu seiner Kirche; nein: dann sind wir seine Kirche. Und wir werden selber Zeichen des Heils für die Menschen: dass Gottes Gnade und Heil allen angeboten ist; denen "da oben" und denen "da unten"; dass Gottes Gnade und Heil aber unserer persönlichen Annahme bedürfen. Nur dann dürfen wir uns mit vollem Recht Christen nennen, wenn wir uns vom Herrn umwandeln lassen zu glaubenden Menschen.

Um das Ja des Glaubens an Jesus Christus sollen wir uns mühen, um die Annahme des Heils; aber auch um die Treue zur Kirche, die für uns nach Gottes Willen das Zeichen und der Ort des Heils ist. Wir brauchen uns nicht zu schämen, zu dieser Kirche zu gehören. Wir wissen uns in ihr unserem Herrn und Heiland nahe; ihm, der gekommen ist, die Mühseligen und die Beladenen zu rufen und zu retten. Wenn wir nun miteinander Eucharistie feiern, die Feier der Danksagung für Gottes Heil an uns begehen, dann lasst uns danken dem Herrn für seine Gnade, für sein Heil, das er uns hat zuteil werden lassen. Und lasst uns Gottes Kraft und Geist herabflehen auf diese Kirche; auf alle, die zu dieser Gemeinschaft der Glaubenden gehören.

 

22. Sonntag: "Kreuzes-Nachfolge"

Einführung

Das Thema des heutigen Sonntags ist die Nachfolge unseres Herrn Jesus Christus. Wir sind von im gerufen auf seinen Weg. Diese Weg ist allerdings ein Weg, der nach Golgotha führt, also zum Kreuz; der also im Widerspruch steht zu unserem Denken und zum Denken um uns herum. Immer wieder sind wir in der Gefahr, uns dem Denken und Handeln dieser Welt gleichförmig zu machen, wie Paulus in der Lesung heute beklagt. Immer sind wir in der Gefahr, den Herrn und seinen Weg aus den Augen zu verlieren. Wir wollen uns darum zu Beginn der Eucharistiefeier besinnen. Wir wollen angesichts unserer Halbherzigkeit und unseres Versagens Gottes Erbarmen auf uns herabrufen.

    Herr Jesus Christus, du sagst deinen Jüngern deinen Weg nach Golgotha voraus
    - Herr, erbarme dich!
    Du weist den Petrus zurecht und mahnst ihn, im Sinn zu haben, was Gott will
    - Christus, erbarme dich!
    Du verheißt den Jüngern das ewige Leben, wenn sie dir nachfolgen
    - Herr, erbarme dich!

Es erbarme sich unser der allmächtige Gott! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen.

Fürbitten

Herr Jesus Christus, du hast dein Kreuz auf dieser Erde aufgerichtet als Zeichen deiner Liebe und unseres Heils. Du rufst auch uns in deine Nachfolge. Darum kommen wir mit unseren Bitten zu dir:

  • Hilf allen Christen, die wegen ihrer Treue zu dir verspottet und verfolgt werden!
  • Lass uns Verzicht und Entbehrung, Leid und Kreuz, die der Alltag mit sich bringt, im Blick auf dich ertragen!
  • Hilf uns, dass wir Distanz gewinnen zu den Dingen und frei werden vom gierigen Besitzenwollen!
  • Steh denen bei, die unter dem Kreuz ihres Lebens verbittern oder zu zerbrechen drohen!
  • Schenke unseren Verstorbenen, die auf dich gehofft haben, den ewigen Frieden!

Du, Herr, hast uns durch dein Kreuz den Weg zum Leben eröffnet. Du bist an unserer Seite in Leid und Schmerz. Auf dich vertrauen wir in der Mühsal des Lebens und alle Tage. Amen.

Predigt

Das heutige Evangelium weist uns hin auf eine Seite an unserem Christsein, die selbst wir Christen oft nicht wahrhaben, die wir verdrängen wollen: die Wirklichkeit des Kreuzes, unsere Bereitschaft zur Nachfolge des kreuztragenden Herrn. In unserer vom Konsumdenken geprägten, ja beherrschten Zeit muss diese Botschaft als nicht gerade sinnvoll, als widersinnig erscheinen. Und doch müssen wir uns mit diesem Thema auseinandersetzen. Das ist nicht nur eine lohnende Sache; es ist auch ein notwendiges, ein not-wendendes Thema.

Wir Älteren kennen noch die Antwort auf die erste Katechismus-Frage: "Wozu sind wir auf Erden? - Wir sind auf Erden, um den Willen Gottes zu tun und dadurch in den Himmel zu kommen." Die Antwort auf diese Frage ("Wozu sind wir auf Erden?") lautet heute anders: "Wir sind auf Erden, um das zu tun, wozu wir Lust haben." Als erstrebenswerte, ja als unabdingbare Güter gelten heute das private Wohlleben, uneingeschränkte Freiheit, Selbstbestimmung, Bedürfnisbefriedigung, Glück. "Du bist, was du hast." In dieser Einstellung des unbedingten Willens, sich selbst zu verwirklichen, des unbedingten Haben- und Genießenwollens findet der Mensch sein Glück in der Unabhängigkeit, ja in der Überlegenheit gegenüber den Mitmenschen; in seinem Machtbewusstsein und - in letzter Konsequenz - in seiner Fähigkeit zu erobern, zu unterdrücken, zu töten. Das unbedingte Habenwollen führt zum Kampf. "Habgier und Frieden schließen einander aus." (Erich Fromm) Ein Blick in die Geschichte, aber auch in unsere Zeit genügt. Dass es ein erfülltes Leben geben kann trotz vieler unerfüllter Wünsche, das wird nicht mehr wahr gehabt. Wie viele haben Angst, es könnte ihnen etwas entgehen, was sie nicht erlebt haben, bevor sie gehen müssen! Verzicht ist heute das nicht Sinnvolle, das in keiner Weise Erwünschte. In der Verkündigung dieser Lebensregel wird der Grundbetrug deutlich, deren Opfer gerade die jungen Menschen sind. Das Johannes-Evangelium spricht vom Geist dieser Welt, deren Vater Satan ist, der Geist der Lüge, des Betrugs. Wohin eine derartige Lebenseinstellung führt, das sehen wir am konsumabhängigen Menschen, am Konsum-Idioten, der von seinen Glückssehnsüchten geknechtet wird, der zum "ewigen Säugling" (Erich Fromm) degenerieren muss.

Was bedeutet nun - angesichts einer solchen Lebenseinstellung - unser Reden, unser Bemühen um die Bereitschaft zum Opfer, zum Verzicht, zu dem, was wir mit "Kreuz" meinen? In keiner Weise bedeutet es eine Verachtung und Abwertung der Welt, eine Verachtung und Abwertung der irdischen Werte, der menschlichen Wirklichkeit. Die Welt ist in sich nicht etwas Böses. Die irdische Wirklichkeit in ihrem ganzen Umfang - das ist die Überzeugung des Christen - ist gut, weil sie vom guten Gott herkommt. Es geht darum auch nicht um ein Aufgeben, um ein Totschlagen des Menschlichen, des Individuellen, des Originellen. Wo gibt es übrigens mehr Nivellierung, Uniformierung als im Konsum, in der Mode?

Die Bereitschaft des Christen zum Opfer, zum Verzicht, zum Kreuz ist eine innere Einstellung. Wenn sie vorhanden ist, wenn sie gepflegt wird, dann wird sich diese Einstellung notwendig ihre Ausdrucksformen schaffen. Welches derartige Formen sind, das ist weitgehend beliebig, also nicht genormt, festgelegt; das ist oft auch individuell sehr verschieden. Das gilt z. B. für das Beten des Christen. Auch der Einsatz für den Mitmenschen ist nie schablonenhaft. Maßstab meines Handelns, meines Einsatzes ist der Mensch, der meine Hilfe braucht. Dieser entsagungsvolle Einsatz lebt vom Gesetz der Wiederholung, auch der Gewöhnung; und er fragt nicht danach, was ich davon habe. In diesem Einsatz geht es auch nicht um ein Zurückzahlen meiner "Schulden" an eine Gemeinschaft, an die Mitmenschen: dass ein Ausgleich geschaffen wird zwischen Soll und Haben. Der Einzelne muss immer, auch rein menschlich, bereit sein, mehr zu "investieren", als er heraus bekommt. Denn es wird immer viele geben, die nichts oder nicht genug einbringen, geben können. Ohne die Bereitschaft der Glieder einer Gemeinschaft, mehr zu investieren, als sie zurück bekommen, geht jede Gemeinschaft über kurz oder lang bankrott - ein Sachverhalt, der heute kaum beachtet wird.

Zurück zum Evangelium! Was kann diese von Jesus geforderte Bereitschaft zum Opfer, zum "Kreuz" leisten? Oder besser: Was wird im lebendigen Vollzug gleichsam "dazu gegeben"? Diese Bereitschaft zum Einsatz, zum Geben, ohne zu zählen, zum Verzicht, zum Kreuztragen hilft uns, unsere innere Freiheit zu wahren. Nur das, worauf wir verzichten, worauf wir verzichten können; nur das, was wir hergeben und hergeben können, nur das zwingt uns nicht. Nur dem gegenüber, worauf wir verzichten und verzichten können, sind wir frei. Wer alles haben, wer alles behalten muss, der hat keine Freiheit mehr; der vergötzt diese Gegebenheiten; der stellt sie in der Werte-Skala obenan. Er vollzieht damit aber auch eine Umorientierung seines Lebens - weg von Gott, hin zu irdischen Werten. Genau das meinen die Theologen übrigens mit dem Begriff "Sünde". Sünde ist die Abwendung von Gott als meinem Heil und die Hinwendung zu anderen Göttern, zu den Götzen des Diesseits. Vor einem Altärchen betet jeder. Freilich gilt hier das Psalm-Wort: "Viele Schmerzen leidet, wer fremden Göttern folgt."

Diese Gesetzmäßigkeit, dass wer alles haben will, unfrei wird, ist besonders in der Erziehung zu beachten. Schrankenloser Konsum, Erfüllung und Absättigung aller Wünsche und Sehnsüchte macht den jungen Menschen vor allem manipulierbar und domestizierbar. Von früh an müsste Erziehung daher dahin führen: zu zeigen, dass die innere Freiheit nur möglich ist und erkauft wird durch Opfer, Verzicht, Dienst. Die dunkle Kehrseite der Medaille Freiheit ist nun einmal Opfer und Verzicht: "Niemand erfährt das Geheimnis der Freiheit, es sei denn durch Zucht." (D. Bonhoeffer), also durch Verzichten. Niemand ist frei für Gott, wenn er sich zum Sklaven, zum Knecht irdischer Werte macht. Nur in der Bindung an Gott werden wir im letzten frei von den Dingen, von den Mächten dieser Welt, von den Götzen des Diesseits.

Die Bereitschaft zum Verzichten, zum Kreuz, von der im Evangelium die Rede ist, haben wir in einer anders denkenden, in einer anders handelnden Umwelt zu leben. Diesem Denken dürfen wir uns - wie Paulus in der Lesung mahnt - nicht angleichen. Und immer kommt es darauf an, Erkanntes in die Tat umzusetzen. Diese Mühe kann uns keiner abnehmen. Aber vielleicht stärkt uns das Nachdenken darüber auf einem Weg, den wir fraglos und selbstverständlich gehen, gehen müssen. Oft werden wir ja gar nicht gefragt, ob wir uns einsetzen wollen; ob wir ein Kreuz tragen wollen. Wir sind einfach eingespannt. Kreuze haben es so an sich, dass sie uns auferlegt werden. Die Kreuze, die Verzichte und Opfer, die wir uns selber aussuchen, passen sowieso nicht. In dieser Situation jedoch, dass unser Leben als Menschen und als Christen vom Opfer, vom Verzichten, vom Kreuz gezeichnet ist, bedarf es allerdings der Ermutigung von außen. Es bedarf des Wissens, dass wir nicht allein stehen im Tragen der Last des Lebens. Dass wir mit unserer Last nicht allein stehen, das will uns Jesus gerade mit dem heutigen Evangelium sagen. Wir sind im eigenen Kreuztragen ihm nahe, der sich für uns auf diesen Weg begeben hat; ja, der uns sich aufgeladen hat. Wir wollen darum ihn um die Kraft bitten, das Ja zum Kreuz unseres Mensch- und Christseins sprechen zu können, auch wenn dieses Ja mühsam ist und uns nur schwer über die Lippen kommt.

 

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