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Alois Koch

Pater Paul Peus SJ

Priester und Erzieher in der MJC Trier

 

 

 

 

 

Wissenschaftlicher Verlag Trier
2006

 


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Inhalt

 


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I. Vorwort

Aus Anlass der vierhundertsten Wiederkehr der Ankunft der ersten Jesuiten in Trier am 20. Juni 1560 fand in der Jesuitenkirche eine Feierstunde statt, in der der bekannte Kirchenhistoriker Erwin Iserloh den Festvortrag hielt. Er sprach über die Tätigkeit der Jesuiten in Universität und Schule, aber auch über die Seelsorgstätigkeit im Trierer Land. Zum Schluss fragte er nach den Gründen, auf die das segensreiche Wirken der Patres und der religiöse Erfolg zurückzuführen seien. Er nannte eine Reihe von bedeutenden Männern der Gesellschaft Jesu, unter anderen besonders Friedrich Spee, den großen Kämpfer gegen den Hexenwahn. Dann nannte er Pater Paul Peus, der wenige Tage zuvor zu Grabe getragen worden war.

Für Professor Iserloh waren aber nicht menschliche Genialität und Größe, sondern die unbedingte Hingabe an den Dienst Gottes und der Kirche die eigentlichen Gründe für das segensreiche Wirken des Jesuitenordens in Trier. Im Bericht der "Provinznachrichten" heißt es dann:

    "Daran knüpfte Professor Iserloh die Mahnung, den Vätern der Gesellschaft Jesu in Dank verbunden zu bleiben und wie sie in heiliger Dienstbereitschaft und großherziger Hingabe sich dem Dienst des Herrn und der Kirche zu widmen. Zwischen der damaligen und unserer Zeit bestünden offensichtliche Parallelen. Die Gefahren unserer Zeit seien mindestens ebenso groß, wenn nicht noch schwerwiegender für die Kirche. Sie erfordern die völlige und selbstlose Hingabe aller Christen an den Dienst Gottes, nicht nur der Priester, sondern auch der Laien." ("Aus der Provinz", Juli 1960, S. 36)

Das, was hier als entscheidende Gründe für das segensreiche Wirken des Jesuitenordens genannt wird, "die unbedingte Hingabe an den Dienst Gottes und der Kirche", kennzeichnet in besonderer Weise das Wirken von Pater Paul Peus, der von 1933 bis 1960 Präses der Marianischen Jünglings-Kongregation von 1617 gewesen ist. Es ist – davon bin ich überzeugt – an der Zeit, das Andenken an diesen Priester und Jugenderzieher wach zu halten, obwohl Pater Peus immer noch im Gedächtnis vieler "weiterlebt", die durch seine "Schule" gegangen sind. Es hat auch vielfältige Würdigungen anlässlich seines Heimgangs am 13. Juni 1960 gegeben. P. Rainer Rendenbach hat einen schönen Nachruf verfasst, und Heinrich Denzer hat 1994 sein Leben und seine Tätigkeit in Trier in einem Lebensbild dargestellt. Doch kam die "Innenseite" dieses Wirkens m. E. etwas zu kurz.

Erwähnt werden muss in diesem Zusammenhang, dass die Erinnerung an P. Peus in den Jahren nach seinem Tod in der Gemeinschaft, die ihm so viel verdankte, offensichtlich nur geringes Interesse gefunden hat. In dem Heft

 


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"350 Jahre MJC Trier" aus dem Jahr 1967 wird er mit wenigen Zeilen erwähnt, und das im Zusammenhang mit den sportlichen Aktivitäten. Die Broschüre "Jugendarbeit im Aufbruch – Mergener Hof Trier" aus dem Jahr 1974 erwähnt ihn nicht, ebenso der Bericht "Momentaufnahmen 1982". In dem Heft "10 Jahre Mergener Hof" (1979) wird am Schluss gefragt, wo "die MJC-Getreuen der letzten 30 Jahre" geblieben sind, die vielen "Freunde und Gefolgsmänner aus der Peus-Plümer-Ära". Vielleicht hängt ihr Fernbleiben damit zusammen, dass der "Aufbruch" den "MJC-Getreuen" als mit dem Denken von P. Peus und mit den eigenen Überzeugungen nicht übereinstimmend empfunden wurde.

Ich habe mich deshalb – auch durch alte MJC-er ermutigt – daran gemacht, nicht nur einen Lebenslauf von Pater Peus zu schreiben, sondern gerade die "Innenseite" seines Wirkens hervorzuheben. Selbstverständlich habe ich die Arbeit von Heinrich Denzer und den Nachruf von Rainer Rendenbach in den "Mitteilungen aus den deutschen Provinzen der Gesellschaft Jesu" benützt. Doch haben sich im "Archiv der deutschen Provinz SJ" in München bedeutsame Briefe und Ausführungen von Pater Peus gefunden, besonders ein "Grundsatzpapier" mit seinen "Leitlinien", aber auch – in einer weiteren Stellungnahme – mit konkreten Aufgaben, beide im Januar 1949 für den damaligen Provinzial Deitmer verfasst. Diese wurden für die konkrete Arbeit in der MJC programmatisch. Im "Diözesanarchiv Trier" fanden sich viele "Monatspläne" aus den Jahren 1945 – 1960, nicht zuletzt der "Sodalenbrief" vom August 1946. Viele Details aus den 27 Jahren seines Wirkens in Trier sind in den "Diarien" (Tagebücher) und in der "Historia Domus Trevirensis" (Geschichte des Trierer Hauses) aufgezeichnet worden, insbesondere die vielen Seelsorgsarbeiten. Gerade diese beiden "Quellen" des Ignatiushauses veranschaulichen das weit über Trier hinausreichende Wirken von P. Peus.

Leider ist am Ende des 2. Weltkriegs die Brief- und Fotosammlung, die er bei befreundeten Familien untergestellt hatte, durch Bomben und Plünderungen verloren gegangen (vgl. Denzer, S. 19). Offensichtlich sind aber auch nach seinem Tod seine Predigten und Vorträge nicht sichergestellt worden. Wenn vom Schriftwechsel die Briefe, die sich auf die Welschnonnenkirche und die Renovierung der Stumm-Orgel beziehen, erhalten geblieben sind, dann ist anzunehmen, dass auch zu anderen "Themen" Schriften und Texte vorhanden waren, die nach seinem Tod "entsorgt" wurden.

Da er seit der Heimkehr aus der Kriegsgefangenschaft im Jahr 1920 viele Gedichte und Berichte in Zeitschriften veröffentlicht hat, habe ich in einem

 


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Anhang diese Texte, soweit sie noch zugänglich sind, zusammengestellt: Gedichte, Berichte aus der Jugendarbeit und Beiträge zum Thema Sport. Diese weitgehend unbekannten Texte offenbaren einiges über die Persönlichkeit ihres Autors.

Mein besonderer Dank gilt den Archivaren in München und Trier, aber auch einer Reihe von Mit-Sodalen, die mit ihren Antworten und Erzählungen viele Anregungen gegeben haben.

Ich hoffe, dass diese kleine Biographie dazu beiträgt, die Persönlichkeit von Pater Paul Peus in seiner Bedeutung nicht nur für diejenigen, welche ihn gekannt haben, sondern auch darüber hinaus als einen vorbildlichen Priester und Erzieher zu würdigen. Nicht zuletzt möchte sie Ausdruck des Dankes sein für Führung und Geleit, die ich selber durch ihn erfahren durfte.

Trier, den 3. Juli 2006

P. Alois Koch SJ

 


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II. Kindheit und Jugend (1896 – 1923)

Im Provinzarchiv der deutschen Jesuiten in München befindet sich die "Ahnen-Tafel" von P. Peus. Sie ist von Pfarrer Bayer der St. Gangolf-Kirche in Trier mit Datum vom 22. Mai 1937 unterschrieben und mit dem Pfarrsiegel versehen worden. Aus dieser damals "notwendigen" Ahnen-Tafel geht hervor, dass er einen zweiten Vornamen "Carl" hatte, und dass seine Eltern und alle seine Vorfahren aus dem Sauerland stammen: Warstein, Meschede, Eversberg usw. werden wiederholt genannt. Die Eltern zogen nach Duisburg, wo der Vater Prokurist einer Schiffahrtsgesellschaft in Ruhrort war. Dort wurde Paul am 8. Juni 1896 als zweites von zwölf Kindern geboren. Von diesen lebten 1937 zwei nicht mehr. Sein jüngerer Bruder Ferdinand wurde Weltgeistlicher und als solcher Religionslehrer in Moers und geistlicher Beirat für den ND am Niederrhein. Er starb 1956 bei einem Autounfall.

Betontes Erziehungsziel der Eltern war die Ehrfurcht vor Gott, aber auch vor den Menschen. Ausdruck dafür ist, dass die Eltern mit ihren Kindern auch werktags oft zur Hl. Messe gingen. Das Gebet daheim war selbstverständlich. So verwundert es nicht, dass Paul schon früh Messdiener wurde. Die Liturgie konnte ihm nie feierlich genug sein, was man auch später in seiner Trierer Zeit beobachten konnte und verstehen lässt, dass er mit 16 Jahren daran dachte, Benediktiner zu werden.

Der Vater bestand darauf, dass Paul das Abitur machte. Doch scheint ihm die Schule nicht besonders gelegen zu haben. Das war – wie Rendenbach in seinem Nachruf bemerkt –

    "hart für den so temperamentvollen Paul, der inzwischen auch seine musische Ader entdeckt und begonnen hatte, zu zeichnen, zu malen, zu dichten und zu musizieren. Dabei kam der Sport nicht zu kurz: Leichtathletik, Rudern und vor allem Schwimmen." (Rendenbach, S. 496)

Bei westdeutschen Meisterschaften im Schwimmen schnitt Paul gut ab und errang einige Preise. Am Vorabend des ersten Weltkriegs unternahm er mit einigen Freunden eine längere Fahrt im Ruderboot auf dem Rhein. Als nach der Mobilmachung wohl in Düsseldorf eine Sperre auf dem Rhein angelegt wurde, und ein Weiterfahren nicht mehr möglich erschien, da wagten sie – wie er selbst erzählte – geduckt die Unterquerung des Hindernisses; was ihnen freilich einigen Ärger bei der Ankunft in Duisburg seitens der Polizei bereitete.

 


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Paul war beim Ausbruch des 1. Weltkrieges gerade 18 Jahre alt geworden und in der Obersekunda. Ohne also das Abitur zu haben, getragen von der allgemeinen Begeisterung, für das Vaterland zu kämpfen, meldete er sich als Kriegsfreiwilliger. Er kam zu einem Landsturm-Regiment an die Front in Frankreich. Im Januar 1915 wurde die Stellung, in der er sich mit anderen Kameraden befand, von den Franzosen unterminiert und in die Luft gesprengt. Paul wurde verschüttet; er kam mit dem Leben davon, weil Franzosen ihn ausgruben. Als Kriegsgefangener kam er nach Tunis in Nordafrika, wo er fast fünf Jahre verbringen musste. Das war für ihn in vieler Hinsicht eine harte und schwere Zeit. So musste er z. B. Steine schleppen für den Bau einer Kaimauer. Schlimmer jedoch als die harte körperliche Arbeit war die psychische Belastung, vor allem Glaubenszweifel. Er selbst hat später in einem Gedicht seine Situation als "Gefangener" beschrieben:

    Gefangen

    Dunkle Wände umgeben mich grau,
    Jahre schon, und ich bin noch so jung.
    Möchte wohnen im himmlischen Blau,
    Frei zur Sonne fliegen als Ar;
    Wollt’ mich wärmen im ewigen Frei
    Und auf Wolken jagen im All,
    Dass die Seele aufjauchze im Schrei - -
    Weh! – die Fesseln zerren mich wund.

    ("Leuchtturm", Jg. 15, 1921/22, S. 186)

Nach einer kurzen Zeit als Dolmetscher in der Nähe von Orléans kam er endlich 1920 nach Hause. Sein Wunsch, bald in den Jesuitenorden einzutreten, ließ sich aber zunächst nicht realisieren, weil er seinem Vater in der Sorge für den Unterhalt seiner jüngeren Geschwister helfen musste. Er ging deshalb als Lehrling in eine Eisenhandelsfirma. Dort erwarb er sich ein so großes Vertrauen, dass ihm die Prokura erteilt wurde. Daneben engagierte er sich in der "Deutschen Jugendkraft", dem katholischen Sportverband, der gerade gegründet worden war; außerdem war er Mitglied im Duisburger "Literaturklub". Er schrieb einige Beiträge für die Duisburger katholische Zeitung, redigierte eine eigene Zeitschrift mit dem für ihn bezeichnenden Titel "Feuer und Funken". Im "Leuchtturm", der Halbmonatschrift der neudeutschen Jugend für Studierende veröffentlichte er eine Reihe von Gedichten, aber auch einige kurze Betrachtungen, z. B. "Unser Kampf um die Reinheit", über "Wandern", über "Marienweihe im Bannkreis der Großstadt" usw. (vgl. "Dokumentation", S. 89–95) In der Duisburger ND-Gruppe

 


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war er bald führend tätig; wohl unter seinem Einfluss gab diese sich den programmatischen Titel "Gral".

Für seinen weiteren Lebensweg aber wurde bedeutsam die Begegnung mit P. Johannes Kipp SJ, der von 1919 bis 1922 in Essen eine Schülergruppe betreute. Diese nannte sich "Alfredus-Kreis Essen im Bund Neudeutschland". Innerhalb des ND gründete P. Kipp für ausgewählte Schüler der oberen Klassen eine "Marianische Kongregation", die er "Ver sacrum" nannte. Ob Paul zu dieser Kongregation gehörte, ist nicht mehr festzustellen. Ein Hinweis könnte ein Gedicht "Ver sacrum" sein, das Jahre später im "Leuchtturm" erschienen ist (vgl. "Dokumentation", S. 85 f). Jedenfalls gingen aus ihr nicht wenige Priester- und Ordensberufe hervor. Mittelpunkt der Jugendarbeit wurde Schloss Baldeney. Paul stieß zu dieser Gruppe; zuletzt war er vor seinem Eintritt in den Jesuitenorden Gaugraf. Da P. Kipp Ende 1922 der Helfer des Novizenmeisters im Noviziat der Jesuiten in s’ Heerenberg wurde, darf man annehmen, dass er daran beteiligt war, dem "alten Peus" den Ordenseintritt und den Weg zum Priestertum zu ermöglichen, obwohl er kein Abitur hatte.

 


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III. Noviziat und Studienjahre (1923–1933)

Am 13. April 1923 begann Paul Peus seine zwei Noviziatsjahre im niederländischen s’ Heerenberg. Novizenmeister war P. Paul Sträter, dessen Sozius P. Kipp, der ehemalige Gaukaplan. Paul erhielt , was erstaunlich war – ein eigenes Zimmer, auch aus dem Grund, um die Redaktion von "Feuer und Funken" zu übergeben.

Als P. Kipp im Juli 1923 vom P. Provinzial Bley nach Kaunas in Litauen versetzt wurde, um in den Gebäuden des ehemaligen Jesuitenkollegs eine neue Schule zu eröffnen, hielt der Novize Peus bei der Abschiedsakademie eine Abschiedsrede, die den Mitbrüdern in Erinnerung blieb und zu ihrer Erheiterung beitrug. Er sprach nämlich über die "Tragik des Jesuitenlebens" und meinte offensichtlich die Bereitschaft, immer wieder in der apostolischen Arbeit einen Neuanfang machen zu müssen.

Nach dem Ende der Noviziatszeit studierte Paul im Kolleg Valkenburg (in der Nähe des niederländischen Maastricht) zwei Jahre Philosophie. Ihnen schlossen sich – ebenfalls in Valkenburg – vier Jahre Studium der Theologie an. Dem noch geltenden "Privileg", dass Teilnehmer am ersten Weltkrieg aufgrund ihres Alters schon nach dem zweiten Studienjahr zum Priester geweiht werden konnten, verdankte er es, dass er am 27. August 1929 die Priesterweihe empfing.

Auch während seiner Ordensausbildung pflegte Paul sein Talent, Gedichte mit religiösen Themen zu verfassen; und das Thema "Sport" wird schon von ihm behandelt. So gibt er in einem langen Artikel in der Zeitschrift "Deutsche Jugendkraft" "Winke für unsere Schwimmabteilungen". Der Untertitel lautet: "Erinnerungen aus der Praxis und Anregungen für die Praxis". Ein anderer Artikel befasst sich mit dem Thema "Jungführertum ist Ruf Gottes", angewandt auf die Situation in der DJK. (Vgl. "Dokumentation", S. 105 – 113)

Gerne erzählte er später von seiner ersten längeren Seelsorgsaushilfe in Berlin nach der Priesterweihe, und wie gut es ihm gelungen sei, seine Unerfahrenheit zu verbergen. Nur der Küster erkundigte sich am ersten Morgen, wie oft er denn schon zelebriert habe. In seinem Eifer stieß er bald auf das Problem der "wilden Ehen"; und er begann, sie in Ordnung zu bringen, bis ihm ein alter erfahrener Priester erklärte, die Moralprinzipien würden in der Großstadt etwas anders angewendet, als man es sich in den Studien vorstellte. Es komme nicht darauf an, eine Ehe möglichst schnell in Ordnung zu bringen; vielmehr warte man ab und vergewissere sich, ob die jun-

 


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gen Leute, die oft unüberlegt geheiratet hätten, auch zusammen passten, und führe sie erst dann zum Traualtar. Diesen Rat nahm sich der Neupriester zu Herzen und überließ es seitdem dem Pfarrer, die Ehen in Ordnung zu bringen.

Nach den langen Studienjahren in Valkenburg wurde P. Peus nach Münster in Westfalen geschickt und war dort für ein Jahr Präses der Marianischen Kongregation. Im Sommer 1932 reiste er von dort nach St. Acheul bei Amiens in Nordfrankreich, um sein letztes Ausbildungsjahr zu absolvieren, das Terziat. Dass sein Wirken in Münster segensreich und eindrucksvoll war, das zeigte sich auch daran, dass er aus Münster mehr Post bekam als alle seine Mitbrüder zusammen. Rendenbach bemerkt:

    "Zunächst lagen den Briefen nur Zeitungsausschnitte bei, bald kamen auch ganze Zeitungen. P. Instruktor war jedoch nicht erbaut davon und stapelte sie in einer Ecke seines Zimmers auf bis zum Ende des 3. Probejahres. Wer jedoch glaubte, P. Peus lege jetzt auf die alten Zeitungen keinen Wert mehr, täuschte sich. Er packte alle ein und sandte sie nach Trier, dem Ort seiner neuen und endgültigen Destination." (Rendenbach, S. 498)

In dieser neun Jahre dauernden Ausbildungszeit eignete er sich aber nicht nur solide Kenntnisse in Philosophie und Theologie an. Entscheidend war vor allem das Hineinwachsen in die ignatianische Spiritualität, d. h. in die durch die "Geistlichen Übungen" des Ignatius von Loyola grundgelegte Art und Weise des Denkens und Handelns. Gerade darauf beruht in erster Linie der für ihn typische Führungsstil. Nicht zuletzt gründet in dieser "Lebensform" der prägende Einfluss auf die Mitglieder der MJC, in besonderer Weise auf viele, die in seiner Zeit den Weg zum Priestertum gefunden haben.

 


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IV. Präses der MJC Trier

1. Die Zeit von 1933 bis zum Verbot 1937

Im September 1933 übernahm P. Peus als Vize-Präses von P. Wildt die Leitung der MJC mit ihren etwa 300 Mitgliedern. Der vom Bischof ernannte Präses war seit 1931 – als Nachfolger von Dr. Chardon – der geistliche Studienrat Jakob Wickert. Als dieser 1935 aus gesundheitlichen Gründen das Amt niederlegte, folgte ihm bis zum Frühjahr 1937 Domkapitular Nikolaus Irsch. Zu diesem Zeitpunkt übertrug Generalvikar von Meurers mündlich alle Präses-Rechte auf P. Peus. Domkapitular Irsch blieb aber der Vorsitzende des "Schutzvorstandes" des eingetragenen Vereins "Marianische Jünglings-Kongregation e. V."

Im Frühjahr 1933 war in Deutschland der Nationalsozialismus an die Macht gekommen. Die deutschen Bischöfe hatten Ende März eine "Erklärung" veröffentlicht, in der es – angesichts der in der Regierungserklärung Hitlers versprochenen "Garantien" – hieß, die früher ausgesprochene "Verurteilung bestimmter religiös-sittlicher Irrtümer" werde zwar nicht aufgehoben, die ausdrücklichen Warnungen davor würden jedoch "nicht mehr als notwendig betrachtet" werden (vgl. dazu Hürten, S. 189 f). Es war der Versuch, "durch die Bereitschaft zum Ausgleich ein Mitgestaltungsrecht an der neuen Ordnung zu gewinnen" (Volk, S. 456). In der bischöflichen "Erklärung" vom 28. März wird dann gesagt:

    "Es ist anzuerkennen, dass von dem höchsten Vertreter der Reichsregierung, der zugleich autoritärer Führer jener Bewegung ist, öffentlich und feierlich Erklärungen gegeben sind, durch die der Unverletzlichkeit der katholischen Glaubenslehre und den unveränderlichen Aufgaben und Rechten der Kirche Rechnung getragen, sowie die vollinhaltliche Geltung der von den einzelnen deutschen Ländern mit der Kirche abgeschlossenen Staatsverträge durch die Reichsregierung ausdrücklich zugesichert wird. ... Für die katholischen Christen... bedarf es auch im gegenwärtigen Zeitpunkt keiner besonderen Mahnung zur Treue gegenüber der rechtmäßigen Obrigkeit und zur gewissenhaften Erfüllung der staatsbürgerlichen Pflichten unter grundsätzlicher Ablehnung allen rechtswidrigen und umstürzlerischen Verhaltens." (Kirchlicher Amtsanzeiger für die Diözese Trier, Jg. 77, 1933, S. 56)

Erst recht war man nach dem Abschluss des Reichskonkordats im Juli 1933 der Meinung, durch diesen Vertrag sei der Bestand der Katholischen Kirche und ihrer Jugendverbände gesichert. Selbst Ludwig Wolker verkannte zu diesem Zeitpunkt den Totalitätsanspruch des NS-Regimes, wenn er glaubte, "dass wir den

 


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deutschen Staat nationalsozialistischer Prägung, seine Ideen, seine Führung, seine Formen anerkennen und ihm uns mit ganzer Bereitschaft und ganzer Treue zur Verfügung stellen", wie es in einem Artikel in der "Wacht" heisst (zitiert bei Schellenberger, S. 107).

Auf diesem Hintergrund ist es verständlich, dass bei nationalen Kundgebungen in Trier die Katholischen Jugendverbände und auch die MJC (vgl. Denzer, S. 16) teilnahmen. Die "Trierische Landeszeitung" berichtete über den Fackelzug am 21. März 1933 am "Tag von Potsdam":

    "Auch die katholischen Jugendverbände nahmen mit ihren zahlreichen Bannern und Wimpeln an dem Fackelzug teil, um dadurch aufs neue zu betonen, dass sie bereit und gewillt sind, wie bisher, so auch in der Zukunft mitzuarbeiten am Wiederaufbau des Vaterlandes, getreu der Losung, die sich die Katholische Jugend Deutschlands auf der Trierer Reichstagung vor zwei Jahren gab: Für Christi Reich und ein neues Deutschland." (TLZ vom 22. März 1933, Titelseite)

Bald zogen jedoch schon die ersten dunklen Wolken auf, und die Bischofskonferenz gab in einem Beschluss vom 31. Mai 1933 ihrer Sorge um die katholischen Jugendorganisationen Ausdruck. Man nannte als "untragbar", dass die kirchliche Jugend als "minderen Rechts und zweiter Klasse angesehen und behandelt" und Zwang ausgeübt werde, "anderen weltanschaulichen Organisationen", d. h. der HJ beizutreten (Kirchlicher Amtsanzeiger, Jg. 77, 1933, S. 140 f). In dieser Situation begann P. Peus im September seine Arbeit. Als man in der Führerrunde auf die politische Lage zu sprechen kam, da erklärte P. Peus, wie es bei Rendenbach (S. 499) und Denzer (S. 15) übereinstimmend heißt, mit Emphase:

    "Und wenn wir mit unseren Bannern in die Katakomben steigen
    müssen – wir werden nie kapitulieren."

Mit dieser Erklärung hatte er die Herzen der Gruppenführer gewonnen und den Kurs für die kommenden Jahre bestimmt. Er tat aber auch viel für die "Immunisierung" seiner Jungen gegen die nationalsozialistische Heilslehre:

    "Er hatte und kannte... stets die neue Antiliteratur und sorgte geschickt und wirksam für deren Weiterverbreitung, auch wir Jungen wurden dabei eingespannt." (Rendenbach, S. 506)

Aufschlussreich für diese "Immunisierung" nicht nur der Mitglieder der MJC ist ein Beitrag in der von P. Peus redigierten MC-Zeitschrift "Junger Heerbann U. L. Frau". Dieser Beitrag mit der Überschrift "Gott der Hüter der sittlichen Ordnung" ist zwar nicht namentlich signiert, stammt aber offensichtlich von ihm, ist zumindest von ihm gebilligt. In diesem Beitrag

 


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werden die Auffassungen der NS-Ideologie benannt und in aller Deutlichkeit zurückgewiesen:

    "Es gibt eine sittliche Ordnung. Und das Fundament dieser Ordnung heißt: Gott. Der persönliche überweltliche Gott, der Herr der Natur und der Herr des Menschen. Der richtende, lohnende, strafende Gott. Aber diesen persönlichen Weltenrichter lehnt man doch gerade heute ab? Das ist doch 'jüdisch-christliche' Gottesvorstellung? Sie entspricht doch nicht dem 'germanischen Denken und Fühlen'? So sagt man heute. Und man bekämpft diese "undeutsche Gottesauffassung". Unmöglich ist dieses Beginnen. Man mag es noch so oft versuchen. Es wird nie gelingen, Gott als den Herrn der sittlichen Ordnung zu stürzen. Warum nicht? Weil jedes Menschenherz seinem Gesetz unterliegt. ... Mehr noch. Unverantwortlich ist der Versuch, ohne den Weltenrichter eine sittliche Ordnung aufzubauen. Er ist das Fundament, er allein. Fällt Gott, so fällt die Welt, so fällt der Mensch. ... Gibt es nicht furchtbare Ungerechtigkeiten und Rücksichtslosigkeiten, gibt es nicht Brutalitäten in hunderten und aberhunderten Fällen auf dieser Erde? Denke an die Unterdrückung, die Ausbeutung, die Versklavung unschuldiger Menschen, an die empörende Verletzung wesentlicher Menschenrechte, die wir in jedem Jahrzehnt irgendwo auf der Welt erleben. Schreit das nicht alles nach Sühne, nach einer ausgleichenden Gerechtigkeit? Drängen sich solche Fälle nicht jedem beobachtenden Menschen auf? Und fordern sie nicht gebieterisch den obersten Richter, den Lohner des Guten und den Richter des Bösen? ... Die Natur, die im Großen und Kleinen so wunderbar sinnvoll eingerichtet ist, ... kann nicht für Tausend und Abertausend denkender Menschen in der Sinnlosigkeit ungesühnter Verunglimpfung münden! Gibt es keinen lohnenden und strafenden Gott, so ist der Mensch schlimmer dran als das Tier." ("Junger Heerbann U. L. Frau", Jg. 1935, Nr. 7)

Er gab sich keinen Illusionen hin; und er war sich bewusst, dass es zu einer Auseinandersetzung auf Leben und Tod kommen werde: "Res venit ad triarios = die Sache kommt an die Triarier" – eine sprichwörtliche Redewendung der Römer, die besagt, dass die Schlacht in die entscheidende Phase eintritt; werden die erprobten Soldaten der dritten Schlachtreihe durchbrochen, ist die Niederlage unvermeidlich.

"Die Jugend gehört uns Nationalsozialisten, sonst niemand!" (Schreiben des "Gau Koblenz-Trier" vom 5.6.1934) Aufgrund dieser Auffassung verbot schon am 3. Januar 1934 verbot eine Verfügung des Trierer Regierungspräsidenten der katholischen Jugend das Tragen von Uniformen und das Mitführen von Fahnen und Wimpeln außerhalb der Kirchen (vgl. Schellenberger, S. 64 und 183). Damit entfiel auch für die Mitglieder der MJC die vertraute Kluft. Außerdem wurde der ganzen katholischen Jugend Sport und Volkssport untersagt. In seinem "Rundbrief an die auswärtigen Sodalen"

 


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vom 1.11.1934 schreibt der Präfekt der MJC Josef Weber, sicher im Einvernehmen mit P. Peus: "Die sportliche Betätigung der MJC wurde damit schwer getroffen. Die Stadt vergibt keine Sportplätze mehr." Damit entfiel auch der gesamte Sportbereich und die Teilnahme am Spielbetrieb des Sportverbandes "Deutsche Jugendkraft".

Im "Rundbrief" des Präfekten kommen die Schwierigkeiten für die Arbeit in der MJC zur Sprache. Die "Mitgliedschaft in konfessionellen Vereinigungen" sei zur Zeit "mit viel Unannehmlichkeiten verbunden":

    "Ein schweres Jahr liegt hinter uns. ... Große Propagandawellen versuchten, Lücken in unsere Reihen zu reißen. Der Erfolg war bisher sehr, sehr mäßig. ... Eines wissen wir alle: Wir werden noch harte Kämpfe auszufechten haben."

Am 20. Juli 1935 folgte dann für das ganze Deutsche Reich eine Verordnung "Über die Betätigung der konfessionellen Jugendverbände", die dann am 23. Juli durch den Reichsführer der SS Himmler präzisiert und sanktioniert wurde:

    "Es ist verboten:

  1. Das Tragen von Uniformen (Bundestracht, Kluft usw.), uniformähnlicher Kleidung und Uniformstücken, die auf die Zugehörigkeit zu einem konfessionellen Jugendverband schließen lassen. Hierunter fällt auch das Tragen von Uniformen oder zur Uniform gehöriger Teilstücke unter Verdeckung durch Zivilkleidungsstücke (z. B. Mäntel), sowie jede sonstige einheitliche Kleidung, die als Ersatz für die bisherige Uniform anzusehen ist.
  2. Das Tragen von Abzeichen, welche die Zugehörigkeit zu einem konfessionellen Jugendverband kenntlich machen. ...
  3. Das geschlossene Aufmarschieren, Wandern und Zelten in der Öffentlichkeit, ferner die Unterhaltung eigener Musik- und Spielmannszüge.
  4. Das öffentliche Mitführen oder Zeigen von Bannern, Fahnen und Wimpeln, ausgenommen bei Teilnahme an althergebrachten Prozessionen, Wallfahrten, Primiz- und anderen Kirchenfeiern, sowie Begräbnissen.
  5. Jegliche Ausübung und Einleitung zu Sport und Wehrsport aller Art.

Wer dieser Verordnung zuwiderhandelt, oder wer zu einer solchen Zuwiderhandlung auffordert oder anreizt, wird gemäß §§ 33, 55, 56 des Polizeiverwaltungsgesetzes mit Zwangsgeld oder Zwangshaft bestraft. Unerlaubt getragene Uniformstücke oder Abzeichen, unerlaubt mitgeführte Banner, Fahnen und Wimpel sind einzuziehen." (Vgl."Dokumentation", S. 64 f)

 


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Auf dem Hintergrund dieser "Verordnung" wird ein Brief von Generalvikar von Meurers vom 8.6.1936 an P. Peus verständlich, in dem es heißt, er erachte es für richtiger, "wenn die MJC in diesem Jahr an der Fronleichnamsprozession nicht geschlossen" teilnehme.

Man kann sich die Schwierigkeiten vorstellen, denen sich P. Peus angesichts dieser Situation gegenübersah. Zwar konnten die Heimstunden, die Kongregationsandachten und Generalkommunionen bis zum Verbot 1937 ungehindert gehalten werden. Doch gab es manche "Verluste" durch Mitglieder, die in diesen Jahren zur Hitlerjugend (HJ) und zum Jungvolk übergingen. Hinzu kam, dass in den Schulen jede Verbandszugehörigkeit im Klassenbuch eingetragen werden musste; es war verboten, gleichzeitig in der HJ und in einem konfessionellen Verein Mitglied zu sein. Schon am 29. Juli 1933 hatte der Reichsjugendführer von Schirach dieses Verbot der "Doppelmitgliedschaft" erlassen (vgl. Hürten, S. 278 und Schellenberger, S. 37).

P. Peus dachte nicht daran, angesichts dieser Umstände die Forderungen an die Mitglieder zu lockern, um diese bei der Stange zu halten. Bezeichnend dafür ist sein Vorgehen im Blick auf die Sodalenweihe zu Beginn des Jahres 1937. Er schickte allen "Kandidaten" die "Entlassung aus der MJC, weil sie nicht den notwendigen Eifer hätten" (Rendenbach, S. 498). Die meisten erkannten die Bedingungen an; aber fünfzehn kamen nicht wieder. (Denzer, S. 15)

Natürlich konnten in dieser Situation viele äußeren Aktivitäten (z. B. Fahrten und Lager) nicht mehr durchgeführt werden. Die eigentlich religiöse Arbeit ging jedoch weiter. Die ganze Arbeit der katholischen Jugend fand jedoch ein jähes Ende am 10. November 1937. An diesem Tag erließ die "Gestapo" folgende Verfügung:

    "Polizeiliche Verfügung.

    Aufgrund des § 1 der Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat vom 28. 2.1933 in Verbindung mit § 1 des Gesetzes über die Geheime Staatspolizei vom 10. 2. 1936 löse ich im Einvernehmen mit der Staatspolizeileitstelle Koblenz und der Staatspolizeileitstelle Saarbrücken den katholischen Jungmänner-Verband der Diözese Trier einschließlich seiner Unter- und Nebengliederungen mit sofortiger Wirkung auf. Das Vermögen wird beschlagnahmt und sichergestellt.

    Trier, den 10. November 1937
    Geheime Staatspolizei
    Staatspolizeileitstelle Trier/i.V. Dr. Schefe" (Zit. von Denzer, S. 17)

 


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Als Gründe für die Auflösung wurden angegeben, "dass ständig gegen das Verbot von Fahrten, Heimabenden, Sport und Spiel verstoßen worden sei" (Denzer, S. 17). Diese "Verfügung" der Gestapo traf auch die MJC; sie wurde ebenfalls aufgelöst. Bischof Bornewasser erhob in einem am 24. November unterzeichneten Hirtenbrief "feierlich und öffentlich Einspruch" und erinnerte in Bezug auf die MJC "an die Vaterlandstreue der auch vom Verbot betroffenen MJC Trier"; es heißt darin:

    "Neben vielem anderen fällt unter die Aufhebung auch die alte Marianische Jünglingskongretation von 1617 in der Stadt Trier. Weil es sich bei dieser Kongregation um eine der ältesten Kongregationen Deutschlands handelt, widme ich ihr ein besonderes Wort. Viele Trierer Bürger aus allen Ständen sind in ihrer Jugend Mitglied dieser Kongregation gewesen. Mit der Geschichte der Bischofsstadt ist sie seit drei Jahrhunderten auf das innigste verbunden. Ihr segensreiches Wirken wissen die Trierer nur zu gut zu würdigen und zu schätzen. Im Weltkrieg waren 200 Mitglieder der Kongregation im Feld, 52 Soldaten starben für das Vaterland. Die ersten Kriegsfreiwilligen dieser Marianischen Jünglingskongregation waren fast ausnahmslos bei dem Sturm auf Langemarck und haben alle dabei ihr Leben hingegeben, darunter der Präfekt der Kongregation. Nun ist auch diese so verdiente Jünglingskongregation aufgelöst worden. Ihr gesamtes Vermögen wurde sichergestellt. Sichergestellt wurden auch das von der Marianischen Jünglingskongregation benutzte Jugendheim in der Sichelstraße und das Bischof-Korum-Haus, das dem Andenken unseres großen Bischofs Michael Felix Korum geweiht ist, das der kirchlichen Jugendpflege der ganzen Diözese dient und zu dem die Gläubigen unseres Bistums freiwillige Spenden in großer Zahl beigetragen haben. Die Fahne der 300 Jahre alten Kongregation wurde während einer Andacht aus der Sakristei der Welschnonnenkirche mitgenommen." (Heintz, S. 331 f)

Der Bischof hatte jedoch mit seiner Intervention keinen Erfolg. Er wies daraufhin die Verantwortlichen an, dem Verbot Folge zu leisten, stellte aber zugleich unmissverständlich fest:

    "Die kirchliche Jugendseelsorgsarbeit wird im Sinn und im Umfang der Bischöflichen Richtlinien für die katholische Jugendseelsorge vom April 1936 in allen Pfarreien weitergeführt." (Feilzer, S. 428)

Dieses neue und maßgebende "Sammlungs- und Strukturprinzip kirchlicher Jugendpastoral" (Hürten, S. 131) entsprang allerdings nicht nur aus der "Not" heraus, sondern entsprach auch einem schon lange vorhandenen theologischen Denken, dem ein neues "Kirchenbild" zugrundelag. Hürten kennzeichnet dieses Denken folgendermaßen:

 


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    "Je mehr die Feier der Eucharistie als das einheitsstiftende Band der Kirche in den Blick trat, umso stärker musste die von sozialen, weltlichen Gegebenheiten bestimmte Differenzierung der Gläubigen, die dadurch ausgelöste Gruppenbildung und das religiöse Eigenleben der Verbände als störendes Element in der Einheit der Kirche erscheinen, die nach einer um sich greifenden Meinung in der Pfarrei, der ‚Pfarrgemeinde’, für die Gläubigen Kirche zum Ereignis werden
    ließ." (Hürten, S. 131)

Es war wohl – das "Diarium" weist darauf hin – am 11. November. Die Gestapo betrat morgens gegen 7.30 Uhr das Haus, um den Schriftverkehr von P. Peus sicherzustellen. Bei dieser Gelegenheit war es wohl, dass er erklärte, er werde weiterarbeiten "mit einer Waffe, gegen die Sie machtlos sind". Die Beamten fragten höhnisch: "Und das wäre?" Die Antwort lautete: "Mit der Waffe des Gebetes!" Darauf sagten die Beamten: "Beten sie nur; wir werden ihnen schon auf die Finger schauen." (Denzer, S. 18) Die "Historia Domus" bemerkt zum Verbot der MJC nur: "Deus providebit = Gott wird schon (für ein gutes Ende) sorgen."

Im Frühjahr des folgenden Jahres, am 9. April 1938, folgte für die MJC die Auflösung des eingetragenen Vereins und die Einziehung ihres Vermögens zugunsten des preußischen Staates. Wohl um diese Zeit geschah eine Begebenheit, die nach dem Krieg von P. Jakob Nöthen geschildert wird. Das "Diarium" des Ignatiushauses nennt als Datum den 4. Dezember. Da die Kongregationsräume im Bischof-Korum-Haus leergeräumt waren, vermutete die Gestapo, in den Räumen von P. Peus im Ignatiushaus seien die gesuchten Möbel deponiert. Der Bericht lautet folgendermaßen:

    "Unser Haus wurde zweimal von der Gestapo behelligt. Das erste Mal im Zuge der Aufhebung der Marianischen Jünglingskongregation, die von P. Peus als Vizepräses geleitet wurde. Es war im Jahre 1937 früher oder später. Wir saßen gerade beim Mittagstisch, als wir Tritte von mehreren Leuten auf der Treppe hörten, die zur Wohnung des P. Peus führt. P. Superior Schiefer und ich als Minister gingen den Leuten nach und fanden in dem Wohnzimmer des P. Peus zwei Leute der Trierer Gestapo, die mit einer Liste in der Hand – es war die Inventarliste der Kongregation – zwei Männern die Möbelstücke bezeichneten, die sie hinuntertragen und in den vor der Haustüre wartenden Möbelwagen einladen sollten. Wir fragten die Beamten nach ihrem Begehr und erfuhren von ihnen in sehr aufreizendem Ton, sie seien dabei, die Möbel der Marianischen Kongregation abzuholen. Diese befänden sich nicht in den Räumen der Kongregation im Korumhaus, müssten also wohl hier in der Wohnung des Paters stehen. Wir bestritten das ganz entschieden, wären aber mit unserem Protest nicht durchgekommen ohne das Inventarium des Ignatiushauses, das 1934 auf Geheiß des P. Provinzial aufgestellt war, und in dem alle in der Wohnung des P. Peus befindliche Möbel

 


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    aufgezeichnet waren. Als sie das eingesehen, rückten sie ab, nicht ohne Drohungen. Aber es erfolgte nichts weiter. – Die Marianische Kongregation hatte ihre Sachen in Voraussicht der Dinge längst in Sicherheit gebracht." (Nöthen, S. 167)

Beim Lesen des "Diariums" für die Jahre bis zum Verbot der MJC staunt man immer mehr über die vielfältigen seelsorglichen Aktivitäten von P. Peus, die über den Rahmen seiner Arbeit in der Kongregation hinausgingen. Erwähnt werden sogenannte "Gebetswochen", Jugendwochen bis nach Düren und Wuppertal, Exerzitienkurse für Kongreganisten, Gymnasiasten und Abiturienten, Triduen, Fasten- und Jugendpredigten, aber auch Einkehrtage und Sonntagsaushilfen in der Umgebung von Trier.

Einen bedeutenden Teil seiner Tätigkeit – wohl schon ab 1934 – nahm die Redaktion der schon genannten MC-Zeitschrift "Junger Heerbann U. L. Frau" ein. Der Untertitel "Blätter für marianische Lebensgestaltung – Sodalenstimmen der Marianischen Jugendkongregation" weist darauf hin, was die Schwerpunkte der Zeitschrift waren. Behandelt wurden nicht nur die entsprechenden religiösen Themen; es finden sich darin auch viele Beiträge von Sodalen über das Leben in der MC. Zugleich war die Zeitschrift aber auch für P. Peus ein Forum, in der geistigen Auseinandersetzung mit dem NS-Denken für die Jugendlichen Leitlinien und Grundsätze zu formulieren. So heißt es in dem von ihm verfassten Bericht über "Die Einkehr von Neresheim" im August 1935 (vgl. Dokumentation S. 101 – 104):

    "Der Sodale muss um die wichtigen Glaubensfragen wissen, er muss seinen Glauben kennen und ihn begründen können. Wie könnte er sonst in der modernen Glaubensauseinandersetzung sich geistig einsetzen! Gerade die lebendige Aussprache zeigte, dass die Jugend nicht tatenlos im Strudel religiöser Wirren steht. Sie schwimmt nicht mit. Sie will in sieghafter Überzeugung von der Wahrheit ‚contra torrentem’. ... Neresheim wurde ein Beweis, dass unsere Gemeinschaft nicht gebunden ist an Marschieren, an Gleichtracht und entrollte Banner."

Zwischen den Zeilen war klar und deutlich erkennbar, was und wer gemeint war. Das kommt auch zum Ausdruck in einem Beitrag, der im langen Bericht von P. Peus zitiert wird, und zwar mit der Vorbemerkung: "War es Katakombenstimmung, die in uns und um uns lagerte?"

    "Die ganze katholische Jugend weiß und fühlt es nur zu deutlich: Religiöse Not weht über uns. Nur der Starke kann standhalten. Was dürr ist, bröckelt ab. Die Kirche braucht heute verantwortungsbewusste Menschen, auf die sie sich unbedingt verlassen kann. ... Wenn wir früher mit Christus auf dem Berg der Verklärung standen, um uns mit ihm zu erfreuen, so will Gott uns,

 


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    die Jugend, heute mit ihm auf dem Ölberg sehen, wo wir ringen, dass das Reich Gottes nicht nur in uns, über unsere eigenen Schwächen und Unvollkommenheiten siege, - wir müssen heute stärkstem Sturm gewachsen sein. Unser Glaube und unsere Ideale wollen heute verteidigt sein. ... Nicht eine Kerze müssen wir heute sein im stillen Heiligtum, sondern eine Fackel im Sturm." ("Junger Heerbann U. L. Frau", Jg. 12, 1935, Nr. 10; s. unten S.101)

 

2. Die Zeit des Verbotes 1937–1945

Aufgrund des Verbotes vom November 1937 war eine regelmäßige Arbeit für P. Peus unmöglich geworden. Die Heimstunden, die Kongregationsandachten und die Generalkommunion mussten ausfallen. Jeder Versuch, die Arbeit in der gewohnten Weise fortzusetzen, hätte als Missachtung der Verfügung über die Auflösung der MJC zu Gefängnis oder Konzentrationslager für den Präses geführt. Als erste Maßnahme von seiner Seite wurde den jüngeren Mitgliedern das Betreten des Ignatiushauses untersagt, nachdem P. Peus wegen der Beschlagnahme des Bischof-Korum-Hauses seinen Arbeitsbereich ins Ignatiushaus verlegt hatte.

Im Sodalenbrief vom August 1946 beschreiben P. Peus und sein Präfekt Heinrich Denzer die neue Situation und die Arbeitsweise, aber auch die "geistigen Grundlagen" des Einsatzes:

    "Fest davon überzeugt, dass die MJC von 1617 nach 320-jährigem Bestehen nicht einfach ausgelöscht werden konnte, und dass sie eines Tages auch als äußere Gemeinschaft wieder aufleben würde, lebte die Kongregation in den verschiedensten Formen getarnt weiter. Vor allem hielten die Mitglieder engste Fühlung mit dem Präses. An die Stelle der Heimstunden traten Religionsstunden, Sprechstunden, Nachhilfe, Familienbesuche usw. Das neue ‚Heim’ wurde das Ignatiushaus. Die von der Staatspolizei geraubte Bücherei wurde nach und nach wieder aufgebaut, und bald setzte ein lebhafter Bücherverleih ein. Da Exerzitien und Einkehrtage nicht mehr möglich waren, wurden Einführungen und Vorbereitungen für die Universität oder das Leben im RAD ('Reichsarbeitsdienst') und in der Kaserne den einzelnen in unzähligen Einzelstunden gegeben. Der ständige Kampf mit den Parteigliederungen und der Gestapo machte erfinderisch, und immer wurden neue Wege der Tarnung gefunden. Oft musste der Priesterrock mit dem Zivilanzug vertauscht werden, um Christus zu predigen. Eine andere Form der Tarnung wählten die älteren Sodalen. ... Sie tagten als ‚Lotterieverein’ und trafen sich jährlich in Klausen." (S. 2 f)

Es gab sogar noch einige Ferienreisen mit Jungen, so nach St. Blasien im Sommer 1938 und nach Thuine im Emsland kurz vor Ausbruch des Krieges. Hier war es, dass P. Peus mit den Jungen zum Schwimmen in ein Bad

 


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ging. Von einem Herrn, mit dem er ins Gespräch kam, wurde er – wie er später einmal schmunzelnd erzählte – für den Schulleiter einer Trierer Schule gehalten. Als einer der Jungen beim Schwimmen in Gefahr geriet und laut nach dem "Herrn Pater" um Hilfe rief, sprang dieser ins Wasser, half ihm und fuhr ihn an: "Halte sofort die Klappe!" Der besagte Herr merkte nichts und gratulierte zur gelungenen Rettungsaktion.

Für die Zeit des Krieges beschreibt der Sodalenbrief die Tätigkeit des Präses folgendermaßen:

    "Gut vorbereitet gingen unsere Mitglieder in den RAD und zur Wehrmacht. Und immer wieder auch in den Krieg. Mehr denn je hielt der Präses engste Verbindung mit allen, und alle hielten Verbindung mit ihm. Wie oft standen wir auf dem Bahnhof, wenn einer nach dem anderen die Heimat verließ! Da die Post des Ignatiushauses scharf überwacht wurde und der Briefwechsel mit Priestern verboten war, wurde im schriftlichen Verkehr mit dem Präses ein Tarnungswerk aufgebaut, das es uns ermöglichte, Tausende von Briefen und Päckchen auszutauschen. Deckanschriften, Botenbriefe, Post über das Elternhaus, das brüderliche Du zwischen ‚Onkel und Neffe’ usw. waren die neuen Formen dieser schriftlichen Verbindung. Das bekannte Bild Rembrandts ‚Der Apostel Paulus im Gefängnis’ auf dem Schreibtisch des Präses ist Zeuge all der Stunden und Stunden in den langen Kriegsjahren geworden, in denen bei Tag und bei Nacht, oft während des Fliegeralarms, dieser getarnte Geistesaustausch gepflegt wurde. Freude weckten wir durch gut ausgewählte Kunstkarten oder sorgsam ausgesuchte Feldpostlektüre. Der heiße Dank der Empfänger war stets das Zeichen, dass wir das Rechte trafen. Immer wieder trafen sich die Sodalen-Soldaten und andere beim Präses, einzeln oder in brüderlicher Gemeinschaft, oft bis tief in die Nacht hinein und besonders um die Weihnachtszeit, am Titularfest oder am Namenstag. Wir dürfen wohl sagen, dass nur mit wenigen Ausnahmen keiner Trier verließ, ohne vorher mit dem Präses in stiller Morgenstunde das hl. Opfer und Opfermahl gefeiert zu haben.
    Jahr um Jahr trafen sich Sodalen, Soldaten und Versehrte im Urlaub, Freunde und die Elternschaft der MJC zur Feier des Titularfestes in Welschnonnen, die dem Bischöflichen Stuhl nach der Beschlagnahmung zur Verfügung gestellt wurde, zum Jahresrequiem für unsere Gefallenen, zur Feier der Heiligen Nacht und zu Bittgottesdiensten für unsere Vermissten und Gefangenen. Es waren MJC-Gottesdienste, in denen der Präses, nur den Eingeweihten verständlich, sprach. Von Mund zu Mund und durch verlässliche Boten ergingen die Einladungen hierzu.

    Unvergesslich bleiben uns die bitteren Stunden, in denen die Todesnachrichten von allen Fronten einliefen. Die MJC nahm stets an den Seelenämtern oder Begräbnissen teil. Wie nach dem ersten Weltkrieg ist die MJC ihren Toten in Christus verbunden und vergisst ihrer nicht. Mancher Totenzettel, der wegen der Staatspolizei oft nur andeutungsweise die MJC-Haltung des Toten

 


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    aussprechen durfte, war neben dem Requiem der letzte sichtbare Liebesdienst der Kongregation für die Treuen, über deren Leben das Wort Christi leuchtet: Eine größere Liebe hat niemand, als wer sein Leben hingibt für die Seinen (Joh. 15, 13). Wir verloren ... im ganzen 16 Sodalen und 12 Kanditaten, die infolge der Auflösung nicht mehr zur Weihe kamen. Unter den Toten waren sieben Priester- und Ordensberufe.

    Im Laufe der Jahre nach 1937 nahmen viele junge Christen, Schüler und Berufstätige und in den Kriegsjahren viele Arbeitsmänner, Soldaten, Luftwaffenhelfer, Versehrte und Studenten Fühlung mit dem Präses auf. Von der MJC konnte nicht viel gesprochen werden, aber alle wurden vorbereitet auf den Tag der Freiheit. So war und wurde der Präses nie arbeitslos. Von morgens früh bis abends spät, wochentags wie sonntags standen seine Arbeitszimmer im Ignatiushaus allen offen. Schüler von auswärts, die wegen des Fliegeralarms oft nicht zur Schule gehen konnten, verbrachten ihre Freizeit beim Präses in warmen Zimmern, lasen, spielten, studierten und ließen sich religiös unterweisen, leiten und führen. In den letzten Monaten des Jahres 1944 wurden die Seelsorgsarbeiten im Luftschutzkeller weiter geführt.

    Am Feste der unbefleckten Empfängnis Mariens 1944 sammelte sich eine kleine Schar Getreuer – etwa 30 – am Gnadenalter in Klausen. Evakuierte von der Mosel und aus der Eifel waren der Einladung zur Schmerzensmutter gefolgt, um für die letzten entscheidenden Monate alle diejenigen, die mit dem Präses Verbindung unterhielten, dem mütterlichen Herzen Mariens zu empfehlen." (Sodalenbrief, S. 2–5)

Nach dem ersten Großangriff auf Trier, am 19. Dezember 1944, verließ der Präses im Zuge der Zwangsevakuierung die brennende Stadt und begab sich nach Kyllburg, wo im St. Josefskrankenhaus seine Mutter und seine Schwester nach ihrer Evakuierung lebten. Auch von dort nahm er sofort auf allen möglichen Wegen Verbindung mit der Jugend und den Soldaten auf. Noch Ende Februar fuhr er mit dem Rad durch die Eifel und an die Mosel. So konnte er etwa 50 MJC-Familien in der Evakuierung besuchen. Dann kam das Ende und mit ihm die Hoffnung auf einen neuen Anfang.

Nicht unerwähnt sei, dass P. Peus bei einem Besuch in Saarlouis (damals hieß die Stadt "Saarlautern"!) am 6. Oktober 1943 bei einem Luftangriff verletzt wurde. Er hatte eine große Fleischwunde in der linken Gesichtshälfte, dazu kam ein Bruch der linken Hand und Beinverletzungen. Nach der Anlegung eines Notverbandes begab er sich ins Herz-Jesu-Krankenhaus in Trier, wo die Gesichtswunde genäht wurde.

Auch in der Verbotszeit staunt man über die vielfältigen seelsorglichen Arbeiten von P. Peus. Er kann eine Reihe von Jugendwochen halten, u. a. in Saarbrücken und Rheydt, vor allem aber viele Exerzitienkurse für Jung-

 


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männer, Gymnasiasten, Abiturienten und für Rekruten der Wehrmacht. Dazu kamen Einkehrtage, Jugendtriduen, Predigten und Aushilfen.

P. Peus schreibt dann abschließend über diese Zeit der Unterdrückung und des Verbotes und bezeugt mit diesen Zeilen den Glaubensgeist, in dem er und die Getreuen der MJC ihren Weg in dieser schweren Zeit gefunden haben und gegangen sind:

    "Wir haben gebetet Tag um Tag und unter dem Schutz und Schirm Mariens zusammengehalten, durch Not und Tod. Das Gebet und die Treue der Sodalen waren nicht umsonst. Von Wettern umloht, strahlte uns das Zeichen Christi und Mariens in all den Stürmen und Gefahren. Es gab uns Kraft zum Zusammenhalten." (Sodalenbrief, S. 5)

 

3. Die MJC nach dem Krieg: 1945 bis 1960

a. Der Neubeginn der Jahre 1945/46

In den letzten Monaten des Krieges lag Trier unter amerikanischem Artilleriebeschuss und musste vor Weihnachten 1944 drei schwere Luftangriffe erdulden. Zwischen dem 1. und 3. März 1945 wurde Trier dann von amerikanischen Truppen erobert. Zu dieser Zeit waren noch etwa 3000 Menschen in der Stadt. Die Elektrizitäts-, die Gas- und Wasserleitungen waren weitgehend zerstört. Auch das Ignatiushaus war durch Artillerietreffer in Mitleidenschaft gezogen worden, nicht zuletzt die Arbeitsräume von P. Peus.

Er kehrte kurz nach Ostern, also Anfang April von Kyllburg nach Trier zurück. Der "Sodalenbrief" vom August 1946 schildert den Neuanfang der Arbeit in der MJC so:

    "Mit dem Rad stieg er über die Trümmer der Stadt. Das Ignatiushaus stand noch. Seine Zimmer waren durch Ari-Volltreffer unbewohnbar. Mit Hilfe der ersten Jungen wurde der ‚Omnibus’, die Zimmer an der Gartenveranda, hergerichtet. Damit war schon wieder ein Heim da. Tag um Tag gab es ein frohes Wiedersehen, und alle wurden zu Bauleuten, um die MJC wieder aufzurichten. Dazu bedurfte es keiner Genehmigung von irgendeiner Seite. Wer wollte auch die Rechtswidrigkeiten der Staatspolizei anerkennen! Die MJC war eine religiöse Gemeinschaft und untersteht allein der kirchlichen Jurisdiktion. Die MJC war zudem in den acht Verbotsjahren nicht ausgelöscht; sie lebte verborgen weiter wie in Katakomben. Allen Sodalen war es eine Selbstverständlichkeit, dass die MJC, der sie unter persönlichen Gefahren die Treue hielten, sofort wieder auflebte, wenn der äußere Zwang gefallen war. So warf

 


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    die MJC mit dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus die Tarnung ab – und erstand wieder." (Sodalenbrief, S. 5 – 6)

Am 19. August 1945 konnte schon das erste Titularfest der MJC gefeiert werden. Im 1. "Monatsplan" heißt es in der Einladung an die Mitglieder:

    "Die MJC von 1617 feiert nach achtjähriger gewaltsamer Unterdrückung ihres religiösen Gemeinschaftslebens wieder in der Freiheit der Kirche ihr Titularfest ‚Mariä Himmelfahrt’."

Im Festhochamt in der Welschnonnenkirche, die bis auf den letzten Stehplatz gefüllt war, sprach P. Peus die Dankesworte an die Kongregationskönigin. Am Nachmittag fand die erste Aufnahme statt. 17 Mitglieder legten das Kandidatenversprechen ab, 11 Kandidaten wurden als Sodalen in die Kongregation aufgenommen.

Zunächst konnte der Präses in seiner Arbeit nur auf die Jungen zurückgreifen, die schon 1937 in der MJC waren oder durch Brüder und Verwandte dazu gekommen waren. Denn erst am 1. Oktober 1945 begann der schulische Unterricht wieder und damit die Möglichkeit, weitere Mitglieder anzuwerben. Doch schon am 8. September unternahm P. Peus mit 35 Jungen eine Wallfahrt nach Saarburg-Beurig, wo man eine Hl. Messe feierte. Es begannen wieder die Heimstunden, Filmstunden, Wanderungen, sogar Vorträge. So werden Vorträge von Prof. Thoma und Prof. Höffner, dem späteren Erzbischof von Köln, erwähnt.

Nicht zuletzt gab es schon ab Juni 1945 im Ignatiushaus Nachhilfestunden bzw. Hilfen im Hinblick auf den Wiederbeginn des Schulunterrichts, weil viele Schüler große Lücken in allen Schulfächern aufwiesen, so z. B. in Latein, Französisch und Mathematik. Es war ein regelrechter Schulbetrieb zu einem Zeitpunkt, als in Trier noch niemand daran dachte, die Jugendlichen zu unterrichten bzw. schulisch zu fördern. P. Peus war davon überzeugt, dass das Nichtstun sich für die jungen Leute verheerend auswirke. Als von der neuen Stadtverwaltung der Hinweis kam, jeder Privatunterricht sei von der französischen Besatzungsbehörde verboten, scherte sich P. Peus wenig darum. Er stand – wie Denzer schreibt –

    "auf dem Standpunkt, die MJC sei von den Nationalsozialisten verboten worden und jetzt wieder auferstanden, im übrigen seien wir ein nur dem Bischof unterstehender Verband, für den ausschließlich kirchliches Recht gelte." (Denzer, S. 25)

Zu einem Höhepunkt im ersten Kongregationsjahr nach dem Krieg wurde die zweite Aufnahmefeier am 24. März 1946. Der Sodalenbrief schreibt über diese Feier:

 


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    "Weihbischof Metzroth gab als Sodale der MJC die Ehre, sie zu halten und auch zu uns zu sprechen. Nach vielen Jahren sahen wir zu unserer Freude auch wieder die Leiter und Lehrer der Schulen unter den geladenen Gästen. 20 Mitglieder legten das Christkönigs-Versprechen, 25 das Kandidaten-Versprechen ab, und 14 weihten sich für immer U. L. Frau. Domkapellmeister Klassen mit seinem Domchor und Domorganist Sodale Paul Schuh waren stets gerne bereit – wie auch in den Kriegsjahren – unseren Feiern einen würdigen, künstlerischen Rahmen zu geben." (Sodalenbrief, S. 7)

Alles Bemühen hatte zum Ziel, die durch die nationalsozialistische Erziehung verursachte geistige, sittliche und religiöse Zerstörungsarbeit gerade im Jugendbereich zu überwinden und den Jugendlichen eine im christlichen Glauben gründende Haltung zu vermitteln. Der Neuanfang war jedenfalls gelungen, und das Wirken von P. Peus trug die ersten Früchte. Doch es zogen neue dunkle Wolken auf.

 

b. MJC und "Bund der Katholischen Jugend" (BdKJ)

Der Neuanfang nach Kriegsende war schwierig, aber auch vielversprechend. Da stellten sich unvorhergesehene Schwierigkeiten ein. Diese kamen nicht – wie in der Verfolgungszeit durch die Nazis – von außen, sondern aus dem kirchlichen Bereich. P. Peus deutet in seinem Brief an P. Provinzial Deitmer zu Beginn des Jahres 1949 die Schwierigkeiten an. Unter dem Stichwort "Leiden der MJC" heißt es:

    "Wenig Anerkennung und Förderung durch die kirchlichen amtlichen Stellen, eher Hindernisse als Förderung (invidia clericalis). Obwohl wir die stärkste geschlossene Jugendgruppe in der Stadt Trier sind, sind wir nur geduldet, weil wir uns nicht restlos in den ’Bund’ einordnen können."

Heinrich Denzer, der seit Ende 1945 Präfekt der MJC war, hat in seiner Broschüre die Auseinandersetzungen als Zeitzeuge geschildert. Grundgelegt waren sie in der Verfolgungszeit, insofern die deutschen Bischöfe 1935 / 36 eine neue Struktur der kirchlichen Jugendarbeit beschlossen und den Trierer Bischof Bornewasser mit der Ausführung betraut hatten. Das "Ergebnis" waren die "Richtlinien für die katholische Jugendseelsorge." (Vgl. Kirchlicher Amtsanzeiger, Jg. 80, 1936, S. 93 – 95) Sowohl die Pfarrjugend als auch die sogenannten "Kerngemeinschaften" (z. B. MC und Bund "Neudeutschland": ND) sollten miteinander unter einem "Diözesan-Jugendseelsorger" eng zusammenarbeiten. Feilzer schreibt dazu:

    "Der Einheitsgedanke fand in den ‚Richtlinien’ seinen besonderen Niederschlag und wurde gleichsam zum maßgebenden Sammlungs- und Struktur-

 


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    prinzip kirchlicher Jugendpastoral in diesem außergewöhnlichen politischen Spannungs- und Bedingungsfeld. ... Die Eigenständigkeit der Verbände sollte dadurch nicht tangiert werden." (Feilzer, S. 426 f)

Auf dem Hintergrund dieser "Richtlinien" als dem "maßgebenden Sammlungs- und Strukturprinzip kirchlicher Jugendpastoral" lässt sich die Entwicklung nach dem Krieg besser verstehen, dass sich "eine Reserve gegenüber einer unbesehenen Restaurierung der früheren Jugendverbände" anbahnte (Feilzer, S. 432). Ivo Zeiger charakterisiert die Situation, vor der die kirchliche Führung stand, folgendermaßen:

    "Soll man wieder zurückkehren zur Vielzahl und Vielfalt der
    Bünde, unter Verzicht auf die wertvolle Einheit und Geschlossenheit
    der Pfarr- und Diözesanjugend? Soll man erneut eigenständige Bünde gestatten, die außerhalb der kirchenamtlichen Jugendführung ... ihr Sonderleben führen?" (Zeiger, S. 246)

In der Folge begann "mit bekannter deutscher Gründlichkeit" eine scharfe Auseinandersetzung, die der Öffentlichkeit wohl ziemlich verborgen blieb, deswegen aber nicht weniger gründlich "durchgekämpft" wurde (Zeiger, S. 247) In Trier wurde – dieser Eindruck musste entstehen – offensichtlich "die Pfarrjugend allein gefördert, besonders durch Generalvikar von Meurers und Johannes Müller" (Denzer, S. 23). Der daraus entstehende "Dissens" "führte ... bis etwa 1950 zu vielfachen Reibungen und sogar Feindschaften, gegen den Willen von P. Peus" (Denzer, S. 46). Die Reibereien bezogen sich sowohl auf den Klerus wie auf Laien. Ein großer Aufbau der MJC war sowohl für von Meurers wie auch für Johannes Müller offensichtlich nicht erwünscht.

Die Auseinandersetzungen eskalierten um die Jahreswende 1945/46. Denzer schildert diese folgendermaßen:

    "Die Hetze führte dazu, dass am 28. Dezember ein Pfarrjugendführer P. Peus aufsuchte, ihn beschimpfte, wegen der MJC sei in Trier keine Pfarrjugend entstanden; er warf P. Peus sogar vor, er habe zur Zeit des Nationalsozialismus Jungen an die Gestapo verraten! Und am 10. Februar 1946 versammelte Johannes Müller 60 Jungen im Gesellenhaus und sprach über Pfarrjugend mit Fahnentragen und einheitlicher Kluft (die aber nie kam); man berichtete über Jugendarbeit, aber nichts über die MJC. Dabei sagte Johannes Müller: ‚Katholik sein zu wollen, ohne in der Pfarrei zu leben, ist kein Katholik’, und ein Teilnehmer wiederholte brav den nationalsozialistischen Satz ‚Der einzelne ist nichts, nur in der Gemeinschaft vermögen wir etwas.’" (Denzer, S. 47)

Viel vorsichtiger beschreibt den Dissens der "Sodalenbrief" vom August 1946, der vom Vize-Präses P. Peus und vom Präfekten Denzer geschrieben wurde und die Situation der MJC nach 1937 schildert. Dort heißt es:

 


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    "Nach dem zweiten Weltkrieg ist in der katholischen Jugend das Pfarrprinzip besonders betont worden. Die MJC, die schon seit 320 Jahren in der Jugendseelsorge der Stadt Trier erfolgreich arbeitet, verschließt sich keineswegs den Forderungen der Zeit. Sie arbeitet in bewährter Unterordnung unter ihrem Bischof weder gegen die Pfarrjugend noch zwecklos neben ihr. Sie weiß, dass der Wunsch der kirchlichen Behörde für sie Auftrag und Befehl ist. Da ihr aber seitens der Bischöflichen Behörde der überpfarrliche Arbeitskreis ausdrücklich bewilligt ist, kann man sie nicht als überlebte Sache einfach beiseite schieben oder missachten. Es ist unser aufrichtiger Wille, mit dem Stadtkapitel in der Jugendseelsorge zusammenzuarbeiten. Unsere Bestrebungen ergänzen sich glücklich. Sobald wir die nötigen Kräfte ausgebildet haben, werden wir sie in der Pfarrjugend, getreu unseren Grundsätzen, einsetzen. Treffen pfarrliche Jugendveranstaltungen mit den unseren zusammen, so werden wir gerne zugunsten der Pfarrjugend zurücktreten. Wir wollen aber auch unser eigenes Dasein weiterführen und unsere durch Jahrhunderte bewährte Kongregation hochhalten. Ein edler Wettbewerb soll uns aneifern, im Dienste des Königs der Jugend und der Gottesmutter höchste Leistungen zu erzielen. Wir werden alles vermeiden, was in die katholische Jugend den Keim der Zwietracht hineintragen könnte. ... So erhoffen wir von unseren Brüdern und Schwestern aus der Pfarrjugend Verständnis für unsere Auffassung und brüderlich-schwesterliche Mitarbeit. ‚Doppelmitgliedschaft’ ist wirklich keine Gefahr für die Pfarrjugend oder die MJC." (Sodalenbrief, S. 7-8)

Am 1. Oktober 1946 erließ das bischöfliche Generalvikariat eine "Weisung zur Jugendseelsorge", die von Bischof Bornewasser in einem "Hirtenwort" an seine "priesterlichen Mitbrüder" zur Kenntnis gebracht wurde (vgl. Kirchlicher Amtsanzeiger Jg. 90, 1946, S. 115). In dieser "Weisung" wurde wieder betont, dass das "Apostolat an der Jugend" nur wirksam erfüllt werden könne, "wenn sie (die Jugend) nicht mehr als notwendig in Verbände und Bünde aufgeteilt ist. Wildwuchs und Zersplitterung der Kräfte müssen vermieden werden." Es dürfe nicht zugelassen werden, dass "die Jungengemeinschaften ... ihre Mitglieder der Pfarrei oder Bistum entziehen oder entfremden." (S. 116) Weiter heißt es:

    "Die Jugend hat die Freiheit, innerhalb der ‚Katholischen Jugend’ Gliederungen zu bilden. ... Grundsätzlich soll gelten, dass die Gliederungen aus den Jugendgemeinschaften herauswachsen, die sich auf dem Boden der Pfarrgemeinde gebildet haben. Die Führer dieser Gliederungen sollen durch längere aktive Mitarbeit in der ‚Katholischen Jugend’ ihren Willen zur organischen Eingliederung bewährt haben." (S. 118)

Ein eigener Passus befasst sich mit den "Marianischen Kongregationen". In diesem Passus wird zwar gesagt, dass die Mitgliedschaft freigestellt sei; dann aber wird bemerkt:

 


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    "Im übrigen aber stehen sie im Gemeinschaftsleben der ‚Katholischen Jugend’ der Pfarrei. Soweit die Marianische Kongregation überpfarrlich nur studierende Jugend erfasst, ist ihre Eingliederung in die ‚Katholische Jugend’ örtlich zu regeln." (S. 119)

In derselben Nummer des "Kirchlichen Amtsanzeigers" wird außerdem der "Beschluss der Bischöfe der Kölner und Paderborner Kirchenprovinz zur Jugendfrage" vom 8. November 1945 abgedruckt. Darin heißt es zu Formen der "überpfarrlichen Jugendarbeit" insbesondere bezüglich der studierenden Jugend:

    "Den besonderen Aufgaben der studierenden Jugend muss im Rahmen der gesamten Jugendarbeit Rechnung getragen werden. Wo Gruppen studierender Jugend nach Art von ND sich zusammen schließen wollen, soll dem Raum gegeben werden. Diese Gruppen sind nach Möglichkeit pfarrlich zu gliedern. Sie können im Rahmen des Ganzen katholischer Jugend bündischen Zusammenschluss pflegen. Das gilt wie für ND auch für andere Gliederungen, die mit Genehmigung des Bischofs innerhalb der ‚Katholischen Jugend’ sich bilden wollen." (S. 121)

Offensichtlich hat es in Trier bei der Durchführung der "Weisung" Spannungen gegeben, insofern P. Peus und die MJC mit Recht auf ihren Sonderstatus als eine alte, von den Bischöfen immer wieder empfohlene und geförderte Jugendgemeinschaft hinweisen konnten, anderseits die Forderung nach einer Unter- und Einordnung in die pfarrliche Jugendarbeit erhoben wurde. Obwohl P. Peus offensichtlich immer wieder versuchte, die gegensätzlichen Auffassungen zu überwinden, schrieb er im November 1946 – fast resigniert – an Denzer:

    "Die zum Frieden ausgestreckte Hand ist abgewiesen. Ich weiß noch nicht, was ich tun werde." (Denzer, S. 47)

Die "Historia Domus" spricht angesichts der unerfreulichen Situation für die MJC und ihren Präses von

    "verschiedenen Schwierigkeiten, von falschen Auffassungen (opiniones) und Hindernissen aufgrund eines übersteigerten Pfarrprinzips. Aber sicher und unbeirrbar geht die MJC im 330. Jahr ihres Bestehens auf dem Weg der Wahrheit und der Liebe voran."

Die Lage entspannte sich, als Kaplan Waßmuth Stadtjugendseelsorger wurde (1948), Religion und Laienapostolat in den Vordergrund stellte und meinte, man müsse die Jugendlichen mehr fordern, und er ein richtiges Winterprogramm aufstellte. Und im April 1949 hielt Generalvikar von Meurers die Andacht beim Kreuzweg zum ‚Kreuzchen’. Allmählich lockerte sich die Spannung. Und als Matthias Wehr 1951 Bischof und Pfarrer Pe-

 


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ter Weins neuer Generalvikar geworden waren, kehrte Frieden ein. "Endlich gab es keine Belästigungen mehr." (Denzer, S. 47)

P. Peus hat angesichts dieser Situation nicht öffentlich sich und seinen Kurs verteidigt. Nur gegenüber engen Vertrauten äußerte er seine Kritik. So erwähnte er in einem Gespräch, die "lapidationes" ("Steinigung": eine Form der "correctio fraterna", d. h. der mitbrüderlichen Zurechtweisung im Noviziat) sei im Vergleich zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen milde gewesen. Indirekt versuchte er, seinen Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen, indem er in den "Monatsplänen" die Mitglieder der MJC ermahnte, ja verpflichtete, in ihrer Heimatpfarrei in der Jugendarbeit mitzuarbeiten, ja als Gruppenführer Verantwortung zu übernehmen. Schon im ersten "Monatsplan" vom September 1945 heißt es:

    "Wir unterstützen gewissenhaft die Jugendarbeit unserer Pfarrei und gehen mit gutem Beispiel voran in der Teilnahme an der Jugendkommunion, Glaubensstunde und Jugendmesse."

Ähnlich heißt es im Monatsplan vom März 1946 im "Wort an alle":

    "Von allen Mitgliedern wird erwartet, dass sie am Pfarrleben regen Anteil nehmen und in jeder Weise durch ihre Haltung die Jugendarbeit der Pfarrei unterstützen. Fallen Veranstaltungen in der Pfarrei mit MJC-Veranstaltungen zusammen, was sich nicht vermeiden lässt, dann geht die Pfarrei vor. – In der Fastenzeit hört jeder jede Woche die Fastenpredigt, und jeder nimmt nach Möglichkeit auch an den Stationsmessen der katholischen Jugend Triers teil."

Nicht zuletzt wird in den "Monatsplänen" immer wieder darauf verwiesen, wie die Bischöfe und der Papst die Marianischen Kongregationen gefördert und empfohlen haben. Im Monatsplan vom Juli 1946 wird nach einem Hinweis auf einen Hirtenbrief von Erzbischof Bornewasser, der davon spricht, dass ihn "Tag und Nacht die geistige, sittliche, religiöse und seelische Zerstörungsarbeit der Vergangenheit quälend verfolgt", der Hirtenbrief der Bischöfe Bayerns vom 9. April 1946 zitiert:

    "Wir sind überzeugt, dass die bewährten und verdienten Marianischen Kongregationen im alten Geist und mit neuer Begeisterung ihre Banner wieder entfalten zur eigenen Heiligung und zu apostolischem Wirken."

Im Monatsplan vom Oktober 1946 folgt ein Hinweis auf eine Ansprache von Papst Pius XII. vom 21. Januar 1945; in ihr habe der Papst gesagt,

    "dass das Vorbild des Katholiken, so wie es die Marianischen Kongregationen seit ihren Anfängen zu formen bemüht waren, vielleicht noch nie den Bedürfnissen und Verhältnissen irgendeiner Zeit so entsprochen haben wie der jetzigen."

 


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Im Monatsplan für den Monat Mai 1947 wird unter der Überschrift "Unser Erzbischof und die MJC" die positive Einstellung von Bischof Bornewasser seit vielen Jahren betont – auch ein Zeugnis dafür, dass P. Peus kein Öl ins Feuer gießen wollte. Es heißt dort:

    "Sagen wir es gleich zu Anfang: In freudiger Dankbarkeit gedenken wir des Wohlwollens, das unser Erzbischof in den 25 Jahren seines dornenreichen Trierer Pontifikates unserer Kongregation geschenkt hat. Stets nahm er innigen Anteil an unserer Arbeit. Oft war er unter uns, um die Kandidaten auf immer in die congregatio mariana aufzunehmen; oft beehrte er unsere Bühnenspiele im Stadttheater oder in der Treviris durch seine Gegenwart; oft dankte er in seiner edlen Herzlichkeit, wenn die Sodalen zu festlichen Tagen gratulierten. Der hohe Jubilar war ein eifriger Förderer, als die MJC das Bischof-Korum-Haus plante, das Haus, das die Kongregation für seine Bistumsjugend baute. Unvergesslich bleiben uns die erhebenden Aufnahmestunden in St. Paulus (1934) und in St. Irminen (1937). Damals standen wir schon im Kampf mit den Mächten, die auch uns im November 1937 zu vernichten suchten. In den langen, bitteren Verbotsjahren war es unserem Oberhirten immer ein großer Trost, wenn er von der stillen, selbstverständlichen Treue unserer Sodalen hörte. Für die gegenwärtige Zeit gab er im Hinblick auf die Neugestaltung der Jugendseelsorge Richtlinien, die wir selbstverständlich zur Grundlage unserer Arbeit machen. Treu und kindlich ergeben stehen wir in den Reihen seiner Diözesanjugend. Wir danken Gott für das 25-jährige Hirtenamt unseres Erzbischofs unter dem Schutz und Schirm der Himmelskönigin und erflehen für seinen Lebensabend den Segen des Allmächtigen."

Im Monatsplan vom April 1948 wird auf eine Rundfunkbotschaft von Pius XII. hingewiesen, die an den Kongress der MCen vom 7. Dezember 1947 in Barcelona gerichtet ist:

    "In der gegenwärtigen Stunde sind die geistige Schulung der Sodalen und eine intensive Betätigung des Apostolates ohne Preisgabe der Eigenart der MC in brüderlicher Zusammenarbeit mit allen eine gebieterische Pflicht."

Auch im Sodalenbrief zum Titularfest 1948 wird auf Worte von Papst Pius XII. hingewiesen:

    "Sein Wille ist es, dass die MCen blühen und in ihren Formen und Methoden sich entfalten. Er warnt vor dem Irrtum, die nur eine Form der jugendlichen Gemeinschaft anstreben."

Ausdruck der endgültigen "Normalisierung" der Beziehung zwischen der MJC und dem BdKJ darf man wohl die Grußworte von Generalvikar von Meurers und von Diözesanjugendseelsorger Waßmuth ansehen, die im "Goldenen Monatsplan" vom Dezember 1950 veröffentlicht wurden (vgl. "Dokumentation", S. 66 f).

 


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c. Das Vermögen der MJC

Da die MJC eine kirchliche Vereinigung war, konnte sie besonders bezüglich der Sodalitätskirche Welschnonnen und des damit verbundenen Vermögens nicht als Eigentümerin in das Grundbuch eingetragen werden. Deshalb war eine juristische Vereinigung notwendig. Das führte zur Gründung eines "Schutzvorstandes", der 1916 ins Vereinsregister eingetragen wurde. Um die enge Verbindung mit der aktiven MJC auch äußerlich zum Ausdruck zu bringen, nahm der eingetragene Verein den Namen "Marianische Jünglings-Kongregation Maria Himmelfahrt Trier e. V." an.

Um den "Bildungsaufgaben der modernen Jugendpflege in vollem Umfang gerecht zu werden", wie Dr. Chardon, der langjährige Präses, in einem "pro memoria" ausführte (vgl. Bistumsarchiv Nr. 0026), und weil das bisherige Heim in der Dietrichstraße 40, dem heutigen Ignatiushaus, nicht mehr zur Verfügung stand, ging man auf die Suche nach einem passenden Heim in der Nähe der Kongregationskirche und fand es im sogenannten "Martin’schen Haus" in der Sichelstraße, dem vorderen Teil des sogenannten "Fetzenreichs". Eine Arrondierung durch Zukauf der angrenzenden Gebäude, besonders des "Mergener Hofes" war von vornherein ins Auge gefasst. So wurde im Jahr 1930 der Mergener Hof erworben und wiederhergestellt.

Da der Besitz eines solchen Areals aber über die Bedürfnisse der MJC weit hinausging, lag der Gedanke nahe, "eine Zentralstelle für die Gesamtjugend der Diözese dort zu schaffen", wie Dr. Chardon in seinem "pro memoria" darlegt. Juristischer Träger wurde der eingetragene Verein "Marianische Jünglingskongregation Maria Himmelfahrt Trier e. V." Im neuerstandenen "Bischof-Korum-Haus" fand die MJC ihr neues Heim; untergebracht waren aber auch das Diözesanamt der katholischen Jungmännervereine, die Kreisstelle der DJK und andere Institutionen.

Als am 10. November 1937 der "Jungmännerverband" zusammen mit seinen Unter- und Nebengliederungen durch das NS-Regime aufgelöst und deren Vermögen beschlagnahmt und sichergestellt wurde, fiel das Vermögen der MJC an den preußischen Staat. Noch im Jahr 1939 wurde allerdings die Welschnonnenkirche dem Generalvikariat übergeben. Nach dem Krieg wurden die übrigen Gebäude von den staatlichen Behörden an die Verwaltung des Bistums übergeben und von dieser benützt: das Haus an der Sichelstraße wurde zunächst für Wohnungen vermietet, während im Mergener Hof die Bistumskasse und das Bistumsarchiv untergebracht wurden. Der Welschnonnenkirche diente der Pfarrei Liebfrauen als Notkirche.

 


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Wie Heinrich Denzer schreibt (S. 48 f), wurde 1948 "Restitutionsklage gegen das Land Rheinland-Pfalz" als Rechtsnachfolger des preußischen Staates erhoben. Diese Klage wurde erst am 5. November 1951 durch Vergleich zugunsten der MJC entschieden. Weil das Amtsgericht Trier einen juristischen Träger des Eigentums verlangte und nach dem vor dem Krieg bestehenden "Schutzvorstand" fragte, wurde Ende 1952 ein neuer eingetragener Verein gegründet. Der eingetragene Verein wurde daraufhin als Eigentümerin der Welschnonnenkirche in das Grundbuch eingetragen. Doch behielt die bischöfliche Behörde die Nutzung und Verwaltung des Besitzes besonders bezüglich des Bischof-Korum-Hauses und des ehemaligen Heims der MJC in der Sichelstraße. Der Mergener Hof konnte schon Ende 1951 teilweise wieder bezogen werden; einige Räume wurden als "Silentium" benützt, in dem Schüler unter Aufsicht eines pensionierten Studienrats ihre Hausaufgaben machen konnten. Im Mai 1952 wurde P. Peus – nach dem Auszug der Liebfrauenpfarrei – Rektor der Welschnonnenkirche. Er ließ sofort die Kirche instandsetzen; denn neue Fenster und ein neuer Anstrich waren notwendig geworden. Schließlich bedurfte die bekannte "Stumm-Orgel" einer Renovierung und Erweiterung.

 

d. Die Leitlinien der Arbeit in der MJC: "Das Programm von 1949"

In einem Brief an P. Provinzial Deitmer, datiert am 6. Januar 1949, schreibt P. Peus: "P. Sozius bat mich um beiliegende Stellungnahme zur Jugend-MC. Hoffentlich ist sie das, was Sie wünschen." Man kann diese "Stellungnahme" als "Programm" für sein weiteres Wirken in der MJC ansehen.

    Bedeutung der Jugend-Kongregation
    Ob der junge Christ aus der Geborgenheit einer noch tief religiösen Familie oder aus einer religiös indifferenten Familiengemeinschaft kommt, er ist bedroht von den Ungeistern und Irrtümern unserer Zeit. Ihn gegen die rein diesseitige Lebensauffassung und den nivellierenden Kollektivismus immun zu machen und ihn für den Wert der Übernatur und für die Verantwortung zur Persönlichkeitsbildung innerlich aufzurufen, das sind die Hauptanliegen und Hauptaufgaben der heutigen Jugenderziehung. Voraussetzung für diese Erziehung ist die erleuchtete Einsicht und Klarheit und Festigkeit im Wollen des Erziehers. Das christliche Erziehungsideal ist heute bedroht von den allgemeinen groben Irrtümern der Zeit, aber auch von den nicht leicht erkennbaren feineren Konzessionen an die geistigen Strömungen der Gegenwart, z. B. die Überbetonung des Apostolischen auf Kosten eines gepflegten inneren Lebens (Häresie des Aktivismus; Amerikanismus), die Verwischung der Ge-

 


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    schlechterunterschiede (gemeinsame religiöse Erlebnisse, Tagungen, Zeitschriften, gemeinsamer Bund usw.), Vernachlässigung der Berufsausbildung durch Überlastung der Jugendlichen mit apostolischen Aufgaben, das Vergessen, dass ein wesentlicher Unterschied zwischen Priester und Laien besteht (man steigt zu sehr zu den Laien herab; man ist mehr Jugend f ü h r e r als Jugend s e e l s o r g e r; man vergisst oder beachtet nicht die sakramentale Dynamik des Ordo).

    Alle Strukturfehler im christlichen Erzieherraum haben ihren Grund in dem Mangel an einem "sentire cum ecclesia", konkret: im Abrücken von der pädagogischen Weisheit, die wir in den von der Kirche anerkannten Erziehungsgrundsätzen, nämlich der MC, besitzen. Die Bedeutung der Jugendkongregation für die Erziehung des jungen Christen in unserer Zeit ist leicht erkennbar aus den päpstlichen Dokumenten, insbesondere aus der "Constitutio apostolica" Pius’ XII., in der klar und gebieterisch die wesentlichen Forderungen an das Erziehungswollen zum Ausdruck gebracht wird.

    Wenn der junge Christ unserer Tage morgen als führende Persönlichkeit im privaten wie im öffentlichen Leben stehen soll, muss er über geistige Klarheit und Ordnung verfügen. Das wird er nur können, wenn er in den Jugendjahren Ordnung in sein eigenes Leben gebracht hat und um diese innere Ordnung, die später die Quelle seines Denkens, Handelns und Entscheidens sein wird, gerungen hat. In der MC findet der junge Christ alle idealen Hilfsmittel für diese Voraussetzungen. Die Bedeutung der Jugendkongregation steht und fällt mit der Persönlichkeit des Präses, der sich ständig an den kirchlichen Dokumenten kontrollieren muss, und der bewusst darauf verzichtet, s e i n e Ideen zu propagieren, und nur das will, was die Kirche will. Der mit der Kirche lebende Priester wird als Jugenderzieher leichter die Irrtümer der Zeit erkennen und ihnen nicht zum Schaden der Jugend zum Opfer fallen.

    Von großer Bedeutung für den jungen Menschen ist die Erziehung zur Ehrfurcht und Autorität, die ohne den Willen zu horchen und zu gehorchen als seelisches Eigentum nicht erlangt werden. Verhängnisvoll muss sich deshalb auswirken, wenn dem jungen Menschen der priesterliche Führer zur Wahl gestellt wird, und dieser nur Beirat(d) ist. In der MC ist die Stellung des Präses als führende und leitende Persönlichkeit durch die Kirche festgelegt. Durch die Form des "Geistlichen Beirates" ist der Weg offen für eine Gleichschaltung von Priester und Laien, die auf weite Sicht gesehen für die geistige Entwicklung des jungen Christen Gefahren und nicht mehr gut zu machende Schäden mit sich bringt. Ein echtes "sentire cum ecclesia" hätte diesen Fehlgriff in der modernen christlichen Jugendführung vermeiden lassen.

    In der Praxis wird der MC-Präses sein Augenmerk auf Masse und Elite richten. Nur Elite heranzubilden, das würde leicht in ein Ghetto führen, zu einer Abkapselung, die im Jugendlichen unbewusst zu engherzigem Hochmut führt. Die Masse wird die erste Operationsbasis, die dem höher Strebenden ein hartes apostolisches Arbeitsfeld bietet. In allen, in Elite wie in Masse, die

 


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    den Weg zur MC finden, muss der "progressus in pietate litterisque" angestrebt werden.

    Abschließend wäre zu betonen, dass ein uneingeschränktes Ja zur kirchlichen Pädagogik, wie sie sich in der MC darstellt und von der Gesellschaft Jesu immer verstanden wurde, Strukturfehler, Fehlentwicklungen und Halbheiten in Theorie und Praxis vermeiden hilft, wenn nicht sogar ausschließt.

Die Reaktion von P. Provinzial Deitmer auf diese "Stellungnahme" bemängelte nicht "die ausgezeichnete grundsätzliche Darlegung". Gewünscht wurde jedoch

    "eine kurze Relatio über Ihre Arbeit: Statistik im Groben, Veranstaltungen, sonstige Arbeitsweise u. a., Leiden und Freuden der MJC; ihre Bedeutung für Trier." (Brief vom 11. Januar 1949)

In einer neuen "Stellungnahme" von P. Peus, in der die gewünschten Punkte kurz belegt wurden, sind vor allem die Ausführungen über die "Bedeutung für Trier" wichtig:

    "Pflege der Priester- und Ordensberufe, die von einzelnen kirchlichen Persönlichkeiten (Regens des Priesterseminars, Religionslehrer, ältere Domkapitulare usw.) anerkannt und gelobt wird. Fortführung der alten Jesuitentradition. MJC-Familien (d. h. Väter und Söhne sind Sodalen). Religiöser Einfluss auf das Schulklassenmilieu. Reiche Möglichkeit zur religiösen und geistigen Pflege unter den Schülern und Studenten. Ausstrahlung des Apostolates auf die gesamte Jugendarbeit in Stadt und Land (durch Fahrschüler). Betreuung vieler Jungen, deren Väter im Krieg gefallen sind. Erfassung der gefährdeten Fahrschüler. Kampf gegen Schmutz und Schund (Kino!). Sodalen in führenden Stellen: Regierung, Akademiker, Kaufleute und Meister."

Sowohl die "grundsätzliche Darlegung" über die "Bedeutung der Jugend-Kongregation" als auch die spätere Konkretisierung zeigen, wie P. Peus seine Tätigkeit verstanden hat. Sie bilden das Leitbild seiner ganzen Arbeit in der MJC. Er fasste seine Aufgabe in dem programmatischen Grundsatz zusammen: "In pietate litterisque progressus – Fortschritt in der Frömmigkeit und in den Wissenschaften", ein Grundsatz, der dem Erfolgsdenken des säkularen Menschen diametral entgegengesetzt ist. Im Monatsplan vom Juli 1946 wird gesagt:

    "Treu unserem Wahlspruch ‚In pietate litterisque progressus' wollen wir alles aufbieten, um unseren Anteil an der seelischen Gesundung der Jugend zu erfüllen."

 


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(1) Progressus in pietate – Fortschritt in der Frömmigkeit

Das Erziehungsziel von P. Peus war – wie er sagte – "nicht der christliche Junge, sondern der christliche Mann". Darauf – d. h. auf die "Selbstheiligung" und darauf basierend die "Weltheiligung – war sein Wirken von Anfang an ausgerichtet. Selbstverständlich übernahm er die schon lange in der MJC geübten Frömmigkeitsformen. Im Mittelpunkt standen die General-Kommunion am letzten Sonntag im Monat und die Kongregationsandacht mit einer Ansprache und Gebet an den meisten Sonntagen. Am Abend vor dem monatlichen Herz-Jesu-Freitag wurde die "Heilige Stunde" gehalten.

Schon seit Herbst 1945 gab es eine Gemeinschaftsmesse im Ignatiushaus an jedem Samstag und an den Herz-Jesu-Freitagen. Hierhin gehörten auch die Einhaltung der sechs "Aloysianischen Sonntage", der jährliche Gang des Kreuzwegs vor Ostern auf den Petrisberg, die Wallfahrten nach Klausen, die Weihnachtsmette im Ignatiushaus und in der Welschnonnenkirche. Als im Jahr 1951 in der Kirche der Weißen Väter eine "ewige Anbetung" eingerichtet wurde, initiierte P. Peus eine "acies orans", die darin bestand, dass jeden Tag um 15 Uhr wenigstens zwei MJC-Mitglieder dort eine halbe Stunde beteten.

Eine große Rolle spielten in der MJC natürlich die Feiern anlässlich des Christkönigs-Versprechens, der Kandidaten- und der Sodalenweihe. Die Sodalenweihe auf Lebenszeit fand im Alter von 17 – 20 Jahren statt. Die letzte Sodalenweihe zu Lebzeiten von P. Peus war am 1. Dezember 1957 durch den Generalsekretär der MC-en P. Paulussen aus Rom. Diese Feiern waren willkommene Anlässe, um Pracht zu entfalten. "Mit dem sicheren Gespür eines Regisseurs wusste er sehr genau, wie weit er gehen konnte, ohne kitschig zu werden." (Rendenbach, S. 503)

Großen Wert legte er auf die Einkehrtage der Jüngeren und die Exerzitien der Älteren. Da duldete er kein Kneifen; er scheute keine finanziellen Opfer und bemühte sich um den passenden Exerzitienmeister. Meistens waren es Patres, die aus der MJC hervorgegangen waren, so die PP. Mühlenbrock, Philippi, Schilling und Sudbrack. Er selbst tauchte immer wieder bei diesen Kursen auf, um nach dem Rechten zu sehen.

Zentral für das Wirken von P. Peus und bei den vielen genannten religiösen Feiern und Veranstaltungen war die Pflege der Marienverehrung. Vom Beginn seines Wirkens in der MJC wird dies deutlich. Schon für den 19. Oktober 1933 heißt es im "Diarium" des Ignatiushauses:

 


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    "Die MJC von 1617 huldigt in feierlicher Weise der Rosenkranz-Königin 8 Uhr abends in der Hospitalkirche St. Irminen. P. Peus hält die Festansprache. ... Große Beteiligung auch von Seiten der Eltern."

Am 9. Dezember 1934 findet eine große Marienfeier im Trierer Dom statt, die von P. Peus vorbereitet wurde. Das "Diarium" berichtet darüber:

    "Gewaltige Marienfeier im Dom für die katholische Jugend von Trier Stadt und Land. Es sprachen Msgr. Generalpräses Wolker und Bischof Bornewasser. Die Reden wurden durch Lautsprecher in die Liebfrauenkirche und auf den Domfreihof übertragen; die Zahl der Teilnehmer wurde auf 15 000 geschätzt. Die Kundgebung wurde vorbereitet von P. Peus."

Bei dieser Feier stand neben den Predigten von Prälat Wolker und Bischof Bornewasser die "Huldigung der Jugend an die Unbefleckte Empfängnis". Dieser Text, der im Wechsel zwischen Vorbeter und Teilnehmern vorgetragen bzw. gebetet wurde, trägt eindeutig die Handschrift von P. Peus. Das geht aus vielen Formulierungen hervor, die sich in seinem Gedicht "Ritter vor unserer Lieben Frau" (vgl. "Dokumentation", S. 87) finden. Im Schlussteil heißt es:

    "Maria,

    Du unseres Herren
    Mutter und Magd,
    Du, unsere Königin,
    Herrin und Mittlerin,
    Wir, Trierer Jugend
    Knieen
    Bittend vor Dir.
    Trag unser Lob,
    Trag unser Lied
    Als Bekenntnis und Chor
    Zu dem empor,
    Der Dich und uns
    Aus der Sünde herhob:
    Zu Christus.
    (Vgl."Dokumentation". S. 63)

Ausdruck der in der MJC geübten Marienfrömmigkeit waren aber nicht nur diese großen Feiern, sondern vor allem die feierlichen Aufnahmen in die Marianische Kongregation. Dreimal in der Zeit vor dem Verbot fanden diese statt: 1934 in St. Paulus durch Bischof Bornewasser; am 8. Dezember 1935 in St. Irminen durch P. Peus; am 2. Februar 1937 in St. Irminen wieder durch Bischof Bornewasser.

 


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Das änderte sich nicht nach dem Krieg. Schon im Monatsplan für die Advents- und Weihnachtszeit 1945 wies er zum "Immaculata-Fest" auf die 40. Regel der MC hin:

    "Die Sodalen sollen ihre (Marias) erhabenen Tugenden nachzuahmen streben, auf sie ihr ganzes Vertrauen setzen und sich gegenseitig aneifern, sie zu lieben und ihr mit kindlicher Ergebenheit zu dienen."

Im Monatsplan vom April 1946 wird auf die 1. Regel der Marianischen Kongregationen hingewiesen, in der in besonderer Weise betont wird, diese seien

    "religiöse Vereinigungen mit dem Zweck, in ihren Mitgliedern eine besonders innige Hingabe, Ehrfurcht und Kindesliebe zur seligsten Jungfrau Maria zu pflegen."

Für P. Peus war jedoch alle Marienfrömmigkeit und Marienverehrung letztlich hingerichtet auf Jesus Christus – gemäß dem immer wiederholten Wort: "Per Mariam ad Jesum – durch die Vermittlung Mariens zu Jesus". Was er in einem Text "Ritter vor unserer lieben Frau" viele Jahre zuvor im Blick auf die "Ritterweihe" im Bund "Neudeutschland" ausgesprochen hat, das galt ihm auch für die Mitglieder der MJC, besonders für die Kandidaten und Sodalen:

    "Maria,
    du
    unseres Königs
    Mutter und Magd,
    du
    unsere Königin,
    Herrin und Mittlerin,
    wir
    Christusritter
    knien vor dir
    und bitten Gehör.
    Hilf du uns
    würdig tragen
    zu deines Sohnes Ehr’
    seinen herrlichen Namen.
    Maria,
    Unsere Liebe Fraue,
    wir
    Christusritter
    schauen
    voll Vertrauen

 


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    auf zu dir.
    Amen.

    ("Leuchtturm", Jg. 20, 1928/29)

Auch in seinem Bericht über "Die Einkehr von Neresheim" aus dem Jahre 1935 ist der Sinn der Verehrung der Gottesmutter deutlich ausgesprochen: Die marianische Kongregation

    "will als Erziehungsziel einzig und allein Christus, sie will von uns Christusförmigkeit, und sie will, dass es uns einzig auf Christus Ankommt. In der Erreichung dieses Zieles steht aber Maria nicht Hemmend, sondern fördernd und helfend vor uns. Wir Sodalen Gehören zur Christusjugend als Marienjugend, wir sind Marienjugend, um Christusjugend zu sein. In der Marienverehrung sehen wir einen gottgewollten Weg zu Christus und zur Christusgefolgschaft."

    ("Junger Heerbann U. L. Frau", Jg. 1935, Nr. 10)

Eng verbunden mit dieser Ausrichtung auch der Marienverehrung auf Jesus Christus war für P. Peus deshalb die Liebe zur und der Dienst für die Kirche selbstverständlich - gemäß der im Neuen Testament (vor allem Joh 19, 25-27) grundgelegten Lehre von Maria als der "Repräsentantin" der Kirche. Schon im soeben zitierten Bericht über "Die Einkehr von Neresheim" schreibt er unmissverständlich, die marianische Kongregation sei "eng an die Kirche angeschlossen" und schaue "immer nur auf sie. Gerade das ‚sentire cum ecclesia’ wird sie für die Jugenderziehung den richtigen Weg finden lassen." Im Monatsplan vom Januar 1946 führt er als "Jahresparole" die 33. Regel der MC an:

    "Ein guter Kongreganist muss vor allem ein guter Christ sein. Er muss Glauben und Leben vollständig mit der Glaubens- und Sittenlehre der Hl. Katholischen Kirche in Einklang bringen, hochhalten, was sie hochhält, zurückweisen, was sie zurückweist, in allem mit ihr denken und fühlen und sich nicht schämen, im privaten und öffentlichen Leben als treuer und gehorsamer Sohn unserer hl. Mutter der Kirche aufzutreten."

 

(2) Progressus in litteris – Fortschritt im Wissen

Neben dem Bemühen, die Mitglieder der MJC an ein geistliches Leben heranzuführen, hatte für P. Peus ein anderer Bereich eine große Bedeutung, und zwar die Förderung nicht nur in den Wissensfächern der Gymnasien, sondern – die MJC stand ja auch Berufstätigen offen – auch in der beruflichen Ausbildung.

Um seinem Bemühen der Förderung seiner Jungen in den Wissensfächern Nachdruck zu verleihen, war die "Zeugniskontrolle" eine streng geübte

 


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Maßnahme. Er wollte nach jedem Tertial die Schulzeugnisse aller Jungen sehen. Über die wichtigsten Noten führte er in seiner Kartei Buch, und dementsprechend fielen Lob oder Tadel aus; auch vor Strafen schreckte er nicht zurück. Er erwartete, dass seine Jungen zu den Besten ihrer Klasse gehörten.

Noch bevor am 1. Oktober 1945 der Schulunterricht wieder begann, richtete P. Peus im Ignatiushaus Unterrichtskurse in Latein, Französisch und Mathematik ein. Auf den Hinweis der Stadtverwaltung, die französische Militärverwaltung habe jeglichen Privatunterricht verboten, reagierte er nicht und führte die Kurse im geheimen weiter. Nachdem der schulische Unterricht wieder aufgenommen werden konnte, kam bald der Nachhilfe-Unterricht hinzu; gerade die älteren Schüler wurden dabei eingespannt; nicht nur, um ihre eigenen Kenntnisse z.B. in Latein zu vervollkommnen, sondern um vor allem die soziale Verantwortung zu fördern. Als 1951 ein Teil des Mergener Hofes von der MJC wieder benützt werden konnte, richtete er in den freigewordenen Räumen ein "Silentium" ein, das in den ersten Jahren von einem pensionierten Studienrat beaufsichtigt wurde.

Die umfangreiche Bibliothek der MJC war beim Verbot durch die Gestapo 1937 zusammen mit dem Vermögen beschlagnahmt worden. Doch schon nach dem Umzug ins Ignatiushaus baute P. Peus den Bücherbestand aus. Sie standen in seinem Arbeitszimmer. Sie "überlebte" die Zerstörung durch den Krieg, weil sie in Kisten verpackt und an mehreren Orten deponiert wurde. Zwei dieser "Bücherkisten" – so berichtet ein Altsodale – dienten im Winter 1944 / 45 als willkommene Lektüre in der schulfreien Zeit.

Die Bibliothek, die von 1945 an umfangreicher wurde, enthielt auf der einen Seite die für den Schulunterricht notwendigen altsprachlichen Ausgaben und Texte für das Fach Deutsch, da es kaum Nachkriegsausgaben gab, sondern auch religiöse und unterhaltende Literatur. P. Peus lieh gerade diese persönlich aus und suchte für jeden das geeignete Buch heraus. In der Fastenzeit gab es jedoch keine Abenteuer-Bücher, sondern nur besinnliche und religiöse Literatur: In einem Monatsplan heißt es: "Heute beginnen Karl May und seine Genossen die Fastenzeit. Wir aber pflegen die geistliche Lesung." (Februar 1955)

Neben den Büchern legte P. Peus Wert darauf, vor allem die Schüler der Oberstufe der Gymnasien mit Zeitschriften und interessanten Themen-Mappen bekannt zu machen und zu versorgen. So weist schon der Monatsplan vom März 1948 auf ausgelegte Zeitschriften hin. Genannt werden die "Stimmen der Zeit", das "Hochland", die "Frankfurter Hefte", die "Herder-

 


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korrespondenz" und die "Katholischen Missionen". Immer wieder drückte er seinen Jungen die entsprechende Zeitschrift in die Hand mit dem Hinweis auf einen – auch für die Schule – wichtigen Artikel. Bei der Rückgabe vergewisserte er sich, ob der betreffende Artikel auch gelesen und verstanden worden war.

In diesem Zusammenhang sind auch die vielen Vorträge zu nennen, die P. Peus "organisierte", und zwar nicht nur für die älteren Mitglieder der MJC, sondern auch für die Schulen in Trier. So hielt P. Hubert Becher SJ in der Aula des Max-Plank-Gymnasiums Anfang 1951 einen Vortrag über moderne Literatur. Zwei Jahre später sprach P. Becher im Ignatiushaus über "Moderne Literatur, gemessen an der christlichen Moral". Zu nennen sind aber auch Vorträge über Atomphysik, über soziale Probleme von P. Hans Hirschmann. Ein Arzt – Dr. Kaiser aus Boppard – hielt ein Referat mit dem Thema "Du und dein Leib"; P. Felix Rüschkamp SJ sprach über "Vom Frühmenschen bis heute". Aber auch andere bekannte Mitbrüder aus dem Jesuitenorden wusste P. Peus für Vorträge zu gewinnen, so z. B. P. A. Grillmeier und P. J. Lotz. Rendenbach schreibt in seinem Nachruf:

    "Reiste irgendein für die Jungen interessanter Mitbruder durch Trier, dann schleppte er ihn herbei. Wie viele Jesuiten verschiedenster Prägung haben wir so kennen gelernt und, was noch wichtiger war, wie viele Arbeiten und Arbeitsmethoden der Gesellschaft." (S. 506)

P. Peus war noch kein Jahr in Trier, als er schon die Redaktion der MC – Zeitschrift "Junger Heerbann U. L. Frau" übernahm. Das war für ihn eine willkommene Gelegenheit, seine Jungen ans Schreiben zu bringen, und zwar Berichte über Tagungen, Fahrtenerlebnisse usw. je nach Alter und Klasse; alle kamen an die Reihe. Dabei kam die Redakteur-Erfahrung von P. Peus den Beiträgen zugute. Vor allem aber bot diese Zeitschrift ihm selber ein Forum, seine Vorstellungen von den Aufgaben einer Marianischen Kongregation darzulegen (vgl. dazu oben S. 13, 17 und 100 – 105). Man kann sich angesichts vieler Äußerungen nur wundern, dass die Zeitschrift erst mit dem Verbot der MJC Ende 1937 ebenfalls verboten wurde.

Nach dem Krieg führte er diese Tradition der Beiträge in seinem MJC-internen "Monatsplan" weiter. Die großen und kleinen Berichte des Lebens in der MJC wurden dargestellt. Ausführlich werden vor allem die Einkehrtage und Exerzitienkurse geschildert, aber auch die Sportereignisse und die Karnevalsfeiern. Es wird berichtet über die Teilnahme an einem sozialen Seminar in Walberberg, an den jährlichen Primanerakademien in Bad Go-

 


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desberg, aber auch von manchen anderen Fortbildungsveranstaltungen für die älteren Mitglieder.

Zu nennen ist in diesem Zusammenhang nicht zuletzt die Förderung von talentierten Mitgliedern im Bereich der Musik. Vor dem Krieg bestand in der MJC ein Orchester und ein Chor. Diese entstanden nach 1945 nicht wieder. Doch schon früh entstand der sogenannte "Instrumentalkreis", der bei vielen Gelegenheiten von 1947 an auftrat, so bei einer Festakademie für den Alt-Präses Dr. Chardon und bei der Eröffnung des Sportfestes der FISEC 1955 in Trier. Genannt werden unter den von P. Peus geförderten Musikern immer wieder der Pianist Alexander Sellier, der leider früh verunglückte Cellist Hans Strahl und Heinz Lonquich.

Mit Sicherheit hat diese Förderung von talentierten Mitgliedern der MJC eine Rolle gespielt bei der Wiederherstellung der Stumm-Orgel in der Welschnonnenkirche. In seiner Begrüßungs- und Dankansprache anlässlich der Einweihung der Barockorgel hat im März 1958 P. Peus zu den geladenen Förderern und Gästen diese Intention ausdrücklich genannt:

    "Wie einst Dr. Schuh als Quintaner an der Welschnonnenorgel gesessen hat und mit ihm viele andere, so werden bald jugendliche Musiker an dem neuen Werk sitzen. Sie werden es Ihnen danken, und wir dürfen hoffen und wollen wünschen, dass aus den Musikschülern der MJC auch eines Tages neue Meister der Orgel erstehen." (Vgl. "Dokumentation", S. 70)

 

(3) Betätigungs- und Bewährungsfelder

Zum erzieherischen Konzept von P. Peus gehörte neben den beiden Bereichen des Religiösen und Schulischen der Bereich der Freizeit. Ja es scheint, als ob er zumindest zeitweise der Meinung war, dass die Mitglieder ihre freie Zeit möglichst in der MJC verbringen sollten. Das geht aus seinen Äußerungen in Monatsplänen hervor: so im Februar 1946, im Mai 1948 und auch noch im Dezember 1952, wo er im Monatsplan einen Aufsatz mit dem Thema "Ein Sonntag in der MJC" schrieb. Im Monatsplan vom Mai 1948 wird dies klar ausgesprochen:

    "Es ist der dringende Wunsch der MJC, dass alle Mitglieder ihre Freizeit nach Möglichkeit in der Kongregationsgemeinschaft verleben. ... Die MJC bietet eine Fülle von geistigen und körperlichen Erholungsmöglichkeiten in der Freizeit."

Es ging ihm aber nicht nur um das "Bewahren vor der bösen Welt", sondern darum, positive Möglichkeiten einzuüben und Erfahrungen zu vermit

 


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teln. In diesem Zusammenhang sind die Fahrten und Lager zu sehen, die Veranstaltungen zu Karneval, nicht zuletzt der Bereich des Sports.

 

(a) Fahrten und Lager

Mit Sicherheit spielt im Engagement von P. Peus für Fahrten und Lager seine Prägung durch die Jugendbewegung eine große Rolle. In seinen Texten aus der Zeit nach dem 1. Weltkrieg, die er im "Leuchtturm" veröffentlicht hat, kommt deutlich zum Ausdruck, wie sehr er diesen Bereich schätzte und darin eine einzigartige Möglichkeit zur Förderung und Erziehung seiner Jungen gesehen hat, nicht zuletzt auch unter religiösem Aspekt.

In den ersten Jahren seiner Tätigkeit in Trier waren Fahrten und Lager nur eingeschränkt möglich, und zwar wegen der politischen Situation, durch die derartige Aktivitäten untersagt und nur getarnt durchführbar waren. Doch waren sie noch bis 1934 möglich. So wurde in Irrel (mit dem der MJC gehörenden "Kalkwerk" genannten Haus) von ihm ein erstes Lager durchgeführt. In seinem Nachruf schildert Rendenbach aus eigenem Erleben den Ablauf und einige Details (S. 503) Sogar Pfingsten 1935, als gemeinsame Lager, als Banner und Kluft schon verboten waren, fand in Irrel ein Treffen statt. Alle kamen in Zivil zur "Firmungserneuerungswoche".

Die große Zeit der Fahrten und Sommerlager begann aber nach dem Krieg. Zu nennen sind die ab 1946 jährlich stattfindenden Sommerfreizeiten im "Albertinum" Gerolstein, in Müllenborn, Morbach und Antweiler. Hervorzuheben sind jedoch das Pfingstzeltlager in Ernzen mit der Teilnahme an der Echternacher Springprozession und die Sommerfreizeit auf dem Schloss Dodenburg bei Heckenmünster.

Der alte Steinbruch bei Ernzen wurde 1949 von einer Gruppe Obertertianer mit ihrem Gruppenführer entdeckt und erkundet. Am Pfingstsonntag marschierten 7 Jungen zu Fuß über Newel und Ralingen an der Sauer hinauf nach Ernzen, wo sie nach einem Fußmarsch von 6 Stunden ankamen und in einer Scheune übernachten konnten. Am folgenden Pfingstmontag kam P. Peus in Begleitung eines Jungen mit dem Fahrrad nach und begutachtete den gefundenen Zeltplatz in einem alten Steinbruch. Am folgenden Tag zogen alle mit der Prozession der Pfarrei Ernzen nach Echternach zur Springprozession. Doch erst in den folgenden Jahren beteiligte sich die MJC auch an der eigentlichen "Springprozession" mit Banner und "Springern". War anfangs meistens noch sportlicher Ehrgeiz vorhanden, so verging das nach zwei oder drei Stunden "Springen".

 


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Unvergesslich wurde vor allem aber das alte Schloss Dodenburg, in dem ab 1952 fast jedes Jahre bis zu seinem Tod in drei Gruppen bis zu 70 Jungen das Sommerlager stattfand. Doch musste das heruntergekommene Wasserschloss zuerst funktionsfähig gemacht werden durch handwerklich versierte Mitarbeiter. Das Schloss hatte einen großen Park und war ruhig gelegen. Die "Regeln" waren streng. Aber trotz der straffen Zucht fühlten sich alle sehr wohl. Nach dem Wecken war für alle Frühsport. Es folgte das Morgengebet und eine Statio, in der P. Peus über die hl. Messe oder über einen Tagesheiligen sprach und eine Katechese hielt. Bei den Mahlzeiten herrschte ein strenges Regiment. Geachtet wurde besonders auf gute Manieren.

Tagsüber fehlte es nie an der richtigen Beschäftigung, damit keine Langeweile aufkam. Natürlich waren die sportlichen Spiele sehr beliebt und standen im Vordergrund; aber auch Wanderungen und Geländespiele wurden durchgeführt. Zum Schwimmen fuhr man oft nach Wittlich ins Freibad. Selbstverständlich gab es an den Abenden vielerlei Veranstaltungen. Nicht nur die Lieder der Jugendbewegung, die P. Peus sehr liebte, wurden mit Begeisterung gesungen. Immer wieder wurde einige Jungen beauftragt, über ein Ereignis des Tages, über einen Ausflug oder ein Fußballspiel zu berichten. Zwischendurch stellte er seine Fragen, so dass alle unterrichtet waren, vor allem aber dass er selber über alles ausreichend Bescheid wusste. Der Tag endete selbstverständlich mit dem Abendgebet und dem Marienlob.

Die Fahrten und die Sommerlager waren also für P. Peus wesentlicher Bestandteil der von ihm intendierten Hinführung der Jugendlichen zu einer persönlichen Religiösität, aber auch zu verantwortungsvollem sozialen Verhalten. Besonders die religiöse Formung lag ihm dabei am Herzen, zumal viele Jungen aus Familien kamen, in denen in dieser Hinsicht nach seiner Auffassung zu wenig getan wurde. Alles fand statt in einer gelösten Atmosphäre und frei von den Sorgen und Belastungen des Alltags.

 

(b) Karneval

Wie Denzer berichtet, spielte der Karneval nach dem Krieg eine größere Rolle als in der Zeit vor dem Verbot der MJC. Gab es zunächst nur "Frohe Stunden in der MJC", so wurde 1948 der "Omnibus", das Heim im Ignatiushaus, als Narrenschiff ausgestaltet. Am Rosenmontag kamen 400 Jungen

 


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im kleinen Saal des Stadttheaters zusammen. Mit Begeisterung wurde die "Moritat" mitgesungen, die von den vergangenen Jahren erzählte:

    "Einmal kam ein bös’ Verbot,
    machte uns fast mausetot.
    Aber sieh, trotz allem Schutt
    MJC ging nicht kaputt."

Als 1951 kein Saal zur Verfügung stand, der bezahlbar war, machte die MJC einen Karnevalszug, den ersten Zug nach dem Krieg in Trier überhaupt. Er war 150 m lang und führte an Hunderten von Zuschauern vorbei zur Wohnung des Oberbürgermeisters Dr. Raskin, wo der "Gesangverein Miau" anstimmte "O hängt ihn auf!" Im Zug wurde mitgeführt eine schwarze Katze. Auf sie bezog sich der Song:

    "In Trier gibt’s viele Spatzen,
    in Trier gibt’s Wein und Viez
    und auch Milliunen Katzen,
    jedoch nur eine Miez."

Eine Zeitung kommentierte diesen ersten Karnevalszug nach dem Krieg in Trier mit den Worten:

    "Verhüllt eure Häupter, ihr Obernarren! Die Jugend hat euch gezeigt, was man zu Ulk und Narretei am Rosenmontag alles anstellen kann."

Auch in den folgenden Jahren beteiligte sich die MJC an den Karnevalszügen in Trier. Das änderte sich 1957: statt Karneval war ewiges Gebet der katholischen Jugend in der Welschnonnenkirche.

P. Peus war bei allen Karnevalsveranstaltungen nur im Hintergrund tätig. Die Ausgestaltung der Feiern und des Zuges, die Lieder und Gesänge überließ er der Phantasie und der Kreativität seiner Jugendlichen. Er wurde dabei nie enttäuscht und konnte sich herzlich freuen.

 

(c) Sport

Der Sport spielte in der MJC schon eine wichtige Rolle, bevor P. Peus ihr Präses wurde. Die Handballmannschaft beteiligte sich an den Wettspielen in der Trierer Region innerhalb des katholischen Sportverbandes "Deutsche Jugendkraft" (DJK) und nahm "eine führende Stellung ein" (Monatsplan vom November 1947). Die Repressalien des NS-Regimes gegen die DJK endeten 1935 mit dem Verbot:

    "Mit der Verordnung gegen die konfessionellen Jugendverbände vom 23. Juli 1935 in Preußen ... wird die DJK aufgelöst, verboten und ihr Vermögen be-

 


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    schlagnahmt, das Erscheinen der Zeitschrift ‚Deutsche Jugendkraft’ verboten." (Rösch,1995, S. 27)

In dieser "Verordnung", in der zwar den Jugendverbänden noch eine "rein kirchlich-religiöse Art" der Betätigung gestattet wurde, wurde eine Betätigung "politischer, sportlicher und volkssportlicher Art" untersagt (vgl. "Dokumentation", S. 64).

Nach Beendigung des Krieges kam der Sport in der MJC erst allmählich wieder in Gang. Weil aber für P. Peus die Leibesertüchtigung zur Heranbildung des guten katholischen Mannes dazugehörte, suchte er nach Möglichkeiten, dies zu verwirklichen. Im Monatsplan vom Juni 1947 heißt es im "Wort an alle":

    "Im Stadion haben wir jeden Samstag von 15 – 17 Uhr Gelegenheit zu Rasenspielen. Alle sind eingeladen mitzuspielen. Auch die Steifen und Ungelenkigen, die Stubenhocker und Bücherwürmer. Wir sind nicht einseitig und spielen etwa nur Fußball. ... Sport und Spiel gehören zu den Mitteln, die uns helfen, Größeres zu verwirklichen."

Zwei Monate später kommt das Schwimmen hinzu: "Vorläufig gehen wir jeden Donnerstag um 14 Uhr gemeinsam ins Stadtbad." Im April 1948 gibt es neben dem allgemeinen Sport- und Spielnachmittag am Samstag für die Jugendlichen ab Untertertia eine Trainingszeit im Stadion zwischen 19 und 20 Uhr. Außerdem ist mittwochs Turnen in der Turnhalle des Bischof-Korum-Hauses. Im Monatsplan vom Mai 1948 heißt es in Bezug auf die "Freizeitgestaltung in der MJC":

    "Da ein Großteil unserer Jugend durch die Zeitumstände (Ausfall des Turnens, des Sportes, Gerätemangel usw.) keine Einführung in Sport und Turnen empfangen konnte, steht mancher abseits jeder körperlichen Erholung und Ertüchtigung. Sie trauen sich nichts zu. Da heißt es tapfer anfangen, sich überwinden und jede Bequemlichkeit k. o. schlagen."

Im selben Monatsplan heißt es in Bezug auf das Schwimmen, das dienstags zwischen 19 und 20 Uhr im Stadtbad stattfinden sollte:

    "Wir gehen nicht ins Stadtbad, um zu brausen. Wir wollen schwimmen lernen, sportschwimmen, springen, tauchen, Wasserball spielen usw."

Zwar wurde in den ersten Jahren bis Ende 1949 auch Fußball gespielt. Immer wieder wird in den Monatsplänen von Spielen zwischen Mannschaften der MJC und dem Schülerheim "Albertinum" in Gerolstein berichtet. Doch dann begann mit dem Frühjahr 1950 unter der Leitung des Sportlehrers

 


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Fritz Charles ein mehr systematisches leichtathletisches Training. Im Monatsplan vom März und April 1950 wird aber betont:

    "Wir ‚spezialisieren’ uns nicht, sondern wir streben nach weitgreifender, allseitiger körperlicher Ausbildung, Schnelligkeit und Wendigkeit. Unser Sport will dienen und helfen, unsere höheren Aufgaben in Kirche, Familie, Schule und Kongregation besser erfüllen zu können. Auf Zuschauer, Schlachtenbummler oder Gastvorstellungen verzichten wir."

Noch deutlicher wird dies in einem Monatsplan im Jahr 1951 ausgesprochen:

    "Leitstern für die sportliche Freizeitgestaltung war der Schatz der DJK-Erfahrung. Der Sport darf nicht absolut das Jungenherz erfüllen und die Aufgeschlossenheit für höhere Werte abriegeln. Der Sport hat in der Erziehung eine dienende Stellung. ... Das blauweiße MC-Abzeichen erinnert daran, dass wir Sport treiben in der MJC, im Heerbann U. L. Frau, in einer Acies Ordinata, die uns zur Ordnung im Leben erziehen will."

Es war für P. Peus, der schon nach seiner Rückehr aus der Gefangenschaft in der DJK mitgearbeitet hatte (vgl. seine Beiträge in der DJK-Zeitschrift: "Dokumentation", S. 105 – 113), selbstverständlich, dass die Sportgruppe in der MJC sich wieder der DJK anschloss. Das schloss für ihn ein, sich nicht vom allgemeinen Sport in Deutschland fernzuhalten (die DJK hatte vor dem Verbot von 1935 einen eigenen Spielbetrieb), sondern sich der Konkurrenz zu stellen. Er vertrat dabei entschieden die Linie von Ludwig Wolker, was 1949 dann zur Abspaltung und zur Gründung der "Sport- und Spielgemeinschaft Rhein-Weser" führte (vgl. Rösch 1995, S. 44 f). P. Peus war wie Wolker davon überzeugt, dass der Weg von "Rhein-Weser" auf Dauer eine Illusion sei. Er äußerte im Gespräch sogar einmal, gegebenenfalls einen Sonderweg zu gehen, jedenfalls eine Abschottung nicht mitzumachen. Für ihn war wohl der Gedanke ausschlaggebend, auf diese Weise die christliche Auffassung von Spiel und Sport bekannt zu machen und die Entwicklung im deutschen Sport im christlichen Sinn zu beeinflussen. Dass dies gelungen ist, zeigen die vielen Ehrungen, die P. Peus zuteil wurden, aber auch mehrere Veröffentlichungen in den Jahresberichten des Leichtathletikverbandes Rheinland (vgl. "Dokumentation", S. 114 – 122).

Schon die ersten Wettkämpfe der Sportgruppe in der Leichtathletik brachten große Erfolge. Der Staffellauf "Rund um die Altstadt" in Trier Anfang Mai 1950 wurde in der Jugendklasse überlegen gewonnen. Im Rahmen der Kreismeisterschaften der Leichtathleten gab es eine Reihe von ersten Plätzen, und bei den Rheinlandmeisterschaften in Koblenz siegten die Jugendlichen in der 4 x 100 m Staffel und in der Olympischen Staffel. In den fol-

 


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genden Jahren wurden die MJC – Leichtathleten im Rheinland zu einer der erfolgreichsten Gruppen in den Jugend- und Schülerklassen, aber auch im Aktivenbereich.

Vom Herbst 1950 an kam neben der Leichtathletik Feldhandball hinzu. Zunächst spielte nur eine Jugendmannschaft in der betreffenden Klasse mit. Im folgenden Jahr beteiligte sich auch eine Erwachsenen-Mannschaft an den Spielen. Beim ersten Spiel in der Kreisklasse vollzog der Apostolische Administrator der Diözese Hiroshima (Japan) den Anwurf; Monsignore Ogihara SJ war ein Mitnovize von P. Peus. Im Lauf der Jahre vermehrte sich die Zahl der Handballmannschaften im Erwachsenen-, Jugend- und Schülerbereich. Hinzu kamen aber auch neue Sportarten wie Fechten und Basketball.

Die Ausweitung des Sportbetriebs wird von Denzer ausführlich dargestellt (vgl. Denzer, S. 43 f). Sie brachte für P. Peus eine zusätzliche Belastung, da die organisatorische Bewältigung viel Zeit und Arbeit in Anspruch nahm, obwohl der Sportbereich eine gewisse Selbständigkeit in Anspruch nahm. Nicht zuletzt kam eine finanzielle Belastung hinzu, so z. B. durch die Sportplatzmiete. Sicherlich beeinträchtigte die zusätzliche Beanspruchung die eigentlich religiöse Arbeit in der Kongregation. Doch blieb diese Seite der religiösen Formung der Jungen nach wie vor der indiskutable Schwerpunkt seiner Arbeit. So gehörte selbstverständlich die hl. Messe am Morgen vor den Wettkampffahrten zum Programm; im Bus wurde das kirchliche "Reisegebet" gemeinsam gebetet und Lieder aus dem "Kirchenlied" gesungen.

P. Peus wurde sehr bald der Geistliche Beirat der DJK im Bistum Trier. In den Jahren 1953 und 1956 erhielt er die silberne und goldene Ehrennadel des Verbandes; 1957 bekam er sogar die goldene Ehrennadel des Deutschen Leichtathletikverbandes wegen seiner Verdienste vor allem im Schüler- und Jugendbereich. Auch international machte er sich einen Namen bei den Sportfesten der FISEC ("Féderation Internationale Sportive de l’ Enseignement Catholique") in Ostende und San Sebastian. 1955 wurde dieses Sporttreffen von der MJC in Trier ausgerichtet.

Sicherlich wurde mit der Ausweitung des Sportbetriebs und der damit verbundenen organisatorischen Arbeit eine Entwicklung in Richtung des Leistungssports in Gang gesetzt. Doch darf man nicht unsere Vorstellungen und die heutigen Erscheinungsformen des Leistungssports auf die damalige Zeit übertragen. In keiner Weise war die damals übliche Intensität des Trainings und die damit verbundene psycho-physische Belastung mit der

 


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heutigen vergleichbar. Für P. Peus wäre dies undenkbar gewesen, was viele seiner Äußerungen in Vorträgen und Artikeln belegen. Nach wie vor gehörten Spiel und Sport für ihn nur "zu den Mitteln, die uns helfen, Größeres zu erreichen" (vgl. Monatsplan Juni 1947).

Diese Auffassung vertritt er entschieden in einem Beitrag für den Jahresbericht 1956 des Leichtathletikverbandes im Rheinland mit dem bezeichnenden Titel "Wer ist der Beste?" Darin heißt es:

    "Die Frage ‚Wer ist der Beste?’ führt zu einer entscheidenden und deshalb so wichtigen Vorfrage, und diese lautet für den Besten im Sinne der ‚Bestenliste’, ja für jeden Sportler: Was bedeutet der Sport in deinem Tun und Gesamtleben? ... Vom Sportethos her gesehen hat der Sport eine dienende, helfende Funktion und die Aufgabe, dem Menschen eine wertvolle Stütze zu sein, ihm Voraussetzungen zu einem wertvollen Leben zu schaffen, ihn lebenstüchtiger zu machen und ihm Aufbauwerte – leiblicher wie geistiger Art – für das Werden und Sein seiner Persönlichkeit zu vermitteln. ... Es sei ihm unbenommen, nach sportlichen, ja olympischen Sternen zu greifen, also zur Bestleistung und Meisterschaft, aber nicht unter Einengung und Erniedrigung seiner jungen werdenden Persönlichkeit. Er muss, wenn er nicht Gefahr laufen will, menschlich zu versagen, vor die sportliche Leistung die wichtigeren und höheren Forderungen religiöser Natur, sittlicher Haltung, charakterlicher Formung und solider, ja höchster Berufstüchtigkeit stellen. Der Beste der ‚Bestenliste’ in unserem Sinn ist. ... Erst der Mensch, dem der Sport eine wertvolle Brücke zu einem wertvolleren, echten Leben ist." (Zitiert nach "Mitteilungen der Deutschen Jugendkraft Bistum Trier", Jg. 1959, S. 8)

Auf diesem Hintergrund sind die kritischen Anmerkungen zu verstehen, die P. Peus in einem Rückblick auf das Diözesansportfests im Sommer 1959 in Andernach geschrieben hat:

    "Neben dem strahlenden warmen Sommerwetter, der vorbildlichen Ausrichtung und der vorbildlichen Haltung vieler Jugendlicher gab es auch Schatten, Minuspunkte, Disqualifikationsgründe, Entgleisungen, sportliche Unfairness und charakterliches Versagen. ... Wo waren die 1000 Sportler bei der inhaltlich so gehaltvollen Abendfeier vor dem Mariendom? Wo waren die 1000 Aktiven im Festgottesdienst? ... Nächtliche Kameradschaftstreffen in Wirtschaften, Rücksichtslosigkeiten den freigebigen Quartierfreunden gegenüber, sportliches Versagen im Mannschaftskampf, zuchtlose Proteste zeugen vernichtend wider uns und sind bar jeder Werbung für die DJK."
    ("Mitteilungen der Deutschen Jugendkraft Bistum Trier", Jg. 1959, Nr. 2, S. 2–3)

In einem weiteren Beitrag für den Jahresbericht 1959 des Leichtathletik-Verbandes im Rheinland greift P. Peus das Thema "Gemeinschaft" auf. Er weist hin auf das Angewiesensein des einzelnen Sportlers auf seinen Ver-

 


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ein und auf die daraus sich ergebende Verpflichtung "zur dankbaren Treue und Anhänglichkeit seiner unmittelbaren Sportgemeinschaft gegenüber". Das zeige sich auch in der Sorge um den Nachwuchs in einem Verein. Gerade die älteren Sportler sollten sich der Jugendlichen "annehmen, selbstlos und aus Verantwortung für die positiven Werte der sportlichen Betätigung und Erziehung". Es heißt dazu:

    "Je jünger der Beste ist, der auf Grund seiner Höchstleistung in seiner Klasse einen Sieg errungen hat und führend in der Bestenliste steht, umso größer ist die Versuchung, sich und seinen Sieg zu überschätzen. ... Ein solch frühreifer flüchtiger Ruhm ist besonders für den jungen Leichtathleten eine charakterliche Belastung, die es zu meistern gilt. Wenn dann noch dazu kommt, dass der jugendliche ‚Meister’ vielleicht in seinen höheren Aufgaben und Pflichten z. B. in Schule oder im Beruf keineswegs ein Meister, sondern eine Niete ist, dann erhöht sich von selbst die Gefahr der Überschätzung. Der Sportsieg kompensiert in einem Kurzschluss nur zu schnell die weniger guten Leistungen in den lebenswichtigen Bezirken seines jungen Lebens. Solches charakterliches Versagen ist klar und eindeutig zu erkennen in der Art und Weise, wie er Forderungen stellt, wie er zur Disziplinlosigkeit neigt und wie er zu Ausgelassenheit und Maßlosigkeit übergeht, und besonders wie er seinen Verein oder seinen Trainer kritisiert. ... Hier öffnet sich für den älteren Meister (und auch für den Jugendleiter) eine notwendige pädagogischer Aufgabe. Hier ist das zündende Beispiel der Bescheidenheit eine Notwendigkeit und ein Segen. Das einsichtige Wort eines älteren Kameraden tut mehr Not denn je. Mit einem Wort: der ältere Sieger, Meister, Beste und Sportkamerad darf den jüngeren nicht sich selbst überlassen; verantwortlich muss er neben dem durch den Sportsieg faszinierten (oder hypnotisierten) Jüngeren stehen, damit dieser nicht unter die Walze seines Sieges gerät. Wie soll anders der junge ‚Beste’ als Lebensweisheit für sich erkennen, dass er sich nicht vom Sport beherrschen, ja tyrannisieren lässt, sondern ihn beherrschen und für sein Leben meistern muss." ("Mitteilungen der Deutschen Jugendkraft Bistum Trier", Jg. 1960, Nr. 2, S. 3–4)

P. Peus war sich dessen bewusst, dass der Sport eine wichtige Funktion in der Erziehung der jungen Menschen hat und diesem Ziel dienen muss. Der Sport, der wertvoll und deshalb zu empfehlen ist, setzt den Erzogenen voraus. Im Sport zeigt sich, was jemand an Formung und Zucht mitbringt, und ob jemand bereit ist, die im Sport gültigen Werte zu realisieren. Gerade hier liegt die große Verantwortung, die Trainer und Funktionäre gegenüber den ihnen anvertrauten Jugendlichen haben. Immer wieder weist P. Peus auf diese Verantwortung hin; und deshalb benützte er die Chance, seine Auffassungen in den Bereich des Sports hineinzutragen. Für seine Beiträge

 


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war man ihm dankbar. Dieser "Dank" kommt besonders in den "Nachrufen" bei seinem Tod zum Ausdruck.

 

e. Veränderte Situation (ca. 1952-1960)

Die Nachkriegszeit war im Bereich der Jugendseelsorge gekennzeichnet einerseits durch das Bemühen, die verheerenden Folgen des NS-Regimes mit seinen menschenverachtenden Lehren und Taten aufzuarbeiten. Anderseits konnte man an die in der Verbotszeit gewachsene Bereitschaft und Aufgeschlossenheit vieler Menschen für das Religiöse und auch für die Kirchlichkeit anknüpfen. Man hatte ja der nationalsozialistischen Ideologie getrotzt und – davon war man überzeugt – diese besiegt. Man wollte dieses in der Verfolgungszeit gewonnene religiös und personal fundierte innere Leben gerade der jungen Generation erhalten. Max Rössler, ein Diözesan-Jugendseelsorger, hat dieses Bemühen so charakterisiert:

    "Wir müssen ... geradezu leidenschaftlich besorgt sein, das teuer, aber nie zu teuer erworbene Geschenk der Verfolgungsjahre, nämlich die Innerlichkeit, den Drang zum Wesentlichen, den Tiefgang unserer Jugendarbeit auch nicht im mindesten preiszugeben." (Zitiert von Hastenteufel, 1962, S. 38 f)

Niemals war – das war die Überzeugung vieler Jugendseelsorger und der Jugendführer – das Gros der katholischen Jugend so offen für die kirchliche Jugendarbeit als in diesen ersten Nachkriegsjahren. Mit Sicherheit gilt diese Charakterisierung der Situation im Bereich der Jugend auch für Trier und die Arbeit von P. Peus in der MJC. Ihre "Angebote" in religiöser und erzieherischer Hinsicht wurden mit großer Bereitwilligkeit, ja Begeisterung aufgenommen. Die wachsende Zahl der Mitglieder ist für die ersten Jahre nach dem Krieg der äußere Ausdruck dafür - dies auch angesichts des "Sinnvakuums", das nach den Jahren der NS-Herrschaft deutlich wurde.

Das änderte sich, als eine Generation heranwuchs, die diese Erfahrungen der Verfolgungszeit und des Aufbruchs nach dem Krieg nicht mehr kannte; die darum auch den Impuls und die Motivation kaum nachvollziehen konnte, von der P. Peus zutiefst geprägt worden war. Hinzu kamen Gründe, die wohl weniger entscheidend waren, obwohl sie immer wieder angeführt wurden. Zu nennen ist einmal die Tatsache, dass seit dem Jahr 1952 der Untergruppen-Bereich, der stark expandierte, an P. Plümer übergeben wurde, und P. Peus diesen Bereich nur noch indirekt beeinflussen konnte. Zum anderen wird auf das Ausufern des sportlichen Engagements hingewiesen, wodurch er oft keine Zeit mehr zur gründlichen Vorbereitung von Heim-

 


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stunden und Predigten gefunden habe (vgl. Denzer, S. 44). Diese Hinweise sind spätere "Rationalisierungen" einer Entwicklung, deren eigentliche Ursachen viel tiefer liegen.

P. Peus hat diese veränderte Situation durchaus wahrgenommen, und er versuchte, diesen Trend zu verstehen und ihm gegenzusteuern. Schon in seinen "Leitlinien" vom Januar 1949 weist er auf ein Problem hin, das immer deutlicher zu Tage trat:

    "In der Praxis wird der MC-Präses sein Augenmerk auf Masse und Elite richten. Nur Elite heranzubilden, das würde leicht in ein Ghetto führen, zu einer Abkapselung, die im Jugendlichen unbewusst zu engherzigem Hochmut führt. Die Masse ist die erste Operationsbasis, die dem höher Strebenden ein hartes apostolisches Arbeitsfeld bietet. In allem, in Elite wie in Masse, die den Weg zur MC finden, muss der ‚progressus in pietate litterisque’ angestrebt werden."

In einem Aufsatz im Monatsplan "Zur Feier des Titularfestes 1955" wird P. Peus diese Auffassung in Bezug auf die MJC in Anlehnung an die Apostolische Konstitution "Bis saeculari" von Papst Pius XII. präzisieren: "Die MJC ist der große Kreis, darin eine MC als kleinere Gemeinschaft der Sodalen." Er bezeichnete dies in seinem Aufsatz "Jugend in der Unrast unserer Zeit" im Monatsplan vom Juni 1956 als die "Schicksalsfrage der Kongregation" (Denzer, S. 26). Dass er das Problem erkannt hatte und gegensteuerte, das ersieht man auch aus der Tatsache, dass die letzte Sodalen-Weihe zu seinen Lebzeiten am 1. Dezember 1957 stattfand; diese wurde vom damaligen Generalsekretär der MC-en P. Paulussen SJ aus Rom in der Welschnonnenkirche vollzogen.

Erwähnt seien in diesem Zusammenhang Äußerungen von P. Peus, die vom "schwindenden Idealismus der Jugend" und von den "Folgen des wachsenden Wohlstandes" sprechen (vgl. Rendenbach, S. 507). Im Gespräch mit einem jungen Mitbruder beklagte er, er könne in Gruppenstunden mit Primanern kaum noch philosophische und theologische Fragen behandeln, wie das noch wenige Jahre zuvor möglich gewesen sei. Das schwindende Interesse an diesen Fragen ist ein deutlicher Indikator für die veränderte Situation im Bereich der Jugendseelsorge.

In seinem schon genannten Aufsatz "Jugend in der Unrast unserer Zeit" spricht P. Peus vom "Danaidengeschenk" der Technik als neuem zwingenden Lebensrhytmus, und dass sich im "Wirtschaftswunder" "die Technik verlockend ausbreite"; die Jugend sei "wertstablos die Beute der Technik", damit aber auch Opfer des "Zaubermittels 'Geld'" geworden. Mit dieser

 


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Entwicklung habe sich das Streben nach "Selbstverwirklichung" und eine "Entsolidarisierung" breit gemacht. Diese "Emanzipation" zeigte sich besonders gegenüber der kirchlichen Gemeinschaft. Auch sie würde nur noch als Ermöglichung des eigenen Fortkommens, also nur noch in ihrem "Nutzwert" akzeptiert. Hier zeige sich in aller Deutlichkeit, wie "die Welt in ihrem neuen technischen Gewand ... den jungen Menschen sirenenhaft und gleisnerisch an sich lockt."

Hinter diesem Befund verbarg sich eine gesellschaftliche Entwicklung, die erst allmählich deutlich zu Tage treten sollte. Man könnte sie als eine Ideologie bezeichnen, die den vorweisbaren Erfolg als Kennzeichen des gesellschaftlichen Status ansah. Die "Sinngebungsinstanz Kirche" bekam es also mit einer Konkurrenz zu tun, der man nicht mehr mit den Mitteln der herkömmlichen Pastoral begegnen konnte. Die "Waffen", mit denen man dem NS-Regime getrotzt und dieses besiegt hatte, erwiesen sich als wirkungslos. Man geriet gegenüber dem "Zeitgeist" hoffnungslos ins Hintertreffen. Dazu kam, dass die vertrauten kirchlichen Strukturen mehr und mehr in Frage gestellt wurden. P. Peus blieb trotz dieser veränderten Situation im Jugendbereich ständig auf der Suche nach Möglichkeiten, junge Menschen für die Ideale der MJC zu begeistern und zu gewinnen. In seinem Aufsatz schreibt er:

    "In der Unrast der Zeit führt die Marianische Kongregation, in der Freiheit der Gotteskindschaft gewählt und anerkannt, die von der Zeit gefährdete und bedrohte Jugend in die Ruhe, Stille und Geborgenheit, ja in den Frieden Gottes. Die von ihr geführte Jugend flüchtet nicht aus der bösen Welt und aus der die Technik anbetenden Zeit, aber sie wird von ihr zur 'Weltmeisterschaft' erzogen, zuerst aber zur Durchordnung des eigenen Lebens aus dem Geiste Gottes."

 

f. Der Heimgang

Kurz nach Weihnachten 1959 erkrankte P. Peus an einem grippalen Infekt, der ihn offensichtlich sehr mitnahm. Dazu traten starke Magenschmerzen auf, die er und alle anderen als ein Aufflackern seines Magenleidens ansahen, an dem er seit 1946 litt. Im Laufe des Januar wurde er immer schwächer, und man sah ihm an, dass er mit starken Schmerzen zu kämpfen hatte. Dann war es so weit, dass er selber einsah, so könne es nicht weitergehen. Er ging ins Krankenhaus nach Daun, wo er schon einmal Linderung gefunden hatte. Die Ruhe und Ausspannung taten ihm gut und machten ihn auch

 


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wieder etwas kräftiger, aber die Magenbeschwerden blieben. Trotz aller Untersuchungen war nichts Genaues herauszufinden.

Deshalb wurde er zur weiteren Abklärung seiner Schmerzen in die Janker-Klinik in Bonn überwiesen. Mit strengen Diät- und Kurvorschriften kehrte er nach Trier zurück. Noch einige Wochen in Daun halfen, den starken Schmerz zu lindern. Anfang April gelang es, einen Platz in Badenweiler zur vorgeschriebenen Kur zu bekommen. Auf der Hinfahrt übernachtete er in Frankfurt / St. Georgen. Alle, die ihn länger nicht gesehen hatten, waren erschrocken darüber, wie grau und eingefallen der "alte Peus" aussah. Die Kur in Badenweiler schien ihm gut zu bekommen. Geistig ungebrochen, galt seine ganze Sorge immer noch den Jungen von der MJC. In seinem Gepäck war die Anschriftenmappe und eine Menge Briefe, die er noch beantworten wollte.

Obwohl er zunächst sogar noch schwimmen konnte, verschlimmerte sich jedoch bald sein Zustand. Eine Magenblutung machte die Einweisung in die Freiburger Universitäts-Klinik erforderlich. Er hoffte zwar noch, Pfingsten wieder in Badenweiler zu sein. Aber es mehrten sich auch andere Anzeichen, nicht zuletzt seine sorgenvollen Äußerungen: "Wie hilflos hat Gott mich gemacht, damit ich seine Größe erkenne!" An einen jungen Mitbruder schrieb er am 23. Mai:

    "Hier liege ich weit von der ‚Front’, einsam und verlassen. ... Das Bett gehört jetzt zu den Dingen super faciem terrae, das meiner Seele besser tun soll als der Schreibtischstuhl in Trier, wo einiges drüber und drunter geht. Jetzt plant der liebe Gott (und er soll es besser können als ich, so sagt der Glaube). ... Alles hat Fragezeichen. ... Da die Natur non facit saltus, muss ich die organische Entwicklung abwarten, abliegen, abbüßen Ad maiorem Dei gloriam. Das versuche ich tapfer. Hilf mir!"

Eine gute Woche später, wenige Tage vor Pfingsten, heißt es in einem weiteren Brief:

    "Operation am Dienstag. Leider erst Dienstag, d. h. ich muss noch vier Tage Brechreiz, Schmerzen etc. ertragen. Jede Bewegung tut weh. Vielleicht, dass der Geist, der Welten erneuert, auch mein kleines, unwichtiges Bäuchlein in diesen Tagen erneuert."

Immer wieder auftretendes Erbrechen und die anhaltenden Magenblutungen verlangten eine künstliche Ernährung und ständige Bluttransfusionen. Am Mittwoch nach Pfingsten schritt man dann zur Operation. Das Ergebnis war: Inoperabel; sämtliche inneren Organe waren vom Krebs befallen. Eine große Erleichterung für P. Peus bestand darin, dass man 7 Liter Flüssigkeit

 


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aus dem Gewebe absaugen konnte. So war er der Meinung, dass die Operation geglückt sei und dass es nun aufwärts gehe. Am 12. Juni, am Dreifaltigkeitssonntag, konnte ihn P. Superior Frenking zusammen mit dem Diözensanjugendseelsorger Feilzer und dem Schülerpräfekten Laub besuchen. P. Peus war voller Pläne für die Zukunft; er dachte an seine Jungen und an sein Ferienlager; er meinte, man solle ihm doch ein kleines Zimmer auf der Dodenburg fertigmachen, er könne sich dort sicher am besten erholen.

Dieser Sonntag brachte ihm sehr viele Besuche. Als P. Superior am Montagmorgen noch einmal bei ihm war, schien der Kranke sehr geschwächt – vielleicht von den starken Anstrengungen der Besuche am Vortag. Er sprach seltsam verwirrt. Gegen 11 Uhr schlief er dann vor Ermüdung und Entkräftung ein. Seine Schwester, die ihn von Badenweiler aus fast täglich besuchte und immer noch Post für ihn erledigt hatte, fand ihn am Nachmittag in diesem Zustand vor. Am späten Nachmittag wurde er immer schwächer, und die Schwestern verständigten P. Dümpelmann im Priesterseminar, der sich die ganze Zeit über sehr um P. Peus gesorgt hatte. Man betete ihm die Sterbegebete vor, und er schien sie auch noch aufzunehmen. So ist er dann gegen 20.30 Uhr hinübergeschlummert in die Ewigkeit.

Der Leichnam wurde nach Trier überführt und am Nachmittag des Fronleichnamstages in der Welchnonnenkirche, deren Rektor er gewesen war, aufgebahrt. Die Jungen standen mit ihren Bannern Ehrenwache. Viele nahmen die Gelegenheit wahr, ihren alten Präses noch einmal zu sehen.

Überwältigend kam diese Hochschätzung noch einmal zum Ausdruck beim feierlichen Requiem in der Trierer Jesuitenkirche und bei der Beerdigung am Samstag, dem 18. Juni. Rendenbach schildert die Feier so:

    "Als die Banner der MJC, des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend, der Deutschen Jugendkraft usw. einzogen, war die Kirche gefüllt mit Schülern, Studenten, Akademikern und Eltern. Im Chor waren Seminaristen und Priester, Domkapitulare, der Generalvikar, Weihbischof Stein und seine Mitbrüder. Die ganze Gottesdienstgemeinde sang mit der Schola nicht nur das Ordinarium, sondern auch das ganze Proprium. Um den Sarg standen die Jungen. Die Traueransprache hielt ein Religionslehrer (Helmut Fox), der aus der MJC hervorgegangen war und aus lebendiger Erinnerung das Bild des Priesters, des Jesuiten und des Erziehers Peus lebensnah zu schildern wusste." (Rendenbach, S. 507)

Die Beisetzung fand am dem Städtischen Friedhof statt. Viele Hunderte Gläubige gaben P. Peus das letzte Geleit, vor allem seine Jungen, nicht zuletzt viele Vertreter des Sports. Von der Friedhofskapelle bewegte sich ein

 


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langer Trauerzug zur Grabstätte der Jesuiten an der Mauer bei der Hospitalsmühle. In der "Trierischen Landeszeitung" vom 20. Juni 1960 heißt es:

    "P. Superior Frenking und zwei priesterliche Sodalen von der MJC sprachen die Totengebete und segneten die letzte Ruhestätte. Unter dem Trauergefolge sah man die Domkapitulare Hansen und Paulus, Stadtdechant Ehrendomherr Engel, Vertreter von Schulen und Behörden und den Beigeordneten Kreutzer als Vertreter des Oberbürgermeisters. Während alle in Trauer Versammelten nacheinander den Sarg mit Weihwasser besprengten, beteten die Seminaristen der Theologischen Fakultät den Glorreichen Rosenkranz. Zahlreiche Kränze und Blumen schückten den Grabhügel. ... Während die Seminaristen das Salve Regina anstimmten, senkten sich die Banner der Jugend und die Fahnen der Sportler ein letztes Mal über das Grab."

Wie sehr P. Peus gerade auch unter den Sportlern bekannt und geschätzt war, das zeigt der folgende Nachruf:

    "Mit ihm ging ein Jugend- und Sportführer von uns, dessen menschliche Größe und gelebte Sportkameradschaft in schönster Verquickung mit seinem hohen priesterlichen Amt ihren Ausdruck fanden. Begabt mit dem einmaligen Vorzug, menschliches Leistungsstreben mit den sittlichen Forderungen seines Glaubens zu vereinen, war er Tausenden von jungen Trierer Sportlern Vorbild und echter Führer. In rastlosem Eifer im Dienst einer guten Sache, überzeugt vom ethischen Wert wahrer Jugendarbeit im und durch den Sport, war er selbst bis in das letzte Jahr seines Lebens noch aktiv, da er wusste, dass nur gelebtes Vorbild Leitstern für die Jugend sein kann. Der Sportbund Rheinland und vor allem die im Stadtverband für Leibesübungen Trier zusammengeschlossenen Trierer Sportvereine verlieren in ihm einen ihrer Besten – einen Menschen lautersten Charakters, einen Priester edelster Prägung und einen Kameraden schönster seelischer Formung. Er wird uns immer unvergessen sein."
    (Nachruf des "Sportbundes Rheinland" und des "Stadtverbandes f. Leibesübungen, Trier" in der "Trierischen Landeszeitung" vom 15. Juni 1960)

 


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V. Pater Peus – Priester und Erzieher

Jünger des hl. Ignatius

Wer das Wirken von P. Peus während seiner 27 Jahre in Trier sich vor Augen hält, der wird die Charakterisierung, er sei ein ausgeprägter "Tatmensch" gewesen, für zutreffend halten. Doch ist diese Aussage des "Totenzettels" nur die halbe Wahrheit, weil sie zu wenig die Grundprägung berücksichtigt, von der her das Wirken von P. Peus bestimmt war. Martin Söll weist in seinem "Nachruf" darauf hin:

    "Wofür muss ich Dir danken? Zunächst nicht für das, was du getan hast, sondern für das, was Du warst. ‚Agere sequitur esse’ ist ein alter scholastischer und jesuitischer Grundsatz. Das Handeln folgt dem Sein. Wer etwas ist, kann etwas tun.

    Was warst Du für uns? Ein guter Priester und echter Sohn Deines Ordens, und zwar immer und überall, in der Kirche und auf der Straße, in der Schule und auf Fahrt, in Deinem stillen Kämmerlein und auf dem Sportplatz oder Jugendzeltlager." (Vgl. "Dokumentation", S. 74)

Alles Handeln leitet sich also her von einem Seinsgrund; alles Handeln ist also etwas Zweites, etwas "Relatives" – "relativ" in diesem Sinn: bezogen auf und abgeleitet von einem Seinsgrund, von einem "Grund-Satz". Für P. Peus und für sein Wirken in der MJC war dieser "Grund-Satz" ausgesprochen im sogenannten "Prinzip und Fundament" des Exerzitienbüchleins seines Ordensstifters Ignatius von Loyola, wo als Bezugspunkt und Seinsgrund des Menschen Gott genannt wird:

    "Der Mensch ist geschaffen, um Gott, unseren Herrn, zu loben, ihm Ehrfurcht zu erweisen und zu dienen und mittels dessen seine Seele zu retten; und die übrigen Dinge auf dem Angesicht der Erde sind für den Menschen geschaffen und damit sie ihm bei der Verfolgung dieses Ziels helfen, zu dem er geschaffen ist. Daraus folgt, dass der Mensch sie soweit gebrauchen soll, als sie ihm für sein Ziel helfen, und sich soweit von ihnen zu lösen soll, als sie ihn daran hindern." (Exerzitienbuch, Nr. 23)

Alles menschliche Tun ist also das Echo auf das, was Gott für den Menschen getan hat. Diese Gegebenheit hat Paul Peus schmerzlich durchleben und erfahren müssen in der Zeit seiner Kriegsgefangenschaft, wo ihm "schwere Glaubenszweifel" nicht erspart blieben, wie Rendenbach in seinem Nachruf schreibt (S. 497). In diesem inneren Ringen erkannte er seinen weiteren Lebensweg, Priester und Jesuit zu werden. Und in der Be-

 


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trachtung "Zur Erlangung der Liebe" des Exerzitienbuches fand er diesen Weg vorgezeichnet:

    "Die empfangenen Wohltaten von Schöpfung, Erlösung und die besonderen Gaben ins Gedächtnis bringen, indem ich mit viel Verlangen wäge, wie viel Gott, unser Herr, für mich getan hat, und wie viel er mir von dem gegeben hat, was er hat, und wie weiterhin derselbe Herr sich mir ... zu geben wünscht, sosehr er kann. Und hierauf auf mich selbst zurückbesinnen, indem ich mit viel Recht und Gerechtigkeit erwäge, was ich von meiner Seite seiner göttlichen Majestät anbieten und geben muss, nämlich alle meine Dinge und mich selbst mit ihnen." (Nr. 234)

Ausdruck des ignatianischen Lebensideals ist das scheinbar paradoxe Wort "contemplativus in actione": mitten im Weltleben zu leben aus der tiefen Verbundenheit und Vertrautheit mit dem rufenden Christus. Ignatius lässt denjenigen, der die Geistlichen Übungen macht, um die Gnade bitten, "damit ich nicht taub sei für seinen Ruf, sondern rasch und eifrig dafür, seinen heiligsten Willen zu erfüllen." (Nr. 91)

Dieses Ideal konkretisiert sich, ja muss sich verleiblichen im Einsatz aller verfügbaren Mittel; in der persönlichen Verfügbarkeit für die große Sache; in der Berücksichtigung aller natürlichen Fähigkeiten, um den Seelen zu helfen; immer unterwegs zu dem Gott, der immer größer ist, als wir ihn uns vorstellen; der die grenzenlose Liebe ist, dem wir in Gegenliebe und Dankbarkeit dienen sollen. Ignatius spricht vom "inneren Gesetz der Liebe", das der Heilige Geist in die Herzen schreibt, und das diejenigen antreiben soll, die sich seinem Orden anschließen.

Was ein "Grabspruch" über Ignatius sagt, das gilt sicherlich auch für P. Peus: "Nicht eingegrenzt werden vom Größten, aber umfangen werden vom Kleinsten, das ist göttlich." Wie sein Ordensvater war P. Peus ein Mann der verhaltenen Glut und Begeisterung, der "sobria ebrietas", der nüchternen Begeisterung. Gerade diese Haltung war in den vielen Jahren, in denen er Präses der MJC war, aktuell, ja bitter notwendig – und zwar sowohl gegen Defizite, aber auch gegen jeden Überschwang.

Hier ist in aller Deutlichkeit ausgesprochen die eigentliche Motivation, das "Fundament" allen Wirkens von P. Peus. Immer wieder kommt das zum Ausdruck – schon in seinen ersten Jahren – gemäß dem Gebet, das Ignatius den, der die Geistlichen Übungen macht, zu beten lehrt:

    "Nehmt, Herr, und empfangt meine ganze Freiheit, mein Gedächtnis, meinen Verstand und meinen ganzen Willen, all mein Haben und mein Besitzen. Ihr habt es mir gegeben. Euch, Herr, gebe ich es zurück. Alles ist Euer, verfügt

 


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    nach Eurem ganzen Willen. Gebt mir Eure Liebe und Gnade, denn diese genügt mir." (Nr. 234)

Der Dank des Christen zeigt sich, verleiblicht sich also im Dienst. Von hierher erklärt sich bei P. Peus die Zurückweisung bzw. seine Verlegenheit gegenüber Lob und Anerkennung. In seinem "Gedenkwort" schreibt der Sodalenpräfekt Gerhard Müller-Chorus:

    "Wenn wir bei dem Versuch ertappt wurden, eine kleine Gratulation (anlässlich seines Namens- oder Geburtstages) zu arrangieren, so war er heftig dagegen. Wenn uns eine Überraschung gelang, dann war Pater Peus, der sonst so sichere Mann, plötzlich verlegen und winkte ab." (Vgl. "Dokumentation", S. 72)

Wenn ihm öffentliche Ehrungen zuteil wurden, dann akzeptierte er sie im Blick auf seine Tätigkeit für das Reich Gottes. Das gilt mit Sicherheit für die silbernen und goldenen Ehrennadeln aus dem Bereich des Sports, die ihm verliehen wurden. Es ging ihm eben nicht um seine Person – auch dies ein Ausdruck der Exerzitien-Spiritualität:

    "Denn jeder bedenke, dass er in allen geistlichen Dingen nur soviel Nutzen haben wird, als er aus seiner Eigenliebe, seinem Eigenwillen und Eigeninteresse herausgeht." (Nr. 189)

Die daraus resultierende Grundhaltung, die für ihn bestimmend war, wird vom Sodalenpräfekten so beschrieben:

    "Dienst, Bescheidenheit, Fliehen öffentlicher Ehren und Ämter. An P. Peus lernten wir Sodalen, was es heißt, als Mann der Kirche und mit der Kirche etwas zu leisten und doch vor allem bescheiden und demütig zu bleiben." (Vgl. "Dokumentation", S. 72)

Hier klingt an, was ein weiteres Kennzeichen für das Wirken von P. Peus war: die Liebe und Treue zur Kirche. Darin verleiblichte sich für ihn der christliche Glaube und die Liebe zu Jesus Christus. Daran zweifelte er auch dann nicht, als nach dem Krieg die Auseinandersetzung um den Eigenstatus der MJC durchgekämpft werden musste. Er wusste sich im Einklang nicht nur mit den päpstlichen positiven Äußerungen über die Marianischen Kongregationen, sondern auch mit seinem greisen Erzbischof Franz Rudolf Bornewasser, den er bei dessen Tod als "besonderen Freund und Wohltäter" der MJC bezeichnete (vgl. Monatsplan Februar bis Juni 1952).

Nicht zuletzt entsprach seine kirchliche Gesinnung dem Ideal seines Ordensgründers Ignatius, von dem einer der besten Kenner gerade in Bezug auf dessen Liebe zur Kirche sagt:

    "Die grundsätzliche Grenzenlosigkeit der ... Liebe wird eingegrenzt von dem Dienstideal in der sichtbaren ... Kirche. Die maßlose Liebe (zu Gott und Je-

 


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    sus Christus) hat sich in ihrer katholischen Echtheit auszuweisen am Maß, sozusagen am Fleisch und Blut des mystischen Leibes Christi. ... Jede Gnade ist zu messen an dem Buchstaben der Kirche, jede Liebe am Gehorchenkönnen, jeder Geist am Leib des Herrn. Aus der Vereinigung der alles sprengenden Liebe mit dem Eingepresstsein in den Leib der Kirche entbindet sich jene ungeheure Kraft, die wir in seinem (des Ignatius) Werk geschichtlich feststellen können." (H. Rahner, 1949, S. 12)

Wie für Ignatius, so konnten auch die vielen Negativerfahrungen P. Peus nicht von seiner Liebe und seinem Einsatz für die Kirche abbringen. Immer wieder wird er diesen von der Liebe getragenen Dienst in der konkreten Kirche anmahnen und den Mitgliedern der MJC als Verpflichtung ans Herz legen und selber vorleben. Schon in seinem Bericht über "Die Einkehr von Neresheim" aus dem Jahr 1935 wird eindringlich darauf hingewiesen:

    "Die Congregation ist eng an die Kirche angeschlossen und schaut immer nur auf sie. Gerade das ‚sentire cum ecclesia’ wird sie für die Jugenderziehung den richtigen Weg finden lassen." ("Junger Heerbann U. L. Frau", 12. Jg., 1935, Nr. 10; s. unten S. 102)

So kommt es nicht von ungefähr, dass P. Peus in Maria diese Bereitschaft zum Dienen verwirklicht sah. Sie war für ihn das Bild des dienenden Menschen, der den Weg gezeigt hat, auf dem der Christ gehen soll. Mit Sicherheit ist die Verehrung der Gottesmutter in seiner Kindheit und Jugend im Elternhaus grundgelegt worden. Offensichtlich aber gab es – wahrscheinlich in der Zeit seiner Kriegsgefangenschaft – Erfahrungen und Einsichten, die ihn zutiefst geprägt haben. Darauf weist ein Gedicht hin, das diese Erfahrungen wohl widerspiegelt:

    "Mutter Maria
    Ich wäre längst im Strudel untergegangen,
    Mich hätte gierig die Luft bezaubert gefangen,
    Ich hätte Gott und die Seele verloren
    Und der Sünde Treueid, Gefolgschaft geschworen,
    Das Licht der Gnade wäre für immer gestorben,
    Ich wäre verwelkt, verblasst und verdorben,
    Mein Leben wäre nutzlos gewesen,
    Ein Sandkorn im Haufen, ungelesen,
    Jeder Tag hätte zum Sterben begonnen,
    Jedwede Nacht wäre in Nichts zerronnen,
    Ich wäre ewig, ewig vergessen,
    Aber Du,
    Mutter Maria,
    Hast meine Sünden mit Liebe gemessen,
    Hast mich vor jedem Strudel gewarnt,

 


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    So oft meine Seele von Sünden umgarnt,
    Hast jeden Tag zum Leben gekrönt,
    Jedwede Nacht mit deinem Lächeln verschönt,
    Mutter Maria, Du
    Hast mich gerettet, geliebt und geküsst,
    Maria,
    Mutter, sei dankbar gegrüßt."
    ("Dokumentation", S. 79 f)

Dieser Text, der 1922 in der Zeitschrift "Leuchtturm" veröffentlich wurde, ist mit Sicherheit der "Schlüssel" für die Marienfrömmigkeit von P. Peus und offenbart den Impuls in die Jugendarbeit. Das manifestiert sich in den Marienfeiern vor dem Krieg und bei den Aufnahmefeiern. In den Monatsplänen nach dem Krieg werden von Anfang an die Mitglieder zu Maria hingeführt und ihnen "die innige Hingabe, Ehrfurcht und Kindesliebe zur seligsten Jungfrau Maria" ans Herz gelegt (Monatsplan vom April 1946). Im Monatsplan für Dezember 1945 wird mit Bezug auf das "Immaculata-Fest" gesagt:

    "Die Sodalen sollen ihre (Marias) erhabenen Tugenden nachzuahmen streben, auf sie ihr ganzes Vertrauen setzen und sich gegenseitig aneifern, sie zu lieben und ihr mit kindlicher Ergebenheit zu dienen."

 

Jugendführer und Erzieher

Wer erziehen und führen will, der muss selbst ein Erzogener und Geführter sein; der muss durch die Schule des Lebens gegangen sein. Nicht nur die Tatsache, dass P. Peus in einer kinderreichen Familie aufgewachsen ist, dass er in seiner Kriegsgefangenschaft geschunden wurde; sondern auch dass er im Interesse seiner Eltern und seiner jüngeren Geschwister eine kaufmännische Lehre absolvierte, weisen auf diese Schule des Lebens hin, die ihn geprägt und befähigt hat, selber Erzieher und Jugendführer zu werden.

Die entscheidende Prägung und Befähigung, Jugendführer und Erzieher zu sein, sieht er darüber hinaus in seiner Eigenschaft als Priester. Für P. Peus ist ein Priester nur als "Beirat" (oder wie er es drastisch auch nennt: als "Beirad"!) zu wenig. Deshalb gab es für ihn auch keine Anbiederung. Er empfand es als eine verhängnisvolle Entwicklung,

    "wenn dem jungen Menschen der priesterliche Führer zur Wahl gestellt wird, und dieser nur Beirat(d) ist. In der MC ist die Stellung des Präses als führende und leitende Persönlichkeit durch die Kirche festgelegt. ... Die Bedeutung

 


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    der Jugendkongregation steht und fällt mit der Persönlichkeit des Präses, der ... bewusst darauf verzichtet, seine Ideen zu propagieren, und nur das will, das die Kirche will. Der mit der Kirche lebende Priester wird als Jugenderzieher leichter die Irrtümer der Zeit erkennen und ihnen nicht zum Schaden der Jugend zum Opfer fallen." ("Leitlinien", s. oben S. 37)

P. Peus war zutiefst davon überzeugt, dass die entscheidende Voraussetzung zur Persönlichkeitsbildung des jungen Menschen "die erleuchtete Einsicht und Klarheit und Festigkeit im Wollen des Erziehers" bildet, d. h. es kommt für ihn darauf an, ob der Erzieher eine "Autorität" darstellt. "Autorität" meint die Fähigkeit und den Willen, den jungen Menschen wachsen zu lassen (das lateinische Wort "auctoritas" leitet sich her von "augere = wachsen lassen, zum Wachsen bringen"), und zwar mit dem klaren Ziel, diesen auf die eigene Stufe hinaufzuheben, damit aber auch die Beziehung als Erzieher letztlich überflüssig zu machen. Jegliche menschliche Autorität muss hinführen zur Mündigkeit des zu Erziehenden und damit zur "Aufhebung" des Erziehungs-Verhältnisses.

Diesem Ziel, die jungen Menschen in der Marianischen Kongregation zu mündigen christlichen Männern heranzubilden, galten alle Bemühungen von P. Peus; von daher sind auch die vielen Erziehungs-Felder und Erziehungs-Möglichkeiten zu verstehen, die in seinem Wirken festzustellen sind. Es lassen sich eine Reihe von Erziehungsprinzipien erkennen, die für ihn selbstverständlich waren.

Ein erstes Prinzip war für ihn; "Fördern durch Fordern!" Müßiggang, die Jugendlichen sich selbst zu überlassen, also nach Lust und Laune etwas zu tun, das war ihm zuwider. Immer ging es ihm darum, die kreativen Fähigkeiten der Jugendlichen nicht brach liegen zu lassen, sondern zur Entfaltung zu bringen. Das konnte sich auf vielerlei Erziehungsfeldern auswirken: im Nachhilfeunterricht für schwächere Schüler, und zwar umsonst! – als Führer einer Gruppe von jüngeren Mitgliedern der MJC – in den Aufträgen, zu irgendeinem Ereignis im Kongregationsleben für den Monatsplan einen Beitrag zu schreiben – in der Erkundungstour, wo man ein Zeltlager errichten könnte – in den sommerlichen Ferienlagern das Planen und Durchführen von Spielen und Geländespielen – beim Helfen in der Küche.

So wurden bei einem Sommerlager im "Albertinum" in Gerolstein einzelne Gruppen zu je vier Jungen in der Nähe von Daun "ausgesetzt" mit dem Auftrag, abends gegen 18.00 Uhr zurück zu sein – ausgestattet nur mit einer Dose Käse und Brot. Und alle Gruppen waren pünktlich daheim. Und immer wieder forderte er einzelne Jungen auf, mit ihm eine Erkundungs-

 


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fahrt per Rad zu machen. Bei einer Jugendwallfahrt nach Klausen 1949 ging er mit einem Obertertianer allein voraus, um am Gnadenaltar vor dem Eintreffen der Prozession mit ihm als Messdiener noch die Heilige Messe zu feiern. Unterwegs sprach er – für diesen unvergesslich – vom hl. Franz Xaver, der genau vor 400 Jahren als erster Missionar nach Japan fuhr – sicher ein Impuls für den späteren Ordenseintritt. Und auf dem Rückweg konnte er einem Obersekundaner den Auftrag geben, beim Besuch des lateinkundigen Pfarrers von Piesport eine lateinische Rede zu halten.

Ein wichtiger Punkt in seiner Erziehungsauffassung war die Förderung des Verantwortungsbewusstseins der Jugendlichen für die Gemeinschaft, der sie angehörten. Egozentrik und Egoismus waren ihm zuwider; sie waren für ihn auch der Ausdruck eines Undankes gegenüber der Gemeinschaft, ohne die der einzelne nicht leben könne. Deshalb war es für ihn wichtig, diese Bereitschaft des Jugendlichen, im Rahmen seiner Möglichkeiten Dienste zu verrichten, zu wecken und zu stärken, z. B. als Gruppenleiter. Der einzelne müsse bereit sein, Aufgaben zu übernehmen, um der Gemeinschaft zurückzugeben, was er von ihr an Förderung erhalten habe. Was er in einem Beitrag für den Jahresbericht 1959 des Leichtathletikverbandes im Rheinland in Bezug auf die Besten und ihre Verpflichtung, sich um den Nachwuchs zu kümmern, geschrieben hat, das erwartete er auch von den Mitgliedern der MJC:

    "Die Erfüllung dieser idealen Aufgabe adelt den Sieger, erhöht seine Persönlichkeit und macht ihn zu einem wertvollen Glied der Vereinsgemeinschaft." (Mitteilungen der DJK Bistum Trier, Jg. 1960, Nr. 2, S. 3)

P. Peus achtete aber sehr darauf, bei seinen Forderungen niemand zu überfordern. So warnt er in seinen "Leitlinien" ausdrücklich vor der Gefahr einer "Vernachlässigung der Berufsausbildung durch Überlastung der Jugendlichen mit apostolischen Aufgaben" (s. oben S. 35), wie das nicht selten seitens der Pfarrjugend geschah. Es ging ihm in erster Linie um das Wohl der Jugendlichen.

Gerade darin zeigt sich ein weiteres Erziehungsprinzip von P. Peus. Es ist der Respekt und die Achtung, ja die "Ehrfurcht", mit der er den jungen Menschen begegnete. Bei allen Forderungen, die er stellen konnte, gab es bei ihm keinen Zwang. Er zeigte Wege; laufen musste man selbst. So war es z. B. für ihn selbstverständlich, nie jemand den Priester- oder Ordensberuf auch nur nahe zu legen. Darüber verlor er kein Wort – obwohl es ihn mit Freude erfüllte, wenn jemand diesen Weg ging. Immer begleitete er mit seinen Wünschen den Lebensweg seiner Sodalen. Und er feierte mit ihnen

 


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gerne die Feste der Hochzeit, eines bestandenen Examens, der Priesterweihe und der Primiz. Und wie konnte er sich freuen, wenn bei sportlichen Meisterschaften Siege errungen wurden.

Nicht zuletzt gehörte zu den Grundsätzen seiner Erziehung die Großzügigkeit. Er konnte geben, ohne zu zählen – z. B. wenn es um die Teilnahme an den Sommerlagern oder Sportfahrten ging. Diese Großzügigkeit - bei ausgeprägter persönlicher Anspruchslosigkeit - basierte natürlich auch darauf, dass er viele Wohltäter fand, die ihm in seiner Arbeit halfen. Sie taten das, weil er sie mit seinem Erziehungsstil überzeugt hatte. Er selbst scheute sich nicht, Freunde und Bekannte um eine finanzielle Unterstützung zu bitten.

In diesem Zusammenhang sei auf einen Punkt hingewiesen, der bedenkenswert ist. P. Peus hat seine Jugendarbeit geleistet, ohne ein Gehalt bzw. ohne eine finanzielle Unterstützung von kirchlicher Seite bekommen zu haben - eine Tatsache, die heute auf völliges Unverständnis stößt. Seine Arbeit wurde ermöglicht durch (minimale) Beiträge der Mitglieder, vor allem jedoch, wie schon erwähnt, durch Spenden und Almosen. Geleitet wurd P. Peus dabei von der Ordensregel, dass die Seelsorger keine festen Einkünfte haben, sondern allein von Almosen leben sollen. Ohne von kirchlicher Seite unterstützt zu werden, hat er im Sinne der Kirche als Jugendseelsorger segensreich gewirkt, während heute mit kirchlicher Unterstützung Jugendseelsorge betrieben wird, die oft nicht mehr kirchlich genannt werden kann, also kontraproduktiv ist.

So wurde P. Peus für viele zum "Lehrer des Lebens": in seiner Haltung der Dienstbereitschaft - in seiner Grundsatzfestigkeit - in seiner kirchlichen Gesinnung - im klaren Blick für die Realitäten der Welt - im Hinführen zum sozialen Tun. Er bleibt als Persönlichkeit vielen in bleibender Erinnerung.

 


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VI. Dokumentation

1. Dokumente zur Präses-Zeit von P. Peus
2. Gedichte und Texte von P. Peus

Nr. 1: Huldigung der Jugend an die Unbefleckte Empfängnis
Nr. 2: Preußische Polizeiverordnung gegen die Konfessionellen Jugendverbände
Nr. 3: Glückwunschschreiben von Generalvikar von Meurers im "Goldenen Monatsplan"
Nr. 4: Grußwort des Diözesanjugendseelsorgers Hermann Waßmuth im "Goldenen Monatsplan"
Nr. 5: Pater P. Peus SJ, Präses der MJC, 60 Jahre alt
Nr. 6: Begrüßungs- und Dankansprache beim Festakt aus Anlass der Einweihung der Barockorgel
Nr. 7: Der Totenzettel
Nr. 8: Gedenkwort des Sodalenpräfekten
Nr. 9: Nachruf von P. Martin Söll SDB Verbandskaplan der DJK
Nr. 10: Ansprache von Kaplan Karl Etscheid im Gedenkgottesdienst der DJK
Nr. 11: Trierer Biographisches Lexikon Trier 2000, S. 339 – 340

Nr. 1: Huldigung der Jugend an die Unbefleckte Empfängnis

"Es jubelt auf von Mund zu Mund, über die Meere, von Land zu Land, weit über das christliche Erdenrund: Maria – die Mutter unseres Herrn, unsere Mutter, die uns in ihrem Sohne geboren, von Sünde und Schuld ward immer befreit.

Sancta Maria! Siehe die Deinen in freudigem Dank auf den Knien vor Gott, der Dir, dem Satan zum Spott, der Menschheit zum Ruhm, uns Sündern zum Leben, vom ersten Sein an und Werden die heilige Gnade gegeben.

Auserwählte in Adams Geschlecht, Kunde ward uns: Du als einzige auf Erden von der Erbschuld befreit! Wir künden sie weiter und geloben als Deine Ritter und Streiter: Unsere Brüder und Schwestern zu unterweisen, damit die Geschlechter nach uns wie wir Dich – Immaculata – selig, selig preisen!

Brüder und Schwestern in Christo, lasset uns beten: Maria, Du unseres Herren Mutter und Magd, Deines starken Sohnes Knechte, wir, Deines milden Sohnes Mägde, wir deines großen Sohnes Ritter, wir deines treuen Sohnes Freunde – wir flehen zu Dir und bitten Gehör, dass wir doch würdig tragen zu seiner höchsten Ehr’ seinen herrlichen Namen: Jesus.

Mutter Maria, wir flehen zu Dir und bitten Gehör, dass wir doch würdig streiten mit blanker, reiner Wehr für Christus. Maria, Du unseres Herren Mutter und Magd, Du, unsere Königin, Herrin und Mittlerin, wir Trierer Jugend, knieen bittend vor Dir. Trag unser Lob, Trag unser Lied als Bekenntnis und Chor zu dem empor, der Dich und uns aus der Sünde erhob: Zu Christus."

(Marienfeier der gesamten katholischen Jugend von Trier-Stadt und –Land am 9. Dezember 1934 im Hohen Dom zu Trier um 16 Uhr)

 


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Nr. 2: Preußische Polizeiverordnung gegen die
Konfessionellen Jugendverbände

Auf Grund des § 1 der Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat vom 28. Februar 1933 (Reichsgesetzbl. I, S. 83) in Verbindung mit § 14 des Polizeiverwaltungsgesetzes vom 1. Juni 1931 (Gesetzsamml. S. 77) wird für Preußen folgende Verordnung erlassen:

    § 1. Allen konfessionellen Jugendverbänden, auch den für den Einzelfall gebildeten, ist jede Betätigung, die nicht rein kirchlich-religiöser Art ist, insbesondere eine solche politischer, sportlicher und volkssportlicher Art untersagt.

    § 2: Für die konfessionellen Jugendverbände und ihre männlichen und weiblichen Angehörigen, einschließlich der sogenannten Pfarrjugend, gelten folgende Bestimmungen:

    Es ist verboten:

    1. Das Tragen von Uniformen (Bundestracht, Kluft usw.), uniformähnlicher Kleidung und Uniformstücken, die auf die Zugehörigkeit zu einem konfessionellen Jugendverband schließen lassen. Hierunter fällt auch das Tragen von Uniformen oder zur Uniform gehöriger Teilstücke unter Verdeckung durch Zivilkleidungsstücke (z. B. Mäntel), sowie jede sonstige einheitliche Kleidung, die als Ersatz für die bisherige Uniform anzusehen ist.
    2. Das Tragen von Abzeichen, welche die Zugehörigkeit zu einem konfessionellen Jugendverband kenntlich machen (PX-, DJK-Abzeichen pp.).
    3. Das geschlossene Aufmarschieren, Wandern und Zelten in der Öffentlichkeit, ferner die Unterhaltung eigener Musik- und Spielmannszüge.
    4. Das öffentliche Mitführen oder Zeigen von Bannern, Fahnen und Wimpeln, ausgenommen bei Teilnahme an althergebrachten Prozessionen, Wallfahrten, Primiz- und anderen Kirchenfeiern, sowie Begräbnissen.
    5. Jegliche Ausübung und Einleitung zu Sport und Wehrsport aller Art.

 


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    § 3: Wer dieser Verordnung zuwiderhandelt oder wer zu einer solchen Zuwiderhandlung auffordert oder anreizt, wird gemäß §§ 33, 55, 56 des Polizeiverwaltungsgesetzes mit Zwangsgeld oder Zwangshaft bestraft. Unerlaubt getragene Uniformstücke oder Abzeichen, unerlaubt mitgeführte Banner, Fahnen oder Wimpel sind einzuziehen."

Berlin, den 23. Juli 1935.

Der Preußische Ministerpräsident
Chef der Geheimen Staatspolizei –

Für den stellvertretenden Chef und Inspekteur:
Gez: Heydrich

(Kirchlicher Amtsanzeiger für das Bistum Trier, Jg. 79, 1935, S. 130) [zurück zu S. 43]

 


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Nr. 3: Glückwunschschreiben von Generalvikar von Meurers
im "Goldenen Monatsplan"

"Meine lieben Sodalen der MJC!
Semper altius!

Monat um Monat habe ich seit 1945 Eure Monatspläne gelesen. Mit großer Freude habe ich beobachtet und verfolgt, wie Ihr nach den langen und unseligen Verbotsjahren so tapfer wieder an dem Aufbau der MJC gearbeitet habt. Ihr habt buchstäblich in den Ruinen wieder angefangen und inzwischen eine große Schar um die Kongregationskönigin versammelt.

Der 50. Monatsplan ist mir ein lieber Anlass, Euch für alle Mitarbeit in der Jugend unserer Bischofsstadt zu danken. Steht treu zu den Idealen der Kongregation! Das Apostolat, unterbaut durch das Streben nach echter Selbstheiligung und tiefe Marienverehrung in Treue zu den Regeln der Kongregation ist Eure Aufgabe. Erfüllt diese als eine ‚Acies ordinata’! Haltet auch stets gute Verbindung mit allen Brüdern und Schwestern in Christo!

Ich darf Euch den Gruß, den Glückwunsch und den Segen unseres H. H. Erzbischofs überbringen. Gedenkt des erkrankten Oberhirten auch weiter im eifrigen Gebete, dass seine Gesundung gute Fortschritte mache!

Was Eure Vorfahren seit mehr als drei Jahrhunderten geleistet haben, das ist nun Eure Arbeit. Geht mit jugendlicher Begeisterung, in heiligem Ernst und nie erlahmender Opferbereitschaft an die Verwirklichung!

So sende ich Euch allen meine besten Grüße und Wünsche für die weitere Arbeit.

Trier, am Feste des hl. Albert des Großen, am 15. November 1950.

Dr. von Meurers, Bischöflicher Generalvikar
[zurück zu S. 29]

 


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Nr. 4: Grußwort des Diözesanjugendseelsorgers
Hermann Waßmuth im "Goldenen Monatsplan"

"Vom Bund der Deutschen Katholischen Jugend soll ich Euch etwas schreiben. Unseren Bund möchte ich vergleichen mit einem herrlich schönen Dom, an dem wir bauen. Da ragen Säulen auf, die das Gewölbe tragen, das sich weit über die Halle spannt, da ist das Mauerwerk der Außenwände, die gestützt werden durch die Strebepfeiler, und da sind Fenster, bunt und farbig, in denen das Licht der Sonne sich bricht, da ist das Mittelschiff und die Seitenschiffe und das Chor, in dem der Altar steht. Noch ausführlicher müsste ich dieses Bild des Domes Euch schildern, um Euch zu zeigen, wie in der Vielfalt eine wunderbare Harmonie und Einheit sich birgt, wie jeder Stein und jede Säule eine eigene Aufgabe zu erfüllen hat. So ist es auch mit dem Bund in seinem Stamm und in seinen Gliederungen. Jeder hat seine Aufgabe, jeder geht seinen Weg und alle finden sich zusammen im herrlichen Dom des Bundes, an dessen First weithin sichtbar die apostolische Aufgabe des Bundes zu lesen ist, die uns alle verpflichtet; ‚Es lebe Christus in deutscher Jugend.’ Auch Ihr von der MJC seid ein Teil dieses Domes; in der Stadt Trier sicher eine Säule, die mitträgt am Gesamtwerk. Dafür danke ich Euch, dass Ihr Eure Eigenart als MJC so kraftvoll Euch bewahrt und doch auch dienend Euch einordnet in das Gesamtwerk des Bundes. Sorgt dafür, dass es für alle Zukunft so sei! Eine Säule muss ragen, und eine Säule muss tragen. Gebe Gott Euch die Kraft dazu!

Mit frohem Gruß!
Euer Hermann Waßmuth, Diözesanjugendseelsorger

 


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Nr. 5: Pater P. Peus SJ, Präses der MJC, 60 Jahre alt

"Pater Peus, eine in Trier durch seine Jugendarbeit weitbekannte Persönlichkeit, begeht am 8. Juni im St. Ignatiushaus in der Dietrichstraße seinen 60. Geburtstag. – Geboren am 8. 6. 1896 in Duisburg, trat er nach den Gymnasialstudien im Jahre 1923 in die Gesellschaft Jesu ein und wurde im Jahre 1929 zum Priester geweiht. Seit 1933 wirkt er als Präses der MJC von 1617 in Trier und darüber hinaus als Leiter der DJK-Sportgemeinschaft im Bistum, gleichzeitig aber auch als führender Mitarbeiter im Sportbund Rheinland in Handball und Leichtathletik. Nachdem er im Krieg 1914 – 1918 als Kriegsfreiwilliger dem Vaterland diente, erwarb er sich während des 2. Weltkrieges große Verdienste in der Betreuung der Sodalen wie auch der Soldaten. In rastlosem Arbeitseinsatz für die Jugend baute er nach dem Kriege die MJC wieder auf und betreut in ihr zur Zeit etwa 600 Mitglieder. Besondere Erwähnung verdienen seine Predigten und sein Seelsorgseifer während der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft und in der Kriegszeit. Er zog von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf, um die Jugend vor Irreführung zu bewahren. Für seine aufopferungsvolle, unermüdliche Arbeit wurde ihm vor kurzem das Goldene Ehrenabzeichen der DJK verliehen. Nicht zu vergessen sei seine große Hilfsbereitschaft, mit der er auch den Eltern der Jugendlichen in Wort und Tat jederzeit beratend zur Seite steht. Mit der gleichen frohen Spannkraft, mit der er voriges Jahr der FISEC (Europäische Gemeinschaft der studierenden katholischen Jugend) als Leiter vorstand, steht auch das diesjährige Diözesan-Sportfest am 30. Juli wiederum unter seiner Führung. Mögen Pater Peus zum Segen der Jugend und damit auch zum Segen der Stadt Trier, der sein Wirken in erster Linie gilt, noch viele Jahre fruchtbarer Priestertätigkeit beschieden sein."

(Trierische Landeszeitung vom 8. Juni 1956, S. 8)

 


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Nr. 6: Begrüßungs- und Dankansprache beim Festakt
aus Anlass der Einweihung der Barockorgel

N.B. Am 23. März 1958 hielt P. Peus beim Festakt anlässlich der Einweihung der wiederhergestellten Barockorgel in der Welschnonnenkirche eine Begrüßungs- und Dankansprache. Der handschriftliche Text fand sich unter den Akten des Ignatiushauses.

"Meine sehr verehrten Herren und Freunde!

Im Mittelpunkt der erhebenden Feier, die wir soeben miterleben durften, stand der Dank, das Te Deum. Wir haben in gemeinsamer Arbeit ein Werk vollendet; aber immer stand vor uns das Wort der Schrift: ‚Wenn der Herr das Haus nicht baut, bauen die Bauleute vergebens.’ Der Herr hat mitgebaut. Kindlich haben wir ihm unseren Dank ausgesprochen und unser Danklied gesungen. So oft die neue Orgel, von meisterlicher Hand gespielt, in Zukunft erklingt, wird dieser Dank an den obersten Bauherrn mitklingen und mitschwingen; aber auch der Dank an die vielen verschiedenen Bauleute, die auf so vielfältige Weise mitgeholfen haben, die Barockorgel unserer Welschnonnenkirche neu erstehen zu lassen.

Mit Wehmut vermissen wir in dieser Stunde unter uns den verstorbenen Dr. Chardon, der so oft nach dem Krieg uns auf die zum Schweigen verurteilte Orgel aufmerksam machte. Wir alle wissen, wie er mit der MJC von 1617 verbunden war, und wie er bis zu seinem Tod innigsten Anteil an dem Leben der Kongregation nahm. Freudig begrüßte er im Jahre 1952 den Plan der Wiederherstellung der Orgel, und immer ließ er sich unterrichten, immer ermunterte er uns, und immer ermutigte er uns, wenn wir vor Schwierigkeiten standen. Nach seinem Tode gaben wir seinen Namen der Stiftung, die sich die Wiederherstellung der Orgel zur Aufgabe machte. Als Motto steht über dem Programmblatt der Feier ‚Wer mich verherrlicht, erhält das ewige Leben.’ Es ist das Schriftwort des Totenzettels, mit dem wir von ihm Abschied nahmen, als er von uns ging; und für uns steht fest, dass unserem lieben Ehrenpräses dieser Lohn des ewigen Lebens zuteil wurde. ...

Die heutige Weihefeier hat die Zusammenarbeit gekrönt. Ich freue mich als Rektor der Welschnonnenkirche und als Präses der MJC, Sie alle, meine verehrten Herren, hier begrüßen zu dürfen, um Ihnen meinen herzlichen Dank aussprechen zu können. Jeder von uns hat auf seine ihm eigene Weise dazu beigetragen, dass heute unsere Orgel so herrlich erklingen konnte. ...

 


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Zu großem Dank bin ich dem Herrn Domorganisten Dr. Schuh verpflichtet, der schon in den drei Planungs-, Finanzierungs- und Baujahren mit großer Anteilnahme das Werk förderte. Durch sein heutiges Spiel hat er uns gezeigt, wie schön das gemeinsame Werk gelungen ist. Dr. Schuh hat in Meisterschaft die Orgel, die wir so gerne als die Königin unter den Musikinstrumenten bezeichnen, in ihrer Vielfalt aufklingen lassen und so alle gemeinsamen Arbeiten und Hilfen in der Vorführung zusammengefasst.

In der wechselvollen Geschichte der MJC von 1617 wird die heutige Weihefeier und der heutige Tag unvergesslich sein. Sooft die Orgel zu Ehren der Kongregationskönigin und in den Gottesdiensten der Jugend nun erklingt, sooft wird sie auch zeugen von denen, die ihr Klingen und Spielen ermöglichten.

Meine sehr verehrten Herren und Freunde! Was Sie geleistet haben für die Orgel, ist zugleich ein Werk für die Jugend der Stadt. Hören Sie bitte deshalb in meinen Dankesworten auch den Dank der Jugend. Wie einst Dr. Schuh als Quintaner an der Welschnonnenorgel gesessen hat und mit ihm viele andere, so werden bald jugendliche Musiker an dem neuen Werk sitzen. Sie werden es Ihnen danken, und wir dürfen hoffen und wollen wünschen, dass aus den Musikschülern der MJC auch eines Tages neue Meister der Orgel erstehen."
[zurück zur S. 40]

 


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Nr. 7: Der Totenzettel

N. B. Der Totenzettel, der von seinen Mitbrüdern verfasst wurde, enthält leider einige Unrichtigkeiten, fasst aber noch einmal kurz und prägnant das Leben und Wirken von P. Peus zusammen:

"Paul Peus war ein ausgeprägter Tatmensch. Von der Obersekunda des Gymnasiums in Duisburg ging er im August 1914 als Freiwilliger ins Feld. Er geriet verschüttet in Gefangenschaft und musste schwerste Jahre zum Teil in afrikanischen Straflagern durchmachen. 1920 zurückgekehrt, wirkte er von Baldeney aus in der eben aufblühenden Jugendbewegung "Neu-Deutschland". 1923 trat er selbst in den Orden ein, mit dem er zusammengearbeitet hatte, machte den gewohnten Studiengang der Gesellschaft Jesu durch mit dem Tertiat in Amiens als Abschluss im Jahre 1931. Nach kurzer Tätigkeit in der Jugendseelsorge in Münster eröffnete sich ihm im Jahre 1933 das Arbeitsfeld seines Lebens für volle 27 Jahre als Präses der MJC in Trier. Selbst unter den schwierigsten Verhältnissen der damaligen Zeit leistete er Großes in unendlicher Kleinarbeit. Als beim Zusammenbruch die Schranken fielen, begann die große Zeit für P. Peus. Der Sport war ihm ein willkommenes Mittel, die Jugend von Trier zu sammeln und zu bilden. Ausgerüstet mit echter Führerbegabung, großem Verständnis der reifenden Jugend, restloser Hingabe an die religiösen Ideale der MJC und seltener Findigkeit und Zähigkeit, alle Möglichkeiten für seine Jungen auszunutzen, schuf er eine moderne Jugendbewegung einzigartiger Prägung in der altehrwürdigen Bischofsstadt. Viele Hunderte verdanken ihm die Prägung für das Leben, darunter eine große Anzahl Welt- und Ordenspriester. Sein Tod ist ein Verlust für die Stadt und den Orden und reißt eine Lücke, die in dieser Form nicht ausgefüllt werden kann. Außer seinen Mitbrüdern und Verwandten trauern ihm nach seine Jungen und zahlreiche Eltern. Als er daran dachte, die tückische Krankheit durch eine Operation zu bannen, war es zu spät für dieses Leben, aber Zeit für das ewige Leben, das Gott seinem Diener schenken wollte. Und so starb er fern der Heimat und seinem Wirkungskreis, aber sein Grab ist in Trier inmitten derer, für die er gelebt hat."

 


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Nr. 8: Gedenkwort des Sodalenpräfekten

"In piam memoriam P. Peus SJ

Nachruf

Es fällt mir nicht leicht, einen Nachruf auf unseren Präses zu schreiben. Ich denke daran, was Pater Peus dazu sagen würde. Er würde sich bestimmt so verhalten, wie er es stets getan hat, wenn es um seine Person ging; er hätte mit einer für ihn typischgewordenen Handbewegung abgewinkt. Ich weiß mich noch an manche Feier seines Namenstages oder auch seines Geburtstages zu erinnern. Wenn wir bei dem Versuch ertappt wurden, eine kleine Gratulation zu arrangieren, so war er heftig dagegen. Wenn uns eine Überraschung gelang, dann war Pater Peus, der sonst so sichere Mann, plötzlich verlegen und winkte ab.

Früher habe ich das eigenartig empfunden, bis mir klar wurde, wie sehr diese Haltung seinem Wesen entsprach. Zu seinen Verdiensten für das Reich Gottes unter unserer Jugend, in unserer MJC und darüber hinaus, gehört nicht nur das ungeheure organisatorische und seelsorgliche Werk, dem wir alle viel verdanken, es gehört dazu das ganz persönliche Beispiel eines Menschen, der sich bemühte, unserer Lieben Frau und Herrin der Kongregation nach zu streben in der Haltung, die für sie bestimmend war: Dienst, Bescheidenheit, Fliehen öffentlicher Ehren und Ämter. An Pater Peus lernten wir Sodalen, was es heißt, als Mann in der Kirche und mit der Kirche etwas zu leisten und doch vor allem bescheiden und demütig zu bleiben.

Die letzte Spanne seines Lebens, die letzten Monate und Wochen waren besonders erfüllt von der Sorge um die Jugend heute. Er sprach oft von dieser seiner Sorge, die auch mit Schuld an seinem Leiden tragen dürfte. Auch darin durfte er unserer Allerseligsten Jungfrau folgen, dass ihm schweres Leid und tiefer Kummer nicht erspart blieb.

Dann kam die Wende. In den letzten Zeilen, die er mir an Pfingsten schrieb, steht der erschütternde Satz: "Bei mir ist Ende!" Es wurde die große Wende. Ich möchte zuversichtlich hoffen, dass er, der sich zeit seines Lebens bemüht hat, die Nachfolge des Herrn zu leben und unzählige Trierer zu lehren, in der Schule der Gottesmutter den Lebensweg mit der Kirche zu gehen, auch selbst das Ziel erreicht hat, für das Gott uns Menschen geschaffen hat, und zu dem Pater Peus alle seine Trierer Jungen hinführen wollte. Wir wollen seiner im Gebet gedenken.

 


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Die größte Freude, die wir ihm bereiten können, so meine ich, ist, dass wir das Werk seines Lebens, das Reich Gottes unter der Trierer Jugend, nicht aus den Händen lassen, sondern uns alle bemühen, gute Frucht zu tragen. In diesem Sinne wollen wir Pater Peus ein bleibendes Andenken bewahren.

Bonn, den 24. Juni 1960

Gerhard Müller-Chorus [zurück zu S. 57]

 


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Nr. 9: Nachruf von P. Martin Söll SDB
Verbandskaplan der DJK

Wenn P. Peus uns jetzt etwas sagen könnte, würde er es sich wahrscheinlich verbeten, dass man ihn lobt. Das will ich jetzt auch nicht tun. Aber ich habe als Vertreter des Jugendhauses Düsseldorf und speziell der Deutschen Jugendkraft zu danken; und das musst Du mir, mein lieber toter Freund, nun gestatten, auch wenn dabei ein Lob durchklingt. Wofür muss ich Dir danken? Zunächst nicht für das, das Du getan hast, sondern für das, was Du warst. "Agere sequitur esse" ist ein alter scholastischer und jesuitischer Grundsatz. Das Handeln folgt dem Sein. Wer etwas ist, kann etwas tun.

Was warst Du für uns? Ein guter Priester und echter Sohn Deines Ordens, und zwar immer und überall, in der Kirche und auf der Straße, in der Schule und auf Fahrt, in Deinem stillen Kämmerlein und auf dem Sportplatz oder Jugendzeltlager.

Du hast gelegentlich Deinen schwarzen Rock ausgezogen, nicht weil Du Dich seiner geschämt hättest, sondern weil er dich bei der Arbeit hinderte. Aber Du hast nie Deine Haltung und Gesinnung abgelegt: Deine Treue zur Kirche und zu Deinem Orden, Deinen Gehorsam gegen Bischöfe und Vorgesetzte, Deine saubere Haltung und reine Gesinnung im Umgang mit der Jugend.

Du hast vieles so nebenher getan, was am Rand der priesterlichen Tätigkeit steht; aber Du hast immer als Priester und Seelsorger gewirkt. Du konntest streiten für eine gute Sache und Deine Überzeugung energisch kundtun. Aber im nächsten Augenblick warst Du wieder gütig und nachsichtig und verzeihend. Du warst eben ein echter Jünger Deines Meisters, Jesu Christi. Du warst im echtesten Sinn zugehörig zur "Gesellschaft Jesu".

Was warst Du noch? Ein Vater und Freund der Jugend. Das war Dein Feld, Deine innere Heimat: die Jugend, die studierende, die marianisch gesinnte, die sporttreibende Jugend. Bei Dir war immer Jugend, weil Du selber trotz Deiner weißen Haare ein großer Junge geblieben bist, der gelacht und gespielt, gearbeitet und gebetet hast. Wie ging es auf Deiner Burg oder Bude oft zu? Und wie sah sie oft aus? Aber sie musste so sein, weil Du das Leben liebtest, das frohe, natürliche, ungeschminkte Leben, und weil Deine Jugend sich wohlfühlen sollte.

Es gibt heute schöne Jugendhäuser mit viel Parkett und Marmor und Metall. Aber es ist dort keine Wärme und Gemütlichkeit, kein Geist und Leben beheimatet; es herrscht dort oft nur ein strenger Hausmeister, aber kein Jugendmeister, kein Freund und Vater junger Menschen, die sich auch einmal

 


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austoben wollen, die eine helfende Hand, ein ratendes Wort und ein liebendes Herz suchen. Das hattest Du, das hast Du verschwendet.

Und noch etwas warst Du: ein Freund des Spiels und Förderer des Sports; als solcher bekannt nicht nur in Trier, nicht nur im katholischen Sportverband Deutsche Jugendkraft, sondern weit darüber hinaus im allgemeinen deutschen Sport und im internationalen katholischen Raum. Jahrelang warst Du der Geistliche Beirat der Diözesangemeinschaft Trier, hast die DJK im Raume des Bistums aus kleinsten Anfängen mit aufbauen helfen, warst das gute Gewissen aller Vereine. Heute hat die Diözesan-Gemeinschaft Trier die meisten Vereine von allen deutschen Diözesen.

Aber auch in der FICEP, dem allgemeinen internationalen katholischen Sportverband und in der FISEC, dem internationalen katholischen Schüler-Sportverband, warst Du gerne gesehener Führer, Berater und Helfer. Erinnert sei nur an das glänzend verlaufene FISEC-Fest vor fünf Jahren, das sporttreibende Schüler aus vielen Ländern Westeuropas nach Trier geführt hat. Du vor allem hast das Fest vorbereitet, getragen und beseelt.

Und die Freunde aus dem Sportverband Rheinland werden dich nicht minder missen. Du warst ihnen ein fairer Partner, der für die Gleichberechtigung und gleiche Verpflichtung der katholischen Sportvereine in der großen deutschen Sportgemeinschaft eingetreten ist, der aber auch den Mut hatte, anders zu sein als die anderen und zäh für die katholischen Sportgrundsätze zu kämpfen.

Du warst ein guter Schwimmer und hast Dich gerne im nassen Element aufgehalten. Aber im Grundsätzlichen bist Du nie geschwommen; da gab es für Dich kein Feilschen und Handeln, da standest Du treu zur Kirche und zu Deinem Gewissen. Und doch hat sich niemand an Dir wundgerieben, weil Du bei aller Überzeugungstreue der freundliche, liebenswerte Mensch geblieben bist. "Ecce Homo" sagte Pilatus von Christus im mitleidigen Ton. "Seht da, ein echter, voller, guter Mensch", dürfen wir von Dir bekennen.

Du hast viel gearbeitet, gelacht, gelitten und geliebt. Nur eines hast Du nicht getan: Dich geschont. Vom Herrn hörten wir aber: "Niemand hat eine größere Liebe, als wer sein Leben einsetzt für andere." Und Don Bosco hat einmal gesagt: "Wenn ein Salesianer auf dem Feld der Arbeit sich verzehrt, schickt Gott zwei andere Mitarbeiter an seine Stelle.

Gott hat Dich uns gegeben, Gott hat Dich uns genommen. Sein Name sei gepriesen. Uns aber bleibt die Pflicht des Dankes und des fürbittenden Gebetes. Ruhe in Frieden! [zurück zu S. 55]

 


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Nr. 10: Ansprache von Kaplan Karl Etscheid
im Gedenkgottesdienst der DJK

In diesem heiligen Mahlopfer gedenken wir unseres heimgegangenen geistlichen Vaters Pater Peus. Seit der Wiederbegründung unserer Gemeinschaft hat er sie innerlich geformt und priesterlich geführt. Ihr hat er mit seinen Kräften gedient. Sie hat er mit priesterlich besorgtem Herzen geliebt, und an ihr hat er gelitten. ...

Er war unser geistlicher Vater, und so stehen wir in einem verpflichtenden Erbe, das nur dann bewahrt wird, wenn es gelebt wird. ... Unsere Trauer ist gerade in dem Maße echt und berechtigt, als wir die Verpflichtung des Erbes erkennen, übernehmen und leben.

Pater Peus kam zum Sport durch den täglichen Umgang mit seinen Jungen. Er wollte nicht nur ihrer sportlichen Neigung in seiner Gemeinschaft Raum geben. Er sah im Sport kein Hobby oder nur nützlichen Zeitvertreib, sondern eine Erziehungsnotwendigkeit und ein Erziehungsmittel ersten Ranges. So wurde er nicht müde, eine erste Forderung immer und immer wieder zu erheben: Der Sport muss dem Leben dienen und ins ganze Leben eingebaut werden. Sport will Erziehung des ganzen Menschen vom Leibe her. In Wahrheit gebildet kann man nur den Menschen nennen, der auch seinen Leib bildet und seine Kräfte entfaltet. Was Gott von uns Menschen fordert, ist die Gesundheit und Gesundhaltung. Sie wird nur dann erreicht, wenn wir den Leib und seine Organe üben. Diese Forderung Gottes kann für viele heute nur mehr durch den Sport erreicht werden, und für sie alle ist der Sport Gebot Gottes. Steifheit ist keine Würde, Unvermögen keine Tugend, Leibverachtung keinerlei Beweis für geistige Bildung und vor allem völlig unkatholisch und häretisch.

Weil der Sport absolut notwendig ist, soll er eine Not wenden und hat dienende Aufgabe. Was nützt der Sport, wenn er Sportkoryphäen heranbildet, die im Alltag – in Beruf, Familie, Staat und Kirche – völlige Versager sind, die dann noch hingehen und sich nur mehr im Sport betätigen, weil sie ihr Versagen im Leben spüren und gerade dadurch noch lebensuntüchtiger werden! Was nützen uns Sportler, die durch Drogen, Diäten und Training vor dem Wettkampf zu Erfolgen kommen, sonst aber zuchtlose Burschen sind! Sie sind keine guten Sportler, jedenfalls keine katholischen. Wer seine Leistung erhalten und steigern will, muss täglich trainieren. Wie viel Selbstüberwindung, Tapferkeit und Entsagung, Ordnung in der Lebensführung ist dafür notwendig! Wie viel Achtung vor dem Gegner, Kamerad-

 


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schaft, Fairness werden im Sport geübt! Mit Recht kann man nur den einen katholischen Sportler nennen, der diese im Sport erworbenen Tüchtigkeiten seinem Leben dienstbar macht und im Alltag fruchtbar werden lässt.

Aber Pater Peus forderte mehr. Er formte das Wort des heidnischen Poeten "Orandum est, ut sit mens sana in corpore sano" um und forderte "sit mens sancta in corpore sancto = es sei eine heilige Seele in einem geheiligten Leib". ... Es gibt kein Seelenheil, das nicht auch Heil des Leibes wird. Und es gibt keine Seligkeit der Seele, die nicht auch Seligkeit des Leibes wird. Hat nicht Sankt Paulus gesagt: "Traget und verherrlicht Gott in eurem Leibe"? Diese Heiligkeit des Leibes und der Seele lässt sich nicht erreichen ohne täglichen Kampf und tägliche Mühen. ... Wie es unmöglich ist, ohne fortwährende Körperübungen die Muskelkraft zu steigern, so gibt es auch ohne fortschreitende geistliche Übungen keine übernatürliche Festigkeit und Standhaftigkeit. ...

Auch das war Pater Peus noch nicht genug. Wer echter Katholik ist, ist zugleich Apostel. Er ist mit heiliger Vollmacht in diese Welt gesandt. Der Herr hat uns die Welt, das ganze Leben aufgegeben. Wenn Gott und die Kirche in den Bereichen, in denen die Menschen leben, nichts zu sagen haben, läuft uns das Leben davon. Dann aber wird unser Glaube frommes Gekakel in lebensfremden Phantastenzirkeln, Selbstbefriedigung der Lebensuntüchtigen und derer, die sich im Leben zu kurz gekommen wähnen. Ein DJKler steht auf dem Sportplatz als Apostel des Sports und zugleich als Apostel der Kirche Jesu Christi.

Nur so dürfen wir zum Tode von Pater Peus Stellung nehmen. Er hat uns ein heiliges Erbe anvertraut, das wir leben müssen als junge Katholiken, die den Sport ihrem Leben dienstbar machen, die durch den Sport heiliger werden an Leib und Seele, die als Apostel Jesu Christi auf den Plätzen, in den Hallen und Arenen stehen. Mögen jetzt erst recht seine Worte in bereite Herzen fallen. Dann heißt es von ihm: Noch im Tode redet er zu uns. Und nur dann hat er in unserer Gemeinschaft nicht umsonst gewirkt.

 


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Nr. 11: Trierer Biographisches Lexikon
Trier 2000, S. 339–340

Peus SJ, Paul, kathol. Ordenspriester - * 8. Juni 1896 Duisburg, + 13. Juni 1960 Freiburg i. Brsg. – Im Kriegsdienst 1914/15 war P in französ. Gefangenschaft geraten und leistete Arbeitseinsätze u. a. in Afrika; dort rettete ihn ein französ. Sanitäter aus Lebensgefahr, woraus eine lebenslange Zuneigung zu Frankreich herrührte. 1920 kehrte er zurück, trat 1923 in das Noviziat des Jesuitenordens ein, studierte 1925 – 1927 Philos und 1927 – 1931 Theol in Valkenburg. 1929 wurde er zum Priester geweiht. Nach Abschluss seiner theol Studien u des Terziats kam er, vorbereitet durch pastorale Praktika in Berlin u Münster, 1933 nach Trier, wo er als Präses der Marianischen Jünglingskongregation v 1617 (MIC) das Arbeitsfeld seines Lebens fand. Als diese 1937 v NS-Regime verboten wurde, führte er seine Für- und Seelsorge der Jugend in Gesprächen, Beratungen u geheimen Zusammenkünften weiter. Selbst in diesen überaus schwierigen Verhältnissen der nationalsozialistischen Ära gelang es dem in der kathol Jugendbewegung (Neudeutschland) groß gewordenen P aufgrund seines imponierenden Ideenreichtums, seiner mitreißenden Spontaneität u seiner auch das Kleinste bedenkenden Organisationsgabe, eine kirchl Jungengemeinschaft aufzubauen, die unter seiner charismatischen Leitung nach dem Zweiten Weltkrieg eine Blütezeit erlebte. Die Seele seiner religiösen Jugendarbeit war die Verehrung der v Neuen Testament u der kirchl Lehrtradition als Repräsentantin der Kirche dargestellten Gottesmutter Maria: eine Form christl Spiritualität, die Hunderte katholischer Laien, vor allem jedoch die vielen aus der MIC hervorgegangenen Welt- und Ordenspriester geprägt hat. Zur religiösen Jugendarbeit im weiteren Sinn gehörten für P gute geleitete Ferienlager u insbes der Sport, aber auch die Überwachung u Förderung der schulischen Leistung. "Progressus in pietate et litteris" war ein oft v ihm zitierter Leitspruch. – Auf seinem Totenzettel stand: "P. Peus war ein ausgeprägter Tatmensch; ausgerüstet mit echter Führerbegabung, großem Verständnis der reifenden Jugend, rastloser Hingabe an die Ideale der MIC u seltener Findigkeit und Zähigkeit, alle Möglichkeiten für seine Jungen auszunutzen, hatte er in Trier eine moderne Jugendbewegung einzigartiger Prägung geschaffen."

Ernst Haag

 


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Gedichte und Texte von P. Peus

Gedichte

Gefangen
Mutter Maria

Lieder des Lebens

Unverdient
Rettung
Alltag
Christus, der König
Neudeutsch Gebet zur Jahreswende
Ver sacrum
Saatkorn
Ritter vor unserer lieben Frau

Nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft 1920 arbeitete Paul Peus im Bund Neudeutschland mit. In dieser Zeit – bis etwa zum Beginn seiner Seelsorgstätigkeit in der MJC Trier – entstanden eine Reihe von Gedichten, Texten und Vorträgen, die einen Mann zeigen, der vom Gedanken der Nachfolge des Herrn zutiefst geprägt war.

 

Gedichte

Gefangen

Dunkle Wände umgeben mich grau,
Jahre schon, und ich bin noch so jung.
Möchte wohnen im himmlischen Blau,
Frei zur Sonne fliegen als Ar;
Wollt’ mich wärmen im ewigen Frei
Und auf Wolken jagen im All,
Dass die Seele aufjauchze im Schrei –
Weh! – Die Fesseln zerren mich wund.

("Leuchtturm", Jg. 15, 1921 / 22, S. 186)

 

Mutter Maria

Ich wäre längst im Strudel untergegangen,
Mich hätte gierig die Luft bezaubert gefangen,
Ich hätte Gott und die Seele verloren
Und der Sünde Treueid, Gefolgschaft geschworen,
Das Licht der Gnade wäre für immer gestorben,
Ich wäre verwelkt, verblasst und verdorben,
Mein Leben wäre nutzlos gewesen,
Ein Sandkorn im Haufen, ungelesen,
Jeder Tag hätte zum Sterben begonnen,
Jedwede Nacht wäre in Nichts zerronnen,
Ich wäre ewig, ewig vergessen,
Aber Du,
Mutter Maria,

 


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Hast meine Sünden mit Liebe gemessen,
Hast mich vor jedem Strudel gewarnt,
So oft meine Seele von Sünden umgarnt,
Hast jeden Tag zum Leben gekrönt,
Jedwede Nacht mit Deinem Lächeln verschönt,
Mutter Maria, Du
Hast mich gerettet, geliebt und geküsst,
Maria,
Mutter, sei dankbar gegrüßt.

("Leuchtturm", Jg.16, 1922 / 23, S. 73)

 

Lieder des Lebens

Unverdient

O Gott!
Wicht ich und Wurm
erbaute bis zu dem Schemel
deiner schimmernden Füße
den Sündenturm.
Ich wagte mich,
schuldbeladen,
uneingeladen
in deinen hochheiligen Kreis,
und sagte
nicht Reue, nicht Bekennen.
Heiß,
glühend von gleißenden Sünden
stand ich neben dir auf,
ein trotziges Kind,
das den Vater beleidigt.
Gütiger Gott,
wer hat mich verteidigt
vor Dir?
Du sandtest nicht vertilgenden Sturm,
der mich verwegenen Wurm

 


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in die Hölle fegte,
der mir die Qualenketten
der Ewigkeit eisern umlegte.
O Gütiger!
Du sandtest dem trotzigen Kind
deinen warmen, wundertätigen
Gnadenwind
unverdient.

 

Rettung

Nun hab’ ich mich wiedergefunden,
frei, ungebunden,
bin wieder Kind.
Die Fesseln der Welt sind abgefallen,
die Fesseln der Seele gelöst,
und frei, frei, ätherfrei flieg ich im All.

Alles war hohl, alles war Schall,
alles, was ich hörte und wusste,
Dunkel mich bannte,
notumhüllt
war meine Sendung unerfüllt.

Selig Chöre,
preist meine Rettung,
lasst klingen mein Lied,
lasst schallen mein Lob.
Alleluja!
Gott selbst mich erhob
zu sich.
Alleluja!

Ich habe mich wieder gefunden,
frei, ungebunden,
bin wieder Knecht
und diene,
bin wieder Kind
und weine.

 


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Alltag

Alltag ist es wieder in mir,
Alltag nach all der Pracht und zahllosen Zier,
Alltag nach Singen
und Klingen.
Grau nun schleicht schläfrig der Tag
durchs fahle Fenster in mein Gemach,
öde und leer grinst grässlich das Licht,
das gestern noch auf mein strahlend Gesicht
glühte und flammte,
weil es vom ewigen Leuchten stammte.
Nun ist alles erloschen, ermattet,
vom Gang des gähnenden Alltag beschattet.
Ich recke die Glieder gen weinenden Himmel
zu greifen, was mir tückisch entfloh.
Doch matt sind die Kräfte,
matt ist der Mut,
müde der Blick, weh nach dem Gut,
das entschwand
ungebannt.

Jetzt beginnt wieder das Suchen und Rennen,
das ewige Rufen und Namennennen
nach dir,
der du uns lohnst,
wenn du bei uns wohnst.

Gott,
ich weiß, du bist,
ich weiß, du bleibst,
ich weiß, du kommst.
Doch Alltag es ist,
grau, goldlos, voll Gier,
ich schreie und rufe mich heiser nach dir,
du,
der nichts vergisst.

Doch Alltag es ist,
nach Pracht und Zier,
nach innigem Lieben mit dir,

 


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nach Singen und Klingen.
Witternd Sünde und schuldige Fehle,
lauscht bang bebend furchtsam die Seele
nach dir.

("Leuchtturm", Jg. 17, 1923/24, S. 356 f)

 

Christus, der König

Freie Übertragung aus der Apokalypse 1, 12–17.

Da wandte ich mich
zu wissen,
woher denn die Stimme erschalle,
die so zu mir rede und spreche.

Und siehe!
Von Licht umflossen
erblickte ich einen,
der einem Menschensohne wohl glich;
er stand
vor flammenden Leuchtern
aus leuchtendem Gold,
sieben an Zahl;
fallend in reichlichen Falten, gegürtet
mit güldenem Gurt
wallte zur Erde sein Mantel;
und weißer als Schnee
und schneeige Wolle
schien mir
ein silbernes Haar
zu umhüllen ein heiliges Haupt;
sein Auge
warf Funken und Feuer;
sein Fuß
war glutrotes Erz;
seine Stimme
rollte wie Donner
und rauschte wie Wasser im Sturm;
seine Hand
hielt sieben Gestirne

 


84

und doppelgeschmiedet entquoll
dem göttlichen Munde
ein scharfgeschliffenes Schwert;
sein Antlitz aber
brannte
wie sengende Sonnenglut
Erschauernd
den Herrlichen schauend
sank ich zu Boden
wie tot.

("Leuchtturm", Jg. 20, 1926/27, S. 209)

 

Neudeutsch Gebet zur Jahreswende

Dank sei dir,
Gott!
Deine Gnade war wieder
Ein ganzes Jahr mit mir.
Ob in Schwäche oder Liebe
Ich vor deinem Throne lag,
Stunde um Stunde,
Nacht und Tag
Brannte mir Knecht
Dein Gnadenlicht,
War mir zugewandt
Dein Angesicht. –
Du warst mir treu.
Und ich?
O Herr,
Schuld beladen,
Zu Boden gebeugt
Meine sündigen Hände
Zur Jahreswende
Ich hebe zu dir,
Dass wieder Verzeihung werde
Den Undankbaren,
Dass auch im werdenden Jahr
Wie Sternenleuchten
Weisend und klar

 


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Die Vatergüte
Meine Jugend umschwebe. –
Und ich frohlocke:
Komme, komme,
Du heiliges Jahr,
Gnadenzeit,
Vom Vater gespendet!
Ich bin stark,
In dem,
Der sie sendet,
In dem,
Der mich stärkt!
Ich bin ein Haus
Auf Felsen erbaut!
Komme,
Neues, neudeutsches Jahr,
Mein Steuer hält in Sturm und Not
Der Vater,
Der große, der gütige Gott! Amen.

("Leuchtturm", Jg. 20, 1926/27, S. 303)

 

Ver sacrum

Still
wie ein Bach
im einsamen Tal
eilet
zum Strom,
so schreitet
der Knab
nach Traum und Spiel
hinab
in den Mai.
Er wird frei.
Nun horchet er viel
In den werdenden Tag,
in den stürmenden Sturm
und schaut

 


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in schweigender Nacht
die silberne Pracht.

Und alles sind Rätsel:
er –
und die Welt.
Stark
wie ein Held
ahnt er und sehnt
und wartet und horcht
auf Gottes Gebot:
aufzustehen
zum Krieg,
anzulegen
die schimmernde Wehr,
aufzubrechen
zum Sieg,
gnadenbegürtet,
in der Heiligen Heer.

("Leuchtturm", Jg. 22, 1928/29, S. 44)
[zurück zu S. 8]

 

Saatkorn

Der Märtyrerkirche Mexikos gewidmet

Saatkorn
Sind wir geworden!
Saatkorn
in des Herren Hand.
Nun streut er uns aus
auf lockeres Land;
als Saatkorn
dürfen wir sterben!
Alleluja!

Im Schatten,
am Rand öder Straßen
im Staub,
da fand uns
sein gütiger Arm.

 


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Er neigte sich nieder,
nach uns zu langen,
uns einzufangen
in seine Hand.
Alleluja!

Saatkorn
sind wir geworden,
um täglich
bitteren Tod
mit unserem Herrn
zu sterben,
auf dass die Frucht
reife zur Mahd
für seine Erben
als Siegessaat.
Alleluja!

("Leuchtturm", Jg. 22, 1928/29, S. 161)

 

Ritter vor unserer lieben Frau

Maria,
Du
Unseres Königs
Mutter und Magd,
du
unsere Königin,
Herrin und Mittlerin,
wir
Christusritter
Knien vor dir
Und bitten Gehör:

Hilf du uns
würdig tragen
zu deines Sohnes Ehr’
seinen herrlichen Namen.
Maria,
Unsere Liebe Fraue,
wir

 


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Christusritter
schauen
voll Vertrauen
auf zu dir.
Amen.

("Leuchtturm", Jg. 22, 1928/29, S. 200)
[zurück zu S. 35]

 


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Texte zur Jugendarbeit

Unser Kampf um die Reinheit
Wandern
Abschiedsabend
Marienweihe im Bannkreis der Großstadt
Freiburg, Frankfurt und nun … Taten
Niederrheinischer Gautag (27. und 28. Mai)
Die Einkehr von Neresheim
    ___________
Texte zu Themen des Sports

Unser Kampf um die Reinheit

Der Düsseldorfer Franziskaner ist ein Freund der Neudeutschen. Er kennt die Jünglingsseelen aus den Exerzitien, er ist ihnen Arzt gewesen, er hat sie geheilt. Und die Jugend ist nicht undankbar. Der Pater steht am Rednerpult und wartet, bis die Jugend ihn sprechen lässt, wenn sie aufhört, ihm zuzujubeln. Und nun spricht Pater Matthäus. Seine Stimme, die schon allein seine Liebe und Sorge für die deutsche Jugend ausdrückt, findet Eingang bis in die tiefsten Gemächer der Seele. Er klopft und klopft, und die Jünglingsseele muss sich auftun, sie kann nicht anders.

Pater Matthäus hatte in seiner Jugend den deutschen Wunsch, einmal Generalfeldmarschall zu werden. Immer auch im Krieg blieb ihm dieser heiße Wunsch versagt. Und in Freiburg darf er dankend zum Herrn beten, denn er ist Generalfeldmarschall geworden. Seine Truppen sind nicht 2000 Zuhörer; diese 2000 vertreten 25 000 deutsche Jungen, und diese haben eine Familie und Freunde, und somit spricht er als Generalfeldmarschall und Oberbefehlshaber vor 100 000 Soldaten Christi. Die Jugend im Saal lacht und zollt Beifall und Bestätigung. Der Pater will für den Kampf den Jungen die Sturmhaube aufsetzen, den reinen Schild reichen für den Streit, den einen Streit, den ersten notwendigsten Streit, den Kampf für die Reinheit. Zuerst muss einmal gesagt werden, was Reinheit ist. Reinheit ist kein Muckertum oder Schlafmützigkeit, Reinheit ist Ehrfurcht vor den heiligen Gesetzen Gottes, Reinheit ist Selbstbewahrung. Die Reinheit ist eine Frage der Frauen, Ehrfurcht vor dem weiblichen Geschlecht. Die Sänger des Mittelalters sagten einmal, die deutsche Frau sei die edelste und reinste Frau der Welt. Das kann wieder wahr werden, wenn der Neudeutsche in jeder Frau seine Mutter sieht, in jedem Mädchen seine Schwester. Besonders aber wird die Ehrfurcht vor dem anderen Geschlecht sich vergrößern, wenn man in ihm das Symbol der Muttergottes sieht. Wenn viele Frauen und Mädchen heute dieser Ehrfurcht unwert sind, so kann der Neudeutsche durch seine Ehrfurcht in den gefallenen und verirrten Herzen wieder Ehrfurcht vor den heiligen Gesetzen wecken. Reinheit ist nicht Sklaverei, Reinheit ist die höchste, geistige Freiheit. Der Neudeutsche pflegt die Reinheit aus tiefster Liebe zur Kirche, deren Schönheit nicht zulässt, dass er seine Hände, seinen Geist, sein Herz und seine Seele besudelt. Der Neudeutsche pflegt die Reinheit aus tiefster Liebe zum Vaterland, er kennt die sexuelle Not und ihre Wunden. Reinheit bedeutet dem Neudeutschen persönliches

 


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Glück, Seelenglück, das so stark ist, dass er glaubt, die Brust wäre zu eng für die Überfülle dieses Kinderglückes. Die beste Waffe ist, selbst rein und unbefleckt zu sein, dass jeder Gefallene versteht, wie hoch sein Ziel gesteckt sein muss, und sich sagt, ich muss rein wie ein Neudeutscher werden. Pater Matthäus schlägt vor, unsichtbar hinter Neudeutschland zu setzen: Der große, weiße Bund. So ist Neudeutschland die Hoffnung der heiligen Kirche.

Wiederum legten 2000, nein 25 000 Neudeutsche ein Gelöbnis des Bekenntnisses zum Ideal der Reinheit nieder, als sie nicht ruhten, bis ihr Pater Matthäus am Vorstandstisch Platz nahm, anstatt auf seinen Platz im Zuhörerkreise zurückzukehren.

("Leuchtturm", Jg. 15, 1921/22, S. 107)
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Wandern

Prof. D’ Este sieht in der Abkehr von der Natur einen Hauptgrund unseres Zusammenbruchs. Die vollständige Entfremdung des Großstadtmenschen von der Natur hat seinen Grund in der Zusammenpferchung der Menschen in den Mietskasernen und Steinmeeren der Häuserblocks. Erst die Jugend, die sich immer nach Licht und Leuchten sehnt, fand den Weg zur Natur zurück. Der Wandervogel war es zuerst, der in Berlin mit dem Abendschoppen und Bummelspaziergang brach. Schnell schloss sich die gesamte Jugend an, und seit dieser Zeit blüht ein frohes Wanderleben. Dieses Leben muss eine Einheit erhalten; durch die Achtung vor allem Wandern kann diese erreicht werden.

Da nun das Wandern die Masse ergreift, stellt sich die Frage, wie man wandert. Hier kann nur zünftiges, einfaches Wandern in Frage kommen. Die Zweckmäßigkeit der Kleidung, der Ausrüstungsgegenstände bedingt eine einfache Natur, die nur alles auf das Wandern einstellt. Die Jugendbewegungen haben eine neue Art zu wandern, sie will wandern zur Schaffung eines neuen Lebensstils und einer gefestigten Weltanschauung. Das Wandern und der neue Lebensstil können kein Weltanschauungsersatz sein; in der Naturvergötterung ein neues Gotteserlebnis zu suchen, hat als Weltanschauungsproblem versagt. Das Wandern fördert das Gefühl des Gemeinschaftssinns, es unterbindet die Klassengegensätze und die Standesunterschiede. Auf der Wanderung sieht der Schauende die Arbeit, und der Grund wird gelegt für das Verständnis der sozialen Fragen. Wird das Wandern einfach und sparsam betrieben, arbeitet es an Lösungen unserer deutschen

 


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Not mit. Das Wandern weckt Heimatliebe und Kunstverständnis für Heimatdenkmäler und Kultur. Und diese Heimatliebe zieht eine Volksliebe mit sich und hilft so auch zur Volksgemeinschaft.

Praktische Vorschläge zum weiteren Ausbau des Wanderns wären die Erweiterung der Fahrpreisermäßigung über 75 km, Erbauen und Schaffen von Herbergen.

Der echte apostolische Geist der neudeutschen Bewegung findet im Kampfe für die geistige Reinheit dieser Herbergen ein Ziel des Tatchristentums. Zur Aussprache gelangen die Anträge, ob die schon bestehenden Herbergen des Verbandes auch der Deutschen Jugendkraft sowie dem Reichsausschuss zur Verfügung gestellt werden sollen. Beide Anträge wurden angenommen.

("Leuchtturm", Jg.15, 1921/22, S. 115)
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Abschiedsabend

So sehr der strömende Regen begrüßt wurde, so schmerzlich empfanden ihn die Neudeutschen. Ein froher Abend auf der Höhe musste ausfallen. Dafür trafen sich die Jungen zum letzten Mal mit ihren Führern in der Festhalle. Der Schmerz des Abschiedes lag über den Gesichtern. Regen und Trennung nach Sonnenschein und Wiedersehen drückten die Seelen. Die Freiburger Ortsgruppen boten in Unterhaltung ihr Bestes. Ein wunderbares Mysterienspiel musste unvorbereitet auf der zu großen Bühne, die die schlichten Bilder zerriss, gespielt werden und verlor dadurch sehr an Eindruckskraft. Erst gegen Ende des Abends lassen die Feuer der Begeisterung noch einmal einen Brand aufflackern, der beweist, wie tief die neudeutsche Idee Wurzel in der katholischen Jugend gefasst hat. Der Vertreter Hollands nimmt noch einmal das Wort und dankt für den herzlichen Empfang. Er fordert zur Zusammenarbeit auf und bringt, von den Jungen dicht und stürmisch umringt, ein Hoch auf den Verband aus.

Alles lauscht, als unser lieber Herr Dr. Barth zu reden beginnt. Die Jungen hängen an seinem Munde und atmen die vom Ideal der Jugendbewegung durchwehten Worte. Was die Freiburger Jungen unter seiner Leitung getan haben, mussten sie aus Liebe zum gekreuzigten Heiland tun. Man fühlte, dass dieses Herz neudeutsch schlug, und begeistert danken die Buben dem Mann, der Tag und Nacht, Woche um Woche gearbeitet hat, dass der Verbandstag gut, mustergültig vorbereitet wurde.

 


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Aus der Versammlung heraus bringt man ein Hoch aus auf den ersten Vorsitzenden des Verbandes Prof. Schumacher, von dem wir wissen, dass er ganz für uns lebt und bereit ist, alles für uns zu opfern, ein Priester, den wir tief verehren, und auf Pater Esch, der durch seinen straffen Geist, durch sein festes Durchgreifen, durch seine unermüdliche Arbeit und seine ewige Liebe zur deutschen Jugend die Herzen der Jungen erobert hat. Noch einmal spricht Pater Esch zu ihnen. Er zaubert Willen in die Gesichter. Die neudeutsche Idee kann nicht wanken. Die große Entwicklung hat bewiesen, dass die Jugend diese Idee stürmisch verlangte. Der Himmel hat den Verband sichtbar gesegnet, denn wir sehen heute schon Früchte heranreifen. Und die letzte große Hoffnung liegt bei den Jungen selbst, sie bleiben Träger der herrlichen Idee und ziehen nun hinaus zerstreut im ganzen Vaterland zur Tat. Pater Esch stimmt in Anlehnung an die Weihe des Verbandes zur Gottesmutter als Schlussgesang an: Maria zu lieben. Wer das gehört hat, und wer den Ernst der Ergriffenheit gesehen hat, dem ist nicht bange um diese Jugend.

Neudeutschlands dritter Verbandstag ist zu Ende. Der kommende Morgen führt die Jungen hinweg. Ein großer Teil wandert in den Schwarzwald oder an den Bodensee zur Erholung. Etwa 200 Jungen bleiben noch in Freiburg, um bei Pater Esch Exerzitien zu machen. Sie ziehen sich in die Stille des Theologischen Konviktes zurück, um das alte Kleid der Seele gegen ein neues, himmlisches und starkes Kleid zu vertauschen.

Von Freiburg marschiert mit neuer Kraft der neudeutsche Gedanke, er wird mit vielfältiger Frucht blühen im Weinberg des Herrn zum Seelenglück unserer Jugend, zum Segen des leidenden Vaterlandes und zum Schutze unserer heiligen Kirche.

("Leuchtturm", Jg. 15, 1921/22, S. 128)

 


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Marienweihe im Bannkreis der Großstadt

Die Erlebnisse in Bornhofen und in Freiburg, das Miterleben bei den Schilderungen von Augenzeugen auf Normannstein, die Liebe zur Gottesmutter, das liebe, leuchtende Vertrauen zur Herrin, alles dies weckte bei den Gralsrittern den glühenden Wunsch, die neudeutsche Gruppe "Gral", Duisburg, besonders der Gottesmutter zu weihen. Gleich nach den Ferien begann die Arbeit, Vorbereitungs- und Apostelarbeit, zusammengefasst: Tatarbeit. Vom jüngsten Knappen bis zum Ritter lebte der Apostelgeist, und rastlos wurde an den Toren der Lauen gepocht, die Hindernisse zu überwinden, die sich einer Teilnahme entgegensetzen. Opfer verlangte diese Teilnahme, denn abgelegen vom Steinmeer der Stadt, nicht weit vom Ufer des Rheins in einer kleinen Notkirche wurden sie zusammengerufen zum Treuschwur.

Die Nacht legte sich über die Stadt, über die Schornsteine und Häfen, über Ufer und Rhein. Sterne gleich Vorposten zum ewigen Reich, stumme stille ernstmahnende Wegweiser des Himmels, schmückten den Oktoberhimmel. Ein Kreis von Glühlampen umgab groß gezogen Weg und Kirche. Diese Lampenkette, die von der Stadt über die Häfen zum Rhein sich zieht, ist der Zeuge nimmer ruhender Arbeit. Unbeweglich glühen sie kalt, sich anmaßend Lichtquelle zu sein. Zuweilen flammen die Hochöfen auf, und roter Schein wirft sich über die Straßen und Felder, über die leerstehenden Fabriken und grasbewachsenen Mauerreste. Über dem Boden schleicht schlangenhaft feuchter, grauer Nebel, der die Menschen hasst, sie feindlich anglotzt. Hammerschlag oder Kettenklirren mischen sich mit fernem Hundebellen zu klagenden Geräuschen.

Lachend und fröhlich ziehen die Neudeutschen durch die sterbende Natur. Nicht weit von der Straße auf einem Felde steigt in die unbewegte Luft ein Feuer rot auf. Da möchten sie hin, tanzend singen: "Flamme empor!"

Irgendwo am Rhein pfeift eine Fabriksirene, einsam irrt der schaurige Ton, zischt und verklingt. Da beginnt auf der Orgelempore der Notkirche ein Geiger zu spielen. Sein Lied zittert durch den heiligen Raum. Die Jungen lauschen, ihr Blick sucht das Bild der Unbefleckten, die schlicht im Kerzenschimmer und Grün betend die schlanken, feinen Hände faltet. Dunkel ist das Gotteshaus. Nur die Kerzen, die tiefsten Symbole der reinsten Liebe, spenden weiches Licht. Als der Geiger seine Hymne geendet hat, betet die Jünglingsschar die Lauretanische Litanei. Aus dunkler, irdischer Not schwingt sich die Seele betend zu den Füßen der Immaculata, die auf der

 


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Mondsichel steht und die Schlange zertritt. Aus der Tiefe des dunklen Gotteshauses schallt bei jedem Anruf ein inniges: "Bitte für uns!"

Du allerreinste Mutter!
Du mächtigste Jungfrau!
Du Sitz der Weisheit!
Du Ursache unserer Freude!
Du Pforte des Himmels!
Du Morgenstern!

Die Lauretanische Litanei entspricht so ganz den Nöten der Jungen. Dankbar ihrer Königin, preisen sie: "Wunderschön Prächtige, Hohe und Mächtige!"

Auf der Kanzel steht der Freund, der Berater der Neudeutschen. Er hat ein Recht auf die Seelen seiner jungen Freunde. In der Großstadt, wo die Menschen eng beieinander wohnen, wo der Raum eines jeden Einzelnen abgemessen ist, da wohnt auch eng das Laster, die Sünde, der Seelenmörder. Frech springt die Gemeinheit aus dem Verborgensein. Frech grinst sie unverhüllt, offen. Hier darf sie es, hier kann sie es. Die Menschen der Großstadt sind Stein geworden, sie haben ihre Seelen vergessen. So liebt das Laster die Menschen. Die Jünglinge wachsen in Gefahren auf, ihre Seelen blühen wie Blumen, die das Laster zu brechen versucht. Da öffnet sich der Himmel, und auf Wolken getragen, neigt sich die Jungfrau zu diesen Kelchen der Reinheit. Der Blick der Jünglingsseele zur ‚Immaculata’ tut Gralswunder. Das Sonnengewand strahlt Sonnenkraft zurück. Die Seele wird zu einem Spiegel, der im Lichte der jungfräulichen Hoheit ungetrübt, seeklar bleibt. Die Träger dieser Seelen werden Ritter, die Knappen Kinder. Sie kämpfen um die Reinheit. Mannhaft wachen sie, dass der Feind, der heißhungrig die Seele umlauert, nicht das Lilienleben darin bricht, und nicht eine Leere, eine wahnsinnige Öde nach Lust und Gier schreiend lichtlos auftürmt. Verehrung und Liebe sind die Bänder, die Jugend und ‚Immaculata’ verbinden. Mutterliebe und Sohnesverehrung.

Die Orgel nimmt diese Stimmung auf und preist in reicher Variation: Maria zu lieben. Das Fühlen und Wollen tragen die Neudeutschen durch diese Melodie zum Throne. Die Seele ruht in tiefer, heißer Betrachtung, mit den triumphierenden Orgelstimmen singt sie ihr Bekenntnis, ihre Zuneigung: Maria zu lieben.

Ein Ritter und ein Knappe treten ins Kerzenlicht vor die betende Madonna zur Weihe. Ein Aufschrei ist es. Für viele sprechen sie. Restlos geben sie

 


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ihr ganzes Leben, ihre ganze Seele in die geöffneten Hände der Mutter, der Herrin. All ihre Not, alle ihre Freuden und Hoffnungen bringen die Jungen an ihr gütiges Herz.

Draußen vor den Toren der Kirche singt die Arbeit ihr stählernes Lied vom Schaffen und Erschaffen. In den Straßen der in grelles Licht getauchten Großstadt hasten die Menschen. Sie rennen zeitarm, den Kopf voller Sorgen und Geschäfte. In den Stätten der schreienden, in die Tiefe ziehenden Vergnügungen sitzen sie mit stumpfen Seelen. Sünde und Tod gehen um, halten Umschau nach Opfern. Auch die Jugend gehört zu den Opfern dieser Mörder. Die Sünde lockt schmeichelnd verführend mit tausend Kleinigkeiten, die äußerlich goldig und begehrenswert scheinen, innerlich aber ein Gift bitterster Galle bergen. Diesen Kelch will die neue Jugend nicht trinken. Schutzsuchend küsst sie den Saum des Sternengewandes der Muttergottes. Die Mutter muss ihnen helfen, ihn zu lieben, ihn, der demütig unter Brotgestalt, in der kleinen weißen Hostie, den Jünglingen mit dem Schmerzensblick nachschaut und nachgeht. Damit das Leben ein großes Großer-Gott-wir-loben-Dich werde, deshalb suchen sie die Hilfe der lieben, königlichen Frau.

("Leuchtturm", 15. Jg. 1921/22, S. 206 f)
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Freiburg, Frankfurt und nun … Taten

Das Wichtigste der Freiburger Tagung scheint mir das restlose Einstehen für das Ideal der Reinheit zu sein. Apostel der Reinheit zu werden, ist unsere Aufgabe, die Aufgabe der katholischen Jugendbewegung. Unseren drei Hochzielen: Jugend, Vaterland, Kirche, dienen wir im Kampfe um die Reinheit in ganz besonderer Weise.

Jugend und Reinheit sind Wechselbegriffe, die zueinander gehören und für einen Neudeutschen nicht zu trennen sind. Wir suchen eine Freude, die ihr Licht und ihren Glanz aus den himmlischen Sphären erhält. Das Erfassen der Reinheit als Kernfrage unserer Jugendlichkeit deutet an, dass wir unsere Blicke eigentlich schon über die Zeit dieser Jugendlichkeit hinaus richten, um unsere werdenden aufblühenden Kräfte den heiligen, erhabenen biologischen Gesetzen vollwertig zu erhalten. Dieser Weitblick stärkt unser Wollen und drückt den schönsten und freudvollsten Stempel auf unsere von uns selbst errungene Jugend.

Dem Vaterland dienen wir ganz besonders, wenn das Ideal der Reinheit uns leitet. Wir wissen, dass weite Kreise aller Volksklassen schmachten und leiden unter den gierigen Fesseln der Unsitte und Unmoral. Feurig begeistert reißen wir das Banner des weißen Bundes zur Höhe, dass es flattere über unsere Köpfe. Mit Apostelaugen und Apostelherzen fühlen wir diese stumme, klagende Not des verwundeten, blutenden Heimatlandes. In treuester Liebe zum gesamten Vaterlande sieht Neudeutschland hier ein Gebiet, auf dem es Apostel des Gedankens, des Beispiels und der Tat werden kann. So wie wir unsere Jugend lieben, so stark lieben wir auch unser Vaterland. Dieses Bewusstsein gibt uns Kraft, bereit zur Arbeit zu sein in jedem Augenblicke und in jeder Lage, an jedem Ort und in jedem Kreise. Wir wissen, dass die Erlösung des deutschen Volkes von dieser Sklavenfessel einen Segen ungeahnter Tiefe und Reichtümer mit sich führt.

Wir kämpfen im Sinne der Kirche, wenn wir für die Aufrichtung des Ideals der Reinheit streiten. Unsere Seelen sollen aus tiefer Liebe zum eucharistischen Heiland das weiße Kleid der Unschuld tragen. In das Schutzreich der Unbefleckten Empfängnis flüchten wir uns. Und immer wieder öffnen wir dem Seelenbräutigam die Tore. Wenn er bei uns wohnt, ständig bei uns einkehrt, werden wir das Salz der Erde, Rebstöcke im Weinberg des Herrn, unseres Vaters.

In Freiburg haben wir dies alles in großer Begeisterung geschworen. Mit Vorsätzen, festgefügt wie das Fundament eines großen Gebäudes, das wir

 


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in uns erbauen wollen, sind wir in die engere Heimat zurückgekehrt. Und die Erinnerung an alle die gewaltigen Stunden in Freiburgs Mauern treibt uns voran in die erste Linie des Geisteskampfes als Apostel und Diener des göttlichen Willens.

Ein neuer Ansporn zu rastloser Arbeit ist uns in Frankfurt gegeben worden auf dem Katholikentag. Pater Esch hat der katholischen Welt und der ganzen Nation von einem neuen Jugendgeist gesprochen. Und als Träger dieses Geistes nannte er uns Neudeutsche. Somit sind wir herausgetreten aus unserem Gruppenleben und eingereiht worden in die Reihen der katholischen Kampftruppen. Dürfen wir nur eine Minute wanken oder uns schwach zeigen? Dürfen wir unseren Freund, unseren Pater Esch, der in unsere Seelen geschaut hat, nur einmal verlassen? "Nie!" schreit unsere Seele. Dadurch, dass wir vor die gesamte katholische Welt gestellt worden sind als eine Jugendbewegung, die der Maßstab für die katholische Jugend aller Kreise sein soll, müssen wir aus innerster Überzeugung und Notwendigkeit beweisen, dass wir das Leben ernst und heilig, besonders und schwer auffassen, dass wir schon Verständnis haben für die Nöte unserer Tage, und deshalb, weil wir die Kraft der Gnade in uns brennen fühlen, den Geist der neudeutschen Bewegung als ein loderndes, leuchtendes Seelenfeuer hinein tragen in die Finsternis.

In uns lebt dieser Geist. Und weil Neudeutschland auch um uns leben muss, damit das alte Deutschland auch ein Neudeutschland werde, darum auf zur Tat!

("Der Aufstieg", 4. Jg., 1921/22, Nr. 2, S. 12)

 


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Niederrheinischer Gautag (27. und 28. Mai)

Etwa 500 Jungen des Niederrheins saßen am Samstagabend unter den Bäumen im Park des Jugendheims "Hoch-Elten". Aus großen Kesseln schöpften Novizen und Brüder der Gesellschaft Jesu aus dem nahen Bonifatiushaus in die Trinkbecher Kakao. Bei jeder Gruppe wehte ein Wimpel. Ein Trompetensignal rief die Jungen nach dem Abendimbiss zum Thingplatz. Der Gauleiter Otto Terpoorten sprach zu ihnen, das Grüß Gott, der Brudergruß flog von Mund zu Mund. Dem Gauleiter folgte Pater Esch. Der Abend legte sich über die Wiesen und Felder. Die ersten Sterne schmückten in glitzerndem Gold und mit inniger Wärme der Ewigkeit die Maiennacht. Da schlug eine Flamme in einen Holzstoß und züngelte sich in das Frühlingsblau. Das leuchtende, sprühende, zum Himmel zielende Feuer, verbrennend, was morsch und schal geworden, den Weg weisend zur Höhe, das ist das Symbol der neuen Jugend; hochaufgerichtet erhebt sie sich im Staube der Ruinen, und ihre Augen suchen Sterne, sie hasst das Dunkel, sie liebt das Leuchten, sie fordert das Schöne und will den Sieg des Reinen.

Vom Feuerplatz geht es zum Marienaltar. Unter einer Rotbuche steht eine schlanke betende Muttergottesstatue in weichem Weiß. Breitarmige Kerzenleuchter und Blumen stehen am Sockel. Wie Ritter beugen die Jungen ihre Knie, und ihre Lippen sprechen eine Bitte und einen Schwur. Die Bitte fleht um den Schutz der Lieben Frau, der Schwur ist das Gelöbnis treuer Ritterschaft. Durch die Nacht klingt ein Glöcklein. Auf dem breiten Weg von der Hauskapelle des Jugendheimes kommt ein Priester mit dem Sanctissimum. Kerzenträger gehen voraus. Die Wimpel und die Bubenköpfe senken sich. Ein Abendgebet spricht man, und ein Tantum ergo folgt. Der Segen wird zur Nachruhe gespendet und unter dem Klingen des Glöckleins ziehen Messner und Priester zur Kapelle zurück. Ein letzter Anruf der Jungen: In dieser Nacht sei du mein Schirm und Wacht.

Es sollte bis sechs Uhr geschlafen werden, aber kaum zeigte sich das erste Morgenrot, kaum sang das erste Vöglein im Park seinen Morgengruß, da krochen die Kerle schon wieder aus dem Stroh, liefen unter die Pumpe und wuschen sich den Schlaf aus den Augen. Und stürmend jagten sie bergauf und bergab durch Hohlwege und Schneisen. Hier hörten sie einem Kuckuck zu, da standen sie Blumen betrachtend. Lachen und Freuen, Springen und Singen, Laufen und Sinnen, so erlebte man den Maimorgen. Gegen 6.30 Uhr sammelte sich alles mit dem Priester an den Stufen des Altars zur Feier des heiligen Messopfers. Im Halbkreis zogen sich die Bäume um Altar, Priester und Beter. Auf moosbewachsenem Boden beteten und sangen

 


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die Jungen. Bei der heiligen Wandlung trafen sich die Blicke in der kleinen Hostie, die hoch über den Jungen schwebte, der die Vöglein ihr Lied schenkten, der die ganze Natur mit der Schönheit des Lichts und der Farbe diente. Und alsbald traten die Jungen ganz nahe an die wenigen Stufen des Altars, an den Tisch des Herrn. Der Priester gab ihnen das Brot des Lebens, das allein die Kraft des Werdens und den Geist der Tat spendet. Über den Waldflecken legte sich heilige Stille, die aber bald jubelnd sich auslöste zu einem gewaltigen "Großer Gott, wir loben dich".

Kurz darauf zog man in die festlich geschmückte Aula einer nahen Schule zum Festakt. Der Direktor der Anstalt zeigte in großen Zügen, wie groß die neudeutschen Ideale im Volksleben stehen, wie stark und voll die Bewegung wächst auf dem nach Aufstehen ringenden Vaterland. Die Harmonie Neudeutschlands in der rechten Pflege von Seele und Körper, das ist die Stärke und die Einheit der Bewegung. Und Pater Esch sprach von dem jungen katholischen Menschen, den Neudeutschland anstrebt und bildet. Auch am Niederrhein muss das Ziel der neudeutschen Idee Fuß fassen, der Niederrhein muss bis zum letzten Mann stehen mit den Brüdern aus dem ganzen Reich unter dem Christusbanner, im Glauben, dass wir in diesem Zeichen nur siegen können. Das Vaterland fordert unsere ganze Kraft, wir sind sie ihm schuldig, alles in seinen Dienst zu stellen als ganze katholische, deutsche Jungen.

Nach diesem Festakt setzten sich die führenden Jungen zu Beratungen zusammen. Die jüngeren Neudeutschen zogen zum Spiel in den weiten Park des Jugendheims. Um 12 Uhr gab’s Erbsensuppe, die den Jungen, die auf dem Waldboden sitzend aus allen möglichen und unmöglichen Gefäßen oder Schalen löffelten, besser mundete als der Sonntagsbraten an Mutters Tisch. Lachend rief einer: "Du, Hans, hast du schon einen Gautag erlebt, auf dem es keine Erbsensuppe gab?" "Nein!" war die Antwort, "aber immer hat sie geschmeckt, und das ist uns doch die Hauptsache," fügte er noch hinzu. Und weiter klapperten die Löffel.

Kurz nach Mittag kamen etwa 50 Holländer Gymnasiasten aus dem Canisius-Kolleg Nymwegen zu Besuch. Im Freilichttheater wurden sie von Pater Esch und den deutschen Brüdern herzlichst begrüßt. Die Holländer dankten und beim Hoch auf Hollands und Deutschlands Jugend wollte der Beifall kein Ende nehmen.

Die Emmericher Ortsgruppe spielte zum Abschluss der Tagung Wallensteins Lager. Am Spätnachmittage ein letztes Sammeln um die große, so gütig und mild schauende Muttergottesstatue im Walde. Noch einmal

 


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spricht Pater Esch. Er fasst in markigen Worten alles Große und Erhebende dieser Tagung zusammen, und dann ordnet sich schnell der Rückzug nach Emmerich. Die Holländer Buben zogen mit uns. In Emmerich trennen wir uns und der Wind weht uns in alle Richtungen. Den Geist der Tagung nehmen wir mit, am Niederrhein wird er schaffen.

("Leuchtturm", 16. Jg. 1922/23, S. 191 f)

 


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Die Einkehr von Neresheim

N. B. Als Redakteur der Zeitschrift "Junger Heerbann U. L. Frau" hat P. Peus ausführlich über eine MC-Tagung im August 1935 berichtet. Sie fand in der Abtei Neresheim statt. Dieser Bericht wird hier allerdings nur in Auszügen wiedergegeben. Der Bericht markiert in aller Deutlichkeit die Unvereinbarkeit des christlichen Denkens mit der NS-Ideologie.

Die süddeutschen Marianischen Schülercongregationen hatten für August ihre Sodalen zur Abtei Neresheim eingeladen. Wozu? Antworten wir mit zwei "Fachausdrücken" der Congregationssprache: zur Selbstheiligung und Weltheiligung, zu drei Exerzitientagen und anschließend zu drei Congregations-Einkehrtagen. ...

Der Notzeit entsprechend war uns die Abteikirche nicht nur Opfer- und Kultraum, sondern auch Tagungsraum. ... War es Katakombenstimmung, die in uns und um uns lagerte? ...

"Die ganze katholische Jugend weiß und fühlt es nur zu deutlich: Religiöse Not weht über uns. Nur der Starke kann standhalten. Was dürr ist, bröckelt ab. Die Kirche braucht heute verantwortungsbewusste Menschen, auf die sie sich unbedingt verlassen kann. Wenn wir früher mit Christus auf dem Berge der Verklärung standen, um uns mit ihm zu erfreuen, so will Gott uns, die Jugend, heute mit ihm auf dem Ölberg sehen, wo wir ringen, dass das Reich Gottes nicht nur in uns, über unsere eigenen Schwächen und Unvollkommenheiten siege, - wir müssen heute stärkstem Sturm gewachsen sein. Unser Glaube und unsere Ideale wollen heute verteidigt sein. ... Nicht eine Kerze müssen wir heute sein im stillen Heiligtum, sondern eine Fackel im Sturm."

Tag und Nacht hielten Congreganisten die Heilige Wache und stille Anbetung. In ihren Händen hielten sie die Banner der katholischen Jugend. ...

Vor der Pontifikalvesper stand das erste Tagesreferat: Die Congregation in der Zeit. Die Congregation lehnt nie die Zeit ab und drückt sich nie an den Aufgaben der Zeit vorbei. Sie ist zu sehr an die Kirche angelehnt, zu innerlich aus ihrem Geist gewachsen und ganz eingegliedert in ihre Einsatzbereitschaft. Des wurden sich unsere Jungen wieder ganz bewusst. Wir haben unsere Aufgabe von der Kirche empfangen, nur sie könnte uns von ihrer Erfüllung entbinden. Wie äußere Kräfte die Kirche nur zu binden vermögen, zu fesseln, aber nie zu vernichten, so vermag man auch nichts wider die Congregation, als sie von außen her zu behindern. Der Congreganist ist

 


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ein Getaufter, ein gezeichneter Christ, der sein Gnadenleben unter Einsatz aller Kräfte zur Entfaltung bringt. Diese Gnadenentfaltung und Einsatzbereitschaft eines Congreganisten wird keinem und keiner Gemeinschaft einen Schaden zufügen. Der Congreganist dient nach ewigem Vorbild der ancilla Domini. Er dient seiner Kirche und seinem Vaterland. Nicht in dem Sinne, als ob etwa von ihm das Vaterland zurückgesetzt oder als weniger bedeutsam zur Seite geschoben würde. Dem Ritter U. L. Frau in der treuesten Königsgefolgschaft Christi Mangel an Vaterlandsliebe vorzuwerfen, heißt ihn aufs schwerste kränken und ihm bitter, bitter wehetun. Wie zu jeder Zeit, so bestimmt auch heute die Liebe zum angestammten Volke den Congreganisten zur Congregationstreue, denn Treue zu Christus schließt die Treue zum Vaterland nicht aus, nein gerade in dieser Treue muss die Christustreue aufleuchten. Mit dieser Gesinnung steht die Congregationsjugend im Ring der gesamten katholischen Jugend. Fehlte uns dieser Wille, so wären wir nicht wert, unter dem Lilienbanner U. L. Frau zu stehen, und wären nicht würdig der ruhmreichen Tradition und Vergangenheit der Marianischen Congregationen.

... Zeigten die großen Referate die Linienführungen der Congregation auf, so suchte man in den kleinen Gemeinschaften mehr die Anwendung auf die praktische Arbeit herauszuarbeiten. Der Sodale muss um die wichtigen Glaubensfragen wissen, er muss seinen Glauben kennen und ihn begründen können. Wie könnte er sonst in der modernen Glaubensauseinandersetzung sich geistig einsetzen! Gerade die lebendige Aussprache zeigte, dass die Jugend nicht tatenlos im Strudel religiöser Wirren steht. Sie schwimmt nicht mit. Sie will in sieghafter Überzeugung von der Wahrheit contra torrentem. Der Sieg über den Unglauben aber erfordert eine geistige Rüstung, die standhält. Darum Schulung, die Klarheit und Wissensbesitz vermittelt. ...

Die Selbstheiligung ist das Herzstück unserer Arbeit. Viele Gründe zeigen das. Die Selbstheiligung ist die Quelle des Apostolates, unseres Einsatzes für die Weltheiligung. So war es von Anfang an. Wer sich für die Kirche einsetzen will, setzt die Erfülltheit der Kirche in sich voraus. Ohne Selbstheiligung keine Weltheiligkeit. Die Seele in unserem Apostolat ist innerlich verbunden mit der Heiligkeit der Kirche. Die Selbstheiligung ist zudem der tiefste Sinn unseres ganzen Lebens. Ohne sie sind wir nur Taufscheinkatholiken und Fahnenflüchtige der Kirche, die uns im Sakrament der Firmung zum Einsatz für das Reich Gottes auf Erden aufgerufen hat. Die Zeit verlangt die Selbstheiligung als erobertes Eigentum und Eigengut. Wer sich

 


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nicht nach Christus und für ihn formt, wird geformt vom Ungeist der Zeit. Auf tausend Wegen drängt sich an uns Gegensätzliches und Feindliches. Bewusst das ausschalten, ist Forderung an jeden jungen Christen, erst recht an jeden Sodalen. ...

Wir sind wesensgemäß auf die religiöse Arbeit eingestellt. Wir wollen den katholischen Menschen, wie die Kirche ihn will. Unsere Arbeit in der MC ist darum total, wesentlich und universal-religiös. Eine Trennung von Religion und Leben ist uns unmöglich und wesensfremd. Alles, was die MC an Sichtbarem umlagert, umlagert den religiösen Kern der MC, der alles um uns und uns mit religiös umfasst, beleuchtet und durchdringt. Schon der kleinste Congreganist muss wissen, dass wir in allem zuerst religiös eingestellt sind. ...

Die Selbstheiligung als bewusste persönliche Arbeit in engster Verbindung mit der Gnade zum "alter Christus" trägt mit der MC noch einen Charakterzug, der in der lex credendi wie lex orandi der Kirche aufleuchtet: wir gehen den Weg über Maria. Sie ist uns die Mutter, die über unser Gnadenleben wacht, sie ist uns Herrin, Königin und Führerin zu ihrem Sohn, Ideal in der Christus-Gefolgschaft und –Treue. Wir junge Menschen als Baumeister erkennen diese Linienführung in den Heilsplänen der Kirche. Sie zu verwirklichen, zur sichtbaren Wirklichkeit zu bringen, das ist unser heiligster Wille, wenn wir von der Selbstheiligung sprechen und zur Selbstheiligung aufrufen. ...

Am zweiten Tage war die Gemeinschaft zwischen allen da, zwischen Präsides und Sodalen, zwischen Nord und Süd, zwischen Gastgeber und Gästen. Die Gemeinschaft wuchs trotz so vieler Einschränkungen, die uns von der Zeit aufgelegt wurden. Neresheim wurde ein Beweis, dass unsere Gemeinschaft nicht gebunden ist an Marschieren, an Gleichtracht und entrollte Banner. Nein, unsere Gemeinschaft wächst aus der großen Treue und Begeisterung zum Congretationsideal. Aus religiösen Quelltiefen flutet unsere Gemeinschaft, die nichts ausschließt, sondern alles einschließt. ...

Am Anfang des letzten Tages stand nochmals ein Großreferat: Unsere Marienverehrung. Wenn wir bewusst eine marianische Bewegung sind und als solche auftreten, so wissen wir auch, dass wir vielen Missverständnissen begegnen. Nicht von Seiten des kirchlichen Lehr- und Hirtenamtes. Die Kirche hat uns anerkannt, gelobt, gefördert und ermuntert uns ständig zur eifrigen Marienverehrung. Dafür lassen sich aus den letzten drei Jahrhunderten Zeugnisse in Fülle herbeibringen. Die Missverständnisse rühren aus Unkenntnis, aus Oberflächenbetrachtung und aus einem Mangel an "sentire

 


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cum ecclesia". Man hält uns entgegen, wir gingen einen Umweg zu Christus, wir betonten zu stark die Marienverehrung, wir würden der großen Christusbegeisterung Abbruch tun. Darauf antworten wir klar: Wenn unsere Marienverehrung uns von Christus ablenkt, dann müssten wir heute noch uns ändern, dann muss heute noch unsere 1. Regel abgeändert werden. Aber wir stellen die Gegenfrage: Ist es denn wahr, dass wir als Congreganisten uns von Christus entfernen oder einen Umweg gehen? Die Congregation will nur, was die Kirche will. Und sie will als Erziehungsziel einzig und allein Christus, sie will von uns Christusförmigkeit, und sie will, dass es uns einzig auf Christus ankommt. In der Erreichung dieses Zieles steht aber Maria nicht hemmend, sondern fördernd und helfend vor uns. Wir Sodalen gehören zur Christusjugend als Marienjugend, wir sind Marienjugend, um Christusjugend zu sein. In der Marienverehrung sehen wir einen gottgewollten Weg zu Christus und zur Christusgefolgschaft. ...

Wer bei der Mutter Christi stehen bleibt und übersieht, dass sie als Mutter Christi auch unsere Mutter ist, hat die kirchliche Lehre und die Bedeutung Mariens für das Erlösungswerk der Menschheit nicht verstanden. Des Lebens letzter Sinn für uns ist ja ein "alter Christus" zu werden. Der Christus, den wir "anziehen" sollen, wie Paulus sagt, der Christus, dessen Gesinnung unsere Gesinnung werden muss, war und bleibt ein Kind Mariens. Wer darum immer ehrlich anstrebt, ein Kind Mariens zu sein, muss zur Christusförmigkeit und Ähnlichkeit kommen. Wenn schon jeder Heilige einen Weg zur Christus uns weist, weil seine Heiligkeit in der Christusähnlichkeit begründet ist, so muss doch Maria als regina omnium sanctorum ein maßgebender, ja der beste Weg zu Christus sein. ...

Die Congregation ist eng an die Kirche angeschlossen und schaut immer nur auf sie. Gerade das "sentire cum ecclesia" wird sie für die Jugenderziehung den richtigen Weg finden lassen.

("Junger Heerbann U. L. Frau", Jg. 12, 1935, Nr. 10)
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Texte zu Themen des Sports

Winke für unsere Schwimmabteilungen
Jungführertum ist Ruf Gottes
Wer ist der Beste?
Leichtathletik – Schnittpunkt der Sportelite

 

Winke für unsere Schwimmabteilungen

Erinnerungen aus der Praxis und Anregungen für die Praxis

1. Führer und Führernachwuchs.

Wie jede Führung in der Deutschen Jugendkraft nicht nur Sportführung, sondern im Gegensatz zu den weltanschauungslosen, einseitigen Sportvereinen auch eine Führung zu christlicher Sportauffassung ist, so hat auch die Führung der Schwimmabteilung die Aufgabe, im einzelnen und in der Gesamtheit das Kennzeichen der Deutschen Jugendkraft auszuprägen. Zu dieser Grundeinstellung, die wir als erstes und für uns notwendiges Fundament betrachten, kommt hinzu, dass wir auch in unseren Schwimm-Abteilungen etwas bieten müssen. Und bieten kann nur wieder einer, der etwas zu bieten hat, der Kenntnisse besitzt, kurz, auf diesem Gebiet ein Gebieter ist, ein Führer. Und diese Führer muss der Abteilungsschwimmwart oder Bezirksschwimmwart bilden – und sagen wir es offen – in nicht geringer, mühevoller Arbeit und Anstrengung. Das ist besonders schwer in der Anfangszeit, wenn überall die Hilfe und Kenntnis fehlt. Und wie viel Enttäuschungen und Fehlgriffe gibt es hier. Es gehört schon ein gutes Maß Mut und selbstlose Liebe zur Deutschen Jugendkraft dazu, um auch mit dem kleinsten Erfolg zufrieden zu sein. Aus einer älteren, gute geleiteten Abteilung wachsen mit der Zeit die Führer selbst heraus, die für Tradition und echten DJK-Geist sorgen.

Die Ausbildung umfasst zwei Gebiete: die Ausbildung zum Mitarbeiten als DJK-Führer ganz allgemein und im besonderen die Ausbildung als Fachmann auf dem Gebiet des Schwimmwesens, das zur Kenntnis des gesamten Wassersportes führt.

Es besteht ein Unterschied zwischen einem DJK-Führer und einem Führer aus einem rein weltlichen Verbande, wie auch dieser Unterschied besteht zwischen den Mitgliedern der DJK einerseits und der anderen Sportvereine andererseits. (Wenigstens sollte er scharf bestehen!) Für uns ist die harmonische Ausbildung von Seele und Körper die Grundlage in der Ausübung der Leibesübungen. Die Gesundung und Stählung des Körpers geht Hand in Hand mit der Erziehung zur Selbstbeherrschung, zur Sittlichkeit und zur Charakterfestigkeit, kurz mit der Erziehung des inneren Menschen, seiner Seele. Der weltliche Sportverein kennt dies nicht, wenigstens nicht in der

 


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Praxis. Ja, die reinen Äußerlichkeiten des modernen Sportlebens hemmen den Weg zum inneren und sittlichen Aufstieg. Was nützt jede sportlich noch so schöne Leistung, wenn der junge Mann die Forderungen der Sittlichkeit in armseliger Schwäche nicht zu meistern vermag! Auch der Sport muss helfen, der jugendlichen Seele den Flug zu den Sternen, zu dem Idealen leicht zu machen, lenkt er von diesem mutigen Fluge zu den ewigen Gütern ab, dann hat er für uns keine Daseinsberechtigung.

In diesen Gedanken ist der DJK-Führer leicht zu Hause, ja so heimisch fühlt er sich hier, dass er auch der DJK-Abteilung treu bleibt, wenn sie einmal, sportlich gesprochen, nicht auf der Höhe steht und ihm durch Übertritt in einen weltlichen Verband – in unserem Fall in den deutschen Schwimmverband – Siege und Erfolge, Stellung und Ansehen winken. Der größte Sieg im feindlichen Lager wäre für ihn die schändlichste Niederlage.

In dieser geistigen Ausbildung des DJK-Führers, für die der Bezirksführer und mutatis mutandis die ganze DJK-Leitung das höchste Interesse hat, wird der katholische Stammverein, auf den sich jede DJK-Abteilung ja baut und stützt, einen großen Einfluss haben. So ist auch in diesem Zusammenhange selbstverständlich, dass die DJK-Führer in der Ausübung ihrer religiösen Pflichten sich mit dem geforderten Maß des betreffenden katholischen Vereins nicht begnügen sollten, sondern als Führer und Strebende, als in einer katholischen Gemeinschaft Leitende, allen voran den Mut aus innerster Überzeugung aufbringen, hier von sich aus freudig mehr zu fordern. Unsere DJK-Jugend soll zu ihren Führern mit Achtung emporschauen und lernen, dass DJK-Geist ohne selbstverständliche treue religiöse Überzeugung und Übung nicht lebensfähig ist.

An zweiter Stelle steht die ebenfalls so wichtige Forderung des DJK-Führers: seine Fachkenntnis. ... Die Grundlage und erste Bedingung des neuen Schwimmführers ist, dass er Schwimmunterricht gut und sicher erteilen kann. Und kein DJK-Schwimmer sollte Führer genannt werden, der nicht z. B. zehn Jugendliche melden kann, die unter seiner Leitung Schwimmer geworden sind.

Sodann kommen die Schwimmlagen, die der Führer, wenn er ihnen Unterricht erteilen soll, technisch voll beherrschen muss. Hierhin gehören auch die vielen kleinen technischen Feinheiten, wie das Starten, das Wenden, das Atmen u. ä. Daneben geht die Ausbildung zum Staffelschwimmen. Selbst das Kunstschwimmen ist nicht zu unterschätzen, weil es die Fähigkeit stärkt, Herr seines Körpers und aller seiner Bewegungen zu werden

 


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und zu einer Beherrschung des Wassers führt und damit zu immer größerer Sicherheit. ...

Ist der DJK-Jungführer in diesen Zweigen des Schwimmsports fest geworden, dann kommt die Ausbildung zum Kampfrichter. Vielleicht ist hier und da diese Ausbildung vergessen worden, und so wurde die Unterlassung auf unseren sportlichen Veranstaltungen die Quelle vieler Fehler. Die gute Abwicklung eines Schwimmfestes bedingt eben einen tüchtigen, technisch wohl ausgebildeten Stab von Sachkundigen.

Die Krone der technischen Ausbildung dürfte eine allseitige Kenntnis im Rettungsschwimmen sein, das eine doppelte Fertigkeit umfasst: Einmal das Retten im Wasser selbst und sodann die Wiederbelebungsversuche auf dem Lande. Es besteht gar kein Zweifel, dass auch die Deutsche Jugendkraft an dieser Aufgabe des gesamten Schwimmwesens teilnimmt.

Für alle diese Fragen ist Träger der Verantwortung vor der ganzen Deutschen Jugendkraft im allgemeinen und in seinem Bezirk im besonderen der Bezirksschwimmwart. Er sei der Führer in allen diesen Fragen und wisse, dass er, wenn er Führer sein und mit Erfolg führen will, eine Persönlichkeit sei, deren Einheit eben der Geist der Deutschen Jugendkraft schafft, ein Führer, der trotz Hindernisse und Schwierigkeiten den Siegesweg der Deutschen Jugendkraft geht auf seinem Gebiet, dem Gebiete des Schwimmens, und sich bewusst bleibt, dass er dadurch ein Laienapostel ist im Reiche der katholischen Weltanschauung, im Reiche der Kirche Christi. ...

 

2. Vom Schwimmunterricht

Die neu zu gründenden, aber auch die schon bestehenden DJK-Schwimmabteilungen können sich nicht nur die sportliche Höchstleistung zur Aufgabe stellen. Sie ist ja nur eine Aufgabe, und ihr geht die andere höhere voraus, die dem ganzen Reichsverband der Deutschen Jugendkraft eigentümlich ist: wir wollen unsere katholische Jugend mit willenstärkenden Leibesübungen und vernunftgemäßer Gesundheitspflege vertraut machen. Das volkstümliche Schwimmen wird diesen Bedingungen besonders gerecht, und darum ist die Erziehung zum volkstümlichen Schwimmen auch eine wesentliche Aufgabe und Arbeit unserer DJK-Schwimmabteilungen.

Dem Schwimmen dürfte in gewisser Rücksicht unter allen Sportarten die erste Stelle einzuräumen sein, denn nichts übt und stählt den Körper so harmonisch, wie gerade das Schwimmen. Der ganze Körper mit allen sei-

 


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nen edlen Organen wird beim Schwimmen durchgebildet und gestärkt. Eine Einseitigkeit in der Ausbildung oder Vernachlässigung eines Körperteiles gibt es hier nicht. Darin liegt ein großer, nicht zu unterschätzender Vorzug gegenüber allen anderen Sportarten, die zwar auch immer den ganzen Körper ausbilden, aber doch zugleich durch ihre Art einen Körperteil bevorzugen. Das Schwimmen fällt also unter unsere Auffassung von vernunftgemäßer Leibespflege. Und dass zudem das Schwimmen eine Leibesübung ist, die an den Willen Anforderungen stellt und damit auf den ganzen Charakter einwirkt, das dürfte ein Blick auf unsere Vorfahren, die Germanen, zeigen, denen der Rhein Sommer und Winter Schwimmbad war, in einer Zeit, da Manneszucht noch einen Klang hatte, dem selbst das starke und stolze Rom noch mit Bewunderung nachsann. So wird also auch die Pflege und Verbreitung des volkstümlichen Schwimmens vorzugsweise helfen, die hohen Ziele der Deutschen Jugendkraft zu verwirklichen. ...

Der Prüfstein, ob eine Schwimmabteilung in der richtigen und in gewisser Hinsicht in einer mustergültigen Weise den Schwimmunterricht erteilt, dürfte sein, wenn alle Schüler begeistert bereit sind, tätige Mitglieder der Schwimmabteilung zu werden und in dankbarer Gesinnung an den Unterricht und ihre Lehrer zurückdenken. Das zu erreichen, sei dann das stille, persönliche Ziel, das sich jeder Schwimmlehrer zu Beginn seiner Tätigkeit stellt.

 

3. Vom Schwimmen im Freien

Das Schwimmen im Hallenbad ist nur ein Notbehelf, den die Großstadt geschaffen hat. Wir haben uns daran gewöhnt, wie an so manches andere auch. Deshalb dürfte es ganz gut sein, einmal daran zu erinnern, dass zum eigentlichen Schwimmen das Wasser gehört, wie die Natur es uns bietet in Flüssen, Strömen, Teichen, Seen und Meeren, um uns Wald und Waldeinsamkeit, über uns der heitere Himmel mit seiner wärmenden Sonne. Und in alledem zusammen liegt auch wohl der Grund, warum die Geschichte immer wieder zu melden weiß vom Baden im Freien, von dem Drang, das Wasser in der Natur aufzusuchen zur Erfrischung und Erholung. Der Mensch, der mit vielen zusammenlebt, wird von der Natur aus der ermattenden Enge der Steinmeere seiner Wohnungsplätze herausgelockt.

Dieses Schwimmen im Freien ist wie alles in der Natur weder sündhaft noch schlecht, auch hier ist es der Mensch, der alles umwendet. Wer nun auf die sittlich unhaltbaren Zustände unseres modernen Badebetriebes und

 


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Strandlebens schaut, mag vielleicht im ersten Augenblick erschrecken, wenn wir auch vom Baden der Deutschen Jugendkraft im Freien nicht nur vorübergehend, sondern sogar von der Notwendigkeit dieses Ausbaues jeder DJK-Schwimmabteilung sprechen.

Alle katholischen Kreise haben sich – und zwar mit Recht – über das Sodoma und Gomorrha modernen Badelebens empört. Und auch die Schwimmvereine des DSV haben aus ihrer inneren Haltlosigkeit und aus Mangel an rein pädagogischem Verständnis sich nicht entschließen können, die Geschlechter und besonders die Jugend getrennt baden zu lassen. Am wenigsten aber fand unsere Entrüstung Widerhall bei vielen Stadtverwaltungen und Behörden, die mit einer geradezu erschreckenden Gleichgültigkeit diesen Sümpfen modernen Lasters zuschauen und in diesem wunden Punkt des Volkslebens keine Verantwortung weder vor der Seele des einzelnen, noch vor dem Staate zu fühlen scheinen. Die Folgen des uneingeschränkten Strandlebens unserer Großstädte sind nur zu bekannt: Verwilderung der Sitten, das Schwinden jeglichen Ehrgefühls und der gegenseitigen Achtung und, was das Schlimmste sein dürfte, man zog die Jugend mit in diesen schwülen Sumpf, um auch ihr den gottgewollten Schutz zu rauben: die heilige Schamhaftigkeit. Aber diesem Schmutz gegenüber darf es nicht bei bloßer Entrüstung und vernichtender Kritik bleiben, mit der wir wenig helfen. Was würde uns z. B. ein Arzt nützen, der bei einer ansteckenden Krankheit nur das Fehlen der Gesundheit feststellt, dann ohne einzugreifen den Kranken sich selbst überlässt und damit der gefährlichen Krankheit freie Bahn gibt, auch auf Gesunde überzuspringen! Dem geistlosen, zur Sünde und zum Laster führenden Wirtshausleben haben wir eigene Vereinshäuser entgegengestellt, in denen unser Geist herrscht; der uns überflutenden Bücher- und Zeitschriftenwelle sind wir entgegengetreten und haben unsere reichen katholischen Büchereien geschaffen, dem entchristlichten Theater steht ein Bühnenvolksbund gegenüber, und der ins Heidnische mündenden Sportbewegung eine Deutsche Jugendkraft. Was liegt da näher, anstatt uns nur zu entrüsten oder in heiligen Zorn zu geraten, auch eigene Badeplätze für unsere katholische Jugend im Freien zu schaffen, auf denen wir Herr sind, die den Forderungen unserer hochwürdigsten Herren Bischöfe gerecht werden, in denen Geist der Deutschen Jugendkraft weht und eine Heimat findet! Aus der Erfahrung auf so manchem Gebiet wissen wir, dass die Jugend uns, wenn wir ihr nicht Ebenbürtiges zu bieten vermögen, ins feindliche Lager hinüberläuft, um dort, in unserer Sprache gesprochen, seelisch zu zerbrechen und ihr zeitliches und ewiges Glück zu verspielen. Auf die so notwendige Regelung des öffentlichen Badebetriebes von Seiten der

 


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Stadtverwaltungen wird man nicht warten dürfen. In den meisten Fällen kann nur Selbsthilfe der katholischen Kreise ein eigenes Strandbad anlegen, das unter der Verwaltung der DJK-Schwimmabteilung steht...

Ordnung und Zucht liegen ganz in den Händen der Schwimmabteilung, die natürlich mit der Eröffnung eines Strandbades eine große Verantwortung auf sich nimmt. Auch auf einem katholischen Badeplatz und unter der katholischen Jugend geht der Feind des Menschengeschlechtes umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlingen könnte. Das wissen wir und tun deshalb alles, um ihm das Handwerk zu legen. So ist z. B. für die Jugend besonders das von ihr so beliebte Sonnen, wie es in unsern modernen Strandbädern üblich geworden, zum mindesten ein Weg zur Trägheit und Faulheit und dadurch auch immer eine Gelegenheit und Gefahr zu sittlichen Verfehlungen. Auf einem DJK-Platz muss die Jugend ständig in Tätigkeit sein. Wer müde ist, ruhe zu Hause, nicht im Strandbad. Darum gebe man ihr auch genügend Gelegenheit und Mittel zur Betätigung, die mit sehr einfachen Mitteln möglich sind. Auch sind Rauch- und Alkoholverbote dringend anzuraten. Am Sonntagvormittag ist das Strandbad so zu öffnen, dass jeder bequem seinen sonntäglichen Pflichten nachkommen kann. Eine besondere Regelung trifft den Kommunionssonntag, der ja für die Jugend allgemein festgelegt ist...

In der technischen, äußeren Anlage wird sich ein Strandbad der Deutschen Jugendkraft von den öffentlichen Strandbädern oder von den gemeinsamen der rein weltlichen Vereine wenig unterscheiden, aber in Bezug auf den Geist, der den ganzen Betrieb regelt und seine Schwimmer beseelt, verhält sich der Unterschied wie Wasser und Feuer, wie Christentum zum Heidentum. Und nur wenn dieser Unterschied Tat wird, dann hat ein offenes Bad der Deutschen Jugendkraft im Freien seine Berechtigung.

("Deutsche Jugendkraft", Jg. 8, 1926, Nr. 5, S. 57 f und Nr. 6, S. 80–82)

 


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Jungführertum ist Ruf Gottes

Die innere Schönheit des Jungführertums leuchtet auf, sobald der Jungführer sich einmal als Katholik aufmerksam betrachtet und erwägt, dass er in seinem Jungführertum einen Ruf Gottes hören darf.

1. Was sind wir Jungführer?

  1. Wir sind Katholiken. Was will das besagen? Allgemein betrachtet: Die hl. Taufe bewirkt in uns durch die Tilgung der Erbsünde und durch die Eingießung der heiligmachenden Gnade, d. i. durch die Anteilnahme am Leben Gottes, die Gotteskindschaft und die Eingliederung in das Reich Gottes. Wir wurden am Tauftage ganz neue Menschen mit ganz neuen, übernatürlichen Aufgaben. Erfüllung des Willens Gottes in der katholischen Kirche. – Besonders betrachtet: Durch die hl. Firmung sind wir Kinder Gottes, Streiter Christi geworden. Gleichsam hauptamtlich haben wir in dieser Weihe die Sendung erhalten, den Gesandten Jesus Christus in der Welt vor Gläubigen und Ungläubigen auch öffentlich, mutig und ohne jede Menschenfurcht zu bekennen. Das Kind Gottes ist gewissermaßen volljährig geworden im Reiche Gottes und steht mit sozialen Verpflichtungen in der großen christlichen Gemeinschaft, d. h. in der katholischen Kirche.


  2. Wir sind Mitglieder der katholischen Jugend. Die katholische Jugend ist das Jugendreich im Reich Gottes. – Allgemein betrachtet: Wir leben in einer Zeit großer Entscheidungen. Überall tönt der Ruf: Los von Gott! In dem Entscheidungskampf für Gott fällt der katholischen Jugend eine große Aufgabe zu; sie ist das katholische Geschlecht, das sich auf Grund der Gotteskindschaft in der Zukunft bemüht, ganz nach dem Willen Gottes zu leben. – Besonders betrachtet: Innerhalb der katholischen Jugend stehen wir in der Deutschen Jugendkraft, der großen katholischen Sportbewegung in Deutschland. Sie setzt der allgemeinen Auffassung vom Sport die katholische Auffassung gegenüber. Die DJK verteidigt also die Herrschaft Gottes im Sport.


  3. Wir sind Jungführer in der katholischen Jugend. – Allgemein betrachet: Der Führer im Reich Gottes ist Christus, der uns sichtbar im Priester entgegentritt. Im Jugendreich führt Christus auch als der Weg die Jugend zum himmlischen Vater, und jeder Priester (für uns der Präses) nimmt teil an dieser Christusaufgabe. Unterstützt wird der Präses von

     


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    seinen Jungführern. Der Jungführer hat also folglich Anteil an der Aufgabe des Präses, und mit dieser Anteilnahme übernimmt der Jungführer eine hohe Verantwortung. – Besonders betrachtet: Unser Arbeitsfeld als Jungführer ist die DJK mit den ihr eigentümlichen Zielen. Damit der Jungführer fähig ist, in der DJK eine Führerstellung zu bekleiden, wird von ihm verlangt ein Wissen (über die Ideale der katholischen Jugend allgemein und besonders über die DJK), ein Wollen (er muss die Ausbreitung der katholischen Sportideale wollen) und ein Können (gemeint ist besonders das technische und sportliche Können).

 

2. Hat Gott uns zum Jungführer berufen?

Gott leitet die Menschen durch Menschen. Wenn Gott also einen Menschen zu einer solchen Leitung ruft, so hat dieser Ruf nur den Sinn, dass der Mensch seine Mitmenschen näher zu Gott führen soll.

  1. Wie ruft Gott die Menschen zu großen Aufgaben? Gott kann unmittelbar rufen (z. B. Adam, die Propheten im Alten Bunde). – Gott ruft auch mittelbar durch Engel (z. B. Maria), durch Christus (z. B. die Apostel). – Gott ruft meistens unmittelbar durch besondere Eigenschaften, Veranlagungen und Lebensumstände, die vom Gerufenen als Gottes Ruf zu Aufgaben (z. B. Ehe, Familie, Priestertum) erkannt oder erst im Auftrage von Gottes Stellvertretern auf Erden (Papst, Bischof, Priester, Regierungshäupter) als Ruf Gottes ausgesprochen werden.


  2. In welchem Sinn darf nun der Jungführer von einem Ruf Gottes sprechen? Wir dürfen überhaupt im Jungführertum von einem Ruf Gottes sprechen. Es handelt sich bei uns um eine Führerstellung im Reiche Gottes. – Gott ruft nicht zum Jungführertum unmittelbar. Er ruft mittelbar. Der Jungmann erkennt in seinen Eigenschaften und in seinem Lebenslauf eine Tauglichkeit und Vorbereitung zum Jungführertum. Dazu kommt der Ruf des Präses, der als Priester kraft der apostolischen Sendung durch seinen Bischof im Jugendreich des Reiches Gottes Führer ist.

 


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Schlussgedanke

Im Jungführertum erkennen wir mit Recht eine Auszeichnung, die uns zur Demut und zu Großmut anregt. Ferner erkennen wir im Ruf Gottes zur Mitarbeit am Reich Gottes eine Auserwählung, auf die wir antworten mit dem Schwur restloser Hingabe – auch wenn die Führerwürde einmal als Führerbürde selbstlose und wenig beachtete Kleinarbeit fordert. Unser Vorbild im Jungführertum ist Maria, die durch ihr großmütiges Jawort und durch ihr treues Ausharren in den Tagen der Leiden der ganzen Menschheit den größten Dienst erwiesen hat und doch sich nicht anders nannte und nichts anderes sein wollte als eine Magd des Herrn.

("Deutsche Jugendkraft", Jg. 13, 1931, S. 265 f)
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Wer ist der Beste?

N.B. Im Jahresrückblick 1956 der "Leichtathletik im Rheinland" hat P. Peus den folgenden Aufsatz veröffentlicht. Zitiert wird er nach den "Mitteilungen der Deutschen Jugendkraft Bistum Trier", 1960, Nr. 7, S. 5–8.

Im Sinne dieser "Bestenliste" gehören in jedem Wettkampf und in jeder Klasse mehr oder weniger je zehn Sportler und Sportlerinnen, und in jeder Disziplin mit Vorrang der Erste als Landesmeister zu den Besten, zur Sportelite eines Sportjahres. Vom rein Sportlichen her gesehen, ermittelt durch die Sekundenzeiger der Stoppuhren oder durch die Zentimeter der Bandmaße ist unsere Frage: "Wer ist der Beste?" durch die "Bestenliste" bestens beantwortet... In diesem Sinn freuen wir uns über die sportlichen Erfolge und beglückwünschen die Besten, die Sieger und den Besten.

Über das Zahlenmäßige hinaus sagt die "Bestenliste" über die angeführten Sportler noch aus, dass jede Bestleistung, besonders aber die Spitzenleistung, die Krönung eines gepflegten und beharrlichen Trainings ist; mit anderen Worten: dass die Leistung nicht zufällig, sondern unter Einsatz des Willens in harten Trainingsstunden vorbereitet, angestrebt und errungen wurde. Diese Erkenntnis und Feststellung zeigt den Wert des Trainings und kann ein Ansporn für jeden sein.

Unsere Frage nach dem Besten geht hier aber tiefer. Ist ein Sportler oder eine Sportlerin, deren Leistungen nach Training und Wettkampf unter Zuhilfenahme der technischen Maßmittel im Stadion objektiv ermittelt wurden, in jeder Hinsicht und schlechthin der Beste oder die Beste? Immer ist es ein Mensch, der Sport treibt und in der "Bestenliste" zu den Besten gehört. Jedes Tun der Menschen aber, also auch das sportliche Tun, ist unlösbar gebunden an die Wesenselemente, die den Menschen wesensmäßig zum Menschen prägen. Diese Elemente und Faktoren heißen in der einen Komponente Körper, Leib, Materie, Stoff, und in der anderen Geist, Verstand, Wille, Seele.

Darüber hinaus ist das menschliche Tun ebenso unlösbar gebunden an die allgemeinen wie besonderen Aufgaben, die einem Menschen eigentümlich und wesenhaft sind. Wir müssen die sportliche Betätigung und die sportliche Bestleistung mit der Totalität menschlichen Seins in Verbindung bringen. Der Sinn unserer Frage geht also dahin, zu erforschen und zu erkennen, ob und wie die sportliche Bestleistung harmonisiert mit ihrem Träger, mit dem Sportler als Menschen.

 


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Von der "Bestenliste" her ist unsere Frage nicht zu beantworten. Ein Idealfall für die Beantwortung "Wer ist der Beste?" läge vor, wenn ein Landesmeister neben seiner sportlichen Leistung auch als Mensch in seinen übrigen Tätigkeiten und Aufgaben der Beste wäre. Diese Aussage kann eigentlich nur der Sportler in ehrlicher Eigenschau sich selbst geben; ein anderer auch, wenn er den Sportler aus dem Zusammenleben bestens kennt. Die "Bestenliste" kann diese Frage nicht beantworten. Es geht hier um das paulinische Prinzip, dass wir so laufen, so kämpfen und so siegen sollen, um etwas Höheres, ja etwas Unvergängliches zu erlangen. Der Völkerapostel hat sicher im Stadion zu Korinth bei den Isthmischen Spielen zugeschaut, wie die griechischen Kämpfer sich mühten und abmühten. Paulus ließ sich aber nicht blenden von der Einmaligkeit und Schönheit eines Laufsieges und eines vergänglichen Siegeskranzes. So schrieb er nieder: Lauft so, dass ihr das Höhere, ja das Höchste, das Unvergängliche erlangt! Die Frage "Wer ist der Beste?" führt so zu einer entscheidenden und deshalb so wichtigen Vorfrage, und diese lautet für den Besten im Sinne der "Bestenliste", ja für jeden Sportler: Was bedeutet der Sport in deinem Tun und Gesamtleben?

Wenn man von der Zeitung, vom Radio, vom Managertum, vom Vereinsfanatismus, vom engstirnigen persönlichen Ehrgeiz und von der sportlichen Hybris her die Antwort nimmt, dann hat der Sport eine Vormachtstellung, die im Sportmaterialismus unserer Tage ihre Triumphe und Siege feiert. Vom Sportethos aber her gesehen hat der Sport eine dienende, helfende Funktion und die Aufgabe, dem Menschen eine wertvolle Stütze zu sein, ihm Voraussetzungen zu einem wertvollen Leben zu schaffen, ihn lebenstüchtiger zu machen und ihm Aufbauwerte – leiblicher wie geistiger Art – für das Werden und Sein seiner Persönlichkeit zu vermitteln...

Negativ können wir neben den Idealfall den Gegenpol setzen. Der fragwürdige "Beste" wäre in diesem negativen Fall der Sportler, der – mit einem Wort gesagt – als Mensch versagt. D. h. er versagt als sittliche Persönlichkeit, als Charakter; er versagt im Beruf, er sieht sich eben nur als einer, der auf Zeit läuft oder auf Maß springt und wirft. Er erstickt gewissermaßen im Rausch seines Sportsieges und sieht sich dann einer Leere gegenüber, wenn der Rausch und das Erlebnis verflogen sind. Dieser extreme Fall zeichnet den "Sportroboter".

Gerade diese "Besten", die als Menschen versagen und nur den Sport sehen und kennen, leisten neben der gefährlichen Auswirkung auf sich selbst dem Sport einen schlechten Dienst. Stößt man auf einen so im Leben versagen-

 


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den Sportler, so ist man schnell mit dem Urteil da, den Sport, der solche Versager hervorbringt, radikal abzulehnen. Selbstverständlich wird bei diesem Kurzschluss übersehen, dass der Sport nicht die Schuld am Versagen des Menschen trägt, sondern der Sportler selbst, der den Sport schlecht treibt und falsch in sein Leben einbaut. Über dieses Negative sagt die "Bestenliste" nichts aus. Losgelöst von ihrem Träger sagt die Sportleistung nur Sportliches aus und nichts von dem Menschen, der sie vollbrachte. Das Wichtigste ist aber der Mensch in der totalen Schau. Die reine Sportschau engt den Menschen ein.

So wichtig und verantwortlich es ist, dass diese Zusammenhänge vom Erwachsenen (in unserem Fall: vom Trainer, der den Sportler nicht überfordern darf; vom Mannschaftsbetreuer, der die religiösen, kulturellen und gesellschaftlichen Belange zu beachten hat; vom Vereinsvorstand, der in falschem Ehrgeiz nur den sportlichen Erfolg anstrebt; kurz: von allen Sportfunktionären) gesehen und in der täglichen Praxis und in der Führung von Sportlern beachtet werden, viel, viel wichtiger ist es und entscheidender, dass schon der jugendliche Sportler auch im Sport die rechte Ordnung, die echten Werte, also das für ihn Beste und Wertvollste anstrebt. Seine Einsicht und sein Wille entscheiden alles. Es sei ihm unbenommen, nach sportlichen, ja olympischen Sternen zu greifen, also zur Bestleistung und Meisterschaft, aber nicht unter Einengung und Erniedrigung seiner jungen werdenden Persönlichkeit. Er muss, wenn er nicht Gefahr laufen will, menschlich zu versagen, vor die sportliche Leistung die wichtigeren und höheren Forderungen, Aufgaben und Zielsetzungen stellen, Forderungen religiöser Natur, sittlicher Haltung, charakterlicher Formung und solider, ja höchster Berufstüchtigkeit. Der Beste der "Bestenliste" in unserem Sinn ist nicht nur der Name, der gedruckt dasteht, sondern erst der Mensch, dem der Sport eine wertvolle Brücke zu einem wertvolleren, echten Leben ist. Es gibt also neben der gedruckten, sichtbaren "Bestenliste" noch eine unsichtbare und wichtigere "Bestenliste", die man im religiösen Sprachgebrauch "das Buch des Lebens" nennt. In dieser Liste, in diesem "Buch" steht untrüglich und wahrhaftig, ob die sportliche Bestleistung ein Versagen oder ein Gewinn für den Sportler bedeutet.

Immer wieder begegnet man in der Sportpresse, in sportlichen Essays, in Kritiken, in Vorträgen und in Radioberichten positiven Ansätzen zu einer Gesamtwertung des Sports, eines Sportlers und einer Sportleistung, einer Wertung also, die über das rein Sportliche hinausführt. Programmatisch finden wir diese Ansätze und Aussagen besonders gern in den Vor- und

 


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Grußworten für Sportveranstaltungen, Festhefte und Bestenlisten, geschrieben von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, von kommunalen, staatlichen und kirchlichen Stellen. Wie aber steht es damit in der Praxis? So sehr wir uns über solche Worte freuen, sie bleiben Schall und Rauch, leere, hohle Worte, wenn die Verantwortlichen und die Sportler selbst diese Worte nicht in die Tat umsetzen. Wer immer diese "Bestenliste" liest und studiert, der Mann vom Verein oder der Fachverband, wie der einzelne Sportler: er freue sich über die Bestleistungen, aber er prüfe auch die tiefere Frage nach dem Besten, nach der Elite.

Ziel jeder sportlichen Betätigung ist nicht einseitig die sportliche Höchstleistung, sondern einzig und allein "der gesunde Geist in einem gesunden Körper". Der Römer, der vor zwanzig Jahrhunderten den Satz prägte "mens sana in corpore sano" wollte nicht aussagen, dass einem gesunden Körper auch immer ein gesunder Geist eigen ist. Einen Geburtstagswunsch für einen Knaben von seinem Vater sprach der Römer aus, eine Hoffnung, ein Ziel, etwas Urmenschliches, dass nämlich in dem Knaben Geist und Leib zu einer menschlichen Höchstentfaltung gelangen möge. Der Sport kann und soll helfen, dass dieses Wunschbild Erfüllung findet. Als Christen gehen wir in der Zielsetzung des Sports und in der Bestleistung noch einen großen Schritt weiter, weil das Römertum als Heidentum abgelöst wurde durch das Christentum. Wir wagen die neue Formulierung, die der umwälzenden Tat der Offenbarung allein gerecht wird: "anima sancta in corpore sancto = eine heilige Seele in einem heiligen Körper". Wer immer im Sport das anstrebt, der ist in Wahrheit der Beste. Deshalb fordert der Völkerapostel die Korinther, deren Sport er im Stadion miterlebte, auf: "Verherrlicht Gott in eurem Leib!"

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Leichtathletik – Schnittpunkt der Sportelite

N.B. Es handelt sich um einen Beitrag im Jahresbericht 1959 des Leichtathletikverbandes Rheinland. Zitiert wird nach "Mitteilungen der Deutschen Jugendkraft Bistum Trier", 1960, Nr. 2, S. 1 – 4.

Jahr um Jahr erscheinen in den 15 Leichtathletik-Landesverbänden die Bestenlisten. Aus diesen ersteht dann die Bestenliste des Deutschen Leichtathletik-Verbandes. Namen reihen sich an Namen und ebenso Daten und Leistungen, wohlgeordnet in mühsamer Kleinarbeit der Statistiker und abgestuft nach Disziplinen und Klassen. Insgesamt stellt sich so eine Leichtathletik-Sportelite dar, die das olympische "citius – altius – fortius" als Wert erkannte und verwirklichte. Jedem Leichtathleten ging es im Training und Wettkampf darum, schneller zu laufen, höher zu springen und mit stärkerem Einsatz seiner leiblichen und geistigen Kräfte für seine Bestleistung zu kämpfen und sich mit den Kameraden zu messen.

Diese Sportelite ist nicht eine sportgenormte, eintönige Masse, sondern ein farbenfrohes Mosaik von jugendlichen, männlichen und weiblichen Einzelpersönlichkeiten aller Altersstufen. Nüchtern und objektiv, fast unpersönlich wirkt das äußere Bild einer Bestenliste. Wer aber zwischen den Druckzeilen zu lesen vermag, der spürt das pulsierende Leben und das Zusammenwirken von Individuum und Gemeinschaft.

Im Sport steht im Mittelpunkt der Mensch, den Plato klar erkannte als ein Einzelwesen, das auf die Gemeinschaft ausgerichtet und mit ihr aufs innigste verhaftet ist. 400 Jahre später bestätigte die Lehre des Christentums diese platonische Definition vom Menschen, der von Gott... geschaffen wurde. Auch der Sport offenbart ein natürliches Wechselspiel von menschlicher Individualität und Gemeinschaft. Der persönliche Einsatz des Sportlers ist an die Gemeinschaft seines Vereins gebunden, wie auch an die Sportanlagen und –geräte, die ihm die Gemeinschaft, der Verein, der Verband, die Stadt und der Staat bietet. Auch der Wettkampf selbst schließt in sich die Gemeinschaft ein. Erster und Bester kann man nur in einer Gemeinschaft von Wettkämpfern werden.

Man könnte fragen, ob diese Erwägungen nichts anderes sind als Binsenwahrheiten. Sie sind mehr und sollen mehr sein. Der Sportler, der auf dem Siegespodests steht oder dessen Name in einer Bestenliste gedruckt erscheint, darf voll Freude und Stolz über seine Leistung sein. Undankbar aber wäre es, wenn er seine Gebundenheit an die Gemeinschaft übersähe. Viel verdankt er seinem persönlichen Einsatz, mehr aber der Gemeinschaft,

 


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die ihm die Möglichkeit seines Sieges gab. Erst die Gemeinschaft stellt ihn auf den Platz, auf dem er seine Bestleistung offenbaren kann. So ist der Einzelne, ob er nun Breiten- oder Spitzensport treibt, unlösbar mit der Gemeinschaft verbunden und deshalb auch der Gemeinschaft gegenüber verpflichtet. Mein Anliegen ist es, dass diese Verpflichtung der Gemeinschaft gegenüber, die mittelbar oder unmittelbar den sportlichen Erfolg und das sportliche Erlebnis vermittelte, wenigstens von der Sportelite gesehen und der Erkenntnis entsprechend fruchtbar wird. Aus der Fülle der Verpflichtung greife ich für unsere Sportelite drei heraus.

Die erste Verpflichtung besteht in der dankbaren Treue und Anhänglichkeit seiner unmittelbaren Sportgemeinschaft gegenüber, seinem Verein, und wenn die Veranstaltung auf höherer Ebene ausgetragen wurde, z. B. seinem Landesverband. Einseitig und entwertet wird eine Bestleistung immer, wenn der Sieger nur sich selbst sieht und erwartet, dass er geehrt oder sogar beschenkt wird. Berauscht vielleicht von der Leistung, kommt er schnell zu anmaßenden Forderungen an die Gemeinschaft, die ihm die Wege zum Sieg bereitet hat. Das sind Fehlentwicklungen, die den Wert und den Ruf einer Sportgemeinschaft erheblich aufheben.

In der Ansprache, die der Dichter Rudolf Hagelstange den Jungen und Mädchen des Duisburger Bundesauswahllagers für die Olympiafahrt der deutschen Jugend 1960 hielt, steht der gewichtige Satz: "Der Sport hat, wenn er auf Leistung aus ist, mit Askese zu tun." Unter Askese verstanden die Griechen das "Sich-üben" und das "Sich-enthalten". Sie erwarteten von einem Olympiakämpfer, dass er hart trainierte und im Training sich von allem enthielt, was seine Kräfte schwächen konnte. Nach ihrer Auffassung war also ein Sieg an die Bedingung hundertfacher Siege über sich selbst geknüpft. Um diese asketische Haltung auch nach dem Sieg geht es hier, und sie soll sich zeigen, indem der Sieger "sich übt" in der gerechten Beurteilung seiner Leistung, die neben dem personalen Einsatz auch eine Frucht seiner Sportgemeinschaft ist und bleibt. Ebenso dass er "sich enthält" von jeder Selbstverherrlichung, die ihn blind macht, und die nur zu leicht umschlägt in Maßlosigkeit, in widerliches Startum und zuletzt in krassen und kleinlichen Egoismus. Der asketische Sieger bleibt bescheiden und gerecht. Sein Sieg bindet ihn fester an die Gemeinschaft seines Vereins, weil er dankbar dessen Einsatz (ideeller und finanzieller Art) nicht übersieht und nicht als selbstverständlich betrachtet. Er widersteht auch tapfer der Versuchung, die Vereinsgemeinschaft zu wechseln, weil vielleicht ein anderer Verein größere materielle Vorteil in Aussicht stellt. ...

 


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Rudolf Hagelstange urteilt in seiner Sportansprache: "Charakter braucht der Erfolgreiche." In der dankbaren und gerechten Verpflichtung seiner Sportgemeinschaft gegenüber bewährt sich der Charakter der Besten, die durch ihre asketische Haltung neue und noch wertvollere Siege erringen.

Zweitens sollen die Besten in der Bejahung der Gemeinschaft eine Aufgabe erkennen, mit der sie der Gemeinschaft zurückgeben können, was sie von ihr empfangen haben. Und diese Aufgabe lautet: Sich um den Nachwuchs bemühen! In der Erfüllung dieser Aufgabe zeigt sich auch die Dankbarkeit, die man der Gemeinschaft gegenüber schuldet. Der Sieger verfügt über reiche Erfahrungen in der sportlichen Technik. Und es gibt immer viele – besonders Jugendliche – , die darauf brennen, auch etwas zu erlernen und zu leisten, etwas Außerordentliches zu vollbringen, sich mit anderen im Wettkampf zu messen – und zu siegen. Ihrer soll man sich annehmen, selbstlos und aus Verantwortung für die positiven Werte der sportlichen Betätigung und Erziehung. Die Erfüllung dieser idealen Aufgabe adelt den Sieger, erhöht seine Persönlichkeit und macht ihn zu einem wertvollen Glied der Vereinsgemeinschaft. Sein Sieg hat ihn nicht überrollt... Er lebt mit seinen Leistungen in denen weiter, die er als Sportkamerad und Sportführer betreut.

... Zur Erfüllung dieser Aufgaben und zum Dienst an dem Nachwuchs in der Sportgemeinschaft, die noch nicht groß genug ist, ist nicht nur der aufgerufen, der seine geliebten und siegreichen Sportschuhe an den Nagel gehängt hat, sondern jeder, der in der Bestenliste steht und damit zur Sportelite gehört. Geben ist seliger als nehmen, heißt es in einem Sprichwort des Volkes. Das erfährt der Beste, der von der Gemeinschaft viel erhalten hat, um das Viele und noch mehr der Gemeinschaft zurückzugeben. Das ist ein wahrer geistiger olympischer Staffellauf, in dem das Feuer der Begeisterung nicht von Fackel zu Fackel, sondern von Mensch zu Mensch weiter gereicht wird.

Dem Besten obliegt noch eine dritte Aufgabe, die wertmäßig höher einzuschätzen ist als die erste und zweite Aufgabe. Diese dritte Aufgabe muss der Ältere dem jüngeren Kameraden gegenüber wahrnehmen, und sie ergibt sich auch aus der Verpflichtung, die man der Gemeinschaft schuldet.

Je jünger der Beste ist, der aufgrund seiner Höchstleistung in seiner Klasse einen Sieg errungen hat und führend in der Bestenliste steht, um so größer ist die Versuchung, sich und seinen Sieg zu überschätzen. Die Klassenordnung der Wettkämpfe bringt es mit sich, dass man schon in sehr jungen Jahren ... "Meister" und "Bester" in seiner Klasse werden kann. Plötzlich steht der jugendliche Beste schon auf dem Sportplatz im Mittelpunkt und

 


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oft schon einen Tag später in der Zeitung, vielleicht sogar ... durch ein Foto im Blickfeld der Öffentlichkeit. Ein solch frühreifer, flüchtiger Ruhm ist besonders für den jungen Leichtathleten eine charakterliche Belastung, die es zu meistern gilt. Wenn dann noch dazu kommt, dass der jugendliche "Meister" vielleicht in seinen höheren Aufgaben und Pflichten, z. B. in Schule oder im Beruf, keineswegs ein Meister, sondern eine Niete ist, dann erhöht sich von selbst die Gefahr der Überschätzung. Der Sportsieg kompensiert in einem Kurzschluss nur zu schnell die weniger guten Leistungen in den lebenswichtigen Bezirken seines jungen Lebens. Solches charakterliches Versagen ist klar und eindeutig zu erkennen in der Art und Weise, wie er Forderungen stellt, wie er zur Disziplinlosigkeit neigt, und wie er zu Ausgelassenheit und Maßlosigkeit übergeht, und besonders wie er seinen Verein und Trainer kritisiert. Wir alle wissen, dass unsere Jugend heute gefährdeter aufwächst als zu anderen Zeiten, und dass sie unter den Älteren und Erwachsenen oft nicht die besten Vorbilder und Leitbilder empfängt.

Hier öffnet sich für den älteren "Meister"... eine notwendige pädagogische Aufgabe... Das einsichtige Wort eines älteren Kameraden tut mehr Not denn je. Mit einem Wort: Der ältere Sieger, Meister, Beste und Sportkamerad darf den Jüngeren nicht sich selbst überlassen. Verantwortlich muss er neben dem durch den Sportsieg faszinierten (oder hypnotisierten) Jüngeren stehen, damit dieser nicht unter die Walze seines Sieges gerät. Wie soll anders der junge "Beste" als Lebensweisheit für sich erkennen, dass er sich nicht vom Sport beherrschen, ja tyrannisieren lässt, sondern ihn beherrschen und für sein Leben meistern muss.

So wichtig und wertvoll es für die Sportelite ist, in dankbarer Treue zur Vereinsgemeinschaft zu stehen und dieser Treue Ausdruck zu geben, indem man sich um den Nachwuchs kümmert, wichtiger und vordringlicher als diese dritte Verpflichtung ist, sich um den jüngeren "Meister" zu kümmern und zu sorgen, damit der Sportsieg nicht charakterlichen Fehlentwicklungen Vorschub leistet und auch nicht die Meisterung des Lebens gefährdet. Jeder, der sich um diese Aufgabe bemüht, wird leichter die beiden erstgenannten Aufgaben erfüllen. Je gesünder, vollkommener und harmonischer sich der Mensch von früh auf entfaltet, umso leichter erkennt er auch seine Aufgaben in der Gemeinschaft. So ist es im ganzen Leben und deshalb auch nicht anders im Sport, der dem Leben dienen soll. Dieser Dienst am Leben gibt dem Sport erst seinen Wert und seinen olympischen Glanz.

Es ist immer ein schöner Augenblick, ... wenn die Sportsieger auf dem Podium stehen, für sie selbst und für die Zuschauer. Für eine ganz kurze Zeit

 


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stehen sie stolz oben, um bald und zu schnell wieder unten in der Gemeinschaft sich zu verlieren. Wie werten sie den Sieg für sich und für die Gemeinschaft aus? Das ist die Frage. Hier liegt der Schnittpunkt der Sportelite. Hier fällt die Entscheidung über Segen und Unsegen für die Gemeinschaft, in der wir und ohne die wir nicht leben können.

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VII. Literaturverzeichnis

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